II. Von Arabien bis Alexandrien. (continued 2)
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Endlich war der größte Theil der Nacht verflossen und die Zeit unsrer Erlösung aus Suez rückte heran. Ich glaube, es war der dritte Transport, mit dem ich befördert wurde und der aus vier Wagen bestand. Es war 4 Uhr in dem Morgen des 12ten October, als wir das öde Suez verließen und von Staubwolken umhüllt, hinein in die noch ödere Wüste rollten. Einem jeden Wagen wurden vier tüchtige arabische Pferde vorgespannt, und diese flogen mit uns in vollem Galopp dahin.
„Todt und starr liegt die Wüste hingestreckt, wie die nackte Felsrinde eines verödeten Planeten“.[37] –
Dies würde eine passende Inschrift sein für die Pfeiler des offenen Thores von Suez, durch welches man in die Wüste hineinfährt. Denn je mehr der Tag graute, desto deutlicher und abschreckender zeigte sich die Wüste in ihrer ganzen, traurigen Öde. Sie bestand bald nur aus feinem, beweglichen Sande, in welchen die Räder tief einschnitten, dann keuchten die Pferde, – bald aus gröberm oder mit Steingereibsel vermengtem Sand, – bald herrschte das Steingereibsel (kleine Felstrümmer, meistens abgerundet, in der Form von Geschieben, die hier und da bis zu einem Fuß Dicke anwuchsen,) vor, dann rollten die Wagen leichter darüber hin und flogen nur zuweilen, wenn die Räder auf einen der größern Steine stießen, einen kleinen Fuß hoch oder anderthalb in die Höhe, um uns durch einen zeitig angebrachten sanften Stoß vor zu großer Schläfrigkeit zu bewahren; – bald war die Wüste vollkommen horizontal, – bald wellenförmig gehoben und gesenkt, ja hier und da hüglig, dünenartig, – aber überall war sie gleich dürr.
Kahl, nackt, öde, todt, starr, aller Dammerde entblößt, allen Pflanzenwuchses beraubt, ohne Wasser, ohne Bewegung, ohne Leben, voll Sand, voll Staub, glühend heiß, verschmachtend, einförmig, unendlich, ermüdend für's Auge, trostlos für's Herz! – das ist die Wüste.
Unsre Reise dauerte von Suez bis Cairo 15½ Stunden; da hiervon aber 3½ Stunden Halt abgezogen werden müssen, so hatten wir zum Durchfahren der Wüste, das in der Richtung fast genau von Ost nach West und jederzeit im vollen Galopp geschah, nur 12 Stunden nöthig. Ist nun das ganze Traject 100 engl. Meilen lang, so legten wir 8 solcher Meilen in einer Stunde zurück. In Abständen von 5–6 engl. Meilen waren durch die ganze Wüste bis nach Cairo Pferdeställe nebst Wohnungen für die Aufseher erbaut, – Stationen, wo die Pferde gewechselt wurden. Diese standen mit Geschirr und allem angethan jederzeit schon bereit, wenn wir ankamen. Es läuft nämlich in der Richtung des Weges eine Linie von Telegraphen durch die Wüste, auf kleinen Thürmen angebracht, die öfters auf Erhöhungen des Bodens stehen, da, wo sich deren finden und deren äußerste Punkte Suez und Cairo sind.[38] Der Hauptdienst dieser Telegraphen ist, die Ankunft der Schiffe zu Suez und der Transporte von Reisenden durch die Wüste, hin und her, zu melden. Aber nur an drei Stationen, wo sich kleine Gasthäuser, Absteigequartiere (Pasanggrahan's würde man auf Java sagen), befinden, wurde für längere Zeit Halt gemacht, nämlich von 8–9, von 12–1½ und von 5–6 Uhr, und hier hatte ich Gelegenheit, den unersättlich-musterhaften Appetit der Engländer zu bewundern, die an allen diesen Orten tüchtig aßen und tranken. Die Tafeln waren bei der Ankunft der Transporte schon gedeckt und mit dem Auftragen der Speisen wurde nur so lange gewartet, als die Reisenden in kleinen Nebenzimmern, wo Waschtafeln standen, beschäftigt waren, sich Gesicht und Hände vom Staube zu reinigen und das Haupt abzukühlen. Die Speisen bestanden hauptsächlich aus Suppe, Reis, Hühner- und Schöpsenfleisch, das auf verschiedene Art zubereitet war, auch waren Kartoffeln, Gemüse, Brot und Zwieback vorhanden und den Bier- und Weinflaschen wurde fleißig zugesprochen. Nach Tisch wurde Kaffee gereicht, gewöhnlich in kleinen Nebenzimmern, welche die Überschrift: „Rauchkammer“, trugen. Andere Nebenzimmer waren mit Betten versehen zur Bequemlichkeit der kränklichen Reisenden oder der Damen, die etwa wünschen möchten, auszuruhen. Auch muß ich Mehmed Ali, der es eigentlich war, welcher uns zufolge seines mit der Compagnie geschlossenen Contractes hier bewirthete, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und bezeugen, daß wir in seinen Hotels in der Wüste besser aßen und tranken, wie in dem ersten Gasthofe zu Cairo, obgleich alle Bedürfnisse, das Wasser nicht ausgenommen, aus weit entfernten Gegenden hierher geschafft werden müssen. Die Hotels, die nur ein Stockwerk hatten, waren aus Stein, gewöhnlich auf plattenförmig erhöhten Räumen erbaut und waren auch an der größern Höhe, die sie selbst hatten, schon aus der Ferne von den Pferdeställen zu unterscheiden, die ihnen zur Seite standen. Alle Gebäude waren aber, wie überhaupt in Egypten, platt von oben und glichen ihrer Form nach viereckigen Kasten. Das größte unter ihnen war das Hotel, in welchem wir von 12–1½ Uhr unsre Hauptmahlzeit hielten und das sich auf einem 12 Fuß hohen Plafond erhob. Man mußte auf Treppen hinaufschreiten und genoß aus der Vorgallerie eine freie Aussicht über die angränzenden Räume der Wüste. Außer diesen kleinen Poststationen, an denen ohngefähr alle drei Viertelstunden zum Wechseln der Pferde Halt gemacht wurde, bot uns die Wüste auch noch einige andere Abwechselung dar. Ein eigentlicher Weg, eine Spur von Rädern oder Kameeltritten war freilich nirgends zu sehen und selbst die Steinhaufen oder Pyramiden, welche in manchen sehr gleichförmigen Gegenden der Wüste in gewissen Abständen angehäuft worden waren, um die Richtung des Weges zu bezeichnen, waren zum Theil wieder vom Sande verweht und überschüttet. Dasselbe war der Fall mit den gefallenen Kameelen, die wir häufig sahen und die bald noch frische Kadaver waren, bald abgenagte Gerippe, die nur halb aus dem Sande hervorragten. Aber die vielen Karavanen und beladenen Kameelheerden, an denen wir öfters vorbeiflogen, gaben der Wüste, zu dieser Zeit der Land-Transporte, doch ein gewisses belebtes Ansehen. – Auch unsre Kutscher verschafften sich selbst und uns durch den Wettstreit, den sie mit einander im Schnellfahren hielten, einige Belustigung, – bald hielten unsre Wagen lange Zeit mit einander gleichen Schritt und flogen alle vier in stätigem Tempo neben einander dahin durch den weiten Raum, bald rannte uns der eine voraus und war einige Minuten später am fernen Saume der Wüste nur noch an den Staubwolken erkennbar, die ihn begleiteten, – bald verschwand ein anderer hinter uns, der im Sande stecken blieb und uns erst später wieder einholte; – zwei Erscheinungen aber waren es hauptsächlich, die mehr, als die eben genannten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, und mehr, als alles Andre, dazu beitrugen, das Bild der Wüste in meiner Phantasie unauslöschbar zu machen.
Auf der so einförmigen, gestaltlosen Oberfläche der Wüste fielen alle Gegenstände, welche die Gleichförmigkeit in Etwas unterbrachen, – ein Stein, der ein wenig größer war, als die andern, – ein Gerippe, auf die man an andern Localitäten kaum geachtet haben würde, – sogleich in die Augen; der Mangel aller andern Gegenstände aber, die zu Anhaltpunkten, zur Vergleichung bei der Beurtheilung hätten dienen können, war die Ursache, daß man hinsichtlich der Schätzung der Größe so wohl, als der Entfernung solcher Körper, die man sah, in die größten Irrthümer verfiel. Schon mehrmals waren wir an Sandabhängen vorbeigekommen, und hatten auf dem Rande dieser abschüssigen Stellen ziemlich große Körper gesehn, die fast in gleichen Abständen von einander dastanden, ohne daß wir die Natur derselben kannten. – Auch um 12 Uhr, als wir in der Hauptstation auf der Hälfte des Weges, also in der Mitte der Wüste, angekommen waren, sahen wir auf dem Rande eines erhöhten Sandwulstes nicht weit vom Hause eben solche Körper wieder hingepflanzt. Sie standen da, wie in einer Reihe neben einander und ihre Zahl betrug meistens 50. Wir vermochten nicht zu erkennen, ob es Menschen waren (Beduinen), die da standen, oder Schafe oder Sträucher oder Felsblöcke; – das Letztere war noch das Wahrscheinlichste, denn sie waren ganz unbeweglich und graubraun von Farbe, wie Alles umher. Sie standen aber in so regelmäßigen Abständen, wie man Felsen selten sieht und waren alle von vollkommen gleicher Größe. Es war ganz unmöglich, diese Größe zu beurtheilen, und zu sagen, ob sie drei oder zehn Fuß groß waren oder noch mehr und eben so unmöglich war es uns, mit dem bloßen Auge zu ermessen, ob sie sich in der Entfernung von nur 100 oder von 1000 Fuß oder mehr von uns befanden.
Ich beschloß, mir Sicherheit zu verschaffen und ging darauf los. Als ich näher gekommen war, so unterschied ich zu meinem nicht geringen Erstaunen die regelmäßige Form von ungeheuer großen Raubvögeln, die, wie es schien, ausgestopft und vom Besitzer des Hotels zum Trocknen dahingestellt waren, – denn auch kein einziger davon ließ auch nur die geringste Bewegung spüren; sie standen alle da in gleichen Abständen von einander, sie hatten alle eine vollkommen gleiche Stellung und waren mit ihrem Vordertheile dem Abhange zugekehrt; ich kam ihnen bis auf 25 Fuß nahe, aber – wie erschrak ich! – als nun plötzlich diese ungeheuren Vögel, alle auf Einmal, wie auf Einen Schlag, aufflogen und – dahin sausten durch die Wüste, in der sie sich auf einen andern Sandhügel, in derselben Stellung, wie vorher, und eben so unbeweglich wieder niederließen. – Es war der gemeine große Wüstengeier, Vultur fulvus, der sich besonders vom Fleische der gefallenen Kameele nährt, sich daher gern in der Nähe der Karavanenstraßen aufhält und diese von seinem Standpunkte, nämlich den Sandhügeln herab, überblickt, in einer der Straße stets zugekehrten Stellung.
Die zweite Erscheinung, die eben so eigenthümlich, wie die Geier und die Kameele, zur Wüste gehört, war die sogenannte Luftspiegelung, mirage, Sehrab der Araber. – Ihr Sichtbarwerden ist abhängig vom Grade der Erhitzung der Wüste durch die Sonne, sie ist daher zur Zeit der größten Hitze von 12 bis 2 Uhr am lebhaftesten, wird nicht vor 8 Uhr des Morgens sichtbar und verschwindet allmählig wieder gegen 5 Uhr des Abends. Wir hatten daher Gelegenheit, uns fast einen ganzen Tag lang an diesem optischen Phänomen zu belustigen, das der Wüste einen merkwürdigen, zauberhaften Reiz verlieh. Wir sahen es zuweilen nur an einer, meistens aber an zwei bis drei, ja fünf und mehr Stellen auf verschiedenen Seiten zugleich, – wenn es an der einen von diesen Stellen verschwand, so erschien es an einer andern Stelle wieder, wie hingezaubert, und so dauerte das Spiel den ganzen Tag lang, – des Mittags aber am schönsten und häufigsten – fort, indem es die öde Sandwüste in eine Steppe voll von Seen, Wassertümpeln und schlängelnden Flüssen verwandelte. Manche Stellen der Wüste nämlich, die vorher, wie alles Andre rundum, in ihrer bräunlich-gelben, matten Farbe dagelegen hatten, fingen, wenn wir uns ihnen bis zu einer gewissen Entfernung genähert hatten, an, zu glänzen – sie wurden gleichsam, so schien es, in einen Spiegel verwandelt, der die Farbe und das Licht des Himmels bläulich-weiß zurückstrahlte und dadurch das Bild einer Wasserfläche hervorrief; er war aber so blinkend, wie diese, – am Saum zitternd und dadurch den Wellenschlag so täuschend nachahmend, daß wir oft anfingen, zu zweifeln, ob wir nicht das wirkliche Wasser kleiner Seen vor uns erblickten. Weil nämlich der Saum der erhitzten Wüste im aufsteigenden Luftstrome wellenförmig zitterte und die Gränzlinie, die er mit dem scheinbaren See bildete, dadurch zerrissen wurde, so veranlaßte er durch seine Spiegelung im Pseudo-Wasser das Sichtbarwerden von länglichen Gestalten, wie von Palmenstämmen, die man am Ufer zu sehen glaubte – oder das spiegelnde, umgekehrte Bild wirklicher in der Nähe liegender Felsblöcke oder andrer Unebenheiten in der Wüste wurde verlängert. – Diese spiegelnden Wasserflächen hatten meistens eine längliche, streifenartige Form, zuweilen waren sie auch rundlich, manchmal wie Flußarme geschlängelt und eben so verschieden, wie in ihrer Form, waren sie auch ihrer Größe nach und wuchsen von kleinen Tümpeln bis zu ansehnlichen Seen an. Oft sah man sie mitten in der Wüste, dann waren sie an allen Seiten von dunkler gefärbten, matten Ufern umgeben und sie schienen in sanften Vertiefungen der Wüste zu liegen; am häufigsten aber zeigten sie sich in der Nähe des Randes oder im Rande selbst der Wüste und dann floß ihr jenseitiger Rand ununterscheidbar mit der Helle des Himmels, dessen Farbe sie hatten, zusammen.
Meine Begleiter und ich, wir wurden denn auch den ganzen Tag lang nicht müde, diese Erscheinung, die der starren Fläche ein gewisses Leben, eine gewisse Bewegung verlieh, zu betrachten und zu bewundern. Schon oft hatten wir geglaubt, wirkliches Wasser zu sehn und waren getäuscht worden. Dennoch geschah es zuweilen bei unsrer Ankunft an einer Station, wenn wir einen neuen See vor uns erblickten, daß verschiedene Engländer mit andern ihrer Landsleute um mehre Pf. Sterling wetteten: Diesmal wirkliches Wasser vor sich zu haben. Da lag, wie es schien, in einer sanften und muldenförmigen Vertiefung der Wüste – ein schöner blinkender See, sein Wasser bewegte sich zitternd in sanften Wellen und von seinem Ufer zogen sich ebenfalls lange Gegenstände – zitternd und sich spiegelnd – herab in's wogende Wasser, gerade so, wie man es an wirklichen Seen bemerkt, über deren Spiegel ein sanfter Wind hinwegstreicht. Die Täuschung war so vollkommen, daß ich wohl hätte mitwetten mögen, wenn ich von der Unmöglichkeit von vorhandenem Wasser in dieser Erdgegend nicht so sehr überzeugt gewesen wäre. Viele der Passagiere glaubten es aber steif und fest und schritten, um die Wette zu gewinnen und dabei zugleich ein erfrischendes Bad im Wasser zu nehmen, muthig darauf los. Aber als wir uns dem Phänomen bis auf einen gewissen Abstand genähert hatten, so wurde es zuerst schmäler, streifenförmiger und dann verschwand es, und zwar ziemlich schnell, vor unsern Blicken. Seespiegel, Wellenschlag, Ufer, Alles verschwand, wie auf einen Zauberschlag und von der muldenförmigen Vertiefung, die wir zu erblicken geglaubt hatten, blieb nichts zurück, wie die matte Sandwüste, die an der Stelle eben so flach und gleichförmig war, wie überall. – Was uns am meisten ärgerte, war, daß wir nicht einmal die Entfernung zu bestimmen vermochten, in welcher von unsrem Standpunkte aus gerechnet, die Erscheinung sichtbar wurde und wieder verschwand, daß wir also auch nicht die Stelle bestimmen konnten, wo die scheinbare Spiegelung Statt gefunden hatte, aus dem einfachen Grunde, weil diese keine Spur hinterließ und weil es den luftigen Seen nicht beliebte, mit ihrem Vorhandensein so lange zu warten, bis wir an ihren Ufern angekommen waren. Unsre Schätzung der Abstände, in welchen wir diese scheinbaren Wasserspiegel vor uns liegen sahen, auf ein bis zwei, ja drei und mehr englische Meilen war daher gewiß auch sehr betrügerisch.
Nachdem ich diese sogenannte Luftspiegelung gesehen und so oft sie sich zeigte, mit immer erneuerter Bewunderung betrachtet hatte, so mußte ich gestehen, daß doch auch die Wüste ihre Schönheiten besaß.
Auch der Abend, nachdem er gefallen war, nachdem sich schon ein zweifelhaftes Dämmerlicht über den Sandocean verbreitet hatte, bestätigte dies. – Wir befanden uns in der vorletzten Post-Station, als uns einige Passagiere, die draußen standen, zuriefen, daß wir hinaus in's Freie kommen möchten, weil ein wundervolles Schauspiel sichtbar werde. – Draußen angekommen und auf einem Sandhügel postirt, – da sahen wir eine ungeheuer große Kugel – sie war oben halb fleischroth, halb isabellfarben, – wir glaubten, daß es ein Luftballon sei, den man in ein bis zwei engl. Meilen Entfernung von uns in der Sandfläche aufsteigen ließ, – und wir hatten einige Zeit nöthig, um uns zu überzeugen, daß das, was wir sahen, – der volle Mond war, der sich langsam – wie ein ungeheures Gespenst über den Saum der bräunlich-falben Wüste erhob. – Er schien so ungeheuer groß, daß wir hätten glauben mögen, sein Durchmesser betrage mehr, wie gewöhnlich, was natürlich nicht der Fall war und so erhielten wir einen neuen, schlagenden Beweis, wie trügerisch alle Schätzungen über die Verhältnisse von Größe und Entfernung der Gegenstände in einer Wüstenfläche sind, die sich einförmig und kahl nach allen Seiten ausstreckt. –
Ich habe jene Erscheinung, wie gewöhnlich zu geschehen pflegt, Luftspiegelung genannt; sie gehört aber in der That der Lehre von der irdischen Strahlenbrechung an und ist am gründlichsten von Biot erklärt.[39] – Da, wie bekannt, Flüssigkeiten von verschiedener Dichtigkeit ein verschiedenes Brechungsvermögen besitzen, so hat Biot alle Erscheinungen auf mathematische Art erklärt durch die Abweichung der Lichtstrahlen, welche vom Gegenstande zum Auge gelangen, von der geraden Bahn, wodurch nach optischen Gesetzen eine Verrückung des gesehenen Bildes herbeigeführt werden muß. Über dem Wüstenboden aber, den die Sonne bescheint, sind die über einander gelagerten Luftschichten in verschiedenen Graden erhitzt, haben also auch eine ungleiche Dichtigkeit und ein ungleiches Brechungsvermögen der Lichtstrahlen. Diese letztern werden krumme Bahnen (Trajectorien nach Biot) in ihrem Laufe durch diese Luftschichten beschreiben, und da die Dichtigkeit der Luft unten, wo sie am stärksten erhitzt ist, am schwächsten ist, nach oben aber zunimmt, so entsteht von dem Gegenstande, – nämlich dem untern Theile des Himmels, der auf dem Wüstenrande zu ruhen scheint, – bis zum Auge eine nach unten gekrümmte Trajection und das Auge sieht ein doppeltes Bild: 1) das Bild, das durch dieselbe Luftschicht von gleicher Dichtheit in gerader Richtung vom Gegenstande zum Auge geht, also den wirklichen untern Theil des Himmels und 2) das Bild von diesem Theile des Himmels, das, in verkehrter Stellung, durch die gekrümmte Linie zum Auge gelangt und unter dem Wüstenrande oder in der Wüste selbst zu liegen scheint, wo es die Gestalt einer Wasserfläche hervorbringt, in welchem Wasser sich dann auf gleiche Weise das vom Wüstenrande entstandene, verkehrte Bild zu spiegeln scheint.
Die Steine, die in den verschiedenen Gegenden der Wüste, bald mehr, bald weniger zahlreich mit dem Sande vermengt waren oder auf dem Sande zerstreut lagen, waren meistens abgeplattet-kuglige, zwei bis vier Zoll dicke Geschiebe von Quarz, Feuerstein, Hornstein, Achat. Unter ihnen herrschte besonders ein gelblich-bräunlicher in Achat und Onyx übergehender Hornstein vor (s. Suez Nr. 1 im Museum zu Leyden), der sich durch concentrisch-rund um den Mittelpunkt laufende, abwechselnd hellere und dunklere bandförmige Streifen auszeichnet.
Der letzte, westlichste Theil des „Thales der Verirrungen“,[40] den wir durchschnitten, war viel unebner, wellenförmig-hügliger, als alle frühern, doch senkte er sich im Allgemeinen zum tiefer liegenden Nilthale herab. Er blieb in seiner Beschaffenheit den vorigen gleich, nämlich eben so kahl wie diese – und erst als wir diese nord-östliche Vorstadt von Cairo hindurch gefahren waren und aus dem Wirrwarr von elenden aus Erde gebauten Hütten (eigentlicher Höhlen), woraus diese besteht, in's Frankenquartier der Stadt, wo größere Wohnungen standen, gekommen waren, da sahen wir, zum ersten Male seit 22 Tagen, seitdem wir Ceylon verlassen hatten, wieder süßes Wasser, – wirkliches Wasser! – und erblickten zur Seite des gegrabenen Kanals, den dieses Wasser erfüllte, zum ersten Male wieder Bäume, – grüne Bäume! – Wir befanden uns im fruchtbaren Thale des Nil und hielten um 7½ Uhr des Abends (am 12ten October) vor dem Oriental-Hotel in Cairo still (siehe Fig. 18).
Ich hielt mich vom 12ten October an bis in den Abend des 21sten, also neun Tage lang in der Hauptstadt von Egypten, der Residenz des Pascha-Vicekönig's, auf, unterlasse es aber, mich in eine vollständige Beschreibung von Cairo einzulassen, da es, so ziemlich in allen Sprachen, schon genug beschrieben ist.
Jedem Passagier mit der Landpost ist die Freiheit gelassen, die Reise entweder sogleich nach Alexandrien fortzusetzen oder eine Zeit lang hier zu bleiben und einen der folgenden Transporte, die von Bombay aller 14 Tage anzukommen pflegen, abzuwarten und dann mit den Passagieren dieser spätern Transporte seine Weiterreise, auf kleinen Dampfschiffen den Nil herab, nach Alexandrien zu verfolgen. Die Passagescheine bleiben so lange gültig. Das Gepäck der Reisenden, das ohne deren Bemühung von Suez nach Cairo auf Kameelen angebracht wird, bleibt dann so lange in den Packhäusern zu Bulak deponirt. In diesem Dorfe, welches eine Stunde von Cairo entfernt, am östlichen, rechten Nilufer liegt, fand ich schon am Abend des folgenden Tages meine Kisten, zu denen mir der Zugang auf das Bereitwilligste gestattet wurde, um Bedürfnisse, die ich nöthig hatte, herauszunehmen.

Fig. 18. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.
Wenn man das platte Dach des Hotels betritt oder den Berg der Citadelle, den höchsten Punkt in ganz Cairo, – oder das Minaret einer Moskee ersteigt und sich auf die Gallerie, die rund um diese Thürmchen läuft, begiebt, so kann man einen großen Theil der Stadt und von der Citadelle aus sogar ganz Cairo mit seinen Umgebungen, – dem angränzenden Nilthale in Westen bis Norden, und der Wüste in Osten und Nord-Osten, – überschauen. Man sieht dann über ein Chaos von niedrigen, doch meist zweistöckigen, oben platten Häusern hin, die viereckigen Kasten mit dunklen Löchern, den Fensteröffnungen, gleichen und die eine eben so schmutzig-braune Farbe haben, wie die angränzende Wüste. Viele davon sind nur aus Erde (Nilschlamm) erbaut und als einst vor 20 Jahren ein Regenschauer fiel, was hier eine große Seltenheit ist, so lief die halbe Stadt große Gefahr, in Schutt zu versinken, nämlich in Wasser aufgelöst zu werden und die Bewohner flüchteten aus ihren Häusern. Nur hier und da schimmert ein besseres, weiß angestrichenes Haus aus dem Wirrwarr der übrigen hervor oder erhebt eine aus Stein erbaute Moskee ihre Minaret's. Das größte Privathaus in der ganzen Stadt ist das Hotel (Fig. 18), in dem wir abgestiegen sind. Es liegt im nord-östlichen Theile der Stadt und hat die Aussicht über die Gartenanlagen des Platzes Esbekieh, an die es gränzt. Dies ist der öffentliche Spaziergang der Bewohner von Cairo, wo sich die Türken des Abends unter den Bäumen mit Lautenspiel und Kaffeetrinken belustigen. Man erblickt daher hier das Grün von Bäumen und Sträuchern, fühlt aber auch den Nachtheil, den die Nähe des Wassers, der gegrabenen Kanäle, welche Esbekieh umzingeln, hat, nämlich Schwärme von Mosquiten, die auch im Innern des Gasthofes nicht fehlen. In allen übrigen Theilen der Stadt ist nirgends einiges Grün zu entdecken, außer den mehr grauen als grünen Wedeln der Dattelpalmen, die hier und da sehr vereinzelt über die Mauern hervorragen. Der Anblick über das Ganze, so wie es daliegt im blendend hellen Scheine der Sonne, wenn man es von einer Anhöhe herab beschaut, ist denn auch mehr eigenthümlich als schön. – Und wenn man sich in das Innere der Stadt begiebt und die engen Gassen durchwandert, die gewissermaßen nur Spalten zwischen den Häusermassen sind und deren Bewohner ihren Nachbarn gegenüber die Hand zureichen können, so stößt man auf den buntesten Wirrwarr, den man irgendwo erblicken kann. Man sieht die engen Kanäle (Gassen) vollgepfropft von Arabern, Türken, Griechen, Kopten, Juden, Malthesern, Franzosen, alle in ihrer Nationaltracht durch einander fluthend. – Kaufleute mit Datteln und andern Herrlichkeiten und Dutzende berittener Esel drängen sich durch's Gewühl hindurch, das an den schmalsten Stellen oft ganz in's Stocken geräth, so daß man weder vorwärts, noch rückwärts kann, – und wenn dann noch ein Kameel mit seiner Last ankommt, das auch hindurch will, ob es gleich den ganzen Raum der Gasse beinahe allein einnimmt, über deren Gewimmel es mit seinem riesenmäßigen Halse hoch hinwegschaut, so läuft man große Gefahr, zerquetscht oder zertreten zu werden. – Dessenungeachtet, als ob die Gassen nicht schon an und für sich selbst eng genug wären, erblickt man überall die Kaufwaaren in Ballen, Körben, Kisten, auf Tafeln und Gestellen vor den Thüren zur Schau ausgestellt.
Ihrem Verlaufe nach bilden die Gassen das größte Labyrinth, das man sich denken kann, sie drehen sich zu hundert Malen, – rechteckig – in den verschiedensten Richtungen hin und her, – bald werden sie breiter, bald wieder schmäler, – bald machen sie endlose winklige Gänge und kommen dann wieder auf denselben Punkt zurück – oder sie theilen sich in zwei bis drei Gassen und diese endigen sich, nachdem sie die wunderbarsten Biegungen, jederzeit in rechten Winkeln, gemacht haben, blind, so daß der Reisende, nach viertelstündigem Wandern keinen Ausweg findend, wieder zurückkehren muß, – und daß ein Wegweiser durch die Stadt einem jeden Fremden, der nicht in der Irre herumlaufen will, unentbehrlich ist. Das schmutzigste Quartier mit den allerschmälsten, oft ganz überbauten Gassen, mit den wunderlichsten Schlupfwinkeln und schiefen Häusern, die den Einsturz drohen, ist das der Juden und aus diesen Gründen wohl besehenswerth. – Manche Theile der Stadt, wo die Häuser theils eingefallen, theils, zum Breitermachen der Straßen, eingerissen sind, liegen ganz in Schutt. – Etwas besser schon ist das Quartier der Kopten, noch besser das der Franken (europäischer Christen), deren größte Zahl hier in Cairo Franzosen sind. Unter diesen findet man besonders Krämer, Schenkwirthe, Halter von Billard- und Kaffeehäusern, Kleiderkünstler, Professoren der Haarschneidekunst und Buchhändler. Viele Franzosen befinden sich im Dienste des Pascha als Offiziere oder Beamte und tragen alsdann das gewöhnliche egyptisch-griechische Kostüm, dessen Kopfbedeckung eine rothe Kappe mit einer großen Troddel von blauer Seide ist.
Das Hotel d'Orient, in dem Theile des Frankenquartiers gelegen, der an den schon oben genannten Spaziergarten gränzt, ist ein geräumiges, vierflügeliges, rund um einen innern, viereckigen Hofraum laufendes Gebäude von drei Etagen, das luftige und reinliche Zimmer enthält. Auch findet man daselbst eine Anstalt, um warme und kalte Bäder zu gebrauchen, für deren jedes man drei Franken bezahlt, – ein Lesekabinet – einen großen Speisesaal, aber eine schlecht besetzte Tafel, auf welcher die Hauptspeisen Hühner- und Hammelfleisch, nebst in stinkendem Fett gedämpftem Reis waren. Die Kost war überhaupt sehr schmal und stand, nach meinem Geschmacke, unter der inländischen Kost der Javaner. Der Gastwirth war ein Franzose (Coulomb, frères). Der tägliche Preis für Kost und Wohnung betrug 10 Francs (8 Schilling oder 4 indische Rupien), für eine Fahrt mit dem Wagen, wenn diese auch noch so kurze Zeit dauerte, bezahlte man 15 Francs (12 Schilling oder 6 Rupien) und für einen Dragoman, einen Türken oder Griechen, der Französisch versteht und als Dolmetscher oder Wegweiser dient, 5 Francs (4 Schilling oder 2 Rupien) täglich. Ein Dutzend Stück Wäsche kostet 2½ Francs.[41] Spottwohlfeil aber waren die Esel, die denn auch zu dem gewöhnlichsten Transportmittel in der Stadt und deren Umgebung dienen und die mit eben solchen dicken, unbehülflichen Sätteln, wie zu Aden, angethan, gewöhnlich zu Dutzenden auf dem Platze vor dem Hotel bereit standen.
Die zu Cairo ansässigen, europäischen Herren, die ich kennen lernte, hatten fast alle mehr oder weniger inländische Gewohnheiten angenommen, sie saßen nicht auf Stühlen, sondern auf niedrigen, breiten Ottomanen, manche auf türkische Art mit untergeschlagenen Beinen, – und rauchten aus langen türkischen Pfeifen, die, von einem Diener schon angesteckt und dampfend, auch uns Gästen angeboten wurden. Manche hielten auch ihren Harem und blieben Christen, wie zuvor. Bei solchen Besuchen hatte ich Gelegenheit, in Erfahrung zu bringen, daß die Wohnungen im Innern doch gewöhnlich viel besser eingerichtet, – reinlicher, wohnlicher, zierlicher und schöner meublirt waren, als man nach ihrem äußern, kahlen und schmutzigen Ansehn hätte erwarten sollen. Die meisten und fast alle von den größern Gebäuden waren vierflügelig und umschlossen einen innern Hofraum, in dessen Mitte sich, oft von einem Paar Bäumen beschattet, ein Brunnen (Cisterne) befand. Um diesen, allen neugierigen Blicken von außen völlig unzugänglichen, Hofraum liefen, wenigstens auf der obern Etage, zierliche offene Galerien herum, in denen sich die Fenster der Zimmer öffneten, während die Außenseite der Häuser nach den Straßen zu nur aus kahlen Wänden bestand. Hier und da sah man auch Luxus, – Fluren und Galeriesäulen waren oft von Marmor und der Boden vieler Zimmer war getäfelt.
Eine dankbare Erinnerung für zuvorkommende Gefälligkeiten, die ich genoß, knüpft sich an die Namen: de Champion (östr. Consul), Annibal Petracchi, Leop. de Rossetti (Spanier), Dr. Bruner-Bey, ein Bayer, Dr. Gaëtani-Bey, ein Spanier, war Leibarzt von Mehmed Ali und Dr. Klot-Bey, ein Franzose, von Ibrahim Pascha.
Die hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Cairo's und seiner Umgegend sind: verschiedene schöne Moskee'n, die ein jeder gute Christ besuchen darf, wenn er nur seine Schuhe im Vorportale ausziehn will, – die sogenannten Gräber der Khalifen, – die Gräber der Mammeluken, – einige Wasserleitungen auf hohen Bögen, – der Nilmesser auf der Insel (Geziret) el Rudah, Alt-Cairo gegenüber, – die weitläufigen Gartenanlagen und der Palast von Chabra (Schubra), wo Ibrahim Pascha wohnt, am Ufer des Nil zwischen Bulak und Alt-Cairo, – der Obelisk von Mataria (oder Matarieh), nord-ost-wärts ein Paar Stunden von der Stadt, an der Karavanenstraße nach Suez, wo die Ruinen von Heliopolis liegen, – der sogenannte versteinerte Wald, nämlich verkieselte (dicotyledonische) Baumstämme, der Tertiärformation angehörig, in einer drei Stunden von der Stadt entfernten Gegend der Wüste. – Ich will jedoch nur zwei Gegenstände einigermaßen näher hervorheben, die Citadelle und die Pyramiden.
Die Citadelle liegt am süd-östlichen Ende der Stadt auf einem mehre hundert Fuß hohen Felsberge, der sich auf drei Seiten isolirt aus der Fläche erhebt. Nur in Süd-Ost hängt er durch einen etwas tiefern Einschnitt mit dem letzten ziemlich schroff gesenkten Nord- oder Nord-West-Ende des Gebirges zusammen, das den Nil in seinem Laufe auf der Ostseite begleitet und das wegen der steilen, mauerartigen Senkung, die es auf der rechten Seite, nach dem Nilthale zu, bildet, von Cairo an, Tagereisen weit den Namen Dschebel Mokattam (steile Felswand) trägt. Außer den sehr alterthümlichen Festungswerken selbst, den Kasernen und einigen tiefern Brunnen, ist die neue prachtvolle, sehr hoch gewölbte Moskee sehenswerth, welche Mehmed Ali auf dem höchsten Scheitel des Bergs, im Innern der Festung, hat erbauen lassen, und außerdem die Wohnung von Mehmed Ali selbst, die sehr bescheiden ist und in keinem Verhältniß steht zu dem, wenn auch von außen nicht schönen, Palaste seines Harem's, der sich ebenfalls, nebst noch andern Wohnungen oder Palästen, in der Festung befindet. Ibrahim Pascha regierte damals schon, Mehmed Ali hatte abgedankt und galt für blödsinnig. Man sah ihn in einem Zweispänner oft in der Stadt spazieren fahren und die Umstehenden höflich grüßen. Seine Diener machten keine Schwierigkeiten, mich während einer solchen Abwesenheit ihres Herrn in seinem Palaste herumzuführen, der nur ein einstöckiges, ziemlich niedriges Haus war. Selbst in sein Schlafgemach wurde ich gebracht. Die Zimmer sehen ziemlich gut aus, doch war die Pracht, die man erblickte, für einen König von Egypten – den Nachfolger einer Kleopatra – nicht groß. Sie waren übrigens bequem eingerichtet und auf türkische Art mit niedrigen, breiten Bänken versehen, die an den Wänden rund um das ganze Zimmer liefen. Ein Überfluß von seidenen Kissen bedeckte diese Bänke. Auch ein Billard war in einem der Zimmer vorhanden. Mehr, als die Besichtigung dieser Gebäude aber, belohnt den Reisenden die Aussicht, die er von der Citadelle, diesem höchsten Punkte der Gegend, aus gewahrt, für die Mühe der Besteigung. Wenn ich nicht irre, so ist das Telegraphenthürmchen der höchste Punkt des Festungsberges. Man sieht von dort weit über die Stadt hin, in die Wüste hinein, nach Ost und Nord-Ost, wo man mit dem Fernrohr, in der Nähe von Heliopolis, den zweiten Telegraphenthurm erblickt; im Westen liegt das Nilthal, von dem ich aber nur einen bräunlichen Wasserspiegel sah, der sich weit nach Norden in das Delta hineinzog. Es war die Zeit der Überströmung und schon in einer Entfernung von ¾–1 engl. Meile vom westlichen Theile der Stadt fing der Wasserspiegel an, der den ganzen Raum erfüllte bis an den gegenüberliegenden Wüstenrand, worauf sich in West-Süd-West von der Citadelle, zwei schräg hinter einander stehende, spitze Hügel erhoben, die, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder aus der Erinnerung verschwinden. Es waren die beiden Pyramiden von Gizeh, die ich erblickte. Bis zum Fuße des erhöhten Wüstenrandes, auf dem sie stehn, war das ganze Nilthal nur eine Wasserfläche, ein bräunlich-gelber Spiegel, auf dem eine Anzahl langer, streifenförmiger Inseln zu schwimmen schienen. Dies waren die Dörfer, – und die vereinzelten Dattelpalmen, die sich auf diesen Landstreifen, neben oder in den Dörfern, erhoben, waren das einzige Grün, das man in der Landschaft sah, so weit das Auge reichte. Nackter, falber Sand und ein an Farbe diesem fast gleicher, gelblich-trüber Wasserspiegel war fast Alles, was ich von dem so gefeierten Egypten sah. Die ganze Landschaft war kahl und so weit das Auge reichte, jene Dattelpalmen ausgenommen, die in streifenförmigen Reihen aus dem Wasser hervorragten, ohne Grün. Aber je einförmiger der ganze Umkreis war, desto deutlicher fielen die Pyramiden in's Auge und blickten als Denkmäler, die der Vergänglichkeit trotzen, von ihrem Wüstenrande so stolz über den neun englische Meilen weiten Raum[42] herüber, daß, mit ihnen verglichen, die Inseln im Wasser und die Gebäude der Stadt in ein kleinliches Nichts versanken und man sich leicht in der Schätzung der Entfernung irrte. – Sie sind der Gegenstand, auf dem das Auge des Fremden zuerst haftet, da man sie nicht nur überall vom Nilufer aus, sondern auch vom Dache eines jeden höhern Gebäudes in Cairo erblickt. Man hält sie anfangs für kleiner, als sie sind, weil man die Entfernung zu gering anschlägt und weil alle andern hohen Gegenstände, die zur Vergleichung dienen könnten, in der Landschaft fehlen.
Um die Kolosse in der Nähe zu betrachten, begab ich mich am 15ten October des Nachts um 3½ Uhr in Begleitung eines Dragoman auf die Reise. Wir setzten uns auf unsre Esel und ritten durch die engen Straßen der Stadt, von denen nur eine belebt und mit einer Art von Kronleuchtern beleuchtet war, die von quer über die Straße ausgespannten Tauen herabhingen. Es wurde hier eine Hochzeit gefeiert, es wurde geschmaust und gespielt. Alle andern Straßen waren einsam und todtenstill. Der Mond aber schien so hell gegen die kahlen Mauern der oft klosterartigen Gebäude an, daß es auch in den schmalsten Gassen hell genug war, um ohne Straucheln fortkommen zu können.
Wir erreichten nach einem halbstündigen Ritt durch die Stadt, die in einem tiefen Schlummer lag, das Thor Bab el Seydeh, wo uns augenblicklich eine Wache entgegentrat.
Wie sich in dem Mährchen von Tausend und eine Nacht die Thore bezauberter Burgen öffnen, sobald der Glückliche, der das Geheimniß kennt, das rechte Wort ausgesprochen hat, so geschah es auch hier. Ich sprach nur leise das Wort Derbiel Gamiez (dessen Bedeutung ich gar nicht kannte), – und die Pforte Bab el Seydeh flog knarrend in ihren Angeln vor mir auf. Die Wache trat respectvoll zur Seite und wir schritten zum Thore der Stadt hinaus. Es war nämlich das Wachtwort, das ich vom Befehlshaber der Citadelle erhalten hatte, und das ich dem commandirenden Offizier der Thorwache ganz leise in's Ohr flüstern mußte.
Wir verfolgten nun unsren Weg auf sandigem Grunde zwischen Gartenmauern und anderm Gemäuer, ritten durch den Thordurchbruch unter einer sehr hohen und schmalen Wasserleitung hin, die nur von sehr schmalen, nicht bis zum Grunde reichenden Öffnungen, wie von hohen Bogenfenstern durchbrochen war und setzten unsre Reise dann von Neuem in Winkeln hin und her, zwischen den kahlen Mauern von Gärten fort, über welche, im Mondlichte glänzend, hier und da der Wipfel einer vereinzelten Dattelpalme herüberblickte. Die Wasserleitung ist die Ruine eines sehr alten Werkes, das aber auch jetzt noch dient, um die Citadelle mit Nilwasser zu versehn und sich fast 3000 Meter weit von West nach Ost hinzieht.
Wir kamen ein Viertel vor 5 Uhr am rechten Nilufer an, im Flecken Masr el Antikah, gewöhnlich Alt-Cairo genannt, und suchten uns eine von den vielen Barken aus, die am Ufer lagen. Wir befanden uns oberhalb, südwärts, von der sogenannten Herodes-Insel, Geziret el Rudah, die mit den Gärten und Gebäuden des Ibrahim Pascha bedeckt ist und auf ihrer Südspitze den Nilmesser trägt. Hier schifften wir uns mit unsern zwei Eseln ein und kamen nach viertelstündigem Rudern über den daselbst etwa drei Viertel engl. Meilen breiten Nil im Dorf el Gizeh an, am linken Ufer, das wegen seiner höhern Lage eben so wenig, wie das rechte, in dieser Gegend überschwemmt war. Wir vertauschten die Barke nun wieder mit unsern Eseln, kamen durch ein Campement von Cavalleristen, die in niedrigen Zelten wohnten oder ganz im Freien auf dem Sande umherlagen, neben ihren Pferden, welche mit Sätteln und Allem angethan, ebenfalls in freier Luft campirten, nämlich auf türkische Art mit den Füßen angebunden waren an kurzen Pfählen, die im Sande staken. Wir ritten dann auf schmalen, oft sehr schlammigen Dämmen hin zwischen Feldern, die unter Wasser standen, bis nach 5½ Uhr die mehr und mehr vom Wasser eingeengten Dämme zwangen, wieder eine Barke zu besteigen und unsre Reise bald in tiefen, schlangenförmigen Kanälen zwischen fruchtbaren Feldern von Reis und Mais, die nur zum Theil überschwemmt waren, – bald in dem untiefen Wasser über die inundirten Felder selbst fortzusetzen. Um 6½ Uhr kamen wir rudernd zwischen zwei Dörfern mit viereckigen Steinhäusern hindurch, Thormes und Saft, von deren Straßen viele ganz unter Wasser standen, eben so wie die Dattelpalmen, wovon hier ganze Wälder zu sehen waren. Ihre Stämme, die man in Beziehung zur Kleinheit des Baumes dick nennen konnte, ragten wie graue Säulen empor und waren ganz vom Wasser umfluthet. Ihre Wipfel aber, die mit goldgelben Fruchttrauben überladen waren, blickten freundlich auf den Spiegel des Wassers herab, gleichsam dankbar für den fruchtbaren Schlamm, den dieses Wasser auf dem Boden absetzt. – An andern Stellen, wo das Wasser schon wieder abgezogen war, sah man die Stämme auf dem Schlamme selbst sich erheben, der eine ganz ebne, gelblich-braune Oberfläche bildete. Indem wir so bei nächtlicher Weile unsre Wasserfahrt fortsetzten und uns den westlichen Gegenden des Nilthales mehr und mehr näherten, wurden die überschwemmten Gegenden immer größer, flossen mehr und mehr zusammen, so daß wir bald nur einen meilenweiten See vor uns erblickten, in dem die Dörfer und die Landstreifen, auf welchen Dattelpalmen standen, nur noch isolirte Inselchen bildeten. An allen diesen über das Wasser hervorragenden Stellen war grünes Gras und das Grün der Dattelpalmen sichtbar, außerdem aber sah man ringsherum nichts, wie den Spiegel des bräunlich-gelben Wassers, das bis an den Fuß der Wüstenterrasse, weit von hier in West und Süd-West, reichte. – Zwischen den inselförmigen Dörfern, die durch Erdwälle vor der Überströmung geschützt waren und den schmalen Landstreifen und Dämmen, die hier und da ein bis zwei Fuß hoch aus dem Wasser hervorragten, war die Strömung so stark, daß wir oft vergebens ankämpften und unsre Barke mehr als einmal Gefahr lief, umgeworfen zu werden oder zu scheitern.

Fig. 19. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.
In der Ferne sahen wir den breiten Bergrücken, der die Wasserfläche auf der Westseite begränzt; er erhob sich wie eine Stufe, die oben flach und ausgebreitet ist und von seinem Rande in Süd-West blickten die Pyramiden herab. Sie erschienen in ihrem nächtlichen Kleide schwärzlich-grau von Farbe, mit Ausnahme der einen Seite, die, vom Monde beschienen, hellgrau war und weit in die Ferne schimmerte.
Wir kamen näher, sie wurden größer. Als endlich die Sonne über der Wüste aufgegangen war und ihre ersten Strahlen auf die Steinkolosse warf, da fing die eine Seite derselben an, in einem gelblich-falben Lichte zu erglühen, während die andere Seite noch in tiefem schwärzlich-braunen Schatten lag, – und diese Licht- und Schattenseiten standen so grell einander gegenüber, sie waren durch so scharfe Gränzlinien von einander getrennt und eben so grell, mit eben so scharf gezogenen Linien, von dem hellen Blau des heitren Himmels hinter ihnen abgeschnitten, daß wir anfingen, außer von der Heiterkeit des egyptischen Himmels, allmählig auch von der Größe der Pyramiden eine richtigere Vermuthung zu bekommen. – Sie warfen zwei unabsehbar lange schwarze Schlagschatten hinter sich hinaus, zwischen denen der Sonnenschein, indem er zwischen den beiden Pyramiden hindurch auf die Wüstenplatte fiel, einen schmalen Streif bildete.
Man werfe einen Blick auf die kleine Ansicht Fig. 19, welche die Pyramiden so darstellt, wie ich sie zwischen 7 und 7¼ Uhr in Süd-West erblickte, ehe wir das Dorf Kafrah erreichten. Sie lagen etwa noch drei englische Meilen von uns entfernt. Ich habe mich bemüht, die scheinbaren Größenverhältnisse, das Grelle der Beleuchtung und das eigenthümliche Kolorit sowohl der Pyramiden und des Wüstenrandes, als auch des Nilwassers so getreu wie möglich nachzuahmen. Man sieht, daß mit nur geringen Nüancen fast alles falb, bräunlich-gelb ist und daß nur Dattelgrün und Himmelsbläue einige Verschiedenheit von Farbe in die Scene bringen.[43]
Der Mangel aller Verzierungen, die einfache Form der Denkmäler, so wie auch der einförmig-flache Charakter des umringenden Landes, wo man vergebens nach Gegenständen zur Vergleichung sucht, bringen in der Beurtheilung der Größenverhältnisse der Pyramiden eine ungemeine Täuschung hervor. Man hält sie für viel kleiner, als sie wirklich sind, glaubt, daß sie viel näher liegen und kann sich nur mit Mühe überreden, daß diese plumpen Körper höher, als der Dom von Antwerpen sein sollen. Sie scheinen dem Reisenden anfangs nur 70–100 Fuß hoch zu sein und es ist einige Zeit dazu nöthig, bis der Eindruck ihrer Größe seine volle Höhe erreicht hat.

Fig. 20. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.
Erst als wir näher kamen, als unten am Strande, am Fuße der Terrasse, worauf oben die Pyramiden standen, Menschen sichtbar wurden, – als wir diese Menschen nebst den Kühen, die sie vor sich her trieben, nur wie kleine schwarze Punkte zu erblicken vermochten, die sich dem Strande entlang bewegten, und als auch die Dattelpalmen, obgleich sie uns doch so viel näher lagen, noch so winzig klein blieben, während man schon am Saume der Pyramiden den Treppenbau und die einzelnen Steine zu erkennen vermochte, – da fingen sie an, uns durch ihre einfache Größe zu imponiren! – Wie kolossal, dachten wir, müssen diese Steinwürfel sein! Und hätten wir den Dom von Antwerpen neben die Pyramiden setzen können, wie würden wir erst über die ungeheuren Massen gestaunt haben! (Höhe der Pyramiden 450 Fuß, des Doms in Antwerpen 443½ und des Münsters in Straßburg 437½ par. Maaß.)
Wir landeten um 7½ Uhr nord-nord-ostwärts von den Pyramiden im kleinen Dorfe Kafrah, das nur aus ganz niedrigen, viereckigen Erdhäusern bestand und durch einen ebenfalls aus Erde, Nil-Schlamm, aufgeworfenen Ringwall vor der Überströmung gesichert war. Es lag also als Insel, ohne alles Grün, ohne eine einzige Palme, mitten im Wasser. Wir bewunderten die schönen blendendweißen Zähne der Männer, die sämmtlich in lange weiße Mäntel gekleidet waren und in Menge aus ihren Hütten kamen, um uns zu sehn. Sie waren höflich und brachten ihre sehr friedsame Beschäftigung mit heraus, nämlich drehende Spindeln, die von der Hand eines Jeden an langen Fäden herabhingen. Sie spannen Baumwolle und fuhren damit so fleißig fort, als wenn sie keinen Augenblick von ihrer Zeit zu verlieren hätten. Womit sich ihre Damen beschäftigten, ist mir nicht bekannt, denn diese blieben unsichtbar.
Indem wir von Kafrah weiter durch die Wasserfläche fuhren, sahen wir noch viele Dörfer, die alle eine und dieselbe Physiognomie hatten, nämlich viereckige, platte, bald nur aus Erde gebaute, bald steinerne und dann gewöhnlich weiß angestrichene Häuser mit dunkeln Fensterlöchern, – nebst Dattelpalmen, die um sie herum standen und die sich auch zuweilen mit ihren geraden Stämmchen waldähnlich am Ufer zusammendrängten. – Alle waren Inseln in einem See und zogen sich immer kleiner, streifenförmiger werdend, bis fern an den Fuß der Wüstenterrasse hinter einander hin.
Wir erreichten diese ein Viertel nach 8 Uhr und stiegen – nach einer bald zu Wasser, bald zu Esel, bald zu Fuß fortgesetzten Fahrt von 4¾ Stunden – am Ufer unterhalb der Pyramiden an's Land.
Das Felsgehänge, das hier vor uns lag, ist von der Wüste her größtentheils mit Sand überschüttet und in Rippen von Sand verwandelt, die, nach unten breiter werdend, sich vom Rande der Terrasse herabziehn. In den obern Gegenden des Gehänges aber sind zwischen den Rippen hier und da die Felswände entblößt und hier öffnen sich an mehren Stellen eine Menge kleiner, viereckiger in den Fels gehauener Kammern, die Katakomben, die aber ihres Inhaltes – der Mumien – gewiß schon seit langer Zeit beraubt waren. Das Gestein, das in horizontalen Bänken liegt, ist ein bleicher, gelblich-weißgrauer, mürber, grober, sehr ungleichförmiger, leicht zerbröckelnder, tertiärer Kalkstein, der fast ganz aus zusammengebackenen fossilen Seethieren, Balanen, Korallen, Muscheln, besonders Nummuliten zusammengesetzt ist (Nummulitenkalk). Siehe Pyramiden Nr. 1 im Leyd. Reichs-Museum. Aus demselben Stein gehauen liegen hier ungeheure, würfelförmige Blöcke, die fast die Höhe eines Menschen haben, auf einander gethürmt; sie bilden einen Damm, der von Ost nach West aus dem Nilthal hinauf zu dem Theile der Wand führt, wo sich die Katakomben befinden. Weiter aufwärts ist auch er mit Sand überschüttet.
Wir kamen nach viertelstündigem Klimmen um 8½ Uhr oben am Rande der Wüstenplatte an und sahen nun die östlichste der Pyramiden von Gizeh, die Pyramide von Cheops, in geringer Entfernung von uns. Eine Menge Araber waren uns aus den benachbarten Dörfern des Nilthales gefolgt, Alte und Junge, deren Jeder etwas verdienen wollte. Einige boten sich an, mich beim Ersteigen der Pyramiden zu unterstützen, – andere trugen Fackeln, um diese beim Besuche des Innern der Pyramiden anzuzünden, andere hatten Trinkwasser in Flaschen und Krügen mitgenommen; – alle aber wollten sie für die Hülfe, die sie dem Reisenden aufdrangen, so theuer, wie möglich, bezahlt sein.
Ich besuchte zuerst das Innere und erkletterte nachher den Gipfel der östlichsten Pyramide, welche für die höchste in Egypten gilt und 450 par. Fuß hoch ist. Ich enthalte mich jedoch einer Beschreibung dieses durch den Besuch großer Alterthumsforscher so bekannt gewordenen Monuments. Mein Zweck konnte nur sein, den Leser mit der äußern Physiognomie des Landes überhaupt und dieser Denkmäler in's Besondere bekannt zu machen. Man klettert über Haufen von Sand und zerbrochenen Steintrümmern etwa bis ein Fünftel der Höhe hinan, wo sich in der nord-östlichen Wand der Pyramide der Eingang zum Innern befindet. Über diesem Eingange war in bunten Farben die Hieroglyphenschrift zu lesen, die R. Lepsius nach seiner Ersteigung der Pyramide (am 15ten October 1842) hier hat einhauen lassen, zum Beweise, daß dem Scharfsinn wissenschaftlicher Forschung auch die Entzifferung der räthselhaftesten Zeichen möglich ist, deren mystische Unauflösbarkeit zum Sprüchwort geworden war.
Beim Besuche des Innern muß man in sehr gebückter Stellung in einem langen, engen und kanalartigen Gange, dessen vier Wände aus geglätteten, polirten Steinplatten bestehen, hinabsteigen oder besser, hinabrutschen, denn der Kanal führt sehr steil und schnurgerade abwärts, und muß nachher auf einem ähnlichen glatten Grunde, auf dem es schwer ist, festen Fuß zu fassen, fast eben so hoch wieder hinaufklimmen und über mehre gefährliche Stellen auf schmalen Vorsprüngen hinwegklettern, um beim trüben Scheine der Fackeln den innern viereckigen Raum zu erreichen, der die Größe eines mäßigen Zimmers hat. Hier steht ein länglich-viereckiger Sarkophag, ohne Deckstück, einer Badewanne ähnlich, der aus einem Stücke desselben Gesteins gearbeitet ist, womit die vormals polirten Wände umher belegt sind, – nämlich aus einem schönen, großkrystallinischen Granit, der, außer röthlichem Feldspath und weißem Quarz, viel schwarze Hornblende und keinen Glimmer enthält, also syenitartig ist (s. Museum in Leyden, Pyramiden Nr. 4[44]). – Überall sieht man die deutlichsten Spuren, daß sich frühere Reisende Stücke von diesem Gestein abgehämmert haben, das schon vor drei- bis viertausend Jahren einmal von der Hand des Menschen bearbeitet wurde, – und ich nahm mir dieselbe Freiheit.
Ich bin zweifelhaft, ob ich das Besuchen des Innern der Pyramiden oder das Ersteigen ihrer Spitze für schwieriger halten soll; letzteres verlangt mehr Kraftentwickelung, das erstere aber ist beschwerlicher, da es zum Theil in gebückter Stellung geschehen muß, im Rauche der Fackeln und zwischen Beduinen. Diese bemühen sich allerdings, es dem Reisenden so leicht wie möglich zu machen und ihn deswegen von aller unnöthigen Last zu befreien, z. B. von seinen Taschentüchern, die sie ihm mit dem, was sie sonst noch kriegen können, hinten aus seiner Tasche ziehn, – aber als Fremder, – gänzlich Unbekannter, in so einsamen abgelegenen Räumen unter einigen Dutzend Banditen zu athmen, kam mir unsichrer vor, als 200 Fuß hoch in der Luft an der schroffen Wand der Pyramiden zu kleben.
Als ich in dieser Höhe angekommen war und mich ermüdet auf einem der schmalen Vorsprünge niederkauerte, als ich von da an der steilen Wand 200 Fuß tief hinabschaute und das weite Nilthal mit seinen Inseln nebst der Wüste so tief unter mir erblickte und – über mir noch 250 Fuß hoch zur obern Hälfte der Pyramide, die ich noch zu ersteigen hatte, hinansah, – da erst steigerte sich das Bewußtsein der Größe von diesen Denkmälern menschlicher Kunst zur Empfindung und es war ganz unwillkührlich, daß sich ein Gefühl der Bewunderung, des Staunens meiner bemächtigte.
Diese Empfindung spannte mich an, meinen Vorsatz zum Erklettern der Spitze nicht aufzugeben, so gefährlich und so schwindel-erregend dieses Geschäft auch war. Die würfelförmigen Steinblöcke, aus denen die Pyramiden emporgethürmt sind, waren derselbe mürbe, mit dem Hammer leicht zertrümmerbare Nummulitenkalk (Pyramide Nr. 1, Reichs-Museum), dessen ich schon oben gedachte. Die Blöcke waren drei bis vier Fuß hoch und darüber; sie waren treppenartig an einander gereiht, so daß man stets von einer Stufe auf die andre klettern mußte. Da aber die Vorsprünge nur schmal und oft nur zwei Fuß breit waren, die Wand der nächsten Stufe sich aber oftmals so hoch erhob, als die Größe eines Menschen beträgt, so würde es unmöglich gewesen sein, sie ohne Leitern zu erklettern, wenn das Gestein an vielen Stellen nicht wäre zerfressen gewesen und Lücken geformt hätte, die in den vormals scharfen Rand der Treppen einschnitten, – ihn rauh, uneben und dadurch zugänglich machten. Oft mußte ich 25–50 Fuß weit auf den schmalen Vorsprüngen in einer horizontalen Richtung hinschreiten, bis ich eine zugängliche Stelle, Lücke, des Randes antraf, durch welche ich auf die höher liegende nächste Stufe gelangen konnte. Auch dieses würde nicht möglich gewesen sein ohne Hülfe der Führer, welche die zugänglichen Stellen kannten und mich im Zickzack hin und her von der einen Stufe auf die andre immer höher hinaufbrachten, bis auf die 450 Fuß hohe abgestutzte, zertrümmerte Spitze der Pyramide, wo ich noch Zeichen vom Besuche des Herrn Lepsius fand, wahrscheinlich dem letzten, welcher diesem Denkmal geworden.
Das Eigenthümliche, zwar weniger Schöne, aber ungemein Großartige der Aussicht, die sich von diesem[45] Standpunkte aus darbot, will ich nicht versuchen zu beschreiben; denn ich befürchte, daß mir dies eben so wenig gelingen würde, als mir die Entzifferung der Hieroglyphen gelang, die man am Fuße der Pyramide eingegraben sieht. – Zur Seite sah man nach Süd-West, West und Nord-West weit in die starre Wüste hinein, nach Süd reichte der Blick aufwärts im Nilthale bis jenseits der Pyramiden von Sakara über Memphis hinaus, – und nach Nord und Nord-Ost blickte man weit in das überschwemmte Delta hinein, über Cairo hinweg bis zu den Ruinen von Heliopolis.
Der Gedanke, auf der Spitze eines Monuments zu stehen, das sowohl das größte und höchste in der Welt ist, als auch das älteste, – dessen Gründung und Bestimmung in ein mystisches Dunkel gehüllt bleibt, – das aber drei bis vier Jahrtausende an sich vorüberfliegen sah, – und von diesem Denkmal herabzublicken auf ein durch Natur sowohl, als Menschenbildung so merkwürdiges, räthselhaftes Land, das die Wiege war uralter Wissenschaft und Kunst und das seit den Zeiten der Pharaonen bis zu dem Helden von der Schlacht an den Pyramiden, der Schauplatz war so mancher welthistorischen Begebenheit, – dieser Gedanke gab der Aussicht, die ich genoß, einen ganz eigenen, träumerischen Reiz, dem ich mich noch länger würde überlassen haben, wenn nicht der kalte Nordwind, der über die Spitze der Pyramide unsanft hinwegpfiff, mich an das Herabsteigen gemahnt hätte.
Ich kam mit zerrissenen Kleidern, doch unzerbrochenen Gliedern, wieder am Fuße der Pyramide an und stieg von da an einer andern, mehr südlich gelegenen Stelle des Wüstenrandes in's Nilthal hinab; ich nahm diesen Umweg, um den großen Sphinx zu besuchen, der eigentlich nur ein stehen gebliebenes Stück ist von der Felswand selbst. Man hat diese ringsherum auf die Art ausgebrochen, daß allein der Theil davon stehen geblieben ist, welcher durch weitere Bearbeitung die Gestalt erhalten hat, die schon sein Name anzeigt. Ich erkannte deutlich die horizontalen Streifen der verschiedenen Schichten, woraus die ursprüngliche Felswand bestand, – das Gebild aber war so kolossal groß, daß ich anfangs von der hintern Seite nichts sah, wie einen unförmlichen Felsthurm und mich auf der Seite des Nilthales, der Ostseite, in eine gewisse Entfernung begeben mußte, um die Züge der Figur zu erkennen, die dann um so frappanter hervortraten, je weiter ich mich davon entfernte.
Von da trat ich meine Rückreise nach Cairo an; die Reise nach den Pyramiden kostete: zwei Esel 4, – eine Barke 2, – zwei Araber, die bei der Ersteigung der Pyramide behülflich waren 4, – zwei andere, die Fackeln und Trinkwasser lieferten 2, – zusammen 12 Schilling.
Nachdem in der Nacht vom 20sten bis 21sten October der Transport der Passagiere von Bombay angekommen war, mit dem ich beschlossen hatte, meine Reise fortzusetzen, begab ich mich am 21sten gegen Abend um 5 Uhr nach Bulak und schiffte mich auf dem kleinen Flußdampfschiffe ein, das diesmal nur 35 Passagiere nach Alexandrien zu bringen hatte.
Von hier schien sich bis zum Fuße des Wüstenrandes nur eine Wasserfläche auszudehnen, die voll von Inseln mit Dattelpalmen war. Ich warf noch einen letzten Blick auf die Pyramiden, die sich auf dem Wüstenrande erhoben und die im falben Grau der Abenddämmerung, 9–10 engl. Meilen weit, zu uns auf die Transitroad herüberblickten, – und überließ mich dann, nachdem unsre Dampfmaschine um 6¼ Uhr in Bewegung gesetzt war, der Zeit und dem Strome, die beide unaufhaltsam dahinflutheten. Wir trieben, oder besser, flogen, von inländischen, arabischen, Lootsen geleitet, pfeilschnell den reißenden Strom hinab, der nirgends ein Ufer mehr hatte, da die ganze nun immer breiter werdende überschwemmte Fläche des Delta's nur ein Wasserspiegel war. Bald hüllte die fallende Nacht alle Gegenstände in ihren grauen Flor und wir mußten die Lokalkenntniß des Lootsen bewundern, der, ungeachtet der weit und breit überschwemmten Ufer und, wie es schien, des Mangels aller sichtbaren Marken, dennoch das mit unglaublicher Schnelligkeit dahin fliegende Schiff im Fahrwasser zu halten wußte.
Wir schifften im westlichen Arme des Nils, der bei Rosette mündet, hinab und kamen um 4½ Uhr des Nachts oder besser des Morgens am 22sten zu Atféneh, oder Atfieh, an, in der Nähe der großen Stadt Fuah, wo wir mit unsrer Bagage in noch kleinern Barken übergeschifft wurden. Denn wir lagen hier am Eingange des schmalen künstlichen Kanales, durch den wir nun bis Alexandrien weiter gebracht werden mußten. – Die Mündung des Kanals liegt nur noch 3½ geogr. Meilen von Rosette entfernt, und 1° 15' nördlicher, als Bulak, bis zu welchem Orte der gradlinigte Abstand 19 geographische[46] Meilen, die vielen großen Krümmungen des Nil aber mit in Anschlag gebracht, gewiß das Doppelte beträgt. Wir hatten also ganz Unter-Egypten (das ganze Delta) von Cairo bis in die Nähe des mittelländischen Meeres in weniger als einer Nacht durchschifft.
Es war 5½ Uhr, als uns ein kleines, seiner Form nach von den übrigen abweichend gebautes Schiff, das nur eine Dampfmaschine mit Schrauben enthielt, an's Schlepptau nahm, um uns durch den engen Kanal zu ziehen, der für die Bewegungen eines Dampfschiffes von größerm Umfang zu klein gewesen sein würde. – Der Kanal macht von hier einen großen Umweg und geht erst wieder rückwärts in einem halbkreisförmigen Bogen nach Süden, um die niedrigen, zum Theil unter Wasser stehenden Umgebungen des See's Etku herum, ehe er sich west-nord-westwärts nach Alexandrien richtet.
Ich muß hier ausdrücklich bemerken, daß am Bord der kleinen, schmalen Flußdampfboote von Cairo bis Atféneh und in den noch kleinern Barken von da bis Alexandrien an kein Schlafen zu denken war, weil 1) der Schiffsraum so vollgepfropft von Reisenden war, daß man froh sein mußte, einen Sitzplatz an einem Tische erhalten zu können und 2) auch keine andern Räume, viel weniger Betten vorhanden waren. Essen und Trinken wurde oft gereicht oder, besser gesagt, die Tafel war die ganze Nacht hindurch gedeckt, aber auf egyptische Art; wenigstens ich dachte dabei immer an Pharao's magere Kühe, deren Fleisch vielleicht noch besser würde gewesen sein, als die Herrlichkeiten, die hier aufgetischt wurden: dünner Thee, schwacher Kaffee, Reis mit stinkendem Fett angerührt, harter Schiffszwieback, magere, halb gargekochte oder gebratene Hühner, – das war so ziemlich Alles. Die Engländer aßen von diesen Leckerbissen mit musterhaftem Appetit und hielten sich auch hier, wie überall, streng abgesondert von andern Nationen, als wenn sie alle nicht britischen Menschen für Ketzer oder alle andern Völker – Franzosen, – Spanier, – Holländer ganz unwürdig ihres Umganges hielten, – eine, wie mich dünkt, nicht sehr liebenswürdige, aber von ausgezeichnetem Eigendünkel zeugende Eigenschaft. Die Franzosen betrugen sich viel mehr als Weltmänner und legten offenbar eine viel feinere, gewandtere Bildung an den Tag, als jene, auf ihre – angelsächsische oder normännische – Nationalität stolzen Söhne Old-England's. Die Römer, bis anno 1 nach Christus und noch etwas später, waren eben so hochmüthig und dachten, das «civis romanus sum» aussprechend, nicht an ihren Fall. – Was ist aus ihrem Reiche geworden? u. s. w.
Als am 22sten October der Tag graute, waren wir noch im Kanale und sahen uns von einer erbärmlich-öden Landschaft umgeben, denn wir erblickten Nichts, wie braune Erdufer und Dämme, die hier und da mit einer ebenfalls aus brauner Erde erbauten Hütte bedeckt waren. Manche dieser Hütten waren viereckig, andere hemisphärisch von Gestalt. Sie waren nur mit einer kleinen Öffnung, nämlich der Thüre, versehen und schwerlich hoch genug, daß die Beduinen, die aus den Löchern hervorkrochen – lauter schmutzige, zerlumpte Gestalten, – aufrecht im Innern stehen konnten. Man hätte sie aus der Ferne für Bienenkörbe halten können, denen sie ihrer Form nach glichen, wenn sie nicht ein wenig größer gewesen wären.
Zu beiden Seiten des Dammes, der nur selten die Spuren von Pflanzenwuchs trug, sahen wir weite kahle Flächen, die bald trocken und sandig oder noch mit feuchtem, braunem Schlamm bedeckt, bald, jedoch sehr untief, oft nur einige Zoll hoch, mit Wasser überschwemmt waren. Es gehörten diese Gegenden dem fast ganz trocken liegenden See Mariut (Mareotis) in Süd-West und dem See Etku, so wie später dem See Abukir, beide in Norden, an, von denen der letztgenannte auch fast ganz ausgetrocknet war. Die beiden letztern blieben also zur Rechten, der erste zur Linken liegen, während wir im engen Kanale von unserer kleinen Dampfmaschine dahingezogen wurden. Etwas Häßlicheres kann man nicht sehen, als diese ganz horizontalen Schlammflächen oder untiefen Wasserlachen, durch die der braune Boden überall hindurchschimmert und die, so weit das Auge reicht, auch nicht die geringste Abwechselung darbieten. Kaum, daß hier und da ein Vogel darin herumwadet. Die Luftspiegelung allein war es, welche der Landschaft einigen Reiz verlieh und hier war es in der That schwer, zu unterscheiden, wo man wirkliches Wasser oder wo nur den Schein von Wasser sah.
Der Erdwall des Kanals ging endlich in Mauerwerk über und es erschienen wieder Dattelpalmen in Gärten, die mit Mauern umgeben waren. Diese lehnten sich einem niedrigen Hügelrücken an, der sich von Süd-West nach Nord-Ost in weite Ferne hinzog. Wir sahen nämlich den schmalen, erhöhten Landstreifen vor uns, der zwischen den überschwemmten Flächen Egypten's und dem mittelländischen Meere als Bollwerk daliegt, – wir erblickten immer mehr und mehr Spuren menschlicher Kunst, – Gebäude, Pflanzungen, – und kamen um 11¾ Uhr zu Alexandrien an, das auf einem in's Meer hinausragenden Felskap dieses Bergstreifens erbaut ist.
Wir konnten von dem Ende des Kanals, wo unsre Barke anlegte, die Wanderung in die Stadt nach Belieben auf Eseln machen oder auch eine Art von Omnibus besteigen, die sich zu dem Behufe eingefunden hatten. Auch unser Gepäck wurde auf Eseln oder Kameelen in die Stadt gebracht, die viel größere palastähnliche Gebäude, zahlreichere Gasthöfe enthält, und als viel besuchter Hafenort, als der Sitz der fremden Gesandten, – als Wohnplatz vieler europäischer Kaufleute, auch ein ungleich mehr europäisches Ansehn hat, wie Cairo. Die Umgebungen der Stadt sind aber viel weniger schön, viel öder und einförmiger und bieten, außer einigen Obelisken und andern Ruinen, dem Reisenden weniger Sehenswerthes an, als die erstgenannte Stadt.