I. Teil. Elmenreichs Reden. (continued 2)
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»Nun ja, ja«, unterbrach ihn Pipin etwas ungeduldig. »Das ist aber ganz selbstverständlich, da ja das Heiraten in der That das Alpha und Omega für sie bedeutet. Wie sollten sie denn nicht alle Mittel anwenden –«
Aber Elmenreich ist nicht der Mann, der sich unterbrechen läßt. Er fuhr fort:
»Und dann sieht man erst, wie undifferenziert diese zarten und feinen Wesen sind. Wo die äußeren Verhältnisse entsprechende sind, wird ihnen alsbald auch der Inhaber dieser »Verhältnisse« eine interessante, eine anziehende, eine liebenswerte Persönlichkeit, da verzeihen sie alles, da dulden sie alles, da ertragen sie alles, ganz wie es der heilige Paulus von der Liebe will. Man muß sie nur kennen, diese Virtuosinnen der standesgemäßen Liebe, um zu wissen, was man von ihrem leisen Entgegenkommen und ihren verschämten Anbiederungsversuchen zu halten hat –«
»Sie sind ein Weiberfeind«, rief Pipin mit Entrüstung.
»Nein, lieber Pipin, ich bin nur für reinliche Unterschiede. Die Hochschätzung meiner Person ist mir sehr wertvoll bei Frauen, die an meinen übrigen Verhältnissen nicht interessiert sind. Und was die erotischen Vergnügungen betrifft – nun, wissen Sie, Pipin, wenn schon einmal dafür bezahlt werden muß, dann zieh ich diejenigen Personen vor, die diese nackte Thatsache nicht mit dem Brimborium der Liebe überschminken. Alles in allem: um den Preis der Ehe kaufe ich die Erlaubnis nicht, meine schönen Gefühle durch den täglichen Gebrauch abzunützen.«
»Ach Gott, Sie haben ja gar keine schönen Gefühle, sonst würden Sie nicht so reden«, sagte Pipin verzweifelt. »Was helfen alle diese allgemeinen Betrachtungen, wenn sie auch zehnmal richtig sind? Sehen Sie denn nicht, wie die Sachen liegen? Ein schönes, edles, herrliches Geschöpf schmachtet in der erbärmlichsten Umgebung, wird mit Füßen getreten, muß täglich, stündlich alle Qualen erdulden, die nur immer einem höheren Wesen durch niedrige und rohe Menschen zugefügt werden können – und Sie stellen allgemeine Betrachtungen über die Ehe und die standesgemäße Liebe an! Nein, ich begreife Sie nicht, Herr Doktor! Können Sie da wirklich ruhig zusehen? Sind Sie denn in Ihrem Innern nicht der Meinung, daß da etwas geschehen soll?«
»Ich fühle in meinem Innern durchaus keine Nötigung, mich bei jeder beliebigen Andromeda als Perseus aufzuspielen. Und da Sie mich um meine aufrichtige Meinung gefragt haben, so würd' ich auch Ihnen dringend raten, Pipin, sich vor jedem derartigen Versuch zu hüten. Es sollen Fälle vorkommen, wo die befreite Andromeda sich späterhin selbst in einen Drachen verwandelt, der über den voreiligen Perseus herfällt –«
Pipin knöpfte mit zitternden Fingern seinen Rock zu.
»Verzeihen Sie, aber ich bin wirklich nicht imstande, diesen Ton länger auszuhalten«, sagte er und ging hastig weg, bevor Elmenreich ihn zurückhalten konnte.
* * *
Welche seltsame Gewalt die Stimmung der Umgebung ausübt!
Jemand spielte Orgel in der Kirche. Gedämpft drangen die Töne heraus wie aus einer unbestimmten, raumlosen Ferne; zuweilen schwollen sie heulend an, zuweilen starben sie in ein ersticktes Flüstern hin. Es dämmerte; die tiefherabhängenden Wolken färbten sich mit einem schwermütigen Violett und zerrissen hier und dort. Dann sah man auf graue Felswände oder schwarze Wälder wie auf unbegreifliche fremde Welten. Aber nur in einer kurzen Vision; die Nebel zogen sich wieder darüber, wallten abwärts, aufwärts, in einem lautlosen, feierlichen Spiel, ruhevoll geschäftig wie in verschwiegener Vorbereitung wunderbarer Dinge.
Elmenreich steht neben einem der Grabsteine und betrachtet in tiefem Nachdenken den Rasengrund, der so viele menschliche Leiber verschlungen hat. Nach einem langen Schweigen richtet er sich aus seiner Versunkenheit auf.
»Diese Musik, diese furchtbare Musik! Gehen wir doch fort! Ich kann die Musik nicht ertragen! Sie reißt etwas auf in meinem Innern, das sonst verschlossen ist, und alle dunklen Gestalten kommen daraus hervor, die ich nicht sehen will, die ich nicht hören will –«
In seiner Stimme war jener Ton des Leidens, der immer mitklingt, wenn er von sich selber spricht. Und ich sagte: »Ja, lassen Sie uns gehen. Es ist besser, man räumt der Musik keine Gewalt ein; sie verspricht immer etwas, ohne es zu halten –«
Aber er hörte mich gar nicht, und er ging auch nicht fort. Er blieb an der niedrigen Mauer lehnen, das Gesicht hinausgewendet gegen den Himmel. Die alten, verfallenen Grabsteine ragten neben ihm auf wie Geistererscheinungen, stumme, hoffnungslose Zeugen, daß alles Leben ewig in dem ungeheuren Ozean des Nichts ertrinkt.
Und ich glaubte zu wissen, was in dieser schweigenden, versunkenen Gestalt vor sich ging. Deutlich als hätte ich sie eben vernommen, lebten die Worte in meiner Erinnerung auf, die er einst in einer ähnlich feierlichen Stunde zu mir sagte, die Worte, die einen so großen Eindruck auf mich machten, daß sie mir der Schlüssel zu seinem ganzen Wesen geworden sind.
»Ich bin mit dem Leben unzufrieden, es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben darauf hin ansehen ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Man könnte aber auch das Leben einmal unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachten – und in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß es nichts wert ist, ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...«
Oft seither, wenn ich ihn stumm und finster vor sich hinbrüten sah, dachte ich mit einem Schauer, daß er vielleicht jetzt über Leben und Tod entscheide. Mit einem Schauer fragte ich mich oft, ob wohl der Termin, den er sich gesetzt hat, abgelaufen sei. Und Elmenreich schien mir aus der Reihe der gewöhnlichen Sterblichen herausgetreten, dem gemeinen Erleben entrückt. Etwas wie eine höhere Mission schien einen Nimbus um ihn zu verbreiten. Er war ein Richter zwischen Sein und Nichtsein. Deshalb löst er alles Geschehen in Reflexionen auf und verwandelt seine Umgebung in bloße Zuhörer. Er sucht keine Antworten, keine Zustimmung, keine Meinung eines anderen. Ein Argument, das er nicht selbst findet, ist etwas Fremdes und Unbrauchbares für ihn. Und er muß immer allein mit sich bleiben und kann niemals von einem anderen etwas empfangen.
Ueber die grauen Wogen des Nebels kam ein Anhauch von Röte heraufgeflogen. Er setzte die Gegend in ein wundersam verheißungsvolles Zwielicht. Morgen, wenn die Sonne heraufsteigt, werden diese Schleier fallen. Dann stehen alle Gipfel in wolkenloser Klarheit am Himmel und erfüllen die Thäler mit dem Glanz ihres Anblicks – die Thäler, für die ihre grauenvollen Schluchten nur sanfte blaue Schatten, ihre tötlichen Einöden nur leuchtende Sonnenflecke sind.
Das Orgelspiel erhob sich zu einer triumphierenden Schlußkadenz. Die Töne rauschten noch einmal laut auf, schwollen in breiten Fluten herein, den Friedhof mit festlichem Brausen umbrandend.
Dann plötzlich tiefe Stille. Entzaubert, ernüchtert lag die Welt in der grauen Dämmerung. Von der Straße leuchteten die ersten Laternen herüber. Es wurde empfindlich kalt; wie Reif senkte sich die Feuchtigkeit als blasser Schimmer auf die Wiesen.
Elmenreich schüttelte sich wie ein Erwachender. Er wendete sich an mich und begann zu reden.
Aber was er sagte, war nicht das, was ich erwartete. Es war bloß der Kommentar zu seinem gestrigen Gespräch mit Pipin. Ich hatte seine schweigende Versunkenheit ganz falsch interpretiert. Und wie ungerecht es auch sein mochte – ich war verdrießlich darüber und nicht geneigt, auf sein Gespräch einzugehen.
»Ist man nicht ein Narr, wenn man sich vor dem Unglück fürchtet? Was könnte mir schließlich dabei geschehen? Unglücklich werden? Als ob ich jetzt glücklich wäre! Was hat man denn davon, daß man im Leben immer mit heiler Haut davongekommen ist, dank seiner Besonnenheit, dank seiner »höheren Einsicht« –? Man leidet zuletzt an seiner heilen Haut eben so sehr als an allen Wunden der Enttäuschung und Verbitterung. Giebt es etwas Lächerlicheres als die Borniertheit der Erkenntnismenschen, die beständig den Ast absägen, auf dem sie sitzen? ... Eine Illusion, ein Königreich für eine Illusion! In diesem einen Fall einmal nichts durchschauen, nichts besser wissen, in diesem einen Fall glauben und vertrauen, blind sein, aber glücklich, glücklich! Ganz hinschmelzen in der süßen Wärme, die von der Illusion ausströmt! Und warum nicht? Es könnte ja etwas Echtes im Hintergrund sein! Möglicherweise ist doch nicht alles Berechnung, Anempfindung, Komödie! Ich könnte mich doch auch einmal täuschen. Dieses Mißtrauen ist vielleicht nur eine andere Art Verblendung. Man müßte sich eben Beweise schaffen, untrügliche Beweise. Hja! untrügliche Beweise für die Menschen des Mißtrauens! Ohne Beweise zu glauben, da liegt's! Das ist die ganze Kunst, zu lieben. – Aber nur vor allem nicht merken, wer da so geschäftig am Werke ist! Wer da so wütend an der Kette reißt! Wer da die Oberseele verleumdet, um die Geschäfte der Unterseele zu besorgen. Eine angenehme Stellung für das Ich, so als beteiligter Zuschauer dabei zu sein, wie sich die Interessen der Gattung und die Interessen der Persönlichkeit in den Haaren liegen! Diesen Krieg zweier entgegengesetzter Instinktsphären in der eigenen Brust mitzumachen! Und etwas schreit nach Glück, nach Glück, nach Frieden, nach Ruhe – nach allem, was einfach ist und widerspruchslos. Zum Teufel mit der Persönlichkeit, wenn sie Händel anzettelt, wenn sie sich auflehnt, wo sie zu gehorchen hätte! Zum Teufel mit der Einsicht, wenn sie das Leben schwer und kompliziert macht, statt es zu erleichtern! ...«
Unversehens fixiert er mich mit einem prüfenden Blick.
»Nun, und Sie sagen gar nichts?« fragt er beinahe vorwurfsvoll. »Sie müssen doch auch einen Eindruck haben, eine Meinung! Man geht doch an einer solchen Erscheinung auch als Frau nicht gleichgiltig vorüber?«
»Aber Elmenreich! Glauben Sie denn im Ernst, daß meine Meinung den Eindruck, den Sie selber haben, im Geringsten beeinflussen könnte? Meine Meinung würde Sie nur zum Widerspruch reizen – nicht weil Sie sie geringschätzen, sondern eben, weil Sie sich nicht beeinflussen lassen wollen –«
Da lacht er mit seinem kurzen, scharfen Lachen. »Ja, das ist wahr! Ich bin dazu verurteilt, mit mir allein zu bleiben in alle Ewigkeit ...«
