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Pipin

II. Teil. Der Auserwählte.

Reading edition

Illustration from Pipin: Ein Sommererlebnis

Hier entstand eine Lücke in diesen Aufzeichnungen. Mein Mann holte mich zu einer kleinen Reise ab, und ich war ungefähr eine Woche abwesend.

Als ich zurückkam, fiel es mir auf, daß eine Art Entfremdung zwischen Pipin und Elmenreich eingetreten war. Nicht als ob Pipin weniger ehrfurchtsvoll jeden Wink Elmenreichs beobachtet hätte. Aber es war nicht mehr Elmenreich, dem er sich anschloß, wenn mittags die Tafel aufgehoben wurde, es war der Graf. Die herablassenden Blicke, mit denen Graf Hermosa sonst Pipins Annäherungen duldete, hatten sich in vertrauliche verwandelt; er ergriff beim Fortgehen Pipins Arm, und man konnte unschwer merken, daß er wichtige Angelegenheiten mit ihm verhandelte.

* * *

(Aus einem Briefe.)

11. August 1893.

... Der mich am freudigsten begrüßte, war Pipin. Er kündigte mir gleich an, daß eine Ueberraschung bevorstehe und fragte, ob ich ein paar Stunden Zeit für ihn habe.

Dann führte er mich einen Weg den Wald hinauf, abseits von den großen Heerstraßen des Promenandenpublikums.

Unterwegs teilte er mir mit, daß es dem Grafen gelungen sei, mit jenem »Fremdling«, der kurze Zeit vor deiner Ankunft hier durchgekommen war, Beziehungen anzuknüpfen. Damit habe der Graf einen tüchtigen Rekord über Doktor Kranich erzielt. Denn während Dr. Kranich sich begnügte, die Unerschrockenheit dieses außerordentlichen Menschen hervorzuheben, und es bloß bis zur Absicht brachte, sich ihm vorzustellen, sei der Graf ihm nachgereist, habe seine Bekanntschaft gemacht und ihn bewogen, sich für einige Zeit hier niederzulassen –

Einen Rekord über Dr. Kranich? Es sei mir gar nicht bekannt gewesen, daß der Graf solche Ambitionen gegenüber Dr. Kranich hege –

Dr. Kranich habe doch einmal von sich gesagt, er sei champion of the world in allen Fragen der höheren Geisteskultur – müsse man das nicht als eine direkte Herausforderung für Elmenreich und den Grafen betrachten, die beide sicherlich den gleichen Anspruch auf diese Weltmeisterschaft hätten –?

Im Grunde seines Herzens natürlich finde der Graf diesen beständigen Wettbewerb unwürdig und beschwerlich; deshalb habe die Erscheinung des Fremden ihm den Plan eingegeben, diesen Mann als den wahrhaft Ueberlegenen, als »geistige Potenz hors concours«, der sich alle freudig unterordnen könnten, hierherzubringen und in unserer Mitte festzuhalten.

Vorerst aber mußte für den Fremden eine entsprechende Unterkunft geschaffen werden. Ihm ein Hotelzimmer anzubieten, wo über ihm, unter ihm, neben ihm lärmende Gäste mit Husten, Spucken, Schnarchen, mit Geplapper und Gepolter ihr Wesen trieben, das lehnte der Graf auf das Entschiedenste ab. Und alle Wohnungen, jede Kammer, jede Dachluke jetzt in der haute saison von Kurgästen und Sommerfrischlern besetzt!

Wer anders konnte da Rat schaffen, wenn nicht Pipin? Und Pipin rannte drei Tage lang von früh bis Abend die ganze Gegend ab; dann glaubte er seine Aufgabe gelöst zu haben. Am Abhang des Tressensteines, ganz einsam auf einer Lichtung im Wald, liegt ein kleines Gehöft, inmitten von Scheune und Stallung ein Bauernhaus mit einem weißgetünchten Vordertrakt und vielfach geflicktem Schindeldach. Dort hatte Pipin den Gast eingemietet, in der guten Stube des Hauses, in der das Gastbett der Bäuerin steht.

Eine noch junge Frau, abgemagert bis auf die Knochen und von jener mißfarbigen Blässe, die durch den Sonnenbrand in ein schmutziges Gelb verwandelt worden ist, begegnete uns im Flur. Ihre eingefallenen Wangen röteten sich ein wenig, als sie Pipin, der vor mir eingetreten war, erblickte. Ich sah zwei glühende, in tiefen Höhlen liegende Augen erwartungsvoll von ihm zu mir gehen. Aber gleich darauf erlosch diese belebte Miene in einem Ausdruck der Enttäuschung. »I han gemoant, der gnä' Herr bringt 'n schon mit«, sagte sie mit tonloser Stimme.

Pipin lachte. »Ja ja, so sind die Frauen!« versetzte er scherzhaft. »Zuerst haben Sie ihn durchaus nicht bei sich aufnehmen wollen, und jetzt können Sie seine Ankunft nicht erwarten.«

Aber die Frau schien nicht geneigt, auf diesen Ton einzugehen. Sie verschwand wie ein Schatten, ohne eine Antwort zu geben.

»Ich habe ihr einiges über den Fremden erzählt und vielleicht ihre Neugierde dabei zu hoch gespannt«, sagte Pipin zur Erklärung, während wir über die schmale Holztreppe in das Zimmer hinaufstiegen. »Aber ich mußte sie doch vorbereiten, daß da nicht ein Stadtmensch von der landläufigen Art einziehen wird, sondern jemand Besonderer – so eine Art Einsiedler in härenem Gewand, hab' ich ihr gesagt, der halt auf seine eigene Façon selig werden will. Mir scheint gar, sie stellt sich jetzt einen wirklichen Einsiedler und Heiligen vor, der mit Händeauflegen die Krankheiten vertreiben kann. Armes Weib! Da fehlt's wohl auch irgendwo gewaltig! Sie hat alle ihre Kinder und zuletzt ihren Mann kurz hintereinander verloren – und jetzt ist sie selber krank, wenn nicht gar übergeschnappt. Und da glauben wir immer, die Bauern, das sind noch die gesunden und natürlichen Menschen!«

Das Aussehen des Zimmers scheint allerdings seine Worte zu bestätigen. Ringsherum an den Wänden, über dem hochgetürmten Bett, das bis zur halben Höhe des Zimmers hinaufsteigt, über dem harten, mit schwarzer Wachsleinwand überzogenen und mit weißen Porzellannägeln beschlagenen Sofa, bis in die hinterste Ecke, die ein großer grüner Kachelofen einnimmt, hängen zahllose Heiligenbilder, billige Farbendrucke in grüngelben Tönen, darstellend schönfrisierte Heilandsgesichter mit Dornenkronen, von welchen das Blut in dicken Tropfen herabrinnt, Mariengestalten, denen sieben Schwerter in die blaudrapierte Brust gestoßen sind, herausgeputzte Heilige, die ihre Marterwerkzeuge als Trophäen in den Händen halten – eine Galerie des Leidens, die durch den Kontrast zwischen dem Gegenstand und der fabriksmäßig gleichgültigen Darstellung ganz unerträglich wird. Ein Glasschrank ist mit Wachsstöcken angefüllt, mit Rosenkränzen, mit Wallfahrtsmedaillen, mit Weihbrunnkesseln aus Blech oder Porzellan, mit quecksilberbelegten Glasleuchtern, in denen bunte Wachskerzen stecken; obenauf unter einem Glassturz steht ein Kruzifix, auf dem ein vergilbtes wächsernes Brautkränzlein hängt, daneben in einer blaugläsernen Vase ein Bouquet graurötlicher Blumen aus geknetetem Brot.

Und in der halben Dämmerung, die von den schwärzlichen Balken der Decke auf die grauviolett schablonierten Wände herabzufließen scheint, glimmen alle diese Dinge mit fahlen Glanzlichtern und verleihen dem Raum etwas Unheimliches. Eine unbefriedigte und gewaltsame Frömmigkeit redet hier, die Not einer gepeinigten Seele, die sich nicht genug thun kann in Opfern und Gebeten vor der zürnenden, unerbittlichen Macht auf dem Throne der Welt.

»Gerade komfortabel ist das Zimmer nicht«, sagte Pipin entschuldigend; »aber meinen Sie nicht auch, gnädige Frau, daß man es einem so ungewöhnlichen Menschen eher anbieten kann als ein Hotelzimmer?« ...

* * *

(Aus einem Briefe.)

12. August 1893.

... Auf dem Rückweg fragte ich gestern Pipin, was denn zwischen ihm und Elmenreich vorgegangen sei. Da schüttete er sein ganzes Herz vor mir aus.

Daß sich Eugenie für Elmenreich auf das Lebhafteste interessierte, war doch niemandem ein Geheimnis, und gewiß diesem selbst am wenigsten. Trotzdem trieb er nur ein zweideutiges Spiel mit ihr; sobald sie ihm entgegenkam, kehrte er seine abstoßendste Seite heraus, sobald sie verstimmt war und sich zurückzog, suchte er sie wieder auf, wollte sie versöhnen und benahm sich so, daß er sie geradezu kompromittierte, falls er nicht die Absicht hatte, Ernst zu machen. Und diese Absicht hatte er nicht, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Oder hatte er sie dennoch? Dachte er in Wahrheit nicht vielleicht trotz allem anders als er vorgab? Was bleibe aber übrig, als sich an seine Worte zu halten, wenn man über ihn gefragt werde?

Und Pipin war gefragt worden. Pipin war ausgezeichnet worden, Pipin war zum dienenden Knappen avanciert, mit der Möglichkeit, dereinst zum Ritter geschlagen zu werden.

Und schon war er seiner Dame mit Leib und Leben unterthan, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie fortan das regierende Prinzip seines Lebens sein wird.

Eugenie hatte ihn zu ihrem Vertrauten gemacht. Wenige Tage nach unserer Abreise geschah es, daß Pipin sie allein im Garten traf. Sie war in tiefe Melancholie versunken; Pipin glaubte Spuren von Thränen in ihren Augen zu bemerken. Da wagte er es, ihr seine Dienste anzutragen. Und sie sah nicht mehr kühl und gelangweilt über ihn hinweg; sie hörte ihn mit einer gewissen Aufmerksamkeit an. Dann wurde sie zusehends heiterer und begann ein Gespräch über gleichgültige Dinge. Aber schon allein, daß sie ihn eines Gespräches würdigte, empfand er als eine Gunst, die sie ihm bisher noch nie erwiesen hatte. Das Gespräch lenkte sich sehr bald auf Elmenreich; halb scherzhaft, halb im Ernst behauptete sie, Elmenreich sei ein Weiberfeind ... Auf diesem Wege kam Pipin dahin, ihr die ganze Unterredung, die er mit Elmenreich über die Ehe gehabt hatte, mitzuteilen.

Seither glaubte Pipin in ihrem Betragen gegen Elmenreich eine Veränderung zu bemerken; sie schien ihm auszuweichen, und wenn sie mit ihm zusammentraf, beachtete sie ihn geflissentlich nicht.

Pipin war in großer Unruhe und Bedrängnis über die wahre Veranlassung dieser Wandlung. Hatte er selbst sie mit seiner Mitteilung bewirkt? Oder war schon vorher etwas zwischen Elmenreich und Eugenie vorgefallen? Die bloße Möglichkeit, daß er da eine Ungeschicklichkeit begangen habe, daß er Ursache an einer für Elmenreich ungünstigen oder unerwünschten Wendung sein könnte, machte ihn fassungslos. Er rang die Hände.

»Nein, ich könnte mir das nie verzeihen! Daß ich daran Schuld sein sollte, ich, der ich so sehnlich gewünscht hätte, ihm einen Dienst zu erweisen, etwas zu thun, was seine Gemütsstimmung verbessern könnte! Natürlich bin ich gleich, als ich anfing, etwas zu merken, zu Elmenreich gegangen, um ihm alles zu sagen. Aber Sie wissen ja, wie schwer es ist, mit ihm zu reden. ›Eine Veränderung in Eugeniens Benehmen? Ist mir nicht aufgefallen;‹ sagte er vollkommen kühl; und dann gab er mir den Rat, mir nicht anderer Leute Angelegenheiten zu Herzen zu nehmen. Nun bitte ich Sie! Ihm sollte keine Veränderung aufgefallen sein, wenn sogar ich diese Veränderung bemerkt habe? Es war klar, er wollte ausweichen; aber ich ließ mich nicht irre machen, ich bestand darauf, daß ihm diese Veränderung nicht entgangen sein könnte, und daß ich alle Ursache hätte, zu fürchten, ich selber sei daran schuld, weil ich nämlich – also wegen des Gespräches über die Ehe. Da lachte er – es war aber kein ungezwungenes Lachen, das können Sie mir glauben – schlug mich mit der Hand auf die Schulter und sagte: ›Pipin, das war das Gescheidteste, was Sie machen konnten. Ich bin sehr zufrieden darüber.‹ Nun, ich will augenblicklich tot niederfallen, wenn das nicht ganz gegen seine wirklichen Empfindungen gesprochen war! Aber was soll ich thun? Kann ein Mensch wie ich Elmenreich durchschauen, wenn er sich nicht durchschauen lassen will? Ich habe ihn angefleht, mir die Wahrheit zu sagen – aber er bleibt dabei, daß ich ihm nur einen Dienst erwiesen habe, für den er mir dankbar sei. Und doch, und doch! Ich werde den Gedanken nicht los, daß es in seinem Innern ganz anders aussieht, als er merken lassen will ...«

* * *

Der Graf legt seine Serviette weg und tritt nicht ohne Feierlichkeit vor mich hin.

»Ich hege die Hoffnung, daß sich etwas wahrhaft Außerordentliches begeben wird. Ich richte die Bitte an Sie, gnädige Frau, daran teilzunehmen. Ich gebe mir die Ehre, Sie einzuladen, übermorgen auf den Berg Alvernia zu kommen« (lächelnd) – »ich sage Alvernia, weil der Tressenstein nunmehr würdig ist, genannt zu werden mit einem erleseneren berühmteren Namen. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich das Werkzeug sein könnte, einen ungewöhnlichen Kreis zu versammeln um einen ungewöhnlichen Mann –«

Seine brennenden Augen heften sich auf Elmenreich und mit einer plötzlichen Bewegung faßt er heftig dessen Arm, als wollte er ihn nötigen, auf der Stelle mitzukommen.

Elmenreich weicht einen Schritt zurück.

»Sie lehnen ab?« murmelt der Graf tonlos.

Elmenreich versetzte kalt: »Ihre Einladung war nicht an mich gerichtet. Und Sie wissen ja, Graf, ich bin ein zu gewöhnlicher Mensch für alle ungewöhnlichen Vorgänge –«

Der Graf erhebt seine Hände. Seine Hände haben eine merkwürdige Ausdrucksfähigkeit – etwas überredendes, schmeichelndes, liebkosendes.

»Oh! wenn Sie so sprechen! Damit haben Sie Ihre Zusage gegeben –«

»Meine Zusage wozu? Ich müßte doch vorher genauer wissen, was geschehen soll –«

»Sie werden kommen, Sie werden hören, Sie werden urteilen. Sie lieben es nicht, über Dinge zu urteilen, die Sie nicht haben selbst gesehen. Sie können nicht ablehnen, bevor Sie gehört und gesehen haben.«

Der Graf nähert sich ihm wieder um einen Schritt, und Elmenreich weicht wieder einen Schritt zurück.

»Gut also. Ich habe zwar schon gesehen, aber ich will auch noch hören. Sie sollen mir nicht nachsagen, daß ich voreingenommen bin.«

Der Graf greift mit beiden Händen nach Elmenreichs Hand.

»Ich danke Ihnen! Ich bin glücklich über Ihre Güte. Tonuelo, ich habe nie aufgehört, zu hoffen –«

Elmenreich schüttelt die Hände des Grafen ab, wie man ein Insekt abschüttelt, ungeduldig, mit Widerwillen.

»Ich heiße Anton«, sagt er, rot vor Zorn und in einem gereizten Ton, der in gar keinem Verhältnis zu dem geringfügigen Anlaß steht. »Lassen Sie mir meinen rechtschaffenen, gewöhnlichen Namen; ich wohne nicht auf dem Berg Alvernia.«

Er dreht ihm schroff den Rücken. Stumm verbeugt sich der Graf; seine Gestalt fällt in sich zusammen wie zerbrochen.

Diese Pedanterie mit dem Namen erschien mir kleinlich; und etwas wie Auflehnung wider Elmenreichs Hochmut verleitete mich, als der Graf sich mit Pipin entfernt hatte, eine Bemerkung über das Peinliche dieses Auftrittes zu machen.

»Wie?« antwortete Elmenreich mit einigem Erstaunen; »Sie finden meine Art und Weise peinlich? Und die Art und Weise des Grafen, die ist Ihnen nicht peinlich?«

»Der Graf benimmt sich wie ein Mensch, der Versöhnung sucht – dabei ist nichts Peinliches, das ist eher rührend. Sie aber demütigen ihn vor anderen – und das ist es, was ich peinlich finde.«

»Und sonst fällt Ihnen in der That nichts auf?«

»Es fällt mir auf, daß er voll Wärme und Liebe für Sie ist, daß er zu leiden scheint, während Sie ihm nur Gleichgültigkeit und Abneigung bezeigen.«

»Nun, und glauben Sie nicht, daß wir da beide unsere Gründe haben, er für seine Wärme und Liebe, ich für meine Gleichgültigkeit und Abneigung –?«

* * *

Im Hausflur wartete Pipin und nötigte mich in sein Zimmer. Dort stand der Tisch mit großen Körben beladen. Er öffnete sie der Reihe nach und wühlte behutsam in der Holzwolle, mit der sie gefüllt waren.

»Ich muß Ihnen doch meine Schätze zeigen« – er hielt eine ungeheure Traube in die Höhe –. »Pompös, was? Da erinnert man sich doch an die biblische Geschichte, wo die Kundschafter aus dem gelobten Land mit der großen Weintraube zurückkommen. Und diese Birnen! Und gar diese Pfirsiche! Muß das eine Freude sein, wenn so ein Prachtexemplar reif wird! Dieser Duft! Diese Farben! Dieser Sammet! Ein wahrer Triumph der Kultur! Und was für ein lieber Gedanke ist es, daß die Natur solche Herrlichkeiten hervorbringt, wenn man sie mit Verstand und Liebe behandelt!«

Er packte aus, räumte ein, packte wieder aus und freute sich wie ein Kind.

Dieses Obst ist für das »Fest des ersten Versuches« bestimmt, zu dem uns der Graf eingeladen hat. Der Meister werde eine Predigt halten, so vertraute mir Pipin an; und der Graf sei voll großer Hoffnungen und Pläne, die aber vorläufig noch tiefstes Geheimnis bleiben sollten. Da aber das Ganze in der Form einer Landpartie vor sich gehen werde, mußte man auch an die Bewirtung denken. Der Graf habe es für unschicklich erklärt, in Gegenwart des Meisters Schinken oder sonst irgend einen »Leichnam« zu verzehren; deshalb ließ Pipin aus Görz diese Früchte kommen, die auch der Meister trotz seiner strengen Lebensweise vielleicht nicht verschmähe. Schon beginne sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem »Einsiedler vom Berge Alvernia« zuzuwenden; auf ihren lebhaften Wunsch hin werde auch Fräulein Eugenie mit von der Partie sein – ein Zugeständnis, das Pipin erst nach eindringlichen Bitten von Graf Hermosa erwirkte. Denn der Graf sei bekanntlich ein Sonderling in diesem Punkte; er liebe die Frauen nicht, und je jünger und schöner sie sind, desto weniger. Das heißt: Nicht, als ob er nicht alle Hochachtung vor ihnen hätte; aber zusammen wolle er nicht mit ihnen sein, namentlich nicht mit unverheirateten. Ja, ja, ein merkwürdiger Mensch, Graf Hermosa, nicht ohne Schrullen und Launen, zugegeben, aber groß, kühn, hinreißend. Was für eine Phantasie! Was für eine Leidenschaft! Die Welt, mit seinen Augen angesehen, erscheint wie in bengalischer Beleuchtung. Wenn man ihm zuhört, wird man geneigt, an alle unerhörten Ereignisse zu glauben, an Wunder und große Geheimnisse, denen wir gefühllos und blind gegenüberstehen, während sie sich vor uns abspielen. Kein Zweifel, der Graf wisse mehr von den verborgenen Dingen, als dem gewöhnlichen Verstand offenbar werde, der Graf sei ein Führer in unentdeckte Länder, in unsichtbare Gebiete des Lebens. Wundervolle Perspektiven gebe es dort, herrliche Aussichten, Hoffnungen, so berauschend, daß man nicht mehr begreift, wie man das alltägliche Leben mit seiner platten Nüchternheit ausgehalten hat –

»Sie machen mich ja ganz neugierig, Pipin! Was für Hoffnungen denn, was für Perspektiven? Können Sie mir nicht etwas Positiveres darüber verraten?«

»Positiveres? Offen gestanden, Positiveres weiß ich selber noch nichts. Ich bin erst auf dem Wege, »im ersten Vorhof«, wie der Graf sagt. Und das ist doch selbstverständlich, nicht wahr? Denn ich bin ein gewöhnlicher Mensch, der bis vor kurzem nichts von alledem geahnt hat. Aber vielleicht, mit redlichem Bemühen, werde ich einmal mehr davon wissen.«

»Also bis jetzt sind alle die Herrlichkeiten – Versprechungen?«

»Ja, Versprechungen, wundervolle Versprechungen! Sagen Sie selbst: ist es nicht Zeit? Muß nicht etwas geschehen? Sehen wir nicht alle ein, daß das Leben regeneriert werden muß? Fühlen wir nicht alle im Innersten eine Sehnsucht nach etwas Neuem? Nach einer anderen Form des Lebens? Glauben Sie nicht, daß Tausende und Tausende nur auf denjenigen warten, der ihnen den Weg zeigt? Ja, es muß etwas geschehen, das ist klar. Und es wird etwas geschehen, Sie werden schon sehen. Herrgott, wie ich mich freue, wie ich mich freue!«

Er rieb sich die Hände vor Vergnügen, hob seine Körbe vom Tisch auf den Boden, vom Boden auf die Stühle, von den Stühlen wieder auf den Tisch und sagte dabei nur immer: »So ein Glückskind wie ich! Bin ich ein Glückskind! Wie ich mich freue, nein, wie ich mich freue!«

Dann ergriff er mich bei der Hand und sah mich mit seinen hellblauen Augen beweglich an:

»Freuen Sie sich doch auch, gnädige Frau! Ich möchte so gerne jemanden haben, der sich mit mir freut, damit ich nicht allein bin mit diesem köstlichen Freudegefühl –«

»Aber Pipin, ich weiß wirklich nicht recht, worüber Sie sich so freuen, ich meine, aus welchem Grunde –?«

»Ach Gott, ich weiß es ja selber nicht! Ich bin nur so glücklich, so voll Freudigkeit – das Leben kommt mir so reich vor, so vielversprechend, so groß, so – so – ich habe so ein Gefühl der Dankbarkeit, daß ich da bin, daß ich lebe, daß mir so viel gegeben wird! So ein Gefühl der Zuversicht, als ob etwas Außerordentliches bevorstünde, etwas Großes und Wundervolles, daß alle Menschen einander die Hände drücken werden vor überströmender Glückseligkeit ...«

Illustration from Pipin: Ein Sommererlebnis

Unter der Buche neben dem grauen Stein. Alle Menschen sind weit weg; es giebt nur Bäume auf der Welt, unschuldige, schweigsame Bäume, die still auf ihrem Platze stehen und den Himmel betrachten. Von ihren Wurzeln herauf steigt ein feuchter Erdgeruch Er erweckt eine wundersame Stimmung, etwas wie Andacht vor der Fülle, vor der ewigen unerschöpflichen Fruchtbarkeit des Lebens. So innig beisammen Tod und Leben und so leidlos beide in dieser Welt!

Auf den frommen grünen Moosgrund niederzuknien und auszusprechen das Wort, das erst vernehmbar wird in dem großen Schweigen, wenn alle Geräusche des menschlichen Treibens verstummt sind!

Und die Einsamkeit des Waldes antwortet. In dem großen Schweigen spricht die Einsamkeit von dem, was unmitteilbar ist. Die Erde spricht; sie spricht von der ewigen unerschöpflichen Fülle des Lebens. Sie spricht: Fühle, fühle, mein Kind, ich habe dich, ich halte dich, ich trage dich durch die Ewigkeit!

*

Ein Geräusch. Bricht ein Hirsch durch den Wald? Es ist der schwarze Panther. Er geht über die Lichtung auf die Blockhütte zu. Das hohe Gras, das noch vom Morgentau glänzt, steht hinter ihm wieder auf; leicht, unhörbar, mit schwebenden Schritten geht er.

Bei der Blockhütte angekommen, reckt er seine schlanke Gestalt hoch auf, und beginnt unter dem Dache Heu herabzuholen, so lange, bis er im Schatten der Hütte ein aufgehäuftes Lager errichtet hat. Er wirft sich in übermütiger Lust darauf hin; dann erhebt er sich zur Hälfte und blickt sitzend rings herum. Sein Körper ist wie ohne Schwere; er gehorcht jeder Bewegung in einem Linienspiel voll Anmut und Kraft.

Plötzlich schnellt er empor, springt wieder auf die Füße. Hat er mich erblickt?

Jedenfalls thut er, als hätte er mich nicht gesehen. Er dreht sich um, steckt die Hände in die Hosentaschen und schleudert mit dem Fuße den Heuhaufen, den er eben aufgeschichtet hat, wieder auseinander. Zugleich intoniert er ein wunderliches, rauhes Geschrei:

»Hoiho, Hoiho, Hulli hulli hulli ho, hulli ho –«

Schreiend stellt er sich mitten auf die Lichtung in die Sonne.

Eine Zeit lang stieß er so in kurzen Absätzen dieses Gebrüll aus. Dann verschwand er in den Wald.

Wenige Minuten später hörte ich ihn hinter mir sagen:

»I beg your pardon, meine Gnädigste! Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß Sie hier meditieren, wäre ich früher nicht so lärmend gewesen. Sie belauschen hier das »Schweigen im Walde«, nicht wahr? Oder haben Sie für hier ein Rendezvous? Ein köstlicher Platz für solche Zwecke! Schade, daß Sie mir mit dieser Entdeckung zuvorgekommen sind! Jetzt haben Sie das Recht der Priorität.«

»Die Priorität zum Zwecke von Rendezvous kann ich Ihnen ohne Nachteil für mich abtreten.«

Er lächelte und setzte sich neben mich:

»Good gracious, giebt es denn hier nur die kleinste Möglichkeit einer bonne fortune? Eine einzige Erscheinung – aber da müßte ich mich mit Pipin und Elmenreich in ein Wettrennen einlassen. Und diese beiden sind doch zu wenig up to date, als daß das einen Zauber für mich haben könnte. So bleibt mir nichts übrig, als mir die Banalität dieses Aufenthaltes mit meinen Reiseerinnerungen zu vertreiben. Ich muß mir von Zeit zu Zeit vorstellen, daß ich nicht hier bin, um es hier auszuhalten. Eben früher war ich in Norwegen. Was ich Ihnen unfreiwillig zum Besten gab, war der Ruf der norwegischen Sennen, wenn eine Kuh sich verirrt hat. Echte Kehllaute, an Ort und Stelle studiert. Dieses Europa hat doch nur mehr Interesse an seinen Grenzgebieten; der Rest ist schauderhaft langweilig. Uniformierte Trivialität. Die Polizei als segensreiche Himmelstochter: überall Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Kulturdevise: è proibito di lordare ... Das neunzehnte Jahrhundert kommt mir vor wie ein langer Katzenjammer nach dem Rausch des achtzehnten. Oder wie die gewissen älteren Herren, die tugendhaft werden, nachdem sie sich ausgetobt haben; sie halten ihre Schwäche für Moral.«

Er stand wieder auf und ging mit einiger Nervosität hin und her.

»Wollen Sie nicht lieber einen Spaziergang machen?« fragte er etwas ungeduldig. »Da ich doch das Schweigen im Walde verscheucht habe, ist hier nichts mehr zu holen –«

»Sie vergessen mein Rendezvous, Dr. Kranich –«

»Das heißt, Sie wünschen von mir befreit zu sein, meine Gnädigste. Ja, es ist eine verdammte Sache um die unverhofften Zeugen bei Rendezvous. Die Menschen haben so ein naives Gefühl der Daseinsberechtigung; sie merken nie, wann sie überflüssig sind.«

Er warf aus seinen stechenden schwarzen Augen einen bösen Blick auf mich. Dann lachte er laut auf, mit seinem jauchzenden, triumphierenden Lachen.

»Ja, gnädige Frau, Sie wünschen mich in Ihrem gnädigen Herzen zum Teufel, und ich bleibe da und merke nichts. Wer wird nun eher das Feld räumen, Sie oder ich?«

»Dr. Kranich, ein unverhoffter Zeuge wird doch nichts sein, worüber ein »Herr des Lebens« sich nicht hinwegsetzen könnte?«

»Die lieben Frauen sind aber nie ›Herren des Lebens;‹ sie haben ewig andere Herren über sich. O bitte, das soll keine Lästerung sein: es ist ja eine sehr reizende Eigenschaft dieser teueren Wesen, daß sie so gerne abhängig sind. Ich möchte diese Eigenschaft an ihnen nicht missen. Nur giebt es Lebenslagen, in denen sie einem fatal wird – und die unverhofften Zeugen gehören zu diesen Lebenslagen, nicht wahr, meine Gnädigste?«

Unten aus dem Walde trat eine weiße Gestalt. Sie kam aus einer anderen Gegend, als Dr. Kranich gekommen war; aber sie nahm wie er quer über die Wiese die Richtung nach der Blockhütte zu, ohne zu zögern und ohne sich umzusehen.

»Hei, was für ein schönes Wild«, rief Dr. Kranich. »Es scheint ja, daß auf diesem lauschigen Plätzchen alle Rendezvous des Ortes abgehalten werden –«

Er trat rasch vor und stieß sein Geschrei von früher aus: »Hulli, hulli ho, hoiho –«

Die weiße Gestalt blieb stehen wie angewurzelt.

»Hierher, Fräulein Eugenie, hierher! Hier finden Sie eine erlesene Gesellschaft. Hulli ho, hulli ho!«

Die weiße Gestalt rührte sich nicht. Dr. Kranich sagte lächelnd zu mir: »Ich hoffe, Sie verraten nicht, daß das ein Warnungsruf für verirrte Kühe ist. Die norwegischen Kühe scheinen im allgemeinen intelligenter zu sein als die hiesigen.«

Da die weiße Gestalt immer noch unbeweglich stand, setzte er hinzu: »Hier muß man wohl deutlicher reden«, und lief ihr entgegen.

Sie standen einige Augenblicke in der Sonne beisammen, ehe sie herauf kamen.

Eugenie sah aus wie eine aus den Wolken gefallene Göttin. Reizend angezogen: ein Kleid aus weißer Battist-Stickerei, um die Taille ein breites, rotblumiges Seidenband, das rückwärts in langen Schleifen hinabfiel. Dazu ein hochroter Sonnenschirm.

In ihrer apathischen Weise sagte sie zu mir: »Was für ein Zufall! Ich wollte einmal ganz planlos durch den Wald streifen – und nun trifft man sich doch wieder!«

Dr. Kranich lächelte spöttisch. »I beg your pardon, Fräulein Eugenie, aber für einen solchen Streifzug sind Sie nicht ganz praktisch toilettiert! Gestehen Sie's doch lieber: Sie haben hier herum ein Rendezvous, bei dem Sie keine unverhofften Zeugen brauchen können. Die gnädige Frau und ich werden Ihnen das Feld räumen.«

Eugenie sah ihn mit ihren großen, etwas zu runden Augen sprachlos an. Sie war sehr rot – aber es konnte auch vom Reflex des roten Schirmes sein, den sie aufgespannt auf der Schulter liegen hatte.

* * *

Bei Tisch, nachdem der Graf sich mit Pipin entfernt hat.

Dr. Kranich: »Ich behaupte: Der Mann achtet im Grunde keine Frau, die er – parbleu, jetzt hätt' ich beinahe Ihre Anwesenheit vergessen, meine Gnädigste! Wenn ich mich also für Damenohren ausdrücken soll: Der Mann achtet im Grunde kein weibliches Wesen, in das er mit Erfolg verliebt ist.«

Elmenreich: »Eine feine Ansicht von der Liebe!«

Dr. Kranich: »Ansicht? Lieber Elmenreich, Sie scheinen den naiven Glauben der Mindergebildeten zu teilen, daß der höhere Mensch seine »Ansichten« wie Kleider trägt, die man an- und ausziehen kann –«

Elmenreich: »Na, zum Mindesten bemerke ich, daß er sie nach der Mode an- und auszieht.«

Dr. Kranich – »alle echten Ansichten aber sind Spiegelungen einer Seele. Schicksale, Elmenreich. Warum bemoralisieren Sie meine »Ansicht« von der Liebe? Hand aufs Herz, Elmenreich: geht es Ihnen denn besser?«

Elmenreich stößt einen unartikulierten Laut aus, ungefähr wie jemand, der eine Fliege von seiner Nase wegscheuchen will.

Dr. Kranich lächelt unmerklich, zieht seine Dose aus der Tasche und dreht sich mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Cigarette. Während er sie anzündet: »Zu Ihrer Zeit, Elmenreich, hat sich der höhere Mensch eben nur seine »schönen« Gefühle eingestanden; heute weiß er, daß er sich alles eingestehen kann, was in ihm ist, weil es in ihm ist. Basta cosi.«

Elmenreich, sehr gereizt: »Nein, lieber Arthur, zu meiner Zeit hat sich ein Mensch mit niedrigen Ansichten überhaupt nicht als »höherer« Mensch aufspielen können. Zu meiner Zeit hat man auch sein Glück bei den Frauen nicht mit solchen Ansichten gemacht. Ob man es heute macht, weiß ich nicht.«

Dr. Kranich lächelt etwas mehr, schnippt mit dem Finger ein klein wenig Asche von seiner Cigarette weg. Dann bläst er eine dicke Rauchwolke vor sich her und sagt ernst:

»Ja, Elmenreich, man macht es. Und dann hat man erst recht keine Ursache, zu achten. Aber wenn Sie wollen, kann ich mein Axiom auch affirmativ formulieren: Der Mann achtet im Grunde nur diejenigen Frauen, die ihm widerstehen. Die aber langweilen ihn.«

Illustration from Pipin: Ein Sommererlebnis

Das Fest des ersten Versuches.

Unterwegs.

Wir sind in einer geschlossenen Kolonne ausgerückt: vorne Elmenreich und Eugenie, dann Dr. Kranich und ich, hinter uns der Graf und Pipin, als Nachhut der Brunnhofer Seppl mit Pipins Körben und Plaids.

Elmenreich scheint einen seiner bewölkten Tage zu haben. Er spricht mit Eugenie von seinem Alter – immer ein Anfang zu unerfreulichen Stimmungen.

Ich ergreife die Gelegenheit, um Dr. Kranich einen Wink zu geben.

»Machen Sie doch ihm gegenüber keine anzüglichen Bemerkungen mehr über sein Alter, Dr. Kranich. Es kann Ihnen gewiß nicht entgangen sein, daß das ein wunder Punkt bei ihm ist!«

»Deshalb mache ich ja diese Bemerkungen, meine Gnädigste. Hätten sie sonst einen Zauber für mich?«

Und dann entwickelt er seine Anschauungen über den »Fall Elmenreich«.

»Ein verwundeter Ehrgeiz ist die Quelle seiner Bitterkeit. Aber nie würde er es seinem Ehrgeiz abgewinnen, das einzugestehen. Daß er nicht etwas Großes werden konnte, hat ihn gehindert, überhaupt etwas zu werden. Er ist ein chercheur, der nichts gefunden hat. So geht er herum wie alle ratés, räsonniert über die gähnende Leere des Daseins, über das Illusionäre der menschlichen Bestrebungen, und rechtfertigt sich selbst, indem er alles, Menschen, Dinge und Gedanken, »durchschaut« und ihre Nichtigkeit nachweist –«

»Er gehört zu den Menschen, die an sich selber leiden –«

»Das heißt, er ist so eine Art geistiger Flagellant. Er geißelt sich und verschafft sich dadurch die Wollust, sein ohnmächtiges Selbstbewußtsein in Zuckungen zu versetzen. Und er ist grausam wie alle Ohnmächtigen; er geißelt auch die anderen mit. Wenn er schon vor sich selber nichts gilt, so sollen auch die anderen nichts gelten. Das ist charakteristisch für die Menschen mit defektem Selbstbewußtsein: es fehlt ihnen das Organ, das die Wertschätzung anderer erst möglich macht. – Warum erweisen Sie mir die Gnade, mich anzulächeln?«

»Nun, Doktor Kranich, ich denke: Sie gehören nicht unter die Menschen mit defektem Selbstbewußtsein –«

»Beim Zeus, nein!«

»Aber das »Organ der Wertschätzung anderer« ist bei Ihnen doch verkümmert geblieben.«

Jauchzendes Gelächter.

Eine wunderliche Begleitung, dieses überschäumende Lachen, zu dem Gespräche, das Elmenreich indessen mit Eugenie – oder vielmehr mit sich allein – führt!

»Wozu unsere Geschäftigkeit, wozu alle die Pläne, Absichten, Entwürfe, Aufgaben, Ziele? Der ganze Lärm, den wir machen, dient er nicht bloß dazu, die eine furchtbare Frage in unserem Innern zu übertäuben, die Frage nach dem Warum des Lebens –? ...... Es könnte ja sein, daß wir alle zusammen wahnsinnig sind. Daß die ganze Menschheit bloß eine Schar von Verrückten ist, die ihren Wahnvorstellungen nachjagt. Sind nicht vielleicht die einzigen weisen und einsichtigen Menschen diejenigen, die hingehen und sich einen Strick um den Hals knüpfen oder eine Pistole vor den Kopf schießen, um diesem gräßlichen Narrenhaus endgiltig zu entrinnen?«

»Und wie er mit seinem Pessimismus Pfauenräder schlägt!« fuhr Dr. Kranich belustigt fort. »Das wird doch eine originelle Methode sein, den Hof zu machen!«

»Den Hof zu machen?«

»Vielleicht ist es übrigens keine ganz verfehlte Spekulation. Den lieben kleinen Mädchen imponieren, das ist die Hauptsache, wodurch, das ist Nebensache. Faute de mieux kann es auch durch Lebensüberdruß sein. Und wie es scheint –« er warf einen spöttischen Blick aus den Augenwinkeln auf mich – »macht man damit Eindruck auf alle Frauenherzen –«

Wir gingen knapp hinter Elmenreich. Bei seiner lauten, heftigen Redeweise war jedes seiner Worte zu hören. Und wie hätten diese Worte keinen Eindruck auf mich machen sollen! »... Ich bin mit dem Leben unzufrieden; es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben daraufhin ansehen noch ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Aber in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß das Leben nichts wert ist, soll man ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...!«

Dieselben Wendungen, derselbe Tonfall, dieselben Ausdrücke sogar!

»Ich muß das arme Mädchen von diesem unausstehlichen alten Klageweib befreien«, sagte Dr. Kranich. »Sie gestatten, gnädige Frau? Da es meinen bescheidenen Mitteln doch nicht gelingt, die Konkurrenz mit Ihren eigenen Gedanken zu bestehen –«

Er war mit einem Satze neben Eugenie. Ich sah, daß sie sich sofort zu ihm wandte. Ihr herrliches Profil zeigte keinerlei Gemütsbewegung; Elmenreichs Worte schienen nichts weniger als einen erschütternden Eindruck bei ihr hervorgebracht zu haben. Sie kehrte sich kein einziges Mal mehr nach ihm herüber. In ihrer gemessenen Weise stimmte sie alsbald in das bekannte jauchzende Lachen ein.

Nachdem Elmenreich eine Weile schweigend nebenher gegangen war, verlor er sich zwischen den Bäumen. Eugenie schien es nicht zu bemerken.

*

Gleich darauf stürzte Pipin auf mich zu. Beunruhigt sah er sich nach allen Seiten um:

»Wohin ist Doktor Elmenreich verschwunden? Ist etwas vorgefallen? Er wird sich doch nicht im letzten Augenblick anders besonnen haben? Guter Gott, das wäre ein Schlag für den Grafen –«

Und schon war auch der Graf da. Er schien in der That nahe daran, über Elmenreichs Verschwinden außer sich zu geraten. Eine verzweifelte Unruhe arbeitete in seinem blassen Gesicht; »er muß, er muß, er muß!« murmelte er eigensinnig. Und dann gab er die widersprechendsten Befehle; Pipin sollte allein hinaufgehen und dem Meister sagen, daß alles gescheitert sei, der Brunnhofer Seppl aber sollte die Körbe niederstellen und den Wald durchstreifen, um Elmenreich einzufangen und, wenn nötig, mit Gewalt zurückzubringen.

Schließlich gelang es Pipin, ihn einigermaßen zu beruhigen: Elmenreich habe versprochen, zu kommen, und Elmenreich halte unter allen Umständen, was er verspreche.

Als wir kaum unseren Weg wieder aufgenommen hatten, begann es zu regnen. Neue Schwierigkeit. Bei Regen konnte das »Fest des ersten Versuches« nicht abgehalten werden. Das Zimmer des Meisters war nicht geräumig genug, um sechs Zuhörer zu fassen; auch wollte er nur im Freien, »im Angesichte der Natur« seinen Vortrag halten. Wenn der Regen nicht aufhörte, mußten wir umkehren.

Eugenie und Dr. Kranich waren schon weit voraus; Pipin lief ihnen mit einem Regenschirm nach, während wir drei Uebriggebliebenen uns unter die Bäume stellten und abwarteten.

Die Zeit verging; der Graf trat vor Nervosität unaufhörlich von einem Fuß auf den anderen und fragte alle zwei Minuten den Brunnhofer-Seppl um seine Meinung als einheimische Autorität in Wettersachen. Aber der Brunnhofer-Seppl machte es wie alle meteorologischen Autoritäten und gab seine Meinung dahin ab, daß sich etwas Bestimmtes nicht vorhersagen ließe.

So gingen wir endlich dennoch im Regen weiter. Es kam mir vor, als ob das »Fest des ersten Versuches« unter einem schlechten Stern beginne.

*

Vor dem Hause des Meisters.

Der Regen hat aufgehört. Als wir auf die Lichtung kommen, liegt das Bauernhaus behaglich in dem ersten hervorbrechenden Sonnenstrahl und läßt sein gesprenkeltes Schindeldach trocknen. Auf der Bank vor der Eingangsthür sitzt der »Meister«, die Hände auf den Knien, den Kopf auf die Brust geneigt, in einer Versunkenheit und Ruhe, die etwas Würdevolles hat. Vielleicht aber auch etwas Künstliches; denn er muß uns wohl sehen, wie wir aus dem Schatten des Waldes auf die Lichtung in die Sonne heraustreten.

Wir haben uns am Waldrand wieder alle zusammengefunden; auch der Vermißte, der »verlorene Sohn« Elmenreich, stand dort und schloß sich an.

Konventionelle Begrüßung und Vorstellung. Der Graf nimmt den Meister beiseite und flüstert mit ihm, während Pipin unter den alten hohen Fichten neben dem Hause geschäftig seine Plaids ausbreitet und die Plätze anweist. Dann verschwindet der Meister im Hause, und wir setzen uns im Kreise auf die Plaids.

Die Sonne fällt in schmalen Streifen zwischen dem glitzernden Grün herein; kleine Regenbogen glühen ringsherum in Tropfen und Tröpfchen. Ueber die dürren Tannennadeln, die zu einem roten Teppich auf dem Boden ineinandergewirrt sind, steigen Ameisen mit großen schwarzen Köpfen und betasten angelegentlich alles, was ihnen im Wege liegt. Grünschillernde Käfer gehen vorüber, schwerfällig, als hätten sie eine metallene Rüstung zu tragen. Goldene Fliegen schießen herum und bleiben in der Luft stehen, wo es ihnen gefällt. Mücken tanzen auf und nieder, spielen miteinander in einem Reigen voll geheimnisvoller Seligkeit.

Oben durch die Wipfel schimmern weiße Wolken auf einem Himmel, der so tiefblau ist, daß man hindurch zu sehen glaubt auf die ungeheure dunkle Tiefe dahinter. In der Ruhe, die herrscht, hört man nur das leise Ticken fallender Tropfen.

Ein großer Frieden, eine wundersame Harmonie. Nichts Störendes ist hier – außer den eleganten Gestalten, die sich auf den Plaids, so bequem es gehen will, einrichten, mit Bewegungen und Geberden, die ihre Herkunft von gepolsterten Salonmöbeln nicht verleugnen können. Ja, diese elegante Gesellschaft sieht in dieser Umgebung vollkommen überflüssig aus.

*

Nach einiger Zeit kam der Meister aus dem Hause heraus, mit bedächtigem Pastorenschritt, den Blick zu Boden gesenkt. Als er zu sprechen begann, heftete er seine Augen nicht auf die Zuhörer; er sah in die Bäume hinauf, als richte er seine Worte nur an sie und nicht an uns.

Seine Augen haben etwas Sympathisches; hinter seinem goldenen Zwicker hervor schauen sie unschuldig und mit einer sanftmütigen Zerstreutheit in die Welt. Sie erwecken den Eindruck, daß sie keine deutlichen Wahrnehmungen aus der Realität vermitteln. Es sind die Augen eines weltunkundigen Menschen. Weniger sympathisch sind seine Mundbewegungen, während er spricht. Die Unterlippe, die ein wenig nach rückwärts flieht, macht sich durch allzureichliches Muskelspiel bemerkbar. Diese Unterlippe ist nicht ganz bei der Sache; sie hat keine Naivität. Sie gehorcht nicht ohne Widerrede dem Wort, sie lebt auf eigene Faust. Es ist die Lippe eines selbstgefälligen Menschen.

Er spricht eintönig, fast larmoyant, mit einer farblosen Stimme, langsam aber fließend, so fließend, als hätte er alles, was er sagt, auswendig gelernt. Etwas Absichtliches liegt in seiner Art. Es ist die Art eines Menschen, der seine Schüchternheit durch einen Willensakt überwindet.

Seine Predigt begann mit einer Apostrophe an die Welt, in einer lieblichen und naiven Sprache, die deutlich verriet, daß sie eines anderen Geistes Kind war. Doch vergaß er im Eifer der Rezitation, anzumerken, woher er sie hatte. »O liebe Frau Schwester«, so redete er die Sonne an, und »lieber Herr Bruder« den Wind, und so pries er das Wasser, das Feuer, die Erde und Bäume, Kräuter und Getier als seine Geschwister. Bald aber verließ er diese friedliche Höhe und stieg in die Arena der Polemik herab. Auf eine kurze Formel gebracht, lautete der Sinn seiner umständlichen Ausführungen: »Zurück ins Mittelalter«. Alles Spätere war Verirrung, Mißverständnis, Unsinn, ein langer Weg in einer falschen Richtung. Und jetzt ist die Zeit gekommen, da die Menschheit nicht weiter kann, da sie einzusehen beginnt, daß sie sich in eine Sackgasse verrannt hat mit ihrem unzulänglichen Streben nach Wissen, mit ihrem kurzsichtigen Aberglauben an die Macht der Aufklärung. Jetzt fangen wir an, die Schuld der Väter am eigenen Leibe zu büßen; wie Blei liegt es in unseren Gliedern ... »sind wir nicht alle krank und möchten gerne genesen? Sind wir nicht alle müde und möchten gern ausruhen? Wenn wir uns besinnen, ergreift uns nicht ein Schwindel? Schaudern wir nicht, wenn wir in den schwarzen Abgrund des Nichts blicken, der vor unseren Füßen gähnt? Fühlen wir nicht immerfort die Verzweiflung wie eine kalte Faust im Nacken? Suchen wir nicht krampfhaft nach Heilmitteln für die fressende Unruhe, von der unsere Seele erfüllt ist?«

Der moderne Mensch weiß eben nicht, welchen Weg er einschlagen muß; er weiß nicht, was er thun muß, um dem Sansara zu entrinnen und in die große Ruhe einzugehen ... »Ertrinkende sind wir, die wild um sich schlagen, um sich an der Oberfläche zu erhalten. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir nicht wissen, daß nur an der Oberfläche der Sturm wütet, von dem wir umhergeschleudert werden. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir nicht wissen, daß in der Tiefe allein Ruhe herrscht. Wir kämpfen gegen Wellen und Winde, todmüde und sterbenskrank, anstatt daß wir die Hände auf die Brust legen ohne Widerstand und ergebungsvoll untersinken in die stille, heilige Tiefe. Freudig zu ertrinken, das ist es, was wir lernen müssen –«

Als der Meister ungefähr so weit gekommen war, stieß Elmenreich ein vernehmliches »mna« aus und stand auf.

Pipin hatte unverwandt mit einem Ausdruck höchster Spannung auf Elmenreich gestarrt. Er schien die Wirkung nicht erwarten zu können, die des Meisters Worte auf ihn hervorbringen mußten. Jetzt fuhr er zusammen, wie mit kaltem Wasser begossen. Auch der Graf, der bis dahin in einer aus Andacht und Bequemlichkeit gemischten Haltung auf seinem Plaid saß – er hatte die Kniee hoch hinaufgezogen, auf die Kniee seine gefalteten Hände und auf die Hände seine Stirn gelegt – auch der Graf erhob seinen Kopf. Beschwörend streckte er die Hand gegen Elmenreich aus. Es geschah aber nichts weiter, als daß Elmenreich sich mit gekreuzten Armen weiter rückwärts an den nächsten Baumstamm lehnte.

Der Meister fuhr unbeirrt fort. Er hatte nur einen flüchtigen Blick auf den Störenfried geworfen. Aber nun, in der Tiefe, in die er unter Elmenreichs skeptischer Interjektion versunken war, wurde seine Rede dunkel. Dort fand er das ewige Urfeuer, die Zentralsonne, von der alle einzelnen Seelen als Strahlen ausgehen. Dort sollte die Seele wieder eins werden mit dem Allgeiste, der ihr Vater ist, dort sollte sie allwissend und allgegenwärtig, sollte, aus der Sphäre des Individualbewußtseins entrückt, selber Gott werden ...

Aber nur die Auserwählten sind es, die dort anlangen. Und nur die Auserwählten kennen den Weg, der dorthin führt. Wenn wir ihn einschlagen wollen, dann müssen wir vor allem den Verstand überwinden, denn das ist der Erzfeind. Und das Schreiten in Begriffen, das Sohlen und Seelen schwer wie Blei macht, das ist die Erbsünde. Die Gedankenwelt, das ist die Hölle, wo wir von bösen Geistern ewig im Kreis herumgeführt werden, bis wir vor Ekel und Ohnmacht zusammenbrechen. Darum weg mit dem Denken, als mit einer vieltausendjährigen Verirrung, in die sich die Menschheit auf ihrem Suchen nach Wahrheit verstrickt hat. Sobald der Druck des Denkens von uns weicht, werden wir erkennen, was sich hinter der Erscheinungswelt verbirgt, die Nebel der Begrifflichkeit, in denen wir sorgenschwer herumtappen, werden sich teilen ... eine tanzende Freudigkeit wird unsere Seele erfassen, bis sich uns in einem dyonisischen Rausch die verborgenen Herrlichkeiten der jenseitigen Welt enthüllen. Unsere Füße aber werden leicht und frei sein wie unsere Herzen, und wir werden tanzen, tanzen, tanzen –

Bei diesen Worten schürzte er seinen Prophetenmantel, indem er ihn von rückwärts nach vorne zog und in den Ledergürtel steckte, der seine Blouse zusammenhielt. Und mit ausgestreckten Armen begann er taumelnde Schritte zu machen, ungeschlachte, groteske Bewegungen, wie sie ein Körper hervorbringt, der ungewohnt aller Leibesübungen ist.

Die Sonne lag mit abendlicher Glut auf den Wipfeln der Fichten. Still und unbeweglich standen sie; sie schienen zu erröten über ihren Bruder, dem sie so überlegen waren mit ihrer in sich gekehrten Ruhe.

Da rutschte der Mantel aus dem Gürtel, der Tänzer trat darauf, stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin.

Der Graf sprang herbei. Mit dem Eifer eines Neubekehrten half er dem Gefallenen aufstehen und schloß ihn in seine Arme.

»Ave, ave, Gottgeliebter«, sagte er laut zu ihm. »Und zum Zeichen, wie groß und aufrichtig mein empressement ist, erlaubt mir, teurer Meister –« er ergriff seine Hand und führte sie an seine Lippen.

Der Meister, verwirrt vielleicht durch seinen Sturz oder noch verloren in die Gedanken seines Vortrages, beachtete diese Huldigung nicht. Zerstreut und unruhig musterte er den Wiesengrund um sich herum.

Auch Eugenie trat auf ihn zu. Ihre Miene war so rätselhaft wie immer; kein Zug verriet eine Bewegung ihres Innern. Sie verbeugte sich leicht gegen den Grafen. »Ich folge dem Beispiel«, sagte sie und küßte die Hand des Meisters auf die Stelle, wo eben früher die Lippen des Grafen sie berührt hatten.

Gerade in dem Augenblick, als diese Huldigungen dem Meister dargebracht wurden, kam aus dem Walde hinter uns eine weibliche Gestalt. Es war die Hausfrau des Meisters. Sie trug auf dem Kopf, in ein grobes Tuch mit den vier Ecken zusammengebunden, ein ungeheures Bündel Heu – die landesübliche Art, das Heu von den steilen Berglehnen in die Scheunen zu bringen. Ihre magere Gestalt verschwindet beinahe unter der Last, die sie auf ihrem Kopf balanciert; und als sie nun stehen bleibt und nach dem Bündel faßt, kann man sehen, wie diese dünnen, fleischlosen Arme vor Anstrengung zittern. Etwas Hastiges, Unsicheres, Leidenschaftliches liegt in ihren Bewegungen.

Rasch hatte sie das Bündel über ihren Rücken auf die Erde gleiten lassen und war auf den Meister hingestürzt. Sie faßte als die dritte seine Hand, küßte sie mit Inbrunst und behielt sie in ihren gefalteten Händen eingeschlossen. Dann, als würde sie jetzt erst die fremden Zuschauer gewahr, ließ sie plötzlich die Hand fahren, und kehrte mit einem unterdrückten Aufschluchzen zu ihrem Heubündel zurück, das sie hinter sich her ins Haus schleifte.

Der Meister hatte alles ohne Widerstand über sich ergehen lassen. Er war noch immer wie abwesend. Endlich stammelte er:

»Ich – ich – der Zwicker ist mir heruntergefallen – meine hochgradige Kurzsichtigkeit – wenn Sie die Güte hätten, zu suchen – aber mit Vorsicht, bitte, damit er nicht zertreten wird – ich habe keinen zweiten bei mir –«

Sogleich begann ein eifriges Suchen nach dem Augenglas. Seite an Seite mit Eugenie durchstöberte der Graf das Gras. Pipin, der während des Tanzes verlegen und unglücklich zu Boden gestarrt hatte, kam dienstfertig herbei und half mit.

Da erschien Elmenreich auf dem Schauplatz der Ereignisse. Auf seinen Wangen brannten zwei scharfabgegrenzte Flecken, sein Bart war zerwühlt; er hatte den Hut ganz auf die Augenbrauen herabgerückt.

Mit Heftigkeit ergriff er Eugenie beim Handgelenk.

»Fühlen Sie denn nicht, wie lächerlich alles das ist –?« rief er und seine Stimme bebte vor Zorn. »Kommen Sie mit mir fort; ich kann es nicht sehen, daß Sie in dieser Posse mitwirken –«

Eugenie sah ihn erschreckt an. Er zog sie einige Schritte mit sich; sie folgte ihm widerstrebend.

Bei dem Wort Posse hatte der Graf sich aufgerichtet.

»Helfen Sie mir!« sagte Eugenie zu ihm mit einem ihrer flehendsten Blicke.

Aber der Graf näherte sich nicht. Er erhob nur mit seiner beschwörenden Geberde stumm die Hände gegen Elmenreich; dann wandte er sich wieder ab.

Eugenie machte einen ungeduldigen Versuch, ihre Hand aus der Umklammerung zu befreien. »Sie thun mir weh«, sagte sie unwillig. »Lassen Sie mich los, Sie thun mir weh!«

»Nein, ich lasse Sie nicht! Ich will es nicht haben, daß Sie hier mitthun. Ich erlaube es nicht –«

»Lassen Sie mich los!«

»Versprechen Sie mir vorher –«

»Ich verspreche nichts! Lassen Sie mich los!«

Ihre Wangen färbten sich mit einem lebhafteren Rot und ihr Gesicht belebte sich mit einem Ausdruck des Trotzes. Sie strebte ihre Hand mit Gewalt loszureißen. Elmenreich, der sich in diesem Ringen auch ihrer zweiten Hand bemächtigt hatte, stand dicht an sie gepreßt. Es sah beinahe aus, als wollte er sie im nächsten Augenblick in seine Arme schließen.

»Ein hinreißendes Weib!« murmelte Dr. Kranich neben mir. Er richtete sich aus seiner nachlässigen, gelangweilten Stellung auf und verfolgte mit einem seltsamen Lächeln das Schauspiel. Dann erhob er sich, immer den Blick unverwandt auf die beiden Ringenden geheftet, gleichsam fasziniert.

»Tiens!« sagte er nähertretend, aber ohne sich einzumischen, »Elmenreich, sind Sie auch ein Anhänger der Theorie, daß der Biceps am meisten Ueberredung gegenüber den Damen besitzt?«

Elmenreich lachte nervös auf und gab Eugenie frei.

Schmollend betrachtete sie ihre Handgelenke, auf denen seine Finger rote Streifen zurückgelassen hatten.

»Da! Sehen Sie nur, was Sie gemacht haben, Unhold –« und schon klang in ihrer Stimme wieder eine Nuance des Entgegenkommens.

Elmenreich ergriff die Hände, die sie ihm hinhielt, und küßte die roten Streifen.

»Ja, ein Unhold«, sagte er mit einiger Bewegung. »Aber wenigstens kein Mensch des Mißbrauchs – und vielleicht werden Sie eines Tages begreifen, was das heißt.« Dann kehrte er sich um und verschwand in den Wald.

*

Inzwischen kriecht Pipin auf allen Vieren im Gras herum und sucht das Augenglas. Jetzt hat er es glücklich entdeckt; der Meister nimmt es, putzt es, setzt es wieder auf.

Damit tritt das Fest des ersten Versuches in ein noch unbehaglicheres Stadium. Niemand weiß, was weiter geschehen soll; der Graf steht abseits mit dem Meister, Eugenie steht abseits mit Dr. Kranich, Pipin steht abseits mit mir. Pipin sieht sehr niedergeschlagen aus und ist vollkommen stumm.

Dann macht er einen Versuch, die gestörte Stimmung durch einen Imbiß ein wenig zu heben. Er holt seine Körbe hervor, packt aus, ordnet an, wartet auf, bedient alle.

Man setzt sich wieder auf die Plaids, der Meister gleichfalls, doch so sehr vertieft in sein Privatgespräch, daß er nicht zu bemerken scheint, was um ihn her vorgeht.

Als Pipin sich mit einem Teller, auf den er seine erlesensten Schätze gehäuft hat, Eugenien nähert, entreißt ihm Dr. Kranich den Teller.

»Königinnen muß man kniend bedienen«, sagt er, und mit einer anmutigen Wendung seines Pantherleibes kniet er vor Eugenie nieder. In dieser Stellung bleibt er und hält den Teller, während sie mit zarten Fingerspitzen die Beeren der Weintraube einzeln abzupft.

Er kniet dicht am Saume ihres Kleides. Aus den blaßlila Falten sieht ein kleiner, brauner Schuh hervor. Und Dr. Kranichs Kniee nähern sich wunderbar geschickt diesem kleinen, braunen Schuh, bis sie ihn zwischen sich einschließen und verschlingen. Der kleine braune Schuh ergiebt sich willig in sein Schicksal und macht keinen Versuch, sich aus dieser Gefangenschaft zu befreien.

Mit unbewegtem Gesichte, die Augen auf den Teller gesenkt, aß Eugenie ihre Weintrauben.

Nachdem Pipin alle bedient hatte, auch den Brunnhofer Seppl, setzte er sich auf den Platz neben Eugenie, wo früher Dr. Kranich gesessen hatte. In diesem Augenblick verschwand der kleine braune Schuh unter den blaßlila Falten.

»Pipin, was fällt Ihnen ein?« ruft Dr. Kranich hochmütig ärgerlich aus. »Dieser Platz gehört mir – räumen Sie ihn gefälligst sogleich, sonst wende ich Bracchialgewalt an.«

Pipin erfleht Eugeniens Beistand: ob er denn nicht zu guter Letzt die Belohnung, an ihrer Seite zu sitzen, verdiene, da er doch den ganzen Nachmittag diesen Platz anderen überlassen habe?

Gnädig sagt Eugenie: »Dr. Kranich wird sich zu Füßen der Königin niederlassen, nicht wahr, damit der arme Pipin seine Belohnung behält?«

Und Dr. Kranich läßt sich zu Füßen der Königin nieder. Er stützt sich halbliegend auf seinen linken Ellbogen; dieser Ellbogen versinkt in die blaßlila Falten, unter denen der kleine braune Schuh verschwunden ist.

Während Pipin sein Obst verzehrt, hält ihm Dr. Kranich eine Predigt über das Unmoralische des Essens, dieser doppelt egoistischen Beschäftigung. Denn erstens esse man stets für sich und niemals für einen anderen, und zweitens vernichte man dabei immer irgend ein Lebewesen, das doch die gleichen Ansprüche auf das Dasein habe, als man selbst, und wäre es auch nur ein Kohlhäuptel. Die einzige halbwegs moralische Nahrung seien abgefallene Blätter – weshalb die Menschheit, wenn sie sich auf ein höheres sittliches Niveau erheben wolle, sich vor allen Dingen zum ausschließlichen Genuß abgefallener Blätter bekehren müsse –

Pipin warf einen prüfenden Blick auf Dr. Kranich. Durch den Ernst in dessen Mienen getäuscht, versuchte er einzuwenden, daß abgefallene Blätter vielleicht nicht genug Nährwert besäßen, als daß die Menschheit dauernd davon leben könnte –

Gut, die Menschheit könnte vermutlich dauernd nicht davon leben. Ob es aber so notwendig sei, daß die Menschheit dauernd existiere? Ja, ob denn überhaupt ein triftiger Grund für die Existenz der Menschheit vorhanden sei, ein wirklich triftiger Grund? Er wenigstens kenne keinen. Ob Pipin einen kenne?

Und da Pipin gleichfalls nicht in der Lage war, auf der Stelle einen solchen triftigen Grund anzuführen, trug ihm Dr. Kranich auf, den Meister darüber zu interpellieren. Der Meister, der sich in den Tiefen jenseits des Denkens so gut auskenne, werde gewiß in dieser wichtigen Frage Bescheid geben können.

Pipin antwortet nichts. Er scheint doch zu argwöhnen, daß Dr. Kranich ihn zum besten hat.

*

Die Stimmung bleibt endgültig unbehaglich. Oede schleichen die Minuten; der Meister führt immer noch ein halblautes Gespräch mit dem Grafen, der, an den Brunnhofer Seppl gelehnt, ehrerbietig zuhört. Der Brunnhofer Seppl gähnt laut, indem er dabei »jaujaujau« macht. Er versteht die abwehrende Handbewegung des Grafen nicht und gähnt fort. In seiner ländlichen Ungeniertheit drückt er damit aus, daß er bei diesem Zwiegespräch vollkommen überflüssig ist. Ich fühle eine unwiderstehliche Neigung, ebenfalls »jaujaujau« zu machen.

Beim Aufbruch näherte sich Eugenie wieder dem Grafen.

»Durch Ihren mächtigen Einfluß könnte mir vielleicht eine große Gnade zu teil werden. Ich habe eine Bitte an den Meister – wollen Sie mein Fürsprecher sein?«

Der Graf verneigte sich zuvorkommend, während der Meister in linkischem Schweigen verharrte.

»Wäre es allzu unbescheiden, wenn ich den Meister um eine Zeile von seiner Hand für meine Autographen-Sammlung bäte?«

»Meister –?« sagte der Graf fragend.

»Bitte sehr«, versetzte der Meister nicht ungnädig. »Nur weiß ich nicht – ich habe weder Papier noch Bleistift – ich gebe gewöhnlich nichts Schriftliches von mir –«

Dr. Kranich überreichte ihm sein Notizbuch. »Diese Eigentümlichkeit teilen Sie mit allen großen Lehrern der Menschheit«, sagte er dabei mit tiefem Ernst.

Als der Meister Eugenien das beschriebene Blatt gab, setzte er hinzu: »Meine Hand ist nicht geübt, Sie werden es schwer lesen können –« und er rezitierte von dem Blättchen herab:

»Himmel oben, Himmel unten,

Sterne oben, Sterne unten;

Alles, was oben, ist auch unten,

Solches nimm und sei glücklich.«

*

Am Waldrand jenseits der Lichtung finden wir Elmenreich wieder.

»Ich habe einen Spaziergang während der übrigen Erbauungsstunde gemacht«, sagt er zu Eugenie. »Da Sie zu den Bekehrten zählen, Fräulein Eugenie, könnten Sie ja den Correpetitor des verlorenen Sohnes machen, wollen Sie nicht? Von so schönen Lippen nehmen die verlorenen Söhne noch am liebsten die Lehren der Weisheit an.«

Pipin gesellt sich zu mir. Nach einem beklommenen Schweigen sagt er mit erstickter Stimme:

»Lieber Gott! Was für Hoffnungen habe ich auf diesen Tag gesetzt! Und jetzt kommt es mir vor, als ob alle enttäuscht und schlecht aufgelegt wären, nicht bloß ich.«

In meiner Verstimmung antworte ich: »Pipin, es wäre das Gescheidteste, Sie würden endlich einen Strich darüber machen. Es kann Ihnen ja nichts als Enttäuschung auf Enttäuschung bringen.«

»Einen Strich machen? Worüber einen Strich? Warum einen Strich?«

»Aber Pipin! Dieses viele Fragen ist wirklich ermüdend!«

»Verzeihen Sie! Ich« – er schweigt hilflos. Nach einer Pause aber fährt er doch fort: »Ich habe wirklich nicht verstanden, was Sie meinen.«

»Desto besser! Dann lassen wir die Sache.«

»Ach so – jetzt verstehe ich! Sie meinen Elmenreich? Aber gleich einen Strich über ihn machen, das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Es ist wahr, er hat den Grafen durch sein Benehmen tief gekränkt – aber sagen Sie selbst, mußte man nicht etwas Aehnliches von ihm gewärtigen? Auf den ersten Anlauf ist so eine Festung wie er nicht zu nehmen. Meinen Sie wirklich, daß da alle Mühe vergeblich ist?«

»Ich habe nicht Elmenreich gemeint –«

»Ja, worüber soll ich dann einen Strich machen?«

»Ich glaubte, Sie hätten diesen Strich schon gemacht, Pipin. Aber wenn nicht – warum gehen Sie dann mit mir statt mit Eugenie?«

»Sie sehen ja, daß neben Fräulein Eugenie kein Platz frei ist. Ich kann doch nicht Elmenreich oder Dr. Kranich mit Gewalt von ihrer Seite wegreißen?«

»Wenn Sie sich immer freiwillig in den Hintergrund stellen –!«

»Ich stelle mich nicht, ich werde gestellt.«

»Sie müssen sich aber nicht stellen lassen! Sie müssen Ihren Platz behaupten, um Ihren Platz kämpfen –«

»Das wäre zudringlich von mir.«

»Sie warten also darauf, daß Eugenie Sie auffordert?«

»Ja! Ich warte darauf, wie man auf ein unverdientes Glück eben warten muß.«

»Nun, Pipin, auf diese Weise werden Sie nichts bei den Frauen erreichen, am allerwenigsten bei einem Mädchen, das durch Huldigungen so sehr verwöhnt ist, wie Eugenie. Ich glaubte, oder vielmehr ich hoffte, daß Sie sich Ihre Bewerbung um sie aus dem Sinn geschlagen hätten – und aufrichtig gestanden, es wäre das Gescheidteste, Sie thäten es wirklich.«

Pipin lächelte mit Seelenruhe; meine Worte brachten nicht den geringsten Eindruck bei ihm hervor. Er wundere sich, daß ich ihn für so unbeständig und wankelmütig halte. Wie? Vor vierzehn Tagen habe er den Entschluß gefaßt, sich um Eugenie zu bewerben, und heute sollte er ihr schon abtrünnig werden? Weil sie sich einen Nachmittag lang mit anderen mehr abgegeben habe als mit ihm? Das sei zwar schmerzlich für ihn, aber schließlich wäre es doch ungerecht, zu verlangen, daß sie sich mit ihm besser unterhalten sollte als mit Elmenreich und Dr. Kranich, die beide so überlegene Menschen seien –

Gut; nur wisse ich dann nicht, wie er sich die Sache in Zukunft vorstelle, wenn er immer freiwillig jedem »überlegenen Menschen« den Vorrang einräumen wolle –

Nun, was das betreffe, so könne ich doch nicht von ihm glauben, daß er jemals, jetzt oder später, seiner Frau vorspiegeln werde, er selber sei ein überlegener Mensch; oder daß er von ihr verlangen werde, sie müßte ihn für einen überlegenen Menschen halten –

Sehr großmütig gedacht; aber Großmut sei leider nicht immer am Platz –

Großmut? großmütig? Nicht im Entferntesten! Für einen Menschen von seiner Beschaffenheit sei das einfach selbstverständlich, und es wäre höchst lächerlich, wenn er irgendwie anders dächte oder empfände –

Er äußerte das in der That mit einer einfältigen Schlichtheit und Wärme, die noch überzeugender war als seine Worte. Ich faßte ihn bei der Hand und sagte noch einmal eindringlich:

»Pipin, hören Sie auf mich – Eugenie ist keine Frau für Sie! Schlagen Sie sich diesen Gedanken aus dem Sinn, solange es noch Zeit ist!«

Aber da wurde er sehr ernst. »Es ist nicht mehr Zeit, gnädige Frau! Vorgestern abends beim Nachhausegehen – es war sehr finster, ich bot Eugenie meinen Arm, und da – und da sagte ich ihr – wie es um mich steht – das heißt, ich sagte ihr, daß sie über mich befehlen könne, wie über einen Leibeigenen, daß ich jeden Tag und jede Stunde mit Leib und Leben und allem, was ich habe, ihr zur Verfügung stehe, daß ich ihr gehöre für Zeit und Ewigkeit. Ich sagte ihr, daß ich gar nicht die Anmaßung hätte, ihr eine Liebeserklärung zu machen, und daß sie das nicht als eine Liebeserklärung auffassen dürfe; aber wenn ein Tag käme, wenn jemals ein Tag käme, an dem sie mich brauchte oder an mich dächte, oder – oder – an dem sie frei sein wollte von dieser Umgebung zu Hause – oder wie immer – dann brauchte sie nur ein Wort zu sagen und dann würde sie mich zum Glücklichsten, zum Allerglücklichsten aller Menschen machen – und die bloße Vorstellung, daß ein solcher Tag kommen könnte –«

Er hielt atemlos inne. In seiner Stimme waren Thränen; er rang nach Worten und fand keine mehr. Die bloße Vorstellung, daß ein solcher Tag kommen könnte, hatte ihn völlig überwältigt.

* * *

(Aus einem Briefe.)

18. August 1893.

... Oder hätte dieses Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Handeln, das einem die Gegenwart verleidet, vielleicht zu allen Zeiten bestanden? Und es gäbe Helden und wahre Könige immer nur in der Vergangenheit? In der retrospektiven Betrachtung, wenn das dichterische Bedürfnis der menschlichen Phantasie alles Fehlende ersetzen kann, wenn sich durch die Wirkung der Distanz die eckigen und schlechten Linien des Alltäglichen verwischen, die störenden Details, die so kleinlich und so unmalerisch sind?

Also könnten sie noch Helden künftiger Legenden werden, alle diese Unzulänglichen, die da herumgehen mit großen Gedanken, denen sie nicht gewachsen sind –? Ueber die sie stolpern wie über ihre Mantelschleppe, sobald sie einen Schritt zu ihrer Verwirklichung machen –? Elmenreich hat einmal von dieser Art Menschen gesagt – – aber gehört denn Elmenreich nicht auch zu dieser Art Menschen? Er spielt nur in einer anderen Tonart, er posiert nur mit einer anderen Geberde, aber er posiert auch!

Du siehst, ich bin gegenwärtig so schlecht zu sprechen auf ihn, daß ich lieber gar nicht von ihm reden sollte. Du könntest dich sonst genötigt sehen, ihn zu verteidigen. Wenn du das beiliegende Heftchen durchliest – ich habe für dich das »Fest des ersten Versuches« ausführlich niedergeschrieben – dann wirst du aber selbst den Punkt bemerken, an dem es sich entschied, daß ich über Elmenreich umlernen muß. Ich habe ihn für einen tragischen Menschen gehalten, der durch sein inneres Leben in einen unlösbaren Konflikt mit dem äußeren Leben gebracht wird. Nun – jetzt halte ich ihn nicht mehr dafür. Jetzt glaube ich, daß das Leben nur in seinen Reden schwer und tragisch für ihn ist.

Darüber sollte ich mich eigentlich freuen. Und doch freue ich mich nicht. Ich fühle eher etwas wie Enttäuschung.

Deshalb teile ich auch nicht deine Meinung, daß eine Auseinandersetzung mich ihm wieder näher bringen könnte. Was in aller Welt sollte ich ihm auseinandersetzen? Kann ich ihm sagen: Lieber Elmenreich, Sie sind ja ein ganz anderer Mensch, als ich dachte –?

Und dann! Versuch' einmal, ihm mit Vorwürfen zu kommen! Da hast du schon verspielt. Er übertrumpft dich gleich: »habe ich nicht immer gesagt, daß ich ein ganz gewöhnliches Subjekt bin, ein unerträglicher Kerl, ein Mensch, den man sich drei Schritt vom Leib halten muß –« und so fort. Das ist freilich nur Maske. Im Grunde verletzt es ihn so wie uns Uebrige, wenn man schlecht von ihm denkt, obwohl er jedermann beständig dazu auffordert – – Nein, nein, es giebt keine Reparatur durch Auseinandersetzungen, sobald man von jemandem enttäuscht ist. Was immer zwei Menschen in einem solchen Fall einander sagen: Der eine kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht worden ist, und der andere kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht haben soll ...

Illustration from Pipin: Ein Sommererlebnis

»Ja, große Dinge sind im Werk«, sagte Pipin und errötete vor Vergnügen. »Wir haben stundenlange Unterredungen, der Meister, der Graf und ich. Was sagen Sie zu diesem Trifolium, gnädige Frau? Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich zu solchen geistigen Ehren gelangen werde!«

»Sie sind eben auch ein maßlos eitler Patron!« brummte Elmenreich.

Dagegen verwahrte sich Pipin mit Eifer. Ob er sich denn nicht darüber freuen dürfe, daß so überlegene Menschen wie der Meister und der Graf ihn ihres Umgangs würdigten? Und ob es denn nicht ein einwandfreier Ehrgeiz sei, nach geistiger Erweckung zu trachten? Nach der Erleuchtung, die man empfange, wenn höhere Geister sich einem offenbaren?

»Erweckung! Erleuchtung! Schau, schau! So weit sind Sie schon vorgeschritten? Die termini technici wenigstens haben Sie brav auswendig gelernt! Aber ich werde Ihnen etwas sagen, Pipin: wenn zwei Raubvögel einen Spatzen in ihre Mitte nehmen, so thun sie es nicht, um ihn zu »erwecken« oder zu »erleuchten«, sondern um ihn zu rupfen.«

Pipin wurde dunkelrot bis an die Haarwurzeln. Er stand auf, ging aufgeregt einige Schritte hin und her und schien mit einer heftigen Antwort zu ringen. Elmenreich aber fuhr fort:

»Nicht als gewöhnliche Gauner natürlich, nicht mit eingestandener Hinterlist, Gott bewahre! Sondern in aller Unschuld und Selbstverständlichkeit, als eine Sache, die geborene Raubvögel thun können, ohne sich etwas zu vergeben. Das gehört zu den Eigenheiten der species, lieber Pipin; und Sie würden gut daran thun, wenn Sie von Ihrem Standpunkt aus sämtliche »höhere Menschen« ein für allemal als Raubvögel betrachteten und sich mit ihnen nicht weiter einließen.«

Als er aber sah, daß er damit Pipins Mitteilsamkeit abgeschnitten hatte, lenkte er wieder ein:

»Uebrigens thun Sie, was Sie wollen; mich geht ja die Sache nichts an. Ich will nichts gesagt haben – Gott bewahre mich davor, daß ich mir einfallen lasse, einen erwachsenen Menschen zu bevormunden –« woran er noch einige längere Betrachtungen über das Verkehrte und Vergebliche des Besserwissens fügte.

Pipin fand noch immer nicht den Faden seiner Mitteilung wieder; da fragte er endlich geradezu: »Also Pipin, legen Sie nur los: was ist denn da oben im Werk?«

»Sie sind heute nicht in der Stimmung«, versetzte Pipin ausweichend. »Ich sehe schon, heute hätte ich wieder Pech mit jedem Wort –«

Elmenreich ärgerte sich über diesen ungewohnten Widerstand. Es war unverkennbar: er wollte nicht ausgeschlossen sein von den Vorgängen, zu denen man ihn nicht mehr einlud. Sollte die wegwerfende Gleichgültigkeit, die er sonst diesen Vorgängen gegenüber zur Schau trägt, nicht ganz echt sein? Nur eine Form, die er sich zurechtgelegt hat, weil er sich in keiner anderen äußern kann? Aber niemals würde er das zugeben. Er, der nicht ansteht, sich selbst das Schlechteste nachzusagen, wenn es darauf ankommt, seine Selbsterkenntnis zu zeigen, er würde sich um keinen Preis diese kleine Schwäche eingestehen. Denn als ich nun halb im Scherz zu ihm sagte: »Sie interessieren sich also doch ein wenig für das, was auf dem Berg Alvernia weiter geschieht –?« stieß er nur einen kleinen verächtlichen Pfiff aus, stand auf und ging davon.

»Warum haben Sie das gesagt?« fragte Pipin vorwurfsvoll. »Eine solche Bemerkung ist doch das sicherste Mittel, ihn zu vertreiben. Und was für ein Glück wäre es, wenn er sich wirklich dafür interessierte!«

Dann erzählte er: Nichts Geringeres habe der Graf im Sinne, als »eine Verbindung mit der übersinnlichen Welt« zu finden. Und zu diesem Zwecke veranstalte er täglich mit dem Meister Uebungen. Ueber diese Uebungen wußte Pipin nichts Näheres; er war noch nicht vorgeschritten genug, um sie mitzumachen, so wurde ihm gesagt. Ein glücklicher Zufall aber habe es gefügt, daß in der Person der Bäuerin dem Meister ein Medium von wunderbaren Fähigkeiten zur Verfügung stehe. Der Graf selbst sage, verglichen mit dieser Frau sei er nur ein bescheidener Anfänger in der Wissenschaft des Uebersinnlichen. Und doch sei der Graf von einer so großen Entschlossenheit und Leidenschaft im Experiment, daß er geäußert habe: »Für eine neue Sensation setze ich jeden Augenblick Leib und Leben auf's Spiel.« Dabei trage er sich mit sehr weitschauenden Plänen. Die Resultate dieser Forschungen sollten nicht das Geheimnis einiger Weniger bleiben: Dem Meister müsse ein Wirkungskreis geschaffen, es müsse ein Weg gefunden werden, auf dem er sich der Welt offenbaren und dazu beitragen könne, sie aus den Wirrnissen der Gegenwart zu erlösen.

Anfänglich dachte der Graf an die Veranstaltung großer Volksversammlungen, in denen der Meister persönlich zum Volke reden und durch die Kraft des gesprochenen Wortes Macht über die Gemüter gewinnen sollte. Denn der Graf – hier wurde Pipin ein wenig unsicher – der Graf teile durchaus nicht die Meinung, daß das Auftreten des Meisters kürzlich kein glückliches gewesen sei. Obwohl er sich über den erhofften Erfolg nach einer gewissen Richtung hin keiner Täuschung hingeben könne, erscheine merkwürdigerweise in seiner Erinnerung das »Fest des ersten Versuches« als eine geradezu epochale Veranstaltung, als eines der ergreifendsten und bedeutendsten Ereignisse seines Lebens, das bei allen Teilnehmern einen unauslöschlich tiefen Eindruck hinterlassen haben müsse.

»Ich bin schon ganz irr an meiner eigenen Erinnerung«, fuhr Pipin fort. »Der Graf ist so durchdrungen von seiner Auffassung, daß er keinen Einwand gelten läßt. Zum Glück will der Meister selbst nicht aus seiner Verborgenheit hervortreten und zeigt sich nur ungern einer größeren Volksmenge.«

Und so hatte Pipin, der durch den Einfluß des Grafen trotzalledem einigermaßen »irr an seiner Erinnerung« geworden zu sein schien, die Gründung einer Zeitung vorgeschlagen, deren spiritus rector Meister Wendl sein solle – eine Idee, die der Graf mit Begeisterung aufgriff. Diese Zeitung sollte das Organ der Vermittlung zwischen dem Meister und der Welt bilden; der Graf wolle auch dafür sorgen, daß sich ein Kreis von schreibekundigen Jüngern um den Meister versammle, damit »alle seine dunklen Worte in eine gemeinverständliche Fassung gebracht und den niedrigeren Intelligenzen verdolmetscht« würden. Ein solches Unternehmen müsse ohne Zweifel das ganze geistige Leben der Gegenwart reformieren; erst jetzt werde die alte Erfindung der Buchdruckerkunst ihre wahre segensreiche Kraft entfalten können, denn das gedruckte Wort reiche ja unendlich weiter als das gesprochene und geschriebene; ein neuer Menschheitsbund, ein Bund der erlesensten Geister werde auf diese Weise ins Leben treten; neue Geisteskräfte, die bisher in der Menschheit geschlummert hätten, würden Gestalt annehmen und zu wirken beginnen ...

Die gräflich Hermosasche Phantasie hatte ein bereitwilliges Gefäß gefunden, aus dem sie nun, erwärmt durch die Flamme dieses naiven Herzens, wieder überfloß. Pipin glaubt, was er sagt, er ist innig überzeugt davon – und doch ist er ein schlechter Apostel. Man hört ihm zu und lächelt. Man lächelt – selbst wenn man ihm so gutgesinnt ist wie ich.

Er bemerkte es und stutzte. »Sie sind also nicht der Meinung, daß eine solche Zeitschrift Erfolg haben müßte, gnädige Frau? Aber wenn zwei Menschen wie Meister Wendl und der Graf die Welt nicht in Bewegung setzen können, wer sollte es dann? Da muß doch was ganz Großartiges zu Stande kommen, nicht? Meinen Sie nicht?«

Ich fand es in diesem Augenblick unmöglich, seinen guten Glauben zu stören. »Warten wir erst, bis die Zeitung herauskommt«, sagte ich ausweichend. »Bis dahin ist ja noch lange Zeit –.«

»Oh nein! Die Vorarbeiten sind weiter fortgeschritten, als Sie denken –«

»Aber einen Verleger oder Herausgeber, kurz einen Menschen, der das Geld dazu hergiebt, werden Sie nicht so leicht finden, fürcht' ich –«

Pipin errötete wieder heftig. »Der ist schon gefunden«, versetzte er mit niedergeschlagenen Augen. »Der Graf wird Herausgeber und – ich Eigentümer sein.«

»Das heißt, Sie werden derjenige sein, der die Geschichte bezahlt? Denn Sie wissen doch, der Graf hat kein Vermögen?«

»Ganz richtig! Der Graf wird seinen Teil im Geistigen beitragen und ich im Materiellen, so haben wir es vereinbart, und so ist es auch in Ordnung. Umgekehrt ginge es freilich nicht!«

Dabei lachte er von Herzen. Und mit seiner wichtigsten Miene erzählte er, alles sei schon bis ins kleinste Detail ausgedacht und durchgesprochen – sogar einen Namen habe der Graf schon gefunden. »Leiweriam«, so werde das Blatt heißen.

»Leiweriam? aus welcher Sprache ist das?«

»Aus gar keiner. Es ist kein Sinnwort, sondern ein Klangwort, wie der Graf sagt, nämlich ein Wort, das nicht einen Begriff auslöst, sondern durch den bloßen Klang ein Gefühl. Auf das Gefühl muß man wirken, nicht auf den Verstand, das ist die Ansicht des Meisters; und darin liegt nach seiner Meinung der große Fehler der europäischen Kultur, daß sie den Verstand der Menschen hypertrophiert hat, daß sie sozusagen eine Ueberproduktion an Bewußtsein erzeugt hat –«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte ich eilig. Wenn nun auch Pipin anfängt, zu predigen und Weltanschauung zu propagieren –!

* * *

Abends bei Tisch, bevor der Graf da ist.

Dr. Kranich zu Pipin: »Wir müssen wieder einfältig werden, Pipin, schlicht und einfältig wie unsere Großväter. Unser Brot selbst backen, unseren Kohl selbst bauen, eine Familie gründen, an unserem Charakter arbeiten. Keinen Alkohol mehr, kein Nachtkaffeehaus! Auch keine französischen Romane mehr: Die Bibel als einzige Lektüre, dieses Buch voll strenger Seelengröße und Sittenreinheit –«

Elmenreich: »Mna!«

Pipin nachdenklich: »Jetzt weiß ich nicht, Dr. Kranich, meinen Sie das mit dem Kohl bauen und dem Brot backen wörtlich oder nur so allegorisch? Und warum eigentlich soll man das alles selber machen?«

Dr. Kranich: »Um des inneren Friedens willen.«

Elmenreich: »Lieber Arthur, Sie ergeben sich neuestens einem unverantwortlichen Kultus der Phrase. Sie bemerken gar nicht, daß Sie da einen sehr gewöhnlichen Kurs eingeschlagen haben. Das ganze Leben des gewöhnlichen Menschen besteht aus einer Summe von Phrasen. Sobald man aber diese Phrasen auf ihren reellen Gehalt hin durchdenkt –«

Dr. Kranich, in seinem wohlwollendsten Ton:

»Lieber Elmenreich, Sie bewerten die Phrase ganz falsch. Sie sind eben leider ein Intellektualist. Der Intellektualist denkt über die Phrase nach und vernichtet damit ihre wahre Funktion. Die Phrase ist bestimmt, Empfindungen zu wecken und Instinkte auszulösen. Deshalb ist die Phrase das Wirksame und Mächtige; Gedanken aber sind das Ohnmächtigste, was es auf der Welt giebt.«

Elmenreich: »Nur, solange die große Mehrzahl noch auf dem Standpunkte der Negerintelligenz steht, für die das Denken etwas Unerträgliches ist. Man müßte eben die Leute vor allem denken lehren, denken –«

Dr. Kranich: »Um Gottes willen, das fehlte gerade noch, daß auch der Mob anfinge zu denken! Lassen wir doch der großen Mehrzahl ihre gesunde Dummheit; der gebildete europäische Mensch ist ohnedies nur mehr ein Erkenntniskrüppel und Begriffsidiot.«

Hier ergreift Pipin mit glänzenden Augen seine Hand. »Wie glücklich bin ich, daß Sie auch dieser Ansicht sind!« sagt er frohlockend. »Ja, wenn wir solche Bundesgenossen finden –«

»Bundesgenossen? Wir?« Dr. Kranich runzelt seine schöngeschwungenen Augenbrauen.

»Ja, Bundesgenossen, oder wenn Sie wollen, Mitarbeiter! Sie müssen Mitarbeiter unserer Zeitschrift werden, Sie haben ganz dieselben Ansichten und Gesinnungen wie wir; wir haben eine gemeinsame – eine gemeinsame Weltanschauung –«

Dr. Kranich maß ihn vom Fuß zum Kopf mit einem boshaften Blick. Dann sagte er freundlich lächelnd:

»Oh, haben wir das? Wenn es Ihnen Spaß macht – Ihr Mitarbeiter, Pipin, kann ich werden; aber den Meister und den Grafen lassen »wir« aus dem Spiel. Mit denen haben »wir« keine gemeinsamen Bestrebungen!«

»Aber ja, die müssen doch dabei sein! Ohne die geht es doch nicht!«

Dr. Kranich lächelt ohne zu antworten. Dieses Lächeln ist vieldeutig und unergründlich, es ist voll Mutwillen und Bosheit, voll Behagen und Hinterlist, voll Selbstgenügsamkeit und Menschenverachtung – bestrickend und abschreckend zugleich.

*

Pipin schöpft tief Atem und wendet sich zu Elmenreich:

»Und an Sie, Herr Doktor, habe ich auch eine Bitte –«

Elmenreich: »Durch Bitten ist bei mir nichts zu erreichen, lieber Pipin.«

Pipin: »O ich werde nicht nachlassen! Ich werde Sie so lange bitten, Herr Doktor, bis ich Ihnen lästig werde, bis Sie ja sagen, nur um mich los zu werden. Bitten, bitten werde ich – und Sie können keinen Widerstand leisten, wenn man bittet, deshalb sagen Sie, daß man durch Bitten nichts bei Ihnen erreicht.«

Elmenreich, halb ärgerlich, halb liebevoll: »Kindskopf!«

Pipin: »Also ich fange gleich an! Machen Sie es mir leicht – was liegt Ihnen denn daran? Sie sind ja doch viel zu gerecht und zu objektiv, als daß Sie einen Menschen wie Meister Wendl nach einem einzigen mißglückten Versuch beurteilen wollten –«

Elmenreich, barsch: »Davon kein Wort mehr! Dorthin bringen Sie mich nicht, daß Sie's nur wissen. Machen Sie doch Ihre Augen auf, Pipin! Sie waren ja bis vor kurzem ein leidlich vernünftiger Bursche! Es wäre mir leid, wenn Sie in die unrechten Hände kämen. Sagen Sie mir nur, was suchen Sie denn dort oben bei diesem Verschleißer von verschimmelten Weltanschauungen? Glauben Sie wirklich, so ein Amateur-Apostel, der das Religionsstiften als Sport betreibt, kann von einem modernen Menschen ernst genommen werden?«

»Anfänglich schien mir das auch; aber jetzt bin ich bekehrt. Meister Wendl ist etwas, wofür wir modernen Menschen leider kein Verständnis haben – er ist ein Weiser!«

»Sie meinen wohl, Pipin, man braucht bloß ein Dutzend alter Schmöker gelesen und aufgehört haben, sich zu waschen, um ein »Weiser« zu sein? Sie meinen wohl, man ist schon ein »Weiser«, wenn man einen haarigen Mantel trägt und mit Scherben aus der metaphysischen Rumpelkammer hausieren geht? Solche Weise können wir alle jeden Tag werden!«

»Aber warum werden wir es nicht, wenn das so leicht ist?«

»Weil wir zu viel seelisches Anstandsgefühl haben, mein lieber Pipin! Weil wir nicht schamlos genug sind, uns als Narren aufzuspielen! Weil wir nicht unredlich genug sind, zusammengelesene Gedanken für eigene auszugeben! Weil wir nicht –«

In diesem Augenblick kam der Graf. Da brach Elmenreich sofort das Gespräch ab.

Illustration from Pipin: Ein Sommererlebnis

(Aus einem Briefe.)

3. September 1893.

... Der Herbst verkündigt sich. Und er verkündigt sich hier wie der Frühling und der Sommer – durch Regen. Aber dieser Regen ist noch ausgiebiger, noch eindringlicher, noch hartnäckiger. Er fällt mit der eiligen Wucht eines Platzregens vom Himmel, zwei Tage, drei Tage, vier Tage, unausgesetzt, eintönig, hoffnungslos. Und kein Windstoß kommt zwischen den hohen Bergwänden herein; unbeweglich liegen die Wolken auf den Abhängen, und alles Wasser, das sie heruntergießen, steigt unverweilt aus den Wäldern wieder zu ihnen hinauf.

Der Wirt und die Kellner gehen mit Armensündermienen herum und entschuldigen sich von früh bis abends für dieses unverantwortliche Wetter. Stündlich sehen sie nach, ob es denn noch nicht schneien will. Denn »wenn's schneit, wird's schön«, und dann beginnt die große Herrlichkeit des Herbstes, das beständige Wetter, auf das sie die Gäste unermüdlich von Woche zu Woche vertröstet haben.

Aber jetzt ist der Zorn über den »ewigen Regen« nicht mehr zu beschwichtigen. Die Langeweile wächst und mit der langen Weile der Ueberdruß an den Genüssen des Landlebens. Alle Promenaden, alle Aussichtspunkte, alle Jausenstationen hat man unzählige Male abgegrast; was steht da noch Großes zu erwarten, wenn auch nächste Woche wieder schönes Wetter wäre? Und die Vorstellung der Stadt mit ihren Kaffeehäusern und Theatern, mit ihrem vielsagenden Lärm und ihrem geschäftigen Hinundher, das den Eindruck einer so wunderbaren Wichtigkeit in der Seele der Müßiggänger erzeugt, wird täglich unwiderstehlicher. Flucht, Flucht von allen Seiten. Der Speisesaal ist schon halb leer, und so still geht es zu, daß Elmenreich mit seiner lauten Stimme für sämtliche Anwesende spricht, sobald er eine Bemerkung macht. Er ist der Chorführer der Mißvergnügten; von Tisch zu Tisch steigert sich beim Eintreten sein Grimm über die unerhörten Unbilden der Witterung. »Morgen früh reise ich ab«, das ist sein stehendes Wort. Da er alle Anwesenden kennt und mit jedem dritten Menschen einen Händedruck wechselt, dauert es stets ziemlich lange, bis er in den Hafen unseres eigenen Tisches einläuft ...

* * *

Im Speisesaal. Dr. Kranich zu Elmenreich, der eben seine Bekannten absolviert hat:

»Eine scheußliche Unsitte, dieser europäische shakehands-Verkehr! Man sieht, daß Sie noch robuste Nerven haben, Elmenreich, die gesegneten Nerven der früheren Generation! Alle diese heißen oder kalten, fetten oder knochigen, schwitzenden oder klebrigen Hände der Reihe nach in die meine zu bekommen – fi donc! In diesem Punkt halte ich es mit den Chinesen, die das Christentum ablehnen, weil die Missionäre ihnen gleichzeitig das Handgeben angewöhnen wollen.«

Statt zu antworten, starrte Elmenreich mit angespannter Aufmerksamkeit auf die Eingangsthür. Man sah durch die Scheiben eine Ansammlung von Regenschirmen und Regenmänteln, die sich eine Zeitlang draußen herumbewegten, ehe die Glasthür sich öffnete.

Dann trat Pipin mit Eugenie ein, hinterdrein die Stiefmutter an der Seite des Grafen. Sie ließen sich an einem Tische in einiger Entfernung von uns nieder. Der Graf schien sich verabschieden zu wollen, obwohl die Stiefmutter ihn mit ihrem zuthunlichsten Lachen zum Bleiben nötigte, und schon einen Stuhl zurechtrückte. Allein erst, nachdem Pipin sich ins Mittel gelegt hatte, setzte sich der Graf, zögernd und widerwillig, nieder. Mutter und Tochter bemühten sich fortwährend angelegentlich um ihn; Eugenie wurde beinahe lebhaft und ihre Augen leuchteten in erhöhtem Glanz, so oft sie sich auf das Gesicht des Grafen richteten.

Elmenreich hatte aufgehört zu essen. Sprachlos verfolgte er die Dinge, die da drüben geschahen, als seien es die seltsamsten und unerhörtesten Vorgänge.

Er murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Und dann zu mir gewendet, blaß vor Erregung:

»Sehen Sie, das ist es, was ich an den Weibern verächtlich finde: diesen Mangel an Ehrgefühl, diese Unfähigkeit zu unterscheiden! Unglaublich! Sich so gewohnheitsmäßig anzubieten, ohne jede Empfindung dafür, was für ein Exemplar man vor sich hat! Es ist eine Schmach!«

Das sagte er halblaut in seinen Bart, unverwandt hinüberstarrend. Endlich stieß er seinen Sessel zurück, legte die Serviette mit einem Faustschlag auf den Tisch und ging hinüber.

Dort begrüßte er kurzangebunden die Damen, übersah den Grafen und setzte sich demonstrativ zwischen diesen und Eugenie. Das Gesicht des Grafen hellte sich auf, dasjenige Eugeniens verfinsterte sich.

Ich bemerkte zu Dr. Kranich, Elmenreich mache es wie die Hunde, die einen Bissen stehen lassen; aber wenn ein zweiter kommt, der danach schnappt, so wollen sie ihn doch selber haben.

»Stimmt nicht ganz«, antwortete Dr. Kranich lächelnd. »Denn hier ist kein zweiter Hund, der nach dem Bissen schnappt. Zum mindesten nicht der Graf.«

»Dann aber verstehe ich wirklich diese Eifersucht nicht.«

»Es ist auch nicht Eifersucht. Einer so simplen und primitiven Empfindung ist Elmenreich gar nicht fähig.«

»Wenn nicht Eifersucht, was ist es sonst?« Dr. Kranich zuckt die Achseln. »Giebt es nicht viele Empfindungen, für die wir noch keine Etikette besitzen? Der Fall Elmenreich scheint so zu liegen: Elmenreich hält diese junge Dame nicht für geeignet, die Würde seiner Frau zu bekleiden. Er achtet sie nicht. Néanmoins ist er verliebt in sie – und darum wird er immer wild, wenn sie etwas thut, was ihm besonders unwürdig erscheint. Denn seine Liebe möchte gar zu gern über seinen Verstand Herr werden, wie das so üblich ist bei der Liebe. Elmenreichs Verstand ist aber nicht unterzukriegen; er sitzt ihm auf dem Genick wie der gelbe Zwerg im Märchen, und Elmenreich muß dorthin laufen, wohin der befiehlt. Und weil der gelbe Zwerg um eine Nasenlänge über den Menschen Elmenreich hinausragt, so hält ihn dieser für ein höheres Wesen, und reicht ihm unterthänigst sein Herz zum Fraße hin. Manchmal aber will sich das Herz nicht gutwillig fressen lassen – und dann wird Elmenreichs Betragen eben »unverständlich«.

* * *

In einer Regenpause ging ich heute mit ihm den Fußweg um den See. Der Weg ist beinahe einsam geworden, so viele Sommergäste hat das schlechte Wetter schon vertrieben. Alle Uebriggebliebenen benützen den ersten trockenen Augenblick, um wieder ihren Spaziergang anzutreten; Elmenreich findet noch genug Hände zu schütteln.

Auch Eugenie mit ihrer Stiefmutter kommt uns entgegen.

Es war an einer Stelle unweit des Ortes, wo der Weg eine ziemlich lange Strecke geradlinig fortläuft; man kann dort einen Kommenden schon von weitem erblicken. Auf einmal machten die beiden Damen kehrt und gingen ihren Weg wieder zurück. Nach einigen hundert Schritten bogen sie in einen Seitenweg ein, der dort mündet. Es war die ganz unzweideutige Ablehnung einer Begegnung.

Elmenreich hatte im ersten Moment seine Schritte beschleunigt; dann blieb er stehen und sah starr den Verschwindenden nach. Mit einem finster schmerzlichen Ausdruck schüttelte er ein paarmal den Kopf wie über etwas Unbegreifliches, für das es nach dem normalen Verlauf der Dinge keine Erklärung giebt. Es schien mir, als ginge ihm dieser kleine Zwischenfall sehr nahe, mehr noch, daß er ihm unverhältnismäßig wehe that.

Da es ganz vergeblich ist, zu seiner Seele im Augenblick der Empfindung einen Zugang zu suchen, begnügte ich mich, gleichfalls nur den Kopf zu schütteln. Aber selbst dieses Kopfschütteln war schon ein zu eigenmächtiger Eingriff in sein Erleben. Kaum bemerkte er es, da wurde seine Miene gleich beherrscht und kalt. Er lachte höhnisch auf.

»Sie sehen, gnädige Frau, ich bin in Ungnade gefallen! Das Fazit ist, daß man mich ausstreicht und sein Glück anderwärts versucht. Ist es der eine nicht, so ist es der andere. Fräulein Eugenie scheint übrigens eine Vorliebe für uneinnehmbare Festungen zu haben: je unzugänglicher man ist, desto erpichter wird sie. Sie gehört offenbar zu jenen Weibern, denen gegenüber man sich nach bekanntem Rezept mit einer Peitsche bewaffnen muß. Mna! Jetzt ist sie aber an die unrechte Adresse gekommen; da könnte sie höchstens reüssieren, wenn sie selbst die Peitsche in die Hand nähme. Pfui Teufel! So gar keinen Instinkt zu haben!«

In dieser lieblosen und geringschätzigen Weise redete er einige Minuten lang hastig, mit gezwungenem Lachen dazwischen. Dann verstummte er wieder, verlor sich in Gedanken, vergaß seine Miene, die in ihren früheren schmerzlichen Ausdruck zurückfiel. Endlich auffahrend:

»Verzeihen Sie, gnädige Frau: aber dieser langsame Schritt ist mir heute unerträglich. Manchmal hat man das Bedürfnis, sich ordentlich auszulaufen. Ich verabschiede mich – Sie verzeihen!«

Er ging in heftigem Tempo vorwärts, bis er die Abzweigung des Weges erreichte, welche die Entflohenen benützt hatten. Auf dieser Abzweigung verschwand auch Elmenreich wie mit Siebenmeilenstiefeln ...

* * *

Pipin unternimmt unermüdlich neue Angriffe auf die Festung Elmenreich. Als er heute abermals mit dem Zeitungsprojekt herausrückte, faßte ihn Elmenreich wieder einmal bei den Schultern und schüttelte ihn, als ob er ihn mit Gewalt aus einem Traume aufwecken wollte.

»Mensch, Mensch, so nehmen Sie doch Vernunft an! Wozu habe ich Ihnen denn kürzlich meine Meinung gesagt? Nützt denn gar nichts bei Ihnen?«

Pipin richtete sich mit Heiterkeit seinen Rock, den ihm Elmenreich halb ausgezogen hatte. Nun ja, Elmenreich habe neulich einige Witze über den Meister gemacht – aber er könne doch nicht annehmen, daß er, Pipin, auf ein paar gelungene Witze hin im Ernst von dem Meister und dem Grafen abfallen werde?

Und dann begann er gleich wieder, mit inständiger Beharrlichkeit in Elmenreich zu dringen, daß er »mitarbeiten« solle. Er war mehr denn je durchdrungen davon, daß etwas geschehen müsse, daß die Zeit gekommen sei, und wiederholte alles, was er mir darüber gesagt hatte, mit eindringlichem Nachdruck zu Elmenreich, ohne sich durch dessen unaufhörliche Unterbrechungen beirren zu lassen. Der geduldige Zuhörer Pipin hatte endlich selbst einmal das Wort an sich gerissen und behauptete es dem ungeberdigsten aller Zuhörer gegenüber durch die Gewalt seiner Ueberzeugung.

»Geschehen, geschehen, was soll denn geschehen?« schrie Elmenreich endlich erbittert. »Können Sie die Gesetze ändern, nach denen sich alles Geschehen unabänderlich vollzieht? Sehen Sie denn nicht ein, daß alles Geschehen bloß der Ausdruck für einen Zustand ist? Ja, die Welt ist schlecht und gemein – diese alte Wahrheit braucht gar keiner Bestätigungen mehr. Aber zu ändern giebt es da nichts. Ich werde Ihnen das an einem naheliegenden Exempel beweisen: wenn ein Mensch, der voll Güte und gutem Glauben ist, ausgenützt und mißbraucht wird, so ist das sehr häßlich und sehr traurig – aber er wird ausgenützt und mißbraucht, weil er wehrlos ist gerade durch seine Güte und seinen Glauben, sintemal die Menschen Raubtiere sind, die über den Wehrlosen herfallen und ihn auffressen. Dieses einfache Exempel schreiben Sie sich hinter die Ohren, Pipin, und geben Sie sich nicht dazu her, den verkappten Ehrgeiz anderer Personen mit Ihrem guten Geld und Ihrem guten Glauben zu bezahlen.«

»Aber wenn mich Ihr einfaches Exempel gar nicht überzeugt? Ich meinesteils kann nicht finden, daß die Menschen der Güte und Gläubigkeit ausgenützt und mißbraucht werden; warum sollte ich da annehmen, daß die Menschen im allgemeinen Raubtiere sind –?«

»So, Pipin? Sie sind also in Ihrem Leben noch nie ausgenützt, noch nie mißbraucht worden?«

»Ach Gott, mich meinen Sie mit Ihrem Exempel, Herr Doktor? Nun ja, es ist ein paarmal vorgekommen, daß mir hinterdrein Gedanken darüber aufgestiegen sind, ob ich in einer Sache nicht der Gefoppte war. Aber wenn auch – was liegt denn da dran? Sie sagen ja selbst, daß das schon einmal so ist und nicht zu ändern. Also giebt es in einem solchen Fall nichts, als sich mit Heiterkeit in das Unvermeidliche ergeben und sich denken, daß es auf ein paar Gauner und Gaunerstreiche mehr oder weniger nicht ankommt; deshalb bleibt die Welt doch voll von lieben, wunderbaren, großartigen Menschen –«

»Mna –«

»Und weil Sie schon mich als Exempel genommen haben: auf mich paßt es am allerwenigsten. Denn ich bin ja ein besonders bevorzugter Mensch, ein wahres Glückskind, dem lauter unverdiente Herrlichkeiten in den Schoß fallen. Muß denn mein Herz nicht übergehen vor Glück und Dankbarkeit, wenn ich sehe, wie ich unablässig von allen Seiten königlich beschenkt werde? Gleich zum Beispiel – Sie, Herr Doktor! Sie meinen es so gut mit mir, daß Sie sogar dem Grafen und dem Meister Unrecht thuen, weil Sie denken, die beiden könnten am Ende mit mir nicht ganz aufrichtig umgehen –«

Er ergriff Elmenreichs Hand und sah ihn mit seinen lichtblauen Augen beweglich an. Unversehens fiel er ihm um den Hals.

Elmenreich machte sich von ihm frei. »Was sind das für Kindereien!« sagte er unwirsch. Und gleich beschleunigte er seine Schritte, und ging allein voraus.

Betrübt sah ihm Pipin nach. Als er aber bemerkte, daß Elmenreich in einiger Entfernung stehen blieb, um uns wieder herankommen zu lassen, sagte er ganz beglückt:

»Er wird doch nachgeben, glauben Sie nicht, gnädige Frau? Er hat ja ein so weiches Herz; deshalb ist er immer so grob.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

5. September 1893.

... Es ist, als ob er die Menschen von innen heraus erleuchtet sähe, in strahlenden, feurigen Farben, wie seltene Blumen, deren Anblick das Herz höher schlagen macht. Und das versetzt ihn zuweilen in Anfälle der Entzückung, daß er mit nassen Augen herum geht und sich selig preist, daß er auf der Welt ist. In solchen Augenblicken scheint sich die verborgene Schönheit und unzugängliche Tiefe jeder Eigenart vor ihm aufzuthun und ihn zum Eingeweihten ihrer letzten Geheimnisse zu erheben. Dann begreift er alles mit liebreichem Verständnis, auch das ihm Entgegengesetzte, auch das ihm Feindliche – er betrachtet es durch ein anderes Medium als durch seinen bescheidenen Verstand, mit einer Helligkeit und Ueberlegenheit der Seele, die aus irgend einer unbekannten, besonderen Fähigkeit entspringt.

Wenn seine Psyche in ihren alltäglichen Zustand zurückfällt, wird allerdings wieder die Unzulänglichkeit seiner intellektuellen Mittel das Vorherrschende.

»Pipins maîtresse facultée ist die Dummheit«, sagte neulich Dr. Kranich; »ehren wir sie und lassen wir sie walten, wie es ihr gebührt.« Dr. Kranich hat etwas mit Pipin gemein: er betrachtet wie dieser alles, was geschieht, als gut – allerdings aus einer weniger liebevollen Grundstimmung der Seele. Als das regierende Weltprinzip erkennt er das Gesetz an, daß der Schwächere durch den Stärkeren aufgefressen wird: und weil es das Weltprinzip ist, bedeutet es für ihn das Recht nach göttlicher Ordnung. Daher spricht er diesen Grundsatz überall mit Offenheit, ja mit einer Art Unschuld aus.

Als ich ihn fragte, ob er nicht auch glaube, daß die Gemeinschaft, die der Graf mit Pipin angeknüpft hat, nur auf eigennützige Absichten zurückzuführen sei, und daß Pipin in dieser Zeitungsgeschichte um sein Geld gebracht werden wird, versetzte er beinahe entrüstet:

»Da fragen Sie noch, gnädige Frau? Das ist doch selbstverständlich –!«

Und auf meinen Einwand, daß man doch versuchen müßte, diesen armen Pipin davor zu bewahren:

»Für einen Menschen wie Pipin ist es by all means eine Ehre, mit zwei relativ interessanten Persönlichkeiten, wie der Graf und Herr Wendl, zusammen zu sein. Und wenn er für diesen Umgang tüchtig zahlen muß, so ist das nur in Ordnung ...«

* * *

(Aus einem Briefe.)

7. September 1893.

... In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als sollte Elmenreichs Herz über den gelben Zwerg – wie Dr. Kranich seinen Verstand nennt – triumphieren. Seit Eugenie ihre Gunst dem Grafen zugewendet hat, oder genauer gesagt, sich um die Gunst des Grafen bewirbt, hat er seine ablehnende Haltung aufgegeben. Während er sich früher sorgfältig von Eugenie fern gehalten und alle Gelegenheiten, mit ihr allein beisammen zu sein, vermieden hatte, heftete er sich jetzt an ihre Fersen, verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Sogar in eine Tarockpartie mit dem Oberst hat er sich eingelassen – was beinahe mit einem Duell geendet hätte, da er so zerstreut spielte, und der Oberst in seinen Ausdrücken nicht sehr wählerisch ist, wenn es gilt, Vergehen wider den heiligen Geist des Kartenspiels zu rügen.

Elmenreichs Benehmen war freilich nicht das eines zärtlichen Verliebten; aber wenn man mit seiner Art und Weise vertraut ist, konnte man wohl aus seinen bitteren und stacheligen Reden die Erregung heraushören, die in ihm arbeitete. Ich weiß nicht, ob Eugenie verstand, daß er seinen Gefühlen dieses rauhe Gewand anziehen muß, um sich mit ihnen abzufinden; so oft ich sie und ihn beisammen sah, verfiel sie noch immer in jene Ratlosigkeit ihm gegenüber, die von den ersten Zeiten an die Schwäche ihrer Stellung bildete. Jetzt aber verbarg sie ihre Ratlosigkeit unter einer hochmütigen Gleichgiltigkeit – und, gespielt oder echt, diese Gleichgiltigkeit gab ihr eine viel größere Macht über ihn als ihre früheren Bemühungen, ihm zu gefallen. Damit hielt sie ihn beständig in Atem, damit lenkte sie diesen widerhaarigen Liebenden nach ihrem Willen, zwang ihn, sich zähneknirschend zu unterwerfen. Er hat wahrhaftig kein glückliches erotisches Temperament: Die Liebe ist bei ihm kein Aufblühen seines ganzen Wesens, keine freudige Verschmelzung der eigenen Person mit einem anderen Ich: sie ist ein wilder Kampf gegen das Eindringen einer fremden Gewalt, eine Empörung, eine Rebellion. Der gelbe Zwerg geberdet sich wie ein Rasender, verfällt in Krämpfe, schlägt alles nieder, was in seinen Bereich kommt. Dennoch unterlag er Schritt für Schritt. Elmenreichs Laune wurde im selben Verhältnis schlechter und schlechter – aber sie berechtigte zu der Erwartung, daß in dem Augenblick, als die Entscheidung gefallen war, ein jäher Umschlag eintreten müsse.

Nun, der Umschlag ist eingetreten, – fast gleichzeitig mit dem schönen Wetter – aber die Entscheidung ist ausgeblieben. Irgend etwas hat sich zwischen Elmenreich und Eugenie ereignet – niemand kann erraten, was. Mit einem Male hat er seine Ruhe und Sicherheit zurückgewonnen, geht mit spöttischer Höflichkeit an derjenigen vorüber, die noch kurz vorher nur in seiner Sehweite aufzutreten brauchte, um ihn in einen Zustand nervöser Unruhe zu versetzen. Der Fieberanfall ist wieder überstanden – auf einen äußeren Anlaß hin, oder durch eine innerliche Wandlung, wer weiß es? Treibt er bloß ein grausames Spiel mit ihr? Unterhielt er sich damit, bei ihr Hoffnungen zu erwecken, um in dem Augenblick, als sie darauf eingehen will, ihr hohnlachend den Rücken zu kehren? Ich bemühe mich vergeblich, einen Schlüssel zu finden; wieviel er auch redet, über seine wahren Empfindungen läßt er sich doch keine Andeutung entschlüpfen. Er geht mit einer selbstzufriedenen Miene herum, die er sonst nicht hat, mit der Miene eines Siegers, oder mindestens eines Menschen, der einer Gefahr glücklich entronnen ist. Diese Miene scheint zu sagen: mich kann man nicht täuschen; ich behalte immer Recht.

Aber du wirst sagen, daß solche Interpretationen fremder Mienen etwas ganz Willkürliches sind. Ach, Liebster, unser ganzes Wissen von dem, was in den Seelen unserer Nebenmenschen vorgeht, ist ja nichts als eine willkürliche Interpretation! ...

* * *

Entwölkung. Eine unwiderstehliche Gewalt liegt in diesem Wetterschauspiel; die Seele verwandelt sich mit dem Himmel. Alles Schwere, Trübe scheint zu versinken, sich zu verflüchtigen, sich in eine himmlische Bläue aufzulösen.

Nun ruht das Firmament wie ein seidenes Zelt auf den beschneiten Gipfeln. Und in der tiefen Windstille dieses Thalkessels, unhörbar und unsichtbar, hebt die Luft ein wundersames Spiel an. Sie fließt von der blauen Kühle der Felsenwände herab und bringt den Hauch des Schnees mit sich; sie legt sich auf die sonnigen Matten hin, wo sie an den späten Blüten würziger Kräuter nippt, und schwebt erwärmt empor, um sich mit dem feuchten Atem der Wälder vollzusaugen, streicht über die taufunkelnden Wipfel, in deren Schatten sie sich erfrischt, bis sie wieder herabsinkt und auf dem Spiegel des Sees hingleitet, trunken von Düften, von allen zarten Gaben des Waldes, der Wiese, des Wassers. In diesem Spiel wird sie zu einem reineren, leichteren, freudigeren Element; man atmet sie, man überläßt sich ihr, geneigt, an alles zu glauben, wovon die hohen und einsamen Geister geträumt haben, wenn ihre Stimmung lauter, frei und spielerisch war wie die Luft des Hochgebirges.

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Wir fahren im Boot; Pipin rudert, Elmenreich sitzt ihm gegenüber und steuert. Als Pipin bemerkt, daß Elmenreich ungewöhnlich guter Laune ist, fängt er gleich an: »Aber nicht wahr, Herr Doktor, zeigen wenigstens darf ich Ihnen die Vorarbeiten zu unserer Zeitung? Wenigstens ansehen werden Sie sich ein paar Blätter?«

Elmenreich, zwischen Aerger und Gelächter: »Gott steh mir bei, was für eine Wanze hab' ich mir in diesem Pipin zugezogen! Wenn ich gewußt hätte, daß der Besuch da oben mir so teuer zu stehen kommen sollte –«

Pipin hört auf zu rudern, legt seine Hand auf Elmenreichs Knie und sagt überredend: »Eines dürfen Sie aber nicht leugnen, Herr Doktor: der Meister hat Dinge gesagt, die – die Ihnen aus der Seele gesprochen waren, Dinge, die einen Eindruck auf Sie gemacht hätten, wenn Sie sich nicht absichtlich widersetzt hätten!«

Elmenreich wird sehr aufmerksam. Er richtet einen scharfen Blick auf Pipin. »Dinge, die mir aus der Seele gesprochen waren? Ich verstehe nicht ganz, Pipin – was für Dinge denn?«

Pipin, arglos: »O verstellen Sie sich nicht, Herr Doktor! Ich habe es ganz gut bemerkt, daß Sie wenigstens über den ersten Teil seiner Rede etwas – etwas betroffen waren. Wie hätte das auch keinen Eindruck machen sollen, da es doch nur Ihretwegen gesprochen wurde, sozusagen auf Sie gemünzt war –«

Elmenreich: »Also das war's! Eindruck sollte auf mich gemacht werden! Man weiß die Stelle, wo ich verwundbar bin, und da läßt man auf diese Stelle zielen. Lieber Pipin, sagen Sie dem Grafen, daß er sich verrechnet hat. Er mag mich für einen Ertrinkenden halten, meinetwegen – aber daß er glaubt, er könne mich mit seinen ausgedroschenen Strohhalmen zu sich an's Land ziehen, das ist einfach komisch. Das Land, auf dem er sitzt, ist keine Gegend für mich, sagen Sie ihm das; lieber kämpfe ich mein ganzes Leben lang mit Wellen und Winden, bevor ich dort vor Anker gehe. Wenn man ausgefahren ist, um einen neuen Weltteil zu entdecken, darf man nicht vor dem hohen Meer bange werden ... O diese Weltumsegler! Es geht ihnen umgekehrt wie dem Kolumbus: sie verkünden mit Triumph, daß sie eine neue Welt entdeckt haben, und bemerken gar nicht, daß sie in den wohlbekannten alten Hafen eingelaufen sind, wo schon seit längeren Jahrtausenden alle abgetakelten und seeuntüchtigen Herrschaften zu landen pflegen.«

Er war sehr vergnügt geworden. Etwas wie Stolz funkelte in seinen Augen; unter seinem mächtigen Bart kräuselten sich seine Lippen in einem mutwilligen Lächeln.

Als er Pipins niedergeschlagene Miene bemerkte, klopfte er ihm auf die Schulter:

»Na Pipin, Kopf hoch! Sie sind als Lotse ausgeschickt worden, um ein vermeintliches Wrack einzuholen, und Sie finden ein gutes Fahrzeug, das seinen Kurs fortsetzt – da haben Sie keine Ursache, Trübsal zu blasen, alter Schwede!«

Ein gutes Fahrzeug, das seinen Kurs fortsetzt! War das wirklich derselbe Elmenreich, der bisher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachtete?

Ich konnte mich nicht enthalten, eine Anspielung darauf zu machen: »Aber damals, als wir zum Fest des ersten Versuches unterwegs waren, haben Sie ganz anders geredet, Elmenreich!«

Er sah mich groß an, und verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Pah, eine momentane Verstimmung! Sollte man etwa für jedes Wort einstehen, das man in einem Moment des Verdrusses von sich giebt? Als ob man immer das ganze Programm seiner Existenz auf den Lippen hätte!

Ja aber – wonach könne man einen Menschen sonst beurteilen, wenn nicht nach seinen Aeußerungen?

Man solle eben nicht ewig »beurteilen« wollen –

Also nicht beurteilen, sondern sich eine Vorstellung von ihm machen, von den inneren Zuständen seiner Seele –

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