I. Teil. Elmenreichs Reden.
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Elmenreich: »Eine herrliche Gegend? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, gnädige Frau? Gebirge ist das Unerträglichste, was es auf der Welt giebt! Und gar ein solches Gebirge wie hier! Diese Berge ohne Größe der Linien, einer vor den anderen getürmt – eine zwecklose Einengung des Horizontes, weiter nichts. Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals künftig wo anders Erholung suche als am Meer. Der Anblick des Meeres, das ist es, was man braucht; etwas Ungeheures, an das der Mensch nicht herankann, etwas ganz Großes, ganz Wildes, ganz Ungebändigtes, vor dem man den erbärmlichen Schnickschnack der Kultur vergißt. Nichts sehen als Wasser und Himmel, nichts hören als das Rauschen der Brandung, die das Denken einschläfert, dieses gottverdammte Denken, an dem man vor der Zeit alt und hinfällig wird und unbrauchbar für alle guten und gesunden Dinge des Lebens.
Hingegen das Gebirge – pfui Teufel! In den Thälern herumbummeln, auf diesen braven, wohlgeebneten, kiesbestreuten Promenadewegen, wo man dem Regierungsrat Müller und dem Hofrat Mayer und allen übrigen Mayer und Müller der Welt begegnet, während einem die Berge vor der Nase stehen wie zum Hohn! Dort oben die Freiheit, die Einsamkeit, die Größe! Wer aber kann denn jeden Tag auf einen solchen einsamen Gipfel klettern, von dem man drei Tage lang den Knieschnapper behält, nachdem man wieder unten ist? Und dann einsame Gipfel, schon gut! Nicht einmal die halten sich mehr frei von den lästigen sozialen Wesen, von denen die Thäler bewimmelt sind. Das Bergsteigen ist so recht die Erfindung eines banausischen Zeitalters, das nichts Hohes unangetastet lassen kann, eine Erfindung für Alpenvereinsmitglieder, die in der Natur nur die markierten Wege suchen. Einstmals wohnten auf den Bergesgipfeln die Götter; heute – Gott steh uns bei! Giebt es denn noch eine Höhe ohne Schutzhütte und Touristen? Und gar die Zahnradbahnen! Empörend, diese gemästeten Kommerzienräte, vor denen man auch 2000 Meter über dem Meere nicht mehr sicher ist! Das ganze deutsche Flachland hat man jetzt bei uns in den Bergen auf dem Halse! Unlängst, bei einem Ausflug nach Sankt Wolfgang – dieser ehemals so reizende Ort, man möchte blutige Thränen weinen –«
Der Hotel-Omnibus klapperte und rasselte, während wir durch die schlechtgepflasterten Straßen des Marktes fuhren. Elmenreich mußte schreien, um sich verständlich zu machen. Er bemerkte nicht, daß er mir eine unangenehme Enttäuschung bereitete, indem er gleich bei meiner Ankunft die Gegend heruntermachte, die er mir noch drei Wochen früher so lebhaft angepriesen hatte.
Als wir uns nach einer halbstündigen Fahrt wieder einem Orte näherten, grüßte Elmenreich jeden dritten Menschen. Er schien sämtliche Sommergäste zu kennen. Jemand sprang sogar für einen Augenblick auf den Wagentritt und rief herein: »Heute um 5 Uhr Rendezvous auf der Seewiese; Sie sind doch dabei, Herr Doktor?«
Dann sah ich eine jugendliche Männergestalt, ganz in weißen Flanell gekleidet, die Straße kreuzen. Eine blaubunte Schärpe leuchtete für einen Augenblick unter dem weißen Rock hervor. Und auch der wiegende Gang mit den kurzen Schritten war nicht zu verkennen, obwohl mir die Gestalt gleich wieder aus dem Gesichte verschwand.
»Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist, möchte ich schwören, daß eben – Graf Hermosa vorübergegangen ist«, sagte ich, ungewiß, ob nicht Elmenreich schon bei dem bloßen Namen außer sich geraten würde.
Ohne sonderliche Gemütsbewegung versetzte er in seinem gewohnten ärgerlichen Tonfall:
»Natürlich ist er vorübergegangen! Er treibt sich ja den ganzen Tag hier auf der Straße herum.«
»Wie? Graf Hermosa ist wirklich hier?«
»Warum sind Sie so verwundert darüber, gnädige Frau?«
»Ja aber – begegnen Sie ihm da nicht zuweilen?«
»Zuweilen? Täglich, stündlich, jeden Augenblick.«
»Und – und weicht er Ihnen dann aus? Oder grüßen Sie einander?«
»Warum sollen wir uns denn nicht grüßen? Wir speisen doch mittags und abends an demselben Tisch!«
Elmenreich ärgerte sich über meine Verwunderung.
»Sie halten dergleichen Menschen für zu wichtig, gnädige Frau«, sagte er geringschätzig. »Der gute Graf ist nicht bedeutend genug, als daß man dauernd mit ihm in Feindschaft leben könnte. Man muß solche Leute als das nehmen, was sie sind – als einen Stoff zur Unterhaltung. Im Grunde habe ich ihn nie für etwas anderes gehalten.«
»Aber Elmenreich! Wenn Sie jetzt behaupten wollen, daß Sie den Grafen nie ernst genommen haben!«
»Also meinetwegen: früher habe ich mich wohlwollend mit ihm unterhalten – und jetzt habe ich das Wohlwollen gestrichen. Aus der Welt schaffen kann ich ihn nicht, so lasse ich ihn eben mitlaufen.«
* * *
(Aus einem Briefe an meinen Mann.)
2. Juli 1893.
... denn in einen Kurort geschickt werden, hat immer etwas von einer Verbannung. Man wird herausgerissen aus der natürlichen Lebensform und in eine künstliche verpflanzt, in welcher der Müßiggang regiert. Man fühlt sich ausgeschaltet, unnütz, überflüssig.
Und daß ich hier ohne dich ausharren muß, macht das Gefühl des Verbanntseins noch lebhafter. Ohne dich nimmt das Leben für mich eine seltsame Kälte und Fremdheit an; es ist, als ob es alle Wärme und alles Licht von dir empfinge. Die Menschen und Dinge gleiten an mir vorbei, aber sie nähern sich mir nicht. Und so werde ich hier allein herumgehen und darüber nachdenken, wie öde die Welt ist ohne diese göttliche Zuflucht einer geliebten Seele. Ich werde allein herumgehen unter lauter Fremden, die da neben mir hinleben mit undurchdringlichen Stirnen wie mit geschlossenen Visieren, gleichgültig, höflich, nur mit sich selbst beschäftigt –.
Aber du hast recht: ich bin undankbar. Ich vergesse, daß Elmenreich da ist.
Ja, Elmenreich ist da. Er erwartete mich auf dem Bahnhof, als ich ankam; er hatte ein Bouquet Alpenrosen mitgebracht, um es mir zu überreichen. Ich glaube, daß er sich sogar über meine Ankunft freute. Und das Gesicht eines Freundes an einem fremden Orte ist auf alle Fälle ein lieber Empfang. Aber – je nun, Elmenreich ist der Mensch des Aber. Ich glaube fast, daß er es gewesen ist, der mich auf den Gedanken an die undurchdringlichen Stirnen und die geschlossenen Visiere brachte. Das scheint ihm gegenüber nicht am Platze zu sein; redet er denn nicht so viel, teilt er nicht alles mit, was ihm durch den Kopf geht –? Aber gerade sein vieles Reden macht ihn unerkennbar, kommt mir vor. Zum mindesten erscheint er mir in dieser fremden Umgebung nicht wie ein Altbekannter, wie ein Freund. Ich weiß nicht, warum: ich hatte auf einmal den Eindruck, als sei er ein anderer. Bei uns zu Hause, auf seinem gewohnten Platz, mit uns allein, ist er mir etwas Vertrautes, zu uns Gehöriges gewesen; hier fühlte ich plötzlich, wie wenig man einen Menschen kennt, den man immer nur in einer Situation gesehen hat ...
* * *
Elmenreich begleitet mich auf meinem vorgeschriebenen Morgenspaziergang, obwohl er selbst nicht zum Kurgebrauch hier ist. Ich verstehe nicht ganz, warum er sich hier aufhält. Hört man ihn, so gewinnt man den Eindruck, daß ihm hier nichts behagt, am wenigsten die vielen Menschen, mit denen er fortwährend in Berührung kommt.
»Fremde Menschen – was für eine Plage! Sich selbst wieder in Szene setzen müssen! Sich aufspielen müssen vor diesen gleichgültigen Augen, deren Blick immer an der Oberfläche haften bleibt! Und dazu das Befremden über das wunderliche Wesen, das aus der stillen Intimität des eigenen Innern herausgestiegen kommt! Wie angenehm haben es doch die Leute, die sich immer so wohl fühlen in der eigenen Haut, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, was für ein erstaunliches und rätselhaftes Ding dieses Ich im Grunde doch ist, dieses Ich, das da in unserem Körper agiert wie ein schlechter Schauspieler. Zu denken, daß es Menschen giebt, die noch nicht auseinandergefallen sind in Zuschauer und Schauspieler! Die immer ganz bei sich zu Hause sind, sich ganz identifizieren mit dem Spiritus familiaris, der die Maschine in Bewegung setzt. Weiß der Teufel: was mich betrifft, mein Zuschauer zischt seinen Schauspieler gewöhnlich aus. Er ist gewöhnlich nicht erbaut über das Auftreten dieses mittelmäßigen Künstlers. Und doch ergreift er, wenn's darauf ankommt, für ihn Partei gegen das Publikum in der Außenwelt, das ihn aus der Stimmung bringt. Uff! Wenn der Mechanismus des Innenlebens so kompliziert geworden ist, sollte man sich nicht mehr den Berührungen aussetzen, die mit der Geselligkeit verbunden sind. Man erleidet zu viele Störungen. Und man braucht einen unverhältnismäßigen Aufwand von Kraft, um sich wieder ins Gleichgewicht zu setzen ...«
Wir waren eine Stunde oder länger auf einem einsamen Waldweg gegangen; als wir auf den Promenadeweg einlenkten, kamen gerade die Kurgäste von ihrer Morgentour zurück. Es wimmelte nur so von Menschen. Und Elmenreich kannte jedermann, begrüßte jedermann, blieb mit jedermann fünf Minuten beisammen stehen.
»Diese vielen Begegnungen sind Ihnen gewiß lästig«, sagte ich. »Könnten wir nicht einen anderen Weg einschlagen?«
Man braucht hier bloß hundert Schritt abseits zu gehen, auf einen der Wege, die der Verschönerungsverein nicht in Stand hält, und man ist ganz allein.
Aber Elmenreich überhörte meine Bemerkung. Er schien sich in dieser Gesellschaft ganz wohl zu fühlen.
»Nur eines bitt' ich Sie, Elmenreich: stellen Sie mir nicht alle Ihre hiesigen Bekannten vor, wenn wir ihnen begegnen!«
»Das geht doch nicht anders«, antwortet er erstaunt. »Was würden sonst die Leute denken?«
»Nun, Sie könnten ja Ihren Bekannten nachträglich sagen, daß ich menschenscheu bin oder dergleichen –«
Das versetzte ihn in Heiterkeit:
»Sie und menschenscheu! Niemand paßt besser für den Umgang mit Menschen als Sie! Sie besitzen die Gabe des Zuhörens – und im Grunde verlangt jeder zu allererst von seinen Mitmenschen, daß sie hören, was er zu sagen hat. Jeder will selber reden, keiner will zuhören. Deshalb ist ein aufmerksamer und teilnahmsvoller Zuhörer der geeignetste Gesellschafter. In diesem Punkte werden Sie nur von einer einzigen Person übertroffen, die ich kenne, und das ist Pipin.«
»Pipin? Wer ist Pipin?«
»Pipin – mna, Pipin ist Pipin. Gegenwärtig befindet er sich auf einer Bergtour mit Dr. Kranich. Wenn er zurückkommt, werde ich ihn Ihnen vorstellen – außer Sie bestehen darauf, daß ich Sie mit niemandem mehr bekannt mache –?«
* * *
Sonntag.
Die Messe war aus. Ein Strom von Menschen ergoß sich ins Freie, Einheimische und Sommergäste durcheinander. Unter diesen größtenteils Damen, aber auch eine kleine Anzahl älterer Herren.
Elmenreich lehnte sich an das eiserne Geländer, das die Umgebung der Kirche von der höhergelegenen Fahrstraße trennt, und sah hinunter.
»Da kommen sie alle, die Sonntagsreiter des Glaubens«, sagte er verächtlich, »alle, die sich's mit dem lieben Gott nicht verderben wollen, für den Fall, daß er wider Erwarten doch da sein sollte. So machen sie ihm jeden Sonntag wenigstens eine Anstandsvisite, wenn sie sich schon die übrige Woche nicht um ihn kümmern. Mich wundert nur, daß diese Männer sich nicht schämen, mitten unter den Weibern einherzumarschieren –«
Da sagte hinter uns eine helle, übermütige Stimme in einem spöttisch wohlwollenden Ton: »Warum wundern Sie sich darüber, Elmenreich? In Amerika ist das nichts Ungewöhnliches. Dort gehört das Kirchengehen durchaus nicht bloß zum cant der Frauen.«
Als ich mich umwandte, sah ich zwei Reihen wundervoller weißer Zähne, die aus einem lachenden Mund blendend hervorblitzten. Diese Zähne beherrschten das ganze Gesicht; ich hatte fürs erste keinen anderen Eindruck als ein phänomenales Gebiß.
Elmenreich sagte halb über die Achsel: »Haben es denn dort die Leute auch notwendig?«
»Warum haben es die Leute hier notwendig, nach Ihrer Meinung?« versetzte das phänomenale Gebiß.
»Nun, es giebt bei uns gewisse Esel, die eine Löwenhaut tragen, und es daher als ihre Pflicht betrachten, »mit gutem Beispiel voranzugehen«, oder auch Wölfe, die es für ihr weiteres Fortkommen zuträglich halten, wenn sie sich einen Schafpelz umhängen, oder auch Schweine, die sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen wollen, um sich für höherstehende Nasen angenehm zu parfümieren –«
»Gott wie witzig! Strengen Sie sich nicht so an, Elmenreich! Sie leben noch in dem Glauben, daß der höhere Mensch geistreich sein muß. Wissen Sie nicht, daß der Witz längst aus der Mode ist? Daß es nichts Altmodischeres giebt als das Geistreichsein?«
»Wodurch zeichnet sich denn gegenwärtig der höhere Mensch aus – nach Ihrer Meinung?«
»Durch sein Herz!«
Elmenreich wandte sich mit einem Ruck nach dem phänomenalen Gebiß um. »Wie? Durch sein Herz? Was ist das Neues? Seit wann sind Sie auf das Herz verfallen?«
»Ich suche nur mehr Menschen von Herz. Gedanken sind überflüssig und unangenehm; Gefühl ist das Einzige, was das Leben erträglich macht. Ich bin für die schönen Gefühle; alles andere lehne ich gegenwärtig ab.«
Elmenreich lachte höhnisch und sagte zu mir gewendet laut: »Dieser Doktor Kranich hat immer geniale Einfälle! Es ist ja unendlich wohlfeiler, auf Gefühle zu posieren als auf Gedanken. Gedanken muß man mindestens irgendwo gelesen haben, während man Gefühle ohne weiteres aus Eigenem bestreiten kann –«
Obwohl Dr. Kranich hierauf ein jauchzendes Lachen ausstieß und sich vor Vergnügen auf den Zehenspitzen schaukelte, fand ich es nicht ganz behaglich, so als Schallwand für Elmenreichs Glossen zu dienen.
»Das ist Dr. Kranich?« fragte ich, um das Gespräch abzubrechen. »Da muß also auch Pipin wieder hier sein?«
»Oh meine Gnädigste – I beg your pardon, Elmenreich hätte mich wohl vorstellen können –«
»Die gnädige Frau ist menschenscheu, man darf ihr niemanden vorstellen«, brummte Elmenreich.
Daraufhin blieb mir nichts übrig, als in Dr. Kranichs Gelächter einzustimmen. Ich bemerkte, daß über seinen herrlichen Zähnen zwei schwarze, stechende Augen funkelten, die durchaus nicht mitlachten.
»Was aber Pipin betrifft, meine Gnädigste, so muß ich bemerken, daß wir beide keineswegs inséparables sind, wie Sie anzunehmen scheinen –«
»Na, lieber Arthur, wenn Sie wirklich die Menschen nach dem Herzen taxieren, dann können Sie sich nur eine Ehre daraus machen, mit Pipin in einem Atem genannt zu werden.«
Dr. Kranich jauchzte wieder laut auf.
»Unbezahlbar, dieser Elmenreich!« sagte er wie überwältigt vor Vergnügen. »Ist er nicht amüsant, gnädige Frau? Was für eine himmlische Grobheit! Darin ist er unübertrefflich, unnachahmlich! Ich kenne auf beiden Hemisphären keinen Menschen, der ihm darin gleich käme. Aber Sie haben recht, Elmenreich: ich sollte in Pipins Gesellschaft mein Herz zu bilden suchen. Und ich will gleich den Anfang damit machen.«
Er lüftete den Hut und schwang sich mit behenden Sätzen die Stufen hinab, die zur Kirche führten. Etwas Mutwilliges, Selbstbewußtes, Ueberlegenes war in seinen Bewegungen, wie er so hinuntersprang. Seine Gestalt war schlank und biegsam; der schwarzblaue Stoff seiner enganliegenden Kniehosen zeichnete in knappen Falten langgestreckte, elegante Glieder. Er erinnerte an eine jener königlichen Katzen des Südens, die eben so schön sind als gefährlich, an einen schwarzen Panther, der wohl gezähmt ist, vor dem man aber doch auf der Hut bleiben muß.
Unter der Kirchenthür erschienen eben so ziemlich als die Letzten eine auffallend schöne junge Dame und an ihrer Seite ein unbedeutend aussehender, ganz junger Mann, mit einem blonden Backenbärtchen, das wie der Flaum eines eben ausgekrochenen Küchleins war. Hinter ihnen tauchte noch eine Uniform mit goldenem Kragen und ein bunter Blumenhut von ansehnlichem Umfang auf.
Elmenreich wandte sich ab. »Gehen wir, bevor sich diese ganze Gesellschaft uns an die Fersen hängt«, sagte er finster.
* * *
(Aus einem Briefe.)
6. Juli 1893.
... Es ist wirklich etwas Unsympathisches in dieser Gegend. Lauter Veduten. Man kann keine halbe Stunde unterwegs sein, ohne daß man auf einen »Punkt« gerät. Und dann steht immer in breitspuriger Gegenständlichkeit ein mehr oder weniger schneebedeckter Berg da, der nichts neben sich aufkommen läßt. Die Natur hat hier ihre Ruhe und Unbefangenheit verloren. Sie gewährt der Seele keinen Raum. Sie ist keine Zuhörerin, sie will immer selber reden. Noch mehr, sie will immer angestaunt werden. Und sie ist durch den Menschen noch ausdrücklich hergerichtet für das Angestauntwerden.
Es giebt hier schauerliche Felsenkessel, in denen verwitterte Trümmer übereinandergehäuft sind, ungeheure Wände, die senkrecht herabstürzen, furchtbare Schluchten, wo eisgrüne Wässer in der Tiefe brausen – aber alle diese Schrecknisse sind unschädlich gemacht durch Geländer, Stege, Brücken, Wegweiser. Man glaubt sich in einer weltverlorenen Einsamkeit, aber plötzlich erblickt man eine Bank mit der unvermeidlichen Inschrift: »errichtet vom Verschönerungsverein«. Das erweckt eine verdrießliche Vorstellung, als wäre einem immer jemand auf den Fersen, als gäbe es keine Stelle mehr, wo man wirklich mit sich allein sein kann.
Und dazu die Kurgäste, diese Parasiten der Natur! Sie stören und verderben sie, sie gehören nicht zu ihr. Der Stil einer Landschaft ist vernichtet, wo die erste Villa steht. Die Villa, das ist die architektonische Verkündigung eines platten und stimmungslosen Lebens, in dem das Vergnügen die Herrschaft führt. Man braucht bloß eine Villa und ein Bauernhaus zu vergleichen, um als Mensch der Stadt etwas wie Beschämung vor den Bauern zu empfinden. Ihnen hat die Natur ihren Ernst und ihre Einfalt aufgeprägt, die harte Selbstverständlichkeit mit der sich das Leben vollzieht. Sie haben noch Stil in ihrer Erscheinung wie in ihren Wohnstätten; man sieht ihnen an, sie leben mit der Natur in einer wirklichen Ehe, die nicht zum Vergnügen der Einzelnen gemacht ist, die man nicht aufheben kann, sobald die Zeiten schlecht werden, in jener strengen und unauflöslichen Ehe, bei der es um Leben und Tod geht, in der man ausharren muß, auch wenn der unerbittliche furchtbare Winter anbricht.
Abseits von allen Punkten und Veduten habe ich eine Stelle gefunden, die nur mir allein bekannt ist – außer den Einheimischen, die nicht zählen. Kein Promenadenweg führt hin, keine Marke bezeichnet die Richtung. Es ist eine Wiese tief im Wald; ringsherum sieht man nur die schwarzen Wipfel der Fichten und darüber den Himmel. Kein Berg, keine Felsenzacken, nichts, was sich aufdrängt, was mitreden will. Eine kleine Blockhütte, in der ein Rest vergilbten Heues vom vorigen Jahre liegt, steht auf der Wiese und am Waldrand gegenüber eine helle, hohe Buche. Mitten unter lauter Fichten eine einzige Buche. Zu ihren Füßen liegt ein großer grauer Stein. Jemand, der lange tot ist, hat einmal die Buche zu dem großen grauen Stein gepflanzt. Aus irgend einem Grunde, den niemand mehr weiß. Aber die Buche und der Stein denken in der Stille daran. Ich liebe die Buche und den grauen Stein wie gute Gefährten, die stumm bleiben, wenn sie sehen, daß man seinen Gedanken nachhängen will ...
* * *
Seit sechsunddreißig Stunden gießt es in Strömen. Das Thermometer zeigt sieben Grad Reaumur. Es ist um elf Uhr vormittags so finster in dem langen Speisesaal, daß die Petroleumlampen angezündet werden müssen. Nun herrscht ein peinliches Zwielicht; alle diese gelangweilten Gesichter sind halb blau, halb gelb, sie werden aber nicht interessanter dadurch. Noch weniger die weiblichen Handarbeiten, die das Regenwetter aus Koffern, Schachteln und Körben herausgetrieben hat. Eine ganze Armee von Kreuzelstichen ist längs den Tischen aufgepflanzt; sie eröffnen eine beängstigende Perspektive auf bürgerliche Wohnungen mit Schutzdecken und Tischläufern und Salongarnituren samt den dazu gehörigen Kaffeegesellschaften und Visiten.
Ein Aechzen und Stöhnen der Langeweile kommt von allen Tischen, an denen nicht Karten gespielt wird.
Elmenreich: »Da sitzen wir also einmal in den Wolken! Aber die Wolken sind Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann ... Hol mich Gott! Auch die Menschen gehören zu jenen Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann. Giebt es etwas Deprimierenderes als zweihundert Menschen auf einem Fleck beisammen? Nicht ohne Grund sind alle großen Menschenfreunde, die Heiligen, Propheten und Erlöser, in die Wüste gegangen. Hätten sie denn nicht zusammengesperrt mit zweihundert Exemplaren der Spezies Mensch, alle Neigung zu ihrem Werke verlieren müssen?«
Am Tische nebenan sitzen zwei ältere Herren.
»Ich muß sagen, ich schlafe hier wie eine Kanone. Von zehn bis sieben in einem Zug ohne Aufwachen –«
»Bei mir will es noch immer nicht kommen. Alle zwei Stunden bin ich wach, und von vier Uhr ab geht es überhaupt nicht mehr –«
»Und dieser Appetit! Ich kann meinen Kaffee schon beim Aufstehen kaum erwarten.«
»Das könnte ich leider nicht behaupten. Und gar heute! Ich glaube, der Kalbsbraten mit Rahmsauce gestern abends hat mir geschadet. Solche Gasthaussaucen sind immer verdächtig.«
»Ja, man hat gleich einen verdorbenen Magen!«
»Und ich besonders. Ich vertrage nun einmal keine Veränderung in meiner gewohnten Kost.«
»Wissen Sie, was ich mache, wenn ich einen verdorbenen Magen habe?«
»O da habe ich auch ein ausgezeichnetes Mittel –«
Elmenreich stand geräuschvoll auf und stieß seinen Stuhl zurück. »Jetzt kommen die Hausmittel an die Reihe. Da will ich doch lieber einen Spaziergang im Regen machen. Gehen Sie mit, Arthur?«
Dr. Kranich rauchte friedlich seine Zigarette daneben: »Warum denn? Diese lieben kleinen Philistergespräche sind doch so nett. Man denkt dabei so angenehm an nichts. Sie haben etwas Stimmungsvolles wie die Erinnerungen an die Kindheit; sie bleiben sich immer gleich wie alle guten Dinge auf der Welt.«
»Doktor Kranich, Panegyriker der Idiotik! Aber das ist Geschmackssache. Ganz wie Sie wollen; ich gehe.«
An der Thür begegnete er zwei Ankommenden. Es war das schöne Mädchen und die Uniform mit dem goldenen Kragen. Als diese Beiden herankamen, stieß der Besitzer des verdorbenen Magens einen Ruf der Erleichterung aus.
»Ah, da sind Sie endlich, Herr Oberst! Wir warten schon mit Schmerzen auf Sie. Bei diesem verzweifelten Wetter weiß man ja gar nicht, wie man die Zeit totschlagen soll, wenn man nicht seine Partie Tarock hat.«
Der Oberst grüßte ziemlich unterthänig; er gestand nach gewissenhafter Vergleichung der Taschenuhren eine Verspätung von zehn Minuten zu und entschuldigte sich umständlich. Eugenie habe durchaus mitgehen wollen; aber Frauenzimmer und Pünktlichkeit –! Deshalb sollte ein Soldat von Rechtswegen niemals heiraten; eine Frau und eine erwachsene Tochter, das belade einen Soldaten mit zu vielen weiblichen Ansprüchen –
Er schien unversehens die Tarockpartie mit einer Schlacht zu verwechseln und redete sich in Eifer.
Der Besitzer des verdorbenen Magens wandte sich mit einem galanten Lächeln gegen die Tochter. Einer so schönen Sünderin sei ja doch im Voraus alles verziehen; wer würde da nicht sofort die Waffen strecken –?
Dame Eugenie stand unnahbar; sie antwortete weder auf die Vorwürfe, noch auf das Kompliment mit der geringsten Veränderung ihrer Miene.
Indessen legte sich Dr. Kranich ins Mittel und nahm dem ungestümen Soldaten die weitere Sorge für seine weibliche Bürde ab, indem er ihr, nicht ohne korrekt um meine Erlaubnis gebeten zu haben, einen Platz an unserem Tische anbot. Und dann begann er mit ihr ein Gespräch über Toiletten und Frisuren, in Ausdrücken und Wendungen, als ob er selbst eine Dame oder ein Schneider wäre. Er kritisierte ihren Anzug vom Kopf bis zu den Füßen, lobte und tadelte mit Kennermiene. Durch eine geschickte Handbewegung lüpfte er sogar den Saum ihres Rockes, um die »dessous« zu prüfen.
Sie ließ alles gleichgiltig geschehen. Mit gesenkten Augen gab sie kurze einsilbige Antworten; wenn sie ihre Augenlider einmal aufschlug – langsam und müde, als ob das Gewicht dieser dunklen, langen Wimpern nicht zu heben wäre – so that sie es, um einen Blick in die Richtung der Eingangsthüre zu werfen. Sie schien zerstreut und unruhig; sie hörte nur mit halbem Ohre zu, kam mir vor.
Es konnte noch keine Viertelstunde vergangen sein, als sich die Thür öffnete und Elmenreich wieder eintrat.
»Unerträglich, dieses Wetter«, sagte er und schüttelte die Tropfen von seinem Wettermantel. »Keine Möglichkeit, eine Viertelstunde Luft zu schnappen, ohne bis auf die Haut durchnäßt zu werden.«
Dr. Kranich befühlte angelegentlich den Wettermantel. Na, das sei aber doch nicht der Rede wert! Elmenreich scheine noch keine ernsthaften Strapazen mitgemacht zu haben, wenn er über ein bißchen Feuchtigkeit schon außer Rand und Band komme –
Ja, ja, er wisse schon, am Ohio und Mississipi sei der Regen viel nässer als in Europa –
»Sehen Sie nur, Fräulein Eugenie: Dieser Mensch sagt viel lieber mir eine Bosheit, als Ihnen ein Kompliment. Elmenreich, das ist kein schöner Charakterzug von Ihnen. Gestehen Sie doch ohne schäbige Ausreden, warum Sie so rasch wieder zurückgekommen sind.«
Aber Elmenreich wurde gleich sehr übellaunig. Er verbat sich trocken solche »geschmacklose Bemerkungen«, setzte sich halb abgewendet an den Tisch und versank in Schweigen.
Auch Eugenie war mit Elmenreichs Erscheinen vollkommen stumm geworden.
Dr. Kranich machte einige Versuche, unbefangen sein Gespräch fortzusetzen; zuletzt sagte er mit einem sonderbaren Lächeln:
»Ich sehe, Elmenreich, Sie sind entschlossen, mich wegzuschweigen. Sie haben mit Fräulein Eugenie Dinge zu reden, bei denen ich überflüssig bin. Nun denn, als großmütiger Rivale räume ich freiwillig das Feld. Kann man ethischer handeln?«
Elmenreich erblaßte vor Aerger, Eugenie errötete. Lachend entfernte sich Dr. Kranich und gesellte sich zu einer Gesellschaft am anderen Ende des Saales.
»Ich – ich fürchte mich beinahe vor Dr. Kranich«, flüsterte Eugenie mit einem Blick auf Elmenreich. »Er thut und sagt immer gerade dasjenige, womit er jemandem am meisten Aerger oder Verlegenheit bereiten kann.«
»Das fehlte noch, daß die jungen Damen anfangen, sich vor ihm zu fürchten«, versetzte Elmenreich aufgebracht. »Machen Sie ihm um Himmels willen nicht das Vergnügen, sich durch ihn in Verlegenheit setzen zu lassen!«
»Und doch machen Sie ihm das Vergnügen, sich über ihn zu ärgern!«
»Fällt mir nicht ein. Was er sagt, ist mir so gleichgiltig, wie wenn ein Hahn kräht oder ein Hund bellt.«
»Also dann – was ist dann schuld, daß Sie so verstimmt sind, Herr Doktor?«
»Ich bin nicht verstimmt.«
»Und vorgestern – vorgestern haben Sie auch die Flucht ergriffen, als Sie uns aus der Kirche kommen sahen!«
»Ach Gott, ich tauge nicht für Gesellschaft. Sie waren ohnedies umringt genug –«
»Es ist doch nicht alles eins, von wem man umringt ist –!«
Elmenreich machte eine skeptische Miene.
»Ich bin kein passender Umgang für junge Damen. Sie sind an Huldigungen gewöhnt, Fräulein Eugenie, und Sie haben ein Recht, sie zu beanspruchen. Aber dazu tauge ich nicht.«
»Habe ich denn Huldigungen von Ihnen beansprucht?«
»Ein Mensch wie ich kann Sie ja nur langweilen. Ich habe schon zu vieles erlebt; da verändert sich die Perspektive des Lebens. Sie sehen lauter aufsteigende Linien, Linien, die in die Zukunft führen; ich sehe fast nur mehr die absteigenden Linien der Vergangenheit.«
»Erzählen Sie mir davon, von Ihren Erlebnissen, wollen Sie nicht?«
»Erlebnisse! Da stellen Sie sich auch etwas wer weiß wie Interessantes vor, etwas Spannendes, Romanhaftes, Wunderbares. Aber das Leben ist kein interessanter Roman, weiß Gott! ... Wünschen Sie nicht, sie kennen zu lernen, diese trostlose Oede eines Geistes, der ohne Illusionen ist! Sie sind jung und schön, was wissen Sie davon! Mit zwanzig Jahren hat man keinen Grund zu murren. Da hadert man nicht mit dem Leben. Da hat man so viel Zeit vor sich, daß man denkt, es müsse ewig so dauern. Aber dann, wenn noch einmal zwanzig Jahre um sind, wenn die Zeit immer rascher und rascher vergeht, wenn man sie verzweifelt festhalten möchte, um Atem zu schöpfen, um nicht weiter hinabzujagen auf der abschüssigen Bahn; wenn man dasteht wie ein herbstlicher Baum, von dem jeder Tag ein Blatt abreißt, und man muß es so wehrlos geschehen lassen, so ohnmächtig! ......
... Muß man sich nicht zuletzt fragen, wozu man denn lebt, wenn das Aelterwerden nur ein Herabsteigen vom Gipfel des Lebens ist? Alle Gebiete des Denkens hat man durchwandert wie ein Vergnügungsreisender, der kein Daheim besitzt. Man ist überall gewesen, man kennt die ganze Welt, man hat alles hinter sich gelassen, und nun ist man müde und schwindlig, als wäre man die ganze Zeit im Kreis herumgegangen. Ein Ziel, einen Zweck, einen Glauben! Eine spanische Wand, die man vor dieser schwarzen Leere aufstellen kann! Etwas, an das man sein Herz hängen kann! .....
... Wie könnte es anders bei einem Menschen aussehen, der nichts von alledem erreicht hat, was ihm in den Jahren der Hoffnung erstrebenswert schien! Der hundert Anläufe genommen hat und immer auf halbem Wege stehen geblieben ist, weil er an dem Werte des Erstrebten irre wurde. Ja, da liegt's! Nicht irre werden, weder an sich, noch an der »Sache« – das ist die große Tugend, die alle Einseitigkeit, alle Anmaßung, alle Prahlerei der Thatmenschen aufwiegt!«
Das Gesicht des schönen Mädchens blieb unbeweglich wie eine Maske. Nichts in ihren Mienen ließ darauf schließen, daß sie Anteil nahm. Möglicherweise ist es nur diese Unbeweglichkeit ihrer Züge, die ihr etwas Kaltes giebt, etwas Verstecktes und Abweisendes.
Mich aber verdroß es, daß Elmenreich so mit ihr redete. Hatte ich nicht gedacht, daß es besondere Augenblicke sind, in denen seine leidende Seele ihr Schweigen bricht und ihre geheimste Qual offenbart –? Es giebt Dinge, die nur groß sind, solange sie unausgesprochen bleiben. Vielleicht kann man sie einmal im Leben mitteilen, in einer einzigen und unvergleichlichen Stunde, die den Zauber der Stimmung mit sich bringt, jenes geheimnisvolle Medium, in dem allein die Seele einer anderen Seele begegnen kann – –
Und nun vernahm ich die Worte wieder, die einstmals in einer solchen Stunde gesprochen worden sind. Diesmal aber machten sie einen anderen Eindruck auf mich. Lag es an mir, lag es an der Umgebung? Die jungen Damen kicherten, die alten Herren gähnten, und nebenan wurde der Pagat ultimo angesagt.
Als Elmenreich schwieg, sagte Eugenie: »Wie ich Sie beneide um Ihre großen Reisen! Nichts Herrlicheres kann ich mir vorstellen, als –«
»Um meine großen Reisen? Wieso?«
»Nun ja, Sie sagten doch eben, Sie kennen die ganze Welt? Das wäre mein sehnlichster Wunsch! Ich möchte das ganze Jahr auf Reisen sein, im Winter an der Riviera oder in Kairo, im Sommer in der Schweiz oder in Norwegen, und ich würde nicht müde und schwindlig werden. Man braucht doch in der Welt nur Geld zu haben, dann stehen einem alle Herrlichkeiten offen. Wenn ich denke, daß es soviel Sehenswertes giebt, und ich soll es vielleicht nie kennen lernen –! Ach, nur fort, nur fort!«
Dann, als hätte sie schon zuviel gesagt, verstummte sie jählings, und hörte wieder unbeweglich zu, während Elmenreich eine große Rede über das Lästige und Banale der Vergnügungsreisen hielt.
Später kam jemand von einem Nachbartisch herüber.
»Können Sie vielleicht Auskunft geben, Herr Doktor«, sagte er zu Elmenreich mit Gelächter, »wo steckt denn Pipin? Es ist schon ein allgemeines Fragen um ihn. Die jungen Damen möchten gerne Kirschen haben; da könnte doch Pipin geschwind einmal in den Markt laufen.«
Er lachte laut.
Eugenie sah den Lachenden von oben herab an.
»Pipin ist in den Markt gegangen, um etwas aus der Apotheke zu holen«, sagte sie kühl. »Die Mama hat ihn darum gebeten; sie ist heute nicht ganz wohl.«
Der Lachende entschuldigte sich und ging an seinen Tisch zurück. Dort entstand eine große Heiterkeit; der Umstand, daß Pipin im Regen herumlaufen mußte, schien eine unwiderstehliche Komik zu haben.
* * *
Ein grelles, kreischendes Lachen nähert sich. Es ist die Dame mit dem bunten Blumenhut, die so lacht, und ihr Begleiter, der sie so unterhält, ist einer der anwesenden Würdenträger. Daneben geht Eugenie, stumm, unbeweglich, mit einem lässigen, müden Schritt, und einem Gesicht, das so teilnahmslos ist, als höre sie einem Gespräch in einer fremden Sprache zu.
Als sie schon fast vorüber war, erblickte sie mich. Sie grüßte, zögerte einen Augenblick lang unschlüssig und kam dann auf mich zu.
»Ich bin so müde«, sagte sie. »Würden Sie mir erlauben, daß ich mich einen Augenblick neben Sie setze?« Und in einem trockenen, herrischen Ton gegen ihre Begleiterin gewendet: »Ich bleibe hier, ich bin zu müde, um weiter mitzugehen.«
Die Dame rief über die Achsel ein »Thu, was du willst« her und entfernte sich mit dem amüsanten Würdenträger.
Nach einigen Umschweifen kam Eugenie alsbald auf Elmenreich zu sprechen.
»Was für ein interessanter und ungewöhnlicher Mensch! Er ist ganz anders als die anderen, viel gescheiter, viel überlegener. Durch nichts läßt er sich imponieren; er durchschaut alles. Und er hat etwas so Melancholisches, das ist so interessant. Gewiß hat er viel Unglück erlebt! Hat er nicht? Sie kennen ihn ja schon lange, gnädige Frau?«
Und während ich versuchte, auf dieses offen zur Schau getragene Interesse für Elmenreich einzugehen, empfand ich deutlicher als je, wie wenig ich ihn kenne. Ich kenne alle seine Anschauungen und Meinungen – aber ihn selbst? Sein Leben? Er hat mir zwar viel von seinem Leben erzählt – aber wieviel kann ein Mensch beim besten Willen davon erzählen? Oder gäbe es in Elmenreichs Leben thatsächlich keine Erlebnisse, sondern nur Meinungen und Anschauungen? Nur intellektuelle Begebenheiten?
Und doch schien in der Vorstellung, daß er einen ungewöhnlichen Reichtum von Erlebnissen hinter sich habe, unzählige wunderbare Abenteuer, die Anziehungskraft zu bestehen, die er auf Eugenie ausübte. Seine Art und Weise, sich ablehnend, unerbittlich, steifnackig gegen alle Anerbietungen der Außenwelt zu verhalten, deutete sie als Wirkung einer unvergleichlichen Erfahrenheit und Ueberlegenheit; und es war unschwer zu erkennen, daß der Gedanke, diese vermeintlich so hochfahrende, unbeugsame Seele zu besiegen, einen eigenen Zauber für sie besaß. Besonders, da diese Ueberlegenheit gepaart war mit einem geheimnisvollen Gram. Irgend ein großes Unglück mußte in seinem Leben geschehen sein, davon war sie unerschütterlich überzeugt. Seine Weltverachtung konnte nur durch ungeheure Schicksalsschläge hervorgebracht sein, durch etwas ganz Furchtbares und Gewaltsames. Als Erklärung dafür schien sie die Schändlichkeiten eines weiblichen Wesens zu bevorzugen; am liebsten hätte sie die Geschichte eines frevelhaften Treubruches gehört. So durchdrungen war sie davon, daß sie mich ungläubig anlächelte, als ich sagte, daß es in Elmenreichs Leben keine harten Schicksalsschläge gebe, daß ihn vielmehr das Glück in allen Stücken begünstigt habe. Es sei bloß eine düstere Grundstimmung seines eigenen Innern, an der er leide, ein Hang seines Wesens zu Mißmut und – ich wollte sagen Lebensüberdruß, aber ich brachte dieses Wort nicht über die Lippen. Kann man das innerste Geheimnis eines Menschen mit einer landläufigen Marke stempeln und auf eine Nachfrage hin preisgeben?
Da Eugenie dieses Stocken bemerkte, sagte sie:
»Oh, ich weiß, das sind Dinge, die man nicht mitteilen kann. Aber nichtwahr, diese düstere Grundstimmung hat ihre Ursachen? Sie können es mir unbesorgt anvertrauen, gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht weiter erzählen werde. Aber ich möchte so gerne – glauben Sie nicht auch, daß er noch glücklich werden könnte? Sie sagen ja selbst, daß das Glück ihn im übrigen besonders begünstigt hat. In äußerlichen Dingen liegt also die Veranlassung zu seinem Unglück nicht? Hat er denn überhaupt irgend einen Beruf?«
»Er ist Advokat, aber er übt seine Praxis nicht aus –«
»Warum nicht?«
»Er findet, daß man als Advokat zu sehr in die Erbärmlichkeit der Durchschnittsmenschen hineinverstrickt wird –«
»Er ist also nicht darauf angewiesen, einen Beruf auszuüben?«
»Er ist völlig unabhängig.«
»Der Glückliche! Und doch ist er so unzufrieden? Nein, nein, dafür muß es einen Grund geben! Ein reicher, unabhängiger Mensch kann doch sonst nicht so unzufrieden sein!«
Und davon war sie durchaus nicht abzubringen. Eine düstere Grundstimmung ohne äußere Veranlassung konnte sie als zureichende Erklärung nicht gelten lassen.
Daß ich zu keinerlei weiteren Mitteilungen zu bewegen war, schien sie bloß als Unaufrichtigkeit auszulegen, oder als Unfreundlichkeit. Sie fiel mit einem Male in ihre kühle, statuenhafte Haltung zurück, blieb noch einige Minuten schweigend neben mir sitzen und empfahl sich dann mit einer konventionellen Entschuldigung, daß sie gestört habe.
* * *
(Aus einem Briefe.)
10. Juli 1893.
... Man kann unmöglich gleichgiltig ihr gegenüber bleiben. Ihr Blick allein macht betroffen. Er hat etwas Suchendes, Fragendes, Saugendes; er bleibt hängen an demjenigen, auf den er sich heftet, wenn sie vorübergeht. Und goldene Funken glühen in diesen Augen wie vom Reflexe ihrer blonden Haare, die sich kräuseln, ringeln, locken in einem unentwirrbaren Spiele, um sich über ihrem Nacken zu einem glänzenden Knoten zu schlingen. In ihrem höchst regelmäßigen Gesicht herrscht für gewöhnlich jene Miene hoheitsvoller Unnahbarkeit, in die ein Zug resignierter Schwermut gemischt ist, als trauere sie beständig darüber, daß die Welt so häßlich und so gemein ist. Du wirst diese Miene schon bei schönen Frauen gesehen haben. Es liegt viele Kunst und die Kultur von Jahrhunderten darin: sie soll den Eindruck hervorbringen, daß nichts Gewöhnliches, geschweige etwas Niedriges ihrer Trägerin nahe kommen könne. Und jede Bewegung, die ganze Haltung ist auf die gleiche Tonart gestimmt. Die Geberden dieser jungen Dame haben etwas vornehm Ansichgehaltenes, ein wohlabgewogenes Maß, das die Vorstellung erweckt, daß es in keinerlei Umständen durch gemeine Hast oder elementare Heftigkeit zu stören wäre. Und unter diesen fürstlichen Allüren der Schönheit verbirgt sich ihr Wesen undurchdringlich wie unter einem kostbaren Goldbrokat, dessen großlinige Falten nichts von der Gestalt verraten, die ihn trägt.
Ihr Vater hat vor kurzem zum zweitenmal geheiratet – seine frühere Wirtschafterin, sagt man. Eine sehr hübsche, sehr herausfordernde, sehr energische Frau und in allen Stücken das Gegenteil ihrer Stieftochter. Keine vornehmen Manieren, keine damenhafte Würde, sondern sehr lärmend und sehr ungeniert. Niemand weiß etwas Näheres über dieses Familienleben, aber jedermann errät, daß es zum mindesten für die Tochter kein angenehmes sein kann. Daß sie sich nie beklagt, erhöht die Sympathie, die sie besitzt. »Sie sollte heiraten, das wäre das Beste für sie«, sagen die ganz Wohlwollenden. Aber die Weltkundigen versetzen: »Zum Heiraten gehört wie zum Kriegführen vor allen Dingen – Geld.« Noch andere ziehen die Augenbrauen hinauf und ergänzen: »Und um ruhig an der Seite einer so schönen Frau zu leben, muß man entweder ein Tyrann sein oder – ein Esel.«
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch einige gemeinnützige Betrachtungen über die soziale Mission der Schönheit gehört. »So schöne Frauen dürften von Rechtswegen nicht einem einzigen gehören. Wozu hätte die Natur ihnen sonst die fabelhafte Anziehungskraft verliehen, mit der sie alle männlichen Wesen an sich locken –? In der Oekonomie der Natur ist solchen schönen Frauen eine andere Rolle zugedacht als sich die bürgerliche Moral träumen läßt.«
Es war Dr. Kranich, der diesen Kommentar zur Oekonomie der Natur in Dingen der weiblichen Schönheit gab ...
* * *
(Aus einem Briefe.)
12. Juli 1893.
... Außer diesen gehört noch der Graf zu unserer Tischgesellschaft. Ich bilde mir ein, es liegt immer eine Spannung in der Luft wie vor einem Gewitter. Aber die Luft bleibt trotzdem ruhig und kühl. Elmenreich wird schweigsam, sobald der Graf kommt; unausgesprochene Glossen auf den Lippen und versteckte Bosheiten in den Augenwinkeln sitzt er da, und spielt mit seinem Barte; wenn er etwas zu sagen hat, wendet er sich an Pipin oder an mich. Mit Dr. Kranich ist er kurzangebunden, mit Pipin grob, mit den Kellnern übellaunig, mit dem Grafen aber höflich. Er sieht ihn nie an; geschieht es, daß der Graf eine Bemerkung an ihn richtet, die er nicht überhören kann, so antwortet er auf das Tischtuch hin.
Die Art des Grafen kennst du ja. Er hat hier wieder einen Freundschaftsbund geschlossen. Sein gegenwärtiger Intimus ist der Brunnhofer Seppl, ein handfester junger Bursche, der als Bergführer, Gepäcksträger, Ruderknecht, Bote und dergleichen im Hotel beschäftigt wird. Er gehört unter die sogenannten schönen Männer; und es scheint, er weicht auch im Punkte seiner intellektuellen Fähigkeiten nicht von jener Regel ab, nach welcher die Natur in ihrer haushälterischen Weise die körperlichen Vorzüge an den geistigen abzuziehen pflegt. Der Graf verbringt fast den ganzen Tag in seiner Gesellschaft; häufig sieht man beide in der größten Sonnenhitze auf der staubigen Fahrstraße, den Brunnhofer Seppl mit einem Pack auf dem Rücken, den Grafen mit einem Päckchen auf dem Arm, das er ihm zur Erleichterung abgenommen hat.
Dieses Verhältnis erregt hier kein geringes Aergernis, wie du dir denken kannst. Unter den Hof- und Regierungsräten hat der Graf ohnedies wegen seiner bunten Schärpe heftige Feinde; diese Schärpe wirkt auf sie wie jenes rote Tuch, das bei den spanischen Stierkämpfen eine bekannte Rolle spielt. Und sie ergreifen jeden Anlaß, um ihrer Erbitterung über ihn Luft zu machen. Einer von ihnen sagte zu mir: »Da kann man sehen, wie weit es mit den Aristokraten schon gekommen ist! Sie sind gar nicht mehr fähig für den Umgang mit gebildeten Menschen.«
Dr. Kranich hingegen behauptet, der Graf habe dieses Freundschaftsbündnis eigens zu dem Zwecke begonnen »pour épater les bourgeois.« Und diese verrückten Spaziergänge in der Sonnenhitze unternehme er nur, um seinem gebleichten Gesicht wieder ein wenig »spanische Patina« zu geben. Denn seine spanische Abkunft, die ihm ein so interessantes Relief verleiht, sei sehr fragwürdiger Natur; sein Vater habe eine getaufte Jüdin aus Brünn geheiratet um sich »auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« aus seinen finanziellen Kalamitäten zu ziehen. – Es ist nicht gut, dem schwarzen Panther in die Klauen zu fallen!
Der neue Freund hat aber den alten nicht aus dem Herzen des Grafen verdrängt, ich wette darauf. Seine brennenden Augen gehen noch immer unter halbgeschlossenen Lidern ruhelos herum, bis sie sich plötzlich auf Elmenreich wie auf ein langgesuchtes Ziel richten, mit einem unverständlichen Ausdruck, vielleicht vorwurfsvoll, vielleicht hochmütig herausfordernd. Aber sobald Elmenreich eine Bewegung mit den Brauen macht, als wolle er ohne aufzuschauen diese Blicke von sich abschütteln, ergreifen sie die Flucht, und die langen, bläulichen Lider verschleiern eilends ihr Geheimnis.
Im übrigen benützt der Graf jede Gelegenheit zu kleinen Anknüpfungen mit Elmenreich; er reicht ihm das Salzfaß, die Wasserflasche, den Brotteller, er hebt ihm die Serviette auf, die Elmenreich ein paarmal während jeder Mahlzeit verliert und unter Fluchen auf dem Boden sucht. Man kann dann wohl bemerken, daß er unablässig mit ihm beschäftigt ist, wenn er scheinbar nicht auf ihn achtet. Oft antwortet er auf ein Wort Elmenreichs früher als derjenige, an den es gerichtet war; und während er die ganze Welt mit einer zerstreuten und nachlässigen Geringschätzung überhört und übersieht, hat er immer Aug' und Ohr für alles, was von Elmenreich kommt.
Aber Elmenreich verharrt unstörbar in seiner ablehnenden Kälte; selbst Dr. Kranich, der mit lächelnder Schadenfreude zwischen ihm und dem Grafen stichelt, vermag nicht, ihn zu beirren. Nur unmerklich, gewiß sehr wider seinen Willen, klingen Untertöne in seiner Stimme mit, die auf Uneingestandenes schließen lassen, auf Erschütterungen in der Tiefe. Es ist wie ein Erdbeben, das in einem leisen Zittern bis an die Oberfläche gelangt. Man horcht auf, man stutzt – doch man kann nicht unterscheiden, ob dieses Erzittern wirklich von einem Erdbeben kommt, oder ob bloß der gewöhnliche Tageslärm vorübergehend stärker an den Mauern rüttelt.
Abends ist die Temperatur um einen Grad wärmer. Und je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr scheinen sich die Grenzen zu verwischen. Die Geister phosphoreszieren in ihrer beständigen Reibung, es funkelt von Schwerthieben und Degenstichen, Pfeile fliegen nach verborgenen Zielen, es wird beständig ins Blaue geschossen – »gilt es mir oder gilt es dir?« Aber alle diese Brandraketen gehen unschädlich vorüber. Keiner der Getroffenen meldet sich; denn keiner will der Getroffene sein.
Oder ist es der Alkohol, der die Schärfe der Gegensätze in eine angenehme Wolke einhüllt? Wenn das Bier zu Ende geht und der Weinkeller geschlossen wird, braut Dr. Kranich amerikanische Getränke. Cognac, Rum, Slibowitz, was nur immer an Spirituosen aufzutreiben ist, verarbeitet er je nach der Witterung mit Eis oder mit kochendem Wasser; die letzten Zitronen des Hauses werden ausgepreßt, das letzte Stück Zucker, das die Wirtschafterin vorgegeben hat, muß ausrücken. Es wird spät und immer später; die Kellner lehnen herum und gähnen laut; einer nach dem anderen verschwindet, eine Lampe nach der anderen erlischt, und Pipin, der Zuhörer, macht krampfhafte Anstrengungen, seine lichtblauen Augen offen zu halten.
Um Mitternacht, wenn ich aufbreche, begleitet er mich bis zum Hause; diese Gelegenheit benützt er, um gleichfalls Reißaus zu nehmen. Wann die anderen zu Bett gehen, gehört in das Gebiet der Legende. Der einzige überlebende Kellner vertritt allerdings stets die Ansicht, daß es »nicht sehr spät« war; aber es ist anzunehmen, daß dieses kellnerische Zeitmaß durch die Höhe des Trinkgeldes bestimmt wird. Wenigstens bemerke ich, daß Pipin beim Fortgehen dem Kellner immer etwas in die Hand drückt, worauf dieser auffallend erfrischt mit einer tiefen Verbeugung die Thür hinter uns schließt ...
* * *
Fragmente der Abendgespräche.
Dr. Kranich: »Etwas Neues, etwas Neues! Nur das Neue hat hinreißende Gewalt, nur das Neue begeistert, entzündet die Herzen, erweckt Stärke, Kampfbereitschaft, Siegesgewißheit –«
Elmenreich: »Oder auch das Alte, das für etwas Neues gehalten wird – was auf eins herauskommt. Man kann sagen, daß die Enkel immer den Geschmack und die Gedanken aus der Jugend ihrer Großväter für etwas Neues und Niedagewesenes halten. Nichtsdestoweniger betrachtet jede Generation die Anschauungen, die sie propagiert, als die alleinseligmachenden, als einen ungeheuren und epochalen Fortschritt. Und die jungen Menschen sind so kampfbereit und siegesgewiß, weil sie in aller Borniertheit glauben, daß sie das »Neue« erfunden haben, daß sie die »erste Generation« sind, daß mit ihnen die bessere Zukunft anbricht. Kann man aber dieses ganze Treiben noch ernst nehmen, wenn man einmal erlebt hat, wie die nächste Generation mit Lärm und Geschrei als Heilslehre gerade das Gegenteil von dem verkündet, was die frühere mit Lärm und Geschrei auf den Altar gehoben hat –?«
Dr. Kranich: »Elmenreich, Sie reden, wie das Alter eben daherredet. Denn genau in dem Augenblick, als man einsieht, daß das Neue eigentlich etwas Altes und Längstdagewesenes ist, wird man aus einem jungen ein alter Mensch. Jugend ist Illusionsfähigkeit – nichts weiter als das. Der alte Mensch kommt vermöge seiner Einsicht in ein ganz falsches Verhältnis zu den Illusionen; er greift alle diese lieben Seifenblasen mit seinen harten, knochigen Fingern an und fühlt sich überlegen, wenn sie zerplatzen. Er weiß nicht, dieser Einsichtsvolle, daß der junge Mensch die Welt mit wunderbaren, wenn auch vergänglichen Gebilden bereichert, während er selbst nichts in der Hand behält als einen schmutzigen Tropfen.«
*
Dr. Kranich: »Die Wilden könnten in manchen Punkten unsere Lehrmeister sein. Welche geniale Idee, for instance, die Alten und Schwachen, die jede Gemeinschaft als unnötiger Ballast beschweren, sans façons über Bord zu werfen! Indessen wir Kulturmenschen herumgehen und den besten Teil unserer Jugend daran wenden müssen, uns die Alten vom Leibe zu halten. Und obendrein diese philanthropischen Veranstaltungen, alle schwachen, kränklichen, verpfuschten Exemplare der Gattung sorgfältig aufzupäppeln, damit sie am Leben bleiben und sich ungehindert vermehren können!«
Elmenreich: »Ich dachte, Sie wären gegenwärtig für die »schönen Gefühle«, Arthur? Aber Sie verstehen wohl die schönen Gefühle der Hottentotten darunter?«
Dr. Kranich, lächelnd: »Täglich, wenn ich mein Morgengebet verrichte, sage ich: Lieber Gott, nimm die Alten, Schwachen und Kranken zu dir; sie passen ja doch besser in den Himmel als auf die Erde! Denn Sie wissen, Elmenreich, ich glaube an Gott. Allerdings an einen Gott der Starken, Mächtigen und Gesunden. Daher fordern meine religiösen Gefühle, daß die Starken und Gesunden ganz nach Herzenslust darauf los leben und dafür sorgen sollen, daß sie sich vermehren und zahlreich werden wie der Sand am Meer.«
*
Elmenreich: »Diese Todeszuckungen der europäischen Kultur, die wir für die Wehen einer neuen Daseinsform halten, dieser allgemeine Zerfall, den wir als die Heraufkunft der freien Individualitäten betrachten! Fäulnis, nichts als Fäulnis! Der Zersetzungsprozeß der bestehenden Gesellschaftsordnung. Ein stinkender Sumpf, aus dem ein ungeheures Quacken schallt. Und alle diese Frösche, sie wollen sich »entwickeln«, sie wollen Evolution, Kulturfortschritt, Uebermenschentum. Deshalb sitzen sie im Sumpf und quacken.«
Pipin, sehr schüchtern: »Aber eine Hoffnung, einen Wunsch nach dem Höheren muß man doch haben! Irgend etwas! Ein Ziel, eine Richtung!«
Elmenreich: »O ja, natürlich haben wir ein Ziel, natürlich haben wir eine Richtung! Wir haben unseren Standpunkt, unsere Weltanschauung. Jeder seine eigene für sich. Denn wir sind Einzelne, wir sind Eigene, wir sind souveräne Individuen, nur sich selbst gleiche. Wir sind freie Herren unseres eigenen Willens. Nur allein das Leben gehorcht uns nicht, das widerspenstige, eigensinnige, gemeine Leben, in dem das Gesetz der Trägheit und das Gesetz der Schwere regiert – und noch einige andere Gesetze, die wir nicht beachten oder nicht kennen. Es schreitet über uns hinweg, es läßt uns beiseite, es übersieht uns; wir stehen irgendwo im Winkel, unthätige Zuschauer, verlassen von allen Lebensmächten, deren Herren wir nicht sind –«
Graf Hermosa: »Ja, das Leben ist ein wirrer Traum, fühlen wir nicht zuweilen so deutlich? Ist uns nicht, wir müssen erwachen, wir sind dem Erwachen ganz nahe? Wie Engelsflügel es umweht uns und hebt uns in heiligen Ahnungen aufwärts, zu bewegen scheint sich der Schleier, der das Jenseits verhüllt – aber wieder die bleierne Dumpfheit des Schlafes zieht uns herab, und wir träumen weiter in Angst und Not und Qual, allein in der Finsternis, ohnmächtig, gelähmt, hilflos, währenddem der schauerliche Spuk des Lebens tobt durch unsere Adern ...«
Der Graf seufzt laut – etwas zu laut für eine von Affektation völlig freie Gemütsbewegung. Niemand antwortet. Dr. Kranich raucht seine Cigarette mit dem Behagen eines Menschen, dessen Lebensschlaf von jedem Alpdruck verschont ist; Elmenreich trinkt sein Glas leer und sagt dann zu Pipin:
»Aber lassen Sie sich nur nicht verleiten, einen Stein auf das zu werfen, was trotz alledem das beste Eigentum des Menschen ist. Weil es etwas Gewordenes, etwas Werdendes ist und nichts Vollendetes, ist es deshalb weniger ehrwürdig, weniger wertvoll? Es geht dem Gedanken selbst wie allen Genies: er wird verläumdet, beschimpft, gesteinigt von denen, die seine Mission in der Welt nicht begreifen. Leute, die in den Kellern des Gefühles herumlungern und ihren Haschischrausch für höhere Eingebungen halten, sind ja gar nicht imstande, die herrliche Helligkeit des Bewußtseins zu schätzen. Sie reden von den Offenbarungen der Nacht, weil in der Nacht die Sterne sichtbar werden, und sie bemerken nicht, daß sie dafür die ganze unerschöpfliche Pracht des Tages in den Kauf geben, diese Lichtscheuen, Lichtmüden, diese Nachteulen des Geistes, die immer dann ausfliegen, wenn der Abend einer Kultur zu dämmern beginnt« ...
*
Eine Viertelstunde später. Dr. Kranich beschreibt die Andachtsübungen und Riten einiger freireligiösen amerikanischen Sekten. Elmenreich findet, daß man als Europäer noch immer einen Vorsprung besitzt vor diesen amerikanischen Versuchen, sich mit dem Welträtsel auseinanderzusetzen.
Graf Hermosa: »Europa, das heißt, auf einem falschen Wege sein und doch immer weitergehen, totmüde und sterbenskrank, und halten ein Irrlicht für einen Leitstern. Europa, das ist nur ein mißratener Ableger von Asien. Asien ist den rechten Weg gegangen, und gekommen ans rechte Ziel. Welche Anmaßung, daß Europa sich aufspielt als moderne Menschheit! Und Grund, stolz zu sein, welchen? Besitzt denn die moderne Menschheit auch nur einen Tropfen Balsam zu gießen in eine verwundete Seele? Einen Tropfen Labsal den Dürstenden? Und was ist der Lärm, der aus dem Sumpfe schallt, anders als ein Schrei nach Erlösung? Alle die armen niedrigen Seelen, die aus dem Sumpfe ihre Stimme erheben, sie schreien vor Hunger, sie schreien nach dem Brote des ewigen Lebens, und es wird ihnen nicht gegeben. Denn die es geben sollten, sperren zu ihre Thüren, sitzen hinter geschlossenen Thüren allein, und welche von ihnen weinen, welche von ihnen lachen. Aber welche von ihnen wissen, daß sie ebenso bedürftig sind der Erlösung wie die armen Seelen im Sumpfe –«
Elmenreich stößt sein Glas zurück. Zu Dr. Kranich: »Na, hören Sie, Arthur, was haben Sie da für ein Zuckerwasser angemacht? Das ist ein Getränk zur Anfeuchtung für Nachmittagsprediger in einer Sonntagsschule. Geben Sie mir doch den Cognac herüber, sonst wird mir schlecht im Magen ...«

Elmenreich kam mit Eugenie den Promenadeweg herab. Sie waren in ein sehr lebhaftes Gespräch verwickelt. Ich wollte vorübergehen, aber Elmenreich hielt mich an.
»Gut, daß Sie kommen«, sagte er in einem sonderbar nervösen, gereizten Ton. »Vielleicht wird Fräulein Eugenie Ihnen eher Glauben schenken als mir. Bestätigen Sie ihr, was ich sage! Meine Worte machen keinen Eindruck; Fräulein Eugenie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sie lebt in dem Wahn, daß in mir was ganz besonderes steckt, daß ich im Geheimen ein ganz großartiger Mensch bin, nur so von außen voll Schlacken und unangenehmer Eigenschaften, die aber alle gleich abgestreift wären, wenn ich einmal in die rechten Hände käme –«
Das schöne Mädchen stand mit gesenkten Augen daneben und bohrte ihren Sonnenschirm in die schwarze Walderde. Ohne aufzublicken murmelte sie:
»Aber Herr Doktor! Das habe ich doch nie behauptet –«
»Nun ja, Sie sagen das freilich nicht so geradezu, aber ich errate es, ich lese es in Ihrer Miene, ich höre es aus dem Ton, in dem Sie mit mir sprechen. Und wenn Sie mich für einen unausstehlichen, unbrauchbaren, mißratenen Patron halten, so haben Sie ja recht tausendmal recht –«
»Aber wie können Sie nur –«
»Diese Prämisse ist völlig zutreffend und beweist Ihr gesundes Urteil. Nur die Schlußfolgerung, die Sie ziehen, gehört in das Gebiet jener Logik, wie sie den jungen Damen eigentümlich ist. Welche junge Dame glaubt nicht, daß es ein Zaubermittel giebt, durch das jede verfehlte, männliche Existenz zu kurieren wäre! Welche junge Dame glaubt nicht, daß sie die Mission hat, der rettende Engel irgend eines solchen verwunschenen Prinzen zu werden! Diese lieben kleinen Mädchen sind ja ganz charmante Wesen, das leugne ich nicht; aber sie denken eben, wenn sie einen Fingerhut voll Oel auf eine wilde See gießen, werden alle Stürme besänftigt und alle Wogen geglättet sein –«
»Es ist nicht schön von Ihnen, darüber zu spotten«, sagte Eugenie mit vibrierender Stimme.
»Ich bin weit entfernt davon, über diese holden Täuschungen der Mädchenintelligenz zu spotten. Aber Sie können es mir nicht übel nehmen, daß ich mich an meine eigene Lebenskenntnis halte. Wahrscheinlich besteht sie zwar gleichfalls aus Täuschungen, wenn auch aus weniger holden; nur werden Sie mich von meinen Täuschungen ebensowenig kurieren wie ich Sie von den Ihrigen. – Nein, Fräulein Eugenie, glauben Sie mir, es giebt nichts Undankbareres als ein Rettungswerk an fertigen Leuten; dergleichen endet immer mit einer immensen Enttäuschung. Sie haben die Vorstellung, daß ich ein sogenanntes goldenes Herz in einer rauhen Schale bin; und Sie hören nicht auf mich, der ich doch zum Kuckuck besser wissen muß, was in mir steckt. Eine bittere Mandel, weiter nichts –«
Eugenie lächelte unmerklich. »Da Sie das selbst sagen, glaube ich es erst recht nicht. Damit beweisen Sie mir nur das Gegenteil.«
Und Elmenreich ereifert sich, macht sich mit Schwung herunter, erfinderisch in der Negation wie immer. Ja, eine bittere Mandel, eine taube Nuß, die außen vergoldet ist, nichts weiter. Wozu war denn ein solches Subjekt überhaupt auf der Welt? Einer von jenen Ueberflüssigen, von jenen Lebenszuschauern, die mit den Händen in den Hosentaschen daneben stehen, während sich die anderen im Schweiße ihres Angesichtes rackern. Die in ihrer Loge im ersten Rang sitzen und den Kämpfern in der Arena auf den Kopf spucken. Die selbst nie einen Finger rühren und immer besser wissen, wie es die anderen machen sollten. Ein Einäugiger, der sich unter den Blinden als König geberdet, weil er nicht bemerkt, daß die Blinden ihren Weg in der Finsternis finden, während er sich hundertmal verirrt; ein kalter Räsonneur, der sich überlegen fühlt, wenn er als Frost auf alle Blumen fällt, die so unvernünftig sind, zu blühen. Ein Pflastertreter der Geistigkeit, der überall hingekommen ist und nirgends etwas geleistet hat. Ein heulender Derwisch des Denkens, der sich ewig um sich selber dreht, in der Meinung, dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Ein Baron Münchhausen der Erkenntnis, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpfe ziehen will –
Eugenie lachte. Auch ihr Lachen ist leise und gemessen, fast nur die Andeutung eines Lachens. Ihr Gesicht verändert sich nicht dabei; sie öffnet nur ein wenig den Mund, so wenig, daß kaum der Rand ihrer Zähne sichtbar wird.
Dieses Lachen machte Elmenreich stutzig. Er hielt inne und sah befremdet auf.
»Da ist nichts zum Lachen«, sagte er finster. »Sie haben eben von solchen Zuständen keinen Begriff! Wenn Sie wüßten, wie einem solchen Menschen zu Mute ist, würden Sie nicht lachen.«
»Aber Herr Doktor, wenn jemand über sich selbst so lustig redet, kann es doch nicht gefährlich sein!«
»Lustig? Das kommt Ihnen lustig vor? Ich bin also für Sie eine Art trauriger Hanswurst, der umso komischer wirkt, je melancholischer er sich geberdet? Aber ich gestehe, Fräulein Eugenie, die Rolle des unfreiwilligen Komikers zu spielen, hab' ich nicht Lust. Das Leben hat mir zu wenig Humor dafür gelassen –«
Er war ernstlich böse.
Eugenie blickte ihn fassungslos an. Das Weinen schien ihr nahe zu sein.
»Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich sagen soll! Ich kann es Ihnen nicht recht machen –«
»Ja, ich bin ein unleidlicher Patron, hab' ich es Ihnen nicht gesagt? Geben Sie mich auf, Fräulein Eugenie; wir werden uns nie verständigen. Mit solchen vertrackten Menschen wie ich ist nicht auszukommen, wie oft soll ich es denn wiederholen? Wollen Sie durchaus nicht hören?«
Sie legte schweigend ihre Hand mit dem Rücken an die Stirne und schloß die Augen. Ueber ihr marmornes Gesicht, dessen Linien so bedeutend sind, und das so wenig von dem verrät, was sich in der Tiefe dieser Seele abspielt, ging eine flüchtige Bewegung – vielleicht Beschämung, vielleicht Enttäuschung, vielleicht nur Aerger.
Elmenreich sah diese Geberde. Und seine Haltung veränderte sich; er zog Eugeniens Hand von ihrer Stirne weg, schüttelte sie halb scherzhaft und halb leidenschaftlich und sagte mit einer Stimme, die nicht ohne Zärtlichkeit war:
»Gott bewahre, Gott bewahre! Wir werden uns doch dergleichen nicht zu Herzen nehmen! Es wäre ein Frevel an diesen himmlischen Augen, wenn sie durch Thränen getrübt werden sollten. Das möchte ich nicht verschuldet haben, nein, das nicht!«
Eugenie schlug die Augen auf. Sie waren trocken. Ein kühler, abweisender Blick fiel auf Elmenreich.
»Ich habe nicht geweint«, sagte sie stolz. »Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen.«
Da wurde auch Elmenreich sogleich wieder der Alte. Er versetzte kurz: »Desto besser«, und dann gingen beide verstimmt und schweigend nebeneinander her.
Am Ende des Promenadenweges lief uns Pipin entgegen. Er war ganz erhitzt und aufgeregt.
»Welches Glück ich habe!« rief er und schlug die Hände zusammen wie ein Kind. »Der liebe Gott meint es mit mir beinah so gut wie mit der gewissen Heiligen – Sie werden ja wissen, wie sie heißt, Herr Doktor – ich meine diese, Fräulein Eugenie, die sich mit einer Notlüge aus der Affaire zog. Eben habe ich mir Ihrem Herrn Papa gegenüber durch eine Notlüge geholfen – und sieh da, es trifft alles ein!«
Eugenie erblaßte.
»Dem Papa gegenüber? Der Papa ist doch auf die Jagd gefahren? Ist er schon wieder zurück?«
»Es ist etwas dazwischen gekommen, ich weiß nicht was. Ich glaube, Fräulein Eugenie, es wäre gut – vielleicht wären Sie geneigt, gleich nach Hause zu gehen. Er war ein wenig ungehalten darüber, daß Sie abwesend waren und Ihre Frau Mama allein – oder vielmehr nicht allein, sondern ohne Sie. Da sagte ich – verzeihen Sie, aber es schien mir in diesem Augenblick das Einfachste – ich sagte auf gut Glück, daß Sie mit der gnädigen Frau zusammen spazieren gegangen sind: und siehe da, ich hab' es erraten!«
Eugenie runzelte die Augenbrauen und antwortete nichts. Sie beschleunigte aber ihren Schritt sofort.
Pipin hielt mich zurück; als ein genügender Zwischenraum zwischen den Vorangehenden und uns entstanden war, teilte er mir flüsternd mit, bei welchem peinlichen Auftritt er eben Zeuge gewesen sei. Er wollte versprochene Bücher bringen; beim Gartenthor traf er mit dem Oberst zusammen, der angeblich von einem vereitelten Jagdausflug zurückkehrte. Aber diesen Jagdausflug scheine er nur vorgeschützt zu haben, nur darauf angelegt, seine Frau unvermutet zu überfallen. Unglücklicherweise sei sie in der That mit dem betreffenden Herrn, der dem Oberst nicht passe, allein im Garten gewesen. Seine erste Frage war nach Eugenie; denn die Frau habe den strengen Befehl, die Tochter nie allein ausgehen zu lassen – wahrscheinlich damit sie selbst nie unbeaufsichtigt bleibe. Und als es sich nun herausstellte, daß Eugenie nicht zu Hause sei, machte der Oberst eine unerhörte Szene, eine Szene, die jeder Beschreibung spotte. Er schimpfte und fluchte wie ein Hausknecht, ohne sich vor den unfreiwilligen Zeugen zu genieren. Die Frau aber blieb ihm nichts schuldig: und so wäre es fast zu Thätlichkeiten zwischen den beiden gekommen, wenn nicht schließlich die Zeugen sich ins Mittel gelegt hätten – auf die Gefahr hin, von dem Wüterich hinausgeworfen zu werden. »Guter Gott, was für ein Daheim für dieses arme, schöne, edle Geschöpf! Wie schrecklich, diese Existenz zwischen einem rohen Vater und einer leichtsinnigen, ungebildeten Stiefmutter! Eine so herrliche Erscheinung in einer so gemeinen Umgebung! Wenn man sie daraus befreien könnte! Wenn man sie retten könnte!«
Pipin's unbedeutendes Gesicht wurde beinahe anziehend in dem Ausdruck der Empfindung, von der es bewegt war.
Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:
»In diesem Punkte ist mir Elmenreich unbegreiflich. Wenn ich an seiner Stelle wäre – es ist ja anmaßend und kindisch, sich so etwas vorzustellen, aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde – lieber Gott! Ich glaube, ich würde vor Stolz und Glück den Verstand verlieren. Und ihn berührt es weiter gar nicht, er ist ewig verstimmt und schlecht aufgelegt Vielleicht bemerkt er es nicht einmal. Nein, wirklich, er ist mir unbegreiflich.«
* * *
(Aus einem Briefe.)
20. Juli 1893.
... Du hast wohl richtig geraten. Ich fühle selbst, daß ich mich Elmenreich gegenüber verändere. Dir kann ich es ja gestehen: ich fange an, nicht mehr ganz wie früher – was nur? Während ich es nennen will, fehlt mir das Wort dafür. Nicht mehr ganz wie früher an ihn zu glauben? Aber er ist noch immer derselbe rechtschaffene Mensch, der Mensch des überlegenen Urteils, der unbestechlichen Selbsterkenntnis, der Mensch ohne Täuschung über sich und die anderen: kurz, noch immer alles, was ihn mir zu einer imponierenden und verehrungswürdigen Erscheinung gemacht hat. Nur scheint mir – ganz im allgemeinen scheint mir in jeder Freundschaft der Augenblick bedenklich, in dem man die erste Schwäche entdeckt, die erste Unzulänglichkeit. Es ist eine entscheidende Wendung, wie die Wasserscheide auf einer Straße: von jetzt an geht es bergab. Unaufhaltsam! Unaufhaltsam, so gerne man oben bleiben möchte ...
Wie schwer ist es, einen Menschen in seiner Bedingtheit und Unvollkommenheit zu begreifen! Wir wollen immer etwas Ganzes und Fertiges, Helden oder Schurken, Engel oder Teufel. Daß der Mensch als etwas Halbes dazwischen steht, macht ihn unverständlich und ungenießbar.
Aber im besonderen brauchte das nicht zuzutreffen. Es ist doch gar nichts vorgefallen, gar kein greifbarer Anlaß eines Zerwürfnisses, einer Verstimmung. Nein, wirklich nicht das Geringste! Bloß, daß ich immer deutlicher die Empfindung habe, der Elmenreich, den wir vor drei Jahren kennen lernten, sei ein anderer Mensch gewesen als der Elmenreich von heute. Du wirst einwenden, daß sich ein Mensch nicht so rasch verändert, am allerwenigsten in Elmenreichs Alter. Immerhin gäbe es Erklärungsgründe. Es könnte ja der Einfluß des Grafen gewesen sein, der damals günstig auf ihn einwirkte. Nicht etwa, weil der Graf eine so ausgezeichnete Persönlichkeit ist, sondern weil Elmenreich ihn liebte, weil er ihn für eine hoffnungsvolle und vielversprechende Erscheinung hielt. Damals erwartete er doch große Dinge von ihm, wenn er das auch heute nicht mehr zugiebt. Und es muß zu seiner Verbitterung nicht wenig beitragen, daß der Graf einen so ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Wie es auch sei: man reißt nicht eine Seele aus seinem Herzen, ohne daß tiefe Narben davon zurückbleiben – –
Oder hätte nur ich mir ein Bild von Elmenreich gemacht, das nicht ganz zutrifft? Und ich wäre einfach im Begriff, die Fehler meines Bildes durch eine genauere Kenntnis zu korrigieren? Unlängst sagte er zu mir unter anderem: »Die Menschen glauben gewöhnlich das von einem, was man selbst über sich aussagt. Sie merken nie, was hinter diesen Aussagen steht, was man mit oder ohne Absicht verschweigt. Und dann erlebt man die merkwürdigsten Ueberraschungen, wenn man zufällig einmal erfährt, als was man in der Vorstellung seiner Nebenmenschen existiert.« Ich war ganz betroffen über diese Worte, denn ich hielt sie für eine Anspielung; aber als ich darauf eingehen wollte, sah ich sofort, daß sie nicht im Entferntesten auf mich gemünzt waren.
Ich habe angefangen, seine Gespräche aufzuschreiben. Dabei verhehle ich mir nicht, daß es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man das Bedürfnis empfindet, die Aussprüche eines Freundes schwarz auf weiß zu besitzen ...
* * *
Graf Hermosa teilt die Menschen in drei Klassen: in Geistesmenschen, Naturmenschen und Maniermenschen.
Gestern erläuterte er dieses System vor einem gemischten Auditorium, nämlich vor Elmenreich, Pipin, dem Brunnhofer-Seppl und mir. Auf Grund vertrauter Mitteilungen, die nicht bekannt sind, scheint er den Brunnhofer-Seppl unter die Geistesmenschen zu rechnen, und behandelt ihn vollkommen als seinesgleichen.
Elmenreich und ich waren zufällig vorübergekommen. Kaum erblickte der Graf Elmenreich, als er seine Rede unterbrach und sich ihm in den Weg stellte.
»Ich erkläre; Pipin hat mich darum gebeten«, sagte er in einem demütigen Ton, als müßte er sich entschuldigen. »Pipin hat nicht verstanden; Pipin möchte wissen, wer hinter den verschlossenen Thüren sitzt, und wer aus dem Sumpfe schreit: Pipin hört zu und denkt nach, aber er versteht nicht, er ist noch ein Neophyt. Darf ich um die Ehre bitten, zwei Zuhörer mehr zu haben?«
Elmenreich verbeugte sich formell und blieb einen Augenblick stehen. Er musterte Pipin mit einem mißbilligenden Blick.
Der Graf fuhr in seinem Vortrag fort, mit seiner erloschenen Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt in seiner andeutungsvollen, abgebrochenen Weise, die den Eindruck macht, daß er unaussprechliche Geheimnisse, etwas ganz Wunderbares und Unmitteilbares bei sich behält. Es kam mir vor, als rede er ausdrücklich für Elmenreich, als sei alles, was er sagte, an diesen gerichtet, obwohl er sich scheinbar nur an Pipin hielt.
Unter Maniermenschen verstand er die Philister, die Satten und Zufriedenen, die innerlich leer sind und sich deshalb mit konventionellen Begriffen ausfüllen, mit der Ehre, mit der Pflicht, mit der Moral. »Sie sind keine Menschen der inneren Wahrheit, sie sind Menschen der äußeren Manier. Der höhere Typus des Menschen lebt in einem anderen Elemente; er lebt nicht in der Zufriedenheit, sondern in der Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der Weg der Erlösung. Der Einfältige, der arm an Geist ist, der Naturmensch, geht den Weg unwissentlich und blind, der Erleuchtete, der Geistesmensch, geht ihn mit Wissen und zielbewußt. Und welchen Weg er auch gehe, es ist für ihn nur ein Weg in jenes Reich, das unsichtbar ist den gemeinen Augen, aber ahnungsvoll gegenwärtig demjenigen, der von der turris eburnea der Eingeweihten die Welt schaut. Wie könnte es für diesen Schauenden noch Sünde geben? Welche That könnte er begehen, die nicht aus ihm selbst ihre Rechtfertigung empfinge? Kann daher der Geistesmensch nicht alles thun, was nach der Ansicht der Maniermenschen ein unauslöschliches Schandmal bildet? Alles – wenn es für seine Seele der Weg der Entfaltung ist? Kann er nicht sein Ehrenwort brechen, nicht stehlen, rauben, morden – und es wird für ihn nur eine Stufe sein –?«
Seine tiefen, brennenden Augen, unter denen violette Schatten liegen, hefteten sich auf Elmenreich. Es war eine flehentliche Frage in seinem Blick; und mit der südlichen Lebhaftigkeit seiner Geberden unterstrich er die eindringliche, verhaltene Leidenschaft dieser Frage. Er erhob seine beiden Hände gegen Elmenreich – wunderbar gepflegte Hände mit schlankem weichen Fingern, auf denen in zahlreichen Ringen herrliche Juwelen funkeln.
Elmenreich stand mit der gleichgültigen und gelangweilten Miene eines Menschen da, der Gemeinplätze oder Phrasen anhören muß; der Brunnhofer Seppl hatte in seinem gebräunten Gesicht einen Ausdruck so düsteren Ernstes, daß man wohl vermuten konnte, er habe irgend eine Geistesmenschenthat auf dem Gewissen, über die er bisweilen maniermenschliche Regungen unangenehmer Art empfinde; Pipin aber starrte mit hochhinaufgezogenen Augenbrauen den Grafen an, sein Gesicht war ganz rot und ein banges Erstaunen malte sich in seinen Mienen. Der Atem schien ihm zu versagen; in der Stille, die entstanden war, schnappte er hörbar nach Luft.
Da wandte sich Elmenreich gegen den Grafen.
»Halten Sie ein, Graf«, sagte er spöttisch, »Sie stürzen diesen armen Neophyten zu früh in die Schrecknisse der letzten Grade.«
Der Graf warf den Kopf zurück und streifte Pipin mit einem ungnädigen Blick.
Und in einem Ton, der keine Widerrede gestattete, fügte Elmenreich hinzu: »Pipin, kommen Sie jetzt mit uns. Wenn Sie etwas nicht verstehen, können Sie ja mich fragen; ich werde Ihnen schon Auskunft geben.« Damit kehrte er dem Grafen den Rücken und setzte seinen Weg fort.
Pipin schloß sich ihm gehorsam an; aber er blieb in sich gekehrt und schweigsam.
Heute sagte er zu Elmenreich sehr vergnügt: »Ich glaube, ich weiß jetzt unter welche Gattung Menschen ich gehöre – denn zu den Geistesmenschen darf ich mich nicht rechnen, und zu den Maniermenschen, offen gestanden, möcht' ich doch nicht gezählt werden –«
»Seien Sie nicht so albern, Pipin«, versetzte Elmenreich grob. »Sie werden doch diese Klassifikation nicht ernst nehmen?«
»Warum denn nicht?« antwortete Pipin unschuldig. »Ich finde sie großartig, das muß ich sagen. Und Sie, gnädige Frau?«
Aber Elmenreich ließ mir gar keine Zeit, mich zu äußern.
»Das hat Ihnen gerade noch gefehlt, Pipin, daß Sie sich solches Zeug in den Kopf setzen. Sie wären imstande, nächstens auf dem Promenadenweg dem Regierungsrat Müller die Geldbörse abzujagen, um sich vor dem Grafen als Geistesmensch zu legitimieren –«
»Ich habe doch eben erklärt, daß ich mir durchaus nicht anmaße, unter die Geistesmenschen gezählt zu werden –«
»Na, ein Geistesmensch sind Sie allerdings nicht, aber trotzdem ein Kerl, der mehr wert ist, als mancher andere. Sehen Sie denn nicht ein, daß alle willkürlichen Normierungen der Menschen keinen Schuß Pulver wert sind? Nichts als ein jeu d' esprit für solche Narren wie der Graf einer ist, und eine Leimrute für solche Narren, wie Sie einer sind –?«
Ich wendete ein, daß es doch ganz den Anschein gehabt hatte, als wolle der Graf nicht auf Pipin, sondern auf ihn Eindruck machen.
»Auf mich? Als ob ich diese Leier nicht längst auswendig kennte! Bei mir verfängt das nicht mehr. Uebrigens vielleicht – vielleicht glaubt er, daß er damit noch etwas bei mir erreichen kann. Aber da täuscht er sich gründlich!« Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er fort:
»Ich werde Ihnen sagen, Pipin, unter welche Gattung Menschen er selber gehört. Lassen Sie sich nicht ein mit Leuten, die neue Klassen der Menschen kreieren, um sich selbst auf die oberste Stufe zu stellen, die sich als innerliche Kaiser und Könige aufspielen, weil sie keinen Platz im äußeren Leben ergattern können! Ich kenne sie, diese Ichprotzen, die aus der Kultur des Ich einen Kultus des Ich machen! Die selbstgefällig die Ausdünstungen ihrer angefaulten Seelen beschnuppern, um uns ihre Defekte als neue Seiten der menschlichen Natur aufzutischen! Diese commis voyageurs in geistigen Modewaren, die immer die Neuheit der Saison für eine erlösende Wahrheit ausgeben ... Je nachdem der Wind weht, hält man sich für einen Franz von Assisi, wenn man seine zerrütteten Nerven ein paar Wochen auf dem Lande ausruhen läßt, oder für einen Cäsar Borgia, wenn man seine Gymnasiastenstreiche zum Besten giebt; sie glauben schon, was Neronisches zu sein, wenn sie einen der Seitenwege einschlagen, auf denen die Instinkte niedergehender Kulturen lustwandeln –«
Ich machte einen Versuch, ihn zu unterbrechen:
»Aber hören Sie doch auf, Elmenreich! Wie paßt denn das auf den Grafen?«
»Was ihnen in die Hände fällt, wird zur Karikatur, die Ausschweifung und das Empfindungsraffinement, die brutale wie die sentimentale Pose. Sie können keine ihrer erbärmlichen Liebesaffairen erzählen, ohne Gott, Welt, Menschheit hineinzupfuschen. Und wenn sie sich mit Weibern oder Comestibeln überladen haben, fangen sie an, von ihrem Erlösungsbedürfnis zu reden. Sie behängen sich mit tiefen Erkenntnissen, wie Maulesel mit Schellen und glauben etwas für die Unsterblichkeit zu thun, wenn sie in allen Gassen damit herumläuten, bis die anständigen Leute Fenster und Thüren zuschlagen und alle tiefen Erkenntnisse zum Henker wünschen –«
Da leuchtete mir ein, daß hier nicht eine Beobachtung, sondern eine Leidenschaft Ausdruck suchte. Ich erinnerte mich an das, was Dr. Kranich neulich über Elmenreichs Verbitterung gesagt hat:
»Er bekommt seine ersten grauen Haare; bekanntlich aber hassen die Menschen von Vierzig nichts auf der Welt so sehr als die Menschen von Zwanzig.« Und mit einem Lächeln, unter dem seine blendenden Zähne so lieblich glänzten, als könnten nur gütige und milde Worte zwischen ihnen durchgleiten, hatte er geschlossen:
»Ueberdies posiert der gute Elmenreich mit seiner Galle. Galle ist ein wohlfeiles Surrogat für Tiefe. Und was gäbe er nicht darum, wenn er selber ein »tiefer« Mensch wäre!«
* * *
Ein Meteor ist aufgestiegen, das alle anwesenden höheren Menschen zu verdunkeln drohte. Zum Glück verschwand es alsbald wieder und ließ nur eine vorübergehende Sensation wie einen flüchtigen Feuerschweif hinter sich.
Beim Mittagstisch in der großen Veranda.
Dr. Kranich weiht eben Pipin in einige Geheimnisse der amerikanischen Küche ein, während der Graf am anderen Ende des Tisches mit würdevoller Ergebung in das Unvermeidliche an einem sehr zähen Kalbsbraten kaut, und Elmenreich dem Kellner zum hundertsten Mal erklärt, daß er unbedingt entschlossen sei, diesen »Schlangenfraß« nicht länger zu sich zu nehmen. Da ließ sich an einem leerstehenden runden Tisch in der Mitte ein junger Mann nieder. Er trug einen Folianten unter dem Arm, den er sogleich vor sich aufschlug. Seine langen, schwarzen Haare fielen ihm in fettigen Strähnen über die Backen und verdeckten sein Gesicht, als er sich so über das Buch beugte. Man sah nur eine große Nase mit einem großen goldenen Zwicker herausragen. Ein weiter Kameelhaarmantel umgab in reichlichen Falten seine Gestalt bis zu den Füßen, die nach Art der römischen Hirten mit Bundschuhen versehen waren.
Als der Kellner ihm die Speisenkarte überreichte, blickte er mit weltverlorener Miene auf und fragte mit sanfter Höflichkeit:
»Was wünschen Sie, lieber Freund?«
Und auf die Frage, ob er nicht zu Mittag speisen wolle, versetzte er wie aus einem Traum erwachend:
»Ach so! Nun ja; bringen Sie mir ein Glas Wasser, ich bitte!«
Dann öffnete er seinen Mantel über der Brust. Ein gelbliches Baumwolltuch, das ein herausfordernd ungewaschenes Aussehen hatte, erschien an der Stelle, die bei anderen Europäern durch eine Kravatte eingenommen wird. Es war kreuzweise übereinandergelegt und durch eine umfangreiche Agraffe von rätselhaften Umrissen zusammengehalten.
Er langte in die linke Brusttasche und zog ein flaches Glasfläschchen mit einer hellgelben Flüssigkeit heraus, das er vor sich auf den Tisch stellte. Dann langte er in die rechte Brusttasche und zog ein Pergamentsäckchen heraus, das er gleichfalls vor sich hinstellte.
Sämtliche Anwesende verfolgen mit gespanntem Interesse jede seiner Bewegungen. Selbst der Graf unterbricht sein ergebungsvolles Kauen, winkt den Kellner zu sich und fragt:
»Wer ist dieser Fremdling?«
Die Nachricht, daß derselbe nur ein unbekannter Passant sei, vermindert das Interesse keineswegs. Niemand ißt mehr; alle Gespräche sind verstummt; die Kellner stehen herum und glotzen ihn an.
Und in diesem feierlichen Schweigen entkorkte der Fremdling gelassen, als wäre er allein auf der Welt, sein Fläschchen, goß einige Tropfen Oel in seine hohle Hand, schüttete aus dem Pergamentsäckchen einige Erbsen dazu, und ließ sie, indem er sich weit zurückbeugte, in seine Mundhöhle verschwinden. Das wiederholte er, bis das Pergamentsäckchen leer war. Dann reinigte er seine Hände, indem er sie gegeneinander rieb und sich ein paarmal über die Haare fuhr. Zuletzt trank er das Glas Wasser aus und rief:
»Kellner, zahlen!«
Der Kellner bemerkte spöttisch, daß das Wasser vorläufig noch umsonst zu haben sei.
Aber mit unstörbarer Freundlichkeit griff der Fremdling abermals in die Falten seines Prophetenmantels, zog einen Silbergulden heraus und überreichte ihn dem Kellner.
»Für Ihre Mühe, lieber Freund«, sagte er wie oben.
*
»Pipin, gaffen Sie diesen verehrungswürdigen Mann nicht so unverschämt an«, ermahnte Dr. Kranich ernst.
»Was? Verehrungswürdig?« versetzte Pipin, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. »Das ist doch ein Narr, oder ein Geck! Warum würde er sonst seine Mahlzeit hier, statt an dem nächstbesten Brunnen, einnehmen? Hab ich nicht recht, Dr. Elmenreich?«
Elmenreich stieß nur einen Laut unaussprechlicher Verachtung aus.
Dr. Kranich jedoch erklärte mit erhöhtem Gewicht, ein Mensch, der es verstehe, sich mit so unbeweglicher Seelenruhe zum Gegenstand des allgemeinen Gelächters zu machen, sei ein wahrhaft überlegener Mensch. »Sie, lieber Pipin, halten es vielleicht für ein Zeichen von Mut und Ueberlegenheit, wenn ein Mensch sich duelliert, wozu jeder beliebige Leutnant die Seelenstärke aufbringt. Aber sich dem öffentlichen Spott aussetzen und nicht mit einer Wimper zu zucken, hundert Augen mit Geringschätzung auf sich gerichtet sehen und nicht einen Moment die Fassung zu verlieren, sich lächerlich machen mit vollem Bewußtsein, das können nur die ganz seltenen Menschen. Ich werde mich ihm zum Zeichen meiner Hochachtung vorstellen.«
Gerade als Dr. Kranich sich anschickte, seinen Vorsatz auszuführen, stand der Fremdling auf und entfernte sich. Vorher hatte er seine Busennadel aus dem Baumwolltuch gezogen und sie als Lesezeichen in das Buch gesteckt, das er auf dem Tische liegen ließ.
»Nun, Doktor Kranich«, sagte Elmenreich, »da Sie soviel Courage haben, gehen Sie doch einmal nachsehen, was für ein Buch das ist, in dem Ihr Held so dringend zu lesen hat.«
»Fürchten Sie sich nicht, Elmenreich, Ihre Neugier soll befriedigt werden auch ohne mich. Pipin, das ist eine Aufgabe für Sie. Stehen Sie unauffällig auf, gehen Sie unauffällig an dem Tisch vorbei und lesen Sie unauffällig den Titel des Buches.«
Pipin traf vor dem Tische mit einem Dutzend anderer Abgesandter zusammen. Er kehrte sehr nachdenklich zurück.
»Es ist lateinisch«, sagte er. »Obenauf steht Arcana coelestia; alles Uebrige habe ich in der Eile nicht lesen können. Denn das Merkwürdigste ist die Kravattennadel, die er hineingelegt hat. Denken Sie sich: sie besteht aus einer Schlange, die sich in den Schweif beißt! Und diese Schlange schlingt sich um einen sechseckigen Stern, und in diesem Stern hängt ein Ding, das aussieht wie ein kleinwinziger Stimmschlüssel. Das muß etwas zu bedeuten haben! Ich glaube wirklich, Doktor Kranich hat Recht, dieser geheimnisvolle Fremde ist jemand Besonderer, glauben Sie nicht auch, gnädige Frau?«
Indessen war der Fremdling zurückgekommen. Eilig huschten die letzten Neugierigen auf ihre Plätze. Er aber steckte friedlich seine Nadel wieder an, nahm sein Buch in den Arm, schlug seinen Mantel mit einer weiten, malerischen Bewegung vorne übereinander und ging.
Der lang zurückgestaute Strom der Rede ergoß sich jetzt in brausenden Wogen durch die Veranda. Von den Tischen der Räte drangen Laute der heftigsten Entrüstung herüber. Sie verhinderten Elmenreich, seine eigene Entrüstung zu äußern; denn Dr. Kranich sagte lächelnd:
»Da drüben haben Sie ja Gesinnungsgenossen, Elmenreich. Wollen Sie nicht hinübergehen und mit den Hofräten heulen?«
Als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, fiel es auf, daß der Graf fehlte. Niemand hatte ihn fortgehen gesehen.
Er ist auch beim Abendessen noch nicht wiedererschienen.

Pipin: »Das wäre mein Ideal: ein Kreis hervorragend gescheiter Menschen, die so recht auf der Höhe der Kultur stehen, die alles begreifen, was in der Welt vorgeht und darüber gut zu reden wissen, so daß man die Empfindung hat, man lebt ganz im Zentrum, man lebt so reich und intensiv, als es zur Zeit möglich ist. Und mit solchen überlegenen, ausgezeichneten Menschen in einer wahren, lebenslänglichen Freundschaft verbunden zu sein – sagen Sie, Herr Doktor, wäre das nicht ein himmlisches Glück?«
Elmenreich: »Puah! Lebenslängliche Freundschaft! Wie können Sie denn in Ihrem Alter noch so was erwarten! Lebenslängliche Freundschaft ist nur möglich unter Menschen, die stehen bleiben, also unter nicht modernen Menschen; denn das macht ja den modernen Menschen aus, daß er sich beständig wandelt. Und dann – giebt es etwas Langweiligeres als lebenslängliche Freundschaft? Man kennt sich längst auswendig, man hat sich nichts Neues mehr zu sagen, keine Ueberraschungen mehr zu machen, keine Rätsel mehr aufzugeben! Man weiß schon im Vorhinein, was der werte Freund in jeder Lage denken und thun wird; so oft er zu reden anfängt, fragt man sich gähnend: Du lieber Gott, wird er denn sein ganzes Leben lang auf diese paar Gedanken reisen?«
Pipin, nach einer Pause schüchtern: »Aber weil wir schon bei diesem Gegenstande sind, Herr Doktor – darf ich offen sprechen?«
Elmenreich unwirsch: »In Gottes Namen, wenn Sie wieder einmal etwas nicht bei sich behalten können.«
Pipin: »Ich verstehe nämlich nicht – Sie werden freilich sagen, daß ich nicht alles zu verstehen brauche. Aber vielleicht ist Doktor Kranich falsch unterrichtet. Er behauptet nämlich –«
Elmenreich: »Gewöhnen Sie sich doch dieses schreckliche Nämlich ab, Pipin. Nämlich ist ein geradezu schwachsinniges Wort.«
Pipin errötet, faßt sich aber gleich wieder: »Danke; ich werde es mir abgewöhnen. Doktor Kranich also behauptet –«
Elmenreich: »Gehört Doktor Kranich zur Sache?«
Pipin bemerkt nicht, daß Elmenreich ausweichen will. Er fährt tapfer fort:
»Ei freilich! Er behauptet näm – pardon, er behauptet, daß Sie vor einigen Jahren der beste Freund des Grafen waren, – wie er sich ausdrückt: frère et cochon mit ihm. Ist das wahr?«
»Und wenn es wahr wäre?«
»Dann verstehe ich nicht – Sie haben mir ja erlaubt, offen zu sprechen, Herr Doktor – ich verstehe nicht, wie Sie jetzt so böse auf ihn sein können. Wenn man einmal eines Menschen Freund ist, muß man es doch bleiben!«
Elmenreich macht eine Bewegung ärgerlicher Ungeduld. Pipin aber läßt sich nicht einschüchtern.
»Ich bitte Sie, Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit! Die Sache beunruhigt mich auf das Tiefste. Sie sind doch beide so großartige, bedeutende Menschen! Wie herrlich müßte es sein, wenn Sie beide wieder vereinigt wären! Gäbe es denn kein Mittel?«
»Lassen Sie das, Pipin!«
»Ist es wirklich unmöglich? Können Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen? Den Anlaß Ihres Zerwürfnisses? Vielleicht ist es ein bloßes Mißverständnis gewesen, das nur aufgeklärt zu werden braucht? Vielleicht, wenn Sie sich dazu bewegen ließen, mit mir darüber zu sprechen, könnte ich dem Grafen – glauben Sie mir, Herr Doktor, ich würde nichts unversucht lassen! Ich würde alles – sagen Sie doch ein Wort!«
Elmenreich schien durch Pipins Eifer gerührt. »Pipin, das verstehen Sie nicht« – sagte er, aber in einem väterlichen Ton.
»Vielleicht doch! Versuchen Sie es wenigstens! Gott, wenn es mir gelänge, wenn – wenn ich das bewirken könnte, ich wäre närrisch vor Freude!«
»Also da Sie es durchaus wissen wollen: es ist gar kein besonderer Anlaß gewesen, gar kein Zerwürfnis. Wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«
»Auseinanderge – was?« fragte Pipin.
»Auseinandergewandelt!« wiederholte Elmenreich mit Betonung. »Nun werden Sie wohl begreifen, daß da nichts zu machen ist.«
Pipin sah nicht sehr überzeugt aus. Er seufzte, wagte aber keine Frage mehr.
Abends nahm er Dr. Kranich beiseite. »Ich möchte Sie etwas fragen«, sagte er mit wichtiger Miene. Als ich mich entfernen wollte, hielt er mich zurück. »Oh, es ist kein Geheimnis, gnädige Frau; vielleicht können Sie mich aufklären, falls Doktor Kranich nicht wollte. Denn Doktor Kranich ist leider nicht geneigt, sein Wissen und Können in den Dienst anderer zu stellen. Denken Sie sich, neulich hat er gesagt, daß das »Humane« ein überwundener Standpunkt ist, von dem nur mehr Provinzschullehrer und gebildete Damen das Heil erwarten –«
»Ei Pipin, Sie fangen an, mich bei den gebildeten Damen zu denunzieren? Wollen Sie etwa mit der gnädigen Frau einen Wohlthätigkeitsverein für Arme im Geiste gründen?«
Ungehaltener, als ich ihn jemals gesehen, versetzte Pipin: »Ach bitte, lassen Sie doch die gnädige Frau aus dem Spiel! Ich wollte Sie ja nur fragen, weil Sie sich in allen modernen Fragen so gut auskennen, was denn das heißt: »sich einfach auseinander wandeln –?«
»Wo haben Sie denn das aufgeschnappt?«
»Ist das nicht alles eins?«
»Ich frage, wo Sie das aufgeschnappt haben?«
»Wenn ich es sagen muß: Doktor Elmenreich behauptete es von sich und dem Grafen. Er sagte wörtlich: »wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«
Dr. Kranich lachte laut auf. »Na, dann zerbrechen Sie sich Ihr Köpfchen nicht darüber, Pipin. Das ist nur für die upper ten thousand des Geistes und nicht für Sie.«
* * *
(Aus einem Briefe.)
26. Juli 1893.
... Dir mehr über Pipin mitzuteilen? Wer Pipin ist? Aber es fällt doch niemandem ein, darnach zu fragen. Er ist da, das ist genug. Und namentlich ist er immer da, wenn etwas von ihm gebraucht wird. Jemand langweilt sich – Pipin leiht ihm Bücher; jemand hat keinen Regenschirm – Pipin bringt ihm den seinen; jemand macht eine Bergpartie – Pipin versorgt ihn mit Bergstock und Landkarte; jemand hat sein Taschentuch vergessen – Pipin zieht ein frisches aus der Tasche; jemand fürchtet, sich zu erkälten – Pipin wickelt ihn in seinen Plaid; jemand hat sich in den Finger geschnitten – Pipin klebt ihm englisches Pflaster auf; jemand fühlt sich schlecht – Pipin hält ihm den Kopf. Was immer geschehen mag, Pipin wird um Hilfe gerufen; was immer fehlen mag, Pipin schafft es herbei. Es ist mit Sicherheit anzunehmen – obwohl Pipin darüber die strengste Verschwiegenheit bewahrt – daß er auch in hervorragendem Maße angepumpt wird. Denn Pipin ist eben so reich, als er gefällig ist.
Ein Umstand fällt mir auf, den ich mir nicht ganz erklären kann. Pipin wird von allen Gruppen dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, von den freien Geistern und höheren Menschen wie von den Würdenträgern und Titulaturgrößen bis herab zu jenen untergeordneten Elementen, die nach keiner Richtung qualifiziert sind – belächelt. Jedermann nimmt seine Dienste als etwas Selbstverständliches an, und jedermann macht sich lustig über ihn, kaum daß er außer Hörweite ist.
Vielleicht liegt die Veranlassung dazu bloß in dem Namen Pipin, den er sich giebt, obwohl er eigentlich Josef heißt, mit der vorstadtmäßigen Variante Pepi. Wer die Idee hatte, diesen Pepi in einen Pipin zu verwandeln, ist nicht bekannt; aber Dr. Kranich war es, der den Namen Pipin mit dem schmückenden Beiwort »der Dumme« versah. Viele kennen seinen wirklichen Namen gar nicht; alle Welt nennt ihn einfach Pipin. Und nun heißt es Pipin hin, Pipin her; und wenn er den Rücken kehrt, verbreitet sich ein behagliches Schmunzeln, und das Wort »der Dumme« summt wie ein dumpfer Glockenton von allen den schmunzelnden Lippen.
Warum sollte ein Name nicht genügen, um einen Menschen in den Augen seiner Mitmenschen lächerlich erscheinen zu lassen? Aber es ist auch möglich, daß er sich durch etwas in seinem Benehmen lächerlich macht. Er ist immer voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit – auch jenen gegenüber, die gewohnt sind, als etwas Nebensächliches und mit Geringschätzung behandelt zu werden. Nun nehmen sie an, daß Pipin tief unter ihnen stehe – weshalb wäre er sonst voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit gegen sie? Und noch eine Eigenschaft hat Pipin, die geeignet ist, ihn in den Augen der »ernsthaften« Menschen herabzusetzen. Er bewundert alles. Immer ist er voll Staunen über irgend etwas. Die Natur, die Welt und die Menschen sind ihm ein Gegenstand unerschöpflicher Bewunderung. Dadurch erweckt er den Anschein der Inferiorität; denn die meisten befinden sich doch in einem Zustand beständigen Mißvergnügens, und es ist ihnen nichts recht zu machen. Sie sind Kritiker, nicht Bewunderer, und finden darin einen Beweis ihrer Ueberlegenheit über die Dinge und Menschen ...«
* * *
Mondaufgang am Seeufer. Staffage: Eugenie, Dr. Kranich, Elmenreich, Pipin, ich.
Dr. Kranich unterhält sich damit, in den öligen Wasserspiegel, dort, wo der Mond wie ein goldenes Wasserrosenblatt schwimmt, Steine zu werfen. Dann zerfällt der Mond in glitzernde Trümmer, hüpft unruhig über die Wellenkreise und sammelt mühsam wieder seine zerrissene Scheibe.
Eugenie steht mit Elmenreich abseits.
»Patsch!« sagt Dr. Kranich und stößt mit dem Fuß einen großen Stein ins Wasser. »Fräulein Eugenie, ich bemühe mich seit einem Jahrhundert vergeblich, Ihre gnädige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Erbarmt Sie der arme Mond gar nicht, der da so gern ungestört auf dem Wasser liegen möchte und sich selber betrachten? Sie wissen doch, im Mond sitzt eine wunderschöne Fee, die sich wie alle schönen Frauen unersättlich in dem Spiegel schauen will –«
»Das hab' ich nie gehört«, versetzt Eugenie; »im Mond sollen zwei Liebende zu sehen sein, die sich küssen –«
»So weit versteigt sich meine Phantasie noch nicht! Ich weiß bis jetzt nur, daß diese wunderschöne Fee einsam in ihrem Nachen fährt und sich langweilt. Es fehlt ihr zwar nicht an Gesellschaft; ein ganzes Heer von Schwänen zieht hinter ihr drein, angelockt durch ihre märchenhafte Schönheit. Alle Arten von Schwänen sind darunter; feiste, solide, mit ernsthaften Absichten und kleinen beginnenden Glatzen hinten auf dem Kopf; und unglückliche magere, die bloß einen langen Hals und lange Zähne beim Anblick der Mondfee kriegen, weil sie keine fixe Stellung haben und nicht einmal noch Aussicht auf Quinquennalzulagen; junge Schwäne, ganz rosig wie Spanferkel vor Anbetung und Liebe, die mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinter den anderen herschwimmen und demütig warten, ob die Mondfee einmal bemerken wird, daß sie auf der Welt sind; und freche schwarze Schwäne, mit einem blutroten Ring auf dem Schnabel, die nach jedem hacken, der sich vordrängen will –«
Pipin ist begeistert. »Großartig«, ruft er und hustet vor übermäßigem Ergötzen, während Eugenie unbeweglich bleibt und nach Elmenreich sieht, was er für ein Gesicht macht.
»Und alle diese Schwäne singen unermüdlich die Mondfee an, jeder nach seiner Weise, die feisten soliden mit ehrbaren Annäherungsversuchen und notariell sichergestellten Lockrufen; die rosenroten jungen tragen ihr in gereimten Vierzeiligen Herz und Hand entgegen; die frechen schwarzen aber schreien nur siegesgewiß kuckuck, kuckuck –. Denn die schwarzen Schwäne, Fräulein Eugenie, sind von sonderbarer Abkunft. Es war einmal ein Kuckuck, der verliebte sich in eine große schwarze Amsel. Aber die Amsel wollte nichts wissen von seiner Liebe, weil der Kuckuck kein épousseur ist und bekanntlich kein Nest baut. Mit einem so liederlichen Vogel wollte sich die Amsel nicht einlassen. Da sagte der Kuckuck: O liebe Frau Amsel, wie könnt ihr doch einem Kuckuck mit solchen moralischen Bedenken kommen! Laßt das meine Sorge sein; wir Kuckucke brauchen ja gar kein Nest, wir legen unsere Eier nach gutem Kuckucksrecht in fremde Nester. Und als die Amsel das Kuckucksei gelegt hatte, trug es der Kuckuck in ein Schwanennest; dort brütete es der schneeweiße Schwan gewissenhaft aus. Es entstand zwar ein großes Schütteln des Kopfes in der Verwandtschaft über den unvermuteten schwarzen Sprößling; aber gutmütig, wie diese schneeweißen Vögel einmal sind, machten sie sich weiter keine Gedanken darüber.«
»Der Schluß ist schwach, mein lieber Arthur«, sagte Elmenreich; »es fehlt ihm die Pointe –«
»Und die Mondfee?« fragte Eugenie. »Kommt die Mondfee in der Geschichte nicht mehr vor?«
»Die Mondfee fährt in ihrem goldenen Nachen weiter, ungerührt und unergründlich, wie eine marmorne Sphinx –«
»Ich behaupte, die Mondfee ist in den fliegenden Holländer verliebt«, begann Elmenreich. »Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, kein anderer als der fliegende Holländer soll es sein, so wundervoll romantisch, wie sie sich ihn vorstellt, melancholisch, weltschmerzlich, unbändig gescheit aber doch zugleich erlösungsbedürftig. Und wenn ein Schiff vorüber fährt mit einer dunklen Gestalt am Steuer, so erhebt sie ihre Sirenenstimme und streckt ihre weißen Hände dem Unbekannten entgegen. »Komm zu mir, ich will dich erlösen«, ruft sie ihm zu und winkt mit dem Taschentuch. Geschmeichelt hält der Unbekannte an, um in den goldenen Nachen einzusteigen.
»Ich kenne dich, du bist der fliegende Holländer«, sagt die Mondfee mit ihrer Sirenenstimme.
»Du lieber Gott, nein, ich bin ein ganz gewöhnlicher Sterblicher«, versetzt der Unbekannte enttäuscht.
Aber die Mondfee bleibt dabei, daß er der fliegende Holländer sei; »ich habe dich ja«, sagt sie und weist mit ihrem Lilienfinger ins Blaue, »ich habe dich ja auf jenem geheimnisvollen Schiffe gesehen, das dort in der Ferne segelt.« Denn das ist das Eigentümliche an dem fliegenden Holländer, daß er immer in der Ferne segelt und niemals von dem goldenen Nachen der Mondfee eingeholt wird. Der Unbekannte will der Sache auf den Grund kommen; er rudert aus Leibeskräften, bis er das spukhafte Schiff erreicht. Am Steuer sieht er eine vermummte Gestalt stehen; die fragt er beherzt: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn – wer bist du?« Da bewegt sich das Phantom – und mit Staunen nimmt er wahr, daß er selber es ist, der dort am Steuer steht, aber in einem phantastischen Kostüme, mit Scharlachmantel und Barett und gestickten Königskronen an den Rockaufschlägen. »Wer ich bin?« antwortet der gespenstische Doppelgänger und wirft sich in die Brust. »Ich bin derjenige, den sich die Mondfee unter dir vorstellt –« und schwupps! ist er wieder unerreichbar weit weg.«
Dr. Kranich gähnt. »Das ist nichts für mich, dabei muß man sich etwas denken«, sagt er zu Eugenie; »dieser lasterhafte Elmenreich will einen immer zum Nachdenken verleiten –«
»Sind Sie etwa noch niemals mit Ihrem Phantom zusammengestoßen, Arthur? Es liegt doch etwas Furchtbares, fast Schauerliches in dem Gedanken, daß wir so wenig wissen, als was wir in dem Gehirn unserer Nebenmenschen existieren. Heften sich nicht an unsere einfachsten und flüchtigsten Worte unberechenbare Wirkungen? An Worte, die wir unbedacht hinaussprechen unter dem Einfluß einer vorübergehenden Stimmung? Und diese Worte werden in fremden Seelen eine Macht, über die wir selber keine Gewalt haben –«
Pipin, der indessen verschwunden war, kehrte jetzt zurück. Er hatte Eugeniens Jacke aus der Veranda geholt.
»Ihnen ist kalt, nicht wahr?« sagte er, während er ihr beim Anziehen behilflich war. »Ich habe gesehen, daß Sie auf einmal so blaß geworden sind –. Vor lauter Märchenerzählen hätten wir beinahe die arme Mondfee vergessen –!«
* * *
Pipin: »Ich möchte Sie gerne etwas fragen, lieber Doktor, darf ich?«
Elmenreich: »Schon wieder?«
Pipin: »Aber Sie müssen mir aufrichtig antworten –«
Elmenreich, zu mir gewendet: »Da hören Sie diesen Menschen! Aufrichtig antworten! Und das sagt er so leicht hin, als ob er da eine Kleinigkeit verlangte, etwas Selbstverständliches! Als ob Aufrichtigkeit nicht zu den schwierigsten und verantwortlichsten Dingen gehörte, die ein Mensch auf sich nehmen kann!«
Pipin: »Aber gehen Sie doch, Herr Doktor, Sie werden doch nicht auch anfangen, mich aufzuziehen?«
Elmenreich: »Ueberdies bin ich ein durchaus unaufrichtiger Mensch, Pipin; Aufrichtigkeit ist nicht meine Sache –«
Pipin, glühend: »Sie? Sie sind der ehrlichste Mensch unter der Sonne!«
Elmenreich: »Den aufrichtigen Menschen, die immer mit ihrer »Wahrheit« herausplatzen, fehlt einfach das geistige Schamgefühl, deshalb entblößen sie ihre Seele bei jeder Gelegenheit. Und sie muten es auch den anderen zu, die anständig genug sind, ihre Kleider anzubehalten. Zum Kuckuck, wissen denn diese Leute nicht, daß Kulturmenschen einander nicht ohne Widerwillen nackt sehen können?«
Pipin, ratlos: »Dann bitte ich um Verzeihung, Herr Doktor. Ich habe es aber wirklich nicht so gemeint. Ich sagte ja nur »aufrichtig«, weil ich – je nun, sagen Sie selbst, was hat man denn von einem unaufrichtigen Urteil?«
Elmenreich: »Im Gegenteil: wer hat etwas von einer Aufrichtigkeit, die nicht schmeichelhaft für ihn ist? Der Mensch mit dem dämonischen Glauben an sich selbst verachtet den Tadel und haßt den Tadler; der Mensch aber, dem dieser Glaube fehlt, wird durch den Tadel entmutigt und ins Herz getroffen. Und wissen Sie, Pipin, da will ich noch lieber einen solchen wütenden Stier des Selbstbewußtseins wider mich aufgebracht haben, als eine solche arme Seele tiefer ins Fegefeuer des Zweifels hineinstoßen. Offen gestanden, es ist mir zu unbequem, eventuell einen solchen Zusammengefallenen mit gütlichen Argumenten aufrichten zu sollen, bis er wieder halbwegs allein stehen kann –.«
Pipin wußte sich nicht zu helfen. »Das habe ich wieder recht ungeschickt angefangen«, sagte er, während er aus Verzweiflung den Hut abnahm und sich den Kopf kratzte. Dann auf einmal lachte er erleichtert.
»Ach so, Sie meinen, daß Sie an mir einen solchen Zusammengefallenen hätten, wenn Sie aufrichtig gegen mich wären? Da brauchen Sie nichts zu fürchten, lieber Doktor; es handelt sich gar nicht um mich. Ich wollte Sie ja nur fragen, was Sie aufrichtig, aber wirklich aufrichtig, über Fräulein von Gabielski denken?«
»Ueber Fräulein von Gabielski? Warum fragen Sie das gerade mich?«
Elmenreich warf unter seinen gerunzelten Augenbrauen hervor einen strengen Blick auf Pipin, der dunkelrot wurde. Er antwortete nicht gleich.
»Ich habe mir gedacht, daß Sie ein gewisses Vertrauen, eine gewisse Zu – ein gewisses Wohlwollen für mich haben – Sie sehen, Herr Doktor, ich bin nicht so ganz ohne Selbstbewußtsein! Und wenn ich Sie nun bitte, geben Sie mir einen solchen Beweis von Vertrauen –?«
»Sie sind ein Kindskopf! Welchen Wert glauben Sie denn, daß solche bestellte Vertrauensbeweise haben können?«
»Also nein, nicht als Beweis von irgend etwas. Sondern sagen Sie es mir nur als Menschenkenner, als Mann von überlegenem Urteil, als Ihre ganz persönliche Meinung –«
»Ich weiß nicht, was Sie wollen. Fragen Sie doch lieber die gnädige Frau; wenn es sich um Frauen handelt, muß man immer Frauen fragen; die sehen da viel schärfer als wir Männer.«
»Daran zweifle ich nicht: aber wenn es nun gerade Ihr Urteil ist, das mich interessiert, Ihre ganz persönlichen Empf – wie soll ich denn nur sagen, damit Sie nicht unangenehm berührt sind, oder damit Sie mich nicht für zudringlich halten –? Ihre persönliche Meinung halt!«
»Hol mich Gott, was haben Sie denn vor, Pipin? Wollen Sie dieser jungen Dame einen Heiratsantrag machen?«
»Gesetzt den Fall – was würden Sie dazu sagen?«
Elmenreich faßte Pipin mit beiden Händen bei den Schultern und schüttelte ihn heftig. »Mensch, Mensch, Sie werden doch nicht –?«
Pipins Miene schien ihn zu beruhigen. Er ließ ihn los, ging ein paarmal auf und ab, und sagte dann kühl:
»Also meine persönliche Meinung über Fräulein Eugenie! Mna! Lieber Pipin, über junge Mädchen giebt es kein Urteil. Wer soll denn erraten können, was für ein Schmetterling aus einem solchen Seidencocon ausfliegen wird? Und was meine persönliche Meinung über die Ehe betrifft, so kann ich Ihnen nur sagen: entweder man muß den Mut haben, kopfüber hineinzuspringen, auf den ersten Anlauf, ohne einen Blick in die Tiefe zu werfen, als Abenteurer und Glücksritter; oder – nun, sobald man sich besinnt, ist es aus; man kehrt tausendmal lieber um und geht den langweiligen ebenen Weg der Junggesellenexistenz allein weiter, als daß man sich in diesen schauerlichen Abgrund stürzt, der da vor einem liegt.«
»Aber ganz so schrecklich kann die Sache nicht sein, da doch die meisten Menschen den Sprung machen!«
»Das ist nur ein Beweis mehr, daß die meisten Menschen gedankenlos und empfindungsroh sind. Sonst könnte eine so furchtbare Institution wie die Ehe nicht bestehen. Wenn in einem Zirkus zwei reißende Bestien in einen Käfig zusammengesperrt werden und sich zerfleischen, dann schreien die Empfindsamen über Tierquälerei; sie bemerken aber nicht, daß sie selbst alle paarweise in Käfige gesperrt werden, und daß der Mensch in seiner gemeinen Alltäglichkeit das bösartigste Vieh auf der Welt ist. Giebt es etwas Abstoßenderes als diese Tragikomödie der Ehe, in der zwei von Natur aus so feindliche Wesen wie Mann und Weib mit ihren primitivsten Instinkten auf einander losgelassen werden, um sich durch ihre albernen Gewohnheiten und schäbigen Unarten, durch die ganze erbärmliche Notdurft des täglichen Lebens zu Tode zu schinden –?«
»Aber wenn sich die beiden lieben –«
»Desto schlimmer! Sie glauben wohl auch, Pipin, die Liebe ist ein Packesel, dem man alles aufbürden kann, was im Leben lästig und schwierig ist? Und dann: welcher denkende Mensch wird im Zustand des Rausches eine Entscheidung auf Lebenszeit treffen wollen? Verliebt sein, heißt nichts anderes, als eine illusionäre Vorstellung auf eine ganz unbekannte Person übertragen. Wenn man aus Liebe heiratet, erhebt man diese unbekannte Person zur »Lebensgefährtin«, um durch die Erfahrung belehrt zu werden, wie sehr man sich im Zustande der Illusion verrechnet hat. Nein, lieber Pipin, Liebe und Ehe – das sind zwei getrennte Welten, die vernünftige Menschen nicht in Verbindung setzen wollen. Aber kommen Sie so einer höheren Tochter mit dergleichen! Da wird jedes Bedenken über die Ehe gleich als persönliche Beleidigung aufgefaßt, als eine böswillige Betriebsstörung. Heiraten, heiraten, das ist das Alpha und Omega ihres ganzen Denkens. Wenn sie einen Mann kennen lernen, so sehen sie ihn gleich daraufhin an, ob er für sie »passend« ist oder nicht –«