I. Von Java bis in die Nähe der Insel Socotora.
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Meine Gesundheit war zerrüttet und die Kräfte meines Körpers waren nach einem 13jährigen Aufenthalte auf Java und Sumatra geschwächt. – Ich litt an den Folgen der so viele Jahre lang nicht mehr unterbrochenen Einwirkung einer größern Hitze, der nur wenige nordische Naturen auf die Dauer widerstehen können. – Wohl reiste ich noch in Krawang, mit geologischen Untersuchungen beschäftigt, mußte aber oft (erschöpft) die höhern, kühlern Gebirgsgegenden aufsuchen, um dem glühenden Klima nicht zu unterliegen.
Der letzte Berggipfel, den ich, durch solche Gründe veranlaßt, den 17. Juni 1848 erstieg, war der Gunung-Tangkuban Pra. Meine Hütte stand auf dem höchsten Punkte seiner südlichen Kratermauer, der sich 6030 par. Fuß über das Meer erhebt und eine mittlere Temperatur genießt von ohngefähr 56° F., während in den Tiefländern am nördlichen Fuße des Gebirges die mittlere Wärme 81,5° beträgt. In der kühlen Luft dieser Region kehrte wieder etwas Willenskraft in die Seele zurück, die mit dem Körper ebenfalls erschlafft und in Gleichgültigkeit versunken war. Die Ermahnungen von Freunden, die mich in meiner Einsiedelei besuchten, trugen dazu bei, mich in meinem Vorhaben zu bestärken, und so gedieh endlich mein Entschluß zur Reise, das Land des ewigen Sommers ein Paar Jahre lang zu verlassen und in das Vaterland zurückzukehren, das den eisigen Polen so viele Grade näher liegt.
Hier auf dem Kraterrande des Vulkans war es auch, wo ich die Zeitungen aus Europa empfing, die in der Mitte des Juni mit der Landmail nach Batavia gebracht waren. – Revolution in Paris, kaum geahnt und schon beendigt, – Republik ausgerufen, – Louis Philipp entflohn! – dieser vorsichtige König, den alle Welt so fest auf seinem Throne glaubte. – Dies waren die Nachrichten, die auf das Unerwartetste, ganz mährchenhaft, vermeldet wurden und die alle Gemüther auch auf Java in die ängstlichste Spannung versetzten. Es glich die Aufregung der Völker, dadurch veranlaßt, der electromagnetischen Kraft, die sich mit unsichtbarer Schnelle durch die halbe Welt fortpflanzt. – Dazu kamen später noch die Nachrichten aus Bali, – Reformbewegungen, politische Demonstrationen zu Batavia, – ungewöhnliche Witterungserscheinungen, – Höhenrauch, – Regen, – Überströmungen, – Erdbeben! – vulkanische Ausbrüche, – ein erwarteter Komet allhier – und dort in Europa Aufruhr und Krieg; – – so waren die Nachrichten, die zu dieser Zeit auf uns einstürmten und die, wenn auch nicht alle erfreulicher Art, denn doch geeignet waren, auch das erschlaffteste Gemüth aus seiner Lethargie zu erwecken.
Die Auspicien einer Reise also zu dieser Zeit nach Europa waren nicht günstig. Ich war aber krank und bedurfte als Heilmittel der Kälte. Meine Abreise ward daher beschlossen und mein Gesuch um Erlaubniß abgesandt an die hohe Regierung zu Batavia, in deren Auftrag ich reiste.
Ehe ich den Berggipfel und die schönen Wäldchen, die ihn umgrünen, verließ, sah ich noch einmal nieder in das weite Kesselthal des Kraters, dessen Grund 800 Fuß tief zu meinen Füßen lag und ließ dann meinen Blick über den jenseitigen (weniger hohen) Kraterrand hinweg- und hinabgleiten in das ferne Land von Krawang, das 6000 Fuß tiefer lag und das sich mit dem ewigen Grün seiner Felder und Wälder bis an's Meer hinzog. So glatt und blinkend, wie ein silberner Spiegel lag dies stille javanische Meer vor uns da, während die Morgensonne mit ihren ersten Strahlen hinter den fernen Kegeln Tjĕrimai und Tampomas hervorblickte und mit dem Lichtglanze, der sie umgab, einen goldenen Hintergrund bildete, auf welchem sich die dunkeln Gestalten dieser hohen Berge deutlich abzeichneten; – sie vergoldete dann noch manche andre Bergspitzen und goß ihren Schein aus über das weite grüne Land, in welchem Tausende von Menschen und Thieren zu neuem Leben erwachten.
Es war ein Bild schöner und majestätischer Ruhe, vergleichbar mit dem menschlichen Gemüthe, das in Frieden lebt. Dicht zu unsern Füßen aber lag der weite, wüste Schlund des Kraters und dieser erinnerte an die Leidenschaften der Menschen, wenn diese in Wuth ausbrechen, sich selbst und ihre Werke zerstörend. Zwar lag auch dieser Mund des Vulkans jetzt in tiefer Stille da, – auf der Kraterwand zu unsrer Linken lächelte lieblich der erste Sonnenschein und ließ grell den Schatten erkennen von einigen Falken, die langsam und friedlich über den weiten Raum hinüberschwebten. – Nichts als das Echo hallte wieder, wenn man hinabrief oder einen Stein in die Tiefe warf, – sonst war Alles still; – aber die Kahlheit der Felsen, die Hunderte von Fußen hoch emporstarren, – die hingestreckten Wälder und schwarzgebrannten Baumstämme des äußern Gehänges, – die bleiche Farbe der Asche, wovon Alles überschüttet war, – die Abwesenheit von aller Vegetation im Innern, – der völlig nackte Grund, aus dem man bei genauerer Betrachtung doch noch Dämpfe emporsteigen sah, – dies Alles rief dem Reisenden warnend zu: „Traue dieser Ruhe des Kraters nicht, denn sie gleicht mit der schönen belebten Natur umher ganz dem menschlichen Gemüthe und dem Leben der Völker, das leicht durch Leidenschaften getrieben wird, sein eignes Glück zu vernichten, – aber so wie die Waldung rund um den Krater nur so lange blüht und grünt, bis ein neuer Ausbruch aus dem Schlunde kommt, der Alles wieder verwüstet und, was in langen Jahren allmählig wuchs, oft in einer Nacht zerstört.“
Dennoch konnte ich diesen Berggipfel nicht verlassen ohne ein wehmüthiges Gefühl. Sind doch diese Kraterthäler die schönsten auf Java und von allen Landschaften der Insel am reichsten an malerischer Abwechselung, – tritt doch das Starre, Nackte der Felsen, das Kolossale der Dimensionen daselbst in den anziehendsten Contrast mit dem umgebenden Grün, – sind doch die niedrigen Alpenbäumchen, die dort wachsen, die lieblichsten der Insel, die fast immer mit den schönsten farbigen Blüthen geschmückt sind, – ist doch die Luft auf diesen Höhen so rein, so kühl, genießt man doch von dort die herrlichste Aussicht rundum über das weite, tiefe Land, – ist das Innere der Krater doch so einsam, so ungestört, so beschützt vor allen Winden, – lächeln die Seen, die in vielen derselben liegen, den Reisenden doch so freundlich, so friedsam an, – und giebt ihnen der Gedanke an die gewaltsamen, vernichtenden Kräfte, die unter ihnen in der Tiefe schlummern, doch einen so eigenthümlich bangen Reiz, daß man unwillkührlich gemahnt wird an den Wechsel des Schicksals im Leben der Menschen und an die Vergänglichkeit alles irdischen Glücks, – und hatte mich doch eine lange Reihe von Jahren mit allen diesen Kratern auf Java so vertraut gemacht, daß sie mir lieb geworden waren, wie eine zweite Heimath! –
Erinnerungen und Gefühle dieser Art fesselten mich an den Ort und ich saß (von Thibaudiabäumchen überwölbt) noch am Kraterrande, als meine javanischen Begleiter den Gipfel schon verlassen hatten und am Gehänge hinabeilten. Ich warf noch einen Blick hinab und rundum – und folgte ihnen. Doch war es mir unmöglich von diesem Berge (dem letzten, den ich vor meiner Rückkehr nach Europa ersteigen sollte,) Abschied zu nehmen und ihm das „Lebt wohl, ihr Berge!“ – zuzurufen, ohne den heimlichen, aber innigen Wunsch zu empfinden: „auf Wiedersehn.“
Diese Hoffnung auf Wiedersehn tröstete mich auch, als ich, kaum erquickt von der größeren Kühle dieser Region, wieder herab in das tiefere Land stieg und dem heißen Batavia zueilte.
Ich kann nicht unterlassen, der wohlwollenden Rücksicht hier zu gedenken, welche die Regierung auf meine geschwächte Gesundheit nahm, nicht nur, um mir den erbetenen Urlaub nach Europa zu bewilligen, sondern auch um meine Abreise in ein kälteres Klima zu beschleunigen. Besonders verpflichtet bin ich Sr. Excellenz dem Hrn. Generalgouverneur J. J. Rochussen, der mich sehr liebreich behandelte und mich beim Abschied mit den herzlichsten Wünschen entließ.
Dennoch verzögerte sich meine Abreise bis gegen Ende August und dieser fast zweimonatliche Aufenthalt in dem heißen Klima von Batavia wirkte noch mehr erschlaffend auf meine geschwächte Gesundheit. – Erst mit dem Kriegsdampfer Etna, den der erste Lieutenant Eschauzier commandirte, war es mir vergönnt, nach Singapure zu gehn, von wo die mit der Landmail aus Europa angekommenen Briefe abzuholen und andere dahin gerichteten zu überbringen waren.[1]
Endlich, in dem Nachmittag des 27. August konnte ich Batavia verlassen und begab mich an Bord des Etna in Begleitung meines Freundes und Collegen Dr. Schwaner, der erst vor Kurzem von seinen weiten Reisen auf Borneo zurückgekehrt war und zur Ausarbeitung seiner Karten noch einige Zeit auf Java zu bleiben gedachte.[2] – Den folgenden Morgen sollte das Dampfschiff die Rhede verlassen. Dieser Gedanke stärkte mich verbunden mit der Einwirkung der kühlen Seeluft, die ich des Abends auf dem Verdecke genoß und nun erst fing ich an, mich zu freuen, denn erst nun konnte ich die Schwierigkeiten, die sich meiner Abreise entgegengestellt hatten, für überwunden achten und die Hoffnung hegen, dem Vaterlande sicher zuzueilen.
Wir verließen am 28. August 1848 früh die Rhede von Batavia. Die Wasserfläche war todtstill, – sie glich einem glänzenden Spiegel und die Schiffe, die unbeweglich darauf lagen, glichen den Häusern einer Stadt; auf dem einen Schiffe wurde gesungen, auf dem andern getrommelt und gepfiffen, – und auf noch andern ertönte, den Rhythmus der täglichen Verrichtungen der Seeleute abmessend, die Schiffsglocke, deren Klang weit über die glatte Fläche hinscholl. Falco pondicerianus umkreiste die Masten noch eben so, wie vor 13 Jahren, als ich den Busen voll geschwellter Erwartungen, erhoben durch unbegrenzte Hoffnung hier ankam, – die Physiognomie der Küste mit ihren weißen und rothen Häusern, die durch das Grün hindurchschimmerten, war noch ganz dieselbe, – auch der Zuckerhut des Gunung-Panggerango blickte aus blauer Ferne noch eben so, wie damals, über die untern dunstreichen Luftschichten herab, – die ganze Natur war die alte, unveränderlich getreu in allen ihren Nüancen, – – nur ich war nicht mehr derselbe, ich in meiner Denkweise, in meiner Empfänglichkeit für die Eindrücke der Außenwelt war ein Andrer geworden und sah nun kalt, erregungslos und gleichgültig auf dieselbe Welt herab, die mich vor 13 Jahren, als ihr Antlitz für mich noch ein ganz fremdes war, so lebhaft erregte, so unwiderstehlich anzog und zur Erforschung ihrer Eigenthümlichkeiten entflammte.
Außer der Schwächung des Körpers durch die anhaltende Hitze und den verlornen Reiz der Neuheit nach allmählig genauer gewordener Bekanntschaft mit der tropischen Natur, ist es, glaube ich, vor Allem der Mangel an Abwechselung in den Jahreszeiten und in den Erscheinungen des Luftkreises, – es ist die zwischen den Tropen ununterbrochene Dauer des Sommers, es ist das ewige Grün, das den Geist der Europäer auf Java zuletzt erschlafft und in Gleichgültigkeit gegen die Schönheiten javanischer Natur versinken läßt. – Man verlangt endlich nach Veränderungen, von welcher Art auch, man hat Bedürfniß nach etwas Neuem. Eben so sehnsüchtig, wie ich vor 13 Jahren nach dem üppigen Grün der tropischen Wälder verlangte, so sehnte ich mich jetzt nach einer kahlen Winterlandschaft, – ich verlangte nach Eis, nach Schnee.
Unser Schiff setzte sich um 6¾ Uhr des Morgens in Bewegung, – das eiserne Dampfboot Onrust[3] fuhr vor uns hin und die befreundete Küste trat immer mehr zurück. – Ich hatte gestern von meinen Bekannten ziemlich gleichgültig Abschied genommen, – jetzt erst, nun ich unwiderruflich von ihnen getrennt war, nun ich mich mit jeder Minute weiter von ihnen entfernte, bemächtigte sich meiner ein Gefühl, das mich zu ihnen zurückzog, – eine lebhaftere Theilnahme erwachte, – meine Gedanken kehrten zu ihnen zurück, zu den Bewohnern dieses Landes, die mir durch einen vieljährigen Umgang lieb geworden waren und ich bedauerte nun mit einem reuigen Gefühl, gestern in meiner Gemüthserschlaffung, in dem Scheintode aller herzlichen Gefühle, ihnen nicht wärmer die Hand gedrückt zu haben!
Den 28sten hatten wir bei stets heiterem Wetter eine stille, kleinwellige See und wenig Wind. – Außer den vielen kleinen Inseln der Rhede von Batavia und denen, die von der Rhede an nach Norden zu regellos zerstreut vorkommen, sahen wir die sogenannten Tausend-Inseln, die zwei-, drei-, ja vierfach hinter einander gruppirt, einen von Süd nach Nord ausgedehnten kleinen Archipel bilden, an dessen Ostseite wir vorüberfuhren. Sie blieben also links liegen, die nächsten etwa drei bis vier englische Meilen entfernt. (Ihre Lage: der Lampongspitze gegenüber, doch dem Meridian von Batavia näher, als dem von Bantam.) Der sogenannte „Süd- und Nordwächter“ bezeichnen ihre Grenzen der Längenausdehnung nach. Sie gleichen vollkommen den Inseln der Rhede und allen übrigen, die wir in diesem Meere sahen, – die größten haben drei bis fünf englische Meilen, die kleinste eine Viertelmeile im Durchmesser; sie sind flach, mit Wald bedeckt. Jede Insel ist nur ein Wald. – Kein kahles Fleckchen. Die nähern lassen zwischen ihrer grünen Waldung und dem glänzendblauen Meere noch einen weißen Küstenstreifen erkennen.
Ihre Zahl ist etwa 40-45. Sie sind eine rechte terra incognita, noch nicht aufgenommen, denn die Schiffe fahren in weiter Entfernung nur um sie herum, weil die Untiefen, Klippen, – Korallenbänke, womit die Inseln untermeerisch verbunden sind, alle Annäherung verbieten. Nur Räuberfahrzeuge besuchten sie früher. Sie liegen regellos zerstreut und sind wahrscheinlich nur einzelne Punkte einer einzigen großen Korallenbank, – nämlich die Punkte derselben, die (einige Fuß) über den Meeresspiegel hervorragen. – Ob die Korallen auf Tertiärschichten ruhen? – auf einer submarinen Erhebungslinie, die der Ostküste von Sumatra (den Lampong's) parallel läuft?
Vom „Nordwächter,“ der im Nachmittag des 28sten noch sichtbar war, sahen wir keine Inseln mehr; wir durchschnitten nun vom 28sten Abends an die Nacht durch, nord-nord-westwärts den langen Raum zwischen diesen nördlichsten der Tausend-Inseln und der Insel Lucipara, die am südlichen Eingang der Straße Bangka liegt; – als der Abend fiel, wurden zwei verschiedenfarbige Laternen an den Masten aufgehängt, die eine mit rothem Glas und rothem Lichtschein hinten am Fockmaste und die andere mit grünlich-gelbem Lichte vorn am großen Maste (das Zeichen der Dampfschiffe bei Nacht).
Die Nacht war hell und windstill, – die See kleinwellig.
Den 29sten des Morgens um 7½ Uhr bei ganz heiterem Wetter kam uns die Lucipara-Insel zu Gesicht und etwas später erschien als ein langer dunkler Streifen auch die flache, niedrige Küste von Sumatra. Wir dampften zwischen beiden hindurch. Lucipara, die rechts liegen blieb, war eben so flach und waldig, wie die vorigen Inseln und hatte in ihrer Mitte einen kleinen kegelförmigen Höcker. Ihr Durchmesser beträgt nach den Seekarten 1½–2 engl. Meilen. –
Schon um 7 Uhr fing das Wasser an sich immer grünlich-heller zu färben. Um 8 Uhr waren wir noch 7 engl. Meilen von der Küste entfernt und erblickten vorn, im Eingang der Straße Bangka, sieben (größere und kleinere) Schiffe, die dem Meere ein recht belebtes Ansehen gaben. Als wir uns der Richtung: West von Lucipara-Insel und Ost von Lucipara-Spitze (Sumatra's) näherten, fingen wir an zu peilen und unsern Cours Nord-West bei 4½–5 Faden Wasser in Nord-Nord-West zu verwandeln. Wir näherten uns also mehr der Küste von Sumatra, die deutlicher wurde und sich als niedriges, flaches, sumpfiges Land darstellte, mit Waldung bedeckt.
Wie eine Mauer stieg der Waldsaum dieser Küste von Sumatra empor und erhob sich gewöhnlich in einer doppelten Terrasse, zweimal hinter einander. 1º Man unterschied einen vordern niedrigen Waldstreifen, der wahrscheinlich aus Rhizophoren bestand und sich wandartig aus dem Meere erhob, – 2º einen hintern höheren Wald, der eben so mauerartig und scharf begrenzt war und der hier und da, wo der erstere fehlte, bis an's Meer vorgerückt erschien und dann unmittelbar aus dem Wasser aufstieg. – In diesen Waldmassen bildeten die Bachmündungen schmale Klüfte und erschienen wie schroff hindurchgehauene Straßen oder scharfbegrenzte Kanäle. Ein röthlich-schmutziger Strand war vor diesem Waldsaume kaum zu erkennen. – Wir kamen mehren Schiffen nahe vorbei und waren nur 2–3 engl. Meilen von der Küste Sumatra's entfernt.
Um 11 Uhr befanden wir uns der ersten vorspringenden Ecke Sumatra's (het eerste punt der holl. Seekarten) gegenüber, deren Waldung aus mäßig hohen Bäumen zusammengesetzt war und mit einer scharfen Grenze wie eine Mauer endete; – wir konnten die weißlichen, schlanken und geraden Stämme deutlich unterscheiden; – der Strand machte sich durch eine trübe schlammig-braune Färbung des Wassers kenntlich, die bis weit vom Lande ab in die See hinaus reichte. Auch Bangka wurde in größerer Ausdehnung sichtbar und stellte sich als ein flaches oder doch sehr niedrig-hügeliges Land dar.
Von 1 Uhr an kam uns der höchste Berg Parmasan auf Bangka zu Gesicht und bildete einen langgedehnten, convex-buckligen Wulst, der in der Richtung von Süd-West nach Süd-Ost seine größte Längenerstreckung zu haben schien. Weil sich sein Gehänge Absatzweise erhebt, so glaubt man, daß er aus mehren, in der angegebenen Richtung hintereinander liegenden Bergen bestehe, von denen der mittelste der höchste ist. Wir schätzten diesen auf 2–2½ tausend Fuß. – Seitwärts, sowohl zur Linken als zur Rechten, dieses Bergzuges war Alles, was wir sahen, nur niedriges Land, das eine eben solche flache Waldküste bildete, wie das gegenüber liegende Sumatra. Während der Himmel über der letzteren Insel, die, so weit man hier sehen konnte, flach ist, heiter war, so lag über dem gebirgigen Bangka eine düstere Wolkendecke ausgestreckt und die Berge erschienen in einem dunkeln Blau, das Meerwasser war aber grünlich-hell (s. Fig. 1, Gunung-Parmasan). – Indem wir durch die Straße von Bangka weiter dampften, die an ihrer schmalsten Stelle, gegenüber het eerste punt nur 5, übrigens aber 7–10 engl. Meilen breit ist, kamen uns Erscheinungen entgegen, die schon Columbus als Beweise nahe liegender großer Flußmündungen betrachtet hatte, nämlich eine Menge treibendes Holz und Bambus; – zugleich rückte uns mit dem gedrehten Winde, der nun aus Norden blies, die schwarze Luft immer näher und bald fing ein Gewitterregen an herabzuströmen, der mit starkem Nordwind bis 3 Uhr anhielt.
Auf unserer Weiterfahrt durch die Straße blieb der Anblick der flachen Küste von Sumatra und der ebenfalls flachen, nur hier und da mit niedrigen Bergzügen oder Hügeln bedeckten Küste von Bangka bis gegen Abend derselbe, und es fing schon an zu dämmern, als uns zuerst der Berg Manumbing sichtbar wurde, an dessen Fuße Muntok, die Hauptstadt Bangka's, liegt. – Es war schon völlig Nacht, als wir uns der Küste näherten, und es mußten drei Kanonenschüsse hintereinander gelöst werden, um den Bewohnern Muntok's zum Signal zu dienen. Alsbald, nachdem die Schüsse gefallen waren, wurden drei helle Lichter an der Küste sichtbar, die unserm Schiffe die Richtung des zu befolgenden Courses vorschrieben und die uns auch bald darauf auf der Rhede von Muntok willkommen hießen, wo wir um 9 Uhr ankerten.
Als am 30. August auf eine helle Nacht, in welcher ein starker Landwind geweht hatte, ein gleich heitrer Morgen folgte, lagen wir südwärts von Muntok und erblickten den langen, waldigen Berg Manumbing nun in voller Klarheit im Norden (s. Fig. 2). – Dann dampften wir noch näher und legten der Stadt gerade gegenüber in Süd-Süd-West an (s. Fig. 2). – Außer dem Manumbing und den Vorbergen und Hügeln, die sich ihm auf beiden Seiten anreihen und die in einer Linie von Nord-Ost nach Süd-West zu liegen scheinen, ist alles Andere, was man von Bangka sieht, niedriges Land; – es ist aber keine Ebene, viel weniger eine Alluvialfläche, sondern es erhebt sich in den mehrsten Gegenden schon von der Küste an oder in geringer Entfernung von dieser und steigt 50–100 Fuß steil empor, um sich dann in kleine Platten auszubreiten. Auf einer solchen Platte liegt die Benteng (Schanze, s. Fig. 3), – von welcher herab ein weißes Haus mit seinem rothen Dache, – wahrscheinlich die Commandantenwohnung – weit in die Ferne schimmert. – Am Fuße dieses Festungsberges, zur Linken desselben, liegt die Stadt, die dermaßen im Gebüsch von Fruchtbäumen verborgen ist, daß man nur einige dem Strande näher liegende Häuser und Hütten derselben gewahr wird; und auch diese sind noch mit Gebüsch umgeben und von Kokospalmen überragt. Nur zwei größere (** auf Fig. 3) von ihnen sind weiß mit rothen Dächern (wahrscheinlich Packhäuser), die übrigen sind graue, oder schmutzig-bräunliche Bambushütten der Eingebornen, die auf dem gelblich-falben Sande zerstreut stehen. Alles Andere ist waldig-grün.

Fig. 1.
Insel Bangka, Gunung Parmasan, W.S.W Seite (um 2 Uhr)

Fig. 2.
Insel Bangka, Gunung Manumbing (S. Seite)

Fig. 3.
Insel Bangka, Muntok

Fig. 4.
Berg auf der Insel Bintang (S. Seite)

Fig. 5.
Berg auf der Insel Bintang (S.W. Seite)

Fig. 6.
Goldberg auf der N. Küste Sumatras
Nur in manchen Gegenden, wie im Süden des Berges auf Fig. 2, ist dem Hügellande ein flacher Strand von etwas größerer Breite vorgelagert; dieser ist dann gewöhnlich mit Rhizophoren bedeckt, die sich zungenförmig in's Meer hinausziehn und deren dunkele Stämme, da sie sich grell auf dem weißlichen Sandboden abzeichnen, man schon aus großer Weite in See unterscheiden kann.
Nachdem der Zweck unseres Anlegens auf Muntok erfüllt, nämlich die Postpackete abgegeben und ein für Palembang bestimmter Offizier an's Land gesetzt war, – setzten wir um 8½ Uhr die Cylinder unsrer Dampfmaschine wieder in Bewegung, schifften um die scharfbegrenzte, spitze Landecke herum, welche in West-Nord-West von Bangka in's Meer ragt und fuhren dann nach Norden weiter. Wir kamen so nahe an der Küste vorbei, daß wir Baumstämme, Felsen, Alles mit bloßen Augen deutlich unterscheiden konnten. Es zieht sich von jener Spitze ein verflachter, weißlich-falber Strand nach Norden und eine Menge rauher, wie angefressener Klippen von schwärzlicher Farbe ragen, bald einzeln, bald zu ganzen Kämmen, aus diesem Sande hervor, mit dessen Farbe sie einen grellen Contrast bilden; sie vereinigen sich hier und da zu kleinen Wänden und Felspartien und verschwinden dann unter dem Grün von struppigen, nicht hohen Wäldern, die Alles, was vom Lande sichtbar ist, bedecken und in denen man, an ihrem pyramidalen, tannenartigen Wuchse viele Casuarinen (Cas. equisetifolia L. = Tjĕmara laut) bald einzeln, bald zu ganzen Gruppen gewahr wird. – Ähnliche schwarze Klippen tauchen auch noch links aus dem Spiegel des Meeres auf.
Auch noch weiter nord- und nord-ost-wärts von Muntok behielt die Küste von Bangka, so lange wir sie sehen konnten, diese Beschaffenheit und ging einwärts in Landschaften über, die weder ebene Flächen, – noch mit eigentlichen Bergen besetzt waren, sondern die ein 30, 40–100 Fuß hohes, verflachtes Hügelland von felsiger, wenig fruchtbarer Oberfläche zu bilden schienen.
Von Sumatra war nichts zu sehen; der Manumbingberg, convex von Form wie ein gekrümmter Katzenrücken, trat, je mehr wir nach Norden avancirten, immer weiter unter den Horizont zurück – und kaum war die letzte Nordspitze Bangka's aus dem Gesicht verschwunden, als das anfangende stärkere Schwanken unseres Schiffes uns verkündete, daß wir uns auf freierem Meere, weiter von Landtheilen entfernt, befanden.
So heiter der Morgen gewesen war, so düster war die Wolkendecke, die den ganzen Tag lang alles Blau des Himmels vor unsern Blicken verbarg und die oft einen feinen Regen herabströmen ließ. Auch folgte eine eben so trübe Nacht auf den trüben Tag, während wir unter stetem, sehr starkem Schwanken des Schiffes unsern Cours nach Norden verfolgten. Das starke Schwanken des Schiffes bei gleichzeitiger Windstille scheint sich aus der Lage der See zu erklären, die wir durchschifften. Diese steht nämlich nach Nord-West hin offen bis weit in die chinesische See hinein und die Wogen aus dieser See, in der es vielleicht stürmte oder gestürmt hatte, rollten, in Beziehung auf den Cours unseres Schiffes, in fast querer Richtung zu uns heran.
Was die Form der höheren Berge auf Bangka betrifft, so würde man schon aus dieser Form, auch ohne eine nähere Kunde vom geologischen Bau der Insel zu besitzen, mit Wahrscheinlichkeit ableiten können, daß es weder trachytische Berge, die sich fast immer kegelförmig vorthun, viel weniger Vulkane sind, – noch auch erhobene Theile einer sedimentären Formation, weil die letztern sich immer als langgezogene Ränder darstellen oder als Ketten, die auf der einen Seite breit sind, sanft ansteigen und dann auf der andern Seite, vom höchsten Rande an, plötzlich fallen. Die Berge Bangka's sind aber breite, stumpfe Wülste und bestehen wahrscheinlich aus granitischen Gesteinen oder Porphyrarten, während das tiefe Land zwischen ihnen von granitischen und quarzigen Schuttmassen, Felsentrümmern (mit dem Zinnerz) erfüllt ist.
Wahrscheinlich hat Bangka seinen Zinnreichthum (im Diluvialboden, aus dem das Erz ausgewaschen wird) mit dem nahen Biliton, so wie mit vielen Gegenden der Halbinsel Malaka (den Staaten Kalantan, Pahang, Perak, Salangore) und einigen östlichen Landschaften von Sumatra (Tana Hualu, nord-westwärts von Bila, Asahan, vielleicht auch Delhi) gemein.
Literatur über Bangka:
J. Crawfurd, History of the Indian Archipelago. Edinburg, 1820.
Court, Exposition of the relations of the British Gouvernment with the Sultan and State Palembang.
v. Siebold, Voyage au Japon. t. 1, p. 17–60 (mitgetheilter Berichte über Bangka und seine Zinnminen).
Dr. Epp, Schilderungen aus Ostindien's Archipel. Heidelberg, 1841.
Dr. P. Bleeker, Bijdragen tot de kennis von de statistiek der bevolking von Banka en Biliton. In Tijdschr. voor Nêêrl. Indië Jaarg. 1850. afl. 11. p. 348 etc.
Verschiedene andere zerstreute Berichte über Bangka in derselben Zeitschrift (voor Nêêrl. Indië) Jahrgang V, 2, 392, – VI, 2, 49, – VIII, 4, 125 (wo auch eine Karte der Insel mitgetheilt wird, welches die beste und ausführlichste der bis jetzt erschienenen ist), – IX, 1, 117. – Das Hauptwerk aber ist:
Thomas Horsfield, Verslag aangaande het eiland Banka. In Tijdschr. voor Nêêrl. Indië. Jaarg. 1850. p. 192 etc. – (Übersetzt aus: The Journal of the Indian Archipelago and Eastern Asia. 1848.) – Ein vortreffliches Werk, obgleich mehr in politischer und administrativer Beziehung, ist auch: H. M. Lange, Het eiland Banka en sijne aangelegenheden. d' Hertogenbosch 1850. Mit einer vom Verfasser zusammengestellten Karte der Insel, welche dieselbe ist, die bereits (wie so eben bemerkt) in der Zeitschr. für Niederländisch Indien. VIII, afler. 4 mitgetheilt wurde.
Nach Dr. Bleeker betrug die Gesammtbevölkerung zufolge einer Zählung, die gegen Ende von 1848 bewerkstelligt worden war, 41,246 Köpfe über die ganze Ausdehnung (223 geogr. Quadratmeilen) von Bangka, oder 185 auf eine Quadratmeile, während diese Zahl auf Java 4000 auf einer Quadratmeile beträgt.
Ein eben so trüber, regniger Himmel wie gestern begleitete den 31. August unsre Fahrt auf der Ostseite der Insel Linga vorbei nach Bintang. Wir sahen kein Land vor 8½ Uhr, zu welcher Zeit uns zuerst die kleinen Inseln zu Gesicht kamen, welche dem Südende der größern Insel Bintang Rio vorgelagert sind. Die äußerste kleinere davon (Burean) und dieser zur Linken eine noch kleinere sind bloße Bergscheitel, die aus dem Meere auftauchen. Sie sind wie alle andern dieser Gruppe, mäßig hoch, ohne eigentliche Kegel zu bilden. – Indem wir unsern Cours nach West zu Nord nahmen, nämlich zwischen der Insel Batang (deren Küste wir nicht sehen konnten) und Bintang, der letztern viel näher, hindurch, so blieben die bintang'schen Vorinseln uns zur Rechten liegen.
Der Hauptinsel näher kommend, fuhren wir nach 1 Uhr zwischen der Insel Alligator und 5 kleinen Inselgipfeln hindurch, – sahen uns bald darauf fast auf allen Seiten, rundumher von convexen, flachhügligen Inseln umgeben, die nur mit einer struppigen, häufig unterbrochenen Waldung bedeckt waren und durch deren Pflanzendecke überall eine röthliche Bodenart hindurchschimmerte, und warfen um 2 Uhr auf der Rhede von Bintang Rio nämlich süd-westwärts vom Fort und süd- zu westwärts von dem Berge von Bintang Anker. Dieser einzige hohe Berg der Insel blickte aus Nord zu Ost über die Mitte der Insel Pulu Patingit (Marsinsel der Seekarten) zu uns herüber, deren östlicher Strand mit den kahlen Hütten eines Dorfes bedeckt war (s. Fig. 4.). –
Einige englische Meilen von uns in Nord-Ost, auf einem verflachten, niedrigen Bergwulste lag das Fort von Rio, das wir an seinem Flaggenstock und der weißen Farbe seiner Ringmauer erkannten.[4] Der flache Berg, worauf es lag, war mehr bräunlich als grün und eben so kahl wie dieser, kaum hier und da mit etwas struppiger Waldung bedeckt erschienen auch die andern Theile der Insel Rio links und rechts vom Fort, die sich als ein niedriges (nach Schätzung nur 2–300 Fuß hohes), nicht flaches, sondern in weiten Abständen welliges (sanft erhobenes und gesenktes) mageres Land darstellten. – So weit man sehen konnte, war die Insel aus solchen langhingezogenen, flach-convexen Landwülsten zusammengesetzt, aus deren magerer Erddecke der nackte Grund an vielen Orten röthlich, selbst bolusroth, hindurchschien, und wo man an der Küste Waldung sah, war diese mit Casuarinen vermengt, struppig. Am kahlsten, magersten sah die Patingit-Insel aus.
Wir dachten an die luxuriösen, feuchten, schattigen, kein Fleckchen unbedeckt lassenden Waldungen Java's, – an den vulkanischen Boden, der diese trägt und glaubten schon hieraus, so wie aus der äußern Landform von Bintang auf eine ganz andere geologische Zusammensetzung dieser kahlen Inseln, wenigstens auf die Abwesenheit von Trachyt und von Lava, also auf den Mangel an leicht verwitterndem, den Boden mit Kali speisendem Feldspath schließen zu können. Auch auf Java in den wenigen Gegenden, wo vulkanische Producte fehlen z. B. in manchen Districten Sukapura's, herrscht eine ähnliche Baumleerheit des Bodens und Alang-Gras vertritt die Stelle der Wälder.
Nachdem ein angekommenes Boot das Postpacket für Rio von uns in Empfang genommen hatte, setzten wir um 2½ Uhr unsere Reise nach West zu Nord fort, ließen das Westende der Patingit-Insel zur Rechten liegen und erblickten neue flache (oder nur niedrighüglige) Inselküsten, die uns bald wieder auf allen Seiten umgaben. Manche waren so niedrig und flach, daß sie kaum aus dem Wasser hervorragten, z. B. Pulu Sori, Terkoli, – sie waren wenig mehr als Sandbänke, auf deren weißlichem Grunde sich sparsames Gebüsch mit einzelnen Casuarinen erhob. Das linke Ende der letztgenannten Insel lag uns um 3¼ Uhr gegenüber in Nord-Ost und in derselben Richtung erschien im Hintergrunde der Bintang-Bai die linke Ecke † des Gipfels vom gleichnamigen Berge (s. Fig. 5. – † ist der sogenannte kleine Bintang-Berg).
Der Waldreichthum der Küsten von Inseln, die wir nun sahen, nahm allmählig zu, je weiter wir nach Nord-West steuerten. Wir befanden uns um 4 Uhr dem Süd-Ostende von Loboan besar gegenüber, aus deren Pflanzendecke zunächst über dem Meere hier und da auch noch ein rother Boden hindurchschimmerte, – und sahen ringsherum fast überall nur Küsten mit hohem Wald.
Wir näherten uns nämlich dem Ausgange der Straße, welche von Süd nach Nord zwischen der westlichen oder links liegenden Insel Batang und der östlichen oder rechts liegenden Insel Bintang hindurch führt, und welche kaum 3 geographische Minuten breit ist. Kleine Inseln liegen hier vor den Küsten der größern und vor den kleinen liegen noch kleinere und alle zusammen mit ihren schmalen, oft nur flußähnlichen, geschlängelten und einander durchkreuzenden Durchgängen bilden ein so geheimnißvolles, kaum zu entwirrendes Labyrinth von Kanälen zwischen düstern und einander so sehr gleichenden, menschenleeren Waldküsten, daß die Eingebornen von andern benachbarten Inseln selbst, wenn sie durch diese Straßen schiffen oder rudern, Signale an den Ufern setzen oder an hohen Bäumen befestigen müssen, um sich nicht zu verirren und eine Insel wieder zu erkennen!
So fuhren wir zwischen den Waldinseln auf stiller See wie zwischen den beiderseitigen Ufern eines breiten Flusses dahin und kamen besonders der Küste von Bintang (auf unsrer Ostseite) oft bis auf einen Gewehrschuß nahe, so daß wir alle Bäume zählen konnten, die sich einwärts von dem bräunlich-falben Strande erhoben. Casuarinen waren auch unter diesen nicht selten.
Erst gegen halb sechs Uhr wurde die Straße breiter, die seitlichen Küsten traten mehr und mehr zurück, und bald hatten wir in der Abenddämmerung weiter nach West-Nord-West dampfend, den Genuß, die Süd-Ostecke der malaischen Halbinsel als ein mäßig hohes Land vor uns auftauchen zu sehen. Wir hatten also die südlichste Spitze des großen asiatischen Continents vor uns und begrüßten den Anblick von Kap Remunia.[5]
Es war ein schöner stiller Abend. Die See war so ruhig wie der Spiegel eines Binnensees und die Luft war warm, doch eher angenehm als drückend. Die Natur um uns her zwischen diesen Wäldern war friedlich; sie dämmerte in menschenleerer Stille. Das Meer erweiterte sich allmählig wieder und wir fuhren im Halblichte dahin, das die Sterne und die Mondessichel aus dem klaren Azur des tropischen Himmels auf uns herabgossen und das zwischen diesen Umgebungen doppelt zauberisch war.
Indem wir durch den narcotischen Reiz der Abendlandschaft unwiderstehlich hingerissen nach den Sternen dort oben blickten und unser Schiff Etna nach West-Nord-West zu immer weiter dampfte, – da erschienen auch eine Menge Sterne tief am Horizont, – mehr und mehr solcher leuchtender Punkte tauchten vor uns auf, – bald bildeten sie eine lange Reihe von Lichtern neben einander, – dunkele Körper, wie der Rumpf großer Schiffe zeichneten sich in Umriß von ihnen ab, – die Scene belebte sich, – Menschenfleiß mit seinen Werken fing an die waldigen und wässerigen Öden zu ersetzen – und auf unserm Schiff erscholl das Commando: – «halve kracht,» – «stop,» – «laat vallen het anker!» – – Es war 9 Uhr und wir hatten die Anker auf der Rhede vor der Stadt Singapur geworfen, deren Lage in einem Halbmond entlang des Strandes nur jene lange Reihe von Lichtern bezeichnete.
Wir waren am 1sten September schon früh munter an Bord und standen auf dem Verdeck, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Es war Neugierde, endlich selbst einmal die berühmte Stadt zu sehen, die sich seit 1819 in so kurzer Zeit zum Hauptstapelplatz des Handels zwischen Britisch Indien und China erhoben hatte, welche uns so frühzeitig weckte.
Es dauerte nicht lange, – die Schöpfung von Sir St. Raffles lag vor uns in Nord-West, und die aufgehende Sonne warf ihre ersten Strahlen auf das zierlich-schöne Bild der Stadt, die, in ihrer ganzen halbmondförmigen Ausdehnung nach uns ihre Front zukehrte. Wir sahen fast lauter zweistöckige Häuser, von denen einige weiß, andere gelblich angestrichen waren; – hübsche Wohngebäude mit Balconen oder Estraden, die auf Säulen ruhn, – kleine zierliche Paläste, – zwei Kirchen mit kleinen Thürmchen, – Packhäuser mit Bogengängen dichtgedrängt, – reihten sich an einander und bildeten eine lang hingedehnte Gruppe, die sich unmittelbar auf dem halbmondförmigen Strande zu erheben schien. Dazwischen blickte einiges, doch sparsames Grün von Frucht- und Zierbäumen hervor und sanft gerundete Hügel erhoben sich im Hintergrunde, von denen viele ebenfalls mit Gebäuden bedeckt waren; dazu gehört namentlich der nächste gerundete Hügel nord-westwärts hinter der Stadt, die er beherrscht, – Government-hill genannt, weil er die Wohnung des Gouverneurs mit dem Telegraphen trägt.
Von den schattig-kühlen Fruchtbäumen java'scher Dörfer und den Tausenden von Kokospalmen, deren Wipfel dort aus den Gewölben der Laubbäume hervorragt, war Nichts zu sehen, die Pflanzennatur in und um Singapur war kahler, baumleerer; aber eben darum hatte der Ort ein viel mehr städtisches, europäisches Ansehen, als das fast überall in Fruchtbaumwaldungen versteckte Batavia.
Bald kamen eine Menge Kähne (tambangan's) zu uns herangerudert und umschwärmten unser Schiff mit wiederholten, laut ausgeschrienen Anerbietungen, um die Passagiere und unsere Bagage an's Land zu bringen. Einige wurden von Malaien gerudert, andere, die kein Steuer hatten, von Chinesen und in diesen saß jederzeit nur ein Ruderer, – die mehrsten aber wurden von Kalinganesen und Bengalesen regiert und diese waren es auch, die es an Zudringlichkeit allen Andern zuvorthaten. – Sie kamen an Bord, warfen, ohne viel zu fragen, Stücke Bagage, deren sie habhaft werden konnten, in ihre Böte und waren dann, wenn sie glaubten, den Passagier in ihrer Gewalt zu haben, unverschämt genug, einen Dollar (spanische Matte) für die kurze Überfahrt zu fordern, die nur einige Minuten dauert und nicht mehr als einen halben, höchstens einen Gulden kostet.
An's Land gestiegen und auf der schmalen, etwa 10 Fuß über dem Meere liegenden Küstenfläche angekommen, befindet man sich unmittelbar gegenüber dem «London Hôtel,» das aus zwei hübschen Gebäuden nebeneinander (zu zwei Vertiefungen) besteht und etwa 2–300 Fuß von der Küste entfernt liegt. – Da hier fast alle Reisende, die mit Landmailschiffen ankommen, einzukehren pflegen, so ist es besonders während der Zeit, zu welcher diese Schiffe auf der Rhede liegen, als auch in der Zwischenzeit der Ankunft zweier einander ablösender, correspondirender Schiffe, von Passagieren überfüllt. (Diese Bemerkung gilt auch von allen andern Hotels zwischen hier und Alexandrien.) Das Logis, worin begriffen ist ein Zimmer mit einem guten Bett und sehr schlechter Bedienung, Kost an table d'hôte, nämlich Frühstück um 9, Tiffet um 12, Diner um 4½ Uhr, – kostete hier täglich 3 Dollar.
Ich blieb acht Tage (vom 1sten bis mit 8ten September) zu Singapur, nämlich in Erwartung des Dampfschiffes, das die Reise von China über Singapur bis Ceylon zu vollbringen bestimmt war. Es war der Landmail Steamer Braganza und wurde täglich erwartet. – Den 5ten kam ein Dampfschiff der Landmail von Ceylon an und brachte auch die für Niederländisch Indien bestimmten, etwa in ein Dutzend Kisten gepackten Zeitungen und Briefe mit. Nachdem diese vom Etna in Empfang genommen waren, fuhr dieser den 7ten Sept. des Morgens früh wieder ab, um nach Batavia zurückzukehren und ich sagte den Offizieren (den Herren de Jong und de Graaf) für die freundliche Bewirthung an Bord, ein dankbares Lebewohl. – Erst den 8ten Sept. Vormittags kam die Braganza von Kanton an.
Wenn man als Fremder durch die Straßen von Singapur wandelt, so ist man verwundert, fast keine andern Farben zu erblicken, als das bleiche Gelb der Häuser (die zweistöckig und meistens eng an einander gebaut sind) und das Bolusroth der Straßen, deren Staub auch an den gelblichen Wänden der Gebäude sichtbar wird. Nur hier und da wird das Auge erquickt von dem Grün lebender Hecken von Schlingpflanzen, die oft bis zur zweiten Etage der Häuser hinanreichen. – Übrigens hat Alles ein mehr europäisches, städtisches Ansehen, als in den Küstenplätzen von Java.
Am rechten Ufer des schlammigen Flusses von Singapur (süd- und süd-westwärts von der übrigen Stadt) liegen außer den Packhäusern und den Bureaux der europäischen Kaufleute, hauptsächlich die eng aneinandergedrängten Wohnungen der Chinesen (chinesischer Kampong), die vielleicht den größten Theil der eigentlichen Stadt einnehmen, von denen aber viele ein sehr verfallenes Ansehn haben.
Eines Besuches werth sind außerdem: der prächtig verzierte chinesische Tempel, – der Tempel der Hindu's und der Government-hill, von dessen flachgerundetem Scheitel man eine belehrende und schöne Aussicht über Rhede und Stadt und über die angrenzenden Gegenden des Innern der Insel genießt. – Von den Ruinen auf der Nord-Westseite dieses Berges, die nach Crawfurd aus den Zeiten abstammen sollen, in welchen der König Sri Iskander Shah (in der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts[6]) über Singapur regierte, sind wenig mehr als noch einige Terrassen und Sandsteinblöcke zu sehen, ohne Inschriften und ohne Sculptur.
So weit man vom Scheitel des Government-hill sehen kann, besteht das Innere der Insel aus bald mehr gerundeten, bald flacher ausgebreiteten 1½–3 Hundert Fuß hohen Hügeln, die sich einer an den andern reihen und dadurch ein wellenförmiges, labyrinthisch-unebenes Ganzes bilden, das einwärts, in größerer Entfernung von der Stadt auch waldiger wird, auf dessen näher gelegenen Anhöhen aber man noch eine Menge kleiner, oft zierlicher, europäischer Wohnungen, hier und da zerstreut, erblickt. Diese nähern Theile der Insel sind ziemlich kahl, weder mit Anpflanzungen, noch mit eigentlichen Wäldern bedeckt, sondern nur mit Graswuchs und vereinzeltem Gebüsch bekleidet. Wie bekannt, wird auf Singapur, so wie auf den benachbarten Inseln (Bintang, Rio u. a.) besonders der Gambir-strauch (Nauclea Gambir, Unkara der Malaier) cultivirt, wovon das mit dem Siri- (Betel-) Blatt gekaute, bittere Gummiharz Gambir kommt (in Europa mehr noch unter dem Namen Terra japonica, Catechu bekannt); aber auch von diesem Culturgewächs habe ich in der Nähe der Stadt nichts gesehen.
Die Wege in und in der Nähe der Stadt sind gut und bestehen aus klein geschlagenem, fein und festgestampftem Thoneisenstein, der bräunlich-roth und gepulvert fast roth aussieht; das allgemein gebräuchliche Transportmittel sind Palankin's, die auf vier Rädern ruhn, von einem Pferd gezogen werden und einen Dollar täglich kosten. Der stets bengalische Fuhrmann «Zeis» sitzt auf keinem Wolkenthrone, wie Zeus, nicht einmal auf einem Bocke (denn einen solchen hat das Fuhrwerk nicht) sondern läuft neben her und hört nicht, wenn ihm der eingeschlossene Reisende zuruft, still zu halten. – Er bringt seine Pflegebefohlenen daher, nolens volens, ohne Anhalten an die einmal angegebene letzte (endliche) Bestimmung der Fahrt. Diese ringsum geschlossenen, viereckigen Kasten stehn weit hinter den eleganten, mit ledernen Niederschlägen versehenen und von zwei Pferden gezogenen Miethwagen Batavia's zurück, in denen man schneller und bequemer reist.
Von öffentlichen Vergnügungs- und Versammlungsorten Singapur's weiß ich nichts zu sagen, ich glaube auch nicht, daß es deren giebt, oder man müßte die Spielhäuser der Chinesen dahin rechnen, – die Kegelbahn der deutschen Kaufleute (deren Zahl hier 13 beträgt) – und die Regimentsmusik der Sipoy's, die sich jeden Freitag, des Abends von 5½ bis 7½ Uhr, auf dem offenen Platze zwischen dem Strande und dem London Hôtel hören läßt. Da sowohl der erste als der letzte Tag meines Aufenthaltes auf Singapur ein Freitag war (der 1ste und 8te Sept.) so hatte ich zweimal Gelegenheit diese Musik zu hören. – Die Sipoy's mit ihren schwarzbraunen Gesichtern, ihrer weißen Kleidung und rothen Kragen kommen um die bestimmte Zeit, schaaren sich im Kreis und spielen von einem deutschen Kapellmeister in Civilkleidung dirigirt, meistens alte beliebte Stücke, Märsche, Symphonien, die sie gut ausführen, wenigstens ungleich besser, als die Chöre java'scher Musikanten, denen man hier und da auf Java das Spielen europäischer Instrumente gelehrt hat.
Dieses ist auf Singapur der Ort und die Zeit, wo die gebildete (schöne und nichtschöne) Welt zusammenkommt, – zu Fuß, zu Pferd oder in Palankin's, deren Pferd dann, so lange die Musik dauert, ausgespannt wird, – wo Kaufleute und Freunde einander treffen, wo Bekanntschaften mit Fremden angeknüpft und wo auch wohl noch zartere Rendez-vous gehalten werden. Wenn nach Untergang der Sonne die Dunkelheit zu sehr zugenommen hat (um die Noten sehn zu können) – dann wird bei Laternenlicht gespielt, und es ist ein eigenthümlich angenehmes Schauspiel zu sehen, wie in der erfrischenden Abendkühle, bei Sternenlicht oben, und Laternenschein unten, – Menschen der verschiedensten Art durch einander wimmeln, wie Privatpersonen, Beamte, Offiziere, elegante Damen, Kaufmänner und Seeleute in buntem Gewühl den engen Kreis der Musici umfluthen oder sich in Gruppen rund um den schönen Inhalt (in seidnen Gewändern) mancher Palankin's schaaren – und wie um diese europäische elegante Welt weiter außen noch Hunderte von Chinesen, Bengalesen, Arabern, Javanen und Malaien herumziehn, alle vergnügt und still genießend, – während die harmonischen Klänge der Musik im weiten Concertsaale verhallen, den keine andren Wände als Himmel und Meer verengen.
Den geologischen Bau der Insel habe ich nur in den Gegenden kennen gelernt, welche dem Strande am nächsten liegen und welche ich bis zu 5 engl. Meilen Abstand von der Küste nach West- und Nord-West durchkreuzt habe. In diesen flachhügligen Gegenden der Insel habe ich nur sedimentäre, unter verschiedenen Winkeln, oft steil, einfallende Schichten gefunden, nämlich von Mergeln, von Thon, von Sandsteinen und auch von gröbern Conglomeraten. Vorherrschend ist hier ein fester, meistens feiner, quarziger, weißer, zuweilen auch rother, nämlich durch Eisenoxyd gefärbter und verkitteter Sandstein, aus dem auch hauptsächlich der Government-hill hinter der Stadt besteht. Zwischen solchen Schichten kommen häufig sehr mächtige Lagen von Thoneisenstein vor, der unter andern auf der Nordseite des genannten Berges in Tagebau gebrochen und in Stückchen zerschlagen zur Belegung und Ausbesserung der Wege benutzt wird. Nachdem er auf diesen Wegen allmählig fein gestampft und gefahren ist, wird er zu einer ziemlich festen, harten Masse. – Der Boden in der kleinen Bucht, die sich südwärts vom genannten Berge in's Land hineinzieht, und die zwischen sumpfigen Ufern der Fluß durchströmt, ist Alluvialgrund. – Nach Colebrooke sollen diese Schichten einer Secundärformation angehören. Er theilt keine Versteinerungen daraus mit. Ich habe zwar auch keine darin finden können, da aber die sedimentären Bildungen, die ich auf Sumatra (in den Batta-Landen, also ziemlich in derselben Breite mit Singapur) kenne, eben so wie die kohlenhaltenden auf Borneo tertiäre sind und da die große neptunische Formation auf Java, aus der ich viele Hunderte versteinerte Conchylien und andere Thiere gesammelt habe,[7] ebenfalls eine tertiäre ist, so habe ich Ursache zu vermuthen, daß auch die Gesteinschichten von Singapur und dessen nachbarlichen Inseln keinem ältern, als dem Tertiärgebirge angehören, zumal da sie in petrographischer Hinsicht der java'schen Formation in manchen Gegenden vollkommen gleichen. – Es scheint, daß ältere als tertiäre Gebirgsformationen erst weiter in Norden (in der malaischen Halbinsel und in Britisch Indien) vorkommen, wo auch größere Massen von Granit- und Syenitgebirgen auftreten, welche auf Java nur in vereinzelten und sehr beschränkten Punkten (der obersten Spitze von Gängen) bis zur jetzigen Oberfläche des Landes gelangt sind.
Wer etwas mehr über Singapur zu wissen wünscht, der lese außer vielen Aufsätzen verschiedener Art im Singapore Chronicle und der Hist. of the Indian Archip. von J. Crawfurd, dessen Descr. and History of Singapore, in seinem Journal of an Embassy to the Courts of Siam and Cochinchina, 1828, Ch. XIV, p. 529 etc. –, dann (über die Naturbeschaffenheit überhaupt) G. Finlayson, Journal of the Mission to Siam and Hué, London 1826, 8, p. 78 etc. –, und (über die geologische Beschaffenheit in's Besondre) H. T. Colebrooke, Notice respecting the Rocks of the Island of Penang and Singapore, in den Transact. of the Geol. Soc. Sec. Ser. 1822, 4. vol. I, p. 165 etc. – Auch kommen in den Transact. of the Royal Asiatic Society, z. B. im Anhang zu vol. I, Nachrichten über das Klima vor. – Ferner Newbold, Political and statistical account of the British settlements in the straits of Malacca 1839. – Nach dem Singapore Chronicle betrug die Population in 1841: 35,400 Seelen, wovon die Hälfte Chinesen waren.
Nachdem ich meine Bagage schon am Morgen früh auf die Braganza befördert hatte, begab ich mich am 9ten Sept. um die Mittagsstunde selbst an Bord dieses Dampfers und verließ Singapur mit der Überzeugung, daß es sowohl in Schönheit der Natur, als in Größe und Pracht der Menschenwerke eben so weit hinter Batavia zurücksteht, als es von letztgenannter Stadt an Regsamkeit menschlichen Verkehrs und Treibens übertroffen wird. Nur die häufige Ankunft von Dampfschiffen, seitdem die Landpost besteht und die Druckpresse mögen hiervon eine Ausnahme machen. Doch war der Eindruck, den das freundliche Städtchen in mir hinterließ, ein recht angenehmer, – auch hatte ich von verschiedenen Kaufleuten, besonders von Herrn Rautenberg daselbst, eine sehr hülfreiche, gefällige Behandlung genossen und es war mit einem Gefühle aufrichtiger Erkenntlichkeit, als ich meinen neuen Freunden Lebewohl! sagte.
An Bord des Schiffes bekümmerte sich um mich eben so wenig Jemand, als dies in der Stadt Singapur oder im Hotel bei meiner Ankunft daselbst der Fall gewesen war, – keinem Menschen fiel es ein, nach meinem Paß oder nach meinem Namen zu fragen, – diese Waare galt hier nicht, – ein Jeder war scheinbar vollkommen frei; – die Matrosen packten meine Kisten auf, ohne erst zu fragen: von wem – von wo – oder wohin? – sie warfen dieselben ohne Weiteres in den Schiffsraum und erst als das Schiff schon in Bewegung und auf der Abreise begriffen war, wurden den Passagieren ihre Hütten (Cabin's[8]) angewiesen und ihnen die Quittungen für die zu Singapur (im Landmail-office) bezahlten Passagegelder abgefordert. Also – Geld allein war hier ein gültiger Paß. – Ein andres Dampfschiff, dessen Verdeck vollgepfropft von Menschen war, kam eben an, fast in demselben Augenblicke, als wir die Rhede (es war um 2¼ Uhr) verließen. Die Kühle der See und der Luftzug, dem wir durch das schnelle Dahingleiten unseres Kieles durch die Wogen bloßgestellt waren, that uns wohl, denn die Sonne brannte warm und es war heiteres Wetter, eben solches, als an allen vorigen Tagen meines Aufenthaltes zu Singapur geherrscht hatte. Nur den 6ten Sept. von 4 Uhr des Morgens an hatte ein stürmischer West-Süd-Westwind geweht, welcher Regengestöber vor sich hertrieb, sich aber schon um die Mittagsstunde wieder legte.
Ich warf noch einen letzten Blick auf die freundliche Stadt, die perspectivisch kleiner wurde, – ich dachte an die Veränderungen in der Schifffahrt seit der Zeit, als im Jahre 1160 unter Turi Buwana die Insel Singapur zuerst bevölkert wurde, und – ließ mich dahin führen durch den, nur von unsern Schiffsrädern bewegten Spiegel der See, dessen weite Flächen mit ihren Inseln für mich (und vielleicht auch noch für Andre) eine terra incognita waren.
Einschaltung.
Ehe ich weiter erzähle, will ich hier eine Übersicht der Passagekosten für die Reise mit der englischen Landmail in 1848 folgen lassen, die vielleicht manchem Leser erwünscht ist. – Von Batavia bis Singapur kann man nur gelegentlich mit einem Segelschiff gelangen oder durch Begünstigung des Kommandanten der Indischen Seemacht mit einem Kriegsdampfer der Kolonialen (Nêêrlandsch-Indischen) Marine, der zwischen dem 26sten und 28sten eines jeden Monats zur Überbringung und Abholung der Packete für die Landmail die Reise nach Singapur und zurück macht. Natürlich wird auf Kriegsschiffen keine Passage bezahlt. Auch kann man nur durch Begünstigung der Offiziere Platz nehmen an deren Tafel, wofür der Begünstigte 5 Fl. per Tag in die Menagekasse einzahlt. Die Reise nach Singapur dauert gewöhnlich 4 Tage.
Wenn man von Singapur direkt nach England (Southampton) Passage nimmt, so werden 71 Pfund, nämlich die Hälfte der ganzen Fracht vorausbezahlt. Will man sich nicht bis England verbinden, so ist der Frachtpreis höher und kann nur bis Suez und von dort wieder bis Alexandrien bezahlt werden. – Nach dem Tarif sind 300 Pf. Bagage frei, von welcher kein Stück schwerer als 80 Pf. sein darf, jede 100 Pf. mehr sollen mit 3 Pf. St. bezahlt werden; ich habe jedoch nicht gesehen, daß Kisten der Passagiere jemals gewogen wurden und ich hatte mehr als 500 Pf. bei mir, ohne daß sich Jemand darum bekümmerte.
Was das coursive Geld betrifft, so waren damals auf Batavia silberne Gulden nicht zu bekommen und die Recepisse waren außerhalb Java nicht gewillt. Guineen (Sovereing's) waren auch nicht oder nur sehr wenige zu haben. Deßhalb hatte ich zu Batavia Willem's d'or eingekauft, das Stück für 12½ Gulden Recepis und Dukaten, das Stück für 7 Guld. Recepis. – Dieses holländische Goldgeld (sonst auf der ganzen Reise für den vollen europäischen Werth beliebt,) wurde aber am Landmail-office zu Singapur nicht angenommen und mußte bei Chinesen umgewechselt werden, der Dukaten für 2,25 und der Willem's d'or für 3,80 Dollar.
Reise. (Unter Passage wird auch jederzeit die Beköstigung mit verstanden, sowohl an Bord der Seeschiffe als durch die Wüste und an Bord der Flußdampfschiffe auf dem Nil.) Passagekosten für Passagiere erster Klasse.
Pound Sterling. Dollars. In holl. silb. Fl. nach europ. Cours
Von Singapur bis England (Southampton) die Reise durch Egypten mitgerechnet 142 681,60 1704
Von Singapur bis Suez 105 en 8 Sh. 506,00 1260
Von Suez bis Alexandrien. (Man kann nach Belieben in Cairo bleiben und die Ankunft einer folgenden oder nachfolgenden Mail abwarten; das bezahlte Passagebillet bis Alexandrien bleibt so lange gültig.) 12 57,60 144
Von Alexandrien bis Triest (wo 1848 keine Quarantaine gehalten wurde. Mit österreich. Lloyd'sdampfern) 18 86,40 216
Von Alexandrien bis Marseille (wo zehn Tage Quarantaine gehalten wurde) 580 Francs 23 en 4 Sh. 111,00 249
Von Alexandrien bis Southampton,(wo keine Quarant. gehalten wurde) 40 192,00 480
Also von Singapur bis Triest 1620
Was den Aufenthalt in den Zwischenstationen betrifft, so bezahlt man in den ersten Hotels für Logis und Kost per Tag zu
Batavia 5 Gulden, – für einen Miethwagen halbtäglich 3 Gulden.
Singapur 3 Dollar, – für einen Miethwagen täglich einen Dollar. Wenn man von Batavia kommt, so muß man wenigstens 3, oft 8 Tage auf das Dampfschiff aus China warten.
Pulu Penang, der Aufenthalt dauert selten länger als 12 Stunden.
Point de Galle, gewöhnlich nur 6–12 Stunden.
Aden, gewöhnlich nur 12 Stunden, wie auf den vorigen Stationen, nicht länger als nöthig ist, um Kohlen einzunehmen.
Suez, 4–12 Stunden.
Cairo, in Hotel d'Orient 10 Francs, ein Wagen für nur eine Fahrt 15, ein Bad 3 Francs, ein gesattelter Esel einige Sous. Wenn man, ohne in Egypten zu bleiben, nach Alexandrien durchreisen will, so dauert der Aufenthalt 1–1½ Tage.
Alexandrien, Aufenthalt ½–1 Tag.
Malta, 2 Tage.
Gibraltar, 3–4 Stunden. (Auf den Schiffen und in den Poststationen der Landmail ist unter Kost auch Wein und Bier begriffen, – in den Hotels nicht.)
Unser Cours ging von der Rhede von Singapur aus zuerst nach Süd-Süd-West. – Wir fuhren ganz nahe an den kleinen (und oft sehr kleinen) Inseln vorbei, die in Süden von Singapur liegen und kamen ihnen zuweilen so nahe, daß man sie mit einem Büchsenschuß hätte erreichen können; sie alle hatten eine hüglige Beschaffenheit und waren mit vielen Bergschlipfen an den steilen Ufergehängen und hier und da mit einem hellern (gelblich-falben) sandigen Küstensaume versehen, auch waren alle, wenn auch nur dürftig bewaldet. – Die Stadt in Norden und die Küste von Malaka hinter ihr (in Nord-Ost), trat immer weiter zurück und verschwand vor unsern Augen hinter den vordern Inseln, sobald wir west-süd-westlich steuerten; nun lagen auch links von uns ferne Ufer, auf der rechten Seite aber traten in frappanter Nähe immer neue Inseln zum Vorschein, die alle aus niedrigen Hügeln, kleinen Bergzügen oder aus flach gewordenem Hügelland bestanden, während manche nur ein einziger Hügel waren.
Die kahlen Erdschlipfe an den steilern Ufergehängen zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, sie schimmerten bräunlich hell durch die dürftige Vegetation, durch die Sträucher und struppigen Bäume, die auf dem Grasgrunde zerstreut standen und erinnerten mich an die helle Farbe der Gesteine unsrer java'schen Tertiärformation.
Abends dampften wir west-nord-westwärts und näherten uns immer mehr der Insel Kerman, die links vor uns lag und die viel gebirgig-höher, als andere, war, die wir seit unsrer Abreise von Java gesehen hatten; zur Rechten zog sich eine niedrige, flache Waldküste in unabsehbarer Länge hin, es war der Küstensaum der malai'schen Halbinsel, die unserm in die Ferne schweifenden Auge hier nur ein, zwar langgezogenes, aber doch isolirtes Gebirge vorzuzeigen hatte.
Also – unaufhörlich waren uns seit unsrer Abreise von Batavia Inseln erschienen, größere, kleinere und kleinste, – alle waren nur ein Wald, unbewohnt und ihrer Natur nach unbekannt; – doch sind alle nur ein kleiner Theil des Indischen Archipels, und der Indische Archipel selbst ist nur ein kleiner Theil der Erde; – wie groß ist nicht auf derselben das Feld der Entdeckungen! – wie viel Jahrtausende werden wohl vergehen, bis diese den Forschungen der Naturkundigen und Geographen nichts Unbekanntes mehr zu bieten hat?
Wir befanden uns am 10ten Sept. des Morgens früh der Küste von Malaka gegenüber, welcher auch wieder eine Menge kleiner und kleinste Inseln vorlagen, von denen keine flach, sondern die meisten mäßig hoch und einige selbst sehr hoch und steil waren, – auf dem Festlande selbst erschienen zwei, zwar isolirte, aber nicht kegelförmige Gebirge, von denen das eine südliche um 6½ Uhr nord-nord-ostwärts, nämlich zur Rechten vor uns lag, während wir west-nord-westwärts dampften, – das andere, weiter vorn gelegene aber in Nord-West. – Ich schätzte ihre Höhe auf 6000 Fuß. – Sie schienen durch ein flaches niedriges Land von einander getrennt zu sein, dem kleine isolirte Hügel sowohl als ganze Hügelzüge ein unebenes, gebirgig-höckeriges Vorkommen gaben, nicht unähnlich vielen Maulwurfshügeln, die man auf einer niedrigen Fläche umher zerstreut. – Links, auf der Seite von Sumatra war kein Land sichtbar.
Um 7½ Uhr, (unser Cours war Nord-West zu West) befanden wir uns gerade gegenüber jener Weltberühmten Stadt, die in 1511 der portugiesische Seeheld Albuquerque eroberte, die 1½ Jahrhunderte später (in 1660) den siegreichen holländischen Waffen anheimfiel und die in 1825 von den Niederländern an die Briten abgetreten wurde,[9] ich meine die einst prächtige, üppige, große, nun aber Glanzverblichene und halbverlassene Malaka,[10] die uns freilich unsichtbar war, die aber in der Richtung zwischen den genannten zwei Gebirgen und dem südlichen viel näher nord-ost- zu nordwärts von uns, an der flachen Küste liegen mußte; – später wurden zwischen 8 und 10 Uhr, mehre eigentliche Bergketten tief im Innern des Landes in wegschmelzender Bläue sichtbar. Um 9 Uhr kamen wir bei einer Landecke vorbei, die aus einem mäßig hohen Gebirgsrücken gebildet, weit zu uns in's Meer hinausragte, – und dann, während wir immer weiter nach Nord-West dampften, wurde die Küste, die stets mit Waldung bedeckt blieb, wieder niedrig und flach.
Um 3 Uhr Nachmittags war uns diese Waldküste ganz nahe und deutlich sichtbar, sie zeigte nur einen isolirten, kegelförmigen Hügel, dem wir um 4 Uhr (mit nord-west- zu westlichem Cours) quer gegenüber lagen, links und rechts aber von diesem Hügel war Alles flach. – Gegen Abend waren wir einem vorspringenden Theile von ganz flachem niedrigem Lande nahe gekommen, das von Zwischenräumen und eindringenden Meeresarmen durchbrochen war und das wir deßhalb zunächst aus Inseln zusammengesetzt wähnten, welche der eben so flachen Küste der malai'schen Halbinsel hier vorgelagert waren.
Am 11ten Sept. des Morgens früh erblickten wir links vor uns eine kleine Hochinsel mit steilen Ufern, rechts mehre hohe Inseln und vorn nach der rechten Hand noch mehre Gebirge und Gebirgszüge der Halbinsel selbst, die sich in duftiger Bläue verloren.
Seit unsrer Abreise aus dem Freihafen von Rafflesia (ich meine die Stadt, gegründet vom Entdecker jener Riesenblüthe, welche der Botaniker Robert Brown ihm zu Ehren Rafflesia nannte,) war keine Stunde vergangen, in welcher wir nicht wenigstens ein Schiff gesehen hätten, ja Einmal waren uns ein halbes Dutzend davon zugleich erschienen, alle mit schwellenden Segeln, die durch die Straße von Malaka fuhren, „durch diesen uralten Durchgang maritimer Civilisation“.[11] Ich glaube, daß verhältnißmäßig manche Landstraßen in Europa weniger belebt sind von Fuhrwerken, als dieses häufig besuchte Fahrwasser von Britisch Indien nach China von Schiffen.
So begegneten wir um 10 Uhr wieder einer Fregatte, die in gerade entgegengesetzter, in Beziehung auf uns querer Richtung steuerte, die nämlich nach West zu Süd segelte, während wir nach Nord zu West dampften; sie kreuzte also unsere Fahrt und brachte uns die große Geschwindigkeit, womit ein Dampfschiff sich bewegt, recht handgreiflich vor die Augen, so daß wir das Schiff nach einer Viertelstunde eben so weit fast noch auf demselben Flecke hinter uns sahen, als wir es zuerst vor uns erblickt hatten.
Auf der malai'schen Halbinsel nahmen wir rechts und vorn in blauer Ferne abgebrochene Gebirgsketten wahr, die einen ungleichen, gezackten Saum hatten und zwischen ihnen sahen wir Räume, in denen keine Berge lagen.
Wir hatten den ganzen heutigen Tag mehr oder weniger einen nördlichen Cours beigehalten und erblickten um 3 Uhr, vor uns in Norden, den ungleichen, mit Wolken bedeckten Saum einer hochgebirgigen Insel, die unsere Schiffsleute als Insel (Pulu) Penang begrüßten und zu deren Seite sich auch die (ebenfalls gebirgige) Küste der malai'schen Halbinsel darstellte.
Wir rückten weiter nach Norden vor, die Inseln schwammen uns näher und näher, sie wurden deutlicher und tauchten immer höher aus dem Meere auf, – wir zweifelten aber ihren Hafen heute noch zu erreichen; denn wir befanden uns erst einer süd-westlichen Vorinsel von Pulu Penang gegenüber, als schon die Sonne gesunken war und der volle Mond nun an ihrer Statt den stillen Spiegel des Meeres beleuchtete, dessen Farbe schon seit 5 Uhr immer grünlicher, heller geworden war. Wir fuhren in der Richtung nach Norden so nahe an den Inseln, die zur Linken liegen blieben, vorbei, daß man ihre felsig-steil aus dem Ocean emporstrebenden Ufer mit einem Steinwurfe hätte erreichen können. – Unser Blick haftete auf diesen sonderbar gestalteten Land- und Bergkörpern, die zwischen dem hellern Hintergrunde des Himmels und dem spiegelnden Vordergrunde des Meeres, wie düstre Gespenster dalagen. Obgleich der Mond sein Zauberlicht in wunderbarer Klarheit auf sie herabgoß, so konnten wir doch nicht viel mehr, als die schroffen Umrisse dieser Inseln erkennen, über deren wandartigen Felsgestaden, die etwas heller vom Mond beleuchtet waren, sich oben die ganz schwarze Kappe düstrer Waldungen hinzog.
So dampften wir langsam dahin, – wir fuhren einem weiten Zwischenraume zwischen zwei Inseln und darauf einem langhingezogenen Gebirgslande, die beide zur Linken liegen blieben, vorbei, ließen aber, weil unsere Offiziere die natürlichen Signale der Ufer nicht mehr zu erkennen vermochten, um 7 Uhr die Anker fallen. – Ein Paar Kanonenschüsse, die wir thaten, verhallten unbeantwortet auf der Wasserfläche.
Da lagen wir nun einsam, ohne die geringste Bewegung, in einer, wenigstens uns Passagieren unbekannten Bucht des Oceans. – Der Mondschein war so hell wie der Tag, – die See war spiegelglatt, – und eben so wenig, wie sich ein Lüftchen regte in der Atmosphäre, eben so wenig rührte sich ein Wassertropfen in dem wie erstarrten Meere. Wir glaubten ringsum oder doch auf mehren Seiten von Bergesufern umgeben zu sein; wir setzten daher eine Schaluppe aus, die in weiten Kreislinien um das Schiff herumfuhr, um die Tiefe zu sondiren, und das sanfte Dahingleiten dieser Schaluppe war die einzige Bewegung, – die einzige Spur von Leben, die weit umher im Wasser- und Luftraume zu entdecken war.
Obgleich das Meer wegen seiner geringern Tiefe an sich selbst schon grünlich und hell gefärbt war und außerdem noch der hellste Mondschein von seinem Spiegel zurückgestrahlt wurde, so leuchtete das Wasser doch bei jedem Ruderschlage und verbreitete ein höchst eigenthümliches, grünliches Licht. – Aber Alles war todtstill um uns her, – wie ausgestorben, und wir hätten glauben können, uns auf einem unbewohnten, fernen Planeten zu befinden; – weder an nahen, noch an fernen Küsten war ein Lichtchen sichtbar, – kein Vogel schrie, – kein Laut eines andern Thieres war vernehmbar; – dort vor uns lag das dunkle starre Land: ein lang hingezogener Rücken, – hier der Silberspiegel des Meeres, und oben stand der goldne Mond am tiefen, schweigsamen Himmel.
Die ganze Natur schlief und war bedeckt mit einem Schleier von so friedsamer, so schöner und so erhabner Ruhe, – daß ich mit Worten eben so wenig im Stande bin, den Zauber, den sie athmete, auszudrücken, als Einer, welcher der Noten unkundig ist, den harmonischen Klang einer schönen Musik zu beschreiben vermag.
Nach einigen Stunden angestellter Untersuchungen war es dem Führer unsres Schiffes gelungen, sich zu orientiren; – wir lagen noch 12 oder 13 englische Meilen südwärts von dem Orte unserer nächsten Bestimmung entfernt, setzten uns zwischen 9 und 10 Uhr wieder in Bewegung und warfen noch vor Mitternacht unsre Anker auf der Rhede der Hauptstadt von Pulu Penang.
Weil die Matrosen gleich vom Augenblick unsrer Ankunft an auf der Rhede beschäftigt waren, einen neuen Vorrath von Steinkohlen einzunehmen, die in schon bereit liegenden Prauen von Penang angebracht wurden, so war das Schiff die ganze Nacht hindurch so voll Lärm und voll Thätigkeit, daß die Erscheinung jenes einschläfernden Magnetiseurs, der kein Geräusch liebt, bis spät in den Morgen von unserm Lager abgehalten wurde.
Die Sonne war daher schon längst aufgegangen, als ich am 12ten Sept. erwachte und – neugierig auf das Verdeck eilte. Aber die Überraschung war desto größer.
Da lachte mir unerwartet der allerfreundlichste Anblick eines schönen Städtchens entgegen, das westwärts vom Schiff in frappanter Nähe vor mir lag. Buschiges Grün um- und überschattete seine Gebäude und der bunte Farbenschmelz der Häuser, hellerleuchtet von der Sonne, malte sich in schroffem Contraste ab auf dem dunklen Hintergrunde des Waldgebirges, das zu einer imposanten Höhe emporstieg. – Es war seit meiner Abreise von Java das Erstemal wieder, daß ich eine gebirgig-großartige und zugleich schöne Natur in der Nähe erblickte.
Der unterste Streifen des Landes war ein kahler Sandstrand von heller, bräunlich-grauer Farbe, – dieser erhob sich zu einer etwa 10 Fuß hohen Fläche, auf welcher man rechts das Fort und links die hellfarbigen Gebäude der Stadt erblickte, die sich ungleich bebuschter, grüner, von viel zahlreichern Fruchtbäumen und Gruppen von Kokospalmen beschattet, als die von Singapur, darthaten.
Und jenseits der Stadt sah man gegen das steile Gehänge der Gebirgskette an, die Penang von Süd nach Nord durchzieht und die fast den ganzen Körper der Insel bildet. Da wir die schmale Zwischenfläche nicht sehen konnten, so schien es, als erhöbe sie sich unmittelbar hinter der Stadt. Ihre waldig-düstre Front stellte sich den Blicken in ihrer ganzen Ausdehnung dar und man konnte deutlich die Schlangenlinien von zwei Wegen unterscheiden, die an ihr hinanführten. Der nördlicher liegende dieser Wege endete etwa in der halben Höhe der Wand an einem kleinen Gebäude, das den Gipfel eines Vorberges oder einer vorspringenden Rippe bedeckte, und das, an seiner weißen Farbe auf dem dunklen Waldesteppich deutlich erkennbar, wie ein kleines Schloß von seiner Höh' herabschaute; – der zweite Weg schlängelte sich in der Richtung hinter der Stadt hinan und konnte mit den Augen verfolgt werden bis dicht unter den höchsten Saum des Gebirges, wo man auf einem Vorsprunge ein Häuschen erblickte. Über diesem Häuschen sah man auf dem höchsten Saume (der Firste der Kette) selbst zwischen noch mehren Gebäuden den Telegraph und die Stange mit der britischen Flagge, welche hier 2000 Fuß hoch, und weit hinaus in's Meer nach Ost und West sichtbar, in den Lüften flatterte.
Von dieser Höhe herab, die von allen Seiten frei und nirgends von einer andern dominirt ist, muß die Aussicht über das Gebirge, die Stadt und die ganze Insel hinweg, bis weit in die malai'sche Halbinsel hinein, oder in die Malakastraße hinaus, großartig sein.
Aber auch von unten erblickt, mit Augen, die hinauf sehen, gewähren diese luftig-hohen Menschensitze einen romantischen, schönen Anblick. – Wenn ich die Physiognomie eines Flachlandes oder niedrigen Hügellandes mit: – „unbefriedigend, endlos, nirgends fesselnd, wegschmelzend, – Gemüthabstumpfend“, – bezeichnen möchte, so sind dagegen: – „erhaben, anziehend, aufmunternd, Hoffnungerweckend und doch auch wieder Sehnsuchtstillend, beruhigend, – heimisch“ – die Worte, die einigermaßen den Eindruck schildern, den jede große Gebirgsnatur (wenigstens in mir) hervorruft. Dies war auch hier der Fall, mein Auge wandte sich ungern vom Panorama ab und ich fühlte gewissermaßen: „nur im Hochgebirge kann ich glücklich sein.“
Obgleich ich den obersten Kamm der Bergkette von Pulu Penang, die nur einfach ist,[12] mehrmals mit Wolken umhüllt sah, so konnte ich seine Höhe doch nicht für mehr als 2000 par. Fuß halten, weil auf dem höchsten Punkte neben den Gebäuden noch Kokospalmen wuchsen, die man von der Rhede aus eben so deutlich zu erkennen vermochte, wie die einzelnen Wölbungen der Waldbäume auf der Firste überhaupt, – und weil es bekannt ist, daß sich rund um die Gipfel von Bergen, welche isolirt im Meere liegen und mit Waldung bedeckt sind, schon in geringerer Höhe Niederschläge bilden und Wolken bilden. Die große Steilheit des Gehänges aber, bei großer Schmalheit der Küstenfläche, (der bedeutende Gesichtswinkel, unter dem sich der Kamm des Gebirges darstellt,) ist Ursache, daß man den Bergsaum für höher und entfernter hält.
Außer einigen hellgrünen, wahrscheinlich bebauten Flecken, durch die der bräunliche Boden hindurchschimmerte, nämlich da, wo die Waldung gefällt war, – außer noch einigen andern, bräunlich-hellen Streifen, die man in den Klüften, Bachrinnen, besonders des nördlichen Theils der Kette bemerkte, und die wahrscheinlich von stattgehabten Bergschlipfen verursacht waren, – und außer dem langen, schmalen Strahle eines Wasserfalles (Gießbaches) in derselben Gegend, war das dunkle Waldgrün der Hauptkette nirgends unterbrochen.
So war die Aussicht, die sich uns von unserm Schiffe aus auf der Westseite darbot. Wir lagen der Insel am nächsten und zählten noch 20 größere und etwa eben so viel kleinere Schiffe, die weiter ostwärts auf der Rhede zerstreut lagen.
Auf dieser Ostseite erblickten wir die niedrige, flache Küste der malai'schen Halbinsel, nämlich des Staates Queda, dessen König einen kleinen, etwa 12 Stunden langen und ein Paar Stunden breiten Saum der Küstenfläche, nämlich den Theil derselben, welcher der Insel Penang gerade gegenüber liegt, an die Briten abgetreten hat. – Obgleich viel weiter von uns entfernt als Penang, lag diese Küste doch nahe genug, um auf dem hellgefärbten, wahrscheinlich sandigen Strande die Casuarinen deutlich von andern Bäumen unterscheiden zu können, namentlich von den Kokospalmen, welche wie in regelmäßigen Reihen gepflanzt erschienen und, ganze Wälder bildend, sich unabsehbar lang am Strande hinzogen.
So weit unser Blick der Küste entlang reichte, war das Land flach und niedrig, wahrscheinlich alluvial, und erst in einer Entfernung von der Küste, die wir auf 10–20 englische Meilen schätzten, waren Hügelzüge sichtbar, hinter denen sich, noch weiter im Innern, etwa 20–30 engl. Meilen entfernt, größere Bergketten erhoben. Auch einige hohe, isolirte Berge, die übrigens nicht kegelförmig und also wahrscheinlich auch keine Vulkane waren, stellten sich unsern Blicken dar, ein näherer in Osten und ein fernerer mehr nordwärts, die bis in die Wolken reichten.
Nach eingezogenen Berichten soll dieser, den Briten unterworfene Küstenstrich, der Penang zunächst gegenüberliegt, (und der auch wohl Wellesleyland genannt wird,) besonders gut bebaut und fruchtbar sein und außer Kokospalmen und andern Fruchtbäumen, besonders viel Pfeffer produciren; wir konnten jedoch der Entfernung wegen keine bewohnten Plätze, keine Hütten an seinem Gestade erkennen.
Die zutrauliche Nähe der Stadt von Pulu Penang aber, die auf unsrer Westseite lag, munterte uns zu einem Besuche auf.
Ich setzte mich in einen der kleinen Kähne, deren Führer (theils Chinesen, theils Bengalesen) sich anboten, die Passagiere für einen halben Gulden an's nahe Land zu bringen.
Als ich in meinem Kahne dahin glitt, fing – lauter Kanonendonner an, meine Ankunft zu begrüßen.
Von zwölf Salutschüssen erbebte die Luft, während ich mich dem Hafenkopfe näherte.
(Ich befürchte, daß mich einige Leser hier verdacht halten werden, meine Reiseerzählung mit figurativem Kanonendonner ausgeschmückt zu haben, – ich kann aber in Ernst versichern, daß mir meine Ohren von den Schüssen dröhnten; denn die sechs Kanonen, womit geschossen wurde, standen ganz dicht am Strande, unter der Mauer der Festung, in deren Nähe ich landen mußte. – – Um aber allen möglichen Zweifeln und ungläubigem Kopfschütteln vorzubeugen, will ich lieber folgende Erklärung ablegen. Ich bin nämlich der Meinung, daß auf der Rhede und in der Stadt Pulu Penang Niemand war, der jene Ehrenschüsse auf mich bezogen hätte, – am allerwenigsten war ich einer von denen, die das thaten, ich vermuthete vielmehr, daß die 12 Pfund Pulver zu Ehren des Gouverneurs von Singapur verschossen worden sind, welcher sich (in einer etwas bessern Schaluppe, wie ich) gerade zu der Zeit an Bord eines kleinen Dampfers begab, der bald darauf via Singapur, die Rhede von Penang verließ.)
Ich kam doch aber unter Kanonendonner an, – stieg die steinernen Treppen des Hafenkopfes hinauf und zögerte nicht, mir so schnell wie möglich einen Palankin[13] zu miethen, um in der kurzen Zeit, die mir bis zur festgesetzten Abreise unseres Dampfers um 10 Uhr übrig blieb, noch so viel wie möglich von der Stadt und ihren Umgebungen zu sehen. (Denn, Leser! glaube mir, ich war weit entfernt, zu befürchten, daß man bei meiner Rückkehr an Bord Salutschüsse für mich thun würde, – ich war sogar nahe daran zu vermuthen, daß das Schiff sich die Freiheit nehmen würde, um 10 Uhr 0 Minuten ohne mich abzureisen, wenn ich mich um 9 Uhr 59 Minuten noch nicht an Bord befände.) Ich lebte hier sehr frei, also auch sehr glücklich, denn Niemanden fiel es ein, mich zu belästigen und Notiz von mir zu nehmen, außer dem Chines vom Kahne und dem Zeis vom Palankin, die bezahlt sein wollten.
So viel ich von Penang gesehen oder durch Andre vernommen habe, ist die Fläche, deren östliches (an die See grenzendes) Ende Stadt und Fort trägt, die einzige Ebene auf der ganzen Insel. Sie besitzt von der Stadt an nach Westen bis zum Fuße der Berge ihre größte Breite von etwa zwei englischen Meilen, nimmt aber in Norden und in Süden der Stadt sehr schnell an Breite ab. Sie hat nämlich fast die Form einer halben Scheibe, deren größte Rundung nach Osten in's Meer vorspringt, deren Basis aber dem Fuße der Bergkette angeheftet ist, so daß sich dieser Fuß in den übrigen Gegenden der Insel (nordwärts und südwärts von dieser vorgelagerten Fläche) unmittelbar und ohne Küstensaum aus dem Meere erhebt. Wie der Kamm der Kette, so streckt auch der Fuß (die Küste der Insel) im Allgemeinen von Süd nach Nord. – Die Fläche scheint vorzüglich aus einem hellen, bräunlich-grauen Sandgrunde zu bestehen und erhebt sich von der Stadt an (wo ihre Höhe 10 Fuß betragen mag,) sehr allmählig und unmerklich nach dem Fuße der Berge.
Die Stadt ist bedeutend kleiner als Singapur, hat aber viel Ähnlichkeit mit dieser. In dem größten Theile derselben, besonders in dem, in welchem die Inländer (Nichteuropäer) wohnen, sind die Häuser eben so eng an einander gebaut, reihenförmig und bilden eben solche gerade Straßen, die sich kreuzen, wie in Singapur.
Viele von den Häusern, und diese scheinen die ältern, zuerst erbauten zu sein, in denen jetzt die ärmern Menschen wohnen, haben eine offene Vorhalle zwischen viereckigen Säulen von Stein, welche den vordern (vorspringenden) Theil des obern Stockes tragen. Auf den Säulen ruhen nämlich quere Balken und auf diesen Balken ruht das Mauerwerk des obern Stockes, gerade so wie es in einem großen Theile vom chinesischen Kampong in Singapur der Fall ist. Und eben so wie dort, sind auch hier zu Penang viele von diesen Querbalken in der Mitte schon gesenkt, concav, den Einsturz drohend, ja man sieht, eben so wie in Singapur, ganze Straßen, welche diese facies hippocratica haben und doch noch bewohnt sind.
Die Wege in und in den Umgebungen der Stadt sind gut, hart und eben, nämlich mit Meeressand (Korallensand) belegt, der eine bräunlich-hellgraue Farbe hat.
Der schönste Theil der Stadt aber ist der, welcher von der Küste am weitesten absteht und die Wohnungen der (wohlhabendern) Europäer enthält. Diese Wohnungen nämlich liegen mehr vereinzelt und zwischen Gebüsch zerstreut und viele davon sind eine Zierde der kleinen, umgrünten Plätze, in deren Mitte sie sich erheben. Auch einige kleine Kirchen zeichnen sich auf solchen Plätzen aus. Die Zahl der Fruchtbäume, die sich zwischen diesen Wohnungen oder Villen emporwölben, ist viel größer, – das Ganze ist viel belaubter, schattiger als zu Singapur und das schöne Grün der Bäume, das mit dem hellen Sandboden lebhaft absticht, giebt den Häuschen oder kleinen Palästen, die darin zerstreut liegen, ein viel wohnlicheres, lieblicheres, einladenderes Ansehn, wie dort. Auch bemerkt man, besonders an Wegen und Plätzen viele Casuarinen unter den Bäumen.
Die kleinen Tempel der Chinesen, Bengalesen und andern Indischen Nationen, nebst den Mĕsigit's (Moskee'n) der Malaien und Araber, in denen Mahomed für den einzig wahren Propheten gilt, – sieht man hier in nachbarlicher Eintracht zusammenstehn mit den Kirchen des Kreuzes. –
Nachdem ich die Stadt genugsam durchkreuzt und im, beiläufig gesagt, sehr kleinen, kneipenartigen Hotel eine Tasse schlechten Kaffee getrunken hatte, der aber, weil es am Lande war, mir und andern besser schmeckte, als der gute Kaffee bei uns an Bord, warf ich mich wieder in die Arme des Zeis vom Palankin, der mich zum Hafenkopfe, und des Kee's (Chinesen) vom Kahne, der mich an Bord brachte, wo ich eben noch zur rechten Zeit ankam, um die Spazierfahrt nach Europa mitzumachen.
Wir verließen die Rhede präcis um 10 Uhr (den 12ten September) des Vormittags, gerade in dem Augenblicke, als ein Regenschauer vor der Bergkette von Penang vorbeizog, während ringsum der heiterste Sonnenschein glänzte, und fuhren nord- zu west-wärts zwischen Pulu Penang und der Küste von Queda, natürlich der erstern viel näher, dahin. Eine Viertelstunde später veränderten wir unsern Cours nach Nord-Nord-West und erblickten nun von der Nordseite her den flachen Theil der Insel, den wir nun seiner Breite nach sahen und der sich von hier aus nur wie ein einziger Wald von Kokospalmen darthat, von der Küste an reichend bis dicht an den Fuß des Gebirges.
Als wir in dem grünlichen, untiefen Wasser der Malakastraße noch weiter nach Norden gekommen waren, sahen wir die von vielen Kokospalmen beschatteten Hütten eines Dorfes auf dem Strande stehn, welcher sich schnell und steil zum Gebirge erhob. Die Wälder, welche dieses bedecken, waren über dem Dorfe beträchtliche Strecken weit gelichtet und mit Bäumen (vielleicht Muskatbäumen oder Pfefferstauden) in regelmäßigen Reihen bepflanzt und in diesen gelichteten Gegenden des Gebirges war es, wo wir eine Menge von Felsblöcken zu erkennen vermochten, die, von zum Theil kolossaler Größe, am Gehänge herum zerstreut lagen und die in einer weißlichen oder hellgrauen Farbe schimmerten. – Auf der malai'schen Halbinsel sahen wir ferne Gebirgsketten, die bis in die Wolken reichten; ja diese Ketten, die später scheinbar zu isolirten Bergen wurden, (weil die wenigen hohen Theile derselben, je weiter wir uns von ihnen entfernten, immer weiter unter dem Meere verschwanden,) waren, wenn auch nur schwach und tief im Horizonte, auch des Abends um 6 Uhr noch sichtbar, als wir uns schon in der Entfernung von beinahe einem Längegrade von der Mitte von Penang und gewiß von 1¾ Graden von den Bergen der Halbinsel selbst befanden. Ihre Höhe muß hiernach sehr bedeutend sein und wenigstens 9000 Fuß betragen. Das vor ihnen liegende Küstenland Queda's aber schien eine Breite von 30–40 engl. Meilen zu haben und flach oder doch nur niedrig zu sein.
Es war zwischen 12 und 1 Uhr, als wir um das Nordende von Penang herumbogen und nun mit westlichem Cours in das immer dunkler werdende Meer hineindampften. In demselben Maße, in welchem wir uns von ihr entfernten, tauchte die Betelnußinsel[14] tiefer unter den Horizont, – ihr Ufersaum war schon um 1½ Uhr nicht mehr sichtbar, – ihre Bergkette wurde niedriger, konnte aber deßhalb, in ihrer Gesammtausdehnung, desto deutlicher übersehen werden.
Diese westliche (oceanische, pelagische) Seite von Pulu Penang, die der Stadt mit ihrem Hafen entgegengesetzt ist, stellt sich schon den bloßen Augen weit steiler als die östliche oder Landseite dar, sie steigt fast ohne Strand unmittelbar aus dem Meere und ist, nach eingezogenen Berichten, vom Meere aus unzugänglich, ohne Ankerplatz und fast ganz unbewohnt. (In Vergleich mit dem niedrig-hügligen Singapur ist Penang in der That hochgebirgig zu nennen.)
Sie wurde immer blässer und blässer, sank immer tiefer unter den Horizont, – und um 6 Uhr des Abends, als die Mondesscheibe schon 20° hoch am östlichen Himmel stand, war sie nur noch mit guten Augen an dem Saume des Meeres wie ein schwaches Wölkchen zu erkennen.
Wir fuhren die ganze Nacht bei hellem Mondschein nach West zu Nord durch eine spiegelglatte See, in welcher unser Schiff wohl eine engl. Meile weit, eine schnurgerade Fahrt zurückließ, wie eine Straße oder Eisenbahn, die perspectivisch kleiner wurde. In der Mitte war die Bahn concav, aber glatt – zu beiden Seiten der Mitte war ein convexer, von den großen Wellen der Räder gehobener und bewegter Rand; – dann kam an der äußern Seite dieser Wellenlinien ein breiterer, von ganz kleinen, spitzen und dicht an einander gedrängten Wellen bewegter Streifen – und endlich zu den Seiten dieses letzterern lag die todtstille, wie polirte Oberfläche des Meeres.
Als uns nun wieder der Ocean umfluthete und auf allen Seiten nur noch eine einförmige Wasserfläche lag, auf deren Spiegel das Auge vergebens nach einiger Abwechselung suchte, – da erwachte das freundliche und doch so großartige Bild von Pulu-Penang, so wie wir es von der Rhede aus gesehen hatten, mit erneuerter Lebendigkeit in unsrer Phantasie. Der langhingezogene Gebirgsrücken, der sich steil erhebt und dessen ungleichhoher Saum bis in die Wolken reicht, – die hellfarbigen, (meistens weiß übertünchten) Gebäude der Stadt, hinter denen das waldige Berggehänge, wie ein dunkelgrüner Teppich ausgespannt ist, – die Wege, die in Zickzacklinien an der steilen Böschung hinanführen, die weißen Gemäuer, welche vom Gipfel eines Vorgebirges, wie ein altes Schloß herabschauen, – die Signal- und Flaggenstange nebst den Gebäuden, welche aus der düstren Waldung des hochobersten Rückens jäh auf die Rhede herabblicken und auf die Schiffe, die so nahe an ihrem Fuße ankern, – – dies voral waren die Hauptzüge, welche unsrer Erinnerung noch lange eingedrückt blieben.
Weitere Nachrichten über Pulu-Penang findet man in den oben bei Singapur angeführten Werken von Crawfurd, (Journal), Finlayson (Journal, p. 23 etc.), Colebrooke (Notice), Newbold (Account) und T. Ward, short sketch of the geology of Pulo Penang etc. – in Asiat. Research. Calcutta, 1833. vol. XVIII, p. 149 etc.
Aus diesen Werken entlehne ich die folgenden allgemeinen Notizen.
In 1783 kam die Insel zuerst in Privatbesitz des Capitains bei der britischen Marine, Ligt, der sie vom König von Queda als Brautschatz einer Prinzessin erhielt, welche er heirathete; in 1786 wurde die Insel Eigenthum der englischen Krone. – Sie ist 16 engl. Meilen lang und etwa halb so breit. Die Bergkette, die mit ihren Abhängen und Vorgebirgen den größten Theil der Insel ausmacht, besteht aus Granit, der oft in Syenit übergeht, und erhebt sich in ihren höchsten Punkten zu einer (bloß geschätzten[15]) Höhe von 23–2500 engl. Fuß. – Der Boden ist im Allgemeinen dürr, felsig, und weder zum Anlegen von Sawah's, noch zum Anpflanzen von Zuckerrohr, sehr gut, aber zur Kultur des Muskatnußbaumes und noch mehr des Pfeffers geeignet, der zweimal jährlich reiche Ernte giebt, die von Chinesen besorgt wird. Reis wird aus Bengalen und aus dem gegenüberliegenden Queda eingeführt. Die Hochwaldung, welche die Berge bedeckt und von vielen Affen bevölkert ist, zeichnet sich durch säulenförmige Stämme aus. Die Einwohner sind Malaien, Buginesen, Batta's, Chinesen, Siamesen, Bengalesen, Malabarer, Coromandelesen, Araber, Perser, Europäer; ihre Zahl belief sich, den der Insel Penang gegenüberliegenden Küstenstrich mitgerechnet, im J. 1844 zufolge dem Singapore Chronicle auf 91,700 Seelen, wovon die größte Zahl Malaien waren. Werth der Ausfuhr (nach Crawfurd) betrug in 1825: 5½ Million Dollar; die Einnahmen waren 200,000 und die Ausgaben fast doppelt so viel. In 1836 betrugen diese Größen nach Newbold in Siccaropoijen[16]: 6,578,013 (Ausfuhr), – 190,859 (Einnahme), – und 54,740 (Ausgaben).
Den 13ten Sept. war unser Cours bei heitrem Wetter und spiegelglatter See erst West zu Nord und später West-Nord-West. – Wir fuhren also in der Richtung nach der Nord-West-Spitze von Sumatra und erblickten zuerst gegen Abend zu unsrer Linken, nämlich in Süden, eine Bergkette auf der Insel Sumatra, und zwar diejenige, worin der sogenannte Elephantenberg liegt, die aber so blaß waren, daß man sie kaum zu erkennen vermochte.
Wir hatten uns bis dahin auf unsrer Fahrt durch die Straße von Malaka des heitersten Wetters erfreut, nur am 10ten war es trübe gewesen und öfters feiner Regen gefallen, doch war es windstill geblieben, – am Abend des heutigen Tages (den 13ten Sept.) aber trat ein stürmischer West-Süd-West-Wind mit Regen ein, der die ganze Nacht anhielt und unsrer Fahrt also fast gerade entgegengesetzt war. Das Wetter änderte sich also zur Zeit, als wir der Insel Sumatra näher kamen.
Erst am Morgen des 14ten Sept. (unser Cours war West, gegen den Wind) konnten wir zu unsrer Linken die Bergketten auf Sumatra deutlich sehen, obgleich sie sich nur in blasser Ferne darstellten und der Küstensaum unter dem Horizonte blieb. Besonders ein Berg, den wir des Morgens um 6½ Uhr in Süden sahen (s. Fig. 6), zeichnete sich durch seine Kegelform aus; es war der sogenannte Goldberg, der zwischen Pedir und Atjin liegt. Weiter westwärts von diesem erschien noch ein andrer, hoher Berg, der drei, halb in den Wolken verborgene Gipfel hatte und mit dem vorigen durch ein mäßig hohes Zwischenland verbunden war, – und noch weiter nach Westen zu erhob sich eine lange, aber sehr ungleich hohe Kette, die viel näher als jene beiden Berge lag, also auch deutlicher, dunkler war, und deren höhere Punkte ebenfalls in die Wolken reichten.
Dies war Alles, was uns von Sumatra (Atjin) sichtbar wurde, und es war zugleich das letzte Land des Indischen Archipels, in dem ich nun 12 Jahre lang gelebt und gereist hatte, das wir erblickten. – Wie die Berge mehr und mehr dahin schwanden in blasse Ferne, erwachte lebhaft in mir die Erinnerung an die Batta-Länder, die dort hinter jenen Bergen liegen und in denen ich zwei der kräftigsten von jenen 12 Jahren meines Lebens zugebracht hatte, unter Menschen, die zwar in gewissen Fällen nach ihrem Gesetz Cannibalen, aber sonst gut und treu sind. Ich dachte an die schönen, romantischen Thäler und Berge von Angkola, – an das Plateau von Tobah, auf dem man, mitten unter dem Äquator in einer Luft, so kühl, wie in Europa lebt, – an die Fichtenwälder von Tobah und Hurung, durch die der Wind dort säuselt, – ich dachte an den Hochgenuß einer freien Existenz in schöner, erhabener, reicher Natur, – ich dachte an die Abentheuer und wechselnden Schicksale, die ich dort, unter dem guten Volke, erlebt hatte, – und die Berge verschwanden, für mich vielleicht für immer, – sie tauchten unter in's Meer, und das Schiff fuhr dahin, – um mich in andre Länder und unter andre Völker zu bringen, bei denen man wenigstens (wenn man seine Abgaben richtig bezahlt,) der Gefahr aufgegessen zu werden, nicht ausgesetzt sein wird.
Den 21sten Sept. Abends. – Wir haben nun vom 14ten Sept. an bis jetzt acht Tage zugebracht mit dem Durchschiffen der indischen See, südwärts vom Golf von Bengalen, um den Raum zwischen Sumatra und Ceylon zurückzulegen. Unser Cours war fast fortwährend rein westlich und der Wind blies anhaltend aus West-Süd-West; er war gewöhnlich nur mäßig-heftig, – verstärkte sich aber sehr oft auf eine stürmische Art und war dann jederzeit von Regenschauern begleitet, die von vorn und links schief über das Verdeck hinwegstrichen, aber wie der stürmische Wind selbst, nur von kurzer Dauer waren; –der Himmel war meistens trübe, gleichmäßig bewölkt und nur selten von einem blauen Fenster unterbrochen. Die See ging hohl, das Schiff schwankte stark und alle Luken auf der Windseite mußten geschlossen werden, weil häufige Seen (Wellenspitzen) hinter dem Räderkasten herauf auf das Verdeck schlugen und bis zum Steuerruder spritzten.
Nur an drei von diesen acht Tagen (den 16ten, 20sten und 21sten) hatten wir ziemlich gutes, heitres Wetter gehabt, ohne Regenschauer. Den 20sten um 10 Uhr wurde unser westlicher Cours verändert in einen west-süd-westlichen und der Rauch unsers Dampfers, der bis jetzt schief nach hinten und rechts geflogen war, strich nun als langer schwarzer Streif gerade nach hinten. Auf dem einförmigen Meere, wo andere Gegenstände der Beobachtung fehlen, achtet man gern auf solche Besonderheiten, wie gewöhnlich und häufig sie auch sind. – Den 21sten von 12 Uhr an begannen wir mit west-nord-westlichem Cours zu fahren; auch der Wind war seit dem vorigen (20sten) Abend von 8 Uhr an weniger beständig und blies erst aus West, dann aus West zu Süd, West-Süd-West und zuletzt selbst aus Süd-West. – Wir glaubten am 21sten Abends uns nahe bei Ceylon zu befinden, blickten oft nach West und Nord-West, konnten aber noch kein Land sehen, was uns nicht wenig besorgt machte. Das Dampfschiff nämlich, das die Passagiere von Ceylon bis Suez bringen muß, darf seiner Instruction zu Folge nicht länger zu Point de Galle warten, als bis zum 22sten Abends 6 Uhr und muß dann abreisen, auch wenn das Schiff von China und Singapur noch nicht angekommen ist. – Wir hatten aber die ganze Zeit über seit dem 13ten Abends Wind, Wellenschlag, Strömung – Alles gegen uns und waren nur langsam vorwärts gekommen.
Wir waren während dieser Zeit zwei Schiffen begegnet, dem einen am 19ten des Morgens früh, dem zweiten am 20sten um 2 Uhr; dieses letztere kreuzte mit vollen Segeln unsere Fahrt und ging wahrscheinlich von Calcutta nach dem Kap der guten Hoffnung. Außerdem hatten wir in unserm Gesichts- und Wirkungskreise nichts Fremdartiges erlebt, keine Veränderung war vorgefallen.[17] – Nur am 14ten Vormittags, als wir uns noch gegenüber der Nordspitze von Sumatra befanden, hatten wir den ängstlichen Anblick, ein Geschöpf, das nicht zu einem Wasserbewohner geschaffen war, eine Zeit lang mit den Wellen ringen zu sehen, wir glaubten in Todesfurcht. Ein chinesischer Matros nämlich war über Bord gefallen, der Korkring wurde ihm nachgeworfen, den er auch schwimmend erreichte und faßte, – und in aller Eile wurde die hintere Schaluppe herabgelassen; aber obgleich die Maschine augenblicklich gestoppt wurde, so war das Schiff in seiner schnellen Fahrt doch schon so weit vorausgegangen, daß wir den Schwimmenden nicht mehr sehen konnten, der gewiß ¾ englische Meile von uns entfernt war, als ihn die Schaluppe fand und aus dem ziemlich bewegten Meere auffischte. – Als nach einem halbstündigen Aufenthalte der Mann wieder an Bord gebracht wurde, ging er ganz gleichgültig an seine Arbeit und Niemand bekümmerte sich um ihn.
Endlich! – den 22sten Sept., des Morgens früh, erblickten wir das Land des Zimmtes, der Elephanten, Perlen und Edelgesteine, – nämlich das seit zwei Tagen schon von uns ersehnte Taprobane der Alten,[18] die Insel Ceylon der Neueren, die sich in blasser Ferne vor uns zur Rechten als ein mäßig hohes Land hinzog, das einen fast ebnen, nur wenig gekerbten Saum hatte. – Unser Cours war West und der Wind wie an den vorigen Tagen West-Süd-West, von 8 Uhr an aber West.
Die Küste schien sich von Nord-Ost nach Süd-West hinzuziehn, denn wir rückten, westwärts steuernd, dem Lande allmählig näher und sahen erst an einigen Stellen und bald überall den weißen Saum der Brandung. Um 7½ Uhr segelten wir einer vorspringenden Ecke vorbei und konnten nun erst das Land deutlich unterscheiden, das sehr niedrig war und aus ausgebreiteten (verflachten) Hügelzügen zu bestehen schien, auf deren Saume man den Umriß der einzelnen Bäume wohl zu unterscheiden vermochte. Wir waren etwa drei englische Meilen von der Küste entfernt und bewunderten vor Allem die ausgedehnten Wälder der Kokospalme, die das Gestade bedeckten.

Wir fuhren um 8 Uhr zwischen einer Menge von kleinen Fischerböten hindurch, die von sehr eigenthümlicher Bauart, nämlich sehr schmal, dabei aber sehr hoch (der innere Raum sehr tief) waren, so daß die drei Mann, die sich in einem jeden befanden, mehr als zur Hälfte darin verborgen blieben, sich aber kaum umdrehen konnten, ohngefähr so, als wenn sie in einer Straßenrinne (schmalen Wasserleitung) gestanden hätten. – So waren alle Kähne der Singalesen gebaut, die wir auf der Südküste von Ceylon sahen und sie waren nur auf einer Seite mit einem balancirenden Bambusrohr versehen. – Um diese Zeit (8 Uhr) befanden wir uns einem hohen Vorsprunge gegenüber, welcher eine weite Bucht, deren Ostecke wir um 7½ Uhr gesehen hatten, in Westen begränzte, – der oben mit kurzer Waldung bedeckt, plattenartig ausgebreitet war und sich dann als ein steiles, mauerähnliches Felsgehänge in's Meer herabsenkte. Die Farbe der Felsen war ein helles, gelbliches Braunroth; sie bestanden vielleicht aus Sandstein.
Ferner kamen wir auf der Weiterfahrt nach Westen, während uns immer mehre von den so eben beschriebenen Kähnen begegneten, noch einer Menge solcher Buchten und vorspringenden Ecken vorbei und befanden uns demzufolge bald in einer Entfernung von drei, bald von sechs engl. Meilen von der Küste, die wir, weil der Himmel bewölkt und der Horizont dunstig war, im Hintergrunde der Buchten nur undeutlich zu unterscheiden vermochten. – Von 9½ Uhr an war der nächste sichtbare Theil des Landes ein niedriger, flacher Küstensaum, der sich einwärts zu ausgebreiteten Hügeln erhob, ein mehr verflachtes, als wellenförmiges Hügelland bildend, das hier und da, wo der Küstensaum fehlte, auch bis zum Meere selbst vorgeschoben war. Dieses flache Gestade nebst den Gehängen des angränzenden Hügellandes sahen wir (wie überhaupt schon seit 7½ Uhr alle andern Theile der Küste) mit ungemein ausgedehnten Kokoswäldern bedeckt, die ununterbrochen bis Point de Galle gleichsam nur einen einzigen Palmenwald bildeten, der ganzen Küste entlang, so weit man sehen konnte.
Wir veränderten unsern Cours um 10½ Uhr, parallel mit der Richtung der Küste, nach West-Nord-West, bekamen aber erst um 12 Uhr vorn zu unsrer Rechten die Stadt Point de Galle zu Gesicht, von deren Gebäuden wir nur einen säulenförmigen Leuchtthurm und die Giebel der Häuser sahen, so weit sie aus grünem Gebüsch und aus einer Ringmauer, welche die Stadt umgiebt, emporragten, oder so weit die dunstvollen untern Schichten der Atmosphäre in zweifelhaftem Schimmerlicht sie zu erkennen erlaubten. Die Bucht diesseits der Stadt, in welche wir einlaufen mußten, ist von zwei vorspringenden Felsenecken begränzt, die einander von West-Nord-West nach Ost-Süd-Ost gegenüber liegen. Auf der west-nord-westlichen Felsecke steht die Stadt, – die ost-süd-östliche Felsecke ist das Ende eines langen, ausgebreiteten Hügelrückens, der 1–200 Fuß hoch sein mag und sich an manchen Stellen, 20–30 Fuß hohe Wände bildend, felsig-steil in's Meer herabsenkt, in den übrigen Gegenden aber durch einen hellgelblichen Sandstrand vom Meere getrennt ist. Nordwärts geht diese ost-süd-östliche Hügelecke in ein ganz niedriges, flaches Küstenland über, das nicht nur die Bai auf den übrigen Seiten, sondern auch die Stadt auf der innern Seite umgiebt, so daß der erhabne Grund, worauf diese liegt, dadurch von allen andern Hügeln abgeschnitten und in eine isolirte Felsinsel verwandelt wird, die auf drei Seiten vom Meere und auf der vierten von flachem Alluvialboden begränzt ist.
Wir wendeten um 12¾ Uhr unser Schiff direct nach Norden und fuhren durch den engen Eingang zwischen zwei Schwimmern, die das von Klippen freie, schmale Fahrwasser anzeigten, hindurch in die stille, tiefe Bucht hinein; zur Rechten blieb jenes Felskap, – zur Linken der Fels mit dem Leuchtthurm und die Stadt Point de Galle (oder Punto Galle), die nun in voller Klarheit, nahe vor uns lag. Schwärzliche Felsen, vom weißen Schaume der Brandung bespritzt, starren jäh und rauh aus dem Meere empor und tragen die Ringmauern der festen Stadt, über welche, eng zusammengruppirt, die rothen und weißen Giebel und Zinnen der Häuser herüberblicken, vermengt mit dem Gebüsch von Fruchtbäumen, deren schönes Grün sich freundlich auf den starren Fels und das Meer, das ihn umschäumt, herunter neigt.
Dieser Menschensitz, diese Hauptfestung Süd-Ceylon's unter den Niederländern seit 1642, – als wir ihn so erblickten, gleichsam im Bewußtsein von unbesorgter Sicherheit innerhalb seines Gemäuers, – freundlich, grün, auf starrem Fels im Meere und auf drei Seiten von der Brandung umtobt, gewährte einen äußerst romantischen, alterthümlichen Anblick und erinnerte mich an manche Stadt in Europa aus den Zeiten des Mittelalters, die ich seit so langen Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Wir ließen um 1 Uhr, der Stadt ostwärts gegenüber, die Anker fallen und lagen nun zwischen dieser und dem großen Dampfschiff Bentinck, demselben, das von Calcutta angekommen war und schon zwei Tage lang auf unsre Ankunft allhier gewartet hatte. Da dessen Abreise von hier, via Aden, noch vor Eintritt des Abends festgesetzt war, so blieben uns zu einem Besuche der Stadt nur die wenigen Stunden übrig, welche die Schiffe nöthig hatten, um die Bagage von Bord der Braganza herüber an Bord des Bentinck zu befördern, was ohne Zuthun der Passagiere geschah. Rathsam war es aber und dafür wurde es auch von allen Passagieren gehalten, die kleinen Stücke der Bagage, die man jederzeit nöthig hat, beim Übersteigen auf das neue Schiff, was in Kähnen der Inländer geschieht, die man bezahlt, selbst mit zu nehmen, weil sie sonst leicht mit in den Schiffsraum, in das allgemeine Magazin der Güter geworfen werden oder aus dem Haufen der Hunderte von Packeten und Kisten nicht so leicht wieder herauszufinden sind. Es könnte also wohl geschehen, daß man darauf warten müßte. Doch verloren geht nicht leicht ein Stück.
Ich setzte mich also in einen singalesischen Kahn und fuhr – aber, halt, das ging so schnell nicht; denn viele Dutzende von solchen größern und kleinern Kähnen umwimmelten das Schiff und ihre Führer stritten sich um die Ehre, einen Passagier für ½–1 Gulden an's Land zu bringen. Es war ein ohrbetäubendes Geschrei von Stimmen, die sich mit einander verwirrten, eben so wie die Kähne, die mit ihren Seitenstangen oder Segeln in Wirrwarr geriethen und man lief große Gefahr, bei dem Überspringen von dem einen in den andern ein Bein zu brechen, in's Wasser zu fallen oder zwischen den Kähnen, die aneinander stießen, zerquetscht zu werden. Um meine geringe Person stritten sich, so laut, daß mir die Ohren davon dröhnten, wenigstens fünf Kahnführer, die mein Malai'sch eben so wenig verstanden, wie ich ihr Singalesisch und ich achtete mich glücklich, als die Bataille so weit beendigt war, daß ich aus den Händen von Fünfen endlich in die von Einem kam, welcher siegestrunken Besitz von mir nahm und unter herausfordernden Mienen gegen die Andern, die ihm Verwünschungen nachschrien und nachgesticulirten, mit mir eiligst der Stadt zuruderte.
Am Ufer angekommen, sahen wir Hunderte von neuen Plagegeistern auf dem Hafenkopf bereit stehen, um uns Fremdlinge zu empfangen. Es waren eingeborne (singalesische) und fremde (besonders bengalische) Kaufleute, meistens arme Lumpen oder Straßenbuben, deren jeder etwas in der Hand oder in einem Sacke hielt, um es dem Reisenden zu verkaufen oder besser gesagt, aufzudringen. Daß dies mit einem lauten Concert durch einander kreischender Stimmen begleitet war, versteht sich von selbst. Sie drückten dem Reisenden ihre Waaren mit Gewalt in die Hand, – verlangten dann ungeheure Preise dafür, z. B. für einen kleinen Bambusköcher 5, für ein Stück Quarz oder Jaspis, das sie in dem ersten besten Bache aufgelesen hatten, 10 Gulden, und weigerten sich, wenn der Reisende den Preis zu hoch fand, hartnäckig, ihre Waare wieder anzunehmen, verfolgten ihn vielmehr unter lautem Geschrei, Schritt für Schritt. Ich sah Passagiere, die von 20 dergleichen Schreiern begleitet waren. Ich war so glücklich, mit einer Eskorte von bloß sechs abzukommen, die mir auf meiner Rundreise durch die Straßen der Stadt, als getreue Trabanten, auf dem Fuße folgten und bald von der linken, bald von der rechten Seite, etwas zu kaufen vorhielten, in welchem Geschäft sie eine bewundernswürdige Ausdauer an den Tag legten. Ich kaufte ihnen endlich etwas ab, z. B. Onyxe, fossile Elephantenzähne (von Elephas primigenius), die sie auf der einen Seite geschliffen und polirt hatten, und hoffte mich dadurch, wenigstens von einem Theile derselben, zu befreien; aber, – wie irrte ich mich! Kaum hatten die Andern, welche durch die Straßen schlenderten, gesehen, daß ich nachgiebig, d. i. überwindlich war, als sie zu ganzen Truppen herbeiströmten und sich meine Satellitenschaar dadurch wenigstens um das Zehnfache vermehrte, – so daß ich nahe daran war, diese Kaufleute für eine eben so stabile Plage der Reisenden in den Städten, – wie die kleinen Springblutegel[19] in den Wäldern Ceylon's zu halten.
Man schreitet von der Land- d. i. Nordseite her unter hohen, gewölbten Thoröffnungen durch die alten Backsteinmauern und Wälle der Festung, und gelangt in's Innere der Stadt, deren Straßen vom höchsten Punkte des Hügelwulstes, auf welchem sie erbaut ist, sich am stärksten nach Süden, der See zu, herabsenken. – Sie enthält keinerlei ausgezeichnete Gebäude und die mehrsten Häuser sind klein, einstöckig und fast alle von Stein. Ich habe wenig Leben oder Verkehr, auch keine großen Kaufläden oder Packhäuser bemerkt und glaubte hieraus schließen zu dürfen, daß Punto Galle seine alte Größe als Handelsstadt verloren und nur erst seit der Einrichtung der Landmail, als Station für die Schiffe zwischen Indien und Arabien, eine erneuerte Wichtigkeit erhalten habe. Die Stadt scheint zum Theil auf Gneiß von grauer Farbe, zum Theil auf weißem Korallenfels erbaut, und liegt an der Südküste von Ceylon unter 6° 1' nördl. Breite und 80° 10' östl. Länge von Greenw.
Interessanter als das Innere der Stadt, war mir der Anblick der flachen Gegenden der Insel, welche die Stadt nord- und nord-ost-wärts begränzen und mit einer allerüppigsten (angepflanzten) Vegetation bedeckt waren. – Von Hochwaldung sah ich zwar nirgends eine Spur, aber – das Gehänge der Hügel und noch mehr das flache Gestade rund um die Bai und die Stadt waren mit ungeheuern Waldungen der Kokospalme bedeckt, die man nicht übersehen konnte. – Welche dichte Zusammengruppirung von schlanken, säulenförmigen Stämmen, – welche dunkle Schatten zwischen den 70–100 Fuß hohen Säulchen, tief unter den rauschenden Wedeln, – welche an Urwald gleichende Wildniß von Palmen, – welche Verwirrung von in allen Richtungen durch einander geworfenen, senkrechten, überhängenden und ganz niedergestreckten Stämmen! – – ich mußte gestehen, daß ein solcher Kokoswald, eine solche ununterbrochene, Tagereisen weit reichende Ausdehnung von dicht gedrängten Palmen auf Sumatra und Java nicht anzutreffen ist. – Wahrscheinlich ist die sandige Beschaffenheit der Gestade und die Quarznatur des Sandes, bei gleich günstigen Verhältnissen eines gleichmäßig warmen, nicht zu feuchten Klima's, ein Hauptbedingniß zu ihrem üppigern Gedeihen.