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Moriz

Moriz. Viertes Buch.

Reading edition

Erstes Kapitel. Extasen.

Sie drückte mich an ihren wallenden Busen und sprach mit dem ganzen Zauber der weiblichen Lippe, wenn sie von Mitleid überfließt, zu mir: ist Ihnen wieder wohl, lieber Graf?

Der süße Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innerstes, und ein heftiges Zittern, das mich wie Fieberschauer erschütterte, war die Folge dieser Anrede.

Und hätte ich auch reden wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Alle meine Empfindungen blieben nur halb empfunden, so Schlag auf Schlag durchkreutzte eine die andre, unterdrückte sie, und war von einer andern unterdrückt. Es war ein Zustand der Betäubung, wo ich vor lauter Gefühlen nichts fühlte, wo keines derselben dauernd genug war und Gewalt genug hatte, das eiserne Band meiner Zunge zu lösen.

»Sie antworten mir nicht?« sagte sie im Tone der Aengstlichkeit – »Ich will – ach! – ich muß rufen!«

Das Wort rufen erweckte mich wie aus einem tiefen Schlafe. Das Bewußtseyn meiner ganzen jetzigen Lage flog meiner Seele vorüber und schnell folgte die That dem Gedanken: ich umschloß sie mit dem ganzen gewaltigen Feuer der Liebe.

Und indem ich sie an mein lautpochendes Herz drückte, fühlte ich, wie ihr rechter Arm, der um meinen Nacken lag, drey- viermal zuckte, als wenn man plötzlich erschrickt, und daß dieser Arm in der nächsten Sekunde darauf, sanft auf meiner Schulter liegen blieb.

Sie sagte noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, ließ mich rasch los und that einen kurzen Schritt zurück. Nur ihre Linke hatte ich noch, und diese drückte ich an mein Herz, als ob ich sie in meine Brust hätte hineindrücken wollen.

»Ums Himmelswillen, sind Sies, oder« –

Die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Das »oder« war der Hauch eines sanften Flüsterns, welches die Stelle des Lautes einnimmt, in dem Momente, wo die Seele fühlt, daß die Zunge im Begrif ist entweder unschickliche oder beleidigende Dinge zu sagen: sie verwandelt mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls den Hauch, der einen lauten Ton geben sollte, in jenes Flüstern, das kaum hörbar über die Lippen säuselt.

In dem Augenblicke, wo ihre Seele den ersten Gedanken mit dem zweyten verdrung, trat sie mir auch wieder näher, drückte sie auch meine Hand wieder feuriger. Ich umschloß sie von neuem, sie mich – und so in eins, so innig verschlungen, brennende Wange an brennende Wange fest geheftet, beyde nur einen Herzschlag fühlend, beyde fast eins – sanken wir, in unnennbare Wonne aufgelöst, zurück. Ohne Bewußtseyn, lebendigtodt, und doch voll Kraft, fühllos, und doch bis aufs innerste Mark bewegt, brannte und fror ich, starb und erwacht' ich wechselsweise, bis endlich meine ganze Lebenskraft in einen Hauch zusammen schoß, und sich in einen Seufzer auflöste, der kaum stark genug war, den süßen Namen Malchen über meine bebende Lippen zu drängen. Mein Kopf glitt langsam von ihrem Busen herab, und ihre Rechte schob mich mit einem sanften Druck auf die Seite.

Zweytes Kapitel. Muth und Stärke.

Plötzlich sprang die Thür auf und Rahm stürzte mit Wallern herein. Malchen drückte das halb geschlossene Auge ganz zu, und blieb ohne Bewegung auf dem Bette liegen. Aber ich stand vor ihr, beyde Arme fest an den Leib gedrückt, alle ihre Muskeln so straff angespannt, als ich Eichbäume hätte entwurzeln wollen. Mein starrer Blick schoß von Waller auf Rahm, von Rahm auf Waller, und nur zuweilen von der Seite auf Malchen, die ich hülflos liegen ließ, mit dem wilden Gedanken, der Kampf zwischen uns dreyen werde sie zeitig genug aufschrecken.

Rahm trat ein paar Schritte näher, hob das Licht auf, das er in der Hand hielt, und sah mir ins Gesicht. Stumm und sprachlos vor Erstaunen und Wuth, setzte er das Licht auf den Tisch und hielt sich mit beyden Händen fest an demselben. Der Tisch zitterte und krachte, bald stärker, bald schwächer, so wie ein innerer gewaltiger Sturm Rahmen ergriff und erschütterte.

Waller ging todtenblaß und auf den Zehen um ihn herum. Bey jedem Schritte, den er that, knickten die Gelenke des Fußes, worauf er trat, hörbar. »O, mein armes Weib!« sagte er endlich, indem er den Kopf furchtsam nach dem Bette hinstreckte und sich mit beyden Händen fest an Rahmen hielt. Je näher sein Kopf auf mich zu kam, desto weiter rückte ihm meine festgeballte Faust entgegen. »Eher soll sie ewig schlafen, als durch dich erweckt werden!« dies war der einzige helle Gedanke, dessen ich mich während dieser wechselseitigen Pantomime erinnere.

Mit dem einen Auge hütete ich den Grafen, mit dem andern seinen Freund. Bey der kleinsten Bewegung, die dieser machte, spannten sich meine Muskeln unwillkührlich straffer an, und auf meine Füße trat ich so fest, als wollte ich mich in den Boden tief hineinpflanzen, um unerschütterlich zu stehen, wenn man mich angriffe.

Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser stummen Stellung blieben. Malchen regte sich endlich wieder, hüllte sich aber in eben dem Augenblicke mit einem: Ach Gott, was wird das werden! ins Kopfküssen. Ich konnte nur einen kleinen, flüchtigen Seitenblick auf sie, von Rahmen abmüßigen, aber durch alle meine Glieder schoß eine betäubende Hitze, die aus der Besorgniß entstand, sie möchte sich noch einmal regen und rufen; ich fühlte, daß mich der klagende Ton ihrer Stimme rührte, und auf einige Momente muthlos machte, darum wünschte ich, sie nicht mehr zu hören.

»O, helfen Sie doch!« rief der Graf, und sein Zittern erschütterte Rahmen, an den er sich immer noch fest hielt, und der Tisch, auf welchen sich dieser mit beyden flachen Händen gestützt hatte, zitterte und krachte. Rahm sah eine Zeitlang stumm vor sich hin, sodann schlug er die Augen auf und sah sich im Zimmer um, als ob er etwas suchte. Meine Blicke folgten den seinigen überall hin; wo sie ruhten, ruheten die meinigen; wandte er sie aber auf Malchen, so stellte ich mich ihnen entgegen – auch sehen sollte er mein Malchen nicht, auch nicht sehen! – Und angreifen? darauf stand Tod und Verderben.

Endlich verweilte sein Blick in der einen Ecke des Zimmers ein paar Augenblicke, und ich bemerkte, daß dort ein Degen stand. Sollte ich ihm zuvorkommen, und den Degen für mich nehmen? – Nein, durchaus nein! Denn unterdessen hätte sich der Graf dem Bette nähern können. Ich stand immer noch, wie in den Boden gewurzelt. Rahm riß sich von Wallern los, sprang nach dem Degen und faßte ihn, und plötzlich sah ich um mich und über mich, wie wenn der Boden unter mir einstürzte, und ich nun noch, um nicht zu versinken, mit verzweifelnder Aengstlichkeit nach etwas suchte, woran ich mich halten könnte. Die Schnelligkeit, womit ich dies that, leidet keine Vergleichung, und eben so wenig die gewaltsame Bewegung, die mich während dieser unsäglich kurzen Momente ergriff. Aber indem ich so nach Rettung um mich blickte, bemerkte ich ein Pistol neben mir über dem Bette. Sehen, fassen und spannen war eins!

»Sie ist geladen, um Gottes willen!« rief der Graf, indem er von weitem seine Hände nach mir ausstreckte, und dann schnell auf Rahmen zusprang, um ihm den Degen zu entwinden.

Er ist geschliffen, ich beschwöre dich, Rahm! sagte er zu diesem, und ward von ihm ungestüm zurückgestoßen. Aber er stellte sich von neuem zwischen uns, den Rücken nach mir gekehrt, und beyde Hände gegen Rahmen ausgebreitet. Dieser sah mit blitzendem Auge und zuckender Lippe über Wallers rechte Schulter, und über die linke schoß die Spitze seines Degens auf mich her; aber ich streckte ihm mein Pistol über die rechte Schulter des Grafen entgegen.

Da standen wir! Er stach nicht zu, und konnte nicht zustechen, ich schoß nicht, obgleich ich schießen konnte. Hatten sie doch mein Malchen noch nicht berührt! Nur darauf stand Tod und Verderben.

Von beyden Seiten kein Wort, kein Laut – nur das Geräusch des Athems, der aus drey gefesselten Busen gewaltsam hervorbrach, nur das Zittern der Diele auf welcher wir standen!

In dem Augenblicke regte sich Malchen von neuem, und es erfolgte der vorige Ausruf. Ihre Stimme schien uns alle Drey gleichstark zu erschüttern; mir wollten die Sehnen des rechten Armes erschlaffen; ich fühlte, daß ich schwächer ward, und stärkte, in unsäglicher Anstrengung, um Muth zu behalten, Muth mit Muth. Unausbleiblich war hier Ohnmacht oder Raserey! Es ward letztre, und nun drang ich, in wilder Wuth, mit der Linken alles vor mir her wegstoßend, und die drohende Rechte aufgehoben, auf meine Gegner, packte den Grafen im Nacken, und hob und stürzte ihn über Rahmen hin. Beyde fielen. Rahm ließ den Degen fallen, ich mein Pistol, ich ergriff mit der Linken den Grafen, und mit der Rechten seinen Freund, und zerrte und schleppte sie nach der Thür, stieß mit dem Fuße wider dieselbe, sie sprang auf, und nun warf ich mich, mit Löwenstärke im Arme, und mit Tigerwuth im Herzen, auf beyde, und drängte sie zur Thür hinaus. Der Graf kollerte ein paar Stufen die Treppe hinab, und Rahm blieb wie ausser sich vor der Thüre liegen, die ich im Triumph zuschlug und verriegelte.

Nun ging ich, so kalt, als wäre nichts geschehen, putzte das Licht, setzte mich zu Malchen aufs Bette, und dabey war mir immer, als wenn ich lachen sollte.

So wird allerhöchste Glut zur Kälte, und allerhöchste Kälte zur Glut!

Aber dieser Zustand dauerte nicht zwey Minuten. Meine Glieder waren wie vom Rade zerschmettert, ich fühlte sie nicht, und konnte sie nicht regen, und meine Augen sanken zu, während ein kalter Schauer durch meine Adern fuhr, und meine Sinnen betäubte und gleichsam vernichtete.

Drittes Kapitel. Geständnisse ohne Worte.

Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Als ich die Augen aufschlug, erblickte ich Malchen mit dem Lichte in der Hand vor mir.

»Gott! er lebt wieder!« rief sie mit einer Stimme, deren unendlich rührende Modulation ich noch zu hören glaube. Sie sank halbohnmächtig in einen Lehnstuhl, und ich sprang auf und flog zu ihr. Ich nahm ihre Hand, und drückte meine Lippen fest auf die ihrigen. Sie kam wieder zu sich.

O, der erste Blick, der aus ihrem halbgeöfneten Auge langsam auf mich fiel – nie und nimmer werde ich ihn vergessen! Ein Meer von Wonne strömte aus ihm in mein erwärmtes Herz, unwillkührlich sank ich vor ihr auf die Kniee, und noch jetzt schäme ich mich dieser Stellung nicht. Das weibliche Auge, welchem die himmlische Güte entströmen konnte, verdiente Anbetung vom Manne. Sie legte ihre rechte Hand sanft auf meine Schulter und mit der linken hob sie mich auf. »O, ziehn Sie mich aus dieser Unruhe, Lemberg,« sagte sie, indem sie meine Hand ergriff und sie langsam an ihr Herz drückte: »oder ich sterbe unter Ihren Händen!«

Ich fühlte mich wie verjüngt und verklärt. Der Nebel der alle meine Geisteskräfte bis daher verhüllt hatte, schwand auf einmal, und ich sah mit geläutertem Auge auf das, was geschehen war, und geschehen würde. Ich zitterte nicht mehr, wenn ich Malchen ansah, sondern eine bescheidene Vertraulichkeit trat an die Stelle der Furcht, die mich sonst bey ihrem Andenken oder ihrem Anblicke befiel. Und sie selbst schien mich nicht zu fürchten, ihre Blicke verriethen nichts, als diejenige Unruhe, die aus hochgespannter Neugier entsteht, und zwey oder drey derselben sagten mir noch einmal das Verlangen, das sie mir vorhin schon mit Worten zu erkennen gegeben hatte.

Nun stand ich nicht länger an, sie zu befriedigen. Ich erzählte ihr mit einer feurigen Beredtsamkeit die Geschichte dieses Abends: wie ich voll Verzweiflung ums Haus gelaufen, wie mich der Graf gerufen und geheimnißvoll in ihr Zimmer geführt habe; wie ich empfindungs- und gedankenlos in ihre Arme gesunken sey. –

»O, ich wußte, daß es der Graf nicht war!« sagte sie und schien in eben dem Augenblick über dies Geständniß herzlich zu erschrecken. Sie wandte ihren Blick von mir, legte die linke Hand vor die Augen und der helle Inkarnat der Unschuld glühete auf ihren Wangen.

»Sie wußten – Sie wußten es?« rief ich: »O, wie konnten Sie das wissen?« Ich drang in sie, aber sie schwieg. Es entstand eine lange Pause, die aber nicht ängstlich war, denn ich hielt Malchen fest umschlossen. Ihr rechter Arm ruhete auf meiner linken Schulter, so daß ihre Finger dicht über meiner Herzgrube lagen, und ihr linker Arm, drückte meinen rechten, den ich um sie geschlungen hatte, fest an ihr Herz. Ihr Haupt ließ sie, um ihre Lippen vor den meinigen zu schützen, lächelnd auf die linke Schulter zurücksinken.

Ach, in dieser Stellung hätte ich sterben wollen! Ein sanftes Feuer durchfloß meine Adern, brannte auf meinen Wangen, glühete auf meinen Lippen, und o! in meinem Herzen lebte die sanftere Freude, die auf den ersten wilden Erguß des Entzückens zu folgen pflegt, und Bilder, unendlich schöner als Alles, was je eine feurige Einbildungskraft, die in Aether und Sonnenstrahl lebt und webt, gesehn und erfunden hat, wallten im Gewande der sanftern Morgenröthe meinem geistigen Auge vorüber. Himmel und Erde entschwanden meinem verklärten Blicke, und nichts als mich und Malchen, sah ich in dem gränzenlosen All, das sich mir zu Liebe in sein herrlichstes Feyergewand gekleidet hatte.

In Malchens Auge glänzte ein ganzer Himmel voll Wonne, in einen einzigen, reinen Kristalltropfen aufgelöst, der bebend und flimmernd über die glühende Wange herab rollte.

Viertes Kapitel. Erläuterungen.

Unter diesen himmlischen Träumen würden wir noch Stunden zugebracht haben, wenn uns nicht ein Geräusch aufgeschreckt hätte. Ich sprang auf und lehnte mich gegen die Thür, mit einer Kraft, als wenn ich dem Stoße eines Riesen zu widerstehen gehabt hätte. Aber das Geräusch ließ nach, und ich hörte, daß man in halblautem Wortwechsel die Treppe hinunter ging. Es waren die beyden Freunde, die sich wieder aufgerafft hatten. »Morgen früh, soll sich alles aufklären,« sagte der Graf: »Ich beschwöre dich, warte so lange, sonst ziehen wir das ganze Haus herbey!«

»O, wir sind sicher bis morgen früh« – rief ich und hüpfte zu Malchen: »Lustig, gutes Malchen, lustig!«

Ich that drey hohe Sprünge und sie lachte dazu.

»Wie wir uns so vergessen können!« sagte sie erröthend: »Ich glaube, wenn wir beyde morgen sterben sollten, wir dächten nicht daran! Aber, lieber Lemberg, wenn Sie sich entfernten, es wäre wohl besser!«

Ich erinnere mich in meinem Leben nicht so erschrocken zu seyn, als bey diesen Worten. Der helle Angstschweiß stand mir vor der Stirn, und wenn zehn Degenspitzen auf mich eingedrungen wären, um mich aus dem Zimmer zu vertreiben, so hätten sie meinen Muth nicht so niederschlagen können.

Vielleicht las sie in meinen Blicken, wie tödtlich sie mich erschreckt hatte, denn sie drang nicht weiter in mich und sagte nicht nein, als ich ihr versicherte: daß ich sie ewig nicht aus meinen Augen lassen würde. Mit Tagesanbruch sollte ihr Vater die ganze Geschichte erfahren, und dann über uns alle Recht sprechen; dann sollte er entscheiden, ob seine Tochter die Gattin eines Menschen bleiben könnte, der so wenig Gefühl für Ehre und Schande besäße, und dann – Aber ich hatte nicht Herz genug, ihr zu sagen, was dann geschehen sollte. Aber sie errieth es ohne meine Worte, das zeigte ihr heiteres Auge, welches sie langsam von meiner Hand auf die Erde gleiten ließ.

Wir gingen Arm in Arm in herzlicher Vertraulichkeit im Zimmer auf und ab, und ihre Zunge schien sich auf einmal zu lösen:

»O, wenn Sie wüßten, lieber Moriz – ach! ich muß Sie so nennen, denn dieser Name setzt mich in die glücklichsten Zeiten meines Lebens zurück – wenn Sie wüßten, wie man mich überrascht hat! – Vor drey Wochen erfuhr ich zuerst, daß ich an den Grafen verheyrathet werden sollte, und seit gestern bin ichs schon« –

Gewesen! Gewesen! unterbrach ich sie hitzig: Sie sollen sehen, Sie sollen sehen!

»Die erste Nachricht, von dem Unglücke, das mir bevorstand, bekam ich von meiner Mutter. Es war ein Brief von der Gräfin Waller an meinen Vater eingelaufen, worin sie anfangs die Verdienste und das Alter seiner Familie gehörig anerkannte, und gleich darauf mit dem Verlangen ihres Neffen hinterdrein kam. Er sollte mich in L** gesehen, und vom ersten Anblick an nichts sehnlicher gewünscht haben, als sich mit mir zu verbinden. Er sey Graf, reich, und einziger Erbe einer Tante, die einen Abgott aus ihm machte.«

»Sie wissen, wie offen das gute Herz meines Vaters gegen Schmeicheleyen ist, besonders wenn sie von dem Alter seiner Familie und seinen Kindern hergenommen sind. Ohne sich lange zu bedenken, ohne mich zu fragen, schreibt er mit der nächsten Post zurück, er wäre nicht abgeneigt, nur wünschte er seinen Schwiegersohn zu sehen. Dieser kommt in wenig Tagen an, und vollendet den Eindruck, den der Brief der Gräfin gemacht hatte.«

»Eh ichs mir versehe, kömmt mein Vater mit dem Grafen hieher und stellt mir ihn gleich bey der ersten Anrede als meinen künftigen Gemahl vor. Ich glaubte in den Boden zu sinken! Ach, mein Herz war schon zu voll, um noch eine größere Last zu tragen! Ich hatte Sie öfters unter unserm Fenster hingehen sehen, Ihr Anblick nach so langer Zeit hatte alle die Freuden von neuem in meinem Herzen aufgeweckt.« – –

»O, Lemberg (sie senkte ihr Haupt zärtlich auf meine Schulter) und Sie sahen nicht einmal zu mir herauf! Ach, und ich hätte Sie so gern gesprochen, hätte mich so gern unsrer frohen kleinen Spiele erinnert!«

»Anfangs glaubte ich, Sie wüßten es nicht, daß ich mich in L** befände. Unwiderstehlich ward am Ende mein Verlangen, Ihnen dies zu erkennen zu geben. Als Sie wieder einmal vorbeygingen (es war noch ein Offizier bey Ihnen) riß ich, wie ausser mir, das Fenster auf, und rief Ihnen nach: Wie kommen Sie hieher, Herr von Lemberg? Und kaum sahen Sie sich um, kaum grüßten Sie mich aus der Entfernung, und umsonst hatte ich die Augen der Vorübergehenden auf mich gezogen!«

Malchen zerdrückte ihre Thränen im Auge, aber mir liefen sie hell über die Backen. Ich suchte Worte, und fand keine, die mich hätten entschuldigen können.

»Von der Zeit an fühlte ich eine Art von Erbitterung auf Sie, aber sie machte mich unruhiger, als vorher meine Neugier. Sonst war ich stündlich am Fenster, um Ihnen zu zeigen, wie nahe ich Ihnen sey, jetzt eben so oft, um Ihnen zu zeigen, daß ich – böse auf Sie sey. Aber Beydes machten Sie mir unmöglich, denn Sie gönnten mir nicht einen einzigen vollen Blick, und schielten von der Seite, als ob Sie sich vor mir fürchteten.«

»In dieser Stimmung meines Herzens überraschte mich mein Vater. Alles redete und drang in mich, und zeigte mir das Glück, das ich mit dem Grafen machen würde. Alles, von der Gouvernante an bis zur jüngsten Pensionaire, pries mich glücklich: die eine, daß ich einen Grafen heyrathen, die andre, daß ich nun bald ein recht prächtiges Brautkleid anziehen würde. Eine Herzens Freundin von mir, die einen B** Grafen, ebenfalls ohne ihr Herz, geheyrathet hatte, wirkte durch ihr Beyspiel auch auf mich – So von allen Seiten bestürmt und überrascht, so ganz vergessen von dem, den ich unter allen meinen Jugendfreunden gerade zuletzt vergessen hätte« –

O, ich hatte Sie nicht vergessen! rief ich, und eine Thräne nach der andern tröpfelte auf ihre Hand, die ich fest an meine Brust drückte. –

»Ihm, diesem (sie zeigte lächelnd auf mich) zum Trotz, gab ich dem Grafen das Jawort, und bin – unglücklich!«

Fünftes Kapitel. Fortsetzung.

Glücklich, glücklich! rief ich, und mein argloses Herz, aus welchem dieser Ausruf hervordrang, pochte vor Freude, ihr dies versichern zu können. Denn sie gab mir ja deutlich zu verstehen, daß sie mich liebte, und daß ihr ganzes Glück davon abhienge, des Grafen los zu werden, und dafür mich – – und mich konnte sie ja haben!

Ich muß lächeln, wenn ich mich dieser kleinen Züge der unerkünstelten Unschuld erinnere. Man muß uns unsre damalige Unerfahrenheit zu Gute halten, denn, genau gerechnet, waren wir ja beyde noch Kinder. Aber gewiß ist es, daß uns diese Treuherzigkeit in jenen Augenblicken unbeschreiblich glücklich machte.

»Wenn ich nur auf der Stelle einen Boten gehabt hätte, (fuhr Malchen fort) so hätte ich Ihnen in Triumph verkündigen lassen, daß ich nun einen Grafen heyrathen würde. Wären Sie gerade durch unsre Straße gegangen, so hätte ich alles angewandt, es Ihnen zu verstehen zu geben: so eifrig war ich darauf bedacht, Ihnen zu zeigen, wie wenig ich mir nun aus Ihnen machte. Aber es gelang mir nicht. Doch gab ich noch nicht alle Hoffnung auf, weil mir der Hochzeittag noch bevorstand, wo Sie mir gewiß nicht ausweichen konnten. Daß Sie so oft, und durch so mancherley Bekannte und Unbekannte zur Hochzeit gebeten wurden, haben Sie mir zu danken. Ich wollte Sie durchaus sehen, um Ihnen zu zeigen, daß ich nun mit einem Grafen vermählt würde, da Sie« –

Malchen sah von der Seite, und nickte drey oder viermal mit dem Kopfe, wie Kinder nicken, die sich entzweyt haben, um einander zu sagen: ich kann doch spielen ohne dich!

»Aber es hieß, Sie wären krank und würden nicht kommen. Auf einmal verschwand alle meine Heiterkeit, und eine tödtliche Unruhe trat an ihre Stelle. Zuweilen war es mir ganz dunkel zu Muthe, als ob die ganze heutige Feyerlichkeit nur angestellt wäre um Sie zu kränken; und als Sie wirklich nicht kamen, hatte ich ein sehr sonderbares Gefühl, das mich überredete, nun würde auch aus der ganzen Heyrath nichts werden. Aber welch ein unbeschreiblicher Schreck, als der Priester ins Zimmer trat! Noch zwey bis dreymal sah ich mich ängstlich nach Ihnen um, und als ich Sie nicht bemerkte – o, Moriz, ich hätte laut aufschreyen und aus dem Zimmer laufen mögen! Gesicht und Gehör verließen mich, vor meinen Augen ward alles schwarz, und, sobald ich das unglückliche Ja ausgesprochen hatte, ward ich ohnmächtig!«

»Man ermunterte mich zwar, aber ich kam den ganzen Tag nicht zu mir selbst. Hundertmal war ich im Begriff meinen Bräutigam »lieber Moriz« zu nennen, hundertmal erstarb das Wort auf meiner Zunge. Noch nie hatte ich so oft und so lebhaft an Sie gedacht, als heute, wo es Verbrechen geworden war, an Sie zu denken. Aber ich konnte – ich konnte mein Herz nicht bändigen, das Sie ungestüm von mir forderte. Sie schwebten mir vor Augen, und meine Blicke hingen an Ihrem Bilde. Meine Mutter machte mir Vorwürfe, daß ich an dem glücklichsten Tage meines Lebens so still und traurig wäre, und meinen Bräutigam ängstigte. Aber – der zeigte eben so wenig aufrichtige Freude, als ich, und die Gesellschaft machte sich auf seine Kosten lustig.«

»O, wie oft suchte Sie mein nasses Auge unter den Zuschauern und Gästen! Verschwunden war jede unfreundliche Empfindung gegen Sie. Nun wünschte ich Sie zu sehen, um – Ihnen mein Unglück zu klagen, nicht, um über Sie zu triumphiren. Und wenn ich mich dann so ganz in mich und meinen Kummer verlor, so war mirs immer, als ob mir jemand ins Ohr raunte: Du sollst ihn sehen! Sehnsuchtsvoll irrte dann mein Auge von neuem umher, um Sie unter der Menge zu entdecken, aber vergebens, immer vergebens!«

»Das Andenken an die kommende Nacht schlug mich vollends zu Boden. Mein Vater eilte fast angelegentlicher, als es der Wohlstand erlaubte, die Gesellschaft zum Aufbruche zu bewegen. Ich bat ihn, so oft es sich unvermerkt thun ließ, nicht so zu eilen, aber er lachte über meine Verlegenheit. Alles verlor sich nach und nach, und endlich sah ich mich nur noch mit meiner Mutter und der Gräfin in dem weiten Zimmer allein. O, das Herz hätte mir springen mögen, als sie mich bey der Hand nahmen und hieher führten. Ich weinte und schluchzte laut, und alle ihre Tröstungen, so wenig als ihre Scherze, vermochten etwas über mich. Ich bat nur um einen einzigen Tag Aufschub, aber sie waren unerbittlich, und ließen mich endlich allein.«

»Mein voriger Zustand war nichts gegen den, in welchen ich nun gerieth. Nun war alle Hoffnung verschwunden! Mögliche Umstände konnten mich nicht retten, mein armes Herz hing sich also an unmögliche, um doch nicht ganz der Verzweiflung zu erliegen. Ich schwärmte wie im hitzigen Fieber, und – o, lieber, lieber Moriz, was gesteh ich Ihnen nicht alles – Sie hatten den größ'ten Antheil an diesen Schwärmereyen. Ich vergaß über Ihnen den Grafen!«

»Aber ich hatte diesen letzten kleinen Trost nicht lange. Er erschien selbst und kam auf mich zu. Er war in der sichtbarsten Verlegenheit, und die Hand, womit er mich angriff, zitterte gewaltsamer, als die meinige. Auf seiner Stirn lag finstrer Mißmuth (so kam es mir vor) und seine Lippen, die er auf meine Hand drückte, waren eißkalt. Er klagte über Hitze und wüthendes Kopfweh, schwieg eine Zeitlang ganz, stammelte wieder ein paar Worte, und that endlich die Lichter bis auf ein Nachtlämpchen aus. Mit jedem erloschenen Lichtstrahl, erstarb ein Strahl meiner Hoffnung, und sie erlosch am Ende fast ganz, und flackerte nur noch zuweilen matt und bebend auf, wie das Lämpchen, das neben mir auf dem Tische stand. Und o! als er auch dies auslöschte, und um und um dicke Finsterniß im Zimmer lag – hin war meine Hoffnung, hin Gefühl und Bewußtseyn!«

»Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, daß der Graf nun angelegentlicher über Kopfschmerz klagte, und daß er endlich aus dem Zimmer ging, unter dem Vorwande, ein Flakon zu holen. Da war ich allein, in dem finstern, einsamen, todten Zimmer! Ich hörte nichts mehr, als das ängstliche Pochen meines eignen Herzens. Jetzt wünschte ich lebhaft, daß der Graf zurückkommen möchte. Ich tappte nach der Thür, fand sie, und machte sie leise auf, ich hörte jemand auf der Treppe, er kam näher, ich reichte ihm meine Hand – o, welch ein Unterschied! Aber ich hatte nicht Muth, mir denselben zu gestehen.«

»Statt der vorigen kalten, erwärmte jetzt eine feurige Hand die meinige, ein anderer Athemzug, ein festerer Tritt, ein Druck, der feuriger war, als des Grafen feurigste Umarmung – alles das hörte, fühlte ich – aber meine Brust war wie in Ketten geklemmt, ich hatte nicht Athem genug zu rufen, nicht Muth genug, zu zweifeln, nicht Kraft genug, mich loszuwinden. Ein dunkles, ahndendes Gefühl beschäftigte und erfüllte mein Herz, arbeitete und pochte in demselben, meine Augen sahen nichts, aber meine Hand leistete mir ihre Dienste – es war der Graf nicht, der mich in seine Arme schloß, er konnte es nicht seyn – »Und wer wäre es sonst?« lispelte es leise in meiner Seele, aber ich bekämpfte diesen Einwurf mit einem unüberzeugbaren, störrischen »er ist es nicht!« – Ach und er war es auch nicht! Moriz – Moriz – war es! das wußt' ich, das wußt' ich! Aber ich weiß nicht, woher ichs wußte!«

Mit diesen Worten warf sich Malchen in meine Arme und weg! über Erde und Himmel hinweg schwebten wir beyde!

Sechstes Kapitel. Gräfin Waller erscheint, um – zu verschwinden.

Unter diesen Ergießungen wechselseitiger Zärtlichkeit brach der Tag an, und mit demselben ging ein neues Licht in meiner Seele auf. Denn bis daher hatte ich nur wenig, und gleichsam wider Willen an Vergangenheit und Zukunft gedacht. Jetzt machte ich mich auf große Begebenheiten gefaßt, und bestrebte mich, ihnen mit Unerschrockenheit zu begegnen. Aber Malchen war ausser sich vor ängstlicher Erwartung, und mein Muth schien ihre Angst zu vermehren, weil sie nicht Kräfte genug hatte, sich demselben anzuschließen.

Es pochte an der Thür und eine Stimme rief: Machen Sie auf, Herr von Lemberg! Malchen fuhr zusammen, aber ich sprang, den Degen in der Hand, nach der Thür, machte sie auf, und Gräfin Waller trat herein.

Sie machte die Miene eines Kaufmanns, der seinen Freunden lachend ankündigt, daß ihm eine kleine Spekulation, mit einem nicht nennenswerthen Verlust von funfzig tausend Thalern verunglückt sey. – »Guten Morgen, Frau mit drey Männern,« rief sie, indem sie auf Malchen zu hüpfte und vor Lachen ersticken wollte: »Hierdurch werden Sie (sie gab ihr ein zusammengelegtes Papier) hierdurch werden Sie zwey davon los: einen Grafen und ein Premier-Lieutenant, und nun wird Ihnen von selbst zufallen (indem sie sich nach der Thür zog, das Gesicht von mir abgewandt und die rechte Hand in der Lage, womit man Schellen auffängt) der Fähndrich!« – Husch! war sie zur Thür hinaus und mit schallendem Gelächter die Treppe hinunter. Nach einigen Minuten rollte ihr Wagen unter unserm Fenster hinweg und wir verloren sie bald aus den Augen.

Siebentes Kapitel. Es ist ja richtig!

Die Schrift war an den Obersten von Lehmniz, Malchens Vater überschrieben. Ich erboth mich, ihm dieselbe auf der Stelle auszuhändigen, denn ihr Inhalt ging mich (wie ich aus den Worten der Gräfin schloß) viel zu nahe an, als daß ich hätte ruhig dabey bleiben können. Aber Malchen wollte lieber, daß ich seine Ankunft erwarten sollte, denn sie fürchtete immer noch, von dem Grafen überrascht zu werden. Der Oberste kam endlich mit seiner Gemahlin.

»Nein,« sagte er, als er in die Thüre trat: »so ganz richtig ist es diese Nacht nicht zugegangen. Ich bin ein paarmal über dem Gepolter aufgewacht. Nu, wir wollen jetzt sehn!«

Er erstarrte, als ich ihm so auf einmal in die Augen fiel! »Was Henker und Hagel!« rief er, indem er mich wild beym Arme nahm und ans Fenster zog: »Fähndrich Springinsfeld in einer Nachtjacke bey meiner Tochter? Ich bitt' euch um Gottes willen, sprecht, sprecht!«

Frau von Lehmniz stand ohne Bewegung von der Seite, und sah uns mit starren Augen an. Malchen konnte eben so wenig sprechen als ich. Stillschweigend reichte ich dem Alten die Schrift der Gräfin. Er riß sie ungestüm auf und einige Stücke Papier fielen ihm entgegen. Ich hob sie auf, setzte sie zusammen, und sahe, daß es ein zerrißner Ehekontrakt war.

»Verwünschte Pfote,« rief der Alte: »verwünschte Pfote!« und alle seine Glieder zitterten. »Lies Jettchen, lies!« Er gab seiner Gemahlin die Schrift, und sie las:

»Es sind diese Nacht in der Brautkammer Dinge vorgefallen, die sich mit Menschenzungen nicht aussprechen lassen« –

»Ha, Fähndrich!« rief Malchens Vater, und packte mich vor der Brust. Malchen that einen lauten Schrey, und Frau von Lehmniz suchte mich von ihm loszumachen. Ich hätte mich nicht gewehrt, und wenn er mich erdrosselt hätte!

Mein Gott! sagte Frau von Lehmniz – laß ihn doch nur los, bis ich alles gelesen habe!

»Nein,« rief er, »nein!« und dabey packte er mich noch grimmiger an, und schüttelte mich, daß mir die Zähne klapperten. Frau von Lehmniz las weiter:

»Mein Neffe hat zuweilen Anfälle von Unsinn und Verrückung, das hat er diese Nacht gezeigt. Ihre Tochter und der Fähndrich werden Ihnen erzählen« –

In dem Augenblicke nahm er Malchen bey der Hand und schüttelte sie eben so wie mich: »erzählt, erzählt!« rief er dabey wie ausser Athem. Hätte er Malchen noch einmal so geschüttelt, so wär' ich dazwischen gesprungen, aber er schien sich etwas zu mäßigen, und ich fing an zu erzählen. Während meiner Erzählung ward die Hand, womit er mich fest hielt, immer lockerer, und endlich ließ er mich ganz los und behielt nur noch Malchens Hand, die er hitzig hin und herschleuderte. Zuweilen fragte er: ist das alles wahr, meine Tochter? Malchen nickte dann jedesmal mit dem Kopfe, und blickte dabey ihre Mutter ängstlich von der Seite an.

Während meiner Erzählung trat Fräulein Louise ins Zimmer. »Was will sie hier?« fuhr er sie an, und Louise machte die Thür unter allen Merkmalen des höchsten Erstaunens langsam wieder zu.

Als ich meine Erzählung geendigt hatte, sprang er auf, ging nachdenkend im Zimmer auf und ab – plötzlich ergriff er das Pistol und fuhr zur Thür hinaus. Ich stürzte hinterdrein. Er rannte die Treppen hinunter und rief eines Rufens: Wo ist er? Wo ist er? der –

Aber kein Graf zu hören und zu sehen! Fräulein Louise sprang herzu, und sagte: er ist fort! »Warum,« schrie der Alte und griff nach ihrem Arm, »warum hast du ihn fort gelassen?« Das arme Mädchen zitterte und bebte und fiel mir halbohnmächtig entgegen. Ihr Vater ließ sie los, und blieb einige Augenblicke unbeweglich auf einem Flecke stehen. Auf einmal nahm er mich bey der Hand, schüttelte sie und sagte: bey den Haaren, hast du sie aus der Kammer geschleppt? – Ja, sagte ich, und die Treppe hinunter geworfen! Es schien, als ob er sich nach dieser Frage und Antwort ein wenig beruhigte. Er sah Louisen, die sich mit dem Kopfe gegen einen Pfeiler gelehnt hatte, an, und nahm sie bey der Hand. »Komm nur mit herauf Louischen,« sagte er sanft zu ihr, »daß du selbst siehst, daß du selbst hörst« – Er ward von neuem hitzig, aber nicht in dem Grade als vorher.

Wir gingen hinauf und fanden Malchen und ihre Mutter in Thränen. »Lies weiter!« sagte der Oberste und warf sich in einen Lehnstuhl, daß er laut krachte.

»alles erzählen!«

»Mein Gott, das hast du ja schon gelesen! sagte er zur Frau von Lehmniz und sie las weiter:

»Ihre Tochter wird mit einem Fähndrich, der seine gesunde fünf Sinne hat, besser fahren, als mit einem Grafen, der nicht richtig im Kopfe ist; deswegen erfolgt hierbey der Ehekontrakt zerrissen zurück und die Ehescheidung soll binnen hier und vier Wochen auf Ihrem Guthe seyn. Uebrigens würden Sie wohl thun, wenn Sie die ganze Sache schlafen ließen, und nicht durch einen unüberlegten Schritt uns alle, besonders aber Ihre arme Tochter, zum Gelächter machten. Ich habe mich deshalb entfernt, und Sie thun wohl, wenn Sie meinem Beyspiele folgen und sich nicht den Fingerzeigen der Welt aussetzen. Von meinem Neffen sage ich mich hiermit ein für allemal los, und Sie würden sehr ungerecht seyn, wenn Sie mich wollten büßen lassen, was er verbrochen hat. Wenn er Ihnen einmal in die Hände fallen sollte, (woran ich aber zweifle, denn er ist vor einer Stunde fort geritten und niemand weiß wohin) so werden Sie schon so mit ihm verfahren, (das traue ich Ihrem bekannten Gefühle für Ehre zu) daß er sich in Zukunft hüten wird, sich eine Gemahlin für einen Andern zu nehmen. Leben Sie wohl, und halten Sie die ganze Sache so geheim als möglich – das verlangt Ihre eigne und Ihrer Tochter Ehre.«

»Den Kopf spalt' ich ihm!« rief der Oberste: »darauf kann er rechnen! Und wäre das Weib nicht ein Weib – seht, Kinder! – Aber was meynst du, Jettchen – fuhr er zu seiner Gemahlin fort – der Blitzjunge hat die beyden Kerls bey den Haaren zur Thür herausgeschleppt? Hättest du ihm das wohl angesehen?«

Ja, das hat er gethan! rief Malchen und ihre Augen funkelten vor Freude. Frau von Lehmniz und Louischen sahen mich verwundert an. In den Mienen und Bewegungen der letztern zeigte sich eine aufs höchste gespannte Neugier; aber zum Unglück waren wir alle zu sehr vertieft, als daß wir auch die kleinste ihrer Fragen hätten beantworten können.

Aber, was soll nun werden? sagte Frau von Lehmniz.

»O, ich wollte, daß du mit deinen Fragen« – sagte der Alte: »Der Kopf ist mir ja so verrückt, daß ich noch nicht 'mal weiß, was geschehen ist, viel weniger, was geschehen soll. – Beym T** du kannst mir ja doch eine Viertelstunde Bedenkzeit gönnen!«

Wir wollen den Papa allein lassen! sagte Fräulein Louise – komm Malchen, du sollst mir erz–

»Durchaus nicht! Ihr sollt alle hier bleiben!« rief der Oberste. Louischen trat trostlos zurück.

»Noch eins, Jettchen« – sagte er zu Frau von Lehmniz: »examinire 'mal die da (auf Malchen zeigend) ob nicht – Henker! Du verstehst mich ja! Geh doch! Du weißt, als es noch kleine Krabben waren –«

Frau von Lehmniz nahm Malchen bey der Hand und führte sie zum Zimmer hinaus. Louischen wollte hinterdrein, aber die Thür ward ihr vor der Nase zugedrückt. Sie ging ans Fenster und die hellen Thränen schossen ihr über die Backen.

Mich nahm der Alte beyseite und sagte halblaut, halbleise: »Springinsfeld, hat der Teufel sein Spiel gehabt?«

Mir schoß mein ganzes Blut ins Gesicht und ich bebte ärger als ein Missethäter.

»Ja, Junge? Nicke nur, oder schüttle, wenn du es nicht sagen kannst!« Ich konnte weder nicken noch schütteln. Nicken wollt' ich nicht, und schütteln konnt' ich nicht, mithin stand mein Kopf wie eingerammelt.

Du sollst es ja nicht sagen! Nicke, oder schüttle doch nur! Du schüttelst nicht? Mithin ist es richtig! Nicht? – Du schüttelst nicht? – Es ist richtig, es ist richtig! rief er auf einmal und ließ mich los – Jettchen, komm 'rein, es ist richtig!

Frau von Lehmniz erschien mit Malchen. Er nahm die Hand der letztern und legte sie in die meinige. »Sieh, Jettchen,« sagte er zu Frau von Lehmniz und ein paar große Thränen stiegen ihm aus den Augenwinkeln: »Sieh nur – diese Kinder sollen sich heyrathen!«

»Heyrathen?« schrie Fräulein Louise und sprang mitten unter uns.

»Es ist ja richtig!« rief ihr Vater: »Kinder, es ist ja richtig! Was kann es anders werden? (er wandte sich zu seiner Gemahlin) Hast du's nicht auch richtig befunden?«

Malchen zerdrehete die Zipfel ihres Halstuches, ich sah an die Decke, und Fräulein Louise guckte andächtiglich durchs Fenster.

Achtes Kapitel. Aussichten zu Mord und Todschlag.

Nach einigen Minuten trat ein Offizier ins Zimmer, und foderte mich im Namen des Premier-Lieutenants Rahm auf Schuß oder Stich. Die drey Frauenzimmer erschraken von ganzem Herzen, aber der alte Husar hatte eine innerliche Freude. »Ich sekundire ihm,« rief er – »Aber sagen Sie dem Herrn von Rahm zurück: brave Kerls schlügen sich auf den Hieb! Um Neun Uhr kann er ins *** kommen, da soll er uns finden; und wenn ihm der (er zeigte auf mich) nicht genug giebt, so kriegt ers von mir – denn sehen Sie (auf Malchen zeigend) das Mädchen ist meine Tochter! Sagen Sie ihm das wieder!«

Bey den letztern Worten fingen die drey Weiber laut an zu schreien.

»Hast du es vergessen,« sagte er zur Frau von Lehmniz: – »Daß ich mich mit drey Oestreichern 'rumgehauen habe? – Und du (zu Malchen) daß der diese Nacht die beyden Kerls bey den Haaren zur Stube 'rausgeschleppt hat? – Also! – Und nun gebt mir keinen Laut von euch, daß ichs höre?«

Darauf schickte er seinen Jäger fort, der meine Uniform und Degen holen mußte. Während der Zeit nahm er mich beym Arm, und ging mit mir im Zimmer auf und ab. Zugleich horchte er, ob eine von den Damen wimmerte, und hörte er einen Seufzer, so drückte er jedesmal meinen Arm fest an sich, um mich aufmerksam darauf zu machen.

Als meine Uniform kam, half er sie mir anziehen. Seine Uhr legte er auf den Tisch, und wenn eine Viertelstunde vorbey war, sagte er es jedesmal. Endlich schlug es drey Viertel auf Neun, und es wurden zwey Pferde vorgeführt. Nun konnten die ernstlichsten Drohungen die Weiber nicht mehr zurückhalten. Sie hingen sich wechselsweise an mich und an den Vater, aber er sagte ihnen statt alles Trostes: Die Ehre ruft! Habt euch nicht so närrisch, Kinder! – Für Malchen behielt er seinen kräftigsten Trostspruch bis zuletzt auf, denn erst unten an der Treppe sagte er zu ihr: er soll dir ein paar Finger mitbringen zum Brautgeschenk; freuest du dich nicht darauf, Töchterchen? – Aber Töchterchen wurde ohnmächtig! Ohne sich weiter um sie zu bekümmern, nahm er mich bey der Hand und sagte: Närrchen, es war ja nicht mein Ernst!

Neuntes Kapitel. Nur zwey Finger! und die ganze Geschichte ist aus.

»Springinsfeld,« sagte er unterwegs zu mir: »es wäre doch so übel nicht, wenn Du ihm ein paar Finger kürzer machtest! Warum streckt er sie nach verbotener Frucht aus. Sieh (er zeigte mir mit seinem Hirschfänger eine Bewegung) wenn du, eh er sichs versieht, mit dem Degen von der Seite herumfährst, so sind die Finger, die am Griffe liegen bloß, und du kannst sie ihm mit einem Hieb abnehmen. Dann ist die ganze Geschichte aus, und ihr seyd wieder gute Freunde!«

Ich mußte dem alten wunderlichen Manne versprechen, mein Möglichstes zu thun, um ihm zwey Finger abzunehmen, und wir kamen in ** an. Rahm erschien mit seinem Sekundanten kurz nach uns.

Rahms Anblick brachte mich aus aller Fassung. Alle Ideen der vorigen Nacht wurden in meinem Kopfe von neuem rege, und ich griff eben so rasch nach meinem Degen, als ich vor einigen Stunden nach dem Pistol griff. Ich zog und legte mich in Positur.

Rahm ließ mich nicht lange warten. Sein Degen pfiff auf mich ein, und Schlag auf Schlag fiel hier und da!

»Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!« sagte der alte Husar, der mir zur Seite stand – »das Brautgeschenk!«

Aber ich hatte es mit keinem Neulinge zu thun! Rahms Streiche fielen so rasch, so hageldicht, so gewaltig, daß solch ein frischer Arm dazu gehörte, als der meinige war, wenn er nicht am Degengriff erstarren sollte.

Keiner von uns gab einen Laut, aber der Alte machte bey jedem Ausfall ein Feldgeschrey mit seinem »Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!«

Wir thaten drey Gänge, und von beyden Seiten kein Tropfen Blut. »Brave Jungen, brave Jungen!« sagte der Alte während der Pause – »Aber was ich dir gesagt habe!«

Zum viertenmal stürzten wir auf einander, und Rahm schien seine ganze Wuth und Stärke zusammenzunehmen. Hitziger als vorher drang er auf mich ein, und mit jedem Hiebe stieg seine Erbitterung. Seine Streiche wurden immer gewaltiger, aber seine Paraden immer sorgloser und unordentlicher, und als er endlich einen wüthenden Kopfhieb auf mich führte, that ich einen Seitenschritt, und hieb ihm über den Arm, daß sein Degen sank und ein Strom von Blut an demselben herunterschoß.

»Victoria!« schrie der alte Husar, und sprang zwischen uns – »Alles gut, alles vergessen! Nun vertragt euch!«

Rahm reichte mir mit weggewandtem Gesichte seine linke Hand, und als mich der Alte zum Versöhnungskuß schob, drehete er den Kopf, und ließ mich sein Ohr küssen.

»Pfui« – sagte der Oberste, indem er sein Schnupftuch herauszog, und es Rahmen fest um seine Wunde wickelte – »Blut macht gut! Ihr sollt und müßt euch vertragen!« Darauf drehete er mir Rahms Mund entgegen. Rahm lächelte, und umschloß mich mit seiner linken recht herzlich. Der alte Lehmniz that einen Luftsprung. Wir halfen dem Lieutenant auf sein Pferd, und er war im Begriff mit seinem Sekundanten, ohne uns, davon zu reiten, aber der Oberste sprengte hinterdrein, und sagte: »Rahm, Ihr hättet eure Schuldigkeit nicht halb gethan, wenn Ihr nicht mit mir rittet, und euch nicht noch mit meiner Tochter vertrüget. Denn seht nur, das arme Mädchen habt Ihr am meisten beleidigt!«

Mir wurde warm bey diesen Worten.

»O, ersparen Sie mir diese Demüthigung,« erwiederte Rahm – »zu allem andern steh ich zu Befehl!«

»Nun gut, bey einer andern Gelegenheit! Aber sagt mir nur, warum hat der Windbeutel nicht zu meiner Tochter ins Bette gewollt? Sie ist doch, beym T**! nicht häßlich!«

Schön wie ein Engel! sagte Rahm, und bey mir stieg eine Art von Verdruß auf, daß er sich unterfing, dies zu sagen: Aber heute verlangen Sie keine weitläuftige Erzählung von mir. Waller heyrathete nicht Ihre Tochter, sondern Ihr Geld. Sein Vermögen war durch die Lüfte, das hätten Sie bey der geringsten Nachforschung erfahren können. Seine Tante spürte Sie auf, bey einer Geschichte, die Lembergen betraf, und sie konnte nicht besser wählen, denn Sie sind der gutherzigste Mann von der Welt. Aber Waller hatte auf seiner Reise nach Paris mit seinem Vermögen – Alles verloren. Ich sollte das ersetzen, und er wollte das Geld nehmen! Dies sey Ihnen für heute genug. Wenn ich geheilt bin, erlauben Sie mir wohl einen Besuch auf Ihrem Guth?

»O, Du kömmst mit zur Hochzeit!« – erwiederte der Oberste: »Aber, das sag' ich dir: Hand von der Braut! Nun reit' in Gottes Namen, und laß dich verbinden!«

Er gab seinem Ungar die Spornen, und wir sprengten davon. Zu Hause empfingen sie uns mit lautem Freudengeschrey. Malchen musterte mich von oben bis unten, und eine sanfte Freude leuchtete aus ihren Augen, als sie mich so ganz unversehrt wiedersah. Unterdessen ließ ihr Vater anspannen, die Kutsche fuhr vor, und die ganze Familie stieg ein. Ich begleitete sie bis vor das ** Thor, wo mich der Oberste umkehren hieß. Malchen streckte mir ihr weißes Händchen aus der Kutsche her, und ihr Vater rief: »In vier Wochen, Springinsfeld! Sobald die alte Schlange in D** die Scheidung schickt, schreibe ichs dir: dann sitz' auf und komm!«

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