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Moriz

Moriz. Fünftes Buch.

Reading edition

Erstes Kapitel. Liebe und Subordination.

Während der vier Wochen hatte Malchen fleißig an mich geschrieben, und ich eben so fleißig an sie. Dieser ganze Zeitraum war für mich eine unendliche Kette von Freuden, die nur glückliche Liebe, welche mit allem, was die Hoffnung Entzückendes hat, genährt wird, so rein und lauter, so abwechselnd und ewig neu über ein zärtliches Herz ausschütten kann. Ich brannte vor Ungeduld, Malchen zu sehen, ich zählte anfangs jeden Tag, dann jede Stunde und endlich jede Minute. Diese däuchten mir jetzt einzeln länger, als anfangs der ganze Zeitraum von vier Wochen.

Endlich kam der Brief, der mir Nachricht gab, daß die Ehescheidung ausgewirkt und schon auf dem Gute des Obersten sey.

»Nun komm, Moriz,« schrieb mir Malchen, »flieg in meine Arme. Meine Augen sollen die ersten seyn, die Dich sehen, meine Arme die ersten, die Dich umschließen, meine Lippen die ersten, die auf den deinigen haften. Dein Athem soll mich zuerst anwehen, Dein Herz zuerst an dem meinigen pochen. Darum steige nicht vor dem Schlosse ab, wenn Du kömmst, sondern an der Gartenthür; sie soll offen stehen, und ich bin an derselben. Hand in Hand fliegen wir dann auf das Zimmer meines Vaters, und dann zu meiner Mutter, und dann überall hin. Ich schlafe nicht, bis ich Dich sehe, und werde nicht schlafen können, wenn ich Dich gesehen habe. Uebermorgen zwischen vier und sechs Uhr mußt Du bey mir seyn, und bist Du es nicht, so bist Du todt, oder Du liebst mich nicht mehr.«

Diese Zeilen gossen Feuer in meine Adern. Zu Fuße hätte ich fortlaufen mögen, wenn ich bedachte, daß mein Pferd erst gesattelt werden müßte. Ohne Urlaub wäre ich davon gesprengt, wenn mich nicht meine Kameraden gehalten hätten. Ich muß halb von Sinnen gewesen seyn.

»Zwischen vier und sechs Uhr muß ich da seyn!« sagte ich zu meinem General, als ich ihn um Urlaub bat, und glaubte ihm dadurch den allerkräftigsten Bewegungsgrund zur Erfüllung meiner Bitte angegeben zu haben.

»Es wird wohl etwas später werden, mein lieber Lemberg!« sagte der alte Krieger lächelnd, denn er wußte, wo es mir fehlte.

»Nicht eine Minute später,« sagte ich, »sie hält mich sonst entweder für untreu oder für todt!«

»Recht soldatische Bewegungsgründe, haben Sie zu Ihrer Reise, mein lieber Lemberg!« erwiederte er: »sie leuchten mir ein, und deßhalb sollen Sie morgen früh um neun Uhr den Urlaub haben!«

Ich erstarrte. Morgen früh um neun Uhr! Da hätte ich in sieben Stunden sechszehn Meilen reiten müssen. Unmöglich! Kaum hatte ich dies ausgerechnet, so drehete ich mich um, mit dem festen Entschluß, ohne Erlaubniß davon zu jagen.

»Sprudelkopf,« rief er ernsthaft: »ich weiß, was du willst! – Ein Soldat muß lieben und gehorchen können. Hier ist dein Urlaub auf sechs Monat, schon geschrieben, aber du bekömmst ihn nicht eher als morgen früh um sechs Uhr. Nun steht es bey dir, zu bleiben oder zu reiten.«

Ich ging stillschweigend nach der Thür.

»Sag' zu meinem Johann,« rief er mir nach: »daß er sogleich aufsitzt, und auf jeder Station Pferde in meinem Namen bestellt. Ihrer kannst du dich bedienen. Sorge nun, daß deine Liebe soviel von ihren Rechten nachläßt, als die Subordination von den ihrigen. Reise glücklich!«

Er ging. Ich sah ihm stumm und verstürzt nach, und das helle Wasser stand mir in den Augen.

Zweytes Kapitel. Er kömmt und – sieht!

Welch eine Nacht hatte ich zuzubringen! Meine Liebe kämpfte unabläßig mit meiner Pflicht, besiegte sie, und ward von ihr besiegt. Meine Freunde thaten alles, um mich aufzuheitern, aber ich ward erst froh, als es sechs Uhr war. Der Adjutant brachte mir den Urlaub, und ich sprang auf mein Pferd, das schon seit zwey Stunden gesattelt vor meinem Quartiere gestanden hatte.

Armer Rappe! riefen meine Kameraden, und ich sprengte davon. Der Boden zitterte unter mir, und meine Haare und die Mähne meines Rosses sausten. Mein Geist war bey Malchen, und mein Körper sechszehn Meilen von ihr. Mein armes Pferd mußt' es entgelten, wenn jener durch irgend einen Zufall auf einige Minuten zu diesem zurückgerufen wurde.

Auf jeder Station schrieb man sich meinen und des Generals Namen sorgfältig auf, und versprach, Nachricht zu geben, ob die Pferde, die ich geritten, mit dem Leben davon kommen würden. Auf der letzten mußte ich mir das Pferd geradezu kaufen, weil der Postmeister dasjenige, was mich zu ihm gebracht hatte, vor seinem Hause umfallen sah.

Es war drey Viertel auf vier, als ich den Schloßthurm von Lehmniz erblickte. Beynah hätte ich vergessen, was mir Malchen so dringend aufgegeben hatte: durch den Garten mich dem Schlosse zu nähern.

Ein paar tausend Schritte von der Gartenmauer erhob sich ein kleiner Hügel, von dem ich alles übersehen konnte. Ich glaubte auf einer Terrasse mitten im Garten ein Frauenzimmer zu erblicken. Sie schien eilig die Terrasse herabzusteigen, als sie mich dahersprengen sahe. »Wer kann es anders seyn als Malchen,« rief ich laut: »sie eilt von der Terrasse, und mir entgegen!«

In wenig Minuten war ich an der Gartenthür; ich sprang vom Pferde, und band es an den ersten den besten Baum. Ich trat in den Garten; kein Malchen war da. »Und sie wollte doch an der Gartenthür seyn!« murmelte ich. – Ich ging die Allee hinan, die zur erwähnten Terrasse führte – kein Malchen zu sehen! – »Wenn sie auf der Terrasse war, konnte sie hundertmal herab zur Gartenthür und zurückgelaufen seyn, ehe ich den Garten erreichte« – murmelte ich wieder, und ich fühlte auf einmal die Kopfschmerzen, die mir die Luft und das Stoßen des Pferdes verursacht hatten. Als ich Malchen noch an der Gartenthür zu finden hoffte, fühlte ich sie nicht. Ich näherte mich der Terrasse. An dem Fuße derselben war ein chinesisches Gartenhäuschen, durch ein Seitenfenster sah ich hinein, und o! was sahe ich!

Malchen saß – mit einer Mannsperson in blauer Uniform auf einem Kanapee. Er hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, sie ihren rechten um ihn. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust, sie sahe schmachtend zu ihm hinab, er schmachtend zu ihr hinauf. Zuweilen schielten beyde, wie es mich dünkte, lächelnd nach dem Fenster, das vor ihnen war. Die Mannsperson kam mir sehr jung und sehr bekannt vor, aber ich hatte nicht Zeit, es zu untersuchen.

Die Bewegungen, die in dem unsäglich kurzen Momente, wo ich dies sah, gleichsam mörderisch mich ergriffen, mag keine Feder beschreiben, kein Pinsel malen, keine Zunge aussprechen. – Meinen Degen ziehen, in das Haus stürzen, der Mannsperson, die mir lachend entgegen sprang, und dadurch meine Wuth vermehrte, den Degen in die Seite stoßen, Malchen, die sich mir schreiend um den Hals warf, weit von mir wegschleudern, aus dem Lusthause in den Garten, durch die Allee zur Gartenthür hinausrennen, auf mein Pferd springen, und in gestrecktem Laufe davon eilen – alle diese gewaltsame Handlungen waren das Werk von zwey Minuten, deren schreckliche Qualen alles, was je ein menschliches Herz Grausames erduldet, was je die Einbildungskraft eines Menschenquälers Schmerzliches erdacht und erfunden hat, weit und weit übertrafen.

»Vier Pferde todt geritten,« sagte ich kalt und bitter: »um sie – in den Armen eines Andern zu sehen!« –

Diese Worte wiederholte ich einmal über das andre, indem ich jedesmal den Kopf langsam dazu schüttelte. Endlich erlag meine Seele dem Schmerze, meine Zunge ward stumm, mein Ohr taub, und mein starres Auge sahe nichts mehr als den Kopf meines Pferdes, das mich, wohin es wollte, im Sprunge forttrug.

Drittes Kapitel. Ein Nachtstück.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe meine Seele sich wieder so weit ermannte, daß sie einzelne Lichtstrahlen durch das Chaos von Empfindungen, die mein Herz zu sprengen drohten, zu werfen Gewalt genug hatte. Gewiß ist es, daß der Abend schon weit vorgerückt war, als mir die ersten Thränen, in die sich mein wilder Schmerz auflöste, über die Wangen herabrollten.

Ich wußte nicht, wohin mein Pferd mich getragen hatte, und dachte nicht eher daran, als bis mich ein gewaltiger Riß queer über das Gesicht, aufmerksam darauf machte. Ich befand mich in einem dicken Gebüsche, durch welches sich mein Pferd einen Weg bahnte, wahrscheinlich weil ich es von Zeit zu Zeit, ohne es zu wissen, gespornt hatte. Ich sprang ab. Jetzt fühlte ich erst, wie die körperlichen und geistigen Beschwerlichkeiten des Tages mich angegriffen hatten. Ich konnte mich nicht auf den Füßen erhalten, und meine Kniee sanken unwillkührlich unter mir zusammen. Mein Pferd blieb in einiger Entfernung von mir stehen, und stillte seinen Hunger mit den Blättern der umstehenden jungen Stauden.

Ich legte mich nieder. Auf meine Linke stemmte ich den Kopf, und mit der Rechten riß ich große Büschel Gras aus, und schleuderte sie weit von mir. Kein Seufzer, kein Laut kam über meine Lippen. Mein stummer Schmerz vergrub sich tief in mein Inneres, und da keine lindernde Tropfen über meine Wangen mehr flossen, mußte er in jenen ungestümen Bewegungen meiner rechten Hand sich ankündigen.

Malchen in den Armen eines Andern! Dieses Bild schwebte mir immerfort vor Augen, und peinigte mich am grausamsten. Zuweilen wurde es zwar von dem Bilde des Gestochenen verdrungen, aber dieses war mir bey weitem nicht so peinlich als jenes.

Unterdessen brach die Nacht ein. Mit ihr erhob sich ein Sturm, der in den Aesten und Wipfeln der umstehenden großen Eichen brauste, und sie bis auf die Wurzeln erschütterte. Um und neben mir rauschten und pfiffen die Blätter des Gebüsches, und große Regentropfen fielen mir einzeln auf Gesicht und Hände. Mein Pferd scharrte mit den Füßen, und wieherte vor Hunger und Kälte, während eine dicke Finsterniß alles was mich umgab in ihren schwarzen Schooß vergrub, und die ganze lebendige Schöpfung meiner Seele ähnlich zu machen schien.

Diese Empörung der Natur sagte der Empörung meines Herzens zu. Ich wickelte mich fest in meinen Oberrock, verbarg die Hände im Busen, das Gesicht unter meinem Schnupftuche, und dem Winde wandte ich gleichsam wie im Trotze den Rücken zu. So ganz in mich selbst versunken und verschlossen, sah ich den Bildern, die mir meine Einbildungskraft vorführte, mit Muth und Standhaftigkeit ins Gesicht, und endlich schien meine Seele ihrer gewohnt zu werden. Dies war Betäubung, aber eine sehr wohlthätige Betäubung, denn sie ließ Betrachtungen über die Zukunft in meiner Seele Raum.

Die Treulose je wiederzusehen, war ein Gedanke, vor dem ich zurückbebte, und doch schwebte sie immerfort vor mir. In meine Garnison zurückzukehren und mich von meinen Bekannten mit großen Augen ansehen, auch wohl aufziehen zu lassen, war ein zweyter, der mich um die Welt gejagt haben würde; und doch fühlte ich ein Verlangen, ihnen zu sagen, wie ich meinen Nebenbuhler bestraft hätte. Aber die Art, wie ich mich dabey benommen hatte, empörte mein Gefühl für Ehre, und machte mich schaamroth. Ich hatte ihn unversehens überfallen, und konnte fürchten, als Meuchelmörder verachtet und bestraft zu werden.

So vereinigten sich endlich Unwillen auf die Ungetreue, gekränkter Stolz, Furcht vor Verachtung, Schaam vor mir selbst, und endlich Angst des Mörders, um den Entschluß, nie wieder in meine Garnison zurückzukehren, in mir zur Reife zu bringen. Ich wollte bey einer andern Macht unter einem andern Namen Dienste nehmen, sollte es auch nur als Gemeiner seyn, um mich dadurch auf immer den Nachforschungen meiner Freunde zu entziehen.

Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so sprang ich auf, um ihn auszuführen. – Aber, wo war ich? Auf welchem Wege war ich in dieses Gebüsche gekommen? Wie sollte ich mich herausfinden? Ich nahm mein Pferd her, setzte den Fuß in den Steigbügel, um davon zu reiten, und setzte ihn wieder auf die Erde, um den Tag zu erwarten. Mitten unter diesen Bewegungen hörte ich einen Hund bellen, der, nach dem Schalle zu urtheilen, nicht weit von mir seyn konnte. Ich arbeitete mich nach der Seite, wo der Schall herzukommen schien, durch das Gebüsch und zog mein Pferd hinter mir her. Das Gebell des Hundes kam mir immer näher, und endlich gelangte ich auf einen lichten Platz, an dessen einem Ende ein dürftiges Licht durch Gebüsche schimmerte.

Wäre es mir auch nur von weitem wahrscheinlich gewesen, ohne fremde Hülfe aus dem Walde zu kommen, so hätte ich mich dem Lichte gewiß nicht genähert, weil ich mir einbildete, man würde alles, was mir begegnet war, auf meinem Gesichte lesen können; und wirklich ging ich auch nicht eher auf das Licht zu, als bis ich, nach verschiedenen Seiten hin, einen Weg aus dem Walde gesucht, aber nicht gefunden hatte.

Viertes Kapitel. Der alte Hans.

Ich pochte mit zitternder Hand an den Fensterladen. »Wer ist da?« rief eine männliche Stimme. »Ein Reisender, der sich verirrt hat!« antwortete ich. »Will gleich aufmachen!« rief der Mann, und ich konnte es hören, wie er aus dem Bette sprang. »Um Gottes willen! ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen: mache nicht auf, Mann, wer weiß, wer es ist; es können wohl mehr seyn als einer. Sie schlagen uns todt, noch ehe wir um Hülfe schreien können!«

Der Verdacht des Weibes machte, daß mir alle Glieder zitterten. Sie hielt mich für einen Mörder, das griff mir ans Herz. Hätte ich mich nicht für einen gehalten, würde ich nicht gezittert haben. Es fehlte wenig, so hätte ich mich von neuem in das Dickigt zurückbegeben.

Der Mann schien sich zu bedenken. Endlich sagte er: ich will meine Büchse nehmen, und in Gottes Namen aufmachen! »Und ich nehme die andere!« sagte die weibliche. – »Und ich des Vaters Hirschfänger!« eine dritte Stimme, die ich einem Knaben zuschrieb.

Die Thüre ging auf, und ein langer Mann, der in der rechten Hand ein Gewehr und in der linken eine Leuchte hielt, trat heraus. Hinter ihm stand eine halbangezogene Frauensperson, welcher die Haare wild um den Kopf hingen, und neben ihr ein Knabe, der in der rechten Hand einen bloßen Hirschfänger hatte, und mit der linken sich fest an dem Vater hielt.

Der Mann wiederholte seine Frage, und ich trat näher und gab ihm die vorige Antwort. Mein Pferd, dessen Zaum ich in meiner linken Hand hielt, streckte seinen Kopf über meine rechte Schulter, und gab den Laut von sich, den die Pferde hören lassen, wenn man ihnen zu fressen bringt, oder wenn sie nach einer Tagereise eine bekannte Herberge vor sich sehen.

Der Mann machte einen langen Hals, und leuchtete das Pferd an. – »Ey, alter Hans,« sagte er, und richtete, ohne sich um mich zu bekümmern, seine Worte an mein Pferd: »wie kömmst du hieher?« – Dieses sagte er mit einer Freude, als wenn er einen alten Freund, den er lange für todt gehalten, unverhofft wiedergefunden hätte. »Ach, unser Hans, Mutter!« rief der Knabe, und sprang hervor. »Wer hätte das gedacht?« sagte die Mutter, und trat auch zu meinem Pferde hin. Ich mochte sagen und fragen, was ich wollte, man hörte mich nicht. Ihre Furcht vor Räubern und Mördern schien völlig verschwunden zu seyn: wie konnten sie auch etwas Böses von einem Menschen erwarten, der sich als den Besitzer ihres alten geliebten Hansen ankündigte?

Der alte Hans war immer das dritte Wort, während ich von einer brennenden Ungeduld gefoltert wurde. Endlich ließ ich dem Knaben den Zügel, und er führte das Pferd in das Haus. Die Mutter nahm dem Vater die Laterne aus der Hand und leuchtete dem Buben. Ich folgte dem Vater in die Stube.

»Ja,« sagte er, »wenn Sie meinen Hans nicht gehabt hätten, würden Sie nimmermehr nach meinem Hause gekommen seyn. Ich habe ihn erst vor acht Tagen an den Postmeister zu G* verkauft. – Bleiben Sie nur diese Nacht bey mir, morgen in aller Frühe bringe ich Sie aus dem Walde!«

Ich ließ es mir nothgedrungen gefallen, und nachdem ich ihm über seinen Hans mit drey Worten Auskunft gegeben hatte, erfuhr ich, daß ich mich in dem A* Gebiethe ohnweit W*, mithin sechs Meilen von Lehmniz und sieben Meilen von L* befände.

Der Alte ward sehr gesprächig, aber ich hörte wenig von allem was er sagte. Wie konnte ich es auch bey dem Sturme von Empfindungen, der in meiner Brust tobte? Ich stämmte mein Haupt auf beyde Hände, sah starr vor mich hin, und antwortete ihm endlich gar nicht mehr.

»Der junge Herr ist verdrüßlich,« sagte er zu Frau und Sohn, als sie zurückkamen, und mir erzählen wollten, daß sie den alten Hans in den Stall geführt und ihm zu fressen gegeben hätten: »Laßt ihn in Ruhe! – Doch setz' ihm zu Essen her,« fuhr er zur Frau fort, »wenn er etwa hungrig ist, und dann geh mit dem Jungen schlafen. Ich lege mich nicht mehr nieder, es ist bald zwey Uhr.«

Die Frau brachte Milch, Butter und Brod und entfernte sich mit dem Knaben. Der Alte näherte sich mir und sagte: »Junger Herr, hier ist zu essen, wenn Sie essen wollen, und dort mein Bette, wenn Sie schlafen wollen!« – Ich sah ihn gerührt an und reichte ihm stillschweigend meine Hand. Aber ich hatte weder Eßlust noch Schlaflust.

Sobald der Tag anbrach, setzte ich mich in Bewegung. Meinen Wirth fand ich bey meinem Pferde. Er hatte ihm zu Fressen gegeben, und war im Begriff, es zu striegeln. Ohne ihm ein Wort zu sagen, nahm ich Sattel und Zaum. Er wand mir beydes aus den Händen und sagte: ich sollte ihm die Freude lassen, seinen alten Hans zum letztenmale zu satteln. Diese Freude ließ ich ihm gern. Voller Ungeduld ging ich auf den Hof, denn er fing von neuem an zu bitten, daß ich doch noch ein Stündchen länger warten möchte. Man weiß schon, um wessentwillen er bat.

Endlich nach langem Zaudern führte er ihn aus dem Stall, und ich sprang in den Sattel, ohne zu bedenken, daß ich nicht durch die niedrige Hausthür würde reiten können. Ich mußte also wieder absteigen, und das Pferd durch das Haus führen. Vor der Thür sprang ich von neuem auf, und ritt davon. »He,« rief mir der Alte nach, »wissen Sie denn den Weg?« – Er schüttelte bedenklich den Kopf, und schien gar nicht mit sich einig werden zu können, was er aus mir machen und wie er sich mein Betragen erklären sollte.

Welch eine Pein für mich, daß ich meinem Wegweiser zu gefallen langsam reiten, länger als eine Stunde langsam reiten mußte. Die hellen Tropfen standen mir vor der Stirn, und tausendmal fragte ich ihn: kann ich den Weg nun allein finden? Endlich sagte er ja, und schon hatte ich die Füße aufgehoben, um meinem Pferde die Spornen zu geben, als es mir erst einfiel, dem guten Alten zu danken. Ich griff in meinen Beutel und reichte ihm, was mir in die Hand fiel. Er wollte nichts nehmen und ich brannte vor Eifer, es ihm zu geben, weil ich – fort mußte. Als er mir endlich zu viel Umstände machte, warf ich eine ganze Hand voll Silbergeld hitzig über ihn her, und sprengte davon. Er rief mir nach: »da heißts wohl recht, es schneyet Geld!« – Ich sah mich nicht nach ihm um – – »Adje Hans!« rief er noch stärker. – Mir hatte er keine glückliche Reise gewünscht.

Fünftes Kapitel. Funken unter der Asche.

Nach einer Stunde sah ich mich glücklich im Freyen. Ich erkundigte mich bey dem ersten Bauer, der mir begegnete, nach dem Wege, der nach W* führte. Ich erfuhr, daß ich die Landstraße nur verfolgen dürfe, um gerade auf die Stadt zu stoßen. Aber es war meine Absicht, um sie herum und nicht hinein zu reiten.

Mein Entschluß war nun gefaßt: ich wollte gerade nach B* und mich dort zu K* Diensten anwerben lassen. Es war mir gleich, wozu man mich machen wollte, zum Kavalleristen oder Infanteristen, zum Kaporal oder zum Gemeinen – wenn ich nur meinen Bekannten und Freunden verborgen blieb.

Gegen Abend befand ich mich nicht weit von D*. Ich war fast in einem Zuge fortgeritten, und hatte mir kaum Zeit genommen, des Mittags mein Pferd füttern zu lassen und selbst einige Bissen zu mir zu nehmen. Ich war Willens, noch diese Nacht wenigstens bis zur B* Gränze zu reiten, aber ein unwiderstehlicher Schlaf überfiel mich, während ich in einer Dorfschenke am Tische saß und meinen Gedanken nachhing. Als ich am andern Morgen erwachte, fand ich mich noch in eben der Stellung, in welcher ich den Abend vorher eingeschlafen war. Es herrschte eine Stille in meiner Seele, die mich überzeugte, ich sey ganz ruhig und habe von den gewaltsamen Empfindungen, die mich bisher Tag und Nacht umhertrieben, nun nichts mehr zu fürchten.

Ich setzte meine Reise fort, und in einer halben Stunde hatte ich D* vor mir. Auf lauter Abwegen, über Sand und Wiesen und Aecker, ritt' ich um diese Stadt, und ließ mich an eben der Stelle, und vielleicht noch auf eben derselben Fähre über die Elbe setzen, die mich als Knabe überfuhr, nachdem ich dem Bedienten meines Vaters aus dem Wirthshause unter den Händen entlaufen war.

Binnen drey Stunden war ich an der B* Gränze. Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich in meinem Anzuge wohl nicht in B* hineingelassen werden dürfte. Unter meinem grünen Oberrocke trug ich die ganze S* Uniform, an meinem Degen das S* Porte-Epee und um meinen Hut S* Kordons. Alles mußte ich ablegen, weil ich mich durch keinen Paß verwahren konnte.

Ich ritt in den Wald, der vor mir lag, und stieg in einem dicken Gebüsche vom Pferde. Zuerst schnitt ich die Kordons von meinem Hute, sodann zog ich meine Uniform aus und legte endlich meinen Degen ab. Mein Herz war unbeschreiblich beklemmt, und wenn ich die vor mir liegenden Kleidungsstücke ansah, stiegen mir unwillkürlich die Thränen in die Augen. Ich trug endlich das Ganze zu einer Fuchshöhle, die in der Nähe war, steckt' es hinein und vergrub es unter Reisern, Sand und Steinen. Mit gefalteten Händen, den nassen Blick auf die Stelle geheftet, wo ich meinen vorigen Stand begraben hatte, stand ich da, und brach endlich schluchzend in die Worte aus: so ist denn alle Hoffnung zur Rückkehr verschwunden? –

Ich erschrak vor mir selbst. Ich weinte, daß ich nicht mehr zurückkehren konnte, und schnitt mir selbst alle Hoffnung zur Rückkehr ab. Ich war Tag und Nacht geritten, um ihrem Bilde zu entfliehen, und nie war es mir näher, als jetzt. Ich verabscheuete sie, als ich sie sah, und liebte sie, als ich dreyßig Meilen von ihr war!

O Liebe, du bist der Phönix, der sich selbst verbrennt, um auf neuen Fittigen emporzuschweben. Du bist der Vogel, von dem man sagt, daß er seine Jungen mit eignem Blute nähre. Du bist das Bild der Natur, die ewig sich selbst entblättert und ewig neue Knospen treibt. Dein Schmerz ist Wollust, deine Wollust ist Schmerz. Du siehest mit verschloßnen Augen, und mit offnen bist du blind. Du bist nur selten Du selbst; unter tausend Gestalten quälst oder beglückest du das Herz, in welchem du wohnest; du bist Hoffnung und Verzweiflung; du bist Honig und Wermuth, Ruhe und Unruhe, Leben und Tod; du bist das alles auf einmal, und vereinigest das alles, sobald du willst, in einem Blick, in einem Seufzer, oder in einer Thräne.

Sechstes Kapitel. Moriz wird Jäger.

Alle die gewaltsamen Empfindungen, die von dem Augenblick an, wo ich Malchen in eines Andern Armen gesehen hatte, in meiner Seele stürmten, bekamen jetzt neue Nahrung, und durchliefen, wie damals, alle die Grade von Eifersucht, Wuth, Unwillen und Schmerz, bis sie endlich, wie damals und durch eben dieselben Gegengründe verdrängt, in den festen Entschluß zusammen flossen: die Treulose nie wieder zu sehen, und deßhalb nie in jene Gegenden zurückzukehren.

Ich sprang auf mein Pferd und ritt weiter, aber doch langsamer als ich seit zwey Tagen zu reiten gewohnt war.

»Reiten wir Einen Weg?« hörte ich eine Stimme hinter mir.

Ich sah mich um, und erblickte einen Herrn auf einem stolzen Engländer. Ihm folgte ein Reitknecht zu Pferde, dem zwey Büchsen über der Schulter hingen.

Vielleicht! erwiederte ich: Ich reite nach B*.

»Der Herr ist schon d'rin!« sagte er lächelnd. Ich muß über und über roth geworden seyn.

»Der Herr ist ein Jäger?«

Ja, sagte ich in aller Eil, um seinen Fragen auszuweichen.

»Und sucht Dienste?« fuhr er fort.

Ja! sagte ich noch einmal eben so eilig, und der Gedanke, mich für einen Jäger auszugeben, gefiel mir. Mein grüner Oberrock hatte ihn wohl zunächst auf diese Frage gebracht.

»Aber wie kömmt der Herr hieher?«

Ich weiß nicht genau, was ich ihm in der ersten Angst erzählte, aber das weiß ich, daß kein Zug aus meiner wahren Geschichte darin war. Ich machte mich zu einem Land-Jägers Sohn aus dem P*. Ich wäre ausgetreten, sagte ich, um der Muskete zu entgehen, womit man mir gedrohet habe. Da meine Flucht heimlich geschehen, hätte ich mich weder mit Pässen noch mit Attestaten zu meinem künftigen Fortkommen versehen können, also würde mir doch wohl am Ende nichts übrig bleiben, als die Muskete.

Die Angst ist eine vortrefliche Lügnerin. Zu jeder andern Zeit hätte ich stundenlang auf einen solchen Roman sinnen können, und doch wohl nicht soviel Wahrscheinlichkeit hineingebracht. Mir ward es ganz leicht ums Herz, als ich ihn glücklich verwickelt und entwickelt hatte.

Der Herr nahm mich einigemal scharf aufs Korn. Mein Gesicht und überhaupt mein ganzes Aeussere schien ihm zu gefallen. Er ritt eine Weile stillschweigend neben mir und sagte endlich: Mein Sohn, es wäre schade um dich, wenn du wider Willen Soldat werden solltest. Willst du bey mir als Jäger bleiben?

»Aber ich bin erst zwey Jahre bey der Jägerey gewesen!« sagte ich mit derjenigen bewundernswürdigen Geistesgegenwart, die ich nun schon seit fünf Minuten an mir gewohnt war.

Daran liegt nichts, erwiederte er, mein alter Tobias wird dir alles sagen und zeigen, was du noch nicht weißt. Versprichst du treu und fleißig zu seyn?

Ja, sagte ich und reichte ihm meine Hand. Er lächelte, und ich fühlte mein Gesicht glühen, darüber, daß ich meine Rolle vergessen hatte. Ich, ein angenommener Jäger, reiche meinem Gebieter die Hand! Ich glühete noch stärker, als er zu mir sagte: Nun, so reite hinter mir, und glühete am allerstärksten, als mich der Reitknecht, mit dem Titel: Herr Kamerad, beehrte, und mir die Hand reichte.

Ein Glück für mich, daß mein Herr in diesen Augenblicken weiter keine Fragen, meine Geschichte betreffend, an mich that, ich würde sonst alles schlecht gemacht haben, was ich vorhin gut gemacht hatte. In weniger als einer Stunde kamen wir auf dem Schlosse des Grafen an. Daß er ein Graf sey, sagte mir mein – Kamerad.

Siebentes Kapitel. Morizens Lage.

Ich war einsam, in mir selbst verschlossen und stumm. Der Graf fragte mich täglich, ob ich von Natur so wäre, und ich bejahete es. Die übrige männliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit großen Augen an und steckte den Kopf über mich zusammen. Alle ihre Blicke waren unaufhörlich beschäftigt, um den Wunderjäger zu ergründen, der bey höchstens achtzehn Jahren nicht spielte, nicht trank, fast gar nicht sprach, sich weder auf dem Schlosse noch in dem nahgelegenen Dorfe ein Mädchen suchte; von dem der alte Tobias (des gnädigen Herrn rechte Hand) sagte: er sey ein braver Pursch; den der Graf immer als Muster der Treue und des Fleißes den Uebrigen vorstellte; an dem die gnädige Frau eine feine Haut und edle Miene bemerkt haben wollte; von dem die Gouvernante gesagt hatte, er schiene sogar »monde« zu besitzen; von dem endlich die Vertraute der gnädigen Frau, ihre Kammerjungfer, die noch keine Mannsperson hatte leiden können, sich nicht undeutlich verlauten ließ, daß er ihr nicht übel gefiele, und daß sie, wenn sie sich je entschließen könnte, zu heyrathen, allenfalls seine Frau zu heißen sich nicht schämen würde.

Dieses gab mir eine Ueberlegenheit im Hause, die mir bey meinem Hange zur Einsamkeit lästig ward. Alles drängte sich zu mir, um mich zu unterhalten, und mich, wie man sagte, aufzuheitern; alles fragte mich bey seinen kleinen Angelegenheiten um Rath; die Gouvernante selbst ließ sich herab, mit mir Französisch zu sprechen, als ich es bey einer gewissen Gelegenheit verrathen hatte, daß ich diese Sprache verstände; und die Kammerjungfer sogar, wirbelte sich, wenn sie ein neues Kleidungsstück angezogen hatte, so lange vor meinen Augen herum, bis sie geradezu oder durch Umschweife von mir herausgebracht hatte, daß sie gut und mit Geschmack gewählt habe. Alle diese Erscheinungen stiegen dem alten Jäger Tobias, der ein großer Denker war, zu Kopfe, und er pflegte immer zu mir zu sagen: Wilhelm, wenn du nicht ein Jägerssohn bist, so mußt du wenigstens ein Fürstenkind seyn.

Ich lächelte zu solchen Aeußerungen und schwieg.

Achtes Kapitel. Der Graf und sein Haus.

Der Graf war ein Mann von ungefähr funfzig Jahren: ein wilder Jäger, was er aus einem wilden Soldaten geworden war; hitzig, aber immer bereit, was er in der Hitze gethan hatte, wieder gut zu machen; ohne modische Bildung und Lektüre, aber reich an praktischen Regeln des Lebens, wie er sie für die individuelle Lage seiner physischen und moralischen Umstände brauchte; rechthaberisch bis zur Unziemlichkeit in Sachen, die er zu verstehen sich einbildete, und fast auf eine kindische Art gelehrig, wenn man ihm etwas vortrug, daß er noch nicht wußte, und was er brauchen zu können glaubte; im eigentlichsten Verstande Herr in seinem Hause, und bis zur unleidlichsten Hartnäckigkeit eigensinnig in dem System der häuslichen Angelegenheiten. Seine Gemahlin hatte er geheyrathet, um den Familienstamm aufrecht zu halten, und weiter bekümmerte er sich nicht um ihre Beschäftigungen und ihren Zeitvertreib.

Die Gräfin war noch sehr jung, und, als ich in das Haus kam, erst zwey Monate mit dem Grafen verheyrathet. Dieses ungleiche Alter, noch mehr aber die Art des Grafen, mußten nothwendig eine seltsame Gattung von Ehe hervorbringen. Er schwärmte ganze Tage auf Feldern und in Wäldern umher; sie saß ganze Tage in ihrem Zimmer, und vertrieb sich die Zeit, so gut sie konnte, mit weiblichen Arbeiten, mit Büchern, und mit zwey Fräulein aus der Verwandschaft des Grafen. Zuweilen, aber doch nur höchstens einmal die Woche, hatte sie Besuche von Frauenzimmern, die sich aber immer entfernten, so bald der Graf in seine Mauern einzog. Selten machte sie Gegenbesuche, weil es der Graf nicht gerne sah, daß sie abwesend war. »Aber wie kann solch eine junge Dame das einförmige Leben aushalten?« fragte ich einmal den alten Tobias – – »Das macht,« erwiederte er, »weil sie der Herr aus einer Pension zu L* geradezu weggeheyrathet und sie zur Gräfin gemacht hat, weil er ihr giebt, was sie wünscht, weil er kein anderes Frauenzimmer ansieht, und weil er regelmäßig alle Abende mit ihr zu Bette geht.«

Der alte Tobias war, wie man sieht, ein alter Schalk.

Die beyden erwähnten Fräulein waren noch jung, und standen unter dem Scepter einer Gouvernante, die in ihren besten Jahren war, und wiederum von einem Piaristen geleitet und geführt wurde. Dieser unterrichtete die beyden Fräulein im Christenthum und die Gouvernante in der deutschen Sprache. Der alte Tobias nahm vor dem Mönch den Hut nicht ab, und räusperte sich immer, wenn er die Gouvernante sahe. Ich fragte ihn nach der Ursach dieses Betragens, und er gab mir zu verstehen, daß er einmal in der großen Laube dazu gekommen wäre, als der Pater der Gouvernante – keine Kollegia über die deutsche Sprache gelesen hätte. Es wäre gerade in der Brunstzeit gewesen – setzte er in aller Unschuld hinzu.

Er wüßte wohl noch mehr von diesen beyden Leuten, fuhr er fort, aber er wartete nur auf eine Gelegenheit, wo er ihnen noch näher auf die Fährte kommen könnte. Sodann sollte der Herr alles erfahren.

Uebrigens zerfiel das ganze gräfliche Haus in zwey Hauptparteyen. An der Spitze der einen stand der Graf mit der ganzen männlichen, und an der Spitze der andern, die Gräfin mit der ganzen weiblichen Dienerschaft. Der Mönch wußte es mit beyden sehr geschickt zu halten.

Neuntes Kapitel. Rückfälle.

Als ich ungefähr vierzehn Tage in dem Hause des Grafen gewesen war, kam der Briefbote aus der nächsten Stadt mit einem Brief an die Gräfin. Da er meiner zuerst ansichtig ward, so überreicht' er ihn mir, daß ich ihn der Gräfin aushändigen sollte.

Ich blickte von ungefähr auf die Adresse – und o! wie ward mir! Ich glaubte Malchens Hand in derselben zu erkennen. Wie ein Wirbelwind plötzlich einen stillen See empört, und seine Gewässer zu hohen schäumenden Wellen aufregt – so drang diese Vorstellung in mein Herz, das ich seit einigen Tagen, vielleicht aus bloßer Eigenliebe, für ganz beruhigt gehalten. Der Funke, der tief im Innersten versteckt gelegen hatte, schlug in helle Flammen auf.

Ich zitterte, und ließ den Brief dreymal fallen, und hob ihn eben so oft wieder auf. Ich las die Aufschrift, und las sie immer wieder, zergliederte jeden Strich, jeden Buchstaben, jeden Federzug, und zermarterte meine Augen so lange, bis der ganze Brief in eine schwärzlichgraue Masse zusammenfloß, die mich keinen Buchstaben mehr erkennen ließ.

Der Briefbote, der vermuthlich nicht ohne Befremdung mein seltsames Betragen angesehen haben mochte, brachte mich dadurch ein wenig zu mir selbst, daß er in mich drang, den Brief abzugeben, er habe nicht Zeit zu warten.

Ich erinnerte mich, daß ich die Gräfin vor einigen Minuten im Garten gesehen hatte. Wie ausser mir lief ich hinein, fand sie, überreichte ihr den Brief und sagte: Hier ist ein Brief von Ma–

Ich erschrack tödtlich, während ich noch im Begriff war, die andere Hälfte des Wortes Malchen auszusprechen.

Von wem? sagte die Gräfin. Sie sah mich zum Glück nicht an, sondern las die Aufschrift.

Von der nächsten Stadt! stammelte ich, und drehete mich eilig um. Als ich einige Schritte von ihr war, rief sie mich zurück. Ich stand zitternd von der Seite.

»Wilhelm,« sagte sie: »ich muß Sie schon sonst irgendwo gesehn haben, eh' Sie in unser Haus gekommen sind.«

Mir lief es kalt über den Rücken.

»Ich wüßte nicht wo!« stotterte ich, und wollte fort.

Etwa in L*? sagte sie.

»Nein, nein,« rief ich, »nein, nein!« und lief beynah im Sprunge davon, indem ich die Bewegung mit der linken Hand machte, die man zu machen pflegt, wenn man etwas verneint, das man bejahen sollte. Ich glaubte ihr dadurch recht geschickt bewiesen zu haben, daß ich nie in L* gewesen wäre.

Alles vereinigte sich, um mich in die tödtlichste Unruhe zu setzen. Zwey volle Stunden hatte ich zu kämpfen, eh' ich mich bereden konnte, meine Phantasie habe mir mit der Adresse einen Streich gespielt, und die Gräfin müsse irgend einen andern für mich angesehn haben. Aber, daß sie mich gerade in L* gesehn haben wollte! Diesen Einwurf widerlegte ich damit, daß ich mich nicht erinnerte, sie in L* gesehn zu haben. Man bewundere die unumstößliche Beweiskraft dieses Arguments. Daß der Brief nicht von Malchen gewesen, bewies ich mir damit, daß ich ihr Wappen sogleich müßte gekannt haben. Ich hatte es längst vergessen, daß ich während der Hitze und Anstrengung, womit ich die Buchstaben der Aufschrift untersuchte, gar nicht daran gedacht, das Siegel zu untersuchen.

Am Abende dieses Tages saß ich mit dem alten Tobias auf dem Schloßhofe unter der Linde. Er sprach nicht viel, und ich noch weniger. Eh' ich mirs versah, stand das Kammermädchen der Gräfin vor uns, und suchte uns Rede anzugewinnen. Der alte Tobias duldete sie, weil sie ein kluges Mädchen war, weil sie ihm immer den grauen Bart krauete, und weil er sahe, daß ich mir ihr Geschwätz zuweilen hatte gefallen lassen. Sie brüstete sich nicht wenig, wenn sie bey mir saß, weil sie die einzige vom weiblichen Gesinde war, die ich nicht zurückschreckte. Alle ihre Gespräche liefen am Ende auf Liebe und Heyrathen hinaus, und zwar blos darum, weil sie sich, nach ihrem Geständniß, weder zum Lieben noch zum Heyrathen versucht fühlte.

Diesen Abend unterhielt sie mich über das Kapitel der Untreue und der Unerklärbarkeit der Männer, und führte ein Beyspiel davon an, welches das Maaß meiner Unruhe voll machte.

»Die Gräfin hätte heute einen Brief bekommen,« sagte sie: »von einer Freundin, mit welcher sie zu L* in Pension gewesen wäre.« –

Bey diesen Worten regten sich alle meine Haare auf der Scheitel.

»Die Gräfin hätte ihr zwar den Brief von Anfang bis zu Ende lesen lassen,« fuhr sie fort, »aber er wäre so lang gewesen, daß sie nicht alles hätte behalten können. Genug, ihre Freundin habe einen Herrn sehr lange und von ganzem Herzen geliebt, und habe geglaubt, auch von ihm geliebt zu seyn; aber ein paar Tage vorher, da die Hochzeit hätte vor sich gehen sollen, wär' er gekommen, habe sie unversehens überfallen, und ihre Schwester mit dem Degen gestochen, doch ohne ihr Schaden zu thun, wäre sodann davon geritten und niemand wisse, wohin!«

Ich bekam wieder Athem bey den Worten »ihre Schwester gestochen« denn ich wußte sehr genau, daß ich eine Mannsperson gestochen hatte; aber ruhig machte mich dieser Gedanke nicht, weil die übrigen Umstände gar zuviel Aehnliches mit meiner Geschichte hatten. Die Freundin der Gräfin war zu L* in Pension gewesen – das paßte auf Malchen – ihr Liebhaber hatte sie kurz vor der Hochzeit überfallen – das paßte auf mich – war davon geritten und niemand wüßte wohin – ich war auch davon geritten, und vermuthlich wußte niemand, wohin. Ich that noch hundert schüchterne Fragen nach dem Namen der Freundin, nach dem Orte, wo die Begebenheit vorgefallen, und wie der Liebhaber geheißen habe; aber sie wußte keine zu beantworten, und gestand endlich, vermuthlich weil sie sich vergaß, daß sie den Brief nicht selbst gelesen, sondern nur dazu gekommen wäre, als die Gräfin den Inhalt desselben der Gouvernante erzählt habe. Wenn mir aber daran gelegen wäre, so wollte sie die Gräfin befragen und ich sollte alles erfahren.

Was für Ursachen sich heute eine auf die andre häuften, um mich in die schrecklichste Unruhe zu versetzen! Bald war mir der erwähnte Brief so gewiß von Malchen, daß ich aufsprang, und noch diesen Abend davon wollte; bald dünkte es mich so unwahrscheinlich, daß ich laut über meine Aengstlichkeit lachte. So ward ich die ganze Nacht hindurch zwischen Ja und Nein hin und her geworfen, bis ich endlich, aber nicht eher, als da die Sonne aufging, mit festem Muth auf dem Nein beharrete. So lange es Nacht blieb, und ich nur mit den Augen der Phantasie sehen konnte, war es mir nicht möglich gewesen, mich von dem ängstlichen Ja loszuwinden.

Zehntes Kapitel. Der Graf verreiset.

Es geschah, daß der Graf in Familienangelegenheiten nach W* ging. Die Gräfin hätte diese Reise, wie ich hörte, gerne mit ihm gethan, aber er fürchtete, daß sie ihm in W* auf mancherley Art zur Last fallen möchte. Besuche geben und nehmen, sich anziehen, sich zur Schau stellen, war seine Sache nicht; und das wäre unvermeidlich gewesen, wenn er seine junge Gemahlin der Familie hätte aufführen wollen. Er ließ sie also zurück. Mich hätte er gerne mitgenommen, wenn es möglich gewesen wäre, den eisgrauen Schildknappen Tobias von seiner Seite zu entfernen.

Um mit Glanz in W* zu erscheinen, nahm er alle männliche Bediente mit, und niemand blieb im Hause, als die Gräfin, ihre Kammerjungfer, die Gouvernante, die beyden Fräulein und ich. Der Piarist blieb jetzt halbe Tage hindurch auf dem Schlosse, um, wie er sagte, den Frauenzimmern die Zeit zu vertreiben; und er war auch wirklich sehr wohl bey ihnen gelitten, denn er konnte – krähen wie ein Hahn, bellen wie ein Hund, und miauen wie eine Katze.

Der alte Tobias sagte mir, als er mit dem Grafen abreiste, ich sollte ein wachsames Auge auf den Pfaffen und auf die Französin haben, er trauete beyden nur so weit als er sie sähe.

Sie selbst mochten es auch wohl wissen, daß sie an dem alten Tobias einen unbestechlichen Argus hatten. Beyde waren um so höflicher und gefälliger gegen ihn, je mehr sie sich vor ihm fürchteten. Sobald er also den Rücken gewandt hatte, glaubten sie freyes Feld zu haben. Sie gingen stundenlang im Garten spazieren, und waren immerfort in sehr geheimnißvollen und ernsthaften Gesprächen begriffen.

Drey Tage nach der Abreise des Grafen befand ich mich im Garten und verpflanzte unter der Aufsicht des Gärtners einige junge Bäume. Der Piarist erschien mit der Gouvernante und den beyden Fräulein, doch mußten letztere immer eine Strecke voraus gehen. Als sie nicht weit mehr von uns entfernt waren, zog der Piarist in der Hitze des Gesprächs das Schnupftuch heraus, und mit demselben etwas Glänzendes, das ich für einen Schlüssel hielt. Ich sprang hin und hob es auf, aber es war kein Schlüssel, sondern ein Dietrich. Ich lief ihm nach und reichte ihm das verdächtige Werkzeug. Die Gouvernante ward todtenblaß und sah den Pater an. »Er gehört nicht mir!« sagte er, und gab mir den Dietrich mit der gleichgültigsten Miene von der Welt zurück. »Ich hab' ihn aber mit dem Schnupftuche herausziehn sehen!« sagte ich. – »Sie sind nicht gescheut, Wilhelm!« sagte die Gouvernante mit zuckenden Lippen, und zog den Piaristen fort. Ich dachte sehr lebhaft an den alten Tobias, und steckte den Dietrich ein.

Eilftes Kapitel. Moriz ist unruhig.

Während der Abwesenheit des Grafen suchte ich mich so gut zu beschäftigen und zu zerstreuen als ich konnte. Ich war zuweilen ganze Tage hindurch auf der Jagd; legte mich, wenn ich meine Pflicht als Jäger gethan hatte, auf die Oekonomie; fischte, und half unserm Gärtner bey seinen Arbeiten; las auch zuweilen französische Bücher, die mir die Gouvernante aus der kleinen Bibliothek der Gräfin verschaffte, nicht etwa verstohlnerweise, sondern mit der völligen Bewilligung der Gräfin, die oft gesagt hatte, mein Fleiß, mein Eifer, und meine stille Aufführung verdienten, daß man mich von dem übrigen Gesinde unterschiede; auch hätte ich so etwas in meinem Aeussern, wodurch es ihr unmöglich gemacht würde, mich, wie die übrigen Bedienten, mit Er oder Ihr anzureden.

Ueberhaupt schien die Gräfin nicht weniger als die Uebrigen neugierig zu seyn, was es wohl eigentlich für eine Bewandniß mit mir haben möchte. So oft sie mich sah, nahm sie mich scharf aufs Korn, und sagte entweder zu mir, oder zu jedem andern, der gerade bey ihr war: Es ist gewiß, daß ich den Jäger Wilhelm schon sonst irgendwo gesehen habe. Sie verließ mich dann jedesmal mit einer nachdenklichen Miene.

Man kann leicht glauben, daß ich bey solchen Aeußerungen nicht ruhig blieb. Mehr als einmal war ich fest entschlossen, die Dienste des Grafen zu verlassen. Aber heimlich wollt' ich es nicht, und öffentlich konnte ichs nicht, weil ich keinen Grund dazu anzugeben wußte.

O, ich hatte noch eine Ursache, warum ichs nicht that. Man wird sie errathen, und über mich lachen. Eben die Ursache, die mich in der einen Minute forttrieb, hielt mich in der andern. Ich zitterte, wenn mich die Gräfin so aufmerksam ansah, und glaubte doch, es müßte nicht wenig interessant seyn, von ihr erkannt zu werden. Ich suchte mich auf die schicklichste Art zu entfernen, wenn sie in den Garten kam, und mir und dem Gärtner zusah; und brannte vor Begierde, im Garten zu seyn, wenn ich wußte, daß sie darin war. Ich erschrak vor dem Gedanken, sie möchte mit Malchen in Briefwechsel stehen, und hätte dem feind werden können, der mich völlig überzeugt hätte, sie stände gewiß nicht mit ihr in Briefwechsel. Ich Thor, ich unbegreiflicher Thor! – Aber, werfe den ersten Stein auf mich, wer da will. Vor dem, der geliebt hat, und dem, der das menschliche Herz kennt, bin ich sehr sicher!

Zwölftes Kapitel. Hülfe! Hülfe! Hülfe!

Am Abend des zehnten Tages nach der Abreise des Grafen, ließ mich meine Phantasie, die durch ein neues Examen von Seiten der Gräfin aufgeregt worden war, nicht einschlafen. Es war ein unfreundliches Wetter draussen. Sturm, Regen und Schlossen brausten und rasselten auf Dächern und an den Fenstern. Der Wetterhahn auf dem Schloßthurm schwirrte, und die Hunde heulten in ihren Zwingern. Ich verhüllte mich fest in meine Küssen, und wartete ängstlich auf den Schlaf, aber meine Einbildungskraft, die sich mit dem Brausen des Windes vereinigte, entfernte ihn immer weiter und weiter von mir.

Voll Ungeduld richtete ich mich endlich im Bette auf. Im Nu kam es mir vor, als ob ein Lichtstrahl plötzlich in meine Kammer fiele, und eben so plötzlich wieder verschwände. Meine Kammer war unten im Hause, gerade der Treppe gegenüber, die in den ersten Stock zur Wohnung der Herrschaft führte. Hinter mir war die Thüre, durch die man auf einigen Stufen in den Garten hinab kommen konnte. Diese Thür mußte offen seyn, denn ich glaubte deutlich zu hören, wie sie vom Winde hin und her geworfen wurde, und doch wußte ich sehr genau, daß ich sie, eh' ich mich niederlegte, fest zugemacht hatte.

Ich stand auf, um sie zuzumachen. Während ich meinen Oberrock umwarf, fiel abermals ein Lichtstrahl durch das Fenster, welches in meiner Kammerthür angebracht war. Ich sah hindurch und sah nichts. Voll Befremden darüber, doch ohne mir etwas Besonderes dabey zu denken, suche ich nach dem Drücker, finde ihn, drücke und drücke – meine Thüre war und blieb fest zu. Ich erinnerte mich zwar nicht, sie abgeschlossen zu haben, nahm aber doch den Schlüssel um aufzuschließen. – Meine Thür war nicht zugeschlossen gewesen, ging aber auch nicht auf.

Indem ich mich noch zermarterte, um sie zu öffnen, hörte ich auf einmal ein durchdringendes Jesus Maria! – Weinend vor Ungeduld, lehnte ich mich mit meiner ganzen vereinigten Kraft gegen die Thür, und krach! sprang sie aus den Angeln und stürzte mit großem Geräusch auf den Boden, der mit Steinen gepflastert war. Ich stürmte die Treppe hinan, und hörte die Stimme des Kammermädchens, die Hülfe! Hülfe! Hülfe! schrie. Ich eilte in das Zimmer der Gräfin, welches weit offen stand, und sah Lichtstrahlen aus ihrem Schlafzimmer in dieses größere fallen. Ein dumpfes Stöhnen kam mir aus jenem entgegen.

Ich sprang hinein, und erblickte eine Weibsperson, die sich über das Bette der Gräfin geworfen hatte und mit beyden Händen beschäftigt war, sie unter Küssen zu begraben; eine Mannsperson, die vor einem geöffneten Seitenschranke stand und mit beyden Händen im Gelde wühlte; auf dem Seitentisch eine kleine brennende Diebslaterne.

Ich ergriff die Weibsperson, um sie wegzuschleudern, sie schrie, und in dem Augenblick fühlte ich einen Stich durch die rechte Seite. Meine Arme erschlafften, und ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden.

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