Novellen (continued 2)
S. Bugow translation
„Soll ich ihn anreden?“ dachte Kowalew. „Aus seiner ganzen Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anstellen soll! ...“
Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt.
„Mein Herr!“ sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen versuchte, „mein Herr! ...“
„Was wünschen Sie?“ fragte die Nase, indem sie sich umwandte.
„Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...“
„Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen. Erklären Sie sich deutlicher!“
„Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?“ dachte Kowalew. Und sich ein Herz fassend begann er:
„Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft, der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein Herr“ — und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln — „entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...“
„Ich begreife absolut nichts,“ erwiderte die Nase. „Erklären Sie sich deutlicher.“
„Mein Herr,“ versetzte Kowalew mit Würde, „ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut, Sie sind doch meine eigene Nase!“
Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne.
„Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern Ressort dienen.“
Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken.
Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose.
Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich.
Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück.
Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und heiße Tränen entströmten seinen Augen.
Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump, ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ... Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch abzustatten.
Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde; er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen?
Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten, „Oberstleutnant“ zu titulieren pflegte. Dort sah er seinen Busenfreund Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und dort einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge doch zu ihm herüberkommen.
„Der Teufel soll ihn holen!“ sagte Kowalew. „Kutscher! bring mich doch auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.“
Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick zu: „Fahr zu, so schnell du kannst!“
„Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?“ fragte er sofort beim Eintritt in das Vestibül.
„Nein,“ antwortete der Portier; „er ist soeben weggegangen.“
„Das ist ja wundervoll!“
„Gewiß,“ fügte der Portier hinzu, „erst vor ganz kurzer Zeit ist er fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn sicher noch getroffen.“
Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:
„Fahr weiter!“
„Wohin?“ fragte der Kutscher.
„Geradeaus!“
„Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts oder links?“
Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; — und dann wären alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen, damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten.
Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und schrie:
„Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!“
„Aber, Herr!“ antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie ein Bologneserhund.
Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den Zähnen hielt und Kupfergeld zählte.
„Wer nimmt hier Annoncen an?“ schrie Kowalew; „doch ich bitte um Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!“
„Guten Morgen!“ sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.
„Ich möchte ein Inserat aufgeben ...“
„Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,“ fuhr der Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob.
Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine gesellschaftliche Bildung hinzuweisen.
„Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der Tat an, — deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In aller Höflichkeit sei’s gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.“
Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit Zetteln in der Hand angesammelt.
Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war, aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen, nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren Besichtigung ein.
Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo —
„Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...“ sagte er endlich ungeduldig.
„Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!“ sagte der alte Herr, indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.
„Was wünschen Sie?“ sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
„Ich bitte Sie,“ sagte Kowalew ... „es handelt sich um eine schier unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht, wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute Belohnung erhalten soll.“
„Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?“
„Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen. Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott behüte! Sie können ganz einfach schreiben: ‚Ein Kollegien-Assessor‘ oder noch besser: ‚Ein Major‘.“
„Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?“
„Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein, mir ist ... die Nase ausgerückt! ...“
„Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie Herr Nase bestohlen?“
„Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir einen Streich spielen wollen!“
„Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts von alledem!“
„Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört, existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken. Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu zeigen.“
Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff.
„Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!“ sagte er endlich nach längerem Stillschweigen.
„Wie? — Weshalb nicht?“
„Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und Lügen gedruckt werden!“
„Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz klar und ....“
„Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie werden einwenden: ‚Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall entdecken!‘ Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines Geschäftes gemeint.“
„Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir selbst suchte!“
„Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!“
„Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?“
„Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen Scherz erlauben!“
„Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!“
„Warum diese Aufregung?“ fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. „Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,“ fügte er neugierig hinzu, „ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!“
Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort.
„In der Tat, das ist äußerst sonderbar!“ sagte der Beamte. „Die Stelle ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, — es ist schier unglaublich!“
„Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab.
„Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,“ sagte der Beamte; „nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der „Biene des Nordens“ — hierbei nahm er eine Prise — „zur Belehrung der Jugend“ — hierbei schneuzte er sich — „oder noch besser zur allgemeinen Unterhaltung veröffentlichen könnte.“
Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um einen blauen Zettel hervorzuholen — denn nach seiner Meinung mußten die höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen —; aber der Gedanke an seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen.
Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt, seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen Worten seine Teilnahme auszusprechen:
„Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!“
Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr geschickter Weise wegschob.
Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner Geduld.
„Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!“ sagte er zornig. „Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern echter Rapé wäre.“
Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab sich aufs Polizei-Kommissariat.
Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: „Ich würde jetzt mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.“
Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts weniger als gelegen kam.
Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen geschmückten Schein allen andern Dingen vor.
„Das ist ein Stück,“ sagte er oft, „wie es nirgends ein besseres gibt: es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.“
Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man gegessen habe — woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz unbekannt waren —, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht verliere.
Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.
Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte:
„Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe.“
Und damit ging er.
Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem Hut auf die Stirn und schrie ihn an:
„Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!“
Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um ihm seinen Mantel abzunehmen.
Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:
„Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient? Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren — das wäre noch nicht so schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!“ — fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu —, „es ist ganz unglaublich, daß eine Nase so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich. Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe. Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.“
Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen Schritt zurück und murmelte:
„Die reinste Karikatur!“
Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! — aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.
Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen. Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.
Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.
Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört, der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer eine Kerze angezündet hatte.
Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es, sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar entstellt sah.
Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:
„Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?“
„Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,“ sagte dieser, indem er eiligst die Tür öffnete.
Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen, derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke getroffen haben, trat ein.
„Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?“
„In der Tat!“
„Sie ist soeben gefunden worden.“
„Was sagen Sie da?“ schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn sprachlos.
Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden.
„Auf welche Weise?“ fragte er endlich.
„Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch nicht mehr als ich.“
Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.
„Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.“
„Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben, habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.“
Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
„Ja, das ist sie!“ schrie Kowalew. „Das ist sie und keine andere! Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?“
„Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete Erziehung zu geben ...“
Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung; einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal mit großer Aufmerksamkeit an.
„Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!“ sagte er. „Hier auf der linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...“
Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.
Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt.
Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und befestigen.
„Wenn sie nun nicht halten wird?“
Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.
Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!
„So sitz doch, du Rindvieh!“ sagte Kowalew zu ihr.
Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen.
„Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?“ sagte er voller Schrecken.
Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, — aber auch dieses Mal ohne Erfolg.
Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau. Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen, die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne mit fünf verschiedenen Bürstchen.
Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten.
Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war, seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn und ließ dann ein gedehntes „Hm“ vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd, dessen Zähne man untersucht.
Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte:
„Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es dann noch schlimmer werden kann.“
„Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?“ sagte Kowalew. „Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie mir den Gefallen,“ fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, „setzen Sie sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es mir meine Mittel gestatten ...“
„Glauben Sie mir,“ sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem Tone, „daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein, um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den Rezipienten zu tun, — auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu teuer sind!“
„Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!“ rief der Major Kowalew verzweifelt aus; „lieber will ich sie vernichten!“
„Entschuldigen Sie,“ sagte der Arzt und erhob sich; „ich wollte Ihnen nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich von meinem guten Willen überzeugt.“
Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes hervorleuchtete.
Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.
Dieser Brief lautete folgendermaßen:
„Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!
Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle, dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden, mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte anzurufen.
Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung
Ihr ergebener Diener Platon Kowalew.“
„Geehrter Herr Platon Kusmitsch!
Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase. Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets
Ihre gehorsame Dienerin Alexandra Podtotschina.“
„Nein!“ sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, „sie ist sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen hat.“
Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut worden.
„Wie mag es nur geschehen sein?“ fragte er sich immer wieder. „Hol’s der Teufel!“
Und er ließ resigniert die Hände sinken.
Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis verbreitet — und zwar, wie es ja Brauch ist, nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet — ein Bild, das schon seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort, indem er ärgerlich sagte:
„Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche Gerüchte auf die Beine bringen? ...“
Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche Erklärung hinzuzufügen.
All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu zerstreuen — und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten. Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt.
III.
Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.
Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah, erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, — wahrhaftig, es war seine Nase.
„Mein Gott!“ sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal im Spiegel — aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, — aber die Nase war noch immer da!
„Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf der Nase,“ sagte er und dachte indessen bei sich:
„Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: ‚Nein, Herr, Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt keine Nase!‘“
Aber Iwan bemerkte:
„Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.“
„Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!“ sagte der Major im stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln.
In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im Türrahmen — furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und dafür Prügel bekommmen hat.
„Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?“ schrie ihm Kowalew schon von weitem entgegen.
„Gewiß sind sie sauber!“
„Du lügst!“
„Bei Gott, sie sind sauber, Herr!“
„Na, dann mal los!“
Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um. In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren Namenstagen den Gästen servieren.
„Da schau her!“ sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von der Seite zu prüfen, „wahrhaftig sie sitzt tadellos!“ — und noch lange betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.
Das war Iwan Jakowlewitschs System.
„Achtung!“ schrie Kowalew.
Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln; obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn sein Geschäft glücklich zu Ende.
Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer war als ein Westenknopf.
Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in den Spiegel, — die Nase war noch immer da!
Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:
„O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!“
Und er dachte sich unterwegs:
„Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.“
Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.
„Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!“ murmelte Kowalew.
Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich dachte:
„Da habt ihr’s! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran, mich mit deiner Tochter zu verheiraten! Par amour — na, meinetwegen! Das ginge noch allenfalls.“
Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht Ritter eines Ordens.
Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, — wie konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!
Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen; wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen, und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.
Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich, wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens etwas davon bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der Welt vor — wenngleich höchst selten, aber sie kommen vor.
Das Porträt
Erster Teil.
Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend, ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk anschaut.
Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen. Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose, greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten Handwerken ihren Platz hatte, — eine Talentlosigkeit, die übrigens ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem Menschen! ...
Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und was er kaufen wollte. „Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein rechter Winter!“ Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters recht zu betonen. „Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen Bindfaden her!“ — „Wart, Bruder, nicht so schnell!“ sagte der endlich zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich, nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten hatte, und er sagte: „Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort etwas für mich finde.“ Und er bückte sich und fing an, die auf dem Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen. Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der Welt sicher nirgends hätte finden können — unbekannte Bilder, deren Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte, allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: „Vielleicht findet sich doch noch etwas darunter!“ Er hatte mehr als einmal gehört, wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister fand.
Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. „Hierher, Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein! Soeben von der Börse importiert!“ Er schrie sich tot, aber meistenteils ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich hinein. „Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?“ Aber der Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch die Spuren der Vergoldung glänzten.
Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende. Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte, blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben war, rief: „Er starrt, er starrt mich an!“ und wich zurück. Eine unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.
„Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!“ meinte der Ladenbesitzer.
„Und was kostet es?“ fragte der Künstler.
„Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig Kopeken!“
„Nein.“
„Na, was geben Sie?“
„Zwanzig,“ sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.
„Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu. Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken. Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer sind.“ — Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen schien: „Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!“
So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und er dachte sich: „Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?“ Aber es blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. „Hol’s der Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!“ dachte er wie jeder Russe, dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei entschlüpften seinem Munde die Worte: „Was für ein zarter Ton!“ „Wie ärgerlich! Hol’s der Teufel!“ Und während er sich das Porträt bequemer zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt, beschleunigte er seine Schritte.
Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu. Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben, begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe, die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit. Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.
„Wir haben keine Kerze mehr!“ sagte Nikita.
„Weshalb nicht?“
„Es war doch schon gestern keine da,“ sagte Nikita. Der Künstler erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab, beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.
„Der Wirt ist wieder dagewesen!“ fuhr Nikita fort.
„So! Er kam wegen des Geldes!“ meinte der Künstler mit wegwerfender Miene.
„Aber er war nicht allein da,“ sagte Nikita.
„Wer denn noch?“
„Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.“
„Wozu denn ein Polizeibeamter?“
„Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt ist.“
„Nun, und was soll daraus werden?“
„Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.“
„Mögen sie nur kommen!“ sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit, und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner.
Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen Drang, der Natur nahe zu kommen. „Sieh, sieh, Bruder,“ sagte ihm mehr als einmal sein Professor, „du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben, was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen ... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.“
Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels, doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß, sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.
„Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!“ wiederholte er verdrießlich; „aber schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen? Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser Naturstudien oder gar meiner unbeendigten „Psyche“? Wen interessiert dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.“
Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler plötzlich. Ein krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her — sich weit vorbeugend — an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn, als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter Polyphem. Aber plötzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der Angst verließ ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Porträt, das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm über die Fläche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz herunter, hängte es vor sich an die Wand hin und war über dieses ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, daß er erzitterte, zurückwich und ganz verdutzt sagte: „Er sieht mich an, er blickt mich mit Menschenaugen an!“ Tschartkow mußte plötzlich an eine Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor über ein Bildnis des berühmten Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das der große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch noch immer für unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch von allen für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklärt wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in höchstem Maße die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten, kaum sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die Leinwand gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hängenden Porträt, war es noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wären sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt. Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemächtigte sich vielmehr nur ein krankhaftes quälendes Gefühl.
„Was ist das?“ fragte sich der Künstler unwillkürlich. „Das ist doch in der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme Gefühl? Oder wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder erscheint der Gegenstand, wenn man gefühllos, gleichgültig, ohne innere Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden Wirklichkeit — ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen, überall verborgenen Gedankens? — in jener Wirklichkeit, die sich offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein Inneres bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint denn die einfache gemeine Natur bei einem Künstler in einer gewissen Verklärung — und man erhält keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es scheint einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und alles fließt und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger um einen herum. Und warum erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Künstler niedrig und schmutzig, während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie erleuchtet.“
Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese wunderbaren Augen zu betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, daß sie ihn wirklich anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen Toten Leben gegeben hätte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und Träume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es wurde ihm — er wußte selbst nicht warum — ängstlich und bang zumute, er fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom Porträt zurück, wandte sich nach der andern Seite und bemühte sich, es nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie von selbst unwillkürlich nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm sogar die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, Unruhe. Es war ihm, als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend konnte er sich seine instinktive Furcht selbst nicht erklären. Er setzte sich in eine Ecke, aber auch hier hatte er das Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen. Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das ihm gerade gegenüber an der Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein Lager zu verlassen, er ergriff ein Laken, trat an das Porträt heran und hüllte es in das Betttuch ein.
Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und begann über die Armut, über das erbärmliche Schicksal des Künstlers, über den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken, unterdessen aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte der spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten Porträt. Der Mondenschein ließ das Weiß des Lakens noch heller erscheinen, und es kam Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ... tatsächlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei da und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, späht geradezu in sein Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden Händen auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend, aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und näherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Künstlers begann stärker zu pochen. Während er vor Angst kaum zu atmen wagte, schien er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den Kopf nach ihm hinter den Schirm strecken würde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein bronzefarbenes Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn. Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, daß ihm der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rühren, irgend eine Bewegung auszuführen. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst. Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare, hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehüllte Phantom und wartete ab, was es tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des Lagers nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein Geldbeutel. Er schnürte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln, schüttelte ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere Rollen, die wie längliche Säulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: „Tausend Dukaten“. Seine langen knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglänzte. Mit wie tödlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete unverwandt, wie die knochigen Hände es aufrollten, wie es glänzte, fern und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und spähte voller Furcht danach, ob sie der Alte nicht etwa vermißte. Der Greis schien jedoch sehr beschäftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hörte, wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten. Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem Drucke und erzitterte am ganzen Körper, als er plötzlich vernahm, wie sich die Schritte wieder dem Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr geworden, daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er denn auch zu ihm hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Künstler die Rolle krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich zu bewegen, schrie auf und erwachte.
Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Sein Herz schlug so stark, wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie den letzten Atemzug getan hätte. „War es denn wirklich ein Traum?“ sagte er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf faßte. Aber die furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme. Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in den Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes flatterte noch vor ihm her, und seine Hand spürte deutlich, daß sie noch vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der Mondschein überflutete das Zimmer und ließ bald eine Staffelei, bald eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst jetzt bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern dicht vor dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war, das konnte er sich auf keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn der Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war — das Laken fehlte tatsächlich! — Regungslos und voller Angst starrte er es an und sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen, fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt waren. Und nun sieht er — es ist kein Traum! — wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen und seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurück und erwachte.
„War auch das nur ein Traum?“ fragte er sich und tastete mit den Händen um sich, während sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfüllt, und durch den Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt hatte. Folglich hatte er wieder geträumt; aber die geballte Faust hatte noch immer die Empfindung, daß sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz klopfte stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf seiner Brust, war unerträglich. Er spähte durch den Spalt und betrachtete unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses allmählich heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten und sich bemühten, es abzustreifen. „Herr Gott, was ist denn das?“ rief er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte.
War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus dem Bett, unfähig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen war: ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige Erscheinung ihn gequält hatte. In der Absicht, die seelische Erregung und das stürmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu stillen, trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter Windstoß von außen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer die Dächer und die weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in Erwartung eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die Anzeichen der nahenden Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett und schlief bald fest ein wie ein Toter.
Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme Gefühl, das einen Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung überfällt. Sein Kopf schmerzte ihn heftig. Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme Feuchtigkeit erfüllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, daß er sich sogar dem Argwohn hingab, vielleicht hätte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, — etwa eine Vision. Er schob das Laken zurück und betrachtete nun dieses schreckliche Porträt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der Tat durch ihr ungewöhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung zurück. Trotzdem aber wollte er nicht recht daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl, als ob ein Etwas im Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen hätte, und er kam zur Überzeugung, daß die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner Hand gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte.
„Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehörte!“ sagte er, indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit der verlockenden Aufschrift „Tausend Dukaten“, die er im Traum erblickt hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie öffneten sich, das Gold glänzte und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft starrend, völlig unfähig, sich von diesem Gegenstande loszureißen, wie ein Kind, das vor einer süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser im Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von anderen verzehrt wird.
Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was ihn wieder auf unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurückversetzte. Der Wirt trat ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine Leute bekanntlich noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren Ecke von Kolomna ein Häuschen besitzen — ein Geschöpf, deren es in Rußland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prügeln, behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war, vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte er sein Äußeres, er prahlte nicht mehr so unverschämt, war nicht mehr so arrogant und liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn zusammenzuschwatzen; er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte die Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem Schlüssel in der Hand auf die Straße hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, in der dieser gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen mußte, nichts zurückbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten.
„Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!“ meinte der Wirt, indem er sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende Geste vollführte; „er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal nicht!“
„Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur, ich werde schon bezahlen!“
„Ich kann nicht warten, Väterchen,“ erwiderte der Wirt heftig und klopfte mit dem Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. „Der Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause; Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall für zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen Sie, was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht Sitte, daß man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld bezahlen und dann die Wohnung räumen.“
„Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann müssen Sie auch zahlen,“ meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf schüttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes steckte.
„Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich verfüge jetzt noch nicht über einen Pfennig.“
„In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer Kunst sicherstellen,“ meinte der Kommissar. „Er wird vielleicht damit einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.“
„Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! Wären es noch Gemälde von vornehmem Inhalt, so daß man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa ein General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten Kutusow! Aber da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus den Riegeln herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was für Gegenstände er sich wählt. Da malt er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere, aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen Schmutz und Dreck, der überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna Petrowna ... Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ... Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!“
Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. Der Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen mit der Prüfung der Bilder und Skizzen und bekundete hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte als der Wirt, und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz unempfänglich war.
„He,“ sagte er, während er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte, auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, „dieser Gegenstand ist ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?“
„Das ist ein Schatten!“ antwortete Tschartkow herb und ohne ihn anzusehen.
„Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fällt es doch gar zu sehr auf,“ sagte der Kommissar. „Und wessen Porträt ist dies hier?“ fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises näherte. „Der ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert! Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?“
„Ach, das ist ein ...,“ sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht zu Ende.
Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, die eine fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift „Tausend Dukaten“ sprang Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie aufzuheben, ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft mit einer Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte.
„Es klang doch hier wie Geld!“ sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes hatte auf den Boden fallen hören und den die Schnelligkeit, mit der Tschartkow herbeistürzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war.
„Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier habe?“
„Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen müssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!“
„Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!“
„Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher bezahlen? Wozu mußten Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belästigen?“
„Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich werde ihm heute abend alles bezahlen und sofort die Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen Wirte nicht mehr bleiben will.“
„Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen,“ sagte der Kommissar, sich an den Wirt wendend. „Wenn es sich jedoch herausstellt, daß Sie heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann sollte es mir sehr leid tun, Herr Maler!“
Sprach’s, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem Fuße.
„Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!“ sagte Tschartkow, als er hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte. Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! — Wie wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer wieder: „Ist das alles nicht doch nur ein Traum?“ Die Rolle enthielt genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: „Vielleicht hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines Familienporträts verbarg.“ Voll von romantischen Vorstellungen fing er sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor, ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern zurück. „Nein,“ sagte er zu sich selbst, „wessen Großvater du auch sein magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen Rahmen anfertigen lassen.“ Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser Berührung heftig zu pochen. „Was nun tun?“ dachte er, während er die Blicke auf das Geld richtete. „Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten. Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.“
So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann, als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf die Straße hinaus.
Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte Parfüms und Pomade, mietete sich — ohne lange zu handeln — eine vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, — weit mehr als er überhaupt nötig hatte —, ließ sich von einem Friseur die Locken kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und ging dann ins Restaurant „Zum Franzosen“, von dem er bis jetzt nicht mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen pflegt: „Selbst dem Teufel kein Bruder!“ auf die Straße. Wie ein Geck spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ...
Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe wie die folgenden: „Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow besitzt!“ Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem Journalisten, der ihn sofort „Geehrter Herr“ anredete, ihm beide Hände drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, — und schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit folgender Überschrift:
„Ein ungewöhnliches Talent! Der Maler Tschartkow.
Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer — man kann ruhig sagen — in jeder Beziehung herrlichen und außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine, oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen; allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit Reichtum und Wohlstand — obwohl sich einige Journalisten aus unserer Mitte auch dagegen auflehnen werden — wird Dein Lohn sein.“
Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz „Vivat Andrei Petrowitsch“ erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse Bewegungen abzulocken.
Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich, sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen Mädchens, betrat das Atelier.
„Sind Sie Monsieur Tschartkow?“ fragte die Dame. Der Künstler verneigte sich.
„Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel der Vollkommenheit sein.“ Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die nackten Wände gleiten. „Und wo sind Ihre Porträts?“
„Man hat sie soeben abgeholt,“ sagte der Künstler etwas verlegen. „Ich bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.“
„Waren Sie in Italien?“ fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst richtete.
„Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind Sie nicht müde?“
„Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier! Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,“ sagte die Dame, während sie an die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. „C’est charmant, Lise, venez-ici! Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ... Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? C’est charmant! — Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das Gesicht wäscht ... Quelle jolie Figure! ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein! ... Also Sie malen nicht nur Porträts?“
„O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!“
„Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?“
„Wer ist dieser Nohl?“ fragte der Maler.
„Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet, als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen — Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff nehmen würden.“