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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Meine Lebens-Erinnerungen.

Reading edition

Ein Nachlaß von Adam Oehlenschläger. Deutsche Originalausgabe. Dritter Band. Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.

Bei meiner Heimkehr traf ich meine Christiane und ihren Vater nicht mehr in dem großen Hause und dem schönen Garten auf der Norderstraße; dieses war durch das Bombardement in Asche gelegt worden. Sie hatten nun eine beschränkte Wohnung an der Ecke der Büngaard-Gasse; aber der Alte hatte sein Bestes, seine Gemüthsruhe und die stille Munterkeit, gerettet. Er liebte wie früher Sprachstudien, Musik und mechanische Beschäftigungen. Mit Christiane besuchte ich die Gräfin Schimmelmann, die sie lieb gewonnen hatte und beständig bei sich sah. Auch mit dem Herzoge von Augustenburg hatte Christiane auf eine sonderbare Weise Bekanntschaft gemacht. Sie war gerade eines Tages mit der Gräfin in deren Schlafkammer, als der Herzog sich melden ließ. Die Gräfin Schimmelmann, die oft gute Einfälle hatte, bat nun Christiane — sie hatte gerade ihren reichen Haarwuchs bewundert — die Flechten aufzulösen, und sie von dem Kammermädchen so zurichten zu lassen, daß sie in den Haaren verborgen wie in einer Glocke stand. Darauf ging die Gräfin zum Herzog, und bat ihn, eine junge Dame mitbringen zu dürfen, welche wünschte, die Bekanntschaft seiner Durchlaucht zu machen. Und nun trat eine Gestalt ins Zimmer, von der man bis auf die Füße nichts weiter sah, als das reiche glänzende blonde Haar. — Auch die Bekanntschaft König Friedrichs VI. hatte Christiane auf eine eigenthümliche Art gemacht. Als die zwei Jahre von der Zeit meines Reisestipendiums verflossen waren, wollten Schimmelmann und Reventlow mir die sechshundert Thaler gern noch auf ein Jahr verschaffen; um aber eines guten Ausfalles gewiß zu sein, da die Poesie nicht in besonderer Gunst bei diesem guten, auf alles Nützliche väterlich bedachten Könige stand, wurde es bei Schimmelmann's folgendermaßen abgemacht: Christiane hatte sich in der letzten Zeit mit einer Freundin im Schönschreiben geübt und es darin weit gebracht. Nun mußte sie das Gesuch so schön, als möglich, schreiben und Schimmelmann brachte es zum Könige, dessen gutes Herz dadurch gerührt wurde, daß eine Braut auf diese Weise ihrem Bräutigam helfe; er bewilligte die Bitte, bewunderte die schöne Handschrift, und fragte, indem er mit dem Gesuch in das Cabinetsecretariat hineinging: „Kann Einer von Euch so hübsch schreiben?“

Meine Heimkehr und Professur.

Nach meiner Heimkehr machte ich dem Könige gleich meine Aufwartung. Es demüthigte mich Etwas, daß er, als ich ihm meinen Namen nannte, sagte: „So, so, Sie sind Oehlenschlägers Sohn!“ Meinen Vater kannte er natürlich vom königlichen Schloß her viel besser, als mich. Aber als das Gespräch gleich auf Axel und Valborg kam und er sagte: „Das Stück ist vortrefflich!“ fühlte ich mich wieder getröstet. Durch Schimmelmann's Einfluß auf den Herzog von Augustenburg und nach dessen Vorschlage, wurde ich kurz darauf als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt, ohne daß ich darum nachsuchte. Nach den geltenden Regeln hatte ich eigentlich keine Berechtigung, denn ich hatte nur das lateinisch-juridische Vorbereitungsexamen gemacht, wenn auch bereits vor 10 Jahren eine akademische Abhandlung geschrieben, die der Prämie würdig erkannt worden war, und dies hat vermuthlich zu meiner Anstellung beigetragen. Als ich dem Könige dafür dankte, sagte ich: „Ich muß die Gnade Ew. Majestät als einen Dichterlohn betrachten; aber dann muß ich auch glauben, Sie wollen, daß ich Dichter bleiben soll. Die Dichter gehören zu den Vögeln, welche in einem Bauer schlecht singen; ich glaube wohl, daß ich im Winter Professor sein könne, wenn ich im Sommer Poet sein darf, d. h.: wenn ich von den Sommervorlesungen entbunden werde.“ Dies fand er billig, und so hielt ich 22 Jahre lang, venia regis, keine Sommervorlesungen, bis ich mich ein Mal darein fand, um dadurch um so leichter eine kleine Gehaltserhöhung zu erlangen.

Dichter-Honorare.

Jetzt hatte ich 1200 Rbthlr., davon 600 von der Universität, 600 von der Finanzcasse. Daraufhin wollte ich mich nun verheirathen; man meinte, das müsse vortrefflich gehen, wenn ich Alles dazu legen wollte, was Aladdin's Lampe (die Poesie) einbringen würde. Ich glaubte es selbst; bis jetzt hatte ich mich nicht sehr viel mit der Oeconomie abgegeben, hatte mich mit meinen Ausgaben nach der Decke gestreckt, hatte keinen Schilling Schulden, sollte Honorar für Axel und Valborg bekommen, der bald aufgeführt wurde und hatte außerdem Correggio für die Einnahme des nächsten Jahres mitgebracht. Leider hatte ich mich aber nicht auf den Buchhandel verstanden, und litt deshalb einen unersetzlichen Verlust und verlor Einkünfte, die meinen Wohlstand hätten begründen können. Vieles konnte man aber auch nicht voraus wissen. Für meine ersten Gedichte gab Brummer mir 100 Rbthlr.; für die poetischen Schriften erhielt ich von Schubothe 6 Rbthlr. per Bogen, und mußte noch Vorwürfe hören, daß das Buch so groß geworden sei. Die nordischen Gedichte bekam ich etwas besser bezahlt, vielleicht das Doppelte; für Axel und Valborg erhielt ich endlich 300 Rbthlr.; aber 3000 Exemplare dieses beliebten Stückes sind gewiß im ersten Jahre verkauft worden. Für die folgenden Auflagen erhielt ich nicht einen Schilling. Nun war mir noch Correggio übrig, den mein früherer Verleger auch gern haben wollte. Als ich ihm erzählte, daß ich das Stück selbst verlegen würde, sagte er ganz betrübt: „Ach Herr Professor, das werden Sie doch nicht thun?“ — „Ja gewiß,“ antwortete ich, „es kann mir Keiner verdenken, daß ich mir selbst erwerben will, was ich nothwendig selbst brauche.“ Ich behielt es also, und ohne dieses Reiben der Lampe hätte mein Geist mir seine Gaben nicht gebracht. Aber er brachte nicht Gold und Edelsteine. Der größte Vortheil war in fremde Hände gekommen. Meine Schriften gingen wohl noch gut; aber nicht so reißend, wie in der ersten Frühlingszeit meines Auftretens, wo Alles neu und ungewöhnlich war. Ich verstand mich auch später nicht auf den Buchhandel, das wußte ich; Christiane verstand es auch nicht; aber sie wußte es nicht. Viel ging verloren; aber es kam doch so viel ein, daß ich in den ersten Jahren vor Nahrungssorgen sicher war.

Die Professur in Gefahr.

Ich muß bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines Mißverständnisses von Seiten meines Gönners, des Herzogs, gedenken, das mich fast um das Amt gebracht hätte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, daß ich ihm aus Dankbarkeit Etwas von meinen Plänen über meine bevorstehenden poetischen Arbeiten mittheilen müsse. Ich sagte ihm also, daß ich einen Roman schreiben wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrübt, daß der Herzog befürchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; daß ich durchaus zu ihm hineilen müsse, um dieses Mißverständniß zu heben, das das Schiff meiner Hoffnungen leicht stranden machen könne. Ich eilte also zum Patron, und erklärte ihm, daß das, was ich erzählt hatte, durchaus nicht meine Vorlesungen berühre: daß das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich im Kopfe hätte. Dies beruhigte ihn wieder; „denn,“ sagte er, „wenn das wäre! —“ Hierin lag gewissermaßen noch eine Warnung. Und als ich ihn verließ, mußte ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert war, weil er einen Menschen übergefahren habe, daselbst aber bewies, daß er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, daß er ihn nicht so ganz frei durchschlüpfen lassen könne, sagte: „Da Du es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; daß es aber nicht öfter geschieht!“ Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief, als er sein Universitätspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir für den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.

Eine Genugthuung.

Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben, in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgeführt werden sollte, und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht übersetzt. Alles Vornehme und zum Hof Gehörige (bis auf den König und die Königin) war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf Baudissin, der einer der Zuhörer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn seit dem kurzen Besuch vor fünf Jahren in Berlin, wo er Minister war, nicht gesehen. Er begrüßte mich mit vieler Achtung, und manövrirte um mich her, indem er mir auf eine höfliche Weise zu Leibe rückte, bis er mich in einen Winkel des Saales gedrängt hatte. Er stellte sich fest und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, daß Etwas in ihm gähre, womit er kämpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: „Ich habe Ihnen Unrecht gethan, ich bitte Sie um Verzeihung!“ Nun verstand ich ihn, und es rührte mich, diesen adelstolzen, strengen, militärischen Mann (er war damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanität (wegen deren er ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewiß nicht leichte Opfer bringen zu sehen. „Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht gethan,“ sagte ich, „aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der die herkömmlichen Formen nicht beachtete, es vergaß, Ihnen in Berlin meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich muß also Sie um Vergebung bitten!“ — Damit war der Frieden geschlossen; und nun hätte ich ihm freilich den Besuch machen sollen, den ich in Berlin vergaß, und von dem ich ihm selbst zugestanden, daß ich ihn ihm schulde, — aber — ich unterließ es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten und fremden Fuß mit einander. Warum unterließ ich es denn? War es Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewiß nicht; aber ich fühlte, daß dieser Mann und ich nicht sympathisirten, daß das aristokratische Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener Mann war, daß es früh oder spät mich wieder verletzen würde; und daher fand ich es für besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwäche, die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen; alle Stände sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas zu sagen hatte, war es natürlich, daß dieses Gefühl des Geburtsstolzes — eigentlich ein Unding — oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnißreicher und höchst gebildeter Jüngling, der einem spätern, mehr aufgeklärten Zeitalter angehörte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s. w., einmal eine Abhandlung darüber geschrieben: daß kein Unadliger eigentlich das Gefühl der Ehre haben könne; worin er ganz Recht hatte, wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das Mittelalter beherrschte.

Adelshochmuth und Pöbelplumpheit.

Obgleich ich als Dichter zu allen Ständen gehörte und mit ihnen umging, habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die Pöbelplumpheit finden können; ich suchte das schön Menschliche im Palast wie in der Hütte, d. h. das Poetische; die höflichen Uebertreibungen gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem verziehen werden könne. Das Rohe kann außerdem auch reif werden, nie aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schönheit erheben, Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schönheit; und im schlimmsten Falle ist es weniger gefährlich für die Gesundheit, in der Nähe eines Wagens zu stehen, der voller Dünger ist, als in einem Treibhause voll blühender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des Widerlichen gesund sein; aber der übertrieben starke, feine Wohlgeruch ist tödtend.

Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit den Großen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte erzählen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleipräsident Friedrich Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jünglinge bleiben. Für die Poesie hatte er eine ungeschwächte Liebe. Ewald war sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schöne Ode: „Des Schwertes Sausen und der Lärm der Schilde“ gewidmet, welche so endet:

„Deshalb lächelnder Tugenden, reichen Wissens glühender Freund, der die Erde Liebet! Deshalb, mein edelster Moltke! Füllst Du mir mächtig die Brust und der Harfe Zitterndes Gold!“

In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube bei der Königin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft, indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke Aristokrat, und man sagte, daß er sich nie mit dem kräftigen Demokraten Christian Colbiörnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei war, welcher Moltke als Präsident vorstand, und die Folge davon war, daß Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg wurde.

Der gefeierte Dichter.

Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Großen, ebenso wie Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister Graf Christian Reventlow, Graf Christian Bernstorff, Geheimrath Moltke und die Hofdamen Fräulein v. d. Maase, Gräfin Mynster und Fräulein Levetzau. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg bei einer dieser Damen; er hatte dem König und der Königin seine Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche der König und die Königin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darüber, daß Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: „Ew. Excellenz meinen, daß Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewiß; sein Vater war Bruder des Schauspielers Londemann, der die dänische Bühne verherrlichte, und das Zwergfell der guten Kopenhagener unablässig erschütterte; aber vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, daß der vortreffliche Darsteller des Holberg'schen Henrik ein viel älterer Adelsmann war, als Sie selbst sind, obwohl ich weiß, daß Ihr Adel alt ist, und daß bereits zu Erik Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird.“ — Moltke sah mich verwundert an und gestand: „Nein, das wisse er nicht.“ — „Das ist leicht zu beweisen,“ sagte ich, „Sie brauchen nur in der Vorrede zu der Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden, daß Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson stammt von Harald Schönhaar, und dieser von Regnar Lodbrok.“ — „Ja das ist sehr möglich!“ sagte Moltke artig und lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Moltke war ein hübscher Mann, leicht und schlank, sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweißen Haares glühten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.

Eine Anekdote von Thorwaldsen.

Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, daß man auf Länder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland, Corsica, Ungarn, Polen. — Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem Gespräche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise, huldigen. Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche ließ. Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen wurde, daß er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem norwegischen Könige Magnus Barfuß abstamme. „Das will ich glauben,“ sagte Thorwaldsen lächelnd zu mir, „darum bekomme ich heut auch keine Stiefeln!“

Reventlow. Bernstorff. Die Gräfin Mynster.

Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, saß an seiner Seite, und er machte mir das Compliment, daß ich für den Correggio verdiente Mitglied der Akademie der Künste zu werden. Aber als wir später von Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit über ihn stellte, nahm ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein. Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit für einen Landsmann; aber ich antwortete: „Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt sage, für eine Trivialität angesehen werden.“ — Der vortreffliche Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn für das Oeconomische und Nützliche, als für das Schöne, und er bewunderte deshalb auch Rumford als einen der größten Männer der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus entgegengesetzter Art, und das Aeußere dieser Herren entsprach ihrem Wesen. Reventlow groß, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne und Bänder wie ein sinnreicher, tüchtiger Handwerksmeister aus. Der rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die Stolberg's, nicht schwärmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie gegründete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchen Augenblicke zu ihm sagte: „es sei doch ein schöner Beruf, Staatsminister zu sein,“ entgegnete er: „Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstände haben mich dazu gemacht.“ Man hat ihm später vorgeworfen, daß er den Engländern zu viel getraut habe, und daß er ein Aristokrat gewesen sei. Dies letztere war gewiß stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und Anerkennung alles Großen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schöne junge Gattin war seiner würdig und durchaus liebenswürdig. Ich besuchte sie oft auf Schloß Bernstorff.

Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Gräfin Mynster, geborne Ompteda, Hofdame der Königin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr schön gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin und übersetzte einige meiner Gedichte, unter andern „Die heimliche Stimme.“ Ich habe es mit einigen Veränderungen in der Ausgabe meiner deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer überspannten Sentimentalität. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir gewöhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen, theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltägliche herabzuziehen. Als wir einmal Schiller's „Lied an die Freude“ gelesen hatten, und sie zwischen den Sternen und den Millionen umherschwärmte, sagte ich: „Nun zur Veränderung ein anderes kleines Lied,“ und recitirte das Göthesche:

„Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen. Will mich's etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen? Doch ich bleibe lieber hier, Kann ich redlich sagen, Beim Gesang und Glase Wein, Auf den Tisch zu schlagen!“

Die letzte Zeile begleitete ich wirklich mit einem tüchtigen Schlage auf den Tisch, um sie von dem Firmament wieder in's Zimmer herabzuziehen; aber sie grollte mir sehr anmuthig wegen dieses burschikosen Wesens, das sie aus dem schönen Traume geweckt hatte.

Eine Vorlesung am Hofe.

Ich laß nun bald Correggio, bald Axel und Valborg so oft in diesen Gesellschaften vor, daß ich ihrer zuletzt ganz müde wurde; und Christian Colbiörnsen hatte gewiß vollständig Recht, daß er ein Mal bei Prinz Christian nach der Vorlesung von Axel und Valborg, sein Compliment über das Stück mit der Bemerkung begleitete, daß er meine, es müsse etwas wärmer vorgetragen werden. Variatio delectat. Ich hatte so oft meinen Vortrag loben gehört, daß es mir nun gefiel, von einem Manne kritisirt zu werden, der, wie man sagt, selbst Beredsamkeit besaß. Es war das erste und letzte Mal, daß wir zusammen sprachen; ich konnte ihm den wahren Grund des Mangels an Wärme nicht angeben, und begnügte mich damit, ihm höflich für seine richtige Bemerkung zu danken, indem ich die Hoffnung aussprach, daß ich es ein anderes Mal besser lesen werde.

Dieses andere Mal strengte ich mich auch wirklich an; denn da fand die Vorlesung bei dem König und der Königin selbst statt, welche auch den Correggio hören wollten und deshalb eine Assemblée in dem großen Palaissaale veranstalten ließen. Hier hatte ich einen kleinen amüsanten Prolog mit dem Oberceremonienmeister Charles Louis Bouz de la Calmette, der, um mir das Vorlesen leichter zu machen, mir vorschlug, ein Pult zu besorgen, an dem ich stehen könne, um mir die Brust nicht zu drücken. Aber da ich diesen alten französisch-holländischen Cavalier, der mit seinen gepuderten Locken und dem Haarbeutel im Nacken durchaus der vieux bon-temps angehörte, in Verdacht hatte, daß er mich wie einen andern Virtuosen behandeln wolle, der im Stehen spielte, während die Herrschaften saßen, so versicherte ich ihm, daß das Sitzen meiner Gesundheit durchaus nicht schaden, daß es mich vielmehr ermüden würde, fünf lange Acte hindurch zu stehen, und daß ich mir daher einen Stuhl ausbäte. Einige Jahre später dachte ich an diese Scene, als ich die Väringer schrieb, in der Scene mit Harald Haarderaade, wo der Kaiser dem Harald befiehlt zu knieen, dieser aber stehen bleiben will.

Das Brun'sche Haus.

Man hatte befürchtet, daß die Lectüre des langen Stückes seine Majestät ermüden würde; aber er hörte sehr aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zu und schien zufrieden zu sein.

Das angenehmste große Haus in Kopenhagen war damals das Brun'sche. Hier war ein Sammelplatz für den Hof, für die beau monde und für die Künstler. Die anmuthige Ida sang vortrefflich, und die Musik war der Genius, welcher hier das Ganze verband und verschmolz.

Meine Heimat hatte ich außer bei mir selbst noch an vier Orten: bei meinem Vater, meinem Schwiegervater, bei Oersteds und Rahbeks. Bei dem Alten speisten wir gewöhnlich jeden Sonntag, wenn wir nicht auf dem Lande waren, und er ein Mal die Woche bei uns.

Rahbek empfing mich sehr liebevoll, und mir war es eine große Freude, die liebenswürdige Karen Margrete wieder auf dem Hügelhause zu sehen; aber Rahbek's Freundlichkeit für mich fing doch bald an, sich aus folgenden Gründen abzukühlen. Zuerst hatte er die Absicht, eine neue Zeitschrift herauszugeben, an deren Herausgabe ich mich betheiligen sollte; aber ich hatte durchaus keine Lust dazu, theils weil es mich im Dichten gehindert haben würde, wenn ich zu gleicher Zeit eine Zeitschrift und die Vorlesungen hatte besorgen sollen, theils weil Rahbek gerade damals durch eine zu flüchtige Behandlung seiner Arbeiten und dadurch, daß er sich in Federkriege einließ, einen Theil seines literarischen Ansehens eingebüßt hatte. Diese abschlägige Antwort sagte ihm nicht zu, und als eine junge Schauspielerin, auf die er außerordentlich viel hielt und von der er geglaubt hatte, daß sie die Hauptrollen in meinen Tragödien spielen würde, mir nicht gefiel, so trug auch dies etwas dazu bei, die Freundschaft abzukühlen. Doch war er an dem Tage sehr liebevoll, wo er zum Ritter des Dannebrogordens ernannt wurde, welche Ehre ich erst mehrere Jahre später erlangte. Er bat mich an dem Tage, wo er Ritter geworden war, die Nacht über bei mir bleiben zu dürfen, da es zu spät sei, nach dem Hügelhause zu gehen. Dies war das einzige Mal, wo er mein Schlafkamerad und zwar in einem sehr engen Bette war, und ich dachte dabei an die Nacht in Paris, wo Baggesen auf ähnliche Weise mein Gast wurde.

Rahbek hatte viel Eigenthümlichkeiten, und einer von dieser verdankte ich meine gute Stellung im bürgerlichen Leben. Er war nämlich mehrere Jahre lang Professor der Aesthetik an der Universität gewesen, als es ihm plötzlich einfiel, seinen Abschied aus einem höchst sonderbaren Grunde zu nehmen: weil man ihm vorgeworfen hatte, daß er die Kant'sche Philosophie nicht studirt habe. Nun lebte er davon, daß er schrieb und übersetzte und Lehrer der Geschichte und des Lateinischen in einer Privatschule war. Wäre dies nicht geschehen, so würde ich wahrscheinlich nie Professor geworden sein, und Gott weiß, was ich dann geworden wäre. Vielleicht wäre ich dann nach Deutschland zurückgegangen (wo Correggio viel Glück gemacht hatte) und wäre ebenso wie Steffens nach und nach ein Deutscher geworden.

Vorlesungen über Ewald und Schiller.

Aber das war nun, Gott sei Dank, nicht der Wille der Vorsehung. Ich wurde hier Professor und wenn ich auch kein Kantianer war, so hatte ich doch ein volles Haus im Ehlers'schen Collegium. Im ersten Winter las ich über Ewald, im zweiten über Schiller. Ich wiederholte diese Vorlesungen im Local der harmonischen Gesellschaft vor Herren und Damen, hatte viele Zuhörer und zählte unter diesen Schimmelmann, Bernstorff, Admiral Bille, Geheimrath Moltke, Oersteds, Professor Mynster, Etatsrath Kirstein u. s. w.

Aufnahme meiner Tragödien in der Heimat.

Ich war fünftehalb Jahre fortgewesen und hatte die Eitelkeit keines Menschen durch meine Anwesenheit verletzt; man hatte meine heimgesandten Schriften nur gelesen, wie man die hinterlassenen Werke eines todten Mannes liest, und so kam es denn mit mir, wie es oft viel Schlechteren begegnet, daß ich zur Mode geworden war. Hakon Jarl hatte außerordentliches Glück gemacht. Es war dies die erste auf die Geschichte begründete poetische Schilderung aus dem Heldenleben des heidnischen Alterthums, welche auf der Bühne dargestellt wurde. Dies allein hätte doch nicht soviel Wirkung auf das größere Publikum ausüben können, wenn nicht auch Hakon's Verhältniß zur Thora, oder richtiger gesagt: ihres zu ihm, die Herzen der Weiber gerührt hätte. Beim Palnatoke war dies nicht der Fall; da war gar keine Liebe und deshalb war das Schauspielhaus bei den ersten Vorstellungen auch ziemlich leer; aber Axel und Valborg machte Alles wieder gut; da gab's Liebe von Anfang bis zu Ende. Obgleich das Stück noch nicht gedruckt war, so war es doch überall bekannt, man hatte gewußt sich Abschriften davon zu verschaffen; diese wurden zu theuren Preisen verkauft, und so hatte man das Vergnügen, sich in die Mönchzeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst zurückzuversetzen, wo ein schön abgeschriebenes Exemplar den Genuß erhöhte, weil es seltener war, und weil man etwas genoß, das Andern nicht zu Gebote stand. Reiche Engländer amüsiren sich ja noch oft damit, einige wenige prächtige Exemplare als Manuscript drucken zu lassen. — Correggio wirkte nun wieder auf eine andere Weise, während darin doch zugleich wieder Stoff genug für fühlende Herzen war. Sowie Hakon Jarl den Sinn für das Altnordische geweckt hatte, weckte Correggio den Sinn für die Kunst, und war vielleicht eine der ersten Triebfedern zu ihrem fleißigen Studium in Dänemark, das später reiche Früchte trug. Was die damalige Aufführung dieser Stücke betraf, so läßt dieselbe sich auf keine Weise mit der Aufführung späterer Zeiten vergleichen. — Meine Hauptstütze war gefallen; der Künstler, auf den ich am meisten gerechnet hatte, der herrliche Rosing war lebend todt. Seitdem habe ich selten an einen bestimmten Schauspieler gedacht, wenn ich meine Dramen schrieb, was ihnen oft geschadet hat. Denn man kommt hauptsächlich ins Schauspielhaus, um die Schauspieler zu sehen; sie können ein mittelmäßiges Stück interessant machen, und ein gutes Stück, das im Ganzen schlecht gespielt wird, wird langweilig. Aber es war mir unmöglich, die idealen und neuen Charactere, die ich darzustellen suchte, nach gewissen bekannten Menschen zu formen. Mit Rosing als Hakon Jarl war es doch etwas Anderes! Alles in dieser Rolle paßte für ihn. Er war voller Feuer und pathetisch, konnte kalt und klug sein, war ein Bewunderer des weiblichen Geschlechts und ein kräftiger Norweger von Nidaros. — So war er, als ich ihn kannte; jetzt bei meiner Heimkehr saß er, von einer schrecklichen Gicht darniedergebeugt und konnte weder Hand noch Fuß rühren. — Schwarz, früher in komischen Rollen vortrefflich, war später als würdiger Vater in bürgerlichen Dramen ausgezeichnet; Frydendahl, Thalia's auserwählter Liebling, konnte in mißglückten Versuchen unter Melpomene's Fahne Rosing nicht ersetzen.

Deren Darstellung auf der Bühne.

Aber ein ehrenwerthes Künstlerkleeblatt, ohne dessen Hülfe es mir unmöglich gewesen wäre, durch die Bühne zu wirken, darf ich nicht vergessen. Ich hatte die Freude, Diejenige, die mich vor 16 Jahren als Dyveke und Kathinka entzückt hatte, Heger's Gattin, früher Marie Smith, als eine edle Thora, als Valborg, als Marie im Correggio zu sehen. — Stephan Heger, der in der letzten Zeit ganz die Lust zu spielen verloren hatte, lebte durch meine Stücke gleichsam wieder für die Kunst auf. Der hübsche, gebildete, geistreiche Mann mit dem schönen Organ erfreute Alle als Einar Tambeskjälver, als Thorwald und als Giulio Romano.

Mein Freund der Schauspieler Foersom.

Der dritte im Kleeblatt war mein lieber Foersom. Er hatte sehr viel mehr, als was er auf dem Theater gebrauchte, aber Etwas, was er dort nothwendig haben mußte, fehlte ihm: ein starker Körper und ein deutliches Organ. Dies mußte er durch Anstrengung zu ersetzen suchen und die sichtbare Anstrengung in der Kunst schwächt stets den Eindruck. Aber Foersom war ein Mann von Genie. Er hätte ein vortrefflicher Philologe werden können, und er war Dichter; Dichter mehr als Schauspieler. Einige seiner lyrischen Stücke tragen unverkennbar das Gepräge der Originalität; als Shakspeare's Uebersetzer machte er Epoche. Seine Uebersetzungen bedürfen vielleicht der Berichtigung und es fehlt ihnen zuweilen die Feile; aber Shakspeare hat auch keine Feile gebraucht, und in Foersom's feuriger Uebertragung tritt der eigentliche Shakspeare oft stärker, als in A. W. Schlegel's oft allzu correcter und glatter Bearbeitung hervor, so gut diese auch übrigens ist.

Der Shakspeare'sche Humor war Foersom's eigentliches Element, und deshalb war auch der tiefsinnige, mit seiner Schwäche kämpfende Hamlet seine beste Rolle. — Friede sei mit Deinem Staube, guter Foersom! Ich bewahre noch das Exemplar Deines Lear's und Romeo's, in das Du geschrieben hast: „Dem Zwillingsbruder William Shakspeare's.“ Ich bin stolz darauf, daß Du mir das gesagt hast. — Geist und Gefühl des kräftigen Helden vermochte er darzustellen; aber das Erotische schien nicht gerade das zu sein, womit der tiefsinnige, launige Foersom am meisten sympathisirte.

Madame Schirmer als Thora.

Axel und Valborg machte Glück; doch entging es nicht dem Tadel der Mitglieder der ältern Schule. Der verstorbene Professor Kierulf fand es unnatürlich, daß Axel ein Schwanenlied sang, ehe er starb. Ich hatte nämlich „Schwanengesang“ über Axel's letzten Monolog geschrieben, worunter ich nichts Anderes, als seinen Herzensseufzer im Tode meinte. Es wäre vielleicht besser gewesen, jene Ueberschrift auszulassen. Als man Thaarup einmal während der Aufführung fragte: „Woran stirbt Valborg?“ antwortete er: „An einem Liede!“ Valborg's Tod mag etwas Auffallendes und für Viele etwas Unnatürliches haben; aber ich glaube doch nicht, daß es unmöglich ist, und das ist für den Dichter genug. Ich habe später einmal in Dresden eine Madame Schirmer gesehen, welche den Tod der Valborg dadurch motiviren wollte, daß sie vom 3. Acte an ein gewisses schmachtendes Dahinschwinden andeutete, welches Valborg zu verbergen sucht; aber dies verdirbt das Ganze, ohne die Einzelnheiten zu retten. Valborg's Herz muß plötzlich durch einen Nervenschlag brechen, den ihr überspannter Zustand herbeiführt. Sie stirbt also stark bewegt und entschlummert nicht elegisch. Es würde leicht sein, ihren Tod ohne Nachtheil für das Stück zu verändern; aber davor werde ich mich wohl in der Ausgabe der Tragödien selbst hüten. Die Leser sind nun einmal an die alte Form gewöhnt und mit ihr zufrieden, und würden eine solche Veränderung für einen Eingriff in das öffentliche Eigenthum ansehen. Wenn indessen Etwas an der sogenannten Künstlerunsterblichkeit ist, so muß sie doch wenigstens einige Menschengeschlechter überleben. Es wird also eine Zeit kommen, wo man sich auch von Jugend auf an die Veränderungen in einem Dichterwerke ohne Verlust persönlicher Gefühle und Erinnerungen gewöhnen kann. Für diese — und für die Leser der Jetztzeit, die sich, wenigstens in einer Biographie für die verschiedenen Ideen eines Verfassers interessiren dürften, will ich hier einen Monolog anführen, den ich in späteren Jahren gedichtet habe, und mit dem Valborg das Stück beendigen könnte, wenn Wilhelm seine letzte Replik gesagt hat, und sie todt glaubt.

Neue Schlußscene zu Axel und Valborg.

Valborg (erhebt sich von Axel's Leiche und nähert sich Wilhelm):

Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen! Hoch Euer Lied ich preise, Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen. Durch Aage's und Else's Weise. Der Tod wird langsam mich bezwingen Bis dann in's Grab ich steige. Doch kann ich leicht dies Opfer bringen, Daß meine Treu' ich zeige! Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes Ruhm Woll't mir den Segen ertheilen! In jenem dunkeln Heiligthum Will bis zum Tod ich weilen. Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth, Es schaff't Euch keinen Harm! Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd' Ueber jung Valborgs Arm. Nun gehet Valborg mit Nonnen daher Und betet die frommen Messen. Versäumen wird sie's nimmermehr Und Axel nie vergessen. Besser doch nimmer geboren sein, Als nur sich in Leid zu versenken; Wenn die Sonne taucht in das Meer hinein Verlor'ner Freuden zu denken. Gott denen verzeihe, die Ursach' sind Daß die nicht zusammen geblieben, Die einander so treu von Herzen geminnt Und in Zucht und Ehren sich lieben!

So würde die Tragödie sich fromm und recht an das alte Lied anschließen, von dem sie ausging, und Valborg's Tod, wenngleich im Grund derselbe, würde natürlicher erscheinen.

Das Mißgeschick.

Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rückkehr ein großes Zimmer gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleißig Besuch. Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, daß ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren könne. Hier fing nun mein Mißgeschick an; in dem sichern Vertrauen auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt genoß, beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen eine Skizze, Faruk, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mußte ich zum Könige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch für den Componisten bitten; denn es war nur eins für den Verfasser bestimmt, das wir dann hätten theilen müssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der König war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, daß ich das Stück nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber seiner Majestät vorstellte, daß ein so großes Genie, wie Weyse, doch auch Gelegenheit haben müsse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich überließ es Weyse. Dasselbe mußte ich ein paar Jahr später mit Ludlams Höhle thun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen nun allmälig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen. Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hülfe, obgleich Correggio auf allen Bühnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch außerordentliches Glück machte. Aber — ich hatte nun Göthe gegen mich, ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dänemark fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. Sander war immer feindlich gegen mich; er hatte zwei Stücke: „das Hospital“ und „Knut Lavard“ geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen Partei der Menge gegenüber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie. Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich während der Execution nicht zugegen gewesen war und die Stücke vor meiner Heimkehr nicht kannte.

Sander und seine „Alphabete“.

Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und rühmte sich oft aller der „Alphabete,“ die er herausgegeben hatte. Das Glück, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dänisch geschrieben war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, übte einen schädlichen Einfluß auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestärkte), daß er ein sehr großer Dichter sei, und — wenn er so fortführe — Dänemarks erster Tragiker werden könne. Das Alles fiel nun zu „Hospital“ und „Knut Lavard“ hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzählt, daß er eine kurze Zeit in der Schule für die Nachwelt, als ich noch Zögling daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Daß dieser Zögling vier Jahre darauf ihn verdunkeln würde, hielt er der Natur nach für ganz unmöglich und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablässig Tugend und Humanität im Munde führte, so schwach sah, daß er sich zu schamlosen Angriffen meines moralischen Characters herabließ. Es ging so weit, daß einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, daß er krank geworden wäre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht hätte.

Die Dichtung und das Strenghistorische.

Aber Sander war nicht mehr gefährlich; dagegen traf ich bei meiner Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt, die alten Heldensagen zu schätzen; man legte sich gründlich auf dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, daß die Dichter die Geschichte allzu oberflächlich behandelt hätten; man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schönheit. — Ich glaubte und glaube noch, daß die Poesie sowohl Vergangenheit, wie Gegenwart, und weder das eine oder das andere allein sein sollte. Ich unterschrieb Schiller's Worte:

„Alles wiederholt sich hier im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie; Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie.“

Der Dichter muß dem Ideale nachstreben; das menschlich Schöne besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und körperlicher Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald das Körperliche geherrscht; der Dichter muß Etwas von Beiden aufgeben, um sie Beide vereinigen zu können. Seine Helden dürfen weder Barbaren noch Philosophen sein, sondern kräftige Menschen mit Verstand und Herz. Er muß also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit über die allzu wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung und die Charactere, aber er muß zu großem Theile die Barbarei entfernen. Kurz, er muß im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:

„Ihr Brüder! Kraft und Frömmigkeit, das sind Die beiden Flammen, die ins Leben strahlen. Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage, Und weckt mit ihren starken Sommerstrahlen Die schönen Blumen aus dem todten Grunde; Es leuchtet Frömmigkeit ein bleicher Mond, Verleiht den Blumen ihren schönsten Reiz. Doch diese beiden Flammen müssen wechseln! Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen, So wird der Garten einer Wüste gleich, Der Held ein Irrlicht; strahlt der Mond Beständig seine frommen matten Flammen, So schwindet bald des Lebens Macht, der Mensch Wird zum Gespenste, das vor seinem Tode Umherirrt in der Nacht verschwiegnen Gräbern.“

Die Grundtvig'sche Schule.

In diesem Geiste habe ich meine Tragödien gedichtet. — Aber bei meiner Rückkehr fand ich einen neuen Absenker der neueren Schule mit einiger Variation der vorigen, aber doch in demselben Geiste, dessen Anführer Grundtvig war. Dieser geniale, aber — meiner Ueberzeugung nach — allzu einseitige und schwärmerische Mann hatte mit zwar seine „Scenen aus dem Untergang des Heldenlebens“ dedicirt, aber ich bemerkte doch bald, daß er zugleich gegen mich kämpfte.

Trotz all' der Huldigungen und des Lobes, das ich von ihm bekommen hatte, konnte ich doch nicht sonderlich zufrieden sein; seine Ansicht war, daß ich den ersten — halb geglückten, halb mißglückten — Versuch gemacht, und so eigentlich nur Anderen den Weg gebahnt habe. Ich las Grundtvig's Heldenscenen, und obgleich diese, wie er selbst sie nennt, nur Gespräche ohne dramatische Handlung und Kunst sind, so staunte ich doch über das Feuer und die Kraft in der Sprache, über die Vertrautheit mit den alten Sagen, welche ihn mit Wörtern und Ausdrücken und mit vielen characteristischen Zügen in den Schilderungen bereichert hatten, die dieses Buch zu einem merkwürdigen Produkte der dänischen Literatur machen. Er war in einer gewissen Richtung der Geschichte um einige Linien auf dem poetischen Compaß näher gekommen, als ich; aber alle seine Helden waren doch nur lyrisch begeisterte Wortführer der rohen Kraft; und dies geht sogar so weit, daß Vagn Akison ohne Mißbilligung der Anderen damit prahlt, einem Sklaven ein Auge ausgeschossen zu haben, als er es versuchen wollte, Palnatoke's Schuß nach dem Apfel auf des Sohnes Haupte nachzumachen. In der ältesten nordischen Geschichte finden sich doch nur wenige Züge solchen aristokratischen Hochmuths und solcher Grausamkeit, an denen die Geschichte des Mittelalters so reich ist. Was die objectiven Darstellungen betraf, so wagte ich stets zu glauben, daß ich mehr altnordisch sei, als Grundtvig, bei dem das subjective Streben sich stets vorherrschend äußerte.

Mein Briefwechsel mit Grundtvig.

Er ging bald einen ganz entgegengesetzten Weg. — Er bewunderte nicht mehr Thor's Hammer; nicht das Christenthum, wie ich es fühlte, stellte ihn zufrieden; er schrieb mir ein Mal einen Brief, und ich beantwortete ihn. Da wir später unsere Ansichten nie unterdrückt haben und diese in der langen Zwischenzeit wohl kaum viel verändert worden sind, will ich hier diese Briefe auszugsweise mittheilen. Grundtvig schrieb:

„Wie ich über Sie und Ihre Werke urtheile, wissen Sie vielleicht; aber ich will es Ihnen doch sagen; denn ich will mich nicht bei Ihnen einschmeicheln, unser Verhältniß aufklären will ich, damit es dann von unsern Herzen und nicht von Mißverständnissen abhängt, welche Stellung wir einander gegenüber einnehmen sollen.“

„Wenn Sie einst in der Erinnerung die Stimmung bei sich wiedergebären wollen, in der Sie Ihre poetischen Schriften dichteten, und sich diese Stimmung als eine feste, ruhige Ueberzeugung denken, von der Alles getrennt ist, was nicht im Christenthume wurzelt, so werden Sie besser, als es Worte auszudrücken vermögen, fühlen, wie ich Ihre neue Dichterlaufbahn beurtheilen muß; denn daß Sie, nachdem Sie Hakon Jarl's Denkmal beendigt hatten, eine neue einschlugen, ist Ihnen sicherlich bewußt. Daß ich nicht blind bin für die Schönheit Ihrer späteren Gedichte sowie für die bei Weitem größere Abrundung und Proportion derselben, werden Sie mir auf mein Wort glauben; aber es versteht sich von selbst, daß es mich innig betrüben muß, daß der religiöse Ernst Ihre Gedichte mehr und mehr verlassen hat, und in Ihren letzten Arbeiten durch ein gewisses Spielen mit dem Geistigen verdrängt wird, wie auch, daß ich diese Gedichte im Grunde viel weniger poetisch (begeistert) nennen muß. Am meisten schmerzt mich dies, weil eine solche Umwandlung ihren Grund im innersten Wesen des Dichters findet. Daraus folgt, daß er das ernste Nachdenken über sein eigenes geistiges Verhältniß zu Gott als dessen Diener auf Erden aufgiebt; daß er mehr Gewicht darauf legt, zu glänzen und Ehre und Beifall zu gewinnen, als seine Brüder zur Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit zu erheben.“

„Ich weiß, daß Sie und viele Andere in mir einen Schwärmer und Fanatiker sehen, aber glauben Sie mir, ich bin es nicht. Wenn das Leben eine Farce ist, welche endigt, sobald der Vorhang des Todes fällt, so habe ich entschieden Unrecht; aber das ist nicht zu befürchten; ich bin meiner Sache gewiß. Gäbe Gott, daß es mit Ihnen ebenso wäre! dann würde Ihr Herz eine reinere und stetigere Freude erfüllen, ein höherer Geist Ihren Gesang beseelen und Sie wieder mit ihren seltenen Gaben ein strahlendes Licht für tausend Ihrer Brüder werden, die in dem Schatten des Todes schlummern und unstet auf Irrwegen umherwandeln.“

Die Dichtung in ihrem Verhältniß zur christlichen Religion.

Ich antwortete:

„Wodurch verdiene ich die kränkenden Anschuldigungen, die Sie gegen meine höhere Menschlichkeit, das ewig Heilige, das sich mit der Gottheit und Ewigkeit verbindet, aussprechen. Worin habe ich in meinen späteren Werken eine Abweichung von meinem höhern Ziele gezeigt. Wahrlich, ich würde sehr betrübt sein, wenn ich nicht fühlte, daß meine Seele sich entwickelt und veredelt hat. Ich behaupte auch, daß mein Palnatoke, Axel und Valborg, Correggio und Stärkodder den Beweis dafür liefern. In Hakon Jarl zeigt sich noch der polemische Gegensatz zwischen der Form des Christenthums und der des Heidenthums. Hiermit sympathisirt Ihr polemischer Character am Meisten. Das Christliche äußert sich daselbst auch mehr in hervortretenden lyrischen Sentenzen Olaf's, der übrigens noch ein sehr mäßiger Christ war. In den anderen Stücken ist nicht vom Christenthum die Rede; aber ich glaube, es findet sich mehr wahres Christenthum darin. Denn die Ideen von der Versöhnung, der Liebe, die unverschuldeten Leiden der liebenswerthen Tugenden und die ewige Hoffnung werden in der Handlung dieser Stücke dargestellt und müssen einen Jeden, der nicht absichtlich seine Augen schließt, überzeugen, daß nicht irdische Eitelkeit ihren Verfasser begeistert hat.“

„Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mögen, so muß man sie doch ihrem eigenen Geiste nach für das ewig Göttliche halten, das in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es, welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte. Das Göttliche müssen wir als unveränderlich betrachten; aber das Sinnliche, das Menschliche, gehört der Zeit und wird mit ihr verändert. Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.“

„Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er selbst steht als das schönste, heiligste Beispiel der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, daß der bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu können, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen können wir malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, daß man dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio sagt; aber dieses Spiel schließt den höchsten Ernst in sich. Auch nach der Abrundung von Schönheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre Künstler; denn Schönheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Künstlers über das Werk.“

Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte. Ich fühlte, wie unmöglich es mir werden würde, mit diesem Manne zu sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte, und von dessen gutem Willen ich überzeugt war, dessen Gefühl und Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen. Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Göthe's Worten:

„Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden; Aber bestärken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung, Oder wär er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.“

Ein Winter in der Heimat.

Den größten Theil des ersten Winters nach meiner Rückkehr nach Kopenhagen brachte ich in großen Gesellschaften zu; um mich wieder zu erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler Regimentschirurg war. Während dieser Zeit war ich sein Gast. Wir wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit der Familie des Justizraths und Gestütmeisters Nielsen bekannt, wo ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre später so sehr viel zu dem glücklichen Erfolge meiner Tragödien auf der Bühne beitragen sollte. Es machte mir vielen Spaß, all' die gewaltigen Hengste ihre Capriolen machen zu sehen; einer der schönsten und stärksten von ihnen war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amüsirten mich in Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines übrig hatte; hier waren Mäuse, und ich zog eine von diesen so, daß sie an mein Bein hinaufkroch und etwas Brot aß, das ich dort hinlegte, während ich am Ofen saß und las. Bei der kleinsten Bewegung schlüpfte das Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost und Zeitvertreib gefunden hatten.

Meine Trauung.

Am 17. Mai 1810 speiste ich mit meiner Christiane bei ihrem Vater in Kopenhagen zu Mittag; darauf fuhr ich mit ihr allein nach Gientofte, wo Herr Pastor Höegh, nachdem ich ihm die nöthigen Papiere gezeigt hatte, mit uns in die Kirche ging und uns traute. Als Mann und Frau setzten wir uns wieder in den Wagen und fuhren nach dem schönen Christiansholm bei Seeluft, das uns Graf Schimmelmann freundlich zur Sommerwohnung angeboten hatte.

Dieser Sommer war schön und angenehm. Die munteren witzigen Fräulein Hammeleff, die Freundinnen meiner Frau, und der derbe, treue Norweger Reinhardt (später Professor der Zoologie und mit der einen Freundin verheirathet) bildeten damals hauptsächlich unsere Gesellschaft, wenn wir nicht auf Seeluft waren. — In diesem Sommer dichtete ich einige lyrische Gedichte, sowie die Erzählung Aly und Gulhyndy. Von den lyrischen Gedichten war Sigrid mit dem Schleier das längste. Da der Stoff romantisch ist und sich den Ariost'schen Mährchen nähert, schrieb ich es in Ottaverimen, und die Erinnerung an Italien, das ich vor Kurzem verlassen hatte, verlieh ihm ein südliches Colorit. Aber um doch Denen, die da behaupteten, „daß ich nicht mehr nordisch sei,“ zu zeigen, wie wenig ich das Nordische vergessen hätte, schrieb ich zu gleicher Zeit Harald Fangzahn, dessen Form stark nordisch ist, in einem schweren alten isländischen Ton, sowohl in Reimen, wie in Reimbuchstaben.

Die herausgekommene Sammlung unter dem Namen von Dichtungen, welche kurz darauf durch einen Band Erzählungen fortgesetzt wurden, fanden viele Leser und Liebhaber. Aber es hieß doch in gewissen Kreisen, „daß dies nur ein matter Abglanz meiner früheren Gedichte sei.“ Ueberhaupt — mit Ausnahme der Werke, die ich aus der Fremde ins Vaterland sandte, oder kurz vor meiner Abreise herausgab — ist das Meiste ziemlich streng getadelt worden, wenn es erschien, und gewann erst nach und nach Beifall.

So ging es selbst mit Correggio, obgleich Foersom durch seine geistvolle Darstellung diesem Character auf der Bühne Interesse zu verleihen verstand. „Um Gottes Willen,“ sagte ein Mann, der damals viel beim Theater zu thun hatte, „wie kann es nur das Publikum amüsiren, einen armen Maler ein ganzes Stück hindurch ächzen zu hören?“ Man hielt damals eine solche Aeußerung, die von einzelnen Anderen wiederholt wurde, für eine Einfältigkeit; aber wir haben gesehen, daß sie selbst von einem Göthe und Tieck unterstützt worden ist.

Meine Bekanntschaft mit Christian Stolberg.

Bei Schimmelmanns machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender Personen; unter anderen die des Grafen Christian Stolberg, der mir mit geistvoller Freundlichkeit entgegenkam. Sein genialer Bruder Friedrich Stolberg war nicht zugegen. Es würde mich gefreut haben, diesen Dichteraar zu sehen und zu sprechen, der Axel und Valborg liebte — wenn nicht der katholische Mysticismus bereits seine Flügel gestutzt hätte. Auch die Schwester des Grafen Stolberg, Käthchen, ein alte Dame, welche umherreiste, und sich bald bei dem einen, bald bei dem andern ihrer Freunde einquartirte, lernten wir kennen. Sie war immer entzückt und exaltirt, aber sehr gutmüthig und hatte vielen Verstand und Bildung. Als sie hörte, daß wir auf Christiansholm wohnten, sagte sie: „Ach, da muß ich Sie besuchen!“ Sie kam auch. Auf Christiansholm waren zwei große Zimmer mit Glasthüren zu beiden Seiten. Sie trat durch die eine herein; aber kaum sah sie durch die andere die Bäume, so rief sie: „Ach, wie schön! da müssen wir hinaus!“ worauf sie durch die andere ging, und wir mußten mit ihr weiter spazieren, ohne daß es ihr einfiel zurückzukehren. Man erzählte eine komische Geschichte von ihr, wie sie in Holstein, ich glaube beim Grafen Reventlow, in einem Saal der zweiten Etage, ohne es Jemand zu sagen, ein Blumenbeet angelegt hatte, indem sie unbemerkt Erde in ihrer Schürze hinaufschaffte. Diese Rabatte hatte sie voll Vergißmeinnicht gepflanzt und täglich sorgfältig mit Wasser begossen. Eines Morgens, als der Graf zur Decke seines Zimmers emporsah, konnte er nicht begreifen, was das für große, dunkle Flecken seien, die er daselbst bemerkte. Er ließ seinen Verwalter kommen, und als er ihn fragte, was das für Flecke seien, antwortete dieser: „Die hat Comtesse Käthchen gemacht, sie ist verrückt!“ Der Graf wurde über diese groben Aeußerungen böse; aber der Verwalter bat ihn mit hinauf zu kommen, und zeigte ihm das Blumenbeet, worauf der Graf antwortete: „Sie ist freilich verrückt; aber Sie sollen es doch nicht sagen.“

Käthchen Stolberg. — Characterzüge Schimmelmanns.

Hier muß ich einen Characterzug von Schimmelmann erzählen. Er hatte eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil der Ton mir darin affectirt und schwülstig erschien. Ich las deshalb die übertriebensten Tiraden in einem lächerlichen geschraubten Tone, worüber Schimmelmann endlich böse wurde, mir das Buch aus der Hand riß und sagte: „Nein, so könne man auch die Bibel lesen!“ Ich schwieg, obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Gräfin knüpfte ein neues Gespräch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich höflich, aber verlegen gute Nacht gesagt hatte. Am nächsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim Frühstück saßen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schöne Allee vor dem Hause hinunterblickte: „Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!“ — Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein Buch lächerlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat, vorzulesen.

Noch einen andern Zug von ihm muß ich erzählen. Es kam einmal in meiner Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, daß daselbst ein Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. „Das ist ein eigner Fall!“ rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: „das muß Aladdin haben!“

Daß es ein falsches Gerücht war, und daß Aladdin also Nichts bekam, dafür konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.

Geburt meiner Tochter Charlotte.

Im nächsten Frühjahr 1811 am 21. April wurde meine älteste Tochter geboren; die Gräfin Schimmelmann hielt sie über die Taufe, und sie wurde nach dieser „Charlotte“ genannt.

Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu. Aber dies war das Kometjahr, und das führte eine abscheuliche Hitze mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen, daß ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragödie Stärkodder. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschön beim Thiergarten gelegen; aber von Sümpfen umgeben; diese hauchten in dem heißen Jahre wahrscheinlich stärkere Dünste als gewöhnlich aus; es lagerte ein weißer Nebel über ihnen, wenn ich in der Abendkühle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt Callisen besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt, wo ich ihm bei seinem Rücktritt von der Universität ein Abschiedslied dichtete. Aber ungeachtet seiner Hülfe kam das kalte Fieber doch immer wieder.

Ein seltsamer Besuch.

Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in den großen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner umher und fing an, die Fieberkälte zu empfinden. In demselben Augenblick trat das Mädchen ein und sagte: „Die Gräfin Schimmelmann stehe draußen mit einer großen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle.“ — Ich sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmöglich, sie zu empfangen; das Mädchen mußte der Gräfin sagen, daß ich mich niedergelegt hätte. Von einem Winkel aus sah ich die große Gesellschaft wieder durch die Bäume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen war, den Schöngeist in einem Augenblicke spielen zu müssen, wo ich nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. — Ich setzte mich nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Möglichkeit eines Räubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den Mund öffnete, und sagte, daß er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht die Schrift leihen wolle? — Ich glaubte erst, er wolle die Bibel haben; aber als es zu näherer Erklärung kam, war es „Bürger Qvist,“ der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehört hatte, daß ich seine Komödie in Verse gebracht hätte (Sct. Johannisabendspiel) und nun wünschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht zur Hand und mußte ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. — Als er fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. „Es waren andere Zeiten,“ dachte ich, „da du noch als Kind dich draußen an dem Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch ohne Kindlichkeit und Illusion?“ — Nun kam das kalte Fieber, und so denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszähren spiegelt sich ein schönfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde verbindet; und seine begeisterte Kraft erhärtet diesen lustigen Bogen zu einer Brücke, auf welcher Thor mit allen Göttern herabreitet.

Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und gelber, und hätte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren — so hätte ich mich vielleicht niemals erholt.

Die Tragödie Stärkodder.

In meiner neuen Tragödie Stärkodder hatte ich die Idee der Reue und der Besserung eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler Klang sind, so muß eine solche Veränderung bei dem Menschen möglich sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Stärkodder, eine ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Stärkodder werden? — Und das glaube ich zur Ehre der Menschheit. — Man muß sich in jenes Zeitalter versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen jetzt beginge, wäre ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode überantwortet werden müßte. — Aber was wünscht Stärkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit dem Leben, das ihm eine drückende Last ist. In den heidnischen Zeiten war Mord und Todtschlag so allgemein, daß man sich nicht die Bedenken über dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel bedient. — Er hatte in einem übereilten Augenblicke im Rausche den Mord begangen. Das Gewissen verfolgt ihn während glänzender Thaten, „jede einzelne groß genug für einen Mann, um der Unsterblichkeit gewiß zu sein.“

„Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen; Ein Name nur: Stärkodder ist geblieben In der Vergangenheit. Was ist Stärkodder? Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch muß er Für jenes jungen Thoren Unrecht büßen!“

Doch endlich werden die Götter versöhnt, — und diese nordisch-heidnischen Götter — die (gleich den griechischen) mehr die ewigen Naturkräfte, als die moralischen Vollkommenheiten repräsentiren, bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.

Diese dramatische Handlung verband ich mit Episoden, indem ich mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche Historie, sowie in den großen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische Tragödie hielt. Ich glaube, daß diese Episoden, die, wie Aristoteles es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit der Haupthandlung angeknüpft sind, diese unterstützen und das Stück interessant machen, was heut zu Tage keine Tragödie entbehren kann; obgleich ich wohl weiß, daß das Pathetische das Interessante überwiegen muß, und auch hoffe, daß dies im Stärkodder wie in meinen anderen Tragödien der Fall ist.

Knudsen spielte den Stärkodder; und obgleich diese Rolle außerhalb seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und sein nationales Gefühl zu Hülfe und war von Wirkung; doch war es erst einem Ryge vorbehalten, den eigentlichen Stärkodder darzustellen.

Unbedeutendere Dramen.

Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer große historische Gemälde schaffen; er malt auch zur Abwechselung, während der Geist zu größeren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich hatte Lust, den leichten französischen Conversationston in gereimten Versen zu versuchen, und schrieb den Canarienvogel. Ein Scherz mit einem gutmüthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schöne Frau eifersüchtig ist, und dafür von seinem eignen Bruder durch einen kleinen Schrecken gestraft wird. Wäre man damals ebenso, wie jetzt, in dieser leichten gereimten Diction geübt gewesen, so hätte das Stück vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es später umgearbeitet und verkürzt und glaube, daß es dadurch gewonnen hat. In „Ehrlich währt am längsten“ verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum. Ich hatte nicht an Göthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: „Wir wollen stark Getränke schlürfen.“ Ich wagte ein kleines naives Idyll ohne Musik, ohne Intrigue, aber — nach dem Urtheil der Kenner — nicht ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfältiger, alter Bischof, übrigens ein gutmüthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt, wird durch die natürliche Unschuld eines jungen Hirten beschämt; und die Rheingegend des südlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit Faruk wurden nun von meinen Gegnern als mißglückte Bagatellen betrachtet, welche deutlich zeigten, daß ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.

Die Tragödie Hugo von Rheinberg.

Mehr Wirkung machte die Tragödie Hugo von Rheinberg (geschrieben im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterländisch noch historisch ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglückliches Schicksal ihnen vorhält. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an ihrem Unglücke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen. In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rührung erweckt. Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle Gemälde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen Gezänke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dänische Harald ist der vernünftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest, und wo der Harnisch herabfällt, ist immer von Wirkung, obgleich man im Voraus weiß, was geschehen wird. Einige werden meinen, daß er leben bleiben und zum Vaterlande zurückkehren müsse; aber er ist doch auch einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wünscht selbst den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen Personen in diesem Gemälde starker Leidenschaften zu Grunde; nur idyllisches Glück, auf bescheidene Weise und Genügsamkeit gegründet, zeigt sich als tröstender Gegensatz bei ihren Dienern.

Eine Burschenschaft. — Der Conferenzrath Brandis.

Während dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen höchst interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (spätern Conferenzrath) Brandis kennen. Wenn ich ihn hörte, so war mir's, als ob Kästner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen, aber als ob Göthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen für die kleinen characteristischen Züge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen hätte.

Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte Gesellschaft zu gründen, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hören. Nun stifteten wir eine Burschenschaft; er, um diesen Spaß noch ein Mal in seinem Leben durchzumachen, ich, um ihn überhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn nie vorher gekannt hatte. Sein ältester Sohn, der jetzige Professor Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (späterer Conferenzrath) Bech, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so, wie ein Collegium politicum. Man saß da an einem langen Tische bei Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. — Ich rauchte nicht mit, ließ mich aber gern von den Anderen einräuchern. Und nun kamen wieder alle alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rücksicht auf die Form keinen größern Unterschied zwischen diesem und dem feinen Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil poetisch, unterhielten. Daß diese Burschenschaft übrigens von zahmerer Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf dänischen Grund, und daß zwei Professoren als Mitglieder an derselben Theil nahmen.

Anekdoten von Brandis.

Von dem merkwürdigen Brandis muß ich etwas mehr erzählen. Er war von untersetztem, aber starkem Körperbau; sein außerordentlich ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller Humor; sein großer, dicker Kopf mit buschigem, herabhängendem Haar glich etwas einem Löwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Löwen nannte. Er war in seinen jüngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Göttingen studirt. Er wußte eine große Menge Geschichten zu erzählen, die sich alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er der Königin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr günstigen Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwähnten Kreisen war er oft zugegen gewesen, wenn ich meine Tragödie vorlas; aber er verstand nicht Dänisch und bemühte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal in einem Wortstreit mit einem Dänen, der nicht Deutsch reden wollte, das Wort „Nidingsfärd“ (Bubenstück), und als sich dann seine Familie wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: „Hab' ich doch so viele Tragödien von Oehlenschläger hören müssen, muß ich doch Etwas davon behalten.“ Es war merkwürdig, daß er mich wirklich lieb hatte, und sich gern in Gespräche und Scherze mit mir einließ, während ihn meine Poesie, sowie überhaupt dänische Poesie durchaus nicht interessirte. „Diese Helge,“ sagte er einmal zu einem meiner Freunde, „mag ich nun gar nicht leiden.“ Und als ich nun später hierüber spottete und ihn darauf aufmerksam machte, daß er das verurtheilte Gedicht so wenig kenne, daß er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst darüber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher Münze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: „Mein Herr, wenn ich von Tugenden und Moralien hören will, gehe ich in die Kirche.“ Ich antwortete: „So hören Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie nie.“ — Er lachte.

Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten Acte. „Warum haben sie das Stück verstümmelt?“ fragte er, „es ist ja eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne.“ Ich antwortete: „Die Scene ist auch gespielt worden, aber Sie sind zu spät gekommen!“ — „So, so!“ sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und sagte: „Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute haben keinen Geschmack.“ Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst fort.

Einer seiner Söhne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr zärtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten sich aber. Hierüber wurde Brandis böse. „Diese Musikanten,“ sagte er, „bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten Kammerdiener.“ Es fiel mir zu spät ein, ihm darauf zu antworten: „Ja, und die Aerzte.“

Aus allen diesen Geschichten sieht man, daß Brandis unartig sein konnte; und wer ihn nicht persönlich kannte, wird nicht einsehen können, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein reicher Geist, seine Weltkenntniß und Beredsamkeit, obgleich er etwas stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt. Wenn man gefährlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefährlich mußte es sein, sonst kümmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem früher erwähnten kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte, wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich ein Fieberreconvalescent sei. „Ach, sein Sie kein Kind!“ sagte er. „„Wenn unser größter Arzt sagt, daß es keine Gefahr habe,““ fuhr ich fort, „„so bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefühl folgte, so ginge ich nach Hause.““ Ich hätte gut gethan, wenn ich diesem Gefühle gefolgt wäre; denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. — Einige seiner Witze will ich hier als Probe anführen. Von einem Manne, von dem man glaubte, daß er sich sehr viel Mühe gäbe, Orden zu bekommen, sagte er: „Er hat den Bandwurm.“ — Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernünftig sein würde: „Ja, klüger, als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern.“ — Ein reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustände des Landes schalt, rief ein Mal in einem Gespräch mit ihm aus: „Ach, wir sind alle arme Hunde!“ — „Bitt' um Verzeihung, mein Herr!“ entgegnete Brandis, „Sie sind nicht arm, und ich bin kein Hund!“ — Als ein alter Mann, der sich mit einem hübschen jungen Mädchen verheirathet hatte, ihn fragte: „Darf ich Kinder hoffen?“ entgegnete er: „Nein — aber fürchten!“

Professor Schielderup.

Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis, muß ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor Schielderup. Er war übrigens sehr verschieden von Brandis, lang und mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befaßte sich nicht damit, Schöngeist zu sein, obgleich er das Schöne sehr achtete. „Ich bin solch' ein Vieh,“ sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, „daß ich keine andern ästhetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister und Benevenuto Cellini.“ Ich antwortete, daß der Anfang gut sei, er solle so fortfahren. — Eine Eigenthümlichkeit bei ihm war, daß er nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben zuweilen Worte vor, über die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie ein Wagen über große Steine, die auf der Landstraße liegen. Ich brach beinahe in ein Gelächter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: „Ich kann mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz naß vor Anstrengung.“ Mit gutmüthigem Lächeln meinte Thorlacius, man dürfe keinen Naturfehler verspotten. „Ach, mein lieber Freund,“ sagte ich, „dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fühle, nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich für ihn hege. Wenn ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lächerlich: es ist die rechte Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene Gedanken auszudrücken, wo ein Dummkopf sich mit größter Leichtigkeit äußert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche die muntere Fantasie zum Lachen zwingt.“ — Von Schielderup's Einfällen will ich nur zwei anführen. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession nach dem Kirchhofe mit einem Spießbürger, den er nicht weiter kannte, der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu Hause, die kränkelten, thun solle. Schielderup ließ ihn schwatzen und weitläufig Alles erklären, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: „Aber Herr Gott, hören Sie denn nicht, was ich sage?“ — „Ja wohl,“ sagt Schielderup, „ich höre es.“ — „Aber warum antworten Sie denn nicht?“ — „Ich ha — habe keine Zeit!“ — „Was haben Sie denn zu thun?“ — „Ich fa — fahre!“ — Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese nicht fortschaffen könne? — „Ja,“ antwortete Schielderup, „es kommt nur darauf an, welche Cou — Couleur Sie lieber haben wollen?“

Meine beiden Söhne.

War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so befand ich mich wiederum zu Hause, in häuslicher Ruhe in einem dritten, durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie eine kleine Puppe auf dem Fußboden umher, und unsere Wiegen waren, erst mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. Johannes Wolfgang ist am 7. Februar 1813, William Conrad am 19. December 1814 geboren.

In diesem Jahre besuchte ich Frau Gyllembourg, frühere Frau Heiberg. Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge Johann Ludwig saß als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals wohl Manches von uns Aelteren. Ich ließ es mir am allerwenigsten träumen, daß ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen würde.

Neue Umgangskreise.

In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain Peter Frederik Wulff (der als Admiral starb), und seine liebenswürdige Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe für die Poesie, schrieb selbst, gleich seinem Vorgänger Sneedorff, hübsche Verse, und übersetzte später mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir zusammen nach Helsingör machten, wo ich einen angenehmen Abend in der Gesellschaft der Fräulein Tuxen (späteren Admiralinnen Rothe und Möller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gäste fand. Etatsrath Olsen, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher, sehr höflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie selbst hatte das liebenswürdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwägerin, Rittmeisterin Balle, war schön und anmuthig; was Wunder, wenn man gern dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte Bekanntschaft. Ich traf nämlich bei Olsen's den Bischof Balle, mit dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig gelernt hatte. Es war eigenthümlich, diesen alten Mann, der durchaus einer dahingeschwundenen Zeit angehörte, feierlich still, fast wie ein Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Perücke, mitten in den lärmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als von dem Schauspiele und den Stücken gesprochen wurde, die kurz vorher gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden Abend freies Entrée in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich er nicht, wie sein Vorgänger Pontoppidan in seiner „Erklärung“ über „Comödien, Wirthshausgehen, die stets an und für sich Sünden sind, an Feiertagen aber doppelte Sünden,“ geklagt hatte, so war der Ton von Balle's „Lehrbuch“ doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's „Erklärung.“ — Ich gewann übrigens sein Herz dadurch, daß ich ein Mal, als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen, die ich auswendig wußte, vorsang; woraus er ersah, daß der Zucker, den ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung gewesen war.

Der Schauspieler Dr. Ryge.

Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte, bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hügelhause erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit Baggesen: „Ach, nie vergißt das Herz doch der ersten Jugend Kreis!“

Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, daß der Wurm des Neides an seinem Herzen nagte.

Ich hatte ein mächtiges Organ für meine Tragödien in Dr. Ryge gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafür abgab, was Enthusiasmus für die Kunst über weltlichen Vortheil und Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein sehr einträgliches Amt, als er es plötzlich niederlegte, — einzig und allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu genügen. Er war ein vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann von Geist, Sinn und Interesse für die schönen Wissenschaften hatte, so konnte er doch, in einer ältern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile gegen den Schauspielerstand nicht überwinden, und darüber ließ er sich auf seine gewöhnliche, derbe Art Ryge gegenüber, der hierin natürlich durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. „Wissen Sie wohl,“ sagte Brandis einmal zu ihm, „daß Sie ein ausgezeichneter Arzt hätten werden können, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt hätten?“ — „Es giebt Ihrer genug, die Menschen todt schlagen,“ antwortete Ryge; „wissen Sie wohl, daß ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste Arzt sein will?“ — Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Hätte mir Jemand im Voraus gesagt, daß ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Stärkodder u. s. w. auftreten würde — so hätte ich geglaubt, Holberg's Geert Westphaler erzählte verrückte Flensburgsgeschichten von seiner großen Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe für die Kunst war außerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem herrlichen Frühlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und über eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stücke spielen sollte. Der Frühling war gerade in seinem schönsten Glanze erwacht; obwohl mich das Gespräch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche Maigrün meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, daß Ryge an meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er würdigte vor lauter Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: „Aber erfreut denn die Natur nicht auch Sie?“ antwortete er auf seine gewöhnliche humoristische Weise: „Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder von der Kunst.“

Der Kritiker Baggesen. — Zwei neue Singspiele.

Das Glück, welches meine Tragödien besonders durch Ryge's ausgezeichnetes Spiel machten, verdroß Baggesen. Er, der sich früher nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe Pferd und führte das große Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte er nur Unkenntniß und übertriebenes Selbstvertrauen, ein gewöhnlicher Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die Grenzen des Anstandes überschritten, obwohl man es wohl merkte, daß er es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle Persönlichkeiten, nur wissenschaftliche Prüfungen der Baggesen'schen Sophismen, geschrieben; aber Benzon, der von Westindien nach Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterließ es also, habe dies aber später bereut; denn es würde Baggesen vielleicht auf seinem Wege aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.

Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und der herrliche Kuhlau, der nur erst durch seine Instrumentalmusik bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich überlegte, was sich für das Genie Beider eignen könne. Kuhlau schien mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien hingerissen. Ich schrieb die Räuberburg für Jenen, Ludlam's Höhle für Diesen. Die Räuberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der Liebenden, Töne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien herüber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes Versmaß um leicht über die Räuberscenen hinwegzueilen, in denen man mehr über die naive Grausamkeit der Räuber erstaunt, als sich über ihre Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende Leidenschaftlichkeit, das merkwürdige phantastische Zähneknirschen, die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's Räubern bewundern. In der Räuberburg sehen wir südliche Räuber, die so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefühlen leiden, daß sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben mit ihrem Steckenpferde spielen. Brigitte und Camillo sind die merkwürdigsten Charactere im Stücke. Das teuflische Element der ersten ist ganz natürlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie zu phantastischer Schwärmerei über, und das Leben ist für sie nur ein nervenerschütterndes Spiel, welches um so genußreicher ist, je stärker es erschüttert.

In Ludlam's Höhle verschmelzen sich zwei verwandte Mährchen aus den „Neuen Volksmährchen der Deutschen“ mit einander. Die Idee von der Versöhnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen Darstellungen, wie die von Ludlam und der weißen Dame, gegeben. Ein Sünder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung finden; wenn aber der Tod ihn überrumpelte, so fand er keine Ruhe im Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige Verdammung, die eine glückliche Reue zu rechter Zeit hätte verhindern können. Deshalb glaubte man, daß solche Todte als Geister umgingen, um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Sünden der Menschen gesühnt hatte, so hielt man es für möglich, daß ein lebender, frommer, christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Sünde des Verstorbenen sühnen könne. Diese fromme Phantasie, die aus einem Gefühl der Barmherzigkeit für den Unglücklichen entstand, hat gewiß nichts Abstoßendes für unser Gefühl, und wenngleich unsere Philosophie nicht mehr daran glaubt, so können wir uns doch wohl mit poetischer Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bühne ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch, und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in dem nationalen Elemente mehr an. Es währte etwas lange, ehe das Stück angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben wurde.

Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stücke machten Glück auf der Bühne und wurden immer bei vollem Hause gegeben. Aber Baggesen riß sie herunter, wurde immer gröber und gröber und fand immer mehr und mehr Anhänger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele, daß doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein müsse; obgleich die Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, daß derselbe übertrieben sei.

Mißhelligkeit mit Rahbek. Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.

Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht hätte, der von einem Professor Schütz gemacht wurde, so hätte sich wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen bescheidenen Namen Patrik Peale pflegte, wahrscheinlich um seiner Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen, die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte Madame Händel-Schütz mit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden. Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten. Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann, der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. — Kurz daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.

Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art, und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte, wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und überschaut werden muß, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren Folgen zu geben.

Mehreres hatte dazu beigetragen, daß ich meine Autorität zu verlieren begann, und der Autorität kann Niemand entbehren, der in seinem Fache kräftig wirken und auf die Menge Einfluß ausüben will. Zweifelt man an dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war mir nicht wenig förderlich; denn Viele hatten Lust an Veränderung und Streit; der Neid sieht gern alte Mächte gestürzt, und kommt dazu nun noch, daß die Opposition wirklich für etwas Gutes kämpft, so ist es natürlich, daß sie auch bei den Besseren Unterstützung und Anhänger findet.

Rückblick auf meine erste Dichterperiode.

Wenig über zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen Kenntnissen da, aber — man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen — mit guten Fähigkeiten für mein Fach, und in dieser Lebensperiode entwickeln sich die Kräfte mit großer Schnelligkeit. Man fand mich bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefühls, einer kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt, Metaphysik zu studiren, dazu fühlte ich mich ebenso wenig getrieben, wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch auf natürliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien kannten. Es war von den ersten Jünglingsjahren an eine meiner liebsten Beschäftigungen gewesen, über das Wesen und die Handlungen der Menschen nachzudenken, die Charactere und die Beweggründe der Handlungen im menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der Zeit, wo Dickmann in der Schule für die Nachwelt mit Geschmack für sie beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben. Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer die Poeten zusammenhielt, und in seinen täglichen Aeußerungen die geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und großer Vorbilder entbehrt hätten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt; Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten geschrieben. Aber, merkwürdigerweise, während die großen Deutschen, Göthe und Schiller, blühten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Göthe im Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders hochgeschätzten Dichter waren Iffland, Kotzebue und Lafontaine. Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Göthe, Schiller, Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleißig studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen Träumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenäum und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.

Rückblick. Studien ausländischer Dichter.

Das fromme Gefühl, die Liebe zur Kunst des Mittelalters, die ich in Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu früh gestorbenen Wackenroder begeistert) und hauptsächlich bei Novalis (Hardenberg) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Göthe's kleine Abhandlung über den straßburger Münster hatte mich bereits früh erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung über die romantische Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die Innigkeit, Frömmigkeit, Naivetät und echte Natur, der poetisch tiefe Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und niederländischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich Schlegel recht einleuchtend und verdrängte die flache Bewunderung für das affectirt moderne Französisch-Griechische. Daß die griechische und gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten, wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar. Später haben Moller in seinem Werke: „Denkmäler der deutschen Kunst,“ und die Gebrüder Boisserée in ihrer Beschreibung über den kölner Dom und durch ihre herrlichen Gemäldesammlungen diese Ideen verbreitet. Daß sie von dem pecus imitatorum übertrieben und gemißbraucht wurden, darin mußten sie sich, wie alle andere Ideen fügen. Novalis, der in der tiefsten Bedeutung des Wortes eine „schöne Seele“ genannt werden kann, riß mich hin. Die Frömmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religiösen Gefühl verband, begeisterte mich, das Gedicht: Jesus in der Natur zu schreiben. Dieses Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzückte mich eine Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, daß der menschliche Geist den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken fühlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil näher kommen könne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn nicht überwältigen; dagegen amüsirte es mich, hie und da, in Jakob Böhme's Aurora zu blättern, wo die wunderliche Mischung von seltenem Tiefsinne, hoher Begeisterung, der kühnste Flug, um auf seine Weise das Universum zu überschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste Streben, sich mit Schwärmerei und ermüdender weitläufiger Wiederholung des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den Namen Jehova, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, einfaßt. In dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Möller, der in Deutschland in Münster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frömmigkeit war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen „Jesus in der Natur“ hatte er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand ihn Märtyrlegenden in einem großen französischen Folianten lesend. Als er mich dringend aufforderte, mich zu verbessern, und in mich zu gehen, um rechtgläubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das denn anfangen solle? — „Bete!“ sagte er, „Du sollst zu Gott beten, daß er Dich erleuchte!“ — „Leb' wohl Möller!“ antwortete ich freundlich, drückte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war ein edler, geistvoller, schöner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre darauf.

Also Novalis riß mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte, nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bäumen lag, den Rücken auf einen Baum stützte, Heinrich von Ofterdingen las und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von der blauen Blume im zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem Fasanenhofe 46 Jahre später schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie damals, obwohl ich glaube, daß mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles in Novalis erfreut mich jetzt noch wie früher; die naiven häuslichen Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich übersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck auf Jakob Böhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rührenden, religiösen Gefühlen, und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten Geliebten. Aristokratische Launen hatte der gute Hardenberg nicht; doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Göthe, wie von einem englischen Mechaniker, der elegante Möbel macht; er selbst hatte die Absicht, außer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben, welche seine Ideen über Physik, das bürgerliche Leben, den Handel, die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.

Rückblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.

Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Stütze mehr in Steffens, Tieck und Göthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten Eigenschaften, sondern ich war nicht länger sein ästhetischer Anhänger und Schüler. Obwohl mir sein Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzählige poetische Funken stets unverändert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner Kunst geworden, daß ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den Novellen, die er später schrieb, waren wohl schöne poetische Stellen, aber sie waren doch zu weitläufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen angefüllt. Daß sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war natürlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter war er ein vollständiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an diesen. Tieck hat mir selbst erzählt, daß Steffens, als sie bei ihrer ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewöhnliche allgemeine Hochachtung für diesen Dichter äußerte. Tieck hatte ihm in Vielem widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und ließ sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei Steffens, den Dichter herunterriß und viel strenger gegen ihn war, als Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr aus persönlicher Gereiztheit, als aus klarem Verständniß der Dinge entsprang, litt ich in meinem spätern Zusammenleben mit Steffens oft, und war gewiß nicht der Einzige, dem es so erging.

Rückblick. Steffens.

Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter, zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in seinem: „Was ich erlebte“ Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine den Correggio krönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. — Als ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will, von meinen kleinen, „schwarzen“ Augen spricht.

Rückblick. Tieck.

Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die „stille Wuth“ nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere. In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der „Aufruhr in den Sevennen“ ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona, ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art Bewunderung und Entschuldigung à la Victor Hugo und mit einer zwar nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche Iffland, im Anfang eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand, wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke aufführen ließ.

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