Hans Küchelgarten
Ullrich Steindorf translation
Eine Idylle in ** Bildern von W. Alow 1827
Deutsch von Ulrich Steindorff
Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben — das überlassen wir dem Publikum — wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes kennen zu lernen.
Erstes Bild
Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt. Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel. Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald. Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt, Da steht behaglich unter Lindenschatten Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt Von seinem greisen Herrn und arg verfallen. Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz, Von blüh’ndem Moos bedeckt das Mauerwerk; Die Fenster windschief. Aber immer ist Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis Der Welt wär’ es dem Alten feil. — Dort steht Die Linde, sein geliebter Ruheplatz. Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten In ihrem Dunkel und erfüllen Garten Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall. — Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden, Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier Ein wenig in der Frische noch zu schlummern. Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren. Wer ist die Schöne, die mit Blicken Ihm naht, in denen alle Glut, Des Morgens ganze Frische ruht, Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken, Wie sie mit lilienweißer Hand Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken, Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken. Doch eh’ er aus dem Schlaf sich fand Zur Welt, sprach er, die Lider kaum Geöffnet, leise wie im Traum: „Du wunder-, wunderbarer Gast, Der du mein Heim besuchet hast, Warum füllt Kummer mich und schwillt Durch meine Seele. Was bewegt Mich Greisen denn dein Engelsbild So tief, so seltsam tief, und regt Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt, Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt Und allem, was da lebt, längst kalt. Seit ich mich tot in mir verscharrte, Ist’s Ruhe nur, auf die ich warte, Die ich begehre immerfort. Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort. Und nun kommst du, du Junge, mir Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir? Ach nein, aus deinem lichten Munde Flammt einer neuen Hoffnung Kunde. Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde Bin ich bereit. Allein mir fehlt Die Würde. Meine Sündenlast Ist groß. Ich war in dieser Welt Ein arger Streiter und gehaßt Von Hirt und Herde. Grausamkeit War mir nicht fremd. Allein ich schwor Den Teufel ab, und ich verlor Zur Buße keinen Tag, allzeit Entsühnend die Vergangenheit.“ Voll schwerer Sorge und verwirrt Fragt sie sich bang: „Soll ich’s ihm sagen, — Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, — Sag’ ich ihm, daß er phantasiert?“ Doch Nebel des Vergessens hängt Um ihn, den neuer Schlaf umfängt. Sie neigt sich über ihn, verstohlen. Wie sanft er schläft, wie still er ruht! Kaum merklich hebt beim Atemholen Die Brust sich. Licht in Ätherflut Hält ihn ein Engel in der Hut, Und paradiesisch Lächeln flicht Sich leuchtend um sein Angesicht. Nun öffnet er die Augen: „Wer, Wer ist’s? — Luise? — Seltsam, ach; Mir träumte — —, du, wo kommst du her? Bist, Wildfang, du so früh schon wach? Noch liegt der Tau. — Es nebelt schwer.“ — „Großvater, nein, ’s ist hell und klar. Im Walde blitzt das Sonnenlicht. Und schon am frühsten Morgen war Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht Ein Blatt. — Weißt du, warum ich kam? Es gibt ein Fest. Wir feiern heut. Der alte Geiger Lodelham Und auch der Fritz sind längst bereit. Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit Und dann — —; ach, wenn nur Hans — —!“ Den Greis Umspielt ein weises Lächeln. Still Hört er, was sie erzählen will, Das sorglos junge Blut. „Ich weiß, Großväterchen, nur du hast Macht, Ein bitter großes Weh zu bannen. Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht Und bald am Tag schleicht er von dannen Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht, Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt, Dann hört er gar nicht, was man sagt. Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht, So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz Noch lange quält, geht er zugrund. ‚Zugrund‘, wie zittert, wenn mein Mund Das harte Wort gebraucht, mein Herz. Meinst du, daß er vielleicht mit mir Nicht mehr zufrieden ist, daß er Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer Und hart wie Stahl mein Herz. Sag’s mir, Du Engelsguter!“ — Und sie schlang Die Arme fest um ihn. Kaum ging Ihr Atem, als sie an ihm hing In ihrer Liebe so verwirrt und bang. Als sich die Träne ihr ins Auge stahl, Wie war sie schön in ihrer Qual. „Gib Ruh’, mein Kind, nicht weinen, nein. Schämst du dich nicht?“ Der Pfarrer mühte Sich tröstend um sie. „Gottes Güte Wird dir Geduld und Kraft verleihn. Wenn du ihn innig bittest, wirst Du auch bei ihm Erhörung finden. Hans lebt ja nur für dich. Du irrst. Du mußt die Zweifel überwinden. Du darfst dir nicht mit solchen leeren Gedanken deine Ruhe stören.“ — — Und als er noch der weinenden Luise Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt, Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee, Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis So gern im Freien nahm. Er liebte es, Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen. So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen. Luise fütterte gedankenschwer Den Kater, der mit lautem Schnurren, Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen. Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an, Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen, Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich, Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, — Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts — Ins Feld hinaus. — Wie herrlich war der Tag! Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen, Das, überragt von dichten, früchteprangenden Laubkronen, in der Sonne flimmerte. Fern dunkelten die grünen Wälder. Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst Entströmten Fluten wundersamster Düfte. Die Bienen waren fleißig unterwegs Und sogen Honig aus den jungen Blüten. Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite Klang laut und lauter kräft’ger Rudersang. Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien. Das frohe Schrein der Herden scholl herauf. Tief in der Ferne sah man schon das Dach Vom Haus Luisens winken, sah das Rot Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. — —
Zweites Bild
Noch ungeklärt sind die Gedanken, Die Hans bewegen, und sein Blick Sieht wirr die Welt des Lebens wanken Und sucht sein künftiges Geschick. — In stillem Frieden war die Zeit Dem Tändelnden vorbeigeflossen; Noch hatte keine Bitterkeit Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen. Kind dieser Erdenwelt war er. Doch ihrer Leidenschaften Brand War seinem Herzen unbekannt. Ganz sorglos war und leicht bisher In Heiterkeit und Glück und Lust Das Kind beim Spiel der Kinderschar. Das Böse war noch seiner Brust Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar Die Welt. — Schon in der frühsten Zeit Der Kindheit war sein Kamerad Luise, deren Heiterkeit Und Milde seinen Lebenspfad Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid Zu tanzen anfing oder sang, Dann schoß durchs blonde Ringelhaar Manch Blitz, der zündend weitersprang. Ihr rosa Miedertüchlein glitt Herab. Man sah bei jedem Schritt Das feine, zarte Füßchenpaar. Sie war ein Kind, und kindlich war Ihr Tun. — Im Walde spielte sie Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief Sie fort, versteckte sich und schrie Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte. Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief, Ihm sein Gesicht, und lachend weckte Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe. Und er, er küßte sie zur Strafe. — Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land. Die Spiele wollten nicht mehr taugen. Die gegenseit’ge Keckheit schwand. Es schwand das Feuer seiner Augen. Und sie hält Traurigkeit gebannt Und Schüchternheit. — Ihr, junger Herzen Verliebte, erste Worte, wart Gekommen, und es blieben nicht erspart Die Tage voller süßer Schmerzen. Was blieb ihm denn zu wünschen weiter, Wo er Luise bis zur Nacht, Gefesselt wie von Zaubermacht, Nicht ließ, ihr treuester Begleiter, Ihr Schatten, wo sie ging und stand. Mit innig tiefer Freude sahen Die Eltern, wie das Glück sich fand, Und sahen sich nicht satt. Die nahen, Leidvollen, zweifelvollen Zeiten hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. — Doch allzubald befiel ein Schmerz, Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram Sein Blick; er starrte himmelwärts Und war ganz unstet, ach, und wundersam. Es schien, als suchte stets sein Geist, Als hegte er geheimen Groll. Die Seele sehnte sich zumeist Gedankenschwer und kummervoll. — Er sitzt und schaut hinab vom Strand Hinaus aufs Meer wie festgebannt. Und wenn im Takt die Wellen rauschen, Scheint einer Stimme er zu lauschen. — — — — — — — — — — — Bald geht er grübelnd durch das Tal, Die Augen feierlich voll Glanz, Wenn bei der Wolken Wirbeltanz Der Donner grollt, ein Feuerstrahl Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen Heiß prasselt und mit einemmal In Strömen rauscht auf allen Wegen. Bald sitzt er in der Mitternacht Vor alten Sagen auf und wacht Und hofft, daß sich die Lettern regen In ihrer Stummheit, wenn die Seiten Er wendet, die so tiefe Kunde Ihm bringen von den grauen Zeiten. Ins Buch versunken manche Stunde, Sitzt er und wendet kaum das Haupt. Wer ihn in dieser schweren Not Gesehn, der hätte fest geglaubt, Die Zeit, da er gelebt, sei tot. Gedanken, wunderbare, hatten Mit ihrem Zauber ihn gebannt. Er suchte dunkler Eichen Schatten Auf seinem Weg durchs Sommerland. Aus diesen tiefen Schatten sprach Manch Rätsel, das er nicht verstand, Und träumend streckte er die Hand Liebkosend aus und griff darnach. — Luise ist die ganze Zeit Allein in ihrem tiefen Kummer. Ihr Herz ist einzig ihm geweiht. Sie findet nächtens keinen Schlummer Und bringt die gleiche Zärtlichkeit Ihm dennoch stets entgegen, hält Die zarten Arme um ihn, küßt Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt, Bis er der Schwermut neu verfällt. Schön sind die Stunden, wunderbar, Wenn ferne Träume ihn umschweben Und der Gesichte lichte Schar Ihn fortträgt in ein andres Leben. Doch, wenn der Seele Land zerstört, Der stille Erdenfleck vergessen, Der Scholle nicht sein Herz gehört, Die schlichten Menschen er vermessen Nicht achtet, werden Traumgestalten Auch dann noch froh im Herzen walten? — — Indessen laßt sein unstet Wesen Belauschen uns. Macht euch bereit, Die Rätsel seines Geists zu lösen In ihrer Mannigfaltigkeit. —
Drittes Bild
Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land! Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen! An dich, in wundersamer Gluten Wehn, Ist meine Seele festgebannt. Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern Ergießen sich und wogen feierliche Massen. Äschines’ Worte blitzen, donnern und durchschauern, Der Iliß Wassern gleich, und fassen Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle. Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht; Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht. Und Zeuxis’ wie Parrhasios’ Pinsel strahlen Helle. Im Portikus steht göttergleich ein Greis Und redet weise von der andern Welt; Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält, Wen Schande trifft und wen der Preis. Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen. Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen! Sieh, wie die Tuniken sich bauschen! Noch eh’ die Leidenschaft des Sophokles verklungen, Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen. Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten, Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten, Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle, Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle. Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt, Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt. Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut! Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht Auf ihrer Schultern Marmorpracht, Auf ihre Brüste wie die Flut. — Und jetzt? — Tympane tosen und die Becher klirren. Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt Mit Efeu, stürmen durch den heil’gen Hain in wirren, Gehetzten Haufen. — Wo? Wohin? — Entrückt, entrückt. Allein! — Verschwunden ist der Chor. Und Gram befällt mich neu und Wehe. Stieg’ doch vom Tal ein Faun empor; Dräng’ aus des Gartens dunkler Nähe Mir einer Nymphe Sang ans Ohr! Ihr Griechen, wunderbarlich habt Die Welt mit Träumen ihr erfüllt, In Zauber alles eingehüllt! Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. — — Doch neue Träume kommen und heben Und ziehen ihn lockend himmelan Empor aus der Sorgen Ozean, hinweg von allem kleinlichen Leben. —
Viertes Bild
Im Land, wo des Lebens Wunderquellen Entspringen und strahlend rings alles erhellen; Wo schwer die Nächte vom Ambraduft, Von Lotossüße geschwängert die Luft; Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten Und Mangostans Früchte golden gluten; Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet; Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet Und Blüten regnet in üppigem Glanz; Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz: Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken, Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken. Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar, Wie Hemasagara funkelt ihr Haar. Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht, Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen; Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen, Dem silbernen Tone, wenn Israfil Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel; Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß. Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß! Was ist? — Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet In Himmeln, wo sie Verwandte findet. Bleib! Blicke dich um! Bleib! — Taub meinem Schrei, Verrinnt sie im Regenbogen. — Vorbei! Erinnrung an sie bleibt und hält Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. — Bunt war sein Träumen überstrahlt; Vom Drang der Jugend heiß durchflossen. Die Hoheit, die sein Herz genossen, Hat herrlich oft sich abgemalt Auf seinem Angesicht. Allein, Was ihn in seinen Träumerein, Was die erregte Seele quälte, Wonach er schrie, wonach er bangte, In wilder Leidenschaft verlangte, Als gält’ es, daß er sich vermählte Der ganzen Welt mit ganzer Lust, Verstand er nicht. — Voll Staub und Dust, Von Dumpfheit voll und Schwere fand Er diese Welt und wirr. Es flog Sein Herz und schlug und schlug und zog Ihn hin nach fernem, fernem Land. Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte. Die Brust ging keuchend auf und nieder. Stolz funkelte durch seine Lider. Ach, wie die Seele darnach lechzte, Am flücht’gen Traum sich festzusaugen. Ach, welche Feuer in ihm brannten, Wie ihn die Tränen übermannten, Das Leben schürend in den heißen Augen. —
Sechstes Bild
Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf, Wo unserer Geschichte Welt, die Welt, Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet. Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst; Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. — Weit schimmerte dem Wanderer entgegen Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs, Des Musikers, das er vor langer Zeit, Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm, Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus; Grün war’s gestrichen; rote Ziegelplatten Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume Umstanden es und drängten in die Fenster. Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun, Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten. Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch. Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange, Behangen mit der Wäsche, die im Glanz Der heißen Mittagssonne lustig blinkte. Durch eine Speicherluke drängte sich Laut girrend eine Taubenschar; es schrien Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch In krausen Wolken aus dem Schornstein auf Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren. Dort auf der Seite, wo der Mauerputz Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln, Dort, wo die alten Bäume Schatten geben, Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge: Radieschen, gelber Käse, eine Dose In Entenform mit Butter; Wein und Bier, Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten: Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. — Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern. Luise kam, doch ihre Schwester Fanny, Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans Zu holen, und war noch nicht zurück. Vermutlich irrte er verträumt umher. Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur Zwei Schritt von ihr. — Sie war nicht selbst gegangen, Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn, Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse. Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater, Zu ihr und sprach: „Du mußt den Hans mal schelten, Daß er so lange nicht mehr bei uns war. Pass’ auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.“ Doch sie war um die Antwort nicht verlegen: „Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln. Er ist schon ohnedies so bleich und elend.“ „Was, krank, sagst du?“ fiel Mutter Berta ein. „Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie, Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen, Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß, Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft, Fängt plötzlich an zu blühn. — Ist denn die Frau Nicht Lichtflut für den Mann?“ — „Ein kluges Wort,“ Warf da der Pfarrer ein. „Wenn Gott es will, Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!“ Er klopfte wieder seine Pfeife aus. Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten; Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten, Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken, Von Missolunghi, von Kolokotroni, Dem großen Führer, und vom argen Krieg, Von Canning sprachen sie, vom Parlament, Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid, Als Hans erschien und sich Luise plötzlich Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte. Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm: „Nun schäm’ dich, Hans, daß du so ganz vergessen Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise Vergißt, wie solltest du der Alten noch Gedenken!“ — „Väterchen, laß sein, laß sein — Was schiltst du Hans denn immer!“ sprach die Mutter. „Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt: Der Brei, der Reis, die duft’gen Zuckererbsen, Der Glühwein und nicht minder der Kapaun, Den mit Rosinen ich und Butter briet.“ — So setzten sie sich friedlich an den Tisch Und waren alle bald vom Wein belebt, Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. — Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte. Es gab ein Stück — der Feiernden zu Ehren. Bald drehten allesamt im Walzer sich. Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog Hans mit Luise toll dahin. Die Welt Flog mit im gleichen, wundervollen Takt. Luise wagte kaum zu atmen, kaum Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen. Der Pfarrer sagte: „Ach, ich sehe mich nicht satt An ihnen, glaubt’s mir. Welch ein herrlich Paar. Luise, dieses heitre, liebe Kind, Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden. Sie sind doch füreinander wie geschaffen. Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein. Ich danke Dir, mein güt’ger Gott, daß Du Im hohen Alter mir die Gnade schenktest Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst, Damit ich solche Enkel schauen durfte. Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme: Auf Erden hab’ ich Herrliches gesehn.“
Siebentes Bild
Des Abends Kühle senkt sich still hernieder. Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille. Und nur der Hirtenflöten melanchol’scher Ruf Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern; Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt, Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift. — Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt. Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer? Der Pfarrer ist’s, der Greis im Silberhaare, Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin. Die übermüt’ge Fanny läßt die Hand, Die von der Angelschnur herabgezogen, Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff Sitzt Hans mit seiner Braut. — Sie sahen alle In stummer Freude einer Welle zu, Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag Der Ruder feurig schäumend perlte. Wie sich nun rasch die ros’ge Ferne klärte Und voller Duft ein Hauch von Süden kam, Da sprach der Pfarrer tief gerührt: „Wie schön Ist dieser Abend Gottes doch! So still Und herrlich wie das Leben des Gerechten. Denn es vollendet ebenso voll Frieden Den Weg, und auf den heil’gen Erdenrest Ergießen sich die gleichen schönen Tränen. Ja, auch für mich wird’s Zeit. Auch meine Tage Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben. Doch werd’ ich auch so herrlich schlafen gehen?“ — Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne. Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein. Luise wandte sich ihm zu: „Sag’ mir, sag’, Hans, Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann, Was quälst du mich? Sag’ mir einmal, warum Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern? Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen Doch nicht umsonst einander gegenüber. Warum weichst du uns allen aus und trauerst? Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh’, Und deine Trauer macht mich selber trübe! —“ Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen. Er drückte sie im Schmerz an seine Brust, Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge. „Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur Durch deine Unruh’ meinen tiefen Kummer. Denn in Gedanken ich versunken scheine, Glaub’ mir, dann denk’ ich immer nur an dich Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz Mit Freude sich und Frieden füllen ließe, Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe, Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten Von einem Kummer dich berühre, daß Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!“ Da lehnte sie an seine Brust sich an Und konnte in der Fülle des Gefühls, Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. — Still zog das Boot am Ufer hin. — Man landet Und steigt schnell aus. „Hört,“ sprach der Vater Wilhelm, „Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht, Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht. Der Nebel steigt.“ — Hans ging mit ihr und dachte: Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen. In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut. Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte, Als hätte er den ewigen Gott belogen. — —
Achtes Bild
Vom Turme schlägt es Mitternacht. Hans sitzt wie immer auf und wacht. Dem Einsamen gewohnte Zeit. Das Flackerlicht der Lampe leiht Nur spärlich Helligkeit. Es fällt Wie Saat des Zweifels in die Welt Des Schlafs. — Kein Blick träf’ in der Runde Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde Die Welle in dem Glanz der Sterne. Die Stille läßt den Atem hören Der Nacht. — Jetzt wird ihn nicht mehr stören Der laute Tag in seinem Denken, Wo über seine Stirn sich senken Friede und Ruh’. — Und sie? Sie setzt Sich auf im Bett; im Fenster jetzt: „Er kann’s nicht sehen, merkt’s ja nicht; Ich seh’ mich satt an seinem Bild. Er wacht, daß er mein Glück erfüllt. Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.“ — Die Welle rauscht im Mondeslicht. Ein Traum sinkt nieder und umfängt Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis. Um Hans spielt der Gedankenkreis Noch immer, dem er sich versenkt.
1.
Entschieden alles! Ist’s Gebot, Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn? Gibt’s andres Ziel nicht als den Tod? Vermag ich Beßres nicht zu sehn? Soll ich mich hin zum Opfer geben, Tot für die Welt und ruhmlos leben?
2.
Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt, Nur Nichtigkeiten lieben dürfen; Kalt jedem Glück sein, das sich gibt, Und niemals Seligkeiten schlürfen? Der Erde Schönheit nie mehr finden, Nie Wahres mehr in ihr ergründen?
3.
Was ruft, was lockt ihr mich so bang, Ihr, dieser Erde schönste Lande. Bei Tag und Nacht wie Vogelsang Hör’ ich in meiner Träume Bande, Bei Tag und Nacht die süßen Töne, Und bin berückt von eurer Schöne.
4.
Euch, euch gehör’ ich. Bald, ach bald Such’ ich die seligen Gefilde, Ein Pilgrim, der zum Heil’gen wallt. — — — — — — — — — — — Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug. Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.
5.
Ja, fallen wird der trübe Flor, In den euch stets der Traum gehüllt. Aufschließen wird die Welt das Tor Zur Wunderherrlichkeit, gewillt, Den Jüngling freundlich zu begrüßen Mit unversieglichen Genüssen.
6.
Der Schönheit Meister! Meine Augen Bereiten sich, was ihr geschaffen Mit Stift und Meißel, einzusaugen. Mein Herz will eure Glut erraffen. Rausch’ hin, mein Meer, von Riff zu Riff! Bring mich an Land, einsames Schiff!
7.
Du aber, enger Winkelfrieden, Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn. Himmlischer Regen reich beschieden Sei euch und Blüte und Gedeihn. Das Herz, scheint’s, härmt sich, euch zu lassen, Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen.
8.
Auch du, mein engelstilles Herz, Vergib und geiz’ mit deinen Tränen. Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz. Verzeih dem armen Hans sein Sehnen. Klag’ nicht. Der Weg ist bald gemessen, Und ich zurück. Wie könnt’ ich dein vergessen! —
Neuntes Bild
Wer kommt noch zu so später Stunde Behutsam durch die Nacht gewallt, Den Wanderstab am Gürtelbunde, Den Rucksack rüstig umgeschnallt? Vor ihm ein Haus zur rechten Hand; Zur linken führt ein Weg ins Weite. Er will den weiten Weg ins Land, Erfleht von Gott Kraft zum Geleite. Allein er wendet, übermannt Von stillem Weh, verzehrt von Gram, Den Schritt zum Haus, woher er kam. Vor einem offnen Fenster sitzt, Den Kopf in seine Hand gestützt, Und ruht ein wunderschönes Kind. Mit seinem Flügel streicht sie mild Und gibt ihr Träume ein — der Wind, Von denen sie nun ganz erfüllt, Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt, Wie er sich peinvoll naht der Schönen Und bebend ihr ins Antlitz schaut Und kummerschwer, sein Weh in Tränen. Sein Auge schimmert glanzbetaut. Er beugt sich nieder glühend heiß Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis. Den weiten Weg eilt er dahin. Sein Innerstes durchbebt ein Schauer. Unrast umdüstert seinen Sinn, Und seine Seele tiefe Trauer. Noch einmal wendet er den Blick Zum Abschiedsgruß. — Ein weißes Band, Zieht schon der Nebel übers Land. Sein stöhnend Herz weist ihn zurück. Ein rauher Wind mit scharfem Tone Stößt Eichenkron’ an Eichenkrone. Und grau verschwimmt im fernen Raum Das Haus. Ganz unklar wie im Traum Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen, Daß wer durchs Gartentor gekommen Und daß einmal, als wenn er schälte, Der treue Hund im Hofe bellte.
Zehntes Bild
Spät wird der helle Führer wach, — Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer Wogt übers Feld ein Nebelmeer, Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach. Des jungen Morgens Kühle fächelt Die Schöne aus der Ruh’. Benommen Vom Schlaf am Fenster und beklommen, Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt. Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet Das Auge, daß es funkelnd leuchtet: „Wann kommst du, Hans? Wie lang soll’s dauern? Du schwurst: beim ersten Tageslicht! Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern, Ein trüber Tag. Die Nebel schauern, Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?“ Geängstigt halb und halb verdrossen, Blickt sie zum Fenster ihres Hans. Geschlossen ist’s und bleibt geschlossen. Er schläft gewiß, und Traumesglanz Umgaukelt ihm sein Liebstes noch. Lang hat’s getagt. Vom Regen sind Durchfurcht die Täler, und vom Wind Gewiegt der Wald. Ach, käm’ er doch! Der Mittag naht. Unmerklich steigt Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt. Auf flammt in siebenfarb’gem Bogen Am Himmel paradiesisch Licht. Mit Funken ist die Eiche übersprüht. Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied. Wo bist du, Hans, was kommst du nicht? Warum? — Die arge Brust umflicht Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual, Zu horchen auf die Stundenzahl. Die Türe geht. — Er ist’s! — Nein, nicht: Herein tritt Berta; wohlig fällt Der rosa Morgenrock, der weiche, Und farbenfroh die kantenreiche, Gestickte Schürze. „Engelgleiche, Was hat die Nachtruh’ dir vergällt? Bist bleich und matt. Was ist geschehn? Störte der Regen, der so schwer Herabgerauscht, das wilde Meer, Der Hahn, der wüste Lärmer, den Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr? Hat dich der Böse überkommen, Dir deinen reinen Schlaf genommen, Ins Herz gesenkt trübselig Trauern? Tust mich von ganzer Seele dauern.“ „Nein, nicht des Regens Rauschen, ach, Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn, Der wüste Lärmer, hat’s getan. Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach. Nicht solcher Traum hat mich benommen, Bin solcher Trübsal nicht beklommen. Der Traum, der mir zu Sinnen kam, War anders, schwer und wundersam.“ — „Mir träumte: Finstre Öde sei Um meinen Weg. Rings Nebel nur Vom Moor, und in der Wüstenei Von trocknem Boden keine Spur. Ein ekler Dunst! Die Erde weicht. Bei jedem Schritt ein neuer Schlund, Bei jedem Schritt ein neuer Grund Zur Herzensangst. Und mich beschleicht Unsäglich Wehe. Da erscheint Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt Aus einer Wunde. Er beginnt Zu schluchzen über mir und weint. Doch statt der hellen Tränen floß Ein trüber Strom. Ich wachte auf. Und über Brust und Antlitz goß Vom Blondhaar triefend wie der Lauf Von tausend Bächen dummer Regen. Mein Herze schlug in trüben Schlägen, Und Traurigkeit befiel den Sinn. Die Locken blieben feucht. In Sorgen Sitz’ ich verhärmt seit frühem Morgen. Wann kommt er heim? Wo ist er hin?“ Die Mutter steht gedankenvoll Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie Ihr Antwort gibt: „Ach, wüßt’ ich, wie Ich deiner Not Herr werden soll, Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, — Gott geb’ uns Kraft! — was ihm geschehn.“ Sie treten in sein Zimmer. Leer, Ganz leer! Im Winkel liegt umher Ein alter Platoband, gar arg Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark Und Schillers Werke, die vermeßnen, Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen. Und Fetzen von Papier. Es blühn Die Blumen auf der Etagere. Die Feder blinkt, mit der er kühn Entlastet sich der Träume Schwere. Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist? Luise nimmt ihn auf und bebt. Von wem? An wen? Und als sie liest, Fängt ihre Zunge wie noch nie Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie. Gram, sengend Wehe warf sie nieder. Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder.
Elftes Bild
Schau’ her, Grausamer! Sieh, Tyrann, Wie sie verhärmt im Staube kauert; Die einsam Welkende, sieh’ an, Wie sie in trüber Öde trauert, Vergessen, ach! Schau’ hin einmal Auf dein Geschöpf, in dessen Brust Du Lebensglück und Lebenslust Mit Gram vertauscht und Höllenqual. Durchwühlte Grüfte, siehst du sie? Und wie sie dich geliebt, ja, wie! Mit welch lebend’ger Innigkeit Klang ihrer Rede Melodie, Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit, Da du gelauscht? Wie war von Schuld, Von Trübsal rein des Blickes Brand, Der dich versengt. Wie oft entschwand Zu langsam ihrer Ungeduld Der böse Tag, zeigte sich nicht, Der Träumerischen, dein Gesicht. Und du konntst sie verlassen, du? Hast dich von allem abgewandt Und wanderst fremd in fremdem Land? Wem tust du das? Für wen, wozu? Doch schau’, Grausamer! Sieh, Tyrann! Am Fenster harrt sie noch, verzehrt Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt Zu ihr, er, der geliebte Mann. — — Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle Liegt wundersam auf allen Dingen. Ein kühler Wind regt seine Schwingen. Kaum hörbar plätschert fern die Welle. Die Nacht entbreitet ihre Schatten. Leis tönt die Syrinx. Es ermatten Im West die letzten Glutenschimmer. Sie sitzt reglos und harrt noch immer. —
Nächtliche Gesichte
Allmählich dunkelt und vergeht Des Abends Rot. Schon liegt die Welt In süßem Schlaf, und überm Feld Steigt auf des Mondes Majestät. Das Meer erschimmert wie Kristall. Durchsichtig scheint das ganze All. Schatten wachsen auf und ziehen. Wundersam gestaltet fliehen Herrlich sie, weit, immer weiter, Himmelwärts die Sternenleiter. Heller wird’s: zwei Lichter blitzen. Da: zwei Ritter, zottig, fahl. Zweier schart’ger Schwerter Spitzen, Zweier Panzer Schmiedestahl! Halt! Sie suchen, treten an; Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei! Kämpfen, glitzern Mann an Mann. Suchen wieder ... Da, vorbei! Dunkel schwillt und deckt sie schwer. Nur der Mond steht überm Meer. — Ein Lied der Kön’gin Nachtigall durchschallt Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht. Die Erde atmet kaum, sie lauscht Verträumt der Sängerin. Der Wald Steht reglos. Alles schläft im Kreise. Es tönt nur die verklärte Weise. Luftgebaut ragt der Palast Einer Märchenfee empor. Vor dem Fenster dicht am Tor Singt verklärt ein Minnegast. Sieh, ein Silberteppich glänzt, Ganz durchwebt mit Wolkenringen. Drüber schwebt ein Geist, der grenzt Nord und Süd mit seinen Schwingen. Schlafen sieht der Gast, gebannt Durch ein Gitter aus Koralle, Seine Fee. Die Perlmuttwand Bringt der Trän’ Kristall zu Falle. — Dunkel eint und deckt sie schwer. Nur der Mond steht überm Meer. — — Kaum schimmert durch den Dunst das Land. Geheime Wünsche ohne Zahl Weckt uns die See. — Ein Riesenwal, Taucht aus dem Nebel. Übermannt Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht; Und unablässig rauscht die Flut. — Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen Herrlich schön. Den leuchtend hellen, Weißen Schaum der glühend blauen Wogen teilen sie. Die Wellen Spielen kosend wie im Traum Um die Schöne mit der weißen Lilienbrust. Sie atmet kaum. Um die zarten Glieder gleißen Tropfen wie ein Funkensaum. Ach, sie lächelt, kichert leise Und schwimmt sinnend hin im Licht. Bald voll Lust, bald wieder nicht. Träumerisch singt sie die Weise, Den Sirenensang der Klagen Des Verrats, den sie ertragen, Sie, die Junge. — Reglos ruht Mondbeglänzt die blaue Flut. — Ein Friedhof fern in fremder Flur, Von einem alten Zaun umhegt. Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt Der stummen Toten Häuser. Nur Der Flug der Eulen und das schrille Schrein zerreißt die Grabesstille. — Langsam steigt aus seinem Bette Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt Ihn sein Mantel. Vom Skelette Klopft den Staub er würdig. Kalt Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer, Gelbes Feuer glüht aus seinen Augen. Mit den Knochenbeinen Hält ein Roß, ein ungeheuer Glänzend Roß er, einen Schimmel. Und es wächst, wächst bis zum Himmel. Leiche steht nach Leiche auf. Zug des Grauns! Von seinem Lauf Beben Erde, ach, und Lüfte. — Endlich schließen sich die Grüfte. — Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt Das Fenster hastig zu. Ihr Blut Von Eiseskälte, bald von Glut Durchschauert, bebt gleichwie die Flut Im Sturm. Ein schweres Wehe legt Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. — Wenn mitleidlos des Schicksals Faust Ein kalter Kieselstein entsaust Und trifft ein armes Herz, wer hält Die Treue, sagt, in aller Welt Noch dem Verstand? Wes Seele ficht Kein Übel an? Und wer verfällt, Sich ewig gleich, im Unglück nicht Dem Aberglauben? Wer erblaßt Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt Im Traum? — Aufs Lager bang Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer. Vergeblich suchte sie den Schlummer. Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang, Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider Der Schlaf, der launenhafte, wieder. —
Dreizehntes Bild
Ein traurig Bild: Ruinen von Athen! Die Säulenreih’n, die bildwerkreichen, Sind morsch. In öden Tälern stehn Sie traurig, müder Zeiten Zeichen. Zertrümmert halb und halb verwittert Das hehre Denkmal, und zersplittert Selbst der Granit. — Ein karger Rest. — Ein morscher Architrav nur prangt Voll Majestät, und Efeu rankt Und hält am Kapitäl sich fest. In Gräben, die man längst verließ, Herabgestürzt ein Giebelkranz; Dort schimmert noch ein prächt’ger Fries Und der Reliefmetopen Glanz. Hier trauert eine reichgeschmückte Korinthsche Säule noch. Und leise Eidechsen schlüpfen scharenweise Darüber hin. Voll Würde blickt Er auf das Elend rings. Gerückt In toter Zeiten dunkle Nacht, Verdrängt, hat er für nichts mehr acht. Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten Die Bilder von Vergangenheiten Vorbei. An kaltem Marmor lehnt Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt, Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens! Das Bündel des vergangnen Lebens Knüpft er nicht auf. Ohnmächt’ge Qual, Verlorne Müh’! — Allüberall Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande Der trübe Blick. Im Sonnenbrande Blinkt durch die Säulen dann und wann Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke, Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. — — Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. — — Unsagbar tiefe Traurigkeit Packt da den Fremden plötzlich wieder. Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid, Daß er den weiten Weg gemessen, Ist’s ihm. Hat er sein Dach, den stillen, Friedlichen Platz daheim vergessen, Verlassen um der Gräber willen? Ach, wären doch die Traumgespinste, Die schönen, seinem Sinn geblieben. Der reinen Schönheit Spiegelkünste, Ach, hätten sie ihn nicht getrieben! Nun sind die Träume tot und kalt Und abgestreift ihr Zauberflor. — Mit unbarmherziger Gewalt Habt ihr ihm schonungslos das Tor Zur Glut der Traumeswelt verschlossen, Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen! Langsam verläßt und kummerschwer Der Fremde nun den Trümmerort. Er schwört, des blinden Einst nicht mehr Zu denken, aber immerfort Fliehn seine Opfer vor ihm her. — — —
Sechzehntes Bild
Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf Blüht alles noch und prankt wie ehedem. Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören Den stillen Herzensfrieden der Bewohner. Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel Verändert. Lange ist der Pfarrer tot. Er hat den dornenvollen Weg beendet Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf. Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt, Und alle hatten Tränen in den Augen, Gedenkend seines Lebens, seines Tuns. Er war es, der für unser Seelenheil, Für unser geistig Brot von je gesorgt. Er war es, der so schön das Gute lehrte; Er war der Trauervollen steter Trost, Der feste Schild der Witwen und der Waisen. Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach Er von dem reinen Martertum, vom Leiden Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert Und unter Tränen seinen tiefen Worten. — Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht Links von der Straße dicht an einem Friedhof Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel Der Zeit hat seine Runen eingegraben. In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten. Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn. Die braven Bauern waren gern bereit, Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten Verkündeten durch eine Inschrift, wie Er lebte, wieviel stille Jahre er Als Seelensorger zugebracht und endlich Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. — Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham Errötend seine Flechten löst, und wo Im Felde sich ein frischer Wind erhebt, Der Tau die blitzend blanken Perlen streut, Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen, Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab Und schmücken es mit duft’ger Blumen Fülle Und gehen ihres Wegs. — Nur eine bleibt, Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt, Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen, Als wollte sie Unfaßliches begreifen. Wer würde, ach, in dieser kummervollen Gestalt Luise wohl erkennen? Wer? Der frohe Glanz der Augen ist erloschen, Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht Das Zeichen einer Freude drüber hin. Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm! Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs! So trauert wohl der strahlende Seraph Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach. Voll Schönheit war die glückliche Luise, Die trauernde war fast noch herrlicher. Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied. Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele War sie dem Greise zugetan. Und nun Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht, Am heiligen Altare uns zu trauen, Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen. Wie hattest du den träumerischen Hans Geliebt — — Und er? — — — Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte. Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim An seiner Drechselbank und schneidet Platten Aus Buchenholz mit feiner Maserung, Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert. Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt Hektor, sein lieber, treuer Kamerad. Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl. Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar Von Gänsen, und die Hühner gackern auch Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem Hört man das ew’ge Zwitschern frecher Spatzen, Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. — Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes. Die grünen Blätter wurden gelb und fielen, Die Schwalben zogen über ferne Meere. — In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta: „Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben. Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei. Jetzt wird’s früh feucht, und dichte Nebel fallen Und schicken ihre Schauer über uns. Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not! Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen. Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.“ — Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter! Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll Von Sehnsucht und vom Freunde träumend, Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin: „Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!“
Siebzehntes Bild
Wie trüb auch sonst die Tage schleichen Im Herbst, das Heute ist voll Licht. Die Sonne zeigt ein hell Gesicht, Und blanke Silberwellen streichen Am Himmel hin. Den Weg herab Mit Rucksack kommt und Wanderstab Ein Fremder matt und scheu daher. Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt, Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt Vom alten Hans, fast gar nichts mehr. Sein halberloschner Blick umschweift Das Meer der gelben Ährenwellen, Der Berge bunten Kranz. Es greift Der schöne Traum sein Herz; es schwellen Des Allvergessens Seligkeiten Die Brust. Doch die Gedanken schreiten, Ach, einem andern Ziele zu. Nichts wär’ ihm nötiger als Ruh’. Er kommt, so scheint’s, von weit, weit her. Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer Schmerzt seine Seele ihn und ächzt. Er denkt, doch kein Gedanke lechzt Nach Ruh’. — Wem gilt sein tiefes Grübeln? Erstaunt, wie er mit allen Übeln Von dem Geschick gemartert ward; Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt, Lacht bitter auf er, daß er trunken Die Welt des Wahns, so hassenswert, In seiner Unvernunft begehrt Und ihrem leeren Glanz versunken; Daß er sich in der Menschen Schoß, Von ihrem eklen Tun wie toll Berauscht, bezaubert, — schwankungslos Geworfen kühn und glaubensvoll. Ach, kalt wie Gräber waren sie, Habgier und Ehrsucht galt allein, Nichts sonst, — und wie verächtlich Vieh So tierisch, ach, und so gemein. Sie zogen in den Staub, was gut Und hehr. Es schalten ihre Zungen Verächtlich nur Begeisterungen Und Geistestat. Falsch war die Glut; Und wenn sie sich emporgeschwungen, Verderben rings. Wer lauschte schon Der Reden einschläferndem Ton Und bebte nicht? Von Gift wie schwer Ihr Atem, wie voll Lüge ist Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List; Wie hohl die Worte und wie leer! Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit Begegnet und von ihm erkannt. Doch ward zu höherm Glück die Klarheit Ihm in der Seele Träumerland? Wie ferne Sternenhelle zog Verlockend ihn der Ruhm. Allein Sein blinkend Gift war scharf, es trog Der dichte Qualm ihm vor den Schein. Der Tag versinkt im West. Die Schatten Des Abends wachsen, und die matten, Hellweißen Wolkenränder glühen In greller Röte auf. Die dunkeln Vergilbten Blätter alle sprühen Von goldnem Strahlenwerk und funkeln. Der Wiesengrund der Heimat tut Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt Den matten Blick urplötzlich Glut, Und eine heiße Träne quillt. Die Freuden aus vergangnen Jahren, Harmloser Späße, alter Träume Scharen, Sie engen ihm die Brust und rauben Den Atem ihm. Er will’s nicht glauben Und sinnt dem Grund nach und beginnt Zu weinen wie ein schwaches Kind.
Meditationen
Der Augenblick, da wunderbar Ein Auserkorner im Gefühl Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis Erfaßt des Daseins höchstes Ziel, Der sei gesegnet immerdar. Nicht leerer Träume Schattenpracht Und nicht des Ruhmes Flitterglanz Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht Ihn in den lauten Wirbeltanz Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft, Ist Ansporn ihm und einz’ger Rat, Reizt ihn und treibt die Leidenschaft Zu Edlem ihn und großer Tat. Für sie setzt er sein Leben ein; Mag auch der Torenpöbel schrein, Er wird lebend’ger Trümmer wegen Nicht wankend, denn er hört allein Der Enkelzeit rauschenden Segen. Wenn aber Trug und Traumgestalten Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen, Dem Willenskraft und Härte fehlen, Im Wirrwarr standhaft sich zu halten, Dann ist es besser, ohne Fülle Das Feld des Lebens zu durchmessen, In der Familie, in der Stille Des Weltenlärmes zu vergessen. — —
Achtzehntes Bild
Die Sterne gehen auf in Harmonie. Mit mildem Blicke schweifen sie Ob all der Schlafversunkenheit Als Wächter leisen Menschenschlummers. Sie senden Ruh’ der Guten Leid, Und Bösen — des Gewissenskummers Todbringend Gift. — Was schickt ihr nicht Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid Des Menschen Freude, tröstend Licht. — Wenn seine Blicke voller Leid Und Kummer flehend an euch haften, Hört er den Streit der Leidenschaften Im Herzen; und er ruft euch laut, Bis er die Schmerzen euch vertraut. — Noch ist Luise traurig-müd; Und noch entkleidet nicht; sie blickt Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht, Noch in die Herbstnacht unverrückt. Ihr Sinn beschwört das alte Bild. Da füllt sie Heiterkeit und weitet Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt, Das am Spinett sie froh begleitet. Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen, Durch die der Hofzaun blinkt. — Hans steht In des Vergessens süßen Träumen, Vom Mantel eingehüllt, und späht Und lauscht. — Soll er noch länger säumen? — Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange Der Stimme, die ihm nicht geklungen Seit seiner Trennung, die ihm lange, So lange, lange nicht gesungen! Das Lied, das heißer Leidenschaft, Das, sangesfrohem Mut entquollen Und all dem Übermaß der Kraft, Begeistert einst und froh erschollen, Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen Der Blätter wonnesam entgegen: Dich rufe ich! Ich rufe dich, Des Lächeln mich bezaubert hat, Mein Lieb! Viel Stunden setze ich Mich zu dir, und es sehen sich Die Augen doch an dir nicht satt. Du singst: — geheimnisvolle Klänge, Des Herzens reinste Töne hallen Und zittern durch die Luft und schallen Wie Schlag von tausend Nachtigallen, Als ob ein Silberbach mir sänge. Schnell zu mir! Lehn’ dich an mich, schnelle, Durchbebt von Gluten, wundersamen. Dein Herz brennt in der Stille helle, Und deine Ruh’ strömt Well’ auf Welle In mich die heißen Liebesflammen. Bist du mir fern, dann quält mich Wehe. Vergessen gibt es nicht für mich. Wenn ich erwach’, zur Ruhe gehe, Stets bete ich und stets erflehe Ich Glück, mein Engel, nur für dich! — War’s Täuschung, was sie sah? Es sprühten Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm, Wie jemand seufzend näher kam. Angst packt sie, Zittern fällt sie an; Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann Solch wundersames Wiedersehen, Kann der Gefühle eignen Bann, Der Blicke Flammensprach’ verstehen? Wer kann die Feuerworte finden, Zu schildern recht, wie das Empfinden, Aufwogend wild, die Brust durchspült Und unser tiefstes Herz durchwühlt? Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach. Gedanken, Worte fehlen; ach, Voll Seligkeit entringt im Überschwang Der Brust sich nur ein heller Klang. Hans faßt allmählich sich. Er blickt Durch Tränen ihr ins Angesicht Und denkt: „In Traum bin ich entrückt; Erwachte ich doch ewig nicht! Sie ist noch die, die mich umfaßt Mit kindlich innigem Verlangen. Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt Ist jetzt das frische Rot der Wangen. Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen Zu finden, floh von ihrem Herzen.“ Des Leidensschlafes Schwere sank Von ihm; gesund und ruhig ward Er wieder, er, den Stürme lang Geschüttelt, wild durchtobt und hart. — So strahlt die Welt stets sonnenblank Aufs neu. — In Glut gehärtet Stahl Glänzt stärker, heller tausendmal. — Die Gäste zechen. Ihre Runde Gehn Glas und Becher und erklingen. Die Alten plaudern manche Stunde. Derweil sich heiß im Tanze schwingen Die Jünglinge, da lärmt und schallt Die heiterste Musik. In Saus und Braus Herrscht Freude über Alt und Jung; Und gastlich ladend lacht das Haus. Der Bäuerinnen junge Schar Bringt blaue Veilchen für die Braut, Dem Bräut’gam Flammenrosen dar. Sie schmücken das verliebte Paar. „Bleibt lang noch jung,“ so hallt es laut, „Blüht, wie hier diese Veilchen blühn Vom Felde, frisch und immer grün. Mag euer Herz von Liebe, schaut, Wie dieser Rosen Feuer glühn!“ Von Zärtlichkeit ganz hingerissen harrt Hans erbebend schon. Sein Blick Ist helle Freude, tiefes Glück. Sein Herz will unverstellt genießen, Nachdem des Zwanges Panzerkleid Gefallen ist, die Seligkeit. Euch, Träume voller Trug und List, Wird nun nicht mehr vergöttern er, Der ird’scher Schönheit Diener ist. — Doch was umdüstert ihn so schwer? (Unfaßlich ist des Menschen Art!) Von seinen Träumen scheidend, starrt Er ihnen trauernd nach, verloren, Wie einem, dem er Treu’ geschworen. — So harrt der Schüler vor dem Schlage Der Glocke am ersehnten Tage Des letzten Unterrichts. Ganz voll Von Plänen und vor Freude toll, Spinnt er sich Träume. Ohne Klage, Zufrieden mit der Welt und sich in lang Entbehrter Freiheit Überschwang. Doch wenn die Abschiedsstunde naht Von Haus und Freund und Kamerad, Mit denen Arbeit er und Ruh’, die Zeit Geteilt und Lust an tollen Streichen, Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen Ins Aug’ ihm, und er fühlt ein Leid. —
Epilog
Es heben in der Öde sich und steigen In meines Tempels Einsamkeit, Die unerkannt und unentweiht Von eines Menschen Fuß, im Schweigen Der Seele Träume auf. Wie weit Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen? Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht? Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen, Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit? Voll ungewollter Rührung singe Mein Lied ich, rätselhaft erregt, Das stille Lied, das mich bewegt Und das ich dir als Loblied bringe, Mein Deutschland! Hoher Pläne Land, Der Feen und Geister Königtum, Mein Herz ist voll von deinem Ruhm! Der große Goethe hält die Hand Als Schutzgeist über dein Gedeihn. Mit seinen hohen Liedern bannt Er jede Not von dir und Pein. — —