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Sämmtliche Werke 2

Anhang zum zweiten Teil

S. Bugow translation

Varianten zum zweiten Teil der „Toten Seelen“.

Der zweite Band der „Toten Seelen“ wurde im Jahre 1840 begonnen, allein das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842 beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten und entwirft in diesen Heften: „ein Chaos, aus dem der Kosmos der ‚Toten Seelen‘ hervorgehen soll“. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln.

Der Herausgeber.

1. Wir haben unserem Text auch die letzten Verbesserungen und Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:

Ob solche Charaktere geboren werden — oder ob sie allmählich dazu werden, was sie sind — diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner Erziehung erzählen — und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind, das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken. Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen pflegte er zu sagen: „Ich verlange Verstand und nichts anderes von meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.“ Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: „Was soll ich machen? Ich habe nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen sollen.“ Er hielt es auch für notwendig, vor allem ....

2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden Wortlaut: „Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.“

3. Variante der andern Fassung.

Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein glücklicher oder unglücklicher Zufall — genug er kam in eine Schule, deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß. Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt, seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig, sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht eines Menschen hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl wecken — er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen vorwärtstreibt —, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich, einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen, um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag, der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht, sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens; wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen müsse.

Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht, daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug, wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre bewegen könnten. „Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel Mühe geben,“ pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde er von ihnen einen höheren Verstand verlangen — nicht jene Art von Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, — die das dauernde Besitztum jedes Menschen sein sollte — das war es, was er Verstand nannte. Aber Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein beständiges „Vorwärts“ zuzurufen schien — dieses herrliche Wort, welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, — genug, die jungen Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben.

4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der „Toten Seelen“ findet sich folgende Variante dieser Stelle:

„An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die fettesten Bissen erhielten und — die Klugen sich mit den Knochen begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut, als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht erreichen.“

5. Variante der andern Fassung.

Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur möglichen Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, rote, blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus voller Kehle: „Bist du endlich da Väterchen? Wir haben so lange auf dich gewartet!“ Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei, weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen wollte. Ein altes, welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände zusammen und quiekte: „Du mein liebes Rotznäschen! Nein, wie mager du bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint’s, halbtot gequält!“ — „Fort mit dir, Alte!“ riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und Spitzbärtigen zu: „drängt sich da vor, das krumme Gestell!“ Einer von ihnen ließ hier noch ein Wörtchen folgen, bei dem nur ein russischer Bauer sich das Lachen verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus und lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die tiefste Seele. „So viel Liebe! Und wofür nur?“ dachte er. „Dafür, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch das Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will all meine Kräfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein solltet, wozu euch eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat, — eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer wahrhafter Vater werden!“

Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, daß sein Verwalter wirklich ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines Verwalters; d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über Hühner und Eier, über Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, und zu alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor jedem Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen energischen, forschen Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ den Bauern mehr Zeit, für sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun würde alles ganz vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich für alles, erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mühlen, am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken und Kähne zugegen.

„Ja, ja, der ist schnellfüßig!“ sagten die Bauern und kratzten sich hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des früheren Verwalters allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber das dauerte nicht lange.

6. Variante der andern Fassung.

Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand. Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit, sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen wäre.

7. Variante der andern Fassung.

„O nein, Exzellenz,“ fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an Ulinka wandte. „Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.“ Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General gewendet fort: „Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb’ uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.“

„Nein, ich kenne sie nicht.“

„Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,“ sprach Tschitschikow noch immer verschmitzt lächelnd. „Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den Eure Exzellenz sicherlich kennen ...“

„Nein, ich habe nicht das Vergnügen.“

„Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren. Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf. Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn unter anderem: ‚Nun, meine Herren? Wollen Sie mir nicht auch einmal die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?‘ ‚Gern‘, sagen sie. ‚Wir kommen‘. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?“

„Nein, ich habe nicht die Ehre.“

„Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein, und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie los zu werden, sagte er zu ihnen: ‚Warum sucht ihr denn nicht diesen Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit von hier.‘ — ‚Ei, das ist eine Idee,‘ schreien sie, setzen sich halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und fort geht es zu dem Deutschen. — Dieser aber hatte sich gerade verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken). Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes — da öffnet sich plötzlich die Tür — und die ganze Gesellschaft stürmt herein.“

„Ich kann mir die Situation denken — die sind mir aber auch gut!“ bemerkte der General.

„Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: ‚Was wünschen Sie?‘

‚He!‘ rufen sie. ‚Bist du so einer?‘ Und bei diesen Worten veränderten sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. ‚Wir kommen in einer offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute! Her mit den Kassenbüchern!‘ Der versucht Einwände zu machen. ‚Hollah. Wo sind die Zeugen!‘ Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der Untersuchungshaft schmachten.“

„Schöne Geschichte!“ sagte der General.

Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen.

„Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,“ fuhr Tschitschikow fort. „Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm: ‚Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen: Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.‘“

Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.

„Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!“ sagte sie schnell, und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... „So eine gemeine Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...“

„Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,“ sagte der General, „aber was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie gleich: Liebe uns so weiß wie ...“

„So schwarz ... Exzellenz,“ verbesserte ihn Tschitschikow.

„Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...“ Und der ganze Körper des Generals schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit Achselklappen geschmückt wären.

Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: „he, he, he, he.“ Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken Achselklappen.

„Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!“ rief der General aus und fuhr fort zu lachen.

„Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf — — das ist so gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!“ sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.

8. Variante der andern Fassung.

„Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar wegwirft und sagt: „Fort damit! Ich brauche dich nicht!“

„Das ist wirklich erstaunlich!“ sagte Tschitschikow ganz ergriffen. „Im höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher Plunder noch Gewinn bringen kann!“

„Hm! Das ist es nicht allein!“ Skudronshoglo schloß seine Rede nicht: die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an seinen Gutsnachbarn auslassen. „Da ist noch so ein gescheiter Kopf! — Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für Arme; einen steinernen Palast — auf dem Lande! Ein christliches Werk! Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen. Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! Zweihundert Rubel jährlich kommt ein Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich auf meinem Gute ganze zehn Menschen ernähren!“ Skudronshoglo war sehr zornig und spie vor Wut aus.

Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann. Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm, und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.

„Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift? Was aber macht er? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen mir: ‚Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen, wollen alle Schreiber werden — man braucht aber doch gar nicht so viele Schreiber — einer ist schon genug!‘ So weit ist es also schon gekommen!“

Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: „Dabei kann man aber doch nicht stehen bleiben, daß wir jetzt keine Schreiber brauchen. Wir müssen auch an unsere Nachkommen denken.“

„Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: ‚Du mußt in die Schule gehen, ob du willst oder nicht!‘ Weiß der Teufel, womit die Leute heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf, selbst zu urteilen.“ Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines Frackes: „Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da, damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da finden sich gescheite Köpfe, die erklären: ‚Aus diesem Zustande muß er herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll auch etwas von dem Luxus kosten.‘ Daß ihr selbst infolge dieses Luxus lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem gekostet hat — der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem Kopfe hat, — daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!“

„Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu werden?“ fragte Tschitschikow.

„Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben — das ward uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln! Ich sage zum Bauern: ‚Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein Vieh, nun wohl — da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, damit du arbeitest.‘ Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese dummen Erfindungen.“ ...

9. Variante der andern Fassung.

„So ein Esel!“ dachte Tschitschikow. „Solch eine Tante würde ich hegen und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.“

„Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!“ sagte Chlobujew. „He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.“

„Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,“ fiel hier Platonow ein.

„Ich auch nicht,“ sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich kategorisch, weiter zu trinken.

„Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die Honoratioren der Stadt.“

„Wie!“ rief Platonow aus. „Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben Sie Diners?“

„Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine Pflicht,“ versetzte Chlobujew. „Sie haben mich doch auch eingeladen.“

10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der andern Fassung an:

„Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land, und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir heilig.“

„Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?“

„Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar, aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind, und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.“

„Hm!“ dachte Tschitschikow. „Wie ich sehe, seid ihr alle beide raffinierte Kerls.“ Und er fügte laut hinzu: „Mir scheint, diese Sache läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....“

Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der „Toten Seelen“ hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her.

„... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu geben, könnten wir pro forma einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, als ob sie noch am Leben wären.“

„Da haben wir’s!“ dachte Lenitzyn: „das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte.“ Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er befand sich in der höchsten Verlegenheit.

„Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir einverstanden sein werden,“ fuhr Tschitschikow fort, „denn das ist eine ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie bleibt natürlich ganz unter uns — wir sind doch gesetzte und vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.“

Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet. Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre, ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen; der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in einer Hand vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn gewandt, dann hätte er sagen können: „Ach Unsinn, das sind Torheiten! Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!“ Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage.

In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe. Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte, genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann, sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar freundliche Worte sagte, ihm A—u, A—u zurief, mit den Fingern schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte. Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute.

Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. Frau Lenitzyn schrie laut auf: „Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch den ganzen Frack verderben!“

Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: „Wenn dich doch der Teufel holte, verdammter Schelm!“ murmelte er ärgerlich vor sich in.

Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.

„Das macht nichts, das macht wirklich nichts,“ sagte Tschitschikow: „Was kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?“ Zugleich aber dachte er sich: „Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein goldenes Alter!“ bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge.

„Tatsächlich,“ versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, „was gibt es Schöneres als das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft ...“

„Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,“ entgegnete Tschitschikow.

„Sofort!“ sagte Lenitzyn.

Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren.

Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.

Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: „Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch so sehr wünscht ...“

11. Variante der andern Fassung.

Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.

„Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?“ Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben hätte.

Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:

„Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.“ Man sah es ihm an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein.

„Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.“

Tschitschikow war ganz erschrocken.

„Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!“

„Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste dadurch annulliert wird.“

„Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?“

„Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.“

„Das ist schlimm, sehr schlimm!“ dachte Tschitschikow. „Dieser Chawanow soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. — Ach was, Unsinn, Unsinn,“ fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und entschlossen. „Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb. Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die Sache zu beschwören.“

Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.

Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen, jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.

Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen, daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte, daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte.

Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer weltmännischen europäischen Bildung.

Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und Beistand vor ihm erstehen.

Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein Sperling in der Hand ihm lieber sei.

Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte, wenig nachgab.

„Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände — Sie haben sich wohl das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.“

„Ich verstehe,“ dachte Tschitschikow und versetzte: „In der Tat, ich kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz enthielt — es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst aufgesetzt hätte.“

„Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig sein,“ fuhr er gutmütig fort. „Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.“ Und in der Tat, das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung erkennen, so daß Tschitschikow lange ...

„Natürlich ist das das wichtigste,“ versetzte er. „Aber Sie werden mir doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.“

„Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,“ entgegnete der Philosoph sehr ruhig und freundlich. „Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, — dann dürfen Sie sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.“

„Man muß also ...“

„Die Sache möglichst verwickeln — das ist alles,“ versetzte der Philosoph, „sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man muß die Fäden durcheinander wirren — das ist das ganze Geheimnis. Mögen doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!“ wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.

„Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen anderer Leute umnebeln kann!“ sagte Tschitschikow, indem er den Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt, schon begriffen hat.

„Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte, und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts, wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt’s eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den Polizeimeister, den Kassierer — ich lasse keinen frei ausgehen. Ich kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt, ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer Wirrwarr entsteht.“ Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.

„Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,“ dachte Tschitschikow und verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom Rechtsanwalt.

Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in eigener Person. Als er zum Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe; war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten nach Hause zurückzukehren.

„Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,“ rief ihm ein Kaufmann von der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut, während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck zu geben.

Tschitschikow trat in den Laden: „Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe haben, Verehrtester.“

Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: „Was für Stoffe wünschen Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen Produkte vor?“

„Ich wünsche einen russischen Stoff,“ versetzte Tschitschikow, „aber von der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.“

„Und welche Farben finden Ihren Beifall?“ fragte der Kaufmann, der sich noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen balancierte.

„Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?“

„Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten nicht finden,“ versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten auf und hielt den Stoff ans Licht. „Ein wunderbares Farbenspiel! Das Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!“ Und in der Tat, der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.

„Hm, nicht übel,“ bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig gemustert hatte. „Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie keinen mit einem Stich ins Rote?“

„Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt: dafür ist es auch die allerbeste Sorte.“

Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen, sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu: „Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.“

12. Variante der andern Fassung.

Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes Metermaß maß Tschitschikow gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der Schere, riß das Tuch mit beiden Händen der ganzen Breite nach auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war, in außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor Tschitschikow. Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier gewickelt. Hierauf wurde eine dünne Schnur herumgeschlungen und das Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und seine Ohren vernahmen die Worte: „Was kaufen Sie hier ein, Verehrtester.“

„Ah, welch glückliches Zusammentreffen!“ rief Tschitschikow aus.

„Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,“ hörte er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen hatte. Es war Wyschnepokromow. „Ich wollte schon achtlos an dem Laden vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht — einem solchen Vergnügen kann man sich doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies Jahr sind die Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges bekommen. Ich hätte gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur etwas Gutes bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?“

„Sehr richtig!“ versetzte Tschitschikow. „Wozu quält man sich so, wenn man nicht auch was Gutes haben soll?“

13. Variante der andern Fassung.

Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und wandte sich direkt an Chlobujew: „Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den Laden traten, und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an meinem Hause vorüberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.“

Chlobujew versetzte: „Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.“

Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. „Mir wirbelt’s förmlich im Kopfe,“ sagte Tschitschikow „wenn ich daran denke, daß dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!“

„Ja, das gehört sich in der Tat nicht,“ bemerkte Wyschnepokromow; „die Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und Handwerker etwas verdienen.“

„Das kann ich gar nicht verstehen!“ wiederholte Tschitschikow. „Zehn Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol’s der Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir verkehren!“

„Jawohl,“ bemerkte der Kaufmann, „das ist in der Tat keine gebildete Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei einer gewöhnlichen Köchin ...“

„Da ist doch jedes Wort überflüssig!“ sagte Wyschnepokromow. „Mit zehn Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!“

„Nein,“ dachte Tschitschikow: „bei dir wären die zehn Millionen schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich wüßte sie in der Tat gut anzulegen.“

„Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,“ dachte Chlobujew, „dann wäre ich nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...“ Aber gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage vor: „Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?“ dann machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: „Kein Gedanke! Ich glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.“ Damit verließ er den Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm mitzuteilen habe.

„Ich erwartete Sie!“ sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. „Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.“ Und er führte Chlobujew in das Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen.

„Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?“

„Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern, was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...“

„Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse hineinzukommen? Was denken Sie wohl?“

„Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben beginnen zu können — dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr.“

„Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl anfangen?“

„Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.“

„Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?“

„Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.“

„Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur vorwärts marschiert, — muß schließlich das Ziel erreichen, man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt. Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.“

„Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz. Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch, daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.“

14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde.

Variante der andern Fassung.

„Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen — schon um 4 Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.“

„Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.“

„Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.“

„Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres. Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen, die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.“

„Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir sollen doch auch in der Welt Gott dienen und keinem andern. Und wenn wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!“

Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.

„Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie zweihunderttausend Rubel hätten?“

„Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen bin — ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.“

„Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.“

Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: „Aber nach den Erfahrungen, die ich ....“

„Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!“ fiel Murasow ein. „Sie haben ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld bitten — Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen, der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen zu können. Ich frage mich sogar — Sie entschuldigen mich doch, Peter Petrowitsch — ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets mit Ihnen zusammen zu sein!“

Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht ganz unrecht hatte.

„Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan Potapytsch?“

„Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe herumläuft.“

„Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte, und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott — und da blieb ihm eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen, ihm, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber er sagt: ‚Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir selber, sondern Gott. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür verantwortlich, sondern Sie.‘ — Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch, und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.“

„Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.“

„Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch nun einmal Gott dienen wollen — da haben Sie ein Gott wohlgefälliges Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden. Ziehen Sie einen einfachen Pelz an — Sie sind doch jetzt ein schlichter Mensch — ein verarmter Edelmann — und so gut wie ein Bettler, was brauchen Sie sich zu schämen? — nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit Gott!“

Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!

„Sie überlegen noch?“ fragte Murasow, „Sie werden damit einen doppelten Dienst leisten: Gott und mir.“

„Ihnen?“

„Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden, da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.“

„Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist ein heiliges Amt,“ sagte Chlobujew. „Dies ist ein heiliges Werk! Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt, der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.“

„Ich sage ja auch nicht, das Sie dies alles ausführen sollen, tuen Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die Kirche zu sammeln, — Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen stiften werden.“

„Gut denn! Ich will’s versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und mir die größte Mühe geben,“ sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. „Ich sehe, daß Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.“

„Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow, und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?“ sagte Murasow.

„Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen Gutes.“

„Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?“

„Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt: Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.“

„Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,“ sagte Murasow.

„Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern, daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...“

„Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,“ dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. — „Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen — das ist das Ganze.“ Und er fing schon an, an seine Reise zu denken, während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: „Ein höchst rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete! ...“

Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig. In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow mehrere Kapitel der neuen Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):

„Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird. Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt, daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß „Eskadron“ nannten. Er schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur vorschob: „Lieb uns so weiß wie“, worauf Tschitschikow ihn beständig verbesserte: „So schwarz, Exzellenz.“ „Ja, ja,“ sagte der General, „lieb uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb haben.“ Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing wieder an: „Lieb uns so weiß wie“. — Tschitschikow verbesserte ihn aufs neue, und der General wiederholte noch einmal: „Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott lieb haben.“ Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb. Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam, erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen. Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm, er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die Sache nicht geradezu abzuleugnen, um ihn — Tschitschikow nicht vor dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte, rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und Ulinka — die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb. Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich, weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen, während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte, es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ... Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das Schweigen. „Ja,“ bemerkte er, „1812 herrschte eine furchtbare Kälte!“ — „Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,“ sagte der General und sah ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und angenehm für alle Beteiligten. — An die nun folgende Anordnung der Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte, ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische Seiten. — Ein heißer Sommertag — um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert; jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft, die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! — Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille stand. Gogol las vorzüglich! — Im Übermaß seines Gefühls weinte Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: „Sie sind mein Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.“ Sofort kommt Tschitschikow eine Idee: „Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein bloßer Zufall,“ antwortet er, „ich bin sehr erfreut, aber Sie können sich sehr leicht dankbar erweisen.“ „Wodurch, wodurch?“ ruft Tentennikow, „sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.“ Hier erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300 Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. „Aber warum müssen sie denn unbedingt tot sein?“ fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, was Tschitschikow eigentlich will. „Ich werde Ihnen pro forma all meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja den Kontrakt wieder vernichten.“ Tschitschikow ist ganz sprachlos vor Erstaunen. „Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ... Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen mißbrauchen könnte?“ Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. „Was?“ ruft er aus, „ich sollte Ihnen mißtrauen, dem ich mehr verdanke als mein Leben.“ Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht. Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden, Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank angenommen. „Ich kann mir nichts Besseres wünschen,“ dachte der General, „er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen, den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle zufrieden sein werden.“ Der General bot Tschitschikow seinen zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell wie der Wind dahintragen werde.“

Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: „Dies ist alles, was Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner Schwester hat er, wie ich glaube, neun Kapitel vorgelesen“ [Rußkij Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren „eigentlich nur zwei bis drei Kapitel“ vollständig fertig.

Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der „Toten Seelen“ vor. Alles, was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852 niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode verbrannt.

Anhang zu den Novellen

Der Mantel. Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist.

Die Nase. Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den Puschkinschen „Sowremennik“ („Der Zeitgenosse“) umgearbeitet, wo sie im dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte 1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts vor der Drucklegung im „Zeitgenossen“ umgearbeitet werden:

„Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe. Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann, zu beten. Er suchte „die Nase“, suchte sie in allen Winkeln und sah den Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem Ausdruck tiefster Andacht. „Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm bloß nähern?“ dachte Kowalew. „Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, und noch dazu Staatsrat.“ Er stellte sich neben ihn und hustete ein paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und beugte sich immerfort tief bis zur Erde. „Geehrter Herr!“ sagte Kowalew, indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: „Geehrter Herr!“ „Was ist Ihnen gefällig?“ entgegnete jener, indem er sich umdrehte. — „Ich finde es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche. Sie müssen selbst zugeben, daß ...“

„Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich deutlicher.“ „Wie soll ich es ihm nur klar machen?“ dachte Kowalew, faßte jedoch wieder Mut und begann: „Ich will natürlich ... Übrigens bin ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... Die braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird ... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.“ — Hierbei zuckte der Major mit den Achseln. „Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst einsehen ...“ „Ich verstehe kein Wort,“ versetzte die Nase, „bitte drücken Sie sich etwas deutlicher aus.“

„Mein Herr,“ sagte Kowalew ernst und würdig. „Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl sehr klar ... oder Sie wollen bloß nicht ... Sie sind doch meine Nase, meine eigene Nase!“ Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.

„Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der wissenschaftlichen Branche tätig bin.“ Kowalew befand sich in der größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. „Was soll ich machen?“ dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe, ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete. Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts andres als seine eigene Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...“

Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der ursprünglichen Fassung: „Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber, Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte, aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja auch seine Nase Gott weiß wo.“ —

Das von den Worten „Gleich, gleich“ bis zum Schluß des zweiten Kapitels reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle folgendermaßen:

„Gleich, gleich! — Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel sechzig Kopeken!“ sagte der grauhaarige Herr, während er den alten Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. „Und was wünschen Sie?“ fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.

„Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,“ sagte Kowalew: „es ist eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert — ich kann der Sache noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht, eine ausreichende Belohnung erhalten soll.“

„Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?“

„Kowalew, — Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...“

„Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer Leibeigenen?“

„O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.“

„Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um eine große Summe bestohlen?“

„Eine Nase ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine — meine eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich einen Scherz mit mir erlaubt. — Und nun fährt diese Nase als Herr verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge — diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort heraus.“

Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest zusammengekniffenen Lippen schließen konnte.

„Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,“ sagte er schließlich nach längerem Stillschweigen.

„Wie? Warum nicht?“

„So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.“

„Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!“

„Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl gern einen Scherz.“

„Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?“

„Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,“ fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. „Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,“ fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu.

Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.

„In der Tat, das ist sehr merkwürdig,“ sagte der Beamte, „das sieht genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja geradezu unglaublich glatt und eben.“

„Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort einrücken.“

„Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der „Biene des Nordens“ veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.“

Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff mechanisch nach der Tasche — sie suchte nach einem blauen Schein, denn nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff, sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen Gähnen verzog und sagte: „So, nun leg’ ich mich auf zwei Stunden hin; ich werde ein feines Schläfchen tun.“ Daher kann man sich vorstellen, wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre. Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: „Sie braucht nur wenig Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen läßt, geht sie nicht entzwei.“

Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand unanständigen Lokalen herumtreiben.

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