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Sämmtliche Werke 2

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Zweiter Teil (continued 3)

S. Bugow translation

Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit wildem Beifuß bewachsene Schlucht hinabsahen, da leuchtete plötzlich eine Windung des Flusses hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel näher erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. Dahinter bemerkte man einen lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung bläulich flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, „wenn man hier einen Wald anpflanzen würde, — dann gäbe es einen Anblick, der sich, was Schönheit anbelangt, ruhig mit ....“

„Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,“ sagte Kostanshoglo plötzlich, und sah ihn sehr streng an. „Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach einer Schablone gebaut sind, — sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre Bedürfnisse.“

„Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell so sehen, wie man es zu haben wünscht ...“

„Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar sehr schwer. Aber wenn Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren siebzig noch siebenhundert andre, unsichtbare Hände an der Arbeit waren! Alles verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren — und doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, Er der die Geduldigen selig pries.“

„Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!“

„Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!“ rief Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte. „Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!“ Kostanshoglo war sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls von ihm.

„Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!“ sagte der Hausherr erstaunt, „Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder fort!“

„Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause fahren,“ versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den Wagen und fuhr davon.

Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu haben.

„Konstantin Fjodorowitsch hat’s nicht ausgehalten,“ sagte er, „für einen so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! — Das ist ein Napoleon in seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen. Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber was kann ich ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen, wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß sehr gut, daß man erst andre Menschen aus ihnen machen muß, Menschen, die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe — das sehe ich an mir selbst — kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.“

„Seltsam,“ sagte Platonow, „woran liegt das bloß; daß der Russe immer gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!“

„Das macht der Mangel an Bildung,“ bemerkte Tschitschikow.

„Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung, haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? — Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen schlechten Unterricht genossen habe. — Durchaus nicht, der Unterricht war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es mir fast so vor, als ob der Russe — ein verlorener Mensch ist. Wir wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen kann — dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an — wahrhaftig. Und so sind wir alle!“

„Ja,“ sagte Tschitschikow lächelnd, „so was kann vorkommen!“

„Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß freilich selbst nicht recht, was es ist.“

Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht enthalten gleichfalls zu gähnen. — Ein Flicken saß auf dem andern. Bei einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich im Haushalt an das System der Fabel von „Trischkas Kaphtan“, man trennte die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen.

„Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,“ sagte Tschitschikow, als sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen, und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder. Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer.

„Also, was ist Ihr Preis?“ sagte Tschitschikow. „Ich muß gestehen, es wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.“

„Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,“ versetzte Chlobujew. „Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte, dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.“

Tschitschikow fing natürlich an zu handeln.

„Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.“

Platonow wurde verlegen. „Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch,“ sagte er. „Für so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie keine fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen wir es, mein Bruder und ich.“

„Also gut, ich bin einverstanden,“ sagte Tschitschikow ganz erschrocken. „Nur eins; ich kann die Hälfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.“

„Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt die Hälfte geben, und die andre in spätestens zwei Wochen. Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen, wenn ich nur soviel hätte, um ...“

„Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,“ sagte Tschitschikow, „ich habe ja überhaupt nur zehntausend Rubel flüssig.“ Er log. Wenn man das von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte er im ganzen über zwanzigtausend Rubel. Aber man entschließt sich bekanntlich nicht leicht, eine so große Summe auf den Tisch zu legen.

„Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich brauche unbedingt fünfzehntausend.“

„Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,“ unterbrach ihn Platonow.

„Unter diesen Umständen könnte ich’s vielleicht wagen!“ sagte Tschitschikow und dachte sich: „Hm, das trifft sich aber gut, daß er mir was leihen will.“ Er ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die übrigen fünftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt, er versprach es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben, den Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen auszuhändigen; wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch länger warten lassen. Pawel Iwanowitsch wurde es ganz besonders schwer, sich von seinem Gelde zu trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer noch besser, das Geld wenigstens einen Tag später, als verabredet, auszuzahlen. Das heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle. Es macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas warten zu lassen: mag er sich doch seine Absätze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was geht es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und daß seine Geschäfte darunter leiden! „Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester, heute habe ich leider keine Zeit!“

„Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist?“ fragte Platonow Chlobujew. „Haben Sie denn noch ein andres Gütchen?“

„Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort habe ich ein eigenes Häuschen. Ich hätte das ja auch ohnedies machen müssen: wenn nicht für mich, so um meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich muß ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?“

„Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern Tanzunterricht geben lassen!“ dachte Tschitschikow.

„Merkwürdig!“ dachte Platonow.

„Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!“ sagte Chlobujew: „He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!“

„Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber Champagner!“ dachte Tschitschikow.

Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er denken sollte.

Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mußte am Ende doch seinen Durst stillen. Da erschien ein französischer Weinreisender aus Petersburg, der überließ seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch ein paar Flaschen Champagner abnehmen.

Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Gläser, und die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde liebenswürdig und geistreich und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- und Menschenkenntnis! Wie scharf und richtig faßte er die Dinge auf, wie sicher und treffend konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mängel, wie gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten, bekannt; wie komisch und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert von seiner Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst für den Gescheitesten aller Menschen erklärt.

„Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel und Wege finden, um sich zu helfen,“ sagte Tschitschikow.

„An den Mitteln fehlt es mir nicht,“ sagte Chlobujew und rückte sogleich mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so unsinnig, so seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und Menschenkenntnis vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken und sagen konnte: „Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der Welt- und Menschenkenntnis und der Fähigkeit, sie auszunutzen!“ All seine Pläne hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert- oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. Wenn ihm das gelänge, dann glaubte er, würde alles in den rechten Gang kommen, die Wirtschaft würde aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen, die Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er auch in der Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen edlen Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- oder meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht Gottes Wille.“

„Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend Rubel in den Schoß werfen sollte!“ dachte Tschitschikow.

„Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionärin,“ sagte Chlobujew, „eine sehr fromme alte Dame: für Kirchen und Klöster hat sie immer was übrig, aber wenn’s gilt, seinem Nächsten zu helfen, dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es lohnt sich schon, sie einmal näher anzusehen. Sie hat allein gegen vierhundert Kanarienvögel, dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente, wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste ihrer Diener ist mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: „He Bursche!“ ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun natürlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?“

Platonow lächelte.

„Und wie ist ihr Familienname?“ fragte Tschitschikow.

„Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna Chanassarowa.“

„Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?“ fragte Platonow teilnehmend. „Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte sie es Ihnen garnicht abschlagen.“

„O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,“ sagte er plötzlich zu Platonow, „nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle Honoratioren der Stadt einladen will.“

Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland — in den Residenzen und Provinzstädten — solche Lebenskünstler gibt, deren Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe da: es vergehen zehn Jahre — unser Hexenmeister behauptet nach wie vor seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in den Schuldturm kommen werde.

Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab, morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden. Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten — und seltsam! — immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben.

„Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,“ sagte Platonow zu Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen wieder bestiegen hatten.(9)

„Ein verlorener Mensch!“ versetzte Tschitschikow. „Solche Leute sollte man nicht bedauern.“

Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele. Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war, nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck: „Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen jungen Jahren?“ Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen (selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! Man kann nicht sagen, daß Tschitschikow auf diesen Gedanken gekommen war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte, verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger, liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude, daß er Gutsbesitzer geworden war — kein bloß eingebildeter oder phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein Grundstück, ein Stück Land und Leibeigene — keine bloß vorgestellten, nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand, legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei, wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte: „Wie meinen Sie?“ da antwortete jener verlegen: „Nichts, garnichts.“

Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee — ein Gitter. Am Ende des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien: er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her.

„Da ist ja mein Bruder!“ sagte Platonow, „Kutscher, halten Sie doch!“ Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr.

Die Brüder umarmten sich.

„Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?“ sagte der Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij.

„Was meinst du?“ versetzte Platonow phlegmatisch.

„Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. ‚Er ist mit einem Herrn weggefahren‘, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder, wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage für Gedanken gemacht habe!“

„Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,“ versetzte Platonow. „Wir haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel Iwanowitsch Tschitschikow.“

Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich.

„Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?“ dachte Wassilij. „Mein Bruder Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.“ Er betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein sehr respektabler Herr war.

Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an, daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel Iwanowitsch nur wenig.

„Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde ich so meine Melancholie los.“

„Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?“ sagte der Bruder Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: „Und zu alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles ist.“ Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war erstaunt über sein respektables Äußeres.

Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein; eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang. Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein. Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder.

Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie ein türkischer Schal. „Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,“ sagte Wassilij.

Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein: es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte: es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. „Der reinste Nektar!“ sagte er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein — und siehe da, es schmeckte noch besser.

„Das Getränk aller Getränke!“ sagte Tschitschikow. „Ich kann wohl sagen, bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die ich jemals gekostet habe.“

„Der Likör kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen Sie besuchen?“ fragte Bruder Wassilij.

„Ich reise,“ versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über das Knie strich: „ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und Wirbel des Menschenvolkes — und das ist an und für sich schon sozusagen ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.“

Bruder Wassilij wurde nachdenklich. „Der gute Mann spricht etwas geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,“ dachte er. Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder Platon wandte: „Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, — und nicht etwa weil du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.“

„Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,“ sagte Platon. „Du suchst selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen und dich unnütz aufzuregen.“

„Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und Tritt Unannehmlichkeiten hat,“ versetzte Wassilij. „Hast du gehört, was uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? — Er hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück für kein Geld her ... Hier feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind soviel Erinnerungen für das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte — etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer für sie zu bringen.“

„Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es sich nahm,“ sagte Platonow, „er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben aus Petersburg; man muß ihm die Sache klar machen.“

„Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.“

„Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles erklären sollen. Besprich doch die Sache mit ihm selbst.“

„Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen Herrn. Zu dem fahre ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.“

„Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich mische mich nicht in diese ... Er könnte mich ja auch übers Ohr hauen und betrügen.“

„Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,“ sagte Tschitschikow, „erklären Sie mir nur, worum es sich handelt.“

Wassilij sah ihn an und dachte: „Dem scheint das Reisen großen Spaß zu machen.“

„Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er für ein Mensch und was das für eine Angelegenheit ist?“ fuhr Tschitschikow fort.

„Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem ärmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines großen Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist für sie garnicht maßgebend.“

„Natürlich,“ sprach Tschitschikow, „und worum handelt es sich?“

„Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, wenn er nicht so rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich ihm gern an einer andern Stelle umsonst ein Stück abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch noch glauben ...“

„Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... Mit hat schon mancher seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General Betrischtschew hat mir ja auch ...“

„Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen mit einem solchen Menschen reden sollen ...“[6]

„...(10) Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies ein Geheimnis war,“ sagte Tschitschikow, „denn das eigentlich Schädliche hierbei ist nicht so sehr das Verbrechen wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.“

„Ja wohl, Sie haben ganz recht,“ fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf ganz auf die Seite neigte.

„Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,“ sprach Tschitschikow. „Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflächlich betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, tatsächlich steht sie jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich zu nehmen und zwei Rubel für die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich Pech habe — und Bankrott mache — was Gott verhüte, — dann hat der Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den Umstand zunutze zu machen, daß es tote und flüchtige Bauern gibt, die noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme, die er für sie bezahlen muß. Wir wollen der Formalität wegen nur einen Kaufvertrag abschließen, wie wenn es sich um lebende handelte.“

„Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!“ dachte Lenitzyn und rückte mit dem Stuhle ein wenig zurück. „Diese Sache ist allerdings derartig ....“ begann er.

„Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim bleibt,“ versetzte Tschitschikow; „zudem sind wir doch beide wohlgesinnte und zuverlässige Menschen.“

„Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..“

„Ein Ärgernis kann es nicht geben,“ entgegnete Tschitschikow offen und ehrlich. „Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife Leute, die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen — und dann bleibt doch alles geheim.“ Und während er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich ins Auge.

Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschäftsmann war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich durch einen merkwürdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fähig und wollte nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. „Ist das aber eine sonderbare Geschichte!“ dachte er: „Darnach schließe noch einer Freundschaft mit einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!“

Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen Tschitschikow ganz besonders günstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation zu helfen, trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode gekleidet und hatte eine große Schwäche für Menschen, die in jeder Hinsicht korrekt und comme il faut waren. Gleich darauf brachte die Amme Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. Der Knabe fing zwar zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, daß es sich ruhig auf den Arm nehmen ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude beider Eltern ein liebliches Lächeln. Aber war es nun das ungewohnte Vergnügen oder hatte es einen andern Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst Peinliches.

„Ach Gott, ach Gott!“ schrie Lenitzyns Gattin auf; „er hat Ihnen den ganzen Frack verdorben!“

Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in der Tat: der eine Ärmel des neuen Fracks war hin: „Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!“ dachte er ärgerlich.

Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um Kölnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen und versuchten ihn abzuwischen.

„Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit!“ sagte Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen möglichst freundlichen Ausdruck zu verleihen: „Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem doch nichts verderben,“ wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich: „So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe fräßen, hat der mich aber schön zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!“

Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit dem eigenen Frack bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben, beschloß man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die Sache selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte ja Schaden stiften.

„Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank für Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich möchte die Vermittlerrolle in Ihrem Streit mit den Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch Land? Nicht wahr?“

Fünftes Kapitel.[7]

Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. „Was mich zwickt, das zwick’ ich wieder,“ sagt ein russisches Sprichwort. Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden Schauspielerin, ein vierter — seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum dasselbe tun, — und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh, Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen: alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und Blut erworbenen Geldes — diese ägyptische Heuschreckenplage, wie Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die Erde verscharrt.

Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse einzupflanzen, und nun dürsteten sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen, hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen, das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen.

„Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!“ hörte man hie und da kleine Jungen schreien.

Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie; nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst; dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt’s Stoffe, helle, dunkle, bunte usw.

„Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen Herrenanzug?“ fragte Tschitschikow.

„Die schönsten Stoffe,“ versetzte der Kaufmann, während er mit der einen Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete. Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite, mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte: „Was für einen Stoff wünschen Sie?“

„Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem Preißelbeerrot nahekommt,“ versetzte Tschitschikow.

„Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34 herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!“ Und der Kaufmann rollte den Stoff auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte.

„Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,“ sagte Tschitschikow. „Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.“

„Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden beginnt. Da habe ich einen ganz vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie freilich darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber auch von allererster Qualität.“

Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten Zeit hatte, und vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren Geschlechte angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: „Eine wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!“

Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich über den Preis, obwohl dieser prifix (prix-fix) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann spannte er ihn geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein paar Mal hin und her, indem er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es mit einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt den Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lüftete den Hut und grüßte. Es hatte seine guten Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.(12)

„Haben Sie dunkles Tuch?“ hörte man jetzt eine Stimme sagen.

„Teufel! das ist Chlobujew,“ sagte Tschitschikow leise zu sich selber und drehte jenem den Rücken zu; er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe, denn er hielt es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt.

„Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse so, daß ich ernstlich mit Ihnen reden muß.“

„Verehrtester, Verehrtester!“ sagte Tschitschikow, indem er ihm beide Hände drückte; „glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!“ Tatsächlich aber dachte er: „Wenn dich doch der Teufel holte!“ Plötzlich jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. „Herrgott! Afanassij Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?“

„Und Sie?“ sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und Chlobujew nahmen ihre Mützen ab.

„Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf läßt zu wünschen übrig. Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!“

Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: „Ich sah Sie in den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, können Sie mir nicht einen Besuch machen?“ „Aber natürlich, natürlich!“ versetzte Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus.

„Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?“ dachte Tschitschikow.

„Afanassij Wassiljewitsch — ist ein sehr würdiger und kluger Mann,“ sagte der Kaufmann; „er ist außerordentlich tüchtig in seinem Fach, aber er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen auch allerhand Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus verfallen.“ Tschitschikow zuckte die Achseln.

„Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!“ rief plötzlich eine Stimme. Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfürchtig den Hut ab.

„Sie? Fjodor Fjodorowitsch?“

„Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause fahren, ich muß mit Ihnen sprechen,“ sagte jener. Tschitschikow sah ihn an — er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt. Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden.

„Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,“ sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. „Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer!“ Und er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt hat. Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert Rubel Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, schlichter ausgestattetes Zimmer finden können.

„Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse gebessert haben? Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.“

„Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß wirklich nicht, ob sich meine Verhältnisse gebessert haben. Ich habe bloß fünfzigtausend Bauern und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich einen Teil meiner Schulden bezahlen — und jetzt sitze ich wieder da und habe nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen gleich erzählen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt. Dieser Tschitschikow ...“

„Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen. Sagen Sie mal! wieviel Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein, um Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen?“

„Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,“ versetzte Chlobujew. „Um da herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmöglich.“

„Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden Sie dann Ihr Leben einrichten?“

„Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!“

„Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, Müßiggang ist aller Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein fleißiger und tätiger Mensch garnicht einmal denkt.“

„Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an Kreuzschmerzen.“

„Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie können Sie es bloß auf der Welt aushalten ohne ein Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt eine gewisse Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da, damit ihn jemand gebraucht oder bei einem nützlichen Werke verwendet, und der Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte sein Leben tatenlos hinbringen — das ist doch unmöglich.“

„So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit der Erziehung meiner Kinder beschäftigen.“

„Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie soll der Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel erziehen, indem man ihnen das Leben vorlebt. Und sagen Sie ehrlich, kann Ihr Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen könnten sie schließlich doch nur lernen, wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie mit Kartenspiel totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie lieber mich Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben. Überlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu Grunde gerichtet hat, das ist der Müßiggang — daher müssen Sie ihn vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelöhner hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner Tätigkeit.“

„Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir redliche Mühe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt bin ich nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben einen jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin ich unfähig, Geschenke anzunehmen — — ich werde mir selber nur schaden und andern im Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten auch schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab’s mir schon überlegt, ich hab’s versucht und darüber nachgedacht, was ich wohl für eine Stellung annehmen könnte — nein ich tauge nicht dazu. Ich passe höchstens noch ins Armenhaus.“

„Das Armenhaus ist für die da, die im Leben etwas geleistet und gearbeitet haben; die dagegen, die sich amüsiert haben, solange sie jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte: ‚Geh, tanze weiter!‘ Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da muß man sich nützlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon Ssemjonowitsch,“ fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht sah, „Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.“

Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13)

„Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen — gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe liegt.“

„Das ist etwas andres — Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß ich das nicht um der Menschen willen, sondern um Dessen willen tue, der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten Absicht getan.“

Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten Herrn traten die Tränen in die Augen ...

„Dann dienen Sie doch wenigstens Dem, Der allen Wesen so gnädig ist. Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es nur eine Beschäftigung ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für Ihn und nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden, was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?“

„Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!“

„Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt — da wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe Million verdienen. Aber nun will er nicht mehr. ‚Jetzt bin ich halt Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und gesund geworden,‘ sagte er, ‚damals aber hatte ich einen dicken Bauch und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,‘ sagte er. Tee nimmt er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns, und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen durchgebracht hätte.“

Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine beiden Hände: „Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen Verstande, ich kann’s gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber wenn er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten: ‚Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da: man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!‘ Und damit schlug er die Türe zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne ‚Offenbar will er mir keinen Rat erteilen‘, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne, Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat, wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse nicht aus den Büchern und Akten, sondern tatsächlich kennt, so wie sie in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt, überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.“

„Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte. „Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu mir sagen: dazu bedarf man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen haben?“

„Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich nur denen geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ... Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld für die Kirche sammeln.“

„Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!“

„Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?“ versetzte Murasow. „Es gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen. Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: ‚Gott hilf!‘ rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie; laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch, bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.“

„Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. — Gott sei mir gnädig!“ sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer blitzte in der Ferne auf ...

Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu Tschitschikow.(14)

Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe. Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: „Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt — Ruhe. Wir wollen die Sache schon wieder einrenken.“ Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. „Ein Genie!“ sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: „So ein Trottel! Und doch, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.“ Der Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß er auch um so besser in der Taille. „Sie können ganz ruhig sein, Sie können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,“ wiederholte er mit unverhohlener Freude: „So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht wieder außer etwa in Petersburg.“ Der Schneider stammte selbst aus Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: „Ein Ausländer aus London und Paris“. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen, damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte kommen sollte. Mochte er doch irgend ein „Karlseruh“ oder „Kopenhaga“ auf sein Schild setzen.

Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich, nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten: und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten und gewissermaßen con amore. Es stellte sich heraus, daß alles noch weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter, sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts — und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links — und es war noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient. Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren, von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau, etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: „Zu wem soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...“ Da ertönt plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer repräsentieren, und sagt: „Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur zu melden!“ Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der rechten und eine Schärpe über der linken Schulter und einen gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: „Sie haben sofort mitzukommen!“ Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen? Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr, begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.

Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. „Treten Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!“ sagte der diensthabende Beamte. Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er durchschreiten mußte, und er dachte: „Wie? Wenn sie mich nun plötzlich ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten einfach nach Sibirien befördern!“ Sein Herz fing heftig an zu klopfen, weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der personifizierte Rachegott.

„Alleszermalmer!“ dachte Tschitschikow, „er wird mich zerreißen, wie der Wolf das Lamm!“

„Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben, während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals ein Mensch beschmutzt hat!“ Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn.

„Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?“ sagte Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.

„Die Frau,“ sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und Tschitschikow gerade in die Augen blickte: „die Frau, die das Testament auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen gegenübergestellt werden.“

Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.

„Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig, ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine Feinde haben mich verleumdet.“

„Sie kann niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann. Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...“ Er warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte.

„Durchlaucht!“ schrie Tschitschikow, „haben Sie Erbarmen! Sie sind doch auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine alte Mutter!“

„Du lügst!“ rief der Fürst zornig. „Genau so hast du damals für deine Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht! Jetzt ist es die Mutter!“

„Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger Schuft!“ sagte Tschitschikow ... „Ich habe wirklich gelogen, denn ich hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein Spielball der Winde und Wellen. Ich bin — auch nur ein Mensch — Durchlaucht!“

Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden.

„Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!“ sagte der Fürst zu den eintretenden Gendarmen.

„Durchlaucht!“ schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den einen Stiefel des Fürsten.

Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern. „Fort, fort mit ihm! sag ich!“ rief er, indem er seinen Fuß aus der Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte.

„Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen haben,“ sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich schleifte.

„Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!“ rief der Fürst mit jenem unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht.

In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt. Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten Murasow auf die Kniee.

„Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?“

„Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.“

Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn ausreden zu lassen.

Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig rauchte, ohne zu wärmen — das war der Raum, in dem unser Held untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der toten Bauern — alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses und hereintrat: „der alte Murasow“.

Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, — es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen Tschitschikow.

„Mein Retter!“ rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus, auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte, nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte. „Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!“

Und er brach in Tränen aus.

Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur: „Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?“

„Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte! Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle! Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!“

Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke.

„Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare Lage!“

„O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!“ schrie der arme Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank. „Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!“

„Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!“

„Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des Menschengeschlechtes!“

Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des Schlages.

„Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich mit Ihrem Gotte auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an Ihre arme Seele!“

„O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand was fortgenommen habe, so nahm ich’s nur den Reichen. Es gibt doch Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, sagen Sie, hab ich nicht Unglück? — noch jedes Mal, wenn ich die Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff, und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.“

Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz; kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu wollen.

Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren, zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte ausstoßend, die den Menschen befehden.

„Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur einer der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte, wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren Besitz zu mehren! — Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.“

Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da.

„Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte der arme Tschitschikow und ergriff Murasows beide Hände. „Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie mich!“

„Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der Fürst ist sehr gerecht, — er wird unter keinen Umständen nachgeben.“

„O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz nicht — gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden — was mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle .... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!“

Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen Tränen.

„Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!“ sagte der alte Murasow, indem er den Kopf schüttelte: „wie hat Sie doch dieser Reichtum verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?“

„Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!“

„Pawel Iwanowitsch!“ sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick inne. „Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten — das sehen Sie doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann, um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch — dann bitte ich mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre — und es ist weit größer als das Ihrige — ich würde ihm keine Träne nachweinen. Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann, worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt. Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.“

„Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!“

Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte, durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: „Wahrhaftig, Sie haben recht!“

„Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen, weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch ist es Zeit ...“

„Nein, es ist zu spät, zu spät!“ stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme, bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. „Ich fange an zu fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang, ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit — was soll ich machen?“

Der Greis seufzte tief auf ....

„Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke, denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht — so zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein Held, ein Heros heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie- und willenlos sind.“

Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes, was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen aufblitzte ....

„Afanassij Wassiljewitsch!“ sprach er mit fester Stimme: „wenn es Ihnen gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann, dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun, soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.“

„Gott stärke Sie in diesem Entschluß!“ sagte hocherfreut der alte Mann. „Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O, mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.“

Tschitschikow blieb allein.

Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu unerträglicher Glut anschwillt — allmählich wird es weißer und immer weißer — das eigensinnige Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ...

„Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink, gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur wollen ...“

So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt, daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen, die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und wenigstens einen Teil seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer, ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der Nase wegstehlen — das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig! Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit seitens des Gegners auszunutzen.

„Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!“ sagte er, als er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. „Macht nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel — für uns alle zusammen und die Sache ist gemacht.“

„Wirklich?“ rief Tschitschikow aus, „und ich werde ganz freigesprochen?“

„Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.“

„Und für Ihre Bemühungen?“

„Dreißigtausend. Alles inbegriffen — für die Unsrigen, für die Leute des Generalgouverneurs und für den Sekretär.“

„Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei ...“

„In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?“

Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte nicht recht, das es möglich sei ...

„Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!“

„Hm!“ dachte Tschitschikow, „ich verstehe: der Rechtsanwalt!“ Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld — alles war in schönster Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich, dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit helleren und klareren Farben ... „O Leben!“

Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer. Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der Posten „Honneur“ machte und stramm stand. „Stehst du schon lange hier?“ — „Seit heute morgen, Euer Gnaden!“ — „Wirst du bald abgelöst?“ — „Um drei Uhr, Euer Gnaden!“ — „Ich werde dich brauchen. Ich werde dem Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.“ — „Zu Befehl, Euer Gnaden!“ Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem Gewehr vor dem Posten: „Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher geschickt; ich soll dich ablösen.“ Er löste den andern ab und pflanzte sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle — und er brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar solche, die überhaupt nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre. In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer. Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten — und ein ganzer Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben werde — die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen. Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei gekommen. „Er soll eintreten!“ sagte der Fürst. Der Greis betrat das Zimmer.

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