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Nein und Ja

IV

Reading edition

Bericht des Morgenblatts, ein deutscher Flieger sei über die Grenze geflüchtet, besagte nichts; aber als Lauda am Abend die Villa Graumanns betrat, sah er unter den Politikern den Arzt, der ihm während seiner Militärzeit das Attest geschrieben hatte, durchblicken lassend, es werde nicht mehr lange Wert haben. Dieser Arzt war der Deserteur, er hieß Wendling.

Der Konflikt war ausgebrochen, als er darauf bestand, einen Epileptiker zu entlassen, der Hauptmann neue Bestimmungen entgegenhielt. Dann sind die Bestimmungen verbrecherisch, sagte der Arzt; die militärischen Erfordernisse gehn vor, der Offizier. Es fiel das Wort Pflicht, Wendling stellte das Primat der menschlichen auf, machte eine Bemerkung über Gewissenlosigkeit des Arztes, der denselben Patient, den er in seiner Sprechstunde für schwerkrank erklärte, im Revier als Simulant behandeln mußte, ward angezeigt. Hunderte dachten wie er, dieser eine sprach aus, ausgesprochnes Wort entfesselte die Lawine der Folgrungen. Er wurde entlassen, um danach als Gemeiner eingezogen zu werden — Hölle des Diensts, jeder Vorgesetzte erkundigte sich nach dem Mann mit den Säbelnarben, vernahm, verhärtete sich.

In Bewegung versetztes Denken verwarf Schritt für Schritt Auswüchse des Militärsystems, Militärsystem als solches, deutsches Bürgertum, das in den Mittelpunkt seiner Geistigkeit die Kriegsbereitschaft stellte, deutschen Staat. Als ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, weil er Aufsätze veröffentlicht hatte, ohne sie vorzulegen, vollzog er den Schritt vom Persönlichen zum Grundsätzlichen, floh.

Führer des Flugzeugs war Rudolfi, ganz junger Mensch. Dieser hatte sich begeistert aus der Schule zum Heer gemeldet, die Erfahrung gemacht, daß er nicht befördert wurde, weil er zu zaghaft war, um sich ins Licht zu stellen: er galt bei den Offizieren für unfähig, Mitmenschen als Herr entgegenzutreten, bestand die Probe der Brutalität nicht. Verwirrung in dem Religiöserzognen, nicht Ruhe gebender Gegensatz zwischen Erinnrung an Abende der Mutter, die Schubert sang, und Brüdern, die als Schlachtfeldandenken Todesarten photographierten: erschütternd Gesichter, über die wie bei bitterlich weinenden Kindern ein Rinnsal lief, aber es war schwarz verbrannt, die ausgelaufnen Augen. Ein Gespräch mit Wendling, und das Grundsätzliche trieb auch diesen Knaben zum Tun.

Nun stand er, der mädchenhafte Zwanzigjährige, im Kreis der Abtrünnigen, und suchte verstört nach einem, der ihm noch einmal zuredete, daß er recht getan hatte; die Kameraden daheim kämpften, waren treu geblieben, er wurde steckbrieflich verfolgt.

Man beriet, wie Beschäftigung für ihn zu finden sei; Fünfkorn schlug ihm vor, als Volontär in seine neu gegründete Zeitung einzutreten, das nunmehr durch das Geld Shillers ermöglichte Organ der deutschen Opposition. Der Knabe konnte nicht, als er das Programm entwickeln hörte. Da bot Graumann an, für seinen Unterhalt zu sorgen, er brauchte einen Chauffeur. Madeleine Betz widersprach, der Junge sollte, was er getan hatte, ganz tun, die Idee, die ihn geleitet hatte, nicht verleugnen; mochte das Blatt mit amerikanischem Geld gegründet sein — was für Fünfkorn hätte unerlaubt sein müssen, war es nicht für den Unverantwortlichen.

Ausfall auf Fünfkorn erregte Shiller, Graumann trat auf die Seite der Elsässerin, plötzliche Scheidung der Geister. Fünfkorn hoffte einen Trumpf auszuspielen, fragte Wendling, ob er für sein Blatt arbeiten werde. Der Arzt lehnte ab, Fünfkorn und Shiller verließen das Zimmer.

„Da wir symbolisch zurückgeblieben sind,“ sagte Fräulein Betz, „laßt uns überlegen, wie wir die Einheit der Anständigen sichtbar machen. Gegen unsre Regierung aufzutreten, ist Pflicht, der Wille ist da, es fehlt: das Geld.“

„Das Geld fehlt nicht,“ sagte Lauda und sah Graumann an, „es fehlen die Leiter, es sei denn, daß Herr Wendling, der am ehrlichsten von uns Männern den Untertanengehorsam gekündigt hat, bereit ist, die Redaktion zu übernehmen. Seine Flucht, sensationeller Akt der Anschaulichkeit, ist gegebner Augenblick.“

Man begann zu verhandeln. Wendling stellte die Bedingung, daß Graumann sich als Geldgeber nannte und ein zweiter als Mitherausgeber. Lauda schlug Fräulein Betz vor, sie ihn, Wendling sie und Lauda. Graumann hatte damit zu rechnen, daß sein deutscher Besitz beschlagnahmt werde, erbat sich Bedenkzeit; dieselbe Lauda.

Seine Stellung war zweideutig; der zweimal verlängerte Urlaub lief ab, aber zwischen diesem Termin und seiner Ankunft lagen nun drei Monate, Erklärung möglicher Wandlung. Er suchte am nächsten Tag Graumann auf, entschlossen anzunehmen, wenn dieser die Bedingung Wendlings erfüllte. Die Entscheidung wurde ihm in der Form mitgeteilt, daß Graumann einen anwesenden Deutschen als ersten Mitarbeiter vorstellte, Doktor Schmitts. Er war Dozent für Geologie an der Konstantinopler Universität gewesen und von der Regierung nach Armenien geschickt worden, um Minerale für die Kriegswirtschaft zu erschließen. Dort war er Zeuge der Systematik geworden, mit der eine ganze Nation, Mensch für Mensch, ausgerottet werden sollte.

Lauda erfuhr zum erstenmal von den amerikanischen Greueln, der entsetzlichsten aller Wellen von dampfendem Blut, die jemals über diese Entsetzliches gewohnte Gegend gerollt waren. Früher hatte man Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, im Zeitalter der Organisation wurde der Plan gefaßt, ein Millionenvolk bis in sein letztes Glied verschwinden zu lassen. Und die erste Million ward getötet. Man mordete an Ort und Stelle, man schickte Züge von Frauen und Kindern in die südliche Wüste, man rief die Kurden. Im Tal von Musch sah Schmitts einen Platz, wo die Kurden zweitausend Frauen geschändet, danach verstümmelt, danach mit Petrol übergossen und verbrannt hatten — in den Überresten wühlten sie dann, weil das Gerücht ging, die Christinnen hätten Geld und Perlen verschluckt, um sie zu retten. Schmitts’ levantinisches Weib hatte seiner Nation, die das geschehn ließ, geflucht, und der erregte Mann zitterte wieder, als er von diesem Augenblick sprach; er wollte nicht mehr Deutscher sein.

Fluchszene, biblischer Erinnrung, weckte Mißbehagen, männlicher Entscheid sollte nicht von Tränen einer Frau abhängig sein, und Moralität, die aus zusammenbrechenden Nerven kam, enthielt von Sentimentalität ein Gran, das auch in der breitren Anhängerschaft des Pazifismus zu finden war — gleichwohl, man durfte über das christianisierte Naturell allzuberedter Männer hinwegsehn, es galt: die Sache. Die Sache hieß: Kampf ansagen dem deutschen Block aus Stahl und Willen, mit Worten des Hasses in seine Fuge dringen — ob sie sich sprengen ließ.

„Wir haben Thomas Schreiner vergessen,“ sagte Lauda, „er gehört in unser Komitee.“ Es erwies sich, daß Schreiner keinen Wert darauf legte, mehr als Mitarbeiter zu sein.

„Was Sie tun,“ sagte er, „ist bürgerlich, ich bin russisch geschult, Sozialrevolutionär, Anhänger der direkten Propaganda an der Front und in den Fabriken.“

„Wie vermögen Sie zu wirken,“ fragte Lauda erstaunt, „wenn Sie fern in der Schweiz leben.“

Schreiner lächelte geheimnisvoll, deutete an, daß es von der Schweiz aus möglich war, die Soldaten zu erreichen.

„Durch Flugblätter, die Sie von der feindlichen Seite her in die Gräben bringen?“

„Vielleicht, und durch Schulung der Gefangenen in den Lagern, dort läßt sich die Avantgarde der Revolution ausbilden.“

„Dies ist Fünfkorns Plan,“ sagte Lauda, „Sie arbeiten mit den Amerikanern.“

„Ja, insofern ich sie benutze; nein, insofern mir ihr Sieg so verhaßt wäre wie der preußische. Ich stehe außerhalb Ihres Reinlichkeitskonflikts, mein Ziel ist: die allgemeine Revolution.“

„Mit einem Wort das russische Programm. Wo ist der Unterschied zwischen Sozialrevolutionären und Bolschewisten?“

„Er wird sichtbar werden oder verschwinden, ich weiß es nicht.“

Graumann räumte der Redaktion das Dachstockwerk seiner Villa ein; nach kurzem zog Lauda in sein Haus, Wendling siedelte nach Bern über; es war nötig, dort einen Vertreter zu haben.

Ich bin, dachte Lauda, den Dingen der Realität fremd geworden, es wird notwendig, alle Energie des Denkens auf sie zu richten; hier ist Rhodus der Tat, hier springe. Er stellte angesichts jedes einzelnen der vielen Menschen, mit denen er zu unterhandeln begann, dieselbe leise Befremdung fest, der ihn Schmitts und Fünfkorn ausgesetzt hatten: der Eifer, mit dem sie Politik trieben, erschien ihm eng, ihr Fanatismus banal. Demokratie, Wort, das sie wie eine goldne Münze liebkosten, trug ihm Altersspuren der Abgegriffenheit; Teilung, die sie zwischen dem deutschen Block und dem der Entente vollzogen, jener Hürde der schwarzen Schafe, dieser der weißen, begegnete in ihm einem warnenden Instinkt.

Was Lisbao derb mit dem Wort bezeichnete, Schweine sind sie auf beiden Seiten, und Mitrofan mit dem andren: sie sind beide Verbrecher, formte sich in ihm als Einsicht, daß die Staatsform, die sich ein Volk gab, nicht Schuld war, sondern Schuld wurde. Es konnte sich höchstens um Entwicklungsstufen handeln und nur die Feststellung erlaubt sein, daß das eine System besser geeignet sei, bestimmte Grundfordrungen des staatlichen Lebens, etwa gleiches Recht und gleiche Verantwortlichkeit des Einzelnen zu verwirklichen, als das andre.

Er ward sich klar, daß diese Betrachtung die der reinen Anschauung war, die nur feststellt, nicht wertet. Er ward sich danach auch klar, daß, wer nicht wertet, sich von der Sphäre der Tat ausschließt — unmoralischer Vorgang im Sinn eines unhygienischen, denn es verlangt die Energie, die die Erscheinungen schafft, Betätigung, Einsatz, Rotation, Umwandlung — alles Ersatzworte für den einen Grundbegriff: Gehorsam gegen das Gesetz, das Stillstand untersagt.

Der Begriff der Mutation war es, der ihm die moralische Wertung des Phänomens des deutschen Militarismus und die Anerkennung von Regulativen des Gesellschaftlichen erlaubte. Unterhaltungen mit Wendling brachten eine große Überraschung: es deckten sich die Ideen. Der Arzt hatte unternommen, den Begriff Krieg wissenschaftlich zu zergliedern, nicht a priori setzend, daß Krieg eine Degeneration der natürlichen Anlage, sondern durch Zivilisationen hindurch ihr adäquater Ausdruck sei; aber was ursprünglich natürlich war, wurde mit fortschreitender Vermenschlichung und wachsender Suveränität Atavismus.

Genau das war im Begriff Mutation enthalten: neue Ideen bedingten eine neue Achse des gesellschaftlichen Zusammenlebens; neben den Begriff Einer und Ego, trat der des Bruders — unethisch, rein rationell ausgedrückt, der der Organisation. Der Natur gehorsames Tier bedurfte keiner Regulative; der Natur sich entwöhnender Mensch bedurfte ihrer; Ethik war nur der Imperativ, der von einem Präsens in ein Futurum führte.

Die Form, die sich der deutsche Organismus gegeben hatte, war wohl Schicksal, unentrinnbar kausal verkettet; aber die deutsche Schuld begann da, wo Widerstand geleistet wurde gegen eine deutliche Mutation der ganzen Menschheit, die daran arbeitete, Macht durch Reglung zu ersetzen. In einem Augenblick, wo sich aus dem Denken des Erdballs der Gedanke des höheren Regulativs bereits hervorrang, hatte Preußen noch einmal alle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht zu schaffen, jede Äußrung geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft zum Trabantendienst zu zwingen — Schuld hieß hier: eine alte Methode als größte Tatsache Europas aufzurichten.

Selbst der Vergleich mit England war nicht richtig. England war wohl durch dieselbe Methode groß geworden, aber in der Blütezeit dieser Methode, und von England war zu sagen, daß es Bereitwilligkeit zeigte, den neuen Fordrungen sich anzupassen, es war der Mutation gehorsam. Schuld Deutschlands war, daß es sein Schicksal ohnmächtigen und durch ihr Machtgefühl verdorbnen Menschen überließ, die Parolen ausgaben, wo sie Rechenschaft hätten ablegen müssen, ihren Dienern Befehle erteilten, wo sie Männer hätten zu Rat ziehn müssen — Deutschlands Schuld war der unbeschränkte Freibrief, den es seinen Regierenden gab.

Wenn Demokratie einen Sinn hatte, dann den, daß der christliche Gedanke, wir seien alle Menschen hilflosen Hirns und darum gleichberechtigt und gegenseitig zur Hilfe verpflichtet, in ihr eine grundsätzlich politische Form gefunden hatte. Möglichkeit der Mitbestimmung und der Kontrolle; wurde Schicksal gemacht, so trugen es alle. Man konnte zugeben, daß in den westlichen Demokratien dieses Kontrollrecht noch nicht rein ausgebildet war, durch Demogogie befleckt wurde: worauf es ankam, war, daß dort gleichwohl dieses Recht aufgerichtet stand, sein Sieg nicht bezweifelt werden konnte, die Idee gefunden war.

Überall in den Demokratien wurden die Ideenträger als Hüter, Bahnbrecher, geistige Elite angesehn, Pazifist war nicht verächtlich, heißblütiger Wächter über garantierten Rechten galt als Mann von Adel und Herz — in Deutschland wetteiferten die Intellektuellen, eine irrationale Philosophie zu treiben, die dem Herrn sein Herrenrecht bewies, oder standen lustlos zur Seite — Mangel an Noblesse, die wacht, eintritt, kämpft.

Daraus ergab sich ihm die Aufgabe, der vielfache Gegner: die Feigheit der deutschen Geistigen, die triumphierende Selbstunterordnung der deutschen Menschen unter die Herren, die Anbetung eines nicht mehr lebensfähigen Prinzips. Und es ergab sich die Möglichkeit, diesen Dreifrontenkrieg, obwohl er nur mit dem Wort, dem Abgegriffnen, Verhurten, operierte, reinlich, straff zu führen, ohne die Geschwätzigkeit derer, denen die Welträtsel gelöst waren, weil sie den Freisinn hatten.

Die Aufgabe gestellt, brach er die Brücke zur Sphäre des Absoluten entschlossen ab, stand in der der Tat, der wertenden, streitbaren; Energie des Totalen durfte nur Florett sein, den Stoß zu führen. Kein Zweifel, nur Glaube, keine Zersetzung, nur Konzentration. Er fühlte die Grausamkeit der Tat in sich strömen, Sphäre des Geschehens war die des Hasses, der täglich wachsenden Feinde, des Hohns, der unterdrückten Liebe, der sich suchenden Männer. Traf er Elena, die sich La Putana nennen ließ, sah er im Schwung ihres Munds denselben Trieb, sich vom Blut der andren zu nähren, denselben Triumph, zu sein und Schicksal für Menschen zu werden; und sich mit ihr verstehn, war wie Kommunion des Irdischen; Sinnlichkeit des einem Zweck dienstbar gewordnen Geists und die des Fleisches, das Macht suchte, waren eins.

Sie verschwand auf Tage, Wochen, das Goldnetz aus ihren Opfern zu spinnen, aber wenn sie zurückkehrte, suchte sie ihn auf, bei dem sie unausgesprochne Bestätigung der Idee ihrer Erdentage fand. Was er schrieb, verstand sie nicht, aber die Gemeinsamkeit aller Dinge, die aus dem Willen kommen, gab ihr: das Brudergefühl.

Fräulein Betz hatte ihn mit Elena gesehn; sie riet, vorsichtig zu sein.

„Warum?“ fragte er, „weil der Agent des Konsulats, den ich nun wie einen plumpen Schatten hinter mir beobachtete, mir zu einem Aktenvermerk verhilft, in dem neben ‚Landesverräter‘ steht ‚Verkehrt mit einer Dirne‘? Wie hilflos man gegen solche abstrakten Charakteristiken ist (und fügte in Gedanken hinzu: sie fallen ins Gebiet der Bewertungen, Beweis wie brutal dumm diese sein können, wie infiziert vom Unrecht des Urteilens).“

„Nicht darum allein handelt es sich,“ antwortete Fräulein Betz, „Sie sind der Bewegung, die Sie vertreten, Rücksicht schuldig, und Sie dürfen den schweizerischen Detektiven, die mit den deutschen Agenten in Verbindung stehn, nicht Gelegenheit geben, ihrerseits einen Aktenvermerk zu machen. Sie sind doppelt rechtlos, man wird Sie hetzen; sobald Ihre Regierung Vorstellungen über Ihre Tätigkeit erhebt, werden Sie der politischen Polizei lästig. Sie müssen auf Leumund bedacht sein, dürfen nur als politischer Idealist, demokratischer Vorkämpfer gelten. Es ist wahrscheinlich, daß unter der Klientele des Mädchens auch Parteigänger oder Spione der Entente sind: eine Denunziation des deutschen Überwachungsdiensts, und Sie geraten in den Verdacht, Mittelsmann zu sein.“

„Das sind Winke,“ sagte er, „an die ich nicht gedacht hatte; aber sie gehören zu denen, die man nur zu erhalten braucht, um ihre Realität einzusehn — alles Gemeine, Egoistische, Lieblose, das man von der Realität erfährt, leuchtet ein; es ist, als wachse man sofort als vollgültiges Mitglied in sie hinein und trage das Wissen um sie als eingebornen Besitz in sich.“

Danach besprachen sie die Aufgabe, die Madeleine Betz bei dem Blatt zufiel. Sie war Frau, ihr Wirkungskreis war die Frau. Es kam weniger darauf an, für ihre staatsbürgerlichen Rechte und Politisierung einzutreten, als ihre natürlichen Instinkte, die gegen Krieg und Gewalt standen, zu wecken, es galt, ihr die Augen zu öffnen, wie erbärmlich es war, daß sie dem Mann nachsprach, was er zur Rechtfertigung des harten Geschehens vorbrachte, und in Lazaretten seine Wunden heilte, damit er wieder an die Front ging.

„Ich lese,“ sagte Fräulein Betz, „die Schriften jenes einzigen Indiers, der uns bekannt ist, Tagore. Es ergreift mich, wie ein Asiate, der der Verwalter des Geists Buddhas ist, Europa vom Osten her sieht. Was wir wohl sagen, aber nicht Erschüttrung werden lassen, daß der Europäer der Materialität verfallen ist und wie ein mißbrauchter Sohn des Bösen die Eingeweide der Mutter in Eisen und Chemie verwandelt — er fühlt es unmittelbar, schmerzhaft; er sieht es legendenhaft wie einen Aufmarsch von Urprinzipien; Europa muß ihm der Fluch heißen. Was kann, für ihn, grauenhafter sein, als daß unsre Frauen Granaten drehn, Hochöfen speisen, Bahnen baun? Der Orient, der die Frau in ihrer Passivität niederhält, muß ihm doch als Hüter der Weisheit und der mütterlichen Kräfte erscheinen, die weibliche Passivität als der große ewige retardierende Faktor, Gegenstück des von seiner Aktivität verzehrten männlichen.“

Am Abend dieses Tags durchblätterte Lauda, während Elena auf seinem Divan lag, Zeitschriften. Blickte er auf, sah er die hohe Kurve ihrer Hüfte, und an Madeleines Worte sich erinnernd, dachte er: Verkleide sie dort auf dem Diwan in die orientalische Tänzerin, nicht mit Stoffen behängt, mit Rubinen, Smaragden, Steinen, spitz wie ihre Brüste, und sie ist ein Tempelmädchen, mühlos zur noch symbolischeren Astarte erhöhbar — auch das ist indisch, fern dem mütterlichen oder auch nur lotussanften Mädchenhaften.

Nicht Indisch und Europäisch sind Gegensätze, sondern Zart und Hart, Mild und Grausam; nur die Dichtigkeitsunterschiede sind Prinzipien. Gretchen und Astarte, Lotusmädchen und Messalina sind erst dann auf den gemeinsamen Nenner Frau, Attila und Christus auf den des Manns zu bringen, wenn man statt in den Frauen Passivität, in den Männern Aktivität zu sehn, in ihnen allen den Kampf zwischen Passivität und Aktivität erkannt hat; erst das Vorwiegen, der Sieg, der vielleicht auf einem winzigen Mehr beruht, bestimmt den Gesamtcharakter. Die Aktivität Messalinas ist zunächst primärer als die Christi, unendlich stärker als sie; das ganze Temperament des in die Existenz schießenden Willens ist darin, die Urenergie vor aller Geschlechtsdifferenzierung ist darin.

Was macht den Unaktivren gleichwohl zum Überlegneren, was befähigt ihn zur Handlung, wenn man die Ersinnung einer Religion Handeln nennt? Etwas Sekundäres: das Vermögen, Vitalität in Geistigkeit zu verwandeln, die Einschaltung eines Widerstands, an dem die Sinnlichkeit sich bricht und als Gedanke ausstrahlt. Primäre Sinnlichkeit braucht sich auf, bleibt Phänomen, findet keine Projektion; verwandelte wird Wirkung über das Individuum hinaus.

Aber nun erhob sich die Komplikation, die Madeleine schon einmal ausgesprochen hatte: die Widerstandsfähigkeit, diese Voraussetzung des Denkens, wurde von den Müttern vermittelt, war Gabe der Frau an die von ihr Gebornen, das Männlichste wuchs aus dem Weiblichsten. Trägheit — Passivität — Widerstandskraft, in dieser Atomkette lag das Geheimnis. Praktisch gesprochen: wie in der Sphäre der Existenz alle Erklärung dualistisch operierte, waren Gretchen und Lotusmädchen das eigentliche Weib, und Madeleine durfte sagen, daß die Frau, die hütete und hegte, wenn sie sich nicht astartehaft selbst verbrannte, der ewige große und retardierende Faktor war, der die Instinkte der Liebe und Güte ausbildete. Liebe, diese Liebe, was war sie, wenn man sie nicht als ein moralisches Faktum ohne präzise Definition hinnahm, sondern auf das letzte Prinzip der Energie zurückführen wollte, andres als ein Hemmungsphänomen, das der rein vitalen Wut des Sinnlichen und noch nicht Gestalteten die Idee des Gestalteten, das Recht des Einzelnen und Vereinzelten auf Selbständigkeit entgegensetzte?

Hier ward faßbar: die Geburt eines Gedankens aus dem Sinnlichen, einer Idee aus dem Gefühl der Totalität, eines Verständlichen aus dem Vitalen, eines Herzlichen aus dem Energetischen, eines Moralischen aus dem Egoistischen: es mußte erlaubt sein, Phantasie und Verstand gleichzustellen, weil die Gleichstellung auf ein Drittes, Übergeordnetes zielte.

Er schaute, während er dachte, Elena in die Augen, unbewegt; sie beobachteten sich wie Tiere, deren Blick durch die Dinge geht, weil die Dinge nicht Widerstand für sie werden. Was war Denken, von der Physis und in ihr gesehn? Ein Dunst aufsteigend aus der innren Landschaft, wie Regen aus der der Täler und Berge aufsteigt, ein Niederschlag des Bluts, des Fleischs, des ganzen Organismus, der sie rotierend ausschied, wie kreisende Erde die Atmosphäre; ein Duft gleich dem der Pflanze war Denken, so sehr, daß von der unsterblichen Seele nicht mehr zu sagen war als von der der Pflanze.

„Sie träumen,“ sagte Elena und lenkte ihn ab. In der Zeitschrift blätternd sah er ein Bild der Duse; sie stand in einer Szene der „Toten Stadt“ am Turm, ihre Schlankheit in schwarzen Kleidern parallel zu der des höheren, aber der Kopf war zurückgelegt und sie schaute hinaus. In diesem Blick alle Zartheit, die gebrochen worden war und doch sich behauptet hatte, alle Tragik, die erlebt hat und doch demütig stolz ist, ewige Bereitschaft, weiter zu dulden und stolz zu sein, die vollkommenste Frau, Barbaren zur Huldigung zwingend, Siegerin über den, dessen eitler Kopf neben ihr abgebildet war und der sie in die Bücher gebracht hatte. An ihr ward klar der tiefe schöne Inhalt, mit dem sich das Wort Passivität der Frau erfüllen konnte; diese Frau am Turm war Hüterin des Retardierenden, der Liebe, Gestaltung des Gedankens des Indiers, große Europäerin.

Am vierten Jahrestag des Kriegsbeginns ging Lauda durch die Bahnhofsstraße, um fünf Uhr sollten die Straßenverkäufer die erste Nummer der Wochenzeitung ausbieten. Er sah ein Gedränge, hörte Schreie; ein Polizist warf einen knabenhaften Mensch in eine Kutsche, drückte neben ihm sitzend seine Hände nieder, den Vergewaltigten schüttelte ein Lachkrampf, es war Puck. Lauda dem Wagen nachgehend ward von Lisbao angehalten. Lisbao sagte:

„Wir saßen, Miß Lilian, er und ich, beim Tee im Hotel; er war wie sonst, beobachtete die Menschen, kleidete die Reizung in die ihm eigentümlichen preziösgewundnen Worte, so daß man empfand, die Menschen ziehn an ihm wie Marionetten vorüber, jeder am Draht seiner Eitelkeit, Lüsternheit und gespreizten Wichtigkeit. Langsam begann er anzüglicher zu reden; wenn Frauen vorübergingen, zeichnete er die Kurve ihrer Sinnlichkeit auf dem Tischchen nach, ekelte sich, hob die Hand gegen Lilian und sagte: ‚Blancheflor, ich habe einen Augenblick des Muts, den ich zu Haus nicht finde, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst. Wenn wir uns ansehn, finden wir uns beide bleich, uns ist Frau Minne Flagellantin. Ich sehe eine Wand, den Totentanz darauf und ich und Sie darin Figuren. Mir graut —‘ und bei diesem Wort machte er einen Satz gegen die Fensterscheibe, als wolle er durch sie springen. Sie war hochgezogen, er stürzte draußen auf die Kniee, Auflauf, Abtransport ins Irrenhaus.“

Sie gingen ins Polizeigebäude, es war unmöglich, zu Puck zu gelangen. Er hatte, als er Uniform und Gitterfenster sah, sich widersetzt, den Agent in die Hand gebissen, sich selbst zu einer Beobachtungszeit beim Psychiater verurteilend. Lauda ging mit Lisbao in die Stadt zurück. Als er an einem Stand seine Zeitung kaufte, hielt ihn Lisbao fest und zeigte auf ein Heft:

„Wir hängen nebeneinander, Herr Lauda,“ sagte er spöttisch, „wir sind am gleichen Tag herausgekommen, Ihr ernstes Blatt und unser unernstes. Vielleicht ist Puck über der Redaktion verrückt geworden, es wäre die schönste Reklame, vielleicht ist er nur überarbeitet, wir haben alles selbst in einer Winkeldruckerei gesetzt.“

Sie gingen in ein Café, die Blätter zu lesen. Das Pucks enthielt Manifeste Siriwans und Pucks, Verse Lisbaos und Hans’. Wenn nun Puck es bei sich trägt, dachte Lauda, wird es sein, als finde man bei einem des Mords Verdächtigen Besitztum des Getöteten.

„Was erwarten Sie von diesem Blatt?“ fragte er.

„Nichts. Sie wollten einmal wissen, warum ich noch Verse mache, wenn ich das Wort Kunst hörend nur eine Grimasse ziehn kann. Sie haben recht, Kunst ist nicht einmal das, was ich antwortete, Zeitvertreib. Als wir das Blatt vorbereiteten und zwischen Schreibmaschine und Setzkasten tätig waren, erfaßte mich der Rausch der Geschäftigkeit, nun ekelt mich davor. Was erwarten Sie von Ihrem Blatt?“

„Die Durchführung einer Idee, zu der ich mich entschlossen habe. Sie sichtbar machen, alle Energie an sie wenden, alle Konsequenzen tragen, ist auch Zeitvertreib, Ausfüllung des großen Nichts, in das wir stürzen, wenn wir vom Absoluten her das Leben betrachten. Der Unterschied zwischen uns ist, daß ich mir zum Aufbau meiner Geometrie, dieser Illusion mit saubren, klaren Gesetzen, eine Idee wähle, die mich von mir, einem Anlaß zur Selbstvergiftung, fernhält und Mitmenschen erlaubt, ihre Energie ihrerseits mit meiner zu vereinigen. Verziehn Sie nicht das Gesicht, Mitmensch ist Tatsache neben mir und Energiebetätigung ist so sehr Gesetz, daß sie unterbinden heißt, an Stauung sterben. Der tiefste Gedanke, auf den praktisches Denken stoßen kann, ist hygienischer Art: gehorsam sein der Kraft, die uns erzeugte. Sie ist blind, sie ist aber auch Mutter — sehn Sie, wie das rein Phänomenologische ins Gefühlsmäßige übergeht? Was ist diese Liebe? Gehorsam, Aufgeben des Widerstands gegen die Tatsache der Existenz. Sie hassen Moralität? Warum? Vorausgesetzt, daß man sich nicht auslöscht, hat man die vernünftige Pflicht, sich mit der Existenz abzufinden, und sich abfinden hat zur Folge, daß man nicht grämlich Ja sagt, sondern energisch, klar; nicht leidet, sondern seine Aufgabe erledigt. Es bleibt Ihnen erlaubt, Kunst eine fixe Idee zu nennen, aber eine fixe Idee, an die man seine Energie setzt, wird Inhalt.“

„Geben Sie acht,“ sagte Lisbao, „daß Sie nicht Wanderprediger des Optimismus und des Maximums an Glück werden.“

„Angst vor Banalität? Haben Sie noch nicht erlebt, daß Gedanken, die Ihnen seit Wochen unerhört erschienen, mit einem Durchbruch in längst gesagte Banalität endeten, wie man, sich verirrend, nach Visionen mittelalterlicher Verzauberter, auf der wohlbekannten Ebne vor der Stadt herauskommt? Wissen Sie, wo wir alle enden, wenn wir Himmel und Hölle durchschritten haben? Bei dem Gedanken, daß es gut ist, die Heranwachsenden zu erziehn und den Erwachsnen durch Kunst, Wissenschaft, andres ein wenig Glück zu geben, auch dabei, das Haus des Menschen, die Gesellschaft, vernünftig zu baun.

Das ist die praktische Form von Souveränität, alle andren, die sprengenden und grundsätzlich revoltierenden, werden auf die Dauer Leidensformen. Was ist Puck? Ein Psychopath, einer, dessen Nerven schwächer sind als die Säule der Existenz, die auf ihnen lastet. Jeder ist Psychopath, der schwächer als die Ideen ist, die in ihm nisten.“

„Heute morgen,“ antwortete Lisbao, „dachte ich allerdings wie Sie. Siriwan und ich wohnen im selben Hotel. Um sechs verlangte ihn ein Paar zu sprechen, eine erschöpfte Frau, ein mitgenommner Mann, zwei österreichische Revolutionäre, die ersten, die dem russischen Vorbild nacheiferten und zum Streik gegen den Krieg aufforderten. Der Mann der Frau wurde verhaftet, sie flüchtete mit dem Genossen über Hochgebirge und Schnee, zu Fuß von Innsbruck bis Zürich. Siriwan sollte sie unauffällig mit Nüßli in Verbindung setzen, sie bringen Botschaft von den Russen. Sah man sie, Fanatismus war größer als Erschöpfung, dachte man: sie sind arme Tiere, von einer Idee gehetzt, die ihnen alles gibt, was Menschen zu innrer Nahrung zu brauchen scheinen, Gefühl der Wichtigkeit, des Mehr als-andre-Seins, des Geheimnisses, des Schmerzes, der ein süßer Druck ist, des Hasses, der den Druck verstärkt, der Beredsamkeit, in der die Spannung entströmt, und der Tat, die sie, wie eine vergiftete Katze die Droge, in sich tragen.“

„Ganz recht,“ antwortete Lauda, „so gesehn ist das Bild real und objektiv.“

„Also mein Ekel berechtigt.“

„Doch nicht. Denken Sie scharf. Der Ekel ist etwas, was Sie hineintragen. Sie finden ihn nicht im Bild, dem betrachteten Material. Er ist subjektiv, durchaus Auslegung. Sie müssen sich, wie ein neuer Kant, fragen: welches sind seine Grundlagen, realen Bedingungen? Und hier ergibt sich, daß wir mit der gleichen Legitimität zwei Auffassungen haben können, eine so begründbar wie die andre, Nein und Ja, deren jede aber die Pflicht enthält, die Konsequenz zu ziehn. Sehn Sie in allem Treiben nur das Sinnlose, das Leid, das Abrollen einer Vitalität, die um ihrer selbst, nicht um unsrerwillen da ist, dann vollziehn Sie, als Imperativ gesagt, den Akt der Souveränität und der Ablehnung, den Selbstmord. Erklären Sie sich einverstanden mit dem unverlangten Geschenk der Existenz, dann erklären Sie die Autonomie des von der Urenergie ausgesetzten Geschöpfs und verhelfen Sie ihm zu einer saubren Ordnung, dem wohnlichen Haus, proklamieren Sie das Glück an Stelle des Leids; und Glück heißt Beherrschung der Kräfte, Überlegenheit den Geschehnissen der Existenz gegenüber. Glück ist Waffenstillstand, den innren Vorbehalt des Wissens berührt es nicht. Das ist die Souveränität des Ja, wie der Selbstmord die des Nein ist. Was Sie, Puck, Siriwan tun, ist Halbheit, ihr schleppt die Existenz weiter und hebt euch nicht aus dem Leid.“

„Sie raten mir also kurz und klar, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen?“

„Nur konsequent zu sein. Löschen Sie sich aus, so halte ich Ihnen eine unbefangne Nachrede; Feststellung darin, daß Sie nicht gesund genug waren, wird Ihnen gleichgültig sein. Denn von Gesundheit darf man reden, weil jedes Geschöpf die vorwärtsdrängende Sinnlichkeit mitbekommt, und wenn Sie wollen, ist diese Mitgift das einzige Prä, das das Ja vor dem Nein hat.“

„Wie banal.“

„Durchaus, wenn auch Gesundsein nicht besagt, daß man nichts von dem Ekel verspüre, den die Feststellung der überall existierenden Sinnlichkeit auslöst. Mich verläßt das Wissen um sie keinen Augenblick, ich sehe sie im Glanz der Augen, der Kurve der Wangen, höre sie im Mezzosopran der Sängerin, notiere sie halb zynisch, halb gelassen, und wenn ich wie ein Tier über der Frau bin, denke ich, wir ordnen das alles in unser Dasein ein, wissen darum, verhöhnen damit den Gott, dem wir für das Leben danken sollen — es sei. Was Ihnen und Ihresgleichen fehlt, ist das Mitleid, das annähernd Aufhebung des Leids ist. Auch ich bin nicht gütig, aus mir wird nie das Bekenntnis der großen Liebe brechen, mit dem man am bequemsten zu einer repräsentativen Stellung gelangt; aber ich mische in mein Denken genau die Dosis Mitleid, die real und objektiv ist: Mitleid gründet sich auf die Tatsache, daß Einzelgeschöpfe neben mir sind und, noch metaphysischer, daß das Individuum, an sich nur Vorwand der Energie, sein eignes Dasein auszubauen unternimmt, sich der Totalität entzieht; mein Mitleid ist Gerechtigkeit.“

Die Saaltöchter begannen die Tische zu decken, nach französischer Manier wandelte sich die Galerie des Cafés zum Speisesaal. Hans und Siriwan tauchten auf, erklärten, fünfzig Franken zusammengelegt zu haben, um sich den Abend der Illusion zu schenken, Kommunion mit der Grundtatsache essender Körperlichkeit und ihrer nach dem Geistigeren ausgreifenden Derivate, als da waren Flirt, Musik, Gespräch, Blick auf Kristall und in Taft entblößte Schlankheit von Armen.

Hans, sparsam lebend, feierte solchen Abend selten, Siriwan, als kenne er keine andre Art, zu Tisch zu gehn; Hans empfing von jedem, der um ihn saß und kam, die Schwingung, Siriwan sah nichts, sagte alles zu wissen.

„Was denken sie,“ fragte Hans, „die geldmachenden Männer mit den blaurasierten Wangen und die Weiber, die sie vom Goldschmied hierher führen? Vielleicht, daß es so in der Ordnung sei; aber vollzieht sich nicht in jedem von ihnen, hinter seinem Bewußtsein, fortwährend eine Art religiöser und philosophischer Auseinandersetzung? Kreisen sie nicht ununterbrochen um den Grundgedanken von Ja- und Neinsagen? Es schlechtes Gewissen zu nennen, wäre zu viel, aber sie alle operieren mit dem Gegensatz, dem Reiz, daß draußen andre hungern, schlecht verdienen, nutzlosen und verachteten Ideen des Altruismus nachhängen.

Als ich das letztemal hier war, wurden plötzlich die eisernen Läden herabgelassen, weil Streikende demonstrierten, Steine gegen die Scheiben warfen. Eine Sekunde erblaßten sie, dann wandten sie sich um so breiter dem Genuß zu, und in dieser Nacht umarmten sie ihre Weiber gesteigert in Befriedigung, die zugleich Bewußtsein war, das richtige Weltbild zu haben, mit der Sinnlichkeit identisch zu sein — ja ein Gehorsamkeitsgefühl ist in ihnen, das ‚Lebt! — So wollen wir leben.‘ Und dafür gestehe ich ihnen zu: das Brudergefühl. Seht, wie sie stopfen und schütten, wie die Brillanten sprühn.

Suche ich zu überlegen, was die in diesem Raum Versammelten an diesem einen Tag an List, Niedrigkeit, Raub, Lüge begangen haben, die Frauen an Verkauf ihrer selbst, Betrug, Habgier, die Musiker und Angestellten an Eifersucht, Neid, dann ist es, als sei die Existenz, durch die ich gehn muß, die brennende Stadt der Apokalypse, die über mir zusammenschlägt. Ich erkläre so den Traum von der brennenden Stadt, der oft in meinen Nächten wiederkehrt. Ich glaube, daß wir uns in jeder einzelnen Sekunde mit dem Leben auseinandersetzen, eingehüllt in einen Dunst, der aus uns steigt, oder in erregteren Momenten ein Gleichnis für es suchend.“

„Sie haben recht,“ antwortete Lauda, von Freundschaftlichem zu ihm bewegt, „es kann nicht anders sein, als daß der Kosmos, der keine Sekunde ohne Rotation und ohne Wärme ist, jederzeit auch eine Bewußtseinssphäre um sich legt, aus der alles steigt, was wir Traum, Denken, Fühlen nennen. Der Schmarotzer dort mit den kauenden Backen fühlt sich selbst, seine Stellung im All, die Nähe der andren, den Gegensatz zu ihnen, der nur ein andres Wort für Einheit mit ihnen ist. Wir atmen Denken, und man könnte sich vorstellen, daß wir alle jederzeit gegen einen Mittelpunkt der vollkommnen Bewußtwerdung vorrücken, wie die Himmelskörper nach einem Zentrum der Rotation.“

„Ist es erreicht —“

„Werden die einen sehn die vollkommne Harmonie, Summe der Verkettungen, Sphärenklang, die andren die grauenhafte Entsieglung des sinnlosen Geheimnisses, Rasen, Wüten, Ablauf, Sturz in die Zeit, Asche der sich selbst verbrennenden Energie. Ob Anfang, Mitte, Ende der Zeit, es ist jeden Augenblick gleich erlaubt, Ja und Nein zu sagen, Widerstand zu leisten und ihn aufzugeben, Welt zu regulieren und von der Illusion der Regulative zurückzutreten. Höre ich in mich hinein, vernehme ich das Geschrei des jüngsten Tags so gut wie den geordneten Gesang der Chöre, die Zeiten und Räume zusammenfassen.“

„Ich habe über Ihre Theorie des Widerstands nachgedacht,“ sagte Siriwan. „Widerstand ist das Prinzip, aus dem Sie die Geburt der Existenzen erklären, weiterhin im Mensch die Entstehung von Idee und Gefühl; und es ist gewiß überraschend, wenn Sie Liebe ein Phänomen des Widerstands nennen. Die Gesamtheit der Widerstände ergibt den Zustand der Souveränität, der Leid nicht leugnet, aber bändigt. Also ist derjenige, der leidet, widerstandslos. Wie aber kann er leiden, wenn nicht deshalb, weil er Widerstand leistet? Und der Souveräne, der sich mit der Tatsache der Existenzen abfindet, gibt er Widerstand nicht auf?“

„Beweis, daß jeder Entschluß, genauer die Verwirklichung einer Idee, uns auf die andre Seite setzt — wir finden uns staunend auf dem jenseitigen Ufer. Tat ist ein Prisma, das die Strahlen der Ideen im rechten Winkel zum Einfall bricht. Tat ist Aufhebung der Idee, obwohl von ihr erzeugt. Im übrigen unterscheiden Sie nicht scharf genug zwischen Leiden und Erleiden. Wenn man eine Idee Dämon in sich werden läßt, der von Konsequenz zu Konsequenz treibt, erleidet man, und dieses Wort ist nur eine vom Beobachter ausgesprochne Wertung; macht man den Versuch, Widerstand zu leisten, so leidet man, und das ist bereits ein subjektives Gefühl oder ein objektiver Zustand. Man leidet, weil man nicht radikal Widerstand leistet; radikaler Widerstand heißt Souveränität; sie besteht darin, den Widerstand mühelos sowohl ein- als ausschalten zu können. Deutsche Bücher sind schwächlich, weil sie, wie ein französischer Dramatiker auf die große Szene, auf den Augenblick zueilen, wo der Held endlich seine endgültige Weltanschauung erreicht haben wird, meist die der Harmonie, unter Leugnung und Vergessen der vorher erlebten Verneinungen. Es sind Bücher ohne Aufhebung.“

„Das Kaffeehaus wird zum Anschauungsunterricht,“ sagte Siriwan und wies auf die Nische, „der perfekte Harmonist sitzt neben uns, Nachtwächter der Ethik an einem Tagblatt, Umwechsler des geistigen Pfunds in Leserkurant, Abteilungschef für Literatur im Warenhaus zur öffentlichen Meinung, kurz ein Feuilletonredakteur, von allen Soldstellen des Kapitalismus die anrüchigste, weil ihm freie Meinung gelassen wird, vorausgesetzt daß Abonnent sich nicht beklagt. Schrieb er nicht heute im Abendblatt vom Glück bei Gelegenheit irgendeines Franzosen, der die Freuden der Familie empfiehlt, weil sie die vollkommenste Kombination von Sorge für sich und Sorge für andre ist? Da haben Sie einen Deuter Ihres Glücksbegriffs.“

„Einen bürgerlichen,“ antwortete Lauda. „Ich verstehe unter Glück die Energie, nicht im Zustand des Erleidens zu beharren, stärker zu sein als Vorgänge in uns. Das ist eine dynamische Angelegenheit, was hat sie mit dem Glauben an die moralische Weltordnung zu tun? Nichts, es sei denn, daß sie versteht, wie Menschen dazu kommen, einen Gott zu erfinden.“

„Verstehn ist Abschwächung des Urteilens. Sie billigen mein Urteil über den Redakteur nicht?“

„Ich müßte erst die Not kennen, die Sie dazu führt, einen Mensch radikal zu verwerfen, radikal böswilligen Dummkopf zu nennen. Ich kenne von Ihnen nur Urteile, die absolut verwerfen — ich müßte fühlen, durch welche innre Katastrophe oder Neulagrung Sie in den Gegensatz zur Welt geraten sind; ich müßte Atmosphäre um Sie spüren. Sie werden antworten, daß Ihnen alles Tun, Wollen, Sichregen der Menschen eine Verirrung ist, daß sie sich spreizen und blähn. Aber dann wäre die Konsequenz unerläßlich: daß Sie unter diesem Zustand des Menschen leiden, sich nicht ausschließen. Das Recht auf Urteil wird durch Miterleiden erkauft, durch Aktivität. Urteil und nur Urteil ist rein passiv. Urteil, das nicht aus der Wärme des eignen rotierenden Organismus kommt, ist kalt, Urteil, das diese Wärme in sich trägt, ist entweder Haß oder Liebe oder, wenn es das Hoffnungslose feststellt, Trauer. Ich kann nur sinnliche Urteile gelten lassen, alle andren gehn der wichtigsten Frage: Und du selbst? aus dem Weg.“

Am nächsten Morgen gelang es Lauda, Puck zu sprechen; er wurde gebeten, sich danach bei der Assistentin des Psychiaters, selbst Ärztin, zu melden. Puck, lustiger Gnom, saß auf einem Stein und suchte einem frei umhergehenden Melancholiker zu erklären, daß inzwischen draußen der Weltkrieg ausgebrochen war.

„Was ich auch an Zahlen ersinne,“ sagte er, „um auf die Depression dieses Alten die letzte Last zu legen, es bleibt Wirklichkeit; der zwanzig Millionen Streiter müde, suchte ich ihn zu überzeugen, daß die sämtlichen Kriegsschulden abgetragen werden können, wenn die Steuer auf Liebesfreuden eingeführt wird: fünf Pfennig, Rappen, Heller pro Umarmung, der Kavalier zahlt willig, Damen bleiben steuerfrei. Ich war gerade dabei, auszurechnen, wieviel eine Stadt wie Zürich in einem Tag einbrächte, was meinen Sie? Auch die Vermutung über die einträglichsten Stunden ist ergötzlich.

Der Sprung durch die Fensterscheibe? Mein Lieber, ich sah ja, daß sie hochgezogen war. Allerdings, die Stimmung war ernst, ich kann nicht mehr Lilian zu Willen sein. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen. Es war einmal ein armer Junge, der gern mit seinem Wissen prahlte, aber von freiwilliger, geheimer Zärtlichkeit der Frauen wenig wußte. Niemand starrte ungläubiger als er, als Blancheflor an einem Sommerabend die Gewänder löste und ihn an sich zog. Es werden wohl auf den weißen Altar, der aus dem dämmernden Zimmer leuchtete, Tränen getropft sein. Er glaubte, nun sei die Hemmung, die vor die Entrückung gelegt ist und die er so gefürchtet hatte, ausgelöst, warum hätte sie sonst sich ihm angeboten? Da erwies es sich, daß er die größte und unerwartete noch zu besiegen hatte. Keine Liebkosung, kein Gespräch über das, was ihn Liebe suchen ließ, kein Lachen und keine Güte konnte ihr die Erregung des Eros geben; statt geborgen zu sein, stieß er auf eine Aufgabe, die ihn abscheulich dünkte — durch Brutalität, Bisse, Schmerzzufügen ihr zur Lustvorstellung des männlichen Tiers zu verhelfen. Sie lag, die Härte erwartend, den Rücken zugekehrt, was er zuerst für eine Geste der Laszivität hielt, und gebot ihm ungeduldig, weh zu tun.

Er ward ganz schlaff, das Gefühl, um das Schönste betrogen zu sein, formte sich in harten Worten; die trank sie gierig, lächelte verzückt und — war willig. Seither wurde er gehorsamer Schüler, lernte gewünschte Energie, staunte über die Phantasie der doch Unberührten, die sich schuf, was sie brauchte, verließ sie jedesmal um einen Grad elender. Ich kann nicht mehr, dem Frau das Heimlichste, Zärtlichste ist, Wärme ihres Körpers Güte des Bergens. Arme Kleine, warum verfiel sie auf mich, da ihr Lustmörder und Fleischergeselle das süße Grauen geben? Was tun? Es blieb nichts, als durch das Fenster zu springen. Immerhin ist zu sagen: in diesem Augenblick war ich so durchaus Schauspieler, daß Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verschmolz; in fünf Minuten steigre ich mich in jeden Wahnsinn, begehe jede Tat, finde für jede Verwandlung die sie erschaffenden Worte. Was ist Phantastik? Die Fähigkeit, die Assoziationsbrücken von irgendeiner Vorstellung zu der entferntesten und nicht verwandten herzustellen, also nachzuweisen, daß doch Verwandtschaft ist. Ich bin der blaue Funke des Hirns, der die Bahnen überspringt.“

„Haben Sie dem Arzt das alles erzählt?“

„Die Ärztin hielt mich ab, sie ist scharfsichtiger als er, ich mache ihr nicht das Vergnügen, mich zu durchschaun.“

„Und doch entgehn Sie nur so der Drohung, Sie acht Tage lang zu beobachten.“

„Was machen sie mir aus, sie sind mir willkommen. Wolke voll erregenden Leids hat sich auf mich gesenkt, ich will durchaus in ihr weilen, bis sie sich wieder hebt. Darüber schwebt, auf der Sichel, Maria, zaghaft leise begehrt, weil sie Königin und Mutter ist, gelästert, weil sie Frau ist. Lassen Sie mich, es formen sich Verse, Gedicht einfach im Schmerz des Geschundnen.“

Lauda suchte den Arzt auf, wurde ins Zimmer der Assistentin geführt. Es standen alte kräftige Möbel mit Grün bezogen, lag Teppich, Raum war Mischung aus Sachlichkeit und Frauenhand. Die Frau trat ein, Blick auf sie ward Huldigung vor Persönlichkeit — schöne Frau, ganze Frau. Flut von Adjektiven drang auf ihn ein: groß, fest, üppig, gesund, dunkel an Kraft, hell an Wirkung; zugreifend, braunäugig, warm; bisweilen derb, im ganzen königlich. Wie sie komponiert war, wie sie vor ihm stand; aus straffen Säulen der Beine kam die mächtige Kurve des Beckens, bog in die Wölbung des Rückens ein, floß über die Schultern in die der Büste. Farbe des Gesichts war wie bei dunklen Keltinnen, die er in Vogesentälern gesehn hatte, von Welle des Bluts erzeugt, das zurückweichend weiße Höfe ließ — Stoß des Bluts durch die ganze Frau.

Puck, den er um Barbaras willen nun öfter besuchte, sagte:

„Es ist eine groteske Situation. Wenn sie eine Brille und schlechtsitzende Röcke trüge, würde es mir ein Vergnügen machen, ihr einen Indianertanz von Irrsinnigkeiten vorzuführen. Ich kann es nicht, ihre Augen, in denen ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie ist, würden es nicht dulden. Die Ärztin anzuerkennen weigert sich Männliches in mir. Es bliebe nichts übrig, als mich in sie zu verlieben, nach dem Rezept, daß Liebe eine Schutzhandlung und Abgang mit Ehren ist, aber es wäre aussichtslos und — sie macht mir Angst. Es ist eine Vitalität in ihr, eine Fülle des Bluts, der ich nicht gewachsen wäre.

Sie versetzt mich in denselben Furchtzustand wie Lilian, einen andren und doch den gleichen, daß Frauen Raubspinnen seien, die meine Kräfte aussaugen wollen. Freund Lauda, unsre Sehnsucht, bei einem Weib geborgen zu sein, ist ein übler Trick der Natur. Ich merke es, wenn ich meine Stunden Maria auf der Sichel schenke. Wie raffiniert ist diese Fiktion: Wolke und Sichel schweben dicht über unsrem Kopf, damit wir die Himmlische gerade noch mit unsren sinnlichen Wünschen erreichen können. Manchmal überfällt mich eine tolle Lust, ihr, das Auge am Saum ihres Rocks, die deutlichsten Zynismen zu sagen; dann, um die Abendstunde, kommt die namenlose Melancholie, so schwer, daß sie sich wie ein Block von Leid in das Gelatinemeer des Geschehens senken möchte, in ihm die eine feste, große Tatsache.

Was die Ärztin betrifft, so habe ich mit offnen Karten gespielt und ihr zu verstehn gegeben, daß ich von selbst in Ordnung komme, wenn man mich hier ein paar Tage in Ruhe sitzen läßt — es ist so gut zu schreiben, wenn ringsum die schweren Fälle heulen und einem auf dem Gang der Mann begegnet, der von einem andren erzählt, daß er in seiner Manie alle Türen öffnen müsse — er macht es einem vor, und er ist dieser Mann selbst.“

Nach acht Tagen wurde Puck nach Hause geschickt, er brachte ein Manuskript mit und sagte spöttisch:

„Positive Arbeit, die einzige, die ich geleistet habe. Nun kann ich sie drucken lassen, so beweist man seine Prinzipien. Es ist keine Spur von Humor in den Versen, dieweil ich mich der Welt als Humorist angekündigt habe. Aber ich gebe mich nicht besiegt. Was tut man mit Versen, wenn sie gedichtet und gedruckt sind? Falsch bescheiden warten, bis einer sie aufgreift? Das ist unanständig, dann schon lieber selbst nachhelfen, tun, als ob man etwas geleistet hätte, und ein Vergnügen daran haben, daß man vom Produkt von acht Tagen ein Jahr lebt — ich werde das Heilsarmeetempo, das wir an irgendeinen fiktiven Einfall wenden wollten, an mich selbst wenden, auch das ist Ironie.“

Größre Ironie war, daß der Redakteur, den seine Freunde verachteten, ihn entdeckte. Aufsatz des Kritikers war Posaunenstoß, es folgte Einladung der literarischen Gesellschaft zu lesen, Vorstand des Gottfried-Keller-Bunds drückte ihm die Hand, Auffordrung erfolgte aus Berlin, ein Stern war aufgegangen.

Lauda, der Vorlesung beiwohnend, fand ihn liebenswert, Kind mit der ernsthaften Brille bemühte sich zu zeigen, daß Erfolg es nicht verschlingen werde.

„Warum,“ fragte er ihn, „verbergen Sie Ihren Kern, der Stärke des Leids ist, Demut des Schmerzes?“

„Ich komme nur auf Brücken der Lustigkeit zu ihm, lassen Sie sie mir. Soll ich mich als Dichter des großen Pathos etablieren, Firma eingetragen in das Register der Literaturgeschichte? Wer andrer als Sie sprach von Aufhebung?“

„Das konstruieren Sie nachträglich. Ich wollte sagen, daß Sie selbst nicht wußten, was in Ihnen Kern ist, Sie sollen ihn nicht leugnen.“

„Noch verläßt mich das Schauspielergefühl nicht, von dem ich Ihnen erzählte, aber seltsam ist, daß es mir selbst nur Verkleidung zu sein scheint, der Kunstgriff eines Gotts, der mich in eine Bahn drängt, gegen die ich mich sträube. Niemand kann begreifen, wie befremdend es ist, sich auf dem andren Ufer wiederzufinden. Es sprang einer durch eine hochgezogne Fensterscheibe, Akt reinen Bluffs, und ward durch ihn zum Bürger.“

Lauda hatte versucht, den jungen Rudolfi zu seinem Gehilfen zu machen. Gehilfe hieß Kamerad, es lag ihm nichts daran, einen Angestellten zu haben. Zwanzigjährige Jugend und deutsche Weichheit, die an Schubert dachte, wenn Brüder von Krepierten sprachen — doppelte Möglichkeit. Wenn er erreichte, dem Knaben Straffheit, dem Musikalischen einen Tropfen lateinischer Bestimmtheit zu geben, ihn zu lehren, daß, wer wirken will, klar von einer gegebnen Stellung aus entwickeln muß, den Gegner ohne Relativität und Gefühlsbrücken als Gegner sehend, dann gelang Synthese, auf die es ankam, aus Geistigkeit und politischem Willen.

Der geistige Mensch, wie er ihn empfand, Herrscher in der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung mehr gibt, konnte nur dadurch brauchbar für die reale Sphäre gemacht werden, daß er seine fluktuierende Energie, die dazu diente, die Berechtigung aller Standpunkte kausal zu erklären, entschlossen auf ein ordnendes Prinzip verdichtete, die Hochspannung in den Transformator eines ethischen Postulats leitete.

Jeder Deutsche trug eine irrationale Philosophie in sich, war nicht praktisch wie Engländer, noch ironisch-doktrinär wie Franzose. Soweit überhaupt vitale Kraft in ihm war, leitete er, wie alle dem Religiösen Zugänglichen, der Idee des Staats Metaphysik zu. Gesellschaft ohne Achse der Rotation, ohne übergeordnetes Regulativ, war Sphäre des Chaos — der Organismus eines Volks mußte unter Druck gehalten werden, damit er sich ballte und einheitlich kreiste: solchen Druck ermöglichte die Idee des preußischen Systems, das seine Herkunft aus dem Protestantismus nicht leugnete. Und Protestantismus, so fest er in der Irdischkeit stand, den Mensch recht eigentlich auf seine Souveränität verwies, kam doch, da er Religion war, im letzten aus dem Pessimismus: es gab eine Verwandtschaft der preußischen Herrenkaste mit dem katholischen Priester, für den die Existenz das Reich der Sünde war, das Befehl und Gebot brauchte. Die Junker waren Menschenkenner: entfesselt das Individuum und es weigert Arbeit; unterstellt es der Idee des Gehorsams und es wird nutzbare Energie, sich und dem Ganzen Inhalt schaffend.

Vom Absoluten her war dieses System nicht materialistisch, es wurde es erst, weil es alle Kräfte dem Irdischen zuführte und die Verwalter zu Ausnutzern machte, während katholischer Priester Diener blieb und von ihm gepredigte Ordnung nicht in Marschleistung von Bataillonen umgesetzt wurde. Es geschah nicht ohne Grund, daß selbst die edler denkenden Geister in Deutschland am preußischen System festhielten, sie waren nicht alle, Fünfkorn und den Mittelmäßigen unter den Demokraten zufolge, verlogen und böswillig; ihr unverzeihlicher Fehler war, daß sie zur Idee zurückgriffen, wo sie die Tragik ihrer Überspannung sehn mußten. Schicksal von Ideen war romanhaft wie das von lebenden Menschen, man konnte vom Verfall eines Ideensystems wie von dem einer Familie reden und seinen Roman schreiben.

Klarblickender sah den Punkt, wo ein geistiges Prinzip religiöser Färbung durch zeitliche Entfernung von der religiösen Quelle ins Gegenteil umschlug, Hebel in der Hand der an die Spitze gesetzten Familien wurde — Dämonie auch das einer Idee, die Herrschaft gewonnen hat, statt reguliert zu werden. Axiom: Regulative bedürfen der Regulierung; Lehrsatz: sich zum Tun entschließen, heißt die radikale Energie regulieren, nicht zerstören, sondern beaufsichtigen, nicht hinnehmen, sondern selbst verwalten. In Rotation gesetzt, kreiste der deutsche Kosmos nun um die Idee der zentralisierten Monarchie, bis er zerschellte. Aufgabe war, unter den Denkenden solche zusammenzurufen, die durch Einfluß und Menge der Anhänger stark genug waren, eine Gegenbewegung oder Hemmung zu erzeugen; gelang das nicht, dann einige zu retten für den Augenblick der Katastrophe und die Zukunft.

Das war die Rechtfertigung seiner Opposition, daraus entsprang auch sein Wunsch, mit dem Jungen ein Experiment zu versuchen. Letzter Beweggrund war, wie bei allem, was Mensch tat, der eigne Gewinn, für sich wollte er die Fordrung, Mutation in das deutsche System zu bringen, sichtbar machen. Und da es klar war, daß Sprung in die Sphäre der Tat nichts bedeutete, als sich vom Egoismus der Anschauung den andren zuzuwenden, begann ihn das ihm selbst Unerwartetste und Fernste zu beschäftigen, die Möglichkeit, dereinst Erzieher zu werden. Bejahte man die Tat und stellte Regulative der Ordnung auf, erhielt der Ablauf des menschlichen Geschehns einen selbst gesetzten Sinn, dann war die vornehmste dieser Illusionen die Pädagogik, Vermittlung der Energie an die Nachwachsenden.

Wie mit einer Frau, die zum steilen Flug der Entrückung entfesselt wird, suchte er mit Rudolfi dem neuen Land der Ideen zuzueilen. Tempo der Flucht im Flugzeug war noch in dem Knaben; als er den Rhythmus seines eignen Bluts wiedergefunden hatte, kam die Hemmung. Eine geistige Bastion mit stürmender Hand nehmen, war nicht deutsch, an Stelle des strahlenden Siegs trat das schrittweise Ringen. Ungeduld Laudas, er bezwang sie, sich erinnernd, wie er selbst in diesem Alter gewesen war, von Erdbeben geschüttelt, wenn er sah, wie verschiedenartig Menschen dieselbe Sache betrachteten; aber es war der Loyolawille dagewesen, in Quadern zu bauen.

Rudolfi war schwerfällig, Namen der Mitarbeiter machten ihm Mühe; Vorstellung mit ihnen zu verbinden, größre; Ideen so klar wie Bildhaftes zu sehn, die größte. Lauda schlug den Umweg über die Anschaulichkeit ein, führte Rudolfi in Gesellschaft, so abendliche wie die der Straße. Dem Knaben fiel die besondre Art der Schweizer auf, sie schien ihm von bäurischer Gleichartigkeit zu sein, niemand trat aus der Masse hervor. Lauda half die Linien nachziehn: bestimmtes Bekenntnis zu einer Anschauungsform wie der des deutschen Beamten und Offiziers wurde hierzulande vermieden; man fühlte nicht unmittelbar, daß alle Kräfte eines Lands von einem Willen zusammengehalten wurden, sich um ihn lagerten, in jedem Augenblick des Privatlebens von ihm Bestimmung erhielten; das Bewußtsein großer Aufgaben, der Ausblick auf den Welthorizont des deutschen Lebens fehlte. Deutscher war straffer in Umrissen, großzügiger in Ideen, an ein anschauliches, repräsentatives Zurschautragen der das Volk durchsetzenden Energie gewohnt, in der Schweiz blieb alles anonym. Lauda sagte:

„Es ist zunächst der Unterschied der Größe zweier Länder. Das kleine war von je darauf bedacht, Existenz zu wahren; Ehrgeiz, wie ein Sonnensystem zu wachsen, benachbarte Zellen in seine Rotation zu ziehn, fehlt vollständig. Es wurden nicht ausgebildet Kräfte der Konzentration noch das gefährliche und, wenn es sich mit Klugheit verbindet, schöne Schauspiel der Vitalität. Daher das Gefühl, das man unter Schweizern immer hat, daß sie mißtrauisch und schwerstirnig, bäurisch wie Sie sagen, importierte Ideen der Fremden abweisen, froh sind, wenn sie unter sich bleiben können. Das Positive dieses Zustands ist schwerer zu erfassen, darum nicht weniger wertvoll: kein Hochmut der Kaste, keiner von Offizier Polizist Beamten, es ist menschlich, unter ihnen zu leben, Anonymität wird wohltätig.“

„Auf mich wirkt unser System stärker, seine Idee ist verständlicher, weil jeder Gebildete sie zur Schau trägt. Auch Sie verwerfen ja nicht, wie ich eigentlich gedacht hätte, den Willen eines Volks zur Expansion. Warum also billigen Sie den Deutschen nicht zu, was Franzosen und Engländern erlaubt ist?“

„Ich wäre gern national,“ antwortete Lauda, „weil ich alles liebe, was Kristallisationspunkt für Energie wird, abgegrenzte Wirkungsfelder schafft, Differenzierung in die Welt bringt. Ich kann nicht national sein, weil es mir verwehrt wird, man duldet nur hochfahrend ergebne Diener. Auch ist Expansion und Wachsen in Größe nicht dasselbe; jenes nur die brutale, materialistische, herrische Spielart. Bildung eines großen Kosmos darf nicht auf Kosten andrer Rotationssysteme erfolgen, die schon ihre endgültige Lagrung gefunden haben. Einbeziehung Belgiens in das deutsche System ist nicht Verschmelzung, sondern Einbruch, Diebstahl, Gewalt. Die Kosmen der zivilisierten Nationen, kleine und große, müssen nebeneinander rotieren, es ist ihnen nur eine höhere Form des Ausgleichs erlaubt, die der Verträge, des Handels, des geistigen Tauschs. Keine Dialektik kann das Verbrechen ungeschehn machen, daß man die beschworne Neutralität Belgiens brach. Jedes Gefühl, das mir befähle, trotzdem zu meinem Volk zu stehn, da es nun einmal um seine Existenz kämpft, ist Dialektik. Anerkennend die Vitalität des deutschen Systems und das Recht auf sie, verwerfe ich bedingungslos ihre Methode.“

Aber in dem Knaben war dieses Gleichwohl und Trotzdem stärker. Heimweh ward stärker, wuchs zur Sehnsucht, die deutsche Atmosphäre, bekannte, zu atmen, Befehle zu empfangen, die vorstellbar waren, weil Blut der Väter sie schon empfangen hatte. Es kam der Tag, wo Rudolfi Reue gestand; siegreicher als die Moralität auf sich selbst vertrauender Gegnerschaft wurde die Gewissensqual, Kameraden im Stich gelassen zu haben.

Lauda ging aufs Konsulat, erreichte, daß in Berlin Straflosigkeit zugesagt wurde, eröffnete Rudolfi, daß er heimkehren könne. Weinender umarmte ihn, fuhr an die Grenze, um sühnend im vordersten Graben zu sterben.

Lauda hatte nicht mit dem Widerspruch der politischen Freunde gerechnet, seine Stellung wurde so erschüttert, daß nur der Fahndungsbrief, den das Generalkommando gegen ihn erließ, ihrem Argwohn ein Ziel setzte.

Heftigste Vorwürfe hatte Justus erhoben, Mitglied des Redaktionskomitees, Veteran des demokratischen Gedankens. Die meisten waren erst im Krieg zu Bekennern geworden, er seit 1885, Jahr, in dem er das Deutschland Bismarcks verlassen hatte. Er war in Paris mit den Politikern des Republikanismus verwachsen und Zeuge gewesen, wie schwer, langsam, zuerst nur äußerlich, der Gedanke von 1870 sich durchgesetzt hatte: Erschüttrungen und Rückschläge kamen, bis er zu den letzten Wurzeln der nationalen Existenz vordrang, Macht auf die Erziehung der Jugend, Heer, Kirche gewann.

Die Überwindung der Tradition, in Fleisch und Blut nistender, die Ausscheidung noch immer kreisender Säfte, die innerste Umschichtung, die Entstehung einer neuen Vitalität, die letzte große Krise des Dreyfusprozesses, das Schritt für Schritt, die Energie, ein Ideal der Zukunft sichtbar und sieghaft zu machen, das war Justus die Größe der Männer von 1890, und er hatte bewundernd die Geschichte der bürgerlichen Führer geschrieben, die ein größres Werk als die Sozialisten vollbrachten die theoretische Fordrung gänzlich andrer Grundlagen schien ihm banal, der zähe Kampf mit realen Interessen, die Mutation der Realität war Leistung. Und Lauda verdankte ihm Einsicht, was es heißen wollte, in den lebenden Kosmos eines Volks einzugreifen und Mutation zu erzeugen. Es war die Zeit, da in Deutschland die Parole der Neuorientierung ausgegeben wurde, demokratische Vertreter Anteil verlangten, fühlend die Katastrophe.

„Machen Sie sich keine Illusion über die Ohnmacht dieser Ansprüche,“ sagte Justus, „das ist, als hätten vor 1870 die französischen Demokraten die Republik im Bund mit Napoleon dem Dritten einrichten wollen. Frankreich hatte ein Jahrhundert republikanischer Tradition, es hatte Temperamente und Charaktere ohne Zahl hervorgebracht, und doch bedurfte es einer von uns nicht gekannten und nicht begriffnen Größe der Anstrengung, um die Idee zu sichern. Der Deutsche versagt vor der Schwierigkeit dieser Fordrung, er ahnt die Problemstellung nicht einmal, ist ohne Sinn für die Noblesse derer, die, was sie tun, ganz tun, die Lösung einer Aufgabe nicht den Beamteten überlassen, sie wie eine Leidenschaft bis zum Ende erleben und nicht auf halbem Weg zur bequemen Hausfrau zurückkehren. Dieser Mangel an radikalem Anstand ist von allen Lastern das deutschste und für mich das verächtlichste — was hilft die innre Freiheit, die gefunden zu haben, Deutsche sich rühmen, sie ist nur Feigheit und Flucht vor Realität.“

Bei Ausbruch des Kriegs erlangte er Erlaubnis, zu bleiben, wurde im zweiten Jahr vom schützenden Minister gebeten, ihn der Aufgabe zu entbinden, ging nach der Schweiz, mittellos, Opfer des Sequester. Er ernährte sich von Unterricht, Zeitung, Arbeit der zu schneidern beginnenden Töchter und Sparsamkeit der Frau, kleinbürgerlicher Französin — Demokratie ward Märtyrertum, fanatisch getragnes; Züge des Alternden wurden scharf; bitter und tröstend die Stimmung eines verspäteten Achtundvierzig.

Lauda war bei ihm zu Gast, sah, in wie engem Bezirk ein Mensch leben kann, Grenzen des Käfigs waren die der Welt. Es durchwanderte der Alte diesen Bezirk unermüdlich, hatte Wege angelegt, alles eingeteilt: wer nicht böswillig war, brauchte sie nur zu begehn und schaute die in Demokratie geordnete Welt. Sie war die Wahrheit, es gab keine andre; noch größer als Erregung über Nichtbereitschaft der Geister war Staunen — darüber grübelnd, fand er neuen Beweis, fügte ihn ein, nun war die logische Kette geschlossen. So war einer Freidenker — er selbst war Freidenker, Priester hieß Pfaffe, König Tyrann. Justus gestand, einst Romane und Verse geschrieben zu haben, Thema des Romans: Kampf gegen Vorurteile, Verse: Epigramme, darin einer die Welt am gesunden Verstand maß. Die Welt hatte sie nicht gelesen, ihr Schade.

Lauda, dem er der rationalistische Mensch schlechthin war, reines Extrem, klar zu überschaun, folgte der Einladung, wiederzukommen, begegnete plötzlicher Herzlichkeit und dem Geständnis eines entbehrten Ideals: Verkehr aufrechter Männer, zweimal in der Woche, Schachspiel zur Übung der Hirnkräfte und Kegeln zu der des Körpers; Gemütlichkeit bei Bier und einfachen Sitten. Er entwand sich höflich, Justus kam ihn mit seiner Familie besuchen, Prinzip der Gegenseitigkeit. Mensch, den er als Mensch gelten lassen wollte, ward lästig, zwang dazu, Beschränktheit lieblos zu benennen, Abstand mit allen Mitteln zu setzen, und aus einem Freund ward Feind, der ihn geheimen Anhänger des preußischen Systems nannte, weil er von dessen Philosophie sprach.

Es kam der Augenblick, wo Justus vor den Versammelten aufsprang, sagte: „Er ist nicht das, was uns nottut, Politiker, er ist der Geistigen einer, die alles verstehn, mit jedem Gedanken huren; sie werfen ihre Leidenschaft auf ein Objekt für drei Monate wie ein Schauspieler seine unehrliche Glut für drei Stunden in eine Rolle. Denkt er ans Volk? Er denkt an sich, er will nicht Zustände ändern, sondern Ideen klären“, und mit gerecktem Zeigefinger dastand, als fordre er das Volk auf, zu steinigen.

Lauda war versucht, für einen Augenblick hinauszugehn, nicht wiederzukehren — es hätte jener recht gehabt. Blick in das verzerrte Gesicht des Manns gab ihm das skrupellose Argument unbefriedigter Ehrgeiz, und er war gehorsam dem Gesetz der Realität, Angegriffner wehre dich. Danach ekelte ihn vor erlangter Kenntnis, was ein Tribun sei, Beredsamer in Geste der Treuherzigkeit.

Ruhiger geworden, sprach er mit Hans von dem leisen Grauen, dem Widerwillen im Hintergrund, die er empfand, wenn wieder die Bekanntschaft eines Menschen durchlaufen war. Zuerst, war er noch neu, sah man das Tüchtige in ihm, seine Energie, das, um was er kämpfte, die durchdachten Ideen; dann, schattenhaft, verschob sich das Bild, es traten hervor die Banalität, die fixe Idee, die Grenzen, die Enge; zuletzt wies er die Zähne des Egoismus, verteidigte den Käfig, in dem er saß und den er nannte Leuchtturm der Wahrheit.

„Was schwerer wiegt,“ sagte er, „und was zu lähmen droht, ist der Widerstreit in mir, wie ich solchen Menschen, jeden, werten soll. Wertung ist nicht nur Anmaßung, sie ist auch durchaus willkürlich, denn wir tragen keine andre Norm in uns als selbstfestgesetzte, eine von vielen. Wonach aber setzen wir fest? Nach Interesse, nach einem politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt, von dem ich wenigstens weiß, wie relativ er ist. Was habe ich ausgesagt, wenn ich Justus einen Dummkopf nenne — gestern hatte ich Respekt vor ihm, morgen werde ich mit ihm zusammenarbeiten. Klarheit ist nur, wenn ich jemand liebe oder hasse, Urteil ausscheide oder einschalte. Alle scharfen Urteile sind diesseitig; in der Welt, in der jede Existenz von der andren getrennt ist, kann es nur Urteile des Hasses, des Gegensatzes, der Trennung geben. Aber in sie spielen fortwährend die Urteile des Absoluten hinein, die skeptisch gegen Benennung sind, weil sie religiös sind, die Getrennten vereinen und, nun nicht mehr pessimistisch, Nachsicht, Milde, Duldung gebieten. Nicht darum zuletzt ist die Sphäre der Realität die der Qual, des Hin- und Hergezerrtseins — man könnte, man sollte ein neues Lehrfach der Erziehung finden: Unterweisung in Grundtatsachen der Existenz; Zwiespalt, Unversöhnlichkeit der Prinzipien würden gelehrt, Ableitung daraus einer großen Klarheit, einer Kenntnis der Maschinerie in uns, einmündend in die Nachsicht mit ihrer Ohnmacht und das Suchen nach Überwindung der Ohnmacht — erkannte Gesetze werden Schalter mit spielenden Gelenken. Der Mensch hat noch nicht denken gelernt, weilt noch im Stadium des geistigen Manchestertums, wo die Welt der Empfindungen ein Haufe durcheinander kriechender Schlangen ist.“

Sie saßen am Kai, Wellen des Sees schlugen nach den Bänken. Barbara ging mit einem Mädchen vorüber, grüßte. Lauda stand auf, Barbara sagte:

„Wir wollen segeln, meine Schwester und ich, wir haben Platz, schließen Sie sich an?“

„Darf ich meinen Freund mitnehmen?“ fragte er, wandte sich nach Hans um und sah ihn verzückt das Mädchen anstarren.

Barbara richtete die Segel selbst, die Kleine ließ sich schelten, weil sie Handreichung verschmähte, lächelte nur aus so dunklen Augen, daß die Pupille nicht sichtbar war. Andres Temperament, innigeres, derb schaltende Herzlichkeit Barbaras gedämpft durch Süße.

„Wenn ich hätte tun können, was Gefühl mich hieß,“ sagte Hans nachher, „würde ich wie mit einer kleinen Insulanerin ein zärtlich-lehrhaftes Gespräch über mein Entzücken auf den ersten Blick und seine Gesetze, die Gesetze in ihr selbst, begonnen haben. Denn es gibt Gesetze unsres Naturells und wir müssen ihnen nur gehorsam sein, um ohne Vorbehalt und Lüge zu lieben. Fast immer entschließen wir uns unter Vorbehalt und Lüge zur Werbung: Zufall führt mit einer Frau zusammen, die uns fast ganz, aber doch nicht ganz gefällt, Gelegenheit ist günstig, man ist des Suchens müde, und das übrige tut die Frau, sie fühlt, daß wir zur Anpassung bereit sind und holt sich, was sie haben will.

Ich, der kleine feste Körper ohne differenzierte Nerven anbetet und auf die Entdeckung der heimlichen Fülle um der sichtbaren willen verzichtet, bin immer von Schlanken, Nervösen erobert worden, selbst zu underb und hilflos, um zu widerstehn. Das war die Untreue gegen das erste Gesetz, das mich kräftigere Körper, als meiner ist, lieben heißt. Das zweite hebt die Gegensätzlichkeit wieder auf und verlangt, daß ganz zarte, heimliche Wärme in ihnen ist, ohne Dämonie oder kaporalhaftes Temperament. Wie ein kleines warmes Tier schaute sie aus Mantel und Muff heraus; die Eigenwärme des Geschöpfs ist das Herrlichste.“

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