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Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup

Drittes Kapitel.

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Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rückte heran, Elfriede wurde traurig. — Ich komme ja in ein paar Monaten wieder! meinte er. — Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und sah ihn fast empört an über seinen Gleichmut.

Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein drittes Mal tut, so sage ich ihm, daß es nun kein Versprechen mehr sein soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte Elfriede undiszipliniert. —

Du könntest doch für die Ferien mit uns aufs Gut gehen! — Dieser einfache Gedanke fiel ihr plötzlich ein. Er sah sie überrascht und hocherfreut an: Löste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien würde er mit den van Loos zurückgehen, und dann war wieder für ein halbes Jahr vorgesorgt. —

Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie erwartete und Pitt gleich zu überbringen dachte, erst am übernächsten Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beiläufigem und zärtlichem Ton zu ihr: Also sage ihm, daß er mitgehen darf, du dummes Mädchen. —

Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane: Freundschaften solle man in maßvollen Grenzen halten, nur dann könnten sie von Dauer sein. Du übersiehst — so sagte sie zu ihrer Mutter — was ich schon lange kommen sehe: Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit, daß sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst könntest du gar nicht so unbedachtsam handeln. — Hältst du mich eigentlich für dumm? war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone, der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten, daß sie sich verliebe. —

Pitt wußte von den ersten Unentschiedenheiten nichts und erfuhr nur die Tatsache. Aber da darüber Tage hingingen, ahnte er doch den Zusammenhang. — Er lächelte für sich, denn unwillkürlich dachte er all die Fragen nur in Bezug auf sich selber und nicht auf Elfriede. — Wenn das Verlieben etwas so Stilles, Gemütliches war wie er es selbst empfand, so lag wahrhaftig kein Grund vor, sich darüber aufzuregen. — Wenigstens soll er nicht mit uns fahren, sondern allein nachkommen! sagte Hedwig, ich finde dies stillos. — Aber Frau van Loo meinte, es sei kein Grund vorhanden seine Existenz und seine Freundschaft zu der Familie zu verleugnen.

Am Morgen der Abfahrt erschien noch einmal Herr Könnecke bei Pitt, um sich zu verabschieden. Pitt hatte den größten Teil seiner Sachen zusammengepackt und in eine Ecke gestellt; da sollten sie bleiben bis er wiederkäme. Auf diesem Haufen saß er, als Herr Könnecke eintrat. Der war gerührt, was Pitt mit Erstaunen sah. — Wir haben noch nie im Leben einen Zimmerherrn gehabt, aber wenn ich jetzt das Zimmer sehe, so mag ich es viel lieber als früher, und denke, Sie müßten nun immer drin wohnen. Sie haben so treu zu uns gehalten! — Worin das liegen sollte, wußte Pitt nicht, aber wie Herr Könnecke nun treuherzig seine Hand schüttelte, stieg in ihm eine unklare Empfindung auf von Ankergrund und Hafenruhe. Doch als Herr Könnecke ihn verlassen hatte, dachte er sogleich wieder: Ob ich wohl wirklich in dies Zimmer zurückgehe? Habe ich hier eigentlich nicht schon lange genug gewohnt? —

Fräulein Nippe bedauerte, daß Pitt ging, und äußerte Befürchtungen, daß er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese fürstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag — lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue Augenbrauen hat, färbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Körper pflegen will — — Fräulein Nippe hätte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem Scheine eines Grundes bekräftigen können, aber auf den Gedanken wäre sie auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Fräulein! — Hören Sie mal, sagte Pitt, der sich mühte, seinen Handkoffer zu verschnallen, — Sie werden zudringlich. — Fräulein Nippe wich ein wenig gegen die Tür zurück, als fühle sie sich schon halb hinausgeworfen. — Herr Sintrup, meinte sie, Sie müssen sich Ihre Worte mehr überlegen! Ich verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, daß ich nur Ihr Bestes will. Kann ich etwas dafür, daß Sie es ablehnten, als ich mich erbot, nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu warten und ihr ein Briefchen zu übermitteln, wo mich mein Weg sowieso dort in der Nähe vorbei führt? —

Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er plötzlich das Gefühl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nächsten Augenblick lachte er über sich selbst. —

Eine Stunde später saß er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte einen spannenden Roman für die Fahrt mitgenommen und blickte selten von ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurück und schlief auf öden Strecken, ließ sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas Schönes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich Langweiliges zu ersparen.

Elfriede war während der Fahrt in schönster, zufriedener Stimmung. Was sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt saß neben ihr; sie fühlte sich glücklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da draußen innerlich aufleben und die Natur genießen würde. Und daß sie ihm dazu verhalf, das war das schönste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles draußen tun würden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau die Lage des Gutes, und er hörte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn nur. Während sie erzählte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es nicht ändern, daß seine Gedanken allmählich abirrten. Wie fest, fein und gedrungen waren ihre Hände! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so unbeweglich auf ihrem Knie lagen, daß sie die Kraft haben konnten, große und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das paßte doch eigentlich gar nicht zu Elfriedes Wesen. Paßte die Musik überhaupt zu ihr? Er hatte ihr nie etwas darüber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben erschien. Aber je öfter er sie spielen hörte, je gewohnter ihm ihr Spiel wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob sie nicht ebensogut irgend etwas anderes hätte ergreifen können, was sie ebenso glücklich gemacht haben würde. — Was denkst du? fragte Elfriede endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. — Er errötete fast wie wenn er ertappt wäre. Sie suchte den Sinn dieses Errötens still zu erraten, und als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen, war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. — Frau van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn käme, daß sie durch Italien führen: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche auf und erklärte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete, dann sähen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. — Schlaf nur wieder! tönte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nächstemal aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. — Ach wären wir doch wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland friert man immer und niemand sorgt für einen. Wenn ihr beide einmal verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurück in die alte Heimat. — Aber Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. — Das ist ganz gleich; er kann dann auch manchmal ein bißchen zur See gehen. Harald ist der einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mögt meinetwegen eure Männer lieben, Harald wird niemand lieben außer mir! Sie zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sandte einen zärtlichen Blick auf Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zärtlich, aber vorsichtiger, zu Hedwig hinüber, die schon wieder in ihrem Buche las. —

Ein elegantes, ländliches Gefährt erwartete sie an der Endstation. Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher geirrt: Deutschland sei doch das schönste Land der Erde. — Hedwig hatte ihren Roman eingepackt und erläuterte den Zusammenhang der Hügelketten mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschäftigte sich mit dem Hündlein, das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an dem andern emporzuspringen suchte.

Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkürlich heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen über ihre Köpfe, in leiser Bewegung schienen die grünen Erdwellen um sie her zu fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorüberfuhren, spiegelten sich in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Häuser zogen an ihnen vorbei, inwendig erhellt von Öllampen, goldgelb im Blau des Abends. Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schüsseln, im Kreis vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das Bellen verlor sich, man hörte nur noch das Knarren der Räder und die fernen Geräusche des Abends auf dem Lande. —

Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen. Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstärkte dies Gefühl. — Mit seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend als einer der glücklichsten meines Lebens erscheinen — ist es nicht töricht, erst in der Erinnerung zu genießen? — Elfriede fragte sich vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte sie endlich, unwillkürlich leise, indem sie sich auf ihrem Rücksitz etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Köpfen der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem sich, in ungewisser Nähe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten Schimmer der Nacht. — Wie lange meinen Sie wohl, daß wir noch brauchen, um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. — Fünf Minuten! sagte Pitt nach kurzer Abschätzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte, schoben sich die Tannen höher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf, es verschwand allmählich ganz, der Weg ging abwärts in die Tiefe. — Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, während es ganz dunkel um ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden sich noch wundern. — Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig überhörte es. Der Wagen rüttelte weiter in die Tiefe. — Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort, auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schöner; er hat eine so angenehme Überraschung, die um so angenehmer ist, weil man sie schon kennt. — Allmählich erreichte der Wagen den tiefsten Grund, jetzt ließ er das Gehölz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen waldigen Hügel, so daß es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen, ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.

Der Himmel glühte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener Komet schoß und flatterte es weißlich hoch über dem Hause. Es war ein weißer Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als wir das letztemal zur Stadt fuhren. — Sie sah scharf hinauf: Da oben bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne fort, und manchmal sind sie da! — In diesem Augenblick schoß dort oben ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen Funken, die der Wind hierhin und dorthin entführte, so daß es schien, als schwärmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede überrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hände seinen Namen hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine fröhliche Herausforderung klang. — Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte doch noch auf seiner Schule sein! — Der Wagen erreichte langsam die volle Höhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die geradewegs auf das Gebäude zuführte. Aus dem Tore schoß ein halbwüchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, küßte Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. — Wer ist denn das? fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. — Elfriede! sagte Frau van Loo, als sie im Hause waren, führe den kleinen Herrn Pitt hinauf und zeige ihm sein Zimmer. — Das kann doch das Mädchen tun! sagte Hedwig, aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses könne das doch besser; sie möchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich angerichtet werde. — Sie drückte im Vorplatz auf alle elektrischen Knöpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt waren, ließ sie sich über jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle, und verkündete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei. Hedwig fügte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen. —

Elfriede führte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem eingerichtet war. — Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange, schöne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mußt du es mir sagen! — Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefühl. — Du bist so gut! sagte er und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es geschehen. Sie traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von ihrer Schulter. — Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. — Hast du dir etwas gewünscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte und sagte, er habe gerade ausgerechnet, daß das Licht immer noch ungefähr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie fand ihn viel vernünftiger als sich, und als sie sich nun nach unten wandten, ließ sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklären.

Harald erzählte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entließ, auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der Unerhörtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist, magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine vergnügten spitzen Eckzähne zu sehen bekam.

Am nächsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Geräusch: Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete draußen bis sie sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben habe! Und unvermittelt fügte er hinzu: Was ist das für ein Mensch, dieser Herr Pitt oder wie er heißt? Wie ist der in unser Haus gekommen? — Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drängte, und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwände zwischen ihre ausweichenden Sätze, sah so traurig aus als er sagte: Früher hast du doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! — daß sie ihm schließlich alles erzählte. — Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie früher? — Sie sah ihn verwundert an. — Du liebst ihn doch natürlich. — Sie wurde ärgerlich und nannte ihn verrückt. Sie waren zum Gemüsegarten gekommen; er grub, sie mußte helfen, beide bekamen rote Backen und wollten sich gegenseitig überholen. Harald stieß den Spaten ins Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf der Schulbank saß und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas Wundervolles! — Er umarmte sie, als wäre sie ein lebendes Wesen. — Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schöner! — Das Hündlein nahte in voller Karriere über den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust, er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrläppchen und er küßte es auf die Schnauze. — Wenn das die Komtesse sähe! — Mit der Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich, denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.

Pitt erschien zum Frühstück als die andern sich schon erheben wollten. Er schien nervös, war nachts von den unruhigsten Träumen geplagt worden und hatte wie im Fieber gelegen. — Das macht der Unterschied der Luft! sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewöhnen! — und reichte ihm noch einmal die Hand, da er sie das erstemal übersehen hatte.

Nach dem Frühstück ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hügel, die seinem Auge weh taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das soll ich nun viele Wochen aushalten?

Aber die nächste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger Zeit hatte er sich so an alles gewöhnt, daß es nun die Häuser der Stadt waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich hätte er hier keinen einzigen Tag verbracht.

Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede möchte ihn nun weniger lieben, bestätigte sich nicht; er durfte überall dabei sein und gab seiner Freundschaft für Pitt und seiner Liebe zu Elfriede dadurch Ausdruck, daß er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte sich zuweilen an diesen Spaziergängen, aber dann waren sie alle wortkarg und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon früher eine Art Bündnis geschlossen; wenigstens erzählte sie ihm alles, was zu Hause zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es früher nicht leiden, wenn er selbständig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zählte sie alle Vorzüge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er möge stille sein, sie könne das nicht hören; er begriff sie nicht und sagte, sie wäre feige: Entweder man habe ein Urteil über einen Menschen oder man habe es nicht; er selbst hätte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht äußere, dann stimme er ihr bei. — Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und ließ sich nicht beirren. — Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng zueinander gerückt erschienen, wo jede Mißhelligkeit einen viel deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer kleinen Mißbilligungen zu äußern, die in Elfriedes Augen sofort in übertriebener Größe erschienen, da sie allmählich gewöhnt war, Pitt blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig, sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu üben, die sich in der letzten Zeit im übrigen etwas abzustumpfen schien; auf den Spaziergängen mit Elfriede und Harald ließ er sich zuweilen gehen in grotesken Einfällen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, daß er nun selbständig gegen Hedwig vorging und sich übte, im Pittschen Sinne schlagfertig zu antworten. Schließlich machte er sich geradezu einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht, wenn er die Rede auf Hedwig brachte. —

Elfriede wünschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein sein; aber er war so unbefangen selbstverständlich und rückhaltlos, daß sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig nachhelfen konnte. — Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen, über einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs Papier. Er ließ sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie mit ihm durch den Garten. — Sie glaubte sich und ihn schon gerettet, als Harald seitwärts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schön sei; schnell, schnell, dann findet sie uns nicht! — So ist dieser Spaziergang wieder nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald wünschte. — Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe, von Erlengebüschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen über seine Oberfläche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen. Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem schwarzen Kleide. — Wie sie geschnürt ist, — wie eine Rübe! sagte er, und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fügte hinzu: es geschieht ihr ganz recht, daß wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu ist sie so abscheulich! — In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, daß Pitt sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand sie langsam. — Sofort trat Harald aus dem Gebüsch heraus und warf wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich finde es so schön hier, bleibe doch sitzen! — So saßen sie nebeneinander, in dem dichten Grün, Elfriede immer in der leisen Unruhe, er könne plötzlich doch aufstehen. — Was ist das eigentlich für ein Gebüsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. — Ach ich weiß es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung; vielleicht ist es ein Weidenbusch — nein, es sind Haselnüsse. Dann schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, daß sie plötzlich aufsprang: ich glaube, ich möchte mit dir ringen! Er sah sie erst erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus, dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so heiß und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus — und trat ins Freie. — Was ist denn los? fragte Harald überrascht und blickte schnell hinter sich, ob da ein Tier säße, das er vorher nicht bemerkt hatte; — du sahst mich eben so merkwürdig an, als ob ich gar nicht da wäre! — Wir wollen nach Hause gehen, ich muß üben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte sie auseinander, so stark, daß sie knackten. — Harald fand das langweilig. — Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. — Wirklich schritt sie allein den Pfad hinauf. — Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute zurück. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete immer, daß er sich nach ihr umsehen würde. — Weshalb hatte sie das gesagt! Weshalb war sie überhaupt so plötzlich weggegangen! Sie wandte sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schließlich begann sie zu laufen. — Frau van Loo trat ins Musikzimmer. — Elfriede, sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flügel? Wo ist denn Herr Pitt? — Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden — ich habe sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu üben. Und stählern fielen ihre Finger wieder in die Tasten. — Was spielst du da eigentlich? Es kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verändert! — Ich mache einen Marsch draus! Es klingt famos!! — Frau van Loo verließ das Zimmer wieder und Elfriedes Töne hallten weiter. Schließlich spielte sie fast mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann regelrecht zu üben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage kam, sah sie Geäst vor sich und hörte Pitts Stimme: Was ist dies eigentlich für ein Gebüsch? — Je mehr sie von dieser sinnlosen Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie hinein; es war fast blödsinnig.

Nach einer Weile wurde sie abermals gestört: Hedwig trat herein. — Ich möchte dir gerne etwas sagen. — Sie wartete, daß Elfriede ihr Spiel unterbrechen solle. — Sprich nur, ich höre schon. — Sie wartete wieder eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flügel zu und schloß den Tastendeckel, daß Elfriede schnell die Hände wegzog. Beide sahen sich einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. — Elfriede stieß den Deckel wieder auf. Was willst du denn? — Was ich will? Kannst du dir das nicht denken? — Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. — Dann will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort darauf, daß dieser Mensch schon in den nächsten Tagen das Gut verläßt. — Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. — Es handelt sich nur um den einen. — Also doch! Ich hatte gedacht, daß du etwas anständiger von jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! — Ich rede von den Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art, sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wäre! Aber er stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich will ich gänzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch andere Leute angesteckt. — Wer sind die andern Leute? — Du und Harald! Es ist ja, als wenn ihr ein Bündnis gegen mich geschlossen hättet; alles ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene Seitenblicke, unterdrücktes Lächeln — denkt ihr denn ich sehe das alles nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere Lebensart habe als ihr. Ich bemühe mich, zu vertuschen, zu bemänteln, nicht aus Rücksicht auf euch, sondern aus Rücksicht auf unsere Mutter, der ich alles Unangenehme ersparen möchte, aber ihr werdet ja geradezu flegelhaft! Die Mißstimmung beim Frühstück heute morgen dachte ich zu überbrücken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschließen will: Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und läuft davon. Noch einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebüsch, und macht eure Witze über mich. Und „Herr Pitt“ ist der Anführer. — Das ist nicht wahr! rief Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! — Um so schlimmer! Soweit habt ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war früher ein ganz anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natürlich. Jetzt aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein Geist — wenn ich es überhaupt so nennen soll — der ihm ganz fremd ist. Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen „losen Vogel“; er will antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, daß ihm nichts einfällt. Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf: Gefangene Vögel schelten immer auf die freien. Denkst du ich weiß nicht, woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein? Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. — Pitt ist niemals albern oder abgeschmackt! rief Elfriede. — Das wundert mich nicht von dir zu hören, glaubst du denn ich sähe nicht, wie du dich von ihm beeinflussen läßt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du sagst Dinge, die du früher nie gesagt hättest, du bewunderst ihn blindlings, du findest seine Plattitüden interessant, du wirst ihm sogar in den Bewegungen ähnlich — sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens durch ein tadelloses Benehmen erträglich machen sollte. — Elfriede war blaß geworden und ihre Lippen zitterten. — Was du da sagst, rief sie, sagst du nur aus Neid. Du mißgönnst es mir, daß ich einen Menschen lieb habe und daß er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! — Elfriede hatte sich jäh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. — Ich gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! — Sie schritt an ihr vorbei und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich. — Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es empfinden, daß es ihr völlig gleichgültig war, was sie sagte. Und Pitt, der würde einfach lachen, wenn sie es ihm erzählte. —

Hedwig war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Hauptsache hatte sie vergessen zu sagen: Was für ein Unterschied war denn zwischen lieben und lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, daß sie diesen Pitt liebe? — Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze Vorausgegangene mit. — Ich sehe nichts Gutes für Elfriede ab, wenn er noch lange hier bleibt, schloß sie; wir können ihn nicht eins, zwei, drei wieder fortschicken, das wäre gegen die Sitte und gegen alle Gastfreundschaft, aber ich halte es für das beste, daß er nicht länger bleibt als unumgänglich nötig ist. Mag sein, daß Elfriede bis jetzt noch nicht in ihn verliebt ist, — die Unterschiede sind übrigens zuweilen fast unkenntlich — aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. — Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die „Gefahr“, wie du es nennst, vergrößert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Möglichkeit vorhält. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird — wie ich ihn auffasse — seine Neigung zu ihr niemals über die Grenze einer Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein genügend deutlicher Fingerzeig. — Zwei Dinge, sagte Frau van Loo, können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und doch etwas ganz Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.

Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte über alles nachgedacht. Er ärgerte sich, daß er Elfriede hatte allein gehen lassen. Jetzt wußte er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: daß Elfriede ihn liebe. Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit einer stillen Freude; sein eigenes Gefühl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest, sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er darüber nachdachte, daß er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um sie empfunden hatte, daß ihm ihr Dasein so selbstverständlich war wie sein eigenes, daß es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so erinnern mußte wie seines eigenen, das er mitunter ganz vergaß. Aber muß denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und Zerrendes beigemischt sein? Er fühlte sich in seinem Zustand vollkommen wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.

Elfriede sprach mit ihm über das Vorgefallene, und während sie sprach, sah er sie mit einem so stillen Blicke an, daß sie verwirrt die Augen von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer solchen Dummheit diese schöne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt, abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fühlte, daß zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverständnis war als all die Zeit vorher.

Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben, Hedwig gegenüber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorüber wollte. Er kam mit geröteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzählte alles und sagte in dem Tone eines Bandenanführers: Irgend etwas muß gegen sie unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? Ich finde dieses furchtbar dumm. — Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fügte er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann ging er enttäuscht hinaus. — Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich möchte wissen, was daran herzlos ist. —

Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig hätte alle ihre Worte hören können, ohne den geringsten Anlaß zu einem Tadel zu haben. Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefühl schien kein zweiter zu folgen.

Nur nahm sie jetzt, wenn sie draußen zusammen gingen, zuweilen still seinen Arm, was er geschehen ließ, obgleich er es im Grunde nicht gerne mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer Unterhaltungen geschah es jedesmal, daß sie still und einsilbig wurde. Dann überkam ihn ein unbehagliches Gefühl und er redete von den abgelegensten Dingen, und sie ließ sich halb widerwillig in ein neues Gespräch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und schließlich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und begann zu leiden. — Ich möchte heute gern allein gehen! sagte er zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche Traurigkeit, daß er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmählich so, daß sie auch nicht einmal für kürzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber hatte. —

Schon morgens, wenn sie ihn begrüßte, lag nun in ihren Augen ein Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmählich im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz unbewußte Enttäuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte trotzdem ihren Wandel.

Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und Elfriede. — Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie deutlich zu bemerken begann, daß er anfing sie zu vermeiden. Und er wiederum dachte: Wie war Elfriede früher anders! Noch immer bildete er sich ein, er liebe sie, und daß sie die Liebe einmal anders auffaßte als er; und da er sie nicht kränken wollte, sondern wenigstens Versuche machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede überließ sich für einen Augenblick ganz ihrem Gefühl und dachte: alles wird noch gut — worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte — und dann ging er fort von ihr, indem er sagte, er müsse an seinen Vater schreiben; dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn seinem Vater schreiben wollen!? —

Er fühlte es allmählich selbst, was er nicht fühlen wollte, und was doch mit immer stärkerer Deutlichkeit hervortrat: daß sein Gefühl zu Elfriede ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit rücksichtsloser Klarheit, daß es das beste sei, wenn er nicht länger blieb. Später, wenn sie wieder in der Stadt war, würde Elfriede sicherlich den alten Ton zurückfinden. Oder sollte er doch bleiben? Konnte die Welle nicht auch ihn überfluten? — Die Ausflüsse solcher Stimmungen erschienen ihr rätselhaft. Plötzlich war er bei ihr, und plötzlich ging er wieder.

Warum stehst du jetzt so unendlich spät auf? fragte sie einmal, die schöne Zeit ist plötzlich vorbei, ohne daß wir es wissen! — Er log, er habe den Schlaf nötig, in den ersten Nachtstunden läge er stets wach. — Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag abkürzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette. Immer später erschien er, einmal verspätete er sich sogar zum Mittagessen, so daß Frau van Loo, der es ganz lieb war, daß Elfriede den Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch progressive Steigerungen können Sie es noch erreichen, Herr Pitt, daß Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. —

Elfriede übte gleich nach dem Frühstück mehrere Stunden hintereinander; sie mußte sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise täuschte sie sich am besten hinweg über die Zeit, wo das Haus ihr leer erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschäftigung war, und voll innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tür sah. —

Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekümmerte sich nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja „durchaus notwendig“ für eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. — Weshalb reitest du eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer unerträglicher. — So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte alle Fenster, ihr Blick blieb auf einem haften während der ganzen Zeit ihres Rückwegs. — Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie, sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder, sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen. Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte, ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu haben.

Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle! — Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. — Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.

Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. — Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. — Ja, sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und selbstverständlich sprach. — Harald teilte dies sofort Elfriede mit: sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem Gesetz zu folgen.

Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte, sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie, wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war. Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine glückliche Stille führe, — und wenn er dann endlich zu ihr herübersah, da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ ihre Spannung etwas nach.

Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all seinen Schimmer für ihn zu verlieren.

Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte, hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst, wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! — Du reist morgen? Elfriede erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo anders? — Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. — Siehst du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. — Sie stand vor ihm, hob die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. — Oder ist es dir doch gleichgültig? — Sie sah ihm fast flehend in die Augen. — Es war als käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar, zweifelnd, grübelnd, und er blieb. — Aber ihre Gegenwart bedrückte, beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei. Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas vorsichtiger um. — Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten, muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. —

Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen Augen stand sie da — er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen — und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte, und das ihm so gut gefallen habe. — Im selben Augenblick, wo sie so unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in seinem Zimmer das Fenster schließen. — Sie dachte: das können doch auch die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel, schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus, zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand bewegungslos und fragend auf der Schwelle.

Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. — Ach so! rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. — Sie hatte die Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf halbem Wege stehen. — Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von allen war. — Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da lösten sich ihre Tränen.

O, du quälst mich so! — — diese Worte schienen das Zimmer noch zu füllen, nachdem sie längst verklungen waren. —

O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte, wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.

In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl, beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker. Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder, die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich im Gehirne bilden — — — und dann war er wieder in der Wirklichkeit und fühlte Elfriedes Körper.

Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele stand. — Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte: Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? — Jetzt?! fragte sie verständnislos, mit großen Augen. — Er schwieg wieder. — Was soll nun werden? fragte sie endlich tonlos. — Ich reise ab. — Das Blut lief ihr zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier bleiben.

Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach, widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte, und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe verband. —

Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden Druck.

Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen, es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm vorbei und verließ das Zimmer.

Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.

Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. — Aber dann tat sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die Treppe hinauf. — Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war, sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett gegangen; sie lasse niemand herein. — Auch mich nicht? — Nein. — Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen. —

Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. —

Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen. — Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. — Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. — Sie ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte Photographien. — Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! — Pitt sah zerstreut seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein! — Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien an. — Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein Vater aus Italien mitgebracht hat. — Harald holte sie und betrachtete die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen, reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. — Er geriet in immer größeren Eifer. — Möchtest du einmal nach Italien? fragte Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. — Ich würde dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine Erziehung sehr erfreulich. — Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr Knie. — Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen ziehen lassen kann. — Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich dachte du meintest gleich! — Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem er gerne reisen würde. — Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob der gerade vom Himmel gefallen wäre. — Der wird sich wohl bedanken und lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. — Hierauf schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun blieb, war Sache Haralds. — Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt, worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war — er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. — Ich muß nach Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! — Das ist nicht wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. — All die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.

Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück, blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden drohte, — dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.

Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte, dankbar und voll Traurigkeit. — Der Wagen rollte davon, Frau van Loo wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie Elfriede ein.

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