XI. VON AUCKLAND NACH KANDAVU.
Reading edition
Die Pacific Mail. Auf der City of San Francisco eingeschifft. Beschreibung des Dampfers und seiner Attribute. Aeusserer Glanz und innere Dürftigkeit. Die chinesischen Mahlzeiten. Gang der Reise und Wetter. Der vierte Juli. Reiseplanzweifel.
Die Postdampfer von San Francisco, welche monatlich einmal zwischen Kalifornien einerseits und Neusüdwales und Neuseeland andererseits verkehren, berühren als Zwischenstationen Honolulu und Kandavu.[6]
[6]: Dies hat sich seitdem geändert. Die Postdampfer gehen jetzt direkt von Sydney nach Auckland und von da, ohne Kandavu zu berühren, direkt nach Honolulu.
In Kandavu ist ein Knotenpunkt der Linie, indem hier die beiden Zweiglinien Neusüdwales und Neuseeland sich vereinigen. Der Dampfer von Neuseeland trifft in Kandavu mit dem Dampfer aus Neusüdwales zusammen und übernimmt dessen Passagiere und Post, um sofort nach San Francisco weiterzugehen, während jener auf den zwei Tage später fälligen Dampfer von San Francisco wartet, um dann Post und Passagiere dieses, der direkt nach Sydney geht, für Neuseeland zu übernehmen, so dass also jeder Dampfer auf seiner dreimonatlichen Reise den Weg San Francisco, Honolulu, Kandavu, Sydney, Kandavu, Auckland und andere Häfen an der Ostseite Neuseelands, Kandavu, Honolulu, San Francisco beschreibt.
Früher gab es vorübergehend eine Dampferlinie zwischen San Francisco und Neuseeland, welche in Levuka, der Hauptstadt von Viti, anlegte. Dieser Platz ist von der gegenwärtig auf dem Stillen Ozean herrschenden Pacific Mail Steam Shipping Company mit der Angaloa Bay Kandavus vertauscht worden, theils weil der letztere Hafen günstiger liegt als Levuka, theils weil die Gesellschaft an der Angaloa Bay Landbesitz hat, den sie durch ihre Dampfer zu heben hoffte.
Die Pacific Mail Steam Shipping Company, die ihren Schwerpunkt in der japanesisch-chinesischen Linie hat, arbeitete damals mit fünf Schiffen auf der weniger bedeutenden und weniger rentablen australischen Linie. Die zwei älteren dieser Schiffe, die Zealandia und die Australia, welche in England gebaut waren, fuhren unter englischer, die drei neuesten in Philadelphia gebauten, die City of New York, die City of San Francisco und die City of Sydney, unter amerikanischer Flagge. Bekanntlich dürfen ja nur solche Fahrzeuge die Flagge der Vereinigten Staaten tragen, welche von einer Werft der Vereinigten Staaten stammen.
Nach dem letzten Vertrag zahlten Neusüdwales und Neuseeland für die Post eine Subvention von je 45 000 Pfund Sterling. Eine gewisse Fahrzeit, die ja nirgends besser als in den ruhigen Gewässern des Stillen Ozeans durch Kohlenverbrauch regulirt und eingehalten werden kann, war ausbedungen. Jede Stunde früheren Eintreffens wurde mit einer Prämie von 5 Pfund belohnt, jede Stunde Verspätung kostete 4 Pfund Strafe.
Da ich endlich die Geduld verlor, noch länger auf Gelegenheiten nach Tonga und Samoa zu warten, und in Neuseeland die Regenzeit immer unangenehmer wurde, so fasste ich einen raschen Entschluss und kaufte eine Passage nach San Francisco. Am 3. Juli ging die nächste Post dorthin, und zwar die »City of San Francisco«. Um denn doch noch etwas von der Pazifischen Inselwelt zu sehen, stellte ich die Bedingung, sowohl auf Kandavu als auf Hawaii einen Monat überschlagen zu dürfen. Dies wurde mir vom Agenten erst dann genehmigt, als ich ihm drohte, im Fall der Verweigerung mit der anderen Linie, mit der »P. and O.« – in solcher Weise kürzt der praktische Engländer den etwas langstyligen Titel »Penninsular and Oriental Mail Steamship Navigation Company« – über Indien nach Hause zu gehen. Hätte ich meine Passage blos von Station zu Station genommen, so hätte mich die Reise vielleicht das Doppelte gekostet. Dank dem Fehlen jeglicher Konkurrenz betrug der Fahrpreis blos bis Kandavu (vier Tage) 10 Pfund Sterling, und von Kandavu nach San Francisco nicht etwa 10 Pfund weniger sondern eben so viel wie von Auckland aus, nämlich 40 Pfund Sterling. Ausserdem hatte man nur bei der ganzen Fahrt Anspruch auf 250 Pfund Freigepäck.
Ausgerüstet mit dem theuren Ticket, dessen Rückseite die tröstliche Versicherung gab, im Fall eines Unglücks keinerlei Entschädigung zu gewähren und überhaupt für nichts zu stehen, schiffte ich mich also am 3. Juli ein.
Die City of San Francisco machte im Anfang einen imponirenden Eindruck. Ich hatte eben schon lang keinen grösseren Dampfer mehr gesehen. Allerdings reichte die kurze Zeit der vier Tage nach Kandavu hin, um mir deutlich zu machen, dass dem äusseren Glanz und den ansehnlichen Dimensionen kein würdiger Inhalt entsprach.
Die eine Seite des Schiffes und zwar die bessere, dem Passatwind zugekehrte war für die Passagiere aus Sydney, welche erst in Kandavu an Bord kamen, reservirt, und da ich nur bis Kandavu ging, hatte ich das Glück, der einzige Bewohner dieser ganzen Seite zu werden. Mit meinem Gepäck verfuhr man indess weniger liebenswürdig als gegen mich. Obwohl mir der Agent erklärt hatte, ich hätte nichts mehr für dasselbe zu bezahlen, wog man mir doch jede einzelne Kiste und oktroyirte mir, der ich vertrauensselig genug war, diese Manipulation nicht zu überwachen, 200 Pfund Uebergewicht und 4 Pfund Sterling Fracht dafür auf. Als ich später in Honolulu mein Gepäck nachwog, fand ich, dass ich um mehr als die Hälfte betrogen worden war.
Die City of San Francisco ist nicht länger und nicht breiter als manche atlantischen Postdampfer, deren erster Anblick mich sehr enttäuschte, nachdem ich die in unseren Blättern üblichen Schilderungen von der Pracht und Mächtigkeit jener »schwimmenden Paläste« gelesen hatte. Es ist schwer, ein so grosses Fahrzeug nach dem Augenmass zu beurtheilen. Die Anordnung und die Einrichtung der verschiedenen Räume tragen viel dazu bei, ein Schiff mehr oder minder grandios erscheinen zu lassen. Bei der City of San Francisco nun waren diese beiden Faktoren in der günstigsten Weise wirksam, und so kam es, dass sie der erste Dampfer war, der mir durch seine Grössenverhältnisse imponirte. Auch an Eleganz übertraf sie meine Erwartungen. Die einzelnen Decks zeichnen sich durch ungewöhnliche Höhe aus, so dass in den Kabinen drei Betten oder Kojen übereinander Platz haben. Dadurch ragt das ganze Schiff sehr hoch aus dem Wasser und erhält so viel Obergewicht, dass es bei Windstille, des Haltes der Segel entbehrend, fast niemals langweilig hin und her zu rollen aufhört.
Der Salon, welcher quer durch die ganze Mitte geht, und ein Theil der Kabinen liegen im Zwischendeck, dessen Ventilation viel zu wünschen lässt. Das Kajütsdeck ist der ganzen Länge nach zu beiden Seiten offen und hier mit einer sehr angenehmen Gallerie versehen, welche bei schlechtem Wetter Schutz vor Regen gewährt. Das Oberdeck trägt vorne das Häuschen der Dampfsteuerung, dann die Kammern für den Kapitän und die vier Offiziere, einen »Presidents Room« für besonders distinguirte Personen, da der Präsident der Vereinigten Staaten selbst wohl nur selten in die Lage kommen wird sich seiner zu bedienen, und hinten eine »Social Hall« mit Piano, Divans und einer ornamentalen Treppe nach unten. Da wir nur wenig Passagiere hatten, sah das freie und leere Oberdeck doppelt geräumig aus. Das Rauchzimmer, dieser wichtige Raum, in dem auf deutschen und englischen Dampfern Abends sich Alles zusammendrängt, bis niemand mehr Platz hat, und bis man vor Rauch einander nicht mehr sehen kann, war hier in einer sehr despektirlichen Weise behandelt. Der Raucher gilt in Amerika als lasterhafter Mensch, und in Anbetracht dieses war es natürlich, dass das Rauchzimmer sich gleich neben den Klosetts befand und eigentlich nur der Vorsaal dieser nützlichen Institute war, weshalb keiner sich in ihm aufhalten mochte.
Unser Kapitän wurde mir als eine Zelebrität aus dem letzten amerikanischen Bürgerkriege bezeichnet, er sei damals Führer eines südstaatlichen Kaperschiffes gewesen und habe dem Handel der Yankees viel Schaden gethan. Der erste Offizier war ein ausgezeichneter Violinspieler, der gern seine Künste zum Besten gab, und hatte ein etwas bierduseliges Gesicht, so dass ich in ihm einen biederen Landsmann vermuthete, obgleich er sonst nichts davon merken liess. Unter der übrigen Mannschaft waren Chinesen, Neger und Polynesier vertreten. Der Barbier war ein feingeschniegelter brauner Kanaka aus Honolulu, und im Salon bedienten langzopfige Chinesen. Zur ordnungsmässigen Besatzung rechneten sich ferner sieben Ochsen, etwa zwanzig Schafe und eine Menge Geflügel.
Als ich nach dem Doktor frug um mich ihm vorzustellen, fand ich in diesem denselben Herrn wieder, der mir vor einer Stunde als Freight Clerk gezeigt worden war, und mit dem ich mich bereits wegen des Gepäckes herumgezankt hatte. Er vertrat aber nur die interne Medizin. Die Chirurgie oblag seinem Vorgesetzten, dem Zahlmeister. Dieser rühmte sich Doktor von Philadelphia zu sein und pries mir die Einträglichkeit seiner doppelten Stellung an Bord. Solches war der »Experienced Surgeon«, dessen beruhigende Gegenwart im Programm fettgedruckt angezeigt steht.
Eine zweite Annehmlichkeit ähnlicher Art lernte ich in der Bibliothek kennen, und es war mein Vergnügen des ersten Abends, zu konstatiren, dass dieselbe aus 96 Bibeln, 54 Gebetbüchern, 16 Abhandlungen über praktische und theoretische Frömmigkeit, 22 Selbstbiographien von Pastoren und anderen Blaustrümpfen, aus einer italienischen Reise und aus Dickens' Martin Chuzzlewit bestand. Bis auf diese beiden entstammten die Bücher einer Traktatgesellschaft und hatten somit für die Pacific Mail Steam Shipping Company den unschätzbaren Vorzug, dass die »Accomplished Library« ihr nichts kostete. Ewig dankbar dem unbekannten Spender, warf ich mich Martin Chuzzlewit in die Arme.
Da das Essen auf Seereisen eine ansehnliche Rolle spielt, so fällt die Qualität desselben bei der Beurtheilung eines Schiffes schwer ins Gewicht. Leider ist auch in Betreff dieses Faktors von der City of San Francisco nichts Rühmliches zu berichten. Die Tafel war zwar stets voll von lauter neusilbernen Schüsseln und Schüsselchen, aber es war eigentlich selten etwas Nennenswerthes darin zu entdecken. Ein Gericht fehlte niemals und repräsentirte zugleich am besten den Charakter der Gesammtheit. Es bestand aus lauter feinen Knochensplittern, die mit einer dicken schwärzlichen Tunke überzogen waren. Ich weiss nicht, ob dieses kalifornische oder chinesische Küche oder eine Spezialerfindung der Pacific Mail Steam Shipping Company war. Gewiss aber ist, dass wir alle fortwährend gierig den Tisch auf und ab blickten, und dass wir am Ende einer Mahlzeit derselben nur sehr schwach bewusst waren. Sah man unsere rastlos und zwecklos hin und her rennende schlitzäugige und bezopfte Dienerschaft an, so konnte man sich nach China versetzt träumen, wo es ebenfalls allerhand seltsamen Mischmasch von Mäusepfötchen und Regenwürmchen, von Rattenschwänzchen und Eidechsenrippchen zu essen geben soll.
Waren auch unsere Chinesen vom Scheitel zur Zehe vollkommen echt, und unterliessen sie es auch nie, ihre sonst spiralig zusammengerollten Zöpfe bei Tisch galamässig in ganzer Länge herabbaumeln zu lassen, so wären uns doch Stewards unserer eigenen Rasse viel lieber gewesen. Die Mongolen verstanden nur wenig Englisch und besassen durchaus nicht die geringste Neigung zur Artigkeit. Mechanisch, stumm und mürrisch thaten sie, was ihnen vom Obersteward durch ein eigenes System von Fusstritten angedeutet wurde. Der Kompanie war es mit den Chinesen offenbar nicht um eine fremdartige Zierde ihres Salons, sondern nur um die grössere Billigkeit derselben zu thun. Mit jedem Tage wurden sie unsauberer, und schon am dritten erschien auch der Obersteward in einer schmierigen und schäbigen gestrickten Jacke und reichte damit die Wangen der Nächstsitzenden streifend in den Tisch herein – ein Mangel an Anstand, der auf englischen oder deutschen Dampfern unmöglich gewesen wäre. Dabei reduzirte sich der Inhalt der vielen Schüsseln und Schüsselchen immer mehr.
Die Ankunft in Viti unterbrach für mich diese absteigende Progression und entzog mir das Ende und Resultat derselben, welches wahrscheinlich auf ein Indignation Meeting der Passagiere und einige Schmähartikel in Australischen Zeitungen ohne besondere Wirkung, wie ich deren schon viele gelesen, hinauslief.
Wir hatten, so lange wir im Bereich von Neuseeland waren, trübes und regnerisches Wetter, und eine Menge Kaptauben, viel mehr als ich je in der Nähe des Kaps gesehen, begleitete unsere Spur. Auch einzelne Albatrosse der kleineren Art liessen sich hie und da blicken. Am zweiten Tag waren beide verschwunden. Der Himmel hatte sich aufgeheitert, schnurgerad stieg der schwarze Qualm des Schornsteins empor, es wurde warm und ich musste die winterliche Kleidung gegen eine leichtere sich der tropischen nähernde vertauschen.
Es war der 4. Juli, der Hauptfesttag und zugleich hundertjährige Geburtstag der Vereinigten Staaten. Heute wurde zu Philadelphia die grosse Weltausstellung eröffnet, genau genommen eigentlich 16 Stunden später als unserer Zeit entsprach. Vier grosse Sternenbanner wehten von den drei Masten und von der Gaffel. Die zwei ansehnlichen Geschütze des Schiffes begrüssten das Aufsteigen derselben am Morgen und das Niedersteigen am Abend mit einem donnernden Salut, und der Kapitän trank bei Tisch eine Flasche Wein mit seinen Offizieren. Die Passagiere verhielten sich ziemlich passiv, da kein einziger Amerikaner sich unter ihnen befand, und es wurde nicht eine einzige Rede gehalten.
Wir fuhren direkt nach Norden. Die am Wege liegenden Kermandec Inseln passirten wir westlich davon ohne sie in Sicht zu bekommen.
Ich sollte nun einen Monat auf Viti zubringen, und war noch sehr im Unklaren über meinen Reiseplan. Länger als die Zeit bis zur nächsten Post durfte ich nicht bleiben, und ich kannte bereits die Unsicherheit und Langwierigkeit der Verbindungen in der Südsee von den in Neuseeland gemachten Erfahrungen her. Wollte ich die Hauptstadt von Viti, Levuka, besuchen, so musste ich von den dreissig Tagen mindestens zwei für die Fahrt von Kandavu hin und zurück auf einem erbärmlichen Zwischendampfer verwenden, es konnten aber auch vier und mehr werden. Und war ich in Levuka, so war ich auf der ganz kleinen Insel Ovalau, von wo aus nur sehr zweifelhafte Gelegenheiten nach Vitilevu durch Segelfahrzeuge bestanden. Sollte es dem Wetter einfallen mir ungünstig zu sein, so konnte ich meine ganze Zeit auf See statt auf Land zubringen.
Mit uns war der Lootse für Kandavu an Bord, der damals zugleich auch für die Neuseeländischen Häfen lootste und deshalb beständig auf den Dampfern hin- und herfuhr. Er behauptete Viti vollständig zu kennen, und an ihn wendete ich mich zunächst mit meinen Zweifeln. Er rieth mir dringend ab, nach Levuka oder gar nach Vitilevu zu gehen, ich würde sonst höchst wahrscheinlich meine Passage verlieren, da es kaum möglich sei, innerhalb eines Monats wieder in Kandavu einzutreffen. Vielleicht hatte er Recht und sagte die Wahrheit, vielleicht war er an dem Hotel in Kandavu betheiligt. Im Widerspruch mit ihm riethen mir einige Mitpassagiere aus Levuka, die dorthin zurückkehrten ebenso dringend, ich sollte mit ihnen kommen und nicht auf Kandavu bleiben »O auf Kandavu ist nichts los, da werden Sie sich höchstens langweilen und nichts zu essen und nichts zu trinken bekommen«. Jetzt glaube ich annehmen zu dürfen, dass sie hierbei nur an ihre Schnapskneipen in Levuka dachten.