V
Reading edition
Wie Puck es gesagt hatte, in den Augen Barbaras war ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie. Sie konnte nicht untätig sein, und sie ertrug es nicht, wenn ihre Patienten untätig der Mattheit in sich selbst zuschauten. Indem sie bei denen, die Kranke des Willens waren, das Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, nicht duldete, hatte sie große Erfolge, heilte durch persönliche Kraft, selbst Heilfaktor; es geschah aber bisweilen, daß einer unbesiegbar sich vor ihr verschloß, ihrer zu deutlichen Gesundheit die Verachtung des Differenzierten entgegensetzte.
Lauda beobachtete, daß es ihr dann nicht darauf ankam, die bei jenen erprobte Macht bei diesem bewußt zu versuchen, indem sie sie in weibliche Reizung verwandelte, Wünsche erregte, Wunsch erlaubte. Auf die stumme Frage des Zeugen gab sie gleichsam die Antwort: was macht es, daß einer mich nachts in seine Träume zieht?
War das königlich, oder mütterliche Klugheit, die um den erotischen Untergrund aller Wirkung wußte, oder ein hetärischer Anflug? Was war prachtvoll an ihr? Daß sie alles Komplizierte und Getrennte mit optimistischer Energie hinwegschob — aber um diese Geste war ein Schleier zu wenig. Ihre beste Zeit, dachte er, wird sein, wenn sie in reifem Alter steht, noch immer eine schöne große Frau, die erlauben wird, gewisse Dinge sehr deutlich zu benennen, nicht prüde, erfahren, unverwüstlich an Spannkraft, von jener Klugheit des Nahen, die Beschränktheit des Fernen ist, und Derbheit durch Würde gebunden. Gegenwärtig ist sie eine Frau, die noch nicht selbst erlebt hat, erregte Wünsche noch nicht erfüllt.
Konnte sie sie erfüllen? Ihm nicht, dem sie zu der erstaunten Feststellung verhalf, daß sie, Gefäß des drängenden Bluts, ihn nicht in Versuchung führte. Sah er sie an, wünschte er seiner nächsten Geliebten ihre Gestalt, die Erfüllung der Sehnsucht war, im Körper der Frau das Symbol des Kosmos zu umfangen, der mühlos rotiert, denn alles ist fest, reich an Energie, voll Spannung, nicht nur eben lebensfähig, Nerven gebettet in Fülle — und blieb doch kalt bei so viel Wärme, weil sie den dunklen süßen Schmerz nicht gab, Hauch der Bitterkeit nicht kam; zu positive Frau.
Und da er Zeuge des fast knabenhaften Idylls wurde, in das sich Hans mit der heimlich getroffnen Schwester spann, verzückt vom Glück des kleinen straffen Puppenleibs, dem innigen Dunkel lächelnd hingegebner Augen sprechend, ward das Bedauern, nicht selbst die volle Summe notwendiger Bedingungen erfüllt zu sehn, zur Trauer, daß es ihm versagt sein werde, sie je erfüllt zu sehn. Ein neuer Typus ersehnter Frau ergriff von ihm Besitz, der königlicher, üppiger als der frühere war — gesunder Körper, der machtvoll in sich ruhte, sieghaft, stark.
Vorstellung war es, die parallel auf der ganzen Linie vorrückte. Tag brachte Geschäftigkeit in Fülle, Wirken durch Wort, Einsatz von Mut, der die Folgen des Bekennens nicht mehr scheute, Umgang mit Menschen. Nachtstunden waren der eignen Arbeit zugewandt — Energie wuchs aus Energie, er sah sich ganz versetzt in die Arena der Tat, und die Zeit, da er bei allem die Frage nach dem Wert des positiven Treibens aufgeworfen hatte, lag fern zurück, entglitt; er fühlte wohl, daß er ein Seil verlor, an dem sich entlang zu tasten gut gewesen war, aber er konnte es nicht halten, neue Jugend war stärker als vergangnes Alter. Es zog ihn zu den Menschen, über deren Ohnmacht, Egoismus, Sentimentalität, sich eingeschlossen, er keine Illusionen hatte. Gleichwohl, ein Rest blieb, der durch Scheidewasser nicht aufzulösen war, ein radiumhafter, unerschöpfliche Potenzen schleudernder Kern, mystisch und zäh, und war wohl die vitale Energie an sich, das sieghafte Ja, das triumphierte, sobald man nicht die letzte Konsequenz des Nein zog, die Selbstaustilgung.
Und dieser Kern war mit einer bestimmten Eigenschaft positiv geladen, die zu benennen es ihn nun drängte: mit einer seltsam süßen Zärtlichkeit. Bei Barbara stellte er negativ fest, daß diese Eigenschaft irgendwie existieren müsse. Eines Abends ging er durch die Bahnhofstraße, sah vor einem Kürschnergeschäft eine Frau stehn, auch sie königlich, ganz in Biber gehüllt. Er fühlte den elektrischen Schlag, trat neben sie, es war Elena. Abermals Bedauern in ihm und in unmittelbarer Reaktion Erkenntnis jener Eigenschaft, nach der er sich sehnte: die Vitalität durfte nicht zu direkt ausströmen, mußte einen Widerstand passieren, der die Scham der Frau gebar, die in sich lauschende Innigkeit.
Nicht zu positiv sein, nicht als Frau herausfordernd zur Schau tragen, daß in ihrem Schoß die Quellen springen, es in Geheimnis hüllen, das nur ein andres Wort für Demut ist — Demut enthielt noch immer den Bestandteil Mut; aber Elena hatte nur den Mut, nicht die Wärme des Bergens. Schauend in die Auslage, wo kostbarer Pelz ausgebreitet lag, hatte er die Vision einer Frau, von der dieses Rauchwerk fallen könnte: sie stand gleichwohl in Wärme, Wärme war Ausstrahlung des in sich geschlossnen Kosmos, dessen Wesen ist: Hüten, Hegen.
Jene Eigenschaft des vitalen Kerns war also, um in seiner Sprache zu reden, nicht primäre Eigenschaft, erst sekundäre, erworbne, Produkt eines Widerstands gegen das Elementare, und es fiel ihm ein, daß er schon einmal Güte und Liebe als Widerstandsphänomen empfunden hatte. Widerstand wessen? Des vom Primären erzeugten Geschöpfs, das nun selbständig geworden ist, dem Elementaren nicht mehr willenlos untertan sein wird. Hier war die Geburt der Menschlichkeit.
Elena war ihm nie Geliebte gewesen: Brudergefühl, das er, Geistiger, ihr, der Hetäre, gab, war wie eine Kameradschaft, heterogen und parallel — nun geschah es, daß er auf dem Umweg über das luxushafte Restaurant mit ihr nach Hause fuhr; aber zum erstenmal Gast in ihrem üppigen Gemach, der stolz selbstbewußten Verwertung ihr verliehner Reize, wußte er, daß er es nicht mehr betreten werde, sehnsüchtig nach leisrer Weiblichkeit. Und Claire, fragte es in ihm, ist sie nicht von dieser Art? Auf der innren Szene stand die Ferne, Halbvergessne, alles Licht auf ihr vereint, und siedend stieg das Gewissen auf. Aber welchen Wert hätte es gehabt, zu leugnen, daß Gewissen nur Macht über ihn hatte, wenn die Zeit gekommen war, daß er selbst, aus sich, auf den Mensch neben ihm stieß?
Im Anfang hatte er nicht geschrieben, weil Sinn der Trennung war, jeden sich selbst zu überlassen, abzuwarten, unter welchen Umständen er sich dem andren wieder zuwenden werde; danach nicht, weil schriftlicher Verkehr ihm gesperrt war. Er wußte nur, daß Claire Brüssel verlassen hatte, als er nicht zurückkehrte, und in Berlin lebte. Er schrieb ihr, Graumann erbot sich, den Brief auf geheimem Weg, der der direkteste des Botschaftskuriers war, zu besorgen.
Suchend den Mensch, begann er, im ersten Schimmer die Frage zu sehen, die wie ein verhülltes Bild dort stand, wo der Weg der letzten Erkenntnis sich verlor, scheu gemieden, immer umkreist — die Frage nach der Freiheit des Willens.
Wer tätig war, wer an Einwirkung glaubte, wer irgendwie Erzieher sein wollte, mußte die Mutationsfähigkeit des menschlichen Kosmos bejahn. Es stand ihr gegenüber die reine Anschauung, die keine Wertung, nur Abrollen der Dinge kennt.
Glaube an die Mutationsfähigkeit war Widerstand des Optimistischen gegen den religiösen Pessimismus, der Tat verwarf, wie er den Eintritt des Willens in Existenz verwarf, weil Teilung der Totalität Untreue der Totalität gegen sich selbst war. Das von der Totalität hinausgeschleuderte Geschöpf trug ihre Energie in sich, verwandte sie dazu, in der Existenz seßhaft zu werden — aber die Energie drängte zur Totalität zurück, erreichte sie durch den Tod. Konnte nun das Geschöpf einen Teil der Energie dazu benutzen, um sich ihrem eignen Ablauf entgegenzustellen, wie man vom hochgespannten Strom einen Teil für den Hausgebrauch ableitet? Ohne Zweifel, die Tatsache des Widerstands stand fest, Zeitlichkeit, das heißt Tat, verhielt sich zum Elementaren wie Hausstrom zur Hochspannung. Das war die eine Wurzel des freien Willens.
Der Mensch richtete sich in der Existenz ein, als sei er nicht sterblich, schuf die eigne Domäne und erfand Regulative, die nichts waren als Hemmung des Triebs, sich und nur sich zu manifestieren, den man Egoismus nannte. Die geteilten Existenzen, von Natur aus Todfeinde, einander zur Nahrung brauchend, erkannten das Recht des Bruders an — freier Wille war Spaltung des Willens, Aufruhr des Gezeugten gegen den Vater, ein Widerstandsphänomen.
Barbaras Umgang mit den Patienten beobachtend, fragte er: „Woher nehmen Sie diesen positiven Glauben an die Mutationsfähigkeit des Organismus, aus der Wissenschaft oder Ihrem Naturell?“
Sie verstand die Problemstellung nicht, er erläuterte: „Soweit die Medizin Wissenschaft ist, arbeitet sie mit materialistischen, das heißt passivistischen Auffassungen. Der Organismus ist das Gegebne, ein Gegenstand mechanischer, chemischer, physikalischer Einwirkung, nicht aber seelischer, über die nichts ausgesagt wird, weil der Begriff Seele nicht objektiv erfaßbar ist. Der Wille entzieht sich dem Mikroskop, also geht man ihm aus dem Weg. Haben Sie schon einen Wissenschaftler gesehn, der den Mut hätte, etwas über die Freiheit des Willens zu sagen, es sei denn, daß er zu den Psychoanalytikern gehörte? Deren große Leistung ist dieser Mut, Angriff auf die Materie von der vitalen, lebenden Seite her und Glaube an Mutationsfähigkeit — sie dringen von dem, was nur Manifestation des Willens ist, dem Körper, zu dem vor, was primär ist, dem Willen. Die große Frage lautet: ist Wille, sobald er einmal eine körperliche Form gefunden hat, an ihre Struktur gebunden, oder kann er Einfluß auf sie gewinnen, das heißt sie und das heißt doch wieder sich selbst ändern? Sehn Sie die Tiefe des Problems?
Was ist ein schwächlicher Mensch, einer Ihrer Psychopathen? Zunächst Manifestation eines bestimmten Zustands der vitalen Kraft, der zwar auf erblichem, historischem Wege bedingt worden ist, uns aber durch und durch bestimmt. Können diese Bedingungen geändert werden? Wie kann ein solcher schwächlicher Wille dazu gebracht werden, von sich selbst frei zu werden? Das ist nur denkbar, wenn man ein rein philosophisches Glied einfügt: daß in allen Existenzen, mindestens derselben Gattung, der gleiche Grad von Energie gebunden sei und daß diese Bindung sich irgendwie wieder lockern lasse. Wodurch? Gewiß nicht durch den freien moralischen Willen, den die Dualisten annehmen, sondern eben durch Lockrung, mit andren Worten durch zähe, langsame Einwirkung, Erziehung, Absolvierung unendlicher Stadien und Zwischenglieder.
Grundsätzlich sind ein plumper Realist und ein differenzierter Ideenmensch durch nichts getrennt als durch verdickte Ebnen, die aufgelockert werden können; Genie und Durchschnittsmensch durch noch nicht überschrittne Zwischenglieder. Es eröffnet sich eine wunderbare und ungeheure Demokratie der Existenzen, und sie ist, nebenbei, die metaphysische Begründung der politischen Demokratie.
Aber kehren wir zu dem Schwächlichen, am Willen Krankenden zurück. Wissen Sie in Ihrer Gesundheit, wie dumpf, matt, stündlich aussetzend das Hirn eines blutarmen Menschen funktioniert? Was werden Sie als Ärztin tun? Die Blutarmut durch Ernährung und andre Einflüsse beheben wollen. Gut, aber da Sie Frau sind, vital und praktisch, tun Sie noch mehr, als die Wissenschaft Sie lehrt, Sie suchen auf die Energie selbst zu wirken, das heißt, Sie üben aus, was ich theoretisch errechnete, die Gleichheit des Energiequantums in allen Menschen; Sie glauben instinktiv an die Mutationsfähigkeit, Sie arbeiten mit einem unwissenschaftlichen Prinzip, dem Willen, der in das Gebiet der Metaphysik gehört, und — berichtigen die Wissenschaft.“
Danach machte er die alte Erfahrung, daß Einstellung auf einen Gedanken genügte, um ihn auch bei allen andren, in jeder Stunde des Tags, zu finden. Es war Schreiner, mit dem er die nächste Diskussion hatte. Schreiner schrieb alles Elend, Verbrechen, geistige Dumpfheit den Verhältnissen zu — ändert die Verhältnisse und es wird kein Verbrechen mehr geben, der Mensch ist von Natur aus gut; belehrt ihn, er wird gütig sein; versetzt eine Schar Proletarierkinder in lichte, warme Sphären, und ich mache mich anheischig, so tüchtige, talentierte, geniale Menschen aus ihnen zu machen, wie das wohlhabende, studierende, herrschende Bürgertum sie stellt; Erziehung ist alles.“
„Erziehung ist viel,“ sagte Lauda, „sie ist sogar alles, vorausgesetzt, daß man sie weit genug nimmt. Wir betreten ein Gebiet, wo äußerste Differenzierung der Behauptungen nötig wird. Zunächst ist zu sagen, daß der Mensch nicht gut ist, sondern gut werden kann, in dem Sinn, daß das Regulativ des Guten sich in ihn wie eine Achse senken läßt, um die sein Kosmos rotieren soll. Gut sein ist eine Korrektur des natürlichen Egoismus, wird nie mehr sein, es ist eine Idee über der Wirklichkeit, nicht Wirklichkeit selbst. Ferner ist zu sagen, daß keine Erziehung das Verbrechen ganz aus der Welt schaffen wird, denn das Verbrechen ist nur vom Standpunkt der Gesellschaft und des Brudergedankens aus verwerflich; neben dem Bruder wird es immer das Ego geben, und hier ist Verbrechen eine Manifestation der primären Energie des Ego, es ist eine ganz tiefe und so reale Erscheinung, daß man es metaphysisch nennen kann, es ist unmittelbare Aktivität, Widerstand des Ego gegen Gesellschaft und Bruderidee, es ist das Leben selbst; würde die Gesellschaft je ganz licht organisiert und Armut ausgeschaltet, das Verbrechen würde als Reaktion gegen die Sanftmut und Banalität dieser Ordnung auftreten, denn Verbrechen ist Aufhebung der Idee der Ordnung, wie diese ihrerseits Aufhebung der Idee der egoistischen Einzelerscheinung.“
„Worte,“ sagte Schreiner.
„Nein, Metaphysik.“
„Erbärmliche Worte, weil ich nach der Konsequenz fragen muß, die Sie aus dieser Anerkennung des Verbrechens ziehn. Sie reden wie ein Ästhet, der die sogenannte Schönheit und Wildheit des sich zerfleischenden Lebens nicht missen will; es soll alles bleiben wie es ist, denn das soziale Elend erzeugt eine Differenzierung und eine Zerlegung des Daseins in Milieus, die ihm wohlgefällig sind, weil er Romanstoffe daraus gewinnen kann.“
„Mögen Sie das dem Ästheten sagen, nicht mir,“ antwortete Lauda. „Richtig ist, daß es auf die Konsequenz ankommt, die man zieht. Die meine heißt, daß die Einsicht in den ewigen, elementaren Charakter des Verbrechens der Idee der Güte ihre Größe und ihre idealistische, das heißt relative Eigenschaft gibt. Güte ist Setzung, nicht Wahrheit, souveräne Leistung, nicht Gehorsam. Ohne das Hintergrundsgefühl ihrer Künstlichkeit ist sie sentimental — der moralische Optimismus der deutschen Pädagogen ist sentimental, weil er bekehren und zum Guten zurückführen will, während es gar keinen Punkt gibt, wo das Gute tatsächlich existiert. Rousseau suchte diesen Punkt und fand ihn in der paradiesischen Vergangenheit; auch Sie sind rousseauisch und darum bolschewistisch, denn bolschewistisch sein heißt, durch Zwang zum Normalguten zurückführen wollen.“
„Leugnen Sie,“ fragte Schreiner, „daß durch Verpflanzung in günstiges Erdreich verkümmerte Arbeiterkinder zu Menschen werden können?“
„Niemand leugnet es, obwohl ich jede Präzision dessen vermisse, was Sie in diesem Satz unter Menschen verstehn. Leute, die freier von Neid, Haß, Bitterkeit, reicher an Würde, Selbstbewußtsein, Unbefangenheit sind? Ohne weiteres zugegeben. Aber Ihre Meinung scheint zu sein, daß solche entlasteten Kinder auch besser, gütiger hilfsbereiter sein müssen. Es wäre ein Irrtum. In dem ungeduckten Mensch wird Energie frei, die er nicht mehr zur kümmerlichen Behauptung seiner Existenz braucht — er wird sie sofort seinem primären Egoismus zuführen, mehr Macht, Geld, Genuß erreichen wollen; das in günstige Verhältnisse gestellte Proletarierkind wird Unternehmer, Beamter, Offizier, so banal wie irgendein Bürger werden, wenn Sie nicht den Druck der Not, unter dem es stand, durch einen andren ersetzen, denn das tiefste Geheimnis des Menschen ist, daß sein Kosmos nur dann Dichtigkeit besitzt und rotiert, wenn er unter einem atmosphärischen Druck gehalten wird. Statt daß das Proletarierkind durch die bloße Befreiung gut werde, wird es entfesselt werden, es sei denn, daß Sie ihm das Regulativ einer Idee setzen: das ist der Sinn der Erziehung, und dieses Regulativ ist jener Druck — das heißt, genügt nicht, den Menschen zu befreien, es ist erforderlich, ihn danach zu leiten. Energie braucht Form; befreite Energie zerstört die Form. Druck durch Not, eine ausnutzende Kaste, irgendwelche andre materielle Faktoren: das ist niederträchtig; Druck durch eine Idee, ein Erziehungsideal: das ist notwendig.
Deshalb halte ich nicht viel von dem Angebot des Sozialismus, Ersatz für Religion zu sein. Er meint, es genüge, die materiellen Bedingungen des Arbeiters zu ändern, um bereits den bessren Mensch zu erhalten; er ist ganz optimistisch, es fehlt ihm jener Einschlag von Pessimismus, der weiß, daß der Mensch Bindung, Gebot, übergeordnete Ziele braucht — die Herrenkasten, die Konservativen wissen es, auch die Kirche, die darum so gern das Bündnis mit den Regierenden eingeht. Sozialismus ohne eine pessimistisch abgeleitete, optimistisch orientierte Erziehungsarbeit, mit andren Worten Sozialismus ohne das Verhältnis zu Ja und Nein, wird sich als kraftlos erweisen, wenn je der Augenblick kommt, wo er die Macht erhält.“
Aber hier begann erst das Problem, das ihn interessierte: war Naturelländrung durch Einwirkung möglich? Das Proletarierkind, um bei diesem Beispiel zu bleiben, brachte, Befreiung vollzogen, doch sein Naturell mit, das in einem bestimmten Verhältnis zwischen freier und gebundner Energie bestand — es hatte Eigenschaften, die Zellen waren von den Eltern, der Vorgeburt her, imprägniert. Konnte ein Unzuverlässiger zuverlässig, Jähzorniger beherrscht, Eitler sachlich, Zögernder und Unschlagfertiger rasch und bestimmt werden? Hier, in der mitbekommnen Form des Ich, lag die zweite Wurzel des freien Willens und war nur die angewandte Form der ersten, daher man auch fragen konnte: ist Lockrung der Form des Ego, Ändrung des Verhältnisses von freier und gebundner Energie, Verstärkung des Quantums an freier, also Verwendung der Reserven, möglich?
Antwort lautete: unaufhörliche Schläge lösen das festeste Gefüge, sei es, daß der Wille zur Lösung von dem an seinem Naturell leidenden Individuum selbst oder von Erziehern ausging. Lauda erinnerte sich seines Vaters. Dieser war ein weicher, impulsiver, schwankender, ruheloser, unbefriedigter Mensch gewesen, der eines Tags freiwillig schied, als der Ausweg verstellt war, eine zu spät überlegte Handlung Konsequenzen zeigte, wie ein Gläubiger den Schuldschein präsentiert. Er war im Kampf des Willens gegen das Naturell unterlegen, aber er hatte dessen Gefüge so gelockert, daß der Keim des Sohns von diesem Willen neue Richtung, den mystisch elektroiden Stoß erhalten hatte. Was er selbst nicht erreichte, erreichte er generativ: der Nachkomme, gezeugt in einem Augenblick von Energieanstrengung, die für den Vater ein Maximum und doch nicht genügend war, vollzog die Mutation durch einen verhältnismäßig leichten und in frühe Jahre fallenden Kampf — Erinnrung Laudas an Selbstbehauptungskrisen um das zwanzigste Jahr.
Man konnte die Mutation auch in sich selbst dadurch erreichen, daß man zwischen zwei extreme Zustände unendlich viele Zwischenglieder einlegte, fort und fort die unmerklichen Schritte vollzog; doch das war nur denen gegeben, die in sich selbst den Gegner sahn, sich nicht hinnahmen, sondern Widerstand leisteten. Für die Masse galt, daß der freie Wille die Generation zu Hilfe nehmen mußte, und das wurde Lauda die Begründung des sich ihm anbietenden Erziehungsgedankens. Das Individuum genügte nicht; wer das Ja aussprach, wurde dazu gezwungen, in Generationen zu denken; Gestaltung einer Idee, Formung eines Charakters griff in die Zukunft über den Einzelnen hinaus. Errichtung des vollkommnen Staats durch Festsetzung eines Termins und durch die lebende Generation selbst wurde sinnlos: Ablehnung des Terrors von der energetischen Auffassung des freien Willens her, der darin bestand, daß neue Kristallisationsachsen des Kosmos Mensch gefunden wurden.
Aber für seine Person stand er nun tief im Land der gestalteten Welt. Gemeinschaft griff nach ihm, drängte den einst am fernsten liegenden Gedanken der Erziehung im Sinn der Umschichtung auf, wie andre in dieser Zeit sich in den Gedanken der Macht gedrängt sahn — wurde Erziehung die für ihn eigentümliche Form der Tat?
Schreiners Tisch und der Laudas im Café standen nebeneinander, bei Lauda saßen Hans und Siriwan. Seitdem in Rußland Lenin und Trotzki Kerenski gestürzt hatten, war Schreiner in ungeheurer Erregung; ihre Ablehnung des Kriegs bedingte, daß sie den Widerstand gegen die Deutschen einstellen mußten — die Frage war, ob sie Frieden mit ihnen schlossen oder einfach die Operationen abbrachen. Ihm war nur der zweite Fall denkbar: sie würden zurückweichen, die Deutschen einmarschieren und sich in dem ungeheuren Land verlieren lassen.
Das Abendblatt wurde ausgerufen, Schreiner stürzte hinaus, als er wieder eintrat, stierte er in die Zeitung:
„Ungeheures geschieht, sie verhandeln.“
So groß war sein Glaube, daß er sich bezwang und sagte:
„Sie wissen, was sie tun, wir übersehen ihre Pläne nicht. Der Friedensschluß des Partners wird in den Völkern der Entente das gleiche Verlangen, der Widerstand der Regierungen die Revolution erzeugen, zwischen zwei Revolutionen wird Deutschland nicht kaiserlich bleiben; es ist im Marsch: die Weltrevolution. An Neujahr ist Europa sozialistisch.“
„Was ist dann?“ fragte Lauda hinüber, „es beginnt die Epoche der äußersten Irdischkeit, der großen Materialität, der souveränen Macht des Staats. Ich leugne nicht, daß es der grandioseste Versuch sein wird, Wirklichkeit nach der Idee zu formen, ganz schöpferisch zu sein — ich stelle nur die Frage, was wird geschehn, wenn Ihre Erwartung nicht eintrifft, daß alle großen Staaten gleichzeitig diesen Willen haben? Im System der kapitalistischen Staaten kann System der sozialistischen nicht bestehn — es kündigt sich an, was der an die reine Idee Denkende vergißt, die Frage der Überführung von Idee in Form. Werden die russischen Arbeiterheere die Revolution nach Europa tragen? Schon daß sie sich bilden, ist Negation der Idee, Rückfall in das von ihnen verworfne Prinzip der Gewalt. Sozialismus darf keine Heere bilden, auch nicht zu Kreuzzügen.“
Danach begab es sich, daß Puck eintrat und erzählte, daß vor der großen bürgerlichen Zeitung Streikende demonstrierten: Steinwürfe fielen auf die herabgelassnen Läden, Patrouillen wurden bedrängt. Schreiner sprang auf, sagte:
„Jetzt fünf Minuten zu ihnen reden können, die russischen Nachrichten vor ihnen verlesen, sie anfeuern zum Glauben, daß heute die Umwandlung der Welt beginnt.“
Er zog seinen Mantel an, ging zur Tür, kam zurück und bat Hans, ihm seinen Überzieher zu leihn, unscheinbaren, sein eigner war mit Pelz gefüttert, ungeeignet unter Demonstrierenden getragen zu werden. Und er vertauschte die Mäntel.
Das war Wirklichkeit gewordner Vorfall aus einem Pamphlet „Der Revolutionär im Pelz,“ dessen grober Ironie man Anerkennung versagt hätte, weil sie zu direkt gewesen wäre. Puck lachte schallend, Siriwan sagte befriedigt: „Der Revolutionär hat sich entschleiert“ und schien nicht erstaunt zu sein; Hans erklärte:
„Die Menschen sind erstaunlich, und es ist mir immer wieder im Innersten fremd, was sie treiben. Warum soll einer, der die Lage des Volks verbessern will, nicht einen Pelz tragen; heißt denn Sozialist sein, den Sansculotten spielen? Statt zu denken: jeder, der im rauhen Wetter zu tun hat, soll einen Pelz besitzen, trägt er den seinigen mit schlechtem Gewissen.“
„Aber er trägt ihn, und darauf kommt es an,“ antwortete Siriwan, „und schlechtes Gewissen besagt nichts andres, als daß er zwischen den Gesinnungen steht, mutlos, unaufrichtig, verlogen, der Intellektuelle, der Schaumschläger des großen Worts, begierig auf die Führerrolle, die nie dem Könner, immer dem Hetzer oder Schmeichler übertragen wird. Tat, Tat schreit er sich und den Geistigen zu und weiß nichts andres darunter zu verstehn als Demagogie. Was ist er? Einer, der die Bequemlichkeiten des Bürgers kennen gelernt hat und zu schätzen weiß, sein Instinkt sagt ihm ganz richtig, daß Aufstieg immer eine Vermehrung von Komfort ist.“
„Nehmen wir zu seinen Gunsten an,“ sagte Lauda, „daß er nicht nur subjektiv unklar zwischen den Lagern steht, sondern objektiv in einem Konflikt ist, gern das Recht auf den Pelz aussprechen möchte, vorläufiges Mißverständnis fürchtet.“
Aber die Verteidigung war matt: auch wenn man statt von Schreiner vom radikalisierten Intellektuellen sprach — die Lüge des Intellektuellen blieb, der nicht so identisch mit seiner Idee wurde, daß er als Proletarier unter Proletariern lebte.
Als Lauda an dem kleinen Hotel der Gasse vorüberging, in der seit Jahrhunderten fahrendes Volk, Varietéleute, Jodler, Soubretten über den Bierhallen des Erdgeschosses hausten, fiel ihm ein, daß Lisbao darin wohnte und bettlägrig war. Er stieg hinauf. Das Zimmer hatte keinen Ofen, es standen Bett, Tisch und Becken; hinter dem Vorhang des Wandschranks hing ein einziger Anzug, den zweiten trug Lisbao im Bett, die Wärme fehlender Decken zu ersetzen. Franziskanische Armut des Poeten — wäre er Poet im alten Sinn gewesen, Dachkammer mit Versen des klagenden Kinds verbrämend, er hätte auf die Dauer Besitz von der Vorstellungskraft des Bürgers ergriffen.
Daß er kein Wesen von dieser Dachkammer machte, gewann ihm Respekt Laudas, dem er die Hand lächelnd entgegenstreckte. Melancholie der leisen Stimme war natürliche Haltung eines, der Rimbauds Flucht aus Paris liebte, ganz anders war, nur Kaffeehaus und die Druckerei kannte, in der er seine Hefte selbst setzte, zwischen Winkelhaken und Holzschnittpresse jeden Handgriff übte. Nie hatte Lauda ein Wort der Intrige von ihm gehört, in einem Milieu von Künstlern und Literaten, dessen Spannungen sich täglich durch Intrige lösten.
Vielleicht vermied er deshalb, Einblick in seine arme Privatexistenz zu geben, weil sich um ihn, den Entfernten und Angreiferischen, für Entfernte und Nacheifernde ein Nimbus wob — es hielten ihn manche für einen Alten und Weisen. Auch konnte man sicher sein, daß, wenn er an den Tisch im Café trat, seine Brieftasche mit Zeitungsausschnitten gefüllt war, in denen das Wort Lisbao blau angestrichen — jeder Charakterzug eines Menschen, dem innren Anstand entsprungen, diente zugleich seinen egoistischen Interessen; es stand ganz in der Willkür des Urteilenden, welche Seite er sehn wollte.
Der Typus dessen, der den Blick für die egoistische Seite hatte, saß neben dem Bett Lisbaos, Brause, Literat aus der deutschen Hauptstadt, Typus in allem, berlinerischer Sprache, Schußfertigkeit des Urteils, Zurstreckebringen. In zehn Minuten war der Kranz der Zeitgenossen durch die unterrichtete Zunge entblättert, es stand die Misere deutscher Geistigkeit in erschreckender Nacktheit. Daß er selbst in einem Propagandaamt saß, war Handlung des Zwangs mit dem jesuitischen Vorbehalt des Klügren. Seinen Einfluß zu beweisen, erbot er sich, Lisbao und Freunde in Berlin berühmt zu machen, genaustes Programm. Halb ward Lisbao verlockt, halb fürchtete er nationalistische Ausnutzung, schädigend in französischen Kreisen. Lauda tröstete ihn, Brause würde hinter der Tür vergessen, was er im Zimmer versprochen hatte.
Heimkehrend fragte er sich, in welche Schicht er selbst gehörte, den Literat nicht liebend, der sich wichtig nahm, nicht den der Bildung und Erziehung hingegebnen deutschen Idealisten, der unfähig war, die Idee des pädagogischen Positivismus zwar zu setzen, aber zugleich durch äußersten Vorstoß des Denkens aufzuheben, und nicht das bürgerliche Lager, das seßhaft in Existenz war und Geistiges zum Schmuck degradierte.
Keine Frage war das, die ihm Qual bereitete; unbedingt abgelehnt nur der Literat, Entfeßler des Worts und Pathetiker der heroischen Geste; möglich das Verhältnis zu Idealist und Bürger — der eine Mitarbeiter, der andre Feld des vor Lauda tretenden Missionsgedankens. Der zu sentimentale Idealismus konnte ersetzt werden durch den, der Synthese aus Ja und Nein war, und das Bürgertum, die Irdischen, war der Boden, aus dem die Jugend wuchs, die Zahl derer herkam, denen man die Idee bringen mußte — eine Verwandtschaft bestand zwischen diesem Boden und dem Mütterlichen, das um einen Grad heiliger als alles andre Leben war.
Es erzeugte das Wort Erziehung, mit dem er nun zu operieren begann, Mißbehagen in ihm. Erziehung war ein zu positiv geladnes, pathetisch moralisches Wort, eifervoll, sentimentalisch. Erziehung bezeichnete nicht das, was er wollte, eine Auffassung, die Komponente aus zwei Gegensätzen, bedingtes Ja war, das seine Bedingtheit nicht fortwährend zur Schau trug, alle Energie des bedingunslosen Ja enthielt, aber durch das Hintergrundsgefühl des Nein straffer, gereinigter wurde. Erziehn wollen war Anmaßung; Erziehen schlechthin, Da-sein, Wirken, Daseiendwirken, mit andren und für sie denken, wäre die Umschreibung des fehlenden Worts gewesen.
So verhielt es sich auch mit dem Begriff Religiös. Er konnte ihn nicht umgehn, denn das Verhältnis von Ja und Nein, Aufhebung von Irdischkeit und Zeitlichkeit durch Totalität war religiös — es war die Quintessenz, wenn man die gemünzten Konkreta Gott und Seele einschmolz und den Stimmungsgehalt ausdampfen ließ, so daß nur die reale Abstraktion, präzise, übrigblieb. Und abermals verhielt es sich so mit dem Begriff Güte; sie war wie Religiös moralisch gerichtet, als Eigenschaft, Besitz, Gebot bestimmt, und sollte von diesen stimmungsmäßigen Beimischungen frei sein.
Diese Fordrung, empfand Lauda, ist nicht Willkür. Die Selbstbespieglung des Menschen in der gewählten Idee der Güte war das, was er Sentimentalität nannte — sie war die Lust, einen Gott gefunden zu haben, in dessen Hände man sich geben konnte: edelste Form der Sentimentalität, aber doch Rührung über sich selbst; das Bewußtsein fehlte, daß dieser Gott Geschöpf des Menschen, Symbol, nicht Wirklichkeit war. Es bestand ein Unterschied, ob man sich unter den Druck begab aus dualistischem Unterordnungsbedürfnis, oder aus einem Entschluß, den man letzthin hygienisch nennen konnte, weil man für seinen Kosmos einen Zustand suchte, in dem er am leichtesten rotieren konnte — Demut des Moralischen wandelte sich in Anpassung an energetische Gesetze um, Mensch trat aus der ethischen Sphäre in die mathematische und war nur so im Stand, Güte, so weite Macht er ihr einräumte, doch jederzeit zurückzuziehn.
Er brauchte nur zu bedenken, wie verschieden an den verschiednen Tagen in ihm, Lauda, der Grad an Güte, das freie Quantum an Güte war. Es gab Tage, an denen sie schlechthin alle seine Anschauungen und Handlungen bestimmte, andre, in denen sie wie ein dekulminierender Stern ein wenig, ziemlich weit, ganz weit abseits stand; und das Entscheidende nun war, daß er für diese Unterschiede keinen objektiven Grund fand, stets sich mit sich selbst im Einklang fühlte. Bereitwilligkeit — Zurückhaltung — Ablehnung; Verzicht auf Egoismus — Einschlag oder Triumph von Egoismus waren Aggregatzustände, so berechtigt und notwendig wie atmosphärischer Niederschlag, der bald Schnee, bald Wasser, bald leichter Morgendunst, verschwunden am Mittag, war. Die Freiheit, naiv atmosphärisch zu sein, darauf kam es ihm an — grundsätzliche Güte wäre Vergewaltigung, Zwangszustand gewesen.
Letztes Ziel, stärkster Trieb in ihm war in der Tat: naiv zu sein; nicht in dem Sinn, daß er Denken, Widerstand leisten, sich selbst Zersetzen je als Hemmung empfunden hätte, sondern in dem des rücksichtslosen Durchbruchs zum Wechsel der atmosphärischen Aggregatzustände.
So kam es, daß nach einem Tag, an dem er sich ganz etwa einer Frau gewidmet hatte, am nächsten dieselbe Frau lästig fiel, weil sie aus dem beglückenden Gestern den Anspruch auf das fortsetzende Heute ableitete. Nichts aber war so schwer, als ihr klarzumachen, daß seine veränderte Haltung heute nicht Verleugnung des Gestern bedeutete, nur Selbstregulierung und die gleiche Naivität wie gestern war: der Konflikt mit ihr wurde unvermeidlich, und es gab nur einen Ausweg — nicht Trost für sie — das Nacheinander der Zustände als Gesetz zu formulieren, das unvereinbar mit dem Wunsch nach Dauer war.
Eine der Bühnen der Stadt setzte sein letztes Stück an; eingeladen den Proben beizuwohnen, sprach er mit dem Regisseur, selbstbewußtem Mann, und enthielt sich darauf jeder Teilnahme, vorschützend die ungünstig gelegnen Stunden.
Einiges vom Gang der Einstudierung erfuhr er in der Folge von Graumanns neuer Sekretärin, Else Jakobi, deren Schwester Rutt Schauspielerin war und in einer Rolle des Stücks auftrat. Lob Graumanns ihrer Intelligenz, die er der jüdischen Rasse zuschrieb, veranlaßte Lauda, sie zur Aushilfe heranzuziehn, er hatte für den jungen Rudolfi, der nach Deutschland zurückgekehrt war, noch keinen Ersatz. Sie arbeitete so gut, daß er Graumann vorschlug, sie ganz in die Redaktion zu versetzen. Graumann weigerte sich, da erbot sich Fräulein Jakobi, beide Aufgaben zu übernehmen — Andeutung, daß sie Grund habe, Arbeit zu häufen.
Der Grund war mühlos zu erkennen: Melancholie; ihre Augen starrten manchmal in Grübeln, und die Freizeit der Abende war ihr tot. Kleine Orientalin, warm und üppig, von Wesen ganz unaufdringlich. Sie kam aus einer großen Landstadt des Ostens, wohin die Söhne, Studium beendet, zurückkehrten, um mit der Praxis die Familie zu gründen, suchend unter den Töchtern nach Geldinteresse und dem Rasseideal, der vollbrüstigen Frau, die Vorstellungen befriedigt und gute Mutter ist. Unlust der Schwestern, so zu warten und gewählt zu werden, Provinz nie zu überschreiten, war in Rutt mit Temperament verbunden, in Else mit Ethik.
Als jene Schauspielerin wurde, entließen die Eltern auch diese, der Schwester zur Seite zu stehn. In Berlin liebte Rutt sich durch die Reihe der Schauspielschüler, in dem Augenblick alles wissend, wo sie sich entschloß, ganz wissend zu sein, und zahlte den Preis, um den Erlebnis erkauft wurde; aber Erlebnis war das Mittel, das der Stimme Fülle, den Gesten Bestimmtheit, dem Blut Macht über die Leute gab. Spannkraft wölbte Brücken über die Stationen; die letzte war das Tor, hinter dem die wenigen sich sammelten, die den äußersten Ehrgeiz kannten — vor ihnen die Ebnen der Städte, in denen Gold, Hermelin und der große Name warteten. Sie brannte auf die Fahrt in sie mit den Nerven eines Renners, gewiß anzukommen, und sparte sich nicht für den Grafen auf, gewiß ihn gleichwohl zu finden.
Else, Hüterin nach dem Willen der Eltern, verständigte sich mit der Schwester. Hüten, das war ein Begriff aus der Sphäre des Patriarchalischen, die Welt war anders geworden. Else sah dem Schauspiel zu, das die Schwester gab, nicht abgestoßen, der Verschiedenheit bewußt. Mochte sich auch für Rutt aus Geschehn und Geschehn eine Einheit formen, ihr eignes Wesen war: Einheit bleiben. Sie wurde von den blonden Schauspielern begehrt, die Naturell voraussetzten. Verkehrend im Kreis der Verwandten, fand sie, großstädtisch modifiziert die gleiche Welt, in der die Männer heirateten, klug Sinnlichkeit und Interesse vereinend; sie fühlten, daß dieses schwellende Mädchen mütterlich war, Anträge folgten sich wie die feststehenden Namen der Tage. Else floh; es zog sie nicht an, was diese bewegte, Praxis des Anwalts, des Kaufmanns Gewinn. Sie suchte ein andres Lager auf, in dem die Standarte der sich befreienden Frau wehte.
Wenn sie die überzeugten Worte vernahm, fühlte sie wohl dahinter die mächtige Idee, aber wenn sie die Idee aussprechen wollte, wurden ihr dieselben Worte platt im Mund. Was lag vor? Ein Mangel dieser Worte, die so nützlich klangen; doch sie verstand ihn nicht zu benennen. Andre mochten dasselbe empfinden, sie steigerten die Nützlichkeit in Fanatismus, Fanatismus donnerte gegen den Mann — war sie selbst dem Mann feind? Er gab das Kind, er gab Erlebnis, er war zum mindesten eine der Möglichkeiten der Frau, den eignen Mittelpunkt, das innre Kreisen zu finden — war das nichts?
Berge legten sich vor, ehe sie den Umkreis des Menschlichen überblicken würde, Gang eines Jahrzehnts. Ihn anzutreten, begann sie mutlos zu machen, denn manchmal war es, als sende das noch ferne vierte Jahrzehnt nach dem kaum beschrittnen dritten das aus, was es an Ergebnis barg — Enttäuschung.
Zurückkehrend in den Kreis Rutts begegnete sie einem, der ihr den Punkt, an dem sie stand, geheimes Zögern, Atemschöpfen vor dem Antritt der Reise, mit bestimmtesten Worten benannte; seine Geistigkeit Wirbel aus: Wissen um die menschliche Natur, Spott über die Angst vor Erlebnis, klarstem Befehl, Erlebnis zu suchen. Er galt als Wortführer unter jungen Literaten, die Beschleunigung des Tempos in Stil und Aussprechen verlangten, war über Nacht aus dem Nichts in das Getümmel gesprungen, schon war ihm eine Fahne zugefallen.
Er zog von Stadt zu Stadt, in jeder fand er eine Freundin unter den Töchtern der Bürger; als die erste Dekade erreicht war, begann er die Rundreise von neuem und zwang jene, sich damit abzufinden, daß ein jeder die Folgen einer Begegnung, Sehnsucht nach Dauer, Qual des Alleinseins, Konflikt mit Bürgerlichkeit für sich zu tragen habe; Sehnsucht, Qual, Konflikt waren in Energie zu verwandeln, die Denken und Gefühl in Bewegung setzte; Begegnung war Festtag, und Festtage sind Episoden. Die Konsequenz verlangte, daß es auch der Frau erlaubt war, sein System der Vielheit und des Nacheinander zu proklamieren; da es konsequent war, erkannte er es an.
Er kam nach Berlin und stand vor Else Jakobi — an ihr, den Sinn zu begreifen. Er strahlte wie ein junger Gott in Energie; störend die olympische Gebärde. Sie durchschaute ihn, empfand die Lockung, gab nach; er mochte recht haben, daß, wer den Sprung nicht wagt, den Schritt nicht findet. Woche der Entrückung, Meister lehrte die Novize, vollkommner Kurs, dann reiste er ab, nahm sie in die Zahl derer auf, die er Korrespondentin zu sein würdigte; seine Briefe waren wie neue Berührung mit dem elektrischen Kontakt.
Sie sprach, als Lauda ihr Vertrauen gewonnen hatte, ohne Verhüllung. Ihre Schildrung des Freunds war ironisch, aber auch von einem Fatalismus, der hellsichtig war. Was half es, den Selbstsichren moralisch zu werten? Erlebnissen durfte man nicht fluchen, selbst wenn ihr Gewinn nur Melancholie war — vielleicht hieß Melancholie der letzte Sinn? In guten Stunden erkannte sie an, daß er ihr viel erspart hatte, den Umweg des Herzens und die Qual, verlorne Unabhängigkeit mühsam wiederzugewinnen.
Hätte sie nur gewußt, was mit diesem Gewinn anfangen. Wohltat war, daß die Ländergrenze, schwer überschreitbar, zwischen ihm und ihr lag; da las sie in der Zeitung, daß er zu einem Vortrag kommen werde. Sie erbat Urlaub, um so lang in die Berge zu gehn, zog ihn dann selbst zurück; bleiben und ihm wieder auf acht Tage untergeordnet sein, war weniger feig als flüchten. Lauda gab ihr recht; sie gehörte zu denen, die sich selber heilen, indem sie austragen, was in sie gesenkt wurde, langsam Wandelnde, doch sicher.
Als der Freund kam, erhob er nicht viel Anspruch auf ihre freie Zeit, eine Zuhörerin lud ihn aufs Seegut ein. Dort traf er Rutt, entführte sie nach St. Moritz. Else kam nicht aufs Büro, am zweiten Tag suchte Lauda sie auf, fand sie in einem der Mietszimmer, in denen Frauen zu sehn bewegte; freudlose Wände, nicht der Mühe wert, weibliche Hand daran zu wenden.
„Es ist gut so,“ sagte sie, „er verhalf zur Krise. Das Entsetzliche war, daß ich immer fühlte, etwas müsse noch kommen, um die Erniedrigung voll zu machen; es selbst herbeizuführen, fehlte weniger der Mut, denn ich sehnte mich danach, als die Vorstellungskraft; ich grübelte und fand es nicht.“
Er fragte, ob er es verantworten dürfe, sie allein zu lassen; sie antwortete:
„Am Tag gewiß, die Nächte sind schlimm, aber dann sind Sie ohnmächtig. Gut, daß es Nacht gibt, in der man die Dinge, sich selbst absolut sieht, das Absolute ist die Sphäre des Tods.“
Er hielt sie an diesem Abend durch Beschäftigung hin, dann führte er sie hinunter ins Fremdenzimmer Graumanns, da zu schlafen. Sie nahm an, aber als sie erfuhr, daß er die Nacht durcharbeiten wolle, bat sie, bei ihm lesen zu dürfen. Er begann zu schreiben, legte die Blätter auf den Stuhl, sie griff danach, nach einer Weile bemerkte er, daß sie selbst schrieb. Als er aufstand, sah er, daß sie seine Arbeit abgeschrieben hatte.
„Warum tun Sie das?“ fragte er, „Abschrift hätte nur Sinn, wenn sie mit der Maschine in vielen Exemplaren angefertigt würde.“
„Ich weiß, ich wollte nicht Ihnen helfen, sondern mir. Geistiges vom Keim bis zur Ausbreitung zu verfolgen tut wohl, es gibt nichts andres, was standhält. Ich fing zuerst das Buch einer Politikerin an, dann kam der Wunsch, die stärkre männliche Energie zu spüren, stärker weil sie weiter und duldsamer ist. Liegt in der Tiefe nicht das Gefühl, daß alles auch anders sein könnte, als es ausgesprochen wird? In den Büchern der Vorkämpferinnen begegne ich ihm nie.“
Sie bereitete den Kaffee der zweiten Morgenstunde, danach sprachen sie von dem, was der Frau bleibt, die jenseits der Ehe getreten ist.
„Als die Frau noch aufs Haus angewiesen war,“ sagte Lauda, „gestern noch, war sie derjenige, der kraft des Gehorsams gegen die Tatsächlichkeiten von Geschlecht und Wirkungskreis, identisch mit ihnen zu bleiben vermochte, allein dauernde und reine Menschlichkeit erreichte, weil er duldend war. Herr bleiben, also identisch sein, diese Idee des Manns, ist nur eine Fiktion, ein künstliches Ideal. Jeder Mann ist nur eine Zeitlang, periodisch, identisch mit Sinnlichkeit oder Geistigkeit; zuletzt ekelt ihn immer vor sinnlicher Unverbindlichkeit, die Güte ausschließt, und vor Güte, die totale Befriedigung des Sinnlichen verbietet. Der Mann, nicht die Frau, war damals der ewig Zerrissne; er ist das Geschöpf, das die Bekehrungen, die Sinnesänderungen, das Nacheinander erfunden hat; er ist der Zerstörer der Bindungen.“
„Und heute ist die Frau wie er, zerrissner als er, weil selbst das Nacheinander nicht ihren Instinkt übertäubt, daß sie sich Gewalt antut. Wenn wir nicht krampfhaft sind, glauben wir nicht an die Illusion, die in den politischen und andren Freiheitsidealen liegen könnte. Keine von uns gibt zu, wie schwer es uns fällt, einsam zu sein, nur auf uns und Abstraktionen angewiesen; jede hat die Sehnsucht nach Bindung durch den Mitmensch, der Geliebter oder das Kind heißt. Als ich mich damit quälte, etwas zu tun, was mich zugleich ganz meinem Freund auslieferte und dann von ihm befreite, kam ich auf den Gedanken, ein Kind von ihm zu haben — sein Triumph, denn bereits proklamiert er die zwanzig Kinder, die von ihm zeugen sollen, und danach meiner, wenn ich ihn, Dienst erwiesen, gynokratisch verabschiedet hätte.“
„Warum haben Sie es nicht getan?“
„Weil er mir die Gelegenheit nicht mehr gab, sondern an Rutt Gefallen fand,“ antwortete sie mit einem Lächeln, das plötzlich in ein Lachen überging, helles, befreites.
„Ein wenig Kaffee,“ sagte sie, „ein helles Zimmer, und das Blut pulst mit einer Leichtigkeit, als könne es nie anders sein. Morgen früh werde ich es ebenso unbegreiflich finden, daß ich leicht war; nicht eine Spur des gegenwärtigen Zustands wird geblieben sein, selbst wenn ich ihn mit der größten Willensanstrengung suche. Was für ein barometerhaftes Gebilde ist ein Naturell — ich denke das oft, wenn ich eine Geschichte lese oder im Theater sitze: immer sind die Menschen der Literatur unveränderlich, als liefen sie, einmal in Bewegung gesetzt, auf Schienen. Ist das Wesen der Kunst oder Ohnmacht der Dichter?“
Lauda: „Fast immer Ohnmacht, ganz selten Stilisierung zum Zweck der Vereinfachung. Die Einheit von Zeit und Ort hat man längst aus dem Drama verabschiedet, die Einheit des Charakters ist noch unangetastet und macht die Dichtungen so unzulänglich. Von hier aus könnte man die ganze Welt der Kunst aus den Angeln heben — um am Ende die Einheit des Charakters doch wieder einzuführen, allerdings eine neue, härtre, gereinigte.“
Else: „Warum wird es mir morgen früh nicht gelingen, die Stimmung von jetzt zu verwerten? Glauben Sie, daß man es überhaupt könnte?“
Lauda: „Durchaus. Das ganze Geheimnis, das eines der wesentlichen ist, besteht darin, daß man einen neuen Gedanken, eine neue Willensrichtung hundertmal wiederholen muß, bis sie geläufig, vertraut, aktivistisch werden. Sich seiner augenblicklichen Stimmung, die nur ein andres Wort für Dichtigkeitszustand des innren Kosmos ist, entgegenstellen — das ist Widerstand der freien Energie gegen die gebundne. Nicht das Ich stellt sich entgegen, sondern im Ich ein kleines Quantum freier Kraft dem großen der unfreien. Verstehn Sie die Tragweite? Es ist eine Erklärung des Phänomens Ich. Ein Freund, d’Arigo, spielte diesen Vorgang, daß das Ich sich auflehnt, als Beweis der Seele aus und sah in ihr ein selbständiges X, das souverän die Körperlichkeit reguliert. Das ist natürlich dilattantischster Dualismus. Freier Wille heißt: das Quantum ungebundner Energie vergrößern und danach als Widerstand trainieren. Wenn irgendwo der Punkt ist, wo indische Willensreglung und das banale europäische Wie werde ich energisch sich decken können, dann hier.“
Else: „Sie sind gütig zu mir, warum?“
Lauda: „Weil Sie keinen Anspruch auf mich erheben, ich nicht an Sie. Darum besagt es auch noch nichts über meine wirkliche Fähigkeit zur Güte, und ich weiß nicht, ob ich sie frei machen könnte, wenn ich die Stelle Ihres Freunds einnähme. Güte trotz Verpflichtung ist etwas durchaus andres als Güte aus Stimmung.“
Und da es die Stunde der Vertraulichkeiten im nächtlich stillen Zimmer war, fügte er hinzu:
„Ihr Bericht seines Wesens wirkte auf mich wie mein Verkehr mit Siriwan — irgendwo schneidet auch Ihr Freund sich mit mir, und als Ihre Schildrung, nur durch Aneinanderreihung der Tatsachen, ungewollt ironisch wurde, empfand ich, heiß und unbehaglich es wäre leicht, auch deine Gastspiele unter den Töchtern der Bürger in dieses Licht zu rücken. Unterschied mag da sein, als Verzicht auf die olympische Gebärde, von der Sie sprachen. Wenn ich etwas bin, so Antipode des Schauspielers, worunter ich den verstehe, der aus dem magischen Wechsel seiner Wallungen rasch irgendeine Form zusammenrafft in der zwitterhaften Absicht, zugleich Einheitlichkeit zu haben und auf die Tiefe seiner Verwandlungen schließen zu lassen; Eitelkeit ist Stolz auf Tiefe.“
„Geben Sie mir einen Rat, nennen Sie eine Idee, eine Tätigkeit, in die ich mich retten kann, wie man in ein fremdes Land geht, sich eine neue Existenz zu schaffen und — Abstand zwischen sich und die alte zu legen.“
Er betrachtete sie, sah ihre jüdischen Züge, sagte:
„Zuerst wollte ich Ihnen Frauenbewegung oder Pazifismus nennen, alle diese Bestrebungen haben den großen Illusions- und Beschäftigungswert — es kommt mir ein andrer Gedanke: arbeiten Sie im Zionismus. Er wird Wirklichkeit werden, wenn die Türkei zerschlagen ist und England sein Versprechen einlöst.“
„Was wissen Sie von ihm?“
„Nichts als daß er jede andre Idee, die auf Staatengründung ausgeht, durch seinen Gehalt an überrealen Gefühlswerten übertrifft, also religiöse Bindung ermöglicht.“
„So könnte ein Konservativer sprechen.“
„Wer sagt Ihnen, daß Konservativismus als Idee nicht weiser als jeder Radikalismus ist? Niemand kennt sich, auch ich nicht mich. Manchmal habe ich das Gefühl, von mir und nebenbei von allen, die die Bindungen lockern, daß wir wider unsren Willen in das scharfe, künstliche Licht des Rationalen schreiten, von einem Dämon gestoßen, der nur Verführer zu Erkenntnis ist. Wir können uns nicht anders verhalten und wir sollen es auch nicht, denn es liegt wohl ein Gesetz der nach irgendeinem Mittelpunkt vorrückenden Kosmen vor, und man kann nur ahnen, daß die Erkenntnis eine neue Naivität ermöglicht — immer wenn ich handeln muß, glaube ich sie schon zu haben. Temperament kann immer ungebrochen sein, gleichgültig, wieviel Hemmungen es durchschritten hat. Immerhin zeigt sich, daß das, worauf der Mensch seine ganze Energie konzentriert, der freie Wille, auch seine problematische Seite besitzt: Züchtung von freier Energie sprengt die Bindungen — ohne Bindung kann man nicht leben, und wenn ich mich als Kosmos, Bruder des Himmelskörpers Mensch empfinde, von Druck, Achse und Rotation spreche, denke ich nur ein andres Wort: Bindung, diese Legierung von Ja und Nein; denn gebunden wird das Nein, die Sehnsucht nach der Totalität und der tödlichen Rückkehr. Mit andren Worten, Bindung ist Demut, Gehorsam gegen den Zwang zur Existenz, Bindung ist Scheu vor dem zu Radikalen, von dem man sagen kann, daß es sich nur der Maske der äußersten Energie bedient und in Wirklichkeit Gehilfe des zerstörenden Tods ist. In diesem Sinn ist Bindung konservativ, in demselben Sinn konservatives Denken religiös.“
„Sie lösen sich vom Radikalismus, bevor er sichtbar geworden ist.“
„Darf man der Zeit nicht vordenken?“
„Man soll mitdenken,“ sagte sie.
„Ja, aber das einfügen, was überall eingefügt werden muß und die eigentliche menschliche, geistige Leistung ist, den Widerstand. Ist eine Betrachtung, die den Widerstand in den Mittelpunkt stellt, nicht konservativ?“
„Sie kann nicht umhin, auch dem verwirklichten Konservativen Widerstand entgegenzusetzen.“
„Nichts kann wahrer sein, Sie legen das System der Denkströme bloß, die Ebbe und Flut, lebende Vorgänge der Mensch genannten kleinen Welt sind. Das Nein, das die Positivismen des Lebens in Frage stellt, ist nur ein Phänomen des Ja, das sich durch Widerstand verstärken will, und das Ja des Radikalismus ein Phänomen des Nein, das die Lockung des größten Glücks vorschiebt, um das Jasagen tödlich zu treffen.“
Sie hatten sich am nächsten Morgen kaum an die Schreibtische gesetzt, als Rutt gemeldet wurde.
„Ich komme,“ sagte sie, „weil ich mit dem Regisseur in der Auffassung meiner Rolle uneins bin, Sie sollen entscheiden.“
Sie berichtete; es erwies sich, daß das Tempo einer Figur nicht geändert werden konnte, ohne alle andren zu beeinflussen. Der Regisseur arbeitete mit Hebeln und mit Schrauben, holte die Sätze schwer hervor, ließ sie langsam zerfließen, starre Lava, und goß das Dämmer wechselnder Lichtmagie darüber. Lauda nahm das Buch, las den Partner, bat Rutt, ihre Rolle zu sprechen. Vollkommne Harmonie, rasch rollten die Szenen, leise gedämpft — Beschleunigung und Abstand waren die Absteckungen, zwischen denen zwei Stunden Geschehn sichtbar wurden, aufschwellend wie Kammermusik, danach nicht mehr. Schauspieler durfte nicht lebensgroß, wuchtige Materie sein; fern Pathos, Agieren; Gestalten sind, überflüssig, daß sie sich erklären; Probleme knüpfen sich, lösen sich wie eine Schleife, Lauda legte keinen Wert darauf, den Zuschauer durch sie aufwühlen zu lassen — Zuschauer sollte zuschaun. Zuschauer sollte bleiben, was er war, dem Schicksal Andersgearteter, Verstrickter beiwohnen.
Es gab andre Stücke, elementarere, wie es neben Kammermusik die heroische gab — dieses Stück war, wie es war, also galt es, seinen Stil einzuhalten. Rutt, die nervenzerrende Rollen liebte, hatte verstanden, daß sie hier Härte unter zarter Hülle und süßem Dunkel verbergen mußte — am Regisseur, gleichermaßen zurückzustellen, was er gelernt hatte, den großen Apparat, und sich unterzuordnen.
Lauda begleitete Rutt auf die Probe, griff ein, ließ von vorn beginnen, warf das Tempo von Grund aus um, reduzierte Kulissen auf ein Minimum. Konflikt mit dem Regisseur trat, dem Direktor anheimgegeben, in das Stadium, wo Ausgleich unmöglich wurde. Lauda verlangte die Regie für den Rest der Proben und den Abend selbst, drohte öffentlich zu widerrufen, drang durch, indem er dem Regisseur den nominellen Oberbefehl überließ, und sah sich auf zwei Wochen als unumschränkten Herrn über sechs Menschen und die Trabanten. Es war Vergewaltigung — wie immer beim Sprung in die Tat empfand er, daß, wenn er handelte, er ganz handeln konnte, Geistigkeit wie ein Fächer war, den man schloß und zum Dirigentenstab machte: kurzes Klopfen, Heben, — und die klirrende Symphonie begann.
Rutt sagte:
„Elses Freund und Sie sind absolute Gegensätze; er faßt die Energie in anfeuernde Formel, Sie üben sie aus, undenkbar, daß Sie an irgendeinen Gedanken Worte wenden.“
Er lachte, antwortete:
„Fragen Sie andre, sie werden Ihnen sagen, daß ich der sei, der den Entschluß durch Reflexion hemme. Weil sie weder Denken noch Tun des andren naiv nehmen, sondern die Dilettantenkunst des Schlüsseziehens üben, zwingen die Leute, fast selber Schauspieler zu sein, Denken und Tun wie eine Maske zu tragen. Ihnen gegenüber, Fräulein Rutt, werde ich allerdings nie philosophieren, nur handeln; Sie fordern heraus, zum Tun, zum Spiel der Klingen oder zum straffsten Gegenübertreten. Warum, fragen Sie? Weil Sie ganz im Vordergrund Ihres Wesens leben, zu bestimmt, zu unmittelbar Energie in Handlung umsetzen.“
„Was tun Sie denn andres,“ fragte sie erstaunt; „wenn man Sie auf den Proben sieht, zugreifend, jäh in eine Trägheit oder auch Verdrossenheit fahrend, leben Sie doch auch im Vordergrund Ihres Wesens.“
„Und mache doch nur Vorstöße aus seinen Hintergründen — nichts ist so sehr Instinkt in mir, als die Brücke nicht abzubrechen. Als ich noch die Form meines Naturells suchte, zog ich mich oft zu früh auf die Brücke zurück, war feig, ließ im Stich — man darf die Brücke nur in der äußersten Not benutzen, wenn man aus dem Absoluten dem Tun neue Kräfte zuführen muß.“
„Wie dem auch sei,“ antwortete sie, „Sie sind für mich so, wie ich Sie kennen gelernt habe, und manchmal denke ich, daß Sie der seien, dem ich einen Vorschlag machen möchte, einen nie ausgesprochnen, weil der Partner fehlte.“
Aber sie lenkte ab, als er ihn hören wollte.
„Wie seltsam ist Ihr Name,“ sagte er, „was ist Rutt, eine Abkürzung?“
„Eine Umwandlung aus Ruth. Mit dem Namen Ruth sind zu bestimmte Vorstellungen verbunden, als daß ich ihn hätte tragen können.“
Lauda machte Barbara mit Else bekannt, nur andeutend, daß es galt, einer schon wankenden Melancholie den letzten Stoß zu geben. Er fürchtete, der Optimismus Barbaras möge Else zu derb erscheinen — unnütze Furcht, er wurde Zeuge des Gemeinschaftsgefühls von Frauen, das ein Wissen um Nöte des Erlebens war. Barbara stellte Derbheit zurück, bis sie wagen konnte, die Männlichkeit jenes Freunds als die eines Tenors zu erklären. Und sie drang mühlos zum Kern des Mädchens vor, führte sie in die Sphäre des Kinds und der zu betreuenden Mütter.
Auch mit Hans machte er Else bekannt, ohne Absicht, sah unerwartet den Freund von der kleinen Schwester Barbaras zu der noch weiblicheren Orientalin übergehn, aber hilflos werden vor ihren geistigen Interessen, dieser Bereitschaft für praktische Dinge. Ahnend, daß sie Kummer erlitten habe, erkundigte er sich bei Lauda, faßte die Begegnung mit dem Berliner Freund so natürlich auf, daß ihm der Gedanke andrer, man müsse sich darüber hinwegsetzen, gar nicht kam; aber beim Versuch, mit ihr davon zu sprechen, hatte er nichts zu bieten, als die Empfehlung des Wechsels, Selbstquälerei des Zwischenstadiums für unnaives Übermaß an Seele erklärend — sie fand ihn täppisch. Der Ansatz zur Werbung scheiterte kläglich, er war vom Stamme derer, die sich die Frau selbst nimmt. Siriwan wirkte auf Else zynisch, auf Rutt als männlicher Kavalier; sah er sie an, trat in seine Augen der Blick, mit dem Männer Kokotten auf die Verheißung äußerster Dinge schätzen.
Es waren die Schwestern in allem Gegensatz, gleichwohl so jüdisch die eine wie die andre — wie war Einheit bei so viel Verschiedenheit möglich? Es gab zwei jüdische Typen, wie es sie unter allen Menschen gab, den in der zeitlichen Sphäre heimischen und den religiösen. Waren Menschen dieser Rasse materiell, so waren sie es ganz; für ihre Leistung im Reich des Absoluten erübrigte sich der Beweis. Temperament im weltlichen Sinn hatte nur der Bewohner der sichtbaren Sphäre, der andre hatte Stoßkraft, Vorstellungskraft, Ideenkraft. Wenn es rationalistisch gerichtet war, bewegte sich jüdisches Temperament leichter, sichrer, anmaßender als jedes andre auf der Oberfläche der Dinge, stets noch vermehrt um den Hunger nach dem Anteil, die egoistische Energie — sie schwammen in der Materialität wie Raubfische im Wasser; Lehrzeit und Verpuppungsstadium waren abgekürzt, sie sprangen wissend in die Arena, mit dem glänzenden Blick, die Frauen so eifrig wie die Männer, aber die Frauen dieser Art unbeschwert von der Melancholie der Männer, ganz Energie — geborne Trägerinnen des Radikalen, unfähig, jene Bindung zu finden, durch die die vitale Energie so tief versenkt wird, daß sie Geheimnis wird.
Versenkung der Energie und Befreiung der Energie, das bedingte den Unterschied von Vordergrundsmenschen und Religiösen — religiös nach Laudas Definition der, der Ja und Nein vereint. Und dieses Verhältnis von Versenkung und Befreiung erlaubte auch, die tiefre Gleichheit beider Typen zu behaupten, wie die aller menschlichen Wesen. Praktisch gesprochen, wies die Melancholie Elses darauf, daß ihr die geistige Sphäre zugänglich war, wie allgemein die Melancholie der jüdischen Menschen Ausstrahlung der stärkren Geistigkeit war — den rationalistischen Frauen fehlte sie, trat höchstens als Surrogat Fanatismus auf; wo auch das Surrogat fehlte, drohte Selbstverbrennung der Energie, die sich in den kleinen Explosionen der täglichen Verausgabung vollzog, siehe Rutts Mitreden, Dabeisein, sofortige Umsetzung jeden Impulses.
Ein paar Tage darauf erzählte ihm Else von Vorstellungen, die Rutt an die Person Laudas knüpfte, wünschend, daß Else den Weg zu ihm ebne, und den Wunsch verleugnend. Sie träumte von einem Bündnis zweier Energien und Intelligenzen, deren eine die ihrige war, die andre die des zu findenden Manns. Da sie Schauspielerin war, glaubte sie den Partner in dem Dramatiker gefunden zu haben; Ziel: die Erobrung der Zukunft, Mittel: kopulierter Ehrgeiz, Zusammenhalten, gemeinsames Arbeiten, Schaffung von Verbindungen und Benutzung einer jeden unter Schultergefühl; so steigen, wie es zwei klaren Willen möglich war, sehr hoch, ganz weit.
Lauda sagte:
„Ihr Freund, Fräulein Else, wäre der gewesen, den sie hätte wählen müssen; Tenor und Diva sind nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich von der gleichen Welt. Nichts könnte mir ferner liegen, als meinem Ehrgeiz durch Organisation nachzuhelfen. Wie ich naiv leben, nach innrem Gesetz bald denken, bald handeln, bald mich binden, bald mich befreien will, soll auch Wirkung auf andre naiv sich vollziehn; hat man Wirkung, ist es ein natürlicher Vorgang, bleibt sie aus, desgleichen. Niemand weiß, ob das, was er sagt, Wert hat, mag er es als noch so neu empfinden; man kann es nur feststellen. Reisender im eignen Ruhm sein ist so anrüchig wie den Leuten einen Fabrikartikel aufreden.“
„Wenn ich auch nicht Kaiser dieser Stadt bin, kann ich doch ihr Harun sein,“ sagte er, auf der Brücke Siriwan begegnend, an einem der Abende, an denen er durch Straße, Fabrikviertel, Restaurants der Reichen und Vorstadtkinos ging. Siriwan lächelte mit dem Blick des Augurn, wenn er Lauda so begegnete:
„Man muß methodisch, gründlich und immer allein streifen,“ sagte er, „es ist das wahre Kennzeichen des selbständigen Menschen, die andren werden schon feig, wenn sie fünfhundert Meter vom Zentrum sind.“
Noch einem dritten begegnete Lauda oft, Schreiner — diesem in den armen Vierteln und immer einem über die menschlichen Höhlen, die Schnapsschenken, die lieblosen Vergnügungsorte Stöhnenden. Ein vierter wäre denkbar gewesen, der, der aufsucht, sieht, leidet und nicht spricht, sich vorbereitend auf den Tag, wo Sprechen nicht mehr Wort, sondern Lehre ist — er hätte vielleicht gesagt, daß Partei, Organisation, Selbsthilfe nicht das Wesentliche seien, wie Christus nichts von diesen Dingen gesagt hatte. Was hätte er also sagen können? Daß wesentlicher sei, das Reich in sich zu suchen, die Bürde der Existenz in sich zu erleben? Was hätte es dem Armen, Ausgestoßnen, Schwachen, Mutlosen geholfen? Die Bürde des Existierenmüssens nicht vergessen: das war Mahnung an die, die irgendwie fest und geordnet lebten; der, der unter der Bürde stöhnte, verlangte andres, Lindrung, und Lindrung bot ihm die Partei, die Hoffnung auf Vergeltung und Umsturz.
Wie anders war die Situation als zur Zeit Christi; es ließ sich der Mensch nicht mehr auf die innre Zukunft verweisen; Resultat von zwei Jahrtausenden hieß: Mißtrauen gegen die Lehre der Demut, denn Demut hatte zu dem System geführt, das von dem Besitzenden nur die Steuer des Almosens erhob, Kirche hatte ihren Frieden mit den Mächtigen gemacht.
Sinn dieser Streifzüge war Lauda, das zu erkennen, Tragik des Christentums zu fühlen, das gezwungen worden war, die Idee der Nichttat, des Religiösen, durch Tat zu verwirklichen. Mission für das Reich des Mehr-als-Irdischen treiben, hieß zu den Mitteln des Irdischsten, der Organisation greifen. Darum hatte, als das Christentum gescheitert war, der Sozialismus die Verwirklichung der Idee auf ganz materiellen Wegen unternommen: Organisation der Kräfte und Wille zur politischen Macht.
Kein Christus war mehr möglich, die Menschen hätten ihn gefragt: und was rätst du zu tun? Man hätte ein Programm von ihm verlangt, und Programme sind irdischer als alles andre, so fern dem Pessimismus der Religionsstifter, der Mißachtung des Leibs und des Staats. So war das Zeitalter, in dem wir alle leben; unmystisch, unlegendisch, unreligiös auf immer. Staat war der Gott, Gesellschaft die Form, mit der sich jeder Gedanke, jede Energie verbinden mußte, wollten sie überhaupt Form annehmen und mehr sein als Rezept für Individualismus. Noch gestern, dachte er, lebte der letzte große Christ, Tolstoi, begann das Beispiel bei sich und dem kleinen Kreis, der um ihn war — die Ausdehnungskraft dieses Kreises, wie schwach blieb sie, auf das Gut beschränkt; Dorf, Provinz, Land, Staat konnte sie nicht erreichen — es war vergrößerter Individualismus, Nachfolge Christi als Angelegenheit des Privatmanns.
Keiner heute, keiner in Zukunft wird mehr lehren, mehr erreichen können als dieses „Beginne bei dir selbst“, Beispiel sein, Da-sein, nach seinen Kräften wirken, und das war der tiefste Sinn des Pädagogischen; aber welche Tragik darin — unsre Tragik, des Menschen Tragik, dem Ideen, sobald sie aus der Sphäre des Elementaren in die der Materialität traten, zu Materie erstarrten, nützliches Handwerkzeug wurden.
Er hatte an diesem Tag das Buch einer Gruppe junger Dichter gelesen, Aufständiger gegen solche Irdischkeit. Haß darin gegen die sichtbaren Formen, in denen Weib nur Frau der gesitteten Welt, Mann nur Nutztätiger war. Dichtung ward als das Ewige und folgerichtig als Sprengung der bürgerlichen Regulative proklamiert; nicht weniger als drei hatten Frauen gestaltet, die sich, die einen aus Demut, die andren aus Sehnsucht nach dem Totalen, die dritten aus Fanatismus der Weibidee vielen, allen maßlos hingaben, keusch zuchtlos, schreiend brennend — was war es? Literatur, Ding für sich, denn alles blieb Literatur, was das Elementare absolut in die Welt des Existierenden werfen wollte; Existenz hieß Kontrolle des Elementaren; Existenz war Form, Form Rationierung des Elementaren.
Die Kritiker und die vom Bürgertum verehrten Dichter selbst hatten schon längst die Philosophie auf den Zwang gemacht, Elementar hieß ihnen Mildrung des Materiellen und Ewig Menschlichkeit — sie hatten das Pathos des Elementaren, nicht es selbst, sonst wären sie Zerstörer gewesen, denn das Elementare war, insofern es auf das schon Bestehende traf, Prinzip des Umsturzes, und es war, absolut betrachtet, doch zugleich die Ursache dieses Bestehenden; Entschluß des Urwillens zur Existenz war Selbstverurteilung zur Form.
Und er, Lauda, stürzte von neuem in den Abgrund, der sich zwischen ihm und Künstlertum aufgetan hatte, als es ihm feststand, daß Dichter und Künstler nur Leute waren, die das Elementare in maßvoller Dosis dem Materiellen zusetzten. Aber die Wirkung war heute anders; Ja war zu stark, denn starkes Nein hätte in drei Tagen zur selbstvollzognen Auslöschung geführt; Ja war zu stark, und es ergab sich Abfindung mit dem Gedanken, daß
Kunst Dosierung ist,
Handeln Kompromiß,
Leben Hut vor dem Elementaren,
Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, maßvolle Abfindung sind,
Menschen sich nicht zerstören wollen, Lobpreisung der Kunst als einer Verschönrung und Beschäftigung Wert hat,
Der Radikale, der vor dem Meer von Leid stehn bleibt, ohne sich zu töten, es mit der großen Geste an deklamierend, ein Lügner ist,
Ein wenig Glück besser ist als die Ohnmächtigen nicht zur Ruhe kommen lassen,
Alles Starke, Elementare, Kompromißlose sich auf die einsamen Stunden des Einzelnen beschränkt und der der Anständigste ist, der doch nicht zum Egoist wird, sondern dem Bruder das Recht gibt, ein wenig hilft, ihm den Glauben an die Allmacht von Ideen, Tat, Kunst und Gedichtetem nicht zerstört.
Er war nicht Schreiner, nicht Siriwan, nicht der vierte imaginäre, nie mehr wiederkehrende Christ aus Nazareth, er ging in diesen Nächten einfach auf die Begegnung mit Menschen aus,
Zu fühlen bei ihrem Sein und Tun die Verschlingung der beiden Ströme Ja und Nein,
Dem Ja, in dessen Lichthälfte er nun getreten war, nicht so untertan zu werden, daß er streitbarer Optimist wurde,
Von Leid, Elend, Schmutz sich ein Wissen zu wahren, denn der Mensch war ein Wesen, das, was es war, ganz war, nicht aus Stärke sondern aus Ohnmacht: das Hirn vergaß, suchte zu beharren.
Siriwan hätte Lauda nicht verstanden; Lauda sprach mit den Mädchen, die jener bei ihm gesehn hatte, nicht, weil er auf die Jagd nach der Nachtbeute ging, sondern weil sie die waren, die über den Weg liefen. Er erfuhr Biographien, so gleich an geschminkter Lüge und so verschieden an Zustand, Motiv und Herzenston, daß er, wäre er noch Autor gewesen, auf Material versessen, die weite Anlage des Werks Balzacs hätte planen können.
Das war so fern, die Zeit war derart beschaffen, daß es des Romanhaften zu viel wurde; die Zeit lockerte in solchem Maß das Feste, das gewesen war, daß sie Krepierende wie die See Fische auswarf; ein Angebot an Material, Schicksal, Variation fand statt, daß Überdruß in ihm entstand, Verzicht auf Material, das nicht mehr vom Dichter gesucht werden brauchte, sondern dem Zeitungsschreiber auf den Tisch flatterte.
Oft war zu helfen, er half oft, durch Graumanns Geld; gleichwohl, es wuchs ein Gedanke, der nur deshalb nicht Zynismus war, weil er bitter war: daß wichtiger als die schon Leidenden die noch nicht Leidenden seien, deren Jugend, sei es die physische, sei es die innre, sich noch durch Einwirkung, Lehre, Beispiel in Energie verwandeln ließ. Den schon Leidenden helfen, daß sie, in irgendeinen Winkel kriechend, schlecht und recht den Rest ihrer Jahre ablebten; aber diejenigen aufsuchen, die noch dem Existenzableben Existenzgestalten entgegensetzen konnten, der Passivität die Aktivität, die Wille zur Mutation war.
Welches Regulativ blieb, es den Menschen zu lehren, nachdem das größte gelehrt war, das sentimentalisch Güte, sachlich Anerkennung der Gleichberechtigung des Mitgeschöpfs hieß? Man konnte die Güte ihres dualistisch-theologischen Charakters entkleiden (denn sie war nicht jenseits des freien Willens als Imperativ in uns gelegt) und ihr statt der moralischen Färbung die tragisch-reale geben (die von Natur aus Feindlichen und vom Totalen her Getrennten verbinden sich gegen das dämonisch gleichgültige Abrollen, Brüder durch Widerstand); aber das war nur eine Reinigung des Begriffs Güte, der dadurch allerdings aus einem Sittengesetz zu einem Regulativ, einer der großen starken Künstlichkeiten wurde, mit aller Einsicht in ihr illusionistisches, idealistisches, nie zu verwirklichendes, nur den Egoismus modifizierendes Wesen.
Lauschte er in sich, schien es ihm, es gäbe noch andre, neue, nie ausgesprochne Formen des Widerstands, Keime einer künftigen Erziehungslehre. Sie lagen nicht auf der Linie der Radikalisierung, sondern der innren Energie, die in neue Kontinente des Hirns vorstößt, sie findend, indem sie sie erschafft, und nicht auf der Linie der Tat, die versklavt, sondern der geistigen Freiheit.
Als er nach Hause kam, fand er eine Mitteilung der Behörde vor, die ihm die weitre Herausgabe seines Blatts verbot; die deutsche Regierung hatte Vorstellungen wegen Verletzung der Neutralität erhoben. Auch Fünfkorn war das gleiche Schicksal widerfahren, aber die Entente hatte ihn geschützt. Da niemand hinter ihm stand, wußte Lauda, daß der Berner Entscheid unwiderruflich war.