Moriz. Sechstes Buch.
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Erstes Kapitel. Neue Wunden.
Als ich zu mir selbst kam, sah ich mich noch im Schlafzimmer der Gräfin auf einem Kanape, das ihrem Bette gegenüber stand. Mir zur Seiten erblickte ich die beyden jungen Fräulein, welche Todesangst auf dem Gesichte trugen. Die eine hatte ein Wachslicht in der Hand, die andre ein Glas voll Wasser, womit sie mir das Gesicht besprengte. – »Er lebt noch!« rief die letztre, als ich die Augen öffnete. Die Gräfin richtete sich im Bette auf.
Guter Wilhelm! rief sie mit schwacher Stimme, und streckte die rechte Hand nach mir aus. – Ich wollte aufspringen, um sie zu ergreifen, und sank kraftlos zurück.
Ihr schönes Auge, welches fest an mir haftete, schwamm in Thränen. »O, kommen sie noch nicht?« rief sie, voll Angst und Ungeduld, als sie einen Blick auf das Blut warf, womit das Kanape über und über bedeckt war. – »Geh, lauf,« fuhr sie zum ältesten Fräulein fort: »sieh, ob sie kommen!«
Das Fräulein sah sie mit der allerhöchsten Angst im Blicke an, und wagte es nicht, den Fuß aus dem Zimmer zu setzen. »So geht beyde!« fuhr die Gräfin fort. Sie schlossen sich fest an einander, und gingen langsam in das Vorzimmer. Die eine zog Muth aus der Furchtsamkeit der andern. Sie nahmen das Licht mit, und das Schlafzimmer wurde nur noch von dem matten Schein der Nachtlampe, die nahe bey dem Bette der Gräfin stand, dürftig erleuchtet.
Immer noch war ihr Auge mit dem Ausdrucke des innigsten Mitleids auf mich gerichtet. Ihr Haupt hatte sie auf die linke Hand gestemmt, und die rechte, in welcher sie ein Schnupftuch hielt, ruhte auf dem Deckbette. Ihr blondes Haar floß in reizender Unordnung über Schultern und Brust herab, und überwebte gleichsam stellenweise den Umriß des vollen Busens, der, durch Schrecken, Todesfurcht und Nothwehr aus seinen Schranken gedrängt, langsam stieg und sank.
Verloren in dem Anschauen der Schönheit, die sich hier meinem Blicke so überraschend entschleyerte, fühlte ich keinen Schmerz, wußte ich von keiner Wunde, von keiner Entkräftung mehr. Meine ganze Seele lebte in meinem Auge, und in dem ihrigen flimmerten die hellen Perlen, in welche sich das Mitleid auflöst, wenn die Zunge dem gerührten Herzen nicht folgen kann. Immerfort begegneten sich unsre Blicke, und immerfort sanken sie zu Boden, als wenn wir wechselsweise vor einander erschräken.
»O, wenn sie mir doch noch einmal die Hand reichte!« Dieser Wunsch ward nach einigen Augenblicken der herrschende in meiner Seele. Ich hütete alle ihre Bewegungen, und als sie einmal die rechte Hand aufhob, glaubte ich ihn erfüllt, sprang auf und that einen raschen Schritt nach dem Bette. Sie fuhr erschrocken zusammen, zog den Arm unter die Decke, und hüllte sich völlig ein. Ich taumelte nach dem Kanape zurück, warf den Blick seitwärts, und – dachte an meine Wunde, und fühlte meinen Schmerz und meine Entkräftung von neuem.
Die beyden Fräulein kamen zurück und brachten die Nachricht, daß sie eine Laterne von weitem gesehen hätten: es würde wohl der Gärtner mit der Jungfer und dem Chirurgus seyn. »Dem Himmel sey gedankt!« rief die Gräfin freudig: »Nun, wird sich der arme Wilhelm nicht verbluten!«
Mein ganzes Herz bewegte sich bey diesen Worten. Für jedes hätte ich willig einen neuen Stich erdulden wollen. Ich bestrebte mich, ihr zu sagen, wie sehr mich ihre Theilnehmung rührte, aber die Zunge versagte mir ihren Dienst; ich sprach mit Blicken, und sie schien mich zu verstehen.
Bald nachher kamen der Gärtner, der Chirurgus und das Kammermädchen. Man führte mich in meine Kammer, untersuchte meine Wunde und verband sie. Der Chirurgus fand sie nicht gefährlich und nannte sie eine Kleinigkeit, was nicht alle Wundärzte in ähnlichen Fällen zu thun pflegen.
Zweytes Kapitel. Moriz in letzten Zügen.
Ich wollte den Gärtner, dem es von der Gräfin ausdrücklich aufgetragen war, bey mir zu wachen, mehr als einmal fortschicken, aber er ging nicht. Wie lästig war mir seine Sorgfalt und Theilnehmung! Ich fühlte ja keinen Schmerz, ich wußte ja von keiner Wunde, mir war so leicht und wohl, wie mir nie gewesen war! – O, ich hatte aus den Augen der Gräfin eine Stärkung gesogen, welche die feinsten meiner Fibern innig durchdrang, und wie der Balsam der Unsterblichkeit, mein ganzes Wesen zu einem neuen Leben stärkte und auffrischte.
Immer noch saß ich ihrem Bette gegenüber auf dem Kanape; immer noch lispelte ihre melodische Stimme: Armer Wilhelm! vor meinem Ohre; immer noch sah ich die runde Hand, auf die sich ihr Haupt, wie auf eine Säule von Elfenbein gesenkt hatte; immer noch die sanften Wogen des blühenden Busens, der, hie und da vom seidenen Haar überflossen, bey der schwachen Dämmerung des Nachtlichts, den Schneehügeln Nordens sich verglich, um deren Häupter feine, monderhellte Silberwölkchen leise weben und schimmern.
Und wenn mir auch Malchen getreu geblieben wäre, so hätte ich doch in diesen Augenblicken nicht an sie gedacht.
Je tiefer ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden jene Bilder, desto fruchtbarer ward meine Phantasie (denn mein Verstand feyerte) an abentheuerlichen Entwürfen, wodurch ich mir das Glück verschaffen wollte, der Gräfin – noch einmal so gegenüber zu sitzen. Es ist sonderbar, aber sehr natürlich, daß die kühnsten meiner Wünsche gerade nur auf diesen Umstand sich einschränkten, der ihnen die Entstehung gegeben hatte.
Am andern Morgen erschien die Kammerjungfer der Gräfin, und erkundigte sich im Namen ihrer Gebieterin nach meinem Befinden. Ich stellte mich Wunder wie stark, und sagte mit einer Stimme, die nichts weniger als einen kränklichen Ton hatte: mir ist wohl, mir fehlt nichts, ich werde sogleich aufstehen! Ich zitterte bey dem Gedanken, daß sie an meinem Wohlbefinden zweifeln möchte.
»Aber die Gräfin ist herzlich krank,« sagte sie, »und wird wohl unter drey Tagen das Bette nicht verlassen dürfen!«
Drey Tage? Drey Tage? rief ich erschrocken, denn ich hatte Rechnung darauf gemacht, sie heute noch zu sehen; und deßhalb befand ich mich vorhin so wohl, deßhalb fehlte mir nichts, und deßhalb wollte ich sogleich aufstehen! Jetzt glaubte ich mich weit übler zu befinden, als zwey volle Minuten vorher, und ich sagte zu der Kammerjungfer, daß es auch bey mir leicht drey Tage dauern könnte, eh' ich meine Kräfte wieder erlangte.
»Und die Gräfin glaubt,« unterbrach sie mich mit nassen Augen: »daß Sie in drey Tagen nicht mehr leben werden.«
Was? rief ich, indem ich mich schnell im Bette aufrichtete – Was? – Nicht mehr leben? Bin ich nicht frisch und gesund?
Ich wollte aus dem Bette springen, aber der Gärtner hielt mich zurück.
»Ach,« fuhr sie fort, »wenn die Kranken nicht wissen, wie krank sie sind, so ist es ein Zeichen, daß sie in den letzten Zügen liegen!«
Sie weinte und schluchzte ganz erbärmlich, und ich – ich hätte verzweifeln mögen über ihre Albernheit!
In dem Augenblicke trat der Wundarzt herein. Er untersuchte meinen Puls, prophezeiete, daß ein Wundfieber unterwegs sey, und rieth mir, mich aller Gemüthsbewegungen zu enthalten. Darauf ging er mit der Kammerjungfer zur Gräfin. Ich flüsterte ihm ins Ohr: er sollte der Gräfin sagen, ich wäre gesund wie ein Fisch, und bat ihn zugleich noch heimlicher und leiser, mir Nachricht zu bringen, was sie dazu gesagt hätte.
Drittes Kapitel. Er sieht sie.
Mit dem dritten Tage fand ich mich völlig gesund. Der Arzt mochte sagen, was er wollte, ich blieb nicht im Bette. Das Wetter ward gegen Mittag so schön, daß er mir erlauben mußte, einen Spatziergang im Garten zu machen. Es hieß, die Gräfin werde heute auch das erstemal wieder ihr Zimmer verlassen, und in den Garten kommen. In eben dem Augenblicke, wo ich diese Nachricht erhielt, griff mir der Arzt von ungefähr an den Puls, und versicherte, mein Blut wäre sehr in Wallung. Ich fühlte es wohl, versicherte ihm aber das Gegentheil.
Ich ging mit ihm in den Garten, und in weniger als zehn Minuten sahen wir die Gräfin mit der Kammerjungfer die große Allee herabkommen, uns entgegen. »Es schickt sich wohl nicht,« sagte mein ängstlicher Führer: »daß wir in eben der Allee spatzieren gehen, wo die gnädige Herrschaft geht, wir wollen umkehren.«
Er wälzte mir durch diesen Vorschlag einen Stein vom Herzen. Mir war gerade so zu Muthe, als damals, wo ich auf meinem großen Ritterzuge nach L** Malchen mit verschlossenen Augen am Fenster zu sehen glaubte. Wir kehrten um, gingen aber sehr langsam, woran jedoch mein Begleiter nicht schuld war.
In wenig Augenblicken hörte ich die Stimme der Gräfin nahe hinter mir. Sie sprach stärker, als gewöhnlich – »Vermuthlich,« dachte ich bey mir selbst: »damit ichs hören soll!« – Aber ich hatte nicht den Muth, mich umzusehen.
»Warum laufen Sie vor mir, mein lieber Doktor?« rief sie meinem Begleiter zu, und es that mir weh, daß sie nicht mir zurief.
Wir standen still, und sie trat näher.
»Was macht Ihr Patient?«
Er antwortete, ich schwieg unzufrieden.
»Wird ihm die Bewegung nicht schaden?«
Ich hoffe nicht! sagte er.
Auch nicht eines Blickes würdigt sie mich! sagte ich bey mir selbst, und meine Unzufriedenheit stieg –
»Sehn Ihr' Gnaden wohl, wie blaß der arme Wilhelm aussieht?« sagte die Kammerjungfer.
Ich glühete über und über bey dieser Bemerkung, und die Gräfin, die mich nur mit einem halben Blicke von der Seite ansah, glühete wo möglich noch stärker.
»Ja,« sagte sie, »recht blaß, recht sehr blaß!« Sie drehete sich um, und that, als ob ihr ein Staubkörnchen ins Auge gefahren wäre.
»Hast du es ihm schon erzählt?« fuhr sie nach einer Pause zur Kammerjungfer fort.
Ich? sagte diese: Nein! Ihr' Gnaden wollten es ihm ja selbst erzählen.
Die Gräfin ward von neuem roth, wandte das Gesicht weg, und sagte stammelnd: es kann ein andermal geschehen! Ich habe jetzt – er wird jetzt – er darf wohl nicht lange in der freyen Luft seyn, Herr Doktor?
»So lange die gnädige Gräfin befehlen« – rief ich eilig, weil ich glaubte, der Arzt würde mir mit einem bedenklichen Achselzucken zuvorkommen. Ich war nicht wenig mit mir zufrieden, daß ich diese Worte glücklich herausgebracht hatte.
»Also kurz,« nahm die Gräfin das Wort: »man hat die Gouvernante und den Pater Benedikt auf der Gränze ertappt, und beyde nach P** geliefert. Ich erwarte in einigen Tagen nähere Nachricht. Gewiß ist es, daß sie ihrer Strafe nun nicht entgehen werden. – Aber,« fuhr sie mit weggewandtem Gesichte fort: »dadurch werden die Schmerzen des armen Wilhelms nicht gelindert!«
»Ich habe keine Schmerzen!« rief ich mit aufwallender Freude.
»Weinen möchte ich über solche Großmuth!« sagte sie zur Kammerjungfer, und legte die rechte Hand vor die Augen: »Gute Besserung, mein lieber Wilhelm,« rief sie nach einer Pause, indem sie den linken Fuß fortsetzte, und mit der rechten Hand auf mich winkte.
Ich sprang wie ausser mir hin, und ergriff diese Hand, und legte sie an mein Herz, und drückte sie, und küßte sie, und – o, ich weiß nicht mehr, was ich in diesen Augenblicken alles that!
Auf ihren Wangen brannte Bestürzung und holde Schaam. Sie riß sich mit Mühe von mir los, und verschwand in eine Seitenallee. Ich sah ihr mit starren Blicken nach, und als ich sie aus den Augen verloren hatte, sagte ich zu meinem Begleiter, der mich seinerseits auch starr ansah: mir ist nicht wohl! – Das glaub' ich gern! erwiederte er, und führte mich aus dem Garten.
Viertes Kapitel. Mißverständnisse.
Die Gräfin ließ sich fast stündlich nach meinem Befinden erkundigen, und das Kammermädchen versicherte mir, daß sie trostlos sey, wenn sie an die Schmerzen dächte, die ich ihrentwegen erdulden müßte; daß sie ihren ganzen Verstand beschäftigte, um eine Belohnung zu ersinnen, die dem Dienst entspräche, den ich ihr geleistet; daß ich selbst verlangen möchte, was ich nur wollte, so sollt' ich es haben, und wär' es ihr auch das liebste und theuerste auf der Welt: dieses ließ sie mir durch ihre Vertraute versichern, und wenn ich sie denn selbst sah, und eben dies von ihr selbst wiederholt zu hören vermuthete: so war eine kalte Frage nach meinem Befinden, die sie noch dazu nur immer mit weggewandtem Gesichte an mich that, das einzige, was sie meinem dürstenden Herzen darzubieten pflegte.
»Ich wüßte wohl, was ich mir von ihr zur Belohnung ausbitten wollte,« sagte das Kammermädchen bey einer Gelegenheit zu mir –
Ich verlange nichts! sagte ich.
»Einen Kuß, mein lieber Wilhelm, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!« – Sie sah mich dabey mit einem bedeutenden Lächeln an, welches mir mein ganzes Blut ins Gesicht trieb. – »Errathen?« fuhr sie fort, indem sie zur Thür hinaus ging: »Sie bekommen ihn gewiß, wenn Sie ihn verlangen!«
Ich muß ein höchst albernes Gesicht gemacht haben, denn es kam in diesen Augenblicken auf nichts Geringeres an, als die höchste Verlegenheit, die höchste Freude und die süßeste Hoffnung unter einer gleichgültigen Miene zu verbergen.
Was soll ich es läugnen! Meine Eigenliebe wollte, trotz dem kalten Betragen der Gräfin, irgend etwas in ihren Blicken gelesen haben, das nichts weniger als Kaltsinn wäre. Alle die kleinen Züge, Winke und Bewegungen; das ganze Spiel ihrer Augen, ihrer Lippen und selbst ihrer Finger; den Ton ihrer Stimme, bis auf den unmerklichsten Accent, den sie auf das kleinste ihrer Worte legte – musterte und erklärte mir diese Zauberin, die das ganze menschliche Geschlecht mit sichtbaren oder unsichtbaren Fäden umspinnt, und es tanzen läßt, wie der Puppenspieler seine Puppen.
Ich glaubte also im Grunde meines Herzens, daß mir die Gräfin durch jene Aeußerung ihrer Vertrauten einen Wink hätte geben wollen, in Zukunft nicht mehr so übertrieben scheu und furchtsam zu seyn; aber ich hatte doch nicht Muth genug, diese Ueberzeugung durch mein Betragen kundbar werden zu lassen. Indessen war ich fest entschlossen, bey der ersten Gelegenheit, wo die Gräfin von Belohnung sprechen würde, Herz zu fassen, und statt alles übrigen, einen Kuß von ihr zu verlangen. Wie selig mich dieser Vorsatz machte, den ich im Geiste schon ausgeführt sah, kann man sich ohne Mühe denken.
Gegen Abend bat mich die Kammerjungfer, ein wenig mit ihr auf ihr Zimmer zu kommen. Ich that es gern und willig, ob ich gleich sonst alle Einladungen dieser Art mit Hartnäckigkeit von mir gewiesen hatte. Aber was für eine Aussicht öffnete sich mir, wenn ich es diesmal ihr nicht abschlug! Das Zimmer der Gräfin stieß an das ihrige – wie leicht konnte sie ihr nicht irgend einen Auftrag zu machen haben – sie mußte mich sehen, und gewiß mit mir sprechen – ich hätte dann Gelegenheit, das von ihr zu fodern, was sie mir durch ihre Vertraute hatte – anbieten lassen – und vielleicht geschah diese Einladung wiederum auf ihr ausdrückliches Verlangen.
Diese Gedanken jagten mich gleichsam zu dem Zimmer der Kammerjungfer. Es mußte der Bübin sehr leicht werden, diese ungewöhnliche Bereitwilligkeit auszudeuten.
Kaum fünf Minuten vorbey, so ging die Thür auf, und in derselben stand die Gräfin. Ich sprang auf.
»Laßt euch nicht stören, Kinder!« sagte sie mit einer überaus gnädigen Miene: »Ihr seyd überdies so still, daß man euch kaum hört! – Wilhelmen ist heute wieder wohl?« fuhr sie zu mir fort.
Recht wohl! erwiederte ich, und in diesen Augenblicken fühlte ich mich auch wirklich recht wohl.
»O, es ist ihm ja nie weh gewesen!« schnatterte die Kammerjungfer dazwischen. Die Gräfin schien flüchtig zu erröthen, aber ich brannte über und über.
»Er verlangt auch nicht einmal ein kleines Schmerzengeld!« fuhr sie fort.
Ich war wie mit heissem Wasser begossen, und zitterte an Händen und Füßen.
»Ich habe ihm eins in Vorschlag gebracht,« fuhr sie fort und hustete auf eine schelmische Art, indem sie mich scharf ins Auge faßte und mich bey der Hand nahm –
»Soll ichs sagen, Wilhelm?«
Vorher dürstete ich nach einer Gelegenheit, der Gräfin mein Anliegen vorzutragen, und jetzt, als ich sie in Händen hatte, war ich halbtodt!
»Er will weiter nichts, als« – sie führte mich zur Gräfin, und deutete mit dem Zeigefinger der linken Hand auf ihre Lippen und auf die meinigen –
»O,« rief die Gräfin wie aufgebracht: »meine Einwilligung habt ihr! Wenn der Herr zurückkömmt, will ich es ihm vortragen. Wenn das alles ist, was Wilhelm verlangt, das soll ihm gewährt werden« –
Ich fuhr nach ihrer Hand, denn ich bildete mir ein, sie hätte die Pantomime der Kammerjungfer gerade so verstanden, wie ich –
»Ja, ja,« rief sie noch hitziger als vorher, und zog die Hand zurück: »ja, ja! Ihr sollt – Mann und Frau werden, auf mein Ehrenwort.« – Sie schlüpfte in ihr Zimmer, und ich wußte nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden war. Die Kammerjungfer wollte sich halbtodt lachen.
»Mann und Frau!« rief ich, wie aus einem Traum erwachend: »Wir beyde Mann und Frau?«
Nicht anders, mein lieber Wilhelm! sagte sie lachend, und wollte mich bey der Hand nehmen. Ich schleuderte sie unsanft von mir.
»Ich bin nicht in Sie verliebt,« rief ich so laut, daß mich die Gräfin wohl hören konnte: »ich bin nicht in Sie verliebt! Ich mag Sie nicht heyrathen! Ich mag keine Frau! Das ist ein Mißverstand« –
Unter diesen Worten lief ich lärmend aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Aber kaum war ich unten, so fuhr mir der Irrthum der Gräfin von neuem wilder als vorher durch den Kopf; ich stürmte die Treppe hinan, rannte, schier ohne Bewußtseyn, durch das Zimmer der Kammerjungfer, machte das Zimmer der Gräfin weit auf, und rief hinein: Nein, gnädige Gräfin, ich bin nicht in Lisetten verliebt! schlug die Thür zu, und stürzte wie vorher die Treppe hinunter.
Wie bitter war ich getäuscht! Ich glaubte eines Kusses von ihren Rosenlippen schon so gewiß zu seyn, und statt desselben soll ich bekommen – eine Frau?
Fünftes Kapitel. Welch eine Heldenthat!
Was wollte ich nicht alles thun, um der Gräfin zu beweisen, daß es mir nie eingefallen wäre, mich in ihr Kammermädchen zu verlieben, vielweniger sie von ihr zur Frau zu begehren. Halbverrückt machte mich dieses Mißverständniß. Aber ich bekam auch dadurch Muth, alles zu wagen. Meine Liebe und meine Ehre wirkten hier vereint, und diese ersteigen den Himmel, wenn sie wollen.
Am Abende dieses Tages, dem schönsten in der Natur, saß ich, trübsinnig und in Gedanken verloren, in dem kleinen Lustgehölze, das an den Garten stieß, unter Bäumen, deren Zweige, vom leisen Abendwinde bewegt, sanft über meinem Haupte zitterten. Vor mir wallte ein großer Teich, den der aufgehende Mond in fließendes Silber verwandelte, und neben mir rauschte ein kleiner Bach in gekräuselten Wellen dem Wasserbehälter zu. Bald sah ich mit starren Blicken in den spiegelhellen Teich, und beschäftigte mich mit den kleinen Wölkchen, die dem Monde vorüberschwebten; bald blickte ich in das Gewimmel der kleinen Krystallwellen, die sich rauschend in tausend Brillanten zerschlugen, über einander hüpften, von neuem sich sammleten, und von neuem auseinander rauschten.
Ich sah das alles, sah es aber nur. Eine süße Wehmuth bemächtigte sich meines Herzens, und meine Phantasie hing an dem Bilde der Gräfin, das sich mir immer noch in eben dem Lichte zeigte, worin es den ersten gewaltigen Eindruck auf mich gemacht hatte.
Was würde ich ihr nicht alles sagen, wenn ich sie jetzt sehen sollte! rief ich, und in dem Augenblick hörte ich ein kleines Geräusch hinter mir. Ich sah mich um, und vor mir stand – die Gräfin. Fort war mein Muth, meine schönen Phantasien mit ihm!
Sie setzte den Fuß erschrocken zurück. Mit Zittern erwartete ich ihr erstes Wort. Ihre Verwirrung schien der meinigen nichts nachzugeben.
Ist Lisette hier? sagte sie endlich mit zitternder Stimme.
Was sollte die hier? versetzte ich hastig.
Ich dachte! fuhr sie gleichgültig fort.
Jetzt Muth gefaßt, sagte ich bey mir selbst, oder nimmer.
»Die gnädige Gräfin glauben wohl immer noch, daß ich in Lisetten verliebt sey?«
Sie lächelte bey diesen Worten, die ich mit Mühe hervorbrachte.
»Nein,« sagte sie, »nach Ihrer heutigen lauten Erklärung glaub' ichs nicht mehr. Sie dachten gewiß, man wollte Sie zwingen. Sie waren außer sich!«
Kein Wunder, sagte ich, solch ein Mißverstand!
»Lisette hat mir aus dem Traum geholfen!« erwiederte sie. Sie wollte lachen, aber es schien ihr sauer zu werden. Auch kam es mir vor, als ob sie immer noch eben so sehr verlegen wäre, als ich selbst.
»Lisette hat alles gesagt?« rief ich, und trat näher, und ergriff sie, als sie den Fuß fortsetzen wollte, bey der Hand. Sie wandte ihr Gesicht sorgsam auf die Seite, gleichsam als ob ich schon im Begriff wäre, mir das bewußte Schmerzengeld von ihren Lippen auszahlen zu lassen. Dies sehen, sie umfassen, und ihr den feurigsten Kuß mit Heftigkeit auf die Wange drücken, war das Werk eines Augenblicks, während dessen ich drey Himmel vor mir aufgethan zu sehen glaubte.
Sie entriß sich, der schönsten Verwirrung voll, meinen Armen, und rief mir, indem sie sich eilig entfernte, die Worte zu: ein Glück für Sie, daß Sie mir das Leben gerettet haben!
Welch eine Heldenthat! Triumphirend ging ich in meine Kammer, aber ich schlief diese Nacht nicht weniger unruhig, als die vorhergehenden.
Sechstes Kapitel. Der Graf kömmt zurück.
Ich konnte es nicht gewiß wissen, ob die Gräfin bey allen diesen Auftritten mit ihrer Vertrauten aus Einer Karte spielte oder nicht. Bey der vorletzten Scene, als die Gräfin mich so schmerzlich mißverstand, schien Lisette uns beyde zum Besten zu haben, aber die Begebenheit des vorigen Abends konnte ich nicht für bloßen Zufall halten: denn die Gräfin ging sonst, selbst bey hellem Tage, nicht allein im Garten spatzieren, noch weniger des Abends. Auch glaubt' ich aus gewissen kleinen geheimnißvollen Aeußerungen der Kammerjungfer schließen zu können, daß sie von meiner heldenmüthigen Unternehmung auf die Lippen der Gräfin etwas müsse gewußt haben. Auf jedem Fall benahmen sich beyde sehr meisterhaft: die Gräfin als eine Frau von Erziehung und Gefühl für Ehre und weibliche Würde; und ihre Vertraute, als ein Mädchen voll Schlauigkeit und Erfahrung, verbunden mit einer unumschränkten Ergebenheit für ihre Gebieterin.
Man glaube nicht, daß ich diese Bemerkung auf der Stelle habe machen können. Kopf und Herz standen mir ja damals in lichten Flammen.
Nach jedem Kampfe wuchs meine Liebe mächtiger heran. Ich suchte die Gräfin, und floh sie, wenn ich sie gefunden hatte; ich zitterte, wenn ich mit ihr sprechen sollte, und zitterte, wenn ich schweigen sollte. O, die Erfüllung des ersten Wunsches war die Mutter von Millionen andern geworden! Seit jenem Kuß brannte ein Feuer in meinen Adern, das meine ganze Lebenskraft aufzulösen und auszutrocknen drohete.
In diesem Zustande war ich, als der Graf zurückkam. Er trug mich fast auf den Händen, und bot mir Belohnungen an, deren Größe und Umfang mich beschämten. Aber was konnte er mir anbieten, das nicht schon tausendfach von der Belohnung überwogen ward, die ich mir selbst genommen hatte? Der alte Tobias sagte: ich könnte wenigstens den Titel eines Leibjägers dafür verlangen.
Die Zurückkunft des Grafen machte, daß ich die Gräfin nicht mehr so oft sehen und sprechen konnte, als vorher. Sie war durch ihren Gemahl gebunden, und ich durch den alten Tobias. Wenn auch beyde oft ganze Tage auf der Jagd waren, so blieben doch immer die übrigen Bedienten im Hause. Meine Wunde ward auch zusehends besser, und meine Jägerspflicht wartete auf mich.
Aber das war noch nicht alles. Lisette sagte mir, daß eine Busenfreundin der Gräfin unterwegs sey, die den ganzen Sommer, und auch wohl – je nachdem es wäre – setzte sie geheimnißvoll hinzu – den Herbst bey ihr zubringen würde. Da sie sich sehr lange und immer als die besten Freundinnen in L* gekannt hätten, so würden sie wohl unzertrennlich seyn. Es hätte eine besondere Bewandniß mit dieser Dame – fuhr sie erröthend fort – die sie mir aber nicht sagen könnte. – Es würde auch zu R** (der nächsten Stadt) ein Zimmer für sie gemiethet, weil es dort (sie that die Hand vor die Augen) einen geschickten – Geburtshelfer gebe.
Ich hörte wenig auf alles, was sie mir sagte, weil ich mehr mit dem Hinderniß meiner Liebe selbst, als mit den Umständen beschäftigt war, die es veranlaßten. Von allen Seiten war also meine Leidenschaft eingeengt, und sie ward gewaltiger dadurch. Sie drohete Durchbruch, wie ein verhaltner Strom.
Seit drey Tagen, so lange der Graf zurück war, hatte ich sie nicht gesprochen. Was für Plane machte ich nicht während dieser drey Tage! Ich ging täglich hundertmal in den Garten, und machte mir, mit dem Grabscheit oder Gärtnermesser, unter ihrem Fenster etwas zu schaffen. Aber dadurch erhielt ich nichts, als daß ich sie zuweilen am Fenster sah. – »Ehedem, als ich ihr noch nicht das Leben gerettet hatte,« sagte ich oft, in gewissen Anwandlungen von Unwillen, bey mir selbst: »sprach sie zuweilen aus dem Fenster zu mir, und jetzt kehrt sie mir den Rücken zu, wenn sie mich erblickt!« –
Ich glaube, daß ich damals diesen Umstand ganz falsch deutete.
Am Morgen des vierten Tages, als der Herr auf der Jagd war, und der alte Tobias den Vogelsteller machte, sah ich, daß Lisette das Frühstück der Gräfin in den Garten trug. Ich flugs hinterdrein, band einen Strauß von Blumen, um einen Vorwand zu haben, und erwartete sodann die Gräfin.
Sie erschien bald, und ich näherte mich der Laube, wo das Frühstück auf sie wartete. Lisette hüpfte mir entgegen, und sagte, sie wolle hinaus, dem alten Tobias entgegen, welcher der Gräfin eine Amsel zu bringen versprochen hätte.
Ich zeigte ihr den Strauß, und fragte sie, ob sie ihn der Gräfin einhändigen wollte. »Ich sollte es selbst thun!« sagte sie und flog davon. Ich wäre auch in Verzweiflung gewesen, wenn sie sich dazu erboten hätte.
Mit schwankenden Knieen trat ich in die Laube, die rund herum dicht überwachsen war. Sie saß im Hintergrunde derselben. Ich trat hinzu und überreichte ihr die Blumen, ohne einen Laut hervorbringen zu können.
Für mich, mein lieber Wilhelm? sagte sie.
»Für Sie, gnädigste Gräfin! Ich habe sie selbst gezogen!«
Sie müssen das ganze Beet geplündert haben, so viel sind es!
»Auch nicht eine einzige, die schön war, ist stehen geblieben!«
Es folgte eine Pause. Ich weiß nicht, wer von uns beyden in der größten Verlegenheit war. Um die ihrige zu verbergen, zog sie den Duft meiner Blumen ohne Aufhören in sich. Ich bestrebte mich zu sprechen, und über diesem Bestreben ward ich stummer und stummer.
»Sie pflegen immer viel, sehr viel zu geben, Wilhelm!« hub sie endlich, in Bezug meiner letzten Worte, wieder an.
O, immer zu wenig, rief ich, immer zu wenig! –
»Auch Todesgefahr nennen Sie wenig?«
Sie lächelte mit nassen Blicken auf mich her.
Auch Todesgefahr, rief ich, auch Todesgefahr, wenn ich ein Leben dadurch retten kann, das mehr werth ist, als Millionen andre!
»Guter, guter Wilhelm!« rief sie, und ich – stürzte ihr zu Füßen. Mein Auge suchte das ihrige und fand es, meine Seele folgte meinen Blicken, und ich sog aus den ihrigen ihre Seele. Dies war der Augenblick, wo Herz und Herz einander entgegen flogen, wo innig und innig verschwistert und verschlungen, beyde dem Körper sich entschwangen; wo Auge und Lippe, wo Finger und Arm, wo jeder Nerve, jede Fiber und jeder Pulsschlag: ich liebe dich! ich liebe dich! zu sagen sich bestrebte, und nur die Zunge allein schwieg. – O Sprache, arme Sprache, woher nimmst du Worte für diesen Augenblick? der uns in ein Elysium hinüber zauberte, in welchem tausend neue Elysien mit ihren Freuden vor unserm verklärten Auge in himmlischer Schönheit sich entwickelten!
Plötzlich hörte ich einen lauten Seufzer, und in eben dem Nu flatterte ein Vogel zur Laube herein, der mit seinen Flügeln die Decke derselben rauschend schlug. Ich sprang auf, und sah den alten Tobias vor mir. Die Gräfin sank ohnmächtig zurück.

Siebentes Kapitel. Freundschaft und Pflicht.
Lieber Tobias, rief ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge.
Er drehete sich um, und sagte: »Ich bin dein lieber Tobias nicht mehr, und du bist mein lieber Wilhelm nicht mehr.« – Ich wollte ihn halten, aber er riß sich von mir los.
»Sieh nur,« rief ich und zeigte auf die Gräfin, »hilf doch!«
Hilf Du selbst! sagte er unwillig, und ging mit schnellen Schritten aus der Laube.
Ich sprang, zwischen Schrecken und Angst und Liebe und Mitleid getheilt, zur Gräfin zurück, und schüttete ein ganzes Glas Wasser, das beym Schokolate stand, ihr über das Gesicht! Sie schlug die Augen auf!
»Gott, was soll aus mir werden!« rief sie: »Er sagt es dem Herrn!«
In dem Augenblick trat Lisette in die Laube.
»Hier! hier!« sagt' ich, indem ich auf die Gräfin zeigte, »Hülfe!« – Es fehlte mir an Athem und Worten und das gewaltsame Klopfen meines Herzens drohete mir die Brust zu sprengen. Ich eilte dem alten Tobias nach. Er war todtenblaß, und die Augen standen ihm voll Wasser. Ich nahm ihn bey der Hand –
»O, wenn du doch ein Schurke wärst, Wilhelm,« sagte er, und die Thränen rollten ihm in den grauen Bart: »mit Freuden wollte ich meine Pflicht thun!«
Er stand still, faltete beyde Hände fest in einander, und sah mit starren Blicken zur Erde.
»Ja,« rief er nach einigen Augenblicken: »Ja, er muß es wissen, ich kann es nicht verschweigen!« –
»Tobias,« rief ich und umschloß ihn, und drückte ihn an mein Herz, »lieber Tobias!« –
Er machte sich sanft von mir los, und ein heftiges Schluchzen ließ ihn nicht zu Worten kommen.
»Und wenn du ein Wilddieb wärst,« sagte er endlich: »so wollte ich dir durch die Finger sehen.« –
Er schluchzte von neuem heftiger.
»Aber ein Ehrendieb,« fuhr er fort, »ein Ehrendieb meines Herrn, meines Grafen – Nein, ich kann dich nicht mehr ansehen. Geh mir aus den Augen!«
»Lieber Tobias,« rief ich: »wenn du auch mich nicht schonen willst, so schone doch wenigstens die arme Gräfin!«
Er stutzte einen Augenblick. Ich benetzte seine rechte Hand mit meinen Thränen, während er mit der linken die seinigen abwischte.
»Ach Gott,« rief er, indem er den Kopf langsam und entkräftet auf die linke Schulter sinken ließ: »ich kann es ja nicht verschweigen, ich darf es ja nicht verschweigen!«
»Fodere was du willst,« rief ich, »von der Gräfin und von mir: du sollst es haben. Lege mir irgend etwas auf, das ich für dich thun soll, ich ruhe nicht, bis ich es gethan habe. Willst du dich glücklich machen, deine ganze Familie glücklich machen, so rede, ich bringe dir die ganze Schatulle der Gräfin!«
»Wie,« rief er, und der Zorn gab seinen Augen neues Leben: »du willst mir meine Pflicht abkaufen?«
Er schob mich unsanft von sich.
»Hättest du mir doch lieber ein Messer ins Herz gestoßen, Wilhelm, als das gesagt!« – setzte er sanfter hinzu. –
Wir waren während der Zeit bis vor seine Kammer gekommen. Er trat hinein, und ich wollte ihm folgen, aber er drückte die Thür vor mir zu und schloß sie ab.
Achtes Kapitel. Moriz läuft Sturm.
Ich durfte nicht laut vor seiner Kammer seyn, um das übrige Gesinde nicht herbey zu ziehen. Mit stillem verhaltnen Schmerz lief ich in den Garten zurück. Ich traf die Gräfin und Lisetten noch in der Laube. Lisette lag vor der Gräfin auf den Knieen, als ich hineintrat, und ich hörte nur noch die Worte: »O Gott, warum mußte ich den alten Spürhund fehlgehen! Er geht oben herein, während ich unten Wache halte!« Sie sprang auf, als sie mich sah, und die Gräfin erröthete mitten unter der Angst.
»Er wird uns verrathen!« rief ich: »Es ist keine Rettung!«
Die Gräfin ward von neuem ohnmächtig. Ich ging mit großen Schritten in der Laube auf und ab. Schrecken, Angst und Verzweiflung uns rettungslos zu sehen, raubten mir Bewußtseyn und Verstand.
Mitten unter dieser Verwirrung, trat ein Wachtelhund, des Grafen Liebling, in den Eingang der Laube, witterte und rannte davon. Beweis genug, daß der Graf in der Nähe sey. Die Gräfin sprang auf und wußte nichts von Ohnmacht, Lisettens Thränenquell versiegte, und ich – fühlte mich ganz leicht. Hier ward Schrecken von Schrecken übermeistert, und die Betäubung, die nun folgte, dauerte lange genug, um uns dem Grafen entkommen zu lassen, ohne daß wir ihm aufgefallen wären. Er sprach zwey Worte mit der Gräfin, und ließ sie gehen, und als er mich um meine Verrichtung in der Laube befragte, sagte ich frisch und rund: Tobias hätte eine Amsel fliegen lassen, die hätte ich wiederfangen wollen, aber sie wäre fort.
Er ging, und ließ mich stehen. Sogleich eilte ich zur Kammer des alten Tobias zurück. Weil niemand in der Nähe war, so sah ich durch das Schlüsselloch. Er ging, beyde Hände fest in einander geschlungen, jammernd auf und ab, und fuhr sich zuweilen mit der verwandten Hand über die Augen. Ich pochte leise an die Thür.
»Wer ist da?« rief er mit schwacher Stimme.
»Ich bins, lieber Tobias!« rief ich kläglich.
Er antwortete nicht, machte aber auch nicht auf. Ich pochte noch einmal und stärker, aber kein Gehör; ich nahm die Faust, die Thür blieb zu – Und nun geh' es drunter und drüber! rief ich in rasender Wuth, und fing an, die Thür mit den Fäusten, mit den Knieen, mit den Schultern, und endlich gar mit dem Kopfe zu bearbeiten, daß sie donnerte und krachte.
In wenig Augenblicken stand das ganze Hausgesinde in einem halben Zirkel um mich herum, und Knecht und Magd, und Jungfer und Diener bezeigten mir ihr Staunen, und ihre Neugier, jedes nach seiner Art. – Ich glaubte der Himmel fiele über mich zusammen.
Ich durchbrach das Getümmel, und suchte das Freye, aber der Haufen zog hinter mir her. Ich bat die Verständigsten darunter, kein Aufsehen zu machen, sie sollten alles erfahren: der Haufen folgte. Ich drohete, den ersten, der mir zu nahe käme, mit Gewalt zurückzuführen: der Zug blieb mir auf den Fersen. Ich stieß einige ziemlich unsanft zurück: diese blieben hinten, die hintersten drangen vor, und die Gesellschaft folgte mir in schönster Ordnung auf dem Fuße. Als ich mich so von allen Seiten umzingelt und umlagert sah, blieb mir nichts übrig, als mich durchzuschlagen, und dies gelang mir so gut, daß ich meine Kammer erreichte, und Zeit genug behielt, sie hinter mir abzuschließen. In eben dem Augenblick riefen ein paar Stimmen: der Herr kömmt! Ich warf mich ohne Athem und aller Sinne beraubt auf mein Bette, drückte die Augen fest zu, und bestrebte mich, auch das letzte Fünkchen von Bewußtseyn, das noch in meinem Kopfe glimmte, in bitterer Verzweiflung zu ersticken.
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Die Stimme des alten Tobias erweckte mich endlich. Ich öfnete ihm meine Kammer. Er nahm mich stillschweigend und mit abgewandtem Gesichte bey der Hand, führte mich über den Schloßhof, durch ein altes verfallenes Nebengebäude, schloß eine eiserne Thür auf, schob mich hinein und legte das Schloß wieder davor.
Neuntes Kapitel. Moriz schüttelt den alten Tobias.
Nun hatte ich Zeit und Gelegenheit genug, über das, was geschehen war und geschehen würde, reiflich nachzudenken. Es war gewiß, daß Tobias dem Herrn die ganze Begebenheit entdeckt hatte. Aber mein Schicksal lag mir nicht so schwer auf dem Herzen, als das Schicksal der Gräfin. Ich zitterte für sie, wenn ich an die hitzige Gemüthsart des Grafen dachte; doch ward ich wieder durch den Umstand getröstet, daß er sich gegen mich nichts weniger als jachzornig benommen hatte. Jeder andre wäre thätlich mit mir verfahren, aber er, läßt mich blos einsperren, und noch dazu durch einen Andern. Was auf diesen Verhaft folgen würde, wußte ich freylich noch nicht.
Ich befand mich in einem runden Thurme, der vor Alters eine Warte gewesen zu seyn schien, jetzt aber als ein Gefängniß für ungehorsame Bauern gebraucht wurde. Eine schmale Wendeltreppe führte hinab in ein finsteres Gewölbe, und eine andre hinauf in eine Art von Stube, die durch drey oder vier stark vergitterte Löcher ihr Licht erhielt. Ich saß eine Zeit lang auf der untersten Stuffe der Treppe, die hinan führte, und war in tiefen und traurigen Betrachtungen versunken. Die Finsterniß, die rund um mich herrschte, machte die Bilder, die meine Phantasie sich schuf, um so heller und heller; auch wurden sie um so mannichfaltiger und zahlreicher, je verwickelter und verwirrter mein Schicksal mich dünkte, und je weiter sich die Hoffnung eines guten Ausgangs von meinem Herzen entfernte. Man kann leicht denken, daß auch Malchen in diesen Augenblicken mir erschienen seyn müsse: mein Bestreben, dies Bild, das mir doppelt peinlich war, vor meinen Augen zu entfernen, ging jedesmal in eine förmliche Herzensangst über.
Endlich stieg ich die Treppe hinan. Ich fand in dem obern Behältnisse nichts, als eine steinerne Bank und einen steinernen Tisch. Dieser handfeste Hausrath erweckte in mir eine Besorgniß, die mich mit jeder Minute heftiger peinigte. – »Wer wehrt es dem Grafen, rief ich trostlos aus, mich Zeitlebens in diesem undurchbrechlichen Kerker eingesperrt zu halten? Er ist Herr über sein Gesinde, und kann den Verbrecher nach Willkür strafen! – Wenn ich auch rufe, wer hört mich? Wer es hört, kann mich nicht retten! Die großen Schlösser an der eisernen Thür widerstehen der Axt, und die dicken Quadern und starken Gitter dem Brecheisen!«
Während ich so sprach und dachte, hatte ich doch die Stärke meines Armes an den Gittern versucht.
Es war schon finster in meinem Kerker, als ich ein Gerassel an der eisernen Thür und die Stimme des alten Tobias hörte. Ich stieg hinab, und er reichte mir durch die Klappe, die in der Thür angebracht war, Brot und Wasser herein. Ich darf dir nichts besseres geben, sagte er gerührt, er hat es so befohlen!
»Aber was soll aus mir werden, Tobias?« rief ich, als ich meine karge Aetzung neben mir nieder gesetzt hatte.
Gott weiß es! sagte er, indem er den Kopf auf die Seite drehte.
»Und die Gräfin? Ich bitte dich – was ist ihr geschehen?«
Nichts! Er ist diesen Nachmittag lange mit ihr spatzieren gegangen, er war sehr freundlich mit ihr, und sie lachte einigemal laut auf.
»Lachte?« rief ich mit Bitterkeit.
Ja, ich begreif' es auch nicht, wie sie lachen kann und wie er lachen kann. Er hat mich wohl zehnmal gefragt: »also nur auf den Knieen lag er vor ihr?« – Ja, Gnädiger Herr, sagte ich. – »Alter Narr,« sagte er darauf, »so lange man auf den Knieen liegt, hat es nichts zu sagen. – Indessen laß ihn sitzen bey Brot und Wasser!« – Aber wie lange, gnädiger Herr? – »So lange ich will!« sagte er und kehrte mir den Rücken zu. O, lieber Wilhelm, diese kurze Antwort that mir sehr weh.
»Und mir thuts weh,« rief ich in rasender Wuth, »daß ich – daß ich dich nicht habe – daß ich dich nicht den Berg hinabstürzen kann – du alter verwünschter Zeitungsträger!«
Ich fuhr bey diesen Worten mit dem Arm plötzlich durch die Klappe, packte ihn bey der Schulter, und schüttelte ihn gewaltig.
»Weiß man es dir nun Dank?« fuhr ich fort, indem ich ihn bey jeder der folgenden Fragen aus allen Kräften zusammenrüttelte: »Hast du mich nicht muthwillig in dies Loch gebracht? Habe ich dich nicht fast auf den Knieen gebeten, du solltest mich nicht verrathen? Und doch (hier schüttelte ich ihn am allergewaltigsten) und doch gehst du hin und giebst mich an?«
Mein Gott, rief er, ich wußte ja nicht, daß das Knieen nichts auf sich habe!
Ich ließ ihn endlich los, und er schlich sich kopfhängend davon. In dem Augenblicke dauerte er mich wieder.
Zehntes Kapitel. Noch ein Besuch.
Als ich mich bückte, um meine Gefangenkost aufzuheben, fand ich weder Wasser noch Brot. Ich hatte in der Hitze die Wasserflasche zertreten, und das Brot hinter mir die Treppe, die in das unterirrdische Gefängniß führte, mit dem Fuß hinabgestoßen. Kaum war ich dieses Unglücks gewiß, als ich die Klappe in der Thür aufriß, und ein paarmal Tobias! Tobias! mit solcher Anstrengung herausbrüllte, daß das Echo ein zehnfaches Tobias, Tobias, von den umliegenden Felsen eben so gewaltig zurückgab.
Jesus, ich sterbe! ließ sich in eben dem Augenblick eine Stimme hören – Ach, ach, ach!
Ich sah hinaus, und erblickte eine weibliche Gestalt, die vor Schrecken zu Boden gesunken zu seyn schien. Mit der linken Hand hielt sie sich die Brust, wie wenn man ausser Athem ist, und mit der rechten bedeckte sie beyde Augen.
Wer ist da? rief ich. Ein paar Dutzend O und Ach waren die Antwort.
Ums Himmels willen, wer ist denn da? rief ich von neuem. Aber die O und Ach nahmen kein Ende. Endlich hörte ich, nach einem dritten Zuruf, ein klägliches: Ach lieber Wilhelm! und nun erkannte ich – Lisetten.
»Was bringt Sie mir?« sagte ich wildes Herzens: »Kommt Sie auch, um zu lachen, wie Ihre Frau?«
Nur stille, erwiederte sie, daß uns niemand hört! Ich habe mich unvermerkt hinter dem alten Tobias hergeschlichen und so lange versteckt gehalten bis er weg war. Als Sie so abscheulich schrien, bin ich –
»Ich bitte Sie um alles in der Welt mach' Sie's kurz! – Ists wahr, daß die Gräfin gelacht hat?« –
Freylich hat sie das, und warum sollte sie nicht? Sie hat für den Grafen einen so herrlichen Roman ersonnen, und er hat ihn so treuherzig für wahr gehalten, daß wohl der Ernsthafteste hätte lachen müssen. Sie sind zu einem blöden Schäfer gemacht worden, der schon beym Gedanken an seine Geliebte auf die Kniee fällt. Sie hätten sich in die Gräfin verliebt (so erzählte sie die Geschichte) ohne daß sie etwas dafür gekonnt, und gerade damals, als Tobias in der Laube dazu gekommen sey, hätten Sie ihr knieend einen Blumenstrauß überreicht, und das Uebermaaß Ihrer Liebe hätte Ihnen das Herz abstoßen wollen. Sie würde die ganze Geschichte dem Grafen selbst erzählt haben (setzte sie hinzu) wenn sie nicht auf eine Gelegenheit gewartet hätte, wo er sich mit eignen Augen von Ihrer demuthsvollen Liebe hätte überzeugen können. Ich that, während der ganzen Erzählung, als ob ich vor Lachen außer mir sey, und flochte gelegentlich noch eine Menge närrischer Anmerkungen ein, die ich über Ihre verliebte Raserey gemacht haben wollte, da Sie mich zur Vertrauten Ihrer Qualen gebraucht hätten. Genug, wir brachten den Grafen so weit, daß er lachte, und damit hatten wir gewonnen. Am Ende machte er aber doch die Anmerkung, es schicke sich, so lächerlich auch die Geschichte sey, dennoch für eine Gräfin sehr schlecht, einen armen Pinsel zum Narren zu machen; und wenn sie ihm eher einen Wink davon gegeben hätte, so würde er's ihr untersagt haben. Sie wären ein ehrlicher Kerl, der ihr noch dazu das Leben gerettet hätte, und hätten es nicht verdient, daß man sich lustig über Sie machte.
»Bey Gott!« rief ich auf einmal, aus der Tiefe meines Herzens: »das hab' ich auch nicht verdient!«
Seltsamer Mensch, sagte Lisette, haben Sie denn vergessen, daß das alles nur im Spaße gesagt war? Im Herzen dachte die Gräfin ganz anders.
Diese Worte brachten mich wieder zu mir selbst. Ihre Erzählung und das ewige Lachen über mich, hatten meine Empfindlichkeit rege gemacht, und allmählig hatte sich der Gedanke in meinem Kopfe entsponnen: ob mich die Gräfin nicht wirklich zum Besten gehabt? Daß sie so sprechen mußte, um sich und mich zu retten, hatte ich ganz vergessen.
»Und was beschloß der Graf über mich?« fuhr ich fort.
Er verlöre an Ihnen einen treuen Kerl, sagte er, denn er sehe sich genöthigt, Sie wegzuschicken. Leuten Ihres Standes sey es wohl erlaubt, mit eigener Lebensgefahr Gräfinnen das Leben zu retten, aber sich in sie zu verlieben, müßten sie sich nicht einfallen lassen. Deßhalb wollte er Ihnen, um Ihres eigenen Besten willen, mit einem kleinen Denkzettel den Abschied geben.
»Denkzettel, Denkzettel!« rief ich: »Mit was für einem Denkzettel? Ließ er sich nicht d'rüber aus, was für ein Denkzettel das seyn sollte?«
Diese Worte sagte ich mit einer Heftigkeit, die meinen Thurm wiederhallen machte.
Ich weiß nicht, wie er es meynte!
»Machte er keine Bewegung mit den Augen, oder mit der Hand, woraus du hättest schließen können, wie er das meynte? Ich bitte dich, sahest du gar nichts?« –
Nun, was wird es seyn? Er hob die rechte Hand in die Höhe und ließ sie wieder sinken.
»Himmel und Hölle,« schrie ich: »so wie man die Hetzpeitsche oder den Prügel schwingt! – Es ist sein Tod, wenn er sich thätlich an mir vergreift – sein und mein Tod, das schwöre ich ihm!«
Dafür lassen Sie uns sorgen! Es wird Ihnen nichts geschehen! Morgen kömmt eine Freundin der Gräfin an, für die er sich ihres Schicksals wegen besonders interessirt, und die er schon lange wieder zu sehen gewünscht hat: da bitten wir ihn während der ersten Freude, daß er Sie los läßt, und die Fremde muß mit uns bitten, so kann er nicht widerstehen!
Ich hörte ihre Reden wie im Traum an; denn ich hatte während derselben schon einen Plan ersonnen, wie ich den Schimpf nach den Gesetzen der Ehre abwaschen wollte, wenn er mich prügelte, oder prügeln ließe. Ich wollte hingehen, die Fuchshöhle aufsuchen, worein ich Uniform und Degen vergraben hatte, und mich ihm als Soldat und Kavalier, den bloßen Degen in der Hand, vor die Augen pflanzen! Da sollte er erstaunen, da sollte er sich wundern, was aus seinem Jäger geworden wäre! Dieser Gedanke gefiel mir so, daß ich heimlich und ohne es selbst zu billigen, endlich sogar wünschte, es möchte dem Grafen gefallen, mich mit einem thätlichen Denkzettel fortzuschicken.
»Aber wenn ich nun fort muß?« sagte ich kläglich.
Diese Worte waren die Quelle zu einem Thränenstrom von Seiten Lisettens. Jedes Wort, das sie sagte, flog mir mit einem Schluchzer entgegen, und da sie am Ende keinen artikulirten Laut mehr hervor bringen konnte, so floß ihre ganze Tonleiter in eine seltsame Geheulsprache zusammen, die eben so schwer zu beschreiben als unangenehm anzuhören ist.
Mir war es sehr leid, daß ich zu dieser sonderbaren aber gut gemeynten Musik den Ton angegeben hatte. Um sie zu beruhigen, stellte ich mich auch beruhigt, und ich tröstete sie, da ich von ihr, nach jener traurigen Aeußerung, Trost erwartet hatte. Die Gräfin lag mir tiefer im Herzen, als ich es mir je gestanden hatte, doch bey weitem nicht mehr so tief, als drey Stunden vorher, wo ich noch nicht wußte, daß sie, während ich in einem finstern Kerker, von aller Welt verlassen jammerte, so herzlich hätte lachen können. Man wird über mich lachen nach diesem Geständniß, ich weiß es wohl, aber ich weiß auch, daß man in diesem Falle nicht mich, sondern die Natur ausspottet.
Auch auf Lisetten fiel ein Theil meines Unmuths, weil ich mich, sobald ich mich ihrer gewöhnlichen guten Laune und Verschmitztheit erinnerte, des Gedankens nicht erwehren konnte, daß sie und ihre Frau mich wirklich zum Besten gehabt hätten. Ich wurde jeden Augenblick stiller und zurückhaltender, und als mich Lisette um die Ursache davon fragte, antwortete ich: mich plagten Hunger und Durst zugleich, weil ich meine Gefangenkost die finstere Treppe hinab gestoßen hätte.
Sie flog davon, kam aber eben so hurtig zurück, und trippelte unentschlossen und ohne die Ursach ihrer plötzlichen Zurückkunft angeben zu können, vor meinen Augen herum. Endlich kam es heraus, daß sie sich fürchte, den dunklen Gang durchs alte Schloß zurückzugehen. Ich wußte nicht, ob ich lachen, oder mich erzürnen sollte. Es hatte allen Anschein, daß ich diese Nacht hungrig und durstig würde zubringen müssen. Auch sie hätte am Fuße meines Thurms, von der frischen Nachtluft durchdrungen, ein trauriges Lager gehabt. Ich stellte ihr dies vor, und vermochte sie, ein paarmal von neuem anzusetzen, aber sie kam jedesmal ausser Athem zurück. Sie weinte endlich über ihre Furchtsamkeit, ward aber um nichts beherzter dadurch. Je weniger ich Hoffnung behielt, meine Eßlust zu befriedigen, desto stärker ward diese; je öfter Lisette versuchte ihre Furcht zu überwinden, desto furchtsamer ward sie. Wir waren beyde in der allerbedaurenswürdigsten Lage!
Da es aber keine Verlegenheit giebt, aus welcher sich nicht ein Weiberkopf gut – oder schlecht zu ziehen wüßte, so blieb auch Lisette in der gegenwärtigen nicht stecken. Sie bannte den Geist der Furchtsamkeit mit einem – o Wunder! – mit einem Zwirnfaden.
Ich mußte meine Hand zur Klappe herausstecken. Nachdem sie mir solche herzlich gedrückt hatte, band sie mir einen Faden an den Daum, behielt den Knäuel in der Hand, und so unternahm sie das große Wagstück, durch den finstern Gang des alten Schlosses zurückzugehen. – »Ich sollte nicht vergessen zuweilen zu zupfen,« sagte sie, als sie ihre Reise antrat: »damit sie sicher wäre, daß der Faden nicht zerrissen sey!« – Wahrhaftig, diese Anstalten mußten ihren Muth anfrischen! Mit einem bekannten herzhaften Menschen, der in einem Thurm zwischen drey Ellen dicken Quadern eingesperrt ist, durch einen Zwirnfaden auf zwey bis dreyhundert Schritte zusammenzuhangen, und durch sein Zupfen jede Minute erfahren zu können, daß – der Faden noch an seinem Daum befestigt ist: dies war ein Umstand, der alle Furcht vor Gespenstern und Kobolden, eben so gewiß von ihr entfernt halten mußte, als es ausser allem Streit ist, daß Amulette und Lukaszettel (die seit einiger Zeit unverdienter Weise einen übeln Geruch angezogen haben) mehr als Einen gefährlich Kranken vom Tode errettet haben.
Sie kam in kurzer Zeit, mit einer zweyten Aegide in Gestalt einer Blendlaterne gegen die Furcht bewaffnet zurück, und brachte mir allerley Gebacknes, das ihr die Gräfin selbst für mich gegeben hatte. Die Gräfin ließ mir sagen, ich sollte mich nur bis morgen ruhig verhalten, und meiner Loslassung wegen ausser Sorgen seyn. Wirklich bemengte ich mich jetzt nicht mehr so sehr mit bangen Erwartungen über den Ausgang meines Verhafts. Der Graf sah den Vorfall in der Laube von einer lächerlichen Seite an, und schickte er mich mit einem Denkzettel fort, so wußte ich, daß nicht weit von hier in einer Fuchshöhle die Werkzeuge meiner Rache zu finden waren.
Aber die Beruhigung, die mir dieser Gedanke verschaffte, war von kurzer Dauer. Lisette, die es sich, während ich aß, sehr angelegen seyn ließ, mich zu unterhalten, erzählte mir, als eine seltsame Mordgeschichte, daß der Graf diesen Nachmittag in einer – Fuchshöhle, auf die ihn seine Diane aufmerksam gemacht, eine vollständige S** Offiziers-Uniform mit Degen und Kordons gefunden habe, die noch ganz neu wäre und vor kurzem erst dort vergraben seyn müßte. Ihr Besitzer wäre vermuthlich im Walde angefallen und erschlagen worden. Um durch den Verkauf seiner Uniform nicht verrathen zu werden, hätten die Räuber sie wohl in jene Höhle vergraben.
Mir verging Hören und Sehen bey dieser Geschichte. Die gefundne Uniform war die meinige, was noch dadurch ausser allem Streit gesetzt ward, daß Lisette, die sie selbst gesehen haben wollte, mir versicherte, sie habe einen rothen Kragen und rothe Aufschläge gehabt. – »Weil sie den Erdgeruch angezogen hätte,« setzte sie hinzu, »so habe sie der alte Tobias unter der Linde aufgehangen, damit sie austrocknen sollte. Unter dem Stichblatte des Degens hätten Buchstaben gestanden, die vermuthlich den Namen des Erschlagenen andeuteten. Der alte Tobias habe sie aufmerksam betrachtet, und zum Herrn gesagt: er habe diese Buchstaben schon sonst irgendwo gesehen, wo sie ihm aufgefallen wären, aber da sein alter Kopf schwach sey, so erinnere er sich nicht mehr, wo?«
Dieser letzte Umstand brachte mich vollends aus aller Fassung. Unter dem Stichblatte meines Degens waren die Anfangsbuchstaben meines Namens eingegraben; auf dem Knopfe meines Rohrs, das ich nicht mit verscharrt hatte, standen sie auch; dies hatte der alte Tobias gesehen, und daher war ihm der Namenzug bekannt. Ich war so gut, als verrathen, wenn ihm mein Rohr unter die Augen kam, oder wenn er sich auch nur daran erinnerte.
Um Lisetten meine Bestürzung nicht zu verrathen, gab ich Müdigkeit vor, und bat sie, mich zu verlassen. Sie wünschte mir unter Seufzern und Thränen, die um so häufiger wurden, da sie sich an mein hartes Lager erinnerte, eine herzliche gute Nacht, und entfernte sich.
Eilftes Kapitel. Moriz ein Mörder.
Aber, ich würde keine gute Nacht gehabt haben, und wenn ein Lager von Flaum und Ederdunen auf mich gewartet hätte. Tausend ängstliche Gedanken fuhren mir durch den Kopf, und hielten den Schlaf weit von mir entfernt. Was sollte aus mir werden, wenn man mich als den Besitzer der gefundenen Uniform, und zugleich als S** Offizier, der Ausreisser war, entdeckte, fest hielt, und an mein Regiment zurücklieferte, oder mir wohl gar als einem Spion, der die nahgelegene neue Festung hätte aufnehmen und verrathen wollen, den schimpflichsten Proceß machte? Daß auch der Graf nach dieser Entdeckung das Knieen vor seiner Gemahlin ernsthafter, als vorher, da er mich für einen gewöhnlichen Jäger hielt, aufnehmen müßte, und daß die Folgen davon für mich und seine Gemahlin um so schrecklicher seyn würden, da er wohl wissen konnte, daß mein Regiment in L**, also an eben dem Orte stand, wo sie in Pension gewesen war, und er mithin leicht glauben dürfte, meine Verkleidung als Jäger sey ausdrücklich unter uns abgekartet gewesen, um ihn zu entehren: daß alle diese Umstände, so bald jene Entdeckung ins Klare gesetzt war, wie Blitz und Schlag über mich hereinbrechen müßten, fand ich so natürlich, so unumgänglich gewiß, daß ich in eine Raserey darüber verfiel, die durch das Bewußtseyn meiner undurchbrechlichen Verwahrung, bis zum höchsten Grade wilder Verzweiflung getrieben wurde. Diese Nacht werde ich nie vergessen. Aber auf sie folgten noch zwey schrecklichere Morgenstunden.
Ich hatte, als es lichte ward, ganz unwillkürlich eines der Papiere in die Hand genommen, worein das Kuchenwerk, das mir Lisette gebracht, gewickelt gewesen war. Lange hatte ich es in den Händen zerdrückt und wieder entfaltet, je nachdem mich der Schauer der Verzweiflung zusammenschüttelte, oder mich auf eine Zeitlang wieder verließ. Auf einmal fiel mir der Name Amalia von Lehmniz in die Augen. Ein gewaltsamer Schlag fuhr mir durch alle Glieder. Ich hatte nicht erst Muth genug zu lesen, was in diesem Briefe stand, so wenig es auch war. Nur diese fünf Zeilen waren es:
»Morgen in der Frühe, meine Liebe, drücke ich Dich an mein Herz. Nicht eher werde ich Dich verlassen, bis mein Schmerz geheilt ist, sey es durch Deine Freundschaft, oder durch den Tod.«
O, das war zuviel für ein menschliches Herz! Ich schlug ohne Bewußtseyn zu Boden. Wie wesenlose Schatten schwebten Malchen, und ihre Schwester als Mannsperson verkleidet, mit einem Stich durch die linke Seite, mir vorüber. Ich strebte nach diesen geliebten Schatten, ich rang, ich weinte nach ihnen, aber ach! mich schloß ein dunkler Kerker ein, und sie schwanden und zerflatterten in Luft.
Dieser Traum, den ich wachend träumte, war ein unordentliches Gemählde der Gedanken-Trümmer, die während dieser schrecklichen Augenblicke durch ihr Gedränge meinen Verstand zerrütteten, und meinen Körper zu Boden warfen.
Was für ein Licht ging mir durch diese fünf Zeilen auf! Malchen war also doch die Freundin, die jenen Brief, dessen Aufschrift mich damals so erschreckte, an die Gräfin geschrieben hatte! Mein Nebenbuhler, dessen Anblick mir damals den Verstand raubte, und nach welchem ich stach, war also ihre Schwester! Ein Scherz, den ich mißverstand, hatte ihr einen Schmerz verursacht, dessen Linderung sie nur vom Tode hoffte. Ich hatte, während sie verlassen trauerte, einer neuen Liebe in meinem Herzen Raum gegeben und die Arme, die durch meine Uebereilung unglücklich wurde, gänzlich vergessen! Jetzt kömmt sie, vom Kummer verzehrt, als Märtyrin ihrer Liebe hieher, und findet mich in einem schimpflichen Gefängniß, das mir eine Untreue zuzog, die ich mit eben der Freundin, von deren Theilnehmung sie Heilung ihres Schmerzes erwartete, an ihr begangen hatte! Ich wußte nun, daß sie kam, daß sie vielleicht schon da war – ich wollte zu ihr fliegen und um Leben oder Tod bey ihr bitten, und konnte nicht – und konnte nicht, weil eiserne Thüren und eiserne Stäbe, und dicke Quadern mir den Ausgang zu ihr versperrten! – O, dies war zuviel, zuviel für ein menschliches Herz!
Wie lange dieser grausame Zustand dauerte, weiß ich nicht. Ein gewaltsames Rütteln brachte mich zu mir selbst. Ich fand meine Hände mit starken Stricken gebunden, und um mich sah ich vier Männer beschäftigt, die mich aufzuheben und fortzuschaffen versuchten. Der alte Tobias war an ihrer Spitze. Die ersten Worte, die ich vernahm, waren seine Worte: »Er war sonst ein Riese,« sagte er, »jetzt hat ihn das böse Gewissen so schwach wie ein Kind gemacht! – Aber wer sollte unter seinem Gesichte einen Räuber und Mörder gesucht haben?«
Wo bin ich? rief ich: Bist du es, Tobias? Kein Laut zur Antwort! Sie hoben mich stillschweigend auf und trugen mich die Treppe hinunter, und ich ließ es geschehen, ohne eine deutliche Vorstellung, oder vielmehr, ohne Kraft zu haben, mir eine Vorstellung von dem was vorging zu machen. Unter der Thür richteten sie mich auf. Nur mit Mühe trugen mich meine Füße.
Sie führten mich auf das Schloß in einen großen Saal, wo man Gericht zu halten pflegte. Ich sah auf demselben ein dickes Gewimmel von Leuten, deren starre Blicke, sobald ich erschien, sich fest auf mich hefteten. Auf der Tafel sah ich meine Uniform, meinen Degen, mein Rohr und eins meiner Schnupftücher liegen. Ich fuhr bey diesem Anblick zusammen, und das Volk brach in lautes Gemurmel aus. Man erwartete nur noch den Grafen.
Dieser erschien endlich und hatte zwey Frauenzimmer und eine Mannsperson hinter sich, die in der Thür des Seitenkabinets stehen blieben. Die Bedienten trennten das Gedränge, damit mich, wie sie sagten, die Herrschaft sehen könnte. In eben dem Augenblick, wo das Getümmel aus einander fuhr, hörte ich ein Geschrey: »Gott, es ist nicht sein Mörder! Er ist es selbst!« – Und zu mir her flog ein Frauenzimmer, flog mein Malchen, und umarmte mich, und drückte mich an ihr Herz, und weinte sprachlos an meiner Brust; und ich Armer, ich konnte sie nicht umschließen, ich konnte sie nicht an mein Herz drücken, weil meine Hände gebunden waren!
Der alte Tobias war der erste, der herzusprang, und unter Freudenthränen meine Bande löste! Und nun hatte ich Malchen, nun hatte Malchen mich wieder! Wir sagten uns Worte, die wie Feuerfunken in unsre Herzen fuhren, und unser ganzes Wesen zur wildesten Freude entflammten! »O Moriz! O Malchen! Ich habe dich wieder! Du bist wieder mein!« – Diese Worte waren die Losung unsers Entzückens. Wir schlungen einen Knoten, den die Ewigkeit selbst nicht wieder auflösen sollte!
Zwölftes Kapitel. Plötzliche Abreise.
Während der Ergießungen unserer Freude hatten sich die Zuschauer allmählig vom Saale verloren, und wir sahen, als wir ein wenig zu uns selbst kamen, niemand mehr, als den alten Tobias, dem das Vergnügen aus den Augen lachte. Er sagte uns: der Graf, die Gräfin und der junge Herr (Malchens Bruder) wären in ein Seitenzimmer gegangen, um – uns nicht zu stören. Wir sprangen Hand in Hand zu ihnen, ich hing dem Grafen am Halse, Malchen der Gräfin. »Kein Wort vom Vergangenen, Herr von Lemberg!« sagte der Graf mit einer Ernsthaftigkeit, die merkbar auf den Vorfall in der Laube Bezug hatte: »Ich bin Ihr Freund, nehmen Sie meine Hand d'rauf.« – Ich drückte sie an mein Herz. Der Gräfin konnte ich nicht ins Gesicht sehen, und sie mir eben so wenig. Sie versuchte, mir ihre Freude über die glückliche Entwicklung meiner Geschichte zu bezeigen, und stotterte – Komplimente. Ich versuchte, ihr für ihre Theilnehmung zu danken, und stotterte auch Komplimente. Wir waren in dem gezwungensten Verhältnisse gegen einander, das um so peinlicher war, da Malchen zwischen uns stand, und in unsern Augen Entzücken und Freundschaft suchte, aber nicht fand. Malchens Bruder, der bey allen diesen Ereignissen den kalten Zuschauer spielte, that endlich den Vorschlag, daß wir uns heute um niemand als um uns selbst bekümmern sollten, weil wir doch wohl für niemand, als für uns selbst Auge und Ohr hätten. Sie verließen uns hierauf und wir waren wieder allein.
Wieviel wollten wir uns nicht sagen, und wie wenig sagten wir uns! Ich machte Malchen einen sehr unordentlichen Bericht, von dem was mir seit unserer Trennung begegnet war; ich gestand ihr sogar, daß ich mich beynahe in die Gräfin verliebt hätte. Sie gerieth in eine sichtbare Bewegung bey diesem Geständniß, und that mir gleich darauf den Vorschlag, daß wir heute noch nach Lehmnitz zurück wollten, um – unserm Vater, der vor Unruhe und Gram verginge, endlich wieder eine frohe Stunde zu machen. Ich schlug ein, und damit sie diesen Entschluß noch mehr in mir befestigte, sagte sie, daß sie mir ihre Geschichte nicht eher erzählen würde, als bis wir im Wagen säßen.
Sogleich suchten wir den Grafen, die Gräfin, und den jungen Lehmnitz auf, und thaten ihnen unsern Vorsatz kund. Sie fanden ihn zwar sehr übereilt, setzten ihm aber keine starken Gründe entgegen. Malchens Bruder erklärte, daß er nicht mitreisen, sondern binnen einigen Tagen, wenn er des Grafen Wildbahn erst recht genossen hätte, mit Muße nachkommen würde.
Kaum zwey Stunden nahmen wir uns zur Erholung Zeit. Es ward mir ganz leicht ums Herz, als man uns Nachricht brachte, Pferde und Wagen wären bereit. Malchen und die Gräfin zerdrückten und zerküßten sich beym Abschiede mit – trockenen Augen, und ich stand mit dem Grafen Hand in Hand, und sprach mit ihm sehr ernsthaft von – dem guten Wege, den wir zu unserer Reise haben würden. Endlich küßte ich der Gräfin mit einer tiefen Verbeugung die Hand, welches sie eben so höflich erwiederte. Lisette machte es ihrer Frau eben so geschickt nach, aber der alte Tobias ließ seinem Vergnügen freyen Lauf, und nannte mich im Ausbruche desselben Herr von Wilhelm und dutzte mich dabey.
Vier Rappen flogen mit uns bis zur nächsten Station. In wenig Minuten war das Schloß hinter uns verschwunden. Ich umarmte Malchen, und Malchen umarmte mich, mit einer Inbrunst, als ob wir uns heute zum zweytenmal wiederfänden, und nun fing sie an zu erzählen:
Dreyzehntes Kapitel. Malchen erzählt.
»Ein unschuldiger Scherz, Moriz, hätte dich mir also beynahe auf ewig entrissen! Meine Schwester war der junge Mensch in blauer Uniform, nach welchem du stachest, den du erstochen hättest, wenn dein Ungestüm dich einen gewissen Stoß hätte thun lassen. Du sprengtest davon, ohne auf unser Geschrey zu hören. Von der Terrasse herab, sahen wir dich noch einige Augenblicke und dann verschwandest du hinter Gebüschen und Bergen.«
»Ich sank, als dich mein Auge verlor, ohnmächtig zurück, und meine Schwester, die mehr von Unwillen, als von Schmerz durchdrungen war, rannte ins Schloß, um Hülfe zu holen, und meinem Vater die Begebenheit zu entdecken!«
»Dieser setzte sich mit drey von unsern Leuten zu Pferde und sprengte dir nach. Gegen Abend kam er zurück, ohne eine Spur von dir gefunden zu haben. Sein Zorn auf uns beyde zerschmolz, da er ihn auf uns herab gedonnert hatte, in Zärtlichkeit und Schmerz; denn wir waren beyde so schwach, daß man uns zu Bette bringen mußte.«
»O Moriz, die Nacht, die auf diesen Tag folgte! Wer könnte mir für ihre Qualen je Ersatz geben, als du, der du sie über mich ergehen ließest! O Moriz (ihr Haupt senkte sich sanft auf meine Schulter) wirst du mir diesen Ersatz je verweigern können?«
Ich drückte sie mit nassen Augen sprachlos an meine Brust.
»Ein, zwey Monate vergingen, und wir hörten nichts von dir. Mein Vater war selbst in deiner Garnison und erkundigte sich mit vieler Behutsamkeit nach dir. Er ließ seine Bestürzung nicht merken, als er fand, daß man auch hier keine Nachrichten von dir hatte. Immer bestand er darauf, daß du zu viel auf Ehre hieltest, als daß du über deinen Urlaub ausbleiben, und dich, wie er sagte, austrommeln lassen würdest. Auch ich baute auf diesen Grund. Worauf hätte auch mein armes Herz sonst noch bauen sollen? Nur so lange kann dein Schmerz noch dauern, sagte ich mir immer, als sein Urlaub! Kömmt er zurück, so kann er bald aus seinem Irrthum gerissen werden, und dann ist er wieder dein!«
»Unterdessen – unterdessen – fand – meine Mutter für gut, mich auf jedem Fall, von Hause zu entfernen, weil ich – weil es – und damit man nicht« –
Sie verbarg ihre glühenden Wangen an meiner Brust.
»Niemand war mit meinem Herzen so vertraut, als die Gräfin. Ich entdeckte ihr meine Bekümmernisse, und ihr nächster Brief war eine förmliche Einladung, zu ihr zu kommen und so lange bey ihr zu bleiben, als es mir beliebte. Es war mir, als ob dieser Brief mir neues Leben gäbe. Mein Entschluß war bald gefaßt und meine Eltern billigten ihn. Ich flog, von meinem Bruder begleitet, zu meiner Freundin; ich konnte die Zeit nicht erwarten, wo ich sie wieder sehen würde; ich schrieb ihr fast von jeder Station einen Brief, den ich als den Herold meiner Ankunft jedesmal voranschickte.« –
O, rief ich, solch einen Brief hab' ich diesen Morgen gelesen! Er hat mir zwey Stunden gemacht, die deine schreckliche Nacht, für die du Ersatz foderst, weit aufwiegen! Sie lächelte und fuhr fort:
»Je näher ich dem Orte meiner Bestimmung kam, desto leichter ward es mir ums Herz. Ich weidete mich an dem Gedanken, eine zärtlich geliebte Freundin, nach langer Trennung wieder an mein Herz zu schließen, und bey ihr Trost und Linderung meines Schmerzes zu finden. Wir kamen endlich an, und fuhren in das Schloß. Was mir zuerst in die Augen fiel, war eine weiße Uniform mit rothen Aufschlägen, die unter einer Linde hing. Du trugst eine solche Uniform, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, sie näher zu betrachten. Ich sprang aus dem Wagen, lief hinzu und war wie vom Donner gerührt, als ich in einem Schnupftuche, das darneben hing, deinen Namen erblickte. »Woher ist diese Uniform und dieses Schnupftuch?« rief ich mit aufwallender Freude, denn ich glaubte, daß du nicht weit wärest. – Ich habe es im Walde vergraben gefunden! sagte der alte Jäger – und ich sank in seine Arme. »Er ist ermordet!« schrie ich: »Moriz ist ermordet! O, ich Unglückliche! Wo, wo sind seine Mörder?«
»Der Graf und die Gräfin eilten herzu, und fragten erschrocken nach der Ursach meiner Klagen. Aber ich redete irre, und mußte es meinem Bruder überlassen, ihnen die Geschichte meiner Verzweiflung zu erzählen. Sie suchten alles hervor um mich zu trösten, aber meine Trostlosigkeit stieg dadurch. »Moriz ermordet!« rief ich: »Moriz ermordet!« Und was für eine Idee hätte ich Arme ausser dieser noch haben sollen!«
»Unterdessen kam der alte Jäger gelaufen und rief, der Mörder ist entdeckt! Zugleich zeigte er ein Rohr vor, das ich auf den ersten Blick für das deinige erkannte, und das er bey einem Jäger gefunden haben wollte, der sich im Schloßthurm eingesperrt befände. »Ich will zu ihm,« schrie ich, »ich will von ihm selbst hören, wo Moriz geblieben ist!« Man brachte mich aber durch Vorstellungen und durch das Versprechen, daß der Mörder unter meinen Augen förmlich vernommen werden sollte, von diesem Gedanken ab.«
»Es geschah. Ich brannte vor Ungeduld, den Unmenschen zu sehen, der meinen Moriz umgebracht haben könnte! Ich kam und sah und erkannte in dem Mörder meines Moriz, meinen Moriz selbst! Ich hatte ihn wieder, auf ewig hatte ich ihn wieder!«
Neue Umarmungen, neues Entzücken!
So schwanden Meilen und Stationen, so rollten wir durch Städte und Dörfer ohne Rast und Schlaf. Lehmnitz war der Mittelpunkt unsres Glückes, und diesen wollten wir ohne Verzug erreichen. Wir kamen endlich an, sprangen aus dem Wagen, liefen ins Schloß, rissen die Thüren auf und warfen sie zu, und stürmten das Zimmer unsres Vaters, wo wir unsre Mutter und Schwester auch fanden. Schrecken und Erstaunen erregte in ihnen unser unerwartete Anblick. Stumme Umarmungen und Freudenthränen empfingen uns, und ein frohes Willkommen stammelte uns jede Lippe.
»Zum Pastor, zum Pastor!« rief der alte Oberst, »daß Springinsfeld nicht noch einmal davon rennt! Junge, Junge!« setzte er mit nassen Augen hinzu, indem er mich an sein Herz drückte: »Du hast mir viel Leid gemacht, aber auch viel Freude!«