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Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup

Zweites Kapitel.

Reading edition

Pitt stand eines Tages im Vorsaal eines vornehmen Hauses: Er wolle das Fräulein sprechen. Der Diener bat um seine Karte, er gab sie zögernd. Dann wartete er in dem großen, stillen Salon. — Ein junges Mädchen trat herein, mit stumpfem, blondem Haar und ganz hellem Gesichte. Sie hielt Pitts Karte in der Hand, und gespannt, wer sie da wohl besuche, warf sie einen neugierigen Blick ins Zimmer, aus ihren graublauen Augen, die wie zwei lichte, besondere Kämmerchen für sich allein erschienen. Sofort aber nahmen sie einen halb überraschten, halb beunruhigten Ausdruck an: was fällt Ihnen denn ein! sagte sie schnell und halblaut, das geht doch nicht! Sie kennen uns doch nicht! Meine Mutter und meine Schwester wissen doch gar nichts von Ihnen! — Die will ich ja auch gar nicht besuchen; sagte Pitt. — Sie sah beunruhigt auf die Tür: Wenn meine Mutter jetzt hereinkäme — ich kann ihr doch nicht gleich die ganze Geschichte erzählen — so gehen Sie doch, hören Sie denn nicht — meinetwegen warten Sie draußen, ich muß sowieso in die Stadt. — Er war noch einen Augenblick wie unschlüssig, aber da schien es, als wollte sie ihn in ihrer Unruhe vor sich herschieben; er lachte und ging eilig und lautlos durch die teppichbelegte Vorhalle, an dem Diener vorbei, wie ein Dieb, der einiges Silber in die Tasche gesteckt hat und sich bemüht, nun möglichst harmlos dreinzuschauen. Fast wäre er gegen eine äußerst elegante, schlanke junge Dame geprallt, die ins Haus schritt und ihn jetzt mit einem etwas erstaunten Blicke maß. Es war Hedwig van Loo, Elfriedes ältere Schwester. — Wer war dieser junge Mensch? fragte sie als sie zu ihr ins Zimmer trat. — Ein Freund von mir! sagte Elfriede gleichgültig und kurz; Hedwig zog ein wenig pikiert die Augenbrauen hoch; die Unterhaltung war abgeschlossen. Elfriede nahm einige Noten vom Flügel und verließ das Haus. Wie sie draußen an der Ecke Pitt erblickte, lachte sie, als sei es ein lebendig gewordener Witz, der da vor ihr stände. Er begriff noch immer nicht, daß sie ihn fortgeschickt habe. — Wenn ich nur vorher genau gewußt hätte, daß Sie das wären! sagte sie, aber in dem Augenblick war ich ganz verwirrt. Eigentlich, fuhr sie nach einer Pause fort, ist doch unsere Bekanntschaft auch recht sonderbar. — Das finde ich gar nicht! Ich finde sie im Gegenteil höchst natürlich. Ich habe noch nie im Leben einen Menschen auf so natürliche Weise kennen gelernt wie Sie. — Ich auch nicht! fiel sie schnell ein, aber gerade deshalb finde ich es so komisch. — Und eigentlich kenne ich Sie ja auch jetzt noch so gut wie gar nicht! fuhr er fort. — Ja das ist wahr! sagte sie sehr ernsthaft und ging unwillkürlich etwas gemessener. — Wenn Sie wirklich in unser Haus kämen, fuhr sie nach einer Pause fort, so müßte ich meiner Mutter doch irgend etwas vorher sagen, das geht gar nicht anders. — Gut, dann tun Sie das, und dann komme ich morgen wieder. — Bitte — sagte sie stolz, das hängt doch von mir ab, ich muß mir das sehr überlegen. Sie schwiegen eine Zeitlang, dann sagte Pitt: Weshalb tragen Sie eigentlich täglich diese Mappe? — Weil ich täglich in die Stunde gehe! Sie haben mich schon zweimal danach gefragt und jedesmal dieselbe Antwort bekommen. Und als er bestätigend nickte, fragte sie: Sind Sie öfter so zerstreut? — Er erfuhr jetzt, daß sie sich ganz im Klavierspiel ausbilde, viel habe sie schon gelernt, aber noch lange nicht genug. Die Lehrer seien hier nicht besonders gut, sie wolle später nach Paris gehen. Darauf teilte er ihr mit, er mache niemals Pläne, alles käme ja doch immer so, wie es kommen müsse. Sie fand das dumm; er bewies es ihr an seinen letzten Erfahrungen: Eigentlich, wenn es nach dem Plan gegangen wäre, säße er jetzt ganz wo anders. Er habe sich irgendeine Universitätstadt ausgesucht, aber mitten auf dem Bahnhofplatz habe er dem Gepäckträger gesagt, er wolle umdrehen, er wolle weiterfahren. — Weshalb? — Pitt zuckte die Achseln. — Und dann sind Sie weitergefahren? — Jawohl, bis ich hier war, und da dachte ich: Nun ist es richtig. — Elfriede machte einen etwas spitzen Mund und sagte in kleinen Tönen: Sie scheinen die Originalität zu lieben. — Über diese Worte ärgerte er sich, da sie ihn gar nicht trafen. — Jetzt werde ich nur noch in einem kleinen Kreis von Möglichkeiten herumgetrieben, sagte er nach einer Pause, denn ich ziehe fortwährend von einer Wohnung in die andere. Sie fand dies toll und direktionslos — ein Ausdruck, den Hedwig gern gebrauchte. Er sah halb von der Seite auf ihr Gesicht, und nach einem kleinen Nachdenken sagte er: Ihnen geht es ja gerade so wie mir! Sonst würden Sie doch hierbleiben und nicht durchaus nach Paris wollen! — Das ist doch etwas ganz anderes! Gerade das Gegenteil davon! Ich folge doch dabei einem ganz festen Plane! Er bestritt dieses, sagte, das rede sie sich nur ein, und berief sich auf seine Menschenkenntnis. — Dann ist Ihre Menschenkenntnis keinen Pfennig wert! rief sie rasch und ärgerlich. Er lachte und sah sie aufmerksam an. Ich meinte das auch gar nicht so! Ich wollte nur gerne einmal sehen was Sie für ein Gesicht bekommen wenn Sie böse sind! — Nun war sie wirklich böse, hob den Kopf, antwortete nichts und schritt schneller. Ein wenig unsicher blickte er ab und zu auf ihr Profil, auf ihre feine, ein ganz wenig stumpfe Nase, die so fest und eigensinnig in die Luft sah. — Seien Sie doch nun wieder anders! sagte er endlich. Da lachte sie und meinte, er sei ein komischer Mensch. — Sie hatten jetzt ein großes Haus erreicht, Elfriedens Ziel, und verlangsamten ihren Schritt; Pitt, der es nicht gewohnt war, eine gleichmäßig schnelle Gangart einzuschlagen, hatte in den Beinen ein Gefühl, wie wenn ein Räderwerk im Ablaufen sei. — Wenn Sie nun wirklich nichts zu Hause sagen, dann sind Sie in Zukunft nie mehr vor mir sicher. Ich erkenne Sie auf hundert Schritte. — Das ist nicht wahr! sagte sie blindlings, nur um zu widersprechen. — Wollen wir wetten? — Sie schwieg wie im Nachdenken, dann sagte sie auf einmal: Wollen Sie morgen mit mir spazierengehen? Bis dahin sage ich dann alles meiner Mutter. — Er war sehr überrascht über diese plötzliche Wendung und sagte zu. Sie verabredeten die Stelle wo sie sich treffen wollten, dann verschwand sie im Gebäude, nachdem sie noch einen kleinen spitzbübischen Blick auf ihn zurückgeworfen hatte, als wisse sie etwas ganz Besonderes. Er hatte wieder Gelegenheit, ihren rhythmischen Gang zu bewundern, das erste was ihm an ihr aufgefallen war, damals, in der ersten Zeit, als er immer, wenn er sie sah, den Mantelkragen hochklappte und wie ein Krüppel tat, aus Furcht, sie möchte ihn sonst für einen Don Juan halten. — — Am nächsten Tag war er pünktlich um die angegebene Zeit auf der Allee. Lange wartete er vergebens, endlich setzte er sich auf eine Bank. Guten Tag, sagte da ein halbwüchsiger Knabe neben ihm, und sah pfiffig in die Luft hinaus. Im selben Moment erkannte er Elfriedes stumpfes, feines Profil. Die Haare hatte sie unter einer weichen Mütze verborgen, der dunkelblaue, nur oben leicht geöffnete elegante Tuchmantel mit den breiten Aufschlägen und den Metallknöpfen reichte ihr genau bis an die Waden; sie trug schwarze Strümpfe und Schnallenschuhe, ihr Hals war frei unter dem Matrosenkragen. — Sehen Sie, sagte sie stillvergnügt, ohne sich zu rühren, nun haben Sie mich doch nicht erkannt! Ihr Scharfblick ist etwas mäßig. — Sie sprang auf, und wie sie nun dastand, konnte man sie für einen Knaben oder für ein Mädchen halten. — Wir nehmen einen Wagen! sagte sie; ich möchte schnell heraus ins Freie; draußen kann er umkehren und wiederkommen, wenn wir ihn brauchen. — Pitt war etwas befangen durch diese neue Wandlung, und wie sie nun nebeneinander herfuhren, konnte er nicht gleich den rechten Ton wiederfinden. Zudem sah er sie zum erstenmal im hellsten Tageslichte, unter einem klaren Himmel. — Sie lehnte sich zufrieden in die Ecke zurück. Vorne an der Stirne schauten ein paar blonde Härchen durch; die Lider hatte sie vor Vergnügen halb geschlossen; mit Genugtuung lugte sie auf die Menschen, und ihre Lippen spitzten sich unmerklich, wenn eine ihr bekannte Dame den Blick gleichgültig über sie hingehen ließ. — Endlich hielt der Wagen; sie waren im Freien. — Wo gehen wir nun hin? fragte sie. Es stellte sich heraus, daß Pitt auch nicht eine Ahnung von der ganzen Gegend hatte, obgleich er nun schon seit ein paar Wochen hier war. Er fand solche Frage überflüssig: Man geht einfach los, wohin die Beine gehen. Irgendwo wird man schon ankommen. Ein Baum ist ja doch genau so wie der andere! — Sie wollte aber ein festes Ziel vor Augen haben: Man geht mit einem ganz anderen Vergnügen, wenn man weiß, wohin es geht, und mit einem viel gesicherteren Gefühl; und dann hat man doch auch eine Vorfreude! — Vorfreude? fragte er, was ist das? — Ihr fiel etwas Schönes ein und sie nahmen eine feste Richtung. Sie griff das Gespräch wieder auf: Wenn ich kein festes Ziel vor Augen sähe, so wäre mir das Leben überhaupt nichts wert; ich weiß ja nicht ob ich etwas Großes erreichen werde, aber ich versuche es doch wenigstens, habe den guten Glauben daran und arbeite so fest los darauf wie ich kann. — Und wenn Sie es nicht erreichen? — Sie sah ihn ganz erschrocken an. — Daran darf man nicht denken; wenn man gleich so denken will, braucht man überhaupt nicht anzufangen. — Das soll man auch nicht. — Aber Sie haben doch auch einen Lebensplan? — Er zuckte die Achseln: irgend etwas muß man doch tun. — Das fand sie schwächlich und verächtlich und wollte nichts mehr davon hören; es verderbe ihr die schöne Stimmung. Sie steckte die Hände in die Taschen ihres Mantels und trat vergnügt einen Stein vor sich her. — Wissen Sie, fragte sie nach einer Weile, warum ich mich so verkleidet habe? Erstens wollte ich Sie anführen, und dann hatte ich die Idee hier draußen mit Ihnen einen Wettlauf zu machen, um Sie einmal etwas in Gang zu bringen. Aber ich ahne schon, daraus wird nichts; ich halte Sie für ungeheuer faul. — Sie war stehengeblieben und sah ihn wettkampflustig an. — Erst später! sagte er; nicht alles gleich auf einmal. — Sie verließen nun den Wald und kamen in das offene Feld, zur Landstraße. Und nach einer Weile fragte sie: Wollen Sie nun erst wettlaufen und dann etwas essen, oder erst essen und dann wettlaufen? — Erst wettlaufen! sagte Pitt, der schon gehofft hatte, sie würde das Ganze vergessen. Sofort zog sie ihren Mantel aus und warf ihn auf die Erde, merkte einen Baum als Ziel an, kommandierte: los, und Pitt hatte noch ehe er sich in Bewegung setzte, gerade Zeit genug zu denken: was ist dies für ein Blödsinn! Hätte ich sie doch niemals kennen gelernt! Aber dann drohte sie ihn zu überholen; er mußte seine ganze Kraft anstrengen, an ihrer Seite zu bleiben; sie erreichten das Ziel gleichzeitig, aber Elfriede rief: weiter, bis zum weißen Stein; und nun überholte sie ihn, prallte an einen Baum, umarmte ihn und rief: ich bin die erste! Die Haare hingen ihr zerzaust vom Wind um den Kopf, die Mütze hatte sie hinter sich geworfen als sie sich löste. Sie sah Pitt erschöpft und vergnügt an und sagte ohne jeden Zusammenhang: Wissen Sie, daß ich gestern in Gedanken „Schaf“ zu Ihnen gesagt habe?

Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen in einer kleinen Bauernwirtschaft, unter niedrigen Bäumen. Elfriede hatte das Laufen gut getan, sie war mitteilsam und vergnügt geworden, hatte ihren früheren Ernst ganz aufgegeben und antwortete nicht mehr so sachlich und gründlich auf seine Meinungen und Ansichten, worüber er sich innerlich vorher geärgert hatte. Dafür erzählte sie jetzt eine Menge Geschichten, wie sie ihr gerade einfielen, aus ihrer Kindheit, von ihren Geschwistern, und schließlich von ihren verschiedenen Stunden. Sie hatte noch immer Unterricht in einigen Fächern, besonders in der Mathematik, die ihr viel Freude mache. Ihr Mathematiklehrer heiße Herr Könnecke, den müsse Pitt unbedingt einmal kennen lernen, denn er sei sehr komisch: Früher war er noch mein Rechenlehrer und kam stets nachmittags; ich hatte ihn immer gern, aber ich mußte ihn ärgern, das ging gar nicht anders. Und Harald, mein Bruder, der jetzt fort ist, in Pension, und dem der Anzug hier gehört, war mit im Bunde: Er stellte sich unten ins Vestibül und durchweichte Herrn Könneckes Hut und Mantel mit der Blumenspritze. Nach der Stunde ging ich dann mit hinab, Herr Könnecke zog sich an, fühlte die Nässe und sagte: das ist ja mal wunderbar! Ich wußte gar nicht, daß es geregnet hatte. Und dann fand er seinen Schirm, der aus Versehen trocken geblieben war, und forderte mich auf zu äußern, was ich meine. Ich stand da ganz verlegen, währenddessen war ihm die Sache selber klar geworden und er belehrte mich: Der Schirm, so sagte er, muß noch vom letztenmal her stehengeblieben sein, eine andere Erklärung ist unmöglich! — Sie lachte selbstvergessen hell auf in der Erinnerung, ein leises kindliches Jauchzen, und Pitt sah sie voll innerer Freude an. Und wie sie nun weiter erzählte, achtete er kaum auf ihre Worte, sondern sah nur immer auf ihren Mund, auf ihre Nasenflügel, die sich leise mitbewegten, und in ihre hellen Augen, deren Winkel sich manchmal lustig zusammenzogen, und dann wartete er darauf, ob auch ihre Hände, ihre schlanken Finger, die so fest und wohlgebildet waren, mitsprechen würden, und er versetzte sich so sehr in die ganze Art ihrer Bewegungen, daß er einmal aus Versehen den Arm leise miterhob. — Nun erzählen Sie aber auch einmal etwas von sich selbst! sagte sie endlich, indem sie ihm den Teller mit dem letzten Stück Kuchen hinschob. Ich habe Ihnen doch auch soviel von mir erzählt. — Von mir? fragte er und setzte nach einer Pause hinzu: das würde nicht auf all das Schöne passen, was Sie mir gesagt haben; meine Erinnerungen sind wie eine farblose Masse in einem Eimer, und wenn ich da hineingreife, finde ich nichts Festes und es ekelt mich nur. — Aber das muß ja furchtbar sein! sagte sie und sah ihn ganz erschrocken an. Haben Sie denn nie einen Menschen lieb gehabt? — Er besann sich, was er hierauf antworten solle, denn alles was er hätte sagen können erschien ihm dumm. Sie empfand plötzlich, daß ihre Frage zu nah gewesen sei. — Sie haben einen Bruder? fragte Pitt, der das Gespräch von sich ablenken wollte; sieht er Ihnen ähnlich? — Sie nickte voll Stolz für sich selber, da sie Harald so sehr lieb hatte: Früher war er immer voll toller Streiche; er wurde zu wild bei uns. Anfangs hatte er noch Angst vor Hedwig, aber dann kam es einmal zu einem schrecklichen Auftritt zwischen ihnen. Nun ist er fort, und wenn er nach Hause kommt ist alles wunderschön. — Pitt blickte auf den Anzug, und die Vorstellung, den Knaben, ihren Bruder, darin zu sehen, wurde so stark in ihm, daß er auf einmal schnell den Kopf hob und fragte: Hat er nicht ganz spitze Eckzähne? So sehe ich ihn vor mir! — Sie sah ihn überrascht an, indem sie es bestätigte: Niemand weiter von uns hat solche Zähne! — Hören Sie! unterbrach sie sich selbst, indem sie den Finger hob. Dicht über ihnen schmetterte ein kleiner Vogel seinen Ruf. — Ist das eine Drossel? fragte Pitt; eigentlich kannte er nur Sperlinge, und glaubte durch diese Namensnennung schon Naturkenntnisse zu zeigen. Sie schüttelte den Kopf: Ein Fink ist es, sehen Sie, da oben sitzt er! Sie beugte sich etwas vor und sah vorsichtig hinauf. Das kleine Tier hatte seine Tonkaskade noch einmal in die Luft geschleudert, daß sich die feinen Federn an seiner Kehle sträubten, jetzt senkte es den Kopf neugierig, mißtrauisch nach unten, stemmte sich einen Moment halb unschlüssig mit den Füßen gegen den Zweig und flog davon. Pitt sah ihm gutwillig nach.

Die Sonne warf jetzt schräge Strahlen durch die Baumstämme. Wir müssen fort! sagte Elfriede, sonst kommen wir zu spät. — Auf dem Wege fiel ihr wieder ein, wovon sie zuletzt geredet hatten, und sie fragte ihn noch einmal, woher er das mit den Eckzähnen wisse. — Er lachte: das dachte ich mir bloß, es hätte ja ebensogut nicht stimmen können. — Sie fand das sehr sonderbar. — Ebenso, sagte er nach einer Weile, bilde ich mir eben, wo ich darüber nachdenke, ein, daß Sie nur im Februar Geburtstag haben können, ich weiß selber nicht weshalb. — Sie blieb stehen: Das hat Ihnen aber jemand gesagt! Von selber können Sie das nicht wissen! — Er lachte belustigt über ihre Sicherheit, schüttelte den Kopf, und so mußte sie ihm endlich glauben. Und nun fühlte sie etwas wie Respekt vor ihm. — Sie erreichten den Wagen, der an der Waldecke hielt, und fuhren zur Stadt zurück. — Sie kommen doch mit zum Abendessen? — Als er mit der Antwort zauderte, fuhr sie bekräftigend fort: Sie müssen mit! Sie werden doch erwartet! — Erwartet? fragte er; das klingt ja gräßlich. Sie verstand das nicht und sagte, es sei doch ein ganz gebräuchliches Wort. — Ich finde, beharrte er, es klingt furchtbar; nach Vorbereitungen, Händedrücken und Verbeugungen. — Übrigens entsprachen seine Befürchtungen nicht der Wirklichkeit. Frau van Loo hatte keine Ahnung, daß Elfriede mit Pitt spazieren ging, erwartete ihn also auch nicht zum Essen. Elfriede hatte ihr am Morgen von ihrer Bekanntschaft mit Pitt erzählt, sie hatte schweigend zugehört und dann gesagt: Er soll einmal zum Tee kommen, da werden wir ihn dann besichtigen. — Auf diesen Worten fußend, dachte Elfriede, sie dürfe sich wohl auch erlauben, ihn gleich zum Abendessen mitzubringen. — Ich bin im Augenblick wieder da! sagte sie leise zu Pitt, als sie nun zu Hause in der Halle standen; ich will nur schnell hinauf und mich umziehen. Meine Mutter soll nicht wissen, daß ich in Haralds Anzug mit Ihnen spazieren ging, und Hedwig, wenn die es erführe — sie würde acht Tage lang darüber reden. Gehen Sie ins Flügelzimmer, dort sind Sie allein! Und ehe er sich besinnen konnte zu fragen, wo das Flügelzimmer sei, war sie schon die Treppe emporgelaufen. Da stand er nun, sah sich die verschiedenen Türen an und dachte endlich: Ich gehe hier hinein. —

Unter einer breiten, mit schwarzrotem Stoff verhängten Lampe, die ihr Licht voll nach unten warf, saß eine stattliche Dame mit jugendlichen, schönen Gesichtszügen und schimmernd silbernem, vollem Haar. Langsam wandte sie den Kopf zu ihm von ihrem Buche.

Pitt konnte nicht mehr zurück. — Wenigstens, so dachte er in aller Schnelle, ist kein Vater da. Er hatte im Adreßbuch gelesen, daß sie die Witwe eines Großkaufmanns war. Langsam näherte er sich ihr und blieb endlich stehen, indem er eine etwas linkische Verbeugung machte. Sie zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe, ohne ihre Stellung zu verändern und sagte mit gemäßigtem Erstaunen und einer Stimme, die merkwürdig gesichert klang: Wer sind Sie denn und wie kommen Sie so plötzlich hier herein? Pitt nannte seinen Namen; Frau van Loo schien einen Augenblick nachzudenken, dann führte sie den Blick auf ihn zurück und sagte: Ach Sie sind der, mit dem meine Tochter gestern spazieren gegangen ist. Und sah ihn mit einem Blick an, als wolle sie sagen: Eigentlich finden Sie’s auch wohl ein wenig komisch. — Heute auch, sagte Pitt. — Heute auch? — Davon hat mir Elfriede nichts gesagt, dachte sie. Sie hieß ihn Platz nehmen, sagte mit fast naiver Freundlichkeit: Was für ein Mensch sind Sie eigentlich? und sah dabei ohne allzu große Besorgnis auf sein Gesicht, das ihr wie das eines frühreifen, etwas melancholischen Kindes erschien. Aber ehe er irgend etwas antworten konnte, ging die Tür auf und Elfriede trat herein, noch immer in ihrem Knabenkostüm. — Ich wollte mich eigentlich umziehen, aber ich finde es dumm, dir nicht zu sagen, daß ich in Haralds Anzug ging. Ich hatte ja außerdem den langen Mantel darüber! Frau van Loo verschwieg etwas, musterte sie und sagte: Sollte dieser Offenheit nicht etwas Eitelkeit zugrunde liegen? Dann entließ sie sie mit einem nachlässigen, zärtlichen kleinen Schlage ihrer Fingerspitzen. — Elfriede zog sich wieder zurück, und gerade, als Frau van Loo ihr Gespräch mit Pitt wieder aufnehmen wollte, ward draußen eine Damenstimme laut, die äußerst gelenk klang und so, als sei sie gewohnt zu reden und gehört zu werden. Hedwig trat ein, dieselbe Hedwig, die Pitt am ersten Tage flüchtig sah, und von der Elfriede erzählte, sie habe jenen schrecklichen Auftritt mit Harald gehabt. Pitt ward vorgestellt, sie erkannte ihn augenblicklich, schien überrascht, nickte kühl mit dem Kopfe und sagte: Also mit Ihnen ist meine Schwester in diesem Aufzuge gegangen? Und dann redete sie mit ihrem schnellen Tonfall Sachen, die sämtlich unangreiflich waren. — Die stille Stimmung des Zimmers war mit ihrem Eintritt verändert, so wie wenn man ein Fenster geöffnet hätte. Jetzt drehte sie nebenbei noch an einem kleinen Knopf auf der Tapete, daß der Raum plötzlich im hellen Lichte des Kristallkronleuchters lag, und sagte, dieses Dämmerlicht habe etwas Totenhaftes.

Alle Farben erschienen nun viel wirklicher, und Pitt kam es vor, als sei sie selber plötzlich die Seele dieses Raumes geworden. — Kommen Sie eigentlich gerade von einem Ritt? fragte er nach einer Weile. — Wieso? fragte sie zurück, etwas erstaunt über die Direktheit der Frage, denn sie kannten sich ja gar nicht; haben Sie mich schon einmal reiten sehen? — Er schüttelte den Kopf. — Morgen besorge ich eine Leine! wandte sie sich an ihre Mutter; Lili hat nicht die Spur von Anhänglichkeit; sie läuft wohin sie will und ist wie besessen. Da kommt es, dies Geschöpf! — Die Tür öffnete sich, und mit Elfriede trat ein glatthaariges, weißes Hündchen ein, indem es sich ungeduldig zwischen ihr und der Tür hindurchzwängte. Es lief auf den Teppich zu, vollführte einige rasende Bewegungen um sich selbst, prustete und nieste, bohrte den Kopf in den Boden, strich sich die Schnauze nach links und rechts ab, sprang auf Frau van Loo zu, legte ihr die Pfoten aufs Kleid und sah sie, als sei nichts geschehen, aus seinen blanken, rötlich-schwarzen Augen klug und blinzelnd unbeweglich an. Aber Hedwig sagte, es gehöre hinaus, schritt zur Tür und rief es. Es hob aufmerksam die Ohren, ließ die Pfoten niedergleiten und raste durch den Raum. Im nächsten Augenblick war es ausgesperrt, und das Gerassel seiner Klauen an der Tür verstummte erst, als der Diener es fortführte. — Das ist unser Haus- und Plagegeist! sagte Frau van Loo; und wenn es einmal zu einer Trennung zwischen uns kommt, so ist es seinetwegen. Ich und Elfriede lieben es, aber Hedwig kann es nicht leiden. Doch es ist einmal da und wird sich zu behaupten wissen! Hedwig verteidigte ihre Abneigung: Sie könne nur Tiere leiden, die Nutzen hätten, Foxterrier seien überdies abscheulich. Und da Elfriede leise mit Frau van Loo redete, so wandte sie den Rest ihrer Auseinandersetzungen wohl oder übel an Pitt, und unterbrach sich nur ein einziges Mal, als sein Gesicht für einen Augenblick vollkommen vor ihr verschwand, da ihre Mutter das elektrische Licht wieder abdrehte: Mama, was sollen diese Späße? Aber Frau van Loo sagte mit ihrer sicheren, freundlichen Stimme: Mein süßes Kind, ich bin die Herrin im Hause. — Elfriede hatte ihr inzwischen heimlich mitgeteilt, sie habe noch ein Gedeck für Pitt zur Abendtafel auflegen lassen, da sie ihn aus Versehen zum Essen eingeladen habe. Frau van Loo schwieg, dann sagte sie: Elfriede, dein Sündenkonto steigt immer mehr; wir werden noch abrechnen! — Friedrich, der Diener, meldete, das Essen sei bereit. Hedwig wartete vergeblich, daß Pitt sich nun endlich entfernen würde. Ein schneller Blick auf den Tisch nebenan überzeugte sie jetzt, daß er zum Abend eingeladen war. Niemand hatte ihr dies mitgeteilt; sie empfand das als rücksichtslos. Wer war überhaupt dieser Mensch, der so plötzlich bei ihnen auftauchte, dessen Namen sie nicht einmal richtig wußte? Wie hatte Elfriede ihn kennen gelernt? Hedwig war erfahren genug, zu wissen, daß sie nichts aus ihr herausfragen würde. — In früheren Jahren war ihr Elfriede vollständig unterworfen gewesen, mit der Zeit aber war sie in eine bewußte Opposition zu ihr getreten, hatte sie ihren Einfluß abgeschüttelt. Hedwig wurde es schwer, auf die gewohnte Macht zu verzichten, in der Übergangszeit gab es unerquickliche Kämpfe, jetzt hatte sie allmählich resigniert, und nur gelegentliche kleine Bitterkeiten und vor allem Bloßstellungen vor andern waren die einzige Genugtuung für das Verlorene.

Jetzt kam sie sich unwürdig behandelt vor, sie hatte Verantwortung vor dem Hause im allgemeinen, sie saß pikiert und kühl auf dem Stuhle und tat als sei Pitt überhaupt nicht da. Dabei brannte ihr die Frage auf der Lippe, und endlich konnte sie sich nicht länger beherrschen: Woher kennen Sie eigentlich meine Schwester? fragte sie über den Tisch hinüber. Der Ton klang für alle unerwartet, so gereizt war er. — Pitt fühlte sich augenblicklich in einem altgewohnten Fahrwasser, es machte ihm Freude, diese junge Dame zu ärgern, und er sagte: Von der Straße! Es folgte eine kurze Pause. — Mit andern Worten: Sie haben sie auf der Straße gesehen und sind dann einfach in unser Haus gekommen? — Ganz richtig! entgegnete er in einem Tone, wie etwa ein Lehrer die Antwort eines Schülers begrüßt, den er auf den rechten Weg geleitet hat. — Was für ein kindlicher Grobian! dachte Frau van Loo und sah ihn halb mit Sympathie, halb mißbilligend an. — Das ist ja höchst eigentümlich! sagte Hedwig. — Eigentümlich? fragte Elfriede, mit einem aggressiven Blick von ihrem Teller her, ich möchte wissen, was dabei eigentümlich ist! — Sagen wir einfach, bemerkte Frau van Loo, und warf einen stillen Blick zu Hedwig hinüber, Herr Sintrup ist ein Findelkind, das wir in unserm Hause entdeckt haben. Aber Hedwig reizte dieser Blick, den sie als eine stumme Zurechtweisung empfand; sie überhörte die einlenkenden Worte ihrer Mutter, die ihr abgeschmackt erschienen, und fragte mit plötzlicher Taktlosigkeit, wie sie zuweilen aus ihrem gesellschaftlich sicheren Benehmen hervorsprang: Woher stammen Sie? Was ist Ihr Vater? Elfriede legte mit einem Ruck die Gabel auf den Tisch. In diesem Augenblick trat der Diener wieder ein, Frau van Loo half mit gesellschaftlichem Geschick über die Situation hinweg. Aber die Stimmung war einmal gestört, und Elfriede war froh, als das Essen beendet war.

Sie stand einen Augenblick mit Pitt allein im Wohnzimmer, während Frau van Loo mit Hedwig zurückblieb. — In Elfriedens Gesicht waren immer noch Spuren von dem harten, besonderen Ausdruck von vorhin. Wie heftig sie für ihn Partei genommen hatte! Er betrachtete sie mit Wärme und wartete, daß sie zuerst sprechen solle. Und doch schoß — er wußte selbst nicht wie das kam — in seinem Gefühl der Dankbarkeit zwischendurch der wunderliche Gedanke auf: Ob ihr erster Satz wohl mit Sie oder mit ich anfängt? — Aber Elfriede schwieg. So redete keines, bis Frau van Loo eintrat. Jetzt erzählen Sie mir von Ihrem Spaziergang! sagte sie und trat zu ihm heran, als er sich langsam in den besten Sessel niederließ. — Gerade wollte ich mich da auch niederlassen! meinte sie in einem freundlich resignierten Ton. Er stand gleich wieder auf und sagte: Ja, es ist der bequemste Stuhl im ganzen Zimmer. Eigentlich hatte Pitt keine rechte Lust zu erzählen, aber undeutlich empfand er sein Benehmen als einen Mißklang zu diesem Raum und zu Frau van Loo selbst; so überwand er sich und geriet schließlich in ein fließendes Sprechen; und plötzlich interessierte es ihn selber, zu erfahren, wieviel von allem in ihm haften geblieben war, und er nannte so viel kleine Einzelheiten, daß Elfriede ganz erstaunt fragte: Ich dachte, das hätten Sie alles überhaupt nicht wirklich gesehen und bemerkt. — Habe ich auch nicht, aber hier — er deutete auf seine Stirne — hat sich trotzdem alles aufgespeichert. — Dies erinnerte Elfriede irgendwie an die Geschichte mit den Eckzähnen und dem Geburtstag, sie erzählte beides; Frau van Loo hörte etwas skeptisch lächelnd zu. Wollen Sie den Jungen einmal sehen? fragte sie, und bat Elfriede den Kasten mit den Photographien zu bringen. — Hier haben Sie Harald als Faun verkleidet, von einer Aufführung her. Pitt sah das Bild einen Augenblick an, fand sein eigenes inneres ziemlich bestätigt und damit war seinem Interesse Genüge getan; denn er entdeckte Bilder von Elfriede, die ihn weitaus mehr anzogen, und fragte, ob keine Lupe da sei. Die übrigen Verwandten, über die sein Blick flüchtig hinging, beurteilte er nur nach der Ähnlichkeit mit ihr selber, so daß Elfriede sagte, er täte so, als ob sie die Stammutter des ganzen Geschlechtes sei. — Waren Sie einmal so sentimental? fragte er erstaunt, indem er von einem kleinen Bilde zu ihr aufsah, auf dem ihre Augen groß und schwärmerisch blickten, unter einer breiten, weichen Haarfrisur. — Sie nahm es ihm wortlos aus den Händen, riß es mitten durch und warf es ins Kaminfeuer. — Aber Elfriede! sagte Frau van Loo, das wonnige Bild; — und verlangte, daß sie es wieder heraushole aus den Flammen, die es schon verzehrt hatten, während Elfriede etwas unruhig auf Pitts Hände sah, welches Bild von ihr sie nun gefaßt halten würden; das ist Hedwig! sagte sie; ich würde mich nie im Trauerkostüm haben photographieren lassen! — Dies Bild war bald nach dem Tode ihres Vaters gemacht worden, und Hedwig hatte es Frau van Loo zu Weihnachten geschenkt. Elfriede war froh, daß sie nicht zugegen war. Gewiß hätte sie jetzt gesagt: Mein Vater ist im indischen Meer gescheitert, — mit einem Tone, als wenn sie sagte: Nelson fiel in der Schlacht bei Trafalgar. — Mit einem Male klappte sie den Kasten zu: Sie haben nun genug gesehen! sagte sie in einem plötzlichen instinktiven Impulse. —

Bald darauf erhob er sich und meinte, er müsse nun nach Hause. Frau van Loo hielt ihm vergeblich die Fingerspitzen zum Handkuß hin, und als Pitt begann, das ganze Zimmer nach seinem Hut, der draußen im Vorplatz hing, abzusuchen, bis es ihm endlich einfiel, und er wieder in Stillstand geriet, sagte sie: Sollten Sie öfter in unser Haus kommen, Herr Sintrup, so will ich Sie etwas erziehen; Sie scheinen die Mühe wert zu sein! —

Es kamen jetzt schöne, stille Wochen für ihn. Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich glücklich. Das was er gesucht hatte, schien er gefunden zu haben: einen Menschen, mit dem ihn eine wachsende Zuneigung verband. Stillschweigend nahm er sich vor, in dieser Stadt so lange zu studieren, wie Elfriede bleiben werde, und wenn sie nach Paris ging, würde er ihr nachfolgen. Er ging jetzt regelmäßiger zur Universität, und mußte lächeln, wenn er daran dachte, wie er sich dort in den ersten Wochen beschäftigt hatte; da hatte er sich auf die hinterste Bank gesetzt, die Rückenansichten aller vor ihm Sitzenden studiert und kurze Bemerkungen darüber in sein Notizbuch eingetragen, und in den Pausen war er herumgegangen und hatte eingehend ihre Gesichter gemustert, immer in der Hoffnung, irgend einen Menschen zu finden, der anders wäre als die andern. Dies war nun vorbei, sie interessierten ihn nicht mehr in Beziehung auf sich selbst, er fühlte sich im Verkehr mit Elfriede ausgefüllt. —

Daneben las er viel. Eines Tages bekam er im Lesesaal der Bibliothek ganz zufällig ein philosophisches Werk in die Hände; lange Zeit las er stehend darin, schob es endlich achtungsvoll auf seinen Platz zurück, merkte sich ihn, kam von diesem Werk auf andere, und so vertiefte er sich allmählich in eine Welt, die ihm der seinigen irgendwie verwandt erschien. So kam es, daß er auch philosophische Vorlesungen hörte und die juristischen allmählich ganz vernachlässigte, ohne jedoch seinen Plan, Jurist zu werden, aufzugeben.

Hedwig fand sich mit seinem Dasein ab, zumal die Spuren von Frau van Loos Erziehung sich angenehm an ihm zeigten: Seine Kleidung wurde gewählter und unter ihrer Anleitung sogar geschmackvoll, und sein Benehmen glättete seine etwas ungehobelte Oberfläche; allerdings gab es darin immer noch einige Aststellen, die niemals ganz mit dem übrigen zusammengehen wollten, aber das lag an Hedwig selbst, die nicht die geeigneten feinen Messer besaß, gerade über diese Stellen hinzugehen.

Das Haus der van Loos wurde ihm zu einer stillen Insel. In seinem eigenen Zimmer fühlte er sich niemals wohl; dort erfaßte ihn stets die alte Unruhe, und wie früher zu Haus von Stube zu Stube, zog er von Wohnung zu Wohnung, ohne je wirklich angeben zu können, welche Schäden und Mängel ihn dazu veranlaßten. — Ihnen fehlt die Häuslichkeit! sagte Frau van Loo; Sie müßten Menschen um sich haben, die wirklich für Sie sorgen, Sie sind zu jung, um wie ein alter Junggeselle zu hausen! — Auch Elfriede empfand das ewig Wechselnde seiner äußeren Existenz. Zuweilen brach in seinem Wesen eine Zerstreutheit, eine völlige Abwesenheit aller Gedanken durch, die sie auf seine immer wechselnde, ungewisse Lebenslage schob. Der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ob er nicht bei ihnen selbst wohnen könne, aber sie sagte sich sogleich, daß weder ihre Mutter noch Hedwig damit einverstanden sein würden. Da leitete sie etwas ganz Besonderes ein.

In seinem bescheidenen Heime saß Herr Könnecke. Die Abendsuppe war gegessen, die Kartoffeln in der Schale — so recht locker, aufgebrochen wie er sie liebte — dufteten vorzüglich, das Bier schien auch noch frischer, schäumender als sonst, und es drängte Herrn Könnecke, zu seiner Cousine, die ihm den Haushalt führte, zu sagen: Selma, meinst du wohl, daß reichere Leute glücklicher sind als wir? Aber er vermochte das nicht; es nagte ihm am Herzen, daß er durch ein gutmütig gegebenes halbes Versprechen im Begriff war, diese Häuslichkeit zu zweit zu stören. Aber es mußte heraus. Er sog nachdenklich an seiner Zigarre, und endlich sagte er: Selma, wie wäre es wohl, wenn wir ein Zimmer vermieteten? — Fehlt dir etwas an Bequemlichkeit? fragte sie dagegen; — meinst du, durch ein bißchen Nebenverdienst könntest du sie bekommen? Genügt dir dein Gehalt nicht? Und das, was ich durch meiner Hände Arbeit verdiene? O Wilhelm, ich will mich ja gerne noch mehr abarbeiten als ich tue — das heißt — was tue ich denn eigentlich? Ich lebe ja wie eine Prinzessin! Wie viele Menschen gibt es, die überhaupt nichts haben! Und ich, ich habe doch dich, du Einziger, Geliebter! — Herr Könnecke errötete: Selma, wenn dich jemand so reden hörte, könnte er wirklich auf unreine Gedanken kommen; ich weiß ja, daß du dir nichts Schlimmes dabei denkst, aber du bist manchmal so übertrieben in deinen Ausdrücken! — Sofort schoß die dunkle, von ihm so gefürchtete Röte auf ihre Stirn: Wenn ich dir nahestände — sagte sie leidenschaftlich, und ihre Augen wurden feucht — dann könntest du nicht so reden; jedes warme Wort von mir würde dir wohltun. Auf Liebe habe ich ja verzichtet — du weißt, daß ich verlobt war und daß er starb — aber wenn einen nun noch unsere nächsten Angehörigen verwunden, kaltherzig sind, wenn man um ein ganz klein wenig Wärme bittet — sie preßte ihre Lippen zusammen und aus ihren Augen liefen Tränen. Er erhob sich und wollte den Arm um ihre Schulter legen, sie wehrte ab: Mitleid will ich nicht! Wenn die Liebe nicht von Herzen kommt, wenn man einander nicht begegnet in demselben Gefühl — Sie riß an ihrem Taschentuch und murmelte heftig: Lieber in die Grube fahren, Sargdeckel zu, Erde drauf, fest gestampft, gut daß sie tot ist, fertig!! — Es war nicht das erstemal, daß Fräulein Nippe so redete. Herr Könnecke geriet dann jedesmal in eine hilflose Verlegenheit, da er auch nicht das geringste darauf zu sagen wußte. Es kam bei ihr plötzlich und fast immer dann, wenn er am wenigsten darauf gefaßt war. — Jetzt hustete er leise, tief und unglücklich. — Wenn ich nur wüßte, sagte sie nach einer Weile ruhiger, was ich noch für dich tun kann, um dich glücklich zu machen! Ich würde ja, um andere zu beglücken, mir das Hemd vom Leibe reißen; — direkt vom Leibe reißen, wiederholte sie, indem sie in eine Ecke starrte und sich selbst in dieser Tätigkeit beschäftigt sah, aber ich frage: Was nützt das alles, wenn man nicht einmal anerkannt wird, wenn man dafür mit Steinen beworfen wird? Und Steine auf den nackten Körper — setzte sie hinzu, schmerzen noch mehr als auf den bekleideten! — Jetzt ergriff Herr Könnecke das Wort: Er gab zu, daß sie vom Leben hart mitgenommen wäre, er wisse, daß sie engelsgut sei, er hege die tiefste Dankbarkeit gegen sie, aber — und er erhob unglücklich seine Stimme: Ich kann dir das doch nicht Tag für Tag mit Worten wiederholen! Ich bin nun mal nicht so! Habe ich je in meinem Leben etwas Böses zu dir gesagt? —

Sie ging auf ihn zu, glitt an ihm nieder und drückte seine Knie, daß er ganz verlegen erst das eine, dann das andere Bein in die Höhe zog. Auf einmal sprang sie auf, setzte sich auf einen Stuhl am Tisch, faltete die Hände und sah ihn strahlend an: Nun sage mir, du Wonniger, wie meinst du das mit der Stube? — Er wollte zunächst das „du Wonniger“ beanstanden, unterließ es aber, erzählte dann sein Zusammentreffen mit Elfriede van Loo, und fügte hinzu, daß der Herr Sintrup morgen kommen wolle, um sich alles anzusehen. — Und mit dieser einfachen Geschichte hast du solange gezögert? Komischer Mann! Schweifst ab anstatt bei der Sache zu bleiben, redest von hundert andern Dingen und quälst mich, und dabei ist doch alles so klar, — ich wüßte gar nichts was klarer sein könnte! Aber die gute Stube bleibt wie sie ist; er bekommt mein Zimmer, und ich ziehe in die Kammer. Mir schadet das gar nicht. Junge Leute müssen Bequemlichkeit haben; ach wie ich sie liebe, diese goldene Jugend! — Sie lief auf den Vorplatz und kam gleich darauf zurück, den Kopf mit einem billigen rosa Theaterschal umhüllt: Sitzt er recht? fragte sie und lächelte. — Sie wollte noch heute abend schnell zu einer Tante rennen, in deren Besitz einige ihrer Möbel waren; er versuchte ihr das auszureden, aber sie sah ihn grimmig von der Seite an. — So blieb er allein zurück, setzte sich in den Lehnstuhl, rückte ihn so, daß er nicht wackelte, seufzte tief und sagte: Ach Gott! — Und dann dachte er: Es ist gut, daß sie noch an die frische Luft kommt, die Arme! Immer plagt sie sich für andere Menschen, und sie hat ganz recht: ich zeige es ihr nicht genug, daß ich sie lieb habe. — Er dachte sich aus, wenn sie nach Hause komme, solle der Kaffeetopf dampfend auf dem Feuer stehen. Zu diesem Behuf erhob er sich, schnitzte Holz zum Herdfeuer, und dann klemmte er die Kaffeemühle zwischen die Knie.

Am nächsten Tage begegneten sich die zwei in demselben Ziele: Jeder wollte auf sein eigenes Zimmer verzichten und in die Kammer übersiedeln, jeder wollte dem andern wohltun. Aber Fräulein Nippe siegte: Sie preßte die Zähne aufeinander und riß die Augen weit auf, indem sie ihn zur Schwelle drängte mit all ihren Kräften. Er mußte in sein eigenes Zimmer, sie verriegelte ihn von außen. — Licht! Luft! Und Liebe! hörte er sie jammern, auf Liebe habe ich ja verzichtet, aber Licht und Luft verliere ich nun auch noch! Dieses elende dunkle Loch! — sie stürzte zum Fenster und riß die Flügel auf — und dann jammerte sie weiter, daß gerade sie vom Schicksal ausersehen sei alle Marter der Welt zu tragen.

Als Pitt erschien, war das Zimmer fertig eingerichtet, obgleich sie ja nicht einmal wußte, ob sie es nun auch vermieten würde. Herr Könnecke hatte ihr erzählt, Fräulein van Loo habe zu ihm gesagt, der Herr Sintrup müsse es gemütlich und heimisch haben. So sagte sie denn, um es ihm recht warm ums Herz herum zu machen, sogleich: ihr eigenes Lebensgebäude sei ein luftig durchbrochener Bau, in den überall die Sonne hineinscheine; ihre eigene Wärme strahle über auf ihre Umgebung: Wo ich erscheine, verbreite ich Behaglichkeit und Vergnügen. — Vergnügen schon — sagte Pitt ernsthaft. — Nun sehen Sie! Und die Behaglichkeit wird sich auch noch einstellen! — Pitt machte dieses Fräulein Spaß. Herr Könnecke erschien neben ihr wie die menschgewordene epische Breite, und er dachte: Für ein paar Wochen wenigstens kann ich es immerhin versuchen. Er mietete. — Am Nachmittage zog er ein: Fräulein Nippe hatte in aller Eile einen Kuchen gebacken, und das Willkommschild nagelte sie gerade an die Tür, mit viel zu langen Stiften, die klaffend ins Holz fuhren, als er die Treppe heraufkam. —

Zu Anfang war es ihm, als befinde er sich in einem Lustspiel; nach und nach erfuhr er ihre ganze Lebensgeschichte, an die sie Sentenzen mit verfehlten Bildern knüpfte, und zu solchen Sentenzen reizte er sie immer wieder. Aber allmählich fing sie an sich zu wiederholen, und nun begann sie ihn zu langweilen. Sie ihrerseits begriff nicht, warum seine Tür immer verschlossen war, wenn sie zu ihm herein wollte. Alles war doch so gut gegangen, zu Anfang! Ach! immer drängte ihre stürmische Seele vor, die Frucht zu pflücken, ehe noch die Blume voll entfaltet war; die Menschen waren einmal so sonderbar: langsam wollten sie erwärmt werden, anstatt sich direkt ans Herz schließen zu lassen, wie es doch das Natürlichste war. Sie beschloß still zuzuwarten und es der Zeit zu überlassen, seine rauhe Schale „aufzutauen“. Herr Könnecke hielt sich von Anfang an in angemessener Entfernung, nachdem er zuerst gehofft hatte, abends ab und zu mit ihm und seiner Cousine „schwarzer Peter“ zu spielen; er spielte auch eigentlich gern mit ihr allein schwarzer Peter, aber sie fand es langweilig, da jeder immer wisse, was für Karten der andere habe und gar kein Geheimnis dabei sei. — Pitt hatte in Bälde sich den Tonfall beider angeeignet und erfreute Elfriede zuweilen damit, daß er einen Dialog zwischen ihnen improvisierte, wobei ihm dann blitzartig auch entlegenere Seiten ihrer Charaktere klar wurden, die er vorher noch nicht beachtet hatte. Ich glaube aber, sagte er manchmal, ich ziehe bald wieder aus; es wird mir langweilig, immer dasselbe zu sehen.

Der einzige Platz, wo er sich wirklich wohl fühlte, war das Haus der van Loos, und, von einer inneren Unruhe getrieben, erschien er zu den verschiedensten Tageszeiten dort, redete oft gar nichts, setzte sich in einen Sessel und hörte Elfriede spielen. Zu Anfang hielt sie ihn für ganz unmusikalisch, denn er kannte sehr wenig und verwechselte oft die Namen der größten Meister; dann wieder verglich er Werke, die sie spielte, mit seiner zögernden, sicheren Stimme in so nachdenklicher Weise, daß ihr eigenes Urteil zuweilen unsicher wurde. Anfänglich erschien ihr manches, was er sagte, beinah toll, und sie lachte einfach. Nie ließ er sich dadurch beirren; dann dachte sie darüber nach, und endlich schien es ihr, als könne er recht haben und sie unrecht. Langsam bildete sie sich nach seiner Weise, und oft, wenn sie mit andern redete, ertappte sie sich dabei, daß sie Dinge sagte, die sie zwar nicht von ihm gehört hatte, die aber seiner Art des Wesens entsprangen. —

Pitt vergaß die ganze Vergangenheit, und um so mehr erschreckte ihn eines Tages eine Postkarte, worauf sich sein Vater zum Besuch anmeldete. Eine Geschäftsreise führte ihn in die Stadt, und er wollte nicht versäumen, mit seinem Sohn zusammen zu sein. — Pitt verwechselte die Morgenstunde seiner Ankunft mit der Abendstunde, und traf seinen Vater erst mittags, zufällig, in seinem eigenen Zimmer.

Vorher aber fand eine längere Begrüßung und Ansprache von seiten Fräulein Nippes statt. Herr Sintrup war in seinem pompösesten „Habitus“, ihr Herz war sofort im Sturm erobert. — Darf ich Ihnen vielleicht ein Gläschen Kognak anbieten? Ganz alten, echten! Und ehe Herr Sintrup abwinken konnte, war sie schon hinaus, holte ihn und kredenzte ihm das Gläschen mit einem kleinen Knix. — In der Tat vorzüglich! sagte Herr Sintrup und schnalzte mit der Zunge. — Noch einen? Noch ein ganz kleines Gläschen? Nur so ein ganz kleines Gläschen? Sie lächelte schelmisch, kredenzte abermals, und er nannte sie eine liebenswürdige Hebe. Der Kognak war wirklich hervorragend gut! Er fühlte sich etwas angegriffen von seinen Geschäftsgängen, und nach einem kleinen Zögern langte er mit einem: ist es erlaubt? — zu einem dritten Gläschen selbst zur Flasche. — Dies war einmal jemand, der gern Gebotenes mit Selbstverständlichkeit annahm! — Ob er wohl Witwer ist? fuhr es ihr durch den Kopf. Und sogleich reihte sich ein anderer Gedanke daran: könnte ich bei dem nicht Hausdame werden? Diese gutfrisierte, herrlich bartbeschnittene Gestalt! Diese freien, kernigen Augen unter den männlichen, leicht ergrauten Brauen! Hatte er nicht etwas ganz Witwermäßiges an sich, ja geradezu etwas Hahnreihaftes!? — Denn unter einem Hahnrei stellte sich Fräulein Nippe einen älteren, aber innerlich jugendlichen und feurigen Herrn vor, dem ein ganzer Hühnerhof von Frauen zur Auswahl steht. — Pitt hatte niemals von zu Hause einen Brief mit Frauenhandschrift bekommen; Fräulein Nippe wußte dies, denn sie las alles. Wie geht es der Frau Gemahlin? fragte sie aber doch zur Sicherheit; und spürte einen kleinen Stich, als sie hörte, daß es ihr gut gehe, daß sie mithin noch existierte. Trotz allem aber — um so selbstloser war dies von ihr — machte sie ihm die schmeichelhaftesten Komplimente, die er etwas gönnerhaft, aber nicht ungern über sich ergehen ließ. Pitt kam nicht. — Er knipste ein paarmal an seiner Uhr — gewiß ein liebes Andenken? Und so kostbar! — und erhob sich. Er begriff nicht, daß sein Sohn nicht kam, nannte ihn rücksichtslos und redete davon, daß er ihm zutraue, womöglich erst zum Abendessen ins Hotel zu kommen. Bei diesen Worten regte sich etwas Liebliches in Fräulein Nippe, aber sie seufzte nur diskret, fragte nach dem Namen des Hotels, — es war das allererste, teuerste — und das Liebliche regte sich noch stärker. — Da kommt er! ich höre den Schlüssel in der Korridortür! sagte sie plötzlich, und als Pitt erschien, zog sie sich sogleich taktvoll zurück und horchte während des Folgenden nur an der Zimmertür. Halloh! sagte Pitt unwillkürlich, als er jemand in seinem Zimmer stehen sah.

Nach der ersten Begrüßung machte ihm Herr Sintrup Vorwürfe, daß er niemals schreibe, daß er keine von den Besuchen gemacht habe, zu denen er ihm die Empfehlungen gab, daß er so oft von einer Wohnung in die andere ziehe, und endlich, daß er nicht einmal auf den Bahnhof gekommen sei. — Pitt wußte für all dieses Gründe anzugeben, die Herr Sintrup sämtlich für nicht stichhaltig erklärte. Er nannte ihn einen verlorenen Sohn, an dem seine Eltern keine Freude erlebten, und als er die vielen philosophischen Bücher auf seinem Tische liegen sah, verlangte er, daß da in Zukunft nur juristische zu liegen hätten. Pitt versprach alles was er wollte, und damit war dies Kapitel, wie Herr Sintrup sich ausdrückte, erledigt. Während sein Vater sprach, wunderte sich Pitt darüber, wo die Kognakflasche herkam, aus der er sich ganz in Zerstreutheit ab und zu ein Gläschen einschenkte, das er auf einen Zug leerte. Donnerwetter! sagte Herr Sintrup, als sie sich endlich erhoben, um zum Mittagessen zu gehen — Fräulein Nippe zog sich bei dem Geräusch sofort zurück — mir ist so schwer in den Gliedern! Herr des Himmels, jetzt habe ich der den halben Kognak ausgetrunken! Alter, französischer Kognak, das muß ein Erbstück sein. Ich muß ihn ihr irgendwie ersetzen. Er zog ein Goldstück aus dem Portemonnaie, warf es auf den Tisch und sagte, damit möge ihr Pitt die ganze Flasche abkaufen, es wäre gut bezahlt. — Das geht nicht; sagte Pitt. Herr Sintrup dachte nach: Immerhin war sie eine Dame! Es fiel ihm ein, was sie vorhin für Augen machte, als er vom Abendessen im Hotel redete, und er sagte zu Pitt: Ich könnte mich ja revanchieren, indem ich sie für heute abend ins Hotel lade! Nebenbei wäre es ein gutes Werk, die mal recht vollzufüttern, denn sie sieht höllisch mager aus. Überaus bedeutend ist sie zwar nicht, aber sie hat doch ein ganz nettes Wesen! — Pitt war damit einverstanden; er brauchte dann nicht den ganzen Abend mit seinem Vater allein zu sein. Fräulein Nippe wurde geholt, sie nahm strahlend und dankend an, und Herr Sintrup machte verwunderte Augen, als sie auch im Namen ihres Vetters dankte. — Um so besser, dachte Pitt.

Endlos lange saßen sie mittags im Restaurant, Pitt rauchte eine Zigarette nach der andern, nur um irgendeine Ablenkung zu haben. Er kam sich wie in einer Verbannung vor, zurückversetzt in seine Vaterstadt, abgeschnitten von aller Freiheit, obgleich es sich ja nur um Stunden handelte. Herr Sintrup fragte nach seinem Verkehr. Pitt nannte das Haus van Loo. — Herr Sintrup nahm die Zigarre aus dem Mund: Die Amsterdamer van Loos? Verkehrst du da viel? — Jeden Tag. — Ist da eine Tochter? — Kennst du denn die Familie? fragte Pitt zurück. — Und ob! natürlich nicht persönlich. Er warf Pitt einen verschmitzten Blick zu: Junge, Junge, das könnte ja mal etwas Famoses werden! Du mußt es nur richtig anstellen; wie bist du denn da hineingeraten? Und Herr Sintrup erzählte die Geschichte von dem Vater, der im indischen Meer ertrank. — Die Familie erschien Pitt plötzlich in einem fast trivialen Lichte; bisher hatte er ein Gefühl gehabt, als sei sie eigentlich nur seinetwegen vorhanden; nun erfuhr er, daß der Name eine „Weltfirma“ sei. — Die Familie halte dir warm! fuhr sein Vater fort, die Marke ist ff! Hat zwar jetzt direkt mit der Firma nichts mehr zu tun, profitiert aber noch kolossal davon. Ja so was lasse ich mir gefallen! Hast du noch mehr von der Sorte? — So fragte Herr Sintrup und machte animierte Augen. Pitt dachte: Ganz genau so wird Fox einmal werden! — Und als ob dessen Geist ungesehen im Zimmer schwebte, fuhr Herr Sintrup fort: Das muß ich Fox erzählen! Das wird dem Eindruck machen! Übrigens: könnte die denn heute abend nicht mitkommen?! Wenn ich nun vorher einen Besuch in der Familie machte? Das ginge doch prächtig! — Pitt wurde rot und sagte: auf gar keinen Fall! — Sein Vater mißverstand dies, drohte ihm schalkhaft mit dem Finger und meinte: Noli turbare circulos meos — das ist das einzige, was ich noch vom Lateinischen behalten habe. — Dann schwiegen beide wieder, und Herr Sintrup, der schon vorher von Zeit zu Zeit etwas abwesend schien — Pitt schob dies auf die vielen Kognaks — sagte plötzlich wie nach einem Entschlusse: Ja, wenn du mich jetzt verlassen willst — ich habe noch ein paar Geschäftsbriefe zu schreiben, und nachher möchte ich ruhen. Er zog seinen Füllfederhalter und einige Blätter Papier hervor, und Pitt war froh, für den Nachmittag frei zu sein. Draußen atmete er auf. Er wollte sofort zu Elfriede gehen, ihm war, als sei er seit Wochen nicht bei ihr gewesen. — Wie er so an seinen Vater dachte, blieb er plötzlich mitten auf dem Platze stehen, sah auf das Restaurant zurück, in einem halbklaren Gedanken, der — er wußte selbst nicht wie — ihm durch den Kopf geschossen war, dann ging er sehr schnell zurück und lugte vorsichtig durch die Fensterscheibe: Herr Sintrup saß jetzt an einem andern Tisch, neben einer Dame, die Pitt zwar vorher auch schon bemerkt aber nicht beachtet hatte. Sie hielt den Blick nicht ohne Wohlwollen auf Herrn Sintrup geheftet, antwortete ab und zu, und schließlich sah Pitt, wie erst sein Vater, dann die Dame die Uhr hervorzog, und wie sie die ihrige nach der seinigen richtete. Dann legte Herr Sintrup leise seine Finger über ihre Hand und sah ihr freundlich in die Augen. Pitt wandte sich vom Fenster ab und schritt wieder über den Markt. Nie hatte er einen starken Zusammenhang mit seiner Familie gehabt; aber nun war ihm doch, als wäre die Wand eines altbekannten Zimmers eingerissen, so daß ein neuer Raum entsteht, der nur halb der alte ist, und in dem man sich mit einem Gefühl der Fremdheit und des Fröstelns umsieht. Eigentlich müßte ich ja nun wohl entrüstet sein, dachte er; aber es wollte kein ähnliches Gefühl in ihm aufkommen; ja, sein Vater kam ihm bemitleidenswert vor. Derartige Erlebnisse bildeten jedenfalls Lichtpunkte in seinem arbeitsvollen, öden Dasein. Ob solche Lichtpunkte wohl öfters eintraten? Ob seine Geschäftsreisen wohl meist so menschlich schlossen? Und ob wohl seine Frau, Pitts Mutter, um diese Erlebnisse wußte? — Er machte eine Bewegung, als wolle er alles von sich abschütteln, und läutete schärfer an der Glocke des van Looschen Hauses als sonst, so daß der Diener Friedrich ganz verwunderte Augen machte.

Frau van Loo empfing ihn: Gut, daß Sie kommen! Hören Sie! Elfriede übt ihre Etüde eben zum siebenundzwanzigstenmal, und darin kommt ein Akkord vor — im selben Augenblick hörte man einen schrillen Klang — sie hielt die Hände an die Ohren und fragte dann: ist er noch da? — Darauf ging sie langsam zur Tür, rollte sie auf und rief Elfriede zu, sie habe Besuch. — Ja! antwortete sie, und ihre Stimme klang ganz abwesend. Frau van Loo zog sich zurück. — — Pitt ging auf sie zu und faßte ihre beiden Hände. — Was haben Sie denn? fragte sie erstaunt. Er wollte mit ihr spazierengehen — nur eine einzige Stunde! — Elfriede hörte kaum zu; mit geröteten Backen saß sie da, ihre Gedanken irrten fortwährend zu ihrer Etüde zurück. — Auf keinen Fall! sagte sie, o, ich bin in so herrlicher Stimmung zum Arbeiten, — und ich kriege es auch noch, fügte sie, schon wieder abgelenkt, hinzu. — Sie sollen aber mit mir gehen! sagte Pitt heftig, ich halte es einfach nicht mehr aus! Und wenn Sie jetzt nein sagen, komme ich nie wieder zu Ihnen, denn dann sehe ich, daß Ihnen meine Freundschaft gar nichts wert ist. — Elfriede sah ihn ganz erstaunt an: War dies Pitt Sintrup, der so heftig reden konnte? Fast wie selbstverständlich gab sie nun ihre Einwilligung, und jetzt erst fiel ihr ein, daß wohl alles mit seinem Vater zusammenhänge. — Frau van Loo war sehr zufrieden, als sie hörte, Elfriede wolle gehen. Sie hatte sich, wirklich erschöpft durch die Töne, zum Ruhen hingelegt; wohlig schaute sie aus ihren weichen Decken und Fellen heraus, mit ihrem silberglänzenden, vollen Haar und den schön geformten, großen Wangenflächen, auf denen sich zwei kleine Grübchen bildeten, als sie, ohne ihre Haltung zu verändern, die Augen zu Elfriede gehen ließ und sagte: Weißt du, was ich gerade in aller Schnelligkeit geträumt habe?: Harald sei da und setzte mir einen Kranz von Kirschen auf den Kopf. Harald hat doch zu hübsche Ideen! — Als Pitt und Elfriede das Haus verlassen hatten, ging sie, nachdem sie genug geruht, in das Musikzimmer. Und als es später zu dunkeln begann, erleuchtete sie den ganzen Saal, um sich einzubilden, Elfriede übe. Das war viel angenehmer als sie wirklich üben zu hören.

Pitt ging neben Elfriede her; die Abendluft war klar und mild, das Gewölk des Tages hatte sich verzogen, der Himmel war ein reines, tiefes Hellblau geworden, so tief, daß man endlos weit hineinschauen konnte, und dann sah man kleine schwarze Punkte, die sich hin und her bewegten, Vögel, die dort oben flogen. Pitt sah nicht hinauf. Seine Augen blickten immer in die höchsten Spitzen der Pappeln, die leise bewegt erschienen, obgleich kein Wind wehte. In ihnen lag goldene Abendsonne; er liebte die Sonne nur am Abend, und von allen Bäumen liebte er nur die Pappeln, mit ihren steilen, luftigen, unerklimmbaren Ästen, diese Bäume, deren Anschauen weit weg führt von den Menschen und von allem, was mit der Welt zu tun hat. Er war in einer ruhigen, schönen Stimmung. —

Wenn das Leben immer so wäre wie in diesem Augenblick, sagte er nach einem Schweigen, wie wundervoll wäre das; aber man darf es nicht aussprechen: sogleich wird alles trivial. — Wenn ich Sie so reden höre, antwortete Elfriede, verstehe ich Sie nicht; mir scheint es schön, so etwas auszusprechen; wäre man immer stumm, so würde der andere niemals wissen, was in einem selbst vorgeht; und Sie sprechen wenig genug aus! Es tut mir doch wohl, zu fühlen, wenn ich einem andern wohltue. — Sie schwiegen beide, und es war Elfriede, als ob sie Pitt schon seit langem, langem kannte, und als ob sie sehr, sehr gute Freunde wären. — Wissen Sie, sagte er nach einer Weile, daß mein Vater auf den Gedanken kam, Sie für heute abend einzuladen? — Sie war zunächst überrascht, dann aber sagte sie mit einem Entschluß: ich gehe mit. — Er nahm dies anfänglich als einen nicht ernsten Einfall, aber sie blieb dabei: Es muß mich doch interessieren, jemand kennen zu lernen, der Ihnen so nahe steht! Ganz egal, ob Sie sich innerlich nahe sind oder nicht. Nach Hause würde sie telephonieren — sprach sie weiter — sie gehe ins Theater — so sehr lange würde das Zusammensein doch nicht währen — morgen früh oder ein andermal würde sie dann ihrer Mutter die Wahrheit sagen, wenn es nicht mehr so schlimm wäre. — Sie werden mich dann vielleicht nicht mehr so gern mögen, wenn Sie erst meinen Vater kennen! — Erst recht, wenn ich den Unterschied zwischen Ihnen sehe! Er fügte sich. — Als es endlich Zeit war, sich zum Hotel zu wenden, und wie sie über dem Reden stehen blieben und langsam umkehrten, warf sich plötzlich ein kleines, weißes, lebendiges Paket gegen Elfriedes Körper. Es war das Hündlein, welches sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, weil es wußte, daß es eigentlich zu Hause bleiben müsse. Jetzt dachte es, man gehe sowieso heim und es könne sich somit durch sein plötzliches Zuerkennengeben nichts mehr zerstören. Es setzte sich mit einer pirouettenartigen Drehung dicht vor Elfriede auf die Hinterbeine, wie eine kleine Schildwache, den Rücken gegen ihr Kleid gelehnt, leckte sich den Mund, hob die Pfoten und blickte vernünftig drein aus seinen rötlich umränderten dunklen Augen, die so aussahen, als sei das Fell nicht genügend weit um sie herum ausgeschnitten. Elfriede durchschaute es völlig, lachte und stieß es leicht vorwärts. Es schnellte bis zur nächsten Straßenecke, blieb dann stehen, da es nicht wußte, ob man sich nach links oder geradeaus wenden würde, kam wieder zurück, bewegte ausnehmend läppisch sein Hinterteil und versuchte es dann unter den Bauch zu ziehen, da es dort besonders fror. So ein Tier, sagte Pitt, führt ein ideales Leben. Es tut das, was ihm der Augenblick eingibt, kennt keine Konflikte; Wollen, Fühlen, Handeln, alles ist wie ein einziger starker Schlag. Beneidenswerte Primitivität!

Haben gnädiges Fräulein Gefallen am Verkehr mit einem Sprößling meines armen Hauses gefunden? So fragte Herr Sintrup, nachdem er zur Begrüßung die Hacken zusammengeschlagen und Elfriede eine tiefe, respektvolle Verbeugung gemacht hatte. Und er verbreitete sich darüber, wie angemessen der Ausdruck sei, in Rücksicht der „Weltfirma“ der van Loos. — Elfriede hätte am liebsten gelacht, so fremdartig und komisch kam ihr dieser Mann vor, der in so untertänigem, devotem Tone zu ihr sprach. Dies war Pitts Vater?! Er ließ seine Augen voll und biedermännisch auf ihr ruhen, ohne seine etwas vorgebeugte, respektvolle Haltung zu verändern. Sie wollte etwas erwidern, es fiel ihr aber nicht das geringste ein, und in halber Verlegenheit sagte sie: Ach da ist ja auch Herr Könnecke! Jawohl, rief Pitt, und Fräulein Nippe wird auch noch erwartet! — Ja, ja, meinte Herr Sintrup, schlichtes Souper, ganz schlichtes, einfaches Souper — und läutete dem Kellner, noch ein Gedeck mehr aufzutragen. Herr Könnecke, der sich bescheiden zur Gardine zurückgezogen hatte, trat jetzt vor, wischte sich die Hand ab — er war bei der vorangehenden Unterhaltung mit Herrn Sintrup etwas ins Schwitzen geraten — und begrüßte Elfriede mit einem kavaliermäßigen Bückling. Seine Cousine hatte ihm zu Hause eingeschärft, sich möglichst weltmännisch zu benehmen und „das schwere Brot der Schule hinter sich zu werfen“. — Und gnädiges Fräulein sind so vielseitig talentiert, wie mir Herr Könnecke mitteilte? Haben Interesse für Mathematik, für Kunst und Wissenschaft, und bilden sich in Musik aus? Herr Sintrup nagelte sie hierüber in ein Gespräch fest. Herr Könnecke, eingedenk der Ermahnungen seiner Cousine, wartete immer darauf, daß er auch ein Wort in die Unterhaltung einwerfen könne, fand den Moment aber nie, ähnlich einem alten Herrn, der noch gern Karussell fahren möchte, das Ding schon in Gang findet, eine leere Schaukel entdeckt und sich jedesmal, wenn sie vorbeikommt, erst dann zum Hineinspringen entschließt, wenn es schon zu spät ist, und nun warten muß bis eine neue Tour beginnt. Und da Pitt ebenfalls an dem Gespräch teilnahm, wandte er sich möglichst unbemerkt zur Seite und sprach zu dem Hündchen ein freundliches Wort. Es kam auch sogleich auf ihn zu, beroch ihn, und bewegte vergnügt sein Stummelschwänzchen; und wie er sich setzte, wollte es an seinen Beinen in die Höhe. Aber das gab Flecke, und er suchte es mit sanften Worten fortzudrängen. Es ließ sich jedoch nicht beirren, und schlug schließlich mit so rasenden Trommelbewegungen gegen seine Knie, daß ihm Angst wurde. Er sagte immer noch: du guter Hund, du guter Hund, — aber seine Bewegungen, es abzuwehren, wurden deutlicher, und endlich — es sah niemand hin zu ihm — packte er es mit dem Gedanken: Es ist ja schließlich doch nur ein Hund! — leicht im Genick und gab ihm, selbst erschrocken über seine Kühnheit, einen energischen, kleinen Schwung zur Seite. Das Hündchen quiekte, Elfriede rief es, und Herr Könnecke erhob sich rasch, trat möglichst unbefangen zu den andern und sagte: Nicht wahr Herr Direktor: Die Gymnasialbildung ist doch die gründlichste; ich meine die allseitigste, und wenn man dann hinterher noch studiert — — er wußte nicht weiter. — Wann kommt denn Ihre Cousine? fragte Elfriede, die ihm helfen wollte. — Die kommt bald! sagte Herr Könnecke lebhaft, so, als sei bisher von niemand anderm die Rede gewesen, oder als sei erst jetzt der eigentliche Gesprächsstoff erreicht. Und als ob seine Worte eine Beschwörungsformel gewesen wären, die Fräulein Nippe bei den Haaren gepackt, durch die Straßen geschleift und vor der Tür abgesetzt hätte, öffnete sich diese, und Fräulein Nippe, mit etwas zerzauster Frisur, stand auf der Schwelle. In ihren Armen hielt sie eine Fülle von Blumen. Sie sah lächelnd von einem zum andern, als wisse sie noch nicht, wen sie zuerst aus ihrem Füllhorn überschütten solle, entdeckte Elfriede, ließ sich ihr vorstellen, umarmte sie dezent, als sie eine Blume nahm, und wollte auf Herrn Sintrup zu, der inzwischen ebenfalls eine gewählt hatte. Aber der schob rasch einen Stuhl zwischen sich und sie, auf den sie sich auch sogleich dankend niederließ.

Der Diener meldete, das Essen sei bereit. — Mit den Blumen, sagte Herr Könnecke, wollen wir die Tafel schmücken, das macht man immer so in feinen Häusern! — Herr Sintrup verbeugte sich vor Elfriede und reichte ihr mit einem achtungsvoll durchbohrenden Blick den Arm. Fräulein Nippe überwand schnell eine kleine Enttäuschung und näherte sich Pitt. Der blickte zurück auf Herrn Könnecke, der mit seinen Blumen bepackt dastand. Gewinnend lächelnd sah sie ihn an, und — hast du nicht gesehen! — fuhr ihr Arm in den seinen. Herr Könnecke folgte, das Hündlein machte den Beschluß, zerstreut die Ohren hängen lassend, bis ihm plötzlich einfiel, daß es zu Elfriede gehöre. Es jagte hinterher, witterte aber im Laufen den Geruch der Speisen, schoß an ihr vorbei und gelangte als erstes in den kahleleganten kleinen Raum, mußte sich dann aber bescheiden zu Elfriedes Füßen setzen. — Ist das aber mal ein schönes Zimmer! sagte Herr Könnecke, worauf Herr Sintrup zu Elfriede meinte: Na, Sie werden wohl zu Hause anderes gewöhnt sein. Seine hochzeremonielle Anrede vergaß er nach und nach.

Diese ewigen Anspielungen auf Reichtum — Herrn Sintrups Bemerkungen enthielten vorläufig fast ausschließlich diesen Kern, verhüllter oder nackter — irritierten Elfriede allmählich, nachdem sie zuerst innerlich gelacht hatte. Fast unbewußt sandte sie ab und zu einen Blick zu Pitt hinüber, der sich begnügte ein spöttisches Gesicht zu machen. — Fräulein Nippe bedauerte, daß die Suppe schon in den Tellern stand; sie hätte sie so gerne aufgefüllt! Sie ließ ihre Augen kontrollierend über die Tafel gehen, behauptete, sie habe mehr bekommen als die andern, und wollte schon auf die kleine Glocke schlagen, aber Herr Sintrup, der jetzt lebhaft zu Elfriede über Knallbonbons redete: die müßten an einem Weihnachtsbaum hängen, er selbst habe sich seinerzeit unter Knallbonbonsschüssen verlobt — verstand halb ihr Wort und ihre Bewegung, schob seinen Arm dazwischen, machte: bsch, bsch, bsch! und warf Pitt einen aufmunternden Blick zu als wolle er sagen: Beschäftige du doch diese Dame! Das Hündlein, das hervorgekommen war, mußte sich wieder zurückziehen. Fräulein Nippe fühlte sich etwas zurückgesetzt. Und doch: wie echt männlich, sorglos-froh war dieser Zwischenruf! Freilich, heute früh war Herr Sintrup etwas liebenswürdiger gewesen; das war aber ganz natürlich! Jetzt saß eben eine Jüngere an seiner Seite, und da folgte er seiner herrlichen Hahnrei-Natur! Ob es denn ganz aussichtslos war, daß sie bei ihm Hausdame werden könnte?!

Sie gab es vorerst auf mit ihm in ein Gespräch zu kommen, und wandte sich an Pitt, mit dem Herr Könnecke eine Unterhaltung führte über Stunden im allgemeinen und im besondern. — Was ist dies für ein Fisch? fragte sie und deutete auf das viereckige grauhäutige Stück auf ihrem Teller. Pitt überhörte dies, aber sie faßte ihn am Ärmel. — Das ist eine Forelle! — Wie interessant! Sie nickte zartfühlend, als habe er ihr etwas Diskretes mitgeteilt. — Schafskopf! rief Herr Sintrup mitten aus seinem Gespräch heraus, Steinbutt ist es. Ist es etwa das erstemal, daß du einen Steinbutt zu Gesicht bekommst? Haben wir den nicht oft zu Hause gegessen, und Forellen womöglich noch öfter? Er erklärte den Namen Steinbutt und forderte Fräulein Nippe auf, die Haut zu untersuchen, da fände sie die Steine drin. Fräulein Nippe fand sie wirklich, war aber im Zweifel, ob das nicht eine neue Irreführung sei, und äußerte sich nicht weiter. Herr Könnecke aber erzählte eine Geschichte: wie er als Junge einmal geangelt habe, ganz aus Zufall, nur weil er jemand traf, der gerade angelte, und wie er dann wirklich einen Fisch gefangen habe. Aber das Tier hätte so traurig mit den Kiemen geklappt und ihn so erbarmungswürdig angesehen, daß er es schnell in die Freiheit zurücksetzte. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben, daß er eine Tierquälerei beging. — Fräulein Nippe fand diese Erzählung uninteressant; viel interessanter sei es, zum Beispiel darüber zu debattieren, ob wohl die Nachtigall aus Hunger sänge oder aus Liebe. Sie glaube nun und nimmer, daß sie des Hungers wegen sänge — dann würde sie doch einfach fressen. — Liebe ist auch Hunger! warf Pitt mechanisch ein, der immer nur auf das hörte, was sein Vater sprach. — Liebe ist allerdings Hunger! rief sie und nahm einen tüchtigen Schluck Wein. Und dann redete sie von den schwülen Sommernächten, in denen man sich ruhelos auf seinem Lager wälze, so daß das Bettuch am nächsten Morgen ganz zerknüllt sei: Poesie und Prosa wohnen so dicht beisammen, und die Dinge sehen am Tage anders aus, als wenn man sie durch die Brille eines bengalischen Lichtes betrachtet!

Selma kucke mal! sagte Herr Könnecke und hob seine Roastbeefscheibe an der Gabel hoch. — Was willst du denn? — Nichts, ich freue mich nur. —

Ach, wenn man denkt, sagte sie wieder zu Pitt, daß während wir hier schwelgen, Tausende von Menschen hungern — und sie führte dies des weiteren aus. Aber Sie sind ja so still geworden?! Drückt Sie ein Kummer? Mir können Sie ihn erzählen, es gibt doch nichts Größeres als einen Menschen aufzurichten! — Können Sie schweigen? — Vollkommen!! — Dann schweigen Sie mal zehn Minuten! — Fräulein Nippe durchfuhr es unbehaglich. Aber vielleicht mußte er sich erst sammeln für seine Geschichte? — —

Herr Sintrup hatte inzwischen dem Weine fleißig zugesprochen, war sehr lebhaft geworden, erzählte Eisenbahnanekdoten und nannte alle besten Hotels, in denen er je abgestiegen war; überall dienerten die Portiers schon aus der Ferne, er war durch reichliche Trinkgelder bekannt. Er zählte die besten Weine auf und betonte, daß auch in seinem Hause gut gelebt würde, wenn er es sich auch nicht gestatten könne, so wie die Großherrn der Hansastädte Feste zu geben, die gleich in die Tausende gingen. Aber hoch in die Hunderte — so log er — ist es bei uns auch schon oft gegangen. Er ließ sich in seinen Übertreibungen immer freieren Lauf, da seine Worte auf Elfriede nicht so zu wirken schienen, wie er es gern gesehen hätte. Pitt hatte bisher an der Unterhaltung wenig teilgenommen, und sich darauf beschränkt, mit anscheinender Kindlichkeit seinen Vater öfter in irgendeine Klemme zu bringen, worauf er dann Elfriede einen stillen Blick zuwarf. Aber er langweilte und ärgerte sich dabei, und wie er dachte, Elfriede habe nun genug gesehen und gehört, um seinen Vater richtig zu beurteilen, beschloß er, ihn gleichsam in der Idee seines Wesens ihr vorzuführen: Anstatt ihn zurückzuhalten, spornte er ihn möglichst an, sich selbst zu überbieten, und um ihm dies noch zu erleichtern, begann er, erst leise, dann stärker, seine Bewegungen, seinen Tonfall nachzuahmen, schließlich kopierte er ihn geradezu in seinem Wesen; sein Gesicht nahm einen leise boshaften Zug an. Mit unverfrorener Miene stellte er die gröbsten Behauptungen über das Leben zu Hause auf, und Herr Sintrup bekräftigte dann jedesmal seine Worte, so wie jemand wohl im Spiele einem Ball, der, von einem Hinterstehenden derselben Partei geschlagen, an ihm vorbeifliegt, noch einen zweiten Schlag versetzt, damit er auch ganz sicher und knallend zum Ziele kommt. Endlich, so dachte er, fängt dieser Pitt an zu begreifen, worauf ich hinaus will. — Elfriede durchschaute Pitts Absicht genau, aber wie er nun sein eigenes Wesen so vollkommen verleugnete, daß sie ihn kaum mehr erkannte, wie er so erschreckend seinem Vater glich — dessen Sohn er doch auch in der Tat war, kam sie sich ganz verlassen vor, sie empfand zwiespältig gegen ihn, ihr eigenes gerades, einfaches Wesen widersetzte sich dem, was sie sah, mit aller Kraft, und als Herr Sintrup dem Kellner etwas zurief, flüsterte sie ihm zu: Pitt, ich kann dies Wesen nicht länger ertragen! — Und wie Herr Sintrup seine Sätze wieder aufnahm, wandte sie sich an Herrn Könnecke und bat ihn, ihr eine Aufgabe zu erklären, die sie für ihn zu lösen hatte. Herr Könnecke zog seinen Bleistift aus der Tasche, suchte nach Papier und war nicht zu bewegen, die fragliche Figur auf das Tischtuch hinzuzeichnen. Herr Sintrup riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und beugte sich zu Elfriede hinüber, um mitzulernen, wie er sagte, während Elfriede ein wenig zur Seite wich. Herr Könnecke wurde sehr gründlich, und seine Stimme war genau so wie in der Schule. — Wo sind denn die Quadrate? fragte Herr Sintrup. Ich sehe nur so was wie ein Dreieck, und Sie sagen immer: A Quadrat. — Das Quadrat sitzt hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf eine Linie. — So? na, gut, daß man das weiß; ich sehe es immer noch nicht! — Es ist auch nicht da, man denkt sich das nur! belehrte Herr Könnecke. — Wer zwingt mich denn aber, mir da ein Quadrat zu denken? Wenn ich mir da nun lieber einen Kreis denke, oder ein Kreuz, oder einen Pinsel? — Herr Könnecke sah ihm starr in die Augen: Da muß aber ein Quadrat sitzen! sagte er endlich, und dann malte er es hin, liebevoll und langsam. — Ist es nun da oder nicht? fragte er, und sah es zufrieden an, wie einen Freund, den man in seiner Abwesenheit gegen einen andern verteidigt hat und der gleich darauf ins Zimmer tritt. — Das ist ein schöner Beweis! rief Herr Sintrup, machte ein Kreuz über die Linie und sagte: ist es nun da oder nicht?! — Ich glaube es steht ganz wo anders! sagte Pitt, indem er es auf seines Vaters Stirn zu suchen schien. — Ein jeder hat sein Kreuz zu tragen! seufzte Fräulein Nippe, und wenn man meine alle sähe — ich sähe aus wie ein Kirchhof. Herr Sintrup schielte zu ihr herüber und dachte: Sie ist ja eine ganz nette Person, aber wenn sie wenigstens das eine Kreuz, das man an ihr sieht, nicht so windschief tragen wollte! — Herr Könnecke runzelte die Stirn. In der Schule würde er jetzt gesagt haben: Och bitte wollt Ihr nicht gefälligst ruhig sein! — Dann dämpfte er seine Stimme zum Ton einer vertraulichen Mitteilung herab, zog noch andere Linien, stellte seine Gleichungen auf und überhörte Herrn Sintrups Zwischenrufe, der sich den Scherz machte, das Wort „Quadrat“ immer durch das Wort „Kreuz“ zu verbessern, oder zu „durchkreuzen“, wie er sagte. —

Dieser Schafskopf! dachte Herr Sintrup, ich war so schön mit ihr im Gange, und Pitt ist doch ein prächtiger Junge! — Er sann über einen neuen Witz nach, fand aber keinen, fühlte sich infolgedessen, unbeachtet wie er war, plötzlich auf einem allgemeinen öden Nullpunkt, trommelte mit den Fingern auf den Tisch und wandte sich dem Weine zu.

Fräulein Nippe erachtete jetzt den Zeitpunkt für gekommen, sich Herrn Sintrup zu nähern.

Für uns sind dergleichen Dinge nicht! sagte sie in einem halb konstatierenden, halb leise überredenden Tone gleichgestimmter Seelen: Ich habe mein Leben lang ohne Mathematik auskommen können, und Sie als Kaufmann haben weiß Gott an ernstere, schwierigere Dinge zu denken. Haben Sie mehrere Söhne? — Jawohl, noch einen, nickte Herr Sintrup. — Ist er ebenfalls — wird er auch studieren? — Höchstwahrscheinlich! sagte Herr Sintrup in einem vollkommen geschäftsmäßigen Ton; aber Fräulein Nippe hörte einen Unterton. Ja, sagte sie, es ist traurig, wenn ein Vater sein großes, blühendes Geschäft immer weiter ausgestaltet, und sich am Ende sagen muß: Für wen habe ich gearbeitet? Es geht ja doch alles in fremde Hände über. — Sehr vernünftig, wirklich vernünftig! — Dann wird Ihr großes Haus aber recht einsam, wenn Ihre Kinder beide fort sind; oder haben Sie noch Töchter? — Nee; — ja ein bißchen öde wird es wohl, zudem meine Frau im Grunde doch recht leidend ist, seit netto dreieinhalb Jahren. — Ach! — Fräulein Nippe machte ein tief bedauerndes Gesicht; zugleich aber war ihr, als habe sie plötzlich viele Stufen mit einem Male übersprungen. — Ja, sagte sie, und dann ein ganzes, großes Hauswesen führen, das strengt an; zumal wenn keine Töchter da sind. Da sollten Sie sich doch nach einer Hausdame umsehen, um die Frau Gemahlin zu entlasten. — Das kann ich ja auch mal, wenn es nötig ist, das ist doch furchtbar einfach. — So furchtbar einfach ist das nicht! meinte Fräulein Nippe bedenklich: Herzensbildung, wahre Herzensbildung gehört dazu, und die findet man sehr, sehr selten. Ich habe selbst einmal länger einen Haushalt geführt. Wie war der vorher verwahrlost, durch gemütsrohe Damen, die vor mir da waren! —

Holla! dachte Herr Sintrup; sollte die Absichten haben? Sich einnisten wollen, um später, wenn die Frau tot ist, den Mann zu heiraten? Dabei schoß ihm eine andere Idee durch den Kopf; er sah nach seiner Uhr, steckte sie aber beruhigt wieder ein. — Nein, nein, sagte er, mir genügt schon, wenn die Person keine silbernen Löffel stiehlt. —

Fräulein Nippe fuhr ein klein wenig zurück, als wolle sie einem Stäubchen ausweichen, das an ihrer Nase vorüberflöge. Und Herr Sintrup redete weiter: Brauche bloß zu annoncieren, am nächsten Morgen steht der ganze Vorplatz voll. — Ja, aber ich meine doch — Fräulein Nippe stockte. — Was meinen Sie? fragte Herr Sintrup und grinste einfach.

Der Nachtisch wurde aufgetragen. — Seid Ihr da unten immer noch nicht fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal sicher! — Gleich! antwortete Herr Könnecke, als ob Herr Sintrup sein Direktor wäre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen. — Das ist hier nicht üblich! hauchte der Kellner. — Üblich oder nicht: Knallen soll er! Und Herr Sintrup öffnete persönlich die zweite Flasche. — Ach der liebe Hund! sagte Fräulein Nippe, die verärgert auf ihrem Stuhl saß, er fürchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das Hündlein auf den Schoß, streichelte und küßte es, und da es faul bei ihr verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewöhnt: Tiere haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fühlen sofort wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drückte es zärtlich an sich. Wie heißt denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der die Gläser füllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. — Eigentlich heißt es Lili! sagte Elfriede. Fräulein Nippe fand, als sich nun alle zum Anstoßen der Gläser erhoben, einen schicklichen Grund, sich dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. — Ach Gott, schmeckt das mal wundervoll! sagte Herr Könnecke, und als Herr Sintrup die Gläser zum zweiten Male füllte, fragte er selbstvergessen: kann ich auch noch? — Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschließlich wieder zu Elfriede; er zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er einen Satz verschluckt hätte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nüchtern, seine Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr „süßes kleines Händchen“ küssen. — Luft, Luft, rief Fräulein Nippe plötzlich, man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, öffnete es und verharrte an der Gardine. Herr Könnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne seine Cousine unbehaglich zu fühlen begann, folgte ihr, unter dem Vorwand, das Fenster wieder zu schließen, falls es kalt würde. — Sie starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurück. — Herr Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklärende Worte an Elfriede und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Paßt mal auf, wie ich die wieder rumkriege! — Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? — Wieso? fragte sie mißtrauisch. — Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als Hausdame hätten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann ließe sich ja weiter über die Sache reden. — Zunächst konnte sie vor Überraschung nicht viel erwidern und sagte nur: O bitte. — Erst allmählich ward ihr alles klar: Wie grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, daß er sagte, er wolle keine Person, die silberne Löffel stehle, und dabei schon an sie dachte — nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geäußerte Meinung über das Ideal einer Hausdame; Männer widersprechen doch so gern! Und daß er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte — mein Gott, ein bißchen plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser Mann wollte ganz einfach, ganz natürlich behandelt werden! Sie streckte ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann — ein Wort! — Was verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Könnecke neugierig. — Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit Genugtuung. — Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie flehend an. — Sie lächelte gönnerhaft: Einmal muß ja doch geschieden sein, daß es nun so bald geschähe, hätte ich freilich auch nicht gedacht. — Sie trank den Rest aus ihrem Glase. — Na, so bald ist es hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. — Sie wollte gerade antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel. — Allerdings! sagte sie zartfühlend; hoffen wir, daß es noch recht — noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn sie sich soeben verlobt hätten, und Herr Sintrup schnitt ein vergnügtes Gesicht. — Herr Könnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flüsterte Pitt ihm zu, alles sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube sich öfter solche Scherze. Da fühlte sich Herr Könnecke wie von einem Eisenpanzer befreit, er empfand plötzlich eine starke Lebensfreude und sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der größte Dichter! Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater, aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da möchte ich rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er’n nicht und schießt den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden die soviel, es hilft ja nichts, — sie wird ja doch enthauptet. — Das verstehst du eben nicht! rief Fräulein Nippe, du hast keinen Sinn fürs rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler der Lüfte, — da weine ich jedesmal meine Naht ’runter! Wird in Ihrem Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. — Jawohl! Räuber, Don Cesar, Tell — das wird alles bei uns gegeben! — Fräulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich darauf, im schwarzen Seidenkleide. — Du darfst uns dann mal besuchen! wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich, obwohl er ja wußte, daß alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal so zu ihm, als ob sie — als ob er — er wußte selber nicht wie. — Und die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon gemütlich finden! Sie sah zu Pitt herüber: Nicht wahr, ich sorge doch jetzt schon für Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und sauber in Ihrem Hause wird! — Das wäre sehr zu wünschen! — Dann wäre es aber doch vielleicht das beste, ich käme bald! — Ja, offen gestanden: lieber heut als morgen. — Aber Sie drolliger Mann, weshalb lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! — Elfriede erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen. — Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch getreten war, hörte, wie sein Sohn — der dieses selbst nicht wußte — in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das hätte er mir auch wohl vorher sagen können, dann hätte ich mir selber nicht so viel Mühe zu geben brauchen. — Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit genügend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. — Das ist ja aber jammerschade! rief Fräulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht gemütlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fügte sie hinzu, als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. — Ich muß leider gehen! sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung später zuzuschicken; man kennt mich hier genügend, ich zahle alles. Suchen Sie sich nur das Beste raus! Fräulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert an und pries seine „gentile Großmut“, während Herr Könnecke rot wurde und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts half, rief sie: Du hast überhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen! — Und Sie wurden von mir mitgenommen, das kommt doch auf eins heraus! sagte Herr Sintrup ärgerlich und wollte damit Herrn Könnecke über die Situation hinweghelfen. — Nun war Herr Könnecke eisern in seinem Entschluß, und Fräulein Nippe mußte ihm wohl oder übel folgen. Herr Sintrup warf noch große Trinkgelder um sich; dann stand man draußen und nahm Abschied. — Schreiben Sie mir nun recht bald so einen richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und überhaupt, wann soll ich denn nun kommen? — In dem gutmütigen Herrn Könnecke wachte plötzlich ein Rachegelüste auf, für alles, was seine Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lächerlich! sagte er nachdrücklich; merkst du denn nicht, daß Herr Direktor nur einen Scherz mit dir gemacht hat?! — Fräulein Nippe fühlte etwas Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir erlaubt? — Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. — Sie würgte an ihrer Enttäuschung, und in dem heftigen Bedürfnis, nichts davon zu zeigen, rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? — Ein andermal, ein andermal! tönte Herr Sintrup zurück: Bis dahin ist sie dann noch intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie, und während sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfaßte sie eine irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam übergeblieben war. Und in ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund sah — hatte sie denn so unrecht, daß sie mit beiden Händen zugreifen wollte? Was konnte er ihr denn bieten? —

Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl wieder einstellen würde. — Kann man dich auch so allein gehen lassen? fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause, Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. —

Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank. Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. — Hatte ich Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden würde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerückt vor; es kann ja auch kaum anders sein. — Ihr war, als erwache sie aus einem beklemmenden Traume. Sie hörte seine Stimme wieder, all das, was sie heute abend von ihm abgestoßen hatte, erschien ihr jetzt nur noch unendlich traurig, das alte, echte Gefühl strömte voll in sie zurück, ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als früher. Und sie sagte es ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er allmählich sehr vergnügt und pfiff eine Melodie, die er durch sie kannte, während sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.

Ich begleite dich! Diese Worte hörte sie noch, als alles still und dunkel um sie war.

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