Erster Teil. Die russische Literatur (continued 2)
E. K. Rahsin translation
Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda zu den Zigeunern gelaufen. Gut, nehmen wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme dabei ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener Überzeugung Aleko das Recht auf diesen Widerwillen zusprechen. Sie sagen zwischen den Zeilen ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, nicht zu den Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war doch gar zu gemein.“ Ich aber behaupte, daß Aleko und Onegin in ihrer Art gleichfalls Dershimordas waren, und in einer Beziehung sogar noch schlimmere. Nur tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht ihnen die Schuld daran zuschreibe, da ich die Tragik ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie aber loben sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und interessante Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich mit solchen Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie, wenn Sie es auch nicht aussprechen. Sie irren sich aber sehr. Da behaupten Sie auch gleich, Aleko und Onegin wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen und hätten durchaus nicht die Volkswahrheit verneint. Und nicht nur das: „Sie waren auch durchaus nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie. Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische und unvermeidliche Folge ihrer Abstraktheit, ihrer Losgerissenheit vom Volksboden. Sie können doch nicht leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß sie Rußland in Petersburg, im Staatsdienst, kennen lernten und zum Volk immer im Verhältnis des Herrn zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf ihren Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten sie diese doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein Leben lang mit Postkutschern zu tun gehabt und sah dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die nur Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten sich Rußland gegenüber wie erhaben über alles, und waren hochmütig und anmaßend und unduldsam, wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen Kreise leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“ bezeichnen kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit wie auch von der europäischen Kulturarbeit, von der sie gleichfalls die Nutznießung gratis hatten. Gerade daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute infolge einer gewissen historischen Entwicklung fast im Laufe der ganzen letzten zwei Jahrhunderte unserer Geschichte sich in Müßiggänger, die bloß ihre Hände pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion, ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht an Dershimorda scheiterte er, sondern an sich selbst, weil er sich Dershimorda und dessen Herkunft nicht zu erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz. Aus diesem Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem eigenen Felde zu arbeiten. Die anderen aber, die an diese Möglichkeit glaubten, hielt er für Dummköpfe oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz stolz, er war es auch ganz Rußland gegenüber, denn nach seiner Überzeugung bestand Rußland nur aus Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere, sie, Aleko und Onegin, sonst aber niemand außer ihnen. Daraus folgte die Überhebung ganz von selbst. Indem sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben, mußten sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer Bildung über den gemeinen Dershimordas standen, selbstverständlich ohne auch nur das Geringste von diesen zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas waren, nach dieser Einsicht aber hätten sie dann – und zwar gerade durch diese Einsicht – vielleicht auch den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk gegenüber aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so sehr Stolz als einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos. Sie werden das freilich nicht glauben wollen, im Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß einzelne Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht angenehm sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen und anmaßend zu behaupten, ich hätte einen beschränkten Blick und es wäre wohl kaum vernünftig, „die Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber unangerührt zu lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn ich sage: „Demütige dich, stolzer Mensch“ – damit Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen Grund des Übels jedoch vollständig übersehe, „als läge das ganze Wesen der Sache nur in den persönlichen Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht festgestellt,“ sagen Sie, „wem gegenüber der Skitaletz denn nun eigentlich so stolz war, und damit ist auch die Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger Einwurf von Ihnen! Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu haben, daß der Skitaletz ein Produkt der historischen Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf seine persönlichen Eigenschaften. Sie haben das gelesen, denn ich habe es geschrieben und es steht gedruckt, weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren meinen ganzen Passus über das „Demütige dich“ und schreiben dann von sich aus:
„Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski das ‚Allerheiligste‘ seiner Überzeugungen ausgesprochen, das, was zugleich die Stärke und Schwäche des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht. In diesen Worten ist ein großes religiöses Ideal enthalten, eine mächtige Predigt persönlicher Ethik, aber es fehlt jede Andeutung sozialer Ideale.“
Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ zu kritisieren. Auf Ihre diesbezügliche Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie es scheint, zu verbergen wünschen, aufdecken und sie Ihnen zeigen, und zwar folgendermaßen: Sie ärgern sich über mich nicht nur deshalb, weil ich dem Skitaletz manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in ihm nicht wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung sehe und ihn nicht für den gesunden Russen halte, wie er nur sein kann und sein soll. Daß Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin hätten freilich einige „unsympathische Charakterzüge“, ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer inneren Auffassung nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen und ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb, weil er von Dershimorda fortläuft. Sie sind sogar höchst ungehalten, wenn jemand es wagt, in diesem Typ auch nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits unumwunden: „Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an ihrem Stolz gescheitert seien und sich nicht vor der Volkswahrheit hätten demütigen wollen.“ Und zum Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade diese unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe. Sie schreiben:
„Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten dieser Skitaltzy aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das gerade der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß galt gerade der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte. Gewiß haben sie auf ihre Art das Volk geliebt und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen ‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es denn, wenn nicht sie, die unsere Gesellschaft zur Aufhebung der Leibeigenschaft vorbereiteten? Wo sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘ gedient, anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee, dann aber als Vermittler, als welche sie in erster Reihe wirkten.“
Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft in ihrer Art haßten, eben „europäisch“ haßten, darin liegt ja der ganze Kern der Sache. Das ist es eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der russischen Bauern willen haßten, um des Russen willen, der für sie arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit sie ernährte und der folglich auch von ihnen – wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen taten, so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde. Wer verbot ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter dieser Beleidigung ihres staatsbürgerlichen Gefühls litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder auf die Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz einfach wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien und einen Teil des eigenen Landes unter ihnen zu verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen Verantwortung freizumachen? Aber von solchen Befreiungen hat man seltsamerweise nicht viel gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte doch genug und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja wohl, „das Milieu war die Fessel, und wie hätte er sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“ Aber weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so leid taten, daß er auf die Barrikaden lief? Ja, sehen Sie, das war es nun wieder, daß man in diesem „Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst wenn man an den Barrikadenkämpfen teilnahm, die Leibeigenen aber – schickten den Zins. Oder man machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht ganz gleich?), und hatte man das Kapital flüssig gemacht, dann fuhr man nach Paris, um dort behilflich zu sein, französische radikale Journale und Revuen herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit, und nicht nur des russischen Bauern. Sie versichern, Herr Gradowskij, daß der Kummer um den leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es war wohl nicht gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft der russischen Bauern, sondern der ganz abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des Menschengeschlechtes im allgemeinen: „Die sollte es doch überhaupt nicht mehr geben, sie ist rückständig, sie verträgt sich nicht mit der Aufklärung! Liberté, Egalité et Fraternité!“ – nur daran dachten sie. Was jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so hat der Kummer um ihn diese großen Herren ganz gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe eine Menge vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr „gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und genau im Gedächtnis behalten. Zum Beispiel: „Die Sklaverei ist ja freilich ein fürchterliches Übel, das steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie unter sich waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist doch unser Volk – ja, ist denn das überhaupt ein Volk? Kann man es denn auch nur entfernt z. B. mit dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei gewöhnt, sein Gesicht, seine ganze Gestalt drückt schon den Sklaven aus, ja, und wenn Sie wollen – die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen Bauern ist sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich. Unser Bäuerlein muß die Rute zu fühlen bekommen, sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen, aber so ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es – das habe ich seinerzeit mit eigenen Ohren gehört, ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten Leuten. Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“.
Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht geprügelt haben, obschon es schwerhält, hierüber mit Bestimmtheit etwas auszusagen; aber Aleko – nun, was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings nicht aus Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid, fast sogar um des Guten willen, in dem Sinne etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit, ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber und bittet: ‚Straf mich, Herr, mach mich wieder zum Menschen, bin ganz aus der Zucht geraten!‘ Was soll man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den Gefallen!“
Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern grenzte oft an Ekel vor ihm. Und wieviel schmutzige Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von seiner Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen und seinem Weibe erzählt, und zwar ganz leichten Herzens, zuweilen von Leuten, deren eigenes Familienleben fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen Absicht, sondern nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme der letzten europäischen Ideen, die nach unserer Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der ganzen russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem Russen! Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“ waren bisweilen große Schelme, Herr Gradowskij, und gerade diese kleinen Anekdoten vom russischen Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn nicht Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren ihrem Kummer ob der Leibeigenschaft immer die Spitze dadurch abgebrochen, daß er einen gewissen abstrakt universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben, namentlich wenn man sich dabei geistig von der Betrachtung seiner eigenen moralischen Schönheit und der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner staatsbürgerlichen Ideen entwickelte, und körperlich, nun – körperlich immerhin vom Zins dieser selben Bauern, und sogar wie noch, sich nährte! Da fällt mir soeben eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr im Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845 auf einem in der Nähe von Moskau belegenen entzückenden Landgut, dessen Besitzer, nach den Worten dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben pflegte. So hatten sich dort wieder einmal die humansten Professoren, die seltsamsten Liebhaber und Kenner der schönen Künste und noch manches anderen, die berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar als Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf erworben haben, ferner Kritiker, Schriftsteller und die reizendsten Damen, sie alle Menschen von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und plötzlich bricht die ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich nach einem Diner mit Champagner, getrüffelten Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch etwas Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners „grandios“ nennt), um einen Spaziergang zu machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl nichts weniger als leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr morgens auf, um dann bis zum Abend das Korn zu schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere Gesellschaft die Schnitterin in – können Sie sich das vorstellen! – in „primitivem Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)! Wie entsetzlich! Alle Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe sind vor den Kopf gestoßen, und sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen: „Von allen Weibern ist es nur das russische Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das russische Weib ist von allen das einzige, vor dem sich niemand schämt“ (d. h. nicht zu schämen braucht, etwa, als müsse es so sein!). Es kam zum Streit. Einzelne verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für Verteidiger und mit welchen Entgegnungen hatten sie zu kämpfen! Und so etwas war möglich in einer Gesellschaft von diesen meist aus dem Gutsbesitzerstande hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch sattgegessen, Champagner und Austern geschlürft hatten – und zwar für wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der Bauern Arbeit bezogen! Für Sie, meine Herren Weltschmerzleidende, arbeitet diese Bäuerin doch, für das aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch sattgegessen! Weil sie im hohen Roggen, wo niemand sie sehen konnte, gequält von Hitze und Schweiß, ihren Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb soll sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt haben – „von allen Weibern das schamloseste!“ – ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre Pariser Zerstreuungen und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“ und der Cancan im Jardin Mabille, vor dem unsere russischen Herren wie Butter an der Sonne zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war, und das nette Liedchen –
„Ma commère quand je danse Comment va mon cotillon?“
mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem Ruck mit dem Hinterteilchen dazu – das alles empört unsere schamhaften Herren keineswegs, im Gegenteil, es zieht sie sogar ungeheuer an!
„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch alles so graziös, dieses Cancanchen, dieses Röckchen und ... na ja – das sind doch in ihrer Art die elegantesten Articles de Paris, hier aber – wie kann man das überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur ein Weib, ein russisches Bauernweib, ein Klotz, ein unbehauener Klotz!“
Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein von der Gemeinheit unseres Bauern und Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl übergegangen, schon zum Gefühl geworden, da verriet sich bereits eine physische Empfindung des Ekels vor unserem Bauern – oh, natürlich nur eine unwillkürliche, fast unbewußte Empfindung, die sie selbst vielleicht gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann mit Ihrem kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, Herr Gradowskij: daß diese „Skitaltzy“ es gewesen seien, die in unserer Gesellschaft für die Befreiung der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht mit abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen Kummer nach allen Regeln überall hervorkehrten – oh, natürlich kam schließlich alles der Sache zugute. Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, geholfen haben denen, die die Befreiung durchführen wollten, eher solche Männer wie z. B. Ssamarin[29], nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen dagegen, jener vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung den Alekos und Onegins glichen, gab es doch damals gar nicht so wenige, und die halfen alle bei der großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von ihnen aber reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch ist die Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr bald langweilig geworden, und sie begannen wieder zu schmollen. Sie wären auch keine „Skitaltzy“ gewesen, wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld für ihre losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften sie auch ihr übriges Land an Aufkäufer zum Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus ein ... Sie werden mit mir darin natürlich nicht übereinstimmen, Herr Professor, aber was soll ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, den Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden liberalen Russen für das Ideal des normalen echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ, der der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar in Zukunft sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ in den letzten Dezennien wenig auf dem Arbeitsfelde seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung halte ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe auf jene Herren.
III. Zwei Hälften.
Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung, daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:
„Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die sozialen Ideale unseres Volkes sind noch im Stadium des Entstehens, Sie fangen erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten, um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“
In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“.
Sie schreiben:
„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst. Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen, die im christlichen Sinne persönlich vollkommen sind, unbedingt einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel:
Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren persönlich gute Christen, aber die Sklaverei wurde damit nicht geheiligt und blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski, wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte nicht nur die Forderungen der persönlichen, sondern auch der sozialen Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine soziale Vervollkommnung nicht lediglich durch die Besserung der persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein Beispiel:
Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar, daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht verblieben.
Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft, eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in der Arbeit nebeneinander, füreinander und miteinander. Das ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der sozialen Institutionen abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte erziehen.“
Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben habe! Das klingt alles sehr selbstbewußt und die „persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen. Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen taugt sie zu nichts. Kurios, fürwahr, fassen Sie demnach das Christentum auf! Allein schon die Vorstellung, daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen werden könnten, sogar vollkommene, und darauf die Frage: könnte man sie dann dazu bringen, auf die Leibeigenschaft zu verzichten? ist bemerkenswert. Mir scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die Sie da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: „Nein, die Korobotschka wäre selbst als wahre Christin nicht dazu zu bewegen.“
Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die Korobotschka überhaupt eine wahre und vollkommene Christin hätte werden können oder geworden wäre, so hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu existieren aufgehört, weshalb man sich dann um nichts weiter zu bemühen brauchte, wenn auch alle Aktenstücke und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben.
Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch früher schon Christin, schon von Geburt an, d. h. seit ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich verstehen Sie unter der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, gesteigert, also ein vollendetes oder vollkommenes, das sozusagen schon sein Ideal erreicht hat? Aber was kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte Sie! Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd begreifen! Und was würde es dann die Korobotschka, die wahre Christin, noch angehen, ob ihre Bauern Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, eine richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte sogleich die frühere „Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, und das wäre ganz von selbst geschehen. Das frühere Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven – wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne verschwunden und die alten Menschen wären von anderen verdrängt worden, die in einem ganz neuen, vordem undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden hätten. Und überhaupt wäre damit etwas schier Unglaubliches geschehen: es wären eben überall vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer bisher auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, daß man selbst diese kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens sind ja Sie es, Herr Gradowskij, der diese phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich, folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen entziehen. Ich versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß die Bauern der Korobotschka dann freiwillig bei ihr geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder meinen Sie, daß die Bauern es mit Ihren Institutionen besser hätten, als bei der sie liebenden, wie eine leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin? Desgleichen erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die Sklaverei zu Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb auch in christlichen Gemeinden bestehen blieb, weil die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden noch nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben des Apostels ersehen). Aber die einzelnen Mitglieder der Gemeinden, die damals persönlich die Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven mehr und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn diese wurden sogleich zu ihren Brüdern, ein Bruder aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen Bruder als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte man dagegen annehmen, daß die Predigt der christlichen Lehre machtlos gewesen sei. Wenigstens schreiben Sie, daß durch die Predigt des Apostels die Sklaverei noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte aber, namentlich europäische Professoren der Geschichte, haben schon unzählige Male dem Christentum gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache nicht begreifen. Man stelle sich vor: die Madonna hätte Leibeigene und wollte diesen nicht die Freiheit geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im wirklichen Christentum wird es Herren und Diener geben, aber ein Sklave ist undenkbar. Ich rede vom wahren, vollkommenen Christentum. Diener sind nicht Sklaven. Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe Pauli an Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, ja überhaupt an seinen Diener? Ich bitte Sie! – Das sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in einem solchen Verhältnis werden die Herren zu den Dienern stehen, wenn diese wie jene vollkommene Christen sind. Herren und Diener wird es geben, aber die Herren werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden nicht von ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, daß es in der zukünftigen Gesellschaft einen Kepler, einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie leisten die große geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare keine Zeit, sagen wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben Sie mir, unter solchen Voraussetzungen wird unbedingt ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm zu dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die geringe Arbeit bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer aufräumen usw. Wird er deshalb erniedrigt oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt sich oder ihm: „Dafür sei dir Ruhm und Ehre, und mir ist es eine Freude, dir dienen zu können. Soviel ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat bei, indem ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch bin ich deshalb noch kein Sklave. Gerade durch diese meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank deinem Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich zu dir kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher Menschenwürde dir keineswegs nachstehe, sondern als Mensch dir ebenbürtig bin.“ Oder vielmehr, er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, ja undenkbar. Denn die Menschen werden dann wirklich neue Menschen sein, Kinder Christi, und werden das ehemalige Tier in sich überwunden haben.
Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine phantastische Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren habe ja nicht ich den Anfang gemacht, sondern Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie sich die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken konnten, die jedoch ihren „leibeigenen Kindern“ die Freiheit vorenthält. Das ist wohl etwas phantastischer als alles von mir Geschriebene.
Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend einwenden: „Ja, wozu sich dann noch um die Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe bemühen, wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, auf der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder falls doch, dann nur so selten, daß man diese vereinzelten Fälle kaum wahrnehmen kann, anderenfalls (wie wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) wäre ja sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, die Typen vom Schlage der Korobotschka würden sich in lichte Genien verwandeln und den Menschen bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine Hymne zu singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, wirkliche Christen gibt es noch entsetzlich wenige (aber immerhin gibt es doch schon einige!). Woher aber wissen Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit diesem Ideal auch seine große Hoffnung erhalten bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler unverfälschter treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft der Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen wird? Auch diese Frage werden Sie schwerlich beantworten können. Hier handelt es sich um eine Sozialökonomie von eigener Art, von einer ganz besonderen Art, die uns noch unbekannt ist und die sogar auch Sie, Herr Gradowskij, noch nicht kennen.
Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee nur so wenige Anhänger hat, von welchem Nutzen kann sie dann sein? Ja aber wer vermag denn jetzt schon zu sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur das Eine nötig gewesen: daß der große Gedanke nicht starb. Ganz etwas anderes ist es dagegen jetzt, wo etwas Neues in der Welt herannaht und man bereit sein muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht um den Nutzen, sondern um die Wahrheit. Denn wenn ich felsenfest daran glaube, daß die Wahrheit hierin liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht glaubt, mich verspottet und einen anderen Weg geht? Gerade darin liegt doch die Macht eines großen ethischen Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem sofortigen Nutzen bewerten läßt, sondern die Menschen in die Zukunft leitet, zu ewigen Zielen, zu absoluter Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen zur Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, wenn Sie keine Grundlage in einer uranfänglichen großen sittlichen Idee haben? Diese sittlichen Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung am letzten Ende, d. h. als Ideale beruhen, denn diese Vervollkommnung enthält alles in sich, alles Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist sie, gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, bürgerlichen Ideale. Versuchen Sie es doch mal, die Menschen zu einer bürgerlichen Gesellschaft zu vereinigen: zu dem einzigen Zweck, um für ihre „Bäuchlein zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch wäre die Formel: „Chacun pour soi et Dieu pour tous.“ Unter dieser Formel wird aber keine einzige bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr Gradowskij.
Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in Erstaunen zu setzen.
So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell soziale Ideale, die mit ethischen Idealen in keiner organischen Verbindung stehen, die vielmehr für sich ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte Ideale, wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen zu können meinen, ferner, daß es solche soziale Ideale, die äußerlich übernommen und an jeden beliebigen neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie Sie sich ausdrücken – daß es solche Ideale, sage ich, überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat und auch gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich ein soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu verstehen?
Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der Menschen, eine Formel für ihre soziale Organisation zu finden, eine möglichst fehlerlose und allen gerecht werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist den Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden von Jahren, seit dem Anfang ihrer geschichtlichen Entwicklung und können sie nicht finden. Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart kennen, so kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art und mehr ist ja nicht nötig), aber der Mensch kennt seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist, woher sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation in die menschliche Gesellschaft gekommen sein? Verfolgen Sie die Geschichte und Sie werden sogleich sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung der einzelnen Menschen ist: damit fängt es an, und so ist es von jeher gewesen und wird ewig so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte jedes Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der Entstehung der betreffenden Nationalität immer vorangegangen ist, denn gerade sie ist das, was die nationale Besonderheit bildet, sie erst erschafft die Nationalität. Hervorgegangen aber ist diese sittliche Idee immer aus mystischen Ideen, aus Überzeugungen, daß der Mensch ewig sei, unsterblich, daß er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit verbunden sei. Diese Überzeugungen sind immer und überall zur Religion geworden, zum Bekenntnis der neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die neue Religion entstanden war, sogleich auch staatlich eine neue Nation gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden oder die Muselmänner: bei ersteren bildete sich die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, obschon sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen hatte, und ebenso sind die mohammedanischen Nationen erst nach dem Koran entstanden. Um den empfangenen geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen sogleich, sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander und miteinander“ (wie Sie sich beredt ausdrücken) – dann erst fangen die Menschen an, auch danach zu suchen, wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von dem erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen sie nach einer sozialen Formel des gemeinschaftlichen Lebens, nach einer Staatsform, die ihnen am ehesten helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin zu seinem vollsten Glanz zu entfalten und zu seinem größten Ruhme zu erheben. Und wohlgemerkt, sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der betreffenden Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es verblich auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr gebildet hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion eines Volkes ist, von dem Charakter sind auch die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind die sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar und organisch verbunden, doch die Hauptsache ist, daß sie einzig und allein aus diesen hervorgehen. Ganz für sich allein aber entstehen sie nie, denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung des sittlichen Strebens der betreffenden Nation, je nachdem wie und inwieweit dieses sittliche Streben in ihr entstanden und vorhanden ist. Folglich aber ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen Geiste“, wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage alles weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung ist nichts anderes als die Ausübung der empfangenen Religion. Die „sozialen Ideale“ aber entstehen nie ohne dieses Streben nach Selbstvervollkommnung und können auch gar nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht bemerken, auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche Vervollkommnung der Anfang alles weiteren“ sei und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt hätten. Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, daß Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten und somit in zwei einzelne Hälften geteilt haben. Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur „der Anfang alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung des Ganzen und sogar den Ausgang begreift sie in sich. Sie umfaßt, erschafft und erhält den Organismus der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu dem Zweck gesucht wird, um den ursprünglichen ersten Schatz zu erhalten. Wenn aber in der Nation das Bedürfnis nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung in dem Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen, erlischt, dann verschwinden allmählich auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann nichts mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter keinen Umständen dem zustimmen, was Sie in folgenden Worten ausdrücken:
„Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in so hohem Maße von der Vollkommenheit der sozialen Institutionen abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so doch bürgerliche Werte heranbilden.“
„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht man hier nicht das Messer des Gelehrten, das Unteilbares trennt, das den ganzen, in sich abgeschlossenen lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche?
Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den „sozialen Institutionen“ wie in der Rolle des „Bürgers“ die größte sittliche Idee enthalten sein kann, daß in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die „bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen religiösen Idee tritt, die sich also gewissermaßen zu jener entwickle und der jene daher durchaus rechtmäßig folge.
Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können für die Richtigkeit dieser Auffassung kein einziges historisches Beispiel finden. Wenn die sittlich-religiöse Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte immer nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis ein, nämlich zu dem Zweck, um für den Fall, daß etwas geschehen sollte, „die Bäuchlein zu retten“ – andere Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische Bourgeoisie, und vereinigt sich nur zu diesem Zweck: um die eigenen Bäuchlein vor dem vierten Stand, der schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern droht, sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“ ist von allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen suchen, die schwächste und letzte, in jeder Beziehung. Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die Vorahnung des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen doch alle die Ohren und äugen ängstlich, um bei der ersten Gefahr möglichst schnell auseinanderzustieben. Und was könnte dann die „Institution“ als solche, als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch retten? Gäbe es Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft. Wenn es aber keine Brüder gibt, so können Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft erzielen. Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine „Institution“ zu schaffen und mit der Aufschrift „Liberté, Egalité, Fraternité“ zu versehen? Erreichen werden Sie mit einer solchen Institution entschieden nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr unfehlbar, oder sogar unbedingt – zu den drei Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte, nämlich: „ou la mort“. „Fraternité ou la mort“ – und die Brüder werden den Brüdern die Köpfe abschlagen, um durch eine „bürgerliche Institution“ Brüderschaft einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch Aleko es tut, die Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen: Mag es auch bei uns in Rußland auf Schritt und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben (vielleicht hat es auch wirklich den Anschein, natürlich je nach dem Standpunkt), aber da brauchte man nur irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht nach, alles gerettet. Die mechanische Übernahme europäischer Formen (Formen, die dort vielleicht morgen schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk fremd und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich der Hauptgedanke der russischen Westler. Übrigens belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie Rußland seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm Europa vorhalten, sich wörtlich auszudrücken:
„Vorläufig aber können wir uns nicht einmal in jenen Fragen und Widersprüchen zurechtfinden, die Europa bereits längst beantwortet und überwunden hat.“
Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat Ihnen nur so etwas aufbinden können? Dieses Europa ist doch schon am Vorabend seines Falles angelangt, eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar sein wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus (denn die Kirche, die ihr Ideal getrübt hat, hat sich dort allerorten schon längst in einen Staat verwandelt) mit seinem bis auf den Grund erschütterten sittlichen Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame und alles Absolute eingebüßt hat – dieser Ameisenbau ist, behaupte ich, bereits so gut wie untergraben. Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon pocht er an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn man ihm den nicht gewährt, wird er die Tür zertrümmern. Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und Nachgeben läßt er sich nicht mehr ein, mit schwachen Stützen und kleiner Hilfe werden Sie da das Gebäude nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an, und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas einsetzen, was bisher noch niemand für möglich gehalten hat. Alle diese parlamentarischen Regierungsysteme, alle gegenwärtig herrschenden sozialen Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken, Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte werden – außer den Juden natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte. Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben zu lachen? Selig sind die Lachenden. Gäbe Gott Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen Augen schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie erwidern mir hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe zu Europa von recht absonderlicher Art sein, wenn Sie Europa einen solchen Ausgang prophezeien!“ Ja, freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der Vorahnung, daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die endgültige Abrechnung aber, das Quittieren jener Summe, kann sogar viel früher erfolgen, als selbst die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte. Die Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte unnatürliche politische Lage der europäischen Staaten könnte den Anfang bilden. Aber wie sollte sie auch natürlich sein, wenn die Unnatur schon in ihrer Grundlage ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft hat. Es kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die ganze übrige Menschheit wie einen Sklaven beherrschen, einzig zu diesem Zweck aber sind bisher alle bürgerlichen (schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen im jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. Diese Unnatürlichkeit und diese „unlösbaren“ politischen Probleme (die übrigens allen bekannt sind) müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden, politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen werden und der noch in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar schon in diesem Jahrzehnt, ausbrechen wird. Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem langen politischen Krieg jetzt noch standzuhalten? Der Fabrikant ist ängstlich und leicht zu erschrecken, der Jude gleichfalls, sie würden, sobald der Krieg sich etwas in die Länge zieht, oder nur droht, sich in die Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken schließen, und die Millionen hungriger entlassener Proletarier werden auf die Straße gesetzt sein. Oder hoffen Sie etwa auf die Vernunft der Staatsmänner und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen lassen werden? Aber wann hat man denn jemals auf diese Vernunft bauen können? Oder hoffen Sie vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa die Folgen voraussähen? Ja, aber wann haben denn die Parlamente irgendwelche Folgen vorausgesehen und einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und so setzt der Krieg den Proletarier auf die Straße. Was meinen Sie, wird er auch jetzt wieder nach alter Art geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, den Kongressen der Sozialisten und der Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es anders sein: die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und alles Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem russischen Ufer werden die Wogen zerschellen, denn dann erst wird es sich allen sichtbarlich offenbaren, in welchem Maße unser nationaler Organismus sich von den europäischen Organismen unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine Herren Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die „volklichen Grundelemente“ zu suchen anfangen, über die Sie jetzt nur zu lachen verstehen. Und dabei, meine Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf dieses Europa hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern uns auf, bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, die dort morgen schon stürzen werden, als das überlebte Absurdum, das sie sind, jene „Einrichtungen“, an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des Beharrungsvermögens bis jetzt noch erhalten haben. Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer einem Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, die wir in Europa sich abspielen sehen, für die normale Formel menschlicher Vereinigung auf Erden halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei sich zu Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach den zwanzig Konstitutionen binnen weniger als einem Jahrhundert und nach wenig weniger als zehn Revolutionen? Oh, vielleicht, – nur werden wir uns dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits selbständig, ohne europäische Vormundschaft, mit unseren eigenen sozialen Idealen befassen, die unbedingt in Christus und der Idee der persönlichen Vervollkommnung wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden nun wieder fragen: was für eigene, von Europa unabhängige soziale Ideale kann es denn bei uns geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, stärkere als Ihre europäischen, stärkere und sogar – o Entsetzen! – freisinnigere als es die Ihrigen sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht lakaienhaft unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. Hier kann ich natürlich nicht näher darauf eingehen, wenn auch nur deshalb nicht, weil der Artikel ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie sich: was war und was wollte die älteste christliche Kirche sein? Sie bildete sich sogleich nach Christus, damals nur aus einigen wenigen Menschen, und sogleich, fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos auf der sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt und Erneuerung des Geistes auf Grund der persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell eine neue, bis dahin noch nie gesehene Nationalität zu entstehen – eine allbrüderliche, allmenschliche in der Form der allgemeinen ökumenischen Kirche. Aber sie wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte sich gleichsam unterirdisch – über ihm aber, auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das römische Imperium, das gleichfalls so etwas wie ein Ideal und eine Auslösung des sittlichen Strebens in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, und das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt an, es ward Gestalt einer Idee, die in sich und durch sich allem sittlichen Streben der ganzen alten Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward von der Kirche untergraben. Es kam zum Zusammenstoß der beiden entgegengesetztesten Ideen, die es überhaupt auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam zum Kompromiß: das Imperium nahm das Christentum an und die Kirche das römische Recht und seine Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die Einsamkeit und setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit fort: Es entstanden wieder christliche Gemeinden, dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar bis zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der Kirche teilte sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei Hälften. In der westlichen Hälfte ging die Kirche zu guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und als das Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle – sie hatte sich endgültig verwandelt und war tatsächlich zum Staat geworden. Das Papsttum war die Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner neuen Form.
In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat vom Schwerte Mohammeds zerstört und so blieb ihr nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz abgesondert war. Das Land aber, das dann von Byzanz aus diesen Christus annahm und von neuem erhob, hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem Tatarenjoch, unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, unter Europa und dem imitierten Europäertum zu leiden gehabt und erträgt auch jetzt noch so unendlich viel Schweres, daß seine soziale Formel – im Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung – sich in ihm allerdings noch nicht hat ausarbeiten können. Nur haben Sie, Herr Gradowskij, deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem Volk daraus einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist unser Volk meinetwegen erst nur der Träger Christi, auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung setzt. Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“[30], d. h. soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht nur ein leeres Wort, sondern hierin liegt eine Idee, die seine ganze Zukunft ausfüllen wird.
Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung zum Vorwurf. Aber wer hat denn in diesen ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich in den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung des Landes am meisten verhindert? Das waren doch gerade immer nur die Leute Ihres Schlages, Herr Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die in den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben und sich jetzt noch ganz besonders breit machen. Wer ist der größte Feind der organischen und selbständigen Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig nicht einmal das Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt und sie überhaupt nicht bemerken will?! Wer ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen illusorischen Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie diese Herren selber sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, indem sie von der Masse des Volkes immer wieder je ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, d. h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch nur insoweit, als man das mit europäisch zugeschnittenen Rockschößen erreichen kann?! Damit sage ich nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß einen Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, wie unsere Liberalen es tun, oft nichts anderes als einfach „verderben“ bedeutet. Gerade das aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von Zeit zu Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen – das ist ihr Bestreben. Wie absurd! Und so wollten sie alle achtzig Millionen unseres Volkes nach und nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im Ernst, daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche Masse des Volkes, jemals einwilligen werde, etwas ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese russischen Herren Europäer sind?
Der Byronismus (1877)
Unsere beiden großen Dichter vom Anfang des Jahrhunderts, Puschkin und Lermontoff, waren „Byronianer“. Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. Wer es aber in diesem Sinne gebraucht, befindet sich in einem Irrtum.
Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, fast nur momentane, aber, an sich betrachtet, doch große, notwendige und heilige Erscheinung im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben der ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der allgemeinen Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. Mit überschwenglicher Begeisterung hatte man die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet wurde, aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf der Dinge in der führenden Nation Europas eine Wendung nahm, die so wenig den großen Erwartungen entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen Glauben so tief enttäuschte, daß gerade jene Zeit für die suchenden Geister vielleicht die traurigste Zeit war, die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht nur aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen Augenblick erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge ihres inneren Bankrotts, was denn auch alle führenden Geister und alle starken Herzen sofort erkannten. Aber der neue Ausweg war noch nicht zu finden, noch öffnete sich keine neue Tür, und so rang man mit dem Ersticken, rang innerhalb eines entsetzlich verkleinerten Horizonts und unter einem drückend tief herabgesenkten Himmel. Die alten Götterbilder lagen in Trümmern, die neuen aber blieben aus. Das war die Zeit, die ihren dichterischen Ausdruck in einem großen Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand. Aus seinen Strophen tönte die damalige Sehnsucht der Menschheit, sprach zugleich ihre finstere Enttäuschung, ja ihr Irrewerden an ihrem Lebenszweck und an ihren Idealen, von denen sie sich betrogen sah. Byrons Muse war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse der Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und Verzweiflung. Und dieser Geist, der aus Byron sprach, sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit: aus allen Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. Der Byronismus – der war nun gleichsam die erste Tür, die sich öffnete; oder wenigstens war in der allgemeinen traurigen Stimmung, die zum größten Teil ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme jener mächtige Schrei, in dem sich alles Gestöhn der Menschheit sammelte. Wie hätte er da nicht auch bei uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? Denn dem Byronismus konnte sich bei uns damals weder ein größerer Geist, noch ein großes Herz verschließen, und das war durchaus natürlich und geschah nicht etwa nur aus Mitgefühl mit Europa und der europäischen Menschheit, so aus der Ferne, sondern weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit gar zu viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende Probleme auftauchten und auch noch gar zu viele alte Enttäuschungen zu verwinden waren ... Aber die Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade darin, daß er so schnell und als einziger in einer fast vollständig verständnislosen Umgebung den festen Weg, den großen und ersehnten Ausweg für uns Russen fand und auf ihn hinwies. Dieser Ausweg aus der Verzweiflung, diese Rettung war – das Volk, die Anerkennung des russischen Volksgeistes und die Einsicht, daß wir uns seiner Wahrheit unterwerfen müssen.
Über russische Literatur (1861)
Jeder geschichtliche Zeitabschnitt hat von jeher neben seinen herrschenden Anschauungen und Überzeugungen noch einige andere Anschauungen, zu denen öffentlich sich zu bekennen, den Zeitgenossen gleichsam der Mut fehlt. Die Menschen von heute können freilich eine Menge guter Beweggründe zu einem solchen Verhalten haben, doch oft genug, ja sogar meistens verschweigen wir unsere wahre Meinung aus einem gewissen geheimen Jesuitismus, dessen größter Knebel unsere Eigenliebe ist – eine bis zur eifersüchtigsten Eitelkeit, ja sogar bis zum empfindlichsten Ehrgeiz gesteigerte Eigenliebe. Das Seltsamste an dieser Eigenliebe ist nun wohl, daß sie alles ruhig hinnimmt, sogar Bezeichnungen wie Schurke, Spitzbube, Dieb – d. h. sofern sie nicht buchstäblich ausgesprochen werden – alles, außer einem Zweifel an ihrem Verstande. Der Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß man gerade in unserer Zeit immer stärker und schmerzhafter zu fühlen und sogar schon zu erkennen anfängt, daß jeder Mensch erstens seiner selbst wert ist, und zweitens, als Mensch im Namen seiner Menschenwürde auch jedes anderen Menschen wert sein sollte. Infolge dieser Erkenntnis verlangt es den Menschen nach Achtung seines Ich. Da aber der überlegene Verstand der einzige unverrückbare und unbestreitbare Vorrang des einen Menschen vor dem anderen Menschen ist, so will eben keiner in der Berechtigung auf den Vorrang hinter dem anderen zurückstehen. Darum ist man denn auch heutzutage mitunter gar zu zaghaft, wenn es sich darum handelt, eine Überzeugung zu äußern. Aber man ist es, weil man befürchtet, die anderen könnten sie rückständig oder sogar beschränkt nennen. Und doch müßte ein jeder, der aufrichtig überzeugt ist, seine Überzeugungen heilig halten; wer aber seine Überzeugungen heilig hält, müßte doch auch etwas für sie tun. Ja, jeder ehrliche Mensch ist es, unserer Meinung nach, einfach sich selbst schuldig, für seine Überzeugungen einzutreten, wofern er wirklich selbst an sie glaubt – denn es gibt ja unter den Überzeugten auch solche, die selber an ihre Überzeugungen nicht glauben. Ich habe sogar persönlich einen solchen Herrn gekannt. Er gehörte zu jener Kategorie zweifellos kluger Leute, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes tun als Dummheiten. (Übrigens, wie ist das zu erklären, daß beschränkte, stumpfe Menschen viel weniger Dummheiten begehen als kluge Menschen?) Doch als ich jenen Herrn fragte, weshalb er denn andere mit solchem Eifer zu überzeugen trachte und woher er dieses Feuer, diese Leidenschaft der Überzeugung nehme, wenn er selber an seinen Worten zweifle – da antwortete er, daß er sich eben deshalb so ereifere, weil er sich selbst überzeugen wolle. Da sieht man, was das heißt, eine Idee von außen lieben, nur aus Vorliebe für sie, und ohne sie vorher wirklich geprüft zu haben (es ist sogar, als fürchteten sie sich davor), ob sie richtig ist oder falsch! Wer weiß, vielleicht ist es nur zu wahr, daß manche leidenschaftlichen Eiferer ihr Leben lang andere zu überzeugen suchen, nur um sich selbst zu überzeugen, und dann doch unüberzeugt ins Grab gehen ... Doch genug davon! ... Mag man nun von uns denken, daß auch wir uns von unserer Idee hinreißen ließen, daß die Idee an sich falsch, unbegründet sei und von uns übertrieben werde, daß wir aus all zu jugendlicher Leidenschaft oder aus greisenhafter Geistesschwäche sprechen usw. usw. ... Nun, dann möge man es denken! Wir aber sind überzeugt, daß wir damit keinem schaden, wenn wir öffentlich aussprechen, woran wir glauben. Weshalb sollten wir es also nicht wirklich tun?
Ja, wir glauben, daß die russische Nation eine außergewöhnliche Erscheinung in der Geschichte der ganzen Menschheit ist. Der Charakter des russischen Volkes ist den Charakteren aller anderen europäischen Völker so unähnlich, daß die Europäer ihn bis heute noch nicht verstehen; oder was noch schlimmer ist, sie verstehen ihn verkehrt. Die europäischen Völker streben alle demselben Ziele zu, sie haben alle ein und dasselbe Ideal; das wird niemand bestreiten können. Aber alle entzweien sie sich in ihren Lokalinteressen. Ihre Exklusivität auch unter sich geht bis zur Unversöhnlichkeit, und je weiter desto mehr gehen sie auseinander und entfernen sich vom gemeinsamen Wege. Wie es scheint, will jede Nation nur aus eigener Kraft und ganz allein in ihrem Lande das allmenschliche Ideal finden, und so stören sie sich gegenseitig und schaden damit nur ihrer Sache. Wir wiederholen jetzt im Ernst, was wir einmal scherzend sagten: Der Engländer kann bis auf den heutigen Tag in der Existenz des Franzosen noch keine Logik sehen, und umgekehrt: der Franzose versteht den Engländer nicht um ein Atom besser, und das gilt nicht nur vom Durchschnittsfranzosen, vom instinktiven Empfinden des Volkes, sondern sogar von seinen ersten Männern, sogar von den geistigen Repräsentanten beider Nationen. Der Engländer macht sich bei jeder Gelegenheit über seinen Nachbarn lustig und blickt mit unversöhnlicher Verachtung auf dessen nationale Eigenheiten. Ihre Gegnerschaft raubt ihnen die Unvoreingenommenheit und macht sie parteiisch. So hören sie auf, sich gegenseitig zu verstehen. Die Franzosen sehen mit anderen Augen auf das Leben als die Engländer und ebenso verschieden sind ihre Religionen – und darauf sind sie noch stolz! Immer beharrlicher und eigensinniger entfernen sie sich voneinander in ihren Gesetzen wie in ihrer Weltanschauung. Sowohl der Franzose wie der Engländer sieht in der ganzen Welt nur sich allein und in jedem anderen ein Hindernis auf seinem Wege; und ein jeder will nur bei sich das vollbringen, was bloß alle Völker zusammen vollbringen könnten, mit vereinten Kräften. Wie nun, sollte diese Gegnerschaft etwa nur ein Überbleibsel der früheren Kämpfe sein? Muß man die Ursachen der Entzweiung in der Zeit der Jeanne d’Arc oder in der der Kreuzzüge suchen? Ist denn die Zivilisation wirklich so machtlos, daß sie diesen alten Haß bis auf den heutigen Tag noch nicht hat überwinden können? Oder sollte man die Ursachen nicht vielmehr im Boden selbst, im Blut, im ganzen Geist der beiden Völker suchen? Auch die übrigen Europäer sind größtenteils wie jene. Die Idee der Allmenschheit schwindet bei ihnen mehr und mehr. Bei jedem Volk erhält sie ein anderes Aussehen, verblaßt zunächst und nimmt dann im Bewußtsein der Menschen eine ganz andere Gestalt an. Das Christentum, das sie bisher noch verband, verliert mit jedem Tage an Kraft und Bedeutung. Selbst die Wissenschaft vermag die immer mehr Auseinanderstrebenden nicht zu vereinen. Freilich haben sie insofern recht, als eben diese ihre Exklusivität, diese Gegnerschaft untereinander, diese ihre Abgeschlossenheit von anderen und dieses stolze Vertrauen auf sich allein – als gerade das ihnen die Riesenkräfte im Kampf mit den Hindernissen auf ihrem Wege gibt. Nur werden dadurch diese Hindernisse immer größer und zahlreicher. Dieser große Gegensatz ist es, der die Europäer hindert, die Russen zu verstehen, und so nennen sie die größte Eigenart des russischen Charakters – „Charakterlosigkeit“. Wir wissen, daß wir alles das vorläufig ohne Beweise aussprechen, doch die Anführung von Beweisen würde zu weit führen und über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Aber auch so wird man uns wenigstens beipflichten, daß der Charakter der russischen Nation sich aufs schärfste von den Charakteren der europäischen Nationen unterscheidet, denn wodurch er sich vornehmlich auszeichnet, ist seine hohe synthetische Begabung. Und doch hat die russische Nation jahrhundertelang feindlich auf Europa geblickt, hat eigensinnig nichts mit Europa zu tun haben wollen und hat seine Zukunft nicht einmal geahnt! Peter aber verspürte in sich gleichsam instinktiv die neue Kraft und erriet die Notwendigkeit einer Erweiterung des geistigen Horizonts und des Arbeitsfeldes für alle Russen. Ich sage „die Notwendigkeit“, weil es ihr Bedürfnis war, das sie unbewußt in sich trugen und das unbewußt aus ihnen hervorbrach, – das schon von Anbeginn, seitdem es überhaupt Slawen gibt, in ihrem Blute lag. Man sagt, Peter habe aus Rußland nur ein Holland machen wollen. Das wissen wir nicht. Die Persönlichkeit Peters ist trotz aller historischen Erklärungen und Forschungen der letzten Zeit für uns bis jetzt noch sehr rätselhaft. Wir begreifen nur eins: daß er doch mehr als nur originell sein mußte, um als Zar von Moskau in Holland Werftarbeiter zu werden. Jedenfalls sehen wir in Peter ein Beispiel dafür, wozu ein Russe sich entschließen kann, wenn er sich erst einmal voll und ganz überzeugt hat und fühlt, daß die Zeit gekommen ist und in ihm selber die neuen Kräfte schon herangereift sind. Schier unheimlich ist es, bis zu welchem Grade der Geist des Russen frei ist und von welch ungeheurer Gewalt sein Wille sein kann! Noch niemals hat sich jemand von seinem Boden so losgerissen, wie der Russe, und ist von seinem Wege so jäh abgebogen, um seiner neuen Überzeugung zu folgen! Und wer weiß, meine Herren Europäer, vielleicht ist es gerade Rußlands Bestimmung, solange zu warten, bis Sie Ihre Aufgabe beendet haben, inzwischen Ihre Ideen sich anzueignen, Ihre Ideale, Ihre Ziele, den Charakter Ihrer Bestrebungen zu begreifen, dann aber Ihre Ideen zu vereinen, sie zu allmenschlicher Bedeutung zu erheben und schließlich freien Geistes, frei von allen nebensächlichen Kasten- und Klasseninteressen, ein neues, großes, in der Geschichte noch unbekanntes Wirken zu beginnen, dort einsetzend, wo Sie aufhören, und Sie alle mitzureißen! Hat doch unser Dichter Lermontoff Rußland mit dem Recken unserer Sagen Ilja von Murom verglichen, der dreißig Jahre lang gelähmt in der Hütte saß, dann aber plötzlich aufstand und ging, als er mit einemmal Reckenkraft in sich verspürte. Wozu sind denn so reiche und eigenartige Fähigkeiten den Russen verliehen? Etwa nur zu dem Zweck, um zu nichts nütze zu sein?
Vielleicht wird man uns jetzt fragen, woher wir soviel Großtuerei, soviel Anmaßung uns angeeignet und wo denn unsere Selbstkritik geblieben, unser nüchterner Blick? Darauf entgegnen wir: wenn wir solange so unnachsichtige Selbstverurteilung ertragen haben, dann werden wir auch eine andere Wahrheit ertragen können, selbst wenn sie das gerade Gegenteil jener ersten Selbsterkenntnis ist. Wir erinnern uns noch sehr gut, wie wir uns ‚Slawen‘ schalten, weil wir uns nicht in Europäer verwandeln konnten. Sollten wir nun wirklich nicht gestehen dürfen, daß wir damals ohne Einsicht sprachen? Wir wollen deshalb die Fähigkeit der Selbstverurteilung nicht abschütteln, wir lieben sie und halten sie für eine der besten Seiten der russischen Natur, für ihre Eigenart, für etwas, was die Europäer nicht haben. Wir wissen, daß wir uns in unserer Selbstverurteilung noch lange werden üben müssen, ja vielleicht sogar – je länger, desto besser. Aber versuchen Sie doch einmal, meine Herren, dem Franzosen etwas Abfälliges zu sagen, nun z. B. was seine Tapferkeit betrifft oder seine légion d’honneur. Oder rühren Sie den Engländer in irgendeiner allergeringfügigsten seiner häuslichen Gewohnheiten an, und Sie werden sehen, was er Ihnen antwortet. Weshalb sollen wir nun nicht auch einmal eine unserer guten Seiten hervorheben – daß wir Russen nämlich nicht so empfindlich und pedantisch sind (ausgenommen vielleicht die sogenannten Generale unserer Literatur)! Wir glauben an die Kraft des russischen Geistes nicht weniger als gleichviel welche anderen Völker an ihren Geist. Sollten wir nun wirklich nicht das bißchen Lob vertragen? Nein, meine Herren Europäer! Verlangen Sie von uns vorläufig noch keine Beweise für die Richtigkeit unserer Äußerungen über Sie und über uns, bemühen Sie sich lieber, uns etwas besser kennen zu lernen, wenn Sie dazu nur die Muße finden. Da haben Sie sich Gott weiß von wem sagen lassen, wir seien Fanatiker, und Sie glauben, die Soldaten würden bei uns zum Fanatismus aufgestachelt. Mein Gott, wenn Sie wüßten, wie lächerlich diese Ihre Annahme ist! Wenn es in der Welt überhaupt ein Wesen gibt, das keinen Fanatismus kennt, so ist das gerade der russische Soldat. Und wie schlecht kennen Sie auch unsere Offiziere! Sie haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es bei uns nur zwei Stände gäbe: les boyards et les serfs, – und darauf sitzen Sie nun, stolz auf Ihr Wissen. Wo sind denn hier die Bojaren? Freilich gibt es bei uns verschiedene Stände, doch zwischen allen unseren Ständen gibt es mehr Vereinigungs- als Entzweiungspunkte. Das ist die Hauptsache. Das ist die Bürgschaft für den Frieden im Inneren, für die Ruhe im allgemeinen, die brüderliche Liebe und jedes Gedeihen. Jeder Russe ist vor allen Dingen Russe, erst in zweiter Reihe kommt in Frage, zu welch einem Stande er gehört. Bei Ihnen dagegen ist es ganz anders, und wir bedauern Sie deshalb. Ja bei Ihnen pflegt es gerade umgekehrt zu sein. Bei Ihnen ist aus Standesinteresse mitunter sogar die ganze Nation zum Opfer gebracht worden, und das noch sogar vor kurzem, das geschieht selbst jetzt noch und wird gewiß noch mehrmals geschehen. Folglich sind bei Ihnen die Stände noch sehr stark unterschieden, die Stände sowohl wie alle Ihre Korporationen.
Man wird uns nun vielleicht verwundert fragen wollen: „Aber worin besteht denn Ihre gelobte Fähigkeit, Ihre Fortgeschrittenheit? Uns deucht, zu sehen ist sie noch nirgends!“ – Ja, Sie sehen sie nicht, denn Sie richten Ihren Blick auch gar nicht dorthin, wohin man ihn richten muß. Es genügt, daß sie schon im Geist und im Verlangen des ganzen Volkes ist; es genügt, daß eine, wenn auch noch so kleine Gruppe anfängt, unter sich wenigstens im allgemeinen übereinzustimmen. Nennen Sie uns nicht dünkelhafte, kurzsichtige, unreife Menschen. Nein, wir haben schon lange den nötigen Einblick und suchen längst alles zu analysieren; wir quälen uns mit dem Hin- und Herraten; wir sind uns über dem Analysieren sogar selber zum Überdruß geworden. Wir haben doch auch gelebt und vieles erlebt. Übrigens, sollten wir Ihnen nicht einmal die Geschichte unserer Entwicklung, unseres Wachstums erzählen? Natürlich werden wir nicht mit Peter dem Großen beginnen; wir beginnen mit der jüngsten Zeit, eben mit der Zeit, als in unsere gebildete Schicht plötzlich die Analyse eindrang. Nun also ...
Es gab Augenblicke, wo wir, d. h. die Zivilisierten, an uns selbst nicht glaubten. Damals lasen wir noch französische Romane, lehnten aber einen Alexander Dumas und seine ganze Sippe mit Verachtung ab. Wir stürzten uns damals auf George Sand, aus deren Romanen wir zuerst das erfuhren, was die Zensur in anderen Werken nicht durchließ – oh, und mit welcher Begeisterung lasen wir George Sand! Damals hörten wir Ihr europäisches Urteil über uns demütig an und gaben Ihnen noch recht, meine Herren, im übrigen aber wußten wir nicht, was tun. Und weil wir nichts anzufangen wußten, begründeten wir die naturalistische Schule. Auch Byronianer gab es bei uns. Die taten größtenteils nichts, saßen müßig und verfluchten nicht einmal die Welt, was sie als Byronianer eigentlich doch hätten tun müssen. Höchstens lächelten sie mal, wenn ihre Faulheit es der Mühe wert fand. Ja sie spotteten sogar über Byron, weil er sich noch so geärgert und geweint und geflucht hatte, was doch zu einem Lord ganz und gar nicht paßte. Sie sagten, es lohne sich nicht, sich zu ärgern und zu verfluchen, es sei alles ohnehin schon so widerlich, daß man nicht einmal seinen Finger rühren wolle, und ein gutes Diner sei noch das beste vom Leben. Und wir hörten ihnen in Ehrfurcht zu und glaubten, in ihrem Ausspruch vom guten Diner irgendeine geheimnisvolle, allerfeinste und geistreichste Ironie zu vernehmen. Sie aber wurden dick und dicker, nicht nur mit jedem Tage, sondern fast mit jeder Stunde. Einige blieben auch bei der Theorie vom guten Diner nicht stehen und gingen folgerichtig weiter: sie fingen an, die eigenen Taschen auf Kosten anderer Taschen zu füllen. Viele wurden später Falschspieler, wir aber meinten: „Nun ja ... das tun sie doch auch aus Prinzip. Man muß doch vom Leben alles nehmen, was zu nehmen ist“. Und wenn sie vor unseren Augen Taschendiebstahl betrieben, so sahen wir auch darin nur eine besondere Art angewandten Byronismus, eine weitere Entwicklung und Anwendung desselben, die Byron noch unbekannt geblieben war. Wir seufzten und schüttelten betrübt das Haupt und klagten: „Da sieht man, wozu die Verzweiflung einen bringen kann: dieser Mensch ist erfüllt vom edelsten Unmut über das Schlechte, er brennt vor Verlangen nach Betätigung, aber man läßt ihn nichts tun, man gibt ihm kein Arbeitsfeld und da – und da unterschlägt er nun mit dämonischem Lächeln Karten oder wird zum Taschendieb.“ Und wie rein, wie kindlich unschuldig sind viele von uns aus dieser schmachvollen Atmosphäre hervorgegangen! Unendlich viele! – Fast sogar alle – außer den Byronianern, versteht sich.
Aber wir hatten doch auch manche Hochherzige, denen es gelang, ein überzeugendes, zündendes Wort zu sagen. Oh, die klagten nicht, daß man sie nicht sprechen und nicht arbeiten lasse, oder wenn sie auch klagten, dann doch nicht mit müßigen Händen, sondern sie taten, was und wie sie konnten, sie taten doch wenigstens etwas und ... haben viel, sehr viel getan! Sie waren naiv wie Kinder, konnten die Byronianer ihr Lebtag nicht begreifen und starben als Märtyrer. Friede ihrer Asche! Wir hatten auch Dämonen, echte Dämonen; es waren ihrer zwei[31] und – oh, wie wir sie liebten, wie wir sie auch heute noch lieben und schätzen! Der eine von ihnen lachte, lachte sein Leben lang, lachte über sich und über sie, und wir alle lachten mit ihm, lachten so lange, daß wir schließlich zu weinen anfingen von unserem Lachen. Der eine von ihnen machte aus einem Mantel, der einem Beamten abhanden kam, die furchtbarste Tragödie. Er zeichnete uns in drei Zeilen den ganzen Leutnant Pirogoff – den ganzen, bis auf das letzte Tüpfelchen. Er schilderte uns alle möglichen Menschen, Spekulanten und Hochstapler, Geizhälse und Betrüger, Beamte und Ehrenbürger. Er brauchte nur einmal mit dem Finger auf sie zu weisen und sie waren auf ewig gestempelt, so daß wir schon auf den ersten Blick wußten, wer sie sind und wie sie heißen. Oh, das war ein Dämon von so kolossaler Gewalt, wie Europa noch nie einen gehabt und bei sich vielleicht nicht einmal dulden würde. Und der zweite Dämon – doch diesen zweiten Dämon haben wir vielleicht noch mehr geliebt als den ersten. Er verfluchte und quälte sich, quälte sich wirklich; er rächte sich und vergab, er weinte und lachte, lachte auch über uns, wenn er schrieb, er war großmütig und ... lächerlich. Er erzählte uns sein Leben, seine Liebesabenteuer, er litt und wir litten mit ihm, und dennoch: wer weiß, ob wir von ihm nicht nur genasführt wurden? – Oft konnten wir nicht unterscheiden, ob er im Ernst sprach, wie es den Anschein hatte, oder ob er sich über uns lustig machte. Unsere Beamten kannten ihn auswendig und ein jeder von ihnen spielte den Mephisto, sobald er die Kanzlei verließ. Wir teilten niemals seine Ansichten, aber er bedrückte uns, machte uns traurig und wir ärgerten uns und wir empfanden Mitleid mit irgend jemandem, den wir nicht greifen, nicht nennen konnten, und sogar Wut erfaßte uns. Zuletzt langweilten wir ihn und er verfluchte und verhöhnte uns alle und verließ uns. Unsere Blicke folgten ihm lange – bis er schließlich irgendwo umkam, zwecklos, aus Kaprice, und sogar, wie gesagt, etwas lächerlich. Wir aber lachten nicht. Uns war damals überhaupt nicht nach Lachen zu Sinn. Jetzt ist es etwas anderes. Jetzt haben wir begriffen, daß wir diese ganze Mephistofelei, alle diese dämonischen Anschauungen etwas zu Voreilig uns angelegt, daß es für uns noch etwas zu früh war, uns selber zu verfluchen und an uns zu verzweifeln. Ja, das waren unsere Dämonen. Doch es gab auch noch andere Typen.
Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gibt es eine sogenannte „goldene Mittelmäßigkeit“, die auf die führende Rolle Anspruch erhebt. Diese „Goldenen“ haben eine ungeheuere Eigenliebe. Mit geradezu vernichtender Verachtung und unverschämter Anmaßung blicken sie auf alle herab, die noch unbekannt und nicht so „bedeutend“ sind wie sie. Sie aber sind die ersten, die auf jeden Neuerer Steine werfen. Und wie hämisch boshaft, wie beschränkt sind sie in ihrer Verfolgung jeder Idee, die noch nicht Zeit gehabt hat, in das Bewußtsein der Gesamtheit einzudringen. Dann aber – was für Marktschreier sie dann sind, was für eifrige und dabei doch stumpfe Anhänger derselben Idee, sobald diese erst einmal in der Gesellschaft Bedeutung erlangt hat! Allerdings begreifen auch sie schließlich den neuen Gedanken, nur begreifen sie ihn immer erst nach allen anderen und immer gleichsam roh, beschränkt, stumpf, und niemals lassen sie die Einsicht gelten, daß, wenn die Idee richtig ist, sie dann auch entwicklungsfähig sein muß und folglich mit der Zeit unbedingt einer anderen Idee weichen wird, die aus ihr selber hervorgeht und sie, wiederum den neuen Anforderungen einer neuen Generation entsprechend, vervollständigen muß. Aber die Goldenen verstehen nie die neuen Anforderungen, und was die neue Generation betrifft, so hassen sie diese stets und sehen stolz auf sie herab. Das ist sogar ihr bestes Erkennungszeichen. Unter diesen Goldenen gibt es immer eine große Menge Händler und Hausierer, deren Handelsobjekt die moderne Phrase ist. Sie sind es, die jeden neuen Gedanken gemein machen, ihn in eine Modephrase verwandeln. Alles was sie anfassen, machen sie gemein. Jede lebendige Idee wird in ihrem Munde zu einem Leichnam. Sie aber sind die ersten, die den Lohn für die neue Idee einheimsen: am Tage nach der Beerdigung des genialen Menschen, der die Idee verkündet hat und der gerade von ihnen zu seinen Lebzeiten verhöhnt und verachtet worden ist. Einige von ihnen sind sogar dermaßen beschränkt, daß sie im Ernst glauben, der geniale Mensch habe nichts getan – getan hätten alles sie allein. Ihr Eigendünkel ist schier unermeßlich. Sie sind geistig stumpf und unoriginell, ja sogar knechtisch sind sie, obschon sie der Menge klug erscheinen. Mit ein paar Schlagworten machen sie Eindruck, mit einigen gewagten scharfen Phrasen; dabei geraten sie gewöhnlich in Ekstasen, da sie weder den Sinn noch den geistigen Bau der Idee verstehen, und so schaden sie ihr selbst dann, wenn sie auch noch so aufrichtig die neue Ansicht teilen. Ein kleines aktuelles Beispiel: Die Denker und Philantropen beschäftigen sich mit der Lösung eines Problems, sagen wir meinetwegen mit der Frauenfrage. Es handelt sich um die soziale Stellung der Frau, um ihre Gleichberechtigung mit dem Mann, ihre bisherige Abhängigkeit vom Mann, usw. usw. Die „Goldenen“ verstehen das nun unbedingt in dem Sinne, daß die Ehe von Stund’ an über den Haufen geworfen werden soll – die Hauptsache ist für sie, daß es von Stund’ an geschehe. Ferner denken sie, daß jede Frau ihrem Manne nun nicht nur untreu sein kann, sondern ihm sogar untreu sein muß, und daß eben darin der ganze sittliche Wert und Sinn der Idee enthalten sei.
Am komischsten wirken diese Herren, wenn die Gesellschaft in einer zerfahrenen Übergangszeit sich in zwei Parteien teilt. Dann wissen sie nämlich nie, welcher Partei, welcher Meinung sie sich anschließen sollen, und dabei sind sie doch oft Autoritäten! Da heißt es nun für sie, sich entscheiden, seine Meinung äußern. Was tun? Nach langem Schwanken entscheidet sich der Goldene endlich und – jedesmal fürs Falsche. Das ist schon so sein Gesetz. Das ist sogar der charakteristische Zug der Goldenen. Ein Beispiel erleben wir jetzt in der Volksschulfrage. Man stützt sich auf die Tatsache, daß das gebildete Volk – d. h. das des Lesens und Schreibens kundige – die Gefängnisse fülle, und daraus folgern die Goldenen, daß Bildung fürs Volk schädlich sei. Die Tatsache, die sie als vermeintlichen Beweis dieser Schädlichkeit anführen, gibt es nur deshalb, weil die Kenntnis des ABC unter dem Volk noch so wenig verbreitet ist. Anstatt sie nun noch weniger zu verbreiten, sollte man sie gerade soviel als irgend möglich zum Allgemeingut machen. Erst dann, wenn der Bauer, der lesen und schreiben kann, nicht mehr eine solche Ausnahme unter seinesgleichen sein wird, erst dann wäre die eine Ursache aufgehoben, weshalb gerade die Nichtanalphabeten die Gefängnisse bevölkern. Überdies sollten unsere Goldenen doch nicht vergessen, daß das ABC der erste Schritt zur Bildung ist. Oder vielleicht gehört es sogar zu ihrem Regierungssystem, das Volk im Dunkeln zu halten? Freilich ... es gibt keinen Menschen, der verstockter und kapriziöser und schädlicher wäre, als es manch einer der Kabinettphilantropen ist. Doch genug davon. Wir sind überzeugt, daß selbst die geringste Elementarbildung das Volk sittlich heben, dem einzelnen mehr Selbstachtung verleihen und somit die Wurzel vieler Laster ausrotten würde. Alles hängt von den Verhältnissen ab, alles verändert sich nur entsprechend den Verhältnissen. Ist erst einmal das dringende Bedürfnis nach einem Neuen vorhanden oder wenigstens die Erkenntnis, daß die Gesamtheit zu ihrem Gedeihen einer Neueinführung bedarf, so wird sie alsbald auch Mittel und Wege finden, um das Notwendige auszuführen. Dagegen wird keine selbst wirklich gute Reform von der Masse als Verbesserung empfunden, sondern viel eher als neue Bedrückung, oder jedenfalls als etwas Lästiges, wenn ihr noch nicht die Notwendigkeit dieser Verbesserung zum Bewußtsein gekommen ist, und wäre es auch nur in einer noch so geringen Erkenntnis. Ebenso verhält es sich mit unserer Elementarschulfrage. Doch trotz aller Goldenen und deren Ansichten wissen wir, daß unsere Intelligenz, die sich vom Volksboden gelöst hat, das Volk – diese „unerratene Sphinx“, wie einer unserer Dichter es nennt – zu guter Letzt doch verstehen lernen wird. Sie wird den Geist des Volkes erfassen und ihn in sich aufnehmen, denn sie weiß bereits, daß dies die Grundlage unserer zukünftigen Entwicklung ist. Und sie hat schon erkannt, daß es an ihr ist, den ersten Schritt zu tun, um die Versöhnung und Vereinigung zustande zu bringen, und sie wird auch die Lösung finden, wie das geschehen muß.
Nun hängt alles vom ersten Schritt zur Annäherung ab: daß wir herausbekommen, wie wir es anfangen sollen, damit das Volk uns sein mißtrauisches Gesicht wieder zuwendet. Natürlich werden sich noch eine Menge Herren finden, die über unsere Worte lachen können. Wir wissen, daß es solcher Menschen eine Legion gibt, doch gehen sie uns nichts an. Übrigens hat jemand, wie wir hören, versichert, wir, d. h. unsere Zeitschrift, sähe ihre Aufgabe darin, eine Versöhnung zwischen der europäischen Zivilisation und unserem Volksgeist zustande zu bringen. Wir halten diese Äußerung nur für einen Scherz. Nicht ein einzelner Mensch kann das noch unbekannte Wort der Versöhnung sagen und dieses Problem lösen. Wir versuchen ja nur die Hauptidee, die uns leiten wird, anzugeben. Wir werden gleich allen anderen die Lösung des Problems suchen, werden unermüdlich wiederholen und beweisen, daß gesucht werden muß; wir werden forschen, das Material verarbeiten, unsere Eindrücke und Gedanken den Lesern mitteilen – darin wird unsere ganze Tätigkeit bestehen. Ein Wort ist gleichfalls eine Tat, und bei uns noch mehr als sonstwo. Ein Wort zur rechten Zeit kann von unschätzbarem Nutzen sein. Deshalb haben wir die Hoffnung, daß auch wir nützlich sein werden. Unsere Zeitschrift wendet sich an unsere gebildeten Kreise, nicht an das Volk, denn noch immer ist das erste Wort und der erste Schritt die Aufgabe der gebildeten Kreise gewesen. Dasselbe erwarten wir auch in diesem Fall, um so mehr, als es die gebildete Schicht war, die sich vom Volk entfernte. Die Annäherung wird noch viel Mühe kosten, das fühlen wir alle, obschon wir noch nicht klar sehen, worin die Schwierigkeiten bestehen werden. Die Hauptsache ist wohl die Beseitigung der Mißverständnisse, und die sind immer durch Geradheit, Offenheit und Liebe zu beseitigen. Wir haben bereits erkannt, daß die Interessen unseres Standes im Volk ruhen und die des Volks in uns. Wenn diese Erkenntnis allgemein wäre, so wäre der Erfolg gewiß. Aber obschon sie noch nicht allgemein ist, so sind doch Anzeichen vorhanden, daß sie sich bereits zu verbreiten anfängt, vorläufig aber genügt das auch. Es ist möglich, daß diejenigen, die die Annäherung wünschen, in ihren Versuchen tausend Fehler begehen werden, doch was tut das! – eine gerechte Sache ist deshalb noch nicht verloren. Wenigstens bleibt die Idee unerschüttert. Worauf es ankommt, ist – daß das Volk unseren Willen sieht und ihn begreifen lernt. Und das zu erreichen, dazu wird uns die Liebe am ehesten helfen, da sie verständlicher ist als alle Schlauheiten und diplomatischen Finessen. Liebe ist leicht zu erkennen, das Volk ist einsichtig und dankbar und fühlt sofort, von wem es geliebt wird. Ein Vorbild der Annäherung hat uns der Zar gegeben, indem er das letzte Hindernis auf dem Wege zur Vereinigung beseitigte: indem er die Leibeigenschaft aufhob – und es gibt nichts Höheres, Heiligeres in der ganzen tausendjährigen Geschichte Rußlands als es diese Tat des Herrschers ist. Wohl haben wir in den letzten anderthalb Jahrhunderten nichts getan, als das Volk zu Mißtrauen gegen uns zu erziehen, aber wenn nur der Wille da ist, werden wir es doch erreichen, daß wir wieder sein Zutrauen und seine Achtung erringen. Und welche Riesenkräfte werden wir dadurch gewinnen! Wie wird alles wachsen, erstarken, sich erneuern! Natürlich wird von der ganzen dazu erforderlichen Kraft nur ein Zehntel von uns stammen, die übrigen neun Zehntel bringt das Volk selber auf.
„Aber was wollen Sie denn mit Ihrer Bildung anfangen?“ hören wir fragen.
„Sie wollen das Volk bilden, d. h. dem Volk dieselbe europäische Zivilisation geben, die Sie selbst schon als nicht zu uns passend erkannt haben. Sie wollen also einfach das Volk europäisieren?“
Hierauf entgegnen wir, daß es doch nicht gut möglich ist, von der europäischen Idee auf einem ihr vollständig fremdem Boden dieselben Früchte zu erwarten, die sie auf ihrem europäischen Boden gezeitigt hat. Bei uns ist alles dermaßen anders, ist alles so unähnlich Europa, sowohl innerlich wie äußerlich, wie überhaupt in jeder Beziehung, daß es ganz ausgeschlossen ist, europäische Resultate von uns zu erwarten. Deshalb wiederholen wir: was zu uns paßt, das wird bleiben, was nicht paßt, wird von selbst wegfallen. Es ist ausgeschlossen, daß man unser Volk zu Deutschen oder anderen Europäern machen könnte. Im Vergleich zum Volk sind wir, die Intelligenz, nur ein verschwindend kleines Häuflein, und folglich sind auch unsere selbständigen Kräfte um soviel geringer als die der ganzen riesengroßen Volksmasse. Und doch haben wir uns ganze anderthalb Jahrhunderte in Europa aufgehalten, ohne deshalb zu Deutschen geworden zu sein. Folglich haben auch wir, ungeachtet unserer geringen Zahl und Kräfte und unserer Losgelöstheit vom Volksboden, die großen russischen Grundideale der Allmenschlichkeit und Allversöhnung in uns getragen und sie auch in dieser Zeit nicht eingebüßt. Jetzt haben sie sich in uns erhoben. Wir begriffen, daß wir nichts anderes werden können, als das, was wir sind. Und es kam das Verlangen über uns, zu unserem Volk zurückzukehren. Wir fingen an, uns unserer Untätigkeit, unserer Unselbständigkeit inmitten der ungeheuren Tätigkeit der europäischen Völker zu schämen – und wir begriffen, daß wir in Europa nichts zu tun haben. Anderseits steht nicht zu befürchten, daß die europäische Wissenschaft unserem Volk eine Fessel auflegen werde; sie wird nur sein Arbeitsfeld vergrößern und ihm die Möglichkeit geben, auch sein Wort in der Wissenschaft zu sagen. Bisher war die Wissenschaft bei uns wie eine seltene Treibhauspflanze, und unsere Gesellschaft hat eine besondere wissenschaftliche Betätigung weder in der Theorie noch in der Praxis bewiesen, denn sie war vom Volk losgerissen und an und für sich kraftlos. Nur die Krone hat Brücken und Wege gebaut und auch das meist mit Hilfe fremder Ingenieure. Aber auch die Wissenschaft wird schließlich bei uns Wurzel fassen – vielleicht erst in einer Zeit, wenn wir nicht mehr sind. Wir können noch nicht einmal ahnen, was dann sein wird, doch wir wissen, daß unsere Zukunft nicht schlecht sein kann. Unserer Generation aber ward die Ehre zuteil, das erste Wort auszusprechen und den ersten Schritt zu tun.
Über Tolstois Roman „Anna Karénina“ (1877)
Der Roman „Anna Karénina“, als eine Tatsache von besonderer Bedeutung
In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“ heißt es.
Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller, der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht, wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden, reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige russische Tat: den Balkankrieg.
Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde.
So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer, „unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen, des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte!
Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder, schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen. Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig, das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale Tat, ein Faktum von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese Tat, die die Schöpfung dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang.
Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht. So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits in Erfüllung zu gehen begannen. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß, vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen. Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun zur Bekräftigung unserer Weissagungen nennen? Etwa die Aufhebung der Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber – das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land, teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig von solchen Gütern, die ihnen verständlich wären und um deretwillen sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie heute schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem heutigen Blick. Und mit diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist Ihre Wissenschaft, Ihre Kunst, Ihre Literatur?“
Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal, daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die „Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude, mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze, zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher, überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte.
„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa – wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen könnte?“
Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden, das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist, nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn das Genie Rußlands schon dieses Faktum hervorzubringen vermocht hat, so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der Kraftlosigkeit geweiht, sondern kann schöpferisch sein, kann etwas Eigenes geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig „neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben. Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr) ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat. Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen Schicksals sind.