Meine Lebens-Erinnerungen. (continued 2)
Reading edition
Rückblick. Göthe und Schiller.
Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio. Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat — außer Hakon Jarl — wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen, eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung, welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen, meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.
Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte, das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all' dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element, und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen „Baldur,“ „Yrsa,“ „Die Longobarden,“ „Das Land gefunden und verschwunden“ in sein Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch verstehen, es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem Deutschen: „er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.“ — Göthe wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein Secretair und seine rechte Hand.
Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner „Braut von Messina“ anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor wieder eingeführt würde. Wie würde Jodelle, der erste Franzose, der französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte, sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften „Wilhelm Tell“, ehe er starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner „Natürlichen Tochter,“ die so vornehm und kalt ist, als ob sie von Stein wäre; noch mehr in seinem „Elpenor“ und „Epimenides.“ Obgleich Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echt Heroische in seinem „Götter, Helden und Wieland,“ als in seiner „Natürlichen Tochter“ zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: „Der kann nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken, seiner Gottheit unbeschädigt.“
Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche Umstände hatten eine — wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mit Zelter) — so doch ein auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen; denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß, als Tieck, der seine „heilige Genoveva“ und „Octavian“ (Letzterer mehr Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben „Ion“ und „Alarkos,“ worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt, auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten; sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtet wurde, in der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe. Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte, war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller, als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete. Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall geriethen, Voltaire's „Mahomed“ und „Tancred“ und Racine's „Phädra“ zu übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist sehr merkwürdig.
„Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit, Nicht uns zurückzuführen zu den Tagen Characterloser Minderjährigkeit. — Erweitert jetzt ist des Theaters Enge, In seinem Raume drängt sich eine Welt. Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, Nur der Natur getreues Bild gefällt; Verbannet ist der Sitten falsche Strenge, Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held. Die Leidenschaft erhebt die freien Töne Und in der Wahrheit findet man das Schöne. Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen, Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn: Nur Schatten und Idole kann er tragen; Und drängt das rohe Leben sich heran, So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen, Das nur die flücht'gen Geister fassen kann. Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen. Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden, Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist: Ein Führer nur zum Bessern soll er werden. Er komme wie ein abgeschied'ner Geist, Zu reinigen die oft entweihte Scene, Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.“
In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.
„Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser Minderjährigkeit“ (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer Zeit); das würde nun auch nichts helfen, „da nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;“ da „der Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur das Schöne findet.“ Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, „woraus kein lebendiger Geist spricht,“ sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß „nur der Natur getreues Bild gefällt;“ nun heißt es: „siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.“ Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes, als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu ertrinken, und aufs Neue zu sterben.
Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und verkannt fühlte. Sein herrlicher „Wilhelm Tell“, der allen folgenden Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der „Braut von Messina“ finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind. Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng (z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche, das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich seine edle Gattin so oft.
Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel ihm auch mein Wesen, — der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling. Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand — als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei. Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthe konnte nun das Heroische ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht. Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten, hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als ich — aber — Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art, Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten, daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber — wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte? Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare, allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische, das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.
Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewiß in Allem Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf, als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt. In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: „Das Stück hat auch barbarische Namen: Axel und Valborg.“ Göthe giebt ihm vollständig Recht und sagt: „Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von dem Gezücht viel ausstehen müssen.“
Rückblick. Göthe und Zelter.
Dieses „Ausstehen“ bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte, als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er ganz freundlich sagte: „Nun, leben Sie wohl, mein Kind!“ worin doch wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches Verhältniß zu einander getreten. Aber — ich war zu stolz — nicht den ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln. Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten Freunden nicht, viel weniger nun ihm.
Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen; aber das Sprüchwort: „Gedanken sind zollfrei“ erstreckt sich auch auf die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen; aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war, hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel seinen Herrn liebt. „Wenn er einen D... macht,“ soll er gesagt haben, „ist es besser, als was alle die Andern machen.“ Als sein Sohn starb, vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem Briefe fragte: „Was war Byzanz? Wo war es? — Kannst Du mir hierüber nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß geben?“ Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der byzantinischen Schule gewesen ist. — Ein Mal, als er Göthe Samson's Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu „Gott und die Bajadere“ und seine Composition zu „Johanna Sebus“ ist herzergreifend schön.
Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich, wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie zu kennen.
Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen Mann schließen.
Ein Gedicht über Göthe.
Erstes Bild.
Da steht der junge Wolfgang schön, Gar lieblich, treulich anzusehn. Von Leipzig nach Dresden will er wandern Aber allein, und nicht mit Andern; Genießen will er Natur und Kunst Ohne Geschwätz und falschen Dunst. Er will sich bei Freunden nicht einquartiren, Die Freiheit würde dabei verlieren; Im Gasthof auch nicht gern er steckt, Davon hat der Vater ihn abgeschreckt. So kehrt er bei einem Schuster ein, Als könnt es gar nicht anders sein. Da ruhet er aus und geht nicht weiter, Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter. Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt, Und als er nach dem Schlaf begehrt, Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett, Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'. Da hängt ein Bild ihm unbekannt, Dem Bette nah, dort an der Wand. Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs; Der Wolfgang freut sich dessen stracks, Und eingeschlafen ist er kaum, So hat er einen schönen Traum Von Hans Sachs und dem Sängerwesen, Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen. Früh nächsten Morgen auf er steht, Und in die Galerie hingeht. Zwar stand er da vor den Meisterstücken Der Italiener, die ihn entzücken, Doch fühlt er sich gezogen bald Zu der Deutschen und Holländer Aufenthalt, Dem heitern Wesen, der frischen Natur, Die schon er kennt, geht er auf die Spur; Und was entsprungen aus diesem Geist, Bei ihm die größte Kraft beweist. Und als er steht in des Schusters Laden, Glaubt er noch Schalken und Ostaden Zu sehn, so lustig und heiter mild Steht Alles vor ihm als gutes Bild. Es kommt die Nacht, und schlafend kaum Entzücket ihn ein schöner Traum. Es spricht zu ihm im Ton der Geister Vom Holzschnitt her der alte Meister: „Es hat Natur Dich auserlesen Vor Vielen in dem Weltwirrwesen, Daß Du sollst haben klare Sinnen, Nichts Ungeschickliches magst beginnen; Die Welt soll kräftig vor Dir stehn, Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn; Ihr festes Leben und Männlichkeit, Ihre innere Kraft und Ständigkeit, Der Natur Genius an der Hand, Soll Dich führen durch alle Land.“ Da öffnet sich das Zimmer weit Und steht gar in hoher Herrlichkeit Der Straßburg da, der Riesenthurm, Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm. Doch auch ein Geist mit seltner Macht, Weil selbst es seine Hand vollbracht, Da sieht er Götz mit der Hand von Erz, Doch mit dem menschlich warmen Herz: Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, — Correggio, Rafael malen nicht Gesichter schöner, und doch vollbracht, Als hätte sie Dürer selbst gemacht. Da spricht Hans Sachs: „Das sollst Du singen, Den Eichenkranz wird es Dir bringen.“ Der junge Wolfgang es treu verspricht, Daraus entstand manch schön' Gedicht.
Zweites Bild.
Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter, Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt, Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden, Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ; Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch; Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht; „Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen, „Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah: „Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter! „Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“
Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen? Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt. Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational sein Muß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein. Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren Schön? O ja, recht schön kann die Kreolin sein Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch. Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand Dorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen. Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!
Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.
Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen, daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte, und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den „Heidelberger Jahrbüchern“ besprach. Dies war Jean Paul Friedrich Richter! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten, daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe, Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen, sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder von Claudius und Pestalozzi macht. In seiner Aesthetik, in seiner Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen mittheilen:
„Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank für diese Um- und Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend schönes Gedicht an Goethe — eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume — und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben. Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch die Erhabenheit und Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. — Mit dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen, spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch lange nach“.
Rückblick. Jean Paul über Aladdin.
In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel. „Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische, ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren, und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum Verschwender zerflossen“. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei Gedichte: „Die Verwesung“ und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n „Unschuld und Rache“, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.
Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: „Dank gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird immer mehr, statt des Zauberspiegels, den Zauberstab halten lernen.“
An Jean Paul.
Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich gedachte ihrer oft; aber — ich mochte keine Briefe schreiben. Einige Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt, nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen, und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt, größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. „Mein Herr,“ sagte Frau Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, „Sie sind gar zu selbständik.“ Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein, mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte, so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu thun. Aber — um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde. Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, Frau Förster, deren Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:
Der Wunderbaum.
Es stand ein großer Baum im großen Garten; Ihr glaubt es kaum, Doch Blumen, Früchte trug von allen Arten Der Wunderbaum. So groß wie eine königliche Eiche Der Stamm erschien; Im Laub da blühten Rosen, roth und bleiche Durch's Rosmarin. Die Blätter wickelten sich mannigfaltig So grün und dicht; Die Aeste breiteten sich aus gewaltig Im Sonnenlicht. Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue, Wie Lindenzweig'; Bald schossen sie die Flügel weit in's Blaue Cheruben gleich. Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde Voll Schwamm und Kraut; Die zarten Zweiglein waren glatt und linde, Wie Mädchenhaut. Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden, Wo man nur las; Die Aeste schüttelten in Sommerwinden Die Frucht in's Gras. Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen Und neckten sich; Des Nachts da stand der Baum so still und eigen Und schauerlich. Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade. Erschrak und schied; Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade Ihr Todtenlied. Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen Von Wen'gen ganz. Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen Im Sonnenglanz. Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich Den Apfelbaum; Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich Zum Frühlingstraum. Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühet Mein Blumenstrauß; Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühet Mein Vogelhaus. Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge Dein Plaudermaul! Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe Noch lang, Jean Paul!
Die Periode der Opposition.
Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte, trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den Hauptwerken standen.
Die Baggesen'schen Angriffe.
Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen Einfluß auf seine Handlungen.
Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um alle Achtung kam.
Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage, waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging, nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe; sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das, was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte, war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf, Peter Wegner (Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte: „Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.“ Nun bekämpfte Peter Wegner ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.
In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte, einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen. So hatte ein gewisser Paulli in Holberg's Zeit den politischen Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton und schrieb: „Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch“ an Baggesen, in welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der Satyre widerlegt.
Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In der sogenannten Judenfehde, welche darin bestand, daß man, durch das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine mittelmäßige Farce: „Unser Verkehr“ gegen die Juden. Das hätte er unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer deutsche Redensarten. — Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen. Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm, das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete. Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.
Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller gegenüber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es, das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen, Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde — es wäre Feigheit von mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war, seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt, daß „die in der Suppenmalerei angebrachten rothen Krebse des Dichters nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.“ Peter Wegner hat ihn auch in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden, ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen kritische Leber. Paul Möller schrieb die vortreffliche Parodie auf Baggesen's: „Als ich klein war.“ Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im „Fischer“ einen Chor, in dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung herfiel.
Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.
Einen starken Gegner fand Baggesen noch im Verfasser der zwölf Paragraphen. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff und seinen Sieg, wo er Recht hatte.
Hagbarth und Signe. — Helge.
Ehe ich den Fischer schrieb, dichtete ich im Winter 1813–14 Hagbarth und Signe, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz, ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums; beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge von des Dichters eignem Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke, mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. — In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte, war Ingemann aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen Masaniello und Blanca. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.
Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb Helge. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf, meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf für das Komische und Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald Mittelmäßig, bald Schlecht erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent. Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten, als im Jahre 1813 die Geldreorganisation eintrat, die nicht allein mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!
Verfehlte Buchhändlerspeculation.
In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug, diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, war Napoleon's Fall. Die Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und, obgleich er beinahe gewonnen hätte — durch ein dreistes, unvermuthetes Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhand bête ja sogar codille zu machen.
Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt, mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet, dessen Beruf es ist, nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann, für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt. Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke, die ich nicht gelesen.
Gedanken über Napoleon.
Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß er ein Genie war; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt, ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht, sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden; aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen, zu beurtheilen, eines poetischen Geistes bedarf. Und wenn er auch in sich selbst die Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer, die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; auf das Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht. Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang, wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter, gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte, seinen Freund Talma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: „Joy, for his fortune; honour for his valour; and death, for his ambition!“ Grausam war er nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden; dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl schwerlich angreifen konnte: „der Krieg stärkt Kraft und Muth des Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu beschäftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen würde.“ Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter; zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten, mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen, sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché, zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog von Enghien begangen.
Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt wieder erhoben hätte.
Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den großen unglücklichen Mann zu entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er außerordentliche Kräfte an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre führte? „Führe uns nicht in Versuchung,“ beten wir Alle; dem Dichter und Künstler ist es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der Nation, in den bürgerlichen Institutionen und den Lebensverhältnissen. Die soll er ausbilden; und hier führt die widerstrebende Natur der Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu wählen, die vor dem Richterstuhle der Moralität nicht vertheidigt werden können, und doch die einzig möglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefährliche Philosophie, welche zu den größten Lastern und Verbrechen führt.
Der Gräfin Mynster letzte Tage.
Ich hatte gerade Helge, als eine Frucht meiner stillen Stunden in der einsamen Küsterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlaßte, meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schönen Septembermonat zu benutzen. Meine Freundin, Gräfin Mynster, hatte lange an einer tiefen Melancholie gelitten, welche anfing gefährlich zu werden, weil sie sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn näherte. Ich hatte sie lange nicht gesehen, als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf Frederiksdal hinauszukommen, wo Gräfin Mynster versprochen hatte, sie zu besuchen. Frau Brun meinte, daß wenn es Jemanden gäbe, der die Gräfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen könne, ich dies sein müsse, ich, dem es früher oft durch poetischen Scherz und freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten Spott gelungen war, die allzuweit in den höheren Regionen zwischen kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen Thäler herabzuziehen, wo Wärme, Schatten, Blumen und Früchte waren. Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich sie gegrüßt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, daß — es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur allzu gefühlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen, das mit einem todten, träumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte. Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete sorgfältig auf sie, doch ohne daß sie es merkte, weil ich fürchtete, daß sie hineinspringen würde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich mit einem Gefühle Abschied, welches ich unterdrückte, und in der festen Ueberzeugung, daß sie sich nie wieder erholen würde.
Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der Königin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten. Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Fräulein Levetzau zu ihr — fand aber die Thür verschlossen. In Angst eilte sie zur Herrschaft zurück und theilte ihre Befürchtungen mit. Der König ging selbst zum Zimmer der Unglücklichen, ließ die Thür aufbrechen und fand sie — todt!
Leichenbegängniß der Gräfin Mynster.
Keine Leiche, welche nicht königlich war, durfte der Etiquette zufolge auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche bringen solle. Als ich dies hörte, sagte ich: „Bringt sie in meine kleine Küsterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe.“ Damit war man auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten auch; wir gingen zusammen. Wäre ich abergläubisch gewesen, so hätte ein eigenthümlicher Zufall mich unruhig machen können; aber ich kümmerte mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte aber über einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten Daumen, so daß er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir natürlich mit ernster Miene ein Unglück prophezeihte.
Die elendesten und dümmsten Gerüchte haben sich später über die Ursache des Todes dieses edeln Weibes verbreitet, als ob es Gewissensbisse gewesen wären. Ich, der ich ihr Freund war, und sie kannte, weiß, daß sie das edelste, reinste Herz war, dessen ganzes Unglück darin bestand, daß es sich einer allzu überspannten Sentimentalität hingab. Soviel ich weiß, ist diese Geisteskrankheit auch erblich gewesen, und sie war nicht die Einzige in ihrer Familie, die daran litt.
Vorbereitungen zur Königskrönung.
Im Sommer 1815 fand die Krönung auf Friedrichsberg statt. Ich schrieb ein Gedicht und ein Lied zu diesem vaterländischen Feste. In einer Audienz beim Könige bat ich ihn um die Erlaubniß, ihm das Gedicht vorlesen zu dürfen. Er gestattete es mir, stellte sich gerade vor mich hin, stützte sich auf seinen Säbel und blickte mich wie ein General an, der einen Rapport von seinem Adjutanten erwartet. Ich las, und merkte, daß es ihn rührte. Als ich an die Stelle kam:
„Wer hielt mit Vaterhand Die grünen Inseln fest an Jotaland Als rund Europa bebt'? Wer hat's gethan? Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!“
rollte eine Thräne aus seinem Auge herab, aber er verzog keine Miene, blieb in seiner militärischen Position und schlug mit der Hand nach der Thräne, als ob es eine Fliege gewesen sei, die sich auf seine Wange setzen wollte.
Als ich an die Stelle vom wunderbaren Glückswechsel des Geschickes kam, wie:
Margaretha's Vater Ward der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,
schlug er das Auge nachdenkend empor, als ob er im Buche seines Gedächtnisses nachblättern wollte, wen ich damit meinte. Als ich fertig war, sagte er in einem fast barschen Tone: „Ich will Ihnen Nichts sagen; Sie haben selbst gesehen, welchen Eindruck Ihr Gedicht auf mich gemacht hat.“ Ich dankte ihm, erzählte, daß ich noch ein Lied zur Krönung geschrieben habe, und daß ich den Studenten vorschlagen würde, es auf Friedrichsburg im Schloßgarten zu singen, wenn er es erlaubte. Er erlaubte es, ich verbeugte mich und ging.
Der Oberhofmarschall Hauch.
Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mühe, wie solch' eine Arbeit sie immer macht, ein weitläufiges Ceremoniel darüber ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krönungsfest sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschränkt wurde, da der Hof nur sehr enge Eingänge hatte. Wenn nun alle königlichen Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich mit der Garde zu Pferde und zu Fuß Platz haben sollten, so blieb natürlich kein Platz für die Studenten übrig; und es wäre in dem engen Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurückgehen zu lassen. Hierin hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache, ärgerlich zu werden, wenn er sahe, daß man seine mühevolle Arbeit verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natürlich, daß er böse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen, und ihm einem Manne gegenüber zu äußern, der auch böse werden konnte. Hätte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklärt, weshalb er den Aufschub wünsche, und mich um denselben gebeten, bis der König nach Friedrichsberg zurückkehrte, so hätte ich mich gleich mit Vergnügen darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen nur stand, „daß es sich auf keine Weise thun ließe, da kein Platz sei,“ mit der Unterschrift: „Pflichtschuldigst Hauch.“ Eine halbe Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: „Se. Majestät haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen. Pflichtschuldigst Oehlenschläger.“ Mit dieser Antwort ging er zum Könige, der aber sagte: „Er solle zu mir gehen und die Sache in Güte abmachen.“ Ich lag am nächsten Morgen noch im Bette, als das Mädchen hereinkam und sagte: „Der Oberhofmarschall sei da, und wünsche mit mir zu sprechen.“ Ich eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und ich sprach endlich mit so lauter Stimme, daß er mich fragte: „ob ich nicht die Fenster nach der Straße hin öffnen wollte, damit die Leute uns hören könnten.“ Aber was war das Ende des Gesprächs? daß der edle Hauch mich umarmte, küßte und mir sagte: „Wenn man am Hofe lebt, so legt sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammen sprechen. Die Buchstaben sind schwarz.“ — „Nun können Ew. Excellenz gewiß sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,“ antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses Verhältniß hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf nicht verändert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleitete.
Aussöhnung mit Thaarup.
Bei dem prächtigen Krönungsfeste war ich auf dem Schlosse Zuschauer, und sah wie der König und die Königin vom Bischof Münter gesalbt wurden. Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von Bedeutung geschrieben. An die zwölf Studenten, die Baggesen auf gut Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Mäßigkeit und Bescheidenheit gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreißig Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht eingetaucht hatte; und man weiß doch, daß es, — wie bei den Battemens im Tanz und den Solfeggien im Gesang, — steter Uebung bedarf, um gut Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwürdigen Veteran ausgesöhnt; sein schneeweißes, dichtes Haar, seine schönen, blauen Augen, sein römisches Gesicht und sein männlicher Ausdruck, in dem trotz des satyrischen Lächelns die Freundlichkeit strahlte, ließen mich in ihm noch den Dichter des „Erntefestes“ lieben. Aber was ihn mir bei dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sängern und den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fühlte, daß er wohl einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst für Proviant gesorgt. Er hatte auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen, sowie wenn man in früheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr. Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst sehr fleißig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Königs und der Königin tranken. Der kräftige Greis rührte mich durch seinen edeln Stolz; die Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt; hier aber fühlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blühen.
Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage hinauszukommen, und das von mir verfaßte Lied auf dem Platze an der Steintreppe gerade über den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am selben Tage den Mittag bei meinem Freunde Bech auf einem Gute vor dem Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg; der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, daß ich, wenn ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strümpfe anziehen und die Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mußte. Ich fürchtete, zu spät zu kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskräften zu fahren. Das that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor, als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mühe, uns mit dem Wagen durch den breiten Menschenstrom zu drängen, der sich von der Allee aus bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hörte, daß es noch „Liebe ohne Strümpfe“ sei, und daß ich zu meinem Vater hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer und seinen Diener zur Hülfe an, indem er mit dem Kopfe schüttelte, als ob er sagen wollte: „Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk.“ Nun beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestäten, die uns sehr gnädig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da, und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.
Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens. Der Dichter frühere Geltung.
Am Krönungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofür ich wohl zum Theil meinen Krönungsgedichten zu danken hatte. König Friedrich VI. war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, daß er mit allen seinen übrigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf Poesie verstand und sie nicht genug achtete, so sage ich nur, was auf viele andere brave, ausgezeichnete Männer seiner Zeit paßt. Das Uebel, die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders in den protestantischen Ländern gleich nach der Reformation zeigte, die trotz ihres großen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte den Fehler hatte, das Schöne und die Werke der Phantasie zu wenig zu schätzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die höchsten Ehren; die Römer ahmten ihnen nach und Augustus und Mäcen ehrten Horaz und Virgil auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der Freund und Vertraute des Königs; in Italien, Spanien und Portugal traf es sich oft, daß Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine ausgezeichneten Fürsten, große politische Unruhen hatten vorher Dante verfolgt; Petrarca schwärmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatunterstützung; Camoëns starb fast Hungers. Die Königin Elisabeth von England war trotz ihrer großen Eigenschaften kein Schöngeist, hatte ein kaltes Herz, und die Mörderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie und England im Shakespeare besaß. Walter Scott hat in Kenilworth mit historischer Wahrheit den großen Dichter dargestellt, der beim Feste mit den anderen Domestiken in der Speisekammer ißt. Ludwig XIV. liebte die Poesie als zum höhern Luxus gehörig, und ein gewisses, geistiges Element, wenn es übrigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte für nichts Anderes Sinn, als für Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der Kunst für Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zählte er mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half. „Wie könnte man sie alle ehren und belohnen?“ fragte er, und Madame Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe für das Französische und seine Freundschaft zu Voltaire, die, obgleich sie ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug, die französische Literatur zur Hof- und Toilettenlectüre zu machen. Merkwürdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb; aber das konnte er zum großen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die Messiade, danken; er bewegte mehr das religiöse, als das poetische Gefühl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber obgleich er seine Unterstützung von Dänemark erhielt, so merkte man doch lange Zeit nichts von einem Interesse für die dänische Kunst. Das Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich er für sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komödien wurden als Farcen für den Pöbel betrachtet. Unglücklicher Weise hatten Ewald und Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten; sie suchten Trost in der Flasche, und ertränkten in derselben nicht nur ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte und Beamte hatten mit ihrer ästhetischen Bornirtheit dazu beigetragen, die schönen Künste in Mißcredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg verachtet hatte, so verschmähte Luxdorph den Ewald und fand seinen Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schöngeist; aber kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel höherm Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.
Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war das Glück, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und wo die herrliche Herzogin Amalie die Schöngeister rund um sich her versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berührung mit Dänemark stand; und Göthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von der Polizei, als die Moralität und Sitten verderbend, verboten war. Kein Wunder also, daß eine schöne Kunst verachtet wurde, die selbst ein Plato früher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben würde. Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke die Großen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die Künste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehört dem ganzen Volke, ihre Werke können Alle lesen, und was das Schlimmste ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch für die edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schöne unterordnet, und alle liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden, einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.
Wenn die alten Skalden zum Preise der Könige sangen, erhielten sie einen goldnen Armring; als Friedrich VI. vor sieben Jahren den Dannebrogorden erweiterte, so daß derselbe nicht nur ein vornehmer Hofschmuck, sondern ein wirkliches Ehrenzeichen sein sollte, gab er gleich Thaarup, der ihn in dem Erntefest und in Peter's Hochzeit besungen hatte, diesen Orden. Vor sieben Jahren hatte ich bereits Aladdin und Hakon Jarl geschrieben; aber dafür bekam ich ihn nicht, nun erhielt ich ihn.
Einer, der ihn nicht bekommen hatte, nicht erhielt und mit Recht meinte, daß er ihn wohl verdient hätte, war Baggesen. Da Baggesen es nicht an Weihrauch für den König gespart hatte, und da er ein ausgezeichneter Dichter und als solcher von Friedrich VI. anerkannt war, so kann man sich die Zurücksetzung auf keine andere Weise erklären, als daß der König mit Baggesen's damaligem Benehmen unzufrieden war. Ein Mann, der in jener Zeit Baggesen's Vertrauen besaß, hat mir erzählt, daß derselbe deshalb besonders einen tödtlichen Haß auf mich geworfen hätte, und ich war doch ganz unschuldig.
Andersen Feldborg.
Im Sommer 1816 hatte ich die Freude, mit meiner ganzen Familie in Friedrichsberg bei dem Lieutnant Bonsach, dem Bevollmächtigten meines Vaters, zu wohnen. — Eines Tages, als ich in meiner Einsamkeit mit einem englischen Buche dasaß und mich darüber ärgerte, daß ich nicht besser Englisch verstand, trat ein Fremder ein, um meine Bekanntschaft zu machen. Er war bleich, von etwas gelber Farbe und blatternarbig; auch schielte er etwas mit dem einen Auge; aber sein Gesicht hatte einen gutmüthigen, muntern, etwas schelmischen Ausdruck. Er nannte sich Andersen Feldborg und kam geradeswegs von England, wo er mehrere Jahre gelebt hatte und ganz zum Engländer geworden war. Er war zu seiner armen Schwester (wie er sie nannte, obgleich ich glaube, daß ihr Nichts fehlte) herübergekommen, und, um so lange es ihm hier gefiele, Sprachlehrer zu sein. Ich zeigte ihm das Buch, in dem ich las, und sagte: „Nun das ist ja herrlich! da können wir gleich anfangen; ich bedarf gerade eines englischen Sprachlehrers.“ Diese Introduction war ganz nach seinem Geschmack; er gab mir eine Stunde und aß zu Mittag bei mir, was er später oft that. Er war ein wunderlicher Gesell. Er erzählte mir seine Erlebnisse; wie er als ganz junger Mensch die Idee bekommen hatte, nach London zu reisen, wo er ohne Zweifel in der äußersten Noth zu Grunde gegangen sein würde, wenn ihn nicht ein guter Mann getroffen und geholfen hätte, bis er bei einem Buchhändler angestellt wurde. Er verstand vortrefflich Englisch, wie ein Eingeborner, und verleugnete doch nicht seine Muttersprache. Er bekam bald so viele Stunden, als er gebrauchte, um anständig zu leben: aber er war ein großer Freund, halbe Tage vom Mittage an bei seinen Eleven, die bald seine guten Freunde wurden, zuzubringen, die ihn im Anfange gern von Sir Walter Scott, den damals die ganze Welt las und bewunderte, erzählen hörten. Dieser wunderliche, lustige, lebensfrohe und doch an die größte Dürftigkeit gewöhnte Mensch hatte zuweilen einen Anfall, der mich sehr beunruhigte, als ihn derselbe einmal bei mir befiel. Dies war ein Anfall, der früher eigentlich nur die Damen befiel, aber nun selbst bei diesen nicht mehr im Gebrauch war, und den man nur noch in den alten Komödien antraf, wenn die Väter sich zu streng gegen die Töchter zeigten: er fiel in Ohnmacht. Mir wurde ganz bange, ich hob ihn auf und rief nach Riechwasser, oder, in Ermangelung dessen, nach Essig. Aber ehe der Essig kam, schlug Feldborg die Augen auf, und als er sich in meinen Armen fand, rief er: „Das ist der dritte Dichter, in dessen Armen ich heute liege.“ Er hatte nämlich denselben Anfall bei Ingemann, und bei einem Dritten gehabt, dessen Namen ich vergessen habe. Als ich merkte, daß er die Sache hier auch von der muntern Seite auffaßte, hörte meine Furcht auf. Er erholte sich sehr bald und aß mit dem gewöhnlichen Appetit zu Mittag.
Er kam auch oft zu Rahbeks. Ein Mal blieb er des Abends so lange dort, daß sie ihm auf ein paar Stühlen ein Bett zurecht machen mußten, weil es zu spät war, um vor Thoresschluß die Stadt zu erreichen. Später, wenn dies wieder geschah, schlief er in einem kleinen Wirthshause auf der Westerbrücke, welches zum „blauen Ochsen“ hieß. Als er eines Abends etwas lange mit dem Fortgehen zögerte, machte Frau Rahbek ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Tone darauf aufmerksam, daß das Hügelhaus nicht der blaue Ochse sei, worauf er schnell forteilte.
Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berühmten E. M. Arndt, nicht dem früher erwähnten Sonderling, sondern dem Professor in Bonn, dem Verfasser vom „Geist der Zeit,“ nach seiner Art auch ein Alterthumsforscher. Er beschäftigte sich nämlich damit, die Spur der Ausbreitung der alten Volksstämme zu untersuchen, die sich natürlich nicht nach den gegenwärtigen geographischen Eintheilungen richteten. Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich über die Dalekarlier gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht, von südlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte Völkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven eingekeilt.
Bühnen-Conflicte.
In diesem Jahre bekam ich den unglücklichen Einfall, Freia's Altar zu einer Komödie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde, z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhältniß, und obgleich Madame Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit nachgeben, ohne das Decorum zu übertreten (denn es ist, wie einer der Vertheidiger des Stückes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht, daß das Stück durch diese Umarbeitung zu reich an Späßen wurde, und Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivetät verlor. Bilbo, der der einzige eigentlich übertriebne Character im ersten Stück ist, wurde es hier noch mehr. Die Grille, das Stück so auf die Bühne zu bringen, lag wohl theils in einem gewissen Stolz, daß ich, der doch anerkannte Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und geärgert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten Sinn für sie hatten; theils war ein andres Stück von mir da, das aus demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstück des Publikums war und blieb. Dies war der Schlaftrunk, in welchem die komischen Charactere und der lustige Dialog durchaus mir gehörten, weshalb ich auch später dieses Stück in der Sammlung meiner eigenen Werke aufgenommen habe.
Freia's Altar ist als burleske Komödie gewiß viel poetischer und ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit zur Lieblingslectüre der Jugend gehört; sie war mehrere Male auf Privattheatern mit großem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten gespielt worden. Was Wunder, daß ich (dem von der Gegenpartei nun alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stück gern einmal von unseren herrlichen Komikern aufgeführt sehen wollte? Aber dieser lustige Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt, und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Aufführung zu bringen. Wie sehr hätte ich mir Etwas von der Schlauheit wünschen können, mit der Beaumarchais in Frankreich, trotz des Verbots des Königs und der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Aufführung zu bringen wußte; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Aufführung begegnete, Veranlassung gab zu sagen: „Ich bewundere den Witz in Ihrem Stücke, und noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Aufführung zu bringen.“ Ich war nun einmal böse und wollte es erzwingen.
Die Theatercensoren. Rahbek und Etatsrath Olsen.
Es waren zwei Theatercensoren da; diese hatten, wie es in der Natur der Sache liegt, Macht über Leben und Tod der eingereichten Stücke in Bezug auf die Aufführung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Daß Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann, sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, weßhalb dieser ihn in einer Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte, ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte. Olsen hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich weiß nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war, so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein persönliches Verhältniß zum Etatsrath Olsen war ein höfliches. In sein Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer gröber und gröber gegen mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurück. Baggesen erwies Olsen große Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz. Daß Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen könne, gegen mich sein würde, war im höchsten Grade wahrscheinlich. Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack beschränkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Würde der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie, wie in Molière's und Holberg's Stücken, es schuf, bemerkte er nicht; übrigens konnte er auch nicht zu außerordentlicher Heiterkeit gestimmt und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein schallendes Gelächter war Etwas, das ganz außerhalb seiner Natur lag; er bewunderte das Witzige verständig, ja selbst witzig, schelmisch und nicht ohne Humor; aber es war der gleichmüthige Humor, der nur in der Asche glüht und nicht zur Flamme emporschlägt. Das Starkkomische bei Molière und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt werden dürfe, das der geschmacklosen Zeit angehörte, in der diese großen Männer gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen, verziehen werden müsse; diese bestanden in den Characterschilderungen und der moralischen Tendenz der Stücke. Für den eigentlich poetischen Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig wie körperlichen Sinn für Blumenduft und andere Wohlgerüche, die er so sehr haßte, daß er ihnen Gestank vorzog.
Aber so eigensinnig er war, so gutmüthig war er, so leicht war er zu gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Hätte ich mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: „Hör' einmal Rahbek! ich habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fühle selbst, daß das Stück zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen und Striche, wo Du es verändert wünschtest;“ so bin ich überzeugt, er hätte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte, wie der Theaterübersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stücke mit seinen eigenen unanständigen zweideutigen Späßen anfüllte, würde auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen Schlagbaum haben schlüpfen lassen; der Theaterchef wäre dann auf seine Seite übergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es, wie gesagt, erzwingen. Es genügte nicht, daß ich Bilbo noch toller machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich, der nicht schmecken könne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur ein „Nein“ kostete, so sagten sie Beide: Nein — waren zum ersten und letzten Male in ihrem Leben einig — und das Stück wurde nicht aufgeführt.
Ich will den Leser nicht durch eine weitläufige Erzählung des Federkrieges ermüden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Pieçe an das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten. Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung über meinen schlechten Geschmack. Mehrere übernahmen meine Vertheidigung, unter Andern Sibbern, der in einer langen Abhandlung das Stück und die Einwendung der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, daß es durch die Umarbeitung gewonnen habe.
Ein Reiseantrag.
In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen hatte, und ich eines Abends auf meinem gewöhnlichen Platze im Parquet saß, saß auch der Oberpräsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir. Im Zwischenacte erzählte er mir, daß der junge (spätere Baron) Bertouch eine Reise ins Ausland machen solle, daß sein Vater ihm einen ältern Mann zur Gesellschaft mitzugeben wünsche, der fremde Länder kenne und dem jungen Manne durch Rath und That nützen könnte. Er fragte mich, ob ich nicht Lust zu dieser Reise hätte, die, wenn ich wollte, nicht über ein Jahr währen sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.
Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fußboden im Zimmer beim Kaminfeuer, und ließ die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, daß mein Gesicht jeden Augenblick in Thränen schwamm.
Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmüthiges Gefühl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem täglichen Lebewohl, einem Freunde gegenüber, liegt ja Etwas von diesem heiligen Gefühle.
Auszug aus meinen Reisebriefen 1817.
Beginn der Reise.
Es war kein Spaß für einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich abgehärteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernächten auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland über das Meer und von Heiligenhafen durch Holstein zu reisen, bis wir an die Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine Dampfschiffe. Ich beschloß deshalb so gekleidet zu reisen, daß ich nicht frieren konnte, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber meinen täglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstücke. Ein Paar dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf. Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis über die Kniee reichten. Ueber dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen großen, dicken Bärenpelz. Auf dem Kopf eine Mütze von Bärenfell, die unter dem Kinn zugeknöpft werden konnte und den Nacken bedeckte. So hätte ich Parry und Roß auf ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand, begleiten können. Von der Kälte spürte ich also auf der ganzen Reise Nichts, außer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich auskleiden mußte. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater, der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte, Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark gegen die Kälte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stück Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein Stück Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen Reisegefährten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest und innig umarmte. Wir fuhren nach Kiöge. Am Morgen, als wir weiter reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: „Meine Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so muß man erst all' die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen.“ Um ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles, was mir an losen Reiseeffekten gehörte, vergaß aber meinen Hut, weil ich glaubte, ich hätte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglücklicher Weise meine Mütze, und so vergaß ich auch wirklich den Hut. Jetzt verließ uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stück dem Wagen voran, und er stolperte sehr gutmüthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise zu lassen. In schönem Wetter fuhr ich über Gaabensee nach Laaland. In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Kälte noch von der Seekrankheit.
Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.
Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grün verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus zu glauben: Die Erde ist flach.
Ankunft in Hamburg.
Ich bin nun in Hamburg, „sechzig Meilen weit von meinem Herzen,“ wie der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dänischen Abend brachte ich in Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt Kopenhagen zu. Er ist Däne mit Leib und Seele, erzählt den Holsteinern, daß er in der kleinen Königsstraße geboren sei, und an den Wänden hängen lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und singt vor dänischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen Bernstorff; ich sah die liebenswürdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke für die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier traf ich Falk und Dahlmann, der seine literarische Laufbahn mit einer Abhandlung über meine Schriften, welche, ins Dänische übersetzt, gedruckt wurde, begann. Später scheint er sich nicht viel um dänische Literatur bekümmert zu haben, doch war er sehr höflich und artig.
Wir schliefen in Bramstedt. Am nächsten Morgen war Glatteis. Wir schnallten den einen Wagenstuhl rückwärts gegen den Wind; das milderte. Von Kiel nach Hamburg geht es über die Haide. Am ersten Tage ging ich über eine Meile in gutem Wetter zu Fuß; aber je mehr wir uns Hamburg näherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit über ihre Ufer hinausgetreten. Einige Bauern mußten uns den Wagen aus dem Morast und dem Eise herausholen. In der Nähe lag ein gestürztes Pferd auf dem Eise, das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben. Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhäusern vorüber, die sich wieder aus ihrer Asche erhoben.
Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem außerordentlichen Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, daß Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag wurde es etwas klarer; ich hörte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist wahr; die Melodien lösen sich fast in Klingklang auf, aber sie tönen doch über die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich. Auf den Straßen begegnete ich Rathsherren mit Allongeperücken, wie in dem politischen Kannegießer; die Reutendiener gleichfalls mit Modesten, Pumphosen und Bratspießen an der Seite, wie die Alkalden in den spanischen Stücken. In der Kirche hörte ich die Kinder einen Weihnachtspsalm singen. Ich höre Kinder gern, und besonders zu Weihnachten in der Kirche singen. Der Organist spielte schön. Ich dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und daß meine Vorältern es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein gewesen waren. Ich dachte an den großen Bach, der hier wahrscheinlich gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem Geschlechte Bach's über die weite Welt ausging.
Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.
Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der für dessen Tüchtigkeit einstehen will. Gestern hörte ich Don Juan und bewunderte Madame Becher als Anna; aber ich hätte beinahe das Stück nicht zu sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein gutmüthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen hätte. Madame Becher singt gut; aber ich hätte fast über Mozart's Musik alle ihre Triller und Rouladen überhört.
Gestern Abend spielten sie das Käthchen von Heilbronn von Kleist. Walthers und Käthchens Charactere sind vortrefflich durchgeführt und zeigen sich in schönen Situationen. Den Cherub, der Käthchen beschützt, hätte ich lieber fortgewünscht; der liebe Gott hätte ihr doch helfen können; ebenso hätte ich gern gesehen, wenn sie Bürgerin geblieben wäre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persönlichkeit geopfert hätte, statt daß sie nun, wie in allen Mährchen, des Kaisers Tochter wird.
Ich habe die Bekanntschaft des Buchhändlers Perthes, eines sehr gebildeten und begabten Mannes, gemacht. Im Anfange stritten wir etwas über den Correggio; er kam mit den Tieck'schen Einwendungen; schien mir aber in meiner Vertheidigung Recht zu geben. Seine Frau ist eine Tochter von Claudius, und aus ihren Augen strahlt die ganze gutmüthige Begeisterung und der originelle Humor des Wandsbecker Boten. Bei dem Herrn Poël, dem Herausgeber des Altonaer Merkurs, war ich auch. Hier traf ich den Legationsrath Bockelmann und Baron Voigt, dessen Bekanntschaft ich vor neun Jahren bei Frau Staël-Holstein gemacht hatte.
Der zeitig entdeckte Irrthum.
Heute Mittag fuhr ich mit Bertouch nach Altona, wo wir zu Poëls eingeladen waren. Ein junger norwegischer Kaufmann, Herr Flood, dessen Bekanntschaft wir gemacht hatten, fuhr mit, da er von Herrn Donner eingeladen war. Wir wollten ihn dorthin fahren; aber er gestattete auf keine Weise, daß wir seinetwegen einen Umweg machten, und der Kutscher bekam Befehl, uns direct zu Poël's zu fahren. Als wir abstiegen, fragte ich den Diener an der Thüre: „Ist es hier?“ und er antwortete: „„Ja, ganz richtig!““ — Flood war gerade bereit, mit dem Wagen fortzufahren, als mir glücklicherweise einfiel zu fragen: „Hier wohnt doch Herr Poël?“ — „„Nein,““ antwortete der Diener, „„hier wohnt Herr Donner.““ Wir riefen also unsern Norweger zurück, und nun mußte er aus dem Wagen ins Haus, wir dagegen setzten uns wieder in den Wagen und fuhren weiter. Es wäre sehr unangenehm für uns Alle gewesen, wenn wir in fremde Gesellschaft gekommen wären und erst später unsern Irrthum entdeckt hätten, obgleich es vielleicht Veranlassung zu einem recht interessanten, kleinen Lustspiele für die Zuschauer geworden wäre.
Es freute mich sehr, meine Freundin Louise Reichardt hier wiederzusehen. Wir gedachten der verschwundenen Jahre, vor zehn Jahren in Giebichenstein; der angenehmen Sommerabende, wo Reichardt am Kamine saß und die Töchter sangen. Jetzt liegt Reichardt in finstrer Erde; der Garten in Giebichenstein gehört Anderen; Steffens wohnt in Breslau; Schleiermacher in Berlin, Louise in Hamburg, ich in Kopenhagen. So werden alte Verhältnisse wie die Spreu vor dem Winde zerstreut.
Kleine Reiseleiden.
Wir hatten viel Mühe, von Hamburg nach Haarburg zu kommen, so kurz der Weg auch ist. Wir mußten den Wagen zur See einen Tag vorausschicken. Nun bekamen wir einen Brief von dem Diener Christian, der mit dem Wagen gefahren war, worin er berichtete, daß Verschiednes am Wagen gebrochen sei, einige Riemen, einige Schrauben; daß er das Ganze für fünf Species habe in Stand setzen lassen, und nun hoffe, daß der Wagen vorläufig halten würde. Hierüber wurden wir sehr bestürzt und ließen gleich Herrn Lazarus holen, der uns den Wagen verkauft und mit seiner eignen Unterschrift für denselben von Hamburg bis Paris eingestanden hatte. Ich hörte ihn zu Bertouch sagen: „Können Sie beweisen, daß ich für die Riemen und Schrauben garantirt habe? ich habe nur für die Federn garantirt“. Nun wurde es mir zu arg; ich fing an, ihn zu bombardiren und drohte mit der Polizei. Das half; er bezahlte die fünf Species, und diese kamen einem armen Lohndiener zu gut, der uns kurz vorher seine Noth geklagt hatte.
Zwischen Hamburg und Welle hatten wir am Nachmittag Schneegestöber, dazu kam, daß der Schwager betrunken war. Wir segelten kreuz und quer über Acker und Wiesen, über Stock und Stein, wie Columbus, als er Amerika entdecken wollte. Endlich wurden wir dessen müde, und wollten den Betrunknen vom Pferde herunter haben. Aber er wollte nicht. „Lassen Sie mich ruhig sitzen, meine Herren“, sagte er mit schläfrigen Augen und lallender Zunge, indem er taumelte; „lassen Sie mich nur dafür sorgen, den Weg zu finden; damit hat's gute Wege; nun finden wir gleich das Gleis wieder!“ — Wir blieben mitten auf dem Felde stehen, das Schneegestöber war dicht, der Abend näherte sich, und es wurde dunkel. Es war kein Spaß; er war nahe daran, uns jeden Augenblick umzuwerfen. „Du bist besoffen,“ rief ich, „Du kannst nicht fahren, nicht sehen! Laß den Diener fahren, der ist Kutscher gewesen, der versteht es, er ist nüchtern!“ — „„Nein, das ist er nicht, mein Herr!““ sagte der Schwager, „„lassen Sie mich nur fahren. Ich verlasse meine Pferde nicht. Wir sind nicht betrunken! Wir werden schon wieder in Gang kommen! daran sind wir gewöhnt.““ Was war zu thun? Wir kannten den Weg nicht; wir mußten ihn also langsam fahren lassen, während Christian nebenher ging und bald die Pferde, bald den Kutscher schlug, wie gerade der Augenblick es erforderte. Endlich kamen wir mitten in der Nacht in ein Dorf, wo der Schwager die Wagenstange zerbrach, gerade als wir hineinfuhren. Nun mußten wir eine von den Bauern kaufen. Sie kamen mit einer Laterne, einer Axt, Nägeln und Hämmern heraus, und wirthschafteten, während wir ungeduldig dastanden und uns nach Abendbrod und Nachtlager sehnten. Endlich kamen wir fort; aber nun ging ein Wagestock entzwei, und wir mußten eine Latte von einem Zaume nehmen und ihn selbst wieder in Stand setzen. Endlich erblickten wir doch das Ziel unsrer Reise, und um zwei Uhr in der Nacht kamen wir erst in eine Herberge, nachdem wir acht Stunden auf vier Meilen zugebracht hatten.
In Brügge zerbrach ein Rad, weil unser Wagen nicht die Spur in dem gefrornen Geleise halten konnte. „Ein Rad kann leicht geknickt werden, wer sieht es voraus?“ sagt Giulio Romano. Eine schöne Gegend! Wir spielten des Abends vor langer Weile Karten zusammen, das erste, und wie ich glaube das letzte Mal auf dieser Reise, aßen gut, tranken die Gesundheit des Herrn Lazarus, wünschten ihn zu dem reichen Mann im Evangelium und fuhren am nächsten Morgen weiter. Nun haben wir bald einen nagelneuen Wagen; die Federn am alten sind gut und verantwortlich gemacht, und wir haben es schwarz auf weiß, daß sie bis Paris halten sollten. Vorwärts!
Das Celler Schloß.
In Celle pilgerten wir nach dem für alle Dänen merkwürdigen Schlosse. Es ist jetzt sehr verfallen. Die Franzosen haben es in der Kriegszeit zerstört. Hier sieht es sehr traurig aus. In diesen finstern Hof rollte die blühende zwanzigjährige Fürstin hinein. Schnell, wie eine Sternschnuppe hatte sie ihre kurze, glänzende Bahn geendet, und verschwand hier im Dunkel. Wir sahen ihren Speisetisch, wo sie täglich einige Gäste hatte. Auch ein Theater war hier auf dem Schlosse, wo sie zuweilen dem Schauspiele beiwohnte. Der große Schröder spielte vor ihr. Ein hübsches Zimmer mit hellgrünem Dammast, mit gebohntem Boden, und der herrlichsten Aussicht war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, hier hatte sie ihre kleine Bibliothek und die Bilder ihrer Kinder. In einem finstern Zimmer daneben hatte sie nach drei Tagen einer plötzlichen Krankheit ihren Geist aufgegeben. Sie liegt in der großen Kirche der Stadt begraben.
In Hannover hielten wir uns nur einen Tag auf. Ich hatte nicht Lust länger in einem Orte zu bleiben, wo deutscher Adelshochmuth in seinem ganzen Flor blühen soll, obgleich ich vielleicht für meine Person Nichts davon gefühlt hätte. Hier wird adliger Thee getrunken, und man muß die nothwendigen Ahnen haben, um ihn genießen zu dürfen. Das wichtigste Staatsamt, die ausgezeichnetsten persönlichen Eigenschaften helfen Nichts, wenn das Von fehlt.
Herrn Holbein und Madame Renner besuchte ich auf dem Theater bei der Probe, im Dunkel, das nur durch eine einzige Lampe erhellt wurde. Am Abend sah ich in strenger Kälte ein Lustspiel von Holbein: „Die treue Witwe.“ Bertouch und ich waren des Abends bei Herrn und Madame Renner. Sie gedachten mit Vergnügen des Beifalls, den sie in Kopenhagen gefunden hatten und sangen uns einige hübsche Lieder zur Guitarre vor.
In Göttingen ging ich zu unsrem Freund, Professor Welcker. Er brachte mich zum Hofrath Heeren, dem berühmten Gelehrten, der mit Heyne's Tochter verheirathet ist. Wir besuchten auch Frau Rodde-Schlösser, die in ihrer Jugend die Doctorpromotion gemacht hat. Im reifern Alter ist die Gelehrtheit in echte weibliche Bildung übergegangen.
Kassel. Die Gebrüder Grimm.
In Kassel hielten wir uns ein paar Tage auf. Ich ging gleich, um die Bekanntschaft der Gebrüder Grimm, der Uebersetzer unserer alten dänischen Kämpeweisen, und der Herausgeber vieler deutschen Sagen, zu machen. Ich mußte lange mit einem Lohndiener umhergehen, ehe ich sie fand. Endlich kamen wir in ein Haus, von dem man uns sagte, daß Grimm hier wohne. Ich klopfte. „Herein!“ Ich trete ein, finde einen alten hübschen Priester an seinem Schreibtische, und frage, ob ich die Ehre habe, mit Herrn Grimm zu sprechen. „Ja, ganz richtig.“ — Ich hatte mir Grimms als junge Männer vorgestellt, die, sowie Riepenhausens in Rom, unzertrennlich in einem Zimmer arbeiteten. Nachdem ich Etwas mit dem Mann gesprochen hatte, merkte ich endlich, daß er Prediger in der Stadt und ein entfernter Verwandter meiner Grimms sei. Ich bat um Verzeihung; aber der Prediger war sehr freundlich und zeigte mir den rechten Weg. Ich war in der ganzen Stadt umhergelaufen, und nun traf es sich, daß sie gerade unserm Gasthofe gegenüber wohnten. Ich fand sie zusammen auf der Bibliothek. Sie zeigten mir verschiedene merkwürdige Manuscripte. Ich ging mit dem jüngsten Grimm gestern Nachmittag in einem Garten spazieren, der Aehnlichkeit mit dem Südfelde hatte. Wir eilten leicht hin über die gefrorene weiße Erde; die hohen Lindenalleen standen zwar blätterlos; aber wir brauchten auch keinen Schatten. Wir sprachen vom Mittelalter und der Gegenwart, und die ganze Situation in dem schönen Winterwald mitten in einer unbekannten Gegend an der Seite des Mährchenfreundes Grimm, schien mir selbst ein schönes Mährchen. — Plötzlich standen wir an einem breiten Deiche, über dessen spiegelklare Fläche mehrere Schlittschuhläufer wie Schatten dahinschwebten. In einem Augenblick hatte unser Norweger, der mit uns ging, sich ein paar Schlittschuhe gemiethet, und freute sich, indem er auf dem Eise große Bogen beschrieb, wie eine wilde Ente, die nach einer langen Flucht durch die Luft, endlich wieder das Wasser erreicht hat. Sein Beispiel steckte mich an. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren lief ich Schlittschuh.