II. Von Arabien bis Alexandrien.
Reading edition
Wir befanden uns der östlichsten Spitze von Socotora um 1½ Uhr am 3ten October gegenüber. Wir fuhren bei west- zu nördlichem Cours an der Nordseite der Insel vorbei, die also zur Linken liegen blieb. Ihre Spitze stieg zackig-ausgesägt aus dem Meere empor, ging dann aber bald in den geraden Saum eines langhingezogenen Bergrückens über, der sich in der Richtung nach Norden wandartig steil herabsenkte. Die obern drei Viertheile dieser steilen nördlichen Böschung waren dunkel- und das untere Viertheil weißlich-, hellgefärbt, doch so, daß sich sowohl von dem obern Theile dunkle Streifen, die das Meeresufer nicht erreichten, herab-, als auch von dem untern Theile weißliche Streifen hinaufzogen, die sich bis zum Saume ausstreckten.
Indem wir zwischen 2 und 3 Uhr näher kamen, entfaltete sich diese verschiedene Beschaffenheit der Insel, die wir anfangs nur der Farbe nach hatten unterscheiden können, immer deutlicher vor unsern Blicken und wir erkannten allmählig, daß der dunkle obere Theil aus nackten Felsmassen und der helle untere nur aus losem Sand bestand. Der erste, der gewiß drei Viertel des Raumes einnahm, war umbragrau, mit einer schwachen rostbräunlichen Nüance und der letzte, der nur ein Viertel des uns sichtbaren Raumes betrug, war weißgrau von Farbe, in's Gelbliche spielend. Alles, was wir sahen, war vollkommen kahl, von aller Vegetation entblößt und hatte in seiner dunkel- und weißgestreiften Färbung, seiner eingerissenen Beschaffenheit, ein sonderbares, ödes, trauriges Ansehn, – mir um so fremder, da ich 13 Jahre lang ununterbrochen in der allerüppigsten Natur geweilt hatte, in einem Lande, wo alle Felsen, wo die Kraterschlünde selbst bewaldet sind! – Hier aber, auf dieser Insel, schien alles organische Leben erstorben zu sein, – todt und starr lag sie da – das Gesicht der Wüste blickte uns an.
Der obere Saum der Bergmasse schien ohngefähr 1000 Fuß hoch zu liegen. Er zog sich in einer geraden, ungekerbten Linie hin und senkte sich nach Norden bis auf die halbe Höhe der ganzen Insel oder noch tiefer, steil wie eine Mauer herab. Diese Mauer bildet mehr oder weniger deutliche Vorsprünge und ist offenbar der Bruchrand eines einseitig erhobenen neptunischen Gebirges, dessen parallele, oft horizontale oder nur schwach geneigte, zuweilen auch etwas gebogene Schichtung wir deutlich zu erkennen vermochten. Die Schichten, die von Ost nach West streichen, fallen also wahrscheinlich nach Süden ein, so daß das Gebirge von seinem höchsten Saume an eine nach Süden geneigte Platte bilden wird, ähnlich, wie das Gebirge und eine Küstengegend am rothen Meere, das wir in Fig. 14 abgebildet haben. Obgleich die am meisten vorherrschende Farbe der Felswände graubraun (umbrabraun) ist, so kommen doch auch sowohl große weißliche Flecke, als auch deutlich begränzte parallele weiße Streifen dazwischen vor, die wahrscheinlich Bänke von Kalk oder hellgefärbten Mergeln oder Thonen sind und zwischen den übrigen dunkleren Schichten liegen. Das Eigenthümlichste dieses Landes aber sind die hellgefärbten Sandmassen, welche, durch ihre Bedeckung die Schichten oft ganz unsichtbar machend, an den Felswänden anliegen. Sie entspringen oftmals schon ganz oben am Saume als schmale, hervorstehende Leisten, laufen Stützen gleich herab, werden nach unten zu immer breiter und vereinigen sich zuletzt zu einem großen Ganzen, das als ein weißliches, sanft gesenktes Vorland – dünenartig – und abwechselnd bald nur den fünften, bald den vierten, bald den dritten Theil der gesammten Inselhöhe einnehmend, zwischen dem Meeresufer und dem Fuße der Felswand liegt. Sehr ähnlich sind viele Küstentheile der Halbinsel Sinai gestaltet, wie in Fig. 13 abgebildet ist.
Der einspringende, weiter einwärtsliegende Raum der Felswände läuft demgemäß zwischen den breiter werdenden Sandrippen schmal nach unten zu und davon kommt es, daß man aus der Ferne dunkle Streifen sieht, die nach unten, – und helle, die nach oben schmäler werden. – Beim Anblick dieser ungeheuren Sandmassen, die den Fuß der Mauer bedecken und sich noch, als Leisten, hoch bis zu ihrem Saume hinanziehen, entstand bei mir die Frage: ist dieser Sand angeschwemmt oder angeweht? – wie können durch Ausspülung von Wasser solche Rippen gebildet werden in einem Lande, wo es fast niemals regnet? – gehört ihre Entstehung einer vorhistorischen – der Diluvialperiode – an? oder kann ihre Bildung der Wirkung des Windes allein zugeschrieben werden?
Da die Nordküste von Socotora im Allgemeinen nach West-Nord-West gerichtet ist und unser Cours West zu Nord war, so kamen wir allmählig näher und vermochten den geschichteten Bau der Insel immer deutlicher zu erkennen. Zuweilen war der obere Theil der Mauer fast ganz aus weißen Felsmassen zusammengesetzt, die deutlich untergeschichtet und hier und da abgebrochen, von vertikalen Spalten durchzogen waren, – die Farbe der Hauptmassen blieb aber bräunlich-grau. Manche Theile der Wände waren in ihrer Kahlheit, in ihrer queren Schichtung, mit Vorsprüngen, worauf Schutt und Sand liegt und in ihren Stützen von Sand, die sich an ihrem Fuße ausbreiten, gewissen Kratermauern Java's so täuschend ähnlich, daß, wären jene kreis- oder halbkreisförmig gewesen, man beide hätte verwechseln können. Und doch ist die Bildung beider gewiß auf eine sehr verschiedene Art vor sich gegangen, jener durch Wasser, dieser durch Feuer, – bei jenen wurde der Sand den Wänden angeschwemmt oder angeweht, bei diesen regnete er herab aus der Luft, nachdem ihn Kraterschlünde ausgespien hatten.
Zwischen 3 und 4 Uhr kamen wir einer Gegend vorbei, wo sich Zwischenräume zwischen den Bergmassen oder Ketten befanden, die also aus verschiedenen Abtheilungen oder Gruppen bestehen. Hier lagen kleine Buchten und wir blickten in das Innere der Insel, nämlich in Thäler und Thalgründe hinein, die sich tief und flach zwischen den Gebirgen hinzogen und die in ihrem gekrümmten Laufe in geheimnißvoller Ferne vor unsern Blicken verschwanden. Wir glaubten auf dem flachen Boden des einen einige Dattelpalmen zu erkennen, übrigens aber waren sie eben so kahl, wie die Bergwände, die sie umgaben. – Nur Einmal (um 3¾ Uhr) meinten wir einige krüppelige Sträucher zu sehen, die sich wie vereinzelte schwärzliche Punkte auf dem hellern Sandgrunde vorthaten. Wir befanden uns nämlich einer flach-convexen Strandgegend gegenüber, die aus Sand aufgebaut war und sich als niedrige Vorterrasse bis zum Fuße einer Bergkette hinzog. Diese Kette war viel höher, als alle zeither gesehenen und hatte auch eine ganz andere äußere Beschaffenheit, sie war kahl wie jene, erhob sich aber viel klüftig-durchfurchter, zackiger, wilder und endete in einem gezähnt-zerrissenen Kamm, – bestand also wahrscheinlich nicht aus geschichteten (neptunischen) Gesteinen, sondern aus plutonischen oder vulkanischen Massen. Von der Sandterrasse, die ihrem Fuße vorgelagert ist, zogen sich an mehren Stellen streifenförmige Partien an der schroffen Bergwand bis zu einer großen Höhe hinan; diese oft sehr breiten Sandstreifen waren ganz glatt, kahl, sie waren, wie der übrige Sand hellgefärbt und riefen, – so wie sie da, scharfbegränzt, zwischen dunklern Umgebungen der Felsen lagen, – das Bild von Gletschern, die sich von den Jöchen der Alpen herabziehn, lebhaft in unsre Erinnerung zurück.
Um 4 Uhr waren wir einer vorspringenden Landecke bis auf ein Paar englische Meilen nahe gekommen, von hier an aber trat die Küste zurück und bildete eine große weite Bucht, deren jenseitigen (westlichen) Ecken wir uns erst um 7 Uhr gegenüber befanden, als die Dunkelheit der fallenden Nacht schon nicht mehr erlaubte, das Gestade deutlich zu erkennen. Nirgends konnten wir Feuer am Ufer entdecken, so wie wir überhaupt nirgends einige Spuren von Bewohntsein auf dieser nördlichen Seite der Insel, der wir entlang gefahren waren, hatten bemerken können. Doch sollen die innern, des Wassers nicht ganz ermangelnden und nicht ganz von Pflanzenwuchs entblößten Thäler der Insel von einer geringen Anzahl arabischer Familien bewohnt sein.
Was die Literatur betrifft, so habe ich über Socotora Nichts finden können, außer ein Paar dürftigen Stellen in C. Ritter's Erdkunde, nach Nachrichten in J. de Barros Asia. – Ritter beklagt sich (a. a. O. I, p. 123) über die so dürftigen Mittheilungen, was diese Gegenden betrifft, obgleich (wie er hinzufügt) „Socotora, wegen des Schutzes vor den Nordwinden, oft das Winterquartier portugiesischer Flotten in diesen Gewässern war.“ – Die gegenüberliegende Küste von Afrika, von Magadoro an nordwärts bis zum Kap Guardafu, mehr als 100 geographische Meilen weit, wird als „wüst, ohne Menschen und unbekannt“ bezeichnet. An einer andern Stelle (Asien IV, 1, p. 443) heißt es: „Schon nach Arrian's Periplus“ (330 vor Chr.) „ließen sich Fremdlinge aus Indien, nebst Arabern und Griechen, um den Gewürzhandel nach Egypten und Äthiopien zu betreiben, auch Reis, Musselin und Schildkrötenschaalen zu bringen, auf der Insel Dioscorides, d. i. Socotora nieder, die dem promontorium aromatum vorliegt.“ – „Vasco da Gama fand diese Indier bei seiner ersten Umschiffung Südafrika's zu Melinde, was nicht fern von Socotora liegt, wo er sie Bancani nennt.“ – „Edrisi (1150) nennt Socotora berühmt durch seine Aloë.“ (Asien VIII, p. 262, 264.)
Bald war die wüste Insel mit ihren Bergen nur noch ein Schattenriß und verschwand endlich ganz in der Nacht, während wir in der Finsterniß dahin dampften. Die See war unbewegt und das Meerwasser war dunkel, mit Ausnahme einzelner runder Stellen, die einen schwachen Lichtschein von sich gaben und mit Ausnahme von kleinen Körpern, die hier und da mit großer Schnelle, gleichsam zuckend, durch das Wasser fuhren und in schlangenförmigen oder gezackten Linien ein hell leuchtendes Licht verbreiteten. So oft diese Körper, wahrscheinlich Fische, sich bewegten, so oft glaubte man Blitze in der Tiefe des Meeres aufzucken zu sehen und wenn diese Blitze, wie oft geschah, in Millionenzahl auf Einmal aufflammten, so gewährten sie in der That, da Alles umher so dunkel war, ein prachtvolles Schauspiel.
Erst um 11 Uhr wurden zu unsrer Rechten wieder Gestalten sichtbar, die dunkler waren, als der nächtliche Himmel; wir hatten uns der gebirgigen Küste Arabien's genähert, der wir nun entlang fuhren, – einzelne Lichter wurden am Abhange dieses gebirgigen Landes sichtbar, – nachher sahen wir auch Schiffe mit Lichtern und um 12 Uhr des Nachts ließen wir unsre Anker fallen.
Als wir den folgenden Morgen (4ten October) erwachten und uns auf das Verdeck begaben, bemerkten wir, daß wir auf allen Seiten von Land umgeben waren und uns in einer rundum geschlossenen Bucht befanden. Wir lagen in der westlichen Bai[21] der kleinen Halbinsel Aden, der sogenannten Back-Bai vor Anker.
Ich verweise den Leser in Beziehung auf die folgende Beschreibung von Aden auf die kleine Kartenskizze Fig. 16, die, was die Größenverhältnisse betrifft, freilich nur figurativ ist, die außerdem aber dem Leser über die Positionsverhältnisse von Aden im Allgemeinen und über die Configuration seiner Berge in's Besondere ein getreues, richtiges Bild verschaffen wird.
Die Umgebung dieser geräumigen Meeresbucht war die folgende. Den Eingang in die Bucht sahen wir von unserm Schiff in West zu Nord. – Rechts von diesem Eingange erhob sich eine gebirgige Halbinsel Dschebel Hasan, die wir in West-Nord-West erblickten und die sehr steil zu einem scharfen, rauhen, spitzigausgezackten Kamme emporstieg. Sie soll aus Granit bestehen und zwei Stunden lang sein. Ihre obere felsige Region erschien dunkelgefärbt, umbragrau und ihre unteren Gegenden, die ohne Zweifel aus Sand bestehen, gelblich-hell. Manche ihrer Berggruppen und zackigen Felspartien waren durch geneigte Sandflächen (geglättete Sandgehänge) von einander getrennt. Sie gingen einwärts (rechts) in ein flaches, niedriges Land über, das die Bucht, in der wir lagen, in einem weiten Halbkreise auf der Nord- und Ostseite unsers Schiffes umgab, und stellte sich wie ein in's Meer hinaus- und der Westecke von Aden entgegengeschobenes Vorgebirge dieses flachen Landes dar, das eine Sandwüste zu sein schien, auf der wir nirgends eine Spur von Bergen oder Hügeln bemerken konnten. Die Halbinsel Dschebel Hasan ist demgemäß nur ein isolirt aus dem Sande hervorragender Felskamm. Ihre Lage scheint nord-westwärts in Beziehung zur äußersten Westecke Aden's zu sein.
Je einförmiger, flacher dieses nördliche Ufer der Bai war, desto gebirgiger stellt sich das Südufer derselben, nämlich die Nordseite der Halbinsel Aden dar, der wir, in einer kleinen Einbiegung der Bai, so nahe lagen, daß wir den Menschen, die auf dem Lande waren, zurufen konnten. – Hier erhoben sich in frappanter Nähe die Gebirgsketten und stiegen kühn und steil zu den schwindlichsten Höhen empor. Sie schlossen unsere Aussicht von Ost bis West-Nord-West und endigten sich dort jener zuerst genannten Halbinsel gegenüber in die westlichste Felsecke von Aden: Ras Marbut, doch so, daß zwischen beiden ein geräumiger Kanal übrig bleibt, der Eingang in diese für sehr sicher gehaltene Bucht.
Besser als eine Beschreibung wird vielleicht die von mir entworfene Ansicht (obgleich sie nur eine flüchtige Skizze ist,) im Stande sein, den Leser mit der Physiognomie dieser Berge bekannt zu machen. Er wird dadurch zugleich ein Bild erhalten von dem landschaftlichen Charakter des westlichen Theils vom Südgestade Arabien's überhaupt, wovon diese Berge nur ein kleiner, den übrigen vollkommen ähnlicher Theil sind. Man werfe daher einen Blick auf Fig. 17.

Fig. 17. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.
Hier wird das Auge zuerst getroffen durch den Anblick eines Gebäudes, das die Aufmerksamkeit um so mehr auf sich zieht, weil es fast das einzige ist, das man in dieser wüsten Gegend gewahr wird. Wir sahen es von Bord unsres Schiffes in Süd-Süd-Ost. – Einsam liegt das Häuschen da am Gestade, in der stillen Bucht, die muldenförmig nach innen ansteigt, – halbversteckt zwischen den Bergen, die sich schroff und kühn auf allen Seiten emporthürmen. Ihre Wände steigen glatt, nur von oben nach unten von kleinen parallelen Furchen durchzogen, steil wie eine Mauer empor und endigen sich hoch oben in einen Kamm, der den Thalbewohnern den Anblick des Himmelslichtes noch lange nach dessen Aufgange verbirgt und lange, finstere Schatten in die Klüfte wirft. Der Saum hat eine eingerissene, höckrige, gekerbte Beschaffenheit, hebt und senkt sich in den wildesten, regellosesten Formen und malt sich in schroffen Umrissen, zackig-durchklüftet, wie eine Säge am Blau des Himmels ab. Hinter den vordern Bergzügen, die lauter schmale, an ihren Seiten wandartig steile Jöche sind, thürmen sich in der Ferne noch höhere Jöche, noch wüster und rauher als die vorigen empor, – aber, so unbesteigbar sie dem Auge erscheinen, so verkündet doch ein hoch in die Lüfte hingepflanztes Signal, – ein für die christliche Menschheit so bedeutungsvolles Zeichen, – ein Kreuz, das von der höchsten Zacke des höchsten Joches „Schamshan“ herab auf die Rhede blickt, daß menschliche Wißbegierde sich auch zu diesen unwirthbaren Höhen einen Zugang verschaffte. – Die Meereshöhe dieses Punktes soll 1660 par. Fuß betragen.
Nur auf dem unmittelbar an's Meer gränzenden Saume des schmalen Gestades bemerkt man sandige Stellen, die wie jene sandigen Theile der zuerst genannten kleinen Halbinsel gelblich hellgefärbt sind. Alles andere bis hoch hinauf auf die Firsten der Berge liegt in einer einförmigen, düstern Schminke da, nämlich in einer schwärzlichen, grau-braunen (umbrabraunen) Farbe, die nirgends von einer verschiedenen Nüance abgewechselt wird und die den unwirthbaren, gleichsam bangen, furchteinflößenden Anblick der Gegend noch düstrer macht. – Vergebens sucht das Auge nach einem Baume, vergebens nach einem Strauche; kein Grashalm, kein einziges grünes Fleckchen ist weit und breit zu entdecken. Dunkel, umbragrau düstert Alles umher. Nur nackte, kahle Felswände, wohin er sich wendet, blicken den Reisenden an und die furchtbar zerrissene Zackenform der Bergkämme blickt drohend auf ihn nieder. Sähe man das Häuschen nicht, das dort aus seiner stillen Bucht im Kesselthale freundlich hervorblickt, – wäre der blaue, heimathliche Himmel nicht, der über diesem Gebirgschaos herablächelt, so könnte man glauben, sich auf einem fremden, verwüsteten Planeten zu befinden.
Wenigstens in mir brachte der Anblick Aden's den Eindruck hervor, der ich solche eingerissene Bergform, – solch' öde Wüstennatur zum ersten Mal anschaute. – Alles vegetabilische Leben schien von hier verbannt zu sein und Nichts war vorhanden, was mich an die reiche Pflanzenwelt von Java, in deren Wäldern ich so viele Jahre lang geweilt hatte, hätte erinnern können. Ich befand mich hier in einer Natur, die jener in schroffem Contraste gegenüber stand. Nur ein Wesen zeigte sich, das mich an Java erinnerte, als wenn es mich auf der Reise von dort hierher begleitet hätte, – ein thierisches Geschöpf nämlich, – ein Vogel. Falco pondicerianus flog, hier wie dort, in Kreisen um das Schiff.
Da der Führer unsres Schiffes bekannt gemacht hatte, daß wir wegen einiger kleinen wünschenswerthen Reparaturen und des nothwendigen Einnehmens eines neuen Vorraths von Steinkohlen, nicht vor 8 Uhr des folgenden Morgens weiter reisen würden, so begab ich mich, um von diesem Aufenthalte so viel als möglich Nutzen zu ziehen, den 4ten October früh an's Land, um den heutigen Tag nebst dem folgenden Morgen zum Durchstreifen der Halbinsel in verschiedenen Richtungen und zu geologischen Untersuchungen derselben zu benutzen. Weil man überall natürliche und oft sehr schöne Entblößungen der Felsen findet, so war der geologische Theil der Untersuchungen leicht, und stand in gar keinem Verhältniß zu den Schwierigkeiten, die sich der Erforschung vom innern Bau des Landes auf Java entgegenstellen.
Ich begab mich in dem Kahne eines Somali[22] (eines Abyssiniers aus dem Arabien südwärts gegenüberliegenden Lande Somali), der schöne Gesichtszüge, aber dünne Waden hatte, an's nahe Land und wanderte, nur mit einem tüchtigen geologischen Hammer und einigen Thermometern bewaffnet, über die schmale Strandfläche hin, dem Hotel zu, das in geringer Entfernung von der Küste im hintern Theile der Sandfläche lag, da, wo diese anfängt, sich schon etwas zu erheben, um in die muldenförmigen Thalgründe zwischen den Bergjöchen emporzusteigen.
Dutzende von arabischen Buben drängten sich zu mir heran und wollten durchaus nicht erlauben, daß ich zu Fuß ginge, zumal da ein jeder einen gesattelten Esel am Zaume führte. Sie priesen die guten Eigenschaften und den ruhigen Gang ihrer Thiere um die Wette und waren so besorgt um meine Bequemlichkeit, – obgleich das Hotel kaum 200 Fuß weit von uns entfernt lag, – daß ich mich bald zwischen lauter Eseln eingeklemmt sah und meine Thermometer Gefahr liefen, zu brechen. Erst nachdem ich mit einem von ihnen (zum Behufe eines Ausflugs in die Insel) für ein Paar Gulden einen wechselseitigen Contract geschlossen hatte, zogen die übrigen – (Esel) ab.
Westwärts vom Hotel, dem Meere zunächst, lehnen sich die großen Kohlenmagazine dem Fuße der Berge an, nämlich viereckige offene Räume, in denen die Kohlen hoch auf einander gestapelt sind. Sonst sieht man hier Nichts von Menschenhand Gemachtes. Ich nahm mein Absteigequartier im Hotel, das, wenn ich nicht irre, außer dem Speisesaale 30 luftige, mehr oder weniger geräumige Zimmer enthält. Es ist nur zum Theil aus Stein erbaut, dem größern Theile nach aus Bambus, Schilf und Dattelblättern zusammengezimmert und wird von einem Parsen gehalten. Außer den sehr willkommenen, periodischen Gästen, die mit den Landmailschiffen kommen und deren Zahl nicht groß ist, wird es noch von vielen unwillkommenen, stationären Gästen, nämlich Ratten bewohnt. Die Tafel (für die erstern) war weniger gut besetzt, als dies an Bord der Fall war, denn da Aden selbst nicht das Geringste producirt, so müssen alle Lebensmittel theils mit Schiffen, theils auf Kameelen aus fern gelegenen Gegenden hier angeführt werden. – Mein erster Ausflug galt dem von hier entferntesten, östlichsten Theile der Halbinsel, wo sich, ein Stündchen Wegs von hier, die auf alten Ruinen wieder neu errichtete Stadt befindet. Da noch viele andere Passagiere vom Schiff dieselbe Absicht hatten, die Stadt zu besuchen, so waren die vielen Esel, deren leitende Nebengeister vor dem Hotel ungeduldig auf angenehme Befrachtung harrten, binnen Kurzem alle besetzt. Wir bedauerten einige schöne, zarte Damen, die so gütig waren, uns ihre Gesellschaft zu schenken und die ebenfalls mit diesem langgeöhrten Transportmittel vorlieb nehmen mußten, dem einzigen nämlich, das man außer seinen eigenen Füßen hier haben konnte. Die Sättel auf den in Arabien sehr geehrten Thieren waren ungemein hoch, aber sehr lose angeschnallt und wackelten unerbaulich hin und her. Sobald unsere Karavane vollständig beritten oder besser gesagt beeselt war, zogen wir auf der neuen Straße, welche die Engländer auf dem schmalen Raume zwischen dem Meere und dem Fuße der Berge angelegt und oft durch hervorragende Felsecken hindurchgehauen haben, dahin und umschrieben einen weiten Halbkreis rund um den Fuß des Gebirges, erst nach Nord-Ost, dann nach Ost und endlich nach Süd. – Ein jeder Esel hatte einen leitenden Geist oder Maschinist, der, mit einem tüchtigen Stocke in der Hand, hinter ihm herging. Wenn nun die vierfüßigen Unterthanen zuweilen etwas schläfrig wurden und „Eile mit Weile“ in Ausübung brachten, so schlugen die zweibeinigen Maschinisten auf's Locomotiv hinten auf, das dann gewöhnlich einen vertikalen Sprung mit den Hinterbeinen machte, während es mit den Vorderbeinen plötzlich stille stund. Die Reiter wippten dann, oder richtiger, wurden in die Höhe gewippt, einen halben bis einen Fuß hoch, und wurden dadurch wider Willen an die Erdbeben erinnert, die ohne Zweifel einmal an diesen Felsen gerüttelt und geschüttelt und eben dadurch die Gebirge so zerstückelt hatten, wie sie jetzt sind. Man konnte solchen vertikalen Stößen um so weniger widerstehen, je unerwarteter sie kamen und die Folge davon war, daß manche schlechten Reiter herabplumpsten in den Sand und – mit Ausnahme der schönen Reiterinnen, die bei diesen Exercitien „das Unterste zu oberst“ jederzeit viele Beweise der zärtlichsten Theilnahme empfingen, – von den Übrigen ausgelacht wurden. Manche blieben, wenn sie durch solche Stöße das Gleichgewicht verloren hatten, auf der Seite schweben und Andre, die sich an den Sattel hatten fest halten wollen, der sich aber nach den Gesetzen der Schwere herumdrehte, kamen unter den Bauch der Esel zu hängen, die dann, durch diese verkehrte Art zu reiten, außer Fassung gebracht, wie vom Teufel besessen davon galoppirten. Die Nebengeister der Esel liefen dann, unter einem lauten Halloh, was sie laufen konnten, hinter drein, das arme Opfer, das in einer so „schwebenden Pein“ hing und das vielleicht schon an das tragische Schicksal eines Mazeppa dachte, schrie, was es schreien konnte und – die Andern lachten. Doch lief die Pilgerfahrt glücklicher Weise ohne Halsbrechen und ohne andre Beschwerden, als Hitze, Sand- und Staubwolken ab.
Erst von da an, wo sich die Straße am Ostfuße eines Joches ganz nach Süd-Ost und Süd gedreht hat, fängt sie an, am Gebirge hinanzusteigen und nähert sich immer mehr einer schmalen, tief durch den Kamm eines Joches hindurchgehauenen Kluft. Die Bergwand, welche sich hier zur Rechten, nämlich auf der Westseite des Weges erhebt und welche in der Richtung nach Osten in die, hier geschlossene[23] Bai herabschaut, ehe man jene Kluft erreicht hat, – zeichnet sich durch eine Menge großer Löcher, oder buchtartiger Höhlungen aus, die nicht deutlich in Reihen liegen, sondern ziemlich regellos an der Wand zerstreut vorkommen. Sie ähneln den Aushöhlungen, die an manchen Küsten durch die Brandung des Meeres verursacht werden, liegen aber 1–300 Fuß über dem Niveau des Meeres und sind vielleicht (?) durch Kunst ausgehauene Cisternen (Tank's), die zu Wasserbehältern dienten und bestimmt waren, das hier so selten fallende Regenwasser aufzufangen.
Je höher man steigt und je mehr man sich der angedeuteten Kluft durch den Bergrand nähert, um so mehr wird man mit Bewunderung erfüllt über die ungeheuern Festungsbauten, welche die Engländer hier angelegt haben. Schon diese Befestigungswerke rufen in dem Reisenden die Ahndung hervor, daß er sich dem einzigen Zugange zu einer auf allen Seiten von der Natur durch unübersteigliche Felsjöche befestigten Stadt nähere. Da, wo diese Felsjöche eine Lücke, die Möglichkeit eines Zugangs ließen, da sieht man diese Zugänge verstopft durch Bastionen und gewaltige Mauern, welche daselbst errichtet sind und erblickt solche Mauern in Höhen von mehren Hundert Fuß an den steilsten Wänden, wie angeklebt, oder auf den höchsten Bergkämmen, wie aufgewachsen.
Die Kluft, der wir näher treten, ist ein durch die Kunst noch um 25–30 Fuß tiefer gemachter Einschnitt in die Felsen an einer Stelle, wo schon die Natur eine Kerbe im Kamme eines Joches gebildet hatte. – Feste Mauern engen den Weg zu beiden Seiten ein, der zu ihr hinanführt, und eine gewaltige Batterie, die sich auf der Ost- d. i. linken Seite, wenn man von außen (von Norden) kommt, auf terrassenförmig höher steigendem Gemäuer erhebt, vertheidigt den Eingang. Die hindurchgebrochene Kluft selbst ist zu einem festen, überwölbten Thore umgestaltet, und durch dieses Thor, – durch diesen einzigen Zugangspaß von der Nordseite her zur Stadt, – muß der erstaunte Reisende hindurchschreiten, wenn er zum Orte Aden gelangen will, zu einer Stadt, die von Natur schon fester als Gibraltar ist. Die Flur (oder die Sohle) des Thores mag 400 Fuß hoch über dem Meere liegen. – Sobald wir hindurchgeschritten waren, blickten wir in ein Kesselthal hinab, in dessen Umfange sich fast auf allen Seiten steile Bergwände herumzogen und beinahe eine Kreislinie bildeten, wodurch der kleine Thalgrund gewissermaßen vor den Blicken aller Welt verborgen gehalten wird. – Sein ziemlich flacher Grund mochte 300 Fuß tiefer, als der Paß durch den Bergrand, den wir auf der Nordseite des Kessels überschritten hatten, also etwa 100 Fuß über dem Meere liegen und eine englische Meile im Durchmesser haben. Nur auf seiner Ostseite, wo er sich zum Ufer der östlichen (Aden-) Bai hinabsenkt, waren keine umringenden Berge vorhanden. Dort war der Rand des Thalgrundes wenig, und theilweis gar nicht erhöht.[24]
Aus diesem Thalgrunde, so recht im Innersten der Gebirge versteckt, die ihn unzugänglich machen, blickte mit ihren Ruinen, neuen Gebäuden, Hütten, Krambuden und Kasernen die Stadt Aden zu uns herauf, die wir besuchen wollten. – Wir stiegen auf dem Schlangenpfade der Straße hinab und wanderten bald zwischen Ruinen von alten, bald zwischen Bruchstücken von neu aufgerichteten Häusern, bald zwischen Menschen, die beschäftigt waren, mit Hülfe von Lastthieren Wasser aus tiefen Brunnen zu schöpfen und Mörtel zu neuen Bauten damit anzumengen und bald zwischen Arbeitern, die alte Brunnen aufräumten oder neue gruben, dahin und gelangten so in die Straßen der Stadt, die wir durchschlenderten.
So wie aber die Stadt und der ganze Kessel, in dem sie lag, von oben, vom Paßthore herabgesehen, wohl einen öden, doch keinen freundlichen Anblick gewährt hatte, so sah auch ihr Inneres durchaus nicht einladend aus. Auch hier war nirgends ein grünes Fleckchen zu entdecken, viel weniger ein Baum, Alles war kahl und wüst, – man sah nur Sand, Gebirgsschutt oder nackten Fels. Die Bewohner, deren Anzahl, außer der Garnison und einigen europäischen und armenischen Kaufleuten, auf 7000 angegeben wurde, bestehn aus Abyssiniern (Somali), Juden, und hauptsächlich aus Arabern, welche alle drei verschiedene Abtheilungen der Stadt bewohnen. Die meisten Häuser waren niedrig, nur aus Bambusrohr, Schilf, aus dem Holze und den Blättern der Dattelpalme aufgerichtet, auch mit den Blättern dieser Palme, mit Schilf und Matten gedeckt, und oben platt; nur wenige, worin vorzugsweise Juden wohnten, waren, doch nur roh, von Stein gebaut. Ich sah nur wenige bessere und zweistöckige Gebäude, in denen englische, armenische und chinesische Kaufleute wohnten; die übrigen waren niedrig, unregelmäßig und die Straßen zwischen ihnen schmutzig. Hier lag Kehricht in Haufen umher, dort standen getrocknete Fische zu Kauf, hier wurden Kuchen in Öl gebacken, dort standen Körbe voll Datteln, die zum Theil schon halb in Gährung übergegangen waren, zur Schau, – und, außer dem Geruche, den diese Herrlichkeiten aushauchten, sorgten die Myriaden von Fliegen, die davon angelockt, in den engen Gassen herumschwirrten, dafür, daß die Reisenden daselbst nicht länger, als nöthig war, verweilten.
Wir besahen einige von den gegrabenen tiefen Brunnen, die in großer Anzahl im Umfange des Thalkessels, am Fuße der Berge, besonders auf der West- und Süd-Westseite liegen, da, wo diese Berge am höchsten sind. Die meisten waren in Gereibsel- (Conglomerat-) und Tuffmassen, wenige in compakten Fels ausgegraben und 30–40 Fuß tief. Sie liefern ein vorzügliches Trinkwasser, das übrigens auch das einzige Wasser ist, welches die Bewohner der Halbinsel besitzen. Nachdem wir die Stadt durchkreuzt und einige Erfrischungen zu uns genommen hatten, trennte ich mich von meinen Begleitern und machte nun Ausflüge zu Fuß in verschiedenen Richtungen durch die Gebirge, während jene auf ihren Eseln in's Hotel am Ufer der Back-Bai zurückkehrten. Ich will jedoch die Beobachtungen, die ich über die topographischen und geologischen Verhältnisse Aden's auf diesem, so wie auf spätern Zügen machte, welche ich an diesem Tage durch die östlichen und mittlern, und am folgenden Morgen vom Hotel aus durch die westlichen Gegenden der Insel unternahm, in ein gedrängtes Bild zusammenfassen.
Alle Berge, die ich sah, hatten aus einiger Ferne erblickt, überall dasselbe schwärzlich-grau-braune (umbrabraune) Kolorit und waren überall gleich nackt, ohne eine Spur von Verwitterungskrusten, ohne den geringsten Anflug von Flechten. Sie waren gewöhnlich vom Fuße an, bis zur Hälfte ihrer Höhe in Schutthalden (Gebirgsschutt, Gereibsel) verborgen, ja die weniger steilen Gehänge waren bis zu drei Viertel der Höhe hinan mit Gereibsel überstreuet, so daß nur die obersten Jöche als compaktes, nicht zertrümmertes Gestein hervortraten. Ihrer Gestalt nach waren es sehr schmale, aber lang hingezogene Ketten oder große Rippen, die sehr steile, oft mauerartige Seitenwände hatten und sich oben in einen noch schmälern, meistens ganz scharf zulaufenden, höckrigen, gekerbten, oder scharf eingerissenen, ja oft auf das Wunderbarste ausgezackten und spitzgezähnelten Kamm (Firste, Gräte) endeten. Sie stellten sich dar als auf das Gewaltsamste zerrissen und zerklüftet und strebten ungemein kühn und zackig-rauh empor. Die Firsten der meisten sind gewiß unübersteiglich und unbeklimmbar.
Was die Lage und Verbindung dieser Jöche betrifft, so streicht ein höchstes, centrales Joch, das die Araber Dschebel (Berg) Schamshan nennen, von West-Nord-West nach Ost-Süd-Ost durch die Halbinsel und von diesem Hauptjoche laufen Querzweige oder Seitenrippen, die übrigens eben so gestaltet und in der ersten Hälfte ihrer Erstreckung nicht viel weniger hoch sind, nach dem Meere aus, indem sie sich allmählig tiefer senken. Ihre Anzahl nimmt durch Spaltung, durch das Auftreten neuer Schluchten zwischen ihnen nach der Meeresküste hin zu, und so entsteht ein merkwürdiges, auf den ersten Anblick labyrinthisches Gegitter von schroffen Bergleisten und engen Schluchten zwischen ihnen, von denen die meisten in ihrem Grunde eben so schmal sind, wie die Bergrippen auf ihrer Firste. Nur einige von diesen Schluchten haben einen mehr muldenförmig-gerundeten Grund und breiten sich in ihrer untersten Gegend zu kleinen Sandflächen aus, die vorn an's Meer gränzen und kleine sandige Buchten zwischen den Bergrippen bilden. Die größte und fast kreisförmig gestaltete dieser Buchten ist das Kesselthal, worin die Stadt Aden liegt, begränzt auf der Süd- und Westseite durch die auslaufenden Rippen des Dschebel Schamshan und auf der Nordseite durch ein kleineres Joch, das auch weniger hoch ist, aber mit einer Rippe des Schamshan auf der Nord-Westseite des Thales ununterbrochen zusammenhängt. Über die Kerbe, den tiefsten Punkt zwischen beiden führt der uns bekannte Paß. Auf der Ostseite, der Insel Sira gegenüber, steht die Bucht offen und senkt sich steil zum Meere herab, auf ihrer Westseite aber erheben sich die höchsten Zacken des Schamshan, die man auch von der Back-Bai aus sehen kann (s. † auf Fig. 17). So bilden Jöche und Nebenjöche (mit Zwischenklüften) die ganze Halbinsel. Viele ragen mit ihren Enden, die sich steil hinabsenken, oft weit in's Meer hinaus und bestimmen dadurch die elliptische, in vielen Zacken vorspringende Form von Aden's Küstensaume. Der größte Durchmesser der Halbinsel von Ost-Süd-Ost nach West-Nord-West beträgt ohngefähr 1½ Stunden. Die höchste Spitze des Schamshan soll 1660 Fuß hoch sein.
In einer Richtung, die der Streichungslinie des Hauptjoches von West-Nord-West nach Ost-Süd-Ost fast entgegengesetzt ist, nämlich in Nord-Ost, ist die Halbinsel mit dem Festlande von Arabien durch einen schmalen Isthmus verbunden, der, wie das angränzende Festland selbst, ganz niedrig, flach, sandig ist und nur aus zertrümmerten Korallen und Muscheln besteht. Wäre dieser Isthmus nicht, so würde das Gebirge von Aden eine vollkommen isolirte Berginsel sein.
Die steilen Abstürze, welche die meisten Rippen seewärts bilden, bieten dem Geologen schöne Entblößungen an. Ich habe deren besonders auf der Nord- und Nord-Westseite untersucht. Wegen der Kahlheit und dem Mangel bedeckender Erdschichten bietet aber auch das Innere der Halbinsel, in den Thalklüften, an den steilen, mauerartigen Gehängen der Jöche (da, wo diese in keinen Schuttmassen, Felsbruchstücken verborgen sind) fast überall eine reiche Gelegenheit dar, die geologische Structur zu erkennen.
Ich habe keine andern Gesteine, als Lava-Arten, nämlich trachytische, doleritische, basaltische Gesteine, nebst Trümmerbildungen derselben Steinart (Conglomerate) und Tuffe gefunden. Die Halbinsel ist also ganz vulkanisch zusammengesetzt und die Trümmerbildungen, die theils Gluthbrezzien, theils unter Wasser abgesetzte oder als Schlamm geströmte Gereibsel- und Tuffbänke sind, nehmen keinen geringen Antheil an dieser Zusammensetzung. Am massigsten kommt trachytisches Gestein vor in den mittlern Jöchen der Halbinsel, wo es leistenartig, oben schmäler werdend, als mächtiges Ganggestein emporragt. Die trachytischen sowohl, als die basaltischen Laven, welche man findet, sind bald dicht, bald mit wenigen, aber großen Blasenräumen versehen und diese sind bald leer, bald mit Kalkspath, Quarz, selbst Gypsspath ausgefüllt und verwandeln die Felsart alsdann in einen vulkanischen Mandelstein, bald sind sie ganz bimssteinartig porös. – Was zu Aden meine Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, da ich es auf Java zwar häufig in neptunischen Gebirgen, aber nie in vulkanischen Bergen gesehen habe, waren vertikale, bald gerade, bald im Zickzack verlaufende Gesteingänge, welche durch die übrigen Massen von Nord-Ost nach Süd-West hindurchsetzten, also fast in einer queren Richtung zur Hauptstreichungslinie des Schamshan verliefen. Sie bestanden bald aus trachytischem, porphyrähnlichem Gestein, bald aus Lava von einer mehr dichten, basaltischen Beschaffenheit und ragten hier und da, gewöhnlich aus losem Material (Reibungsconglomerat) als gewaltige Felsmauern oder Kämme hervor; ich bin daher geneigt, zu glauben, daß jene steil ansteigenden, oben zackig-geendeten Trachytleisten oder Rippen der Halbinsel auch weiter nichts, als solche, sehr massive, vertikale Gesteingänge sind. – Mehr im Umfange der Halbinsel, also am Fuße der Rippen, besonders auf der West-Nord-Westseite kommen ähnliche Steinarten in mehr ausgebreiteter, plattenartiger Form vor, nämlich als Lavabänke, die parallel über einander liegen und bald gleichmäßig nach außen, nach dem Meere zu geneigt, übrigens platt, bald gewölbeartig gebogen sind, in welchem letztern Falle dann ihr vertikaler Durchschnitt (die senkrechte Wand, die sie an der Küste bilden), ein zwiebelartiges Ansehn erhält. Die schönsten Entblößungen dieser bankförmig über einander gelagerten Gesteinmassen sah ich am Ufer der Back-Bai, besonders auf der Nord-Westseite der Halbinsel, in der Nähe des Eingangs in die Bai. Hier haben sie eine Mächtigkeit bald nur von 3, bald von 15 Fuß und wechseln sehr oft mit lockern Gereibsel- (Conglomerat-) und Tuffschichten ab, zum Beweise, daß sie 1) wie die spaltenfallenden Gänge und Bergleisten selbst, zu verschiedenen Malen und in verschiedenen Perioden, aber alle in tertiären oder vortertiären, nicht in historischen Zeiten unter dem Meere gebildet, theils als submarine Lavaströme ergossen, theils aus dem Wasser, als Trümmer-, Schlamm- und Tuffbildungen abgesetzt wurden, 2) daß sie eine ältere geschichtete (in Bänke gesonderte) Bildung sind, als jene vertikalen, meist trachytischen Gesteingänge, von denen sie durchbrochen und mit emporgehoben wurden. – Die meisten bankförmigen Gesteine, die ich sah, bestanden aus schwärzlicher, basaltischer Lava.
An manchen Stellen war diese Lava dünnschiefrig, abgesondert, in den mehrsten Gegenden aber in parallele Unterabtheilungen (Unterbänke) getheilt; diese waren zuweilen in verschiedenen Richtungen halbkreisförmig gebogen, – an manchen Stellen, wo das Gereibsel unter diesen Bögen fehlte, wo es weggewaschen oder weggekrümelt war, bildeten sie überhängende Buchten oder Gewölbe, unter denen Grotten übrig blieben, geräumig genug, um eine Anzahl Menschen zu befassen. An einigen Stellen liefen die Biegungen der plattenförmigen Abtheilungen dieser Lava sogar ganz kreisförmig zusammen und bildeten dann eine ausgezeichnet-kuglige, concentrisch-schaalige Absonderung. An vielen Stellen war diese Lava in allen möglichen, oft queren Richtungen, sowohl von dünnen Adern, als auch dickern Massen von Gypsspath durchzogen; auch fand ich Gereibselmassen, Steintrümmer, die durch dieses Mineral hier und da brezzienartig zusammengebacken waren.
Ihre so ungemein zerrissene, zackig-zerstückelte Beschaffenheit hat die Halbinsel wahrscheinlich erhalten durch die Wirkung der Meeresfluthen, so lange sie noch unter dem Meere lag, aus dem sie allmählig, in häufig wiederholten absatzweisen Hebungen emporstieg. Dadurch mußten die Conglomeratbildungen, die zwischen den senkrechten Gesteingängen lagen, da wo sie nicht von plattenförmig ausgebreiteten Lavamassen bedeckt und dadurch vor den Wogen geschützt waren, besonders leicht zerstört werden und dadurch wurde vielleicht die große Tiefe der Schluchten und die schroff hervorragende Leistenform der Berge zwischen ihnen bedingt oder vermehrt. In den Gegenden der Halbinsel, wo der innere Bau des Landes aus der vorhin bezeichneten bankförmigen (platten oder gebogenen) Absonderung besteht, was besonders im äußern Umfange der Insel der Fall ist, da ist die äußere Form der Berge flach oder wulstig, man sieht gleichmäßigere und sanfter gesenkte Gehänge. Auf dem verflachten Scheitel eines solchen Bergwulstes im west-nord-westlichsten Ende der Halbinsel haben die Briten ein kleines Fort erbaut, das dem Eingange in die Back-Bai, den es beherrscht, gegenüber liegt. Man kann dieses Fort auf einem bequemen, neu angelegten Wege besuchen, der vom Hotel, dem Landungsplatze aus, in entgegengesetzter Richtung, als jener zur Stadt führende, nämlich nach West leitet. Er läuft hart am Fuße der Berge zwischen diesem und dem Meere hin und schmiegt sich allen Unebenheiten der Küste an, die bald in Zacken hervorragt, bald in kleinen sandigen Buchten einspringt. Nach einer halbstündigen Erstreckung vom Hotel steigt er, um das Fort zu erreichen, hinan am Berggehänge, auf welchem sich die englischen Offiziere aus Holz, Bambus, Schilf und Dattelpalmblättern mehre luftige Wohnungen erbaut haben. Selbst kleine Gärtchen für Blumen und Gemüse haben sie versucht, in der Umgebung ihrer Schilfhäuser anzulegen und haben die fruchtbare Erde, die dazu nöthig war, Tagereisen weit aus entfernten Gegenden Arabiens kommen lassen. Denn der steinige Boden ist auf der ganzen Halbinsel überall so vollkommen nackt, daß man nirgends die Spur einer Verwitterungskruste findet und nicht einmal den Thallus einer Flechte auf den Felsen antrifft. – Doch habe ich auf meinen Ausflügen eine Anzahl kleiner Sträucher und Halbsträucher gefunden, für deren besondere Organisation dieser Boden gedeihlich scheint und die wild in losem Sande oder in Felsspalten wuchsen. Sie waren nicht höher wie ½-2, höchstens 3 Fuß hoch und bestanden aus 6 verschiedenen Arten, worunter ich eine stachelige Acacia, – eine halbstrauchartige Reseda, – Capparis spinosa, – und eine Euphorbia erkannte.
In den Bergschluchten sollen sich viele Füchse von grauer Farbe und selbst einzelne Hyänen aufhalten. Ich habe von thierischen Bewohnern außer einem Raubvogel (Falco pondicerianus) nur Ratten und zahme Esel gesehen.
Es schien mir nicht unwichtig, einige Beweisstücke über das vom geologischen Baue Aden's Mitgetheilte zu besitzen. Zu diesem Behufe schlug ich von den verschiedenen Felsarten Stücke ab, von denen ich jedoch nur eine Anzahl der am meisten bezeichnenden, vorherrschenden und auch von diesen nur kleine Exemplare habe mitbringen können.[25] Diese habe ich unter den folgenden Bezeichnungen und Nummern im naturhistorischen Museum zu Leyden deponirt.
Aden Nr. 1. Ein porphyrartiges Gestein. Eine gleichförmige Felsitgrundmasse, die nur dem bewaffneten Auge sehr feinkörnig erscheint, eben von Bruch, blaß-röthlich von Farbe, enthält vereinzelte, matte, wenig glänzende Feldspathkrystalle, die dem bloßen Auge wie unregelmäßige, eine Linie große weiße Flecke erscheinen, nebst vielen, kleinen, durch die ganze Gesteinmasse zerstreuten Magneteisentheilchen, die aber nur zum Theil mit der Loupe in Gestalt sehr kleiner Körnchen, auch kleiner Adern sichtbar sind. In noch kleinern, kaum mit der Loupe sichtbaren Theilchen kommt Eisenkies darin vor. Die ganze Gesteinmasse funkt zum Theil am Stahl. – Von einem der senkrechten Gesteingänge, im nord-östlichen Theile der Insel, unweit vom befestigten Thore auf dem Rande des Kesselthals. – Aden Nr. 2. Eine braunrothe Lava-Art. Eine dem bloßen Auge gleichförmige, nur unter der Loupe feinkörnige Grundmasse enthält vereinzelte glasige Feldspathkrystalle und ist von vielen engen Blasenräumen durchzogen, aber fest und compakt, weil die Gesteinmasse zwischen den Poren viel dichter ist, als diese weit sind. – Von Rippen des Schamshan. – Aden Nr. 3. Graues, im Bruche blättrig-splittriges, gleichförmiges, dichtes, mehr phonolith- als trachytartiges Felsitgestein, hier und da mit einem vereinzelten Ryakolithkrystall, oft in Platten brechend. – Dieses, so wie alle Gesteine Aden's sind sehr unscheinbar. – Aden Nr. 4. Dem vorigen gleichendes, nur noch dichteres, schwärzliches, basaltisches Gestein; in plattenförmige Stücke brechend, und auf den Absonderungsflächen mit dünnen Lagen von dichtem schwefelsaurem Kalk (Gyps) überzogen. Diese letztere Substanz ist nebst kohlensaurem Kalk für Aden sehr bezeichnend und kommt nicht nur in dieser, sondern in allen Felsarten der Halbinsel in Menge vor. Beinahe alle diese Felsen sind nämlich von vielen, meist sehr gedrängten, feinen, dem bloßen Auge oft gar nicht sichtbaren Rissen (Absonderungsspalten) durchzogen, und diese Risse sind mit papierdünnen oder höchstens eine Viertellinie dicken Schichten theils von kohlensaurem, meistens aber von schwefelsaurem Kalk erfüllt, der sich in Gestalt dünner Blättchen leicht vom Gestein ablösen läßt. In Folge von diesen (zum Theil mit Kalk ausgefüllten) vielen Rissen schilfern die Felsen außerordentlich leicht ab, es lösen sich Theile von ihrer Oberfläche und die Schutthalden am Fuße der Felswände werden größer. – Aden Nr. 5. Poröse Lava, die ihrer Structur nach der Nr. 2 vollkommen gleich, nur grau von Farbe ist. – Aden Nr. 6. Schwarze, von sehr kleinen, zahlreichen Blasenräumen durchzogene, ganz poröse, aber harte, feste und schwere Lava. – Aden Nr. 7. Dergleichen mit viel größern Blasenräumen durchzogene Lava. – Aden Nr. 8. Dergleichen Lava mit sehr großen, weniger gedrängten, nach einer horizontalen Richtung verlängerten Blasenräumen. – Nr. 6, 7 und 8 gehen durch Zwischenformen in einander über und bestehn aus einem und demselben, gleichförmigen, basaltischen Lavateige, in welchem auch das bewaffnete Auge fast keine Bestandtheile zu erkennen vermag. – Im nord-westlichen Theile der Insel, am Ufer der Back-Bai. – Aden Nr. 9. Hellgraue, fast weißliche, mit Alaun durchdrungene, unter der Loupe körnige Feldspathmasse, mit vielen kleinen, unregelmäßigen, zersetzten Hornblendekörnern, ohne Magneteisen. Es ist ein bröckliges, fast sandsteinartiges, innig mit Alaun durchdrungenes, von Gewicht schweres Agglomerat von Feldspath- und zersetzten Hornblendekrystallen. – Aden Nr. 10, a und b. Mehr oder weniger gebleichte Feldspathlaven, die wahrscheinlich lange Zeit der Einwirkung saurer Dämpfe bloßgestellt waren. a. Mit sehr vielen kleinen Krystallen von Magneteisen; viele von diesen sind sehr klein, nur unter der Loupe sichtbar und bilden hier und da auf den Absonderungsflächen ganze Anflüge, die dem bloßen Auge nur als schwarze, pulverige Flecke erscheinen. – Dieses Gestein giebt sich zu erkennen als identisch mit Nr. 1, nur in etwas verändertem, gebleichtem Zustande. – Schwefelbeschlag ist selten. b. Ohne Magneteisen; aus Feldspath und Quarzkörnern mit veränderter zersetzter Hornblende bestehend, innig und stark mit Alaun durchdrungen, ungleichförmig, körnig, gesprickelt, oft gestreift. Schwefelbeschlag hier und da. – Aden Nr. 11. Rothbraune, gleichförmige, dichte Felsitgrundmasse, hier und da mit einem Schwefelanflug und auf den Absonderungsflächen des zerspaltenen Gesteins mit dünnen, lamellenartigen, leicht abschilfernden Überzügen von kohlensaurem Kalk. An einigen Stellen befindet sich in dieser Felsart eine ½–2 Linie dicke Schicht von Thoneisenstein, die sich als eine gerade hindurchlaufende schwarze Ader darstellt. – Aden Nr. 12. Eine tuff- und brezzienartige Lava. Sie besteht aus dünnen, lamellenartigen, parallelen, horizontal hingezogenen, oft auch wellenförmig gebogenen Streifen einer feinkörnigen, schwärzlich-grauen Lava, die von einander getrennt sind durch eine Zwischensubstanz von weniger hartem, heller gefärbtem, gelblich-grauem Tuff, – und erscheint dadurch in horizontaler Richtung abwechselnd hell und dunkel gestreift. – War diese merkwürdige Lava ein vulkanischer, glühender Schlammstrom, durch den sich wirkliche geschmolzene Gesteinmassen hindurchzogen, ergossen unter sehr starkem Druck? – In den nord-westlichen Gegenden, am Ufer der Back-Bai. – Aden Nr. 13. Quarz und Chalcedon. Kommt bald an der Oberfläche in ¼–1 Zoll dicken Überzügen, oft traubig gestaltet, bald im Innern der Laven, die Blasenräume und Spalten derselben ausfüllend, vor. – Aden Nr. 14. Gypsspath. (Blättriger schwefelsaurer Kalk. Marienglas.) Bald die Spalten und Blasenräume der Laven füllend, bald die Felsmassen in ½–2 Zoll dicken Adern durchsetzend. – Ufer des nord-westlichen Theiles der Insel an der Back-Bai.
Was die Literatur über Aden betrifft, so sind die Hauptwerke unter den neuern Schriften nach Carl Ritter die folgenden: R. Forster, Short Topographical Description of the Cape of Aden; mit einer Karte; (in den Proceedings of the Bombay Geogr. Soc. May 1839. 8.) – Capt. S. B. Haines (welcher damals Gouverneur von Aden war) Memoir of the South and East Coasts of Arab. (im Journ. of the Lond. Royal Geogr. Soc. 1839. vol. IX). – Fr. Burr, Sketch of the Geology of Aden (in Transact. of the Geolog. Soc. of London, Sec. Ser. vol. VI. P. 2. London, 1842). – J. P. Malcolmson, Account of Aden (im Journ. of the Roy. Asiat. Soc. of. Gr. Britain. and Ireland. London, 1845, Nr. XVI, p. 1).
Außer den ältern Werken seit der Römer Zeiten und außer mehr vereinzelten Berichten bei neuern Reisenden, sind es besonders die hier angegebenen Schriften, aus denen Carl Ritter geschöpft hat. Seine Arbeit über Bab el Mandeb, Aden u. s. w. (Erdkunde XII, p. 664–707) ist so gründlich und umfassend, daß wenigstens für unsern Zweck kein erneuertes Studium der Quellen nöthig schien. Auch konnte ich mir nur die Abhandlung von Burr und Malcolmson verschaffen, die ich nachlas. Es sei mir daher erlaubt, nach diesen beiden Autoren und nach der allgemeinen Bearbeitung von Ritter Dasjenige hier einzuschalten, was ich in der kurzen Zeit eines Tages nicht selbst erfahren oder nicht selbst beobachten konnte.
Die Stadt Aden (auf der Ostseite der Halbinsel) war schon in den ältesten Zeiten als ein berühmter Seehafen und Handelstapelplatz bekannt. Sie kommt unter dem Namen Athana bei Plinius vor, – Madoce bei Ptolemäus, und ist der Hafenort Arabia felix des Periplus. Sie wurde wahrscheinlich schon bei der Salomon'schen Ophirfahrt besucht 670 vor Chr. und auf der Periplusfahrt (des Pseudo-Arrian) 330 v. Chr. – Unter Kaiser Constantinus in der Mitte des 4ten Jahrhunderts nach Chr. wurde eine Kirche zu Aden gebaut, und außer den Römern besuchten indische und chinesische Kaufleute häufig den berühmten Ort. – Edrisi erwähnt ihrer in 1150. Als Marco Polo in 1293 und Ebn Batuta in 1328 sich daselbst befanden, war sie noch der große, berühmte Markt für arabische Pferde und indische Gewürze. Im J. 1513 war Aden noch sehr blühend und so fest, daß Albuquerque mit seiner Flotte auf die Eroberung derselben Verzicht leisten mußte. In 1538 aber wurde Aden von den Türken unter Suleiman I. erobert und von Türken bewohnt und beherrscht bis 1630. – Theils durch diese Türkenherrschaft, – theils durch die veränderte Richtung des indischen Handels rund um die Südspitze von Afrika, – theils auch durch die geringe Civilisation und die Raubsucht der arabischen Stämme, welche sich in 1705 von Jemen losrissen und sich unter eignen, unabhängigen Sultanen in Besitz von Aden setzten, versank das alte Emporium immer mehr in Ruin; sein Reichthum und Glanz verschwand dermaßen, daß in 1839 die ganze Halbinsel nur noch 1000 Einwohner hatte, lauter arme Araber, die in elenden Hütten wohnten.
Die Denkmäler, welche die verschiedenen frühern Bewohner Aden's seit den Zeiten von Constantinus im Jahre 350 nach Chr. und noch mehr seit der Türkenherrschaft von 1538 bis 1630 hinterlassen hatten, fielen immer mehr in Schutt. Zu diesen Ruinen gehören unter andern eine kolossale Wasserleitung aus Backsteinen, die über den Isthmus drei Stunden weit in's Innere von Arabien führt, zu einem nun auch versiegten Brunnen; – ferner das Mausoleum des Sheikh Idris, – große in Fels gehauene oder gemauerte Wasserbehälter und eine Menge sehr tiefer Brunnenschächte in den Umgebungen der Stadt, – Mauern von Gebäuden, – Kunststraßen, – Treppen, – Grabmäler, Befestigungswerke u. s. w.
In 1839 unterhandelten die Engländer über die Abtretung der Halbinsel mit dem damaligen Sultan des Abd-Ali-Stammes, zu dessen Herrschaft sie gehörte und der sieben Stunden nord-westwärts von Aden in der Binnenstadt Lahedsch (oder Ladsch) residirte; da dieser Sultan aber die geschlossenen Contracte treulos brach, so wurde Aden mit Gewalt der Waffen eingenommen. – Nicht nur als Station für die Dampfschiffe der sogenannten Landmail zwischen Indien und Egypten, sondern auch als Festung, – als zweites Gibraltar, – in der Nähe des Eingangs zum rothen Meere und Hafen und Stapelplatz überhaupt zwischen Indien und Arabien, dessen Kaffeeausfuhr man hoffen durfte, von Mochha allmählig hierher zu ziehen, war sein Besitz für die Engländer von Wichtigkeit. – Seit der Zeit nun hat die Halbinsel eine gänzliche und schnelle Umgestaltung erlitten, – kolossale Festungswerke sind gleichsam aus den Felsen herausgewachsen, – die Eintausend halbzerlumpten Einwohner sind schon auf 20,000 gestiegen, worunter 12–13,000 Araber, 3½ Tausend Truppen und die übrigen fremde Nationen, – die Brunnen sind wieder aufgeräumt worden, – eine Menge Gebäude, Hotel's, Kasernen sind errichtet, und so hat Aden allerdings die Aussicht, binnen noch einigen Jahren zu seinem alten Glanze nicht nur wiedergekehrt zu sein, sondern diesen noch zu übertreffen. Bis jetzt kostet es aber den Engländern jährlich 90,000 Pfund, ohne etwas aufzubringen.
Erst seit dieser Zeit (1839) ist Aden besonders durch die Arbeiten vom Capitain Ingenieur R. Forster und dem Arzte Malcolmson, was seine topographischen und physikalischen Verhältnisse betrifft, genauer bekannt geworden. – Die Stadt liegt unter 12° 46' nördl. Br. und 45° 10' östl. Länge von Greenwich und die höchste Zacke des Schamshan erhebt sich nach Messungen von Haines 1666 par. Fuß hoch.
Was das Klima dieses Landes betrifft, so theilen die genannten Beobachter das Folgende darüber mit, dem ich einige von mir selbst gemachte Beobachtungen hinzufügen will.
Der heiße oder Süd-West-Musson herrscht von April bis October. Der Wind, der sich aber durchgehends des Nachts legt, treibt oft Staubwolken von den Bergen herab und in diesen steigt die Hitze auf 104° Fahrh. Oft wehen auch stürmische Nordwinde, die wegen der großen Hitze und den Staubwolken, die sie anbringen, eine der Hauptplagen für die Bewohner Aden's sind.
Der kalte oder Nord-Ost-Musson herrscht von October bis März. Während dieser weht, ist die Luft feucht und die Felswände schwitzen alsdann, nach Malcolmson, häufig „alkalische Salze“ aus. Dies scheint ein Irrthum zu sein. Ich habe außer Alaun keine Spur von im Wasser auflöslichen Salzen in Aden finden können, wohl aber sehr häufig Kalkerde, die in dünnen Überzügen auf den Absonderungsflächen, die meistens nur papierdünnen Risse der Felsen ausfüllend, vorkam. Es war in den meisten Fällen schwefelsaurer Kalk (Gyps), zuweilen aber auch kohlensaurer Kalk, der hier und da, in den Blasenräumen und größern Spalten der Felsen, auch in reichlichern Massen auftrat.[26]
Doch fallen nur zuweilen in November, Januar und Februar Regenschauer von kurzer Dauer. Das ganze übrige Jahr hindurch ist die Luft trocken und der Himmel sehr heiter. In den kalten Monaten beträgt nach Malcolmson die größte Wärme über Tag und die größte Abkühlung des Nachts 86 und 64° Fahrh. Während meines Aufenthaltes war in der Bucht, wo das Hotel steht, die Differenz zwischen Tag- und Nachttemperatur noch größer und betrug 29 Grade; am 4ten October nämlich des Mittags zwischen 2 und 3 Uhr war die Wärme im Schatten 95 und am 5ten des Morgens kurz vor Sonnenaufgang 66° Fahrh. – Diese große Abkühlung des Nachts, die gewöhnlich, so trocken auch die Luft sein mag, wenn es windstille ist, starken Thau zur Folge hat, war für das Gefühl empfindlicher, als die Hitze des Mittags und brachte Frösteln hervor. Auch blieb das Badewasser, das aus einem gegrabenen Brunnen hinter dem Gebäude geschöpft wurde und seines bittern Geschmackes wegen, vielleicht weil es Sulphas Magnesiae aufgelöst enthielt, untrinkbar war, bis in die Mittagsstunden empfindlich kühl. Daß übrigens die organische Empfänglichkeit für Wärme (das Gefühl derselben) ein sehr betrügerischer Thermometer ist, leuchtete mir sehr deutlich zu Aden ein; denn die 95 Grade Luftwärme, die ich hier in dieser trockenen, arabischen Luft athmete, kamen mir weniger drückend, weniger heiß vor, wie die feuchte Luft zu Batavia, wenn diese auch nur 84 oder 82° warm ward.
So wie es nur höchst selten regnet, so ist auch kein Bach, keine Pfütze, kein Tropfen Wasser auf der Oberfläche der Halbinsel zu finden. Nur in künstlich gegrabenen Brunnen (cylindrischen Brunnenschächten), deren mittlere Tiefe 40 Fuß beträgt, sammelt sich ein nicht nur trinkbares, sondern auch vortreffliches Wasser an. Solche, an ihrer obern Öffnung mit einer niedrigen Mauer umgebene Brunnen findet man im Kesselthale und dessen Umgebungen 350 an der Zahl. Von diesen sind die meisten alte, schon in einer frühern Zeit, von frühern Bewohnern Aden's gegrabene Brunnen, welche von den Briten seit 1839 nur wieder aufgeräumt wurden. Sie liegen sämmtlich am Fuße der hohen Bergjöche und sind, wie ich gesehen habe, mehr in Gereibsel-, als in compakten Felsmassen ausgegraben. Ihren Reichthum an Wasser, der das ganze Jahr hindurch unveränderlich ist, doch nie über ein gewisses Niveau in den Brunnen steigt, hält Malcolmson in einem so trockenen Lande, wie dieses, nur durch Zufluß in unterirdischen, heberförmigen Gängen aus dem gebirgigen Innern Arabien's und durch hydrostatischen Druck für erklärbar, auf gleiche Art, wie die Bildung artesischer Brunnen möglich ist. Ohne die Anwesenheit dieses Brunnenwassers würde Aden unbewohnbar sein, denn die gegrabenen Schächte in den Strandgegenden liefern nur Brakwasser.
Ich lasse die Hypothese von Tagereisen weitem, unterirdischem Zufluß dahin gestellt sein und bemerke nur Folgendes.
Da über Tag die Hitze sehr groß ist, so steigen aus dem Meere, das die Halbinsel auf allen Seiten umfluthet, viele Dünste auf, da aber die Abkühlung des Nachts wieder desto stärker ist und oft einen Unterschied von 30° mit dem Maximum der Tageswärme bildet, so fällt jede Nacht ein starker Thau, der durch die Gereibselmassen, die einen großen Theil der Halbinsel bilden und die durch die zerspaltenen Felsen hindurchsickern und sich in der Tiefe, in welcher er auf undurchklüftete Felslagen stößt, zu Wasser anhäufen muß. Dazu kommt noch, daß, nach Malcolmson's eignem Bericht, die Luft von October bis März, während des Nord-Ost-Musson's, feucht ist, daß die Berggipfel alsdann oft in Wolken gehüllt sind, ja, daß es in den Monaten November, Januar und Februar zuweilen regnet. – Es entsteht nun die Frage, ob diese atmosphärische Feuchtigkeit, die in einer Ausdehnung von 1½ Stunden lang und ¾ Stunden oder mehr breit, auf zum Theil 1660 Fuß hohen Gebirgen niedergeschlagen wird, allein nicht hinreichend geachtet werden kann, um jene Brunnen, die in dem tiefsten Innern der Insel, – dem Kesselthale – liegen, mit Wasser zu speisen? – und ob sich das stets gleiche Niveau dieser Brunnen nicht sehr natürlich erkläre dadurch, daß sie, oberhalb einer undurchdringlichen Felssohle, etwa einer Lavabank (bis auf welche sie reichen), alle mit einander in Verbindung stehen, weil sie sich in einem lockern Sand- und Gereibselboden befinden, der vom Wasser wie ein Sieb durchdringbar ist? –
Was den geologischen Bau von Aden betrifft, so stimmen über die Zusammensetzung der Insel aus vulkanischen Gesteinen die Beobachtungen der englischen Forscher mit den meinigen überein. – Das Kesselthal aber, worin die Stadt liegt, wird von ihnen ein erloschener Krater und die ganze Halbinsel ein ehemaliger, submariner Vulkan genannt, – eine Ansicht, womit ich mich nicht vereinigen kann. Jener Thalgrund hat allerdings eine Trog- oder Kesselform und die Gehänge, die ihn umringen, sind an vielen Seiten, besonders auf der Westseite, wandartig steil; aber 1) bilden die Bergjöche, denen diese Wände angehören, nach außen zu, auf ihrer vom Kesselthale abgewendeten Seite eben so steile Wände; 2) andre, vom Thale entfernte Jöche auf Aden sind eben so steil und mauerartig; 3) nicht nur die benachbarte kleine Halbinsel Hasan, die dem Eingange der Back-Bai gegenüber liegt, sondern auch manche Bergjöche auf der Insel Socotora und fast alle Bergketten, die ich auf den Küsten von Arabien gesehen habe, haben vollkommen dieselbe schmale, auf ihrem Kamme ausgezackt-zerrissene und an den Seiten wandartig steile Form, wodurch man sie als plutonisch-vulkanische Gebilde, die gangförmig aus der Erde stiegen, auf den ersten Blick von den Flötz- oder geschichteten Gebirgsmassen unterscheiden kann. Jene bilden aufrecht stehende zackige Kämme, diese liegende Bänke oder Schollen. Man vergleiche die Figuren 11, 12, 15 und 16 mit 13 und 14, auf welchen dieser Unterschied in die Augen fällt. 4) Die Inseln des rothen Meeres, die ganz in der Nähe liegen und die bestimmt Vulkane sind, haben eine ganz andere, kegelförmige und geglättete Gestalt. Siehe Fig. 7, 8, 9 und 10. 5) In andern Welttheilen habe ich freilich keine Krater gesehen, aber auf Java und Sumatra ein halbes Hundert. So groß die Verschiedenheit dieser auch ist, man möge nun einige davon als Erhebungs- oder, wie ich thue, alle als Ausbruchskrater betrachten, so stimmen sie doch sämmtlich darin überein, daß die Gesteinschichten, bald feste Lava, bald lockere Gereibselmassen, aus denen ihre Umgebung besteht, von allen Seiten her nach einem idealen Mittelpunkte zu ansteigen und sich dann plötzlich endigen und eben dadurch den Krater, nämlich die Kreismauer des Kesselthales bilden, das man Krater nennt. Die abgebrochenen Köpfe erkennt man dann an der Mauer als quere, parallele, oft treppenartig vorspringende Streifen oder Bänder. Von einer solchen Bauart habe ich an den Wänden, welche das Kesselthal von Aden umringen, keine Spur gesehen. Ich sah nur leistenförmige Bergkämme, Jöche, die, als senkrecht emporgestiegene Gebirgsgänge, von beiden Seiten steil sind, die sich hier und da gitterartig verzweigen und durch ihre Aneinanderreihung unter andern ein trogförmiges Thal – das Thal von Aden – umschließen.
Auch hat Malcolmson wohl nicht daran gedacht, daß seine Hypothese über den Zufluß des Wassers auf unterirdischen Wegen aus den Tagereisen weit entfernten Gebirgen Jemen's oder Hadhramaut's, um die Brunnen im Kesselthale mit Wasser zu versehen, eine Unmöglichkeit sein würde, wenn der Grund, worauf die Stadt Aden steht, der Kraterboden eines ehemaligen Vulkans wäre!
Ich erkletterte am 5ten früh, um Abschied von der wüsten Halbinsel zu nehmen, noch eines ihrer höchsten Jöche. Ich übersah von dort den größten Theil der Gebirge in ihrer ganzen schauderhaften Wildheit. Übrigens, so imposant sie sich auch darstellten, so sind sie in der That doch nur winzig klein in Vergleich mit den Dimensionen der meisten Berge auf den Sunda-Inseln und es schien mir, daß es der gänzliche Mangel von höhern Bergen in der Umgegend, nebst der völligen Abwesenheit von Bäumen (also jeden Maßstabes zur Beurtheilung) war, der ihre Höhe Eindruck weckend machte. Denn wenn man nur 12 Rasamalabäume[27] von Java an den steilen Wänden übereinander stellte, so würde der oberste von diesen schon höher sein, als die höchste Zacke des Schamshan. Ja, so respectabel die Gebirgsmasse zwischen den beiden Meeresbusen in Ost und West aussah, so wahr ist es doch, daß man die ganze Halbinsel Aden, mit Allem, was sie trägt, in manche von den Kratern Java's, z. B. in den Kratern des Berges Raon oder des Tĕnggĕr bequem würde hineinstecken und darin verbergen können, ohne daß auch nur die Spitze ihres höchsten Gipfels Schamshan daraus hervorragte! – Hat doch der Boden des Kraters vom Gunung-Tĕnggĕr auf Java eine geograph. Meile im Durchmesser und ist von einer 1000–1700 Fuß hohen Ringmauer umzogen, – und ist der des Gunung-Raon doch über 2000 Fuß tief,[28] während der größte Durchmesser der Halbinsel Aden von Ost-Süd-Ost nach West-Nord-West nach Forster nur 1–1½ Stunden beträgt! –
Ich sagte der wüsten Halbinsel Lebewohl und zwar gern; denn neben ihr stiegen jene herrlichen Gebirge Java's in meiner Phantasie empor, als wollten sie fragen, wo in der Welt findet man eine so großartige und doch so wunderschöne, grünende und ewig blühende Natur, als bei uns? – Die Antwort war: vielleicht nirgends, hier aber den Gegensatz.
Wir lichteten am 5ten October des Morgens um 8 Uhr die Anker, richteten unsern Cours nach West-Süd-West und dampften zwischen der Westspitze von Aden (Ras Marbut), auf welcher jenes detachirte Fort steht, in Süden und der gebirgigen Halbinsel (Dschebel Hasan) in Norden, zum Eingange der Back-Bai hinaus. Wir ließen dieses Halbinsel-Gebirge also zur Rechten liegen und erblickten bald darauf, weiter westwärts, noch ein ähnliches, aber kleineres felsiges Vorgebirge (Ras Amran), das sich eben so isolirt aus flachen, sandigen Umgebungen erhob und sahen dann, indem wir in einem Abstande von drei bis vier englischen Meilen der Küste Arabien's entlang fuhren, nichts, wie das falbe Kolorit eines niedrigen, flachen Sandgestades, dessen Einförmigkeit wir nur um 1½ Uhr durch einige isolirte Hügel unterbrochen fanden, die nur an ihren Gipfeln dunkler, als der Sand gefärbt waren, wahrscheinlich weil nur diese aus den bedeckenden Sandmassen hervorragten. Dann kam wieder flaches Sandland, das jedoch etwas höher lag, als die vorige Sandebene und etwa, wie uns schien, 50 Fuß hoch liegen mochte, – und erst um 2 Uhr, zur Zeit, als wir unsern west-süd-westlichen Cours in west-halb-nördlichen veränderten, stellten sich auf der Küste, die stets auf unsrer (rechten) Nordseite liegen blieb, wieder Gebirge unsern Blicken dar. Es waren langgezogene Felsenketten, Dschebel Khoran u. A., von derselben umbragrauen Farbe und demselben zackig-rauhen Saume, wie alle, die wir bis jetzt auf Socotora und in Arabien gesehen hatten. Hinter den vordern, küstennächsten Zügen erhoben sich noch mehre höhere Ketten, die, immer blässer werdend, tiefer im Innern des Landes lagen, sich jedoch nicht sehr weit von der Küste zu entfernen schienen, mit welcher sie alle parallel, von Ost nach West strichen.
Dieser Theil Arabien's ist also keine flache Wüste, kein einförmiges Flachland, sondern ein gestaltenreiches Land mit Gebirgszügen und mehr oder weniger hohen Zwischenthälern und Zwischenflächen, ein Land, das, hätte es vegetabilisches Leben, zu den schönsten gehören könnte; – aber, so wie es daliegt, von aller Dammerde, von allem Pflanzenwuchse entblößt, in den Gebirgen nur nackter Fels und in den Ebenen nur nackter Sand, von keinem Grashalm geschmückt, kann man es nur eine traurige Einöde nennen.
Wenn man nach den Ursachen der Kahlheit des Landes und der Trockenheit der ewig heitern Luft forscht, – nach zwei Erscheinungen, die ohne Zweifel einen gegenseitigen Einfluß auf einander ausüben, so entsteht die Frage, welche von beiden ist die Ursache der andern, welche war die erst vorhandene Erscheinung und welche ist die Folge, die Wirkung von dieser? – eine Frage, die nur auf den ersten Blick schwer zu beantworten scheint, übrigens der Lösung fähig ist. Denn, wenn der Boden mit fruchtbaren Erdschichten und Wäldern, die auf diesem ruhn, bedeckt wäre, so könnte die Luft so trocken nicht sein, es würden sich Wolken bilden, Regen würde fallen, und Bäche würden das Land durchströmen; – und wenn jeden Tag erquickende Regen in die Sandwüsten von Arabien und Afrika herabfielen, so würde der nackte Sand und Fels bald verwittern und sich allmählig mit Wäldern schmücken. – Also muß die Nacktheit des Bodens die zuerst vorhandene Erscheinung gewesen sein, obgleich es nicht zu verkennen ist, daß die dadurch einmal bedingte Trockenheit der Luft den Boden, vielleicht noch für Tausende von Jahren, – verurtheilt, in dem Zustande, worin er ist, zu verbleiben.
Da man selbst in den Wüsten Egypten's fossile Baumstämme von großer Dicke, also den Beweis des ehemaligen Vorhandenseins von Wäldern findet, so ist es offenbar, daß diese Gegenden von Arabien und Afrika erst durch irgend eine Naturrevolution ihrer Pflanzendecke beraubt und in Sandwüsten verwandelt wurden, deren Erhitzung nun, durch aufsteigende vertikale Luftströme, alles vorüberziehende Gewölk verscheucht.
Um 3 Uhr traten in weiterer Entfernung von diesen Küstenketten innere, tiefer im Lande gelegene Ketten hervor, – die Küstenkette aber endigte sich und das zunächst an's Meer gränzende Land wurde nun wieder eine flache Sandwüste, die mehre englische Meilen breit zu sein schien und die in manchen Gegenden mit einzelnen dunkeln Tüpfelchen besetzt war. Ob dies Sträucher waren? – Um 4 Uhr aber, – während wir fortwährend an der Küste hin nach West dampften, – erhob sich wieder ein niedriger, auf seinem Kamme, wie gewöhnlich, ausgezackter Bergzug, der der Küste näher lag und etwa nur eine englische Meile von ihr entfernt sein mochte, und hinter dem vordern blieben, wie seit 2 Uhr der Fall gewesen war, die innern Züge sichtbar in doppelten, ja drei- und vierfachen Reihen, die alle von Ost nach West strichen. Erst der fallende Abend entzog uns den wechselnden Anblick dieser abgebrochenen, am Gestade bald verschwindenden, bald wieder auftretenden, doch im Innern stets sichtbar bleibenden, uns also bald näher, bald ferner liegenden, gleichsam alternirenden Parallelketten.
Wir sahen Nichts vom letzten, westlichsten Kap und Gebirge der Südküste Arabien's, eben so wenig, als von der Insel Perim, die in der Straße liegt, – denn wir dampften im Dunkeln durch den so berüchtigten Eingang in's rothe Meer, den unser Schiffsführer übrigens doch nicht für so sehr gefährlich halten mochte, da er es wagte, mitten in der Nacht durch „das Thor der Trauer“, durch „die Pforte der Gefahr“ Bab el Mandeb[29] zu schiffen! – Kaum die näher liegenden Küstenberge und Inseln vermochten wir als schwarze Schattenrisse zu erkennen. – Auch von der Stadt Mochha, an der wir vorbeikamen, sahen wir Nichts. –
Als am folgenden Morgen (6ten October) der Tag zu grauen anfing, lag die gebirgige Küste Arabien's zu unsrer Rechten, ostwärts von uns, in undeutlicher Ferne, – links aber, in Westen, lagen in großer Nähe eine Menge großer, kleiner und sehr kleiner, meist kegelförmiger Inseln, die „Harnish Islands“,[30] deren meisten wir schon vorbeigesegelt waren, da wir sie hinter uns erblickten. Wir dampften nach Norden.
Kurz vor 7 Uhr befanden wir uns dem südlichen Ende einer größern Insel, Dschebel Zoogur (جبل لفور), unter 14° n. Br. gegenüber, die zu unsrer Linken liegen blieb (s. Fig. 7). – Wir brauchten mehr als eine halbe Stunde Zeit, um an der östlichen Seite der Insel vorbei zu dampfen. Ihre Länge konnte mehr als eine Stunde betragen. Sie war mäßig hoch und unterschied sich von allen Gebirgen, die wir auf dem Festlande von Arabien, so wie auf Socotora gesehen hatten, durch ihren zwar ungleich hohen, aber nicht ausgezackten Saum und durch die auffallend glatte Oberfläche ihrer Böschung, die sich auch ungleich sanfter, als die der Bergketten auf Aden herabsenkte. Übrigens war ihre umbragraue Farbe dieselbe, wie die der früher gesehenen Berge und war nur an einzelnen Stellen mit etwas Bräunlich-roth oder mit einem hellern Grau nüancirt. Nur vereinzelt in einigen Gegenden des Strandes bemerkt man gelbliche, falbe Sandstreifen. – Sie mußte offenbar ein Vulkan sein und die Gleichmäßigkeit ihrer Seitengehänge durch Überschütten mit Sand oder Überströmen mit Lava erhalten haben. Ein kleiner Kegel erhob sich auf ihrem linken Saume; er war glatt und dunkler gefärbt, als der Abhang, der sich vor ihm hinzog; außerdem aber sahen wir noch einen andern stumpf-abgestutzten, konischen Hügel, der mitten auf dem Gehänge der Berginsel auftauchte und der nebst dem vorigen nichts Andres, als ein seitlich aufgeworfener Eruptionskegel sein kann. Man sah, wie die Lava- oder Trümmerströme vom höher gelegenen Rande der Insel herab- und so recht um diesen Kegel herumgeflossen waren (vergleiche Fig. 7). Vegetation konnten wir nirgends entdecken.

Fig. 7.

Fig. 8.

Fig. 9.

Fig. 10.

Fig. 11.

Fig. 12.

Fig. 13.

Fig. 14.

Fig. 15.

Fig. 16.
Am Nordende dieser größern lagen vier kleinere Inseln. Eine „High Island“ direkt in Norden und drei neben einander „Aboo Eyle Islands“ (auf der oben genannten Karte) in Nord-Ost derselben. – Diesen letztern kamen wir um 7½ Uhr so nahe vorbei, daß wir einen Stein darauf hätten werfen können. Es waren kolossale Felsen, die ohne eine Spur von Strand, mit mauerartigen Wänden, senkrecht aus dem Meere emporstiegen und sich oben in eine quer-abgestutzte Plattform endigten. Sie waren vollkommen kahl. Ihre Farbe war, abweichend von allen zeither gesehenen Bergen und Inseln, ein gelbliches Weiß, das besonders auf ihrem Scheitel vorherrschte und sich von da an den Wänden herabzog, wo es mit einem hellen, gelblich-röthlichen Braun melirt war. Hier und da ging das Weiß in eine dunkle Schattirung über, etwa so, als wenn es angeraucht und von Kohlendampf geschwärzt worden wäre. – So gewährten diese Felsen, die wie Thürme, wie alte Schlösser da im Wasser standen, mit der weißen Farbe ihrer obern Gegenden, besonders ihrer Scheitelflächen, einen sonderbaren Anblick, boten uns aber auch zu gleicher Zeit die Erklärung ihrer bleichen Schminke an. Denn, auf dem Weiß der Felsen malten sich die Gestalten von einer großen Menge schwarzer Seevögel ab, die nur auf der untern Fläche der Flügel, dem Bauche und dem Schnabel weiß gefärbt waren und die das Gestein, worauf sie nisteten, ohne Zweifel durch ihren Koth so weiß übertüncht hatten. Hunderttausende dieser Vögel saßen auf den Inseln oder flogen um sie herum und ungeheure Schwärme derselben umflatterten auch unser Schiff, das, schnell dahin brausend, seine Rauchsäule an den Felswänden streifen ließ. –
Seit dieser Zeit, 7½ Uhr, sahen wir bis in den Nachmittag kein Land und fuhren durch einen Theil des rothen Meeres, wo im Bereiche unsres Gesichtskreises keine Inseln lagen.
Erst um 3 Uhr erschienen vorn, vor unserm Schiff, in der Ferne wieder Gestalten von Land, die aus dem Meere auftauchten und diese Gestalten waren von der Art, daß sie meine Aufmerksamkeit in hohem Maße erweckten. Es waren inselförmige Vulkane, deren Anblick mir um so willkommner war, je sehnlicher ich wünschte, auch einige Vulkane in andern Weltgegenden kennen zu lernen, nachdem ich deren auf der Insel Java so viele untersucht hatte.
Ich legte daher Bleistift und Papier zurecht, um beim Näherkommen sie alle abzeichnen zu können. Die Profilzeichnungen, die ich davon entwarf, theile ich dem Leser mit und glaube dies mit der Versicherung thun zu können, daß ungeachtet des beweglichen Standpunktes, auf dem Schiffe, von wo aus sie genommen werden mußten, diese Profile, mit einiger Übung, schnell, – ehe die Berge dem vorbeieilenden Schiffe wieder eine andre Seite zukehren und dadurch ihre Form verändern konnten, – gemacht, in ihren Umrissen getreu und genau sind. Wir fuhren mit nord-nord-westlichem Cours an ihrer Ostseite vorbei, die Inseln also blieben zu unsrer Linken liegen. Das erste Profil, Fig. 8, wurde um 3½ Uhr gezeichnet, als der Kegel Nr. 1 west-süd-westwärts von uns lag und die übrigen Kegel und Felsinseln Nr. 2 bis Nr. 10, West bis Nord-West von unserm Schiffe, die Lage und den Abstand von einander hatten, welche ich auf der Figur dargestellt habe. Man sieht daher von Nr. 1 die Ost-Nord-Ost- und von den folgenden die Ost-, Ost-Süd-Ost- und Süd-Ostseiten. – Wahrscheinlich ist Nr. 1 eine kleine, abgesonderte Insel auf der Süd-Westseite der größern Sebair-Inseln, – Zebayer Islands, (زبر) auf Moresby's Karte, – welcher letztern die Kegel 2, 3 u. 4 angehören. Den Namen von 5 konnte ich nicht erfahren. Nr. 6, 7, 8 und 9 aber sind ohne Zweifel die Gruppe von Inseln, welche auf der genannten Karte unter den Namen Low-, Saddle-, Table- und Rugged-Insel verzeichnet stehn, und der Table-peak ist wahrscheinlich unser 8, – Rugged-Island unser 9 – Haycock-Island unser 10. – Sie liegen unter 15° 1' bis 15° 10' nördl. Breite, der arabischen Küste viel näher, als der egyptischen. – Diejenigen Leser, welche in vulkanischen Ländern nicht unbekannt sind, werden hier auf den ersten Blick erkennen, daß die kleinen Kegel, welche man auf Fig. 8 erblickt und wovon einige isolirte Inseln für sich selbst bilden, während andre sich zu zwei oder drei in eine gemeinschaftliche Insel zusammenschaaren, daß diese Kegel echte Vulkane, wenn auch zum Theil nur die aus dem Meere hervorragenden obersten Spitzen oder Kraterränder von größern, unter dem Wasser verborgenen, vulkanischen Kegeln sind.
Sie unterscheiden sich von den Vulkanen Java's durch die schnurgeraden, wie mit einem Lineale hingezogenen Linien ihrer Umrisse (die Linien, welche das Profil ihrer körperlichen Gestalt ausdrücken), – durch die scharfen Ecken, worin diese Linien, z. B. die Linie des abgestutzten Gipfels und die Seitenlinien zusammenlaufen und durch die glatte Beschaffenheit ihrer Gehänge, an denen sich von der Hälfte ihrer Höhe an nur ganz kleine, feine Furchen herabziehn, während die Gipfel vollkommen glatt sind. – Eigenthümlich ist die schiefe Gipfellinie von Nr. 1 und Nr. 10 auf Fig. 8 und von Nr. 9 auf Fig. 10, die man dennoch durch den geringen Grad ihrer Neigung deutlich vom eigentlichen Gehänge, das unter einem größern Winkel fällt, unterscheiden kann, – und eigenthümlich geformt ist auch der Fuß dieser Kegel. Denn nachdem sich das Gehänge derselben anfangs mäßig steil und gleichmäßig bis nahe an's Meer herabzog, so endigt es sich in einer gewissen, doch nicht bedeutenden Höhe über dem Meeresspiegel plötzlich und stürzt sich von diesem Punkte an, indem es glatte Mauern bildet, völlig senkrecht hinab. Nirgends sieht man an den Seitengehängen der Kegel hervortretende Rippen, noch Zwischenklüfte (sogenannte Baranko's) zwischen solchen Rippen. In dieser Regelmäßigkeit, ich möchte sagen, geometrischen Schärfe oder Bestimmtheit ihrer Form, die das Resultat ist von allein herrschenden und hier nicht, wie auf Java, durch die Wirkung von Regenwasser gestörten vulkanischen Kräften, bieten sie einen höchst merkwürdigen – scharfeckigen – Anblick dar, der durch die gänzliche Abwesenheit von Pflanzenwuchs noch bizarrer wird. Sie machen uns mit der reinen, nackten Form vulkanischer Ausbruchskegel bekannt, so wie sich diese durch Überströmen von Lava oder Überschütten mit Sand, von einem Mittelpunkt aus, gestalten müssen, da, wo die ausspülende, furchende und mannichfach umgestaltende Kraft des Regenwassers fehlt. – Im Kolorit unterscheiden sie sich nicht von den früher gesehenen Bergen Arabien's, sie sind, wie diese, umbragrau, öde und kahl. – Es ist offenbar, daß die queren oder schiefen Gipfellinien der Kegel Nr. 1, 2 und 3 die Ränder von eben so vielen Kratern sind, welche dahinter liegen und noch augenscheinlicher ist dies bei Nr. 5 der Fall.
Um 3¾ Uhr kamen wir bei einer ganz kleinen und platten Felsinsel vorbei, deren Oberfläche kaum zwei Fuß über dem Wasser lag, so daß ich sie anfangs für ein schwimmendes Floß hielt. Des Nachts hätten wir sie unmöglich sehen können.
Um 4¼ Uhr waren wir, indem wir nord-nord-westwärts dahin dampften, den Inseln Nr. 6, 7 und 8 näher gekommen, die in Fig. 8 um 3½ Uhr abgebildet wurden, welche wir nun aber in einer veränderten Richtung, nämlich so erblickten, wie ich sie in Fig. 9 dargestellt habe; – und noch etwas später, um 4½ Uhr, erblickten wir die Insel Nr. 9, die viel weiter entfernt lag, als 7 und 8, so wie sie in Fig. 10 abgebildet ist. Die Sonne stand hinter den Inseln, deren von uns gesehene Ostseite also sehr dunkel war und sich scharf am Himmel abzeichnete.
Diese drei so sonderbar gestalteten, fast rhombischen Felsinseln 7, 8 und 9, die unzugänglich-steil, wie Mauern aus dem Meere emportauchen, haben eine solche gegenseitige Stellung, daß, wenn man sie durch Linien verbindet, ein Dreieck entsteht und Nr. 8, der Table-peak, am weitesten nach Osten, in der Ostecke des Dreiecks, liegt. – Nr. 9, „Rugged-Island“ nebst den übrigen, liegen westlicher. Diejenigen ihrer Seiten, welche von der Mitte dieses Dreiecks abgewendet sind, ihre Außengehänge, fallen etwas sanfter, ihre innern, der Mitte des Dreiecks zugekehrten Seiten aber stürzen sich mauerartig steil, fast ganz senkrecht in's Meer hinab und bilden mehr oder weniger halbkreisförmige (concave) Wände, die einander entgegenblicken (vergl. die innere Wand † von Nr. 7 auf Fig. 9). Sie scheinen also die höchsten, aus dem Meere hervorragenden Zacken der Kratermauer eines großen Vulkan's zu sein. Der innere Meeresraum, der zwischen ihnen bleibt, mag vier oder fünf englische Meilen im Durchmesser haben, während der Abstand der drei Bruchstücke (Inseln) von einander von ungleicher Länge ist, doch von Nr. 7 und von Nr. 8 bis zu Nr. 9 nicht weniger, als zwei bis drei englische Meilen betragen kann.
Ich glaubte in diesen drei Felsinseln einen sehr ausgebreiteten, noch halb unter dem Meere verborgen liegenden, zur Zeit nicht thätigen Ausbruchskrater zu erkennen, eine ähnliche Erscheinung, wie die Insel Santorin im griechischen Archipel, obgleich diese als „Erhebungskrater“ beschrieben wird. Nachher kamen wir noch mehren Felsen vorbei, – ganz kleinen Bergspitzen, die aus dem Meere ragten, – bis die fallende Nacht ihren Vorhang vor der Schaubühne des heutigen Tages fallen ließ.
Nur ein Gegenstand machte sich auch im Dunkel der Nacht bemerkbar und malte sich schwarz auf dem heitern Sternenhimmel ab, nämlich die Rauchsäule eines dampfenden Vulkans! – der zu unsrer Rechten liegen blieb. Es war der schon den Alten bekannte Dschebel Tair[31] (die insula exusta des Periplus vom rothen Meere), aus dessen Krater der Pascha von Egypten seinen Bedarf von Schwefel holen läßt. Alle die vorigen vulkanischen Kegel, die wir im rothen Meere gesehen hatten, schienen erloschen zu sein, wenigstens zur Zeit nicht zu dampfen, obgleich die Schiffsoffiziere behaupteten, auf frühern Reisen aus einem von ihnen hervorwirbelnde Dampfsäulen bemerkt zu haben. Auf jeden Fall beweist das Vorkommen dieser Kegel, welche in Gruppen, mehr oder weniger reihenförmig dem Busen des rothen Meeres, d. i. der tiefen Erdspalte, welche von diesem ausgefüllt wird, entsteigen, den großen Antheil, den in einer neuern geologischen Zeit vulkanische Kräfte an der Bildung und Umbildung der angränzenden Länder, von Aden an über den Sinai hinaus bis zum todten Meere, genommen haben.[32]
Der Vulkan Tair, in der Nacht vom 6ten zum 7ten October, war die letzte Insel, die wir im rothen Meere sahen.
Vom Morgen des 7ten October an bis zum Abend des 10ten, also vier volle Tage lang, erblickten wir auf unsrer Fahrt durch den Golf in seiner Längenausdehnung nach Nord-Nord-West zu kein Land, keine Küste, keine Insel mehr. Wir sahen Nichts, wie einen heitern Himmel, eine spiegelglatte See und standen eine drückende Hitze aus, die nur selten durch ein schwaches Windchen etwas gemäßigt wurde. Kein Fisch, viel weniger ein Seekameel (Naqua el Bahr[33]), ließ sich sehen, um uns einige Abwechselung zu verschaffen und vergebens blickten wir während dieser langen Fahrt von der Verschanzung unsres Schiffes herab wohl zu hundert Malen nach allen Seiten hin auf's Meer, in der Hoffnung, irgendwo eine Spur von der rothen Alge zu entdecken, welcher der arabische Meerbusen wahrscheinlich seinen Namen, „rothes Meer“, zu verdanken hat. Doch wir sahen nur immer bläuliches Wasser.
Während dieser Golf in der Bibel nur unter dem Namen Bahr Suph (algenreiches Meer) vorkommt, so hieß er bei den Griechen und Römern bekanntlich schon seit Herodot's Zeiten mare erythraeum, unter welchem Namen gewöhnlich auch die Theile des indischen Meeres mit inbegriffen wurden, welche die Südküste von Arabien bespülen, ohne daß man den eigentlichen Ursprung dieser Benennung kannte. Denn erst Ehrenberg[34] beobachtete im December 1823, als er sich am Süd-West-Fuße des Sinai in der kleinen Bai von Tor befand, eine Erscheinung, die im Stande war, über jenen Namen und die Berechtigung des Meeres zum Tragen dieses Namens, ein helles Licht zu verbreiten. Er sah nämlich den Meerbusen auf beträchtliche Strecken weit roth oder röthlich gefärbt und fand durch angestellte Untersuchung, daß diese Färbung des Wassers verursacht wurde durch eine mit dem bloßen Auge kaum unterscheidbare und auf der weißen Leinwand, durch welche das Wasser geseihet wurde, nur in Gestalt des feinsten Pulvers oder der dünnsten Härchen hängenbleibenden Alge, die in Millionen und abermal Millionenzahl anwesend sein mußte, da sie als ein so kleiner Körper so ausgedehnte Stellen des Meeres roth zu färben vermochte. Es war eine Oscillatorie (gegliederte Fäden, zu einzelnen Bündeln zusammengruppirt), die er deßhalb Trichodesmium erythraeum nannte (a. a. O.). – Zum zweiten Male wurde, nach der Mittheilung von M. C. Montagne[35], die Erscheinung, und zwar in einem noch viel ausgezeichnetern Grade, beobachtet von M. Evenor Dupont, als dieser im Juli 1843 auf einem Landmail-steamer von Bab el Mandeb nach Suez reiste. Er brachte den färbenden Gegenstand, die Oscillatorie, mit, so wie sie auf einem weißen Taschentuche kleben geblieben war, nachdem er das Meerwasser hindurchgeseihet hatte, so daß sich Montagne durch Untersuchung von der Identität derselben mit Trichodesmium erythraeum Ehrenb. überzeugen konnte. Es war ebenfalls im nördlichen Theile des arabischen Meerbusens, dem Golf von Suez, wo Dupont die Erscheinung beobachtete, und hier sah er das Meer in einer räumlichen Ausdehnung, die nach seiner Berechnung 85¼ Lieues oder 256 engl. Meilen betrug, nämlich 32 Stunden, also mehr als einen ganzen Tag lang, während der schnell fortgesetzten Fahrt des Dampfschiffes, ununterbrochen rothgefärbt. – Wir, auf unsrer Fahrt, sahen uns vergebens nach einer ähnlichen Erscheinung um; es ist aber wahrscheinlich, daß sie seit den ältesten Zeiten zuweilen beobachtet worden ist und die Veranlassung zu dem Namen «mare erythraeum» (rothes Meer) gegeben hat.
Erst am 10ten October, um 6 Uhr des Abends, als wir bereits dem immer schmäler zulaufenden nord-westlichen Ende des rothen Meeres, der Bucht von Suez, nahe gekommen waren und der Wind etwas frischer aus Nord-West zu wehen anfing, bekamen wir, auf unsrer linken Seite, wieder Land zu Gesicht, nämlich Gebirgsketten von Oberegypten, die sich in blauer Ferne hinzogen und einen eben solchen, eingerissenen, zackig-gezähnten Kamm hatten, wie alle Bergketten, die wir vorher in Arabien gesehen hatten. Die Sonne war so eben hinter diesen Ketten untergegangen; vor den Bergen zog sich der stahlblaue, glänzende Spiegel des Meeres hin, – dann kam, in der Aussicht, die wir hatten, aufwärts ein bräunlich-heller Dunst, welcher den Fuß und die untere Hälfte der Bergketten umnebelte, und dieser hellere Dunst ging über in ein Bergblau, das nach dem ausgezackten Saume der Ketten zu immer dunkler und deutlicher wurde. Wie mit dunkelblauer Farbe auf Goldpapier gemalt, zogen sich die Zacken und Nadeln dieses Bergkammes in einer langen Reihe am Horizonte hin. Denn hinter dem Bergsaume lag ein wunderschönes Abendroth, das von kleinen goldnen und und feuerfarbnen Wölkchen durchflammt und durchflickert war, und dieses Abendroth floß nach oben zu in den hell blauen Schmelz des reinsten Äthers über. – Der Farbentöne in diesem Gemälde waren nur wenige, aber der Glanz und die Reinheit der Farben war prachtvoll, – vielleicht der trocknen Luft und Landschaft eigenthümlich, – egyptisch.
Am folgenden Morgen, 11ten October, früh befanden wir uns schon in der schmalen Bucht von Suez und erblickten Land zu beiden Seiten, nämlich links in der Morgensonne, bräunlich-gelb und hell, die Bergketten Egypten's und rechts, noch in tiefem Schatten liegend und bräunlich-dunkel, den Berg Sinai – Horeb's Höhen! Dieses Sinai-Gebirge, oder besser, diese Bergketten, wovon nur ein kleiner Theil, Sinai und Horeb, oder Dschebel Musa, d. i. Mose-Berg, genannt wird, zogen sich in mehren alternirenden Reihen unabsehbar weit hinter einander hin und hatten einen eben solchen gezähnten, zackig-zerfressenen Saum, wie alle früher von uns gesehenen. Obgleich wir keinen Küstensaum an ihrem Fuße zu erkennen vermochten, also weiter von ihnen entfernt waren, so erschienen sie doch doppelt so hoch, als die egyptischen Bergketten zu unsrer Linken in Westen, die uns näher lagen und vor denen sich ein flaches, sandiges Vorland, eine Küstenterrasse, hinzog. – Fig. 15 stellt einen Theil der Bergketten auf der Halbinsel Sinai, in der ausgezackten Form ihres Saumes getreu nachgeahmt, dar. – Schon seit gestern Abend war es merkbar kühler geworden und jetzt wehte aus einer Richtung, die unserm Cours direkt entgegengesetzt war, nämlich aus Nord-Nord-West, also vom mittelländischen Meere her, ein ziemlich starker Wind, der wenigstens in Vergleich mit der Backofengluth, die wir an den vorhergehenden Tagen und erst gestern noch ausgestanden hatten, kalt zu nennen war. Freudig begrüßten wir diesen kühlen, ich möchte sagen, europäischen Wind, als das Zeichen unsrer baldigen Erlösung aus dem glühenden Tropenklima und unsrer Annäherung an das Vaterland.
Um 7½ Uhr befanden wir uns einem Theil der Küste, auf der Halbinsel Sinai, gegenüber, der wandartig steil emporstieg und ein sonderbares, zackig-geschupptes Ansehn hatte, so wie ich es in Fig. 12 dargestellt habe. Alle Schuppen liefen nach oben spitz zu und vereinigten sich in eine Anzahl ähnlich gestalteter, nur größerer Hauptabtheilungen oder Hauptschuppen, zwischen denen kluftförmige, tiefe Zwischenräume, zurückspringende Theile der Wand lagen, und diese Hauptabtheilungen liefen auf dem gezähnten Kamme der Wand in die höchsten Spitzen aus. Die Küstenberge der Sinai-Halbinsel aber, die später, nord-westwärts, auf diese folgten, wurden niedriger; sie gestalteten sich um 9 und 10 Uhr, wie in Fig. 13 abgebildet ist und stellten uns die eigenthümliche Configuration neptunischer Gebirge, im Gegensatz zu jenen plutonisch-vulkanischen, die man in Fig. 12 erblickt, recht anschaulich vor. Denn sie bildeten nun (Fig. 13) einen ebenen, nicht ausgezackten, nur sanft gehobenen oder gesenkten Saum; sie waren oben dunkel gefärbt, unten aber, und mehr als zur Hälfte hinan, mit Sand überschüttet, der eine helle, gelblich-bräunliche Farbe hatte, glatt von Oberfläche war und sich auch noch an den Wänden selbst, in nach oben zu schmäler werdenden Rippen, hinanzog. Offenbar bestanden diese so geformten Gebirge (Fig. 13, 14) aus geschichtetem Gestein, sie waren entweder horizontal-liegende oder nur sanft einfallende Flötzbildungen, die seewärts steil abgebrochene, jedoch nicht so hohe, bis zur halben Höhe herauf mit Sand überschüttete und von diesem Sand geglättete, Wände bildeten.
Und nur solche neptunische Bergplatten, die sich auf den ersten Blick von jenen plutonischen Felskämmen unterschieden, sahen wir nun noch, besonders an den Küsten der östlichen Seite, der Sinai-Halbinsel, im Verlaufe des heutigen Tages, während wir nord-nord-westwärts immer tiefer hinein in den Golf von Suez dampften und während uns ein immer stärkerer Wind entgegenblies, nämlich die kühlere Luft, welche vom mittelländischen Meere zuströmte, um die luftverdünnteren Räume entlang den arabischen Küsten auszufüllen.
Die beiderseitigen Küsten traten immer näher zusammen, der Golf wurde schmäler, die Gebirge niedriger und der Sand fing immer mehr an vorzuherrschen. Die Bergplatten, die wir um 2 Uhr auf der egyptischen Seite erblickten, waren deutlich terrassirt, bestanden also aus geschichteten Massen, die sich nach dem Ufer des Meerbusens zu in mehren Absätzen herabsenkten. Auch auf der Halbinsel rechts waren die Bergmassen deutlich geschichtet und viel heller gefärbt, selbst weißlich, – jedoch wahrscheinlich nur deßhalb, weil die dunklern Abhänge der Berge auf der linken Seite schon im Schatten lagen. – Um 4 Uhr bemerkten wir auf der linken Seite einen weiten, flachen Zwischenraum zwischen den Gebirgen, dann aber nordwärts von diesem erhob sich wieder ein höherer sargartiger Rücken. Auf der rechten (Sinai-) Seite trat nur hier und da noch eine geschichtete Gebirgsscholle, wie Fig. 14, bis zum Meere hervor und senkte sich dann schroff, mauergleich, zum Gestade herab, in allen übrigen Gegenden sah das Auge nun nichts mehr, wie Sandflächen oder niedrige, weit ausgebreitete Sandrücken, die in ihrer licht-falben Schminke, von aller Vegetation entblößt, glatt, kahl, einförmig und öde dalagen. – Einige von den gestreiften, geschichteten Wänden der Bergplatten waren bis oben hinauf mit Sand überschüttet, andere nur bis zu drei Viertel oder, wie Fig. 14, nur bis zur Hälfte und dann waren sie durch ihre dunklere Farbe und gestreifte Beschaffenheit schon aus der Ferne von der geglätteten Oberfläche der Sandmassen zu unterscheiden.
So sahen wir fast Nichts mehr wie Sand, – dürren Sand, der durch seine helle Farbe, da, wo ihn die Sonne beschien, die Augen blendete und die Frage hervorrief: ist das der gefeierte Anblick Arabien's? – sieht so Egypten aus?
Um 7½ Uhr des Abends (den 11ten October) wurde die Küste auf der rechten, östlichen Seite noch niedriger, flacher, – auf der linken, egyptischen Seite aber sahen wir vor uns noch eine, nämlich die letzte, nördlichste von jenen Landplatten, die von West, oder Süd-West, her schief ansteigen, in's Meer vorspringen und sich dann, nach Osten zu steil, terrassenförmig hinabsenken.
Eine halbe Stunde später ließen wir im nördlichsten Theile der Bucht unsern Anker fallen, direkt in Süden der Landenge von Suez; wir waren aber noch drei englische Meilen vom Ufer, das die gleichnamige Stadt trägt, entfernt, weil der untiefe Korallengrund des Meeres allen größern Schiffen die weitere Annäherung verbietet.
Ich habe bis jetzt bei den verschiedenen Ländern und Gegenden, die ich auf dieser Reise Gelegenheit hatte, zu besuchen, die Literatur angegeben, so weit mir diese bekannt geworden war. – Ich that dies zur Bequemlichkeit derjenigen Leser, welche sich über diese Länder, an denen ich gewissermaßen nur vorübergestreift bin, gründlicher zu unterrichten wünschen möchten, und brachte ihnen deßhalb die durch den Druck bekannt gemachten hauptsächlichsten Werke, die von diesen Ländern handeln, kürzlich in Erinnerung. – Wollte ich aber eben so in Beziehung auf Arabien und Egypten handeln, so könnte ich einen halben Bogen voll schreiben, allein mit den Titeln der Werke, welche über diese viel bereisten, besser als Indien bekannten, Europa nahe liegenden Gegenden des Erdballs in englischer, französischer und deutscher Sprache erschienen sind.
Befinden wir uns doch hier auf dem klassischen Boden, den, außer noch frühern Reisenden, von 1763–1845, so viele tüchtige Forscher durchkreuzt haben, – in einem Lande, das der Schauplatz der Untersuchungen war eines Niebuhr, Seetzen, Burckhardt, Rüppell, Ehrenberg und Hemprich, Laborde, Wellstedt, Schubert, Robinson, Russegger, Lepsius! – und das noch jährlich viele Reisende durchkreuzen, die zum Theil nur zu ihrem Vergnügen den Sinai ersteigen oder aus Egypten bis nach Nubien vordringen.
Ich will mich daher von Suez an auf die kurze Erzählung meiner Reise beschränken und nur die Erscheinungen, die ich selbst beobachtete, so wie sie flüchtig an mir vorüber flogen, mittheilen.
Ich setzte mich bald nach unsrer Ankunft in einen kleinen Kahn, den zwei Araber fortruderten. Das Meer war bis auf meilenweite Entfernungen vom Ufer so seicht, daß ich im Mondschein überall den weißen Korallengrund sehn und nachher selbst mit meinem Spazierstocke auf den Meeresboden aufstoßen konnte.
Wir kamen dann auch erst eine gute Stunde später an's Land, – der Anblick aber, der sich mir daselbst, in der Nacht vom 11ten zum 12ten October, darbot, war so höchst eigenthümlich, so bizarr, die ganze Scene war so spukhaft und so voll romantischer Contraste, – daß sie nimmer wieder aus meiner Erinnerung verschwinden wird.
Mein Kahnführer setzte mich an einem großen, zweistöckigen Gebäude ab, das noch zwei Flügel hatte und dessen Hauptfront an's Meer gränzte; hier stieg ich auf breiten Treppen hinan zu einer überdeckten Galerie und gelangte aus dieser durch einen Thoreingang in den innern, viereckigen Hofraum des Hotel's von Suez, das seiner Form nach eher einem Kloster, als einem Gasthause glich. Hier war Alles voll Leben und Menschengewimmel. – Wir waren fast anderthalbhundert Passagiere, die wir uns ausschifften und aus Indien im Hotel ankamen, – 160 andere aber, aus Europa angekommene, warteten schon im Hotel und standen reisefertig da, oder waren mit dem Einpacken ihrer Güter und dem Ordnen ihrer Koffer beschäftigt, um sich auf dem Bentinck einzuschiffen und nach Indien zu gehen. Also, außer den Dienern des Hotels, den Officianten, Gepäckbesorgern, Lastträgern, Kahnführern, wimmelten und flutheten hier mehr als 300 Reisende, deren Interessen sich regelrecht durchkreuzten, weil die eine Hälfte derselben gerade dahin wollte, wo die andere herkam, durch einander. Dazu kam noch, daß die Cholera, die in Cairo aufgehört hatte zu wüthen, hier noch täglich ihre Opfer fraß und daß ein Jeder verlangte, so schnell wie möglich von hier wegzukommen, nämlich anderthalbhundert vom Hotel auf's Schiff und anderthalbhundert, so schnell wie möglich, vom Schiffe in's Hotel und aus dem Hotel nach Cairo. Hier hatte Keiner Lust, zu bleiben, ein Jeder hatte Eile, das Wachtwort aller war nur „für sich selbst zu sorgen,“ und so sah man in dem engen Raume des Hotels das Schauspiel von anderthalbhundert Doppel-Interessen, die mit einander in Conflict geriethen. So zahlreich die Zimmer des Hotels auch waren, so hatte die erste Hälfte der Reisenden, die nach Indien verlangten, doch bereits alle vorhandenen Räume in Beschlag genommen; ja, wenn noch leere Zimmer vorhanden gewesen wären, so würde es an Dienern gefehlt haben, um sie dem Reisenden anzuweisen, da das Personal dieser letztern der Dienerschaft weit überlegen war. Man mußte selbst suchen und nehmen, was man haben wollte. Wenn die Passagiere eine Räuberbande gewesen wären, so hätten sie das Hotel nebst der ganzen Stadt Suez bequem ausplündern können. Als ich in den weiten Corridoren des Gebäudes herumschritt, dessen weiße Gemäuer von dem Mondschein hell beleuchtet waren, traf ich wirklich leere Zimmer an, die von den Reisenden, die sich auf's Schiff begeben hatten, schon verlassen waren. In einigen brannten auf Waschtafeln, oft mitten zwischen Bettvorhängen, noch Kerzen, welche der vorige Bewohner in der Eile vergessen hatte, auszulöschen, und in andern lagen zwischen nur halb erloschenen, noch glimmenden Kerzen die Betten auf der Flur. – Malerische Unordnung! – In dem allgemeinen Gelag- oder Speisezimmer, das in der untern Etage war, konnte man Wein, Bier, Milch, Kaffee, Thee, Bouillon, Brot u. dergl. erhalten, aber hier war das Gedränge derjenigen, die anderwärts keinen Platz hatten finden können, so groß, daß sich ein Jeder selbst nehmen mußte, was er haben wollte, und daß die Kränklichen oder Müden der Passagiere froh waren, in irgend einer Ecke noch eine unbesetzte Bank oder einen Stuhl anzutreffen, um daselbst ausruhn zu können. Draußen, im Freien, war es empfindlich kalt und man hörte viele von denen mit den Zähnen klappern, die aus Indien gekommen waren.
In demselben Gebäude befand sich das Bureau der Landmail-Beamten, wo diejenigen Reisenden, die, wie ich, nicht bis England Passage genommen hatten und deßhalb nur bis Suez hatten bezahlen können, sich für 12 Pf. Sterling mit einem Passagescheine bis nach Alexandrien versehen mußten. Auch hier war das Gedränge groß und die Bänke im Vorzimmer waren mit Reisenden besetzt, die sich sitzend oder liegend einige Ruhe zu verschaffen suchten. – In dem kahlen Sandgrunde des Hofraumes lagen Kisten und Waarenballen in wilder Unordnung umher und außerhalb des Gebäudes lagen sie nach dem Strande zu in ganzen Bergen auf einander gestapelt.
Der Transport der Reisenden durch die Wüste geschieht von hier in zweirädrigen Wagen, in deren jedem sechs Mann Platz haben. Damit sich die Zahl der Reisenden in den kleinen Stationen, die in der Wüste liegen, nicht zu sehr anhäufe, so werden jedes Mal nur vier Wagen zugleich befördert und die verschiedenen Züge oder Transporte, deren Zahl sich nach der Zahl der Reisenden regelt, folgen einander in Zwischenzeiten von 1½–2 Stunden. Die, welche Passage bis England genommen haben, haben den Vorrang und von den übrigen werden Diejenigen zuerst befördert, die sich am Bureau von Suez zuerst gemeldet haben und sich zuerst in die Liste haben einschreiben lassen. Da ich zu keinen von beiden gehörte, so wurde mir mitgetheilt, daß ich unter die Zahl derjenigen Reisenden eingeschrieben sei, die mit dem Transporte um 4 Uhr von Suez abreisen würden.
Ich hätte also Zeit genug gehabt, einiger Nachtruhe zu pflegen. Da aber vor der Abreise der früher angekommenen Gäste auf's Schiff keine Zimmer mit frischen Betten zu bekommen waren, und das Ausruhn auf Bänken oder aneinander gesetzten Stühlen, dem sich manche überließen, mir nicht behagte, so zog ich es vor, dem Gewühle des Hotels zu entfliehen und ungeachtet der Kälte und der Cholera, meine Zeit auf Spaziergänge durch die Stadt zu verwenden.
So glühend die Hitze ist, welche die Sonnenstrahlen über Tag auf der Oberfläche von Sand und Fels hervorrufen, so groß ist die Abkühlung der starren Wüste des Nachts. Die Kälte war daher empfindlich und ich bedauerte, meine leichte, indische Kleidung nicht sogleich mit wärmerer, europäischer Bedeckung verwechseln zu können. Der Mond schien so hell durch die heitre Wüstenluft herab, daß auch im Schatten der Mauern alle Gegenstände deutlich sichtbar waren. Die Todtenstille, in welcher die Stadt dalag, machte einen tiefen Eindruck auf mich, der ich so eben erst das lärmerische, von Leben wimmelnde Gasthaus verlassen hatte. Ich sah auf dem Kai und in den benachbarten Straßen Hunderte von plumpen Massen liegen, die mit den Mauern der Gebäude und dem Sande, woraus der Boden bestand, so vollkommen ein und dieselbe fahlgraue Farbe hatten, daß ich sie für Felsblöcke oder große Waarensäcke hielt. Zwischen ihnen waren hier und da pyramidenförmige oder längliche Gestalten von völlig weißer Farbe sichtbar, die wie Gespenster und schweigsam wie diese, hin- und herschlichen. – Alles war still. – Man konnte kein Athmen, kein Geräusch hören, und erst als ich mich mitten unter jenen plumpen „Felsblöcken“ oder „Säcken“ befand und als lange, gebogene Körper, wie krumme Baumstämme, mir zur Seite und höher, als ich selber war, emporragten, da erkannte ich erst, daß jene schleichenden Gestalten Beduinen mit ihren weißen Mänteln waren, aus deren Kappe oben ein schwarzer Bart und zwei funkelnde Augen hervorguckten, – und ich erschrak fast, als einer von jenen lang emporgereckten Körpern an seiner Spitze anfing, sich langsam zu bewegen und mir – einen Kopf zudrehte, mit Augen darin und einem käuenden Gebiß – – –; ich schritt zwischen Kameelen, dem Bilde der Geduld, dahin. Diese Thiere, Dromedare oder einbucklige Kameele,[36] lagen in der That eben so unbeweglich wie Felsblöcke im Sande hingestreckt, und der einzige Theil ihres Körpers, an dem man zuweilen eine leise Bewegung spüren konnte, war der Kopf, den sie langsam zur Seite drehten, wenn ein Araber oder ein fremder Reisender vorüberschlich. Man hätte dann diesen so unverhältnißmäßig kleinen Kopf, wenn er sich auf dem ungeheuer langen Halse nach einer Seite zu bewegte und sich allein bewegte, während kein andres Glied des Körpers Zeichen von Bewegung gab, leicht für einen ganz andern Gegenstand, für ein Thier an und für sich selbst, oder auch für eine Windfahne halten können.
Ich wandelte durch die engen Straßen zwischen den Häusern dahin, die schmutzig-grau oder bräunlich, wie der Sand des Bodens, sind, platt von oben, kahl und einförmig an ihren Wänden, die aber durch ihre kleinen, sehr vereinzelten, regellos angebrachten und dann noch gewöhnlich mit Gitterwerk geschlossenen Fensteröffnungen ein fremdes, geheimnißvolles Vorkommen erhalten. Manche Gassen sind so eng, daß nicht zwei Menschen neben einander gehen können. Die Häuser sahen aus, wie aus der Wüste herausgewachsene Erd- oder Felsstücke, von kubisch-plattgedrückter Form und ihre Vereinigung zu einem Ganzen glich einer platten Bergmasse, durch welche man schmale, sich regellos durchkreuzende Gassen hindurchgehauen hat. Alles war kahl und staubig. Nur hier und da blickte aus dem innern Hofraume, deren ein jedes größere Haus einen hat, eine Dattelpalme hervor und in dem Hintergrunde einer schmalen Gasse machte sich zuweilen die weiße, unheimliche Gestalt eines Beduinen kenntlich, die schnell hinter der Ecke verschwand. Sonst war Alles einförmig und bewegungslos. – Nackte äußere Wände der Häuser, mit kleinen vergitterten Gucklöchern, – viereckige innere Hofräume, nach welchen die Fensteröffnungen hingerichtet sind, – Cisternen in diesen Höfen, – hier und da die Minaret's einer Moskee, ähnlich den cylindrischen Schornsteinen europäischer Fabriken, – platte Dächer – Alkoran und – Harem! – das sind hier unzertrennliche Sachen.
Auf meinem Spaziergange durch dieses Chaos, diesen regellosen und schmutzigen Schutthaufen von Mauern, (als solcher erscheint die Stadt dem Reisenden auf den ersten Blick) – empfanden auch meine Geruchsnerven den bündigen und anhaltenden Beweis, daß das Wort schmutzig kein unverdientes Prädikat von Suez sei. Denn Kothhaufen und todte Ratten waren aller Ecken zu sehen, halb verfaulte Kadaver von Eseln lagen hier und da umher, sogar ein todtes Kameel zwang mich zur Rückkehr aus einer von den engen Gassen, die es ganz versperrte, – vielleicht lagen auch menschliche Leichen, die an der Cholera gestorben waren, noch unbegraben in den Häusern, oder nur lose verscharrt unter dem Sande, – und ein gräulicher, allerwidrigster, süß-fauler Gestank erfüllte, als ein nicht unpassender Duft für das Heimathland der Pest, – weit und breit alle Räume der Stadt.
Doch hatte die Landschaft und Stadt mit der eigenthümlichen Bauart ihrer Häuser, mit ihren Kameel- und Beduinengestalten, ihren regellos aufgehäuften Transportwaaren und Kisten und eben so regellos umhergestellten zweirädrigen Karren, und mit ihrem klosterartig abgesonderten Hotel, worin mehr als 300 Fremdlinge durch einander wogten, – so wie sie da lag bei nächtlicher Weile, hell vom Mond beschienen, – einen, wo nicht schönen, doch desto eigenthümlichern Reiz.
Für unsere Bagage brauchten wir nicht zu sorgen; diese wurde ohne unser Zuthun an's Land geschafft und auf Kameelen durch die Wüste transportirt. In den Wagen aber, während der Reise durch die Wüste, war es den Passagieren nicht erlaubt, mehr als ein ganz kleines Päckchen, so viel nämlich ein Jeder unter der Bank zwischen seinen Füßen verbergen konnte, bei sich zu behalten, und ich war froh, daß mir meine Wagengefährten zugestanden, mein Barometer mitzunehmen. Die Wagen, die sich auf zwei Rädern bewegen, sind auf allen Seiten mit Fenstern versehen, die man nach Belieben aufschieben oder schließen kann und haben in ihrem Innern für sechs Reisende Platz, enthalten nämlich zwei seitliche Bänke, auf deren jeder drei Personen, also einander gegenüber, Gesicht gegen Gesicht, zu sitzen kommen, – die Räume sind aber so eng, daß man des Gepäcks wegen, wovon ein Jeder gern so viel wie möglich mitnimmt, sehr gedrängt sitzt. Die Thüröffnung befindet sich also auf der hintern Seite, zu welcher man auf einer Art von Treppe hinansteigt.