XXIII. VON HONOLULU NACH SAN FRANCISCO.
Reading edition
Abschied von den glücklichen Inseln. Die Zealandia und ihre Gesellschaft. Unsere schöne Hellena, der alte Schiffsdoktor und eine interessante Geschäftsreisende. Langweile und Kriegsgerüchte. Ankunft des Lootsen. Das Goldene Thor.
Die Zealandia, welche uns nach San Francisco bringen sollte, war erst am 12. September von Australien her fällig. Insgeheim hofften wir, dass sie sich wie gewöhnlich einen Tag verspäten möchte. Aber schon am Morgen des 11. September wurden wir sehr unangenehm durch die Nachricht überrascht, dass sie in Sicht sei.
Wir beeilten uns schleunig einzupacken, Photographien zu kaufen und Abschied zu nehmen. Zum Glück hatte der Kapitän ein Einsehen und verschob die anfänglich für denselben Nachmittag festgesetzte Abfahrt auf morgen. Die Passagiere strömten natürlich wieder schaarenweise an Land, doch nur wenige kamen ins Hotel zum Dinner, was wir als ein günstiges Symptom in Betreff der Zealandia Küche auffassen zu dürfen glaubten. Und wie die Folge lehrte hatte es damit seine Richtigkeit.
Es ist immer schmerzlich, sich von einem Ort losreissen zu müssen, in dem man sich eingelebt hat, namentlich wenn sich an ihn so viele angenehme Erinnerungen knüpfen. Wir waren in Honolulu trotz des kurzen Aufenthalts nicht nur mit den Weissen sondern auch mit den Eingeborenen schnell vertraut geworden, und fast jedes Obstweib, jedes Mädchen auf der Strasse, jeder Pferde verleihende Strolch, kurz das ganze fröhliche, blumenbekränzte Gesindel stand mit uns bereits auf dem freundschaftlichsten Fuss intimer Begrüssung, so oft wir uns begegneten. Zum letzten mal tauschten wir nun mit all diesen liebgewordenen Bekannten unser »Aloha«, während wir nach dem Hafen fuhren.
Ein reizend frischer Morgen lag über den Gärten Honolulus, als die Zealandia pünktlich zur festgesetzten Stunde vom Kai und seiner grellbunten Volksmenge, die Tücher schwingend uns glückliche Reise nachrief, sich löste.
Auch der König hatte sich eingefunden, Zeuge unserer Abfahrt zu sein. Er stand etwas abseits vom grössten Gewühl neben einer eleganten Kalesche, deren Pferde ein Kutscher in Jockeylivree hielt. Sonst hatte er keinen Begleiter. Er sah der Zealandia nach, bis sie langsam über die Riffbarriere gesteuert war. Ein paar Dutzend nackter und schreiender Jungen schwammen zu beiden Seiten des Dampfers mit hinaus und bettelten um Münzen, die sie im Sinken unter dem Wasser erhaschten, ohne die mögliche Anwesenheit von Haien zu fürchten.
Sobald wir die offene See erreicht hatten, wendeten wir uns nach links, gingen im Bogen um Oahu herum, zwischen Oahu und Molokai hindurch, und schlugen dann den Kurs nach San Francisco ein, schnurgerad dem Nordostpassat entgegen.
Wieder glitten die hell blinkenden, gefurchten Wände von Diamond Head, die uns auf jener denkwürdigen nächtlichen Bootfahrt so gespenstig entgegengegrinst, vorüber. Je mehr wir von der feuchten Passatseite Oahus zu sehen bekamen, desto grüner wurde die Insel, desto mehr wichen die dürrgebrannten Flächen aus der Landschaft. Immer undeutlicher wurden die Palmen und die struppigen Hütten am Ufer, der eigenthümliche Silberglanz der Kukuibüsche auf den Höhen. Bald waren nur mehr die blauen Umrisse der Berge sichtbar. Rechts hinter uns tauchte noch auf kurze Zeit die gewaltige Pyramide des Haleakala aus den Wolken, aber rasch legte sich ein feiner duftiger Schleier über ihn und verbarg ihn. Mit dem wehmüthigen Gefühl, dass ich wohl nie mehr diese glücklichen Inseln betreten sollte, blickte ich zurück, bis sie entschwunden waren. Es ging jetzt wieder nach Nord, einem rauheren Klima, dem Zwang europäischer Uebertünchtheit entgegen, und es war mir zu Muth wie ehemals als Schuljungen am Ende der Ferien.
Die Kajüte hatte sich in Honolulu aussergewöhnlich stark gefüllt. Mehrere kindergesegnete Strohwittwen von Offizieren der so lange dort stationirt gewesenen und nun abberufenen amerikanischen Fregatte Lackawanna und einige auf Hawaii ansässige Kaufleute und Plantagenbesitzer, die der jüngst abgeschlossene Zuckervertrag nach San Francisco führte, waren mit eingestiegen. Nicht minder machten sich auf Deck für tausend Dollars Bananen aus Honolulu bemerklich und schmälerten den ohnehin schon hinlänglich knappen Raum. Alle Geländer, Kommandobrücken, Gallerien und Rettungsböte hingen voll von meterlangen in Blättern verpackten Aehren derselben.
Die Verpflegung war jetzt unter englischer Flagge wieder erträglich und jedenfalls sehr viel besser als die niederträchtige Knauserei unter den amerikanischen der Cities of New York und of San Francisco, obgleich die Küche englischer Schiffe im allgemeinen sich keiner grossen Berühmtheit erfreut. Man bekam jetzt wenigstens wieder ein ordentliches Stück Fleisch, anständigen Thee und reines, gekühltes Wasser. Die Zealandia war überhaupt das beste Schiff unter den dreien, mit denen ich den Pacific kreuzte, wenn sie auch nicht so amerikanisch bombastisch aufgeputzt war wie die anderen. Sehr schnell lief sie freilich ebenfalls nicht, und wir erreichten auch mit ihr nie 300 Seemeilen im Tage. Die Mannschaft bestand zum grössten Theil aus Weissen. Nur die Heizer, diese unglückseligen Sklaven der Maschinenhölle, waren lauter Chinesen. Die Stewards liessen an Aufmerksamkeit nichts zu wünschen, die weissen wenigstens. Die zwei unwirschen Chinesen, die darunter waren, durften nicht bis an die Tische kommen. Beständig zankten sich ihre boshaften Mongolengesichter. Das ganze Schiff, welches in Greenock das Licht der Welt erblickt hatte, sprach für die Ueberlegenheit englischer Schiffsbaukunst über die amerikanische. Der Salon lag zwar auch hier im Zwischendeck, war aber ausgezeichnet ventilirt und hatte eine grossartig aussehende Kuppel, die durch die beiden oberen Decke emporragte.
Nur Schade, dass man im Salon eigentlich nie Ruhe hatte um zu lesen oder zu schreiben. Denn den ganzen Tag sassen musikbeflissene Ladies am Piano und klimperten und sangen, um sich für die täglichen Abendkonzerte vorzubereiten. Nirgends mehr auf dem Erdball ist man vor dieser Modemanie schlechter Musizirerei sicher.
Unsere Gesellschaft bestand zum grösseren Theil aus australischen Engländern, zum kleineren aus Amerikanern. Auch ein paar deutsche Landsleute waren vorhanden. Den Mittelpunkt des Salons bildete eine auffallend blondhaarige Operettensängerin aus San Francisco, die als schöne Hellena gepriesen wurde und eben von einer australischen Kunstreise befriedigt zurückkehrte. Sie hatte einige sehr verfängliche Augenblitze, ein noch verfänglicheres Lächeln bei halbgeschlossenen Lidern und eine vielsagende Bewegung des Beines, mit der sie die rauschende Schleppe herumwarf und die an das geschlitzte spartanische Gewand erinnerte, in ihrem Repertoir, wodurch sie auf einige ältere Herren eine bedeutende Anziehungskraft übte. Nur an dem einen echt englisch begangenen Sonntag ruhten alle ihre Künste, und während des Gottesdienstes, den der Kapitän dirigirte, war es interessant die blonde Schlange zu beobachten, wie sie zerflossen in heiliger Inbrunst magdalenenhaft sich hinwarf und, vollständig entrückt in höhere Sphären, aufzustehen vergass, als die Feier zu Ende war.
Die Abendandacht dieses Sonntags musste der Schiffsarzt leiten, ein alter weissbartiger Mann von sechzig Jahren. Man sagte, er sei früher in Victoria ein wohlhabender Squatter und mehrere tausend Schafe werth gewesen, aber unglückliche Spekulationen hätten ihn ruinirt und genöthigt, als nautischer Aeskulap sein kümmerliches Brod zu verdienen, da er in seiner Jugend Medizin getrieben. Am Morgen war vom Kapitän Musterung der ganzen Mannschaft wie auf einem Kriegsschiff abgehalten worden.
Als ziemlich isolirter Salonpassagier befand sich ein feiner Chinese aus San Francisco an Bord, der sich bald an uns anschloss, als er sah dass wir freundlich mit ihm waren. Dies geschah unsererseits weniger aus allgemeiner Menschenliebe, als hauptsächlich in der schnöden Absicht, durch ihn in die Geheimnisse des Chinesenviertels von San Francisco eingeführt zu werden. Er war anfangs ein wenig schüchtern, mit der Zeit aber wurde er dreister, und schliesslich legte er im Rauchzimmer seine Beine mit demselben Bewusstsein auf den Tisch als ob er ein Eingeborener der Vereinigten Staaten gewesen wäre.
Im Zwischendeck trieb sich eine schon ziemlich verwitterte Weibsperson herum, welche meine Aufmerksamkeit erregte, indem sie viel mit den chinesischen Heizern verkehrte und geläufig das englisch-chinesische Kauderwälsch zu sprechen schien. Sie war das Urbild von Gemeinheit und Smartness und gehörte zu einer besonderen Varietät des pazifischen Europäerabschaums. Es sollen nämlich hier nicht selten weisse Frauenzimmer von einer Insel zur anderen vagabundiren, um sich bei heterogenen Rassen einem gewissen kosmopolitischen Erwerbszweig hinzugeben, nachdem sich ihre nur mehr im Kontraste der Hautfarbe bestehenden Reize sonst nirgends mehr verwerthen lassen. Unsere Reisegefährtin nun hatte eben die hawaiische Inselgruppe in solcher Art bereist und rühmte sich, glänzende Geschäfte bei den Kanakas gemacht zu haben. Vorher hatte sie in Peru und in China geabenteuert. Welch interessante Geschichte stak in dieser Person.
Die meisten der männlichen Passagiere vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen um hohe Einsätze, und ein alter knurriger Kauz rannte beständig von einem zum anderen, um Lotteriezettel zu verkaufen und Gewinnste zu verloosen. Da ich an diesen Unterhaltungen keinen Geschmack fand, und weder Lektüre noch Ruhe zum Schreiben vorhanden war, fühlte ich die Langweile des Schiffslebens doppelt empfindlich, und das Reisen zur See wurde mir wieder recht sauer. Wie ganz anders war es auf der Euphrosyne gewesen, als ich meine eigene Kammer, meine Bücher und sonstigen Sport hatte, trotz dem ewigen Salzfleisch. Jetzt musste ich die kleine Passagierkabine mit einem Anderen theilen, und dieser Andere hatte die leidige Gewohnheit, Abends wenn wir zu Bett gingen immer betrunken und redselig zu sein und die ganze Nacht unausstehlich zu schnarchen.
Man sprach viel von einem möglicherweise bereits ausgebrochenen Krieg zwischen England und Russland, da die letzten Nachrichten aus Europa, die die Zealandia von Sydney, ihrem letzten Telegraphenpunkt, erhalten hatte, sehr kriegerisch lauteten. Alle erdenklichen Konjekturen wurden von der müssigen Phantasie so vieler Müssiggänger daran geknüpft, und manche sahen schon ganz Europa in Flammen. Wir Deutsche wussten allerdings nicht, ob es noch der Patriotismus erlaubte, in das stereotype »God save the Queen«, welches jeden Abend das Konzert beschloss, mit einzustimmen. Der Wunsch, sie »glorious« zu sehen, konnte bereits Vaterlandsverrath sein.
Unter dreissig Grad nördlicher Breite, als es bereits ziemlich kühl war, erschienen zu meinem grössten Erstaunen ganz unzweifelhafte Albatrosse draussen über dem Wasser. Ich war immer der Meinung gewesen, dass diese Vögel auf die südliche Hemisphäre beschränkt seien, und in fast allen zoologischen Büchern wird dies behauptet. Es waren deutlich und unverkennbar Albatrosse, die dicht hinterm Schiff nach Abfällen spähend hin und her kreuzten. Ganz derselbe zusammengesetzte Schnabel, dasselbe Profil, derselbe Flug, dieselben kurzen schwach geknickten Flügelspitzen, mit denen sie die Kämme der Wellen ritzten. Sie gehörten einer etwas kleineren Spezies an, braun mit schwarzen Flügeln, weissliche Ringe um die Augen und um den After. Als ich in San Francisco Woodwards Museum besuchte, fand ich ausgestopfte Exemplare die mich überzeugten, dass ich mich nicht getäuscht.
Ein grosser Ball, gegeben vom Kapitän und den Offizieren, sollte das Ende der Reise, dem wir uns näherten, am 18. September festlich begehen. Der Salon war aufs Prächtigste mit Flaggen ausgeschlagen, alle Tische und Bänke waren entfernt, und die Ladies hatten sich mit den heitersten Farben geschmückt. Aber das Wetter verdarb den Abend. Die See wurde unruhig, und das Schiff begann in einer Weise zu rollen, dass es den Klavierspieler von seinem Sitze warf, und die tanzenden Paare sich begnügen mussten in stehender Umarmung gegen die Bewegungen des Bodens anzukämpfen, was übrigens nicht ohne Reiz sein mochte.
Am Nachmittag des 19. September begrüsste uns ein echt kalifornischer Nebel und hielt uns auf, so dass wir erst einen Tag später als wir gehofft nach San Francisco kommen konnten.
Wir waren nahe den Farrallones Inseln, und Alles lag voll von Fischern. Am Morgen hatten wir einen solchen passirt, als er eben beschäftigt war, einen erbeuteten Walfisch zu zerlegen. Es war ein kleines Thier, wahrscheinlich ein Pottwal. Der seiner Haut entblösste blutige Körper schwamm neben dem Fahrzeug, mit Tauen und Ketten an dasselbe befestigt, und zwei Männer standen auf ihm und hieben mit langen Messern die Speckschwarten los. Das einzige mal, dass ich im Stillen Ozean von dem einst so blühenden Walfischfang etwas zu sehen bekam.
Die Dampfpfeife flötete in den Nebel hinaus, und wir steuerten langsam unseren Kurs. Hie und da antwortete uns eine ferne Trompete hinter dem grauen Schleier.
Gegen Mitternacht wurde es heller. Wir warfen Raketen, und bald darauf kam der Lootse in seinem Schuner durch die Finsterniss herangespenstert. Die Ankunft des Lootsen bei Nacht hat immer einen eigenthümlichen Zauber. Die Seereise ist zu Ende, man ist in gehobener Stimmung. Die Maschine stoppt, eine befremdende wohlthuende Stille tritt ein. Die Schritte der Offiziere, die über das Deck eilen, klingen so seltsam, unten plätschern die Wellen, ringsum herrscht tiefes Dunkel. Wir mühen uns vergebens, draussen auf dem Wasser einen Gegenstand zu erspähen. Da taucht ein Licht auf und taucht gleich wieder unter. Wir hören Ruderschläge, die näher kommen, und plötzlich fährt in undeutlichen Umrissen gespensterhaft und riesengross das Segel des Lootsenschuners ganz nahe am Hintertheil vorüber. Der Lootse steigt aus seiner Jolle die Jakobsleiter herauf, und wir bestürmen ihn um Neuigkeiten und Zeitungen.
Es war noch kein Krieg ausgebrochen. Das Wichtigste, was die San Francisco Blätter wussten, war eine grosse Pockenepidemie im Chinesenviertel.
Als ich am frühen Morgen des 20. September erwachte, fuhren wir eben in das Goldene Thor. Die Fahrt von Honolulu hierher hatte somit ziemlich genau acht Tage gedauert.
In Amerika darf man sich nicht von jedem hochtönenden Wortschwall täuschen lassen und ja nicht glauben, dass dahinter auch jedesmal etwas Entsprechendes stecke. Diese Lehre gab mir gleich dieses »Goldene Thor«, die Einfahrt zum Hafen der »Metropole des Westens«. Links und rechts öde, kahle, gelbliche Felsen von gewöhnlichen Formen, ohne den Schmuck der Vegetation oder der Architektur, die nächsten Kanten über und über mit den weissschimmernden Exkrementen Tausender von Wasservögeln bespritzt, an der einen Seite oben ein Leuchtthurm, in der Mitte die schmutzig gelbe Fluth, die sich nach innen wälzt – das ist das »Goldene Thor«. Trüb und kalt lag das Land im grauen Morgenlicht. Nirgends ein grüner Fleck. Ich kam aus dem Paradiese der Südsee, und der erste Anblick Kaliforniens berührte mich so unfreundlich wie noch nie eine mir neue Küste.
Ein rothes Fort glitt vorüber, Batterieeinschnitte auf dünenartigen Sandhügeln daneben und einzelne Häuser. Ein dunkler kompakter Mastenwald tritt hinter der rechten Ecke vorne heraus, die Häuser werden dichter. Noch eine Biegung nach rechts, und San Francisco liegt vor uns, auf und ab über Berge und Hügel gebaut, halb von einem dunstigen Nebel verschleiert.
Das Pier der Pacific Mail ist am innersten Ende des Hafens, und wir mussten ihn deshalb in seiner ganzen Länge passiren. Eine imposante Anzahl von Fahrzeugen aller Art lag vor Anker oder an den überall ihre Arme entgegenstreckenden Piers. Fast alle Flaggen der Erde waren vertreten, auffallend häufig die deutsche. Eine amerikanische Fregatte erwiderte unseren Gruss. Neben ihr lag ein riesiges Segelschiff mit vier vollen Masten. Eine Menge Jollen und kleine Dampfer legten sich an unsere Zealandia, und eine Menge neugierige Zeitungsreporter, Zollbeamte, Hotelagenten und sonstiges Hafengesindel ergossen sich aus ihnen auf unser Deck und rannten durch das Gewühl der zum Landen sich rüstenden Passagiere.
Endlich waren wir fest, und die Landungstreppe fiel. Auch diesmal hatte ich mit dem Customhouse mehr Glück als ich zu hoffen gewagt. In der kürzesten Zeit war ich fertig, und ein Hotelwagen entführte mich ins Innere der Stadt.