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Polnische Geschichte

Fünftes Buch. Der Untergang.

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17. Kapitel. Das kursächsische Zeitalter.

Die Vorgänge, die zur neuen Königswahl führten, sind wohl das Unsittlichste und Widerlichste, was in dieser Beziehung in Polen geleistet wurde. Die Kandidaten, die zunächst in Betracht kamen, waren Jakob Sobieski, von Österreich unterstützt, und Ludwig de Conti. Die Krone aber gewann keiner von beiden, sondern derjenige, der zuletzt als Bewerber auftrat und noch volle Taschen hatte, als die anderen nicht mehr genug Geld zur Bestechung besaßen, Friedrich August der Starke, Kurfürst von Sachsen. Der Primas nominierte zwar Conti, aber die sächsische Partei, der auch die Anhänger Jakobs zugefallen waren, ließ durch den Bischof von Kujawien Friedrich August ausrufen. Da er schon an der Grenze mit einem Heere bereit stand, so rückte er sofort ins Land und ließ sich durch den Bischof von Kujawien in Krakau krönen. Conti, der mit einer Flotte vor Danzig erschien, gab seine Sache verloren und kehrte nach Frankreich zurück.

Friedrich August, als König von Polen August II. genannt (1697–1733), gewann auch seine Gegner bald 1697 bis 1733 durch reichliche Geldspenden. Er war in den despotischen Traditionen eines mittleren deutschen Hofes, der in politischer wie sittlicher Beziehung seinen höchsten Ehrgeiz in die Nachahmung des „Sonnenkönigs” setzte, großgeworden und nicht gewillt, diesen Traditionen zu entsagen.

Um die Königskrone zu erlangen, hatte er sein Land ausgesogen und den Katholizismus angenommen. Nicht nur war er durch den Übertritt der Tradition seines Hauses untreu geworden, sondern auch jeder Aussicht auf die Führung im evangelischen Deutschland hatte er damit entsagt. Ob die Sachsen empfanden, welche Kriegsschäden und welche Steuerlasten ihnen aus dieser Krone erwuchsen? Als der Dankgottesdienst für die Erhöhung abgehalten wurde, da sangen die Dresdener trotzig: „Ein' feste Burg ist unser Gott”! Aber die Mißstimmung in Sachsen war dem neugebackenen König einerlei, und vollends für die deutschen Aufgaben seines Hauses hatte er nie Sinn gehabt. Aber ebensowenig Sinn hatte er für seine Aufgaben in Polen. Ohne Liebe kam er ins Land, und um seiner eitlen Titelsucht zu genügen, hat er es dreimal verraten, indem er die Teilung vorschlug. Doch muß man anerkennen, daß er auf dem richtigen Wege war, als er den Absolutismus in Polen einzuführen suchte. Nur freilich war er nicht der rechte Mann dazu, sondern er vergriff sich in der Wahl seiner Mittel.

Die sächsischen Truppen, die er mitgebracht hatte, schickte er mit den Polen in den Türkenkrieg, in dem der Feldhetman Felix Potocki 1698 einen Sieg bei Podhajce errang. Im Frieden von Karlowitz (1699) erntete er die 1699 Früchte der Anstrengungen seines Vorgängers und der österreichischen Siege. Er erhielt Podolien und den von den Türken besetzten Teil der Ukraine zurück mit der Zusicherung, daß die tatarischen Einfälle aufhören würden. Damit waren die polnisch-türkischen Kriege für immer beendet.

Im nächsten Jahre riß er das Land in das verhängnisvolle 1700 bis 1721 Abenteuer des zweiten Nordischen Krieges (1700 bis 1721). Anstatt sich mit Schweden gegen das emporstrebende russische Reich zu verbünden, wiederholte er den Fehler des ersten Wasa, indem er in Rawa Ruska mit dem aus Europa zurückkehrenden Zaren Peter durch Vermittlung des Livländers Johann Reinhold Patkul vereinbarte, gemeinsam über den jungen König Karl XII. herzufallen. Polen sollte Livland, Rußland die baltischen Häfen zurückerhalten. Als Hintergedanke schwebte August die Gelegenheit vor, seine Sachsen, deren er im Kampfe gegen den Adel bedurfte, mit gutem Grunde im Lande zurückzubehalten. Nachdem noch Dänemark in das Bündnis einbezogen worden war, eröffnete August den Feldzug mit einem unvermuteten Einfall in Livland (1700). 1700

Der Krieg nahm einen sehr unerwarteten Verlauf. Noch 1700 mußte Dänemark Frieden schließen, Peter wurde bei Narwa, die Sachsen bei Riga geschlagen. Karl nahm Kurland in Besitz, drang durch Litauen vor und forderte schon 1701, 1701 im selben Jahre, in dem sich Friedrich III. zu Königsberg die preußische Krone aufs Haupt setzte, von den polnischen Ständen die Absetzung Augusts. Die Stände erklärten, daß sie durchaus keinen Krieg mit Schweden führten, sondern daß es sich um ein Privatunternehmen Augusts handle, aber Karl nahm als Antwort Warschau. August selbst suchte Frieden, indem er dem Sieger eine Teilung Polens vorschlug. Der Schwede lehnte ab, schlug 1702 die Polen 1702 und Sachsen bei Kliszow, nahm Krakau und im folgenden Jahre nach dem Siege bei Pultusk den Hauptwaffenplatz Augusts, Thorn.

Nun waren die Magnaten mit dem Primas an der Spitze zur Übergabe bereit. Sie bildeten, hauptsächlich Großpolen, eine Konföderation zu Warschau und erklärten August als Landesschädling des Thrones für verlustig. Dieser bildete zu Sandomir eine Gegenkonföderation, und so brach 1704 1704 der Bürgerkrieg aus. Um seinen voraussichtlichen Gegenkandidaten Jakob Sobieski unschädlich zu machen, ließ August ihn wider alles Völkerrecht zu Ohlau in Schlesien festnehmen und mitsamt seinem Bruder Konstantin als Gefangenen nach dem Königstein bringen. Auch ließ er in Berlin eine Teilung Polens zwischen ihm, Preußen, Rußland und Dänemark vorschlagen, wenn man ihm Hilfe gewähren wolle.

Inzwischen wurde angesichts des schwedischen Heeres zu 1704 bis 1709 Warschau der Wojewode von Posen, Stanisław Leszczyński (1704–1709) zum Könige gewählt, den Karl selbst vorgeschlagen hatte. Als die Schweden aber nach Rot-Rußland zogen und Lemberg nahmen, bemächtigte sich August Warschaus. Mit unglaublicher Schnelligkeit kehrte Karl aus dem Süden zurück und trieb den flüchtigen Sachsen bis zur Grenze Schlesiens vor sich her. 1705 ließ er die 1705 Krönung des neuen Königs vollziehen, der mit ihm ein Bündnis schließen mußte, dann vertrieb er die Russen aus Litauen und Rotrußland (1706). Im gleichen Jahre fiel er — August war wieder in Litauen erschienen — in Sachsen ein und erzwang den Frieden zu Altranstädt, in dem 1706 August der polnischen Krone entsagte, die Sobieskis freigab und Patkul auslieferte, der hingerichtet wurde. Der Kaiser, Brandenburg, England und Holland erkannten Stanisław als König an.

Die allzu lange Beschäftigung mit dem minderwertigen Gegner war verfehlt gewesen. Als Karl sich wieder nach Osten wandte, hatte Peter fast ganz Polen in Besitz genommen. Auf dem abenteuerlichen Zug mit dem Hetman Mazepa in die Ukraine erlitt der kühne Schwede die schwere Niederlage von Poltawa (1709), nach der er auf türkisches Gebiet flüchtete. August kehrte nach Polen zurück, indem er den 1709 Vertrag von Altranstädt als erzwungen erklärte. Leszczyński mußte nach Schwedisch-Pommern fliehen, während August mit dem Zaren einen neuen Vertrag schloß, in dem er ihm Livland abtrat, zu dessen Wiedererwerbung er den Krieg begonnen hatte! Inzwischen hatte Karl die Türken zum Kriege mit Rußland aufgehetzt und selbst in tollkühnen Ritten Pommern erreicht. Von der Walachei und von Pommern aus begann er nun den Krieg gegen August von neuem. Doch wurde Johann Grudziński, den er mit 4000 Reitern nach Polen geschickt hatte, bei Kalisch durch den Zaren und die Sachsen geschlagen (1712). Die Ereignisse in der Heimat forderten 1712 seine Anwesenheit, und so endete für Polen die Beteiligung an dem Nordischen Kriege, der sich bisher zum größten Teil auf seinem Boden abgespielt, ihm außer der Schmach unendliche Verwüstung und die Pest gebracht hatte. Namentlich der Ruin der Städte im westlichen Teil des Landes war vollendet. Posen und Krakau fielen in Trümmer, während die preußischen Seestädte sich zusehends hoben. Dem Gegenkönig wies Karl seinen Stammsitz Zweibrücken zur Residenz an (1714). Die geheimnisvolle Kugel, die den Kriegshelden vor Friedrichshall 1718 niederstreckte, setzte auch seinen Zukunftsplänen wider Polen ein Ziel, und der Vertrag zu Nysted brachte 1721 auch formell den Frieden, 1721 aus dem Rußland als neue europäische Großmacht hervorging.

Für Polen aber hatte sich noch vor dem Tode Karls XII. eine andere und gänzlich unerwartete Folge aus dem Kriege ergeben. Die Anwesenheit der sächsischen Söldner, die Lieferungen, die für sie verlangt wurden, die Gewalttaten, die sie begingen, die Beschränkung der persönlichen Freiheit, die der König mit ihrer Hilfe durchführte (er schickte eine ganze Reihe von Senatoren und Edelleuten auf den Königstein), die sich immer deutlicher enthüllenden absolutistischen Pläne des Königs riefen eine wachsende Erbitterung hervor. Dazu kam, daß der König aus Scheu vor dem „freien” Reichstag noch immer Konventikel der ihm ergebenen Konföderation von Sandomir abhielt und im Jahre 1712 die Vertagung des Reichstages einführte, wodurch 1712 die Eröffnungsformalitäten erleichtert, die Zerreißung erschwert wurde — ein Mittel der Verlängerung der Session, das später noch häufig angewendet wurde. Schon 1713 hatte es unter den polnischen Truppen über alledem Unruhen gegeben.

1715 aber kam die allgemeine Unzufriedenheit des über 1715 seine Freiheiten, deren er nicht wert war, eifersüchtig wachenden Adels in der Generalkonföderation von Tarnogrod zum Ausbruch, deren Haupt Stanisław Ledochowski war. Ihr Ziel war die Vertreibung der sächsischen Truppen, und da die zahlreichen Anhänger Leszczyńskis zu ihr stießen, so ward sie gefährlich. Doch behielt der Feldmarschall Fleming die Oberhand, bis die Konföderierten Peters des Großen Vermittelung anriefen, der gerade in Danzig war. August, der bei seiner Partei nicht genügende Unterstützung fand, mußte diese Vermittelung hinnehmen.

So schickte Peter den Fürsten Dolgorukij als Friedensstifter. Als die Verhandlungen zu keinem Ergebnis führten, gaben ihnen 18 000 Russen unter Rönne den erforderlichen Nachdruck. Auf diese Weise kam das Einvernehmen von Warschau zustande, in dem der erbärmliche Sinn des Adels und der russische Einfluß über die immerhin auf eine Gesundung hinzielenden Pläne des Königs siegten, in der die Selbständigkeit des Vaterlandes der Selbständigkeit des Individuums geopfert wurde. Innerhalb 25 Tage hatten die sächsischen Truppen das Land zu räumen; beide Konföderationen, die von Sandomir und die von Tarnogrod, wurden aufgelöst, für die Zukunft alle Konföderationen verboten; die Befugnisse des Hetmans, die im Falle von Unruhen gefährlich werden konnten, wurden auf die reine Befehlshabergewalt beschränkt, während die Armeeverwaltung auf die Finanzbehörden überging; eine allgemeine Amnestie wurde gewährt. In einem geheimen Vertrage aber, und das war das Schlimmste, wurde bestimmt, daß das Heer der Krone auf 18 000, das Litauens auf 6000 beschränkt werden sollte. Diese Vereinbarung, deren Innehaltung der Friedensstifter natürlich zu überwachen gedachte, sollte der Pazifikations-Reichstag ohne Debatte annehmen. Das geschah durch den nur sogenannten stummen Reichstag zu 1717 Warschau. Durch die sechsstündige Tagung vom 31. Januar 1717 war eigentlich Polens Schicksal schon besiegelt. Die russischen Truppen haben seitdem den polnischen Boden nicht mehr verlassen, und es handelte sich nur noch darum, ob Rußland die Beute allein gewinnen werde oder sie mit anderen teilen müsse. An Reformen war nicht mehr zu denken, denn das Verbot der Konföderationen, durch die allein Reformen hätten eingeführt werden können, verbot auch die Reformen, die ja nicht im Interesse des Nachbars gelegen hätten.

Auch in anderer Richtung scheiterten die Pläne Augusts. 1711 war der Herzog von Kurland, Friedrich Wilhelm, 1711 für den sein Onkel Ferdinand die Regentschaft führte, kinderlos gestorben. August bemühte sich, die Hand seiner Witwe Anna Iwanowna, der Nichte Peters, und damit die Thronfolge für seinen natürlichen Sohn, den berühmten Marschall Moritz von Sachsen zu erwerben. Tatsächlich wurde Moritz auch gewählt und von Katharina I. anerkannt. Da aber der Reichstag die Vereinigung Kurlands mit Polen nach dem Tode des rechtmäßigen Erben, Ferdinands, verlangte, und Menschikow während der Minderjährigkeit Peters II. 1727 Moritz vertrieb, so mußte August von seinen Plänen 1727 abstehen. Ebensowenig konnte er die polnische Thronfolge seines ehelichen Sohnes Friedrich August bei den Mächten zur Anerkennung bringen. Denn Friedrich August hatte eine Tochter Kaiser Josephs I. zur Frau, die unter Umständen zur Erbfolge in Österreich berufen war, und August wollte infolgedessen der Pragmatischen Sanktion nicht zustimmen. Er schlug als letztes Mittel am Berliner Hof nochmals eine Teilung Polens vor, und Friedrich Wilhelm I. war geneigt, darauf einzugehen, als August 1733 während eines 1733 Reichstages zu Warschau verstarb.

Der stärksten Sympathie in Polen erfreute sich Stanisław Leszczyński, der Kandidat Frankreichs, für den die beiden mächtigsten Parteien im Lande, die Czartoryski sowohl wie die Potocki, eintraten. Aber schon auf dem Konvokationsreichstage erklärten die Gesandten Rußlands und Österreichs, daß sie seine Wahl nicht zulassen würden. Gemeinsam mit Preußen forderten sie die Wahl Friedrich Augusts, der inzwischen die Pragmatische Sanktion anerkannt und die Belehnung des russischen Kandidaten mit Kurland zugesagt hatte. Kurz vor dem Wahltermin rückten 40 000 Russen in Polen ein. Trotzdem wurde Stanisław Leszczyński fast einstimmig gewählt. Doch was bedeutete diese Willensäußerung gegenüber den Bajonetten von 40 000 Russen? Leszczyński mußte nach Danzig flüchten, und auf einem neuen Wahltage erfolgte die Wahl Friedrich Augusts. Darüber kam es zwischen Österreich und Frankreich zum sogenannten Polnischen Erbfolgekrieg, im Lande zur Generalkonföderation von Dzikow (bei Sandomir) unter Adam Tarło. Doch die Konföderation hatte keinen Erfolg, und Frankreich mußte Leszczyński preisgeben, der 1735 auf Lebenszeit Herzog von Lothringen und Bar wurde. 1735 Er residierte in Nancy, regierte weise und wirkte aus der Ferne durch Schriften und durch die Diplomatie für sein Vaterland, dem er an seinem Hof Reformatoren zu erziehen versuchte. Er starb 1766. 1766

Friedrich August III. (1734–1763) weilte wenig in Polen, solange nicht die Schlesischen Kriege ihn dazu zwangen, und überließ in seiner Indolenz die Leitung der polnischen Politik erst dem Fürsten Sułkowski, dann seinem Minister Brühl, der in Polen ein reicher Mann wurde. An den großen Kriegen jener Zeit beteiligte sich Polen nicht, doch hat es genug darunter gelitten. Im österreichisch-russischen Türkenkriege zogen die Russen durch Polen, das gemäß dem Versprechen Friedrich Augusts im Jahre 1737 die Belehnung Birons mit Kurland zulassen mußte. 1737 Im Siebenjährigen Kriege, an dem Friedrich August ja als Kurfürst von Sachsen ebenfalls beteiligt war, standen die Russen ständig in Polen, wo sie ihre Magazine anlegten und von wo sie gegen Preußen operierten. Infolgedessen drang auch der große König mehrmals in Polen ein, nahm die russischen Magazine weg, legte Kontributionen auf, ja steckte sogar polnische Bauern in sein Heer.

Noch einmal winkte in dieser trüben Zeit die Hoffnung, wenigstens Kurland zurückzuerlangen, als nämlich Elisabeth den Herzog Biron nach Sibirien schickte und Friedrich Augusts Sohn Karl zum Herzog gewählt wurde. Aber 1762 starb Elisabeth, 1762 und die große Katharina führte Biron mit Gewalt auf den Herzogsstuhl zurück. Überhaupt brachte der russische Thronwechsel eine völlige Umwälzung der Lage in Polen hervor. Friedrich August, der sich immer auf Rußland gestützt hatte, starb jedoch, ehe diese Umwälzung wirksam in Erscheinung treten konnte, im Jahre 1763. 1763

18. Kapitel. Die inneren Zustände. Das Deutschtum. Die Reform-Bewegung.

Wir sahen, wie die Übertreibung der Freiheiten allmählich zur Anarchie führte, wie man zum Liberum veto und zur Zerreißung der Reichstage gelangte, und wie es schließlich möglich wurde, die Reichstage sogar schon vor ihrer Eröffnung zu zerreißen. Wir sahen auf der anderen Seite, wie die Könige vielfach bemüht waren, der Unordnung ein Ende zu machen und eine straffere monarchische Gewalt aufzurichten, wie diese Bestrebungen aber an der Macht der Magnatenfamilien scheiterten. Wir sahen auch, wie diese Familien sich gegenseitig zerfleischten und sich auf das Ausland stützten, in dessen Solde sie standen. Diese Zustände erreichten nun während der sächsischen Zeit ihren Höhepunkt.

Es wäre verkehrt, die Schuld hieran den sächsischen Königen zuzuschreiben, die nicht besser und nicht schlechter waren als ihre Vorgänger. Bestechungsgelder von einer fremden Macht, wie seinerzeit Johann Albrecht und Alexander in der preußischen Huldigungsfrage und zuletzt noch Johann Sobieski im Solde Frankreichs, hat wenigstens keiner von ihnen genommen; im Gegenteil haben sie ihr Stammland um der polnischen Krone willen ruiniert. Die Bemühungen Augusts, die Königswürde wieder erblich zu machen und ein absolutes Regime einzuführen, zeigten sogar den einzigen Weg, auf dem eine Heilung der polnischen Leiden möglich war. Wenn sie nur vom Könige glücklicher eingeleitet und von denen, denen sie galten, verständnisvoller unterstützt worden wären! Freilich hat der starke August durch die lockeren Sitten seines Hofes das wenige verderbt, was etwa noch zu verderben war; freilich hat Friedrich August durch seine Teilnahmlosigkeit die Kämpfe der zwei großen Gegenparteien in ihrem letzten Umfange erst ermöglicht. Aber schließlich reifte in ihrer Zeit doch nur die Saat, die früher ausgestreut und längst schon üppig in Halme geschossen war.

Daß Polen überhaupt nicht mehr in die politische Rechnung miteinbezogen wurde, haben wir schon gesehen. Die Nachbarn führten auf polnischer Erde ihre Kriege, ohne daß das Land im geringsten beteiligt war. Es war gerade, als ob dort zwischen der Warthe, dem Dnjestr und dem Njemen ein herrenloses Gebiet läge. Überall in Europa hatte sich eine neue Staatsform ausgebildet, der aufgeklärte Absolutismus, der alle Kräfte und Hilfsmittel des Volkes in der Hand einer starken Regierung vereinigte. Überall war das Heerwesen zu hoher Entwicklung gelangt. Neben Frankreich und England hatten sich vor allem die drei Nachbarmächte Polens, Österreich, Preußen und Rußland, in dieser Weise organisiert. Nur Polen lag zwischen ihnen, ohne starkes Heer und ohne starke Regierung, ohne die Möglichkeit, bei seiner bestehenden Verfassung dazu zu gelangen. Da das allgemeine Aufgebot auf der Reiterei basierte, während die neue Kriegskunst auf der Artillerie und dem Fußvolk aufgebaut war, so konnte der Mangel an Geld zur Erhaltung eines stehenden Heeres auch durch das Aufgebot nicht ausgeglichen werden, um so weniger, als der kriegerische Geist im Adel im Niedergang begriffen war.

Es ist einseitig, wenn hervorragende polnische Geschichtschreiber die Schuld an diesem Sinken des kriegerischen Mutes, an dessen Stelle Genußsucht und der krasseste Materialismus traten, nur dem verkehrten Erziehungssystem zuschreiben, das in Polen herrschte. Aber zweifellos trägt diese Erziehung einen sehr großen Teil der Schuld. Sie war in der Zeit der Gegenreformation gänzlich in die Hände der Jesuiten und der 1621 als Konkurrenzunternehmen bestätigten, in Einrichtungen 1621 und Zielen ähnlichen Piaristen (Pauliner) gelangt. Wir sahen, daß infolge der Reformation der Besuch der deutschen Hochschulen erschwert wurde; er kam mit der Zeit außer Übung und verbot sich schließlich aus finanziellen Gründen für einen großen Teil des Adels. Die eigene Hochschule zu Krakau aber verfiel sehr schnell, zumal eine Jesuitenakademie in Krakau selbst, andere in Posen und Wilna, dazu die Zamojskische in Zamość, die Ostrogskische in Ostrog ihr Konkurrenz machten. Die jesuitische Weisheit aber war derart, daß sie das selbständige Überdenken der Zusammenhänge ausschloß, um die Gefahr der Ketzerei zu verhüten. Sie prügelte aus ihren Zöglingen jedes wirkliche Ehrgefühl heraus, erfüllte sie durch ihr Prämiierungssystem mit falschem Ehrgeiz, erzog sie zum Strebertum und zur unbegrenzten Hochachtung vor Wappen und Besitz, zur unbegrenzten Verachtung aller derer, die nicht adlig waren. Ihre Erziehung wurde von Generation zu Generation schlechter, da sie sich den immer niedriger werdenden Begriffen des Adels anpaßte, anstatt ihn emporzuheben.

Wenn es wahr ist, daß das Maß der staatserhaltenden Energie, das einem Volke innewohnt, sich an der Höhe seiner geistigen Kultur ermessen läßt, so war Polens politische Kraft schon längst gesunken. Mit der Unterdrückung der Reformation sehen wir die polnische Literatur und Wissenschaft, die bereits einen achtungswerten Stand erreicht hatte, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sinken. Nur noch dürftige Epigonen und Nachahmer hat sie aufzuweisen, unter denen einzig der Memoirenschreiber Johann Chrysostomus Pasek (1700) höhere Beachtung verdient.

Der Bauer war ein Zubehör des Landes, nicht höher geachtet als ein Stück Acker oder ein Stück Vieh. Die Bewohner der adligen Städte waren nicht viel besser dran, die der königlichen Städte, der Willkür der Starosten und der Wojewoden ausgeliefert, hatten ihre Unabhängigkeit und durch die Verheerungen der Schweden auch ihren Wohlstand verloren. Nur die baltischen Städte, die den Getreidehandel vermittelten, blühten. Nicht minder war der Adel verarmt, was bei den ewigen Kriegen, bei der Unwissenheit und Faulheit der Besitzer und der Gleichgültigkeit der Bauern nicht wundernehmen kann. Nur in einigen Familien waren große Vermögen angesammelt, deren Erhaltung und Vermehrung bei den ständigen Erbteilungen und angesichts des großen Aufwandes ihrer Besitzer nur möglich war, wenn man die Einkünfte der großen Staatsämter dazu gewann. Daher die ewigen erbitterten Kämpfe um die Ämter. In ihrer Macht war der Kleinadel, in ihrer Macht der Reichstag, in ihrer Macht die Gerichte. Nur wer gut mit ihnen stand, erlangte, was er wollte. Es blieben wenige Familien von mittlerem Besitz übrig, die zwar nicht ihren politischen Einfluß, aber wenigstens ihre Selbständigkeit retten konnten. Die Masse des Adels war völlig auf die Magnaten angewiesen, die landlosen unter ihnen wurden „hołota” (Gesindel) genannt und waren froh, wenn sie eine „großmächtige” Livree anziehen durften. Andere gaben ihre Frauen und Töchter August II. und seinem Hofe preis oder heirateten die unehelichen Töchter dieses Königs, um Vorteile und Ämter zu erlangen. So war die vielgerühmte Freiheit beschaffen!

Die niedere Geistlichkeit war ebenso wie der Adel in Unwissenheit, Völlerei und Trunkenheit versunken, die höhere dachte nur an ihre ungeheuren Einkünfte und wetteiferte mit den Magnaten an Sittenlosigkeit. Die griechischen Geistlichen, die sich nach der Union etwas hoben, waren doch immer nur Geistliche zweiten Ranges, da man ihren Bischöfen nach wie vor den Sitz im Senat verweigerte und da nur noch die niederen Volksschichten sich zur unierten Kirche bekannten. Immerhin ist hier wenigstens ein Wille zum Fortschritt zu erkennen. Auf der Synode von Zamość (1720) wurde die Organisation der unierten Kirche und die 1720 Reform ihres Klerus durchgeführt. 1743 folgte die Reform des Basilianerordens, der als Pflanzschule für die Bischöfe und Prälaten und als Bildner des niederen Klerus eine ungemein wichtige Stellung in jener Kirche einnimmt.

Schlimmer als den Unierten erging es den übrigen Dissidenten. Bereits 1658 hatte der Reichstag die 1658 Vertreibung der Sozinianer (Arianer) beschlossen, die nach Ungarn, Preußen, Schlesien, Holland auswanderten, und 1661 wollten die Katholiken zum ersten Male einen Dissidenten, den Bogusław Radziwill, aus der Landbotenkammer ausschließen. Der Bau neuer Gotteshäuser wurde verboten, auch die Abhaltung von Privatgottesdiensten erschwert. Durch Gewohnheitsrecht wurden die Dissidenten auch von den Ämtern ausgeschlossen. 1717 und 1733 nahmen ihnen die Reichstage 1717 die letzten politischen Rechte: den Sitz im Reichstag, in Kommissionen und im Tribunal. Die von den Jesuiten verursachten Gewalttaten haben wir schon früher erwähnt. Sie wurden auch jetzt fortgesetzt. Eine traurige Berühmtheit erlangte das Thorner Blutgericht von 1724. 1724

Jesuitenschüler hatten die Thorner evangelische Bevölkerung angegriffen und so lange gereizt, bis das erbitterte Volk Kirche und Kollegium der Jesuiten stürmte. Die Jesuiten ruhten nicht eher, bis sie das Todesurteil gegen den Bürgermeister Rösner, den Vizebürgermeister Zernecke und zehn andere unschuldige angesehene Leute erlangt hatten. Trotz der Warnung des preußischen Gesandten, trotzdem selbst der Apostolische Nunzius Santini die Bischöfe und den Orden ernstlich ermahnte, wurde das Urteil vollzogen. Fast wäre es darüber zu kriegerischen Verwicklungen, nicht nur mit den protestantischen Mächten, sondern auch mit Österreich und Rußland gekommen. Es ist ein sonderbarer Zufall, daß die Untreue wider den Deutschen Orden gerade an den beiden Städten, die am schuldigsten waren, an Danzig und an Thorn, in dieser blutigen Weise nach Generationen gerächt wurde.

Trotz dieser Mißgunst gegenüber den Protestanten hat gegen Ende des 16., im 17. und 18. Jahrhundert in Polen wiederum eine lebhafte deutsche, vorwiegend protestantische Einwanderung stattgefunden, die sich hauptsächlich auf Polnisch-Preußen, Großpolen und Kujawien erstreckte. Von der großen Einwanderung des 13. und 14. Jahrhunderts hatten sich nur in den Grenzgebieten und in den großen Städten Reste erhalten, die durch den neuen Zuzug nun erheblich gestärkt wurden. Diese zweite Einwanderung begann zu einer Zeit, als Polen noch ein Hort religiöser Freiheit war, aus religiösen Beweggründen. Sie ging in aller Stille vor sich, von den Zeitgenossen kaum beachtet, war aber so wirksam, daß ganze Landstriche eingedeutscht wurden und ihr deutsches Gepräge bis zur Auflösung Polens behielten.

Es sind zwei verschiedene Wanderzüge zu unterscheiden, die Holländersiedelung und die Ansetzung von Schulzendörfern. Von Polnisch-Preußen ausgehend, das seinerseits wiederum den Anstoß durch Herzog Albrecht empfangen hatte, haben holländische Ansiedler (daher der aus „Holländer” verderbte Name Hauländer für diese Ansiedler), vorwiegend Mennoniten, seit 1593 zuerst in der Bromberger Gegend und dem Netzetal gesiedelt. 1593 Von 1611 an fanden Siedelungen in ganz Kujawien statt, auch auf den geistlichen Besitzungen, trotzdem die Ansiedler Ketzer waren und sich die freie Religionsübung in jedem Falle verbriefen ließen. Das erste Beispiel, eben von 1611, gab das Domkapitel 1611 von Gnesen. Von der Netzemündung scheint die Besiedelung wartheaufwärts geführt zu haben. 1626 bestand schon eine Kirche zu Rewier (Kreise Wongrowitz) als Mittelpunkt einer Reihe von Hauländereien. Übrigens schlossen sich auch Siedler anderen Stammes an, doch blieb der Name von den ersten Einwanderern. Die Gebiete, in die sie geführt wurden, waren meist derartiger Natur, daß ihre Urbarmachung wasserkundige Leute erforderte, wie die Holländer waren. Später erst griffen sie auch aufs platte Land über.

Die zweite Einwanderung kam namentlich aus Brandenburg und Pommern, ebenfalls seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Sie war, wie aus einem Schreiben des Kurfürsten Johann Georg von 1584 hervorgeht, durch den Umstand veranlaßt, daß 1584 in Großpolen die Wälder gerodet und neue Dörfer begründet wurden, in denen Befreiung von Frondiensten und anderen Lasten versprochen war. Schon er sah sich wegen der Verödung seiner Länder veranlaßt, die polnischen Magnaten zur Zurücksendung der Flüchtlinge aufzufordern, allerdings ohne Erfolg. Im Dreißigjährigen Kriege, der Polen fast ganz verschonte, zogen immer größere Scharen dorthin. Erst der Große Kurfürst erlangte 1662 von Johann Kasimir ein Patent, wonach die Flüchtlinge 1662 aus Hinterpommern und Cammin zurückgeliefert werden sollten. Aber Wirkung hatte das Patent nicht, und so mußten die brandenburgischen Grundherren, mit kurfürstlichen Pässen ausgerüstet, ihre Leute selbst zurückholen. Noch 1677 führt der Kurfürst bittere Klage über die Verödung der Besitzungen. Die erste uns bekannte Gründung ist Briesenitz im Kreis Deutsch-Krone (1577). Die Richtung des Einwandererstromes war dieselbe wie bei den Holländern, die Netze entlang und die Warthe aufwärts. Es wurden nicht nur ganze Dörfer angelegt, sondern die Einwanderer setzten sich als Krüger, Müller, Schmiede auch mitten zwischen die polnische Bevölkerung.

Der Unterschied gegen die frühere Siedelung liegt darin, daß nicht mehr der König und die Klöster vorangehen, sondern daß der Adel selbst zur Verbesserung seiner Einnahmen auf die Kolonisation kommt. Die Abwanderung der polnischen Gutsbauern nach der Ukraine, die ja schwer schädigend einwirkte, mag ebenso wie die Verwüstungen mancher Landstrecken durch die Kriege mit zur Heranziehung der Deutschen beigetragen haben. Die Gründung vollzog sich in ähnlicher Weise, wie im 13. und 14. Jahrhundert, doch genossen die neuen Kolonisten bei weitem nicht die Freiheiten ihrer mittelalterlichen Vorgänger. Sie wurden zwar auch nach Magdeburgischem Recht, so wie man es in den alten Urkunden vorfand, angesetzt, aber von vornherein mit viel größeren Abgaben und Frondiensten belastet. Zwar richteten sich die Ansiedelungsbedingungen sehr danach, ob der Betreffende als armer Flüchtling oder als besitzender Mann kam; doch darf nicht außer acht gelassen werden, daß die gutsherrliche Gerichtsbarkeit, die im Mittelalter noch nicht bestand, allein schon genügt, um die Lage ungünstiger erscheinen zu lassen. Die katholische Kirche verzichtete den Protestanten gegenüber ebensowenig auf ihren Zehnten und auf die Gebühren für alle kirchlichen Amtshandlungen, wie sie es an Verfolgungen und Bekehrungsversuchen fehlen ließ.

Der Dreißigjährige Krieg führte dann auch zu einer neuen Belebung der Städtegründungen. Zahlreiche Flugblätter der polnischen Magnaten wurden in Schlesien verbreitet und die Protestanten zur Ansiedelung aufgefordert. Schon ein Jahrhundert vorher, 1547, hatten die Leszczyńskis 1547 für aus Böhmen vertriebene deutsche und tschechische Protestanten die Stadt Lissa begründet, die mit Fraustadt ein hervorragender Sitz protestantischen Geisteslebens und durch den Namen Amos Comenius, der seit 1628 hier 1628 seine bedeutendsten Werke schrieb, weithin bekannt wurde. Diese Gründung, der Idee nach mit den folgenden verwandt, steht aber vereinzelt da. Erst 1638 gründete dann der Kastellan Przyjemski die Stadt Rawitsch. Bojanowo, 1638 Schwersenz, Schlichtingsheim u. a. folgten. Auch in bereits bestehenden Städten, namentlich in Fraustadt, fand ein lebhafter Zuzug statt. Man kam ihnen auch in diesen Städten in aller Weise entgegen, denn der Gewerbefleiß der Deutschen wurde gebührend geschätzt. Einzig die Hauptstadt Großpolens, Posen, und Schrimm teilten sich in den traurigen Ruhm, den protestantischen Zuzüglern das Bürgerrecht zu verweigern und ihnen dadurch die Einwanderung zu erschweren. Schrimm, im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte Großpolens, sank für immer zur Bedeutungslosigkeit herab, und auch Posen klagte: „Unsere Stadt ist vom Schicksal so gerädert, daß ihr keine Sonne der Hoffnung mehr leuchtet.”

Posen, das im Nordischen Krieg besonders schwer litt und dessen Kämmereidörfer gänzlich entvölkert waren, konnte sich auch nicht entschließen, zu protestantischen Siedlern zu greifen, als es zu deren Wiederbesetzung schritt. Darum haben wir hier wohl das einzige Beispiel einer Ansiedelung süddeutscher katholischer Bauern aus der Bamberger Gegend, die vom Jahre 1719 an vor sich ging. 1719 Parallel damit geht auch eine schwäbische Stadtgründung, Witkowo, um 1740. Im übrigen flaute die Einwanderung im 18. Jahrhundert bedeutend ab. Doch lassen sich noch eine ganze Reihe von Dorfgründungen, bei denen selbstverständlich wirkliche Holländer nicht mehr in Betracht kamen, und Städtegründungen bzw. Einwanderungen in schon bestehende Städte, sogar Verleihungen des Stadtrechts an solche neue deutsche Dörfer nachweisen.

Der Grund für die Abnahme ist einerseits in den veränderten Verhältnissen der Heimat zu suchen. Die Einwanderer waren im 17. Jahrhundert ja größtenteils aus Ländern gekommen, die sich im 18. Jahrhundert unter preußischer Herrschaft gerechter Regierung und wachsenden Wohlstandes erfreuten. Dann aber schreckte auch die zunehmende Unordnung in Polen vor einer weiteren Einwanderung ab, denn die bereits bestehenden Siedelungen wurden erst im Nordischen Kriege hart mitgenommen, und nachher setzten ihnen die inneren Kämpfe übel zu, die uns in dem Streit zwischen der „Familie” und der „Partei” entgegentreten.

Nachdem nämlich unter August II. zwischen 1717 und 1733 von achtzehn Reichstagen elf zerrissen worden, zwei ergebnislos verlaufen waren und nur fünf zum Ziel geführt hatten, kam unter August III. außer dem Pazifikationsreichstag von 1736 überhaupt keine Tagung mehr zu Ende. 1736 Gesetzgebung, Rechtsprechung, Finanzkontrolle, diplomatische Verhandlungen, alles stockte. Es kam allen zum Bewußtsein, daß es so nicht weiterginge. Dieser Einsicht verdankt wieder eine Reihe von Reformschriften ihre Entstehung — wir haben solche Schriften, darunter theoretisch recht wertvolle, schon aus den beiden vorhergehenden Jahrhunderten kennen gelernt —, von denen die früheste bedeutsame 1733 aus der Feder des Königs Stanisław Leszczyński 1733 erschien: „Die freie Stimme, die die Freiheit sichert.” Unter seinem Einfluß standen mit ihren Ideen die beiden Bischöfe Andreas und Joseph Załuski. Großes Aufsehen erregte der „Brief eines polnischen Landedelmannes an einen seiner Freunde aus einer anderen Landschaft” (1740), der von 1740 Stanisław Poniatowski, dem Vater des nachmaligen Königs, herrührte und neue Selbständigkeit des Staates forderte durch Vermehrung des Heeres, Finanzreform, allgemeine Steuern, Hebung des Handels und der Städte, Beschränkung des Liberum veto usw. Auch der bekannte Piarist Stanisław Konarski, der Schulreformer, trat als Politiker auf den Plan mit seiner Schrift „Über eine erfolgreiche Beratungsart” (1760–1763), die die Einführung 1760 der Majoritätsabstimmung oder die Wahl zwischen Absolutismus und Teilung als die einzigen Auswege bezeichnete.

Alle diese theoretischen Ratschläge traten zurück gegenüber den praktischen Versuchen, die von den beiden großen Adelsparteien unternommen wurden, den Potocki (an ihrer Spitze der Primas Theodor, der Großkronhetman Joseph und später der Hetman Clemens Branicki), genannt die „nationale oder patriotische Partei”, kurzweg die „Partei”, und auf der anderen Seite den Czartoryski (an ihrer Spitze der litauische Unterkanzler Michael, der kleinrussische Wojewode August und ihr Schwager, der bereits erwähnte Stanisław Poniatowski). Die Czartoryski hießen einfach die „Familie”. Aus eigener Kraft glaubte keine von beiden Parteien dem Lande helfen zu können. Die „Familie” lehnte sich daher an Rußland an, die „Partei”, durch Grundbesitz, Verwandtschaft und Ruhm weit mächtiger, an Frankreich, die Türkei und Schweden. Dabei bekämpften sie sich aus „Vaterlandsliebe” mit einer Erbitterung und mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die vielleicht nur in der Geschichte der italienischen Renaissance ihresgleichen findet.

Auf die Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen. Es verdient nur hervorgehoben zu werden, daß die Potocki bereits während des österreichisch-russischen Türkenkrieges von 1737 bis 1739 eine gegen den russischen Einfluß gerichtete Generalkonföderation im Verein mit der Türkei zustande zu bringen versuchten, daß die Czartoryski und der Hof aber den Reichstag zerrissen, daß umgekehrt die Pläne der „Familie” und des Hofes auf Beteiligung Polens an den Schlesischen Kriegen von der „Partei” vereitelt wurden, und daß 1749 diese Streitigkeiten 1749 sogar die Einsetzung des Tribunals von Petrikau verhinderten, das erstemal seit Einführung der Tribunale, so daß die Krone Polen ein ganzes Jahr lang ihres obersten Gerichtshofes entbehrte und die Rechtspflege ruhte.

Eine entscheidende Wendung zugunsten der Czartoryski, der „Familie”, trat 1763 mit der Thronbesteigung Katharinas II. 1763 ein, denn der junge Stanisław August Poniatowski, ein schöner und begabter, aber liederlicher junger Mann, hatte als sächsischer Gesandter in Petersburg Gnade vor Katharinas Augen gefunden, und Katharina versicherte die „Familie” ihrer Gunst. Sie gingen nunmehr daran, unter Rußlands Protektion eine Konföderation zur gewaltsamen Einführung von Reformen zu bilden. Schon lief das Manifest, das zur Konföderation auffordern sollte, durchs Land, schon rückten russische Truppen ein, als der am 1. Oktober 1763 zu Dresden erfolgte Tod Augusts III. beide Parteien zum Wahlkampfe rief.

19. Kapitel. Die Teilungen.

Die weiteren Schicksale Polens wurden durch den Umstand beeinflußt, daß Friedrich der Große nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges Anschluß an Rußland suchte, um der Isolierung zu entgehen, in die ihn die Unzuverlässigkeit seines bisherigen Bundesgenossen, Englands, versetzt hatte. Rußland ergriff gern die Gelegenheit, seine Bestrebungen nach einem Bündnis der nordischen Mächte wenigstens zum Teil in die Tat umzusetzen und namentlich durch das Zusammengehen mit Preußen jede Einmischung einer anderen Macht in die polnischen Angelegenheiten ungefährlich zu machen. Am 11. April 1764 wurde der 1764 russisch-preußische Defensivvertrag geschlossen, der in geheimen Artikeln auch eine Verständigung über Polen enthielt. Die Vertragschließenden verbanden sich zur Aufrechterhaltung des freien Wahlrechts, zur Verhinderung der Einführung der Erblichkeit der Königswürde, zur Durchführung der Gleichberechtigung der Andersgläubigen, verständigten sich über Truppenbewegungen im Falle einer Konföderation und über die Person des neuen Königs.

Dieser neue König sollte Stanisław August Ciołek Poniatowski sein. Auf dem Konvokationsreichstag erschienen die Czartoryski mit einem so starken Aufgebot von Haustruppen, daß angesichts ihrer und des in Warschau stehenden russischen Heeres die Gegner Warschau unter Protest verließen. So war die „Familie”, waren Rußland und Preußen Herren der Situation. Der zur Konföderation umgebildete Konvokationsreichstag erkannte auch seitens Polens den Anspruch der russischen Herrscher auf den Titel „Kaiser von ganz Rußland” an (was bisher ja nur seitens Litauens geschehen war) und bestätigte Biron im Besitz Kurlands. Dagegen lehnte er, entsprechend der Stimmung im Lande, die Garantierung der Verfassung durch Rußland und die geforderte Gleichstellung der Andersgläubigen ab und sah eine Reihe von Reformen vor, vor allem unabhängige Verwaltungskommissionen für Finanz, Justiz, Kriegswesen und Polizei mit ziemlich großem Wirkungskreise. Am 1764 bis 1795 7. September 1764 erfolgte einstimmig die Wahl Stanisław Augusts (1764–1795). Bis zum 10. November erkannten auch die Protestler den Gewählten als König an. Diese letzte Krönung erfolgte nicht in Krakau, sondern in Warschau.

Für die Person des neuen Königs war den Nachbarn maßgebend gewesen, daß er schwachen Charakters und nicht reich genug war, um ohne finanzielle Unterstützung von auswärts königlich leben zu können, daß durch seine Wahl die „Familie” noch enger an Rußland gefesselt und Preußen von der sächsischen Umklammerung befreit wurde. Die „Familie” ihrerseits, die sich anfangs mit dem Vorschlag, ihren Neffen zu wählen, nicht befreunden wollte, hatte sich für ihn entschlossen in derselben Hoffnung, ihn lenken zu können. Die selbständige Politik der „Familie” enttäuschte Rußland, und die Selbständigkeit des Königs, der sich eine eigene Partei bildete, enttäuschte bald genug beide. Doch ist anzuerkennen, daß sowohl der König, der die Lage und ihre Bedürfnisse sehr wohl erkannte, wie die „Familie” den guten Willen besaßen, ihr Land zu retten und durch Kräftigung wieder zur Selbständigkeit zu führen. Vor allem gingen sie nach Einsetzung der Verwaltungskommissionen darauf aus, das „Liberum veto” zu beschränken und womöglich ganz abzuschaffen. Auf dieser Grundlage hofften sie dann weitere Reformen bewerkstelligen zu können. Wenn sie dabei auf die Hilfe Rußlands rechneten, so hatten sie in der Tat eine starke Partei unter Panins Führung für sich, die Reformen auf dem Gebiet des Handels, der Polizei und der Justiz zulassen wollte, um an Polen einen leistungsfähigen Bundesgenossen zu gewinnen.

Katharina aber wollte vor der Lösung der Dissidentenfrage und Abschluß eines Bündnisses von Reformen nichts wissen. Insbesondere war sie gegen Abschaffung des „Liberum veto”, weil nur so den ihr ergebenen Andersgläubigen aus der geforderten Gleichstellung ein Einfluß auf den Reichstag erwachsen konnte. Ihr Gesandter Repnin proklamierte daher im Verein mit dem preußischen Gesandten Benoit während des Reichstages von 1766 die 1766 Unverletzbarkeit des „Liberum veto”, als der König die Einführung der Stimmenmehrheit zunächst in Finanzangelegenheiten vorschlug. Der Reichstag beschloß auch einstimmig, daß alle Staatssachen durch Stimmeneinhelligkeit entschieden werden sollten.

Da aber in der Frage der Dissidenten ein Beschluß nicht zu erreichen war, eine Angelegenheit, die Katharina im Gegensatz zu Friedrich ganz persönlich nahm, so bildete Repnin 1767 eine evangelische Konföderation zu Thorn, eine 1767 griechische zu Słuck und gleichzeitig aus der Opposition 24 katholische, deren Seele der Kronreferendarius Gabriel Podoski war. Zum Generalmarschall wurde in Radom der Schwachkopf und Säufer Karl Radziwill, genannt „Herrchen liebes” (Panie Kochanku), der Liebling des armen Adels, gewählt. Unter den Bajonetten der russischen Truppen erklärte sich die von Repnin schmählich hintergangene Radomer Konföderation mit allen Bischöfen bereit, zu tun, was die Russen verlangten, insbesondere auch die berechtigten Forderungen der Dissidenten zu gewähren und die Verfassung durch Rußland garantieren zu lassen. Da nach dem Herkommen mit der Bildung einer allgemeinen Konföderation die Wirksamkeit des Königs und der Regierung aufhörte und sie sogar zur Verantwortung gezogen werden konnten, so forderte Repnin, der den gefügiger gewordenen, wenn auch unzuverlässigen König nicht fallen lassen durfte, die Verbindung der Konföderation mit dem König, obwohl er vorher den Anhängern des sächsischen Hauses gegenüber mit der Entthronung Stanisław Augusts operiert hatte.

Der Konföderationsreichstag, dem der König tatsächlich beitrat, sollte limitiert sein, er sollte sich auf die Einsetzung einer Delegation mit Vollmacht zur Neuordnung des Staates beschränken. Da deren senatorische Mitglieder vom „umgefallenen” König, die Landbotenmitglieder vom von Repnin gelenkten Konföderationsmarschall zu bestimmen waren, so mußte die Delegation zweifellos den Dissidenten günstig zusammengesetzt werden. Rom war aber nicht müßig geblieben. In vielen Breven und in zündenden Reden des Nunzius war der Fanatismus aufgestachelt worden. Der hohe Klerus half in seiner Mehrzahl eifrig bei diesem Werke. Es bildete sich eine Opposition, der vor allem die Bischöfe Kajetan Sołtyk von Krakau und Joseph Załuski von Kijew, der Feldhetman Wacław Rzewuski und sein Sohn Severin vorstanden. Diese ließ Repnin kurzerhand aufheben und nach Kaluga bringen. Die Entrüstung über diese Verletzung des Völkerrechts und der Privilegien war ungeheuer. Aber das Mittel hatte Erfolg: die Delegation wurde eingesetzt. Sie schloß den geforderten Vertrag mit Rußland, in dem den Dissidenten und Nichtunierten volle Gleichstellung gewährt, die Czartoryskischen Kommissionen (vom Konvokationsreichstag her) bis auf die Finanzkommission aufgehoben, die freie Königswahl und das „Liberum veto” aufrechterhalten und die russische Verfassungsgarantie angenommen wurde. Der Reichstag mußte am 5. März 1768 in stummer 1768 Sitzung die Delegationsbeschlüsse bestätigen.

So hatte die Kurzsichtigkeit des Adels wieder einmal einen vernünftigen Anlauf zu Reformen verhindert und das Land, das schon tatsächlich unter russischer Herrschaft stand, auch rechtlich durch die Verfassungsgarantie den Russen ausgeliefert. Der König aber hat seitdem, an seinem Volke verzweifelnd, nicht mehr gegen Rußlands Willen zu handeln gewagt.

Noch war freilich der russische Sieg nicht entschieden, denn schon während des Konföderationsreichstages waren Gerüchte über die Bildung einer zweiten Konföderation in Warschau verlautbart. Tatsächlich war sie am 29. Februar 1768 in Bar, unfern Mohilew, unter Michael Krasinski als Marschall und Joseph Puławski als Generalregimentarius zusammengetreten. Ein Karmelitermönch rief zum Kampf für die Freiheit und den Glauben auf. Die Weltgeistlichkeit folgte ihm. Andersgläubige wurden nicht aufgenommen. Unter dem Namen „Ritter des heiligen Kreuzes” bildete sich eine Art Ritterorden. Neben den Fanatikern aber traten die politischen Gegner des Königs der Konföderation ebenfalls zahlreich bei. Außer der Alleinherrschaft der katholischen Kirche und der Erhaltung der alten Verfassung galt sie bald auch der Absetzung des Königs. Ganz Polen sei konföderiert, berichtete der preußische Gesandte. Man rechnete auf den Beistand der Bürgen des Olivaer und des Karlowitzer Friedens: Österreichs, Frankreichs und Hollands, ferner der Türkei und Sachsens.

Die Konföderierten, unter denen von Anfang an infolge der Zusammensetzung aus verschiedenen Parteien Uneinigkeit herrschte, waren mit ihren ersten Schritten unglücklich. Die Russen unter Apraxin und Kretschetnikow, denen Stanisław August seine Truppen zu Hilfe schickte, nachdem eine Mission Mokronowskis ergebnislos gewesen war, nahmen Bar und Berdiczew, die Hauptplätze der Konföderierten, und trieben diese in die Moldau. Gleichzeitig brach in der Ukraine eine gegen den religiösen Fanatismus der Konföderierten gerichtete orthodoxe Gegenbewegung aus, die Hajdamakenbewegung, indem die ukrainischen Bauern im Verein mit den Saporogern (letztere auf Befehl Katharinas) unter dem Saporoger-Sotnik Sheljesnjak und dem Sotnik der Potockischen Leibtruppen, Honta, über Adel und Städter herfielen. Sie richteten ein furchtbares Blutbad an. Allein bei der Einnahme von Human haben sie über 15 000 Menschen niedergemetzelt. Schließlich dämpfte der Kronregimentarius Stępkowski mit russischer Hilfe den Aufstand, nachdem das Ziel, die Konföderation im Südosten zu unterdrücken, erreicht war.

Dafür aber loderte der Aufstand in den anderen Landesteilen, in Großpolen, in Krakau, in Sieradz, in Litauen um so heller empor. Die Grausamkeiten, die in diesen Kleinkämpfen auf beiden Seiten verübt wurden, sind so unmenschlich und greulich, daß die Feder sich sträubt, sie zu beschreiben. Doch dauernde Erfolge erreichten die Konföderierten auch in den anderen Wojewodschaften nicht. Inzwischen hatten im September auch die Türken sich von Frankreich und den Konföderierten zur Kriegserklärung gegen Rußland hinreißen lassen, wobei sie das besorgniserregende Vorgehen Rußlands in Polen als einen Hauptgrund angaben. Eine ganze Reihe Konföderierter, namentlich die Gebrüder Puławski, focht im türkischen Heere. Frankreich beschränkte sich vorläufig auf eine platonische Unterstützung durch Aufreizung der Türken und wohlwollende Neutralität. Österreich gestattete in Schlesien und Ungarn Zusammenkünfte der 34 Marschälle der einzelnen Konföderationen und Errichtung der Zentralregierung der Konföderierten. Maria Theresias Neigung, Polen zu Hilfe zu kommen, wußte Joseph II. zu vereiteln, zumal Friedrich der Große erklärt hatte, daß er hierin einen Kriegsfall sehen würde. Die Zusammenkunft, die Friedrich und Joseph 1769 1769 in Neisse hatten, führte zu einer weiteren Annäherung. Noch im selben Jahre besetzte der eifrige junge Joseph, um alte Ansprüche zu wahren, die früher zu Ungarn gehörige Zips mit Saatz und Neumarkt. Damit war der erste wirkliche Schritt zur Zerstückelung Polens getan, nicht von den beiden Verbündeten ausgehend, sondern von der Macht, die bisher eine Teilnahme an jenen Übereinkünften entschieden abgelehnt hatte.

Schon mehrmals hatte Friedrich, der Katharinas Absichten sehr wohl durchschaute, in Petersburg den Gedanken einer Teilung angeregt, erst ganz unverbindlich, dann offen, denn nur durch eine Teilung konnte verhindert werden, daß Polen scheinbar selbständig weiter bestand, tatsächlich aber gänzlich zu einem Trabanten Rußlands wurde. Nun benutzte er das österreichische Vorgehen, um seine Pläne energischer zu betreiben. In Mährisch-Neustadt kam er 1770 wiederum 1770 mit Joseph zusammen, den die schnellen Siege der Russen im Türkenkriege mit Besorgnis erfüllten und der vor allem den Verzicht Rußlands auf die Moldau verlangte, wenn er nicht zum Kriege genötigt sein sollte. Im Zusammenhang damit machte Friedrich in Petersburg klar, daß die russischen Erwerbungen im türkisch-tatarischen Süden für Preußen und Österreich durch polnisches Gebiet kompensiert werden müßten.

Von Frankreich, das 1770 den Konföderierten wenigstens Geldmittel und zur Leitung eines regelrechten Krieges den General Dumouriez gesandt hatte, war nach dem Sturz Choiseuls (gegen Ende dieses Jahres) nichts mehr zu befürchten, denn sein Nachfolger, der Herzog von Aiguillon, hielt sich in der polnischen Frage weit mehr zurück. Die Konföderierten hatten sich nämlich durch ihre unkluge Politik die Sympathien auch der unbeteiligten Monarchen verscherzt, indem sie durch die Interregnumsakte vom 9. August 1770 Stanisław August absetzten und ihn außerdem als Eindringling, Usurpator und Tyrannen brandmarkten. Namentlich Frankreich, das ausdrücklich entgegengesetzt lautende Instruktionen gesandt hatte, war verletzt. Dieser törichte Schritt trieb den König, der sich von Rußland loszumachen versucht hatte, wieder zu Rußland zurück, und alle militärischen Anstrengungen der Konföderierten wurden gegenüber der europäischen Stimmung bedeutungslos. Im Gegenteil, die verzweifelten Kämpfe des Jahres 1771 (Kasimir Puławski verteidigte 1771 erfolgreich Czenstochau gegen Drewitsch, Dumouriez wurde bei Łanekorona in der nähe von Krakau durch Suworow und Drewitsch besiegt, Zaremba schlug den Kronfeldherrn Branicki bei Widawa in der Nähe von Sieradz), der unerwartete Beitritt des litauischen Großhetmans Michael Ogiński zur Konföderation (er wurde von Suworow bei Stolowicz in Schwarzrußland geschlagen) und ein Anschlag der Konföderierten gegen die Person Stanisław Augusts besiegten die letzten Bedenken gegen die Teilung.

Noch versuchte Kaunitz, um der ehrlichen persönlichen Abneigung Maria Theresias willen, eine Beteiligung Österreichs in der Weise zu umgehen, daß er Kompensationen in Schlesien und Glatz forderte. Aber dieses Ansinnen wies Friedrich selbstverständlich zurück. So wurden am 6. und 11. Februar 1772 in Petersburg und Wien die 1772 Konventionen über die Teilung unterschrieben und nach längeren Verhandlungen über die einzelnen Anteile am 5. August auch der Teilungsvertrag. Die Okkupationsmanifeste Rußlands, Österreichs und Preußens datieren vom 5., 11. und 13. September. Den Löwenanteil der Fläche nach erhielt Rußland: den polnischen Rest von Livland, die Wojewodschaften Witebsk und Mstislaw, Teile von Minsk und Polozk, so daß Düna und Dnjepr die Grenze bildeten, zusammen 108 750 qkm mit 1 800 000 Einwohnern. Österreich nahm das wertvollste und volkreichste Gebiet, nämlich außer der Zips die Wojewodschaften Lemberg und Belz, die Hälfte von Krakau und West-Podolien, zusammen 70 480 qkm mit 2 700 000 Einwohnern. Preußen bekam Polnisch-Preußen außer Danzig und Thorn, die ihm Rußland nicht gönnte, und einen Teil Kujawiens, den sogenannten Netzedistrikt, zusammen 34 745 qkm mit 416 000 Einwohnern. Ein Reichstag sollte die Teilung bestätigen.

Vergebens suchte man die Einberufung zu hintertreiben, vergebens wandte sich der König an die übrigen Mächte. Die Teilungsmächte ließen ihre Truppen nur immer weiter ins Land rücken und erklärten schließlich durch ihre Gesandten, daß eine völlige Aufteilung des Landes bevorstehe, wenn die Zustimmung nicht bald erfolge. 32 Landtage gingen trotzdem auseinander, ohne gewählt zu haben. Nur 102 Abgeordnete fanden sich 1773 in Warschau ein. Um die Zerreißung 1773 des Reichstages zu verhüten, bildete Adam Poniński eine Konföderation, der auch der König beitrat und die mit Majoritätsbeschluß eine Deputation von 30 Mitgliedern mit unbeschränkter Vollmacht wählte. Die Beschlüsse dieser Kommission sollte der Reichstag dann ohne Debatte annehmen.

Die Kommission bestätigte zunächst die Teilungsverträge. Dann verfügte sie, daß die nach Aufhebung des Jesuitenordens (1773) dem Staate zugefallenen Besitztümer dieses Ordens für Unterrichtszwecke verwendet werden sollten. Zur Reform des Unterrichts wurde eine Edukationskommission gewählt. Endlich wurden auf Vorschlag der Teilungsmächte neue Grundrechte gegeben, die alle die alten Schwächen der Verfassung, wie die Königswahl und das „Liberum Veto”, bestehen ließen. Als wichtigste Neuerung aber führten sie den Ständigen Staatsrat ein, bestehend aus 18 Senatoren und Ministern und 18 alle zwei Jahre durch den Reichstag gewählten Edelleuten. Dieser Staatsrat zerfiel in fünf Departements: der auswärtigen Angelegenheiten, der Polizei, des Krieges, der Justiz und der Finanzen, denen verantwortliche Minister vorstanden. Er hatte die Exekutivgewalt, während der Reichstag nicht tagte. Der König stand an seiner Spitze, durfte aber nicht selbständig vorgehen. (Im großen und ganzen handelte es sich also um die von den Czartoryski bereits auf dem Konvokationsreichstag eingeführten, auf Rußlands Betreiben aber wieder abgeschafften Verwaltungskommissionen.) Die Heeresstärke wurde auf 30 000 Mann festgesetzt, die Befugnisse der Hetmane beschränkt, allgemeine Steuern ausgeschrieben. Doch wurden diese Grundrechte von neuem der russischen Garantie unterstellt.

Der wieder zusammengetretene Reichstag nahm am 11. April 1775 trotz zahlreicher Proteste das Werk der Delegation 1775 an, worauf die Ponińskische Konföderation sich auflöste.

So hatte Polen ohne einen Schwertstreich fast ein Drittel seines Gebietes verloren, weil es unfähig gewesen war, sich innerlich zu festigen, weil der Hader der Parteien jeden ehrlichen Fortschritt unmöglich gemacht hatte. Es hatte sich selbst auf Gnade und Ungnade der Willkür seiner Nachbarn ausgeliefert, ein neues Beispiel für das alte Wort: Par requierre de trop grande liberté chêt-on en trop grand servaige.

Diese Freiheit war nur ein Zerrbild wahrer Freiheit gewesen, weil sie nur den Katholiken und nur einer Oberschicht des Volkes zuteil wurde. Und gerade, daß sie den Andersgläubigen verwehrt blieb, gab den ersten Anlaß zur Einmischung der Nachbarn. Rußland nahm damals nur Gebiete, die von Russisch sprechenden, griechischen Katholiken bewohnt waren. Es blieb damit seiner Aufgabe als Nationalstaat und als Vormacht des griechischen Katholizismus treu. Auch vom militärischen Gesichtspunkte aus war diese Grenzregelung, die ihm nur altes russisches Land wiedergab, vernünftig. Preußen hatte nur das Allernotwendigste genommen, so viel, wie erforderlich war, um die Verbindung seiner preußischen mit seinen reichsdeutschen Besitzungen herzustellen. Diese Erwerbung war militärisch, wirtschaftlich und politisch eine Lebensfrage für das junge Königreich, auch wenn nicht so viele geschichtliche und nationale Gründe für die Erwerbung Westpreußens gesprochen hätten. Einzig die Beteiligung Österreichs läßt sich durch nichts motivieren als durch die Gier, den Gebietsumfang zu vermehren. Von der Zips abgesehen, war das von ihm erworbene Gebiet in keiner Weise für das Gedeihen des Staates notwendig. Im Gegenteil, die Karpathen bildeten die natürliche Grenze österreichischer Macht. Daß es darüber hinaus ging, hat ihm nicht zum Segen gereicht, hat seine Ostgrenze geschwächt und das Slawentum ausschlaggebend im Lande gemacht.

Das nächste Jahrzehnt war an politischen Ereignissen arm. Es zeigte die guten Eigenschaften des Königs, dem es auf den Reichstagen bis ins Jahr 1784 gelang, den Widerstand der russisch gesinnten Magnatenpartei unter Xaver Branicki, Adam Czartoryski, Ignaz und Szczęsny Potocki, Severin Rzewuski gegen seine und des Ständigen Rates reformierende Tätigkeit unwirksam zu machen. Es ist ein Jahrzehnt der Selbstbesinnung, das in kultureller Beziehung beachtenswerte Erfolge zeitigte, namentlich infolge der Tätigkeit der Edukationskommission, in der auch die russenfreundliche Opposition hervorragend mitarbeitete. Diese Kommission brachte nicht nur die Hochschulen zu Krakau und Wilna, erstere durch die Bemühungen ihres Mitgliedes Hugo Kollątaj († 1812), wieder in eine achtungswerte Verfassung, sie sorgte nicht nur für die Reform der Gymnasien und für die Errichtung von Lehrerseminarien, sondern sie gründete auch in den Städten wie auf dem Lande Pfarrschulen und nahm sich des weiblichen und des jüdischen Bildungswesens an. Die 1776 unter Ignaz Potocki gegründete 1776 Gesellschaft für Elementarschulbücher erwarb sich große Verdienste um die Bestrebungen der Edukationskommission, indem sie vorzügliche Schulbücher herausgab.

Auch auf literarischem Gebiet ist ein von dem kunstliebenden König eifrig geförderter Aufschwung zu vermerken. Der hervorragendste Dichter der Zeit ist der Fürstbischof von Ermland und spätere Erzbischof von Gnesen, Ignaz Krasicki († 1801), der Freund Friedrichs des Großen, unter die Klassiker der polnischen Literatur gezählt. Bedeutender als Historiker denn als Dichter war der Bischof von Smolensk, später von Łuck, Adam Naruszewicz († 1796), dessen „Geschichte des polnischen Volkes”, seit Długosz, der erste Versuch einer kritischen Geschichtschreibung in Polen ist. Franz Karpiński († 1825) sang seine geistlichen Lieder, Stanisław Trembecki († 1812) spottete und Kajetan Węgerski († 1787) ahmte den Voltaire nach. Weit ins folgende Zeitalter hinein ragt Julian Niemcewicz († 1841), dem an Patriotismus der „polnische Jeremias”, der Primas Woronicz von Warschau († 1829), gleichkommt. Unter den politischen Schriftstellern zeichnet sich der schon erwähnte Kollątaj und Stanisław Staszic († 1826), unter den Memoirenschreibern neben Kollątaj und Niemcewicz noch Andreas Kitowicz († 1804) aus. Die ersten polnischen literarischen Zeitschriften tauchten in jenen Jahren auf. Des Staszic „Betrachtungen über das Leben des Johann Zamojski”, die ähnliche Ideen vertraten, wie seinerzeit die Schriften Konarskis, wirkten auf die für Reformen nunmehr weit besser vorbereitete polnische Gesellschaft bedeutsam ein.

Im Verhältnis der Nachbarmächte zueinander hatte in jenen Jahren eine wichtige Verschiebung stattgefunden. Nach Panins Sturz waren die russisch-preußischen Beziehungen erkaltet, während die russisch-österreichischen mit Rücksicht auf die Türkei und die Krim an Wärme zunahmen. Stanisław August versuchte bei dieser Gelegenheit mehrmals, aus seiner Isolierung herauszukommen und die Aufmerksamkeit der heimischen Parteien auf auswärtige Ereignisse zu lenken, indem er Katharina ein Bündnis für den Fall eines Türkenkrieges anbot. Katharina sollte dafür gewisse Reformen garantieren. Doch kam der Vertrag, der für Rußland keinen großen Wert hatte, so schnell nicht zustande. Rußland ging 1787 ohne Polen in den Türkenkrieg, in dem sich ihm 1787 Österreich anschloß. Preußen aber, das nach des großen Königs Tode vollends antirussisch geworden war und eifrig an den gegen Katharina gerichteten Plänen Englands und Hollands teilnahm, ging nun darauf aus, die an der Donau und am Schwarzen Meer beschäftigten Gegner in Polen zu beunruhigen. Es mußte ja darauf bedacht sein, Danzig und Thorn zu gewinnen, die Rußland ihm versagt hatte, und versuchte zunächst auf dem Wege friedlicher Verständigung mit Polen zu diesem Ziele zu gelangen. Da sich aber Stanisław August in seiner Neigung, sich auf Rußland zu stützen, mit der feindlichen Branickischen, der Hetman-Partei, traf, so bildete sich im Lande eine neue Partei, die mit Hilfe Preußens zu Reformen kommen wollte und sich selbst die patriotische Partei nannte, an ihrer Spitze Stanisław Małachowski.

Erst Anfang 1788 antwortete Katharina auf Stanisław 1788 Augusts erneute Anerbietungen, allerdings in einer Weise, die er nicht erwartet hatte. Sie verbot nicht nur Reformen, sondern beschränkte auch die zulässigen polnischen Hilfstruppen auf 12 000 (der König hatte 30 000 stellen wollen, um einen Vorwand zur Vermehrung des Heeres zu bekommen). Von einem Anteil Polens an den Eroberungen war überhaupt nicht die Rede. Die Folge der russischen Schritte war ein preußisches Bündnisangebot, das dem am 2. Oktober 1788 eröffneten Reichstag, dem berühmten 1788 bis 1792 vierjährigen, in Form einer Konföderation abgehaltenen Reichstag, vorgelegt wurde. Des Ministers Hertzberg Gedanke war, in dem russisch-österreichischen Kriege gegen die Türkei als Vermittler aufzutreten, Österreich zur Herausgabe Galiziens zu zwingen, als Lohn dafür von Polen Danzig und Thorn und einen Teil Großpolens zu erhalten und Rußland durch Schwierigkeiten in Polen zur Annahme dieser Änderungen gefügig zu machen.

Daher fanden die Reformer, denen auch der König beizutreten für gut fand, bei Preußen für ihre Pläne eifrige Unterstützung. Zunächst wurde die Erhöhung des Sollbestandes des Heeres auf 100 000 beschlossen und eine Heereskommission unter den vier Hetmans eingesetzt, dann, als der russische Gesandte Stackelberg darauf aufmerksam gemacht hatte, daß die garantierte Verwaltungsform nicht geändert werden dürfe, auf eine preußische Gegenerklärung hin die Reformtätigkeit in Angriff genommen. Man nahm dem Ständigen Rat auch die auswärtigen Angelegenheiten und hob ihn schließlich völlig auf. Die Hetmanpartei konnte zwar diese Beschlüsse nicht hintertreiben, aber sie verhinderte die Bewilligung genügender Steuern, so daß statt der festgesetzten 100 000 Mann nur 40 000, und auch diese nicht einmal genügend ausgerüstet, aufgestellt werden konnten.

Bei den Beratungen über die Reform der Grundrechte zeigte es sich bald, daß man nicht nur mit dem Widerstande russisch Gesinnter, sondern auch mit dem Radikalismus der von der beginnenden französischen Revolution beeinflußten Aufklärer, in Staszic' und Kollątajs Schriften niedergelegt, zu rechnen hatte. Um etwaigen Gegenmaßnahmen der Opposition vorzubeugen, schlugen die Patrioten vor, die von ihnen ausgearbeiteten 89 Reformpunkte der Gesamtheit des Adels, also den Landtagen vorzulegen und sie erst dann in dem um die doppelte Zahl der Abgeordneten zu verstärkenden Reichstage zu beraten. Die sejmiki erklärten sich fast durchweg für die Vorschläge der Patrioten, die im großen und ganzen der späteren Konstitution von 1791 entsprachen.

Als das geschehen war, nahm der verstärkte Reichstag die Beratungen wieder auf. Zunächst wurde ein Gesetz über die Landtage erlassen, wonach der nicht grundbesitzende Adel von ihnen ausgeschlossen wurde, eine Maßregel, die gegen den Einfluß der Magnaten gerichtet war. Dann folgte das Gesetz über die Stadtbürger. Sie erhielten die Rechte „Neminem captivabimus”, der Beteiligung am Reichstage und des Erwerbes adliger Güter. Doch galt das Gesetz für die Mehrzahl der Städte, nämlich für die adligen Mediatstädte, nicht.

Inzwischen erwies es sich als unmöglich, in der bisherigen Weise über die anderen Reformen weiter zu beraten, denn es war wieder eine Änderung der politischen Konstellation eingetreten, die Polen des Rückhalts an Preußen beraubte. Die Erfolge der französischen Revolution und die für Österreich bedrohlichen Siege der Russen wider die Türken hatten nämlich Preußen und Österreich von neuem einander zugeführt. Auf dem Reichenbacher Kongreß von 1790 ließ Österreich vom Türkenkriege, um freie Hand 1790 in Belgien zu bekommen. Ein preußisch-österreichisches Bündnis folgte, mit dem natürlich die preußischen Austauschpläne fielen. Es mußte suchen, Danzig auf andere Weise zu bekommen. Da es sich in seinen Hoffnungen auf England getäuscht sah, wandte es sich wieder Rußland zu.

Polen stand also wieder verlassen da und mußte suchen, zu einem Abschluß der Reform zu gelangen, ehe Rußland den Türkenkrieg gewonnen hatte und Zeit für die polnischen Angelegenheiten fand. Die Patrioten griffen im Einverständnis mit dem König zum Staatsstreich. Sie arbeiteten in der Stille eine Verfassung aus, die den Reichstag nur in einer einzigen Sitzung beschäftigen sollte, und brachten sie ein, als die meisten oppositionellen Abgeordneten sich wegen des Osterfestes nach Hause begeben hatten. Auf diese Weise gelangte die Verfassung vom 3. Mai 1791 trotz 1791 der theatralischen Opposition des Abgeordneten Suchorzewski zur Annahme. Nur 27 Abgeordnete und ein Senator protestierten.

Die Hauptbestimmungen dieser Verfassung sind folgende: 1. Die katholische Religion ist Staatsreligion, aber alle anderen Bekenntnisse genießen Freiheit und Schutz. 2. Die Szlachta behält ihre Privilegien, aber das neue Gesetz über die Bürgerschaften wird bestätigt, der Bauer unter die Obhut des Gesetzes gestellt und seine Emanzipation durch Vertrag mit dem Grundherrn gestattet. 3. Die gesetzgebende Gewalt übt der in Senat und Abgeordnetenkammer zerfallende Reichstag aus, der „immer bereit” ist, d. h. jederzeit zusammengerufen werden kann. Die Abgeordnetenkammer erhebt die Entwürfe zu Gesetzen, der Senat bestätigt sie oder stellt sie bis zum nächsten Reichstag zurück. Beschlußfassung erfolgt mit Stimmenmehrheit. „Liberum Veto” und Konföderationen fallen fort. 4. Die Exekutive liegt in den Händen des Königs und des durch ihn ernannten, dem Reichstag verantwortlichen Staatsministeriums. Der König erhält die Besetzung der erledigten Stellen zurück und wird erster Feldherr im Kriegsfalle. 5. Die Rechtsprechung wird durch Gerichte erster Instanz ausgeübt, von denen die Berufung an die Tribunale geht. 6. Die Königswürde ist persönlich erblich, nur die Familie ist wählbar. Nach dem Ableben Stanisław Augusts geht das Königtum an das kursächsische Haus über. 7. Alle 25 Jahre nimmt ein konstituierender Reichstag eine Verfassungsrevision vor.

Friedrich Wilhelm II. erkannte diese Verfassung ebenso an, wie Kaiser Leopold II., der sich vergebens bemühte, auch Rußland zur Zustimmung zu bewegen. Preußen beging mit der Anerkennung eine unverzeihliche Dummheit, da es damit ja wieder in die sächsische Umklammerung geriet, aus der Friedrichs des Großen Zusammengehen mit Katharina es befreit hatte. Aber Friedrich Wilhelm II. war viel zu sehr mit Koalitionsgedanken beschäftigt, als daß er diese Überlegung angestellt hätte. Glücklicherweise bewahrte Katharina Preußen vor den Folgen seines Fehlers, denn sie ließ in Berlin erklären, daß sie der sächsischen Thronfolge nicht zustimmen könne, und ging gleichzeitig in Polen vor. Sie kündete Stanisław August den Einmarsch russischer Truppen und eine neue Konföderation an, der der König beizutreten hätte. In Targowice in der Ukraine kam am 14. Mai 1792 diese Konföderation zustande. 1792 Ihr Ziel war die Aufrechterhaltung der bisherigen Verfassung gegenüber der als Jakobinertum bezeichneten neuen Konstitution. Ihr Marschall war Szczęsny Potocki, ihre Hetmane Branicki und Rzewuski, die alten Führer der russisch gesinnten Hetmanspartei. Gleichzeitig überschritten 64 000 Russen die Grenze.

Der König schickte 15 000 Mann unter dem Herzog Ludwig von Württemberg nach Litauen, 30 000 unter dem Fürsten Joseph Poniatowski, Kościuszko und Zajączek nach der Ukraine. Während die ersten Niederlage auf Niederlage erlitten, bestanden die letzten ehrenvoll bei Połonne, Zieleńce und Dubienka in Wolynien, ohne allerdings etwas zu erreichen. Erfolglos blieben auch die Gesandtschaften nach Wien und Berlin. Der König, wieder schnell verzweifelnd, schlug deshalb Katharina vor, den Großfürsten Konstantin als Thronfolger einzusetzen, und trat selbst der Konföderation bei. Die Patrioten und die Führer des polnischen Heeres begaben sich infolgedessen ins Ausland.

Doch auch dieser Schritt des Königs, der den auf eine oligarchische Republik lossteuernden Konföderierten höchst unlieb kam, konnte Polen nicht mehr retten. Das Einrücken der Russen bewog Preußen an seiner Ostgrenze ebenfalls Truppen aufzustellen, um seinen Anteil an der polnischen Beute zu sichern. Nach Vorverhandlungen zwischen den Mächten kam am 23. Januar 1793 der russisch-preußische 1793 Vertrag über die zweite Teilung Polens zustande. Rußland nahm die Reste der Wojewodschaften Minsk und Polozk, die Hälfte von Nowgorodek und Brześć Litewski, den östlichen Teil von Wilna und von Wolynien, dazu die Ukraine und Podolien, zusammen 250 700 qkm mit drei Millionen Einwohnern, wieder nur Gebiete griechischen Bekenntnisses und größtenteils auch russischer Zunge. Preußen erhielt den Rest der alten Ordensbesitzungen zurück, Danzig, Thorn und das Dobriner Land, dazu die Hälfte von Brześć Litewski und Rawa, die Wojewodschaften Posen, Kalisch, Sieradz, Łęczyca, Płock, die Landschaft Wielun und die Stadt Czenstochau, zusammen 58 370 qkm mit 1 100 000 Einwohnern. Es war damit über das, was es zur Herstellung der strategischen Verbindung zwischen Preußen und Schlesien brauchte und was es als von deutschen Ansiedlern bevölkerte Erde aus nationalen Gesichtspunkten verlangen konnte, aus Gründen der Machtpolitik nur wenig hinausgegangen. 254 000 von ursprünglich 750 000 qkm blieben noch selbständig. Der Reichstag von Grodno mußte die Abtretung in stummer Sitzung bestätigen und sich gleichzeitig eine Herabsetzung des Heeres auf 15 000 Mann gefallen lassen.

Nur wenige Monate blieb dieser Zustand bestehen, denn gerade die von den Mächten befohlene Herabsetzung der Streitkräfte führte zum Aufstand, zuerst in der Brigade des Generals Madaliński, am 24. März 1794 unter Thaddäus 1794 Kościuszko auch in Krakau. Die Vorbereitungen hatten in Warschau in den Händen des Generals Działyński, in Sachsen in den Händen Ignaz Potockis und Kollątajs gelegen. Kościuszkos Sieg bei Raclawice in der Nähe von Krakau beschleunigte den Aufruhr in Warschau und Wilna, ließ von allen Seiten die Truppen ihm zuströmen. Aber den vermehrten Truppen Rußlands und Preußens konnten die Aufständischen nicht standhalten. Bei Szczekociny, unfern Kielce, wurde Kościuszko zum Rückzug gezwungen, bei Chełm Zajączek geschlagen, Krakau von den Preußen besetzt, Warschau von ihnen belagert. Dann schlugen bei Maciejowice an der Weichsel die Russen Kościuszko entscheidend. Er selbst wurde verwundet und gefangen genommen. (Der Ausruf „Finis Poloniae!”, den er fallend getan haben soll, ist eine Legende.) Als schließlich Suworow die Warschauer Vorstadt Praga im Sturm nahm, gab auch der den Aufstand leitende „Nationalrat” seine Sache verloren und überlieferte die Hauptstadt den Russen.

Zu Petersburg wurde am 3. Januar 1795 zwischen Rußland und Österreich, am 24. Oktober zwischen Rußland und Preußen der Vertrag über die dritte Teilung Polens 1795 geschlossen. Österreich erhielt als Ersatz für das an Frankreich verlorene Belgien das Land zwischen dem nördlichen Bug, der Weichsel und Pilica mit Krakau, 45 922 qkm mit einer Million Einwohnern, Preußen das Land westlich davon mit Warschau, und weiter östlich bis zum oberen Knie des Njemen, 54 898 qkm mit nicht ganz einer Million Seelen, und Rußland den Rest, 111 780 qkm mit 1 200 000 Einwohnern. In Niemirow am nördlichen Bug stießen die neuen Grenzen der drei Mächte zusammen. Stanisław August dankte in Grodno ab, wo er bis zum Tode Katharinas lebte. 1796 wurde er nach Petersburg überführt. Dort ist er am 12. Februar 1798 gestorben. 1798

Polen aber war aus der Reihe der selbständigen Nationen gestrichen.

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