Erster Teil. Die russische Literatur
E. K. Rahsin translation
Zur Puschkinrede
Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in einem einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. Seite 5.
Meine Rede über Puschkin und seine Bedeutung habe ich am 8. Juni dieses Jahres in einer feierlichen Versammlung der „Freunde russischer Dichtung“ vor zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen nicht geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch Aksakoff, der bei dieser Gelegenheit von sich sagte, daß ihn alle gewissermaßen für den Führer der Slawophilen hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne dies nicht, um mich etwa selbst zu loben, sondern einzig und allein um folgendes zu erklären: Wenn meine Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war sie das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich hier in einem besonderen Vorwort klarlegen möchte, denn nur aus diesem Grunde habe ich das Vorwort zu schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden Punkte der Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen:
1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem tiefen, durchschauenden und hochbegnadeten Geiste und aus seinem echt russischen Herzen heraus die bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer Intelligenz, unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, die sich hoch über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und als das erkannt hat, was sie ist. Er hat sie erkannt und hat es vermocht, den Typ unseres negativen russischen Menschen plastisch vor unsere Augen zu stellen: den Menschen, der keine Ruhe hat und der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben kann, der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses Heimatbodens nicht glaubt, der Rußland und sich selbst (oder richtiger seine Gesellschaftsklasse, die ganze Schicht der Intelligenz, zu der auch er gehört, und die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen nichts gemein haben will und der unter all dem doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko[10] und Onegin haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, in unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin[11], Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij[12] und unzählige andere, die allein schon durch ihr Erscheinen die Richtigkeit der von Puschkin erfaßten Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre und der Ruhm, die allergefährlichste Wunde der bei uns nach Peters folgenschwerer Reform entstandenen Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken wir die Erkenntnis und Feststellung unserer Krankheit. Und nicht zuletzt ist er es auch gewesen, der uns als erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist uns gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere Krankheit nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr die russische Gesellschaft sehr wohl noch einmal gesunden kann und daß sie noch immer die Möglichkeit hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr nur gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, denn
2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster, und vor ihm niemand) die künstlerischen Typen einer russischen Schönheit gegeben, dieser Schönheit, die unmittelbar aus der russischen Seele hervorgegangen ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall in unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn auch gesucht und gefunden hat. Das bezeugt die Gestalt der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt russische Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu bewahren gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen Gestalten, wie der Mönch Pimen und andere in seinem Drama „Boris Godunoff“, diese unmittelbar aus dem Leben genommenen und so überaus wahren Gestalten in dem Roman „Die Hauptmannstochter“ und noch viele, viele andere Typen, die von ihm in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen Aufstandes“ unsterblich gemacht worden sind. Die Hauptsache aber, die man besonders unterstreichen muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar vorhandenen Schönheit des russischen Menschen und seiner Seele – ganz und ausschließlich unserem Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon die ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen Zivilisation, nicht in unserer sogenannten „europäischen“ Bildung (die es bei uns, nebenbei bemerkt, noch niemals wirklich gegeben hat), nicht in den Ungeheuerlichkeiten äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und Formen hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern einzig im russischen Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart und zwar, wie gesagt, in ihm allein. Deshalb hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht geben dürfen, wie man sie in die Worte zusammenfassen kann: „Glaubt an den Volksgeist, von ihm allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“ Puschkin verstehen wollen – und nicht diesen Schluß aus ihm ziehen – nein, das ist unmöglich.
Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins feststellen wollte, ist jene besondere, allercharakteristischste und bei keinem anderen Genie außer ihm vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums: ich meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden fremden Nation vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar sich selbst in einen geistigen Vertreter jeder Nation zu verwandeln und im Geiste der Fremden schöpferisch zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa die größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat, wie Shakespeare, Cervantes, Schiller, doch kann man bei keinem einzigen von ihnen diese Fähigkeit wahrnehmen – wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht etwa nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen der anderen ist hier das Bedeutungsvolle, sondern gerade die erstaunliche Vollkommenheit der Verwandlung. Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede über die Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer acht lassen, denn sie ist nun einmal die charakteristische Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die von allen Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die er sich denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn ich dies sage, dann geschieht es natürlich nicht, um solche Größen unter den europäischen Genies, wie Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich nur ein Dummkopf ziehen. Der Universalismus, die Allgemeinverständlichkeit und die unerforschliche Tiefe der Welttypen des Menschen arischer Rasse, die Shakespeare für alle Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen Augenblick in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare in seinem Othello wirklich einen venezianischen Mohr und nicht einen Engländer dargestellt hätte, dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung dieses Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben, denn auch im Italiener hätte er das, was er ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft ausgedrückt. Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares und Schillers habe ich herabziehen wollen, indem ich die geniale Fähigkeit Puschkins, sich in den Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob, sondern ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in dieser Fähigkeit und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen großen und prophetischen Hinweis für uns Russen klarzulegen – denn
4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem ganzen Volk und er ist als vollendeter Künstler zugleich derjenige, der am vollendetsten diese Fähigkeit zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk, seinem künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt diese Neigung, sich in den Geist anderer Völker zu versetzen, und somit die Neigung zur Allversöhnung, in seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal bewiesen. Da ich nun aber auf diese Fähigkeit unseres Volkes hinwies – wie sollte ich da nicht auch auf die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort gibt, auf diese große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen, die leuchtend vor uns steht! So sprach ich denn aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen seinen Übertreibungen und Ausartungen, in seinem letzten Grunde nicht nur berechtigt, sondern auch volkstümlich ist, und daß es sich mit dem Trieb des Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch etwas in sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt. In meiner kurzen, leider gar zu kurzen Rede konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich gesagt habe, nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja: wozu sich darüber empören, daß, wie ich sagte, „unser bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der ganzen Welt ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein neues Wort sagen könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich und staatlich entwickeln müssen“, und daß wir erst dann daran denken könnten, „neue Worte“ so (angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker Europas sind, von uns aus zu sagen. Ich habe es ja in meiner Rede ausdrücklich betont, daß mir nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften mit den Völkern des Westens auch nur vergleichen zu wollen. Ich sage ganz einfach, daß von allen Völkern Europas das russische Volk am fähigsten ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, der Nächstenliebe, der unparteiischen Beurteilung, die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche unterscheidet und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, in sich aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“, sondern ein rein ethischer Zug, und wer könnte bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das russische Volk nur eine immerfort duldende träge Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem Gedeihen und der Entwicklung unserer Intelligenz zu dienen, die sich da hoch über dem Volk erhebt, daß aber dieses Volk selbst in sich nur tote duldsame Tatlosigkeit trüge, von der man nichts zu erwarten habe, weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche Hoffnungen auf dieses Volk der Menge zu setzen? Es ist traurig genug, sagen zu müssen, daß sogar sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind und daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer verfechten. Und nun habe ich gewagt, etwas ganz anderes auszusprechen.
Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie ich mich ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der notwendigen Ausführlichkeit habe erklären und ihre Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres zu behaupten, daß unser armes und unschönes Land nichts von derartig hohen Trieben in sich schließen könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“ dem Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach unsinnig. Die fundamentalen ethischen Geistesgüter hängen – wenigstens in ihrem Wesensgrunde – nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches Land steht da, immer abgesehen von seiner oberen Schicht, einmütig wie ein Mann! Alle achtzig Millionen seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit dar, wie sie in Europa nirgends zu finden ist und auch gar nicht zu finden sein kann: folglich ist es schon aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen, unser Land sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes, noch nicht einmal arm vermag man es zu nennen. Im Gegenteil, in Europa, in diesem Europa, wo soviel Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich z. B., in England! – ist der ganze Staatsbau bei allen diesen Nationen untergraben und wird vielleicht morgen einstürzen, um dann etwas beispiellos Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz zu machen. Und alle diese Reichtümer, die Europa aufgehäuft hat, werden es nicht vor dem Sturz bewahren können, denn „in einem Augenblick wird aller Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser, gerade dieser untergrabene Staatsbau, diese infizierte Bourgeoisie wird unserem Volk nun als einzig zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst wenn dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt man, dürfe es wagen, daran zu denken, den Europäern irgendein Wort zu stammeln. Dagegen behaupten wir, daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und allvereinende Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen ökonomischen Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten erhalten kann, ja, es kann das sogar in Zeiten, die noch weit schlimmer als die jetzigen der Armut sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall der Tataren ins Land[13] und in der wüsten Zeit des Interregnums[14] gekonnt, bis Rußland ausschließlich vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt notwendig sein sollte zur Erlangung des Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine alles vereinende Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht fremde Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind, wie wir, und den Wunsch zu haben, nicht sich in der eigenen Nationalität von allen anderen abzuschließen und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das eigene Volk alles bekäme, während man die anderen Völker für so etwas wie Zitronen hält, aus denen sich Saft herauspressen läßt (und Völker von diesem Nationalcharakter gibt es doch in Europa!) – wenn es auch wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig sein sollte, zunächst ein reiches Volk zu werden und die Verfassung europäischer Staaten bei uns einzuführen, muß dann deshalb, so fragt es sich, alles unbedingt sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der Bourgeoisie (die dort, wie gesagt, vielleicht morgen schon stürzen wird), bei uns eingeführt werden? Wird man denn wirklich auch hierin dem russischen Organismus nicht gestatten, sich national zu entwickeln, durch die eigene organische Kraft? oder muß es wirklich unbedingt ein ganz unpersönliches und lakaienhaftes Kopieren Europas sein? Ja, aber: was soll man denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen diese Herren überhaupt, was ein Organismus ist? Und dabei reden sie doch so klug über die Naturwissenschaften! – „Das wird das Volk nicht zulassen“, sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch zu einem überzeugten Westler. – „Dann muß man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler gelassen und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“, das war vielmehr ein – Repräsentant unserer Intelligenz. Diese Geschichte ist nicht erfunden, denn sie ist leider – von mir erlebt.
Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins Bedeutung für uns feststellen, und meine Rede hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck gemacht. Nicht durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag (darin gebe ich allen meinen Gegnern vollkommen recht, denn wirklich, ich will mich nicht loben), sondern durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit der von mir hervorgehobenen Tatsachen, die eben überzeugen mußten, ungeachtet der Kürze und Unvollkommenheit meiner Rede. Aber worin, fragt es sich, bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch Aksakoff es nannte?
Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den Slawophilen oder der sogenannten russischen Partei (Gott, es gibt bei uns eine „russische Partei“!) ein großer und vielleicht entscheidender Schritt zur Versöhnung mit den Westlern gemacht wurde, denn die Slawophilen haben damit die Berechtigung anerkannt, die in dem Streben der Westler nach Europa liegen könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen anerkannt, haben sich für diese Berechtigung mit dem echt russischen, unserem Volk so eigentümlichen Trieb erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung nur zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben sie als historische Notwendigkeiten angesehen und als ein Fatum gerechtfertigt, so daß, wenn man einmal die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande und der Richtung seines Geistes gedient haben, wie alle jene echt russischen Leute, die aufrichtig ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen Ausländer“ zu bewahren suchen. Und zum Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle Gegensätze, aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen den beiden Parteien bisher überhaupt nur ein großes Mißverständnis gewesen sind. Diese Erklärungen in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das gewesen sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“ nennen kann, denn die Repräsentanten der Slawophilenpartei waren nach meiner Rede mit allen ihren Folgerungen durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur noch darauf hinweisen – was übrigens auch schon in meiner Rede geschehen ist –, daß die Ehre, diesen ersten Schritt getan zu haben (wenn der aufrichtige Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre gereicht), daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn man es so bezeichnen will, verkündet zu haben, durchaus nicht mir allein zukommt, sondern dem ganzen Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer ganzen „Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher allen jenen klar gewesen ist, die unparteiisch das Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der Gedanke, den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher, wenn auch nicht gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt, so doch dem Sinne nach angedeutet worden ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich ihn im richtigen Moment aussprach.
Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere Folgerung annehmen und sich mit ihr einverstanden erklären, so würden ja allerdings wirklich alle Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt sein, und die Westler und Slawophilen hätten tatsächlich „keinen Stoff mehr zum Streit“, wie I. S. Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles erklärt ist“. Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich „ein Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist doch wohl nur in der ersten Begeisterung von der einen Partei ausgesprochen, ob aber auch die andere Partei es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den Slawophilen, die mich dort in ihre Arme schlossen und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich die Rednertribüne verlassen hatte, kamen auch Westler auf mich zu, um mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken, und zwar waren es nicht so irgendwelche, sondern gerade die Führer der Parteien, oder doch diejenigen, welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle in ihr spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß und sprach von ebenso aufrichtigem Beifall wie der der Slawophilen, und sie nannten meine Rede genial, und taten das mehr als einmal und hoben immer wieder ihre Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich fürchte aufrichtig: geschah das nicht alles nur im ersten Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht das fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine Rede sei genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß es ja selbst, daß sie nicht genial war, und fühlte mich auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt, weshalb ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung bezüglich meiner Genialität verzeihen würde. Es ist etwas anderes, was ich befürchte. Es wäre nämlich möglich, daß die Westler (ich meine nicht jene, die mir die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen, was vorausgeschickt sei), daß die Westler also, wenn sie erst einmal über das dort Ausgesprochene nachdenken, ungefähr folgendes sagen könnten: „Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben sie nun nach langem Streit und Hader endlich doch zugegeben, daß unser Streben nach Europa berechtigt und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß auf unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt nur für sich in Anspruch nahmen, und haben nun ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun, wir nehmen Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren, und beeilen uns, Ihnen zu erklären, daß das von Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es verrät wenigstens einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der Stumpfsinnigsten unter unseren Parteigängern, für die alle wir nicht wohl einstehen können – aber ... Sehen Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser neuer Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst schnell klarlegen müßte. Die Sache ist nämlich die, daß Ihre These, unser Zug nach Europa stimme durchaus mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären – daß diese Ihre Behauptung also für uns doch von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns wiederum ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt sein, daß wir uns allerdings von Europa, von der europäischen Wissenschaft und von der Reform Peters haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken vermocht haben und er uns auf unserem Wege auch noch nie begegnet ist – was etwa von ihm irgendwo vorhanden sein sollte, das haben wir hinter uns liegen lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt. Wir sind von Anfang an selbständig unseren Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes, seiner universalen Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung zur Versöhnung aller nationalen Gegensätze treiben lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen, worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im russischen Volk – da es nun einmal zur Sprache gekommen ist, wollen wir es ganz aufrichtig aussprechen – sehen wir nach wie vor nur eine passive Masse, von der wir nichts zu lernen haben, die vielmehr nur die Entwicklung Rußlands – im fortschrittlichen Sinne – hemmt und die man umgestalten und umschaffen muß: wenn nicht organisch, was leider nicht möglich ist, so doch wenigstens mechanisch, d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für allemal zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam zu erreichen, ist es eben erforderlich, bei uns genau dieselbe bürgerliche Organisation einzuführen, wie sie in den europäischen Staaten bereits vorhanden ist. An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie es das von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen noch eine Idee haben. Die ganze Geschichte unseres Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben. Nur wir allein haben uns den nüchternen Blick bewahrt und das Volk richtig eingeschätzt. Ein Volk, wie das unsrige, darf keine Geschichte haben, und das, was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von ihm mit Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen werden. Eine Geschichte haben – das dürfen nur wir, die Intelligenz, der das Volk einzig mit seiner Arbeit und Kraft zu dienen hat.“
„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen unserer Einwände nicht auf und unterbrechen Sie uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir unser Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam sprechen, o nein, natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte, nicht so falsche Schlüsse! Wir sind human, wir sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil, wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht bilden, und unser Werk damit krönen, daß wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und seine Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine, die sich dann schon von selbst einstellen wird, wenn die Nation nur erst einmal richtig gebildet ist. Seine Bildung aber werden wir darauf gründen und damit beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit der Verleugnung unserer Vergangenheit und einem Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben wir einem Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben beigebracht, so geben wir ihm gleich darauf Europa zu riechen, und dann umstricken wir ihn vollends mit – nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den Kleidern, Getränken und französischen Tänzen. Mit einem Wort, wir zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs und seines selbstgebrauten ‚Kwas‘[15] zu schämen, desgleichen seiner alten Lieder – und wenn es auch unter letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag, was wir ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann werden wir ihn doch zwingen, Couplets zu singen, wie sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz, um den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur möglichen Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines Charakters beeinflussen, ganz wie das ja auch mit uns geschehen ist, und schließlich wird dann das Volk – unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst schämen und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende verflucht, der gehört bereits zu uns. Das ist unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu uns zu erheben. Sollte das Volk sich aber als unfähig zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß man es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür erbracht, daß unser Volk nur eine unwürdige, barbarische Herde ist, mit der man wirklich nichts anderes anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen? – ist doch nur bei unserer Intelligenz und in Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch achtzig Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine nach ein wenig zu prahlen belieben), so haben alle diese Millionen doch nur dann einen Lebenszweck, wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen, außer der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht gibt und auch gar nicht geben kann. Mit der Menge aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie uns nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen einmal gründlich unsere Meinung gesagt, diesmal in ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei dem, was wir gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel über so seltsame Dinge philosophieren, wie die Pravoslavie[16] und ihre angebliche und besondere Bedeutung! Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens dies nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt, in einem Augenblick, in dem das letzte Wort Europas, und das allgemeine Ergebnis der europäischen Wissenschaft, doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch nicht Europa etwa nicht folgen!! So sind wir denn meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten Rede, in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen gelten zu lassen – also sei’s drum, erweisen wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit. Was aber die andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen Sie, da können wir nun nichts mehr annehmen und billigen!“
Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus möglich. Doch wie gesagt: ich wage sie nicht nur nicht in den Mund jener Westler zu legen, die mir die Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund der vielen, sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer Theorien prächtige Russen sind und für ihr Vaterland arbeiten und als russische Bürger alle Achtung verdienen. Dafür aber wird die Masse, die Masse der Abtrünnigen, der von ihrem Erdboden Losgerissenen, die Masse der Westler, der Durchschnitt, die Straße, auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze Pöbel der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand am Meer) oh, dieser Schlag Menschen wird unbedingt in ähnlicher Weise antworten, wenn er es nicht schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens zum Beispiel ist schon in einer Broschüre mit dem ganzen ihnen eigenen Scharfsinn erklärt worden, das Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur Orthodoxie zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen Gedanken und hoffen wir zunächst auf die Führer dieses „Europäertums“. Wenn sie auch nur die Hälfte unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre und Ruhm, und wir werden sie mit Begeisterung begrüßen. Selbst wenn sie nur die eine Hälfte annehmen, d. h. wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und Eigenart des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit seines Daseins und seine menschenfreundliche allversöhnende Neigung, so wird es auch fast nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten hätten, wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine Rede allerdings so etwas wie den Grund zu einem neuen Ereignis gelegt haben. Nicht sie selbst – ich wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das Ereignis gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht wert), sondern der große Triumph Puschkins, der die Veranlassung zu unserer Einigung gewesen wäre – einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel.
Puschkin[17]
Vorgetragen am 8. Juni 1880 in der Versammlung des Vereins der „Freunde russischer Dichtung“.
„Puschkin ist eine außergewöhnliche Erscheinung und vielleicht der bisher einzige Ausdruck des russischen Geistes“, sagt Gogol. Ich füge von mir aus hinzu: und zwar ein prophetischer Ausdruck. Ja, in Puschkins Erscheinen liegt für uns alle, uns Russen, etwas zweifellos Prophetisches. Puschkin kam uns in einer Zeit, als sich zum ersten Male so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters[18], und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem und bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin in der Tat eine Prophezeiung und ein Programm zugleich.
Das Schaffen dieses großen Dichters teile ich in drei Perioden. Ich sage das nicht als Literaturkritiker: wenn ich von der schöpferischen Tätigkeit Puschkins rede, will ich nur meinen Satz von seiner prophetischen Bedeutung für Rußland klarlegen, und was ich unter diesem Ausdruck verstehe. Übrigens möchte ich hier vorausschicken, daß zwischen besagten drei Abschnitten seiner Entwicklung, wie mir scheint, keine festen Grenzen bestehen. Der Anfang des „Onegin“ zum Beispiel gehört meiner Ansicht nach noch in die erste Periode seines Schaffens, das Ende dagegen in die zweite, in der Puschkin seine Ideale in seinem eigenen Lande bereits gefunden, liebgewonnen und in seine große, weit ausschauende Seele aufgenommen hatte. Ferner: es ist üblich, zu sagen, daß Puschkin in der ersten Periode seines Schaffens europäische Dichter nachgeahmt habe, wie Parny, André Chénier und besonders Byron. Und es ist wahr: diese und andere Dichter Europas haben zweifellos einen großen Einfluß auf die Entwicklung seines Genies gehabt und haben diesen Einfluß wohl auch zeit seines Lebens behalten. Nichtsdestoweniger waren schon die ersten Dichtungen Puschkins keineswegs nur Nachahmungen, vielmehr verrät sich auch in ihnen schon die ungewöhnliche Selbständigkeit seines Genies. Aus Nachahmungen spricht nie ein so echter Schmerz, nie eine so tiefe Selbsterkenntnis, wie Puschkin sie z. B. in den „Zigeunern“ hat – in einem Poem, das ich durchaus noch zu seiner ersten Schaffensperiode rechne. Von seiner schöpferischen Kraft und von der mitreißenden Gewalt seiner Sprache ganz zu schweigen – nein, die hätte er wahrlich nicht gehabt, wenn er nur ein Nachahmer gewesen wäre. Die Gestalt des Aleko, des Helden dieses Poems, vertritt bereits einen großen und tiefen und echt russischen Gedanken, denselben, der später in so einheitlicher Vollendung im „Onegin“ ausgedrückt ist, wo uns fast derselbe Aleko entgegentritt, nur mit dem Unterschied, daß er dort nicht mehr in einer phantastischen Umgebung und in phantastischem Licht erscheint, sondern greifbar wirklich, wahrheitsgetreu und verständlich vor uns steht. Schon in Aleko hat Puschkin jenen Unglücklichen, der in seinem ganzen großen Vaterlande keinen festen Verbleib hat, jenen historischen russischen Märtyrer, dessen Erscheinen in unserer, vom Volk losgerissenen Gesellschaft – eben historisch betrachtet – so unvermeidlich war, in einer genialen Skizze festgehalten. Entdeckt aber hat er ihn wahrlich nicht nur in Byrons Werken! Dieser Typ ist fehlerlos erfaßt, ist eine von unseren stehenden Figuren und hat sich bei uns, in unserem russischen Vaterlande, seit langem und auf lange Zeit eingebürgert. Dieser russische „Skitáletz“[19] aus den höheren Gesellschaftskreisen setzt auch heute noch sein Leben fort, und ich glaube, er wird so bald nicht aussterben. Und wenn diese Naturen heutzutage nicht mehr Zigeunerlager aufsuchen, um in der wilden eigenartigen Lebensweise der Nomaden ihr Weltideal und im Schoße der Natur Ruhe und Erlösung von dem sinnlosen, verwirrenden Leben unserer russischen Gesellschaft zu finden, so werfen sie sich dafür dem Sozialismus in die Arme, den es zu Alekos Lebzeiten noch nicht gab – das heißt: sie gehen mit ihrem neuen Glauben nur auf einen fremden Acker, um dort mit Eifer auf ihre Weise zu arbeiten, geradeso überzeugt, wie Aleko es war, daß sie auf diesem ihrem phantastischen Arbeitsfeld das Glück nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die ganze Welt erlangen werden. Denn dieser russische Heimatlose bedarf nun einmal des allmenschlichen Glücks, um mit sich zur Ruhe kommen zu können: sonst, o nein, sonst gibt er sich nicht zufrieden – d. h. so lange tut er es nicht, wie es sich in der Sache nur um die Theorie handelt. Der „Skitaletz“ von heute wie der von damals sind noch ganz dieselben Russen, nur daß sie zu verschiedenen Zeiten geboren wurden. Dieser Menschenschlag ist, ich wiederhole es, gerade zu Anfang des zweiten Jahrhunderts nach der großen Reform Peters in unserer vom Volk und von der Volkskraft losgelösten Gesellschaft entstanden. Gewiß, eine riesige Mehrzahl der gebildeten Russen haben damals, zu Puschkins Zeiten, ebenso ihr Leben im Staatsdienst zugebracht, wie sie in unserer Zeit friedlich als Beamte weiter dienen, in den Renteien, auf den Eisenbahnen und in den Banken – oder sie verdienen sich ihr Geld durch andere Mittel, sie beschäftigen sich sogar mit Wissenschaft, geben Stunden, halten Vorträge und verrichten alles regelmäßig, faul, friedlich, leben von monatlichem Gehalt und kleinen Kartenpartien, ohne jede innere Anfechtung oder Neigung zur Flucht in ein Zigeunerlager, oder gleichviel wohin und welches Lager sich in unserer Zeit eben mehr dazu eignen würde. Viel, sehr viel ist es schon, wenn sie ein wenig die Liberalen spielen, „mit einem Schimmer von westeuropäischem Sozialismus“, dem aber ein gewisser russisch gutmütiger Charakter verliehen wird. Doch alles das ist nur ein Zeitunterschied. Was liegt daran, daß der eine noch nicht angefangen hat, sich zu beunruhigen, während der andere schon bei der verschlossenen Tür angelangt ist und sie mit dem Kopf auch bereits einzurennen versucht hat – natürlich vergeblich. Dasselbe erwartet sie alle – jeden zu seiner Zeit, wenn sie nicht den rettenden Weg betreten und sich bescheiden mit dem Volk vereinigen. Oder nicht einmal alle mag dasselbe erwarten: es genügen auch die „Auserwählten“, es genügt auch der zehnte Teil der aus der Ruhe Gekommenen, und die übrige große Mehrheit wird ebenfalls dank ihrer Unruhe keine Ruhe mehr finden. Aleko freilich versteht es noch nicht, seine Sehnsucht richtig auszudrücken: bei ihm ist alles gleichsam noch abstrakt. Er sehnt sich nach der Natur und klagt über die Gesellschaft, verspürt einen Drang, der sich irgendwie auf die ganze Welt bezieht, und trauert ob der vermeintlich irgendwo, irgendwann, durch irgendwen verlorenen Wahrheit, die er nun nirgends zu finden vermag. Hier ist, ersichtlich, ein bißchen Jean Jacques Rousseau zu spüren. Worin diese Wahrheit bestanden, wo und wie man sie wiederfinden könnte und wann sie verloren gegangen, das weiß er allerdings nicht zu sagen, aber er leidet aufrichtig. Vorläufig sehnt sich denn auch der phantastische unduldsame Mensch nur nach Erlösung von vornehmlich äußeren Erscheinungen. So muß es ja auch sein! Die Wahrheit ist für ihn irgendwo außerhalb seiner Person, vielleicht irgendwo in anderen Ländern, zum Beispiel in den europäischen, die alle ihren geschichtlich festgefügten Bau und eine bestimmte Ordnung in ihrem staatlichen wie gesellschaftlichen Leben besitzen. Und niemals wird er begreifen, daß die Wahrheit vor allen Dingen in ihm selbst sein muß, ganz innerlich, nur in ihm selbst – wie sollte er das auch anders verstehen? Er ist doch in seinem eigenen Lande ein Fremder, schon seit einem ganzen Jahrhundert hat er das Arbeiten verlernt, besitzt er nichts mehr von lebendiger Kultur, ist er wie ein Pensionsmädchen zwischen geschlossenen Wänden aufgewachsen. Die Pflichten, die er erfüllte, waren seltsam und willkürlich, je nach seiner Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen, in die unsere gebildete russische Gesellschaft eingeteilt ist. Er ist vorläufig nur ein losgerissenes und in der Luft schwebendes Stäubchen. Er fühlt das auch und leidet darunter oft sogar qualvoll! Nun, und schließlich – was hat es auch auf sich, daß er, der vielleicht zum russischen Geburtsadel gehört und sogar, was höchst wahrscheinlich ist, Leibeigene besitzt, mit der ganzen Freiheit seines Standes sich den kleinen phantastischen Einfall gestattet, an Menschen Gefallen zu finden, die „ohne Gesetz“ leben, um zeitweilig, wenn es sein soll, im Zigeunerlager einen Bären zu führen und ihn tanzen zu lassen? Am ehesten konnte ihm noch das Weib, „das Naturweib“, wie ein Dichter sich ausdrückt, die Hoffnung auf eine Erlösung von seiner Lebensqual verheißen: nichts ist infolgedessen selbstverständlicher, als daß er sich in leichtsinnigem, jedoch leidenschaftlichem Glauben in eine junge Zigeunerin verliebt. Es hieß das soviel wie: „Hier, nur hier finde ich den Ausweg, hier werde ich auch mein Glück finden, hier im Schoße der Natur, fern von aller Welt, hier unter diesen Menschen, die keine Zivilisation und keine Gesetze haben!“ Und was ist das Ergebnis? – schon bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Bedingungen dieses freien Lebens hält er nicht stand und befleckt seine Hände mit Blut[20]. Nicht nur nicht zu einer allgemeinen Weltharmonie, nein, nicht einmal zum Leben in einer Zigeunerbande taugt der Unselige, und so jagen sie ihn denn fort – ohne Rache, ohne Bosheit, schlicht und nicht ohne Vornehmheit in ihrer einfachen Art. Der Alte sagt nur: „Verlaß uns, stolzer Mensch. Wir sind Zigeuner, haben kein Gesetz, wir richten nicht und lieben nicht, zu strafen.“
Das ist natürlich alles recht phantastisch, aber der „stolze Mensch“ ist Wahrheit und von dem Dichter ist er treffend geschildert. Denn: so erfaßt und dargestellt wurde er bei uns zum erstenmal von – Puschkin. Das dürfen wir nicht vergessen. Es ist ja alles so echt an ihm ... kaum geht ihm etwas wider den Strich, da bringt er auch schon in Wut zwei Menschen um und rächt sich sofort für die Kränkung. Noch bequemer freilich wäre es gewesen, sich seiner Zugehörigkeit zu einer der vierzehn Rangklassen zu erinnern und selber das richtende und marternde Gesetz anzurufen (denn auch das ist vorgekommen), damit nur ja seine persönliche Kränkung gerächt werde. Nein, diese wahrheitsgetreue Dichtung ist nicht eine Nachahmung, in ihr ist schon die russische Beantwortung unserer „Frage“, dieser „verfluchten Frage“ im Sinne des russischen Volksglaubens und der russischen Volkswahrheit angedeutet: „Beuge dich, stolzer Mensch, und brich vor allen Dingen erst deinen Hochmut. Beuge dich, müßiger Mensch und arbeite erst einmal auf deinem Acker!“ Denn das wäre in der Tat die Lösung des Problems nach der Rechtsauffassung des Volkes und der Volksvernunft. „Nicht außerhalb deiner ist die Wahrheit, sondern in dir selber, suche sie in dir, unterwirf dich dir, bemächtige dich deiner und du wirst die Wahrheit erkennen! Nicht in den äußeren Dingen ist die Wahrheit und nicht irgendwo fern hinter Bergen und Meeren, sondern vor allem in deiner Arbeit an dir selbst! Besiege dich, bezähme dich – und du wirst frei sein, wie du es dir noch nie erträumt hast. Beginnst du aber ein großes Werk, so machst du auch andere frei und wirst das Glück schauen. Dein Leben wird sich mit Inhalt füllen und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen. Weder bei Zigeunern noch sonstwo ist die Weltharmonie zu finden, wenn du selbst ihrer nicht wert bist, wenn du Bosheit und Hochmut in dir hast und das Leben umsonst haben willst, ohne auch nur zu ahnen, daß man für sein Leben zahlen muß.“
Diese Lösung des Problems ist in jener Dichtung Puschkins bereits angedeutet und beinahe vorgezeichnet. Viel klarer aber ist sie im „Eugen Onegin“ ausgedrückt, in diesem Roman, der nicht nur nicht phantastisch ist, sondern geradezu fühlbare Wirklichkeit, in dem das russische Leben mit so schöpferischer Kraft dargestellt ist und in einer so vollendeten Kunst, wie es sie vor Puschkin nicht gegeben hat und vielleicht nach ihm nicht wieder geben wird.
Onegin kommt aus Petersburg – unbedingt aus Petersburg, das ist zweifellos die erste Bedingung. Einen so wichtigen Umstand in der Lebensgeschichte seines Helden konnte Puschkin natürlich nicht übergehen. Und ich wiederhole, dieser Held ist derselbe Aleko, namentlich später, wenn er ausruft: „Warum lieg ich nicht gelähmt, wie in Tula der Assessor?“ Vorläufig jedoch, zu Anfang des Romans, ist er ein halber Geck und Gesellschaftsmensch und hat noch viel zu wenig gelebt, um vom Leben schon ganz und gar enttäuscht zu sein. Aber auch ihn beginnt bereits heimzusuchen und zu beunruhigen jener „vornehme Dämon heimlicher Qual“. In der Einsamkeit auf seinem Gut, im Herzen seiner Heimat ist er natürlich nicht „bei sich zu Hause“. Er fühlt sich da nicht heimisch. Er weiß nicht, was er dort anfangen soll und es kommt ihm vor, als wäre er bei sich selbst zu Gaste. Später, wenn er in seiner Langweile und Unzufriedenheit und inneren Unruhe im Vaterlande und in fremden Ländern von Ort zu Ort reist, fühlt er sich – als fraglos kluger und fraglos aufrichtiger Mensch, der er ist – auch unter den Fremden sich selber fremd. Freilich liebt auch er sein Land, aber er traut ihm nicht. Natürlich hat er von den einheimischen Idealen gehört, aber er glaubt nicht an diese Ideale. Er glaubt nur an die vollkommene Unmöglichkeit gleichviel welch einer Arbeit auf dem Heimatboden und blickt auf die, die an diese Möglichkeit glauben – deren es damals, wie auch jetzt, nur wenige gab – mit einem traurigen Spottlächeln herab. Lenskij[21], sein junger Freund, wird von ihm einfach aus Hypochondrie erschossen, vielleicht gerade infolge seiner Sehnsucht nach dem Friedensideal –, das wäre uns nur zu ähnlich, weshalb diese Erklärung denn auch die wahrscheinlich richtige ist. Wie anders dagegen Tatjana! Die ist ein starker Mensch, die steht fest und sicher auf ihrem Boden. Sie ist tiefer als Onegin, und natürlich auch klüger als er. Sie ahnt schon allein durch ihren feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie besteht, was dann der Schluß des Romans bezeugt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Puschkin hätte seinen Roman nach ihr „Tatjana Larina“ genannt, und nicht nach ihm „Jewgenij Onegin“, denn sie, nicht er, ist der Held. Sie ist ein bejahender Typ, nicht ein verneinender, wie er, sie ist ein Typ wahrhafter Schönheit, ist die Verherrlichung der russischen Frau – und sie ist es denn auch, die der Dichter den Grundgedanken seiner Dichtung in der berühmten Szene der letzten Begegnung Tatjanas mit Onegin aussprechen läßt. Ja, man kann sogar sagen, daß ein solches Urbild der russischen Frau, eine Heldin von solcher Schönheit, in unserem ganzen Schrifttum nicht wieder geschaffen worden ist – ausgenommen höchstens die Gestalt der Lisa in Turgenjeffs „Adelsnest“. – Nur die Angewohnheit, auf alles hochmütig herabzusehen, bringt Onegin dazu, daß er bei der ersten Begegnung auf dem weltfernen Gut ihrer Eltern überhaupt nicht sieht, wen er in der schüchternen Gestalt des reinen unschuldigen Mädchens vor sich hat, während sie sich schon bei dem ersten Blick auf ihn seltsam befangen fühlt. Er verstand eben nicht, in dem armen Mädchen die geistige Feinheit, die ganze Vollendung und Vollkommenheit ihres inneren Menschen zu erkennen und hielt sie vielleicht wirklich nur für einen „moralischen Embryo“. Sie – ein Embryo! und das noch nach ihrem Liebesbrief an ihn! Wenn jemand in diesem Roman ein moralischer Embryo ist, dann ist das wahrhaftig niemand anderes als er selbst, Onegin! Freilich, er konnte sie gar nicht erkennen: kennt er denn überhaupt die Menschenseele? Er ist ein abstrakter Mensch, ein unruhiger Träumer und bleibt es sein Leben lang. Auch später in Petersburg, wo er sie als vornehme Dame wiedersieht, begreift er sie nicht, obschon er ihr schreibt, daß seine Seele ihre ganze Schönheit fühle. Doch das sind nur Worte: sie geht an ihm und seinem Leben vorüber, von ihm unerkannt, unbegriffen! Darin besteht eben die Tragödie ihres Romans. Wäre dagegen damals, bei der ersten Begegnung mit ihr, Childe Harold, oder gar Lord Byron in eigener Person geradenwegs aus England auf dem Gut eingetroffen und hätte ihn auf den eigenartigen Reiz des schüchternen, jungen Mädchens aufmerksam gemacht – oh, da wäre Onegin sogleich von ihr betroffen und entzückt gewesen! Soviel geistiges Lakaientum steckt zuweilen in diesen Weltschmerzmärtyrern! Doch es geschah nicht, und Onegin, der die Weltharmonie sucht, begibt sich, infolgedessen, nachdem er Tatjana als Antwort auf ihren Brief eine Predigt gehalten und sich dabei immerhin noch sehr anständig benommen hat, mitsamt seinem Weltschmerz und dem aus kleinlich dummem Ärger vergossenen Blut auf dem Gewissen, auf Reisen – zunächst im eigenen Lande, doch offenbar ohne überhaupt zu bemerken, wo er sich befindet. Im Überschwang seiner vermeintlichen Gesundheit und Kraft ruft er unter Flüchen aus: „Jung bin ich, stark ist in mir das Leben!“ und doch weiß er nicht, worauf er wartet, was auf ihn wartet, und so bleibt ihm nichts als sein Weltschmerz.
Das begriff Tatjana. In den unsterblichen Versen des Romans erzählt der Dichter, wie sie das Haus dieses ihr so wunderbaren und rätselhaften Menschen besucht. Ich will hier nicht weiter von der unnachahmlichen Schönheit und Tiefe dieser Strophen reden. Sie betritt sein Zimmer, sie betrachtet seine Bücher, die Sachen, alle Gegenstände, bemüht sich, aus ihnen seine Seele zu erraten, ihre Rätsel zu lösen – und der „moralische Embryo“ bleibt schließlich mit einem seltsamen Lächeln nachdenklich stehen, wie in einer Vorahnung der Lösung des Problems, und ihre Lippen fragen leise:
„Oder sollte er – eine Parodie sein?“
Ja, sie mußte darauf verfallen, sie hatte das Geheimnis erraten. In Petersburg – lange Zeit nachher, nach der neuen Begegnung –, da kennt sie ihn bereits vollkommen. Übrigens, nebenbei hat jemand gesagt, daß das gesellschaftliche Leben bei Hofe verderblich ihre Seele beeinflußt habe und daß gerade die Würde der hochgestellten Dame und die neuen gesellschaftlichen Begriffe zum Teil die Ursache ihrer Absage an Onegin gewesen seien. Nein, so verhielt es sich nicht. Nein, sie ist auch als Fürstin dieselbe Tanjä, dieselbe, die sie dort auf dem Lande war! Sie ist nicht verdorben, im Gegenteil, sie fühlt sich bedrückt durch dieses prunkvolle Petersburger Leben; es ist für sie eine Last und ein Zwang, unter dem sie leidet; sie verabscheut ihre gesellschaftliche Stellung, und wer sie anders beurteilt, der begreift überhaupt nicht, was Puschkin ausdrücken wollte. Fest und ruhig sagt sie zu Onegin:
„... Doch bin ich einem andren angetraut Und werd’ ihm ewig treu sein.“
Das sagt sie gerade als russische Frau, darin besteht die Verherrlichung derselben, die uns Puschkin mit ihrer Gestalt gegeben hat. Sie spricht die innere Wahrheit dieser Dichtung aus. Oh, ich sage kein Wort über ihre religiösen Ansichten, über ihre Auffassung der Heiligkeit der Ehe – nein, das werde ich nicht berühren. Aber wie denn: weigert sie sich deshalb, ihm zu folgen, obgleich sie ihm sagt: „Ich liebe Sie“ – deshalb etwa, weil sie „als russische Frau“ (und nicht als Südländerin oder irgendeine Französin) unfähig wäre zu einem mutigen Schritt, etwa weil sie nicht die Kraft hätte, ihre Fesseln zu zerreißen, und nicht stark genug wäre, das Gefeiertwerden, ihre gesellschaftliche Rolle, ihren Reichtum, den Ruf der Tugend zu opfern? Nein, die russische Frau ist mutig. Die russische Frau handelt furchtlos nach dem, was sie für richtig hält: das hat sie bewiesen. Aber Tatjana ist „einem anderen angetraut“, und diesem, dem sie nun einmal gehört, wird sie „ewig treu sein“. Aber wem denn, wem denn treu? Welchen Pflichten? Treu diesem alten General, den sie doch nicht lieben kann, da sie ja Onegin liebt, und den sie nur genommen, weil „die Mutter sie unter Tränen beschworen“? In ihrer verletzten, wunden Seele war damals weder Hoffnung noch Freude, sondern nichts als Verzweiflung. Also treu diesem alten General? Ja, treu diesem alten General, ihrem Mann, dem ehrlichen Menschen, der sie liebt, der sie achtet und stolz auf sie ist. Mag auch die Mutter sie beschworen und angefleht haben, aber sie, Tatjana selbst und keine andere hat das Jawort gegeben, sie, sie selbst hat ihm Treue geschworen. Mag sie ihn auch aus Verzweiflung genommen haben, jetzt ist er ihr Gatte, und ihr Treubruch würde ihn mit Schimpf und Schande bedecken, würde ihn vernichten. Und kann denn ein Mensch sein Glück auf dem Unglück eines anderen aufbauen? Das Glück liegt nicht allein in den Genüssen der Liebe, sondern auch in der höheren Harmonie des Geistes. Womit sollte man aber den Geist beruhigen, wenn hinter einem ein unehrenhafter, mitleidloser, fast unmenschlicher Schritt liegt? Sollte sie nur deshalb von ihm fliehen, weil es sich um ihr Glück handelte? Aber was kann denn das für ein Glück sein, das auf fremdem Unglück beruht? Nehmen wir an, daß Sie den Bau der Geschicke des Menschengeschlechts aufzuführen hätten, mit dem Ziel, die Menschen zu beglücken, ihnen zum Schluß Frieden und Ruhe zu geben. Nehmen Sie an, zu dem Zweck wäre es unbedingt erforderlich, im ganzen nur ein einziges menschliches Wesen zu Tode zu quälen – ja sagen wir, nicht einmal ein gar so wertvolles, meinetwegen sogar irgendein ganz lächerliches Wesen, also nicht etwa eine Figur aus Shakespeare, sondern – nun, sagen wir, einfach nur einen ehrenwerten alten Mann, den Gatten einer jungen Frau, an deren Liebe er in blinder Überzeugung glaubt, obgleich er ihr Herz gar nicht kennt, der sie aber ehrt und achtet, stolz auf sie ist, glücklich durch sie und ruhig. Und nur dieser eine Mensch muß entehrt und geschmäht und gequält werden, um auf den Tränen dieses Mannes den Glücksbau aufzuführen! Würden Sie da wohl einwilligen, der Baumeister dieses Gebäudes unter dieser einen Bedingung zu sein? Das ist die Frage. Vermöchten Sie auch nur einen Augenblick die Ansicht zu vertreten, daß die Menschen, für die Sie diesen Bau aufführen, einwilligen würden, dieses Glück von Ihnen anzunehmen, wenn Sie in das Fundament den Schmerz eines, zwar unbedeutenden, doch unverdientermaßen unbarmherzig zu Tode gequälten Menschen einmauerten, und daß die Menschen in diesem Glück ewig zufrieden sein könnten? Deshalb frage ich: konnte Tatjana in ihrer Reinheit und Vornehmheit und mit ihrem von eigenem Leid wehen Herzen sich überhaupt anders entschließen? Nein; denn eine reine russische Seele sagt sich in diesem Fall: „Mag ich allein das Glück entbehren, mag auch mein Unglück unvergleichlich größer sein als das Unglück dieses alten Mannes, mag auch niemand jemals erfahren, auch mein Mann nicht, daß ich mich geopfert habe, mag auch niemand mein Opfer schätzen, ich will doch nicht auf Kosten eines anderen glücklich sein!“ Das ist der Kern der Tragödie. Hier handelt es sich um ein Entweder – Oder, für ein Drittes ist es zu spät, und danach fällt denn die Antwort aus, die sie Onegin gibt. Nun wird man vielleicht einwenden: „Ja, aber auch Onegin ist doch unglücklich, den einen macht sie glücklich, den alten Mann, an den anderen aber, den jungen, und sein Unglück denkt sie nicht!“ Erlauben Sie, hier handelt es sich noch um eine andere Frage, vielleicht sogar um die wichtigste im Roman. Übrigens hat die Frage, warum Tatjana nicht Onegin folgt, bei uns, oder wenigstens in unserer Literaturkritik, eine besondere Geschichte, die sogar recht charakteristisch ist, deshalb habe ich mir auch nur erlaubt, mich über diese Frage so ausführlich zu verbreiten. Das Charakteristischste dürfte wohl sein, daß die moralische Lösung dieser Frage bei uns so lange allen Zweifeln ausgesetzt gewesen ist. Ich denke: selbst wenn Tatjana frei gewesen, wenn ihr Mann schon gestorben wäre, daß sie auch dann nicht Onegins Werben angenommen hätte. Man muß doch das ganze innere Wesen dieser Frau erfassen. Sie sieht doch, wer er ist: er, der ewig unstete Mensch, findet plötzlich die Frau, die er als junges Mädchen verschmäht hat, findet sie in einer neuen glänzenden Umgebung, – und diese Umgebung ist für ihn auch das Ausschlaggebende, ihre gesellschaftliche Rolle ist es, die ihn bestrickt. Vor diesem ehemaligen kleinen Mädchen, auf das er beinahe mit Verachtung herabsah oder doch mit Geringschätzung, beugt sich jetzt die Gesellschaft – die Gesellschaft, diese ungeheure Autorität in den Augen Onegins, ungeachtet aller seiner Weltschmerzen und Weltideale. Deshalb also, nur deshalb wirft er sich wie geblendet ihr zu Füßen! Endlich glaubt er, sein Ideal gefunden zu haben, seine Rettung, seine Erlösung von seiner Sehnsucht, die er früher nicht zu erkennen verstanden, und „das Glück war doch so möglich, so nah!“ ruft er aus. Wie Aleko zur jungen Zigeunerin, so strebt Onegin jetzt zu Tatjana, indem er in seinem neuen absonderlichen Einfall alle Lösungen seiner Probleme sucht. Und das sieht doch Tatjana, sie hat ihn doch schon längst durchschaut?! Sie weiß doch ganz genau, daß er im Grunde nur seine neue Einbildung liebt, und nicht sie, die ja dieselbe Tatjana geblieben ist, die sie früher war! Sie weiß, daß er sie für etwas ganz anderes hält als das, was sie ist, daß er sie nicht nur nicht liebt, sondern daß er sogar überhaupt nicht fähig ist, gleichviel wen, zu lieben, wenn er auch noch so sehr leidet! Er liebt seinen Einfall, sein Trugbild, aber er selbst ist auch nur ein Trugbild. Würde er doch, wenn sie ihm folgte, schon am nächsten Tage wieder gleichgültig werden und an seinen Überschwang mit spöttischem Lächeln zurückdenken. Er hat keinen Boden unter sich, auf dem er stehen könnte, er ist ein Stäubchen, das vom Winde getragen wird. Wie anders dagegen Tatjana! Sie hat sogar in der Verzweiflung und in dem Bewußtsein, daß ihr Leben verfehlt ist, etwas Festes und Unerschütterliches, auf das ihre Seele sich stützen, woran sie sich aufrichten kann. Das sind ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Heimat, an die Landeinsamkeit, in der ihr stilles, reines Leben begann, und wäre es auch nur „das Kreuz und der Schatten der Bäume auf dem Grabe ihrer alten Kinderfrau“. Oh, diese Erinnerungen an ihre Jugend sind ihr jetzt das Teuerste, was sie hat, diese Erinnerungen allein sind ihr geblieben, aber sie genügen, um ihre Seele vor der letzten Verzweiflung zu bewahren. Und das ist nicht wenig, nein, das ist schon viel, sehr viel, denn das ist ein fester Boden, ist etwas, worauf man bauen kann. Hierin liegt die Berührung mit dem eigenen Volk, mit seinen Heiligtümern, liegt das, was das Vaterland zur wahren Heimatscholle macht. Was aber hat er, Onegin, und was ist er überhaupt? Doch nicht aus Mitleid konnte sie ihm folgen, nur um ihm eine Abwechslung zu bieten, um ihm nur für einige Zeit aus unendlicher liebevoller Barmherzigkeit das Phantom eines Glückes zu schenken, während sie mit Sicherheit wußte, daß er schon am nächsten Tage sich skeptisch und spöttisch zu diesem seinem neuen Glück verhalten werde! Nein, es gibt tiefe und starke Seelen, die ihr Heiligtum nicht bewußt der Schmähung preisgeben können, und wär’s auch nur aus unendlicher Barmherzigkeit. Nein, Tatjana konnte nicht Onegin folgen!
In diesem seinem unsterblichen Roman „Onegin“ erscheint also Puschkin als ein großer Volksdichter, wie wir vor ihm keinen gehabt haben. Er hat darin mit einem einzigen Griff, in der treffendsten Weise, mit dem scharfsichtigsten Blick, den Kern unseres Wesens, unserer ganzen über dem Volk stehenden Gesellschaft erfaßt und dargestellt. In derselben Schaffensperiode aber, in der er uns den Typ des russischen Skitaletz schuf, den es heute noch ganz so wie damals gibt und der für unser zukünftiges Schicksal von größter Bedeutung ist, während er neben ihn die wahre Vertreterin unendlicher Schönheit in der russischen Frau stellte, prägte er gleichzeitig – und wiederum als erster – in anderen Werken eine ganze Reihe der prächtigsten russischen Volkstypen. Die Schönheit auch dieser Typen besteht vor allem in ihrer Echtheit, die so groß ist, daß man sie ordentlich wie lebende Menschen vor sich zu sehen meint: so unverkennbar sind sie, so wahr und leibhaft stehen sie vor einem: wie gemeißelt. Ich möchte nochmals betonen, daß ich nicht als Literaturkritiker rede, deshalb werde ich meinen Gedanken auch nicht durch eingehende Untersuchungen der genialen Werke unseres Dichters zu erklären versuchen. Über seinen russischen Chronisten[22] zum Beispiel müßte man allein schon ein ganzes Buch schreiben, wollte man die volle Bedeutung dieser Gestalt erfassen und wiedergeben, die Puschkin uns in ihrer ruhigen Geistesgröße wie ein Wahrzeichen und einen ewigen Zeugen unseres kraftvollen Volksgeistes vor Augen gestellt hat. Diesen Typ gibt es wirklich, von dem kann niemand sagen, er sei vom Dichter frei erfunden, sei bloß eine Idealgestalt. Wenn man aber zugesteht (und das muß man), daß es solche Menschen im russischen Volk gibt, dann muß man auch zugeben, daß es notwendig einen Volksgeist, der sie hervorbringt, geben muß, und weiter, daß dieser Geist auch die erforderliche Lebenskraft haben wird. Überall tritt bei Puschkin der Glaube an den russischen Charakter hervor, der Glaube an eine geistige Kraft des Volkes: wo aber Glaube ist, da ist Zuversicht, und die besitzt er denn auch – eine große Hoffnung und ein großes Vertrauen auf den russischen Menschen. Daß er in der Hoffnung auf den Sieg des Guten furchtlos der Zukunft entgegenschaue, sagt Puschkin einmal bei einem anderen Anlaß, doch könnte sich dieser Ausspruch auf seine ganze in nationalem Geiste schöpferische Tätigkeit beziehen. Und niemals, weder vor noch nach ihm, hat ein russischer Schriftsteller sich so herzlich und so vertraut mit seinem Volk verbunden, wie Puschkin. Gewiß, wir haben unter unseren Schriftstellern viele Kenner des einfachen Volkes, die es treffend und sogar liebevoll zu schildern verstehen. Vergleicht man sie aber mit Puschkin, so muß man sich gestehen, daß bis jetzt, außer einem, höchstens zweien von seinen jüngsten Nachfolgern, alle diese Schriftsteller nur „das Volk schildernde Herren“ sind. Selbst bei den begabtesten von ihnen, ja, sogar bei diesen zwei Ausnahmen, die ich soeben erwähnte, bricht doch – bricht irgendwo ein gewisses Herabsehen auf dieses Volk hervor, so etwas, das wie aus einem ganz anderen Leben, einer anderen Welt kommt, so etwas wie ein Wunsch, dieses Volk zu sich emporzuziehen und dadurch dann glücklich zu machen. In Puschkin dagegen hat sich eine wirkliche Vereinigung mit dem Volke vollzogen, die in ihm selbst fast so etwas wie eine echte und innige Rührung auslöst. Man denke nur an seine Geschichte vom Bären, dessen Bärenfrau der Bauer erschlagen, oder an sein Gedicht:
„Freund Iwan, wenn wir jetzt trinken, Müssen wir vorerst einmal ...“
und Sie werden ohne weiteres verstehen, was ich meine.
Alle diese Schätze des schöpferischen Erfassens sind von Puschkin, unserem größten Dichter, gleichsam in der Art eines Hinweises für alle nach ihm kommenden russischen Künstler, für alle nachfolgenden Schöpfer auf diesem Gebiete, hinterlassen worden. Man kann sogar ohne Zögern behaupten: ohne Puschkin wären alle nach ihm gekommenen Begabungen überhaupt nicht möglich gewesen; wenigstens hätten sie sich nicht mit solcher Kraft und Deutlichkeit zu äußern vermocht, ungeachtet ihrer unzweifelhaften Veranlagung, wie ihnen das nach Puschkin in unserer Zeit tatsächlich gelungen ist. Doch gilt dies nicht bloß von der Dichtung, vom künstlerischen Schaffen: ohne Puschkin hätte sich vielleicht auch unser Glaube an unsere russische Selbständigkeit, unsere uns jetzt bereits bewußt gewordene Hoffnung auf unsere Volkskräfte und damit auch der Glaube an unsere Zukunft und Bestimmung, an unsere selbständige Rolle in der Reihenfolge der europäischen Völker nicht so nachdrücklich und unverrückbar festgesetzt, wie das nach Puschkin geschehen ist (wenn auch freilich noch immer nicht bei allen, vielmehr erst bei verhältnismäßig wenigen)!
Diese Tat Puschkins nun tritt eigentlich erst dann plastisch hervor, wenn man voll und ganz erfaßt, was ich unter der dritten Periode seines Schaffens verstehe.
Ich sage nochmals: diese drei Perioden haben keine festen Grenzen zwischen sich. So könnten zum Beispiel einzelne seiner Werke, die er in der dritten geschrieben, sogar ganz zu Anfang entstanden sein, denn Puschkin war immer ein ganzer, sagen wir ein abgeschlossener Organismus, der von Hause aus alle Keime in sich trug und sie nicht etwa von außen nach und nach in sich aufgenommen hat. Die äußeren Anregungen haben in ihm nur die Keime zum Treiben gebracht, das Wachstum gefördert, oder haben, wenn man will, nur das tief in ihm Schlummernde wachgerufen. Aber dieser Organismus mußte sich naturgemäß entwickeln, und die Stufen oder, wie ich sie nannte, Perioden dieser Entwicklung lassen sich in der Tat unterscheiden, ja, es läßt sich sogar nachweisen, daß eine jede ihren besonderen Charakter hat, und es läßt sich verfolgen, wie eine jede sich allmählich aus der vorhergehenden entwickelt hat. So kann man zur dritten Periode denjenigen Teil seiner Werke rechnen, in denen vornehmlich universale Ideen ausgedrückt sind, in denen sich die poetischen Gestalten anderer Völker finden und die den Geist dieser Völker widerspiegeln. Von diesen Werken sind einige erst nach dem Tode des Dichters veröffentlicht worden. In dieser Periode aber hat das Schaffen Puschkins in seiner Art sogar etwas Wunderbares, es ist eine Erscheinung, die außerhalb alles bisher Dagewesenen zu stehen scheint, und es liegt etwas in ihr, dessen sich vor ihm noch niemand hat rühmen können.
Es ist wahr, die europäische Literatur hat Genies von ungeheurer Größe aufzuweisen – hat Männer wie Shakespeare, Cervantes, Schiller. Aber man nenne mir doch nur einen von diesen Großen, der eine solche Fähigkeit, das Wesen fremder Nationalitäten wiederzugeben, besessen hätte, wie unser Puschkin. Gerade diese Fähigkeit, diese Hauptfähigkeit unserer Nationalität, teilt Puschkin mit unserem ganzen Volk, und gerade sie macht ihn zu unserem nationalsten Dichter.
Selbst die größten europäischen Genies haben niemals vermocht, den Geist und das Wesen eines fremden Volkes, ja nicht einmal eines blutverwandten Nachbarvolkes, seine Seele, die ganze verborgene Tiefe dieser Seele und das Innerste dessen, wozu jedes Volk berufen ist, mit solcher persönlichen Schöpferkraft aus sich selbst heraus zu gestalten, wie es Puschkin gelang. Die europäischen Genies haben im Gegenteil, wenn sie sich anderen Völkern zuwandten, die fremde Nationalität gewöhnlich in ihre eigene verwandelt und nach den Begriffen ihrer Nation aufgefaßt. Sogar bei Shakespeare sind zum Beispiel die Italiener fast ohne Unterschied – Engländer. Nur Puschkin besitzt vor allen Dichtern der Welt die Fähigkeit, sich vollständig in den Geist einer fremden Nation zu versetzen. Nehmen Sie seine Faustszene, nehmen Sie sein Poem „Der geizige Ritter“ und die Ballade „Einst lebte ein armer Ritter ...“ Lesen Sie seinen „Don Juan“, und wenn Sie nicht wüßten, daß er von Puschkin ist, würden Sie gewiß nicht erraten, daß ihn – kein Spanier gedichtet hat. Und was sind das für tiefe, unheimliche Stellen in seinem Poem „Das Fest während der Pest“! Aus diesen phantastischen Gestalten spricht das Genie Englands. Dieses prachtvolle Pestlied des Helden, und dieses Lied der Mary – das sind englische Lieder, das ist der Schauer des britischen Genies, seine Klage, sein qualvolles Ahnen dessen, was seiner harrt. Erinnern Sie sich der Verse:
„Einst kam ich in ein ödes Tal –“
Es ist fast eine wörtliche Übertragung der drei ersten Seiten eines seltsamen mystischen Buches, das ein alter englischer Sektierer vor langer, langer Zeit in Prosa geschrieben hat, – aber ist es nun wirklich nur eine Übertragung? Aus der traurigen und gleichsam geisterfüllten Musik dieser Verse fühlt man förmlich die Seele des nordischen Protestantismus in der Seele dieses keltischen Sektenstifters, dieses uferlosen Mystikers mit dem stumpfen, finsteren und unbesiegbaren Wollen in der unbegrenzten und geheimnisvollen Phantasie. Beim Lesen dieses seltsamen Gedichts ist es einem, als spüre man den Geist der Reformationszeit, dieses kriegerische Feuer des frühesten Protestantismus, und begreiflich wird einem schließlich auch die Geschichte selbst, und zwar nicht nur durch ein gedankliches Verstehen, sondern es ist, als wäre man selber dabeigewesen, als wäre man soeben am Lager der bewaffneten Sektierer vorübergegangen, als hätte man mit ihnen Hymnen gesungen, mit ihnen Tränen der Begeisterung vergossen, mit ihnen an das geglaubt, woran sie glaubten. Und neben diesem religiösen Mystizismus stehen religiöse Verse aus dem Koran, die „Nachdichtungen aus dem Koran“: spricht aus diesen nicht ein Mohammedaner, nicht der Geist des Korans selber, und seines Schwertes, der in Einfalt erhabene Glaube und seine grausig blutige Kraft? Dann wieder haben wir die antike Welt in den „Ägyptischen Nächten“. Da verspüren wir die irdischen Götzen, so wie sie waren, die Götzen, die sich über ihrem Volk als Götter festgesetzt, die das Genie ihres Volkes und sein Streben bereits verachten, die an ihr Volk nicht mehr glauben und darüber einsame Götter geworden sind und in ihrer Einsamkeit, in ihrer dem Tode vorangehenden Langweile und Geistesarmut sich mit fanatischen, tierischen Roheiten, mit der Wollust niedriger Insekten, der Wollust eines Spinnenweibchens, das sein Spinnenmännchen auffrißt, die Zeit vertreiben. Nein, ich sage in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben, der so wie Puschkin die ganze Welt in sich aufgenommen hätte. Doch nicht die Aufnahmefähigkeit im allgemeinen ist hier das Erstaunliche, sondern seine ganz unglaubliche Tiefe, das vollständige Sichhineinversetzen seines Geistes in den Geist fremder Völker, die fast vollkommene und deshalb so erstaunliche „Verwandlung“, eine Erscheinung, die sich bei keinem einzigen anderen Dichter wiederholt hat. In der Tat finden wir sie nur bei Puschkin und in diesem Sinne ist er, wie ich bereits sagte, eine noch nie dagewesene Erscheinung und unserer Meinung nach eine prophetische, denn ... denn eben darin hat sich am stärksten seine nationale russische Kraft geäußert, gerade die Volkstümlichkeit seiner Dichtung, das nationale Moment in der gesamten weiteren Entwicklung, das nationale Moment unserer Zukunft, das in der Gegenwart noch nicht an den Tag getreten ist, und das sich, wie gesagt, hier zum ersten Male prophetisch geäußert hat. Denn wo läge sonst die Kraft des russischen Volksgeistes, wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und nach Allmenschlichkeit? Als Puschkin zum Dichter seines Volkes wurde, da begann er, sobald er nur mit dem Volksgeist in Berührung kam, sofort die große Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er ein Enträtsler und hierin ist er auch ein Prophet.
Denn, was bedeutet für uns die Reform Peters? nicht nur im Hinblick auf unsere Zukunft, sondern auch in unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zu allem, was bereits geschehen ist, was sich vor unseren Augen vollzogen hat? Was war sie uns? Sie war doch nicht nur eine Aneignung europäischer Kleider, Sitten, Erfindungen und der europäischen Wissenschaft. Erfassen wir recht, was sie war und wie sie war, betrachten wir sie aufmerksamer. Ja, es ist sehr leicht möglich, daß Peter sie anfänglich nur in diesem Sinne einführte, ich meine in eng utilitaristischem Sinne – aber in der Folge, bei der weiteren Entwicklung seiner Idee, hat Peter sich fraglos von einem gewissen unbewußten Instinkt leiten lassen: der aber zog ihn zu zukünftigen und selbstverständlich zu großen Zielen. Ebenso hat auch das russische Volk nicht etwa nur aus Utilitarismus die Reform angenommen, sondern mit einer gewissen Vorahnung, ein viel weiteres, ein unvergleichlich höheres Ziel zu erreichen, als es der nächstliegende Utilitarismus je sein könnte, das hat es herausgefühlt – natürlich gleichfalls unbewußt, aber doch unmittelbar und mit voller Lebenskraft. Da setzte dann mit einemmal dieses Streben ein: zur lebendigen Wiedervereinigung der Menschen, zu einer, sagen wir, universalen Einigung! Nicht feindlich (wie man es hätte erwarten können), sondern freundschaftlich, mit ganzer Liebe nahmen wir das Genie, den Schöpfergeist der fremden Völker in unsere Seele auf, aller Völker, so viel es ihrer nur gab, ohne Rassenunterschiede zu machen und die einen den anderen vorzuziehen, da unser Instinkt fast schon vom ersten Schritt an die Widersprüche zu unterscheiden, das Fremde einzuschätzen und die Unterschiede zu entschuldigen verstand: allein damit haben wir unsere Fähigkeit und Neigung (die uns selbst noch neu und unbewußt waren) zur Wiedervereinigung aller Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja, die Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine universale. Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt vielleicht nur (d. h. letzten Endes, vergessen Sie das nicht) – ein Bruder aller Menschen werden, ein Allmensch wenn Sie wollen. Oh, unsere ganze Spaltung in Slawophile und Westler ist ja nichts als ein einziges großes Mißverständnis, wenn auch ein historisch notwendiges. Einem echten Russen ist Europa und das Geschick der ganzen großen arischen Rasse ebenso teuer wie Rußland selbst, wie das Geschick des eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung die – wenn man sich so ausdrücken darf – die Verkörperung der Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer durch das Schwert errungenen, sondern durch die Macht der brüderlichen Liebe und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte nach der Reform Peters und Sie werden bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens, meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art unseres Umgangs mit den europäischen Nationen, ja, sogar in unserer auswärtigen Politik finden. Denn was hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit Peter mit seiner Politik anders getan, als Europa gedient, und zwar vielleicht in einem noch viel größeren Maße, als sich selbst? Ich glaube nicht, daß dies nur infolge der Talentlosigkeit unserer Diplomaten geschehen ist. Die Völker Europas wissen ja nicht einmal, wie teuer sie uns sind! Und ich baue fest darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir, sondern die künftigen Russen, bereits alle ausnahmslos begreifen werden, daß ein echter Russe sein nichts anderes bedeutet, als sich bemühen, die europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der europäischen Sehnsucht in der russischen allmenschlichen und allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in dieser Seele sie alle in brüderlicher Liebe aufzunehmen und so vielleicht das letzte Wort der großen, allgemeinen Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens aller Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen. Ich weiß, ich weiß, daß meine Worte, in der Begeisterung gesprochen, wie sie sind, übertrieben und phantastisch erscheinen können. Nun wohl, mögen sie es sein, aber ich bereue nicht, sie ausgesprochen zu haben. Sie mußten einmal ausgesprochen werden und zwar gerade jetzt, im Augenblick unseres Triumphes, in dem Augenblick, wo wir unseren großen genialen Toten ehren, der gerade diesen Gedanken in seiner ganzen schöpferischen Kraft verkörperte.
Übrigens ist dieser Gedanke schon mehr als einmal geäußert worden. Ich habe daher gar nichts Neues gesagt. – Am meisten wird man freilich daran Anstoß nehmen, daß er allzu selbstbewußt scheinen könnte: „Was, uns, unserem bettelarmen, unkultivierten Lande, fiele eine solche Aufgabe zu. Uns wäre es bestimmt, der ganzen Welt ein neues Wort zu sagen?“ Ja, rede ich denn von ökonomischen Erfolgen, von Erfolgen des Schwertes und der Wissenschaft? Ich rede doch nur von der Brüderlichkeit der Menschen und davon, daß zur universalen brüderlichen Einigung das russische Volk vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt und bestimmt ist, und daß ich in unserer Geschichte, in unseren begabten Männern und im schöpferischen Genie Puschkins die Beweise dafür sehe. Mag unser Land arm sein, aber dieses arme Land „durchwandert Christus in Bettlergestalt“. Ja, warum sollten wir nicht trotz unserer Armut sein letztes Wort in uns tragen können? Hat nicht auch er im Stall in einer Krippe geruht?
So wiederhole ich: wir können wenigstens schon auf Puschkin, auf die Universalität und Allmenschlichkeit seines Genies hinweisen. Vermochte er doch das Genie jedes fremden Volkes wie ein ihm nahe verwandtes in seine Seele aufzunehmen. Und in der Kunst, im künstlerischen Schaffen hat er dieses Streben des russischen Geistes zur Universalität unstreitig bewiesen, darin aber liegt schon ein großer Hinweis für uns. Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer Glaube sein, so haben wir in Puschkin doch wenigstens etwas, woraus dieser Glaube entstehen, worauf er fußen könnte. Wäre Puschkin nicht so jung gestorben, er hätte uns vielleicht noch große und unsterbliche Gestalten der russischen Seele offenbart, die unseren europäischen Brüdern bereits verständlicher sein, die sie uns näher bringen würden, als sie uns jetzt stehen. Er hätte ihnen vielleicht die ganze Wahrheit unserer Bestrebungen erklärt und sie würden uns jetzt besser verstehen, hätten es leichter, unser Wesen zu deuten und sie würden eher aufhören, so mißtrauisch und hochmütig auf uns herabzusehen, wie sie es jetzt tun und noch lange tun werden. Hätte Puschkin länger gelebt, dann gäbe es vielleicht auch zwischen uns Russen weniger Mißverständnisse und Streitigkeiten, als es ihrer jetzt zwischen uns gibt. Aber Gottes Ratschluß war anders. Puschkin starb in der Blüte seiner Jahre und seines Könnens und hat fraglos ein großes Geheimnis mit sich ins Grab genommen, so daß wir jetzt versuchen müssen, dieses Geheimnis ohne ihn zu erfassen.
Bei gebotener Gelegenheit einige Vorlesungen über verschiedene Themata auf Grund einer Auseinandersetzung, die mir Herr A. Gradowskij gehalten hat
I. Etwas von größter Bedeutung.
Ich hatte die neue Nummer meines „Tagebuchs“ bereits beendet, indem ich ihren Inhalt auf meine am 8. Juni in Moskau gehaltene „Rede“ und ein Vorwort zu derselben beschränkte. Das Vorwort „Zur Puschkinrede“ schrieb ich in der Vorahnung des Lärms, den man schlagen werde und der denn auch richtig nach dem Erscheinen meiner Rede in den „Moskauer Nachrichten“ nicht lange auf sich hat warten lassen. Als ich aber Ihre Kritik las, Herr Gradowskij, ließ ich den Druck des „Tagebuchs“ bis auf weiteres einstellen, um in derselben Nummer noch meine Antwort auf Ihre Angriffe veröffentlichen zu können.
Oh, meine Vorahnungen sind alle in Erfüllung gegangen, das Geschrei, das sich erhoben hat, ist fürchterlich: stolz sei ich und feig sei ich, und eingebildet und ein „Dichter“! und die Polizei hätte man requirieren sollen, um die „Ausschreitungen“ des Publikums einzudämmen – das heißt, natürlich, eine moralische Polizei, eine liberale Polizei. Aber warum denn nicht die wirkliche? Ist doch auch diese bei uns jetzt liberal, sogar durchaus nicht weniger liberal, als die liberalen Herren, die dieses Geschrei über uns erhoben haben. Es fehlte ja auch nicht viel, und die wirkliche hätte eingegriffen! Doch lassen wir dieses Thema vorläufig, ich will lieber gleich zur Abwehr Ihrer Angriffe übergehen. Vorher möchte ich nur noch bemerken, daß ich mit Ihnen persönlich weder etwas zu schaffen noch mich über etwas auseinanderzusetzen habe, Herr Gradowskij. Letzteres ist so ausgeschlossen, daß ich tatsächlich nicht im geringsten die Absicht habe, Sie zu überzeugen oder gar von Ihrer Ansicht abzubringen. Auch früher schon habe ich mich, wenn ich Ihre Artikel las, stets über den Gedankengang derselben gewundert. Wenn ich Ihnen jetzt antworte, so geschieht das ausschließlich um der – anderen willen: ich meine unsere Leser, die dann über uns urteilen können. Für diese schreibe ich. Ich fühle, ich ahne, ja ich sehe sogar, daß neue Elemente erstanden sind und erstehen, die sich bis zur Verzweiflung nach einem neuen Wort sehnen, die angewidert sind von dem alten liberalen Gespött über Rußland, über jedes Wort der Hoffnung auf Rußland, die müde sind des liberal-zahnlosen Skeptizismus der alten Leichen, die man zu beerdigen vergessen hat, und die denn auch nur deshalb noch unter uns wandeln, dabei freilich sich nach wie vor für die junge Generation halten. Jawohl: müde der alten liberalen Führer und Retter Rußlands, die sich in den ganzen fünfundzwanzig Jahren ihres Aufenthaltes bei uns nur als „grundlose Marktschreier“ erwiesen haben. Kurz, ich möchte außer meiner Antwort auf Ihre Bemerkungen noch vieles sagen, so daß ich, wenn ich antworte, eigentlich nur die gebotene Gelegenheit ergreife, um mich auszusprechen.
Zunächst stellen Sie die Frage – und machen mir damit sogar einen Vorwurf –, warum ich nicht deutlicher erklärt habe, woher sich diese Menschen ohne festen Verbleib, von denen ich in meiner „Rede“ sprach, bei uns eingebürgert haben. Nun, die Geschichte ihrer Herkunft ist lang, da müßte man weit ausholen. Überdies würden Sie mir ja doch nicht beistimmen, gleichviel was ich Ihnen hierauf antworten wollte, denn Sie haben schon eine eigene Antwort auf die Frage, wie sie unter uns möglich geworden sind, in Bereitschaft, und die lautet ganz einfach: „Infolge des Jammers, mit solchen rohen Leuten wie Skwosnik-Dmuchanowskij[23] zusammenleben zu müssen, und außerdem natürlich vor Kummer über die damals noch nicht befreiten Bauern“ – eine Folgerung, die im allgemeinen eines zeitgenössischen russischen Liberalen wert ist, eines von diesen Leuten, bei denen alles was Rußland betrifft, bereits längst – ungeachtet unserer Probleme, die jetzt erst aufkommen – gelöst und unterschrieben ist. Das geschieht nämlich bei ihnen mit einer ungeheuren, nur dem russischen Liberalen möglichen Leichtigkeit.
Nichtsdestoweniger ist diese Frage viel schwieriger und verwickelter, als Sie denken; jawohl, bedeutend schwieriger und zwar trotz Ihrer vermeintlich endgültigen Lösung des Problems. Was nun die Leute wie Skwosnik-Dmuchanowskij und ihren Kummer wegen der Leibeigenschaft der Bauern betrifft, so werde ich noch darauf zurückkommen. Doch zunächst gestatten Sie, daß ich mich zu einem von Ihnen gebrauchten höchst bezeichnenden Wort äußere, das Sie wiederum mit einer Leichtfertigkeit, die fast an Mutwillen grenzt, ausgesprochen haben und das ich nicht übergehen darf.
Sie schreiben:
„... Wie dem auch sei, jedenfalls befinden wir uns schon seit zweihundert Jahren unter dem Einfluß der europäischen Aufklärung, die auf uns überaus stark einwirkt – wohl dank des ‚universalen Verständnisses‘ der Russen, welches Herr Dostojewski für unsere nationale Eigentümlichkeit erklärt hat. Vor dieser Aufklärung können wir nicht so einfach etwa irgendwohin flüchten – wir wüßten auch nicht warum? Es ist das eine Tatsache, an der wir nichts zu ändern vermögen, aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder Russe, dem es um seine Aufklärung zu tun ist, diese Aufklärung unbedingt aus der europäischen Quelle erhält, eben infolge des unbedingten Nichtvorhandenseins russischer Quellen ...“
Dies ist gewiß sehr schwungvoll von Ihnen ausgedrückt. Aber Sie haben da unter anderem ein großes Wort gebraucht: „Aufklärung“. Erlauben Sie, daß ich Sie frage, was Sie unter diesem Wort verstehen: die Wissenschaft des Westens, die Technik, die handwerklichen Fertigkeiten oder die – Aufklärung des Geistes? Was die ersteren betrifft, d. h. die Wissenschaften und die Techniken, so müssen wir die allerdings vom Westen übernehmen, und uns in der Beziehung von Europa abzuwenden, dazu haben wir gar keinen Grund, ganz abgesehen davon, daß es andere Lehrmeister nicht gibt, außer den westeuropäischen, wofür Europa von uns Dank und Preis sei ewiglich. Aber unter Aufklärung verstehe ich (und ich denke, daß niemand sie anders auffassen kann), verstehe ich – das, was das Wort buchstäblich besagt: „Erleuchtung“, also das geistige Licht, das die Seele erhellt, das Herz durchleuchtet, den Verstand lenkt und ihm den Lebensweg weist. Wenn das Wort aber dies bedeutet, so gestatten Sie mir, zu erklären, daß wir durchaus keine Veranlassung haben, eine solche Aufklärung aus den westeuropäischen Quellen zu beziehen, eben infolge des vollkommenen Vorhandenseins (und keineswegs Nichtvorhandenseins) russischer Quellen. Sie wundern sich? Ja, sehen Sie: im Streit der Meinungen, da liebe ich es, gleich mit dem Wesentlichen der Sache anzufangen, um die es sich handelt.
Ich behaupte, daß unser Volk schon seit langem aufgeklärt ist, da es Christus und die Lehre Christi in sein Wesen aufgenommen hat. Man wird mir hierauf entgegnen, das Volk kenne die Lehre Christi nicht und Predigten würden ihm nicht gehalten. Das ist aber nur ein leerer Einwand: es kennt alles, alles das, was es wissen soll, obschon es ein Examen in der Religion nicht bestehen würde. Gelernt aber hat es das, was es weiß, in seinen Kirchen, wo es im Laufe von Jahrhunderten die Gebete und Hymnen hört, die besser sind, als mittelmäßige Predigten. Es hat sie für sich wiederholt und gesungen in den Wäldern, wenn es vor den ins Land einfallenden Feinden flüchtete, und vielleicht hat es schon zu Batyjs Zeiten, als die Tatarenhorden durchs Land zogen, gesungen: „Herr, sei mit uns!“ Vielleicht ist diese Hymne damals entstanden, denn außer Christus hatten die Horden uns alles geraubt, es blieb uns nichts als Christus. In dieser Hymne aber ist bereits die ganze Wahrheit Christi enthalten. Und was will es besagen, daß dem Volk keine langen Predigten gehalten werden und daß die Diakone die Heilige Schrift in uns unverständlicher Weise vortragen – die größte Anklage, die gegen unsere Kirche erhoben wird, von unseren Liberalen natürlich, denselben, die auch die Behauptung ersonnen haben, die kirchenslawische Sprache sei schon als solche unbequem und dazu dem Volk unverständlich?! Dafür tritt der Priester zu ihm hinaus und spricht das Gebet „Herr meines Lebens“ – in diesem Gebet aber ist das ganze Wesen des Christentums enthalten, sein ganzer Katechismus, und dieses Gebet kennt das Volk auswendig, so wie es auch viele Lebensgeschichten der Heiligen kennt und nie müde wird, andächtig zuzuhören, wenn jemand sie erzählt. Doch die Hauptschule des Christentums, die das Volk durchgemacht hat, das sind die Jahrhunderte der zahllosen Leiden und Heimsuchungen, von denen seine Geschichte berichtet, die Jahrhunderte, in denen es von allen verlassen und niedergetreten war, dabei für alle und alles arbeitete, in Christus aber nur seinen Tröster behielt, den es denn auch auf ewig in sein Herz schloß und der dafür seine Seele vor der Verzweiflung bewahrte. Übrigens, wozu sage ich Ihnen dies alles? Will ich Sie denn etwa überzeugen? Meine Worte werden Ihnen natürlich kindisch, wenn nicht ganz überflüssig erscheinen. Doch ich wiederhole zum drittenmal: nicht um Ihretwillen schreibe ich. Dies Thema ist von großer Wichtigkeit, darüber muß noch vieles gesagt werden – und das werde ich auch, solange ich noch die Feder in der Hand halte. Jetzt aber will ich meinen Gedanken nur als These aussprechen: Wenn unser Volk schon seit langer Zeit aufgeklärt ist, weil es in sein Wesen Christus und dessen Lehre aufgenommen, so hat es mit ihm zugleich natürlich auch die wahre Aufklärung angenommen. Bei diesem eigenen Vorrat an Aufklärung können ihm die Wissenschaften des Westens selbstverständlich zu einer unschätzbaren Wohltat werden, und wir brauchen nicht zu befürchten, daß das Bild Christi durch die Wissenschaften bei uns so getrübt werden könnte, wie im Westen selbst. Übrigens ist das auch dort nicht durch die Wissenschaften geschehen, wie es die Liberalen gleichfalls behaupten, sondern schon viel früher, als die Kirche des Westens selbst die Erscheinung Christi entstellte, indem sie sie von neuem in der Gestalt des Papsttums verkörperte und sich aus einer Kirche in einen neuen römischen Staat verwandelte. Ja, im Westen gibt es wahrlich kein Christentum mehr und ebensowenig eine christliche Kirche, obschon es dort noch viele Christen gibt, die ja wohl nie ganz aussterben werden. Der Katholizismus ist nicht mehr Christentum und geht in Götzendienst über, der Protestantismus aber nähert sich mit Riesenschritten dem Atheismus, und wird zu einer schwanken, veränderlichen (und nicht ewig feststehenden) Sittenlehre.
Oh, versteht sich, Sie werden mir hierauf sogleich erwidern, daß das Christentum und die Verehrung Christi keineswegs den ganzen Zyklus der Aufklärung enthielten, diese seien nur eine Stufe derselben, und zur Aufklärung gehörten im Gegenteil die Wissenschaften, Staatsideen, die allgemeine Entwicklung usw. usw. Darauf kann ich Ihnen freilich nichts antworten und eine Antwort wäre wohl auch nicht angebracht, denn wenn Sie zum Teil recht haben mögen, in betreff der Wissenschaften, zum Beispiel, so werden Sie doch dafür niemals zugeben, daß das Christentum unseres Volkes die hauptsächlichste und lebendigste Grundlage seiner Aufklärung ist und ewig bleiben muß! In meiner Rede sagte ich, daß Tatjana, indem sie sich weigerte, Onegin zu folgen, in russischem Geiste gehandelt habe, nach der Auffassung des russischen Volkes von Ehre und Gerechtigkeit. Einer meiner Kritiker jedoch, den es offenbar kränkt, daß das russische Volk eine eigene wahre Anschauung haben soll, widerspricht mir plötzlich mit der Frage: „Aber die Versündigung gegen das siebente Gebot?“ Kann man solchen Kritikern überhaupt antworten? Hauptsächlich kränkt sie ja doch, daß das russische Volk seine festen Begriffe von Rechtschaffenheit haben und somit wirklich aufgeklärt sein könnte. Ja, existiert denn der Ehebruch in unserem ganzen Volk, und existiert er denn als Recht und in Rechtschaffenheit? Hält ihn denn das ganze Volk für gut und richtig? Gewiß, unser Volk ist noch roh, wenn auch längst nicht das ganze Volk, o nein, bei weitem nicht das ganze Volk, das schwöre ich, und ich darf es schwören, denn ich kenne unser Volk, ich habe mit ihm jahrelang zusammengelebt, habe mit ihm gegessen und geschlafen und ward selbst „zu den Verbrechern gezählt“; ich habe gemeinsam mit ihm im Schweiße des Angesichts die Arbeit schwieliger Hände verrichtet, während die anderen, die ihre Hände „in Blut getaucht“, die „Liberalen“ spielten und über das Volk spöttelten und in Vorträgen und Aufsätzen zu dem Ergebnis kamen, daß unser Volk „von Tiergestalt und auch geistig von Tierart“ sei. Also sagen Sie mir nicht, daß ich das Volk nicht kenne! Ich kenne es: von ihm aus habe ich Christus wieder in meine Seele aufgenommen, den ich als Kind im Elternhause kennen gelernt, dann aber verloren hatte, als auch ich mich in einen „europäischen Liberalen“ verwandelte. Doch gut, mag unser Volk sündig und roh sein, und tierisch seine Gestalt und seine Art: „Der Sohn ritt auf der Mutter“ usw. Sie kennen doch das Lied? – aus irgendeinem Anlaß muß es ja entstanden sein! Alle russischen Lieder sind nach einem Geschehnis entstanden, nach etwas wirklich Gewesenem – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Aber so seid doch wenigstens einmal gerecht, ihr Liberalen: bedenkt, was das Volk in all den vergangenen Jahrhunderten durchgemacht hat! Fragen Sie sich zunächst, wer an seiner Roheit am meisten schuld ist, verurteilen Sie es nicht so blindlings! Es ist doch mehr als lächerlich, einen Bauern deshalb zu verurteilen, weil er nicht von einem französischen Coiffeur zurecht gestutzt ist, – denn darauf laufen alle diese Beschuldigungen im Grunde hinaus, die unsere europäischen Liberalen gegen unser Volk erheben, da sie sich nun einmal darin so überaus gefallen, ihm alles abzusprechen: es soll weder eine Persönlichkeit haben, noch eine Nationalität! Mein Gott, im Westen aber, gleichviel bei welchem Volk – gibt es denn dort weniger Trunksucht und Diebstahl, und etwa nicht ebensolche Roheit, dabei noch eine Verstockung des Herzens und eine Erbitterung, die es in unserem Volk nicht gibt, das dafür von wirklicher, echter, unwissender Roheit ist, das wahre Gegenteil der Aufklärung, denn diese ist bisweilen mit einer solchen Gottlosigkeit verbunden, wie man es nicht für möglich halten sollte, wird aber dort nicht mehr für Sünde gehalten, sondern gerade für die einzige Wahrheit. Mag immerhin unserm Volk Tierisches und Sündhaftes anhaften, eines aber hat es zweifellos: das ist, daß es wenigstens, als Ganzes genommen (und nicht nur im Ideal, sondern in der wirklichsten Wirklichkeit) seine Sünde niemals für das Richtige gehalten hat, hält oder halten wird, auch niemals den Wunsch empfinden wird, sie dafür zu halten! Es sündigt, aber früher oder später sagt es doch: ich habe gefehlt. Sagt es nicht der Sündige selbst, so sagt es ein anderer für ihn, und die Wahrheit bleibt bestehen. Die Sünde ist wie stinkender, stickiger Dunst, und der wird sich verflüchtigen, sobald die Sonne vollends aufgeht. Die Sünde ist etwas Vorübergehendes, Vergängliches, Christus aber ist ewig. Das Volk sündigt stündlich und treibt Unfug, aber in besseren Stunden, in den Stunden Christi verwechselt es nie Recht mit Unrecht. Das eben ist das Wichtige: woran ein Volk glaubt, worin es die Wahrheit sieht, wie es sich dieselbe denkt, was sein höchster Wunsch ist, was es liebt und um was es zu Gott betet. Dieses Ideal ist in unserem Volk – Christus. Mit Christus aber besitzt es natürlich auch Aufklärung, und in wichtigen, entscheidenden Augenblicken hat denn auch unser Volk alles, was es volklich anging, stets im christlichen Sinne entschieden. Sie werden spöttisch einwenden: „Weinen, das ist wenig, seufzen gleichfalls, man muß auch handeln, man muß auch verwirklichen.“ Aber unter Ihnen, meine Herren, die Sie doch aufgeklärte Europäer zu sein glauben, gibt es denn unter Ihnen viele Gerechte? Nennen Sie mir doch Ihre Gerechten, die Christus ersetzen könnten! In dem Volk aber gibt es Gerechte. Es kommen unleugbar in ihm Charaktere von unendlicher Schönheit und Stärke vor, die freilich von Ihnen noch nicht bemerkt worden sind. Aber es gibt diese Gerechten und Märtyrer der Wahrheit – gleichviel ob wir sie sehen oder nicht sehen. Ich weiß nicht – wem es gegeben ist, sie zu sehen, der wird sie natürlich sehen und begreifen, wer aber in ihnen nur Tiere sieht, der wird selbstverständlich nichts sehen als das Tierische. Aber das Volk weiß, daß es diese Gerechten unter ihm gibt, schenkt ihnen sein volles Vertrauen, ist stark und gefestigt in diesem Gedanken und in der Hoffnung, daß sie es immer im nötigen, alle bedrängenden Augenblick retten werden. Und wie oft schon hat unser Volk das Vaterland gerettet! Und noch vor kurzem hat es sich, als es vor Sünde, Trunksucht und Sittenlosigkeit fast schon zu verfaulen schien, in neuer geistiger Freude und Frische erhoben und den letzten Krieg für den Glauben Christi, den die Muselmänner mit Füßen traten, ausgefochten. Es nahm den Krieg an, es griff gleichsam nach ihm, wie nach einer Möglichkeit, sich durch Opfer von den Sünden und Sittenlosigkeiten zu reinigen; und es sandte seine Söhne hin, zu kämpfen und, wenn es sein müßte zu fallen für die heilige Sache, und es schrie nicht, daß der Rubel sinke und der Preis für Lebensmittel steige. Es hörte voll Spannung zu, wenn jemand vom Kriege erzählte, es forschte gierig weiter und las selbst in den Zeitungen, soviel es nur lesen konnte, dessen sind wir Zeugen und solcher Zeugen gibt es viele. Ich weiß: die Erhebung des Volksgeistes während des letzten Krieges, und um so mehr noch der Grund dieser Erhebung, werden von unseren Liberalen nicht anerkannt, sie lachen über diese „Idee“. „Wie, in diesen Knechten soll eine sie alle vereinende Idee stecken, sie sollen staatsbürgerliches Gefühl, einen politischen Gedanken haben! – darf man das auch nur annehmen?“ Und warum, warum ist unser europäischer Liberaler so oft ein Feind des russischen Volkes? Warum stehen in Europa diejenigen, die sich Demokraten nennen, immer für das Volk ein oder stützen sich wenigstens auf das Volk, indes unser Demokrat so oft den Aristokraten spielt und zu guter Letzt fast immer dem dient, was die Volkskraft unterdrückt, um als richtiger selbstherrlicher „Herr“ sein Leben zu beschließen? Oh, ich behaupte ja nicht, daß sie bewußt Feinde des Volkes seien, aber gerade in der Unbewußtheit liegt das Tragische. Sie sind ungehalten über meine Fragen? Das ändert nichts an der Sache. Für mich sind das alles Axiome, und ganz gewiß werde ich nicht aufhören, sie zu erklären und zu beweisen, solange ich noch schreibe und spreche.
Doch kommen wir zum Schluß: mit den Wissenschaften verhält es sich so wie ich sagte, aber „Aufklärung“ brauchen wir nicht aus westeuropäischen Quellen zu beziehen. Täten wir es, so könnten sich mit Leichtigkeit solche landläufigen Phrasen einschleppen, wie zum Beispiel: Chacun pour soi et Dieu pour tous, oder après nous le déluge. Oh, gewiß wird man nun sogleich zetern: „Gibt es denn bei uns nicht auch solche Aussprüche, sagt man nicht bei uns zum Beispiel: ‚Der verzehrten Gaben gedenkt man nicht‘, und Hunderte von ähnlichen Sprichwörtern?“ Ja, der Sprichwörter gibt es viele im Volk: der Verstand des Volks ist gar nicht so gering, ebensowenig ist es ohne Humor, und die zunehmende Erkenntnis flüstert immer allerlei pessimistische Betrachtungen ein – aber das sind bei uns doch alles nur Redensarten, und dem Volk fällt es gar nicht ein, an ihre moralische Wahrheit zu glauben, es scherzt über sie und verneint sie selbst. Werden Sie es aber wagen, zu behaupten, daß „Chacun pour soi et Dieu pour tous“ im Westen nur eine Redensart sei und nicht eine gesellschaftliche Formel, die dort von allen angenommen ist und der alle dienen und an deren Richtigkeit alle glauben? Wenigstens alle diejenigen, die über dem Volk stehen und das Volk im Zaum halten, die Land und Arbeiter besitzen und wie Schildwachen vor der „europäischen Aufklärung“ aufgepflanzt sind. Wozu bedürften wir wohl einer solchen Aufklärung? Was sollten wir mit einer solchen anfangen? Nein, suchen wir lieber bei uns etwas anderes. Die Wissenschaften sind eine Sache für sich und die Aufklärung ist gleichfalls eine Sache für sich. In der Hoffnung auf das Volk und im Vertrauen auf seine Kräfte werden wir vielleicht noch irgendeinmal diese unsere christliche Aufklärung in vollem Glanz und in ihrer ganzen Schönheit entfalten. Sie werden mir nun freilich sagen, das sei ein langes Hin und Her als Antwort auf Ihre Kritik. Mag sein! Ich betrachte diese Ausführungen selbst nur als ein Vorwort, jedoch als ein notwendiges. Ganz wie Sie in meiner „Rede“ solche Punkte, in denen Sie nicht mit mir übereinstimmen, hervorheben und diese für das Wichtigste halten, so habe auch ich jetzt einen solchen Punkt aus Ihrer Kritik hervorgehoben, einen, in dem ich den Kern unserer Meinungsverschiedenheit sehe und der uns am meisten hindert, zu einer Übereinstimmung zu gelangen. Nun ist das Vorwort beendet, befassen wir uns jetzt mit Ihrer Kritik und zwar von nun an ohne Abschweifungen.
II. Aleko und Dershimorda[24]. Alekos Kummer um den leibeigenen Bauern. Einige Anekdoten.
Sie schreiben in Ihrer Kritik meiner Rede:
„... doch hat Puschkin, als er Aleko und Onegin in ihrer Verneinung darstellte, nicht gezeigt, was sie denn eigentlich ‚verneinten‘, und es dürfte sehr gewagt sein, zu behaupten, daß sie gerade die ‚Volkswahrheit‘, diese Grundlage der russischen Weltanschauung, verneint hätten. Das ist bei ihm nirgendwo gesagt.“
Nun, ob es von ihm gesagt oder nicht gesagt wurde, und wie groß das Wagnis einer solchen Behauptung auch gewesen sei – darauf werden wir sogleich zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem Passus zu, in dem Sie von Gogols Skwosnik-Dmuchanowskijs sprechen, bei denen Puschkins Aleko es nicht ausgehalten haben soll, weshalb er das Weite suchte – angeblich suchen mußte – und zu den Zigeunern lief. Sie schreiben:
„In der Tat, die Welt des damaligen ‚Skitaletz‘ war eine Welt, die eine andere Welt verneinte. Zur Erklärung dieser Typen sind die anderen Typen erforderlich, die Puschkin niemals dargestellt hat, obschon er sich hin und wieder in heftigem Unmut gegen sie wandte. Die Natur seines Talents hinderte ihn daran, in diese Finsternis hinabzusteigen und in die ‚Perle der Schöpfung‘ Eulen und Fledermäuse mit aufzunehmen, dieses lichtscheue Nachtvolk, das die Kellerräume in den unteren Stockwerken des russischen Gebäudes bevölkert.“ (sollten es nicht die oberen Stockwerke sein?) „Das hat erst Gogol getan, die große Kehrseite Puschkins. Er ist es denn auch, der der Welt die Erklärung gibt, weshalb Aleko zu den Zigeunern flüchtete, weshalb Onegin sich langweilte und quälte, weshalb alle diese ‚überflüssigen Menschen‘[25] entstanden.
Die Korobotschka[26], die Ssobakewitschs, die Skwosnik-Dmuchanowskijs, die Dershimordas und Tjäpkin-Ljäpkins bei Gogol, sind die Gegenstücke zu Puschkins Aleko, Rudin und den vielen anderen: sie bilden den Hintergrund, ohne den diese Gestalten unverständlich wären. Aber die Gogolschen Helden waren doch auch Russen – Gott, und wie echte noch dazu! Die Korobotschka kannte keinen Weltschmerz. Skwosnik-Dmuchanowskij verstand es vortrefflich mit den Kaufleuten umzugehen. Ssobakewitsch durchschaute vollkommen seine Bauern und sie durchschauten ihn gleichfalls. Aleko und Rudin sahen das alles natürlich nicht und sie begriffen es auch nicht; sie liefen einfach fort, wohin ein jeder nur konnte: Aleko zu den Zigeunern, Rudin nach Paris, um dort auf den Barrikaden für eine Sache zu sterben, die ihn gar nichts anging.“
Also sehen Sie mal, sie liefen einfach fort. Oh, welch eine Feuilletonistenleichtfertigkeit im Urteil! Und wie einfach das alles bei Ihnen ist, wie klipp und klar und von vornherein schon entschieden! Sie reden ja wahrlich in fertigen Worten, wie man zu sagen pflegt. Übrigens, weshalb heben Sie es so nachdrücklich hervor, daß Gogols Helden Russen waren – „und wie echte noch dazu!“ Das hat ja nichts mit unserer Meinungsverschiedenheit zu schaffen! Wer weiß es denn nicht, daß sie Russen waren? Auch Aleko und Onegin waren Russen, auch wir, Sie und ich, sind Russen, und ein Russe, ein echter Russe, war doch auch Rudin, der nach Paris „fortlief“, um dort für eine Sache zu sterben, die ihn nach Ihrer Ansicht gar nichts anging. Aber gerade deshalb ist er doch ein so echter Russe, eben weil diese Sache ihn keineswegs so „gar nichts anging“, wie etwa einen Engländer oder Deutschen, – denn eine europäische, eine universale, eine allmenschliche Angelegenheit ist für einen Russen niemals gleichgültig. Und das ist doch auch der Zug, der Rudin auszeichnet. Seine Tragödie bestand doch hauptsächlich darin, daß er auf seinem Felde keine Arbeit fand und auf ein anderes Feld ging und dort starb, nur war dieses Feld ihm durchaus nicht so fremd, wie Sie annehmen. Um was es sich aber hierbei eigentlich handelt, ist folgendes: alle diese Menschen Gogols, wie Skwosnik-Dmuchanowskij und Ssobakewitsch, sind zwar Russen, das läßt sich nicht leugnen, aber sie sind entartete, vom Volksboden getrennte Russen, die, wenn sie das Volk auch von der einen Seite kennen, von der anderen Seite des Volkes dagegen nichts ahnen, ja sie vermuten nicht einmal, daß es eine solche andere Seite gibt – und das ist die ganze Ursache des Unglücks dieser Menschen. Von der Seele des Volkes, von allem dem, wonach das Volk sich sehnt, und um was es betet – von all dem wußten sie nichts, denn sie verachteten das Volk über alle Maßen. Ja, sie sprachen ihm die Seele einfach ab – außer im Moment der ‚Seelenrevision‘[27] natürlich. „Ssobakewitsch durchschaute vollkommen seine Bauern,“ behaupten Sie. Das ist nicht möglich. Ssobakewitsch sah in seinem Leibeigenen nur dessen Marktwert, den er an Tschitschikoff verkaufen konnte. Sie behaupten, Skwosnik-Dmuchanowskij habe es vortrefflich verstanden, mit den Kaufleuten umzugehen. Aber ich bitte Sie! Lesen Sie doch nur die Rede dieses Skwosnik an die Kaufleute im fünften Akt: so kann man allenfalls zu Hunden reden, aber nicht zu Menschen – Sie jedoch nennen das „vortrefflich“ mit einem russischen Menschen umgehen? Ist es möglich, daß Sie das wirklich „vortrefflich“ finden? Da wär’s doch besser, einfach Ohrfeigen auszuteilen und die Menschen an den Haaren über die Erde zu schleifen.
In meiner Kindheit sah ich einmal auf der Landstraße einen Feldjäger vorüberfahren – in einem prächtigen Uniformrock, einen Dreimaster mit Federbesatz auf dem Kopf, – der den Postknecht während der rasenden Fahrt unausgesetzt und ganz fürchterlich mit der Faust ins Genick und auf den Rücken schlug, der Postknecht aber peitschte wiederum wie wahnsinnig die in gestrecktem Galopp jagende Troika. Dieser Feldjäger war natürlich von Geburt ein Russe, aber doch so verblendet und dem Volk entfremdet, daß er sich anders nicht mit einem einfachen Russen verständigen konnte, als mittels seiner riesigen Faust – anstatt aller Worte. Und doch hat er sein Leben lang mit solchen Postknechten und anderen Leuten aus dem Volk zu tun gehabt. Aber die Schöße seines Uniformrocks und der Hut mit dem Federbesatz, sein Offiziersrang und seine blankgeputzten Petersburger Stiefel waren ihm teurer, seelisch und geistig teurer, nicht nur als der russische Bauer, sondern vielleicht sogar teurer als ganz Rußland, das er kreuz und quer durchfahren und in dem er doch aller Wahrscheinlichkeit nach so gut wie nichts Bemerkenswertes gefunden hatte, nichts, das mehr wert gewesen wäre, als einen Hieb seiner Faust oder einen Fußtritt mit seinem blankgeputzten Stiefel. Seine Vorstellung von ganz Rußland beschränkte sich nur auf seine Vorgesetzten, alles andere, was es außer dieser vorgesetzten Behörde noch gab, schien ihm einer Existenz überhaupt nicht wert zu sein. Wie könnte nun wohl ein solcher Mensch das Wesen des Volkes und seine Seele begreifen! Er war zwar ein Russe, aber doch schon ein „europäischer“ Russe, nur mit dem Unterschied, daß sein „Europäertum“ nicht etwa mit der Aufklärung begonnen hatte, sondern mit der Ausschweifung, wie das ja bei vielen, sehr vielen der Fall ist. Ja, diese Verderbnis ist bei uns schon mehr als einmal für das richtigste Mittel zur Verwandlung des Russen in einen Europäer gehalten worden. Der Sohn eines solchen Feldjägers wird vielleicht ein Professor, d. h. bereits ein patentierter Europäer geworden sein. Also reden Sie doch nicht von ihrem Verständnis des Volkswesens! Da taten Männer not wie Puschkin, Chomjäkoff, Ssamarin, Aksakoff[28], die als erste von dem wirklichen Wesen des Volkes zu sprechen anfingen. (Vor ihnen war von diesem Wesen allerdings schon manchmal die Rede gewesen, aber diese Rede hatte immer irgendwie klassisch und theatralisch geklungen!) Als aber diese Männer endlich von der „Volkswahrheit“ zu reden anfingen, da sah man sie erstaunt an und hielt sie für Epileptiker und Idioten, und man glaubte, ihr Ideal sei: „Rettich zu essen und Denunziationen zu schreiben“. Ja, Denunziationen! Sie setzten eben durch ihr Erscheinen und ihre Ansichten alle so in Erstaunen, daß die Liberalen schon bedenklich wurden und zu fürchten anfingen: wie, wollten diese sonderbaren Leute sie nicht am Ende denunzieren? Nun urteilen Sie selbst: sind von den heutigen Liberalen wohl schon viele weit abgekommen von einer so lächerlich dummen Auffassung der Slawophilen?