Siebentes Kapitel.
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Pitt blieb in seiner Stadt, Semester für Semester; er war mit keinen Mitteln zu bewegen heimzufahren in den Ferien. Immer schrieb er, er müsse arbeiten, sich vorbereiten fürs Examen. Das machte er dann nie, Herr Sintrup wurde ungeduldig, aber seine Frau tröstete ihn: Pitt sei nun einmal ein Sonderling, ein Einsiedler, und schließlich sei es doch ganz egal, ob er überhaupt nicht käme oder ob er da wäre und sich den ganzen Tag in seinem Zimmer einschlösse, so wie er es früher tat, wie er noch auf der Schule war. Ihr selbst sei es im Grunde einerlei ob sie ihn sähe oder nicht, die Ferne könne ja doch ihren mütterlichen so wie Pitts Sohnes-Gefühlen nicht das geringste anhaben. So hätte Pitt mit seiner Familie so gut wie ganz außer Verbindung gelebt, wären nicht die Geschäftsreisen seines Vaters gewesen, die sich mit größerer Regelmäßigkeit zu wiederholen begannen.
Na, und deine Elfriede? fragte dann wohl Herr Sintrup aus einem ihm nahliegenden Gedankengang heraus, indem er sich behaglicher in den Sessel zurücklehnte, und plötzlich die Barschaft seines Portemonnaies überzählte. — Es ist nicht meine Elfriede! pflegte dann Pitt zu antworten, worauf Herr Sintrup mit Regelmäßigkeit entgegnete: Schade, schade, Junge, du weißt dein Glück nicht anzupacken. —
Pitt hatte Elfriede nicht vergessen; sein Gefühl für Lotte aber war ganz brüderlich geworden, in jener Zeit, wo sie das Kind erwartete; dann wurde es halbbrüderlich, und schließlich, als er sie einmal auf der Straße sah, in ihrem Hausfrauenhütchen, den Kinderwagen schiebend, dachte er: Sollte wohl ein Vetter so zu seiner Cousine empfinden, oder zu deren Schwägerin? Daß er sie einmal liebte oder zu lieben glaubte kam ihm jetzt sonderbar vor.
So war wieder eine Windstille um sein Herz herum, und nur am Horizonte leuchtete es, wenn er an vergangene Zeiten mit Elfriede dachte. Er bildete sich ein: Sie habe er geliebt, und sie sei ihm verloren. Dies Gefühl war süß und schmerzlich zu gleicher Zeit, er konnte sich ihm hingeben, ohne seine Gemütsruhe dabei zu verlieren. Aber eines Tages wurde er aus diesen dämmerigen Empfindungen herausgerissen.
Es war im Foyer eines Theaters. Er stand gedankenlos gegen eine Säule gelehnt, als er plötzlich Elfriede erkannte. Neben ihr stand ein junger Künstler, auf eine etwas fremdländische Weise sehr elegant gekleidet, und er sprach zu ihr mit einem Ausdruck selbstverständlicher Vertrautheit. Ihre Figur war frischer, voller als früher, alles an ihr schien zu leben, ihre Bewegungen waren sicherer, freier, selbstbewußter geworden. Sie lachte gerade, und ehe sie das Gesicht wieder auf ihren Begleiter hinwendete, blickte sie zufällig, ohne ihn bewußt zu sehen, zu Pitt hinüber, drehte auch gleich den Kopf von ihm zurück, wandte ihn aber im nächsten Momente wieder zu ihm hin, fragend, erstaunt. Pitt hielt sich unbeweglich, hatte jetzt aber selbst das Gesicht zur Seite gewendet. Er fühlte, daß sie auf ihn zukam. — Herr Sintrup! sagte sie halblaut und freundlich, sind Sie das wirklich? — Er löste sich aus seiner Stellung und sah mit starren Augen auf sie hin, indem er mechanisch die Hand ergriff, die sie ihm entgegenstreckte. — Wie mich das freut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen! hörte er sie sagen. Wie lange, lange ist es her! Mir kommt es wie ein ganzes Leben vor! — Mir nicht! antwortete er endlich. — Ihnen nicht? Haben Sie inzwischen so wenig erlebt? — Sie wartete gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab: Und ich so viel, so viel! Das Leben ist so wundervoll! Jetzt bin ich einmal wieder für ein paar Wochen zu Hause, dann geht es zurück nach Paris, zum Studium. Wissen Sie noch, wie ich früher spielte? Das kommt mir jetzt so kindisch vor! Was habe ich damals für eine Ahnung von Musik gehabt! — Eine elektrische Glocke läutete, das Publikum strömte langsam in den Zuschauerraum zurück. Der junge Mann sah aus der Ferne etwas zu ihr herüber. — Ja, wiederholte sie, und ihre Worte wurden schneller, damals habe ich wie ein Kind gespielt — ich war ja auch noch ein halbes Kind. — Sie sah halb beunruhigt zurück auf ihren Begleiter. — Sie hatten doch auch einen Bruder, fragte sie weiter, der damals noch auf der Schule war? Der studiert nun auch wohl bald? — Der studiert schon lange! sagte Pitt. — So! ach, wie die Zeit hingeht! Sagen Sie, Herr Sintrup — wollen Sie uns nicht einmal wieder besuchen? Ihren Freund Harald sehen Sie allerdings nicht bei uns, der ist nun wirklich zur See gegangen! Und Hedwig hat letztes Jahr geheiratet. Aber ich bleibe noch ein paar Wochen; es würde uns freuen Sie wiederzusehen! — Es läutete abermals. — Ich bin mit einem Freund zusammen, der auch wieder nach Paris zurückgeht, leben Sie wohl, und hoffentlich kommen Sie einmal wirklich! — Sie hielt ihm die Hand entgegen. — Adieu, Elfriede, sagte er. — Sie sah ihn an, als kämen diese Worte aus einer fernen, halbvergessenen Welt an ihr Ohr, dann zeigte ihr Gesicht wieder den freundlichen Ausdruck wie zuvor, sie nickte ihm zu und ging zu ihrem Begleiter zurück, der einen kurzen, forschenden Blick auf Pitt geheftet hielt, aber sogleich höflich von ihm wegsah, als er seinen Augen begegnete. Mit einer fast formellen Bewegung ließ er ihr den Vortritt durch die Tür, aber sein Blick streifte in unbewußter, vertrauter Zärtlichkeit ihren Nacken.
Pitt verließ das Theater sofort; planlos ging er durch die Straßen, bis er sich mit einem Entschluß nach einer festen Richtung wandte und die Häuser der Stadt endlich hinter sich ließ. Er schritt dem Winde entgegen, auf der uralten Pappelallee; in den Baumwipfeln rauschte es und die Stämme standen unverrückbar ruhig, unbeweglich. Einer nach dem andern glitt still an ihm vorbei. Die kalte Nachtluft schlug an seine Schläfen und beruhigte seine Gedanken. — Was sollte er im Haus der van Loo? Sollte sich jetzt ein kurzes, triviales, leeres Nachspiel ihrer Freundschaft wiederholen? Jetzt erst, so fühlte er, hatte er Elfriede ganz verloren. Ein ohnmächtiger Neid erfaßte ihn gegen den Menschen, der die Stelle einnahm, die er selber hätte einnehmen können. Er wollte Elfriede nicht wiedersehen; mit diesem Erlebnis mußte er jetzt ein für allemal abschließen. Aber was wurde nun mit ihm? Wohin würde ihn das Leben tragen? Dies graue Leben, das so schattenhaft gespenstisch war und so entsetzlich feste, wirkliche Formen hatte! — Er blieb aufatmend stehen und sah sich im Kreise um. Über ihm rauschten die Pappeln, und in seiner Brust fühlte er sein Herz klopfen, dieses ewig lebendige Ding, das unabhängig von seinem Willen den Rhythmus der Zeit angab, in der er selbst dahingetrieben wurde. Er bekam fast Angst vor diesem Klopfen, das er in der Stille der Nacht so deutlich fühlte, vor diesem Gestampf, das an rastlose Maschinenarbeit erinnerte, die nicht um ihrer selbst willen da war, sondern damit etwas entstehe. Fern flimmerten die Lichter der Stadt, von irgendwoher tönte der langgezogene Ruf einer Lokomotive durch das Blätterrauschen. Fast ohne zu wissen was er tat, trat er langsam auf einen der Stämme zu, umarmte ihn und legte das Gesicht an die harte, kalte Rinde. Seine Gedanken zerlösten sich, und wie er endlich heimwärts schritt, sah er stets empor in die dunklen Baumwipfel, und es war, als rückten sie höher und höher in den Himmel und als senkten sich die Sterne in ihr Laub hinein.
Am nächsten Morgen als er erwachte, hatte er das Gefühl, als sei er letzte Nacht sehr sentimental gewesen, und dann war ihm, als sei das Ganze und alles was vorausging, etwas, das er nicht selbst erlebt, sondern in irgend einem Buch gelesen hätte; bis es ihm wieder klar wurde, daß alles wirklich in sein eigenes Leben eingriff, daß er selbst sich als Handelnder in der Welt bewegte. Sollte er doch zu Elfriede gehen, nur um etwas zu tun und nicht immer alles bloß als Erscheinung an sich vorbeigehen zu lassen?
Tage verstrichen, er rührte sich nicht. Dann traf er zufällig Elfriede mit ihrem Freunde auf der Straße. Sie wollten in den Park spazieren gehen, und Elfriede fragte ihn, ob er keine Lust habe mitzukommen. Er wollte nein sagen, aber er sagte ja, und dann schritt er an ihrer Seite. Dort im Park setzten sie sich unter ein elegantes Zeltdach, ließen sich kleine Erfrischungen bringen, und die beiden machten sich darüber lustig, wie primitiv alles sei. Pitt sagte fast gar nichts, und Elfriedes Freund, der sich im stillen darüber wunderte, was für schwerfällige, ungesellschaftliche Menschen die Deutschen seien, führte die Unterhaltung, mit einem ausländischen Akzent, in ziemlich gebrochenem Deutsch; manchmal stockte er, sah Elfriede an, es kam plötzlich ein wunderschön gebauter eleganter französischer Satz heraus, und dann war es, als ob auf einmal ein ganz anderer Mensch hervorträte. Elfriede war zu Anfang sehr lebhaft und vergnügt, aber dann erschien sie auf Momente ganz zerstreut, Pitt fühlte, wie ihre Augen auf ihm ruhten mit einem stillen, fragenden Ausdruck, und er erwiderte ihren Blick mit einem melancholischen Lächeln. Auf dem Heimweg ging sie an seiner Seite, und am Ausgang des Parkes blieb sie plötzlich stehen und sagte auf französisch zu ihrem Freund: Gehe du nach Hause, ich komme nach; ich werde noch ein wenig mit Herrn Sintrup spazieren gehen, ich habe ihn ja solange nicht gesprochen! — Er schien etwas entgegnen zu wollen, aber sie sah ihn mit einem stummentschlossenen Blick an, ein Blick, den Pitt von früherer Zeit her kannte. Pitt sagte gar nichts, und erst, als Elfriedes Freund ihm abschiednehmend versicherte, es sei ihm eine besondere Freude gewesen einen früheren Kameraden Elfriedes kennen zu lernen, antwortete er ganz zerstreut: Jawohl.
Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wußte er später selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgültige Dinge, aber als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede blaß. — Sehe ich Sie wieder? fragte Pitt; — Ich weiß es nicht! antwortete sie. —
Er sah sie nicht wieder. Am übernächsten Tag schrieb sie ihm ganz kurz, sie habe sich entschlossen, mit ihrem Freund sofort nach Paris zurückzufahren.
Nun war es umgekehrt wie bei ihrer ersten Trennung. Diesmal war es Elfriede, die ihn verließ. Sie fühlte, daß Pitt nicht für sie der Vergangenheit angehörte und ahnte wohl, daß sie zurück in den früheren Strudel gerissen werden könnte, wenn sie sich ihm überließ. — Pitt empfand dieses sehr wohl, und jenes ohnmächtige Gefühl des Neides — das ihm selbst so antipathisch war — zerlöste sich. Aber nun war es trotzdem, als sei ein Tor, das früher halb geöffnet war, für einen Augenblick ganz geöffnet worden, und ehe er sich entschloß hineinzutreten, schlug es zu und ließ ihn draußen stehen. Früher, wenn er an Elfriede dachte, rechnete er immer mit dem Gedanken: Es hängt ja nur von mir ab zu ihr zurückzugehen! Die Möglichkeit eines solchen Schrittes war beruhigend; er brauchte sie ja vielleicht nie zur Tat werden zu lassen. Wenn ich nun ein anderer Mensch wäre, dachte er, würde ich hier alles stehen und liegen lassen, hinter ihr herreisen und das Tor einschlagen — aber er fühlte, daß er nicht die Kraft dazu haben würde, und dann, wenn es wirklich bis zur äußersten Frage, zur letzten Entscheidung kommen sollte:
Wollte er denn überhaupt Elfriede haben, für das ganze Leben? Er fühlte sehr wohl, daß es sich für sie nun um ihr ganzes Lebensschicksal handeln würde. Hatte er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Fühlte er nicht bereits jetzt wieder, nur bei dem Gedanken etwas wie geheime Angst? — Ich bin ein schwächlicher Mensch! dachte er, ich glaube, ich bin keiner einzigen starken Empfindung fähig! — Dann wieder schien es ihm, als würde sich alles leicht und wie von selbst ergeben haben. Dieser Zwiespalt seiner Empfindungen trieb ihn herum und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Hätte ich nur ein einziges Mal ein wirkliches, starkes Erlebnis! rief er oft, ein Erlebnis, das mich durch und durch rüttelt und mich von all dem Staube reinigt, der sich im Laufe meiner trägen, empfindungslosen Jahre auf mich gesetzt hat! Dann würde es sich ja zeigen, ob ich irgend etwas Starkes, Lebensfähiges in mir habe, oder ob ich nur ein Körper bin, dem alle Glieder gebrochen sind. —
Er begann zu suchen. Er riß sich aus seiner toten Abgeschlossenheit heraus und trat in den Verkehr mit Menschen, mit Künstlern vor allem, da er das Gefühl hatte, in diesen Kreisen würde er am ehesten finden was er suche.
Wieviel Kampf, Wärme und Zuversicht fand er plötzlich um sich herum, wieviel Mut und Kraft dem Leben gegenüber! Hatte er bisher blind gelebt, daß er von all dem keine Ahnung hatte? Alle dachten nur an zwei Dinge: An ihre Liebe und an ihre Aufgabe. Mit Neid sah Pitt solche Paare an. Jeder hatte Wärme und Interesse für die Hoffnungen, für die Ziele des andern: Es gab Gemeinsamkeit. Dies fühlte Pitt so deutlich, wenn sie um ein neu entstandenes Kunstwerk standen, das mehr von Hoffnungen sprach als von schon erreichten Zielen, und er empfand doppelt seine eigene innere Kälte, wenn er solche Versuche, in denen eine Kraft sich loszuringen strebte, mit den kühlen Augen des Kunstrichters betrachtete, der mehr das sieht was geleistet ist, als das was geleistet werden möchte. Er schämte sich seiner Worte, die einer so armen Lebenswurzel zu entspringen schienen, und bemühte sich wärmer, lebendiger zu empfinden.
Viel war er in Ateliers, auf kleineren Festlichkeiten der Maler und Malerinnen, eine Fülle neuer Gestalten begegnete ihm, fast gewaltsam suchte er sich einzelnen zu nähern und zerschellte doch bei den ersten Versuchen, da er selbst die innere Unnotwendigkeit empfand. Ein einziges Mal schien es, als solle er in ein neues Erlebnis hineingezogen werden, fühlte seine Seele eine größere Spannkraft. Aber sie ließ nach, wie er nicht das Mädchen selbst bekam, sondern nur ihr Bild, das sie ihm schenkte, und das ihm nun plötzlich wertvoller und schöner dünkte als das Original. Der Wunsch, sie selber zu besitzen, war vorüber.
Es vergingen wieder Wochen, er dachte kaum mehr an die Möglichkeit, in einen neuen Strom hineingezogen zu werden, bis er eines Tages von einem ganz starken Gefühl ergriffen ward, das ihn herumtrieb, halb glücklich und halb unglücklich. Es schien, als habe das Schicksal über ihn entschieden. Pfeifend stand er in seinem Zimmer, ergriff gedankenlos einen Gegenstand, ließ ihn wieder sinken und dachte: Was ist es nur, was habe ich nur? Ist es denn wirklich möglich?! Kann ein einziger Anblick, ein einziges Sehen über einen Menschen entscheiden?! Hatte er soviel Wirrnisse und Unklarheiten durchmachen müssen, um jetzt wie mit einem Schlage in das Licht zu treten? Wie anders war dies Mädchen als Elfriede! Rasch, stark in ihren Bewegungen und in ihrem Blick, klar und sicher in allem was sie tat; ganz blond, ganz ebenmäßig, und ihr Haar viel glänzender, viel goldener als Elfriedes. Elfriede erschien mit ihr verglichen schwächlich, unbedeutend. Wenn die beiden sich einmal gegenüberständen! Herta hieß sie mit Vornamen, und es schien ihm, als könne diese kräftige nordische Gestalt gar nicht anders heißen! Morgen würde er sie wiedersehen, morgen wollte sie anfangen ihn zu malen. Er konnte nur wenig schlafen vor Aufregung, bis er sie wiedersah, im hellsten Lichte des Ateliers, in ihrem langen, weißen Malkleid, das den schimmernden Hals, der den blonden Kopf so stolz trug, freiließ; keine Spur von Scheuheit, von Verhaltensein lag in ihrem großen, blauen Blick, es war, als kennten sie sich lange, als seien sie bis jetzt nur durch einen Zufall getrennt gewesen.
Sie stammte aus dem äußersten Nordwesten Deutschlands, aus einer hochangesehenen Patrizierfamilie, die ganz nach alten Traditionen lebte. Sie hatte sich freigemacht, gegen den Willen ihres Vaters war sie Malerin geworden. Erst fast mit ihr deshalb verfeindet, söhnte er sich allmählich mit dem Schritte aus, als er die Erfolge sah. An seinem Vaterglück fehlte nun nichts weiter, als daß seine Tochter nach Hause gekommen wäre und geheiratet hätte. Sie dachte nicht daran, obgleich ihr der Gedanke selbst nicht abliegend und fremd war, denn sie liebte ihre Vaterstadt und das ganze Land da droben mehr als alles andre was sie sah, und als letztes Lebensziel schwebte ihr ein breites Familienglück in großem Stil vor, wie man es auf prunkvollen holländischen Bildern gemalt sieht. Aber dieses Ziel lag noch weit ab. Mehrere heftige Erlebnisse endeten mit Enttäuschungen, ohne ihre feste Natur im mindesten zu beirren. Sie lernte Pitt Sintrup kennen, und seine verträumte Unklarheit, das Passive, Widerstandslose seines Wesens zog ihre eigene, dem Leben zugewandte, auf das Leben wie zum Sprung gerichtete Seele an. Pitt, dem noch kein Mädchen so entgegengekommen war, fühlte seine eigene Empfindung mit fortgerissen. Er erzählte ihr sein ganzes Leben, und während sie kein Wort verlor, wurde in ihr der Wunsch, diesen Menschen zum Leben, zum Erwachen zu bringen, was vor ihr noch keiner gelungen war, immer heftiger. Sie sahen sich täglich, und während er wähnte, die Erfüllung könne noch in weiter Ferne liegen, war für Herta selbst alles längst entschieden. Dann kam ihre heftige Einigung. —
Ihm begann ein neues Leben an ihrer Seite. Die Vergangenheit war ausgelöscht, eine unbekannte Frische kam über ihn, seinem Dasein schien ein wirklicher Inhalt gegeben, es folgte eine Zeit des Glückes, der Ausgeglichenheit, der heitersten Ruhe, wie er sie nie für sein Leben erhofft hatte. — Die ersten Tage ging er herum wie im Traum. Unfaßlich war ihm alles: Wie war es möglich, daß er wirklich ein Mädchen sein eigen nannte, das er liebte und von dem er sich geliebt wußte! Bisher hatte er mit dem Gefühl der Liebe nur etwas Trauriges und Entsagendes verbunden, und nun empfand er, wie alles andere neben ihr gering erschien! Mit welchem Stolze zeigte er sich an ihrer Seite! —
Wie lange ihr enges Verhältnis zu Pitt dauern würde, wußte sie selbst nicht; es reizte sie das Schicksal dieses Menschen, dem sie sich in allem was das Leben anging, überlegen fühlte, in die Hand zu nehmen, und jetzt, wo sie ihn näher kennen lernte, ward ihr dies Gefühl befestigt. Ihr selbst war ein Leben ohne Arbeit, ohne Schaffen unmöglich. Nur ein paar Tage waren sie zusammen im Süden, dann verlangte sie zurück in ihre Tätigkeit. Pitt gewöhnte sich daran ihr in allem sich zu fügen. Sie verlangte, daß er selber arbeitete, und er tat es. Zu Anfang hatte er fast Scheu, ihr seinen Beruf zu gestehen, da er glaubte sie werde ihn verachten. Aber das tat sie gar nicht, im Gegenteil, und sie sagte: Mein Vater würde dich mehr achten als die meisten andern, die er durch mich kennt, denn nach seiner Schätzung taugen im Grunde nur die Menschen etwas, deren Beruf sich direkt wieder auf die Menschen richtet!
Sie setzte es durch, daß Pitt sein Examen bei der nächsten Gelegenheit machte. Er sagte, er fühle sich nicht sicher. Sie rechnete nach, wieviel Semester er nun allmählich hinter sich hatte, und meinte dann: wenn er sich jetzt noch nicht sicher fühle, würde er sich niemals sicher fühlen. Er solle den Versuch machen, mehr als durchfallen könne er nicht, und das sei nicht schlimm. Sie sprach auch mit einem seiner Professoren, den sie kannte und auf einer Gesellschaft traf. Sie erfuhr, Pitt Sintrup gelte in den Seminaren als der beste Kopf, der mit Leichtigkeit die feinsten Fragen zu spalten vermochte, aber leider die ganze Jurisprudenz wie eine Bagatelle ansehe. Nun setzte sie ihren ganzen Einfluß hinter ihn, und Pitt empfand es so wohltuend, daß ihn jemand trieb; zum Scheine weigerte er sich immer noch und trieb sie dadurch zu immer heftigerer Forderung. Die hörte er so gern, und mit Vergnügen sagte er dann endlich lächelnd: Nun also — in Gottes Namen! — Und nach ein paar Monaten machte er das Examen und etwas später bekam er auch den Doktortitel, da Herta sagte, es käme nun auch nicht mehr darauf an, ob er noch etwas mehr arbeite. Dann aber gab es Kämpfe was nun werden sollte. Referendar werden wollte er nicht, er wollte überhaupt nun nichts mehr mit der ganzen Juristerei zu tun haben; wußte aber auch nichts anderes. Ihr war diese Eröffnung ganz neu, sie lachte und nannte ihn verrückt. Dann begannen tagelange Bearbeitungen, die damit endeten, daß Pitt sich zu allem bereit erklärte. Die Aussicht in eine fernere Zukunft schien ihm nach diesen Gesprächen auch nicht mehr so entsetzlich wie früher: Hertas Familie dort oben in dem kleinen Hansastaat hatte die größten, einflußreichsten Verbindungen, durch sie würde es ihm leicht werden, eine gute einträgliche Stelle zu bekommen, die er durch eigene Energie vielleicht nie erreicht hätte, und großen Eindruck machte es ihm, daß er dann kein königlicher Angestellter war, sondern daß er unter einer Republik diente, deren Oberhaupt, wie er erst jetzt erfuhr, Hertas Vater selber war. — Herta lächelte für sich, als er ihr eines Tages erklärte: Jetzt sitze ich wirklich drin, in diesem Maulwurfsnest; — er meinte damit das Amtsgericht. Und was wird dann eigentlich später aus uns beiden? fragte er manchmal; ich denke, du nimmst dir dann ein Haus für dich und wir besuchen uns wann wir mögen! — Laß uns nicht daran denken, sagte sie, bis dahin hat es sich schon entschieden, ob wir dauernd zusammen bleiben wollen oder nicht; und wollen wir, so ist es nicht anders möglich, als daß wir den Schritt tun, den die meisten tun, die zusammen bleiben wollen. — Pitt verzog unwillkürlich das Gesicht, wie wenn er etwas Bitteres schmecke. — Wäre dir der Gedanke so schrecklich? fragte sie. — O nein, antwortete er schnell, durchaus nicht, ich machte dies Gesicht eben nur aus alter Gewohnheit. Herta sprach öfter von der Möglichkeit solcher Aussichten, ja manchmal, wie zum Scherz, malte sie sich ihre und Pitts nähere Zukunft aus. Sie sprach von einem schönen Haus, das sie sich bauen würden. Sie wußte schon den herrlichsten Platz dafür. Oben im zweiten Stock sollte ein riesiges Atelier sein mit einem Ausblick auf das ferne flache Land. Oft redete sie von diesen Dingen, auch von den Menschen mit denen sie dort verkehren würden, von ihren Eltern, von ihren Verwandten. Pitt sah dann im Geist die lange Reihe der Ahnenbilder, von denen sie ihm erzählte, die zu Haus im großen Saale hingen, und er wunderte sich über ihren festen Zusammenhang mit ihrer Heimat und allem was mit ihr verbunden war. Ihm selber fehlte solcher Zusammenhang gänzlich, und bei ihren Worten überschlich ihn zuweilen ein dumpfes Unbehagen. Gegen einzelne Menschen, von denen sie immer wieder sprach, empfand er nach und nach geradezu eine Abneigung.
Wie ist es nur möglich, sagte er einmal, daß ein Mensch so stark verwandtschaftlich empfinden kann! — Es kommt eben nur auf die Verwandten an! entgegnete sie. Das ließ er gelten, obwohl er wußte, daß da noch ganz andere, tiefere Unterschiede mitspielten. Aber er sprach nichts davon aus, da er fühlte, daß, wenn sie dann darüber stritten und er Herta schließlich recht gäbe, eine Einigung doch nur ganz oberflächlich sein würde. Und zugleich rührte diese Frage überhaupt an Tiefen, die er nicht sehen, die er vergessen wollte.
Du möchtest wohl, sagte sie ein andermal, als sie wieder von ihrem Luftschloß redete, daß wir unser Haus verschlössen und gar niemand hereinließen? — Er lächelte, und zugleich durchzog ihn eine halb peinliche Empfindung bei der Vorstellung an dies Haus, in dem sie allein sein würden. Er kannte es ja auch noch gar nicht, für ihn war es vorläufig ein fremdes Haus wie jedes andere. Herta freilich kannte es auch noch nicht, und doch sprach sie von ihm als ob sie schon darin wäre. Sie zeigte ihm nun auch Bilder ihrer Eltern und ihrer Geschwister: Lauter blonde, großgewachsene Menschen der reinsten Rasse. Alle hatten unter sich Ähnlichkeit, wie die verschiedenen Blätter desselben Baumes. — Sie wollte nun auch Bilder seiner Familie sehen, und Pitt holte aus einem Kasten einige halb vergessene Photographien, die ihm seine Mutter mitgab, wie er ins erste Semester ging. — Deinem Vater bist du nicht ähnlich, sagte Herta, und deiner Mutter auch nicht; wie bist du nur zu diesem Kopf gekommen! — Sie malte ihn jetzt noch einmal, und das Bild wurde besser als das erste. Ihm erschien es, bei aller Ähnlichkeit, zu laut in der Empfindung. Aber er sprach dies nicht aus, sondern betrachtete es nur, in Nachsinnen verloren. — Es wäre besser, sagte er endlich, wenn die Menschen ihren ganzen Körper aufgäben und nur aus Kopf beständen! Wieviel Aufregung und Gräßliches würde ihnen erspart bleiben. — Und das sagst du zu mir?! rief sie und sah ihn verwundert an. Sie begegnete seinem stillen Blick, der sie nicht zu sehen schien. Möchtest du, fuhr sie fort, daß wir beide körperlos wären? Ist dir dein Körper so wenig lieb? Er antwortete nicht. — Was für einen Unsinn redest du! Mein Körper ist mir das liebste auf der Welt, viel lieber als mein Kopf und alles was drin steckt an Kunst und Gedanken! Und lieber möchte ich auf alles, alles verzichten als den kleinsten körperlichen Makel haben; du redest wie ein alter Mann und sollst dich schämen! — Er lachte und zuckte die Achsel, und wie er sie so blühend vor sich sah, den lebensvollen Blick jetzt halb vorwurfsvoll auf ihn geheftet, dachte er: Mein Gott, wie recht hat sie, und wie dankbar bin ich, daß sie nicht körperlos ist! und schloß sie heftig in seine Arme. — Siehst du nun wie dumm du bist! Sie hielt ihn fest umschlungen, so lange und so bewegungslos, daß endlich seine Gedanken abirrten, bis er die körperliche Ermüdung des Stehens empfand und sich langsam aus ihren Armen befreite.
Höre, sagte sie eines Tages, morgen kommen meine Eltern her; sie reisen nach Italien, und bleiben nur einen einzigen Tag hier. Ich möchte, daß du sie sähest. — Pitt durchfuhr dies sehr unbehaglich. — Was werden deine Eltern denken? fragte er ausweichend. — Sie werden sich die Wahrheit denken, sagte Herta; sie wissen, daß ich kein Kind mehr bin und daß ich nach meinen eigenen Vorschriften lebe. Und sie haben sich damit abgefunden. Meine Mutter weiß übrigens über dies Bescheid; sie weiß über alles Bescheid, was mich angeht, und vieles wäre noch viel schwerer gewesen in meinem Leben, wenn ich mich nicht stets an sie gehalten hätte. — Pitt war über diese letzte Eröffnung sehr erstaunt. Ich glaubte, sagte er, deine Mutter sei so konventionell! — Herta lächelte und sagte: Du wirst sie kennen lernen und Achtung vor ihr gewinnen! Ich glaube, du achtest die Frauen überhaupt viel zu wenig. — Vor meinem Vater allerdings, fuhr sie fort, vor meinem Vater suche zu bestehen! und sie sprach die letzten Worte mit Nachdruck; — übrigens machst du dir von ihm vielleicht ebenfalls ein falsches Bild. Mein Vater hat den allergrößten Blick für Menschen und Dinge, es ist etwas Großzügiges in seinem ganzen Wesen. Nur gegen seine nächsten Angehörigen empfindet er wie ein gewöhnlicher Bürgersmann. In bezug auf mich habe ich es ihm aber abgewöhnt. Nimm dich zusammen, wenn du mit ihm sprichst, es ist auch gut für dich, für deine spätere Zukunft, wenn er jetzt ein günstiges Bild von dir gewinnt. Ich kann mich doch auf dich verlassen, daß du keinen Unsinn redest? Da er nicht antwortete, fragte sie ihn halb unruhig: Du fühlst dich doch jetzt ganz deiner sicher, nicht wahr?
Pitt liebte solche Fragen nicht. Herta tat sie zuweilen. Dann erschien sie ihm jedesmal etwas fremd. — Er legte den Arm um sie, küßte ihr glänzendes duftendes Haar und sagte: Sei ohne Sorge, ich werde schon vor ihm bestehen. —
Pitt zog sich zu Hause um, zögernd, langsam, trat vor den Spiegel, sah lange hinein — und mit einem plötzlichen Entschluß entkleidete er sich wieder, zog seinen gewöhnlichen Anzug an und machte einen stundenweiten Spaziergang, anstatt sich mit Hertas Eltern und ihr selbst zu treffen.
Damit verletzte er sie sehr. — Hast du denn absolut nicht den Wunsch gehabt sie kennen zu lernen? — Er schüttelte den Kopf. — Manchmal verstehe ich dich nicht! — Ich dich auch nicht! antwortete er, und sah sie nicht an dabei. — Er ist schwerer zu lenken als ich glaubte; dachte sie, man muß Geduld mit ihm haben und nicht zuviel auf einmal wollen. Ich rede immer viel zu viel von allem, anstatt ihn ohne Worte zu lenken.
Es war ihr ein Bedürfnis von Zeit zu Zeit von ihm bestätigt zu hören, wie sehr er sich innerlich umgewandelt fühlte. Es erfüllte sie mit Stolz, daß sie es vermocht hatte diesen schwankenden Menschen aufzurichten und ihm das Gefühl seiner Kraft zurückzugeben. Dies Bewußtsein bildete einen Teil ihrer Liebe, die dadurch wieder etwas Kameradschaftliches bekam; überall war sie die selbstverständlich Leitende, und er war so gewohnt ihr zu folgen, daß es doppelt auffällig war, wenn er einmal den eigenen Willen durchsetzte.
Jeden Morgen — ob es nun gutes oder schlechtes Wetter war — holte sie ihn in der Frühe zum Spazierengehen ab; er war immer schon längst fertig und bereit, ehe sie ankam; das frühe Aufstehen tat ihm gut, er wunderte sich, einen wie großen Teil seines Lebens er früher verschlafen hatte. Nach einer Stunde trennten sie sich dann; sie ging an ihre Arbeit, er an die seine. Sie machte ihm nicht gerade Freude, war ihm aber auch nicht unangenehm. Sein Gedächtnis, das in den letzten Zeiten etwas nachzulassen drohte, war frisch wie in seinen frühesten Jahren.
Manchmal überraschte er sich selbst, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß und in eine Ecke starrte. Er lächelte; — wie doch alte Gewohnheiten in einem festsitzen! dachte er; wenn ich jetzt nicht zufrieden und glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! —
Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Pläne für ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer früher gemalten Bilder. Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzählte wo sie dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, daß ihn dies nicht sonderlich interessierte, obgleich er sich Mühe gab ihren Erinnerungen zu folgen und selbst etwas von ihren Gefühlen zu empfinden. — Du hast recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu tun und es wäre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefühlen etwas anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafür bin ich auch kein Mann.
Höre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul; gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen, und heute ebenfalls; weißt du, das geht nicht; wenn du das öfter tust, mußt du mich künftig abholen! Du mußt dich an eine ganz regelmäßige Tageseinteilung gewöhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. — Am nächsten Morgen war sie überrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. — Sie lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah: so war es nicht gemeint von mir, außerdem ist es für dich doch ein Umweg! — Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmäßigkeit zurückzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf den Morgen. Doch kam es immer häufiger vor, daß er dann am Morgen mit dem Gefühl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen treffen wollten, aber er wußte, daß sie ihm dann Energielosigkeit vorwerfen würde. Fast mißmutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber wenn er dann dieses Mädchen vor sich sah, das, unbekümmert um Wind und Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann das Gefühl überkam: Sie gehört mir und niemand anders — und wenn er ihre kräftige Hand fühlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann vergaß er das Gefühl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein müsse, daß dieses vollendete Geschöpf sein eigen sei. Und doch — wenn sie dann zusammen durch die Felder gingen, wünschte er sie manchmal fort. Mitunter fühlte er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich dies Gefühl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst verbreitend. — Laß mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege stehen bleibend, ich weiß nicht was es ist — aber ich muß allein sein, jetzt! — Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurück und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fühle ich noch viel mehr Angst. —
Ähnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhüllter, freier. — Wir sehen uns doch morgen wieder! du mußt doch jetzt schlafen! — Sie sah ihn ganz verständnislos, mit großen Augen an: Gerade jetzt, jetzt wollte er gehen, wo alles in ihr drängte, noch länger mit ihm zusammen zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden? — Er zögerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.
Ich weiß es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend, zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefühl, du seist mir in Wirklichkeit ganz fern. — Er widersprach alsdann mit großer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie sprachen nur das aus, was er selber fühlte und nicht fühlen wollte.
Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr herging, wir sehen uns zu oft, wir dürfen unser Gefühl nicht abstumpfen. — Das verstand sie nicht: Mein Gefühl wird nicht abgestumpft; und wie denkst du es dir denn wenn wir später einmal vielleicht wirklich dauernd zusammen leben? — Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und allmählich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drängte. — Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wußte er nicht mehr; er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich stärker und immer stärker und ließ sich nicht mehr bezwingen; was er seit geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer quälenderer Deutlichkeit: daß sein Glück den Höhepunkt überschritten hatte, daß es mit langsamem Schritte abwärts ging. Die erste große Zeit, wo alles unfaßlich, neu, als reiches Geschenk über ihn gekommen war, diese erste Zeit war längst vorüber, das Größte war ihm zur Gewohnheit geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine Täuschung gewesen, als wäre er im Grunde stets allein geblieben. Aber nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann wieder allein sein würde?
Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trüge.
Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm gegenübersaß und in eine Ecke starrte. — Er sah sie an wie ein hilfloses Tier.
Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. — Liebst du mich nicht mehr? fragte sie einmal. — Er antwortete nicht. — Weißt du es selber nicht? — Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. — Was ist es dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrückt? — Ich glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal hinstellst, dort oben, in deinem Lande — das Haus — deine Familie — wir selbst, auf immer verbunden — — Es überlief sie kühl. Vor all dem hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. — Ja, sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du weißt doch wie ich bin, es ist alles so schnell über mich gekommen, ich kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ändern, du hast soviel Geduld mit mir gehabt und mußt sie weiter haben, du weißt doch selbst am besten, wie sehr du mich schon geändert hast, das hätte außer dir niemand, niemand vermocht! — Sie trat dicht zu ihm heran, und wie er ihre Arme fühlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.
Aber am nächsten Tage war es wieder da. — Wenn ich jetzt nicht glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! Dieses Wort, das er sich schon früher vorgesagt hatte, verlor seine suggestive Kraft, es kam ihm phrasenhaft und hohl vor. Er ging wie in einem bösen Traum umher. — Bin ich denn verrückt geworden, sprach er zu sich selbst, wie und wann ist denn dies alles gekommen? Liebe ich sie denn wirklich nicht mehr? Aber sogar diese Selbstgespräche verloren an unbewußter Ehrlichkeit, er hörte sich wie einen andern, er wußte kaum selber mehr, was echt, was unecht an ihm war. — Mehr und mehr ahnte Herta die Wirklichkeit. Es begann eine Zeit der Kämpfe für sie, der ewigen Selbstverleugnung, der Überwindung und der angespanntesten Geduld. Noch immer glaubte sie, alles könne vorübergehend sein. Manchmal empfand sie es selber, daß es besser sei, sie sähen sich nicht so oft, und sie hielt ihn ein paar Tage fern. Wenn sie dann wieder zusammen kamen, war sie doppelt liebevoll, während für ihn die Ferne eine andere Wirkung hatte: Sie näherte sein Gefühl nicht, sie entfernte es nur mehr. Ihr Stolz begann allmählich zu leiden. Sie begann zu fühlen, daß auch dieses Erlebnis zu einem Ende führen würde, nicht durch sie, sondern durch Pitt selber, und dies gab ihr ihre Kraft zurück. Mehr und mehr lehnte sich ihr eigenes Wesen gegen das seine auf, das ihr im Grunde so sehr fremd war. — Ich weiß es, sagte sie, daß du mich nicht mehr liebst; du bestreitest es, du sagst, dein Gefühl für mich sei so wie sonst, und du habest nur Angst vor der Zeit, wo wir vielleicht einmal verbunden sein würden. Ich will nicht sagen, daß ich mit einem Menschen, den ich liebe, nur dann zusammen leben kann, wenn ich später dauernd mit ihm verbunden werde; du weißt aus meinem früheren Leben, daß ich nicht so denke: Aber mit jemand zusammen leben, der in einem späteren Zusammenleben nur etwas Schreckliches, Entsetzliches erblickt, dem alles andere das nicht aufwiegen könnte, was es an äußeren Unannehmlichkeiten im Leben gibt — denn um die handelt es sich nur — das kann ich nicht! Von einem solchen Menschen weiß ich: Seine Liebe ist nicht so wie sie für mich nötig ist! — Es ist nur dieses Eine! rief er; diese Furcht vor der Zukunft! Du nennst das äußere Unannehmlichkeiten — für mich sind sie untrennbar vom Leben überhaupt!
Sie glaubte ihm noch halb, da sie die Sehnsucht hatte ihm zu glauben. Seine entsetzliche, plötzlich wie wahnsinnig ausbrechende Angst vor einem späteren, gebundenen, bürgerlichen Leben, nachdem er eine große Zeit lang alles überwunden zu haben schien durch ihre Liebe — war dies nicht vielleicht wirklich, wie er selber sagte, nur wie das letzte Aufzucken eines Lichtes, das erstickt schien, das heimlich weiter schwelte und qualmte, das nun am Verenden war und für einen Augenblick noch aufflammte? Konnte nicht doch alles noch gut werden?
Sie lebten noch eine Zeitlang miteinander fort, scheinbar in der alten Selbstverständlichkeit, aber er verlor mehr und mehr von seiner Natürlichkeit, er wurde gekünstelt, sein Bild wurde ihr zur Karikatur. Und mehr und mehr drängte ihre gesunde Natur, sich zu befreien von diesem Gewicht, das immer schwerer auf ihr lastete. Eines Tages faßte sie den Entschluß, den sie seit langem erwogen hatte, der der einzige Ausweg aus diesem Irrsal war: Alles mit einem Hiebe durchzuschlagen.
Er beschwor sie, flehte, sie blieb fest. Er warf ihr vor, sie liebe ihn nicht mehr. — Im Gegenteil! rief sie: da ich dich so sehr liebe, muß ich allem ein Ende machen; ich will nicht, daß etwas, das mir hoch steht, herabgezogen wird, bis es schließlich triviale Gewohnheit wird, die man bestehen läßt, weil sie einmal bestanden hat; auf diese Weise führen viele Verhältnisse unter den Menschen endlich zu einer Ehe; von der reden wir schon lange nicht mehr, aber so wie alles ist, bin ich mir auch zu gut, überhaupt ein solches Leben weiter zu führen, wie wir es tun. — In ihm begannen die festen Gedanken sich aufzulösen; das ganze Zimmer, jedes einzelne Möbel schien sich plötzlich zu einer unerhörten Bedeutung vorzudrängen; er sah mit einem Male, daß hier ein Bild etwas schief hing, daß dort die Kante am Sekretär ein ganz wenig abgestoßen war, daß jener Stuhl nicht ganz so schön mehr wäre, wenn seine Lehne sich nicht eben in diesem ganz besonderen Winkel an den Sitz anfügte — und doch dachte er nur an seine Angst, an sich und Herta. — Ich liebe dich, wie ich nur überhaupt einen Menschen lieben kann, rief er, und blitzschnell schoß der Gedanke dazwischen: die vielen i’s im Anfang meines Satzes! Ich werde verrückt, was um Gottes willen ist dies! An Gott glaube ich nicht einmal. — Wie du nur überhaupt einen Menschen lieben kannst, das ist wohl leider wahr! rief Herta, und seine Augen richteten sich nun auf sie, indem er ihre Gestalt für einen Augenblick fast wie einen Maßstab der ganzen Höhe des Raumes ansah, obgleich er verzweifelt auf sie blickte. — Alles Glück, fuhr sie fort, ist dir nur eine Selbsttäuschung, du bist überhaupt unfähig einen Menschen zu lieben. Ich bereue nicht mit dir zusammengelebt zu haben, aber das weiß ich: Die Erinnerungen, so warm sie sind, werden niemals Macht über mich bekommen, ich bin zu kräftig, als daß ich nicht alles überwinden könnte. Ich habe Mitleid mit dir, soviel ein Mensch nur haben kann für einen andern, aber ich muß weiter; ich kann nicht bei dir bleiben, es ist unmöglich. Ob ich jemals einen andern heirate weiß ich nicht, aber das ist gewiß: Du bist nicht der letzte Mensch, der in mein Leben eingetreten ist, ich habe einen zu festen Willen zum Leben.
Alles an ihr atmete Kraft und Schönheit wie sie so sprach. Er war vollkommen in die Gegenwart des Augenblicks zurückgekehrt; ein Schmerzgefühl durchriß ihn, und fast mit Wollust empfand er seinen Schmerz: ich bin nicht empfindungslos, dachte er, o Gott, wie könnte ich sonst so empfinden! Und er stürzte an ihre Brust, in aller Angst vor der Leere, die von neuem vor ihm lag. Er fühlte ihre Arme, aber sie umschlossen ihn nicht mit der alten Kraft. — Ich kann nicht von dir fort, rief er heftig, du mußt bei mir bleiben, du wirst sehen, daß du dich in mir getäuscht hast, ich bin anders als du denkst, ich schwöre dir, daß ich anders bin, nur laß mir Zeit, dies ist ja ein Wahnsinn! —
Er preßte seine Wange an ihren Kopf und starrte über ihre Schulter hinweg ins Leere, begegnete aber seinen eigenen Augen, die ihn aus einem gegenüberhängenden Spiegel ansahen. — Herta schwieg und er ward beruhigter. — Fasse wenigstens nicht jetzt einen Entschluß, fuhr er fort, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen, nicht jetzt, wo du dir selbst nicht klar bist über alles, — und mitten zwischen die Worte, die er sprach, schob sich der Gedanke: Sie ahnt nicht, daß ich ihre Gestalt von hinten sehe. — Warte wenigstens einen Tag, zwei, drei Tage. Laß mich diese drei Tage dich nicht sehen, und dann laß mich wiederkommen, und was du dann beschlossen hast, dem werde ich mich fügen, ohne Widerspruch. — Die Lippen des Spiegelbildes schlossen sich: während der Zeit war es Pitt so gewesen, als wenn der da drüben redete und nicht er selbst, obgleich er wußte, daß er sprach. Jetzt kehrte er den Blick hinweg, sah Herta in die Augen und — als erwache er aus einem dumpfen Traum, packte ihn mit einemmal die helle Angst, er umklammerte sie und brach in Tränen aus. Er fühlte ihren Körper und wußte plötzlich mit schrecklicher Deutlichkeit: Dies ist ein wirkliches Stück Leben, das sich von mir losreißen will, das einzige lebendige, das ich besitze. — Sie strich über sein Haar hin. Du hast recht! sagte sie, vielleicht sehe ich dann alles anders. — Aber sie dachte: Es ist doch alles vorbei. Fühlte er wirklich stark zu mir, er würde mich nicht bitten, er würde mich zwingen. In drei Tagen werde ich ihm dasselbe sagen müssen wie heute. Er löste sich aus ihren Armen, sie reichte ihm die Hand und geleitete ihn so zur Tür. Sie sahen sich lange in die Augen, als wollten sie sich in die Seelen sehen, und beide empfanden für einen Augenblick den Schauer offener und doch verschlossener Welten. — Wie mit einem Entschluß schlang sie heftig die Arme um ihn, und er fühlte ihre Lippen auf den seinen.
Sowie er draußen auf der Straße war, löste sich die Spannung in ihm. Es war ihm wie nach einer langen Krankheit, die die Krise überstanden hat. Die augenblickliche Gefahr schien vorüber, und, wie es bei solchen Krisen zuweilen geht, daß der Patient, noch eben Abschied nehmend von einem Leben, das ihm, nun er es verlieren soll, als das kostbarste Kleinod erscheint, dieses selbe Leben, wenn es ihm zurückgeschenkt ist, als etwas Selbstverständliches hinnimmt — — so richteten sich Pitts Gedanken schnell wieder auf die ihm gewohnte Wirklichkeit. Daß Herta nach drei Tagen noch bei ihrem Entschluß verharren würde, glaubte er nicht. Und er selber: Er würde sich Mühe geben, daß sie mit ihm zufrieden war. Sie würden miteinander sprechen, er würde ihr sagen, daß es wirklich für sie beide besser wäre, wenn sie sich nicht so sehr oft sähen — denn schon wieder regte sich in ihm ein kleines Unbehagen bei dem Gedanken, daß sie vielleicht wieder tagtäglich beieinander wären — und damit war dann alles Schlimme beseitigt. — Aber trotz aller beruhigender Gefühle empfand er eine Leere, und dann dachte er: Was ist eigentlich geändert gegen früher?
Der nächste Tag verging, der übernächste auch, der dritte begann. Hatte Herta seinen Vorschlag ganz wörtlich aufgefaßt? Mehr und mehr hatte sich diese letzten Tage eine tiefe Niedergeschlagenheit seiner bemächtigt. — Es ist nur das Wetter schuld, — dieser ewige Nebel! dachte er, obgleich er Nebelwetter mehr liebte als jedes andere. —
Am Abend ging er hin zu ihr, im rötlichen Dämmer der Laternen, deren Lichter wie flimmernde trübe Kugeln im Grau zu schweben schienen.
Wenn sie nun auf ihrem Entschluß bestände?
Eine alte Frau öffnete auf sein Läuten. Mit schlürfendem Schritt ging sie ins Zimmer und kam mit einem Brief zurück, den das gnädige Fräulein für ihn hinterlassen habe. Wo ist sie denn? Kann ich sie denn nicht selber sprechen? fragte Pitt schnell und hastig. — Verreist! antwortete die alte Frau, und da sie nichts hinzuzufügen hatte, zog sie sich wieder zurück und schloß die Tür.
Es war ihm, als habe er mit flacher, harter Hand einen Stoß vor die Stirne bekommen; noch auf der Treppe, unter einer Lampe, las er den Brief; er las ihn zweimal, dreimal. Er empfand keinen Schmerz, keine Trauer, aber ein dumpfes, stumpfes, gespenstisches Gefühl war in ihm. Wie ein Traumwandelnder trat er endlich auf die Straße. Er sah nicht, welchen Weg er ging, er setzte Schritt vor Schritt, ohne Aufhören, als sei das Gehen das einzige in der Welt was er noch tun konnte. Die matten Laternen blieben allmählich hinter ihm, dann befand er sich in einem endlosen stummen Grau. Endlich stieß er mit dem Fuß gegen etwas Festes, gegen eine Bank, auf die setzte er sich, und blieb dort sitzen, den Blick ins Nichts geheftet. —