III
Reading edition
Lauda wohnte in Miß Lilians Pension. Auf seinem Tisch lag die Karte Zürichs, Erleichtrung der Besuche, die er machte. Sooft er eine neue Straße nachsah, zog er die Linie von der Pension zu ihr; die Karte bedeckte sich mit einem Netz. Dieses Netz, sagte er, ist wie einer der Schlüssel, die man auf Geheimschriften legt; es bildet eine Figur, unter der sich die fremde Siedlung einmal in der Erinnrung darstellen wird; es ist so persönlich und einmalig wie die Linien meiner Hand. Immer und überall legen wir solches Netz auf die Erscheinungen; auch das Bild, das ich von einem Mensch gewinne, ist nicht anders, ich stecke Momente ab, durch die er sich enthüllt, und dieses konstruktive Gebilde nenne ich dann seinen Charakter. Verkehre ich nicht viel mit ihm oder treten nicht Situationen ein, in denen er bestimmte Stellung nehmen muß, so bleibt es noch unvollkommner, als selbst das der Stadt, ohne daß doch ich, wir alle, den Hochmut aufgeben, zu glauben, man kenne einen Mensch. Wir wissen wenig vom andren, wir können ehrlicherweise nur feststellen, wie er uns in einem bestimmten Fall erschienen ist, Klarheit über ihn ist Schwindel.
Wie Bestätigung war der erste Besuch, den er machte, bei Fräulein Betz. Sie empfing im Schlafzimmer; der Schreibtisch und die Bücher standen darin, obwohl sie eine kleine Wohnung hatte; man konnte entweder sagen, sie habe in das Schlafzimmer allen Besitz von Wert und Liebe gebracht, die Teppiche, die Felle, die auf Reisen erworbnen Gegenstände, oder sie habe in einen Raum, der diese Dinge enthielt, auch noch das Bett gestellt, es kam auf dasselbe hinaus, Mittelpunkt und Sinn war das Bett. Es war ein kühler Abend, und im Kamin brannte ein Feuer.
Er hatte sie für ein etwas altjüngferliches Mädchen gehalten, nun wurde sie durch die Dankbarkeit, mit der sie vom Bett sprach, das Ruhe, Wärme und denkende Lage spendet, und die Unbefangenheit, mit der sie es tat, mütterlich. Es gab ihr Realität, hier war sie nicht mehr die ein wenig melancholische Einsame, durch die Welt irrende Geistige; in diesem Bett hatte ihre Mutter sie geboren und war gestorben — etwas von solcher Frauenatmosphäre war nun um sie selbst, und darin wiederum ein Hauch vergangner französischer Jahrhunderte, denn es war ein abstehendes Himmelbett, wie es Montaigne gepriesen hatte, mit einer richtigen Bettgasse, der Ruelle, wie sie sagte; fast konnte man sich die Geschichten Brantomes hier erzählt denken. Die Altruistin, die die Welt nicht mehr begriff, weil sie sich zerfleischte, hatte ihre kleine Welt, in der sie Genügen fand; die Pazifistin, die ruhelos als Wanderapostel umherreiste, verstand sich auf sich selbst zurückzuziehn, und wenn es Resignation war, in dieser Zeit an einem Schreibtisch für die Idee weiterzuarbeiten, enthielt die Resignation doch die Möglichkeit des letzten zähen Willens: bis zu einem Tischchen in die Enge getrieben, nahm er daran Platz. Sie trug ein loses Hauskleid, man sah ihre Gestalt, zarte, so viel mädchenhaftre als das Gesicht mit den nie durch Erleben entspannten Zügen.
Sie stand am Kamin, vor ihr, im Sessel, saß Lilian und schaute mit blauen Augen, das hartnäckige amerikanische Kinn gehoben, verzückt zu ihr hinauf, denn Fräulein Betz sprach von Amerika. Lilian stieß kleine Schreie der Freude aus, zum erstenmal sah Lauda sie bewegt. Madeleine erzählte, wie sie an dem Eiswasser des Hotels magenkrank geworden war: Begeistrung Lilians für ihr Land.
Lauda hörte aufmerksam auf die Worte des Mädchens, den augenblicklichen Sinn und den tiefren, aussagenden, der vielleicht in ihnen verborgen war — doch was sie sagte, war plaudernde Nichtigkeit, Freude am Belanglosen; Unterhaltung über rückwärts gelegne Dinge verhalf ihr zu der Illusion, gesehn und erlebt zu haben — dumme kleine Puppe, hübsche schlanke Puppe mit den gotisch vorgewölbten Hüften.
Sie schlug die Beine übereinander, und wenn sie wechselte, war es wie die Bewegung zweier Arme, die sich öffnen, um an sich zu ziehn — unmöglich, daß sie sich der erregenden Gebärde nicht bewußt war. In ihm ein Hin und Her. Ihre Harmlosigkeit und Dankbarkeit, reden zu dürfen, rührte ihn, die junge hilflose Sinnlichkeit, die an den Exhibitionismus kleiner Mädchen vor Fremden zurückdenken ließ, verstärkte dieses Gefühl, aber danach war alles Auslegung, sowohl: sie ist ein Mensch, der geschont sein will, ein Recht auf Leben hat, als auch: sie ist ein Mensch, der nicht geschont sein will, mir wider meinen Willen, dank einer Deutlichkeit, die ihre Angelegenheit ist, diese vergewaltigende Vorstellung der zweiten Arme und des geheimren Munds mit schwellenden Lippen gibt. Suche ich mir ein Bild von ihr zu machen, bleibt alles ungeformt, wenn ich an ihre „Seele“ denke; Bestimmteres, Züge stellen sich erst ein, wenn ich von der sinnlichen Seite sie betrachte, da erst bieten sich Vorstellungen ihres möglichen Temperaments, Warten auf Angriff, Provokation, die dann vielleicht in Empörung umschlägt — das heißt, daß man ihr zu einem moralischen Faktum verhelfen soll, das ihr erlaubt, endlich eine klare Haltung einzunehmen.
Ihr dazu zu verhelfen, sind andre nötig: Auffordrung an andre, den Dienst zu erweisen. Erweisen sie ihn, werden sie vermutlich abgelehnt — was ist das? Not, verständlich und zugestanden; aber auch Unmoralität im Sinn von Undankbarkeit und Unaufrichtigkeit. Vielleicht tat er ihr unrecht, er wußte es nicht, aber er war nun geneigt, sie in die Sphäre Masochs zu stellen.
Widersprechende Empfindungen auch Madeleine gegenüber. Es rührte ihn sowohl, sie in ihrer frauenhaften Häuslichkeit gesehn zu haben, als sie mit Lilian menschlich, fast mütterlich plaudern zu hören, doppelte Einsicht in Güte; aber als sie das Gespräch mit dem Mädchen abbrach, erhielt er einen Blick von ihr, der Achselzucken über die Trivialität der Amerikanerin war, mokanten einer schmallippigen Schulleiterin, die sich durch Abhören einen Einblick in die Reife eines Zöglings verschafft hat. Es deprimierte ihn; von Natur aus war stärkre Neigung in ihm, das „Gute“ im Menschen zu sehn als das Egoistische, gut im Sinn von Duldung, Gerechtsein, Existierenlassen ohne Urteilen und Verwerfen. Stand sie mit dem Rücken gegen ihn, sah er die zarte Gestalt; sah er das Gesicht, las er darauf die in die Jahre wachsende Verbittrung. Er kannte die Versuchung, aus einem Mensch einen Charakterzug herauszunehmen und als wesentlich hinzustellen, so gut aus seinem Handwerk und dem der Schriftstellergefährten; es war so bequem. In Wirklichkeit mußte man neben den einen Zug viele andre setzen und darauf verzichten, die Einheitlichkeit zu geben — Mensch war vielleicht nur ein Nebeneinander von Zügen, Wesen in der Zeitlichkeit.
D’Arigo wurde erwartet, kam nicht, Lauda ging mit Lilian allein nach Haus. Der Weg führte über den Zürichberg, entlang dem Wald, der einst bis zum See hinabgestiegen war, jetzt nur noch auf der Höhe die geregelten Irrlichter der Stadt umkränzte.
Ein Ton drang herauf, Lauda blieb betroffen stehn. Es war ein wiederkehrender Klagelaut, wie wenn Wind durch eine Aeolsharfe zieht, er hatte ihn einst vor Paris aus der bewohnten Ebne gehört und Stimme der Ebne, des geheim lebenden Geschöpfs genannt — nun schwebte er über der Stadt am See.
„Auch die Dinge aus Stein sind belebt,“ sagte er, „Städte sind Himmelskörper, wesenhaft. Paris ist eine Frau, bereit, jedem, der zu ihr kommt, Südamerikaner Schweden Tonkinesen, Erlebnis zu werden — ein wenig kokottenhaft mag es sein und doch so fröhlich, jung. Paris ist die einzige Stadt, die Gegenwart hat, die andren haben Zukunft oder Vergangenheit.“
„Neuyork oder Berlin hätten keine Gegenwart?“
„Materielle wohl der Arbeitsstätte; sie sind Stadium einer Jagd nach Geld und Macht; geistige Gegenwart, Wissen um den Sinn des Augenblicks haben sie nicht. Daß man in der Zeitlichkeit lebt, einmal nur, fühlt man auch anderswo, aber dann ist es immer ein losgelöstes Gefühl, für sich gedanklich existierend — in Paris ist es wie ein Duft in das unbedingte Ja gemischt, ein Hauch von Geist und Geistigkeit im Treiben der Materialität. Verstehn Sie, Miß Lilian, was ich sage?“
„Ein wenig, nicht sehr, freimütig gesagt nein, in Amerika philosophiert man nicht,“ antwortete sie. Er sagte spöttisch:
„Nein, das tut man dort nicht. Die einzige Form von Vergeistigung des Sinnlichen, die ich bei Amerikanern kenne, ist der Flirt, und er allerdings hält von dem nahliegenden Urteil ab, sie seien eine junge Rasse. Sie sind darin älter als die Deutschen, die von der Raffiniertheit des Flirts nichts wissen. Lieben Sie ihn?“
„Sehr.“
„Warum wohl?“ forschte er.
„Weil er hübsch und kurzweilig ist.“
„Weil er eine Einrichtung ist, die allen Vorteil der Frau gibt. Sie fordert heraus, sie bestimmt die Grenze, die erstaunlich weit gesteckt ist, und sie macht den erregten Mann reif zu dem, wonach sie verlangt, der Heirat, einer Heirat, die ihr erlaubt, auch jetzt noch die Prinzessin zu sein, verwöhnte in Luxus.“
„Ich weiß, die deutschen Männer lieben es nicht, die Frau zu verwöhnen.“
„Wenn es das allein wäre, warum nicht? Aber es ist eine Lüge in dieser Verherrlichung der Frau. Theoretisch ist Flirt wundervoll, weil er kühn die Sinnlichkeit in den Verkehr schon der jungen Leute einstellt und ihr nicht gestattet, mehr als ein Spiel zu sein. In amerikanischer Praxis aber wird er ein Mittel, den Mann zum Knaben zu machen, seine Kenntnisse der Frau zu verfälschen, die vollkommenste Gynokratie einzuführen. Was weiß er von euch? Nichts, er ist euer Schemel. Er wird gelockt, aber danach soll er anbeten. Es ist nicht eine einfache Moralität, die ihn zum Heiraten zwingt, sondern eine komplizierte, die die weiblichen Versprechungen nicht scheut; es ist die Verheißung der Amazone, die im Oberleib männlich ist, aber in den Hüften Weib. Wenn ihr nach Europa kommt, erfüllt ihr die Männer mit bösen und harten Gelüsten, mit einem schlimmen Wunsch, euch zur Eindeutigkeit zu zwingen.“
„Sie sprechen wie d’Arigo.“
„Wie stehn Sie mit ihm?“ fragte er und war neugierig, wie sie solche Frage aufnahm.
„Ich lernte ihn in Paris kennen, er war sofort rücksichtslos wie Sie, verlangte, ich solle ihm stehn. Er besuchte mich bei meiner Familie in Trouville, reiste über Nacht ab. Er bot mit halbem Wort die Ehe an, zögerte vor dem ganzen. Dann traf ich ihn in Zürich wieder.“
„Und hoffst, daß er das ganze doch finden wird,“ dachte er, „gute Lilian, wo der Flirt versagt, bleibt dem Mädchen aus der neuen Welt nichts übrig, als wie das der alten auf die Initiative des Manns zu warten.“
Aber warum ging sie nicht nach Amerika zurück, einen der jungen Leute zu heiraten, die in Hemdsärmeln und Schweiß des Angesichts arbeiteten, damit die Frau keinen Finger zu rühren nötig hatte?
Die Antwort enthüllte private Bedingungen ihrer Existenz. Solang sie studierte, empfing sie Unterhalt; kehrte sie ohne Examen zurück, wäre ihr nichts übrig geblieben, als Sekretärin zu werden.
„Aber das ist ja das Sprungbrett zur typischen Prinzessinnenkarriere Amerikas,“ sagte Lauda.
Gleichwohl, es war unsicher, und sie zog vor, als Dame zurückzukehren. O, sie hatte ihre Wünsche, Passivität verband sich mit Anspruch, belohnt zu werden, daß man hübsch war und Männer gern mit einem durch die Straßen gingen. Aber wie andeutungsweise, ungeformt das alles in ihr ruhte; wie gering jene Beunruhigung durch das Bewußtsein, Widersprechendes in sich zu tragen, aus der das Temperament entspringt — Temperament war die moralische Manifestation dieses Bewußtseins, der tapfere Entschluß, sich durch Erlebnis zu ordnen. Hätte er ihr von der Sweetgirllüsternheit gesprochen, die er in ihr vermutete, von der sinnlichen Vorstellung, zu der sie ihn vorhin im Zimmer herausgefordert hatte, wäre sie nicht weiter mit ihm gegangen; hätte er ihr gesagt, daß man die Verpflichtung habe, solche Elemente im Blut selbst einzugestehn, durch Tat so oder so blühn zu lassen oder auszuscheiden, würde sie ihn nicht verstanden haben. Hirn im Stadium des Ungefähr, Egoismen verankert im Anspruch auf Recht zu existieren, und vermehrt durch Bewußtsein der Jugend und dessen, was man in Deutschland Holdheit eines jungen Mädchens nannte. Sweet girl, warum soll ich sentimentalistisch dieser Holdheit untertan werden und übersehn, daß du von der Kokotte das Lippenrot adoptierst, um ihre Sphäre unverbindlich zu streifen? Du gibst mir Barbarengedanken ein, Männergedanken, dich zum Bekenntnis zu zwingen, durch Gewalttat das erste wirkliche Faktum in dein Leben zu setzen, unpersönlicher Rächer zu sein, denn es ist nicht erlaubt, unverbindlich zu bleiben.
Er wagte es die Hand um sie zu legen, die negative Brust, die positiven Hüften, und Mephistowunsch, sie zur Tatsache dieser Hüften hinzuleiten, ward stark. Sie standen an einem Gartenpförtchen, dahinter eine dunkle Tür, die in ein Zimmer führte. Da ward Licht angedreht, und sie sahn in den Raum hinein, es stand ein Bett ohne Leinenzeug darin, im übrigen war es unmöbliert, nur Stickereien an der Wand. Drei junge Leute, brüderlich durch Knabengröße, hüpften auf und ab, als hingen sie an Fäden von der Decke und würden angezogen, die grotesk troddelhaften Bewegungen eines Grizzlitanzes auszuführen — es schwankten die Köpfe hin und her wie schwere Birnen an zu schwachem Stiel.
„Ich bin dreihundert Jahre zu spät geboren,“ sagte der mittlere, „wäre Hofnarr in ernster Zeit gewesen. Meine Mutter trug mich nicht aus, die zwei letzten Monate sollte ich in der Organisation des Zeitalters unterrichtet werden, da kam sie nieder, bin der Organisation nicht gewachsen.“
„Lieber Mitembryo,“ sagte der zweite und hob eine Stickerei von der Wand, „erinnerst du dich, wie wir in der Nacht des Schoßes vom gegensätzlichen Licht träumten, blauen Tagen mit rauschendem Birnbaum und roten Tomaten? Das Licht langweilt mich nun, ich träume mich in den Schoß zurück und sticke seine Landschaft, die grünblaugelben Stränge, Korallen des Bluts, Flechten der Schleimhäute, Hälften der Niere.“
„Kunst ist Traum der innren Geographie, Nach-traum der Vorgeburt,“ sagte der dritte, in dem Lauda Lisbao erkannte, „Uterus stellt sich selber dar, Land der vegetativen Existenz, da noch nicht Individualität ist, und noch nicht Lüge. Ich sehe zehntausend Embryos in ihrer Zelle, Händchen ohne Finger spielen mit dem Nabelstrang, dem wahren Band der Totalität.“
Sie lachten, drehten Auftritt abgestellt das Licht aus, verließen das Haus, man hörte die Stimmen sich bergabwärts entfernen.
Lauda lenkte Lilian zu dem Pförtchen, als sei das der Weg, führte sie ins Zimmer. Ihr Fuß sieß sich an die Wand.
„Mein Gott, wo sind wir?“ schrie sie auf.
„In der Mitternacht, der erste Schlag hebt aus. Bis der zwölfte verklingt, ist mir Freiheit vor mir selbst, Erlaubnis dem Dämon gegeben, der, wenn er Salambo sieht, die Begierde fühlt, das goldne Kettchen zu sprengen. Sie sind feig, Lilian, denn sie gehn zum Spiel, ohne den Einsatz bereitzuhalten.“
Der zwölfte Schlag verklang, aber eine andre Uhr hob aus, und Lilian lächelte im ungewissen Licht der Tür wie ein Kind, das schlau Dialektik treibt — war sie ihm willig?
„Habe ich denn auch mit Ihnen gespielt,“ sagte sie, und es konnte heißen, daß sie nicht widerstand. Aber die Frage dämpfte seine Rücksichtslosigkeit; nein, ihn hatte sie nicht herausgefordert; er sagte sanft: „Wir sind auf falschem Weg,“ und führte sie zurück. Zu spät, die Tür ward aufgerissen, und vom Revolver Lisbaos gedeckt, schaltete der knabenhafte Erste das Licht ein. Sein ängstliches Gesicht hellte sich auf, als er Lilian sah, schnell gefaßt beugte er ein Knie und sagte:
„Schöne Blancheflor, ich bin entzückt, daß Ihr zum Stelldichein mit diesem Ritter mein Haus gewählt habt. Wisset, daß Ihr bei Puck seid, dem aus dem Sommernachtstraum; es tut mir leid, daß ein Eigentumsdünkel, den Ihr dem Jahrhundert zuschreiben wollt, mich einen Augenblick an Diebe und Mörder denken ließ. Verzeiht, wir ziehn uns zurück und bedauern nur, das Lager nicht mit Euch zukommenden Rosen geschmückt zu haben.“
Er machte Miene, die Freunde hinauszudrängen. Lauda sagte: „Miß Lilian wurde von einem Unwohlsein befallen, ich hatte vorhin Herrn Lisbao gesehn und nahm an, es sei sein Haus.“
„Allrigt, so wollen wir die Schwäche mit Kognak lindern,“ antwortete Puck und führte in die vordre Stube, niedre eines Bauernhauses, Tafelwerk; es stand ein Tisch, kondensierte Milch, Papiere drauf, drei Stühle, eine Kiste; Adresse daran wie auf den Briefen: Puck, Dr. phil.
„Doktor Puck, der Zeit entsprechend,“ sagte er, „das erstaunt Sie? Im übrigen fühle ich mich voll und ganz, wie die Deutschen in ihren Reden sagen, als aus dem Märchenstamme Pucks entsprossen. Sehn Sie mich an, neunundneunzig Pfund schwer, das ist fast engelhaft und gibt Gedanken ein an Fliegenkönnen; bartlos wie ein Chinese und die Hasenscharte in der Lippe Stigma der kleinen Dämonie. Es wundert Sie, daß ich kaum zwanzigjährig schon den Doktor habe? Little Puck war ein Wunderkind, schlüpfte im siebten Monat aus und erweckte alle Hoffnungen, spielend das Reich der Realität zu meistern, drei Tanten suchen nun Erbinnen für ihn aus — die Brüder fallen im Krieg, die Erbinnen steigen. Hehe, Puck wird nicht heiraten, will das Lachen organisieren, Hofnarr der ernsten Zeit. Erlauben Sie, daß er seine Gehilfen vorstellt: Lisbao, der düstre Poet, Hans mit den opalisierenden Augen, in dem ein pflanzenhafter Elementargeist wohnt; Fleisch ist ihm ein Greuel, hat noch nie einen Pfennig verdient, nie einen Feind gehabt, sein Gutsein ist negativ, weil ihm die positive Energie fehlt, und positiv, weil Gutsein immer sieghaft ist — Sie haben vor sich das Triumvirat der Drei im feurigen Ofen dieser Zeit: sie verbrennen nicht, denn es ist keine Materie in ihnen, die dem Staub der Zeit verwandt wäre, sie schießen nicht, töten nicht, spekulieren nicht in Aktien, sie sind Vorboten der metaphysischen Welt, darum lacht der eine über die Realität, der andre fällt sie grimmig an, der dritte bestaunt sie hilflos und verwundert.“
„Lieber Puck,“ sagte Lauda, „das sind große Worte, sagen Sie nun, was Sie tun.“
„O, hängen Sie der Tat an? Hören Sie?“
Er setzte eine Hornbrille auf, nahm am Tisch Platz und las aus einem Buch, langsam, laut, als öffne sich die Wand und die Arena senke sich bis zum See. Das Schalksgesicht war demütig ernst, geglättet quecksilberne Beweglichkeit. Er las:
Die Welt erobern wollen durch Handeln ich habe erlebt daß das mißlingt. Die Welt ist ein geistiges Ding das man nicht behandeln darf. Wer handelt verdirbt sie wer festhält verliert sie. Denn die Geschöpfe gehen voran oder folgen sie seufzen oder schnauben sie sind stark oder schwach sie siegen oder unterliegen. Also auch der Berufene: Er meidet das Heftige Er meidet das Üppige Er meidet das Großartige.
„Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf — als ich das las, beging ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine Nachahmung, ich wollte wie Laotse tun, der nach Westen ritt, zum Reich hinaus. Dem Wächter an der Grenze gab er sein Buch; aber mich hätten sie festgenommen und unter die Soldaten gesteckt, das ist der Unterschied. So blieb nichts übrig, als das zweite zu tun, was er empfiehlt, aus der Stadt aufs Land zu gehn, da fand ich dieses Haus. Es ist noch der Schweißgeruch des Bauern darin, heiliger Geruch, weiser Geruch. Es einzurichten ist unnötig; wer ein Haus schmückt, wird sein Sklave, in ihm leben ist genug; zweimal am Tag wird es mir lieb: wenn ich es verlasse, um den Berg hinab zu den Menschen zu gehn, und wenn ich den Berg ersteige, müde der Stadt. Hans tut nichts im handelnden Sinn, er sitzt in einem andren Haus und zeichnet mit schwarzer Tusche die innren Gebilde auf gelbliches Reispapier; an der Wand kauern Mädchen und sticken mit seidnen Fäden die innren Gebilde; sanfter Pascha schläft er nicht mit den Mädchen. Lisbao tut nichts, er spinnt um seinen Nabel Wortfäden, den Strang der Totalität. Nichtstuer sind wir im Sinn derer, die im Reich des Geschehens leben; die einzige Lüge ist, daß wir von Vätern, Onkeln das Geld nehmen, so müßig zu gehn. Ihr Entgelt, daß sie uns verachten dürfen; aber früher, als Blancheflor geheiratet hat, wird die Zeit kommen, da das Geschehn draußen zusammenbricht und die Menschen der Tat überdrüssig werden — unsre Zeit, wir die Verkünder des Geists, der Anschauung ist.“
„Es drängt sich auf,“ sagte Lauda zu Lilian auf dem Heimweg, „daß alle Elemente des Geistigen jederzeit vorhanden sind. Seit mich die Unvereinbarkeit von Tun und Anschauung beschäftigt, begegne ich auf Schritt und Tritt Menschen, deren ganzes Sinnen auf dieses Problem gerichtet scheint. Wäre ich nicht selbst nun darauf eingestellt, würde ich die drei vielleicht nur Narren heißen, heute bin ich versucht, sie zwar nicht die Nornen der Zeit, aber ihre Kobolde zu nennen. Sahn Sie je eine so seltsame Übereinstimmung der Figuren, des körperlichen Formats? Das Geschlecht derer, die nicht das Format der Tat haben, kommt aus den Höhlen, wird Wirkung werden; das Geschlecht auch derer, die leiden und die Vergewaltigung durch einen Gott suchen, bereitet sich aufzustehn, der Krieg hält sie noch nieder, der Krieg wird sie entfesseln.“ Er dachte an Schreiner.
„Wer ist Blancheflor?“ fragte Lilian.
„Hat es Ihnen Eindruck gemacht? Die Schöne aus den Epen, die Junge, Zarte, die in ihren Gliedern den Gral trägt.“
Er fand den Namen selber gut, und als hätte es nur seiner bedurft, ward er empfänglicher für das Süße, das die gotischen Hüften des Mädchens bargen. In den Hüften aller Frauen ruhte es; so gleichgültig, daß es der einen oder andren, vielen, an Intelligenz gebrach; die Zärtlichkeit ihrer Bewegungen, lautloser, weicher, war wesentlicher; Zärtlichkeit war die vermenschlichte Form des Ansichlockenden, Saugenden, des Urdämons, dem auch in gemilderter Gestalt jeder gehorsam war. Nun sah er, in zweiter Morgenstunde, Lilian ganz als Bergerin des Zarten, bis zur Unkenntlichkeit den Begriff von ihr verändert, und war froh, ihr nicht Gewalt angetan zu haben.
Es gewollt zu haben, war wie Auslösung einer Hemmung, Überwindung eines Hindernisses zwischen ihm und ihr — Geburt freundschaftlicher Bereitschaft. Und als fühle sie dasselbe, zog sie den Schleier von sie quälenden Gedanken. Sie verstand, was die Männer, in Paris zuerst, von ihr verlangten, Einsatz der ihr anvertrauten Weiblichkeit; Furcht in ihr, Vergleich mit der Bequemheit heimatlicher Ehe, Scheu auch vor d’Arigos Halsstarrigkeit, dessen Bedingung sie nun bekannte: sie sollte zu ihm kommen, bedingungslos und mit gesprochnem Wort Feigheit eingestehn.
„Es mag rechthaberische Fordrung eines Hartnäckigen sein,“ antwortete Lauda, „gleichwohl hat er in tiefrem Sinn recht, er verlangt die Tat. Verwerfung der Tat, wie sie der Kleine aussprach, hat Wert nur nach der Tat, in der denkenden Sphäre, als Aufhebung, Setzen des Gegenteils. Was ist Puck? Ein Literat, jemand, der an der einen Seite zieht, ermangelnd der Polarität.“
„Und wo führt Tat hin die Frau?“ klang Lilians Frage an sein Ohr, im Zwiegespräch, das jeder nach seiner Bedingung führte, „was ist Tat? Der erste Schritt auf einem Weg, der zum Glück zu leiten verspricht, von ihm entfernt.“
„Tat ist die Sphäre des Leids,“ nahm er das empfangne Wort auf, „das Reich der Kausalität, des Dämons Logik, des hetzenden Gotts, der Erlösung verheißt, sie schon verriet, als er sich zur Existenz entschloß. Tat ist Dämonie des Bösen, darum ist alle Religion Feind der Tat und weiß nicht, daß sie den Gott lästert, den sie sucht, denn er war aktiv. Der Kreis schließt sich, ich bin bei Pucks Deklamation wieder angelangt; Ja ist so wahr wie Nein, gleich unverbindlich, gleich falsch. Gute Nacht, Lilian, wir sind zu Haus. Morgen gehe ich zu d’Arigo, vielleicht, daß er mir erlaubt, von Ihnen zu sprechen, denn in mir ist erstmalig Wunsch, einem andren Mann Bruder zu sein — ungewiß ob er das Angebot annehmen wird.“
D’Arigos Atelier stand in einem Hof; auf Hinterfrontbalkonen wurden die Betten der Bürger und darauf gezeugte Kinderbrut gelüftet.
Häßlich wie der Anblick des Nutzbaus war der innre Raum; auf Holzpostamenten standen die Figuren, von ihnen abgekratzter Staub puderte den Zementboden, Ofenrohr ging durch die Decke, kein Diwan zur Verführung von Damen. So arbeiten verdiente Arbeit genannt zu werden, Lauda empfand: stoischer Bruder, verzichtend auf Stimmung. Betrachtend die Figuren, fand er weiterhin: es stellt ein Künstler sich selber dar, die Proportionen seiner Glieder sind die der von ihm Geschaffnen, der Schlanke formte keinen Untersetzten.
Es standen drei Akte derselben Frau, die in verzückter Innigkeit die Arme senkrecht streckte, die Finger wagrecht spreizte, Gebärde der Demut, nackt zu sein, und des keuschen Muts. Auffassung betreffend standen zwei sich nah, es war die eine die Bearbeitung der andren mit Glaspapier und Spachtel: Werkzeuge schmallippiger Energie hatten die Rundung der festen Schenkel und des weichen Bauchs auf ein Äußerstes reduziert, so daß aus Rundung und Nervigkeit ein granitnes Fleisch entstand, überstreckt, gedreht in Geistigkeit, exzessive Gotik, Inbrunst sublime, oben nochmals aufgenommen durch das geschwellte Lächeln und die runde Engelsstirn.
Die dritte Figur war Rückbildung zur primitiven Gotik, die das Willenserlebnis Loyolas noch nicht kannte, nordisch, deutsch, seelenhafter, darum materieller. Da sagte d’Arigo:
„Sie irren sich, es ist die mittlere Figur die frühere, die nordische die jüngste.“ Und Lauda erinnerte sich, was er von d’Arigos Entwicklung, dem Rücktritt aus der geistigen Sphäre, gehört hatte.
„Was haben Sie erreicht?“ fragte er, „den Verlust Ihrer Überlegenheit, die Bindung durch einen Einzelfall, denn diese Frau ist Individuum, Ihr Werk Porträt, das unbedingt Problematische, in die Niedrung der Existenz, die Nachahmung, Ziehende; es ist gemilderter Realismus, die gewalttätige, schöne, suveräne Energie ersetzt durch Tasten, Unterordnen, Demut, Sehnsucht, Anbetung, Dinge, die dualistisch sind, weil sie zwingen, einerseits dem sinnlichen Reiz gerecht zu werden, andrerseits ihn seelenhaft erscheinen zu lassen — vorher wurden beide in höhrer Einheit gebunden.“
„Ich bedaure,“ antwortete d’Arigo, „Sie Einblick haben gewinnen zu lassen; es stört mich. Sie verstehn mich nicht, es sind in Ihnen nicht die Voraussetzungen des Religiösen, wie ich es erlebte. Sie sind irreligiös. Sie sind im besten Fall katholischer Lateiner, Augenmensch.“
Lauda: „Und Sie, in dem der Fanatismus des Ignatius brennt, wenden sich dem Protestantischen zu, empfinden es als tiefer, was sich vielleicht behaupten läßt; aber das ist eine andre Frage, wichtiger bleibt, daß Sie Ihrem Naturell Gewalt antun, Ihr Blut zersetzen — warum, um eine Individualität zu formen? Fühlen Sie nicht, wie arm, belanglos Individualitäten sind, wie sehr alle Eigenschaften, also das, was man die persönlichen Züge nennt, dem Religiösen widersprechen? Denn Religiosität ist Sehnsucht, von der Individualität erlöst zu werden, die Sphäre des Gestalteten zu verlassen.“
D’Arigo: „Ich habe mich gefragt, warum mir alle Einzelexistenzen so teuer werden, daß ich mein frühres Leben, das sich unbekümmert über den Mensch hinwegsetzte, nun Sünde nennen muß; und als Antwort fand ich, daß jede Einzelexistenz eine Seele hat, unsterblich als Seele ist. Ich glaube heute inbrünstig an die Unsterblichkeit der Individualität, des Ich, des Einmaligen, des anvertrauten Guts.“
Lauda: „Wenn das Ich einmalig ist, was wird dann nach dem Tod aus ihm, wo war es vor der Existenz? Unsterblichkeit und Einmaligkeit widersprechen sich.“
D’Arigo: „Das ist Dialektik, triumphieren Sie nicht zu rasch. Es ist nicht anders möglich, als daß mein Ich fortwährend durch die Zeiten andren Existenzen überwiesen wird, und ich glaube an die moralische Ordnung dieses Überweisens. Die Vielheit der Menschen hätte keinen Sinn, die Tatsache, daß es unter ihnen grobe, gemeine, stumpfe Individuen ohne Zahl, daneben reinere, reinste, schwankende, entschlossen gütige, halbsinnliche, ganz entsinnlichte gibt, hätte keinen Sinn, wenn diese Existenzen nicht Rangklassen, Betätigungssphären wären, die in aufsteigender Linie geordnet sind. Der Sinn heißt: Läuterung.“
Lauda: „Also eine moralisch begründete Seelenwandrung.“
D’Arigo: „Ja, und es ist mir unbegreiflich, daß sie unter den Dogmen des Christentums fehlt.“
Lauda: „Sie fehlt nicht ganz, Fegfeuer, Hölle, Paradies bringen denselben Gedanken zum Ausdruck; nur die indische Fassung fehlt, weil das Hauptgewicht ganz auf das Jenseits gelegt wurde. Sie dürfen ruhig sagen, daß Sie gläubiger Christ im Schulsinn sind, Anschaulichkeitsmensch durch und durch, jeder philosophischen Differenzierung bar, Anthropomorphist durch und durch — wenn ich Wortspiele machen wollte, würde ich sagen Anthropomorphinist, es gäbe einen Sinn.“
D’Arigo: „Worin bestände philosophisches Denken, wenn nicht in demütiger Beschäftigung mit den höchsten Fragen?“
Lauda: „Ich könnte antworten: in dem Ausscheiden der Demut, denn Fragen stellen heißt undemütig sein; ich sage besser: in dem Versuch, das, was Sie Gott, Seele, moralischen Sinn des Ganzen nennen, als Anschauungsformen Ihres Ich, genauer Ihrer Grundanschauungsform, der Kausalität, zu erklären. Gott, Seele, moralischer Sinn sind Varianten der Kausalität, es sind Projektionen der Logik, der Teleologie. Sie sprechen von der Unsterblichkeit des Ich, der persönlichen Seele; für mich sind diese Worte unerträglich an Banalität, sentimentalische Eifrigkeiten.
Sie legen zu großen Wert auf den Begriff Eigenschaft, Seele ist philosophisch betrachtet eigenschaftslos, in allen lebenden Wesen gleich, unindividuell. Eigenschaften sind Phänomene der gestalteten Welt, der Sphäre des Geschehens oder der Manifestation, Akzidenzien sekundärer Art, Resultate des Aufbaus von Organismen. Es ist vielleicht nicht richtig, zu sagen, daß mit dem Zerfall des Organismus die Eigenschaften erlöschen, sie können latent in den kleinsten Zellen weiterbestehn, so daß Vererbung nicht an den elterlichen Organismus gebunden wäre; aber nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob, was Sie persönliche Eigenschaften eines Ich nennen, eine grobe oder feine, gute oder egoistische Art des Handelns, eine bestimmte Tendenz des Denkens, die Ihnen eigentümlich ist, wie Farbe und Geruch der Pflanze — es kommt darauf an, ob man von diesen Eigenschaften annehmen kann, daß sie ursprünglich sind oder im Verlauf der Differenzierung entstanden, anders ausgedrückt, ob sie in der absoluten Sphäre existieren. In ihr löst sich mir alles in Vitalität, Dynamisch-Primäres auf, und Unsterblichkeit wird selbstverständlich, Individualität aber ohne Sinn, denn Sinn hätte ja nur ihre Bewahrung mit Haut und Haar, den Lastern und der erreichten Erkenntniskraft. Der Naturwissenschaftler, der von Erhaltung der Energie sprach, war der Wahrheit näher als Sie Christ, der seine Zeitlichkeit retten will.
Ihrem Glauben an Seelenwandrung kann ich nur ein Zugeständnis machen: es wäre denkbar, daß auch nach Auflösung eines Organismus, zum Beispiel Mensch, die Zellenkerne, als eigentliche Träger der reizbaren Energie, von seiner Individualität imprägniert blieben — gleichsam kleine ausgesetzte Minen mit eingestelltem Zünder, mit einem Vorzeichen geschlüsselt, Zellen, die ihr Erlebnis hatten; sie würden milliardenfach von den Späteren auf dem Nahrungsweg verschlungen und wären an dieselbe Bedingung wie etwa krankheitserregende Bazillen gebunden, den günstigen Boden, Prädisposition zu finden: Zellenkerne des Plato sind unwirksam im Organismus des Cortez, wirksam in dem des Paracelsus. Voraussetzung wäre, daß diese Zellenkerne nicht durch Verdauung zerstört würden, das wird in der Tat behauptet. Sie also würden eine Art seelischer Wandrung ermöglichen, Erinnrung des Plato keimte in Paracelsus auf, wird weitergegeben an Kant, und Existenz wäre eine ewige Wiederholung von typischen Kernen, die in einer fernen Vorzeit ihre „Eigenschaft“ adoptiert hätten, wie Tiere und Pflanzen, heute im wesentlichen unverändert, früher einmal erste Eigenschaften annahmen. Aber diese Theorie ist wie eine Einlage in der Symphonie der monistischen Phänomenologie, und keine Stärkung Ihrer ethischen Seelenwandrung, die hilflos an ihrem Dualismus zugrunde ginge, wenn Sie klar dächten.“
D’Arigo nahm einen gelben Band, den Lauda nun schon kannte, und las:
Der Sinn den man ersinnen kann ist nicht der ewige Sinn. Der Name den man nennen kann ist nicht der ewige Name.
Lauda: „Wie dunkel muß die Weisheit Laotses sein, wenn so verschiedne Naturelle wie Puck und Sie sich auf ihn berufen. Aber was Puck ansteht, steht Ihnen nicht an. Lassen Sie mich alles rücksichtslos sagen: betrachte ich Sie, Ihre Herrengestalt, lasse ich die Schwingungen auf mich wirken, die von Ihrer hagren, verschloßnen Energie ausgehn, dann bedaure ich, daß Sie, geboren sich in allen Störungen der innren Rotation zu behaupten, das neue Erlebnis der Demut nicht organisch verarbeiten, nicht gleichsam dosieren, sondern alles Feste, Nervige durchsetzen und zersetzen lassen. Jeder neue Gedanke, der in uns aufkeimt, ist Störung und wird Wuchrung, wenn wir ihm nicht aus unsrer Gesundheit heraus Schutzstoffe entgegensetzen; verdünnen wir ihn nicht, vergiftet er uns. Es gibt eine geistige Schwängrung, der auch der Mann erliegt, es ist die Vergewaltigung durch die Seele; sie erfolgt immer dann, wenn in die Sphäre des Ich, des Einzelnen, die Vorstellung der andren oder der Totalität einbricht.
Sie sagen, ich sei nicht religiös. Ich verzichte nur darauf, das zu vereinigen, was sich nicht vereinigen läßt, die Sphäre des Ich und die der andren, oder die Sphäre des Geschehens und die des Absoluten, ich bewege mich in beiden, nacheinander, der Brückenlosigkeit bewußt, und bin so, Sucher des Zugleich und der Einheit, doch im praktischen Gebrauch reiner Dualist. Sie aber grenzen den Fremdkörper, der in Sie getreten ist, nicht ab — vielleicht ist er eine Frau, diejenige, die Sie porträtieren.“
D’Arigo begann die Figuren mit nassen Tüchern zu bedecken; symbolische Handlung, Bedeutung Laudas, daß Freundschaft nicht sein werde.
Sie gingen zusammen zur Stadt, vor einem Garten gab d’Arigo die Hand, sagte: „Leben Sie wohl, hier ist Sellos Atelier, ich werde erwartet.“
Absicht war deutlich, Lauda sagte ruhig: „Wenn es möglich ist, nehmen Sie mich mit, es ist erwünschte Gelegenheit, ihn kennen zu lernen.“
Sellos Statuen der triumphierenden Nacktheit schmückten Brunnen und Hallen, auch war er Liebling der Kunstzeitschriften.
Sello war bei der Arbeit; straff, mit geschloßnen Schenkeln, die Arme rückwärts gestreckt, damit die Kuppel des Bauchs, die Fanfare der Brust sieghafter sei, stand in Lebensgröße das Weib. Sie stand und schritt doch entgegen den Blicken, furchtlos vor Männern, Spitzen der Brüste gegen sie gerichtet; im archaisierten Blick letzte Erinnrung an junge Astarten.
Sello sagte: „Es ist mir etwas begegnet, wovon ich nicht weiß, ob es mich entzückt oder stutzig macht: dieses Geschöpf (er wies auf die Statue), Produkt der innren Energie, Überhöhung der Wirklichkeit, lebt, sie war heute morgen hier und stand neben der Figur, ihre Kopie. Sie wird mich zwingen, meinen Stil zu ändern, ich wäre nur noch Modellnachahmer. Es ist eine junge Tessinerin, im ersten Jahr der Hetäre, die wiedererstandne Renaissancekurtisane, von einer ältren Schwester begleitet, die sie einführte. Die Grenzen sind geschlossen, sonst wäre sie die Sensation Roms; statt mit jungen Fürsten lebt sie mit den Zürcher Kriegsjuden. Sie ist sich ihrer Karriere bewußt, erlaubt königlich, daß man sie La Putana nennt, als sei es der Name einer großen Schauspielerin.“
Sello, umgänglicher Mensch, lud Lauda ein zur Zunft; einmal in der Woche trafen sich die einheimischen Künstler in der Trinkstube einer historischen Hotellerie, darin seit den Tagen der Humanisten jeder Europareisende von Rang abgestiegen war. Sie waren trinkfreudiger als Literaten, Malerei war sinnlichres Handwerk, Malerei hielt die Berührung, mehr, die Verbindung mit Scholle Gebirge Landschaft aufrecht; Malerei verwies auch auf die bodenständige erste Derbheit der Erscheinungen — so war um jeden etwas von der Philosophie des ebenfalls mit der Realität verwachsnen Gottfried Keller, mannhafter Freisinn bäurischer Färbung, sozialen Instinkts.
Dazu kam nach Wahl ein Akzidenz fremdländischer Reizung, Italiensehnsucht wie bei Sello, vergnügte Erinnrung an Münchner Treiben, Pariser Aufenthalt. Man war bei aller Freiheit eingeordnet in seßhafte Wirklichkeit, fand Aufträge und konnte sich darauf verlassen, daß das Organ der öffentlichen Meinung, die große Zeitung der geistigen Hauptstadt, gewissenhaft von Zeit zu Zeit den Namen druckte, kurz man durfte ruhig wie der Steuerzahler am Nebentisch seinen Veltliner trinken, man war nicht mehr als er, man war gut demokratisch soviel wie er.
Für Stimmung solcher Existenz und des Gewordnen, das sich auf Erden einrichtet, war Lauda nicht unempfänglich, und Herzlichkeit der Aufnahme verpflichtete menschlich; aber daß künstlerisch hier das Geruhige galt, sie alle in überkommner Atmosphäre lebten, nicht eine neue bildeten, war klar. Hier war noch Farbenfreude, Lust an der Unerschöpflichkeit der sichtbaren Dinge; sie malten Spargel Engadinsee Kuh, und Duft stand höher im Wert als Auflösung in Geometrie, Renoir höher als die Mathematik Picassos. Irgendwie bestand Zusammenhang, grundsätzlicher, beleuchtender, zwischen der Behaglichkeit des Stammtischs und der Überlegung Sellos, ob sein Stil nun gefährdet sei, weil in der Realität ein Modell aufgetaucht war, das ihn zum Kopisten machte. Daß solcher Zufall möglich wurde, bewies, wie gering Umformung war, die er mit der Natur vornahm.
Und was war von der Antwort zu halten, die d’Arigo gab, als Sello sich anbot, ihm La Putana zu schicken, damit er ihren Akt studiere — die Antwort war, er dürfe sein Werk nicht gefährden. Lauda bekam Sehnsucht, die Jungen, andren zu sehn, in denen Revolte war gegen die dumme Existenz einer Malerei, die nun seit vierhundert Jahren sich in der Sphäre der Realität eingerichtet hatte, den Zugang zur absoluten nicht anders fand als durch die Dialektik, Abbildung der Erscheinung ziele auf das Absolute hin, gemaltes und gemeißeltes Geschöpf lobe Gott.
Nein, das war in mittelalterlicher Kunst gewesen, als Geschöpf noch nicht dualistisch Selbstzweck war, sondern nur Schmuck und Lobpreisung in den dem Schöpfer gebauten Räumen. Nie sah er unmittelbarer die Sinnlosigkeit einer Beschäftigung, die inmitten einer bürgerlich fronenden Welt Weiber in ein Atelier führte, um sie auszuziehn und zu malen — kein Unterschied auch, wenn andre die Staffelei in die Landschaft stellten, Schönheit von Weidenbaum und Wiese einzufangen. Das alles war tragisch irreligiös in dem Maß, wie es religiös zu sein behauptete, letzte Verbeugung der Zivilisation vor dem verlornen Elementaren.
Er verließ die Zunft und ging dorthin, wo man die Jungen traf, ins Kaffeehaus. Die in der Trinkstube mißachteten das Café, nannten es die Börse der Heimatlosen. Die Literaten blieben nichts schuldig, hießen sie ihrerseits Bürger — es lag dieser Feindschaft objektiv eine Tatsächlichkeit zugrund; gemeinsame Norm, an der sie sich beide maßen, war das Verhältnis zur Realität, als welche philosophisch Sphäre der Existenz, des Sichtbaren, Getrennten, praktisch Bürgerlichkeit, Bejahung, Wille zum Positiven hieß. Kein Zweifel, wo die größre Geistigkeit war: bei den Literaten; sie warfen doch wenigstens wie der religiös, grundsätzlich denkende Mensch die Frage nach dem Wert der Bejahung auf, erklärten die Sphäre der Tat mitsamt ihrer optimistischen Philosophie des Du sollst Dich regen und bürgerlich voranbringen, als problematisch — Antwort auf diese Frage war also nur bei ihnen zu erlangen, und wenn sie hundertmal Nichtstuer, in der Luft Schwebende waren, sie waren diejenigen, die den Mut hatten, das Prinzip des Geists dem der Tat radikal entgegenzustellen, und es war klar, daß, wenn nach dem Krieg die Revision aller Grundlagen begann, das Prinzip der reinen Intellektualität gleichberechtigt neben das des Positivismus treten würde.
Die braven Maler waren Leute des Kompromiß, die Literaten Radikale der Idee. Bei ihnen allein war eine Parallele zum System der Geometrie zu finden, die, von gewissen letzten Abstraktionen ausgehend, eine Welt der Statik und Konsequenz errichtete. Das Werk Picassos war eine solche Parallele: die ersten Konzeptionen waren ganz, wie der Bürger und die Kritiker sagten, künstlich, ohne Beziehung zu seelischen Nöten und Bedürfnissen, aber das künstliche Gebilde begann zu sprossen und zu blühn, alle Vitalität und Säfte ließen sich ihm zuführen, so daß es ein Kosmos wurde wie ein andrer; das verstanden in deutschen Ländern die Leute nicht, klagten befremdet, daß in dieser Kunst nichts von Trost für ihren Seelenhunger sei, nicht Anhalt für ihre Ehe- und Gottprobleme.
So falsch. Sie wollten in der Kunst noch einmal die gegenständliche Welt sehn, in der Meinung bestärkt werden, daß diese Sphäre für sie das Wichtigste sei, ohne zu erkennen, daß sie nur Projektion einer absolutren Sphäre war, nur Vorwand, um deren Gesetze, Proportionen, Stoß, Gegenstoß, Mischungsverhältnisse sichtbar zu machen: sie wußten nicht, daß das reale Geschöpf nur ein Kristallisationszentrum für dynamische Kräfte war — Ausgangspunkt jenes Grauens, das Lauda bisweilen angesichts der Rührigkeit und des Optimismus des menschlichen Treibens überfiel; denn das nur als Vorwand dienende Geschöpf, diese Hemmung, an der die absolute Kraft sich brach, differenzierte, Eigenschaften gewann, sichtbar wurde, neu sammelte, hielt sich für selbständige Individualität, baute sein innres Leben aus, sprach in groteskem Mißverständnis von einem Gott, der ihm gutgesinnt sei.
Der Abend war warm, Gang die Kais entlang zum Café schön, aber er spürte das Grauen in allen Haarspitzen, hörte das böse Lachen aus der Lüge der Schöpfung und verstand, daß in dieser neuen Kunst, die nicht mehr die äußre Erscheinung der Gegenstände, sondern ihre innren Rotationsfiguren darzustellen begann, so seltsam neben den ernst Arbeitenden die Höhnenden, Überdrüssigen, Verwerfenden auftraten — aus gemeinsamer Wurzel entsprang der Geist der Demut und der Dissonanz, der bejahten Kunst und der Ironie.
Er fand Lisbao und Puck, Miß Lilian und Hans in einen Kreis unbekannter Menschen, aber es ward ihm nicht erlaubt Platz zu nehmen, Puck ging ihm entgegen, sagte:
„Wir brechen auf, zwei Autos warten, kommen Sie mit, zum ersten Versammlungsabend aller Ungegenständlichen und zur Besichtigung ihres Ausstellungshauses, das kein andres als mein eignes ist.“
Das Haus war in dem einen Tag umgestaltet worden, nicht wiederzuerkennen. In jedem Zimmer lag ein Teppich, an jeder Wand hingen Bilder — nur dadurch möglich, wie Puck sagte, daß jeder Künstler seinen Teppich mitgebracht und seine Werke selbst aufgehängt hatte. Da die Ausstellungshallen verweigert worden waren, hatten die Maler Selbsthilfe beschlossen. Hans führte Lauda vor seine Arbeiten in Tusche, Holz und Wolle.
„Auf morgen,“ sagte er, „sind die Kritiker geladen. Sie werden vor meinen Stickerein feststellen, daß ich ein begabter Kunstgewerbler sei, denn sie werden zwar begreifen, daß man in Wollfäden nicht Zwerge und Häuschen sticke, sondern abstrakte Flächen und Wertverhältnisse, aber sie werden nicht fühlen, warum ich das für höher als Malerei achte, für reiner. Denken Sie sich diese Komposition hier, die gleichnishalber wie ein Querschnitt durch die innren Organe, ihre Aufeinander- und Nebeneinanderlagrung ist, in Öl: es wäre zu direkt, die Farbe zu brutal, es wäre der wirkliche Querschnitt durch die geöffnete Bauchhöhle. Dadurch, daß ich die Farbe an ein Material binde, vergeistige ich sie, rücke sie hinaus; in uns, in mir wenigstens, ist eine Abneigung gegen die Heftigkeit der Farbe, ihre triumphierende, vergewaltigende Sinnlichkeit.“
„Mir ist es verständlich,“ antwortete Lauda, „vorhin, als ich zu Ihnen ging, dachte ich, daß die Energie, um sichtbar zu werden, Materie braucht, Materie ihr Kristallisationspunkt ist; Sie fügen eine neue Phase hinzu: daß, zum zweitenmal vollzogen, die Materialisation die Energie vergeistigt; die von der Materie auf den Künstler ausstrahlende Energie bedarf abermals der Kristallisation, Kunst ist durch zwei Instanzen von der primären Energie entfernt, Phantasie ist also Brechung und Hemmung, ein Widerstand — wessen? Offenbar des Individuums, des von der Totalität Getrennten, gegen die Totalität. Das erlaubt mir, die oft erhobne Forderung der Suveränität zu begründen und zugleich festzustellen, an welchem Punkt sie kunstfeindlich wird: wenn der Widerstand andauert, nicht nur dazu dient, die Materie prismatisch zu zersetzen; Suveränität ist also der durchgeführte Widerstand des Individuums gegen die Totalität, Kunst nur der kurzfristige.“
„Wir sollen nicht dauernd widerstehn,“ sagte Hans mit einer Herzenshöflichkeit, die aus dem Gefühl geistiger Begegnung kam, und Lauda empfand: mit ihm wird Freundschaft möglich sein, Ablehnung d’Arigos ward hier Milde.
Sie traten vor eine Tuschzeichnung Hans’. Lauda sagte:
„Durch Ihre von Lisbao vorgelesnen Gedichte bin ich dem Verständnis näher. Es ist eine phantastische Ballade, Märchenelemente darin, die Totenbarke Dantes oder die Versammlung der Bremer Stadtmusikanten; es steht frei, Marhaftes und Tierhaftes anklingen zu fühlen.“
„Ja, es ist der Niederschlag der Stimmung eines bestimmten Tags. Man kommt nach Hause; Erinnrung an Wald, Spuk, Barke im Licht, Gespanntes in sich und andren, Quälen, Gutzueinandersein zieht noch einmal aus dem innren Schacht, gleichzeitig, nebelhafter Schwaden abgeschiedner Gespenster: hier sind sie, in Schwarz gebannt, unmateriell, unaufdringlich; nicht Unterschrift und Legende darunter, sondern dem Beschauer überlassen, sie nach seinen eignen Erlebnissen auszulegen; denn auch diese, seine Erlebnisse, reduzieren sich auf Spannung, Härte, Weichheit, Atomverbindungen des Temperaments.“
„Wissen Sie auch,“ antwortete Lauda, „daß das, was Sie eben sagten, dazu nötigt, mit dem Begriff abstrakte Kunst vorsichtig zu sein? Sie geben den Niederschlag Ihrer Stimmung, Ihres Temperaments, in ihrem Fall eines unheftigen, pflanzenhaften, weichen Temperaments, Sie sind also nicht radikal abstrakt im philosophischen Sinn, denn dann wären Sie ganz unsinnlich, sondern nur mild sinnlich, annähernd abstrakt im anschaulichen Sinn eben der Kunst. Sie geben nicht reine Geometrie, sondern nur gereinigtes Gefühl wie im Lied des Musikers. Es ist aber theoretisch denkbar, daß ein Künstler auf die Stimmung verzichtet und nur Geometrie darstellt, er würde die Farbe, die Sie ja auch haben, ganz meiden, nur Linien gelten lassen, und sie wären nur noch die Verbindung von Punkten, durch Gerade oder Kurve.“
„Es ist nicht nur theoretisch denkbar, es hängt praktisch hier,“ sagte Hans lächelnd und führte ihn vor die Zeichnungen eines Hispanofranzosen. Es waren Querschnitte durch imaginäre Maschinen, die Kurve eines Beckens endete in einem Läutwerk, Bleigefäß mit Spirale, und um sich verständlich zu machen, hatte er gleichgültig oder herausfordernd längs der Kurve geschrieben: vagin brillant, schlüpfrige Scheide.
„Warum zeichnet er noch überhaupt, warum verzichtet er nicht? Er hat die Grenze der Kunst überschritten, muß Zyniker oder ganz Müder sein.“
„Sie erraten ihn gut, er spricht mit grenzenloser Gleichgültigkeit von Kunst, schleppt heute sein einst hart angreifendes Temperament müde durch die Welt, ein reisender Mylord, der zu träge ist, zu gehn, er nimmt eine Kutsche am Bahnhof, wenn das Hotel gegenüber liegt.“
Lauda: „Warum zeichnet er also noch?“
Hans: „Letzte Zuneigung, auch wenn er höhnt, letzte Illusion einer Beschäftigung, ich weiß es nicht, nur erträglich, weil wir frühere Sachen von ihm kennen, die ihn als Berufnen der Farbe auswiesen.“
Lauda: „Alle Künstler des Abstrakten werden diesen Weg sich öffnen sehn, der aus der Kunst führt. Sie werden more geometrico auf das Religiöse stoßen und den Pessimismus des Religiösen. Wer bis zum Religiösen vorstößt, wird unbrauchbar für die Sphäre der Realität, wo alles einzeln, von seinem Bruder getrennt ist; ich weiß heute, daß das es war, was mich der Existenz als Künstler entfremdete. Für mich steht abstrakte Kunst mit der gegenständlichen in der Sphäre des Anschaulichen; beide zielen auf das Primäre in den Erscheinungen, sie erreichen es nicht. Kunst, in welcher Gestalt sie auch auftritt, ist nicht vollendete Geistigkeit, nur angewandte; sie ist immer Veranschaulichung. Ist wirklich der Unterschied zwischen einem Maler, der unter Beibehaltung der menschlichen Gestalt einen in Farben rotierenden Organismus zusammensetzt, und dem, der ohne diese Beibehaltung Farbenwerte ausbreitet, so groß, daß er grundsätzlich wäre? Nein. Der Unterschied besteht nur darin, daß jener verführt wird, die Gestalt als Selbstzweck zu wollen und zu vergessen, daß sie bloß Kristallisationspunkt, Hemmung, Widerstand ist, und daß dieser dem Absoluten näher kommt, der Vorstoß in die Sphäre des Primären deutlicher, also die religiöse Ahnung unmittelbarer wird. Der vollkommen religiöse Zustand aber wäre passiv, buddhistisch — Kunst unterscheidet sich von Religion durch ihren Gehalt an Aktivität, Kunst ist Wille, Religion ist Sein, Kunst ist optimistisch, wie alle Tat optimistisch ist, Religion ist pessimistisch, Rückkehr zur unpersönlichen Totalität.“
Hans: „Daß Religion pessimistisch sei, ist meinem Gefühl unerwartete Behauptung. Meine Stimmung der Welt gegenüber ist religiös, aber sie ist gerade darum duldsam, nachsichtig, von einem aus Komik und Liebe gemischten Mitfühlen, voll des Wunschs, daß jeder der kleinen oder großen Narren seinen Willen habe.“
Lauda: „Wie sehr bestätigen Sie mit diesen Worten meine eignen. Mitleid, Komik, Duldsamkeit sind Ausstrahlungen des Pessimistischen, gemildert durch das Jasagen, das sich mit der Tatsache, daß wir nun einmal existieren, abfindet. Ihre Stimmung ist also eine Mischung — ich fälle die Mischungsteile und erhalte als den primären Teil: das Nein.“
Hans: „Ich will Ihnen einen andren unsrer Maler zeigen, den religiösesten, in dem die Sehnsucht nach Gott so wenig pessimistisch ist, daß sie sich ganz mit Ethik, Gutsein identifiziert; er ist nah daran, an den persönlichen Teufel als das Prinzip des Bösen zu glauben, und quält sich in von uns allen nur geahnten Kämpfen, ihn durch Zucht des Willens zu überwinden — er ist in die Netze der Christian Society geraten und spricht wie ein Buddhist davon, daß es keine Krankheit gebe, wenn man den Willen zum Guten nur so steigre, daß er sie besiegt. Als sein Bruder neulich, abgestürzt und zerschmettert, auf den Tod lag, beschwor er den Ohnmächtigen, seine Lebensgeister zusammenzuraffen, und raufte in biblischer Verzweiflung die strähnigen Indianerhaare, weil seine eigne Kraft nicht groß genug war, den Sterbenden der Lockung des Tods zu entreißen.“
Lauda: „Erscheint Ihnen das als Widerspruch? Das Verständnis stellt sich ein, wenn Sie von seinem Glauben an den Dämon Teufel ausgehn. Der Wille zum Ja symbolisiert in ihm das pessimistische Grundgefühl, kämpft gegen es an, und der Glaube an das Gute ist nichts als ein diktatorischer Versuch, das Ja stärker als das Nein sein zu lassen. Außerdem sind Güte, Mitleid, Duldsamkeit ein Ausweg, um sich trotz des Wissens um die Sinnlosigkeit des Geschehns in der Sphäre des Geschehns einzurichten, sie sind die suveränste Leistung des ausgesetzten Geschöpfs — fast gelingt es ihm, sich von seiner tragischen Hilflosigkeit frei zu machen; sie sind rührende Illusion, die über die Grausamkeit des Existierenmüssens hinwegtäuscht.“
Sie traten vor die Bilder dieses Malers, da winkte Hans Obrecht selbst herbei — gleich wesentlich der Eindruck des Menschen und des Werks. Er war bäurisch, in einem andren Sinn als die Genossen jener Zunft, mit der Materie verbunden durch Heiligung; Fron in ihrem Dienst war auferlegte Last Gottes, Sphäre des Schweren und Sündigen durch Denken und Demut zu überwinden; er sah auf den ersten Augenblick alt aus, das Gesicht in Rinnen zum Mund komponiert, der nicht die Schwingung der Frohen noch der Sinnlichen hatte; Böswilliger konnte sagen, es sei ein Karpfenmund, und es hätte nichts besagt.
In den Bildern viele franziskanische Farben, Gold, Weiß und Braun. Als Längsachse eine weibliche Figur auf der Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Zersetzung; ein Verzauberter konnte so träumen, daß ein lebendes Geschöpf vor ihm in seine Elemente zurückzuwachsen begann, und die Elemente waren bausteinhafte Quadrate. Haube der Madonna wurde zum Rundbogen, aufgeteilt in Schrägsteine einer Rustica; dieses Prinzip übertrug sich auf die ganze Ebne des Bilds und zerlegte sie in eine Summe von Vierecken, deren jedes wieder eine grathafte Mittelachse herauszutreiben begann: die Kristallisationsachse, die Widerstandslinie, an der sich Licht brach und Farbe wurde, Eigenschaft annahm — gleichzeitige Wiedergeburt der Energie in vielen Feldern und Vergeistigung von Licht und Farbe, wenn Vergeistigung Einschaltung eines Widerstands bedeutete. Großer Eindruck von Heiligung der Farbe, des zu Sinnlichen, brünstige Glut der Farbe in demütige Glut verwandelt. Lauda sagte:
„Ich fühle, Herr Obrecht, nachdem ich abtrünnig war, langsam, unmerklich Lust zu eigner Arbeit, Lockung des eignen Könnens wieder nahn, Ihre Bilder sind wie neue Ermutigung, daß es möglich ist, mit dem Mittel der Anschaulichkeit eine Stufe der fast vollendeten Anschauung zu erreichen — jenes Fast und Beinahe, das den Ehrlichen genug sein wird.“
Es bot ihm Obrecht eine Madonna zum Geschenk; zwischen zwei der Aufteilungsfelder gebrochen stand Neumondsichel in einem gründurchhauchten Blau, in das ein Matt stieg wie Nebel aus einer Sommernacht; Körper der Frau wie durch zwei Spiegel gesehn, so fern.
Sie gingen weiter; ein andrer hatte ein Gebilde gemalt, wie wenn man aus dem photographierten Meßwerk des Sternenhimmels ein Stück Milchstraße vergrößert hätte und dieses Stück Himmel wäre der durchs Mikroskop gesehne Querschnitt durch die Rotation eines Pflanzenleibs gewesen — Mondkraterlandschaft als Blütenreigen gedeutet, Scheibenbild von vergrößerten Blutkörperchen, den schwingenden Zellchen, den kreisenden Tierchen: wo war der Unterschied zwischen Blume, Tier, Mond, Sternenmeer? So nahliegend, den Querschnitt durch einen Baumstamm, einen Stein ergänzend heranzuziehn, so selbstverständlich.
Und es hatte ein andrer, die Wand zweiteilend, neben Photographien von Schmetterlings-, Käfer-, Seesternornamenten die eignen Variationen dieser Rhythmen gehängt: er lehrte Lauda die Ornamente der Natur lesen. Folgendermaßen erklärte er den Schmuck eines Schmetterlingsflügels:
„Links unten sind in zehn wagrechten Parallelen gewellte Linien: der Stoß, der Satz im musikalischen Sinn. Er endet in einem senkrechten Strich, der Zäsur. Von rechts oben kommend, eine verworfne Scholle, dasselbe System: der Gegensatz. Zwischen beide eingeschlossen eine Variation der in jenen Wellen enthaltnen Themen, nämlich der Kurve, des Kreises, der Geraden, als Schema von kleinen Kugeln, die durch Stangen verbunden sind: das ist die Fuge. Links oben eine tiefschwarz nächtliche Partie, konturlos wie Öffnung einer Höhle: die Antithese des Gestalteten, der Kontrapunkt des Ja. Und nun das Tiefste: da wo die Fuge an den zweiten Satz stößt, ein vereinzelter roter Fleck, der deutlich gesetzte Akzent, die Dissonanz und doch Zentrum der Mathematik des Ganzen. Was ist das alles? Eine Kunstform der Natur? Richtiges und nichtssagendes Wort. Es ist die Manifestation der innren Energiegesetze, Abbild der rasenden Seismographie, des in die Existenzschießens, der Hemmungen, Abreagierungen (Kurve, die Grundfigur der Natur). Wer die Geburt der Kräfte, die Rhythmik des Bluts, das Geheimnis des Wachsens studieren will — hier ist sein Objekt. Mir gab die Beobachtung dieser Rhythmen den Mut, meine eignen nach meinem Naturell zu zeichnen, die Isobaren meiner Erregung, die Wetterkarte meines Tags.“
Doch waren diese Seelenkarten maßvolle Variation der studierten Natur, und dieses Temperament fand Genüge in der kunstgewerblichen Anwendung; es hingen Beutel, standen Gläser, Töpfe. Anders ter Brink, der Holländer; er hatte ohne Studium der Natur die gleichen Grundgesetze von Satz und Fuge gefunden, und die Pädagogik kam aus ihm selbst: als fanatische Pedanterie sich äußernd. Lauda sah einen ausgehöhlten Mensch, der in zwei Jahren Bergeinsamkeit sein Gehirn zuschanden gegrübelt hatte, um als Beckmesser der neuen Kunst die Tafeln und Weisen zu hüten, aufrechterhalten von der fixen Idee, in seiner Mappe die Kompositionslehre der Zukunft zu tragen und berufen zu sein, den Zeichenunterricht der Schulen umzugestalten. Dieser war der erste, der auf der Ausschau nach einem Mittel, das ihm die pädagogische Macht in die Hand spielen konnte, auf die Diktatur des Proletariats rechnete: dann würde er als roter Kultusminister die Säle mit den Gipsmodellen zertrümmern und die abstrakte Kunst als Staatskunst einführen. Stellt euch mit mir gut, scherzte er — es war wenig Scherz darin, er sandte lauernde Blicke und notierte jakobinisch Gegnerschaft. Er war früher recht und schlecht Maler gewesen, Landschaft abwandernd, und damals hatte er eine Frau genommen und in einem nicht zu schlimmen Reisezigeunertum gelebt. Als der neue Geist über ihn gekommen war, quälte er die kleine Frau, vorwerfend, sie erkenne seine Messiassendung nicht genug. Sie kam weinend zu Freunden, ohnmächtig, weil er es für nichts erachtete, daß sie sich mit dem Verlust der Einnahmen abfand und mit ihm hungerte. Hunger war ihm die Wollust des Märtyrers, Stigma seiner Größe.
Um die Frau willenlos zu machen, ihr die zitternden Nerven der Empfänglichkeit zu geben, die anzubeten bereit ist, setzte er vor ihren Augen den Revolver an die Schläfe, sprang dann die Treppe hinauf, um im abgeschloßnen Stockwerk über ihrem Kopf stundenlang auf- und abzugehn, bisweilen stehnbleibend und den Hahn der Waffe knackend — sie wand sich unten in Angst; danach kam er blöde lächelnd wieder zum Vorschein und ließ sich streicheln. Der Hunger trieb ihn wie ein Tier im Winter vom Dorf hinunter, die Frau ging zum Konsulat, er nach Zürich, in Nachtkaffees Klavier zu spielen; Biographie Leid von Künstlers Erdenwallen, falscher Strindberg ganz. In Lauda entstand beim Anblick des Überwachten Abwehr, wie in einem Europäer, der in chinesischen Spelunken einen aufgegebnen Weißen sieht; harte Empfindung, doch ganz elementar: man hat kein Recht zum Leid, wenn man unzulänglich ist, sich darin spreizt. Leid ist Vorrecht derer, die die unpersönliche Demut haben, Reinigung erleben werden.
Im letzten Zimmer hingen die Gipsreliefs eines Rumänen. Sie waren bestimmt, als Fläche in die Fläche einer Wand eingemauert zu werden, Überwindung des törichten plastischen Schmucks, der sich aus der Mutterebene gelöst hat und stolz selbständig geworden ist, Überwindung des Angeklebten, Daraufgestellten, Aufgehängten: es kehrte einer zur Einheitlichkeit der alten Kunstvölker zurück, die noch nicht dualistisch Bau und Schmuck zerrissen. Unnötig zu sagen, daß auch diese Reliefs nicht schon existierende Körper noch einmal verwandten (Definition von Schmuck, dem schlimmen Wort), sondern aus der Idee der Fläche der Fläche entsprechende Motive gestalteten, ausstrahlende Linien, das Spiel von Kante und Schatten darunter. Es gab der, der die Schmetterlingsflügel photographiert hatte, die grundsätzliche Erklärung, er sagte:
„Der Mensch versteht den Sinn des Ornaments nicht mehr. Niemals in der Natur werden Sie finden, daß irgendein Geschöpf, Tier, Pflanze oder Stein, die Gestalt eines andren bestehenden Geschöpfs als Schmuckmotiv verwendet, der Schmetterling ein Blümchen oder gar den Zwerg — das tut nur der Mensch auf seinen Lampenschirmen. Das für sich abgeschloßne Geschöpf kommt als Motiv nicht in Betracht, denn es ist andrer Art; jedes Geschöpf findet seinen Schmuck aus sich selbst, das heißt aus seiner körperlichen Form; ist sie ein Kegel etwa, wie man sie am Seestrand findet, laufen von der Spitze zum Kreis der Basis Rillen, seien sie punktiert, seien sie zwei parallele Linien. Europäische Kunst von heute ist unorganisch, das ist ihre Lüge. Der Maler, der die Kuh malt, der Plastiker, der die Nymphe meißelt, ist so Pfuscher, wie es ein Schmetterling wäre, der auf seine Flügel Putten setzte.“
Puck sagte: „Ich kann Ihnen die Bestätigung vor Augen führen, sie liegt in meinem Hof.“
Man ging hinaus, er richtete das Licht einer Taschenlampe auf Holzstämme, die auf die Säge warteten, und wies eine Stelle, wo die Rinde gelöst war. Man sah die Gänge, die der Borkenkäfer zwischen Stamm und Rinde gebohrt hatte, sie waren eingegraben in Stamm und Rinde. Rillchen lag neben Rillchen, zitternd gewellte Parallelen, durch Querstückchen miteinander verbunden — das war das einzelne Feld. Feld stand mit Feld durch Hauptgänge in Beziehung, Hauptgänge strahlten in den Mittelpunkt. Entscheidend aber wurde, daß als Ganzes genommen dieses Rillensystem nichts andres war als der Längsschnitt durch die Ebne des Käfers selbst, so geschlossen und rund wie das Wappen eines Heraldikers — das Tier hatte sich selbst reproduziert, der Idee nach, als Gerüst sowohl wie als innre Anatomie.
„Gut,“ sagte Puck, „wir ziehn unsre Berechtigung aus der Natur selbst, und wenn wir so praktisch demonstrieren, können wir das Publikum überzeugen. Dürfen wir das Geheimnis verraten? Wir würden zu neuen Naturalisten werden. Meine Herren, ich stelle in uns auch noch einen andren Trieb fest, einen diesem Jasagen, diesem realistischen Ernst entgegengesetzten. Wir wollen eine Diskussion eröffnen, ich will nicht verschweigen, daß in einigen unter uns eine Opposition gegen die Religiösen besteht, wenn wir religiös Obrecht, Hans und die den Kunstformen der Natur Anhängenden nennen.“
Wieder im Haus, stehend vor den Sitzenden, entwickelte er:
„Laßt uns die Kräfte überschaun, die uns zu Gebot stehn. Vorfahren sind deutsche Romantiker und Pariser Bohemiens, die einen erfanden die romantische Ironie, Aufhebung des Ernsts, die andren das Den-Bourgeois-Ärgern. Beides bleibt zu benutzen, ist nicht genug. Gegner ist die Realität, der Bürger; wir können ihn nur schlagen, wenn wir ihn mit seiner eignen wundervoll zum Existenzkampf ausgebildeten Waffe bekämpfen, der Organisation, auf die er so stolz ist. Auch denkt er bereits in Kontinenten, erdballkosmisch, international. Organisieren wir den Welthumor, schärfren, höhnenderen als den alten. An zehn Stellen muß die Bewegung auftauchen — Ansätze sind ja da — und in einem Gewand auftreten, daß er sie für ernst nimmt. Wir suchen ihn in seinem Lager auf, benutzen seine Publikationswege, Zeitung Reklame Prospekt und Straße, sie alle ad absurdum führend, ohne daß er es merkt. Fortwährend durch selbstverfaßte Notizen in den Blättern stehn, den Nobelpreis für uns verlangen, wenn er fällig wird, die eigne Todesanzeige in die Zeitung setzen und sie behaglich im Morgenblatt lesen, um acht Uhr früh Extrablätter der „Neuen Zürcher Zeitung“ herausgeben, daß Japan und Mexiko auf die deutsche Seite getreten seien, und um neun die Kursbeßrung ausnutzen, das heilige Vertrauen der Bürger in die Presse stören, gefährlich sein, das Tamtam der Heilsarmee an etwas wenden, was der Nachhilfe gar nicht bedarf, weil es schon in allen Köpfen sitzt; ein nicht existierendes Genie durch tägliche Bulletins berühmt machen; die Sensationslust der Menge wie ein Geschäftsmann gewordner Psychoanalytiker berechnen und, ist der Fisch an der Angel, ihm die Schuppen der Überzeugungen vom lebendigen Leib ziehn.“
Obrecht erhob sich, sagte schwer:
„Ich bin kein Redner, man soll das Wort sparen für heilige Dinge, das Wort kommt vom Geist. Sprudelt es hervor wie bei Doktor Puck, lachend zu tanzen, kommt es vom Bösen. Wir sind Künstler, das sind Suchende, Hüter und Heger des Anvertrauten. Wir malen anders als Rembrandt und Delacroix, sind sie darum weniger als wir? Ich nenne sie Brüder.“
Lisbao erregt zu ihm: „Sie malen besser als Sie philosophieren, warum philosophieren Sie? Sie machen Kunst zu einer sozialen Angelegenheit, es fehlt nicht viel, so definieren Sie sie als Hilfe, die wir den andren bringen. Kunst ist die asozialste Angelegenheit, die egoistischste, die es gibt, Traum des Ego in der Höhle der Individualität von sich selbst. Kunst treiben und den andren verekeln, sie treiben und vor sich selbst verekeln, anders ist sie nicht erträglich.“
Der letzte, den Lauda nicht kannte, stand auf und sagte kühl:
„Warum also, Freund Lisbao, sie überhaupt noch treiben? Aus Paradoxie, Abneigung gegen Konsequenz? Ich schlage in diesem Fall doch vor, logisch zu sein und nicht mehr zu dichten und zu malen. Sie sehn in mir den, der mit dem Ehrgeiz begann, schrieb, wirkte, las und stritt, an einem schönen Tag das große Manuskript verbrannte, seither anonymer Gentleman, der ruhig durch die Leute geht und seine Freude an ihrer Dummheit hat, klar, bestimmt, gepflegter Egoist. Laotse ist mir nicht nötig, ich forme mein Brevier mir selbst.“
Er hieß Siriwan. Bei seinen ersten Sätzen glaubte Lauda sich selbst zu hören, und dieser ward ihm wie ein hingehaltner Spiegel, sich zu sehn. Der Gentleman als Variation der sich selbst genügenden Weisheit, der geringste Einschlag von Religiosität oder Aktivität mit höflicher Bestimmtheit abgelehnt, seltsam, wo die Durchbrüche des Geists mündeten; auf jeden wartete eine schon längst gestaltete, banale Form. Causeur mit Frack und Orchidee, war das sein, Laudas, Ergebnis? Ihm war, als habe er den äußersten Punkt erreicht, Fuß halte zögernd an, für Umschlag sei die Zeit gekommen.
Der Rest des Abends war lärmende Diskussion, es sprach ein jeder von sich selbst. Ideen der andren lösten die eignen, und von allgemein gültigen Gesetzen redend, setzte man als Norm ausschließlich sich. Hans, der ihn nach Haus begleitete, sagte:
„Immer wenn ich wie eben Zeuge theoretischer Gespräche bin, denke ich an Wiesen, auf denen Tiere weiden, jedes ruhig, schweigsam, eine Tatsächlichkeit, und ketzerische Gedanken steigen auf, welch ein besondres Tier der Mensch sei: als wäre er verdammt, zwischen den Typen zu weilen, nicht fest, nicht flüssig, ohne endgültigen Aggregatzustand; als ob ein Dämon Rache an ihm genommen, Strafe auf ihn gelegt hätte. Warum sind wir nicht wie die Tiere — weil wir denken? Also ist Denken Zersetzung, Krankheit, Verlust der Sicherheit? Es gibt viele, die sicher scheinen, aber dieses Nichtschwanken ist Erstarrung, und es ist nicht absoluter Natur, sondern bürgerlicher: Macht der Verhältnisse. Ich verstehe Obrecht, den ich liebe, aber ich verstehe auch Lisbao, den Empörer, und selbst Siriwan, der das Bequemste gewählt hat, Zuschauer mit dem scharfen Auge zu sein. Ekstase ist Dämonie, müssen wir dämonisch sein? Ich wäre so gern kindlich; kindliche Dämonie finde ich wunderbar; vor den dunklen Sturm, der aus uns weht, eine Sourdine der Milde setzen oder eine kleine Maschine aus dünnem Stoff, farbigem Papier, die nun zu fächeln und zu glühn beginnt. Stolz der andren, heftig zu sein, ist so fern.“
Lauda dachte an Siriwan, fragte Hans, was er von ihm wisse; Hans sagte:
„Man weiß nichts von ihm. Fragen nach seiner Nationalität beantwortet er mit einem gut pointierten Scherz. So kommt es, daß diejenigen, die sich für solche Realitäten interessieren, allerlei Vermutungen haben, weshalb er nicht dient. Er geht durch alle Kreise; so kommt es, daß der eine, dem er im Hotel in Gesellschaft begegnete, ihn einen schlanken Diplomaten nennt, Freund bürgerlicher Damen oder aristokratischer; der andre, der ihn nachts um zwei Uhr in einer verrufnen Schenke sitzen sah, von ihm als jemand spricht, der den Straßenmädchen Geld abnimmt — Cafégeschwätz, Legendenrankung um die Maske, die Siriwan trägt. Er hat ihrer ein halbes Dutzend, es sind seine Gesichter.“
„Das alles,“ sagte Lauda, „klingt merkwürdig literarisch; man sucht in der Erinnrung, in welchem Stück man dem Gentleman begegnet ist, der durch alle Kreise geht und Masken trägt — es war die kitschige Symbolisierung der tiefen Wahrheit, daß wir Gesichter tragen, um ein Gesicht zu haben, und der noch tiefren, daß wir in verschiednen Gestalten leben müssen, um einigermaßen dem Wirrwarr unsrer Wünsche und Auffassungen gerecht zu werden. Was aber spielt sich dahinter ab, im Zentrum dieses Menschen? Ist sein Denken schmerzlich oder nur obenhin? Ist seine Abneigung gegen Kunst, Reden, Tat geistige Haltung, Mittel naiv zu bleiben und sich Illusion zu wahren? Beruht sie auf einer Energieleistung, denn den Widerstand durchführen, ist eine Leistung, und ihr Sinn kann heißen: es darf sich nicht hingeben, wer sich behaupten will. Wer aber mitdenken, mitleben, mitfühlen will, muß sich öffnen, unlöslicher Widerspruch. Wie löst man ihn annähernd? Durch Nacheinander, durch Rückkehr aus dem femininen Stadium in das männliche, durch Kampf um die Selbstbehauptung, nicht durch ihre Proklamation. Deshalb ist der Gentleman im geistigen Bereich so verdächtig, er wird Systematiker und kalter Verneiner. Es ergibt sich: Aufhebung ist eine Methode, nicht ein Dogma, und das entspricht ihrem Wesen — sie muß sich selbst aufheben. Man darf nicht die produktive Tätigkeit des Künstlers verwerfen, wenn man nicht selbst produktiv ist. Ich werde mit diesem verkehren, er ist mein Spiegel.“
In dieser Nacht blieb Lauda auf und nahm aus dem Koffer die seit zwei Jahren nicht mehr berührten Manuskripte. Legitimes Gefühl, zwei Jahre geschwiegen zu haben, reinlich wie Enthaltung vom Weib und stärkend wie sie.
Er las das Stück durch, dessen letzten Akt er damals abgebrochen hatte, und es strömte zu: Reichtum der Vorstellungen. Er nahm Platz, schrieb, und der Akt ward gehoben in die Sphäre des Jenseits. Nachdem ihm Geistigkeit zwei Jahre lang Zersetzung der in den Erscheinungen wirkenden Energien gewesen war, wurde sie Zusammenballung der Kraft. Ersparte Energie löste aus die verschwendende, vermehrt um den Willen zur Formung: gestaltete Energie. Gespräch mit Hans vor den Bildern hatte finden lassen, daß Kunst Energie ist, der Sphäre des manifestierten Willens angehört (Irrtum Schopenhauers). Phänomen der Anschaulichkeit, war sie von Anschauung getrennt durch die Aktivität.
Das war ihm keine neue Erkenntnis, wohl aber neue Fordrung. Also lag ihm nichts mehr daran, Anschauung erreicht zu haben? Es lag ihm nicht daran, in ihr zu verweilen — auch sie verlangte, aufgehoben zu werden, der Strom floß als Kurve in sich zurück. Entweder man sagte radikal zu allem, was sich in der Sphäre der Tat bewegte und vollzog, Nein und löschte sich aus Ekel oder Erkenntnis aus, oder man kehrte in diese Sphäre zurück, die die Arena des Einsatzes war. Nannte man Anschauung den religiösen Zustand, dann war Rückkehr zum Ja Abschwächung des Religiösen — Schicksal, das noch jede Religion erlitten hatte, als sie sich in der als Reich der Sünde und des Leids verworfnen Welt doch einzurichten begann.
Im Garten schwoll, von einem Augenblick zum andren, die Ekstase der den Morgen verkündenden Vögel auf. Er trat ans Fenster. Schwer starrten die Kronen, er empfand wieder die Düsterkeit des prangend Sinnlichen, Astarte in der Anadyomene des jungen Lichts, die nur Nordländern mit dem weißen Blut das Mädchen der knospenden Brüste war. Und als er den Gang zum See antrat, war Morgenrot über den Bergen nicht nur rosiges Erglühn — auch brennende Flamme. Gleichwohl — Glühn oder Glut, ob sie Mensch kosten oder fraßen, sie waren Fanfare des Ja, und Wind, ob er der Holden oder der Grausamen vorausging, war Kind des Morgens; wen er anwehte, ward stark, so froh, erfüllt mit dem Hunger nach Tat.
An der Seemauer stand ein Mädchen, wandte sich um, als die Schritte des Einsamen hallend herabkamen, erwartete ihn, sagte:
„Helfen Sie mir ein Boot lösen, fahren Sie mich hinaus.“
Er erkannte sie, nachdem er sie in Stein gesehn, und tat, was La Putana hieß. Auf dem See löste sie das Gewand, sprang in die Flut, schwamm, er tat ein Gleiches. Danach stand sie am Mast, furchtlos vor Männern, im ersten Strahl die Haut trocknend; das Wasser zerrann wie Öl auf wölbenden Flächen. Er sah in den Raum, das Leere, gestellt: die Form, das Bestimmte, den Akzent der Energie, das von Grenzen Umschloßne — Gefäß des Dämons Tat. Er sah im funkelnden Blick, der entzündeten Kohle, und in geschürzten Lippen: den Dämon Tat.