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Sämmtliche Werke 8

Die Beichte des Dichters (continued 2)

Ullrich Steindorf translation

Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse, so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß sie der Schlüssel zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, in der Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er mein Buch beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn er frei lesen gelernt hat.

Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden, einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen, dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren, er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen — nein, das sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben, man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich’s erst ein wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: „Irre ich mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten secierten.“ Nein, das Buch „Briefwechsel mit meinen Freunden“ enthält, so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe fähig ist.

Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese Mißverständnisse sehr bitter für mich waren — um so mehr, als ich geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.

1847.

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