Elftes Kapitel.
Reading edition
Fox kam. Sogleich suchte er Pitt auf. Die Begrüßung der beiden Brüder war beinah herzlich. Ja ja, sagte Fox, das hast du dir wohl nicht träumen lassen, daß ich unserm Vater die Krallen gezeigt und mich ohne ihn durchgebracht habe! Ich habe das Leben kennen gelernt, mich in seinen untersten und obersten Schichten bewegt, und ich kann wohl sagen: Nichts Menschliches blieb mir fremd! Aber keusch und rein ist meine Seele geblieben, ich habe mir eine naive Aufnahmefähigkeit für alle Eindrücke bewahrt, um die mich mancher Schriftsteller beneiden könnte. Nun sag mal, worum handelt sich denn die Geschichte jetzt eigentlich, du hast dich ja darüber in so mystisches Schweigen gehüllt. — Pitt erzählte alles, und Fox war etwas enttäuscht, daß er eine Sache übernehmen sollte, von der Pitt zurücktrat. Als er dann aber die Geschichte von den Artikeln hörte, und welche Rolle sie früher spielten in der Frage, ob Pitt die geeignete Kraft sei, ging seine Miene über ein verblüfftes Erstaunen hinweg in eine Art Zufriedenheit über, und er sagte: Ich nehme dir das nachträglich absolut nicht übel, obgleich ich selbst wahrscheinlich anders gehandelt haben würde! Nach kurzem Nachdenken fügte er dann hinzu: Ach so, und als ich dich vor ein paar Wochen bat, jene letzten Artikel von mir zu veröffentlichen, da hast du wohl Angst gekriegt, ich könnte auch nach jenen andern fragen? Hast gedacht: Am Ende könnte nun alles rauskommen, lieber einen Fehler gut machen als ihn noch vergrößern? — Pitt klärte alles auf und fügte hinzu, jene Artikel seien hinter seinem Rücken als seine eigenen ausgegeben worden, von Freunden, denen daran gelegen war ihm jene Stellung zu verschaffen; durch Zufall habe er selber dies erst ganz vor kurzem erfahren. — Na na! sagte Fox gemütlich, also — jedenfalls: was geschehen ist, ist geschehen. — Pitt sah mit Freude, daß sein Bruder noch genau derselbe war wie früher. — Ja und du, lieber Freund, fragte Fox jetzt, was willst du denn nun eigentlich anfangen? Pitt zuckte die Achseln. — Könntest du nicht als Unterredakteur dort weiter bleiben? — Hier zog Pitt seinen Mund in die Breite, sah seinen Bruder voll inniger und tiefer Freude an und sagte: Nein. — Das wäre aber doch sehr zu überlegen! Na, über deine Zukunftspläne können wir ja später mal zusammen reden. Hauptsache, daß ich erst einmal meine eigenen ins Reine bringe.
Pitt hatte in die letzten Nummern der Zeitschrift alles hineingehäuft, was er an kurzen Aufsätzen von seinem Bruder besaß. Dies kam Fox sehr zugute, denn Herr Heine wie Herr Wolf wehrten sich zunächst gegen einen abermaligen Redaktionswechsel. Aber Herr Wolf sagte: Wenn Herr Sintrup auch das Blatt wirklich schneidig in seinem Teil geleitet hat — dieser Bruder scheint doch noch ganz andere Fähigkeiten zu haben: Ich empfinde seinen Stil direkt als Zeitungsstil, und der andere hat überhaupt nie selbst die Feder gerührt für unser Blatt. Fox machte Besuche bei beiden Herren, und der günstige Eindruck verstärkte sich.
Fox war voll Lobes über Herrn Heine: Habe diesem Herrn mal tüchtig auf den Zahn gefühlt, muß sagen: Gediegene Bildung, hier und da hapert es, das ist nicht anders zu erwarten. Und die Tochter: Also wirklich ganz reizend. Zu Anfang war sie allerdings auffallend zurückhaltend, beinah tragisch, Gott weiß warum, aber dann — wirklich ganz reizend. Nur der Sohn, der hat garnichts gesagt, mit dem scheint nicht viel los zu sein. — Auch mit Herrn Wolf war Fox zufrieden; der hatte — direkt achtungsvoll! — genickt, als er ihm auseinandersetzte, es müsse eine innere Harmonie, eine gleiche Weltanschauung herrschen zwischen dem Handelsteil und dem literarischen. Solche Einheit lasse sich finden, müsse sich finden lassen.
Mit der Monatswende erfolgte Pitts Austritt aus der Redaktion. Herr Bertold machte ehrlich betrübte Augen; er wußte, daß nun sein eigenes Regiment aufhörte, und für Pitt empfand er eine große Anhänglichkeit. Es begann für ihn ein schlimmes Leben. Fox behandelte ihn durchaus wie einen Untergebenen, fast wie ein Offizier seinen Burschen. Nach kurzer Zeit hatte er einen genauen Einblick in den äußern Betrieb der Sache, der so klar und einfach war, und den Pitt niemals recht begriffen hatte. Auch die unteren Arbeiten erledigte er die ersten Wochen selber, da es gegen sein Prinzip verstieß, jemand unter sich arbeiten zu lassen, ohne einen genauen, scharfen Einblick in dessen Tätigkeit zu haben. Nach ein paar Wochen verlangte er eine Verlags- und Vorstandssitzung: Er sei jetzt mit seinem Urteil zur Reife gekommen und habe positive Vorschläge zu machen. Er entwickelte seine Gedanken über die Zeitschrift und ihren Inhalt, soweit die Literatur in Betracht kam; er habe vor, reinigend, beschneidend, ausrodend, neu pflanzend vorzugehen, junge Kräfte heranzuziehen, alte, abgebrauchte auszuscheiden. Es laufen, so schloß er, auf deutscher Erde eine Masse junger, unbekannter Genies herum, lassen Sie mich diese auffinden, durch Zirkulare, Prospekte, Aufforderungen, und ich garantiere Ihnen: in ein paar Jahren sind wir die erste literarische Zeitschrift Deutschlands. — Er zählte eine Reihe von jungen Namen auf, die ihm noch von früher im Gedächtnis waren, und fügte noch einige hinzu, die er im Augenblick erfand. Man freute sich über diese Zielbewußtheit, warnte aber vor allzu hoch gesteckten Hoffnungen, da ja der literarische Teil — leider — vorerst noch Nebensache war und bleiben mußte. Dies waren allgemeine, prinzipielle Vorschläge. Fox sprach auch von praktischen, einzelnen: Dies und jenes sei in anderen Blättern besser arrangiert, besser eingeteilt, Voranzeigen müßten gemacht werden, einzelne Artikel seien durch Umschlagzettel hervorzuheben, die lateinische Druckschrift sähe er gern eingeführt — wobei er von Augenhygiene redete — und anderes mehr. Die Theaterkritiken werde er selbst übernehmen, er habe eine reiche Vorbildung, und der jetzige Kritiker gehöre in die Rumpelkammer.
So saß Fox nun — wie vorher Herr Bertold — schaltend und waltend in seiner Redaktion, und alle waren zufrieden. Er schrieb die Theaterkritiken wirklich, und eines Tages sah er seinen alten Freund, den Herrn von Sander, wieder, der ihn in der Redaktion besuchte. Man hatte ihm alle größeren Rollen weggenommen und die Kritik war gegen ihn gehässig geworden. Er bat Fox für ihn einzutreten, gemäß seinem Prospekte, auf dem er als höchstes Ziel in allen Kunst- und Rezensionsfragen die Forderung stellte: Rücksichtslos gegen alle Mode- und Zeitströmungen einzutreten für das als wahr Erkannte, ohne sich zu binden an hergebrachten Autoritätsglauben, gezüchtet durch Gewohnheit und gedankenlose Nachbeterei.
Fox versprach wohlwollend sein Bestes und hielt Herrn von Sander gleich einen kleinen Vortrag: Sie gehören einer alten Schule an, das werden Sie selber nicht bestreiten können; es ist kein Tadel, unsere Neuen und Neuesten täten gut, nicht so auf die Alten zu schimpfen, sondern von ihnen zu lernen, was von ihnen zu lernen ist. Das ist ja das Elend der heutigen Bühne: Es fehlt die Tradition! Das Alte und das Neue steht sich schroff gegenüber. Beide befehden sich, anstatt einen neuen Stil zu schaffen, gewachsen und genährt auf dem alten Boden, dem Mutterboden! —
Fox schrieb seine Kritiken streng und scharf. — Es sollte mich gar nicht wundern, sagte er einmal zu Pitt, wenn so’n Kerl plötzlich in die Redaktion einbräche, — na, vor meinem Blick haben die Menschen noch immer Angst gehabt; ich freue mich schon auf seine Verlegenheit, wenn der Kerl kommt, aber ich glaube der Kerl kommt gar nicht! Wenige Menschen haben den Mut wie ich ihn hatte. — Wann? fragte Pitt und freute sich auf eine erfundene Geschichte. — Damals, vor zwei Monaten, als ich den Kritiker ohrfeigte. Dieser Mensch erfrechte sich zu schreiben, ich habe als Don Juan den Champagner wohl schon vor der Vorstellung getrunken. Armer Kerl übrigens, der selbst den Champagner wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennt. — Don Juan? das ist doch eine Oper! sagte Pitt. Fox sah ihn mit großen Augen an. — Ach so, ich vergaß, daß du nicht weißt, daß es auch ein Schauspiel gibt, von Grabbe. Übrigens gibt es noch verschiedene andere Don Juans, die es ebensogut hätten sein können; na — also das schrieb der Kerl; am nächsten Tage ging ich in die Redaktion, zog mir Glacéhandschuhe an, ließ mir den Kerl zeigen, streifte meine Manschetten etwas zurück und ohrfeigte den Kerl, einfach so aus dem Handgelenk, schräg von oben nach unten, denn der Kerl saß auf einem Stuhle; und dann ging ich wieder fort. Sag mal, willst du nicht nach Hause fahren und dich da als Referendar anstellen lassen? Du hättest dann doch wenigstens etwas zu tun! Es wäre auch ganz gut, dort einmal unser Haus etwas zu regenerieren, es soll ziemlich schlimm stehen, du weißt, all die Hausdamen — wie ich höre werden sie immer übler.
Eines Tages fand Fox unter den eingelaufenen Manuskripten ein Gedicht, unterzeichnet „Selma Feihse“. Es besang die Sehnsucht einer jungen feurigen Seele, die das Liebesleben der Natur belauscht und, zurückgekehrt in die Welt der Menschen, wo es doch gerade so sein sollte, so einfach, selbstverständlich, nur Ablehnung erfährt.
Fox warf es nachlässig Herrn Bertold über den Tisch, damit der es returniere. Da fand er aber einen Begleitbrief, an ihn persönlich gerichtet, und nun erfuhr er, daß die Dame früher Selma Nippe hieß, „dieselbe Selma, die Ihnen in Freud und Leid treu zur Seite gestanden hat“. Wenn er das Gedicht nicht akzeptiere, sei sie nicht beleidigt — sie stände über jeder Verletzlichkeit — aber sie erwarte dann, daß er ihr das Kind, das sie in Schmerzen geboren — wirkliche, lebendige Kinder seien ihr bis jetzt versagt geblieben — zurücklege an ihr Mutterherz. Ihr Mann werde sich aufrichtig freuen, ihn kennen zu lernen; sie wohne längst nicht mehr bei ihrem Vetter und dessen Frau, jener Frau, die wie ein Dämon in Fox’ Leben getreten sei und es fast in den Strudel der Alltäglichkeit hinabgezogen habe. — Dämon! dachte Fox, ja ja, wahrhaftig, sie hatte etwas Dämonisches! — Am Schluß ihres Briefes bat sie ihn genau anzugeben, wann er käme, falls er dieses überhaupt wolle — und er, neugierig was für ein Leben sie jetzt führe, folgte ihrem Wunsche. Hier schien sich ein Schicksal erfüllt zu haben, ein bescheidenes zwar, aber immerhin ein Schicksal. Jedes Schicksal hat was Großes: Im kleinsten Sandkorn spiegelt sich die Welt!
Etwas überrascht war er über die Veränderung, die mit Fräulein Nippe vorgegangen war: Sie trug jetzt durchaus fußfreie Kleidung und eine jugendlichere Frisur; eine Korallenkette hatte sie um den Hals, der noch immer frei war. Sie begrüßte ihn erst allein an der Tür, innig und herzlich, und sagte, nun solle er auch ihren Mann sehen: Erschrecken Sie nicht, ich bereite Sie darauf vor: Jung und schön ist er nicht! Es fiel Fox auf, daß sie dieses alles in gedämpftem Tone sagte, daß sie ihn schon an der Tür empfing, als wenn etwa ein Schwerkranker in einem der Zimmer liege. — Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, sagte sie jetzt mit lauterer Stimme, indem sie ihn zur Stube zerrte, hier drinnen finden Sie alte liebe Menschen, die Ihnen nur wohlwollen!
Da war ein großer Kaffeetisch, da saß Lotte, mit ahnungslosem Gesicht, neben ihr ein alter Herr, der einen Jungen auf dem Schoße hielt, gegenüber Herr Könnecke und Frau Bornemann, die soeben noch den Kuchen gelobt hatte. Alle blickten erstaunt auf Fox, Fräulein Nippe aber — oder jetzt Frau Feihse — weidete sich an ihrer Überraschung, und rief: Habt euch lieb! Ach, ich konnte es ja nicht übers Herz bringen: Was auch die Vergangenheit über euch alle brachte — es ist ja doch begraben und vergessen, und die Stunde der Versöhnung hat geschlagen! Lotte, da ist dein alter Freund, von dem du den lieben süßen Jungen hast, Frau Bornemann, da ist der gute, junge Mann, der Ihnen als männlicher Beistand ratend zur Seite stand — Wilhelm, du hast mit ihm das Lager geteilt, als ihr zusammen wohntet — habt euch nun alle, alle lieb und laßt mich an eurem Glücke teilnehmen!
Fox war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, Lotte, bestürzt in Scham und Überraschung, hatte das Gesicht zur Seite gekehrt, die andern saßen starr und blickten regungslos auf Fox. Der ergriff das Wort: Gnädige Frau, wandte er sich aus der Ferne an Lotte, es ist nicht meine Schuld, daß dies uns allen peinliche Zusammentreffen erfolgte, gestatten Sie, daß ich mich auf der Stelle wieder zurückziehe! Er wandte sich zum Gehen, mit einer formellen Verbeugung, aber Frau Feihse verschloß die Tür und zog den Schlüssel ab.
Der Kleine war von Herrn Feihses Schoß herabgesprungen, auf Fox zugegangen, sah ihn mit großen, etwas dreisten Augen an und fragte: Mama, wer ist der Onkel? — Hört, hört! rief Frau Feihse, die Stimme der Natur läßt sich nicht bändigen, sie bricht hervor mit elementarer Gewalt, wenn man ihr den Mund verstopfen will! Schämt euch ihr Großen, und nehmt euch ein Beispiel an diesem unmündigen Kinde! Jetzt erhob sich Herr Könnecke, nach einem stummen Blickaustausch mit Lotte, wortlos, mit strengem Blick verlangte er von Frau Feihse den Schlüssel, und dann verließ er mit seiner Frau das Zimmer, während der Kleine hinterher lief und mit eigensinnig-lauter Stimme wiederholte: Ich habe gefragt, wer der Onkel ist! —
Frau Bornemann hatte sich ebenfalls erhoben, aber ehe sie den andern folgte, trat sie dicht zu Fox heran und sagte: Da mich der Himmel noch einmal mit Ihnen zusammen geführt, sollen Sie auch hören, was er mir für Sie aufgetragen hat: Sie gottloser Ehrabschneider — gehe in dich, suche den Weg des Heils! — Um irgend etwas zu tun, und gleichzeitig um dem Herrn Feihse, der peinlich erregt in seinem Stuhle saß, zu zeigen, daß er in allen Lebenslagen die Form zu wahren wisse, machte Fox ihr eine steife, ernsthafte Verbeugung; die kurzsichtige kleine Frau Bornemann wußte erst nicht recht was dieses heißen sollte, dann aber, halb noch erregt und halb schon wieder im Banne des täglichen Lebens mit seinen Anforderungen an gute Lebensart, erwiderte sie seinen Gruß durch einen etwas schüchtern-linkischen Knix, worauf sie den übrigen nachging.
Jetzt kam Herr Feihse auf Fox zu: Er entschuldigte vor allem seine Frau, deren Stimme man draußen leidenschaftlich reden hörte, und lud ihn ein, nun wenigstens nicht sogleich aufzubrechen, sondern bei einem Schälchen Kaffee sein ehrenwerter Gast zu sein. Er fuhr selbst mit auf und ab zitternder Hand zur Kanne hinüber, um einzuschenken. Draußen flog eine Tür ins Schloß, mit hochrotem Gesicht trat Selma ein: Bürgerpack! sagte sie, kleinliche Menschen mit Gefühlchen, ohne jeden Sinn für freie und vornehme Auffassung des Lebens! — Herr Feihse bemerkte, sie habe aber auch nicht recht gehandelt, ihre Zartheit werde zuweilen geradezu ins Gegenteil gedeutet. — Das heißt, fuhr sie auf, daß du mich für unzart hältst! — Herr Feihse sagte vorsichtig, das habe er nicht behauptet. — Sie fuhr mit dem Zeigefinger auf Fox los: Hat er es gesagt oder nicht? Sie sind Zeuge! — Aber Selma ich bitte dich, laß doch die Szenen! Ich habe nicht von mir geredet, jedenfalls dachte ich dabei nicht an mich! — Sehen Sie, sehen Sie, so ist er! Hinterrücks versetzt er einem einen Hieb, und wenn man sich dann umdreht, macht er ein unschuldiges Gesicht, und tut, als ob es ein anderer gewesen wäre! — Herr Sintrup, ich habe mit vieler Freude gehört, daß Sie eine so interessante Stellung an einer Zeitschrift haben! — Nein! davon wird jetzt einmal nicht geredet! Sehen Sie wie er ablenkt! Bleib bei der Stange! Also du hältst mich für unzart. Meine Haare wären nicht echt, sagte er, als wir das erstemal zusammen waren, vor unserer Verlobung. Ist das Zartheit?! Außerdem war es gar nicht wahr! — Aber Selma ich bitte dich! rief Herr Feihse erregt, wenn du schon keine Rücksicht auf mich nehmen willst, dann nimm sie wenigstens auf unsern Gast! — Hören Sie es? Er wirft mir Rücksichtslosigkeit vor! Bitte, Herr Sintrup, bin ich rücksichtslos? — Ja; sagte Fox trocken, — wenn Sie mich direkt danach fragen! — Sie sah ihn erst verdutzt an, dann nickte sie: Natürlich, wenn zwei Männer zusammen sind mit einer Frau, dann nimmt ein Mann immer Partei für den andern. Ach diese Männer von heutzutage! Sie sollten erst einmal die gewöhnlichste Höflichkeit gegen uns Frauen lernen, von der Galanterie des achtzehnten Jahrhunderts ganz zu schweigen! Jetzt will ich knapp und deutlich wissen: Was ist denn eigentlich mein Verbrechen? Gutes stiften wollte ich! Es gibt soviel böse Gesinnung der Menschen untereinander, daß jeder Christenmensch die Pflicht hat, sie nach Kräften in seinem Umkreis auszurotten und statt ihrer den Geist der Liebe zu säen, und das habe ich getan! — Du hättest die Herrschaften nicht so unvorbereitet konfrontieren dürfen, sagte Herr Feihse. — Ach! sieh mal! Nun, und wenn ich sie vorbereitet hätte, wären sie dann etwa gekommen? — Aber du siehst doch, sie sind ja doch auch so ohne weiteres auseinandergegangen! — Nun, und was ist da der Unterschied?? — Herr Feihse sah sie etwas blöde an; es verwirrte sich sein Denkvermögen, er wußte ganz genau, daß da irgendein Unterschied war, und wenn sie ihn allein hätte nachdenken lassen, würde er ihn auch gefunden haben. Aber unter ihren leidenschaftlichen Reden und Gebärden wurde er stets verwirrt; seine Gedanken lösten sich dann geradezu auf. — Ich habe wirklich mit großer Freude gehört, daß Sie jetzt eine so außerordentlich interessante Stellung einnehmen! wandte er sich wieder an Fox. Aber Fox erhob sich und sagte, er müsse leider aufbrechen. — Herr Feihse machte keine Anstalten ihn zum Bleiben zu bitten: Er war dies gewohnt, die Leute zogen sich von ihm zurück, da er ein einfacher, schlichter Mann war, der ihnen nichts Interessantes zu bieten vermochte. Er hatte es gelernt die Enttäuschungen des Lebens zu ertragen; die letzte, schlimmste Enttäuschung allerdings, die das Leben ihm gebracht hatte, die — das fühlte er so deutlich — würde ihn ins Grab bringen, langsam, Schritt für Schritt. Er wollte Fox hinausbegleiten, seine Frau verhinderte es und er trat zurück, aus Angst, die spätere Szene, wenn sie allein waren, würde dann noch heftiger werden. Und bei solchen Szenen regte er sich stets so furchtbar auf! Dann brach alles plötzlich los in ihm — und er durfte das seinem kranken Körper nicht zumuten, und den Nerven seiner Frau ebenfalls nicht; denn diese Nerven — das sagte sie selber — zerrten und rissen an ihr wie eine Meute Hunde an ihren Ketten.
Daß wir uns nun gar nicht einen Augenblick allein gesprochen haben, ganz intim! sagte Selma an der Korridortür; ich hätte Ihnen so gerne manches mitgeteilt. Das Leben ist ein Jammertal, aber mir speziell hat es Bergeslasten aufgelegt, jetzt noch diesen kranken alten Mann, den ich aus purem Mitleid geheiratet habe. Er ist ja nicht einmal pensionsberechtigt, was ich früher annahm. Wäre er wenigstens noch dankbar und zufrieden! Aber Sie sehen ja selber wie er ist. Und dann, was eine Ehe wahrhaft reich und glücklich macht — Kinder, — die sind uns ja versagt, wie es scheint! Ach, hätte ich einen jungen, schönen, feurigen Mann geheiratet, ich würde ihm wahrscheinlich Zwillinge geschenkt haben. — Na na, sagte Fox. — Und Lotte hat außer ihrem Jungen drei süße kleine Kinder! Ja ja, so geht es; das Bessere verschenkt man aus Nächstenliebe — wie ich meinen Vetter an Lotte, und das Schlechte bleibt einem selber übrig, die Reste vom Tisch des Lebens, nachdem man alle hat speisen lassen, bis sie sich satt gegessen haben. Hören Sie nur, da spielt mein Mann Piston! Er will seine Nerven beruhigen; er denkt es klingt nicht laut, weil er es selbst kaum hört, aber mir zersprengt es fast den Kopf; wenn ich das lange anhören muß, fühle ich, wie mir die Adern an den Schläfen schwellen bis zum Zerplatzen. Aber ich sage nichts, ich sage gar nichts! Es gibt einen Ort, wo man es nicht so deutlich hört, aber da bin ich auch nicht gern; dies miserable Haus hat ja nicht einmal überall Wasserleitung; ach, wie schön war es, als ich noch Desdemona spielte! Neulich habe ich an Ihren Herrn Vater geschrieben, ob er mich nicht einmal wieder besuchen will, wahrscheinlich lacht er mich aus — aber was tut man nicht in der Verzweiflung, wenn man sich ganz einsam fühlt! —
Fox drückte ihr die Hand, klopfte ihr väterlich auf den Rücken und verabschiedete sich. — Etwas komisch ist sie ja, und etwas vulgär scheint sie auch geworden zu sein, aber das rein Menschliche habe ich selten in einer so interessanten Verkörperung gesehen! dachte er.
Er sprach am nächsten Tage lange mit Pitt darüber, wie es wohl komme, daß Personen des täglichen Lebens, mit all ihren Banalitäten, den Menschen auf die Nerven fallen, daß sie aber, wenn man sie künstlerisch verarbeitet, eine Daseinsrechtfertigung bekommen; dann schrieb er eine kleine Untersuchung darüber, und Fräulein Elsa lobte ihn außerordentlich.
Zunächst war Fräulein Heine von Fox etwas enttäuscht gewesen, denn er war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen; deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt könne mit ihm über seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungünstiges Licht gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurück. Fox ließ sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung angemessen erachtete, und ihr Mißtrauen, Pitt betreffend, verlor sich, da sie aus gelegentlichen Äußerungen seines Bruders mit Sicherheit darauf schließen durfte, daß Fox von ihrer früheren Neigung auch nicht die leiseste Ahnung hatte. So näherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr herrschte ein kameradschaftlicher, nüchtern-freundlicher Ton, denn von Gefühlen, wie sie sie für Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei ihr einstellen, was sie selber unbewußt etwas enttäuschte. Fox selbst dachte vorläufig gar nicht an die Möglichkeit einer Liebe. Sie lernte ihn nun näher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie über seine vielen Nein-neins, über seine „also wirklich“, freute sich über sein etwas pompös-behäbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit zugrunde zu liegen schien, und über die Gründlichkeit, mit der er manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen passend. Ihm mißfiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen bedauernd-ernsten Blick entgegen, über den sie dann auch wieder lachte. Er ließ sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine manchmal absichtlich kunstvollen Sätze langsam, ohne sich um ihre amüsierten Zwischenrufe zu kümmern. Allmählich gewöhnte sie sich an diese Dinge, daß sie sie schließlich gar nicht mehr bemerkte.
In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschäftlichen Grund, und Herr Heine freute sich, daß der junge Mann es so sehr ernst mit seiner Stellung nahm. Außerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschäften matt, sich abends erholen wollte. — Allmählich kam Fox auch ohne geschäftliche Gründe; er wußte noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage getragen hatte, und für ihre Schmuckgegenstände zeigte er einen respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten vor: In seinen Gesprächen mit Herrn Heine verwies er auf seine früher erschienenen Broschüren, von denen er sich durch alle Fährnisse hindurch nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, daß er die Unwahrheit sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen früherer Jahre fußte, — er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert schauspielerischem Pathos, und ganz entzückt war das Herz der Frau Heine, als er sich einmal an den Flügel setzte und ein Lied vortrug. Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfänglich, indem sie es sehr komisch fand, lyrische Töne aus seinem Munde zu hören, aber allmählich moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte ihn an, neue Lieder zu studieren.
Wie anständig, wie hochanständig und respektvoll war dieser Herr Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder, der, wie sie jetzt mit immer größerer Deutlichkeit empfand, sich gegen ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich geziemte, und der nun auf einmal überhaupt nicht mehr kam, einfach fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie spürte etwas wie Rachegelüste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst meiner Tochter bemüht, aber es ist ihm nicht geglückt, ein Mensch mit solchem Benehmen wird überall nur anstoßen, wo er auch hinkommt! —
Dieses Wort wirkte außerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden! Dies erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in natürlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, daß er selber mehr Qualitäten besitze, die die Frauen schätzen. Er gab nun seinem Wesen noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein, Fräulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm zweifelhaften Fällen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich — oder in der Tat nicht klar darüber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht muß doch neben allem Unsinn, der aufs Gefühl wirkt und den eigentlichen Wert ausmacht, auch einen äußeren Sinn haben, und den kann ich nicht finden. — Sie runzelte die Stirn, indem sie’s las, und kam sich sehr wichtig vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der Folge öfter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Päckchen Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese Blicke ernst und bedeutend. — Ob ich ihn wohl lieben könnte? dachte sie manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als sein Bruder. Was er allein für Hände hatte! Echte, kräftige Männerhände! Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkürlich reckte sie selber ihre kleine Figur etwas empor. — Sie fing an mehr auf seinen Körper zu achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus ihrer Hand nahm, so daß sich beide fast berührten, hatte sie mitunter das Gefühl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig näher an ihn heranträte, und in ihm plötzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein schauerliches und zugleich wohliges Gefühl, und wenn sie seine Hände ansah, mußte sie nun öfter daran denken — ganz theoretisch nur! — wie es wohl sei, von diesen Händen ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal sah sie auf sie hin, und vergaß darüber zu antworten, so daß er nun seinerseits seine Hände beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht schmutzig. — Der große, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich, so ahnungslos! — Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in Gedanken hinzu, daß sie sich wohl auf ihn beziehe. —
Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er wurde nie benutzt! Fox erklärte, Tennis könne er nicht spielen. — Ich zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und kräftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig und so furchtbar unjugendlich! — Sie hüpfte selbst ein Weniges in die Höhe. Sie spielten nun. — Sie schlagen viel zu fest für den Anfang! — rief Fräulein Elsa. — Dafür kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor sich habe, streifte er seinen Hemdärmel hinauf und sah sie renommierend-erwartungsvoll an, während sie ihrerseits erwartungsvoll zugesehen hatte, wie er den Ärmel in die Höhe streifte. — Ein Arm wie der eines griechischen Götterheros! dachte sie.
Er mußte sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame Schläge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!
Allmählich geriet Fox Fräulein Heine gegenüber ins Nachdenken; sie begann ihm deutlicher zu zeigen, daß er ihr sehr sympathisch sei. — Eine ganze Million bekam Fräulein Heine einmal später. Das hatte sie ihm selber mitgeteilt, als sie ihm erzählte, wie ein Herr sich vergeblich um ihre Gunst bemüht habe.
Der ganze große Luxus dort im Hause hatte Fox verwöhnt; Elsa schien ihre verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr würde er über diese triumphieren, wenn er sie gewann! Was würde Pitt für ein Gesicht machen, wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemüht hatte! Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Fräulein Heine sprach?! — Eine ganze Million! Der höchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal in einem guten Leben, das mußte jeder zugestehen, und wer es nicht zugestand — dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was blieb dem armen Kerl sonst übrig?! — Allerdings: Heiraten — nur um zu einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe mußte dazu kommen, und er fühlte ganz deutlich, daß sie bei ihm schon im Anzuge war; wenn er sie heiratete, würde es eine reiche Liebesheirat sein, dies war das rechte Wort, knapp, präzise bezeichnend. Fühlte er sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies bestätigt hätte. — Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie häufig kommt es vor, daß Menschen von ihr überhaupt erst dann erfahren, wenn durch einen plötzlichen Windstoß der Leidenschaft alle verhüllenden Schleier des sogenannt wachen Bewußtseins zerrissen werden! Es bedurfte dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo liebte sogar die Julia sofort, ohne daß irgendein Anlaß da war, nachdem er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.
Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Fräulein Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, während sie ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer nichts, so daß sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, daß sein Grübeln nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im Satze ab und ließ den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, während ihre Augen ganz groß wurden, nur für einen Moment; dann führte sie sie über einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurück, auch nur für einen Augenblick, und schließlich saß sie unbeweglich, mit einem Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, daß ihre Züge still-bedeutend würden. — Ein ungewisses Fluidum strömt jetzt von ihr zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem versetzen könnte, wenn man sich ihm zu lange hingäbe! Also wirklich: ich fange an zu fühlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt, ganz leise, so, wie es Unterströme gibt in einem anscheinend stillen Wasser! — Und Fräulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm vorgehen! Wenn es jetzt über ihn und über mich käme, mit elementarer Gewalt alle Schranken niederreißend?!
Fox wurde sich über sein Gefühl immer klarer. Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schläfrig, um sich starrte. Was hatte er nur geträumt? — Er träumte eigentlich niemals. — Zwei große, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! — Die hatte Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das schwärzeste vor, was es in der Welt gäbe. Und wem gehörten diese Augen? — Eine ganze Million; schoß es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber er sprach nervös zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal für kurze Zeit ungestört dem Gedanken der Liebe ergeben? Muß denn ewig die reale Welt dazwischen kommen? — Also: Zwei schwarze, große Augen; ich weiß bestimmt, daß ich von denen geträumt habe, sonst würde mir doch das nicht jetzt auf einmal einfallen, es muß doch dem ein tatsächliches Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen geträumt?! Sie waren also erst mal: feurig. — Fox suchte vor sich selbst eine Brücke herüberzuschlagen zu Fräulein Heine; da er aber nicht weiter kam, genügte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, daß sein Traumbild nur Fräulein Heine gewesen sein könne. Daß da weiter gar nichts im Traum geschehen war, erhöhte den Wert dieser einzigen Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick — — Fox wußte mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich angesehen hat — es lag darin eine ganze Welt von Rätseln! Ein Blick voller Fragen, Antworten, Verheißung, Sehnsucht! — Es muß weit mit mir gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im Schlafe, daß ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl ähnlich geht?
Er erzählte ihr seine Vision, verschwieg aber, daß es sich um sie selbst gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.
Diese Mitteilung regte sie mehr auf, als er ahnen konnte. Er liebt mich, liebt mich wirklich, dachte sie. Und nun geriet sie in eine innere Unruhe; ihre Phantasie beschäftigte sich mit Bildern, denen sie vorher keinen Raum verstattet hatte; sie schrak zurück vor ihnen, aber nur um so stärker kamen sie.
All ihre Anbeter waren Männer, die frühreif das Leben schon kennen lernten, über denen jetzt eine leise Müdigkeit der Erfahrung lag; sie alle hatten Liebesabenteuer hinter sich, das war selbstverständlich; da kamen in gewissen Abständen Herren aus der kaufmännischen Gesellschaft, oder — wie es schon mehrmals geschehen war — korrupte Offiziere mit Adelstitel, die ihr ihre Liebe erklärten und denen sie’s an der Nase ansah: Sie wollen mich um meines Geldes willen; umsonst bekommt man keine Million, also nehmen wir die Frau mit in den Kauf! Wie oft hatte Egon ihr gesagt, sie dürfe sich keine Illusionen machen!
Und nun kam Fox Sintrup — das war ein anderer Mensch! Unverbraucht war seine Kraft; wenn er seine Arme um sie schlang, so konnte sie das ruhige Gefühl haben: Sie war die erste, die er berührte! Sie hätte ihre Hand dafür ins Feuer legen können! Es fiel ihr ein, daß sie zu Anfang öfters über ihn gelacht hatte. Aber worüber hatte sie denn im Grunde gelacht? Darüber, daß er anders war als andere Männer, daß ihm sein reines Verhältnis den Frauen gegenüber eine gewisse Ungelenkigkeit gab, die man wohl belächeln, aber eigentlich nicht belachen durfte! Und diese gediegenen, unverschrobenen und reinen Ansichten vom Leben, die er hatte! Der sie nur liebte um ihrer selbst willen, der ihr kürzlich erst erzählte: Eine schöne Millionärstochter habe ihn einmal geliebt, er habe sie wieder geliebt aber nicht geheiratet, weil er sonst nie das bedrückende Gefühl losgeworden wäre: Sie könnte denken, ich nähme sie nur um ihres Geldes willen! Wie treuherzig er das erzählte, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen: da sitzt ja eine Millionärstochter vor mir, zu der ich das sage! Oder sollte er — dies war eine ganz neue Perspektive — sollte er diese Erinnerung mit einer ganz bestimmten Absicht erzählt haben? Wollte er damit sagen: Wenn du kein Geld hättest, würde ich dich auf der Stelle heiraten, wenn du mich nähmest? Band ihm die Million die Zunge? Ging sein Feingefühl so weit? War die Geschichte vielleicht überhaupt erfunden? War die schöne Millionärstochter sie selbst?! — Unwillkürlich warf sie einen Blick in den Spiegel: Es wäre ihm zuzutrauen, sagte sie langsam; er ist ja so furchtbar stolz und delikat!
Fox war sich inzwischen über sich selber vollkommen klar geworden: Er liebte Fräulein Elsa, und zwar war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Es war ihm eingefallen, einen wie starken Eindruck er gleich das erstemal von ihr empfangen hatte: Einen solchen ersten Blick legt man sich niemals als Liebe aus; das merkt man erst hinterher, wenn man auf einem festen Punkte angelangt ist und nun die ganze Stufenleiter überschaut, bis in ihre ersten Anfänge. — Und sie selber: Mit Deutlichkeit erinnerte er sich, daß sie bei der ersten Begegnung fast tragisch zu ihm war. Pitt konnte das eventuell bezeugen, dem hatte er’s erzählt! Also auch sie hatte es gefühlt, daß er ihr Schicksal sein werde, deutlicher, erschütternder noch als er selber! Sie hatte sich dann beherrscht, die folgende Zeit, nur manchmal brach in einem großen Blick, in einem Schweigen ihr inneres Gefühl mit stummer Deutlichkeit hervor! Wie selten geschieht es doch, daß sich alles so natürlich und in so wahrhaft innerer Schönheit entwickelt! Sollte er ihr nun seine Liebe gestehen? —
Als sie sich wiedersahen, waren beide einsilbig, fast wortlos. Mit großen Blicken trennten sie sich.
Sollte er ihr seine Liebe gestehen? Er strich sich nachdenklich an seinem neuerworbenen Barte. — Nein, dachte er endlich, ich will nicht, daß die Familie womöglich denkt, ich sei ein Millionenjäger. Ich würde das der Familie zwar absolut nicht übelnehmen — dergleichen ist sehr menschlich und die Tatsache kommt — leider — häufig genug vor! Alles was ich tun kann, ist: Warten. Wenn sie mich liebt, wird sie mir das eines Tages selber sagen, das ist bombensicher! Ich könnte ihr aber mal wieder ein paar Blumen mitbringen, das ist in jedem Falle anständig!
Er kaufte die Blumen und begab sich zu ihr. Als er dann aber vor ihr stand, wurde er sehr rot, denn plötzlich hatte er das Gefühl: Heute kommt es zur Entscheidung. Wie sie dies sah, errötete sie ebenfalls. Beide waren einsilbig; ihr klopfte das Herz, während er nach innen lauschte, ob seines auch klopfte. Wirklich klopfte es. — Setzen Sie sich dort auf das Sofa! sagte sie, und er merkte, wie ihre Stimme sonderbar beherrscht klang. Er erfüllte ihre Bitte sogleich, legte die Hände auf die Knie und sah sie stumm an. Sie lächelte nervös und strich sich das Haar zurück. Dann saß sie ebenfalls. — Sie sind ein sonderbarer Mensch! sagte sie endlich. — Wieso? fragte er, überrascht, plötzlich in seinem gewöhnlichen Tone. — Wie — so? wiederholte er, grübelnder, nachdenklicher, da ihm sein erster Ton selbst zu nüchtern geklungen hatte. — Ich halte Sie für einen ganz, ganz verschlossenen Charakter! — Ja, das ist wohl wahr! entgegnete er, mit einem schweren Blick ins Leere. Schon in meiner Kindheit litt ich selbst darunter. — Also Sie leiden darunter?! — Natürlich, man empfindet es oft doch sehr schwer! — Mir geht es ähnlich! sagte sie nach einer Pause, tragisch. — Das habe ich aber nicht empfunden, mir gegenüber. — Wirklich? Wie meinen Sie das?? — Ich habe das Gefühl, als wenn Sie gegen mich nicht so verschlossen wären! — Ach so, ja ja! sagte sie, als enthielten seine Worte eine Offenbarung; jawohl, das hängt von den Menschen ab. Gegen zwei Menschen bin ich nicht verschlossen: gegen Sie und gegen meine Mutter! das heißt — sie brach ab. Er sah sie fragend an. — Das heißt, sagte sie lauter, stoßweise: das heißt, gegen meine Mutter bin ich jetzt auch verschlossen, und gegen Sie möchte ich es auch sein, aber was soll ich machen — — c’est plus fort que moi!! — Bin ich Ihnen solches Vertrauens wert? fragte Fox, und erinnerte sich dunkel, daß er das einmal irgendwann auf der Bühne gesagt hatte. Daß auch die kalte Wirklichkeit immer wieder hereinspielte in die Gedanken, selbst in den höchsten Augenblicken des Lebens! — Ja! sagte sie, indem sie ihm ihr Gesicht voll zuwendete, das sind Sie mir! Seit dem ersten Augenblick wo ich Sie sah, waren Sie mir das! — Was sollte er darauf antworten? — Sie sind es mir ebenfalls, sagte er. — O Sie Kind, rief sie, Sie großes ungelenkes Kind, haben Sie mir nichts anderes zu sagen als das? — Ich könnte noch vieles hinzufügen, aber daran hindert mich das Gefühl, daß ich nicht weiß, wie Sie dies aufnehmen werden! — Ich, ich nehme alles freudig auf, von Ihnen alles!
Fox sah sie an. Jetzt sollte das Schicksal sich entscheiden; und dies Gefühl vor der Wucht des Augenblicks, der im Leben eines jeden nur einmal vorkommt — oder vorkommen sollte — erschütterte ihn. Er sah gleichsam auf sich selbst herab, wie von einer fernen Warte der Zeit, auf sein eigenes Menschenleben, und seine Augen wurden feucht. — Sie wissen es ja längst, sagte er mit belegter Stimme, daß ich Sie liebe, daß ich Sie vom ersten Moment an geliebt habe! Sie war aufgestanden, er hatte sich ebenfalls erhoben und sah mit seinen blauen Augen in vollster Ehrlichkeit auf sie herab, die mit etwas emporgehobenem Kopfe vor ihm stand. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Brust: O wie ich mich danach gesehnt habe! flüsterte sie. Als Antwort drückte er sie fester an sich. — Eigentlich ist sie etwas klein! sagte eine Traumstimme aus der Wirklichkeit zu ihm, aber er hörte sie nicht. Nun bist du mein, mein Lieb! jauchzte er im Gefühl jubelnden Besitzes, mein auf immerdar! In all ihrer Seligkeit mußte sie lachen: Ach du Kind, du kennst ja die Liebe nur aus Büchern und denkst, du mußt nun auch so sprechen wie die Helden in Romanen! Küsse mich ein einziges Mal, das ist besser als alle Worte! — Sie reckte sich etwas in die Höhe, und den Bund dieser beiden Menschen, die sich durch die Wechselfälle des Lebens zueinander gefunden hatten, besiegelte der erste Kuß.