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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3

Meine Lebens-Erinnerungen. (continued 3)

Reading edition

Interessante Bekanntschaften.

Wir haben durch Grimm die Bekanntschaft des Fräulein von Kahlenberg und der Frau von Malzburg, zweier gebildeten Damen, gemacht. Ich bin ein paar Abende bei ihnen gewesen und habe ihnen einige kleine Gedichte vorgelesen. In einem ziemlich großen Kreise haben wir einmal die Rollen des Correggio vertheilt, und so die beiden ersten Acte gelesen. Den dritten Act las ich allein, um ihnen eine rechte Idee davon zu geben, wie ich ihn mir gedacht hatte. Es war da ein junger Dichter in der Familie, der denselben Namen hatte. Den fünften Act von Hagbarth und Signe habe ich auch vorgelesen.

Gestern Vormittag war ich mit meinen Landsleuten auf der Gemäldegalerie. Stelle Dir meinen Zustand vor; nachdem ich in strenger Kälte die Bibliothek und die ganze Gemäldegalerie gesehen hatte, und nun endlich nach Hause gehen wollte, um Etwas aufzuthauen, begegne ich der Frau von Malzburg und ihrem ganzen Gefolge in der Thür. Die Höflichkeit gebot mir, mit ihnen zurückzugehen. Wie sehr würde es mich bei einer milderen Temperatur erfreut haben, die Werke der Kunst mit dieser interessanten Dame zu betrachten. Aber nun! Meine Füße waren Eis, meine Fingerspitzen erfroren. So mußte ich umhergehen und Ruisdal, Holbein, Albrecht Dürer, Ostade, Teniers, Caracci und van der Werft sehen. Dieser Letztere machte mich noch mehr frieren. Die Schönheiten der großen Meister, die ich nun nicht genießen konnte, erschienen mir wie ein fein erdachter Höllenspott in dem wahren Nistheim. Auf all' das Richtige und Treffende, das Frau von Malzburg sagte, hörte ich fast wie ein ganz dummer Mensch. Das Einzige, womit ich sympathisirte, waren die geflochtenen Babouchen, die der Gallerieverwalter über seine Stiefeln gezogen hatte. Er betrachtete uns mit einer Art von mitleidigem Ausdruck, weil wir uns freiwillig das schlechte Vergnügen bereiteten, all' die Bilder anzusehen, deren er schon so lange müde war. Ich las deutlich in seinen Zügen die Worte: „Wenn ich nicht dazu gezwungen wäre, so sollte der Teufel hier stehen, da ging ich lieber in meine warme Stube.“ Ich gab ihm in meinem Herzen Recht. Und wenn Jemand aus der Gesellschaft sagte: „Ach wie ist das schön! wie ist das herrlich!“ so ließ ich die Blicke sehnsuchtsvoll auf die geflochtenen Babouchen des Verwalters herabsinken und sagte seufzend: „Ja wohl, es herrscht ein sehr warmer Ton darin.“ So verschieden war mein Gefühl und meine Stimmung, als ich ein und Dasselbe an einem Vormittage sah. Ich dankte Gott, daß Alle in der Gesellschaft meinen Correggio kannten, denn sonst hätten sie mich in Bezug auf Gemälde für einen Eiszapfen halten müssen. Man darf nicht physische Schmerzen leiden, wenn man sich einem geistigen Genuß hingeben soll. Als es anging, nahm ich Abschied von der Gesellschaft und Frau von Malzburg neckte mich freundlich am Abend, indem sie sagte, daß sie recht gut gemerkt habe, wie erfroren ich gewesen sei.

Wir sollen vierspännig fahren.

Wenn wir des schlechten Wetters wegen bisher langsam gereist waren, so beschlossen wir, nun um so rascher dahin zu rollen. Aber im Anfange kamen wir auch nicht weit. Denn obgleich wir mit drei Pferden eingetroffen waren, wollte der Wagenmeister uns nicht mit weniger, als mit vieren weiter ziehen lassen, obgleich wir um eine Person und einen Koffer weniger geworden waren. Dies wollte ich nun durchaus nicht dulden. Ich suchte ihm erst das Ungerechte und Unsinnige seines Entschlusses zu beweisen; aber als dies nichts half, als er ärgerlich wurde und sagte, wenn wir nicht wollten, so ließe er das vierte Pferd wieder abspannen, und so müßten wir nachher doppelt bezahlen, versicherte ich ihm, daß daraus Nichts werden würde, und daß er uns doch noch mit drei Pferden fahren müsse. Dies konnte er wahrscheinlich nicht begreifen, und ging in der Meinung fort, daß wir als Fremde uns doch zuletzt seinem Willen fügen müßten. Aber ich lief in die Stadt, wo der Oberpostdirector wohnte und ließ mich melden. Es war ziemlich früh am Morgen, und er stand noch im Schlafzimmer in seiner Nachtjacke. Ich bat um Entschuldigung, sagte ihm meinen Namen, und bat ihn, in dieser Sache zu entscheiden. Er war sehr artig, schrieb mir einen kleinen Zettel und äußerte seine Freude darüber, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Als ich auf die Straße hinaus kam, und den Zettel las, stand auf demselben, — „daß der Herr Professor Ehlers mit drei Pferden fahren sollte.“ Der Kerl wollte seinen eigenen Augen nicht trauen, als er den Zettel sah. Aber als er gelesen hatte, rief er dem Schwager: „Vorwärts!“ zu, lüftete den Hut und ging ins Haus. So zogen wir im Triumph aus Kassel heraus und ich reiste vier Meilen incognito als Professor Ehlers.

Aber wir waren doch ganz traurig, und die Munterkeit im Wagen war verschwunden; denn wir hatten unsern lieben Norweger Flood in Kassel zurückgelassen. Seine Freundlichkeit und sein muntrer Sinn hatten uns auf dem Wege sehr erheitert. Auf dem langen Wege von Hamburg nach Kassel hatte er mich aus bloßer Freundschaft begleitet. Aber nun mußte er über Amsterdam nach seinem Norwegen zurück, wo ihm die Liebe winkte. Eine amüsante Geschichte, die in einem Wirthshause eintraf, ehe wir uns trennten, darf ich nicht vergessen.

Wir hatten zusammen Abendbrot gespeist; zum Dessert gab es Rosinen und Mandeln; Bertouch hatte eine Zwillings-Mandel gefunden, die er Flood hinreichte, und so sollte Der, welcher zuerst Vielliebchen sagen würde, wenn sie sich das nächste Mal sähen, ein Geschenk vom Andern erhalten.

Es war eine schneidende Kälte, als ich am nächsten Morgen bei Tagesgrauen Bertouch aus seinem Bett heraussteigen (wir lagen alle Drei in einem Zimmer), und mit nackten Füßen im bloßen Hemde mit listiger Miene sich in der ziemlich großen Stube nach Flood's Bett hinschleichen sah. Hier stand er einen Augenblick und betrachtete seinen Gegner lächelnd mit einer überlegenen, mitleidigen Miene, so wie Einer, der seines Sieges gewiß ist. Darauf rüttelte er ihn am Arm, und als Flood erwachte und die Augen aufschlug, rief Bertouch triumphirend: „Philine!“ Flood starrte ihn, verdrießlich darüber, aus seinem guten Schlafe geweckt zu sein, an, aber als er Bertouch sah, und nun verstand, was er wollte, sagte er ganz verdrießlich, indem er ihm den Rücken zukehrte: „Vielliebchen!“ Bertouch hatte also die Wette verloren, da er den falschen Namen genannt hatte. Philine in Wilhelm Meister hatte ihn irre gemacht, und er mußte mit nackten Füßen über den kalten Fußboden unverrichteter Sache zurückkehren. Das Wunderlichste war, daß, als ich später beim Kaffeetische mit ihm über Göthe's Wilhelm Meister sprach, er diesen gar nicht kannte.

Ein verlorenes Vielliebchen.

Heute Morgen um halb sechs Uhr standen wir in Marburg auf. Gerade wie wir an dem frühen, kalten, finstern Morgen bei einer Laterne in den Wagen steigen und weiter fahren wollten, kamen zwei andere, gleichfalls eingehüllte Reisende von der entgegengesetzten Treppe in gleicher Absicht herab. Das schwache Licht bestrahlte mein Antlitz. Eine der fremden Personen stutzt, sieht mir ins Gesicht, tritt näher und ruft: „Ollanslakkero!“ Ich sehe ihn an — „Olinto dal Borgo di Primo!“ der italienische Uebersetzer meines Correggio. Ist es möglich? — Wir umarmen einander, beklagen, daß wir von dieser Zusammenkunft nicht früher gewußt hatten. Ich bitte ihn, meine Frau, meine Kinder und Schimmelmann's zu grüßen. Darauf steigen wir beide in unsere Wagen, werfen uns Kußhände zu, und setzen, wie zwei in einem Augenblicke einander begegnende Planeten, unsere entgegengesetzten Bahnen fort.

Frankfurt a. M. Friedrich Schlegel.

Wir wohnen nun in Frankfurt in einem sehr guten Hôtel: „Zum römischen Kaiser!“

Heute aßen wir mit unserer kopenhagener Freundin Frau Pauli bei einem Kaufmanne, Herrn Pätsch, zu Mittag. Hier war ein merkwürdiges Eßzimmer. Es besteht nämlich aus einem uralten Stadtgefängnisse, welches nun mit einem schönen Hause verbunden ist. Die Wölbung ist blau wie die Luft gemalt, an den Wänden winden sich grüne Büsche und Zweige hinauf. So treten die beengenden Mauern zurück, und verlieren sich in einer leichten Luftperspective, und an demselben Orte, wo vor ein paar hundert Jahren mancher Unglückliche an seiner Kette nagte, und mit seinen Nägeln an den rauchgeschwärzten Mauern kratzte, während der Henkerstod seiner wartete, sitzen nun hübsche, lustige und wohlhabende Leute bei hellem Kerzenscheine und werden in Herrlichkeit und Freude tractirt.

Nach der Komödie war ich bei Friedrich Schlegel. Er ist als österreichischer Legationsrath hier. Seine Frau ist eine Tochter von Moses Mendelssohn und wahrscheinlich die Verfasserin des Romans Florentin, in dem viel Schönes ist, obgleich sie selbst jetzt das Buch als einen Jugendversuch betrachtet. Obwohl ich wußte, daß Schlegel nun ganz Politiker geworden war, und obgleich ich in vielen Beziehungen, sowohl in historischen und religiösen, wie in ästhetischen Ansichten mit ihm differire, so konnte ich mir doch nicht das Vergnügen versagen, einen so ausgezeichneten, talentvollen und kenntnißreichen Mann wieder zu sehen und zu sprechen, dessen Schriften eine so wichtige Rolle in meiner frühern Jugend gespielt und theils dazu beigetragen haben, mich irre zu leiten, theils mich zu belehren und zu bilden. — Ich fand auch sein Aeußeres sehr verändert, denn ich erkannte ihn nicht wieder, obgleich er mitten im Zimmer stand und mit entgegen lächelte; so dick und fett war er geworden. Er war sehr freundlich, und mein Herz öffnete sich ihm, wie einem Manne, mit dem ich in einem gewissen Grade sympathisirte, und von dem ich in andrer Beziehung ganz verschieden war. So ging es ihm gewiß auch mit mir. Wir sprachen über viele Dinge zusammen, von denen wir ungefähr wußten, daß wir in ihnen übereinstimmen könnten. Ich las ihm einige meiner kleinen deutschen Gedichte vor, die ihm zu gefallen schienen.

Ein Brief von Friedrich Schlegel.

Eine gewisse Verlegenheit herrschte doch zwischen uns Beiden, die ganz natürlich war. Er hatte mir vor fünf Jahren einen Brief geschrieben, auf den ich ihm nicht geantwortet hatte. Der Brief lautet folgendermaßen:

Wien, den 17. Januar 1812.

„Erlauben Sie einem alten Bekannten und Freunde, sich bei Ihnen in Erinnerung zu bringen und vor Ihnen zugleich mit einer Bitte und Einladung wieder zu erscheinen. Ihre Mitwirkung zu dem „Deutschen Museum,“ wovon ich die Ankündigung beilege, würde mir um so willkommner sein, da mein Hauptzweck bei dieser Zeitschrift auch die allgemeinere Verbreitung und Würdigung nicht bloß der altdeutschen, sondern auch der altnordischen Dichtkunst, Saga und Götterlehre ist. Alles, was Sie uns irgend dafür, sei es Poesie oder Prosa, geben wollten, würde sehr willkommen sein. — Ich habe in der letzten Zeit Dänisch gelernt, und Sie dienen mir jetzt in Ihrer nordischen Dichtung als Wegweiser zur Edda. In Ihrem deutschen Axel und Valborg fand ich viel Schönes. Das Stück wird, glaube ich, nächstens hier gegeben werden. Aber doch scheint mir's, als behandelten Sie uns Deutsche etwas stiefbrüderlich, und behielten das Auserlesenste Ihrer Dichtungen zurück, um es in dänischer Muttersprache niederzulegen.

Ich hoffe mich bald einer Antwort von Ihnen zu erfreuen, und bin Ihr Freund,

Friedrich Schlegel, K. K. Hofsecretair.“

Ich wußte nicht, was ich auf diesen Brief antworten sollte. Schlegel lobte zwar in einem vornehmen Tone Axel und Valborg, warf mit aber vor, daß ich Deutschland stiefbrüderlich behandelt, und ihm nicht das Beste meiner Arbeiten mitgetheilt hätte. Indessen hatte ich doch bereits Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und Correggio ins Deutsche übertragen und ich wußte, wie gesagt, nicht, was ich ihm antworten sollte und schwieg deshalb still.

Ankunft in Metz.

Nun sind wir also in Metz auf französischem Grund und Boden, haben gebohnte Zimmer, Kaminfeuer und bessere Mahlzeiten, als in den deutschen Flecken. Besonders lieb ist mir das Kaminfeuer; es breitet eine angenehme Wärme aus, die nicht zu stark ist, und es macht auch einen angenehmen Eindruck, das Feuer zu sehen.

Hier befindet sich ein Theater und eine Garnison. Die Folge davon ist, daß das Parquet von Majoren, Capitains, Lieutnants, das Parterre von Soldaten voll ist, die Logen von Generalen und Obersten besetzt sind, und die Civilisten nur Ausnahmen bildeten. Die Officiere geben also hier den Ton an, und da bei solchen Gelegenheiten selten die Generale commandiren, so sind es hauptsächlich die jungen Officiere. Daß sich unter diesen nun ein Theil brutaler Claqueurs findet, ist natürlich. Diese schwarzhaarigen, breitschulterigen Söhne des Mars sind im Kriege auferzogen, und verstehen sich wenig auf Kunst und Poesie. Sie redeten doch auch von Shakespeare, und als der Eine den Namen nicht richtig aussprach, sagte der Andere zu ihm: „Il faut dire: J'expire!“.

Die Kathedrale ist eine der schönsten altdeutschen Kirchen, die ich gesehen habe. Als ich die leichten hohen Wölbungen, die schlanken Säulen betrachtete, welche sich wie Bäume im Walde erheben, wurde ich in meinen Fantasien und Gefühlen durch eine türkische Musik gestört. Dies war eine Art militärischen Gottesdienstes, der einer Wachtparade glich. Während einige Compagnien Soldaten in die Kirche zogen und sich da in Ordnung stellen, wurden allerlei lustige Tänze und Märsche gespielt, die mich an ein Ballet erinnerten.

Unser Reisezug.

Paris den 1. Februar.

Was, seitdem wir Metz verlassen haben, geschehen ist, läßt sich leichter beschreiben, als erleben; wir waren drei und einen halben Tag unterwegs, die uns, trotz der kurzen Wintertage, wie die längsten Hundstage erschienen. Man denke sich eine ungeheure große Karethe mit mächtigen Vorrichtungen zum Gepäck oben, vorn und hinten; man denke sich, daß in einem solchen Wagen bequem Vier, unbequem Fünf sitzen können, und daß Sechs darin saßen; man denke sich diese dickräderige Maschine von fünf, sechs, zuweilen sieben, ja zehn mageren Schindmähren gezogen, man stelle sich dann diesen Raritätenkasten langsam über Berge und Thäler, wie eine Ameise, durch ein Vergrößerungsglas gesehen, über einen kleinen Haufen dahinkriechen. — Unsere Gesellschaft bestand aus einer jungen französischen Dame in einem dünnen Nesseltuchkleide und einem Taffetüberrock ohne Futter; zweien ältlichen Herren und uns anderen drei Männern, die wie früher Sadrach, Mesach und Abednego das Personal im feurigen Ofen ausmachten.

Der eine Fremde, der Officier gewesen war, erzählte uns seine Abenteuer, wie er in der Revolutionszeit genöthigt gewesen war, sich aus dem Fenster zu schwingen und mit den Händen am Steincarnise festzuhalten, während die Mutter das Fenster schloß und versicherte, daß kein Fremder da sei.

St. Menehould ist bekannt dafür, daß man dort Kalbsfüße so weich kocht, um selbst die Knochen mitessen zu können. Der arme Ludwig Capet aß sie auch mit vielem Appetit kurz ehe man ihn erwischte und zur Richtstätte hinschleppte.

Wechsel der Reisegesellschaft.

Unsere Officiere hatten wir verloren und bekamen dafür stumme Personen in den Wagen; der Eine mit gelbseidnem Tuche um den Kopf und geflochtenen Bambouchen an den Füßen; der Andre mit einem Flecken auf dem linken Auge und seinem Rock auf dem Schooße. Er wunderte sich mit Recht über meine ungeheuer dicke Bekleidung; aber ich war ein langes Stück gegangen, und hatte den Pelz wieder angezogen, weil ich warm geworden war, und mich nicht erkälten wollte. Mit einer verdrießlichen Miene fragte er, nachdem er einen halben Tag geschwiegen hatte: „Aber mein Herr! wie gehen Sie denn zu Hause, wenn Sie hier so gehen?“ Ich antwortete ihm: „So kleiden wir uns Alle in Kopenhagen, mein Herr, wenn wir uns warm gegangen haben, uns in den Wagen setzen und uns nicht erkälten wollen. Ich wundere mich ebenso sehr, Sie mit Ihrem Rocke auf dem Schooße zu sehen, wie Sie sich über meinen Pelz auf dem Körper wundern.“ Er meinte das komme daher, daß die Franzosen wärmeres Blut hätten und Strapazen besser ertragen könnten. Ich antwortete: „Der Wallfisch hat warmes Blut, obgleich er mit einem ellendicken Thranpelz umherschwimmt; der Häring hat kaltes Blut, obgleich er nur in einen dünnen Silbermoireeshawl eingehüllt ist.“

Endlich roch das schlechtgegerbte Seebärenfell doch mir selbst zu arg; ich sprang aus dem Wagen und verkaufte dasselbe für zwei Napoleonsd'or an den Conducteur.

Zweites Eintreffen in Paris.

In den ersten Nächten hatten wir in Wirthshäusern geschlafen, nun fuhren wir die letzte Nacht ganz durch. Die Dame wollte durchaus, daß das einzige offne Fenster geschlossen würde. Ich schnappte nach Luft, wie eine Maus unter der Luftpumpe. Alle zwölf Lungen (wir waren sechs Personen) verrichteten ihre Blasebalgdienste, um das Bischen Sauerstoff zu verzehren, das noch übrig war. Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn; ich sprang aus dem Wagen und setzte mich zum Conducteur hinaus. So fuhr ich in Paris hinein, wo halb vergessene Erinnerungen mir von der Vorstadt an bis zum Hôtel de Brétagne in der Rue Richelieu hin, wo ich jetzt wohne, entgegentraten.

Wie erfreute es mich, den vortrefflichen Fleury im Théâtre français wiederzusehen; daß er viel zu alt für seine Rolle war, vergaß man über das gute Spiel. Fleury verbindet Verstand, Gutmüthigkeit und Naivetät mit Feinheit und Lebensart, ohne welche die sogenannte höhere französische Comödie ein elendes Machwerk ist. Er ist der Einzige in ganz Frankreich, der noch den Marquis du vieux bon-temps spielen kann. Ein noch größeres Schauspielertalent als Fleury ist Mademoiselle Mars, voller Leben, Grazie, Anmuth, obgleich schon ein gutes Stück über die jungen Jahre hinaus.

Wir sind bei unserm Minister, General Waltersdorff gewesen, der uns freundlich empfing und uns zu Mittag einlud. Hier traf ich meinen alten Bekannten, den Legationssecretair (spätern Legationsrath) Vogt, und erfuhr, daß der Capitain (später General-Kriegscommissär) Abrahamson noch in Paris sei. Ich habe ihn später getroffen, und erfreue mich sehr an dem Umgange dieses talentvollen und dienstfertigen Landsmannes.

Frau von Staël-Holstein.

Ich bin auch bei der Baronesse Staël-Holstein gewesen. Sie wohnt in der Rue royal, einer der schönsten Straßen in Paris, und wie ich mir denken konnte, in einem großen Palast. —

Während ich die Treppe hinaufging, zogen mir die Tage im Geiste vorüber, wo ich das erste Mal in Paris war, als sie auf dem Lande in Auberge en ville wohnte und nicht zur Hauptstadt kommen durfte. Nun hatte sie den Hafen ihrer Wünsche erreicht. — Der Diener, der mich melden sollte, hörte meinen Namen, den er natürlich ganz verdreht der gnädigen Frau mittheilte. Er kam wieder und sagte: „Sie kenne Niemanden dieses Namens“. Ich war gerade im Begriff, ihn mit Bleistift auf einen Zettel zu schreiben (denn ich hatte, wie gewöhnlich meine Visitenkarten vergessen), als ich eine junge Dame im Morgenkleide und in einem Capüchon an mir langsam in einiger Entfernung vorübergehen, und mich aufmerksam betrachten sah. Als ich näher kam, war es die Herzogin von Broglio, die ich von ihrer Kindheit her kannte. Als ich ihr meinen Namen nannte, beklagte sie, daß ihre Mutter mich nicht gleich empfangen könne, da sie nicht angekleidet sei, und ging dann auch hinein. Kurz darauf kam der Diener, der meine Karte hineingebracht hatte, zurück, und sagte: die Baronesse ließe mich bitten, am Abend zwischen Acht und Neun wiederzukommen. Es war also eine Soirée, und ich konnte nicht vorher mit meiner alten Freundin allein sprechen, in deren Hause ich neun Jahre vorher fünf Monate in Coppet zugebracht hatte. — Am Abend kleidete ich mich also in Schuhe und Strümpfe und ging hin. Ich fand einen Theil besternter Herren, zwischen denen ich mich durcharbeiten mußte, um Frau von Staël auf dem Sopha bei einem Kamine zu finden, wo sie, wie gewöhnlich mit einem Turban auf dem Kopfe, saß, und mich mit einem Scherz empfing, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten. Sie stellte mich Alexander von Humboldt vor, mit dem ich zehn Jahre vorher in Berlin gesprochen hatte. Ich entdeckte auch A. W. Schlegel in der Menge, und sprach mit ihm, aber nur kurz. Die Conversation war nicht frei und allgemein; es herrschte ein steifer und stiller Ton daselbst, und — darauf verstehe ich mich nicht. Frau von Staël lud mich ein, den nächsten Montag bei ihr zu speisen. —

Ich bereitete mich darauf vor, zur bestimmten Zeit um sechs Uhr einzutreffen; aber da unser Diener Christian mir Bertouch's Schuhe gegeben, und meine eigenen eingeschlossen hatte, so währte es etwas lange, sodaß es ungefähr sieben Uhr wurde, als ich bei Frau von Staël eintraf, um Mittag bei ihr zu speisen. Sie saß an einem kleinen runden Tisch mit ihrer Tochter, der Herzogin, und zwei anderen älteren Damen; für mich war ein Platz frei gelassen. Ich entschuldigte mich, erzählte mein Mißgeschick, beeilte mich, die Speisenden einzuholen, die bereits beim Fische waren, und gab mir alle Mühe, bei dem Französisch-Sprechen nicht verlegen zu werden. Wir sprachen von verschiedenen Dingen. Frau Staël machte mir ein Compliment, weil ich im Norden bekannt geworden sei, und ich sagte: „Was ist der Norden gegen die Erde?“ womit ich den Kreis ihres Ruhms meinte. Wir sprachen von Friedrich Schlegels Buch über die Geschichte, mit dem wir Beide nicht zu sympathisiren schienen, trotz des Guten, welches sich darin befindet, weil wir es gegen die Aufgabe der Geschichte fanden, zu beweisen, was man beweisen will, indem man einzelne Züge hervorhebt und die anderen in den Schatten stellt. Sie fragte mich nach Frau Brun, und es freute sie, zu hören, daß diese frisch und gesund sei. Von dem Dichter Werner sprachen wir auch, und waren Beide darin einig, daß die Frömmigkeit bei unserm guten Freunde sehr weit gegangen sei, und daß der Deutsche Recht habe wenn er sage: „Allzuviel ist ungesund!“ — Sie hatte den Correggio noch nicht gelesen, fand es aber sonderbar, daß ich einen Stoff gewählt, wo der Held unter der Last eines Geldsackes stürbe. Ich entgegnete, ich hätte gerade Lust bekommen, das Stück dieses Zuges wegen zu schreiben, und daß ich es als eine Allegorie behandelt hätte, da der Künstler größtentheils arm ist, und den Nahrungssorgen unterliegt. Dies drückte ich im Gespräche nicht so ganz richtig Französisch aus, und sagte: „Unter der Last des Geldes,“ was ihr Veranlassung zu einem Scherz gab, indem sie sagte: „Mais, mon Dieu, comment peut-on tomber sous ce qu'on n'a pas?“ Ich antwortete: „Ce n'est pas l'argent sous lequel il tombe, c'est le cuivre.“ Und nun schien sie mich zu verstehen. — Sie rieth mir Voltaire's Tancred zu sehen, der an diesem Abend gegeben wurde. Ich folgte ihrem Rath, fühlte mich aber nicht sonderlich erbaut. Der gute Lafond schreit außerordentlich, und scheint mir affectirt, überspannt und unnatürlich.

Ich muß hier (nach Verlauf von 31 Jahren) erzählen, was ich 1817 in meinen Reisebriefen übersprang, wo Frau von Staël-Holstein noch lebte, und ich nicht wollte, daß es wie eine Klage oder Rache aussehen sollte. Ich stand damals in Paris in einem etwas gespannten Verhältniß mit der Frau von Staël; ein Brief, den ich ihr einmal in der langen Zwischenzeit geschrieben, war unbeantwortet geblieben. Indessen veränderte dies nicht den freundlichen Ton zwischen uns, und daß ich das letzte Mal so spät zu Tisch gekommen war, hatte ich entschuldigt und sie vergeben. Aber nun lud sie mich dieses letzte Mal ein, sie am Nachmittage zu besuchen. Als ich ins Zimmer kam, trat gerade eine große Gesellschaft von Herren und Damen aus dem Speisesaal, wo die Mahlzeit geendigt war, herein. Ich wurde fast ohnmächtig vor Erbitterung über die Beleidigung, mich nach Tisch zu sich zu laden, sie, die mich vor wenigen Jahren in Coppet auf den Händen getragen hatte. Ich wollte gleich wieder aus dem Zimmer gehen, blieb aber doch noch einen Augenblick, weil ich eine englische Dame traf, die ich von Coppet her kannte, und der ich meine Gefühle mittheilte, worauf ich ging. Und von dem Augenblicke an sah ich Frau von Staël nie mehr. Sie schickte nicht zu mir (vielleicht wußte sie nicht, wo ich wohnte) und ich besuchte sie nicht wieder. Nicht einmal zu A. W. Schlegel mochte ich gehen, der nie einer von meinen Leuten gewesen war, und der mich früher nicht leiden konnte, weil Frau von Staël mir so viel Freundlichkeit erwies. Dieses ihr Benehmen ist mir stets ein Räthsel geblieben. Als ich Waltersdorff die Geschichte erzählte, sagte er scherzend: „Sie hat dieses Mal vielleicht mit Ihnen wenig Umstände gemacht, weil Sie es letzthin mit ihr ebenso machten.“

Die Benefizvorstellung Fleury's.

Wenn Talma und Mademoiselle Duchenois in einer Tragödie und Fleury und Mademoiselle Mars in einer Comödie spielen, so ist das Théâtre français stets überfüllt. — Dann stellen sich die armen Leute in langen Reihe hin, um Billets zu kaufen und ihre Plätze an die Theatergänger zu verkaufen, wenn diese zu spät kommen. — An einem der ersten Abende, als ich im Palais royal spazieren ging und in die Nähe des Théâtre français kam, wußte ich gar nicht, was der Auflauf zu bedeuten habe. Ich hatte mich noch nicht recht gefaßt, als zwei Poissarden herbeiliefen, mich rasch unter die Arme nahmen, sagend: „Venez, Monsieur, venez, à la tête!“ und mit mir davon liefen. Sie wollten ihren Platz dicht beim Eingang für 8 Sous verkaufen.

Fleury hat dieser Tage sein Benefiz für 43jährige Dienste gehabt; und alle Theater wetteiferten, diesem vorzüglichen, ältesten Schauspieler Liebe und Huldigung darzubringen. Zu seiner Vorstellung wurde ihm das große Opernhaus eingeräumt, da das Théâtre français bei weitem keinen so großen Raum für Zuschauer bietet. Er spielte in Molière's „le bourgeois gentilhomme,“ und hier war Gelegenheit, um durch Tanz und Gesang Scenen zu seiner Ehre zu arrangiren. Da waren Schauspieler, Sänger und Tänzer, als Deputirte aller Theater, welche an dem Divertissement Theil nahmen, das, obgleich für Monsieur Jourdan eingerichtet, doch zugleich eine Bedeutung in Bezug auf Fleury hatte. Ich spürte große Lust, bei dieser Vorstellung zugegen zu sein; aber unglücklicher Weise hatte ein Sprachlehrer, den ich von meinem frühern Aufenthalte in Paris her kannte, mich gebeten, mir Billets verschaffen zu dürfen, und es nicht gethan, sonst wäre es mir leicht gewesen hineinzukommen. In der letzten Stunde lief er zu Fleury, zu den Cassirern und den Controleuren; er zog mich nutzlos in das Gedränge hinein, um ein Billet zu kaufen, nachdem alle vergriffen waren. Doch verlor er noch nicht den Muth, und sagte, nun habe er einen Plan, der gewiß glücken würde. Ich ließ es ihn versuchen; wir bestimmten einen Ort, wo wir uns treffen sollten; aber sobald er fort war, ging ich nach Hause, und freute mich, ihn zur Strafe für seine Unzuverlässigkeit mich vergebens suchen zu lassen[1].

Théâtre français.

Beim Théâtre français sind noch einige sehr gute Schauspieler: eine vortreffliche Soubrette; die beiden Baptist's, Michaud, Thénard u. s. w. In den zwei Brüdern nach Kotzebue spielte der älteste Baptist den Seecapitain und Michaud den Matrosen mit unendlicher Wahrheit. Der jüngere Baptist ist eine vortreffliche Maske in Molière'schen Stücken. Er spielte letzthin le malade imaginaire. In diesem Stücke tritt das ganze Theaterpersonal, Herren und Damen, im Nachspiel als Doctoren auf. Die Schauspielerinnen tragen ihr Haar als Allongeperücken in langen Locken über die Schulter frisirt. Während ein Marsch gespielt wird kommen sie zu Zwei und Zwei in Procession nach einem Compliment vor dem Publikum, und gegenseitig vor einander, werden mehr oder weniger applaudirt, je nachdem sie beliebt sind, und setzen sich auf ihren Platz. Mir kommen stets die Thränen in die Augen und es ergreift mich jedes Mal ein feierliches Beben, wenn es in der Doctorcreation zu der Stelle kommt, wo Argan sagt: Juro! Denn bei diesem Worte fiel Molière ohnmächtig auf der Bühne um, wurde nach Hause getragen, und starb wenige Stunden darauf. — Liegt nicht etwas Schönes, Großes und Rührendes in dem Zufall? Dieser seltne Dichter wurde vor Aller Augen in einem seiner lustigen Stücke abgerufen, gleich als ob das Volk recht empfinden sollte, was es in ihm verloren! Dieser ausgelassne, burleske Aufzug, an dem das ganze Theaterpersonal Theil nahm, um als Doctoren den neuen Doctor einzuweihen, wurde zu einer rührenden Mythe, zu einer die Thränen hervorlockenden Ironie. Wenn man es umgekehrt betrachtet, so versteht man den Sinn: Nicht der junge Doctor wurde von den ältern eingeweiht; der alte Meister wurde in seinem letzten Augenblicke von seinen Schülern gekrönt. Und er schwor noch wie ein ehrlicher Sohn zur Fahne der hohen Thalia, als ihn ein freundlicher Engel in ein besseres Leben hinwinkte. So wurde seine Todtenscene ein Fest; so verwandelte das Burleske sich in eine feierliche Handlung und Melpomene verbarg sich einen Augenblick unter der Maske Thalia's, um, wenn sie dann die Maske abriß, eine ganze Nation durch ihr bleiches Antlitz zu erschüttern.

Die Pariserinnen.

Man trifft hier selten schöne Frauengesichter. Die Pariserinnen sind graziös und haben besonders schöne Füße. Sie kleiden sich sehr geschmackvoll, aber ihre Züge sind, im Ganzen genommen, grob; ein weißer Teint und rothe Wangen sind eine Seltenheit, doch verstehen sie es sehr gut, sich durch Schminke, Spitzen, Rosabänder und pomadeglänzende Locken Frische zu geben. — Obgleich es auf der Straße ganz rein war, standen doch alte Weiber und Jungen mit Besen (an den Stellen, wo es schmutzig ist, wenn es geregnet hat), fegten ein Wenig die Erde mit ihren Besen und baten dann um eine Kleinigkeit, weil sie die Straße gereinigt hätten. Andere boten hübsch gebundene Veilchen zum Verkauf. Ich kaufte einen kleinen Strauß, und mir war's, als ob mich Primavera zuerst im Jahre 1817 mit diesem milden Dufte begrüßte. Ich ging von dem Tuileriengarten über den Platz Ludwigs XV. und stand einen Augenblick auf der Stelle, wo Louis Capet, Marie Antoinette und ihr Mörder Robespierre dasselbe Schicksal getheilt haben. Aber so entsetzliche Mordthaten hier auch begangen sind, so hat der Ort selbst doch nichts Schreckliches. Es ist ein schöner, offener, freundlicher Platz mit fortwährendem Menschengewimmel. Man muß sich historisch in das Schreckliche zurückversetzen; und das macht ungefähr dieselbe Wirkung, als wenn man davon liest. — Eine elende Richtstätte auf dem Felde, wo ein armer Sünder geendet hat, erschüttert viel mehr. Die Einsamkeit, das Abgelegene, das gräßliche Rad auf der Stange weckt diese finstere Wehmuth, dieses feierliche Beben. Jüngst war ich auf dem Greveplatz, empfand aber auch dort keine Erschütterung mehr. Nicht was geschehen ist, sondern wie es geschah, wirkt auf das Herz und die Vorstellungen des Menschen. Wenn die verdammte mechanische Leichtigkeit nicht dagewesen wäre, wäre die Hinrichtung mit der Guillotine nicht zu einer Manufacturarbeit geworden, sondern hätte der Scharfrichter seine alte Würde in dem rothen Mantel und mit dem breiten Schwerte bewahrt, dann wäre es nicht so weit gekommen.

Physiognomie von Paris.

Der weiße Kalkstein spielt auch eine große Rolle in Paris und der Umgegend und ist von keiner guten Wirkung fürs Auge. Er macht den Weg und die Stiefeln weiß, und blendet das Auge; die Gebäude sind außerordentlich bleich, wo sie nicht angestrichen sind; und das sind sie in Paris nur hie und da bis zur ersten Etage. Die Häuser, wenn man einzelne Gebäude ausnimmt, sind durchaus nicht hübsch; sie sind außerordentlich hoch und schmal; die Fenster liegen innerhalb der Mauer und machen die Gebäude hohläugig-melancholisch. Nützliche, aber häßliche Brandmauern steigen an jeder Seite des Daches empor, und berauben das Haus seines Ansehens. Wenn man von einem hohen Punkte aus eine Straße in Paris betrachtet, sieht sie wie lauter unregelmäßige Felsenstücke aus, wie große Kreidefelsen mit einer schmalen Kluft in der Mitte. Erst wenn man in die Straßen kommt, so daß man keine Uebersicht hat, wird der Blick auf eine angenehme Weise durch die brillanten Läden beschränkt, die fast wie Glashäuser mit lauter Kostbarkeiten, aussehen. Häufig findet man auch das unterste Stockwerk mit einer hochrothen Farbe angestrichen. Unzählige Inschriften machen fast jedes Haus zu einem Titelblatt mit einer Vignette.

Aber oben, wenn man das Auge emporhebt, sieht man das bleiche Kreidehaus mit den hohläugigen Fenstern und den Eisengittern.

Entstehung von Paris.

Und doch war dieser weiße Stein (den man in Menge unter einem Berge an einem großen Flusse mit ein paar kleinen Inseln gefunden) die Ursache zu dem ungeheuren Paris. Er ist leicht zu schlagen und hat die gute Eigenschaft, daß er sich mit der Zeit härtet. So haben die Pariser, ein uraltes celtisches Volk, ihn gefunden und eine Stadt auf der größten Insel gebaut, die nun la Cité heißt.

Erinnerung an Passy.

Ich kam jüngst auf einem Spaziergange in eine Stadt. Ich mochte nicht mitten im Orte nach dem Namen fragen; mir erschien dies so lächerlich, und ich dachte: es muß entweder St. Cloud oder Passy sein. Ich sah eine Menge Placate an den Häusern angeschlagen, und fing an, sie zu studiren. Aber — es half Nichts! — Ich fand nichts Anderes, als: maisons à vendre — etc. Die Beschreibungen der Häuser und Zimmer waren sehr genau. Aber der Name der Stadt, in der ich mich befand, kam nirgends vor. Das setzte man als Jedem bekannt voraus. Ich ging weiter und ärgerte mich über die häufigen großen Ueberschriften auf hochrothem Grunde mit schwarzen, römischen Buchstaben, die mich von dem Nahrungszweige eines jeden Bürgers unterrichteten, und mich aufforderten, mir alle möglichen Bedürfnisse anzuschaffen, nur nicht das Eine, welches ich empfand.

Als ich die Hauptstraße, welche sehr lang ist, durchgangen war, wußte ich ganz genau, wo ich Kleider, Schuhe, Zimmer, Essen, Trinken und Diener finden könne; aber wo ich war, wußte ich nicht. Es schien mit zuletzt eine verhexte Stadt ohne Namen, nur von meiner müßigen Phantasie erfunden. Ich betrachtete die Bürger auf der Straße wie Schatten, die sich nur den unschuldigen, prosaischen, ja zuweilen einfältigen Anstrich gaben, mich zu foppen; und ich athmete erst wieder leicht, als ich jenseits auf dem Felde stand.

Aber als ich nun hier in der jungen hervorkeimenden Märznatur meine Augen erhob, hefteten sie sich an eine niedrige Mauer, hinter der ich in einem großen Garten lange Lindenalleen sah. — „O, das ist ja Passy!“ rief ich; „hier ist ja der Sommersitz des alten Dreyer, wohin ich vor zehn Jahren so oft kam, und mit ihm und Guilleaumeau, Bröndsted und Koës frohe Stunden verlebte! wo wir nach der Mahlzeit im Grünen Ball spielten!“ — Die großen Bäume bewegten ihre noch nackten Zweige, als ob sie mich grüßen wollten; und die weißen Steinurnen auf der Gartenmauer lächelten bleich in der Sonne, als ob sie sagen wollten: Dreyer, Guilleaumeau und Koës liegen bereits in den Grabesurnen. Gehe fort von hier, Wanderer, es ist dies kein Ort der Freude mehr für dich! Da dachte ich: so will ich denn doch in der Nähe des Ortes, wo die Gastfreiheit ihren Sitz hatte, auf das Andenken der Freunde trinken. Und darauf ging ich zu einem Traiteur nicht weit von Dreyer's Garten, außerhalb der (nun nicht mehr) verhexten Stadt; ließ mir ein Zimmer mit Sonnenschein, einen Eierkuchen und eine halbe Flasche Wein geben; stieß darauf mit dem Glase an der Flasche an, und rief: Gott erfreue ihre Seelen!

Als ich durch Passy zurückging, konnte ich mich nicht genug über meine frühere Blindheit wundern. Nun konnte ich es recht deutlich sehen, daß es Passy war, und wußte den Rückweg sehr gut zu finden.

Ich sah eine große vergoldete Kirchenkuppel sich hoch in die Wolken erheben. Die vergoldete Kirche führte mich allmälig zu dem großen Invalidenhause. Hier begegnete mir eine Anzahl junger Krieger, die auf Stühlen umhergerollt wurden, Andere hinkten auf Stelzbeinen im Sonnenschein umher. Es waren auch einige ältere darunter. Mit ehrerbietiger Wehmuth trat ich in die melancholischen Hallen, wo die stolzen Ueberwinder der Welt nun ihre letzten Tage wie alte Spittelweiber zubrachten. Es schien übrigens gut für sie gesorgt zu werden. Ich trat in die große Küche; drei bis vierhundert kleine Würste wurden gerade aus den Töpfen geholt und dampfend auf den reingescheuerten Eichentisch gelegt. In einem ungeheuren Kupferkessel stand das gekochte Erbsenmus. Die Helden von Austerlitz und Jena sollten heute Wurst mit Erbsen essen.

Ein eigensinniger Kutscher. Ein Ausflug nach St. Cloud.

Als es heute Ein Uhr war und ich nicht mehr schreiben mochte, schien mir die Sonne ins Zimmer, als ob sie fragen wollte: Willst du nicht auch etwas ausgehen? — Ja, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging bei den Tuilerien vorüber nach dem Pont neuf, wo die kleinen Equipagen halten, denen man in dem geschmackvollen Paris einen sehr unanständigen Namen giebt. Es sind Karren auf zwei Rädern, in denen aber sechs Menschen sitzen können. In einem solchen Wagen kann man für dreißig Sous nach Versailles fahren. Kaum war ich dort hingekommen, als zehn Kutscher, wie Hornissen auf eine Birne, auf mich losstürzten, und Alle mit lauter Stimme, indem sie mich bei den Rockschößen faßten, riefen, ob ich nach Versailles hinausfahren wollte? Ich antwortete, daß ich wohl Lust dazu hätte, aber weder taub geschrieen noch lebendig zerrissen werden möchte. Darauf stieg ich, um jeder weitern Unannehmlichkeit zu entgehen, in eins dieser Fuhrwerke, nachdem der Kutscher mir versichert hatte, daß wir im Augenblick abfahren würden. Aber wir waren, wie ich merkte, erst unserer Drei und sollten Sechs sein. Es half Nichts, daß bald noch Zwei hinzukamen. Der Kutscher wollte noch Einen haben. Wir versicherten, daß wir nicht drinnen blieben, wenn noch Einer käme, und fragten: „Was gewinnst Du dabei, wenn Du Einen bekommst und Fünfe verlierst?“ Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, wurde ärgerlich und war thöricht genug, uns wieder aussteigen zu lassen. Hierdurch gewannen wir sehr; denn wir kamen in einen viel bessern Wagen, hatten bessere Pferde und einen anständigeren Kutscher und nun fuhren wir von dannen. Aber — o Wunder! — wir waren noch nicht weit gefahren, als die ganze Umgegend von Paris sich in einen großen See verwandelte. Die Seine hatte nämlich ihre Ufer überstiegen. Wir fuhren lange im Wasser und begegneten auf dem Wege mehreren Booten, sodaß mir anfing bange zu werden, und ich an den Kutscher Kühleborn in Fouqué's Undine dachte. Indessen währte es doch nicht lange, so kamen wir auf das höhere Hügelland, wo es ganz trocken war. Es ist ein großes Glück, daß bei solchen Flüssen Anhöhen sind; und läge der größte Theil von Paris nicht ziemlich hoch, so würde es oft schlimmer aussehen, als dies nun der Fall ist. — Es ist ein noch größeres Glück für uns in Kopenhagen, daß die Ostsee nicht ähnliche Launen hat. Sie brauchte nur einige Ellen über die Zollbude zu steigen, so wäre der größte Theil von Kopenhagen überschwemmt. Es war schönes Wetter, aber die Uhr war bereits Zwei, ich fand es etwas zu spät, um nach Versailles hinauszufahren, und ließ deshalb den Kutscher an einem bequemen Orte halten, von wo aus ich nach St. Cloud gehen konnte. Im Garten standen die niedrigsten Partieen auch unter Wasser. Ich sah ein kleines Mädchen, die unter einem Baume saß, von wo aus zwei Wege abführten. Ich fragte sie: „Welcher Weg ist der beste?“ Sie antwortete: „„Es ist gleich, welchen Weg Sie gehen, mein Herr, sie sind beide gleich gut; aber auf diesem hier werden Sie des Wassers wegen wohl nicht fortkommen, deshalb ist es wohl besser, Sie gehen auf dem andern.““ — Ich dankte ihr und befand mich wohl dabei. Es war noch kein Laub an den Bäumen, aber das Gras begann hier und da hervorzugucken. Das Schloß wollte ich nicht sehen; ich war früher dort gewesen, und es war mir nicht um schön decorirte Zimmer, sondern um einen herrlichen, blauen, sonnenwarmen Frühlingstag zu thun. Nachdem ich umherspaziert war, ging ich in ein Wirthshaus, das in der Sonne lag, und hielt dort eine einfache Mahlzeit. Ich hatte Rousseau's Heloise mitgenommen, war müde, und setzte mich mit dem Buche in die Sonne. Aber es schmeckte mir nicht so gut, als da ich sie das erste Mal las, obgleich mir schon damals Viel daran mißfallen hatte.

Nach dem Essen war ich wieder im Garten. Zwei freundlichen, alten Männern, welche Gänge kehrten, und mich mit echten unschuldigen Gärtnergesichtern anlächelten, gab ich jedem Etwas. Sie wurden ganz bestürzt, als ich ihnen die kleinen Silberstücke in die Hand drückte, dankten aber herzlich. — Als ich nach St. Cloud kam, war dort kein Wagen zur Abfahrt bereit. Die Uhr war erst Fünf und das Wetter herrlich. Ich beschloß also zu Fuß zu gehen. Als ich bei Passy vorüber kam, fing das Wasser bereits an, mir den Weg zu sperren, und ich wäre nicht hinübergekommen (denn der ganze Weg bildete bereits einen Kanal), wenn nicht einige Männer Bretter gelegt hätten, und mit einem Boot bei den unpassirbaren Stellen übersetzten. Nun sollte ich Trinkgeld geben; hatte aber kein kleines Geld mehr bei mir, mußte also in den Augen dieser Männer wahrscheinlich für einen Geizhals gelten, weil ich den alten Gärtnern meine letzten Sous gegeben hatte. Als ich nach Paris kam, hatte die Seine auch hier einige der niedrigst gelegenen Straßen überschwemmt. Ich mußte einen langen Umweg machen, und war außerordentlich müde. Auf dem Pont neuf standen Leute und sahen nach einem Zeichen unten an den Brückenpfeilern wie hoch die Seine gestiegen war; vor vielen Jahren (1745) hatte sie freilich viel höher gestanden; aber auch diesmal betrachtete man den hohen Wasserstand als ein seltenes Ereigniß.

Besuch des Jardin des plantes.

Gestern war das schönste Wetter und ich war im Jardin des Plantes, nur hier und da guckte ein Blümchen hervor. Die grüne Ceder vom Libanon, die einer Buche mit Tannenblättern gleicht, breitete ihren feierlichen Schatten über den Hügel aus. Wir sahen die spitzschnauzigen Wölfe; die Hyänen mit den gemeinen unbarmherzig dummen Glotzaugen. Der alte Löwe sah wie ein General aus Ludwig's XIV. Zeit mit einer Allongeperücke aus. Braun, der Bär, ging unten in einem tiefen Graben, in dem er einen Baum hatte, um daran hinaufzuklettern. Jüngst stieg ein Mann zu ihm hinab, um einen Thaler zu holen, der darin lag; da kam Braun ihm sehr freundlich entgegen und drückte ihn so innig an seine Brust, daß der Mann den Geist aufgeben mußte. Ich sah einige philosophische Eulen, deren Weisheit gleich der der Sophisten das Licht scheute; einige Adler, die in das Fleisch hackten. Die Papageien hatten ihre Toilette gemacht, und glichen alten Weibern, die ihre unschöne Gestalt mit prächtigen Kleidern behangen und sie ausgeschmückt haben, daß es eine Lust war; sie waren entsetzlich dumm. Es fanden sich da auch herrliche Fasanen. Zu denen flogen die Spatzen hinein, und durch das Gitterwerk wieder hinaus, und es war rührend anzusehen, wie die kleinen Vögel sich immer, wenn sie wollten, wieder frei machen konnten, die großen aber darin bleiben mußten. Bei der Löwin lag ein kleiner Hund, der sehr eitel und prahlerisch aussah, während die Löwin vornehm gähnte und sich langweilte. Wir sahen einen ehrwürdigen Elephanten. Da waren langhalsige Sträuße, Stachelschweine; kurz, es war wie in Noah's Arche und in Aesop's Fabeln. Die Affen spielten die Bajaz- und Harlekinsrollen in einem stinkenden Nachspiele. Sie bilden sich ein, daß sie mit zur Löwen- und Tigerfamilie gehören, weil vor ihnen auch ein Gitterwerk ist.

Versailles.

Ich kam jüngst nach Versailles. Von diesem prächtigen Schlosse war die Vergoldung in der strengsten Bedeutung des Wortes verschwunden; aber nun vergoldet man es wieder thunlichst. Ludwig XIV. hat absichtlich eine Stelle zum Schloß und Garten gewählt, für die der Schöpfer gar nichts gethan, damit er selbst allein die Macht und Ehre davon habe. Die Gegend war ein Morast; — dieser ist nun in den festesten Boden verwandelt. Es war kein Wasser dort; — aber Ludwig verstand es, durch künstliche Leitungen sich Wasser, ebenso wie Poesie, zu verschaffen, und wo man geht, kann nun das Wasser aus mittelmäßig geformten bronzenen Tritonen und Oreaden spritzen. Kein Unterofficier kann die Soldaten zwingen, in geraderen Reihen zu stehen, als die Gärtnerscheere hier die Hecken gezwungen hat. Indessen bekommt das Ganze durch seine Weitläufigkeit und Kostbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit, etwas Imposantes und Angenehmes. Im Schlosse selbst sind schöne Hallen, die Plafond's sind köstlich gemalt und es hat etwas Feenhaftes, durch alle die goldenen Säle mit hohen, gewölbten Kuppeln zu wandeln. Ludwig XIV. war, wie die Krähe und Narciß in seinen eigenen Namen und sein eigenes Bild vergafft, wohin man das Auge richtet, in welchen Saal man tritt, steht Ludwig XIV. im Harnisch mit der Allongenperücke. Ja, in dem großen Saal steht er in jeder Wölbung unter der Kuppel. Diese Gemälde enthalten die wichtigsten Momente seiner (d. h. seiner Generale) Siege. Ich stand in dem langen Saale allein, und konnte es mir recht vorstellen, wie es hier von Herren und Damen mit großen Rockschößen, breiten Reifenröcken, Perücken und Toupee's gewimmelt haben muß. — Hier stand der große Racine zitternd und bebend, als Ludwig an ihm vorüber ging, ohne ihn zu grüßen; ging nach Hause und starb; — Gott sei seiner Seele gnädig!

In dem Theater war ich auch, aber hier lag noch Alles in größter Unordnung. Alte Gemälde und Portraits waren hineingeschleppt, und wie in einer Rumpelkammer übereinander geschichtet; und mitten zwischen diesen stand ich. — Es schien mir wie eine satyrische Scene, die absichtlich von dem Schloßverwalter veranstaltet sei. Ich wandte mich deshalb zu ihm und sagte: „Ja, es ist schrecklich, wie der Geschmack zurückgegangen ist.“ — „„Nein, mein Herr,““ sagte er, „„diese alten Gemälde und Portraits gehören nicht hier her; wir haben sie nur ad interim hierher gesetzt.““ — „Lassen Sie sie nur stehen,“ antwortete ich; „es wird mit ihrem Theater doch nicht gut, bevor sie nicht diese Helden auf die Bühne bringen.“ — Durch das viele Umhergehen war ich warm geworden, und nun sollten wir in die Orangerie. Dies ist ein langes Gewölbe in dem untersten Seitengebäude. Die Fenster waren geschlossen; wir gingen durch einen langen finstern Keller, wo gerade soviel Licht war, daß ich die Orangenbäume in viereckigen Holzkasten entdecken konnte; sie hatten rundgeschnittene Kronen, welche freilich alle grün waren. — Es schwebte mir die Frage auf der Zunge: „Was haben diese Bäume verbrochen?“ denn es schien mir, als ob ich durch die Bastille oder die französische Academie ging, wo die Natur unter der Zuchtruthe gehalten wird. Zugleich dachte ich aber daran, wie schön es im Sommer aussehe, wenn sie draußen in der Luft ständen, und Früchte trügen. So hatte ich sie im Jahre 1807–1808 gesehen. Nun versöhnte ich mich mit der Einrichtung, und dachte: das ist eine Art Winterschlaf; man muß diese Orangen wie eine Truppe Schauspieler betrachten, die ihre Rollen in dem Lustspiele durchlesen, das sie am Geburtstage der Sommerwärme aufführen sollen.

Versailles. — St. Denis.

Das war nun die Versailler Tour. Einige Tage darauf dachte ich: Du hast keine der Majestäten auf dem Lustschlosse gefunden, Du mußt sie einmal auf ihrer Winterwohnung aufsuchen, da sind sie gewiß zu Hause. — Mit diesem Gedanken stieg ich in einen Wagen, und fuhr eines schönen Tages nach St. Denis hinaus. Als ich nun an dem Kirchhofe von Paris vorüberfuhr, wo Alles auf Das hindeutete, was gewesen war, erhob sich nach und nach der ehrwürdige Thurm von St. Denis, und erinnerte mich an unser altes Roeskilde.

Die Gräber von St. Denis.

Ich dachte nicht an die Geschichte der Begräbnisse und bildete mir ein, daß ich viele davon sehen würde, wie in Roeskilde oder Westminster. — Mit diesem Gedanken trat ich in die alte gothische Kirchthür; aber statt der Gräber der Todten erblickte ich in dem großen hellgelben Steingewölbe nichts als einen lebenden Todtengräber, der eine Mütze aufhatte, weil es nicht gestattet war, einen Hut in der Kirche aufzubehalten. Er ging auf und ab, und wartete wahrscheinlich auf einige Kunden, d. h. Lebende, welche sich umherführen lassen und ihm Trinkgeld gehen würden. Ich fragte ihn, ob ich die königlichen Gräber sehen könnte; aber er schlug es mir mit vieler Wichtigkeit ab, und sagte: daß sich das nicht ohne besondere Erlaubniß thun ließe. Dies that mir leid, und ich glaubte bereits, die Reise vergebens gemacht zu haben; als er in demselben Augenblicke mein Herz durch den Zusatz erleichterte, daß auch nichts weiter zu sehen sei, als die Särge Ludwigs XIV. und seiner Familie. — „Aber mein Gott,“ rief ich, „wo sind denn alle Merowinger, die Karolinger, die Valois, und die Bourbons geblieben?“ — „„Es ist Nichts mehr an ihnen zu sehen,““ sagte der Todtengräber. — „Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete ich, „aber ihrer Gräber?“ — „„Existiren nicht mehr; denn in der Revolutionszeit wurden sie vernichtet, und Robespierre ließ alle ihre Gebeine herausnehmen und sie auf dem Kirchhofe dort begraben.““ — Hier öffnete er eine Seitenthür zu einem kleinen, grünen Kirchhof. — Ich: Liegen sie da noch? Der Todtengräber: Nein, später hat man sie wieder in die Kirche gebracht. Ich: Das heißt, alle Gebeine zusammen; denn es war wohl nicht leicht, Chlodowigs Gebeine von denen Chilperichs, Merowings von denen Dagoberts, und Chlodions von denen Pharamunnds zu trennen. Der Todtengräber: Sie können sich denken, daß das ein artiger Haufen war. Ich: Und wenn man ihnen auch, wie den Abderiten einen Schlag über die Beine gegeben hätte, so würden sie doch vergessen haben, die Beine an sich zu ziehen. Ja ich möchte wohl solch' eine Schiebkarre voll der Königsasche mehrerer Jahrhunderte sehen! Der Gedanke: „von Erde bist du, zu Erde sollst du werden,“ würde bei einem solchen Anblicke sehr einleuchtend werden. — Nun erzählte der Todtengräber mir mit vieler Routine die Geschichte der Kirche. Der Chor ist in dem elften Jahrhundert mit runden unverhältnißmäßigen Säulen erbaut. Die Kirche selbst hat Ludwig der Heilige errichtet und Thüre und Eingang sind noch aus der Zeit Karls des Großen. Vom Anfange des neunten Jahrhunderts? Unter dem Chor war die alte Kirche, eine niedrige Kapelle, von Dagobert im siebenten Jahrhunderte gebaut. Nun führte der Todtengräber mich in eine Kapelle hinab, welche mehrere Jahrhunderte hindurch von Gerölle und Steinen verschüttet lag, bis man sie endlich wiederfand. Eine Kirche aus dem siebenten Jahrhundert ist nichts Geringes. — Es ist angenehm, in das dunkle Mittelalter einzudringen; aber hier begegnet uns die sonderbare Erscheinung: je tiefer man ins Mittelalter hineinkommt, destomehr nähert man sich wieder der hellern, modernern Römerzeit; und dadurch wird der mysteriöse Eindruck geschwächt. Dagobert's kleine Kirche glich mehr dem verdorbenen Geschmack der antiken Baukunst, als der ersten selbsterfundenen romantischen; und als antik ist sie wieder sehr jung. Indessen hat man nicht viele Denkmäler aus dem siebenten Jahrhunderte außerhalb Italien und Griechenland, und es war mir interessant, in dieser kleinen niedrigen Kapelle umherzugehen, auf der nun die große Kirche stand, und die le bon roi Dagobert hatte bauen lassen. Einige alte Leichensteine aus dem elften und zwölften Jahrhundert lagen umher. Sie sahen älter aus und stellten ein paar Könige vor: Childerichs oder Chilperichs. Es kam mir vor, als ob diese steifen, weißen Steinbilder Leichen wären, und sie glichen den alten Königen. Ein paar gezeichnete Figuren waren auch aus dem siebenten Jahrhunderte da, und zeugten gleichfalls von dem vorbyzantinischen Geschmacke. Später sah ich ein Versammlungszimmer der Geistlichkeit der Kirche, das schön und mit den besten Bildern der neuesten französischen Maler geschmückt ist.

Die stille Woche in Paris.

Die stille Woche in Paris entspricht ungefähr der Thiergartenzeit bei uns. Freilich wird die ganze Woche hindurch auf den vier großen Theatern nicht gespielt; und auf den kleinern nicht am Gründonnerstage und dem Charfreitage; aber dafür hat denn auch Lucifer auf andere Weise für das Vergnügen gesorgt. — In alten Tagen befand sich außerhalb der Stadt eine Kapelle der heiligen Jungfrau. Zu dieser Kapelle gingen die Vornehmsten der Stadt, Könige und Königinnen nicht ausgenommen, in Procession, beteten dort fromm und gingen dann wieder zurück. Später meinte man, der Weg sei doch zum Gehen zu lang; man meinte, man könne ebenso gut zur heiligen Jungfrau beten, wenn man hinaus fahre. Endlich verfeinerte man die Idee so weit, daß man meinte, man könnte wohl auch hinausfahren, ohne zu beten. Und dabei blieb es. Am Aschermittwoch, Grünendonnerstag und Charfreitag fährt also Alles hinaus, was Pferde und Wagen hat, oder miethen kann. Der Zug fängt am Boulevard an, geht über den Platz Ludwigs XV., durch die elyseischen Felder, zur Barrière hinaus, nach dem Bois de Boulogne, wo Viele aussteigen und wieder zurückgehen. Alle die prächtigen Equipagen, Schritt vor Schritt fahrend mit schön geschmückten Damen, die dort zur Schau sitzen! Man kann nicht leugnen, daß das Ganze ein elegantes und lebendiges Bild giebt. Nur Eins ist verkehrt, daß es in der stillen Woche geschieht! und Charfreitag ist der brillanteste und lustigste Tag. In diesen Tagen wetteifern die Damen in der Erfindung schöner Toiletten. Künstler, Maler und Schneider sind als Richter zugegen und nun wird gewählt; was man am Schönsten findet, das wird dann die neue Mode, die sich in kurzer Zeit über ganz Europa ausbreitet. Was besonders dazu beiträgt, es unterhaltend zu machen, ist die außerordentlich lächerliche Verschiedenartigkeit, welche dort herrscht. Ein Jeder kann natürlich fahren. Nun kommt bald ein prächtig lackirter Wagen mit geschminkten Damen mit Spitzenhüten und Sonnenschirmen, hinterdrein knarrt ein elender Miethwagen, mit Heubündeln statt der Sitze, voller Poissarden mit Häubchen oder Mützchen; darauf segelt ein englischer Wagen mit einem Kutscher vorüber, dessen spitziger Hut, in Form eines gleichschenkeligen Triangels ihm mit der Krempe gerade über der Nasenspitze sitzt. Dann kommt die Herzogin von Berry mit einer Suite ihrer Garden. Darauf Demoiselle Bourgoin, die Schauspielerin im Théâtre français, verschleiert, aus Devotion damit ja Niemand merke wie alt sie wird. — Man muß gestehen, die französischen Damen kleiden sich mit vielem Geschmack. Sie gehen in prächtiger Toilette auf ihren kleinen, graziösen Füßen mit filirten oder brodirten Seidenstrümpfen, und sie gleichen hierin durchaus nicht dem Pfau, bei dem die Füße die schwächste Seite sind. Eine große Menge von Gensd'armen ist da, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So bringt man hier die stille Woche zu.

Aber es ist auch Gottesdienst da. Ich ging Abends auch in die Kirche St. Roche, und da war es voll. Aber ich fand keine sonderliche Andacht. Ein Prediger heulte auf der Kanzel, schrie, schlug um sich und war sehr aufgebracht. Er sprach nicht wie ein Vater oder Freund zu seinen Kindern und Schülern; sondern wie ein Gefangnenwärter, der Schelme oder Verbrecher ausschilt. Wir wären gern Alle zusammen wieder draußen gewesen; aber die Thüren waren während der Predigt geschlossen, sodaß man bleiben mußte. Es nahm gar kein Ende, und ich war nahe daran, ihn von der Kanzel in die Hölle hinab zu wünschen. Endlich kamen wir hinaus. — Da hast Du ein Bild von einem pariser Charfreitag.

Potage à la turc.

In meinen Briefen gehe ich zuweilen den Krebsgang. So will ich nun erzählen, wie ich am Gründonnerstage beinahe gefastet hätte, und zwar aus lauter Heidenthum. Ich war nämlich im Long-champ — so wird der vorher erwähnte Zug genannt — so lange, daß ich nicht mehr zu Very ins Palais royal kommen konnte. — Bertouch ißt in einem Hôtel zu Mittag, wo eine geschlossene Gesellschaft ist, und da bin ich zuweilen auch; aber da es mich mehr amüsirte, umherzugehen, ihn aber Bekanntschaften fortzusetzen, so bleibt er noch dort und ging auch mit einigen Freunden vom Hause spazieren. — Da die Uhr über Fünf Uhr war, ging ich in eine Restauration am Boulevard zu Monsieur le Riche. Bei den Reichen pflegt man gut zu diniren, und ich kann auch im Ganzen nicht klagen. Aber man höre! Das Erste, auf das meine Augen auf der großen Speisekarte fielen, war potage à la turc. — Potage à la turc? das klang mir so kräftig. Ich verlange also potage à la turc. Der Garçon sagt: bien, Monsieur! — Es kommen andere Gäste, welche potage à la julienne, aux choux, aux ris, aux vermicelles etc. verlangen. — Sie bekamen Alle ihre Suppen früher als ich die meinige. Endlich kommt der Diener mit einem silbernen Teller, auf dem eine in einer Obertasse befindliche Portion gekochten gelben Reißes ganz trocken wie ein harter Kuchen steht. Ich dachte: das kommt wohl in die Suppe. Ich warte. Nichts mehr! Endlich werde ich ungeduldig und rufe: „Eh bien? le potage?“ — Garçon: „Le voilà, Monsieur!“ Ich: „Comment, c'est du potage ça?“ Garçon: „Oui, Monsieur!“ —

Das Museum.

Vor der Thüre zum Museum steht ein Schweizer, und ich hatte im Anfange immer Mühe, an ihm vorüberzukommen. Bald war es nicht geöffnet, bald sollte man seinen Paß vorzeigen. Einmal, als ich den Paß bei mir hatte, sagte er: „Monsieur le chevalier, ce n'est pas nécessaire, mais la galérie n'est pas ouverte aujourd'hui.“ — Ein anderes Mal, wo ich den Paß in der Hand hielt, wollte er ihn lesen, und ich trat endlich ungehindert in die Wunderwerke der Kunst ein, ohne daß Cerberus mich ferner daran gehindert hätte.

Die Galerie hat viele ihrer Krähenfedern verloren. Das Geschwätz: daß es schade sei, daß sich nicht Alles mehr auf einer Stelle finde, und daß dies die Möglichkeit zu studiren, sowohl für Künstler, als für Kunstverständige erschwere, hat mich oft verdrossen. Als ob Kunstwerke nur für die Künstler da wären! Im Gegentheil: die Künstler sind für die Kunstwerke da. Wenn man Alles nur in Bezug auf das Bedürfniß der Künstler einrichten will, so kommt mir das so vor, als ob man die Speise in der Küche stehen ließe, wenn der Koch sie fertig gemacht, damit die Küchenjungen am nächsten Tage daraus lernen, eine ähnliche Speise zu bereiten.

Die Werke sollen gerade in die Welt hinausgebracht und vertheilt werden, damit Alle Etwas haben können. Jede irgend wichtige Stadt hatte früher ein einigermaßen bedeutendes Kabinet, so ist es jetzt wieder. Hier war Alles zu einem Haufen zusammengefegt. Erstens war es ein gemeiner Raub; aber es war auch ohne Nutzen: es machte die früheren Kunstsammlungen leer, und die außerordentliche Menge auf einem Punkte stumpfte den Sinn ab und zerstreute, sodaß man auch hier die Kunstwerke nicht recht genoß. Das Seltenste erschien alltäglich, wenn man an der Masse vorüberging.

Während früher ein Altarbild die Kirche feierlich und schön machte, und oft gerade in Bezug und berechnet auf den Ort gemalt war, hingen sie nun oft in einem Winkel hoch oben im Schatten, wie in einer Rumpelkammer. Eine Statue, welche dazu bestimmt war, frei zu stehen, sodaß man rund um sie umhergehen, und sie von allen Seiten betrachten konnte, mußte sich hier oft damit begnügen, an einer Wand und in unvortheilhafter Beleuchtung zu stehen. Weßhalb soll man auch so Vieles sehen? Es verbreitet den Geschmack für das Schöne weit mehr, wenn Alle Etwas, als wenn Einige Alles sehen. Und was kommt überhaupt bei diesem ewigen Besehen und Copiren heraus? Davon haben wir traurige Beweise!

Ich kann es nie lange aushalten, Gemälde und Statuen zu sehen; aber ich sehe sie gern jeden Tag wieder. Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die mit ununterbrochener Aufmerksamkeit dergleichen mehrere Stunden lang hinter einander betrachteten. Im Anfange glaubte ich, es sei Mangel an Sinn für das Schöne, der mich müde werden ließ; aber später, als ich oft Aehnliches bei Leuten gesehen habe, die gerade ihres Schönheitsgefühls wegen geachtet waren, tröstete ich mich. So viele Gemälde und Statuen auf einmal zu sehen, kommt mir vor, als wenn man viele Gedichte auf einmal liest. Der eine Eindruck verdrängt den andern. Es ist als ob man in einen Raritätenkasten, oder in eine Laterna magica blickt. Das Gefühl wird gezwungen, uns treulos zu werden. Die Phantasie muß ihr Bild fahren lassen, gerade in dem Augenblicke, wo sie es genießen wollte; vor lauter Lust, Alles zu sehen, sieht man zuletzt gar Nichts und verläßt die Sammlung mit leerem Herzen. — Meine Seele wird von solchem Anblicke befruchtet, und wenn der Geist Gedanken und Bilder in sich aufgenommen hat, sucht er die Einsamkeit, um selbst zu schaffen.

Bertouch, der kein großes Vergnügen daran findet, Kunstwerke zu sehen, war jüngst mit mir in der Galerie; als er ganz gleichgültig vor Raphael's heiligem Georg stand, wollte ich doch versuchen ihm zu imponiren und sagte: „Wissen Sie wohl, daß dieses Bild vielleicht ebenso viel, als ihre Baronie gekostet hat?“ — „„Möglich,““ antwortete er gleichgültig, „„die Liebhabereien sind verschieden.““ Ich lachte und gab ihm vollkommen Recht.

Das Ballet. — Galeotti.

Das Ballet nähert sich hier bei Weitem nicht so sehr der eigentlichen Mimik, wie die Composition unsers Galeotti, ist aber viel mehr mit Tanz verbunden. Galeotti war eigentlich ein Dichter. Die Compositionen seiner Fabeln, die, wenn auch anderen Stücken entnommen, doch ganz umgearbeitet waren, können als Entwürfe zu guten Schauspielen dienen. Jede Kunst hat ihre Eigenthümlichkeit, in der sie vollkommen werden muß; sie kann sich unmöglich über sich selbst erheben, unmöglich ihre Vorzüge von einer andern Kunst entlehnen. In den Ausdrücken der Leidenschaft, in der Entwickelung der Charactere kann das Ballet sich nicht mit einem guten Schauspiele messen; denn das Wichtigste, das Wort fehlt. Das Ballet ist die Kunst der äußern Bewegung. Seine Hauptaufgabe ist, den Menschen in allen schönen Formen der Bewegung darzustellen. Hier kommen also Tanz, Gruppen, anmuthige Verwickelungen, die sich in Harmonie auflösen u. s. w. in Betracht[2]. So wie das Singspiel die Stimme des Menschen, als Ausdruck für seine Gefühle und Leidenschaften behandelt, so behandelt das Ballet seine Körperbewegungen. Die Pantomime stellt eine Handlung in so weiter Entfernung gesehen dar, daß man nicht mehr die Worte vernehmen, sondern sie sich nur durch die Bewegungen versinnlichen kann. Da es nun bloß sehr wenige Stimmungen giebt, welche diese äußere Bewegung gestatten, wenn sie nicht der Deutlichkeit wegen unschön übertrieben werden sollen, so sehen wir ein, daß der Kreis der Pantomime sehr beschränkt ist. Einzelne Gedanken kann sie nur selten ganz deutlich ausdrücken. Unser Galeotti handelte deshalb sehr klug, indem er Stoffe wählte, die bereits durch die Poesie bekannt waren, sodaß die Erinnerung an die Worte des Gedichts den mimischen Vortrag unterstützen konnten. Will die Pantomime dagegen auf ihren eigenen Füßen stehen und tanzen, so muß sie sich in ihrer Sphäre halten. In dem Tragischen sind nur einzelne pathetische und erotische Gegenstände für dieselbe geeignet; dagegen ist der Tanz ein Ausdruck jugendlichen Lebens und jugendlicher Munterkeit, und wir sehen also deutlich, daß jugendlicher Scherz in anmuthigen Bewegungen ihre Hauptsache ist. Das fühlen die Franzosen als geborene Tänzer und suchen, indem sie keinen großen Werth auf die Balletcomposition legen, den Zweck durch die richtigste Wahl des Stoffes und durch die vollkommenste Darstellung zu erreichen.

Das Ballet.

Ich habe zwei Ballete dieser Art hier ganz vortrefflich gesehen: Zephyr und Flora und der Carneval in Venedig. Wenn Zephyr überhaupt menschlich verkörpert werden könnte, so wäre es hier durch die anmuthigsten Bewegungen und Wendungen geschehen. Die blühende Flora tanzte in holder Grazie mit ihrem Geliebten: es war wie die Frühlingsluft in einer Rose. Der Carneval ist ein amüsanter Wirrwarr der verschiedenartigsten Masken: italienische Phantasie und Munterkeit, verbunden mit französischer Leichtigkeit und Grazie. Alles unterstützte diese Vorstellungen: Costüme und Decorationen waren vollkommen schön; das Wasser rieselte, die Böte segelten dahin, die Bäume warfen ihren Schatten, die Blumen schmückten Alles, wie in der schönen Natur.

Welche Menge schöner, junger Menschen beider Geschlechter! Einer verdrängt den Andern. Alles geschieht ohne Prätension, und das Schwierigste mit einer so nachlässigen Leichtigkeit, daß man glauben sollte, man könne es selbst machen. So muß alle Kunst sein: wo man die Schwierigkeit bemerkt, da ist Anstrengung; Anstrengung setzt Mühe, ja wohl selbst Schmerz voraus, und die Folge davon ist, daß man mit dem Leidenden Mitleid oder gegen den Schwachen Verachtung empfindet, anstatt sich mit über das Blühende zu freuen und den Starken zu bewundern.

Man frage mich nicht nach den Namen dieser Phantome! Worte scheinen mir nichts mit ihnen zu thun zu haben, und ein Name ist ein Wort. Ich betrachte sie wie die Blumen im Winde: die Linné'schen Bezeichnungen sind für mich von geringer Bedeutung. Es erfreut mich stets, sie gleichsam jedesmal aufs Neue zu entdecken. Aber wenn man durchaus einen Namen haben will, so diene zur Nachricht, daß Mademoiselle Bigottini eine der vorzüglichsten Tänzerinnen ist.

Die Haupttheater von Paris.

Ich gehe gern ins Théâtre des Variétés und sehe Brunet und Potier. „Le ci-devant jeune homme“ dieses Letzteren ist meisterhaft. Brunet's „Jocrisse“ ist eine Stereotypausgabe komischer Dummheit.

Im Théâtre de la Gaiété bin ich nur einmal gewesen. Vor zehn Jahren, als ich das letzte Mal hier war, spielten sie ein Stück: Le pied de mouton, einhundertundsiebenzigmal hinter einander. Während ich fort war, hat es geruht. Nun hat man es wieder hervorgeholt.

In diesem Theater, das übrigens hübsch gebaut ist, trinkt man im Parterre Bier. Es ging auch ein Verkäufer umher, der die wunderbarste Fertigkeit besitzt, seine Waare Demjenigen zuzuwerfen, der sie verlangt. Ich war eines Abends da, als das Haus überfüllt war; er stand auf einer Bank mitten im Parterre und rief seine Waaren aus. Wenn nun Einer oben auf der dritten Galerie Etwas verlangte, so warf er es hinauf, so daß Dieser es fangen konnte. Auf diese Weise that er es nach allen Seiten hin, ohne daß es ihm ein einziges Mal mißglückte. Später ging er die Treppe hinauf, öffnete die Logenthüren und cassirte sein Geld ein.

Zur Ambigu comique und im Théâtre porte St. Martin spielt man nichts Anderes, als zusammengewürfelte Melodramen. Und mit diesen Pfuscherarbeiten vergleicht man hier die Meisterwerke fremder Nationen. Deshalb nennt man Shakespeare's und Schiller's Tragödien nur Melodramen. Das kommt mir so vor, als wollte man ein schönes Mädchen einen Hund nennen, weil sie Beide ein Halsband tragen.

Das Examen auf den Boulevards.

Auf den Boulevards sind eine Menge kleiner Buden und Zelte, in denen alle Tage, wie bei uns während der Thiergartenzeit, gespielt wird. Zuweilen giebt es vor dem Altane ein Vorspiel, um die Zuschauer anzulocken. Jüngst als ich an einer dieser Buden vorüberging, hörte ich folgendes Bruchstück eines Intermezzo für den Pöbel: Ein junger Mensch mit rother Zopfperücke und rothem Rocke examinirt einen närrischen Greis in der Geschichte folgendermaßen: Er: Monsieur, pouvez vous me définir l'histoire? Qu'est ce que c'est que l'histoire? Der Greis: Permettez moi premièrement de vous définir une poire. Der junge Lehrer: Bien! Der Greis: Une poire est un fruit allongé avec une peau et une tige. Der Junge mit Zufriedenheit: Bien! C'est une poire! Et l'histoire? Der Greis: C'est un — l'histoire française? Der Junge: Oui! Qu'est ce que c'est que ça: „l'histoire française?“ Der Greis: C'est un récit de tous les évènements passés, du temps de Pharamond, jusqu'à nos jours. Der Junge: Bien! Ah c'est bien répondu. — Hier wurde die Darstellung zu meinem großen Verdruß unterbrochen; das wahre Bild eines Examens.

Ich war letzthin in der Tapetenweberei, wo man Bilder in Teppiche webt. Blumen eignen sich am meisten durch ihre gefleckten stark getrennten Farben für diese Kunst. Es ist amüsant, die Leute arbeiten zu sehen. Sie sitzen unsichtbar hinter Rahmen oder Harfen, in denen die Kette die Saiten bildet, und den Einschlag weben sie ganz mechanisch nach kleinen abgemessenen Quadraten in die Kette, und bringen so die Bilder hervor. Steht man nun eine Zeitlang und sieht diesen fleißigen, klugen Arbeitern zu, so sieht man allmälig hier ein grünes Blatt, dort eine kleine rothe Knospe entstehen. Uebrigens geht die Arbeit sehr langsam trotz allen Fleißes und ist also außerordentlich kostbar.

Das Treiben im Palais royal.

Die arbeitende Klasse in Paris ist schnell, tüchtig in ihrem Fach, mäßig und unternehmend. Es ist hübsch, einen Graveur oder Uhrmacher im Palais royal in seinem kleinen Glaskasten zu sehen; denn so kann man seine Werkstatt nennen, in der der größte Theil der Wände Fenster sind. Fleißig sitzt er da, sieht durch seine Vergrößerungsgläser, und arbeitet, während die müßige Menge vor seinem Fenster vorübergeht. Er sieht selten hinaus, sondern blickt auf seine Arbeit, gebraucht Meißel, Feile und Zange, und ist gewohnt, den Menschenstrom draußen wie einen andern Fluß zu betrachten, der ihn nur durch seine Beweglichkeit interessirt, und weil er ihm ab und zu den Goldstaub zuführt, den er zur Unterhaltung für sich und seine Familie gebraucht.

Ueber den Werkstätten dieser fleißigen Arbeiter ist das Spielhaus, wo die ungeheuersten Summen ebenso rasch durch Leichtsinn vergeudet, wie unten die kleinen Summen langsam durch Fleiß verdient werden. Man hört jeden zweiten Tag von jungen Leuten, die sich ertränkt, aufgeknüpft und erschossen haben. Vor einiger Zeit saß Bertouch des Abends in einem Kaffee des Palais royal und hörte einen Schuß draußen im Dunkeln in einem kleinen Garten. Es war ein junger Engländer, der sich eine Kugel durch den Kopf geschossen hatte. Er war vor ein paar Tagen nach Paris mit 20,000 Fr. gekommen; diese hatte er in zwei Tagen verloren, und noch 40,000 Fr. auf sein Ehrenwort verspielt.

Die gesprengte Bank.

Man hat übrigens im vorigen Jahre die Bank, in der strengsten Bedeutung des Wortes, gesprengt. Das heißt nämlich mit Pulver. Einige Glücksritter wußten eine kleine Dose unter den Tisch gerade unter die Geldhaufen zu praktiziren, und Feuer so anzulegen, daß es nicht gleich zündete. Während des Spieles springt nun die Dose in die Luft. Das Zimmer wird voller Rauch. Die Spieler, welche sonst nicht fürchteten, von dem ungeheuren Glücksrade zermalmt zu werden, springen entsetzt von ihren Sitzen auf, weil ihnen hier der Untergang auf eine andere ungewöhnliche Weise droht. In diesem Augenblick springen die Spitzbuben herbei, raffen das Geld zusammen und schleichen sich in der allgemeinen Verwirrung davon. — Jetzt ist es verboten, mit dem Hute herein zu kommen. Er muß im Vorzimmer gegen eine Marke zurückgelassen werden.

Unser Diener Christian hat einige Anfälle vom kalten Fieber gehabt, er ist aber wieder dadurch genesen, daß er wie toll durch die Boulevards rannte. Es war gut, daß er nicht als verdächtig aufgegriffen wurde; denn da er weiter nichts Französisches sprechen kann, als: „Donnez moi um sangdael (chandelle)!“ etc.; so wäre er nicht im Stande gewesen, Rechenschaft zu geben, wenn man ihn ergriffen hätte. Wir übergaben ihm die ersten Tage einem Doctor, der ihn einen halben Eimer lauwarmes Wasser mit Citronen trinken ließ; aber als er mich später flehentlich bat, es nicht mehr trinken zu müssen, erlaubte ich es ihm unter der Bedingung, daß er in zwei Tagen gesund sein müsse. Darauf gab er mir sein Ehrenwort und hat es auch wie ein ehrlicher Kerl gehalten. Das Fieber verließ ihn, und er starb doch nicht. Uebrigens wird er von den Leuten hier im Hause wie ein Taubstummer behandelt, da er nichts verstehen und nichts reden kann. Aber er versteht sich prächtig auf Pantomimen, und hier kommt das angeborene theatralische Talent den Leuten im Hause zu Statten.

Der Hund kein Dichter.

Man zeigt einen Hund, der schwierige Kopfrechnungen machen und auf diese Weise den Leuten sagen kann, an welche Karte sie gedacht haben. Er erweckt die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt durch sein mathematisches Talent. Ich fragte, ob er auch Verse machen könne, und als man: „Nein“ antwortete, freute es mich, daß den Poeten auf diese Weise eine unschuldige Rache über die Mathematiker wurde, die immer so sehr mit ihrem menschlichen Verstand prahlen, und die Phantasie zu den niedrigen Seelenkräften rechnen, die wir mit Thieren theilen. Sehen Sie wohl, meine Herren! Verse konnte der Hund doch nicht machen. „Aber er konnte ebenso wenig rechnen!“ — Das sage ich auch nicht; ich erzähle nur, daß ganz Paris es glaubt. Dagegen hat Paris nie geglaubt, daß ein vierbeiniger Hund Verse machen könne.

Ich gehe oft an den Quais der Seine entlang. Letzthin ging ich über Pont neuf, wo Ravaillac den gefühlvollen, verliebten Ritter, den tapfern Helden und väterlichen König Heinrich IV. ermordete, der, ohne außerordentliche Geistesgaben und Thaten sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein gutes Herz unsterblich gemacht hat. Ich höre nie das Volkslied: „Où peut-on être mieux, qu'au sein de sa famille,“ ohne an ihn zu denken, und mir sein bärtiges lächelndes Antlitz in Rubens' Bild vorzustellen. Auf meiner Wanderung kam ich auch am Café de Voltaire vorüber. Ich hatte die Absicht hineinzugehen, besann mich aber gleich, indem ich zu mir selbst sagte: Du triffst ihn doch nicht. Aber ich hätte viel darum gegeben, wenn er gelebt, und drinnen seinen Witz zwischen seinen Bewunderern bei dem lieben Kaffee hätte spielen lassen, diesem langsamen Gifte, bei dem er über achtzig Jahre gelebt.

Ich kann mich nie den kleinen Inseln mit la Cité in der Seine nähern, ohne an meine Vorväter die Normannen zu denken, welche den Fluß herauf mit ihren kleinen Schiffen kamen, die Stadt belagerten, einnahmen und anzündeten. Der Fluß und die Inseln sind jetzt fast noch so wie damals, die Stadt selbst — welch ein Unterschied! und doch ist es nicht lange her, daß eine viel abscheulichere Barbarei hier unter den seinen, polirten Parisern raste, als unter den barbarischen Normannen. Die Normannen haben niemals wie die Katholiken gegen die Hugenotten, wie die Jakobiner gegen alle ehrlichen Leute gerast. Man folge mir nun noch ein paar Schritt auf den Greveplatz! — Nun stehe ich auf der Stelle, wo das Blut Tausender geflossen ist, wo man täglich Fenster wie Logen zu dem blutigsten Schauspiele miethete. — Aber ich merke Nichts davon, die Erde, auf der ich stehe, war einmal so vom Blut gesättigt, daß sie die rothen Ströme nicht mehr einsaugen wollte, und man war genöthigt, die Richtstätte nach dem Platze Ludwig's XV. hin zu verlegen. Nun aber sitzen die Poissarden hier ganz ruhig und verkaufen Gemüse. Zuweilen stehe ich still und höre sie zanken und dann glaube ich in ihren Schmähworten und wilden Blicken den Funken der Flamme zu sehen, die so fürchterlich ausbrach.

Abschied von Paris.

Ich verlasse Paris nicht ohne Wehmuth. Ich liebe diesen Mittelpunkt europäischen Lebens und Wirkens. Ich habe nun bereits 21 Monate meines Lebens in dieser Stadt zugebracht. Das erste Mal 18, jetzt 3. Ich habe hier meine Tragödien Palnatoke und Axel und Valborg geschrieben; habe Hroar's Sage ausgearbeitet und Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und mehrere Gedichte ins Deutsche übersetzt. In keiner Stadt, nächst Kopenhagen bin ich so lange gewesen und habe so viel gewirkt; ist es da nicht natürlich, daß die Erinnerung mir lieb sein muß, wenn ich dies zu den eigenen, großen Vorzügen der Stadt hinzurechne? — Es haben sich hier Einige über diese Vorliebe gewundert und gesagt, es sei unconsequent von mir, da ich die Franzosen nicht liebe. Aber sie thaten mir Unrecht. Ich liebe nicht die französische Tragödie, den französischen Hochmuth und die Unwissenheit über Alles, was nicht Französisch ist. Aber die französische Nation finde ich im Ganzen genommen liebenswürdig und angenehm, mit mancherlei Eigenschaften, die den anderen Nationen fehlen. Und sollte ich mir außerhalb Kopenhagen einen Aufenthalt nach meinem Sinne wählen, so wäre es Paris; denn hier findet man Alles, und Jeder kann leben wie er will. Ich habe eigentlich keine persönlichen Bekanntschaften gemacht; aber oft mit vernünftigen, gebildeten, freundlichen Franzosen an öffentlichen Orten gesprochen. Ich sympathisire mit ihrer raschen, kurzen, witzigen Art, die Dinge zu betrachten. Die Franzosen sind Lebensphilosophen, sind kräftige, thätige Menschen. Auch das Elegante und doch Oekonomische in Allem, was die Bedürfnisse des Lebens betrifft, mag ich gern. Man trifft in Paris viele Fremde aller Nationen. Gute Schauspiele, die die angenehmste Erholung meines Lebens, nächst Verwandten und Freunden ausmachen, finden sich hier ganz besonders. Und deshalb schaue ich fortreisend mit einem schwermüthigen Blick auf das Gewimmel der Boulevards, indem ich zum letzten Mal an ihnen vorüber fahre. Das Auge haftet an der porte St. Martin, so lange es vermag; ich denke: siehst Du nun Paris nie mehr? und tröste mich mit dem alten Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei!

Die Reisegesellschaft.

Am 21. April reisten wir von Paris. Ein französischer Oberst in mittlern Jahren, der einer Wunde wegen, die er im Krieg bekommen hatte, hinkte, war ein angenehmer Gesellschafter. Er hatte sich nun zur Ruhe gesetzt, lebte friedlich mit Frau und Kindern in der Nähe von Verdun, und unterhielt sich damit, wie er sagte, der Schulmeister seiner Kleinen zu sein. Er zeigte mir alle die Stellen auf den Wegen, wo die Preußen im Jahre 1792 zurückgeschlagen waren, aber ohne Haß und Prahlerei. Er war lustig und jovial, ein brauner, hübscher, vierschrötiger Mann. Während wir im besten, ernsten Gespräch dasaßen, holte er einen Brummtriesel aus der Tasche hervor, und als eine Madame im Wagen (femme savante) ihn fragte, was es sei, machte er eine Bewegung, um zu zeigen, wie das Spielzeug gehe und zischelte mit dem Munde, wie es klingt, wenn der Brummtriesel auf der Erde singt. Er hatte alle Feldzüge mitgemacht und erzählte unparteiisch. Mitten in den blutigen Berichten wenn der Wagen schwankte und der gelehrten Frau bange wurde, streckte er die Hände, so wie im größten Schreck weit aus, und wenn sie ihm den Rücken zukehrte, machte er Grimmassen, wie ein Schuljunge in seiner Ausgelassenheit. Bertouch hatte seine Uhr in Verdun vergessen, und tröstete sich nun, indem er Zuckerwerk aus einer großen Tüte aß, die er sich daselbst gekauft hatte. Der altes Oberst versprach, der Uhr wegen zu schreiben, und hoffte, daß er sie ihm wieder schaffen würde, konnte es aber nicht unterlassen, mit ihm zu scherzen und zu sagen: „Da sitzt er wahrhaftig wie ein kleines Kind und nascht, um sich über den Verlust der Uhr zu trösten.“ Bertouch äußerte mir auf Dänisch sein Mißbehagen über diese Anrede, ich rieth ihm aber davon ab, einen von Napoleons Helden, der sich erbot, ihm eine kostbare Uhr wieder zu schaffen, eines gutmüthigen Scherzes wegen herauszufordern. Der Oberst schrieb nach der Uhr, und wir bekamen sie auch ganz richtig wieder. Ein anderer jüngerer Franzose, der in Polen, Deutschland und Spanien gewesen war, war sehr zuvorkommend und bescheiden, und als ich bei Tisch mit einem Stockfranzosen über französische Zustände disputirte, nahm Jener meine Partei und sagte: „Il faut dire la vérité: nous sommes peu de chose à présent!“ — Ein ganz junger Mensch von sechzehn Jahren stieg in St. Menehould in den Wagen, ein hübscher, großer Junge. Er hatte vor Kurzem ein kleines Amt oder dergleichen bekommen; denn er spielte mit einem Papiere in der Hand, und als wir ihn fragten, was es sei, sagte er: „es sei ein Posten, den er erhalten habe.“ Das war die erste Reise in seinem Leben. Seine Geliebte begleitete ihn an den Wagen. Es wurde ein rührender Abschied, obgleich nur auf zwei Tage genommen. Im Wagen erzählte er uns umständlich von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante, seiner Schwester, seiner Cousine (seiner Geliebten). — So fuhren wir bald rasch, bald langsam. In der ersten Nacht kamen wir nicht ins Bett, das war eine harte Nuß. Am nächsten Abend waren wir in Chalons, an dem darauf folgenden in Metz.

Ankunft in Metz.

Die Gegend um Metz ist sehr schön. Eine Meile vor Metz liegt ein kleines Dorf, von Fruchtbäumen und Weinbergen eingeschlossen, ein wahres Paradies.

Es war ein fürchterlicher Wind; aber wir saßen geborgen. In der Nähe von Metz lag ein Pferd auf dem Wege. Es ist todt, sagte Bertouch. — „Ist es todt?“ rief der junge Franzose, „das glaube ich nicht.“ Bertouch versicherte es, und sagte: daß viele Bauern darum ständen. „Weinten oder lachten sie?“ fragte der Franzose. Er wollte daraus nämlich einen Schluß ziehen, ob Hoffnung sei, oder nicht.

In Metz fanden wir unsern Wagen, morgen reisen wir über Straßburg nach Tübingen.

Das Mißverständniß. Saverne. Der Straßburger Münster. — Cotta.

Von Metz bis Straßburg sind 20 Meilen, wir beschlossen, 10 Meilen täglich zu fahren. In Bourdonnaye trafen wir ein Haus mit einem Wirth darin, aber es war kein Wirthshaus. Fünf, sechs Leute standen vor der Thür und sahen zu, wie Christian den Wagen abpackte; Bertouch und ich hielten Wache. Wir bekamen eine finstere Kammer mit einer zerbrochenen Fensterscheibe. Der Wein schäumte wie Bier. Als ein altes Frauenzimmer Spiegeleier auf den Tisch setzte, glaubte ich, Brigitte in der Räuberburg leibhaftig zu sehen. Am nächsten Morgen stürmte und schneite es, als wir abfuhren. Endlich hörte das Schneegestöber auf, und durch die Wolken blickte der blaue Himmel. Wir kamen in ein Dorf und sahen schöne, große, grün bewachsene Felsen mit mächtigen Burgruinen. Ich rief Christian, der auf dem Bocke saß, zu, er solle den Schwager fragen, was das für eine Ruine sei; Christian antwortete „daß es zu einem Grabe gehöre,“ woraus ich dann den richtigen Schluß machte, daß ihm gesagt worden sei, es habe einem Grafen gehört. Die zwei hohen Berge lagen von einem dünnen, blau-weißen Nebel umgeben; die übrige Landschaft war nebelfrei. Wir näherten uns dem Dorfe, das malerisch mit seinen rothen Dächern bisher den muntern Vordergrund der melancholisch-großen Landschaft gebildet hatte. Wie heißt dieser Ort, fragte ich. Savern! antwortete der Kutscher. — Plötzlich stand Schiller's herrliche Romanze: „Ein frommer Knecht war Fridolin“ vor meiner Seele. Und nun wurde mir die finstere Burgruine in der Luft und der schwarze Tannenwald noch einmal so bedeutungsvoll. Ich sah die schöne Gräfin von Savern und ihren wilden strengen Gatten. Wir kamen an der Kirche vorüber, wo Fridolin sich aufgehalten hat. Dort im Walde stellte ich mir die Höllenknechte, das Feuer anschürend, vor, in das das Ungeheuer selbst gestürzt werden sollte. Eine leichte weiße Wolke fuhr an den finstern Wolken rasch vorüber und verschwand hoch im Himmel über den Bergen. Da glaubte ich den Geist des unsterblichen Schiller zu sehen, und starrte ihm begeistert nach. — Der Wagen hielt und die Pferde wurden gewechselt. Ich war wieder das Kind des Augenblicks. Mir froren die Füße, ich war hungrig, langweilte mich darüber, daß es so langsam ging, und statt an Schiller's herrliche Romanze zu denken, dachte ich an Herrn Holbein's Schauspiel über denselben Stoff. — Nun wurde das Wetter milder, und als wir wieder an ein kleines Dörfchen kamen, war der Himmel klar, ruhig und blau. — Wenn man Tag und Nacht reist, vergißt man leicht das Datum; aber aus der Ruhe auf der Straße, und den geputzten Kleidern, in denen Mädchen, Frauen und Kinder uns begegneten, schlossen wir, daß es Sonntag sei, was auch wirklich der Fall war. Während ich so da saß und an den schönen Sonntag, an das lebendige freundliche Idyll dachte, das ich kurz vorher in dem Dorf gesehen hatte, wozu die Felsentragödie dort im Sturme ein schöner Gegensatz gewesen war, — erhob Straßburg in der Ferne seinen feierlichen Thurm vor meinen Augen. Aber gerade, wie wir in die Stadt einfuhren, brach wieder ein Ungewitter los. Ein wilder Orkan pfiff durch die kühnen Thurmlöcher, und wir fuhren in ein gutes Gasthaus, während der Riese draußen dem Schnee und Wind trotzte, und ebenso jugendlich dastand, als damals, wo Göthe in seiner Krone Rheinwein trank. Es ist von Göthe so viel Schönes über den herrlichen Münster gesagt worden, daß jeder Zusatz überflüssig wäre. Ich stieg in den Thurm hinauf, aber nicht so hoch, als damals, wo ich noch Junggeselle war. Der Thurm ist so hoch, so schmal, endlich so von Oeffnungen durchbrochen, daß man gleichsam in einem schwachen Gitterwerk hoch in der Luft schwebt. Man fürchtet nicht selbst hinabzufallen; denn man kann sich ja anhalten; aber man hat die Empfindung, daß möglicher Weise der Thurm in einem solchen Augenblick herabstürzen könnte. In dem Glockengewölbe entdeckte ich die Namen: „C. u. F. Comtes de Stolberg. Göthe. Lenz u. s. w. 1776.“ Ich wandte mich an den alten Thurmwächter, bezahlte ihn für meinen langen, fast das ganze Alphabeth umfassenden Namen, und bat ihn, denselben gerade unter den Göthe's einzuhauen.

In Stuttgart traf ich Cotta als Geheimen Hofrath unermüdet, bleich, mager, voller Feuer beweglich, gesund und fleißig. Wir hatten eine kleine Rechnung mit einander abzumachen, und ich neckte ihn freundlich, daß er, der reiche Mann, so genau wenige Groschen nachrechnete. „Lieber Freund!“ sagte er lächelnd, „hätte ich nicht auf die Groschen gesehen, wäre ich kein reicher Mann geworden.“ Hier in Württemberg ist aller Augenblicke ein Reichs- oder Kreistag. Der Minister Wangenheim steht mit Cotta und Andern der öffentlichen Meinung gegenüber; er will zwei Kammern haben und das Volk nur Eine. Jüngst schlugen einige Volksvertreter Wangenheim die Fenster ein; aber er sagte, wie Fichte früher zu den Studenten: „Ein Steinwurf ist ein sehr schlechtes Argument.“ Aber obgleich nun Wangenheim an gewissen aristokratischen Elementen zum Besten des Staates, seiner Ueberzeugung nach, festhält, so ist er doch so fern von thörichtem Adelshochmuth, daß er, obgleich Excellenz und ein Mann von feinstem Weltton aus Neigung in seinem Privatleben fast burschikos ist. Der junge Dichter Rückert ist sein Duzbruder. Einen langweiligen Kammerherrn mit einem Zuschnitt aus der vieux bon-temps, den Wangenheim nicht leiden konnte, wußte er vor Kurzem aus einer Dichter- und Künstlergesellschaft, in die derselbe sich eingeschmuggelt hatte, zu bringen, indem er ihm gewissermaßen die Thür wies. Wangenheim stand sehr höflich bei Tisch auf, hielt eine Rede an ihn, in der er ihm bewies, wie wenig er in unsere Gesellschaft passe. Als wir Abends die Gesellschaft verließen, machte der Minister, der mit mir Arm in Arm allein ging, da wir in ein interessantes Gespräch gekommen waren, den Vorschlag, ob wir nicht in ein Wirthshaus gehen, und eine Bowle Punsch trinken wollten. „Ja,“ antwortete ich, „wenn Ew. Excellenz können, kann ich es auch!“ „Ach,“ rief er, indem er mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging, „die verfluchte Excellenz!“ Er war ein Vetter des Bischofs Münter, dessen Mutter „eine Edle von Wangenheim“ war, wie meine Freundin, Frau Brun, in ihrer Biographie schreibt.

Wangenheim. Rückert.

Rückert ist außerordentlich altdeutsch gewesen. Das hat sich Etwas gelegt und er zeichnet sich in seiner Kleidung nicht mehr von Andern aus. Er dichtete mir zum Abschied folgendes Sonnet:

Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde, Ein edler Vogel des Gesang's geflogen, Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen, So laut doch singen kann mit deutschem Munde. Es fühlte gleich sich in der ersten Stunde Mein Herz zu ihm entschieden hingezogen; Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen, So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde. Ist er vom raschen Flug zu seinem Norden Nun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden, So soll des Raumes Trennung uns nicht stören; Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden, Die wollen wir so brauchen ohn' Ermüden Daß Einer soll des Andern Nachhall hören.

Uhland. Frau Huber. v. Küster.

Ein anderer junger Dichter, Uhland, lebt hier als Advokat. Es freute mich, seinen Fortschritt zu bemerken, vor zehn Jahren sah ich ihn noch als ein halbes Kind. Man macht viel aus ihm und er verdient es auch gewiß; aber wie bei Rückert zu viel Blühendes ist, so findet sich bei Uhland etwas Steriles; er ist männlich, ehrlich, zuweilen tieffühlend, aber oft trocken und gleich dem Ton seiner Gedichte zu sehr Göthe. Ich besuchte Uhland mit Rückert, was ich nicht gethan haben würde, wenn ich ihr Verhältniß zu einander gekannt hätte; sie gehörten zu verschiedenen politischen Parteien und das machte die Unterhaltung gespannt und verlegen.

Ich habe die Bekanntschaft der Frau Huber gemacht, welche einige gute Erzählungen geschrieben hat. Ihr erster Mann war Georg Forster, der herrliche Reisebeschreiber. Sie brachte mich in Kannstadt zu einer Freundin. Auf dem Heimwege verirrten wir uns in einem interessanten Gespräche zwischen den Weinbergen Schwabens.

Dannecker. — Schelling.

Bei Dannecker sah ich Schiller's colossale Büste. Er hat Schiller nicht idealisirt, sondern ihm nur wieder verliehen, was dieser zufällig durch Kränklichkeit verloren hatte. Als der König von Württemberg diese Büste sah (es war derselbe, vor dem Schiller in seiner Jugend geflohen war), sagte er: „Aber mein lieber Dannecker, warum so groß?“ „„Ew. Majestät,““ antwortete Dannecker, „„große Leute muß man groß machen!““

Das beste Werk dieses Künstlers ist seine Ariadne. Ein schönes, junges nacktes Weib auf einem Tiger; der herrlichste Gegensatz von weiblicher Schönheit und wilder thierischer Kraft. Man fürchtet nur, daß der Tiger gehen werde; denn dann würde die arme Ariadne, mit dem einen Beine auf dem Rücken des Thieres und dem andern Fuß nach hinten ausgestreckt, ohne Zweifel herunterfallen.

Schelling.

Ueber Augsburg kamen wir nach München. Hier machte ich gleich Schelling's Bekanntschaft. Schelling ist nicht sehr groß, aber kräftig und gesund. Sein geniales, sanftes Auge versöhnt durch schwäbische Milde den nordphilosophischen Trotz der Nase. Die Lippen bewegen sich zu freundlicher Mittheilung und nur ungern, mit einem Anstrich von Schmerz, zur Verachtung. Man sieht gleich, daß er ein Mann mit treuem Herzen ist. Daß er ein großer Philosoph ist, weiß ganz Deutschland und der Norden. Er lebt still im Schooße seiner Familie und hat gleich mir drei Kinder. Den kleinen Knaben von zwei Jahren fragte ich, ob er ein Schellingianer sei? Und er antwortete: Ja. Die Mutter ist eine sehr artige, gebildete Frau; Schelling ging gleich mit mir aus, um mir die Münchner Naturschönheiten zu zeigen, aber ich war so beschäftigt mit ihm, daß ich nichts Anderes sah, obwohl ich bemerkte, daß wir an einem Fluß und einigen Bäumen vorüberkamen. Er liebt die Poesie und ist mit ihren besten Producten in allen Sprachen bekannt.

Als wir nach Hause kamen, setzten wir die Unterhaltung mit seiner Frau beim Theetische fort, vermischten aber das Gespräch mit mehr Heiterkeit. Zuweilen gebrauchte er die Worte anders als in der allgemeinen Bedeutung, und dergleichen giebt leicht Veranlassung, daß man über Ausdrücke statt über Gedanken disputirt. So verstand er unter Ewigkeit das vollendete Zukünftige, und nicht das Ganze ohne Anfang und Ende. Ich sagte scherzend: „Nehmen wir an, die Ewigkeit verhalte sich zur Zeit wie ein Scheffel Erbsen zu den einzelnen Erbsen im Scheffel. Alle Erbsen machen den Scheffel aus, der Scheffel muß also überall vom Anfang bis zum Ende sein. Das ist die Ewigkeit. Die Erbsen dagegen repräsentiren die Zeit.“ — „„Nun,““ sagte er, „„das würde sich gut in einer aristophanischen Komödie ausnehmen.““ — Schelling's gewöhnliche Unterhaltungslectüre ist nämlich Aristophanes, dessen Werke er so vielfach studirt und gelesen hat, daß er sie fast auswendig kann.

Gestern hatte er einige gute Freunde bei sich. Er bat mich, ihnen etwas von meinen Arbeiten vorzulesen; da sie nun meine Mährchen und Erzählungen, die vor Kurzem bei Cotta herausgekommen sind, nicht kannten, so las ich ihnen die Glücksritter vor. Schelling ergötzte sich daran; er sagte, diese Novelle erinnerte ihn an Cervantes und Boccaccio und versicherte nach der Lectüre, daß es ihn sehr unterhalten hätte zu hören, wie Xaver zu Ehren gekommen sei.

Ich gestand Schelling, daß ich wohl seine Hauptgedanken und seine Weltanschauung durch Steffens kenne, daß ich aber nicht viel von ihm gelesen habe, und daß es die Sprache und die Ausdrucksweise sei, die mich davon abgehalten habe. „Ich schreibe nun auch Deutsch,“ sagte ich, „weil ich gern von einer großen Brudernation gekannt und gelesen sein will, und nicht verlangen kann, daß sie eine Sprache lernen soll, die nur von ein paar Millionen Menschen gesprochen wird; aber, lieber Herr, es kann doch noch weniger verlangt werden, daß man eine schwierige Sprache lernen soll, die nur von Einem gesprochen wird!“ Schelling lächelte und gab mir Recht; er gestand zu meiner Verwunderung, daß man mit Deutlichkeit und Klarheit in seiner eignen Sprache denken und sich aussprechen müsse; daß er als junger Professor wöchentliche Vorlesungen hielt, dem alten Schlendrian in der Redeweise gefolgt sei, obgleich er in seinen Ideen so sehr von demselben abwich; und er versicherte mir, daß ich Das, was er fernerhin schreiben würde, mit Leichtigkeit würde lesen können. Ich versprach es ihm und entwickelte ihm mit wenigen Worten meine Lebensphilosophie. „Sie haben eine gesunde und brave Lebensansicht,“ sagte er, meinte aber doch, daß man weiter gehen könne.

In der Gemäldegalerie erfreute es mich ganz besonders, mehrere herrliche Bilder des spanischen Malers Murillo zu finden. Kein Gegenstand ist für Murillo zu hoch oder zu niedrig. Was von Tasso bei Göthe gesagt wird, paßt sich gut auf ihn: „Oft adelt er, was uns gemein erschien.“

Weiterreise.

In entsetzlicher Hitze und Staub reisten wir den ersten Tag über Hohenlinden (wo es Moreau's Feinden früher heißer noch wurde) nach Altötting. Wir wollten bis nach Braunau, aber ein starkes Gewitter zog herauf und ein Wagen, der uns von München aus gefolgt war, blieb aus Furcht vor dem Ungewitter in Altötting schon um 7 Uhr Abends. So blieben wir also auch da und kamen in einen alten Saal, wo sechs Betten standen und ein messingener Kronleuchter an der Decke hing. Die Fensterscheiben waren wie in einer Kirche in Blei gefaßt. Auf der einen Seite des Saals war eine hölzerne ungemalte Galerie mit einer Treppe. Wir öffneten die Fenster, zogen unsere Röcke und Stiefeln aus, machten uns aus zwei Stühlen ein Sopha und lasen in einigen Musenalmanachen, die man uns in Stuttgart verehrt hatte. Unsere unbekannte Reisegesellschaft war im andern Zimmer, sprach Französisch und zuweilen etwas Italienisch. Es war ein Herr und zwei Damen. Sie gingen in die Kirche hinüber um ihre Andacht zu halten. Das Mädchen, welches den Tisch deckte, erzählte, daß eine Kirche da sei, zu der Viele hinreisen, um ihr Augenlicht wiederzuerlangen, und fragte, ob wir nicht auch hingehen wollten? Wir dankten und sagten: „Da wir hier sitzen und lesen, kannst Du wohl sehen, mein Kind, daß wir nicht blind sind.“ — Die Fremden kamen zurück. Der Herr verirrte sich, als ich gerade im tiefen Negligee stand, um ins Bett zu gehen. Er trat ein und redete mich sehr vertraut Französisch an. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Frauenzimmer, welches beweist, daß er die Kirchenkur noch nicht ordentlich gebraucht hatte. Kaum ertönte meine Baritonstimme, als er die Hände auf die Brust legte, sich verbeugte und viel Entschuldigungen machte. Ich begleitete ihn im Hemde sehr höflich zur Thür hinaus und wir machten uns auf der Treppe viel Complimente.

Den nächsten Tag hatten wir tüchtigen Regen, durch den die Bäume ausschlugen, das Leder aber auf unserem Wagen einkroch. Es war schade, daß Christian nicht auch zusammenschrumpfen konnte, denn er saß draußen auf dem Bock und wurde durch und durch naß. Wir reisten über Braunau, Altheim, Ried, nach Lambach, wo es schlecht war und wir elende Betten bekamen, da unsere unbekannte Reisegesellschaft die besten erhalten hatten. Hier hörten wir, daß es die Churfürstin Witwe von Baiern, eine österreichische Prinzessin sei, mit der wir reisten, das machte uns etwas verlegen. Wir waren oft in der Thür vor ihr vorübergegangen, ohne sie anders zu grüßen, als indem wir den Hut lüfteten. Aber da Ihre Hoheit incognito reiste, so war auch hierdurch ihre Absicht erreicht. Doch beschlossen wir fernerhin nicht voran, sondern hinterher zu fahren und ehrerbietig in der Entfernung zu grüßen. Nun konnte ich auch die Entschuldigungen und die Alteration des Herrn begreifen, als er sich letzthin irrte. Es war nämlich ein Kammerherr. Man denke sich seine Bestürzung, als er statt schöngekleideter Damen einen halbnackten Poeten fand.

Am dritten Tage war schönes kühles Wetter. Alles war frisch und grün. Das schlaffe neugeborene gelbe Laub hing matt in dicken Büscheln an den Zweigen und saugte die Sonnenstrahlen ein, um größere Kraft und grünere Farbe zu erlangen. Wir fuhren an einem Abgrunde hin. Das Land ist voll der schönsten Berge. Herrliche Aussichten auf Dörfer, Städte und Kirchen, die tyroler Schneefelsen im Hintergrunde. Morgens und Abends ging ich stets eine lange Strecke.

Ein Incognito.

Im Wirthshause in Kleinmünchen bekamen die Churfürstlichen die Lust zu wissen, wer wir seien. Die Dame fragte Christian darnach, und er erzählte es in seinem Patois, sodaß sie gewiß eine sehr verwirrte Idee von unserer Existenz bekam. Wir hielten uns stets entfernt; aber am vierten Tage wurden wir doch mit der Herrschaft bekannt und zwar durch folgendes Abenteuer. — In einem kleinen Dorfe vor einer Schmiede wurden unsere Pferde scheu, weil sie unvermuthet zwei Esel vor einer Karre sahen; sie sprangen zur Seite, und knack brach die Wagenstange wieder entzwei! Bertouch wurde ungeduldig, ich aber stellte ihm vor, daß wir froh sein müßten, daß es nicht mitten auf dem Wege, am allerwenigsten bei dem Abgrunde — sondern gerade vor einer Schmiede geschehen sei, wo bereits das Eisen glühte, das die Wagenstange wieder fest machen sollte. Während nun der Schmied mit seinem Handwerkszeuge kam, stiegen wir aus und gingen den Weg entlang. Da rollte die Churfürstin an uns vorüber und grüßte uns. „Sie ist glücklich,“ sagten wir, „sie hat einen ganzen Wagen. Wir kommen nur langsam nach.“ — Unter diesen Betrachtungen schlugen wir unsere Augen auf und sahen weit hin den Wagen der Churfürstin halten, und die Herrschaft uns zu Fuß entgegenkommen. „Was Teufel!“ dachte ich — „ist ihr Wagen auch gebrochen?“ — Eins der Räder hatte Feuer gefangen. — Nun erwiesen wir uns sehr dienstfertig, machten Entschuldigungen, weil wir Ihre Hoheit so lange nicht erkannt hatten, und darauf lief ich zum nächsten Dorfe um Wasser zu holen. — Nach einer Viertelstunde brachte ich einen Mann mit einem Eimer auf dem Kopfe herbei. Der Kammerdiener kam uns entgegen und sagte: es sei nicht mehr nöthig. Der Mann goß das Wasser aus und ging wieder. Wir kamen zum Wagen — das Feuer dachte gar nicht daran aus zu sein, das Eisen glühte. Die Churfürstin kam auf mich zu und dankte mir. Auf dem Wege hatte ich eine Pfütze gesehen; ich nahm die leeren Weinflaschen aus ihrem Wagen füllte sie mit Pfützenwasser, und begoß das Eisen so lange bis es kalt wie Eis wurde. Inzwischen kam der Diener mit Licht — das heißt: mit Talglicht um den Wagen zu schmieren; denn die Sonne stand hoch am Himmel. Und nun fuhren sie langsam zur nächsten Station und wir mit unserem in Stand gesetzten Wagen hinterher.

Auf der nächsten Station sahen wir die Churfürstin mit ihrem Gefolge in das nächste Wirthshaus gehen. Wir hielten uns in der Entfernung und ich schlug Bertouch vor, in einen andern Gasthof zu gehen. Wie wir eben beim Essen saßen, kam der Kammerdiener ganz außer Athem zu uns herein; er hatte uns überall gesucht und sollte uns einladen mit Ihrer Hoheit zu speisen.

Da wir nun bereits gegessen hatten, so kam er zurück um uns zum Kaffee bei der Churfürstin auf der nächsten Station einzuladen. Dies geschah, und Ihre Hoheit war sehr gnädig und freundlich.

Bei meiner letzten Abendwanderung traf ich in einer schönen Gebirgsgegend einen Bauer, der mit einigen irdenen Gefäßen nach Hause ging, die er im nächsten Dorfe für seine Wirthschaft gekauft hatte. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein. Er erzählte mir von seinen Kindern und seinem Glücke. Ich sagte ihm, daß ich auch Kinder hätte. „Ja das ist wohl die größte Freude“ fuhr er fort; „wohnen Sie weit von hier?“ — „„In Kopenhagen in Dänemark““ war meine Antwort. — „Ach das muß sehr weit sein,“ rief er aus, „dort wohne ich.“ — Und in demselben Augenblicke sah ich ein hübsches Haus am Wege, die Thüre stand offen und zwei blühende Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, saßen auf der Schwelle. Kaum erblickten sie den Vater, als sie ihm entgegensprangen. Er hob sie auf, küßte sie und schenkte jedem von ihnen einen kleinen irdenen Topf mit hübscher Glasur. Ich sagte niedergeschlagen Lebewohl und eilte fort. — Alle Heiligenbilder am Wege waren zum Pfingstfeste mit Blumen und Laubwerk geschmückt. Die bunten Laubhütten in denen Maria mit dem Jesuskinde stand, waren erleuchtet. Ich sah Maria's und Jesus' vergoldete Kronen durch die Blätter schimmern, und eine große Schaar kleiner Kinder lag rund umher auf den Knieen und sang und betete in der Abendröthe.

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