I. Von Java bis in die Nähe der Insel Socotora. (continued 2)
Reading edition
Als ich von der Braganza, welche ich nach meiner Rückkehr aus der Stadt noch einmal besucht hatte, an Bord des Bentinck angekommen war, war mir etwa so zu Muthe, wie Jemandem, der aus einer Provinzialstadt in eine Kapitale wie Paris oder London eingetreten ist. Dieser Landmail-steamer, befehligt vom Capt. A. Kellock, ist einer der größten, welchen die Peninsular and Oriental Steam Navigation Compagny besitzt, er mißt 1800 Tonnen, hat 520 Pferdekraft und nur noch einer (der „Hindustan“, commandirt von Capt. S. Lewis) kommt ihm an Größe gleich.
Als ich dem Gewühl sich einander durchkreuzender Interessen entkommen war und, zur Ruhe gelangt, auf dem Hinterdeck des Lord Bentinck saß, kostete es mir Mühe, mich an die Überzeugung zu gewöhnen, daß ich mich auf dem Verdeck eines Schiffes befand, – so lang und breit dehnte sich die reinliche Bretterfläche vor mir aus, die durch ihren Reichthum an verschiedenartigen Gegenständen dem darauf Spazierenden Abwechselung und Zerstreuung gewährte, – die zum Theil mit Zelten überspannt, und mit Bänken und Stühlen besetzt war. Nur auf dem Vorderdeck, in der Nähe des Bugspriet, und sonst nirgends im Schiff, durfte geraucht werden. Ein Neuling lief Gefahr, in den drei Vertiefungen des Innern, die man auf eleganten, theils geraden, theils wendelförmigen Treppen hinabstieg, sich zu verirren, wenn er in den langen Gängen zwischen den Zimmern herumschritt; denn die Anzahl dieser Zimmer (Cabin's) war groß genug, um Jedem der 100 Passagiere erster Klasse, die sich an Bord befanden, einen besondern Schlafplatz zu verschaffen, außer den Offizieren, dem Schiffsvolke und den Passagieren zweiter Klasse. In den mehrsten Cabin's wohnten zwei, in manchen drei, vier, in wenigen nur ein Passagier, je nachdem die Cabin's mehr oder weniger Schlafplätze enthielten (deren wenigstens zwei über einander angebracht waren). Sie waren mit guten Matrazen, Spiegeln, Waschtafeln und Zubehör, Bänken, Stühlen und andern Bequemlichkeiten versehen und Bettzeug und Handtücher wurden fleißig gewechselt. Trink- und Waschwasser wurde in Überfluß gereicht und an einem Badezimmer, einem Regenbade, das nach geöffnetem Krahne aus einer siebartigen Öffnung der Decke herabträufelte, fehlte es nicht, leider aber auch nicht an Kakerlaken (Blatta orientalis), die, wie es scheint, eine allgemeine Plage aller Schiffe in den Tropengegenden sind. In den dunkeln Räumen der Hütten, zwischen den Brettern, waren diese zollgroßen, schnelllaufenden Thierchen nur allzu häufig und man konnte sie nur auf kurze Zeit von seinem Lager mit Eau de Cologne vertreiben. Ich würde jedem Reisenden anrathen, auch der Kühlung wegen sich mit einem recht großen Vorrath dieses destillirten Wassers zu versehen. Übrigens war die Hitze im Innern des Schiffes erträglich, da zweckmäßig angebrachte Ventilatoren für Abkühlung und frische Luft sorgten. – Das Installiren verschiedener Reisenden in ein Zimmer wurde stets mit Discretion verrichtet, und gewöhnlich blieb es den Passagieren selbst überlassen, sich mit einander zu verständigen und ihre Stubengefährten nach eignem Geschmack zu wählen. Es war Einer an Bord, mit dem Niemand zusammenwohnen wollte, und dieser erhielt ein Zimmer allein. – Um 8 und 12 Uhr zur Zeit des Frühstücks und Tiffets wurde Kaffee, Thee, mit Eiern, Brot, kalten Speisen etc. gereicht und um 4 Uhr zum Diner geläutet. Abends wieder Thee. Der Speisesaal war elegant, mit drei langen Tafeln versehen, an denen alle Passagiere (der ersten Klasse) Platz hatten, mit Spiegeln und Gemälden decorirt, so daß man, an der Tafel sitzend, zwischen solchen Umgebungen ganz vergaß, sich auf dem Meere, an Bord eines Schiffes zu befinden, zumal, da von dem Arbeiten der Maschine und dem Brausen der Räder nichts zu hören oder zu fühlen war. Das Schiff glitt seiner Größe wegen, von Ceylon bis Suez, so gleichmäßig dahin, daß auf dem Verdeck auch nicht das geringste Schwanken zu verspüren war und man erst über Bord blicken mußte, um sich zu überzeugen, daß sich das Schiff fortbewege. Schafe, Schweine, Kälber, Rinder, Tauben, Hühner, Enten, Gänse, Truthähne etc. befanden sich, nicht etwa wie in der Arche Noäh in bloß einem Paar, sondern in ganzen Heerden und Schaaren bei uns an Bord und versahen die Tafel, Tag für Tag, mit mannigfach zubereiteten Fleischspeisen von alle den genannten Arten und an frischem Brot und Gemüse fehlte es nicht, so daß ich im Ernst versichern kann, noch nie eine so überflüssig, ich möchte sagen, so massiv (besonders mit Fleischspeisen) besetzte Tafel gesehen zu haben. Das Buffet war mit englischem Bier (pale ale) und allen Arten von Weinen versehen, die ein Jeder ad libitum trank. Nur der Champagner machte hiervon eine Ausnahme und wurde von den Passagieren nicht gefragt, sondern nach jeder Mahlzeit in einer bestimmten Anzahl Flaschen gereicht. Auch das Dessert war vorzüglich und überhaupt ließ die Beköstigung, wie die ganze Einrichtung an Bord, nach der Meinung Aller, Nichts zu wünschen übrig. Zur Unterhaltung der Passagiere war eine Bibliothek, die besonders Reisebeschreibungen enthielt, nebst andern Zerstreuungsmitteln, Spielen etc. im allgemeinen Versammlungs- und Speisesaal vorhanden. Unter den Reisenden waren etwa sechs Damen, von denen die Engländerinnen sehr zurückgezogen und steif, fast holländisch, – die Französinnen aber freundlich und gesprächig waren und nebst einigen Kindern viel zur angenehmen Unterhaltung beitrugen.
Wir lichteten am 20sten Sept. des Abends die Anker, waren um 7 Uhr flott und fuhren zwischen zwei leuchtenden Feuern (großen Fackeln) hindurch, die man an der Stelle jener zwei schwimmenden Kugeln, in Kähnen angesteckt hatte, um uns den Weg in's Fahrwasser mitten zwischen den Klippen hindurch zu zeigen. So wie den Tag über die Luft bewölkt gewesen war, ob es gleich nicht geregnet hatte, so war auch die Nacht dunkel, und kein Himmelslicht war sichtbar.
So dampften wir nun wieder, nach kurzem Aufenthalte auf trockenem Boden, in das altum mare hinaus. Die Lichter, die auf den Schiffen und in den Gebäuden brannten, traten immer weiter zurück, aber erst spät am Abend verschwand das Feuer des Leuchtthurms.
Von den vielen über Ceylon erschienenen Werken und in Zeitschriften zerstreuten Aufsätzen, mögen hier nur folgende allgemeinere genannt sein.
Rob. Knox, Historical Relation of the Island of Ceylon. London, 1817. 4.
Jan. Cordiner, Description of Ceylon. London, 1807. 4.
Montgomery Martin, History of the British Colonies. London, 1834. Das Hauptwerk aber ist:
J. Davy, Account of the Interior of Ceylon etc. London, 1821. 4. – J. Davy, On the Mineralogy of Ceylon in Transact. of the Geol. Soc. vol. V, p. II, p. 311 etc.
Major Forbes, Eleven years in Ceylon comprising sketches of the field sports and Natural History of that colony and an account of its History and antiquities. 2 vol. 8. London, 1840.
Ceylon wurde bekanntlich in 1505 von den Portugiesen entdeckt, die jedoch erst seit 1536 in vollständigen Besitz der Insel (der Küste) gelangten und in 1658 (aus Point de Galle bereits in 1642) wieder von den Niederländern daraus vertrieben wurden. Diese letztern besaßen die Insel bis 1796, in welchem Jahre sie an die Englisch-Ostindische Compagnie überging.
Die Insel wird von Davy mineralogisch reich, aber geologisch arm genannt und soll vorherrschend aus sogenannten primitiven Gebirgsarten, Gneiß und Granit, bestehen, die sehr einförmig verbreitet und in vielen Gegenden von sehr mächtigen Quarzgängen durchsetzt sind. Außerdem zeichnen sich diejenigen Felsberge aus, in denen die berühmten, großen Salpeterhöhlen der Insel liegen und die aus Dolomit[20] bestehen sollen. Die primitiven Gebirge sind aber auch von sehr ausgebreiteten Sandsteinbänken umlagert, deren geologische Stellung, in Beziehung auf die Formation, der sie angehören, und auf die fossilen Reste, die sie umschließen, unbekannt ist. An den Gestaden kommt jüngster Meeressandstein vor, nebst Kalkbänken (Korallenkalk?) und außerdem Alluvialboden.
Sehr bezeichnend und allgemein verbreitet auf Ceylon aber sind Trümmerbildungen, Lager von zerstörten Felsarten, die in den Thälern und Flußbetten als Gerölle vorkommen. Und diese Trümmergesteine im Diluviallande sind es, welche den Reichthum Ceylon's an Edelsteinen enthalten, an allen Arten der Quarzgattung (Onyx, Amethyst etc.), – an Turmalin, Topas, Granat, Zircon, Rubin (Sapphir, Spinell) u. a., die daher vorzugsweise in Flußbetten gefunden werden. Ebenso Eisenerze. – Meeressalz wird in Lachen an den Küsten reichlich gewonnen.
Vorherrschende Quarztrümmer und Quarzsand sind für viele Gegenden von Ceylon bezeichnend und bedingen die Production der feineren Arten von Zimmt. – Regen fällt auf Ceylon fast das ganze Jahr hindurch gleichmäßig vertheilt und unabhängig von den Mussonwinden, die vom Mai bis Anfang November (während bei nördlicher Declination der Sonne die Temperatur von Asien größer ist, als die des Ocean's) aus Süd-West und von November bis März (während bei südlicher Declination die Wärme des Ocean's und Südafrika's größer ist, als die Asien's) aus Nord-Ost wehen.
Eine große Plage für den Menschen haben die Gebirgswälder Ceylon's mit denen Java's, Sumatra's, Dekan's und Hinter-Indien's gemein, nämlich die kleinen Springblutegel (Hirudo ceylanica Blainville, dict. des sc. nat. t. 47, p. 271), die nebst den Mosquiten auf Java und besonders auf Sumatra mich oftmals mehr der Verzweiflung nahe brachten, als alle Elephanten, Tiger, Rhinocerosse, wilde Stiere und andre große Thiere der Wildniß zusammengenommen zu thun im Stande waren. Man lese hierüber beliebig nach J. Davy, l. c., p. 102, tab. II, fig. 4. – Leschenault de la Tour, Relation abregée d'un voyage aux Indes Orient., im Mém. du Museum d'hist. nat. Paris, 1822. t. X. p. 268.
Den 23sten Sept. Wir hatten auf unsrer heutigen Fahrt durch das indische Meer trübes Wetter und öfteren feinen Regen. – Unser Cours war West zu Nord und der Wind blies aus West-Süd-West bis zu Süd-West. –
Des Abends wurde der Wind stärker, der Himmel wurde heiter, alle Sterne funkelten – und nun bot uns das Meer ein wundervolles Schauspiel!
Der Mond schien auf die Wasserfläche herab, auf welcher wir Nichts würden haben unterscheiden können, wenn nicht der Schaum, und nur der Schaum hell und weiß wie Schnee gewesen wäre. Das ganze Meer sah pechschwarz aus, war aber bedeckt von unzähligen, weiß-leuchtenden Streifen, wie mit erhellten Kähnen oder länglichen Laternen, die darauf schwammen und die nach dem Horizonte zu an das nächtliche Bild einer großen Stadt mit ihren Lichtern erinnerte, wenn man diese von einer Rhede aus erblickt. – Also Millionen streifenförmiger, schneeheller Fackeln, die auf einem pechschwarzen Meere schwammen – welcher Anblick!
Vorn am Bugspriet flogen Wolken von Lichtschaum halb kreisend, zur Seite – und am Ruderkasten war das schäumende Wasser so hell, daß ein Lichtschein aus dem Meere heraufgeworfen wurde und die eine Seite des Bootes, das zur Seite des Schiffes hing, erhellte, gleichsam als wenn der Mondschein aus den Wellen heraufschiene, – aber außer dem Schaume leuchtete Nichts und nirgends konnte man helle Körper,nirgends Funken entdecken, die man in andern Nächten oftmals durch das Wasser blitzen sieht; – hinter den Räderkasten, zur Seite des Schiffes glühte ein schneeweißes Feuer, ein Feuer, das nur wenig in's Grünlich-Blaue überging, etwa so, wenn man ein helles Licht durch eine Eisscholle scheinen läßt, – von da kräuselte das bewegte Wasser in Ringen und Streifen weiter, vereinigte sich hinter dem Schiff mit dem der andern Seite und bildete dann noch weit, weit hinaus hinter unserm Dampfer, der schnell vorwärts eilte, einen langen, so hell wie Schnee glänzenden, aber von vielen pechschwarzen Flecken unterbrochenen Schweif – gleichsam eine Milchstraße, deren Sternenschimmer von schwarzen, leeren Räumen, durch welche man in die unendliche Tiefe hinaus oder hinab blickt, unterbrochen ist, – und rund um diesen Schweif hinter dem Schiffe und dem Lichtsaum zur Seite desselben, umgaukelten und umflimmerten uns noch, bis an den fernsten Horizont jene Millionen von schwimmenden Laternen! – Es war unbeschreiblich schön und eigenthümlich.
So fuhren wir die ganze Nacht lang dahin durch ein Meer von Licht, das seinen anfänglichen schneeweißen, nur wenig in's Eisgrüne übergehenden Schein gegen Mitternacht in einen weiß-gelblichen veränderte.
Diese Erscheinung des weißleuchtenden Schaumes wiederholte sich nur noch Einmal in der folgenden Nacht (von dem 24sten zum 25sten) nach 12 Uhr, aber nicht so lebhaft, wie den 23sten und wurde nachher von uns nicht mehr gesehn.
Wir schifften nun vom 25sten Sept. an noch neun Tage lang durch das indische Meer und kamen erst in der Nacht vom 3ten October, also nach einer Fahrt von elf vollen Tagen und sechs Stunden seit unserer Abfahrt von Point de Galle auf der Rhede von Aden an. Unser Cours war während dieser Zeit bis nach Aden fast anhaltend West zu Nord, – der Wind war Anfangs West und West-Nord-West und erst seit dem 29sten, als wir uns dem Zwischenraume zwischen Arabien und der Insel Socotora näherten, vorherrschend Süd-Süd-West oder Süd-West, er wurde aber immer schwächer, je näher wir dem Lande kamen, – das Meer immer stiller, spiegelglatter, – das Wetter heitrer, ich möchte sagen egyptischer, – die Wärme aber auch immer drückender. Im rothen Meere war unser Cours bis Suez fast anhaltend Nord-Nord-West, auch herrschten dort nord-westliche, sehr schwache, Winde vor. – Je näher wir der Küste von Arabien kamen, um so mehr verschwanden auch die kleinsten Wölkchen aus der Luft, und der feine Regenschauer am 23sten war die letzte atmosphärische Feuchtigkeit, die wir auf dieser Reise sahen. Von diesem Tage an sah ich in der indischen See, zu Aden, auf dem rothen Meere und in Egypten dreißig Tage lang keinen Regentropfen mehr, kein Wölkchen mehr am stets heitern Himmel und erst am 24sten October, als ich im mittelländischen Meere war, sah ich wieder Wolken, die sich in einer langen Reihe an den Gebirgszügen der Insel Candia, dem alten Kreta, bei übrigens heitrer Luft, gelagert hatten.
Unser Schiff glitt auf dem indischen und rothen Meere so gleichmäßig, so gestadig dahin, daß man, auf der Mitte des Verdeckes sitzend oder stehend, nicht mehr glaubte, sich auf einem schwimmenden Körper zu befinden; das Schiff schien fest zu liegen. – Aber noch nirgends, und am allerwenigsten unter dem Äquator (auf Sumatra, Java), hatte ich eine so drückende Hitze ausgestanden, so ohne alle Erfrischung und Abkühlung, als unter diesen nördlichen Breiten vom 15ten bis zum 30sten Grade auf dem rothen Meere.
Nach diesen, meist klimatographischen Bemerkungen, die ich vorausgeschickt habe, weil sie für die weite Landstrecke von Socotora bis Alexandria von allgemeiner Gültigkeit sind, verfolgen wir unsre Reise und kehren auf unser Schiff zurück.
Wir hatten auf dieser Fahrt seit dem 22sten Sept., an welchem Tage wir Ceylon verließen, um nach Arabien zu schiffen, kein Land mehr erblickt, und bekamen zuerst wieder etwas Festes, Trocknes zu sehen, als am 3ten October, des Mittags um 1 Uhr die Insel Socotora vor uns aus dem Meere auftauchte.