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Reise durch den Stillen Ozean

XV. BESTEIGUNG DES BUKELEVU.

Reading edition

Landung in Dangai. Mandrai und Arrowroot. Improvisirte Naturalienhändler. Ausflug nach Dalingele. Tonganer. Festessen und Kawagelage. Ein schwindsüchtiger Häuptling. Die heissen Quellen. Unfall und Nothzucht. Mühseligkeiten des Bukelevu. Hungersnoth und Kälte. Abstieg. Schneckenfrühstück in Lomadsche. Sonntagstoilette der Insulanerinnen.

Während wir die Partie nach Waidule machten, war Mister Daymac in dem Kutter nach Levuka gefahren, um eine mit der letzten Post von Hamburg über Sydney eingetroffene Sendung von Spiritus und anderen Ausrüstungsgegenständen zu holen. Als wir zurückkehrten war er schon wieder da. Er hatte sehr gutes Wetter gehabt, aber es war ihm das Unglück passirt, in der Nacht auf ein Riff zu stossen. Der Kutter hatte dadurch ein Leck bekommen und musste geflickt werden.

Herr Kleinschmidt requirirte vom Tui etliche zwanzig Burschen, um ihn aufs Trockene zu ziehen, und früh am folgenden Morgen, während ich noch in meinem Zelt auf der Matte lag, kamen dieselben in zwei Kanuus aus Sanima angerudert. Schon von ferne tönte ihr fröhlicher und melodischer Gesang in den herrlichen Morgen unseres stillen noch halb beschatteten Thales herein.

Es galt nun, rasch an die Arbeit zu gehen, ein Brett auf das Leck zu nageln, und schliesslich den ganzen Kutter zu kalfatern und mit Theer anzustreichen. Ein reisender Naturforscher in der Südsee hat sich auf all diese Dinge zu verstehen. Das Reisen ist dort mit Umständlichkeiten und Mühsalen verbunden, von denen man ohne eigene Anschauung nur schwer sich einen Begriff macht. Als der Kutter wieder flott war, zog sein Holz, ausgedörrt von der Sonne, so viel Wasser, dass Herr Kleinschmidt und sein Gehilfe mehrmals in der Nacht aufstehen und in der Jolle hinausfahren mussten, um auszupumpen.

Am 25. Juli endlich war es möglich die zweite Partie unseres Programms, die nach dem Bukelevu, anzutreten. Wir schifften uns auf dem Kutter ein und lichteten Anker. Auch Mister Daymac ging diesmal mit und ausser Niketi noch zwei Kerls von Sanima zum Rudern. Ein günstiger Wind brachte uns rasch über die Korallenriffe und in offene See. Die Ufer wichen zurück, der Bukelevu, der hohe westliche Pfeiler Kandavus, trat uns entgegen.

Allenthalben segelten Kanuus der Eingeborenen, und eines, vollbeladen mit Männern, Weibern und Kindern, fuhr so nahe in gleicher Richtung vorüber, dass ich es flüchtig skizziren konnte, aber auch so rasch, dass ich kaum damit fertig wurde. Der Kutter war ziemlich schwer und durfte es an Schnelligkeit nicht mit den leichten, fast körperlosen Vitifahrzeugen aufnehmen. In allen möglichen Stellungen lag und sass die ob unseres Zurückbleibens laut lachende Gesellschaft auf der Platform zwischen Kanuu und Ausleger vor und hinter dem nach vorne geneigten Mast, häufig von den hüpfenden Wellen bespült. Auf dem Hintertheil standen aufrecht zwei Männer und steuerten mit langen Riemen, die sie im Kielwasser nachschleppen liessen, und die Umrisse ihrer Gestalten zeichneten sich scharf wie Silhouetten gegen den klaren Horizont ab.

Weit im Norden schwammen die duftigen Berge der nächsten Inseln über der blauen Fläche. Links thürmten sich die dunklen Massen des Busches von Kandavu über dem glänzenden Muschelstrand, hie und da kreischten ein paar zänkische oder geschwätzige Papageien aus dem fernen Dickicht bis zu uns herüber. Die glühende Sonne und die frische Brise mischten sich zu einer angenehmen wohlthuenden Wärme. Es war ein Hochgenuss, so dahin zu segeln.

Aber nach kaum vier Seemeilen schlief der schöne vielversprechende Wind ein und machte einer tödtlichen Stille und einer versengenden Hitze Platz. Das Segel fiel von einer Seite zur anderen, und beständig mussten wir uns bücken, um nicht von dem haltlosen Besanbaum bald links bald rechts an den Kopf geschlagen zu werden.

Nun folgten einige recht langweilige Stunden, die wir mit vergeblichem Hoffen auf Wind und kurzen Ruderanstrengungen zubrachten, was aber bei der Schwerfälligkeit des Kutters und bei der Faulheit unserer Burschen nicht viel half. Auch die Eingeborenen in ihren Kanuus mussten jetzt das Segeln aufgeben und sich auf die Riemen werfen. Eines begegnete uns, mit acht grossen Kochtöpfen befrachtet. Hinten standen zwei Männer, jeder mit seinem langen Steuerriemen hin und her arbeitend, sie »frickten«, wie der Seemann sagt, und es sah sehr komisch aus, wie die beiden frei in der Luft stehenden Gestalten dabei gleichmässig hinum und herum wackelten.

Erst gegen Abend erhob sich ein leichtes Lüftchen und brachte uns langsam dem Ziele näher. Jenseits der Namalatta Bai passirten wir den Sitz des weissen Obermissionärs, Richmond Settlement, ein hübsches Gebäude europäischen Styles unter Palmen auf einem Hügel, hinter dem grosse kahle röthliche Flecken in die Berge gebrannt waren, vielleicht um dort Taro zu bauen. Der Bukelevu wurde immer höher und hüllte seinen Gipfel mit dem Sinken der Sonne immer dichter in Wolken. Ein kreisrundes Aussenriff, über welchem die See gleichsam athmend ihre Wogen in tosender Brandung hob und senkte, während wir selbst in unserem Fahrzeug ganz dicht daneben keine Bewegung fühlten, zwang uns zu einem grossen Umweg. Dann machten wir linksum und steuerten geradewegs in die Bucht von Taulalia hinein. Drei Dörfer, rechts Taulalia, links Tanawa und in der Mitte Dangai, lagen vor uns.

Freudig ob des nahen Endes der Fahrt hissten wir unsere deutsche Flagge. Doch wir freuten uns zu voreilig. Kaum waren wir in den Schatten des Bukelevu getreten, als heftige Windstösse vom Lande her in das Segel peitschten und den Kutter rückwärts trieben. Und nicht eher gelang es uns, wieder vorwärts zu kommen, als bis wir die kleine Jolle aussetzten und vorspannten, und alle, auch Herr Kleinschmidt und ich, aus Leibeskräften zu rudern begannen, trotz der unfehlbaren Einbusse die unsere Würde durch solch knechtische Arbeit in den Augen des am Strande versammelten Publikums erleiden musste.

Hinter einer vorspringenden Klippe konnten wir endlich Anker werfen und landen, zum grossen Gaudium des in aufgeregtester Erwartung und lebhaftester Heiterkeit unser harrenden Janhagels. Neugieriges Anstarren, Witze reissen, Kichern und Auslachen seitens der erwachsenen Insulaner, entsetztes Ausreissen der kleinen Nacktfrösche wie immer, einige Grobheiten seitens des Europäerthums. Ein paar Männer kamen, uns die Hände zu reichen und gleich darauf Taro zu unverschämten Preisen anzubieten.

Das Dorf Dangai, vor dem wir gelandet waren, darf sich rühmen, das schmutzigste und ärmlichste zu sein, das ich auf Kandavu gesehen habe. Nachdem wir uns überzeugt, dass in der Unreinlichkeit der Hütten kein Unterschied herrschte, quartierten wir uns in jener ein, die dem Strande am nächsten lag. Das Innere dieser Behausung war braunschwarz geräuchert wie lackirt. Dank dem Rauch, welcher uns die Augen thränen machte, gab es hier keine Moskitos. Dafür wimmelte es von Ameisen, welche sonach weniger empfindlich zu sein schienen und sogleich eifrig die Höhenzüge und Thäler unserer Personen explorirten. Dazu roch es, jedoch nicht nur hier, sondern überhaupt in dem ganzen Dorfe, wie nach einem Gemenge von faulem Käse und faulem Gemüse. Der Stoff, dem dieses scheussliche Odeur entquoll, war Mandrai, das landesübliche Brot, welches hergestellt wird, indem man die Nüsse des Iribaumes zu einem Brei zusammenbäckt und in Bananenblätter gewickelt auf einige Wochen in die Erde vergräbt, um ihn faulen zu lassen. Nur meiner Begeisterung für anthropologische Untersuchungen hatte diese höllische Nahrung es zu verdanken, dass ich meinen Ekel überwand und davon kostete. Der Geschmack war dem Geruch entsprechend.

Es wurde rasch dunkel, und ein langer Abend stand uns bevor. Wir hatten zwar eine Petroleumlampe mitgebracht, bei deren Licht wir lesen konnten, aber der Mandraigeruch trieb mich hinaus. Fröhliches Geschrei und das Fallen von Kokosnüssen lockte mich nach einer Stelle, von wo durch das Ricinusgebüsch unter den Palmen ein lodernder Feuerschein herüberdrang. Nach oftmaligem Stolpern fand ich den Weg dorthin.

Mehrere Männer waren beschäftigt, Arrowroot zu bereiten. In einem Korb lagen die kartoffelähnlichen Wurzelknollen der Amarantha, welche sie auf dem hierzu vortrefflich geeigneten Korallengerüst einer Fungia wie auf einem Reibeisen pulverisirten und in einem halb mit Wasser gefüllten ausgehöhlten Trog sammelten, um es zu schlemmen. Einer der Männer, welcher meine Wissbegierde begriff, zeigte mir die Bedeutung des Trogs, indem er mit der Hand hineinlangte und von dem Pulver heraufholte. Dazu assen sie Kokosnüsse und boten auch mir davon an.

Als ich in die Hütte zurückkam, war man mittlerweile zu dem unvermeidlichen Kawagelage geschritten. Trotz des Mangels an Sauberkeit, der überall auffällig war, that auch ich Bescheid. Hatte ich vorhin Mandrai gegessen, so konnte ich jetzt auch die zweifelhafteste Yankona trinken. Zum Glück wars zu dunkel, als dass ich von dem Vorgang des Brauens etwas zu sehen brauchte.

Lange noch, nachdem die neugierige Menge, die uns bisher Gesellschaft geleistet, sich verzogen, und wir selbst uns zum Schlafen niedergelegt hatten, sangen einige kräftige Stimmen drüben in der Nachbarhütte geistliche Lieder und hielten mich wach. Ich lauschte ihnen und fand abermals, dass die Kirchengesänge dieser Wilden entschieden mindestens ebenso melodisch klingen wie die unserer Bauern. Neugierig, wer denn die Urheber dieses Nachtkonzertes sein möchten, ging ich hinüber, kroch durch die Thüre und fand, als ich bei der spärlichen Beleuchtung die Gestalten allmälig erkannte, dass es unsere Burschen waren, die in sehr unandächtigen Stellungen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem Nacken gekreuzt und mit den Beinen in der Luft herumgaukelnd ihre frommen Lieder zu Ehren meiner Erscheinung mit doppelter Kraft zu brüllen begannen, während zwei Mädchen daneben sassen und stillvergnügt und stumpfen Gesichtsausdruckes mit Maultrommeln musizirten.

Als ich am nächsten Morgen mich erhob und ausging einen Bach zum Baden zu suchen, antichambrirte bereits draussen vor der Thüre eine ganze Reihe von Männern und Weibern mit Töpfen, Flaschen und Bündeln, lauter improvisirte Naturalienhändler, die mit uns ein Geschäft machen wollten. Der eine hatte ein paar zerzauste, halbgerupfte Papageien, der andere Schmetterlinge, deren Flügel nur mehr aus einigen Fetzen bestanden, ein dritter in einem alten Senftopf, der nicht gereinigt war, eine lebende kleine Schlange, die heftig darin herumfuhr und sich über und über mit den Senfresten beschmierte. Vogeleier halb oder ganz zerdrückt, Nester mit Eiern die nicht dazu gehörten, und womit man Herrn Kleinschmidt naiver Weise zu täuschen beabsichtigte, Käfer und Schnecken, jedoch kein einziges Exemplar ohne Beschädigung, viele Dinge, die unverletzt werthvoll, aber in den Händen dieser achtlosen Sammler vollkommen unbrauchbar geworden waren, alles Mögliche boten sie uns feil. Ein paar Mädchen kamen schlau lächelnd herbei und trugen grosse Töpfe, sorgfältig die Deckel zuhaltend, und als sie öffneten, wimmelten und krabbelten hunderte von grossen, schwarzen Schaben darin. Und da sie nun an uns keine Käufer fanden, entledigten sie sich sogleich, indem sie ihre Töpfe ausleerten, der ekelhaften Thiere, die nun nichts eiligeres zu thun hatten, als schaarenweise in unsere Hütte zu flüchten.

Es gab einige seltene Vögel hier. Mister Daymac ging auf die Jagd und schickte durch Jungen die erlegten, sowie er einen geschossen, an Herrn Kleinschmidt, der sie sofort abbalgte. Wir hatten zu dieser Arbeit einen Tisch mitgebracht, aber das Wetter sah trübe aus, hie und da fing es an zu regnen, und häufig mussten wir uns ins Innere der Hütte flüchten, wo man nur auf dem Boden arbeiten konnte, da die Fenster so niedrig waren, dass sie höchstens die untere Fläche des Tisches beleuchteten.

Ich selbst lief einigen Schmetterlingen nach, und ein Eingeborener, der schon den ganzen Vormittag mir gefolgt war, von Zeit zu Zeit, wenn ich mich umdrehte, mich freundlich angrinsend, ohne ein Wort zu sprechen, unterstützte mich leider in meinen Bemühungen. Vergebens suchte ich ihm begreiflich zu machen, dass er mir das Schmetterlingfangen überlassen solle. Sein Eifer mir zu helfen war unabweisbar. Fast jedesmal kam er, gewandter und flinker als ich, mir zuvor und schnappte mit seinen Händen meine Beute weg, um sie dann äusserst befriedigt mir zu überreichen, aber nie ohne sie in seinen täppischen Fingern gründlich ruinirt zu haben.

An der anderen Seite des Dorfes stand ein Ndrallabaum in Blüthe, ein Baum, der im alten Kalender der Vitis eine grosse Rolle spielt. Er gehört zu den wenigen, die alle Jahre ihre Blätter abwerfen, und ehe diese wieder sprossen, treibt er zuerst seine traubenförmigen Blüthen. Sie sind von einer merkwürdig blutrothen Farbe, an die mich später auf Hawaii im Krater des Vulkans Kilauea die kochende Lava des Feuersees lebhaft zurückerinnerte, und prangend in kahlem Astwerk, geben sie mitten in der vollen grünen Vegetation und zwischen den wogenden Palmen einen eigenthümlich fesselnden Anblick. Die Blüthe des Ndrallabaumes bezeichnete ehemals für die Insulaner den Anfang eines neuen Jahres und noch jetzt die Zeit, zu welcher Yams gepflanzt werden muss.

Am Nachmittag unternahmen wir einen Ausflug nach der anderen südlichen Seite der Insel, wo heisse Quellen entspringen sollten. Eine kurze, aber mühselige Wanderung über das Felsengeröll des Ufers, welches den Fuss eines vorspringenden steilen Hügels bildet, brachte uns nach dem Nachbardorf Taulalia, dessen Kirche ebenso wie früher gesehene mit weissen Muschelguirlanden behangen ist. Dann ging es nach links und in südlicher Richtung eine Bergschlucht hinauf, in deren vor den Winden geschützten Tiefen Brotfrucht- und Farnbäume wuchsen, zu beiden Seiten des Weges kunstvoll angelegte Tarosümpfe, die ein geschwätzig murmelndes Wässerchen berieselte.

Hoch oben auf dem Bergsattel, dem Hauptstrebepfeiler des Bukelevu zu unserer Rechten, von wo aus wir wieder vor uns und hinter uns die blaue See mit den herrlich violetten und grünen Korallenriffen und den weissen Schaumlinien erblickten, winkte uns zwischen Bananen eine kleine Ansiedelung, Nambali (vielleicht verwandt mit »Yarambali«), zur wohlverdienten Rast. Zum ersten mal fand ich hier das Innere der Hütten durch nicht ganz bis oben reichende Wände aus Flechtwerk in mehrere Gemächer getheilt, eine höhere Stufe des Baustyls. Dann kam der Abstieg, und rasch gelangten wir auf steilen und engen Pfaden hinunter, theilweise durch einen Forst mit eingestreuten Baumfarnen, wie er schöner selbst in Neuseeland nicht gedacht werden konnte. Eine einsame Hütte, ein paar scheue Mädchen, die eilig ins Gebüsch entfliehen, noch ein Stückchen Wald, ein Palmenhain und wir sind in dem grossen Dorf Dalingele.

Dalingele ist das ansehnlichste und sauberste Vitidorf, welches ich je gesehen habe. Der Häuptling, ein stattlicher Mann von höchstens vierzig Jahren, nur mit dem braungemusterten Sulu aus Tapa bekleidet, kam uns zum Willkomm entgegen.

Von allen bisher kennengelernten Häuptlingen schien dieser am meisten auf seine Würde zu halten. Im Hintergrund seiner Hütte, die durch einen Querbalken und etwas höhere Polsterung unter den Matten von dem übrigen Theile abgesondert war, durften nur er und wir niedersitzen. Vorne sass ein Dutzend Männer jeglichen Alters, seiner Befehle gewärtig, mit denen er nicht sparsam umging, vielleicht nur um uns zu zeigen, wie flink seine Untergebenen gehorchten. Blos ein Junge von etwa zehn Jahren schien das Privilegium strafloser Ungezogenheit zu geniessen und molestirte alle Uebrigen, selbst das Oberhaupt mit seiner frechen, ruhelosen Zudringlichkeit, indem er hier einem den Tabak aus dem Ohrläppchen oder aus dem Turban stahl, dort mit einem Feuerbrand herumfuchtelte und das Gebäude anzuzünden drohte, Alles was er sah für sich in Anspruch nahm und schliesslich auch auf unser Gepäck sein Augenmerk richtete, was er indess nach einer entschiedenen Zurückweisung aufgab. Vielleicht war der ungezogene Junge ein Vasu, jener Neffe des Häuptlings, dem in früheren Zeiten nach einer äusserst merkwürdigen, alten Rechtsüberlieferung der Vitis Alles gehörte, was dem Häuptling untergeben ist. Nur Männer sassen mit uns zusammen, die Weiber des Häuptlings hatten ihre Hütte nebenan für sich, wo sie kochten.

Wir waren gerade zu guter Stunde nach Dalingele gekommen. Denn für denselben Abend war ein grosses Festessen in Vorbereitung. In allen Hütten wurde eifrig gekocht und gepantscht und dabei nicht minder eifrig gelacht und geklatscht. Kokosnüsse, Taroknollen und Tiriwurzeln, Schweine und Hühner sah man in grossen Massen an Stangen von je zwei Männern durch das Dorf tragen und hie und da ganze Kolonnen solcher Träger einherziehen. Weiber mit Haufen frischgewaschener weisser Sulus kamen vom Bache zurück.

Der Priester der Gemeinde war ein Tonganer, und an ihm und seiner Frau sowie an dem achtjährigen Mädchen des frommen Paares, welches allein unter allen Kindern vollständig nackt herumlief, fiel mir zuerst die helle Hautfarbe dieser fremden Einwanderer auf. Es gab überhaupt viele Tonganer hier, und einmal, als ich arglos um eine Ecke biegend plötzlich einer Gesellschaft tonganischer Weiber gegenüberstand, war ich sehr betroffen, da ihre vergleichsweise blassen, fast pomeranzengelben Körper mir momentan den Eindruck machten, als ob ich entkleidete Europäerinnen überrascht hätte. Auch in Bezug auf ihre Gesichtsbildung waren sie wesentlich verschieden von dem Typus der relativ niggerhaften papuanischen Vitis und näherten sich stark den Zügen arischer oder semitischer Rasse. Besonders lebhaft steht mir noch heute ein Mädchen in Erinnerung, das mich durch seine Aehnlichkeit mit jener jüdischen Ladenmamsell frappirte, bei der ich in Hamburg meine Handschuhe zu kaufen pflegte. Ich sah sie zuerst am nächsten Morgen in der Kirche, wo sie züchtiglich das vorgeschriebene Busenschürzchen trug. Als der Gottesdienst aus war, paradirte sie mit einem Bananenblatt ihr orientalisches Lockenköpfchen beschattend so lange vor mir herum, bis ich sie zeichnete, und warf kokett das Busenschürzchen über die Schultern zurück, um mir den Anblick ihrer jungfräulichen pomeranzengelben Formen ungeschmälert zu gönnen.

Ehe die Dunkelheit hereinbrach, ging ich nach dem Badeplatz am Meeresstrand, wo ich grosse Gesellschaft fand. Durch einen wirklichen, echten Wald von Brotfruchtbäumen, in dem ich zum ersten mal einige unreife Brotfrüchte sah, nicht grösser als Pomeranzen, während noch überall Blüthen hingen, schlängelte sich wenige Schritte entfernt ein Süsswasserfaden, sehr bequem gelegen, um nach dem Bad im Meere das Salz von den Gliedern zu spülen. Der ganze Strand war voll von Männern, welche sich nach des Tages Arbeit zum festlichen Mahle wuschen und mit frischen weissblinkenden Sulus schmückten. Sie thaten sehr schamhaft. Denn keinem fehlte ein wenn auch noch so geringfügiges Suspensorium aus schmalen Tapastreifen um die Lenden geschlungen, der »Malo«. Viele gingen mit dem alten schmutzigen Sulu ins Wasser, um ihn danach, sorgfältig wie Weiber sich umblickend, mit dem neuen zu vertauschen.

Wo ich nur ging, folgten mir Kinder in respektvoller Entfernung, und blieb ich stehen und wendete ich mich um, liefen sie furchtsam davon. Als wir am nächsten Morgen die heissen Quellen, die kaum eine Viertelstunde entfernt an dem Wege nach Kamburiki im Mangrovesumpf des Ufers aus der Erde emportauchen, besuchten, waren sie indess schon zutraulicher geworden und trugen mir triumphirend meine Stiefel die ich ausgezogen hatte, Gegenstände ihres höchsten Ehrgeizes, auf Stangen voran.

Am Abend verkündete der weithin schallende Ton der hölzernen backtrogähnlichen Kirchentrommeln, der Lalis, welche zwei Jungen mit Klöppeln bearbeiteten, den Beginn des Festschmauses, und die Männer des Dorfes leere Palmblattkörbe tragend versammelten sich vor der Weiber- und Kochhütte des Häuptlings, um ihre ansehnlichen Rationen an gestobtem Schweine- und Hühnerfleisch, Taro und Pudding in Empfang zu nehmen. Auch wir erhielten unseren Antheil, alles zierlich auf Bananenblättern kredenzt. Messer und Gabel gab es nicht, man bediente sich nur der Finger. Der Pudding, ein einheimisches Nationalgericht, bestand aus einer klebrigen, sehr süssen Masse, die in Massawablätter eingewickelt und aus Taromehl und der zuckerhaltigen Tiriwurzel bereitet war. Dann folgte wieder das obligate Kawagelage.

Herr Kleinschmidt erfuhr, dass ein hochbejahrter und angesehener Häuptling von der Rewa, dem Flussdelta an der Südostecke der grossen Insel Vitilevu, sein alter Freund, seit einem Jahre in Dalingele wohne und kränklich sei. Wir gingen noch vor dem Schlafengehen ihn zu besuchen. Schon bei unserem Einzug in das Dorf waren mir zwei Gebäude durch hervorragende Grösse und geschmackvolle Bauart aufgefallen. Das eine war die Kirche, das andere das Haus jenes alten Häuptlings von der Rewa.

Die innere Einrichtung entsprach ganz dem Gepräge der Wohlhabenheit, das schon die Aussenseite trug. Ich trat zum ersten mal durch die Thüre einer Vitiwohnstätte, ohne mich bücken zu müssen, in einen hohen, weiten Saal, der das ganze Gebäude ausfüllte. Drei Feuer, um welche einige Weiber sassen, flackerten darin, und auf einer erhöhten Platform, welcher ein quergespannter Moskitovorhang aus kunstvoll gefilzter Tapa etwas Bühnenartiges verlieh, lag einsam und allein der ehrwürdige Greis, dem unser Besuch galt. Geflochtene Matten von ausgezeichneter Feinheit bedeckten den weichgepolsterten elastisch federnden Boden. Eine gewisse Feierlichkeit herrschte in dem düsteren, unbestimmt erhellten Raum. Wir schüttelten Hände, und ich wurde als grosser »Kauka Papalang«, europäischer Arzt, vorgestellt. Der Aermste hatte vor zwei Jahren die Masern gehabt und litt jetzt an Phthisis wie so viele Eingeborene seit der grossen Masernepidemie. Um den Kranken besser zu beleuchten, holte seine Frau eine Petroleumlampe herbei und gab sich alle Mühe, sie anzuzünden. Aber der Docht war hinabgerutscht, und sie konnte nicht damit zurechtkommen, so dass ich selbst die über und über schmutzige und verluderte Lampe in Reparatur nahm. Und aus dem Gelingen dieser meiner Bestrebungen erwuchs mir sofort ein neuer Ruf, und die Bewohner des Dorfes brachten mir am folgenden Morgen nicht blos ihre Kranken, sondern auch ein paar in Unordnung gerathene Petroleumlampen, um sie von mir kuriren zu lassen.

Nach Hause zurückgekehrt wurde nochmals Kawa gekneipt. Dann zogen wir Hose und Stiefel aus, wickelten davon ein Kopfkissen zusammen und uns selbst in Decken und streckten uns neben dem Häuptling zum Schlafe, über uns ein ganzes Arsenal verrosteter Flinten und zu unseren Füssen die wie Kraut und Rüben durcheinander liegenden nackten Untergebenen, welche fast die ganze Nacht husteten.

Trotzdem erwachte ich äusserst erquickt, als bereits die Trommeln zum Morgengottesdienst riefen, und Herr Kleinschmidt, mein liebenswürdiger Mentor, war schon aufgestanden und in der Küche nebenan beschäftigt Kaffe zu machen. Nach dem Bad ging ich in die Kirche, blieb aber nicht lange, weil meine Anwesenheit zu sehr die Andacht störte, versuchte eine Partie des schönen Dorfes zu zeichnen, porträtirte etliche Mädchen, kurirte kranke Menschen und Petroleumlampen und besuchte hierauf mit Herrn Kleinschmidt die nahen heissen Quellen.

Wenn nicht gerade Ebbe gewesen wäre, hätten wir diese gar nicht gesehen. Denn sie entspringen, drei an der Zahl, aus dem Boden des Mangrovesumpfes, welcher hier das Ufer bedeckt, noch unterhalb der Fluthmarke und bestehen aus je ein bis zwei Meter im Durchmesser betragenden Wassertümpeln von der Temperatur eines etwas heissen Fussbades, was ich feststellte, indem ich hineinwatete, da kein Thermometer zur Hand war. Die Umgebung wimmelt von Soldatenkrabben, welche hier rothe, nicht gelbe Scheeren wie sonst überall zu ihren Löchern herausstrecken. Dicht neben diesen drei Tümpeln führt der Weg nach Kamburiki durch den Mangrovesumpf, und hinter diesem steigen schroffe und kahle Felsen aus Lava empor. Wir hatten indessen nicht alle heissen Quellen zu sehen bekommen. Weiter gegen Kamburiki sind noch mehr vorhanden. Dies sagte man uns erst einige Stunden später, als wir bereits wieder auf der anderen Seite der Insel in unserem Standquartier angekommen waren.

Ehe wir Dalingele verliessen, sollten wir noch Zeugen eines Unfalles sein, der einem Weissen aus Wailevu beinahe das Leben kostete. Eben im Begriff aufzubrechen lockte uns der Ruf »Sail oh«, womit der Engländer und auch der ihn nachahmende Viti das Erscheinen eines Fahrzeuges zu begrüssen pflegt, auf den Strand. Ein europäisches Boot kam mit vollen Segeln vor dem Winde herangefahren. Es gehörte einem in Wailevu ansässigen Kaufmann.

Zwischen ihm und dem Ufer donnerte die Brandung über dem Barriereriff, nur die kleine, schmale Eingangsöffnung freilassend. Merkwürdiger Weise steuerte das Boot nicht in der Richtung dieser, sondern geradewegs auf uns zu, und ich war gespannt, wie das Manöver ablaufen würde. Da plötzlich bäumt sich das Boot, eine schäumende Welle, und es verschwindet mit Mann und Maus. Die Welle weicht zurück, den Kiel nach oben fällt das gekenterte Boot auf das Riff, ringsherum ein halbes Dutzend zappelnder Menschen, von der nächsten Welle ebenso rasch wieder verschlungen. Herr Kleinschmidt und ich, wir waren starr vor Entsetzen. Die Eingeborenen jedoch, Männer, Weiber und Kinder, an der Spitze der fromme Missionär, lachten und freuten sich des aufregenden Schauspiels, wie sechs Menschen draussen auf dem Riff mit den Wellen kämpften. Keiner dachte an Rettungsversuche. Und erst als Herr Kleinschmidt zornig auf sie losdonnerte, und den faulen Bonzen einen heidnischen Teufel schalt, halfen sie mir, ein altes Kanuu, welches am Ufer lag, ins Wasser zu schieben, und schwammen damit den Schiffbrüchigen zu Hülfe, welche glücklich alle mitsammt dem umgekehrten Boot an Land bugsirt wurden.

Der Kaufmann aus Wailevu, welchen der Unfall getroffen hatte, erfreute sich keines sehr guten Rufes, und als ich ihn eine Viertelstunde später seine schlechten Messer und fadenscheinigen Kalikos zum Trocknen ausbreiten sah, konnte ich mir wohl denken, warum man sich nicht allzu sehr zu seiner Rettung beeilen wollte.

Als wir bald darauf unseren Rückweg nach Dangai antraten und durch den Busch den Bergsattel hinan marschirten, hörten wir unfern von uns im Dickicht eine weibliche Stimme um Hülfe rufen. »O, da wird eben ein Frauenzimmer genothzüchtigt« sagte kaltblütig mein Freund, und wir mischten uns nicht weiter in die Angelegenheit. Wahrscheinlich handelte es sich um die Ausübung ehelicher Pflichten nach alter Vitiart, welche den Ehegatten vorschreibt, zu Hause getrennt zu leben und sich zum Zweck des Coitus im Walde draussen Rendezvous zu geben. Unter solchen Umständen würde eine ritterliche Intervention wenig Dank geerntet haben.

Am Nachmittag waren wir wieder auf der anderen Seite in dem schmutzigen, ärmlichen Dangai, dem Gegensatz des reichen und stattlichen Dalingele, und in unserer alten verräucherten Hütte.

Beim Nachbar gab es gegen Abend grossen Skandal. Er schlug seine Frau, warf sie unter Fusstritten sammt ihrem Säugling hinaus, lief ihr gleich darauf nach und entriss ihr nach heftigem Kampf, wobei sie ihn stark in den Arm biss, das Kind.

Eine Menge Gesindel, darunter auch der Missionär des nächsten Dorfes, der uns gleich im Anfang mit seinem Taro hatte anschwindeln wollen, trieb sich in gewinnsüchtiger Absicht um uns herum. Ein aussergewöhnlich magerer und schlanker, geschniegelter Kerl vom Typus des europäischen Friseurgesellen oder feinen Kellners, ins Viti übersetzt, schlich sich immer hinter mir her, um mich ungestört und allein zu sprechen, und machte mir in gebrochenem Englisch schändliche Anträge bezüglich seiner Schwestern oder Kousinen – das einzige mal, das mir derartiges auf Kandavu passirte.

Früh des folgenden Morgens, den 28. Juli, brachen wir auf nach dem Bukelevu, der heute im herrlichsten Wetter und frei von Wolken emporragte. Sechs Träger gingen gegen eine entsprechende Gegenleistung an Sulus, Angelhaken und Glasperlen mit uns.

Der Bukelevu oder Mount Washington ist kaum höher als 3000 Feet oder 915 Meter. Eine genaue Messung seiner Höhe existirte noch nicht, und man liest für ihn 2600, 2800, ja selbst 3600 und 4000 Fuss auf den Karten angegeben. Trotz der geringen Erhebung war diese Partie doch die beschwerlichste Bergbesteigung die ich jemals unternommen. Wir waren die zweiten Europäer, die den Bukelevu bestiegen. Im Jahre 1869 waren der Botaniker Seemann, ein Deutscher, und der englische Konsul Pritchard zuerst oben gewesen.

Abermals ging es über die beschwerlichen Felsblöcke des Ufers nach Taulalia. Von hier aus begann der Berg. Auf wohlgepflegten Pfaden zwischen niedrigem Buschwerk erreichten wir das etwa 300 Meter hoch gelegene Lomadsche, in welchem der schändliche Stutzer von gestern ein wenig verlegen mir wieder begegnete. Bananen- und Batatenpflanzungen, auch etwas einheimisches Zuckerrohr und der schöne grossblätterige Gebirgstaro begleiteten uns noch etwa 100 Meter aufwärts. Gleich hinter Lomadsche kamen wir an einem Yamsfeld vorüber, das eben angepflanzt wurde. Es war kaum ein Tagwerk gross, aber mehr als ein dutzend Männer waren damit beschäftigt, in der landesüblichen bummeligen Art die kleinen Hügelchen für jede Pflanze herzustellen. Sie hatten dabei europäische eiserne und einheimische hölzerne Hacken.

Die richtige, üppige Tropenwildniss stemmte sich uns entgegen. Hohes, schilfartiges, scharf in die Hände schneidendes Gras wechselte mit Busch, durch den kreuz und quer Schlingpflanzen sich woben und den Füssen Fallstricke legten. Doch schon vorher, noch im Bereich der Pflanzungen, hatte eine Stelle des Weges uns einen Vorgeschmack der zu überwindenden Schwierigkeiten gegeben. An einem mehr als senkrechten, das heisst nach innen sich einbiegenden Absturz, kaum zu erkennen vor Vegetation, hörte der Boden plötzlich auf. Unsere Führer luden sich ihr Gepäck auf den Rücken und kletterten, blos mit den Händen und hie und da auch den Füssen an den überhängenden Zweigen und Halmen sich festklammernd und fast frei in der Luft schwebend, horizontal an der ausgehöhlten Wand entlang, während von oben beständig Erdklumpen sich lösten und herabkollerten. Wir folgten ihrem Beispiel, nicht ohne Selbstbewunderung erfreut, als wir das Kunststück geleistet hatten. Und jenseits dieses halsbrecherischen Uebergangs wuchs noch Taro, und als wir am nächsten Tage zurückkamen, sah ich, wie ein altes Weib, mit einer Menge zusammengebundener Taroknollen beladen, sich an ihm entlang arbeitete. Dann ging es wieder bergauf und bergab, so steil wie nie zuvor. Es war ein heisser Tag, und auch unsere Schwarzen schwitzten, dass sie glänzten wie frisch lackirt.

Wir hatten Kawawurzel mitgenommen, und als wieder ein besonders glühender steiler Grashügel mit eingestreuten schwarzen Lavablöcken überwunden war, setzten wir uns in den Schatten einer Schlucht, in der ein schmutziger, gelbbrauner Wassertümpel, von unzähligen Moskitolarven bewohnt, versteckt lag, und liessen die Burschen kauen und Kawa in einer Schüssel, welche aus grossen Taroblättern improvisirt wurde, zubereiten. Noch mindestens zwei Stunden empfand ich die wohlthuende Kühle im Gaumen, die dieses vom Standpunkt europäischer Zimperlichkeit so ekelhafte, aber entschieden sehr erfrischende Getränk zurückliess.

Die Schlucht, in der eine angenehme Kühle herrschte, setzte sich in hohen Staffeln nach oben fort und erwies sich als ein vertrockneter Wasserlauf, durch den in der Regenzeit imposante Kaskaden herabstürzen mögen. Jetzt waren nur hie und da unter überhängenden Felsen einige schmutzige Tümpel übrig geblieben. In ihr stiegen wir etwa 200 Meter weit empor. Wir hatten vorsorglich ein starkes Tau mitgebracht, welches nun vortreffliche Dienste leistete. Unsere nackten Burschen machten sichs bequem, legten ihre Hüftenbekleidung ab und banden sie als Turban um die Stirne, so dass sie um die Hüften nur mehr mit dem schmalen Suspensorium bekleidet waren, welches jeder erwachsene Viti unter dem Sulu trägt. So kletterten sie die schlüpfrigen Felsenstaffeln hinauf und zogen uns und das Gepäck mit dem Tau nach. Wir kamen nur langsam Absatz um Absatz vorwärts. Aber das Fehlen von dichterem Pflanzenwuchs und die erquickende Kühle zwischen den feuchten, bemoosten Wänden, über die ein majestätischer Busch sich wölbte, erleichterten wesentlich diesen Theil der Besteigung. Unsere Wilden, denen wir Alles, selbst die Gewehre und Stiefel, übergeben hatten, um sämmtliche vier Extremitäten frei zu haben, jodelten laut vor Freude.

Wir bedauerten sehr, als die Schlucht oben aufhörte und wieder der Kampf mit dem Buschwerk bevorstand. Zwei Mann mit grossen Faschinenmessern wurden voran beordert, uns durch die Schlingpflanzen einen Weg zu bahnen. In einem langgezogenen Gänsemarsch wanden wir uns steil und mühsam in Schlangenlinien hinauf, wir beide Herr Kleinschmidt und ich zuletzt, in der egoistischen Absicht, die Gesammtwirkung der gemietheten sechs Paar Beine uns zu Nutzen kommen zu lassen. Beständig krachten die Zweige, oft stockte die Karawane, die Schwarzen jodelten jetzt nicht mehr, wir keuchten schweisstriefend, ohne ein Wort zu verlieren, einer hinter dem andern. Meine Geschwüre an den Füssen von den Korallenriffen her schmerzten in den steifen, nassgewordenen Stiefeln zu heftig, als dass ich sie anziehen konnte, und barfuss stiess ich mich jeden Augenblick an Wurzeln und Steinen, was aber immer noch erträglicher war.

Das Dickicht wurde verworrener und schlimmer, so schlimm, wie ich es selbst im Busch von Gavatina noch nicht gesehen, statt unserer Hoffnung, es würde mit der Höhe abnehmen, zu entsprechen. Wir verloren den festen Boden und marschirten nur mehr in krachenden Zweigen, Wurzeln und Lianen, lebenden und abgestorbenen, die wie das Gerüst eines Schwammes in allen Richtungen ineinandergewoben und an einzelnen Stellen so dicht und fest waren, dass bereits Erde sich in den Maschen angesammelt und einen Ausgangspunkt für neues junges Wachsthum gebildet hatte, tiefe Hohlräume unter sich lassend. Bald fielen wir, durchbrechend durch eine morsche Schlinge, etliche Fuss tief hinab, jedes Bein in ein eigenes Loch wirrer Vegetation, und hatten uns wieder herauszuarbeiten, bald kletterten wir nur mit den Händen, während die Beine baumelnd vergebens eine Stütze suchten, um einen überhängenden Wulst, der unter unserem Gewicht sich abwärts bog.

Wir wussten kaum noch die Richtung. Aufwärts, nur immer aufwärts. Wie sehr war ich überrascht, als ich einmal unter mich hinabblickte, und das Wirrsal von Aesten und Wurzeln auf dem ich stand, sich lichtete, und beinahe senkrecht unten in der Tiefe die blaugrüne See heraufschimmerte. Wir waren in einen Knäuel von Maschen gerathen, welcher an einer Felswand herabhing, und schwebten über dem Abgrund. Die schwindelnde Situation war jedoch lange nicht so gefährlich. Denn wären wir auch durchgebrochen, tausend Arme und Schlingen waren bereit, uns aufzufangen.

Endlich gewannen wir wieder Grund, und eine Stunde später waren wir oben auf dem Bukelevu. Wohl niemals war eine mühseligere Bergbesteigung mit weniger Genuss belohnt worden. Nirgends eine Aussicht, überall Bäume und Gebüsch, durch dessen Lücken kaum einzelne blaue Fleckchen des Himmels guckten. Blos das uneigennützige abstrakte Bewusstsein, dass wir auf einem Punkte standen, den vor uns nur wenige Menschen betreten hatten, war unser Preis. Vielleicht sogar waren wir die ersten Menschen hier oben. Denn unsere Diener behaupteten, die Seemannische Gesellschaft sei nicht weiter als bis zum letzten Absatz, eine Stunde tiefer, gekommen. Und von den Eingeborenen wird sich wohl keiner aus reinem Vergnügen hier herauf gequält haben. Dazu sind sie zu praktisch.

Die Sonne war schon hinabgesunken, der Abend brach herein, rauhe Winde fuhren durch die Wipfel, und die Luft war so kalt und so feucht hier oben, dass wir den Hauch vor dem Munde sahen und nach den eben gehabten Anstrengungen einen eisigen Frost in den Gliedern fühlten.

Eigenthümliche grossblätterige, mannshohe Pflanzen wuchsen allenthalben, deren Stengel so weich und wässerig waren, dass man sie wie Butter mit dem Messer durchschneiden und wegmähen konnte. Der Boden war überall nass, schwarz und moorig. Auf ihm mussten wir unser Nachtlager aufschlagen, eine trübselige Perspektive. Die sechs Wilden beeilten sich, ein Feuer anzuzünden, nicht etwa durch Reiben, sondern mittels moderner Zündhölzchen, und wir alle griffen zu Messern und Aexten, um Holz zu schlagen und Aushaue in verschiedenen Richtungen herzustellen, damit wir doch wenigstens, ehe es dunkel wurde, noch etwas von der Aussicht zu sehen bekamen.

Mit vereinten Kräften warfen wir uns auf die jungen Bäume und zerfetzten erbarmungslos ihre Zweige, und war ein Dutzend Laubkronen gefallen, so erhoben sich immer wieder noch ein paar Dutzend hinter ihnen, die uns den Blick begrenzten. Schliesslich waren wir zufrieden, als wir blos einen jämmerlich zersäbelten Baumstumpf etwa sechs Meter hinaufzuklimmen brauchten, um die Höhenzüge der Insel zu überschauen. Von hier aus entdeckte ich, dass wir uns mit der grössten Wahrscheinlichkeit auf der Umwallung eines alten, jetzt allenthalben mit dichtem und hohem Wald bedeckten Kraters befanden, dessen eine Hälfte gegen Osten, also gegen die Insel zu, durchbrochen und hinabgesunken war, während die andere im Westen, wo die Insel aufhörte, sich deutlich im Halbkreis zu uns, die wir an der nördlichen Kante standen, herumzog. Zugleich aber entdeckte ich, dass weiter südlich die Baumwipfel sich höher erhoben, und glaubte daraus den unliebsamen Schluss ziehen zu dürfen, dass wir uns noch nicht auf der höchsten Stelle des Bukelevu befanden.

Hierüber wollte ich mir klar werden. Ich nahm einen Schwarzen mit mir und versuchte, mit seiner Hülfe auf jenen Punkt zu gelangen. Als wir uns ungefähr eine Stunde geplagt hatten, häufig in überwucherte hohle Baumstämme versinkend, häufig in einem Dickicht uns festbeissend, das wir dann doch nicht bewältigen konnten und umgehen mussten, waren wir etwa hundert Schritt weit vorwärts gedrungen, ohne etwas zu sehen. Ich versuchte einen der riesigen Bäume zu erklettern. Alle Stämme waren dick mit Schlinggewächsen überzogen, so dass nirgends eine Spur der Rinde zum Vorschein kam. An den Ranken sich emporzuziehen war indess unmöglich. Sie gaben nach und brachen, und um an ihnen dennoch aufwärts zu kommen, dazu hätte ich vielleicht eine Stunde gebraucht. Meine Kräfte waren zu sehr erschöpft, als dass ich die Sisyphusarbeit hätte fortsetzen mögen.

Es wurde dunkel. Ein gewaltiger Hunger nagte in unserem Innern. Wir befahlen den Proviant auszupacken. Die sechs Burschen suchten in allen Bündeln und Säcken herum, einer stupfte besorgt den anderen, sie schalten sich und wurden verlegen und ängstlich. Aber auch uns wurde ängstlich zu Muth. Die verfluchten Kerls hatten wirklich den Proviant vergessen. Nur die Kaffebüchse hatten sie mitgenommen.

Da sassen wir nun mit knurrendem Magen, ärgerlich über unseren Leichtsinn, die Träger nicht Stück für Stück selbst beladen zu haben. Wonach wir uns schon seit mehreren Stunden so heiss gesehnt, lag unten in Dangai.

Zum Glück fand ich in meiner Hosentasche einige zähe Fasern Salzfleisch und mein Freund in der seinigen einen zerbröckelten Zwieback. Wir theilten redlich diese kostbaren Gaben des Zufalls und kochten Kaffe mit der bräunlichen Flüssigkeit des Moskitolarven-Aquariums in der Kaskadenschlucht, von dem wir unsere Wassergefässe gefüllt hatten, ohne die nahrhaften Bestandtheile derselben zu unterschätzen. In diesem bestand die einzige Erquickung von acht todtmüden und gierig hungrigen Menschen, ohne Aussicht vor sechszehn Stunden wieder zu etwas Essbarem zu gelangen.

Der Boden war so uneben, so voller knorziger Wurzeln und abgehauener spitz emporstehender Stämmchen und Zweige, dass sich kaum etwas herstellen liess, was wie ein molliges Lager zum Schlafen aussah. Farnkraut zur Polsterung gab es hier oben nicht. Wir mussten es also mit jenen eigenthümlich wässerigen Pflanzen versuchen, die ringsherum wuchsen. Aber der Saftreichthum dieser weichlichen Geschöpfe drang sofort aus allen Blättern und Stielen und verwandelte das Lager in ein klebriges Gemüse, sowie man sich darauf niederstreckte.

Unser Feuer war kaum in Brand zu erhalten. Das Holz war alles so grün und feucht, dass es nicht brennen mochte. Ich konnte nicht schlafen vor Kälte und zog es vor beinahe die ganze Nacht mit der Axt zu arbeiten, um mich zu erwärmen.

Die sechs nackten Burschen dagegen zeigten eine wahrhaft heroische Faulheit. Zähneklappernd, Grimassen schneidend und stöhnend kauerten sie sich zusammen, sahen mit grosser Befriedigung zu, wie ich Holz herbeischleppte und das Feuer schürte, und froren lieber bis zu förmlichen Konvulsionen als dass sie eine Hand gerührt hätten. Ich hatte ihnen meine Decke abgetreten, in die sich abwechselnd zwei zusammen wickeln durften. Die anderen mühten sich unterdess mit sehr komischen Experimenten ab, wie man durch gewaltsames Einschrumpfen und Verschränken der Glieder die Körperoberfläche am wirksamsten verkleinern und in den dünnen Sulu einhüllen könne. Eine dunkle Reminiszenz war es vielleicht, die ihnen schliesslich die Haltung des Kindes im Mutterleibe eingab.

Bald setzte ich mich auf einen Baumstumpf und stierte ins Feuer und horchte dem Sieden des Holzes zu und fluchte des vergessenen Proviants, bald ergriff ich wieder die Axt und zerfetzte eines der nächsten Bäumchen. Dann legte ich mich wieder, schläfrig geworden, in das Gemüse, stand aber gleich wieder auf und kletterte auf den Aussicht gewährenden Stamm um zu sehen ob im Osten noch kein blasser Schimmer heraufkäme, dann griff ich wieder zur Axt. So verging langsam diese ungemüthliche Nacht. Heisere Schreie ertönten aus der todesstillen Luft, als es eben anfing zu dämmern. Es mochten Möven sein, die bereits auf dem Wege waren und über unser Feuer erschraken.

Die milden Strahlen der Sonne hauchten neues Leben in unsere erstarrten Glieder. Herr Kleinschmidt und ich kletterten auf den Aussichtsbaum, um die Höhenzüge der Insel Kandavu zu zeichnen, was uns nicht wenig Ueberwindung kostete. Die Dienerschaft war darüber im höchsten Grad unzufrieden. Sie drangen heftig zum schleunigen Aufbruch, und einer ging in seiner naiven Unverschämtheit so weit zu behaupten, dass die Sonne gleich wieder untergehen würde.

Unsere Spuren von gestern brachten uns ziemlich rasch hinab. Jetzt da ich wieder in Schweiss kam, erwachten Hunger und Durst mit zehnfacher Energie und machten mich für die ganze herrliche Morgennatur unempfindlich. Ich litt an der fixen Idee eines Beefsteaks und etlicher Gläser Bier. Es war mir unmöglich an etwas Anderes zu denken, und die prachtvollsten Szenerien gingen eindruckslos an mir vorüber. Ich lechzte nach den braunen Pfützen der Kaskadenschlucht, und nervös und gierig und ohne ein Wort zu sprechen stürzte und stolperte ich die steilen Abhänge hinab durch die krachenden Zweige und Wurzeln.

Ich hatte schon vielfach Gelegenheit gehabt mich im Hungern zu erproben und glaubte mich ganz gut darauf zu verstehen, mehr als die meisten anderen Menschen, mit denen ich um die Wette gehungert. Herr Kleinschmidt aber übertraf mich weit. Wenn wir Tage lang im Busch herumgeklettert waren und Abends erschöpft nach Hause kamen, konnte er sich hinsetzen und ein halbes Dutzend Vogelbälge abziehen ohne ans Essen zu denken. Und auch jetzt musste ich ihn bewundern. Er schien viel weniger zu leiden als ich.

Wir waren glücklich wieder in der Kaskadenschlucht. Aber die braunen Pfützen von gestern, nach denen wir lechzten, schienen über Nacht vertrocknet zu sein. Wir guckten in alle Löcher und Spalten der Felsen. Nichts von trinkbarer Flüssigkeit liess sich entdecken.

Herr Kleinschmidt war etwas zurückgeblieben, und wir anderen warteten auf ihn, indem wir eifrig nach Wasser forschten. Es schien mir, einer der Träger in meiner Nähe hätte Wasser gefunden. Froh darüber rief ich ihm zu, mir davon zu bringen, und es entspann sich zwischen uns beiden folgendes Gespräch. Ich frage, einer längeren Satzbildung im Viti nicht fähig »Wai?« (Wasser?). »Singai« (Nein, nicht, kein, überhaupt allgemeine Negation). Ich glaubte nicht recht verstanden zu haben und frug nochmal »Wai singai?« (Kein Wasser?) Er »Jo« (Ja). Ich »Hele mai Wai« (Bring her Wasser). Er mit ärgerlicher Betonung »Singai, Wai singai«. Ich verwundert »Wai singai?«. »Jo«. Das war mir nun zu arg. Der Kerl wollte mich entweder mit meinem peinlichen Durst verhöhnen oder mir das gefundene Wasser vorenthalten. Ich kletterte zu ihm hinüber und brüllte ihn an so grob ich konnte »Hele mai Wai, Mbativuti« (Faulpelz). Er aber klebt unter mir an seinem Felsen mit der unschuldigsten Miene und antwortet abermals sein fatales »Wai singai«. Jetzt erst fiel mir ein, dass er ganz richtig meine in der Negation gestellte Frage mit »Jo« beantwortet, logischer als wir Europäer, die wir in diesem Falle »Nein« gesagt hätten. Meine Unkenntniss hatte ihm Unrecht gethan.

Endlich ganz unten fanden wir etwas fauliges Wasser. Es schmeckte ekelhaft, aber wir waren darüber doch so sehr erfreut, dass der Finder zur Belohnung eine Flinte abschiessen durfte, sein heissester Wunsch, um dessen Erfüllung er schon die ganze Zeit gebettelt hatte. Zwei Fächerschwänzchen flatterten in der Nähe neckend herum, und diese nahm er aufs Korn. Er traf natürlich nicht ein einziges der hübschen Thierchen, und mit leeren Händen, aber dennoch freudig grinsend und stolz kehrte er aus dem Gebüsch zurück, nachdem er beide Läufe losgeknallt hatte. Er wurde dafür zum »Tamata ndakai«, Meister des Schiessens, ernannt, ein Spitzname, der ihm wohl Zeit seines Lebens bleiben wird, und durch den er sich äusserst geschmeichelt fühlte.

In dem hochgelegenen Dorf Lomadsche angelangt konnten wir endlich auch unseren Hunger einigermassen stillen. Wir kehrten in einer Hütte ein und liessen uns Kokosnüsse und gekochte Schnecken geben.

Es war der in unseren Naturalienkabinetten noch so seltene und nur auf die Insel Kandavu beschränkte, hier aber massenhaft vorkommende Bulimus Seemanni, mit dem wir regalirt wurden. Abgesehen von der langgestreckten Form des Gehäuses erinnert er vielfach an unsere Helix Pomatias. Das Thier sieht ganz ebenso aus, und auch die Epidermis der Schale hat die Eigenschaft sich abzubröckeln, so dass der weissliche Kalk blossgelegt wird. Namentlich an den Hängen des Bukelevu scheint er besonders gut zu gedeihen und als Bewohner höherer Regionen eine stärkere und schlankere Entwickelung des Gehäuses zu zeigen wie in den übrigen weniger hohen Bergwäldern Kandavus.

Ein paar Weiber kamen vom Fischen zurück. Sie waren mit dem Blättergürtel, dem Liku, angethan. Zu Ehren unserer Anwesenheit beeilten sie sich, in einer Ecke dieses altmodische Kleidungsstück schnell mit einem moderneren Baumwollensulu zu vertauschen.

Als wir aufgetriebenen Leibes von den Kokosnüssen und Schnecken und mit qualvollen Bauchschmerzen unser Standquartier Dangai erreichten, verkündeten uns schon von ferne die fröhlichen Farben rother, gelber und grüner Federn, die rings um unsere räucherige Hütte gestreut den Boden bedeckten, dass Mister Daymac eine Menge Papageien zu unserer Nahrung erlegt hatte. Sie kochten bereits den ganzen Tag in einem der grossen Töpfe und bildeten nun, zu einem zarten mit Knochen durchspickten Fleischbrei aufgelöst, ein köstliches Mahl.

Der nächste Tag war ein Sonntag. In aller Frühe krochen die Mädchen des Dorfes aus ihren Hütten, sich festlich zu schmücken. Zuerst wurde draussen in der See ein Bad genommen, wobei sie züchtig den Sulu am Leib behielten. Dann setzten sie sich im Kreise zusammen und zerkratzten sich ihre kurzgeschorenen Häupter mit gestielten hölzernen Kämmen. Da auch ich ganz in der Nähe mit meiner Toilette beschäftigt war, kam eine derselben heran, mich um meinen europäischen Kamm zu bitten, und war sehr glücklich, als ich ihn gewährte. Ich hielt es für gut, ihn danach aufs Sorgfältigste durchzumustern. Eine andere lief nach unserer Hütte und holte sich unseren Wassereimer, den sie dann alle als Spiegel benutzten. Dangai ist eben ein so abgelegener und armseliger Ort, dass man von europäischen Artikeln ausser Sulus und Messern dort noch nicht viel kennt.

Jungen hatten unterdessen eine grosse Schüssel Kalkbrei gebracht, und alle lagerten sich um sie herum, ihre Häupter damit zu beschmieren, und mit den gespreizten Fingern beider Hände den Brei recht gleichmässig in die Haare zu kämmen, immer nach oben streichend, bis Haare und Brei zu einer festen Masse erstarrten und aussahen wie die Frisur einer Gypsbüste. Schliesslich steckten sie Diademe von Papageifedern in den noch weichen Stoff und beguckten sich im Wassereimer, indem sie übergeflossene Theilchen an der Stirn und am Nacken mit Stäbchen abschabten und dadurch scharfe Konturen herstellten. Die dunkelbraunen Gesichter kontrastirten gar merkwürdig mit der glänzend weissen Koiffüre.

Nach Beendigung dieser Prozedur banden sie frischgewaschene Sulus um, schlangen Blätterguirlanden um die Hüften und rothgefärbte Gräser gleich Strumpfbändern um die Waden und salbten sich den Körper mit Kokosöl auf eine ziemlich einfache Weise. Jede nahm ein Stück Kokosfleisch in den Mund und kaute es aus. Dann spuckten sie den milchigen Saft auf die Hände, rieben damit flüchtig Gesicht und Busen, Arme und Beine ein, und der Sonntagsstaat war fertig. Als es zwei Stunden später zur Kirche ging, entfernten sie die bunten Papageifedern aus der Kalkfrisur. Ihr Missionär würde solch frivolen Schmuck beim Gottesdienst übel vermerkt haben.

Man sagt, dass das Einkalken der Haare als Mittel gegen Läuse diene. Wenn dies wirklich der Zweck desselben sein soll, so kann ich mit aller Bestimmtheit behaupten, dass es nicht viel hilft. Denn ich fand gekalktes rothes Haar niemals weniger infizirt von Ungeziefer als ungekalktes schwarzes. Auch theoretisch ist nicht einzusehen, warum der Kalk, welcher den Korallenbänken entstammt und wohl nur sehr oberflächlich gebrannt zur Anwendung kommt, jenen ziemlich robusten Thierchen verderblicher sei als den Haaren. Ein stark gebrannter ätzender Kalk würde nicht nur die Läuse, sondern auch die Haare ruiniren. Vielmehr glaube ich, dass das Verfahren nur einen kosmetischen Zweck hat. Man will damit den schwarzen Haaren eine röthliche Farbe verleihen, die ja auch die Schönen der Tizianischen Zeit so sehr liebten.

Bei einer näheren Untersuchung unserer räucherigen Hütte entdeckte ich auf einem Brett unter dem Dache zwei alte aus Holz geschnitzte Lanzen. Ich bot dem Eigenthümer mein letztes Taschenmesser dafür und erhielt sie. Kaum hatte ich hierdurch meine Liebhaberei für Waffen kundgegeben, so erschien ein Anderer und brachte zwei Lanzen derselben Art, die noch viel schöner waren, als die ersten. Leider besassen wir nichts mehr an Tauschartikeln oder Geld, so dass ich auf die Acquisition verzichten musste. Auch ein prachtvolles grosses Stück bedruckter Tapa, welches mich sehr reizte, musste ich zu meinem lebhaften Bedauern wegen Entblössung von allen Mitteln zurücklassen.

Nach dem Frühstück begab ich mich an den Strand um noch schnell den Bukelevu zu zeichnen, ehe wir abreisten. Da versammelte sich natürlich wieder das ganze Gesindel der Jungen und Mädchen um mich und hörte nicht mehr auf, meine Kunst bewundernd »Ossibi, Ossibi« (schön) zu schreien. Sie wurden mir bald lästig und immer zudringlicher und dreister. Eines der Mädchen, unsere Nachbarin, eine hetärenhafte Person mit aussergewöhnlich groben und hastigen Manieren und ungezogenem Lachen, trieb die Frechheit so weit, sich ganz unverfroren auf meinen Rücken zu lümmeln. Ich zog ruhig mein grosses blankgeschliffenes Messer aus dem Gürtel, und im Nu stob die ganze Gesellschaft kreischend auseinander, um mir nicht wieder in die Nähe zu kommen.

Wir brachten unser Gepäck auf den Kutter und lichteten Anker. Während eine frische Brise uns vom Lande entfernte, strömten am Ufer die Eingeborenen der Umgebung schaarenweise in die Kirche nach Taulalia, von wo das Getrommel der Lalis zum Gottesdienst rief. Es war ein charakteristisches farbenreiches Bild, die hohen braunen Gestalten der graubebarteten Männer und die gypsköpfigen Weiber und Kinder alle in hellen, bunten Gewändern den glänzenden Strand dahinwandeln zu sehen, hinter ihnen das dunkle Gebüsch und die Palmen, vorne die grünblaue schäumende See und über dem Ganzen der strahlende blaue Himmel.

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