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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Meine Lebens-Erinnerungen. (continued 4)

Reading edition

Dort traf ich einen hübschen muntern Mann, der sich in ein Gespräch mit mir einließ und mir Vieles erzählte. Beim Abschied wünschte er mich bald wiederzusehen. „Mich“ sagte er „werden Sie ohne Zweifel oft sehen, wenn Sie in Stuttgart bleiben.“ — „„Wie so?““ fragte ich. — „Ich bin Schauspieler“ sagte er „und heiße Vinzenz.“ — Später sah ich ihn oft; er war ein sehr guter Komiker. Der verstorbene König von Württemberg mochte ihn gern; und er wagte es sogar einmal ohne Gefahr, den König Holofernes im Herodes von Bethlehem, mit der Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, schwarzen wollenen Strümpfen an den Beinen und mit dem Reichsapfel in der Hand, der sehr sinnreich als Schnupftabakdose eingerichtet war, zu spielen.

Schauspielerbekanntschaften.

Ich machte hier auch die Bekanntschaft eines andern Schauspielers, des Herrn Lembert. Eines Tages kam er zu mir und sagte: „Sie könnten mir eine Gefälligkeit erweisen.“ — „„Gern! Welche?““ — „Der König ist krank gewesen und hat sich wieder erholt, ich möchte ihm deshalb gern ein Gedicht überreichen, das ihm gefallen und mir nützen soll.“ — „„Wünschen Sie, daß ich es für Sie mache? Mit Vergnügen!““ Ich machte ihm das Gedicht, aber das Beste mußte ich wieder ausstreichen. Es war eine poetische Erklärung des Wortes Württemberg nach der Legende von dem alten Ritter, der in den frühesten Zeiten so gastfrei gewesen sein sollte, daß man ihn in der Umgegend nannte: „Der Wirth am Berge“. Lembert brachte dem König das Gedicht und bekam eine nicht unbedeutende Summe von Dukaten, die er wohl mehr seinen Talenten als meiner kleinen Romanze zu danken hatte. Indessen mochte diese doch wohl dazu beigetragen haben.

Bei dem Hofrath Vellnagel machte ich die Bekanntschaft der Frau Haendel. Ich hatte sie drei Jahre vorher in Berlin die Jungfrau von Orleans spielen sehen. Bekanntlich zeichnete sie sich durch eine neue Kunst ans. So wie Lady Hamilton in Italien früher schöne Statuen nachgeahmt hatte, so ahmte jetzt Frau Haendel italienische und deutsche Gemälde nach. Da sie eine gute Schauspielerin war, ein hübsches Gesicht hatte, und sich besonders gut auf's Drapiren verstand, so waren diese Darstellungen auch unterhaltend und verdienten Lob, soweit jede sinnreiche Erfindung achtungswerth ist. Indessen würde die Fortsetzung dieser Kunst kaum anzuempfehlen sein. —

Solche Nachahmungen der Nachahmungen der Natur würden zuletzt schädlich werden. Die geniale Frau Haendel machte es wirklich so gut, als man verlangen konnte; aber — selbst gut dargestellt, mag ich doch nicht eine Mutter Gottes sehen, die kurz vorher Thee mit mir getrunken hat, lustig gewesen ist, und dann sich wieder lustig mit uns an den Abendtisch setzt. Dieses Spiel mit dem Heiligen, kann wohl Geist und Geschmack im Kostüm verrathen, aber den Geist nicht zu ernsten Gefühlen erheben. Dergleichen läßt sich besser mit weltlichen Dingen machen; und Frau Haendel stellte auch besser Scenen aus der niederländischen, als aus der italienischen Schule dar.

Es frappirte mich, da ich es zum ersten Male sah; und ich schrieb ein Gedicht darüber, das Frau Haendel-Schütz später in ihrem Stammbuche hat drucken lassen. — Ich machte in Gesellschaft mit dieser interessanten Frau, dem Hofrath Vellnagel und Andern eine Lustfahrt nach dem Walde, wo einige Schauspieler ganz vortrefflich mehrere alte deutsche Farcen im Grünen improvisirten. Auf dem Wege begegneten wir gleich Vinzenz als Prologus auf einem Esel reitend.

Zusammentreffen mit Carl Maria v. Weber.

Bei Vellnagel's sah ich zum ersten Male Carl Maria v. Weber. Ich wußte von ihm nur, daß er ein junger, vielversprechender Musiker, ein beliebter Schüler von Vogler sei. Es ahnte damals Keiner, daß er der große Componist Preciosa's, Oberon's und des Freischütz' werden würde.

Der Dichter Uhland. Schaffhausen, der Rheinfall.

Kurz darauf traf Cotta ein, und ich besuchte ihn in Tübingen. Er empfing mich freundlich und gastfrei; seine Tüchtigkeit, sein Verstand und sein offenes Wesen gefielen mir; auch er konnte mich gut leiden. Er bezahlte mir meinen Hakon Jarl, Palnatoke und die Gedichte reichlich. Und nun beschloß ich, nach der Schweiz und Italien zu reisen. Aber erst machte ich die Bekanntschaft des wackern Uhland. Er war damals noch ein junger Mensch und schrieb „des Knaben Berglied“ in mein Stammbuch. Auch den alten, rührigen Professor Conz, der Mehreres vom Aristophanes übersetzt hat, lernte ich kennen.

Er schrieb mir folgende Verse aus dem Faust zum Andenken auf:

„Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen, Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt; Erquickung hast Du voll gewonnen, Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.“

In dem schönsten Septemberwetter reiste ich nach Schaffhausen. Gleich hier an der Grenze von Deutschland führt die Natur ein feierliches Schauspiel auf, um den Wanderer für das Abenteuerliche und Kühne zu stimmen, wenn er aus dem idyllisch anmuthigen Schwaben heraustritt, und sich den ungeheuren Eisbergen nähert. Der ehrwürdige Vater Rhein, der sonst majestätisch und ruhig durch Germanien hinströmt, bis er sich mit dem Meere vermählt, wird hier plötzlich wild und übermüthig, lärmt wie ein Kobold, schlägt Räder, steht auf dem Kopfe, bricht seinen blauen Spiegel in tausend Stücken, und in dem ungeheuren Lilienbett, wo die Blumen jeden Augenblick kommen und verschwinden, strahlt im Wasserstaube und im Sonnenscheine ein ewiger Regenbogen.

Ganz allein besuchte ich mit einem von Shakespeare's Lustspielen in der Tasche dieses große Lustspiel der Natur; hörte erst das dumpfe Sausen in der Ferne, darauf in der Nähe den entsetzlichen Fall, und legte mich an einem lieblichen Orte in passender Entfernung zur Ruhe, nachdem ich vorher den ertrunkenen Engländern einen Seufzer geweiht hatte. Sie wollen immer da hinüber, wo das Wasser am gefährlichsten ist, und fliegen gewöhnlich, wie die Mücken, in's Licht. — Da lag ich nun und las, lauschte zuweilen und blickte nach dem Wasserfall hinüber, indem ich mich über Shakespeare und die große Natur freute; d. h. über Ein und Dasselbe in verschiedenen Formen.

Der Gastwirth Peter. — Frau von Harmes.

In Zürich traf ich fast den besten Gasthof an, den ich noch gesehen hatte: „zum Schwerte“, an dem herrlichen See; und in Herrn Peter fanden wir den vortrefflichsten Wirth. Alles war bei ihm gut: die Aussicht, Zimmer, Essen, Trinken, Bedienung, Musik, Gäste. Herr Peter hatte schöne Böte und bequeme Wagen. Man konnte Lustfahrten zu Wasser und zu Lande und für einen billigen Preis unternehmen. Ich machte hier die Bekanntschaft zweier Kaufmannsfamilien, die eine aus Hamburg, Knoop, die andere aus Wien, Breuß. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen umherreisen wolle? Ich nahm das Anerbieten gern an, da ich auf diese Weise freie Beförderung und eine angenehme Gesellschaft hatte. Ein reicher Baron Mannteufel wohnte im Schwerte; er tractirte alle Welt und gab Herrn Peter viel zu verdienen. Aus Dankbarkeit hatte deßhalb dieser, am Abend vor der Abreise des Barons, ein Transparent mit dem Namenszuge des Gastes und zwei Posaunenengel auf der Brücke angebracht.

Ich übergab dem Dr. Römer, einem ausgezeichneten Botaniker und echten Schweizer, einen Brief. Er hatte große Aehnlichkeit mit einem biedern Norweger und wir wurden deßhalb Freunde. Er führte mich zur Dichterin Frau v. Harmes, geb. Berlepsch. Wir disputirten mit einander über das Göthe'sche Gedicht: „Miedings Tod“; sie fand den Gegenstand zu unbedeutend (Mieding war Maschinenmeister gewesen) ich fand ihn gerade ganz vortrefflich.

Vor unserer Abreise von Zürich überraschte der Wirth uns auf eine angenehme Weise. Die Flügelthüren des Speisesaales öffneten sich, und im Kabinette nebenan gab uns Herr Peter, als Hirt gekleidet, noch zum Abschied ein Ballet oder Entrée, wie man es nennen will. Ich konnte mich nicht genug über die Gewandtheit wundern, mit der der Mann seine Beine gebrauchte. Ich hatte ihn immer nur im gelben Stolpenstiefeln, mit einem grauen Rock über den breiten Schultern und um den runden Leib, dem es nicht an Fülle fehlte, gesehen. Nun machte er in Rosa und Seladon-Tafft mit dem Strohhut auf dem Kopfe die vortrefflichsten Entrechats, während der Champagner zum Abschied sprudelte; ich glaubte mich in ein Feenschloß hinverzaubert!

Gute Reisegesellschaft.

Wir rollten in vortrefflichen Wagen bei herrlichem Wetter unter unzähligen Wallnußbäumen so voll reifer Früchte, wie die wilden Kastanien bei uns, dahin. Wir machten uns deshalb auch kein Gewissen daraus, zuweilen Nüsse von den herabhängenden Zweigen abzureißen und einander während des Fahrens damit zu bombardiren. — Wo wir in ein Wirthshaus eintraten, rief mein Hamburger gleich: „Was haben Sie uns zu geben? Bringen Sie das Beste!“ Das bekamen wir denn auch; aber die Rechnung wurde auch darnach. Als bezahlt werden sollte, legte ich mein Scherflein mit auf den Tisch. — Der Kaufmann sah mich verlegen an, schwieg und nahm es. Aber als ich am nächsten Tage ein Gleiches thun wollte, schob er mir das Geld wieder zurück und sagte: „Nehmen Sie es uns nicht übel; aber wir können unmöglich Ihr Geld annehmen! Sie sehen ja, daß wir nicht ökonomisch reisen und doch sparen wir mehr dabei, als wenn wir zu Hause bleiben. Sie sollen unsertwegen nicht überflüssige Ausgaben haben. Sie könnten billiger und ebenso gut reisen; nun erfreuen Sie uns durch Ihre Gesellschaft, und darunter sollen Sie nicht leiden. Bilden Sie sich ein, wir wären in Hamburg oder Wien, und Sie besuchten uns dort als Gast! Dann brauchen wir uns auch nicht Ihretwegen mit den Ausgaben zu geniren.“ Dies war sehr artig und vernünftig gesprochen; ich zierte mich auch nicht lange, sondern nahm das Anerbieten ohne Einwendungen an. Als ich an dem Abend zu Bett ging und meine kleine Geldbörse unter das Kopfkissen legte, freute ich mich recht kindlich darüber, daß die Geldbörse eine Zeitlang verschont bleiben sollte.

Am nächsten Morgen, als ich mit den Kaufleuten am Theetisch saß, trat das Hausmädchen herein und brachte mir — meine Börse, die ich im Bett vergessen hatte! Die Kaufleute schwiegen, sahen aber einander an und lächelten. Ich dachte: „Verdammte Zerstreutheit! ganz kann man Dich doch nicht los werden. Das ist mir auf meiner ganzen Reise zum ersten Male passirt; sollen diese Geschäftsleute nun gleich glauben, daß Du ein Genie in der schlechten Bedeutung des Wortes bist? Und ich bin doch gewiß ganz ordentlich und mir ist nichts Aehnliches passirt; wenn ich den Paß in Dresden, — und den Koffer in Quedlinburg, — und die Verspätung in Halberstadt, — und den Paß in Straßburg, — und den Koffer in Stuttgart ausnehme! —“

Besteigung des Righi.

Wir reisten über den Albisberg nach Zug, wo ich den Roßberg sah, der zwei Jahre vorher zwei Städte in seinem Falle begraben hatte. Ueber den Zugersee kamen wir nach Arth, und bestiegen den Righi, einen der schönsten und am leichtesten ersteigbaren Berge. — Ich hatte noch immer den Straßburger Münster im Kopfe, und als ich ganz oben war, fragte ich einen Schweizer: „Ist Das nun viel höher, als der Münsterthurm in Straßburg?“ „„Ach, gehen Sie weg, mit Ihrem Münsterthurm!““ rief der Schweizer, „„von so einer Ameise kann hier gar nicht die Rede sein.““

Man kann sich leicht in Bezug auf eine Höhe täuschen, wenn man sie nur nach dem Augenmaß und dem sinnlichen Eindrucke beurtheilt. Nur die schroffe Tiefe wirkt auf die Phantasie ein, und das langsame Steigen einer Berggegend merkt man nicht gleich.

Wir blieben die Nacht über auf dem Righi; die Schweizermädchen sangen uns alte Lieder vor. Eines darunter gefiel mir besonders gut. Der Refrain war:

„Durch keine Adelshand, Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot, Ward's gerettet, Vatterland!“

Am nächsten Morgen stiegen wir höher hinauf, um eine recht freie Aussicht zu haben. Der Nebel erlaubte uns aber nicht, eine Hand weit vor uns zu sehen. Ich schrieb in das Buch, welches dort lag, und in das viele Reisende schöne Sentenzen hineingeschrieben haben:

„Ich kam hinauf — und sah — und sah — Gar Nichts! — der Nebel war schon da —.“

Tell's Kapelle.

Weiter am Tage, als wir wieder hinabstiegen, klärte sich der Himmel auf. Wir hörten das Geläute der Heerden. In einer Kluft, ganz von Felswänden umgeben, stand eine Kapelle bei einer Quelle. Bauern von Freiburg kamen dorthin, um das Wasser zu trinken, welches Taubheit heilen sollte. Die Abendsonne ging herrlich unter; die Heerdenglocken klangen in Terzen und Quarten; Freiburger Mädchen sangen Psalmen und kehrten von der heiligen Quelle zurück. Das Gras auf den Höhen war frisch und grün. Ueber den See hin kamen wir nach Tell's Kapelle, wo geschrieben steht: „Hier schlug Thäll Gieselers Huochmuot.“

Man zeigte mir einen Baumstumpf; die guten Leute glaubten, es seien noch Ueberreste jenes Baumes, hinter dem Tell gestanden, als er Geßler seinen Todespfeil sandte. Es war mir, als ob ich Schiller's Geist mit einer Harfe im Arme über die Berge dahinschweben sah. Die seltsamen Physiognomien der fernen Gebirgsketten brachten mir Lavater ins Gedächtniß; und in dem saftgrünen schattigen Thale war mir's, als ob ich Geßner unter einem Baume sitzen und die Landschaft malen sähe, während er Idyllen sang.

Mit meiner Reisegesellschaft zog ich an Küßnacht vorbei über den Vierwaldstädtersee nach Luzern, und von da über Reith und Morgenthal nach Bern. Hier blieben wir ein paar Tage in der Gesellschaft der liebenswürdigen Frau Haller. In Lausanne trennte ich mich von meiner Reisegesellschaft; ich stand wieder allein und fuhr auf einem Retourwagen nach Coppet, um die Baronesse Staël-Holstein zu besuchen, was ich ihr in Auberge en ville versprochen hatte.

Aufnahme bei Frau v. Staël-Holstein.

Ich stieg in einem dunkeln Gasthof ab, trat in ein kaltes, feuchtes Zimmer, und ließ mir einige Bündel trockenen Reisig's im Kamin anzünden, um das feuchte Herbstzimmer zu erwärmen und behaglich zu machen. Sonst, wenn ich allein nach einem so ländlichen Wirthshause kam, pflegte ich gewöhnlich die Küche zu meinem Aufenthalte zu wählen. War es kalt, so konnte man sich dort gleich ans Feuer setzen, wo das Ende eines ganzen Baumstammes brannte, den man nach und nach hineinschob. Der Braten, der gegessen werden sollte, drehte sich dabei lustig an seinem Spieße herum. Ich unterhielt mich mit den Leuten; Mädchen und Burschen kamen und setzten sich an einen entfernteren Tisch; eine Treppe führte gewöhnlich zu einer Galerie hinauf, nach der alle Thüren des zweiten Stockwerkes führten. Ein solcher Versammlungsort, halb Küche, halb Zimmer, bildet oft die Scene in den alten französischen Singspielen. Bei Walter Scott ist er auch oft der Schauplatz. Er ist der Gegenstand vieler hübschen Bilder der niederländischen Schule gewesen. — Aber heute in Coppet hatte ich nicht Lust in dieser Gesellschaft zu verweilen; ich wollte eine Stunde mit mir allein sein, ehe ich wieder in einen großen, fremden Kreis eintrat. Ich hatte A. W. Schlegel wissen lassen, daß ich in Coppet sei, und dort der Baronesse meine Aufwartung zu machen wünsche; nun saß ich da und blickte ins Kaminfeuer und dachte an alle verschwundenen Freuden.

Das Haus der Frau v. Staël-Holstein.

Es währte nicht lange, so kam ein Diener mit einer Einladung von Frau von Staël, und mein Koffer wurde gleich auf's Schloß getragen. Dort war Alles munter und elegant, die witzige Dichterin kam mir freundlich lächelnd entgegen, lud mich ein, einige Wochen bei ihr zu bleiben, und neckte mich, weil ich noch nicht besser Französisch sprach. Mit ihr konnte ich übrigens nicht in Betreff der Sprache in Verlegenheit kommen, denn sie verstand vortrefflich Deutsch. Ihre Kinder, der vor Kurzem verstorbene, wackere August und ihre Tochter, die jetzige Herzogin von Broglie, damals ein halb erwachsenes Mädchen, sprachen auch gut Deutsch, ebenso wie Herr Benjamin Constant, den ich hier wieder traf. August Wilhelm Schlegel konnte fast alle Sprachen gleich gut; und der alte Baron Voigt von Altona, ein Altersgenosse von Lessing und Schröder, der auch zum Besuche hier war, las gerade „Nathan den Weisen“ vor. So konnte man sagen, daß die Deutschen auf eine kurze Zeit die französische Schweiz erobert hatten. Auch der alte liebenswürdige Bonstetten sprach ebenso gut Deutsch wie Französisch. Wie gut Benjamin Constant Deutsch verstand, merkte ich späterhin einmal an einem Abend, wo er uns eine französisch-racinisirte Bearbeitung von Schiller's Wallenstein zur Vergeltung dafür vorlas, daß Göthe den Mahomed und Tancred göthisirt und Schiller die Phädra schillerisirt hatte. Noch befand sich hier der berühmte Historiker Simondi de Sismondi, der auch Deutsch verstand, aber nicht sprechen konnte; und ein Herr Comte de Sabran, der kein Wort Deutsch konnte, aber französische Epigramme machte. — Da ich nun in den französischen Gesprächen bei Tisch für gewöhnlich schwieg, sagte Sismondi einmal der Frau Staël von mir: „C'est un arbre, sur lequel il croît des tragédies.“ Schlegel war höflich, aber kalt gegen mich. Ich achtete seine Gelehrsamkeit, seinen Scharfsinn, seinen Witz und sein außerordentliches Sprachtalent hoch. Ich kenne keine besseren Uebersetzungen, als die seinigen von Shakespeare und Calderon. Vielleicht ist sein Shakespeare hier und da doch ein Bischen zu geleckt. Er hat viel Vortreffliches über Poesie und Kunst gesagt; aber er war nicht frei von Einseitigkeit und Parteilichkeit. Gleich seinem Bruder und der ganzen neuern Schule war er ein zu großer Freund der Aristokratie und Hierarchie und zog Calderon dem Shakespeare vor; Luther und Herder tadelte er bitter; kurz sein ganzes Wesen hatte Etwas, das mir nicht gefiel, etwas Pedantisches und Hochmüthiges. Als er ein Mal bei Tisch von Luther mit Verachtung sprach, fuhr ich auf und schleuderte den Tadel so heftig auf ihn selbst zurück, daß alle Franzosen glaubten, wir würden handgreiflich werden. Doch wurde bald Frieden geschlossen; aber seine Zuneigung für mich ward dadurch natürlich nicht größer. Er ging meinen Palnatoke mit mir durch und half mir viele Sprachfehler verbessern. Nie lobte er Etwas von mir. Zehn Jahre später, als ich wieder mit Frau Staël in Paris sprach, erzählte sie mir, daß er meinen Correggio sehr liebe. Als ich von Genf fortreiste, schrieb er höflich in mein Stammbuch:

„Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein! Willkommen gern im deutschen Dichterhain! Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen, Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.“

Gedenkblatt von A. W. Schlegel.

Man sieht, daß Alles im Futurum steht; obgleich Einiges bereits im Präsens ja wohl selbst im Perfectum betrachtet werden konnte. Schlegel ritt jeden Tag ein zahmes Pferd, um sich einige Bewegung zu machen. Einmal hatte man ihm ein unbändigeres Roß gegeben, und er weigerte sich, es zu reiten. Frau Staël neckte ihn, und Benjamin Constant erbot sich, das Pferd zu besteigen, um Schlegel zu zeigen, daß keine Gefahr dabei wäre. Wir gingen Alle mit hinunter, um Zeugen dieses Auftrittes zu sein; der große rothhaarige Constant schwang sich wie ein Ritter in den Sattel und galloppirte von dannen; aber kaum war er ein Stück Wegs dahin gekommen, so warf das Pferd ihn in den tiefen sumpfigen Graben. Ich vergesse niemals das Mitleid, das Schlegel mit ihm hatte, als er hinkend wieder zurück kam. „Ja, sagte ich es Ihnen nicht,“ rief Schlegel mit unterdrücktem Lachen, „es ist ein verteufelt stetiges Vieh!“

Einen Zug jugendlicher Eitelkeit darf ich hier nicht vergessen. Als ich eines Tages neben der Frau von Staël ging, welche langsam ritt, und als wir über einen kleinen Bach kamen, trat ich mit Schuhen und seidnen Strümpfen in denselben und durchwatete ihn, anstatt über ein Brett zu gehen, das über demselben lag. Sie machte mich auf meine Zerstreutheit aufmerksam. Ich antwortete, es sei keine Zerstreutheit, sondern ich wollte die Unterhaltung mit ihr nicht unterbrechen; denn das Pferd durchwatete natürlich den Bach. Wahrscheinlich amüsirte es mich, weil ich kurz vorher ihre Corinna gelesen hatte, eine Art Lord Nelvil ihr gegenüber zu spielen, der ihrer Weiblichkeit durch seine männliche Verwegenheit imponiren wollte. Es war für mich auch fast ebenso gefährlich, mich ins Wasser zu stürzen, wie für ihn ins Feuer; aber er schuf doch Nutzen dadurch: ich dagegen konnte mir eine Krankheit durch diesen Narrenstreich zuziehen.

Die Persönlichkeit der Frau von Staël-Holstein.

Wie geistvoll, witzig und liebenswürdig Frau von Staël war, weiß die ganze Welt. Ich habe kein Weib mit so vielem Genie, wie sie gekannt. Deshalb aber hatte sie auch etwas Männliches in ihrem Wesen, war ziemlich vierschrötig und hatte ein markirtes Gesicht. Schön war sie nicht; aber ihre brillanten, braunen Augen hatten doch etwas Anziehendes, und das weibliche Talent, Männer der verschiedensten Charactere zu gewinnen, mit Feinheit zu beherrschen und in der Gesellschaft zu vereinen, besaß sie in hohem Grade. Ihr Genie, ihr Gesicht, ja fast selbst ihre Stimme waren männlich; aber die Empfänglichkeit ihres Herzens war in hohem Grade weiblich: das hat sie in der Delphine und der Corinna bewiesen. Rousseau hat die Liebe nicht mit größerm Feuer geschildert.

Sie schrieb gerade damals ihr Buch über die deutsche Literatur und las täglich einen Band Deutsch. Man hat sie beschuldigt, die Bücher nicht selbst gelesen, sondern ihr Urtheil darüber von Schlegel erhalten zu haben; dies ist durchaus unwahr. Sie las selbst Deutsch mit größter Leichtigkeit; nur die Aussprache fiel ihr schwer: und deshalb übersetzte sie, wenn sie mir etwas aus einem deutschen Buche vorlesen wollte, es lieber gleich ins Französische. Schlegel hat gewiß sehr vielen Einfluß auf ihr Urtheil gehabt, sie lernte durch ihn zuerst die deutsche Literatur kennen, aber ihre Ansichten wichen doch in manchen Dingen durchaus von den seinigen ab. Sie konnte selbst denken; sie stritt häufig mit ihm und neckte ihn oft, wenn er ihr zu parteiisch war. „Vous êtes une tête lente,“ sagte sie einmal über Tisch zu ihm: „moi, je suis une tête vite.“ In ihrem Urtheile über die französische Tragödie wich sie vollständig von Schlegel ab.

Frau von Staël hat das Verdienst, die Erste zu sein, welche die französische Nation auf die Schönheiten der deutschen Poesie aufmerksam machte. Wenn nun gleich Vieles in ihren Aeußerungen flüchtig und schief ist, so muß man es ihr, einer Dame, einer französischen Dame, einer vornehmen und reichen Dame verzeihen, der täglich eine unendliche Menge Gäste nach dem Munde schwatzte. Vieles Geistreiche und Schöne hat sie über deutsche Verfasser geschrieben. Freilich fehlte ihr der tiefe, stillere, ernste Sinn, um eigentlich das Wesen der germanischen und nordischen Poesie zu erfassen. Es hat auch etwas Verletzendes, wenn man alle großen Männer die Revüe vor dieser poetischen Semiramis passiren sieht; doch behandelt sie die ausgezeichneten Schriftsteller mit genügender Achtung und geizt bei ihnen nicht mit Ehrenbezeugungen.

Ihr größtes Talent bestand darin, etwas Treffendes und Witziges über Das zu sagen, was sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Dieses Talent machte sie in Gesellschaften äußerst unterhaltend. Wohin sie kam, zog sie (trotz der Gegenwart der schönen jungen Damen) alle Männer von Kopf und Kenntnissen in ihre Nähe. Bedenkt man nun, daß sie außerordentlich reich und gastfrei war und fast jeden Tag prächtige Gesellschaften gab, so wundert sich gewiß Keiner darüber, daß sie, einer Königin oder Fee gleich, die Männer in ihr Zauberschloß lockte und sie zum Theil beherrschte. Man hätte fast glauben können, daß sie, um diese Herrschaft an den Tag zu legen, während der Mahlzeit immer mit einem kleinen Zweige in der Hand spielte. Der Diener mußte ihr einen solchen täglich neben ihren Teller hinlegen, denn er war ihr ebenso unentbehrlich, wie Messer, Löffel und Gabel.

Zacharias Werner.

Ich war einige Wochen in Coppet gewesen, als eines Tages Zacharias Werner mit einer großen Schnupftabaksdose in der engen Westentasche, die Nase voller Tabak und mit tiefen Verbeugungen in die Halle trat. Er sprach auch schlecht Französisch, aber dies genirte ihn nicht. In seinem Patois theilte er täglich über Tisch der Gesellschaft in einer Art von Vorlesungen seine mystische Aesthetik mit. Man hörte ihm sehr andächtig zu, und es fehlte nicht wenig, so hätte er Proselyten gemacht. Denn obgleich die Franzosen oft für fremde Natur taub sind, so leihen sie der fremden Unnatur doch gern das Ohr: was Cagliostro, Mesmer, Frau Krüdener u. A. bezeugen können. Selbst Frau von Staël hörte bewundernd Werner zu, und schalt mich, weil ich mir seine Ansichten nicht aufmerksamer zu Herzen nahm. — Es that mir leid, diese Verwandlung bei Werner zu entdecken. Mit Vergnügen hatte ich seine Söhne des Thals und seine Weihe der Kraft gelesen; obgleich bereits in diesen Werken der Keim zu seinem spätern krankhaften Wesen liegt. Aber nun ging es auf eine „Weihe der Unkraft“ los, in die ich mich durchaus nicht finden konnte. Er las uns seinen Attila vor, in dem schöne Scenen sind, obgleich hier die Schwärmerei deutlich hervortritt und mit der hierauffolgenden Katastrophe droht. Besonders graute mir vor der Replik: „Umarme mich Jüngling! Jetzt lasse man ihn von Pferden zerreißen.“

Frau von Staël bewunderte dies Alles enthusiastisch; ich konnte hierin nicht mit ihr sympathisiren. Sie hielt das vielleicht für Mangel an Verstand oder Geist, oder Gott weiß was. Noch kannte sie Nichts von meinen Schriften; denn diese waren noch nicht nach Coppet gekommen.

Werner's Persönlichkeit mochte ich gern, er war ein freundlicher Mann; offen, theilnehmend; mit einem gewissen Humor verstand er, über sich selbst auf eine liebenswürdige Weise zu scherzen; ich unterhielt mich gern mit ihm, wenn wir allein waren. Er hatte viel in der Welt erfahren und erlebt; selbst die sinnlich leichtfertige Weise, auf die er zu seiner frommen Erhebung gekommen war, hatte, psychologisch genommen, etwas Interessantes. Er war auch nicht arrogant, und wurde nicht böse, wenn man anderer Meinung war, als er.

Eine kleine Mißhelligkeit.

Eines Tages gingen wir auf der Landstraße zwischen Coppet und Genf spazieren. Ich hatte meinen Correggio im Kopfe und theilte ihm den Plan mit. Ich hatte gehört, daß auch er an einem neuen Stücke schreibe, und bat ihn, mir den Inhalt zu sagen. Wir waren unterdessen nach Hause gekommen. „Nein, verzeihen Sie mir, lieber Freund!“ sagte er, indem er eine Prise nahm, „das kann ich nicht! Ich habe bereits so oft Andern meine Pläne erzählt; aber das kommt in Wochenblätter und Journale, und hat mir vielen Verlust bereitet.“ — Ich hatte mich bereits so sehr an sein wunderliches Wesen gewöhnt, und er sagte mir das so gutmüthig und naiv, daß ich ihm nicht darüber zürnen konnte; ich scherzte über seine Weigerung und wiederholte mein Verlangen.

In demselben Augenblicke trat Frau von Staël in das Zimmer und fragte, wovon die Rede sei. Ich antwortete lachend: „Ich schelte Werner! Ich habe ihm meinen Plan zu einer neuen Tragödie mitgetheilt, und nun will er mir nicht den des Stückes mittheilen, das er zu schreiben beabsichtigt. Ist das nicht unrecht?“ „„Ah!““ antwortete sie ganz ernst und in zurechtweisendem Tone, — „c'est une autre chose! Vous êtes encore jeune; vous avez besoin de vous former!“ Ohne zu antworten, wandte ich ihr den Rücken und verließ das Zimmer. Sie wartete, daß ich wieder kommen würde; endlich sandte sie mir einen Diener nach, der erzählte, daß ich einpacke, um abzureisen. — Nun suchte sie mich sehr freundlich auf, bat mich zu bleiben und nicht böse zu sein. „„Ich wüßte ja, wie sehr sie mich achte; Werner habe sie seiner Gedichte wegen lieb, für mich aber fühle sie persönliche Freundlichkeit.““ — Ich antwortete, „daß ihre Freundschaft mich ehre und freue, und wenn ich noch Nichts weiter sei, als ein hoffnungsvoller Jüngling, so müsse dies mir genügen; aber ich hätte bereits ebenso lange und ebenso viel, wie Werner gedichtet; ich glaubte nicht, von ihm Etwas lernen zu können; er habe Genie und ein gutes Herz, aber keinen gesunden Geschmack; und wenn das so fortginge, so würde er zuletzt auch den gesunden Menschenverstand verlieren. Ich könne nicht verlangen, daß sie mich als Dichter schätzen solle, da sie noch nichts von mir kenne, nur möge sie auch deshalb ihr Urtheil über meine dichterische Berechtigung bis auf Weiteres aufschieben.“ — Sie gab mir Recht; und so wurde der Frieden geschlossen. — Kurz darauf las sie Aladdin und Hakon Jarl und fand nun selbst, daß ich nicht nöthig hätte, bei Werner in die Schule zu gehen.

Gedenkblatt von Zacharias Werner.

Werner fühlte wahrscheinlich dasselbe, und in meinem Stammbuch gab er mir (nun seiner Ansicht nach ebenbürtig) folgende Satisfaction:

„Wir Söhne von dem fernen Norden Sind hoher Lust gewürdigt worden, Zu schaffen vor der Menschen Schaar, Was lebend, dauernd, schön und wahr. Gesellt durch gleichen Ruf und Meister, Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister, Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint, Zu gleichem Ziel, das uns vereint.“ Das schreibt mit redlichem Gemüthe der sich Ihrer, als eines gleichgesinnten, mit schöner Kraft ausgerüsteten Mitarbeiters erfreut, zur Erinnerung und Befestigung unseres Vereins. Quod Deus bene vertat!!!

Der Winter näherte sich, und Frau von Staël stellte mir vor, wie unklug es sein würde jetzt nach Italien zu reisen. Ich sollte den Winter über bei ihr bleiben, mir einen italienischen Sprachlehrer nehmen, und erst zum Frühjahre über die Alpen geben. — Ich blieb.

Ich übersetzte in diesem Winter Axel und Walborg, und Werner half mir brüderlich dabei, das Stück der Sprache wegen durchzusehen. Er lobte es sogar auf seine eigenen Kosten.

„Wenn ich nun so ein Stück geschrieben hätte,“ sagte er lächelnd, — „so würde ich einzelne Partieen brillanter ausgearbeitet haben, um die sogenannten schönen Stellen hervorzuheben. Der Erzbischof würde mehr zu sagen bekommen haben. Sie haben auf das Ganze gesehen, ohne Vorliebe für das Einzelne, und daran thaten Sie recht.“

Der Bildhauer Tieck.

Auch einen andern Mann von Talent lernte ich in Coppet kennen, den Bildhauer Tieck, den Bruder des Dichters, der uns Göthe's schöne Büste geschenkt hat. Während er in Coppet war, vollendete er auch die Büsten der Frau von Staël und Schlegel's.

Im strengsten Winter reisten wir alle nach Genf; und hier schaffte Frau von Staël Denen von uns Zimmer in der Stadt, welche in dem Hause, in dem sie wohnte, nicht Platz finden konnten.

Eines Abends überraschte es mich, Schulz's herrliche Musik zu den Gesängen in Racine's Athalia bei ihr zu hören. Ich begriff nicht, wie diese nordischen Herzenstöne so weit nach dem Süden hinabgekommen seien. Später hörte ich, daß meine Landsmännin, die Dichterin Friderike Brun, Schulz's große Freundin, die Musik einige Jahre vorher nach Genf gebracht hatte. Frau Brun war sehr beliebt hier, besonders von Bonstetten und Frau von Staël; ihr Aufenthalt in Genf mit der liebenswürdigen Ida stand noch in frischem Andenken.

Der Frau von Staël Haus in Genf.

In Frau von Staël's Hause war, wie gesagt, ewige Lustigkeit, wenn auch nicht eben immer Freude. Fast jeden Tag waren da prächtige Diners und am Abend Soupers. Ich habe kein Haus gekannt, in dem es so flott zuging. Sie war ungeheuer reich, bekam außerdem ein außerordentlich großes Honorar für ihre Schriften, liebte selbst das gute Leben, und fühlte sich sehr wohl am Ende des Tisches, mit dem Mandelzweige Aaron's in der Hand, der sich am besten dazu eignete, die Tafeln des Testamentes zu schreiben; das war das Katheder, auf dem sie Vorlesungen hielt, und ihre politischen und ästhetischen Verordnungen für eine Schaar ausgezeichneter Männer ausgab, welche — wenn auch nicht immer schwiegen und zugaben — doch wenigstens schwiegen und einnahmen.

Ich konnte jedoch dieses Leben nicht aushalten. Mittags ließ ich es gelten; aber an dem Nachspiele am Abend in die Nacht hinein mochte ich nicht mehr Theil nehmen; ich sehnte mich darnach, allein zu sein, zu lesen. (Des Morgens früh schrieb und dichtete ich, oder ging spazieren.) Ich blieb also in meinem Logis zu Hause, obgleich mir angesagt wurde, mich in den Soirée'n einzufinden. Aber mein eigenes Local war nun natürlich sehr verschieden von den brillanten Salons der Baronesse. Ihr Haushofmeister hatte es mir in größter Eile ohne weitere Rücksicht auf meine Bequemlichkeit verschafft, als wir in die Stadt zogen. Es war ein großes, zugiges Zimmer mit einem Kamin und einem offenen Alkoven. Die Winter können in dem kalten Genf, wo der Wind beständig von den Bergen weht, sehr kalt sein, und dieser Winter war besonders hart. So viel ich auch in den ungeheuren Kamin hineinfeuerte, es half doch Nichts. Endlich fiel es mir ein, mir eine große spanische Wand anzuschaffen. Mit dieser hegte ich einen kleinen Platz vor dem Kamin ein, so wie Robinson Crusoë eine hohe Hecke vor seiner Höhle machte; und wenn ich so fast mit den Füßen und dem halben Körper im Kamin bei dem großen Feuer saß, konnte ich es aushalten. Ich hatte bereits einen Theil des Plutarch, und die ganze Jung-Stilling'sche Gespenstertheorie mit belegenden Spukgeschichten gelesen, ehe ich die Folgen dieser meiner Situation erkannte. Aber als ich am Morgen die Strümpfe anziehen wollte und meine beiden Schienbeine ansah, waren sie voll großer brauner Flecke, und ich hatte die Haut, ohne es zu merken, am Kamin verbrannt. Ich kann also in Wahrheit sagen, daß ich gebraten wurde, ohne warm zu werden.

Das gesellschaftliche Leben in Genf.

Wie ich mir später half, weiß ich nicht mehr; dagegen entsinne ich mich, einer andern schnurrigen Begebenheit, die mir in diesem Orte begegnete. Ich war auf einem Ball gewesen, wo Genfs ganze — wahrscheinlich vornehme Jugend versammelt war. Wenn auch gleich Genf eine Bürgerstadt ist, so giebt es doch wohl wenige Städte, in denen das hochmüthige Kastenwesen lange Zeit hindurch mit größerer Pedanterie beobachtet wurde, als hier. Als Fremder, als Dichter, als ein Freund der Frau von Staël wurde ich natürlich überall eingeladen. Aber es ging mir hier so, wie in Berlin mit Reichardt; ich begleitete die Baronesse Staël und bekümmerte mich nicht weiter darum, zu wem ich kam. Ich machte keine Visiten, und außer dem Namen Pictet habe ich alle die übrigen vergessen. Auf diesem Balle wunderten die jungen Damen sich darüber, daß ich nicht tanze, und wollten mir gar nicht glauben, als ich versicherte, ich könne nicht tanzen. Es wurde sehr rasch gewalzt. Dieser Tanz schien mir leicht zu erlernen zu sein; ein Bekannter versicherte mir, daß Nichts leichter sei, und versprach mir einen vortrefflichen Tanzmeister zu senden, der mir in wenigen Stunden die nöthigen Pas beibringen würde, so daß ich bei dem nächsten Balle an dem allgemeinen Vergnügen Theil nehmen könne.

Der Tanzmeister.

Der Tanzmeister kam am nächsten Morgen. Hoffmann hatte damals noch nicht seine berühmten Berliner-Thee-Pumpernicker-satanischen Gespenstergeschichten geschrieben; aber man hätte glauben sollen, daß dieser kleine, magere, braune, spitznäsige, leichtfüßige Piemonteser bei dem Urtypus Modell gestanden hätte, der sich als Triebrad in Hoffmann's Schriften bewegt. Mit der Violine unterm Arm, machte er mir die bekannten dämonischen, ironischen Verbeugungen und forderte mich gleich auf, den Walzer anzufangen, nachdem er mir die Pas gezeigt hatte. Kaum hatte ich angefangen, als ich zu meinem Schreck, indem ich über die Straße hinüberblickte, eine Menge Mädchenköpfe in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses entdeckte. Daselbst war nämlich ein Mädcheninstitut, und nun eilten diese lieben Kinder natürlich, um das Wunder, den nordischen Bären, oder Dichter, was er war, in seinem dreißigsten Jahre tanzen lernen zu sehen. Ich kann darauf schwören, daß es dunkel vor meinen Augen wurde. Das Erste was ich that, als ich wieder zur Besinnung kam, war, daß ich den großen Schirm vornahm, und dadurch mit Hülfe des Tanzmeisters die Fenster verschanzte. Hierdurch entstand ein künstliches Halbdunkel, in dem der Hofmann'sche Dämon mit der Violine am Kinn und der grinsenden Miene sich noch diabolischer ausnahm. Kaum hatte ich ein paar Wendungen gemacht, so wurde mir schwindlich (ich kann es durchaus nicht vertragen, mich so zu drehen). Die Angst, mich vor den Mädchen drüben lächerlich zu machen, trug gewiß auch ihr Theil dazu bei, — und da dies Alles nun noch von dem maliciösen Bogenstrich meines Paganini begleitet wurde, so prallte ich gegen die Kante des Kamines an, und hätte mir beinahe die Hirnschale eingeschlagen. — Kaum war ich gerettet und wieder zu mir selbst gekommen, so griff ich in die Tasche und nahm den Louisd'or heraus, um den wir für den Unterricht eines Monats einig geworden waren, reichte ihn ihm, dankte für gütige Unterweisung, und versicherte auf das Bestimmteste, das hiermit unsere Lehrstunden vorüber seien. Ohne die geringsten Einwendungen zu machen, nahm der Kobold das Goldstück mit seinen schwärzlichen magern Fingern, verbeugte sich tief und verschwand.

Gedenkblätter von der Staël, Sismondi und Constant.

Als der Frühling kam, und die Vögel wieder umherflatterten, breitete auch ich meine Fittige aus, um über die Alpen zu fliegen. Die Jungfrau, jenseits des Genfersee's, hatte bereits, gleich einer schönen, kalten Blondine, lange mit mir aus der Ferne coquettirt, und trotz ihres geheimen Pflegmas, Oel ins Feuer gegossen; denn wenn ich sie liebevoll ansah, war es mir immer, als ob sie ebenso auf mich blickte. Ich nahm Abschied von Frau von Staël-Holstein, und sie schrieb in mein Stammbuch:

„I'introduis pour la première fois le français dans ce livre; mais bien que Goethe l'ait appellé une langue perfide, j'espére, mon cher Oehlenschläger, que vous croirez à mon amitié pour vous, et à ma vive estime pour l'auteur d'Axel et Valborg.“

Sismondi schrieb hinein:

„Vas, Poète! voir l'Italie; C'est la terre des souvenirs, Des arts la brillante patrie, Le trône enchanté des plaisirs. Mais aussi au rives de Tibre Pense, qu'un peuple, grand et libre, Fonda l'éternelle cité. Vois ses murailles entrouvertes, Ses palais, ses places désertes. Tout meurt avec la liberté.“

Benjamin Constant schrieb:

„Un sublime essor te ramène A la cour des soeurs d'Apollon; Et bientôt avec Melpomène Tu vas d'un nouveau Phénomène Enrichir le sacré vallon.

Zum Andenken der freudigen, mit einander genossenen Tage.“

Darauf reiste ich am 1. Mai 1809 auf der Diligence durch Anecy nach Chamouny. Hier schlief ich in einem schlechten Zimmer, in einem Bett, wo, wie man mir erzählte, ein junger Reisender kurz zuvor geschlafen hatte, und später auf dem Wege von Räubern ermordet wurde. Ich legte mich doch ohne Furcht zur Ruh, und dachte: „Wo die Räuber vor Kurzem gewesen sind, kommen sie nicht bald wieder.“

Am nächsten Morgen früh um zwei Uhr fuhr ich weiter, konnte nicht sehen, wer im Wagen bei mir saß und setzte den Schlaf ununterbrochen fort. — Als ich erwachte, wunderte ich mich über meine Reisegesellschaft. Mir gegenüber saß Aladdin mit seiner Mutter Morgiane. Aber Aladdin aus der ersten Periode, ein kleiner, dicker, fetter, rundwangiger Junge, der all' die Aepfel und Zwiebacke aß, welche die Mutter in der Tasche hatte, und beständig lustig und unartig war, während sie mit einem traurigen Gesichte da saß, in dem dünnen Kattunmantel fror, und ängstlich daran dachte, wo das Brot herkommen solle, wenn das gegessen sei, woran der Knabe noch mit vollen Backen kaute, während er versicherte, daß es sehr gut schmecke.

Reise durch Savoyen.

Wir kamen durch Savoyen, einem langen, schmalen, von schwarzen Felsenwänden eingeschlossenen Schornstein, wo die Jungen sich darin üben, horizontal zu klettern, bevor sie es in Paris perpendiculär versuchen. Ich hatte gerade kurz vorher in Genf Dalayrac's Singspiel, die zwei kleinen Savoyarden gesehen, und in vielen hübschen Jungen glaubte ich meine Freunde Pietro und Joseph wiederzuerkennen. Eine große, gekräuselte Wolke flog hoch in der Luft über das Thal hin; sie schien mir der herrliche Held Prinz Eugen mit dem Federhut, der Allongenperücke und dem gezogenen Schwerte zu sein.

Lange Zeit begegneten wir nichts Anderm, als unter ihrer Bürde seufzenden Eseln und Eseltreibern; endlich galloppirte ein französischer, stolzer Kriegsmann, mit sonnenverbranntem Angesicht an uns vorüber. Ich fing an, Betrachtungen über den Unterschied zwischen diesen Menschen anzustellen, als ein Eseltreiber sich der Diligence näherte und mit klagender Stimme bat, dem Franzosen um Gotteswillen zu Hülfe zu kommen; denn er sei vom Pferde gestürzt und habe sich den Kopf gefährlich verletzt. Der Mann lag wirklich unfern davon ohne Bewußtsein da. Als er endlich wieder zu sich selbst gekommen war, fing er an bitterlich zu weinen, und beklagte seine junge Frau, die ihn so früh verlieren solle. — Bald entdeckte ich, daß er betrunken, daß Das, was ich für Sonnenverbranntheit gehalten, Branntweinsröthe sei, und daß ihn mehr der Rausch, als seine Wunde incommodirte. Wir nahmen ihn mit in den Wagen, und brachten ihn zu seiner Frau in die Stadt. Sie wunderte sich nicht sehr über diesen Zufall und ist wahrscheinlich daran gewöhnt gewesen, ihren Mann oft mit Beulen und Wunden nach Hause kommen zu sehen.

Eindruck der savoyischen Alpen.

Wie erstaunt war ich, als ich am nächsten Morgen früh, da ich die Augen aufschlug, mich mitten im Winter unter Eis und Schnee sah. Ich hatte bereits schöne Frühlingstage in Genf erlebt; hier auf dem Mont Cénis war es wieder Januar.

Nichts von Allem, was ich auf meiner Reise gesehen habe, machte einen so tiefen Eindruck auf mich, wie die Alpen: sonst hatte die Phantasie mir stets im Voraus schon ein Bild des Gegenstandes entworfen, das stets übertrieben war; und deshalb mußte mich erst eine genaue Bekanntschaft mit dem Gegenstande dahin führen, die schöne Wirklichkeit den nebelhaften, grenzenlosen Träumen vorzuziehen. Aber hier hatte die Phantasie nicht übertreiben können; denn die Natur war gewaltiger und wilder, als die Geburt der unbändigsten Phantasie; und die ungeheure Kraft der Wirklichkeit ließ alle Nebel, wie die schwachen Schatten vor dem Lichte verschwinden. Die Granitphantasieen des Schöpfers machten mich in heiliger Ehrfurcht beben. Mein eigener Körper erschien mir, von all' diesen festen Felsenblöcken umgeben, so locker und los zusammenzuhängen, daß ich fast nicht wagte, meine Glieder zu bewegen, aus Furcht, daß sie wie wurmstichiges Holz auseinanderfallen würden. Hier war keine Spur der Geschichte; seit Jahrtausenden war Nichts verändert. Nur der herrliche, bequeme Weg, der Italien mit Frankreich verbindet, schlängelte sich die Klippen entlang, bald wie eine Terasse am Abgrunde aufgeführt, bald als Höhle durch den Fels gebohrt; Napoleon's merkwürdigstes Denkmal, unvergänglich, wie die Pyramiden des Nils, und eben so nützlich, wie diese eitel und unnütz.

Aber ich dachte auch an andere Helden, während ich die fernen, dunkeln Flecke auf der Steinwand betrachtete, die wie Moos aussahen, aber ungeheure Tannenwälder waren. Auch meiner Voreltern, der Cimbern, Teutonen, Longobarden, Gothen gedachte ich; auch des tapfern Hannibal. Alle klommen diese Alpen hinauf und glitten dann an ihren Schilden hinab, ohne einen andern Weg zu haben; aber Viele blieben auch liegen.

Auf italienischem Boden.

Unser Schlitten glitt schnell von dannen, und ich machte in Gedanken die ganze Reise mit dem Grafen Benjowsky und seinem Verfasser Kotzebue nach Sibirien mit. Aber ich lachte mir doch ins Fäustchen; denn ich wußte, daß mein Sibirien Italien, mein Tobolsk und Kamtschatka, Florenz und Rom sei. Hoch oben auf der Bergstraße steht ein Haus, wo der Commandant die Pässe durchsieht, und fromme Mönche Punsch und Kaffee den Reisenden ohne Bezahlung darbieten. Es ist schön, in der ungastfreien Natur solch eine menschliche Gastfreiheit zu finden, gewöhnlich ist's umgekehrt. Doch genoß ich diese Gastfreiheit nicht; ich zog es vor, sitzen zu bleiben und in meinem warmen Pelz zu schlafen. Später ging es rasch bergab. Der Schnee hörte nach und nach auf. Der Abend war außerordentlich schön, die nackten Steinmassen wichen zurück; die Vegetation begann mit doppeltem Blühen, und der Gedanke: „Nun bist Du in Italien, wo die Citronen blühen, und die Goldorangen glühen,“ setzte Allem die Krone auf. Es schien mir, nachdem diese gewaltige Scene überstanden war, als ob sich nach und nach eine neugeschaffene Erde aus dem öden Chaos erhob. Dort landete Noah in der Arche auf dem Ararat; bei jener Höhle saßen Deucalion und Pyrrha unter dem Baume. Hier spielten Baldur und Vidar mit den im Grase gefundenen Würfeln, und der frühere Kummer und die Beschwerden des Lebens schienen ihnen, wie ein verschwundener Traum.

Eine prosaische Ansicht. Turin.

Ein altmodischer, französischer Kaufmann saß bei mir im Wagen. „Welch ein Werk!“ rief er aus, „welch' ein Meisterstück!“ Ich glaubte, er meine die Natur und Schöpfung, er aber meinte nur den Weg. Er war ärgerlich über die Italiener und konnte nichts Italienisches leiden. Stets schwieg er, wenn ich begeistert bewunderte, bis wir ins Thal kamen und einigen Kühen mit großen Hörnern begegneten. „Seh'n Sie mal, mein Herr!“ rief er, „wie monströs Alles in diesem verfluchten Lande! wie übertrieben! — Die Leute haben hier gar keinen Geschmack.“ — „„Aber was wollen Sie denn in Italien, mein Herr?““ — Er zuckte mit den Achseln und seufzte: „Geschäfte!“ — „„Freilich,““ dachte ich, „„dann muß man zuweilen mit Geschmacklosigkeit und großen Hörnern vorlieb nehmen. — Sollten Sie wohl glauben,““ sagte ich nach einigem Schweigen, „„daß es einmal Menschen gab, die diese Berge überstiegen, als noch gar kein Weg vorhanden war?““ „Das sind dann wohl einzelne Wagehälse und Engländer gewesen.“ — „„Nein, ganze Nationen!““ — „Das muß dann in den fabelhaften Zeiten geschehen sein!“ sagte er mißtrauisch.

In Turin hätte ich mich beinahe verirrt, weil alle Häuser und Straßen da einander gleichen; es ist Alles sehr prächtig, aber monoton und menschenleer. Ich ging ins Theater; das hatte nicht viel zu bedeuten. Am nächsten Tage besah ich das große Opernhaus zum Ersatz, weil keine Oper gegeben wurde. Ich guckte in den finstern ungeheuren Raum hinein. Um mich etwas zu amüsiren, zeigte man mir die Maschinerie. Das half nicht viel. Mein einziger Trost war eine große Trommel, auf der ich einige Donnerschläge und Kanonenschüsse, wie ein zweiter Jupiter oder Napoleon, anbrachte. — Draußen regnete es. Hier fand ich zwar die Sonne wieder; aber unecht vergoldet, in einen Winkel hingeworfen und ihre zerrissenen Pappstrahlen mit Staub bedeckt. — Darauf zeigte man mir ein Druckwerk, durch das man wirklich nicht blos poetisches Wasser auf die Bühne bringen konnte. Man konnte auch den Hintergrund öffnen und die Zuschauer in die wirkliche Welt hinausblicken lassen, wenn der allzulange Aufenthalt im Reich der Phantasie ihnen Heimweh nach Dem geweckt hatte, was sie „besser und bequemer zu Hause“ hatten. Denn es geht dem großen Haufen, wie den Seehunden: sie können sich wohl einige Stunden lang auf den Steinen sonnen, die am Strande der Poesie liegen, aber sie müssen bald wieder in das (nicht salzige, sondern süße) Wasser der Prosa. Am stolzesten war der Vorzeiger des Pferdestalls, von wo aus die vierbeinigen Komödianten (eigentlich Tragiker, denn sie spielen nur in der Opera-Seria) auf die Bretter hinauskommen und in den musikalischen Haupt- und Staatsactionen agiren. In Berlin und andern Orten hat man auch Theaterpferde; es war mir nichts Neues.

In Turin besuchte ich Herrn Bonzanigo, einen Sculpteur en bois, wie er sich nannte; aber er schnitt auch sehr hübsche Sachen in Elfenbein aus. Er hatte wahres Talent und viel Erfindungsgabe, ein artiger alter Mann. — „Man muß Genie haben, um solche Dinge hervorzubringen,“ sagte ich zu ihm. „„Ja gewiß,““ entgegnete er ernst und freundlich, „„viel Genie.““ — Es lag durchaus keine Arroganz, keine Prahlerei in seinem Tone. Er betrachtete das Genie als eine nothwendige Bedingung für Kunstwerke. Derjenige, der keines hätte, meinte er wohl, müßte es lieber unterlassen, und darin hatte der alte Mann Recht.

Die Reisegesellschaft nach Mailand.

Ich reiste mit einem Vetturin nach Mailand. Im Wagen traf ich wieder meinen französischen Kaufmann, und ein ganz wohlgekleidetes Frauenzimmer, eigentlich ein Dienstmädchen, die nach Mailand reiste, um — wie wir später erfuhren — Kindermädchen zu werden. Sie erzählte uns, daß sie in einer kleinen französischen Stadt geboren sei, die ihren Namen nach einem wilden Mann führe, welcher in alten Tagen ganz nackt im Walde gefunden worden sei.

Ein närrisches, kleines Ding von 38 Jahren! Als sie sah, daß wir höflich gegen sie waren, gab sie sich gleich Damen-Airs, und holte eine Schachtel heraus, in der ein Spiel Karten lag. Ihre Schürze heftete sie mit Stecknadeln an unsere Knie an und auf diesem Tisch lud sie uns ein, Mariage zu spielen. — Es schien, als ob sie Lust hätte um Geld zu spielen, um das Spiel interessanter zu machen; aus Eigennutz war es nicht, denn sie verlor beständig. Deshalb wollten wir auch nicht um Etwas spielen. Der alte Kaufmann, der sich darüber freute, eine Landsmännin in dem armseligen Italien zu finden, bat sie, etwas zu singen. „Sie haben gewiß eine schöne Stimme!“ — Das ließ sie sich nicht zwei Mal sagen. Mit einer Prise Tabak in der einen, und den Karten in der andern Hand, fing sie nun an, wie eine Nachtigall zu schlagen. Es war eine Romanze, in der viel von tendresse und einem traître vorkam, der seine Geliebte verlassen hatte.

Das „provisorische Kindermädchen.“

So singend und zuhörend kamen wir nach Chivasco, wo das provisorische Kindermädchen die Honneurs bei Tisch machte, aber mit den Zurichtungen unzufrieden war. Sie erzählte uns, daß sie lange in einem Kloster gelebt habe, ohne doch das Klostergelübde abgelegt zu haben, wo an den großen Festtagen das ganze Personal, von der Priorin bis zu der fille du bassecour (wahrscheinlich sie selbst), in dem großen Refectorium gespeist hatte.

In Cilano brachten wir einige Stunden in der Nacht zu. Hier schlief ich in einem großen Zimmer mit zwei andern Betten außer dem meinigen. In dem einen lag der alte französische Kaufmann, in dem andern ein junger, fremder Italiener. Hier hatte ich wieder meine alte Räubervision und sprang zum Bette heraus. — Glücklicherweise schrie ich nicht; denn sonst wäre gewiß das ganze Haus in Aufruhr gekommen, hier in einem Lande, wo Räuberabenteuer nichts ungewöhnliches sind. Freilich hörte man damals weniger, als jetzt von dergleichen; die strenge französische Polizei jagte den Verbrechern Furcht ein und verminderte zum Theil die Gewaltthätigkeiten und die Unsicherheit auf den Landstraßen. Endlich kamen wir nach Mailand und waren Alle froh, nur nicht unser Gesellschaftsfräulein; sie sollte nun in Dienst gehen, und das kurze Damenleben war vorüber; sie weinte, als sie Abschied von uns nahm.

Der „bezahlte“ Schlingel. — Das Gerücht.

Unser Vetturin, ein großer, langer, ernster Mann im grünen Ueberrock, mit einem schwarzen Zopf im Rücken, war auf der Reise einmal so nachlässig und langsam gewesen, daß wir erst lange nach dem Ave Maria in die Herberge kamen; was immer sehr gefährlich in Italien ist; denn nach dem Ave Maria sind die Landstraßen nicht mehr vor Räubern sicher. Ich hatte ihn deshalb einen Schlingel genannt. Kaum war das Wort gesagt, so that es mir leid. Er war sonst ein ehrbarer, gravitätischer Mensch und glich mehr einem Herrn, als einem Diener. Er schwieg und sah mich ernst an. Ich dachte an die italienische Rache und mir wurde darum nicht gut zu Muthe. Indessen ging Alles gut bis Mailand hin. Der Vetturin trat höflich ins Zimmer zu mir, um sein Geld zu holen. Ich grüßte ihn freundlich, bezahlte ihm die bestimmte Summe, darauf das Trinkgeld und legte noch einen Scudo obenein hin. Er strich das Geld ein, nahm darauf den einzelnen Scudo, sah erst ihn, dann mich an, und sagte, indem er fortging, mit einem gutmüthigen, bedeutungsvollen Lächeln und einer kleinen Verbeugung: „Das war für den Schlingel!“

Die Italiener haben ein zartes Ehrgefühl; man muß sich hüten, sie zu verletzen, und lieber ihre Faulheit und Nachlässigkeit ertragen. In Mailand erfreute es mich am meisten, den großen Marmordom, ganz gothisch, oder altdeutsch, jenseits der Alpen zu sehen, ein kräftiges Denkmal deutschen Einflusses hier im Mittelalter. Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Reise, sondern mein Leben schreibe, und deshalb eile ich rasch über die Merkwürdigkeiten hinweg, über die man in hundert Büchern lesen kann. — Das kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich habe Vieles aufmerksam betrachtet und gefühlt, dessen ich hier nicht erwähne; was als Gegensatz manchem andern Reisenden dienen kann, der aus andern Werken über Dinge abschreibt, die er nie gesehen hat.

In Mailand. — Landsleute.

In Mailand traf ich den jetzt verstorbenen Theatermaler Wallich aus Kopenhagen; er führte mich im Schauspielhause in eine Loge zu mehreren vornehmen Damen, welche begierig waren, den jungen Dänen zu sehen, „der Frau von Staël Holstein heirathen sollte.“ Ich bat Herrn Wallich um Gottes Willen, den Damen diesen Traum zu benehmen, und begriff nicht, wie solch leere Gerüchte über die Alpen gekommen sein konnten. Aber je leerer ein Gerücht ist, desto leichter fliegt es. — Wie bekannt, empfangen die italienischen Damen in den Logen Besuche; auf das Schau- oder eigentlich Singspiel achten sie nur wenig, außer, wenn eine beliebte Bravourarie gesungen wird. Bei diesen schönen, artigen Damen traf ich auch den Maler Rossi, der das herrliche Bild, das Abendmahl, von Leonardo da Vinci copirte. Eigentlich mußte er rathen, wie es in Santa Maria della Gracia ausgesehen habe; denn erst mit Kalk überweißt, und dann wieder halb abgewaschen, sind die Farben kaum kennbar; nur die Umrisse haben sich einigermaßen erhalten.

Ich hatte das Vergnügen, noch einen Landsmann, Herrn Dalgas, zu treffen. In Mailand sah ich zum ersten Male eine Opera buffa: le nozze di Lauretta, sehr gut gegeben, mit allen Lazzis und dem lustigen Uebermuth der italienischen Laune. Dies ist echt italienisch! Ihre Seria ist eine schlechte, verzeichnete Copie der griechischen und römischen; und die Musik größtentheils gleich uncharacteristisch obwohl häufig prächtig und wohlklingend. Den Tag darauf sah ich eine Hinrichtung. Ein elender, bleicher, zitternder Räuber wurde guillotinirt. Der kräftige, rothwangige Scharfrichter, malerisch gekleidet, mit einem breiten runden Hute über dem grünen Haarnetze, stach wunderlich gegen jenes elende Geschöpf ab, das, in Lumpen gehüllt, auf einer hölzernen Trage herbeigeschafft wurde, während ein Mönch neben ihm herlief, und ihm einen Holzschnitt des Gekreuzigten, auf ein Stück Pappe geklebt, wie einen Fächer vors Gesicht hielt. — Als das Haupt des Sünders abgeschlagen war, nahm der Scharfrichter sein Taschentuch und steckte es unter sein eigenes Kinn, als ob er barbirt werden sollte. Aber er that es, um nicht blutig zu werden, indem er das Haupt auf eine Eisenstange steckte, unter der der Name und das Verbrechen des Hingerichteten mit großen Buchstaben stand. — Kaum hatte ich den Namen „Raphael“ gelesen, als ich von dannen eilte. Es schmerzte mich, den großen Namen entheiligt zu sehen. Ich hatte erst kurz vorher ein vortreffliches Bild von Raphael d'Urbino aus seiner ersten Periode: Joseph's und Maria's Abschied bewundert.

Hinrichtungen.

Es ist gewiß, daß ich, obwohl mir nicht Gemüth fehlte, in meiner Jugend Neigung hatte, den Hinrichtungen beizuwohnen. Das Entsetzen, welches damit verbunden war, hat etwas Stachelndes und Anziehendes. Die Phantasie trieb ihr Spiel. Die Menge der Frauenzimmer eilt gewöhnlich aus einem andern Grunde, einem falschen Gefühle, dorthin, welches sie bewegt. Sie gehen zu einer Hinrichtung, wie sie zu einer Tragödie gehen, um über Etwas weinen zu können. Ich aber weinte nicht. In einer frühern Periode war ich so eifrig auf dergleichen versessen, daß ich, als Herzlein (ein Goldschmied, der seine Geliebte aus Eifersucht erschossen hatte) geköpft werden sollte, auf einen großen sentimentalen Glasermeister schimpfte, der im Gedränge vor mir stand, und mich durch seine Bewegungen beinahe daran verhindert hätte, die Hinrichtung zu sehen. Aber ich sah sie; und als der Unglückliche im letzten Augenblicke verzweifelt sein Auge gen Himmel aufschlug, ehe er sich auf den Block legte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich so matt und abgestumpft, als ob ich all' meine Seelenkräfte verloren hätte, und als ein so vergängliches Nichts, wie das dürre Gras, auf das ich trat. Am Abend, als ich mich in der Sommerdämmerung im Dunkeln auskleidete und das Auge zufällig in den Spiegel fiel, erbebte ich vor mir selbst in den bloßen Hemdärmeln. Es war mir, als ob ich mich auskleidete, um hingerichtet zu werden. Es vergingen mehrere Tage, ehe ich mich fassen konnte. Und doch sah ich andere Hinrichtungen. Einen Mordbrenner, der nach dem Köpfen verbrannt wurde, wollte ich auch sehen; dieses Mal aber ging ich fort, ehe er kam, als ich den Scheiterhaufen erblickt hatte. Dagegen sah ich einen Seecapitain, den der Pöbel Capitain „Rührei“ nannte, weil er in diesem Gericht seinen Schwiegervater vergiftet hatte; zugleich mit einem andern Mörder, einem Matrosen, hinrichten. Man erzählt, daß, als sie zum Tode gingen und Abschied von einander nahmen, der Matrose mit einem frommen Gefühle sagte: „Lebewohl! Wir sehen uns droben bald wieder!“ worauf Capitain Rührei kalt antwortete: „Hm! das ist nicht so gewiß!“ — Ich glaubte, ich würde ein häßliches, finsteres Haupt auf der Stange sehen; aber es war ein hübsches Gesicht, fast wie das eines Mädchens, mit blondem, lockigem Haar.

Todesstrafe.

Man hat soviel für und gegen die Todesstrafe geschrieben. Mir scheint, daß die Nothwehr und die Selbstvertheidigung der menschlichen Gesellschaft sie unentbehrlich machen. Raubmorde würden freilich vermindert werden, wenn der Räuber bei dem einfachen Raube nicht mehr sein eigenes Leben wagte; aber der Rache- und Feindesmord würde vermehrt werden, wenn der Brutale und Böse wüßte, daß er durch den Mord des Verhaßten sich nur einer Gefangenschaft aussetzt, aus der eine gewandte Flucht ihn befreien kann. An die beständige Besserung des in Grund und Boden Verderbten zu denken, ist eine fromme Illusion. Der Verbrecher wird mit einem so guten Gefühle und so vortrefflichen Grundsätzen, wie ein frommer Geistlicher sie ihm geben kann, in das andere Leben hinübergeführt. Er wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, deren Mitglied zu sein, er nicht mehr würdig ist! Aber wir glauben ja an ein ewiges Leben! Nur wer an der Unsterblichkeit zweifelt, findet die Todesstrafe in jedem Falle grausam und unmenschlich. Freilich kommt es dabei weit mehr auf die Beweggründe, als auf die Handlung selbst an, und deßhalb müssen edle, weise Richter hierbei prüfen und entscheiden.

Daß die Anwendung der Todesstrafe wegen Mordthat in Italien von außerordentlicher Wirkung war, so lange Napoleon's Gesetze galten, wissen Alle, welche Gelegenheit hatten, den Zustand im Lande damals und später kennen zu lernen. Ein Italiener versicherte mir, daß in seiner Jugend eine große Menge junger Leute in dieser Gegend Morde begangen und sogar damit geprahlt hätten. Nach Napoleon's Zeit wimmelte es wieder von Räubern und Mördern auf den italienischen Landstraßen. Der abscheuliche Menschenfang kam auf, und wenn sich die Fortgeführten nicht durch großes Lösegeld freikauften, so wurden sie gemordet, ja zuweilen erst gepeinigt. Damals, als ich reiste, wurden alle Räuber ohne Barmherzigkeit gleich hingerichtet und die Folge davon war, daß die Wege bald viel sicherer und die Reisenden viel seltener geplündert wurden. Indessen war es doch noch nicht vorbei. Einige Tage darauf, als wir von Mailand nach Lodi reisten, begegneten wir achtzehn gefangenen Räubern in Ketten, und als wir den Führer fragten, welches Schicksal ihrer harre, machte er mit dem Finger ein Zeichen um den Hals.

Die Dorfwirthshäuser.

Diese Gegenden sind gefährlich, obgleich weder Felsen noch Höhlen da sind; aber man fährt mehrere Meilen weit durch öde Gegenden mit dichten Weidenhecken an beiden Seiten. In dieser Einsamkeit können die Reisenden leicht überfallen werden; die Räuber verbergen sich gleich in den Hecken und die wenigen Bauern, welche hier und da wohnen, wagen es nicht, den Räubern hinderlich zu sein, stehen wohl auch oft mit ihnen im Bündniß.

Jetzt wurden wir in vielen Wirthshäusern vollständig von der schlechten Lebensweise des italienischen Landvolkes überzeugt, von der wir soviel gehört hatten, an die ich aber nicht recht glauben wollte. Konnten sie auch nicht Steine in Brot verwandeln, so verwandelten sie doch wenigstens Brot in Stein. Ein Wirthshaus führte in seinem Schilde eine Katze, die eine Maus zwischen den Krallen hielt. Sehr einladend! Und hätten wir uns daselbst mit Mäusen begnügen wollen, so hätte es uns auch nicht an Wild gefehlt.

In besseren Wirthshäusern mußten wir Freitag und Sonnabend fasten, doch wurden größtentheils Fleischspeisen auf einem besondern Tisch für die Ketzer und für Diejenigen angerichtet, welche Dispensation erhalten hatten. Es wurde dann gefragt: ob man magro oder grasso speisen wollte. In San Domino verführte ich eine junge Römerin, die sehr hungrig war, an einem Freitage Fleisch zu essen; aber meine Sünde wurde auch in der nächsten Nacht auf folgende Weise bestraft.

Bestrafte Ketzerei.

Wie ich im besten Schlummer lag, klopfte es an meine Thür, und der Hausknecht trat mit einer Laterne herein, um die Hiobspost zu verkünden, daß ich aufstehen müsse, der Kutscher wolle weiter fahren. Ich sprang aus dem Bett, und fing an, mich anzukleiden; aber als ich nach der Uhr sah, war es erst 3, und ich wußte, daß wir erst um 5 Uhr weiter sollten. Ich lief in den Hof hinunter, in der Hoffnung, daß ich wenigstens die Fuhrmannsscene aus Shakespeare's Heinrich IV. aufgeführt sehen würde. Aber da war kein Mensch. Endlich entdeckte ich den Irrwisch. — Er sagte ganz ruhig, daß wahrscheinlich eine andere Herrschaft fort müsse und ging seiner Wege. — Ich legte mich von Neuem zur Ruh; aber kaum war ich eingeschlafen, als der unruhige Kobold wieder vor meinem Bette stand. „Nun sei es richtig,“ meinte er. Ich sprang wieder auf, sah nach der Uhr und diese zeigte auf 4. Als ich sie ans Ohr gehalten und mich überzeugt hatte, daß sie richtig ging, fing ich an, den Kerl zu schelten, der so unrichtig ging; nahm mich aber doch in Acht, ihn beim rechten Namen zu nennen. Ich legte die Uhr wieder unter mein Kopfkissen und schwor darauf, daß ich nun nicht vor 5 Uhr aufstehen würde. Das Gespenst ließ sich nicht wieder sehen, und hätte ich nicht selbst aufgepaßt, so wäre der Wagen wahrscheinlich ohne mich fortgefahren. Ich nahm mir diese Warnung ad notam und habe es seitdem nie wieder versucht, Katholiken zur Ketzerei zu verführen.

Parma. — Correggio's Frescomalereien.

In Parma sah ich in San Giuseppe und San Giovanni Correggio's Frescomalereien. Während ich nach der herrlichen Wölbung, mit der Brille auf der Nase, hinaufblickte, füllte sich die Kirche nach und nach mit Andächtigen, welche rund um mich herniederknieten. Ich wollte kein Aufsehen erregen, und mochte auch nicht mit ihnen knieen, weil das affectirt ausgesehen haben würde; ich ging nun in einen Winkel, wo mich Keiner bemerkte, und da betete ich auch auf meine Weise. Ich finde dieses Gebet in meinem Tagebuche mit einigen Bemerkungen über Kunst niedergeschrieben, die hier unrecht angebracht sein würden. Das Gebet in San Giovanni war ungefähr folgendes: „Guter Gott! bewahre mein Herz offen und rein, daß es Deine Größe, Güte und Schönheit in Natur und Menschenwerken zu erkennen vermöge. Beschütze mein Vaterland, meinen König, meine Geliebte, meine Freunde! Laß mich nicht im fremden Lande sterben; sondern glücklich in meine Heimath zurückkehren. Gieb mir Munterkeit und Muth, meine Bahn auf Deiner schönen Erde zu wandeln, ohne krankhaft und bitter meine Feinde zu hassen, ohne mich sclavisch und feig den Vorurtheilen der Welt zu unterwerfen. Schenke mir stets Dichterkraft! Du hast meinen Geist für die Kunst geschaffen, und dies ist das stärkste Sehrohr, durch das ich Deine Herrlichkeit schauen kann. Laß mich nach meinem Tode in meinen Werken leben, gleich diesem guten Correggio, so daß, wenn ich Staub bin, noch manche jugendliche Brust durch meine Gesänge begeistert werden könne!“

So ungefähr betete ich unter Correggio's Kuppel; und damals entstand wieder der Gedanke klar in meiner Seele, ein Schauspiel über ihn zu schreiben. Die Idee dazu war mir bereits in Paris gekommen; und später in Modena, als ich das kleine Frescogemälde über dem Kamin in dem Palast des Herzogs sah, welches Correggio gemalt haben soll, als er erst siebenzehn Jahr alt war, wurde der Entschluß gefaßt.

Ein Engel bietet auf diesem Bilde dem kleinen Jesus Kirschen in einer Schale dar; auf dem Schooße seiner Mutter ißt er davon. Die Schönheit, Liebenswürdigkeit und Unschuld, besonders in den Gesichtern des Engels und der Maria, können nicht herrlicher ausgedrückt sein. Noch sieht man auf dem Bilde Joseph und einen andern Mann. Joseph hält ein Spielzeug in der Hand, eine Stadt (vermuthlich Jerusalem), ähnlich den jetzigen nürnberger Spielsachen. Zwei Kaninchen spielen zu den Füßen des Engels. Junges Myrthenlaub wächst im Hintergrunde. Kann man sich etwas Anmuthigeres, Naiveres denken? — Man hat eine Legende von Jesus, wie er als Kind kleine Vögel aus Ton machte, die zu fliegen begannen, als er vor Freude über sie in die Hände klatschte. Das Gemälde hier ist ganz in demselben Geiste, und hätte Correggio auch nichts Anderes der Art gemalt, so wäre das schon genug, um seinem Verhältnisse zu Weib und Kind in meinem Trauerspiele historische Wahrheit zu geben.

Bologna.

In Bologna haben die Häuser ebenso wie in Bern Bogengänge längs der Straßen, nur viel schöner. — Ich sah hier das alte französische Lustspiel, Advocat Patelin, von französischen Schauspielern sehr gut aufführen. — Die herrlichen Kirchen erhoben und freuten mich durch ihre großartigen Verhältnisse und ihren schönen bunten Marmor. Neptun, von Giovanni, steht auf dem Markt mit dem Fuße auf einem Delphin, mit seiner Quos ego-Miene und dem mächtigen Dreizack in der Hand. Ueppige Najaden sitzen zu seinen Füßen und drücken mit hübschen Händen das Wasser aus der vollen Brust. Knaben spielen mit Delphinen, überall sprudelt das Wasser reichlich.

Kunstwerke, Naturschönheiten.

In der Kirche St. Petronio stellte ich meine Uhr nach einer seltsamen Sonnenuhr. Durch ein Loch in dem Kirchengewölbe fällt der Lichtstrahl, gerade wenn die Uhr zwölf schlägt, auf ein Marmorkreuz auf dem Fußboden der Kirche, genau in die Mitte des Kreuzes. Ich sah in Bologna die anatomischen Wachsfiguren. Obgleich diese wohl für einen Anatomen ex professo bei Weitem nicht so nützlich sind, als der wirkliche Menschenkörper, so eignen sie sich doch sehr, einem gebildeten Menschen, der nicht Anatomie studirt hat, Kenntniß von seinem eigenen Körper zu verschaffen. Das Widerliche verschwindet ganz, indem man Fett, Fleisch und Knochen hübsch gefärbt und im reinen Wachse sieht. Man bewundert das Kunstwerk des Schöpfers, ohne von dem Gedanken an die eigne Vernichtung niedergebeugt zu werden. Doch können selbst wirkliche Theile des menschlichen Körpers durch die Reinlichkeit des Präparats und eine hinzugesetzte hübsche Farbe das Unangenehme verlieren. So sah ich einmal bei einem Arzte gut zubereitete Menschenknochen, in Kalk ausgekocht, die wie die schönste Drechslerarbeit aussahen, und ich wurde recht an Benvenuto Cellini erinnert, welcher will, daß Kinder die Zeichnenkunst damit beginnen sollen, daß sie das schöne Menschengerippe, wie er's nennt, nachbilden. Ja wahrlich! Nur die Todesfurcht, der Gedanke an unsere eigne Auflösung macht uns den zergliederten menschlichen Körper zuwider; sonst würden wir hierin mehr als in einem andern Gegenstande die Weisheit des Schöpfers bewundern. — Ich sah in Bologna viele Gemälde und ein herrliches Kunstwerk in Silber von Benvenuto Cellini, die Abnahme Christi vom Kreuze.

Wenn man über die Alpen kommt, fühlt man sich geneigt, die Apenninen mit Remusaugen zu betrachten, als ob sie nur eine Romulusmauer wären; doch war es in diesen Bergen kälter als ich geglaubt hatte; und als wir höher hinaufkamen und der Berg uns seine nackte Stirn zeigte, bekamen wir Ehrfurcht vor ihm.

In dem schattigen Felsenrisse schlummerte noch eine nordische blonde Riesin; das Gebüsch verbarg nur halb ihren weißen Schneekörper. Sie war gleich einem Zugvogel von Thule nach Italien geflogen und hatte sich hier verspätet. Wir sahen ihr Schicksal voraus. Bald würde Phöbus Apollo sie mit seinem brennenden Pfeile treffen und ihr klares durchsichtiges Blut würde in den Arnostrom dahinfließen. Wild und übermüthig haben die Cyclopen in ihren Freistunden hier mit den Felsen Kegel gespielt. Vulkan muß sie plötzlich wieder zur Arbeit zurückgerufen haben; denn Kegel und Kugel liegen in größter Unordnung neben einander. Ich glaube, daß es hier noch zuweilen spukt; man versicherte mir, daß ein kleiner Kobold noch zuweilen seine rothe Flammenzunge, wenn es regne, aus dem Schooße der Erde stecke, um seinen Durst zu löschen.

Florenz: Kunstwerke. Die Statuen von Caligula und Nero.

In Florenz hielt ich mich 14 Tage auf und hatte also Gelegenheit, die Merkwürdigkeiten dieser schönen Stadt zu sehen, besonders da ich ohne Gesellschaft war und mich vom Morgen bis Abend damit beschäftigte, Alles von Wichtigkeit kennen zu lernen. Freilich regnete es mehrere Tage stark, dies verhinderte mich aber nicht daran, nach Bruneleschi's großer Domkirche zu gehen und das Basrelief auf den erzenen Thüren des Battisterio zu betrachten. In meiner Romanze, die Rosenbäume, habe ich eine alte Legende mit meinen Erinnerungen an die alte Domkirche vereinigt. Da ich Niemand in Florenz kannte, kurz vorher Benvenuto Cellini's Leben, und vor nicht langer Zeit Boccaccio's Novellen gelesen hatte, so lebte ich hier wie im 5. oder 6. Jahrhundert. Ich ging an jedem Tage an dem Palazzo vecchio vorüber, besuchte die Logen, wo Benvenuto's Perseus steht; ebenso Cosimo de Medicis Statue von Giovanni Bologna; und nichts konnte mich aus dem Traume erwecken. Alles deutete auf die alte Zeit hin. — Ich besuchte die Mönche im Kloster und sah sie in ihrem Laboratorium Heilmittel zubereiten; ich hörte Musik in den Kirchen. Zuweilen begegnete ich einem Leichenzuge mit dem Todten auf offener Bahre; die Priester gingen mit angezündeten Lichtern und die Straßenjungen mit kleinen Düten nebenher, indem sie das herabtröpfelnde Wachs auffingen. Ich sah Michel Angelo's David vor dem Palaste und in den Galerien die langen Büstenreihen der Mediceer, so wie die Büsten der römischen Kaiser, wo Nero's fettes, gemeines Gesicht, und Caligula's unverschämter, spitznasiger Wolfskopf mir so ähnlich schienen, daß sie mich zu einem sonderbaren Einfall verführten. Ich sah mich erst um und als ich mich allein fand, spuckte ich ihnen beiden ins Gesicht. Ich ging oft in dem schönen Hain außerhalb der Stadt spazieren, wo ein Denkmal des Narciß an der Quelle errichtet ist, und hörte die Nachtigall schlagen, was mich sehr erfreute; es war die erste die ich hörte, seitdem ich den Friedrichsberger Garten verlassen hatte. — An dem Sonnabend zwischen Charfreitag und dem Ostertage sah ich den Aufzug mit dem Feuerwagen vor der Domkirche, den ich später in meiner Novelle die Glücksritter benutzt habe. — Das Einzige, was mich aus der alten in die neue Zeit versetzte, war die moderne Opernmusik; denn die Gegenstände selbst: Gerusaleme distrutta und Judith hätten es nicht gethan. Mit meinem Wirth in Aquila nera hatte ich ein Abenteuer, das sich eben so gut in der alten wie in der neuen Zeit hätte zutragen können; denn er betrog mich um Geld.

Man hatte mir sein Haus als das vorzüglichste gelobt, obgleich ich hörte, daß das von Schneider viel besser sei. Der Wirth in Aquila nera kam mir sehr galant, aber auch vornehm entgegen, und erzählte von allen Dänen, die bei ihm gewohnt hatten, besonders von der Dichterin Frau Brun und dem Minister Baron Schubart, der einmal die von Livorno nach Hause reisenden dänischen Matrosen bewirthet hatte, die während der Mahlzeit Hurrah riefen, daß es eine Lust war.

Ein Gaunerstreich.

In den ersten paar Tagen war ich recht zufrieden in Aquila nera. Am dritten Morgen, während ich noch halbwach im Bette lag, hörte ich den Wirth, gleich Jakob von Tyboe auf dem Gange lärmen; er trat sehr geschäftig bei mir ein und bat mich, ihm rasch 5 Louisd'or zu geben; er solle gerade in diesem Augenblicke etwas Gold auszahlen und die Juden hätten wegen des Sabbaths ihre Boutiquen geschlossen. — Ich betrachtete es als eine große Ehre, holte meine kleine Börse und hätte ihm gern mehr gegeben. Solch' ein Mann! der über 30 Jahre der vornehmste Gastwirth in Florenz gewesen war! — Aber er wollte nur 5 Louisd'or haben, das lohne ihm Gott! Sonst wäre ich nicht nach Rom gekommen.

Den Tag darauf wurde das Essen schlechter; ich äußerte mein Mißvergnügen darüber und sagte dem Aufwärter, daß ich mich bei seinem Herrn beklagen werde. „Ah!“ entgegnete dieser und machte mit dem Daumen eine jener ausdrucksvollen Bewegungen, deren die Italiener so viele haben, „il padrono va via!“ — Und nun hörte ich, daß der Mann gerade Bankerott gemacht habe und ein Anderer ihn ablösen solle. — Dieser Andere fing eine neue Rechnung mit mir an und von meinen 5 Louisd'or bekam ich nichts zurück. Freilich begegnete ich einmal dem früheren Wirthe auf der Treppe und erinnerte ihn; aber in seinem vorigen vornehmen Ton sagte er, ohne sich verblüffen zu lassen: „Ach mein Herr! ich habe Sie nicht vergessen; aber ich habe hier viel Geschäfte; das Haus ist groß; die Reihe wird auch an Sie kommen!“ Darauf hatte ich nun keine Zeit zu warten und reiste um 5 Louisd'or leichter ab.

Das Wetter war in der letzten Zeit immer noch schlecht. Um drei Uhr des Morgens fuhr ich am 6. April von Florenz fort. Mein alter französischer Kaufmann, den ich 14 Tage lang nicht gesehen hatte, saß wieder im Wagen und schimpfte auf das italienische Wetter. In einem Hohlwege, ziemlich fern von allen menschlichen Wohnungen, stürzte das eine Maulthier; glücklicherweise kam es wieder auf die Beine. Wir hätten hier wirklich singen können: „Das Maulthier sucht in Nebeln seinen Weg;“ aber wir waren gar nicht aufgelegt zu singen und das hätte uns auch nicht getröstet.

In Siena sah ich die schöne alte Kirche. Unser Kutscher war ein Grobian und ein verrückter Kerl; aber ich nannte ihn doch nicht Schlingel. Außerhalb der Stadt lag ein großer Stein, über den er bald unsern Wagen umgeworfen hätte. Blaß wie eine Leiche im Gesicht und mit funkelnden Augen fing er nun an mit entsetzlichen Flüchen nicht allein alle Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Großeltern und Urväter in die tiefste Hölle zu verwünschen.

Der Lago di Bolsena. Schneefall.

Endlich kamen wir nach dem Lago di Bolsena, wo die Menschen alle gelb wie Leder im Gesicht sind, dicke wassersüchtige Wänste tragen, und gezwungen gewesen waren, der schlechten Luft wegen ihre Stadt San Laurento niederzureißen und eine andere weiter oben zu bauen, um nicht vollständig zu crepiren. — Wir fuhren an vielen natürlichen Höhlen vorüber, die mich an Polyphem, Ulysses und Circe, Aeneas und Dido, David und Saul erinnerten. Der beständige Regen verwandelte sich zuletzt in einen Schnee, der fingerdick auf Erde und Bäume fiel. Ich glaubte nun wirklich, daß der Weg nach Tobolsk hinführt und konnte gar nicht fassen, daß wir zwischen Florenz und Rom seien. Aber mein alter Franzose wurde immer froher und froher, weil er nun mit Recht auf Italien schimpfen konnte. Auf unserer ersten Reise in den schönen Tagen, wo Alles lächelte und blühte, war er ganz ärgerlich und verstimmt; er hatte sich damals an nichts Anderes, als an die schlechte Bewirthung und an die großen Ochsenhörner halten können; nun dagegen konnte er aus Herzenslust über „le beau sol d'Italie“ spotten, und dies erleichterte und tröstete ihn unendlich.

In Montefiascone wurde wieder magro gegessen. Wir fragten, ob wir denn gar nicht etwas grasso erhalten könnten? Ein junger Römer, der in der Küche stand und sehr eifrig Eier aß, sagte: „Wir sind hier in einem christlichen Lande, in einem christlichen Lande ißt man am Sonnabend kein Fleisch.“ Mein alter Franzose fragte ihn: „ob er denn glaube, daß wir Juden seien? er solle seine Eier essen und sich nicht um die Diät anderer Leute kümmern.“ Der Italiener sagte, er hätte nur generalmente gesprochen. Ich antwortete: „er würde am besten thun specialmente bescheiden zu sein und generalmente andere Leute essen zu lassen, was sie wollten.“ Darauf ging er sehr höflich rasch seines Weges.

Johannes de Fugger's Grabschrift.

Während wir bei der schlechten Mahlzeit und bei dem noch schlechteren Weine saßen, kam ein deutscher Reisender von der Kirche, wo er das Grab eines berühmten Landsmannes gesehen hatte. Andere Zeiten, andere Sitten und hier wahrscheinlich anderer Wein. Jener deutsche Prälat reiste früher in diesen Gegenden umher, gerade um guten Wein zu finden. Wo er ihn fand, weilte er eine Zeitlang und schrieb an seine Thüre: „Est.“ Besonders in Montefiascone mußte ihm der Traubensaft geschmeckt haben; denn er hatte sich dort zu Tode getrunken und sein Diener setzte ihm folgendes Epitaph:

„Est, est, est! Propter nimium est Hic Johannes Fugger, Dominus meus, mortuus est.“

Hätten wir viel von dem jetzigen Wein getrunken, so wäre es uns wahrscheinlich ebenso gegangen wie dem seligen de Fugger bei dem Baron von Montefiascone.

Ein Ehepaar.

In Ronziglione ging der Wagen entzwei; wir dankten Gott, daß es nicht mitten auf der Landstraße geschehen war. Während der Kutscher ihn wieder mit Stricken zusammen band, suchte ich in einem kleinen Stalle Schutz vor dem Platzregen, wo ich ein Schaf und einen Esel an die Krippe gebunden fand. Meine müßige Phantasie, von Göttern und Menschen verlassen, ließ mich in diesen Thieren ein altes ehrwürdiges Ehepaar sehen. Der Esel schien mir der Mann, etwas bejahrt, mit vieler Menschenkenntniß, aber zurückhaltend und wenig sprechend, obgleich seine philosophische Miene zeigte, daß es ihm nicht an Nachdenken mangelte. Das Schaf, seine Frau, schien in ihren jungen Jahren eine hübsche Blondine gewesen zu sein; nun hatte aber ihr Teint sehr gelitten und war etwas ins Gelbliche gefallen. Sie schien nicht viel Geist zu besitzen, hatte aber ein gutmüthiges Wesen. Ich fragte den Mann, ob er die neuesten Zeitungen gelesen habe? — Ob es wahr wäre, daß der König von Schweden abgesetzt sei? — Er schwieg. — Ich verdachte es ihm nicht; wer mochte wohl damals, wo das Spionirwesen so stark im Schwunge war, sich mit einem wildfremden Menschen in einen politischen Discurs einlassen? Ich gab dem Gespräch eine andere Wendung, näherte mich der Frau und lobte die italienischen Naturschönheiten. — Sie schwieg — vielleicht aus Bescheidenheit: vielleicht glaubte sie, es sei Spott, weil wir armen Ultramontanen so lange Zeit hindurch das elendste Wetter in Italien gehabt hatten. Darauf fing ich ein galantes Gespräch mit ihr an, lobte ihren blonden Teint und sagte: sie gliche mehr einer Nordländerin als einer Italienerin; ohne Zweifel flösse lombardisches Blut in ihren Adern. — Sie lächelte gerührt. — Gerne hätte ich noch länger bei diesen braven Eheleuten geweilt, die mir so durchaus die Geschichte von „Philemon und Baucis“ ins Gedächtniß zurückriefen; aber — der Wagen war mit Stricken zusammengebunden und wir mußten fort. — Das ist das Unangenehme bei Reisen; kaum ist ein angenehmes Freundschaftsband geknüpft, so wird es bald wieder zerrissen.

Wie gern würde ich hier nun ein schönes Naturgemälde liefern, um den zarten Seelen zu gefallen, die solche humoristische Stallfütterung nicht leiden mögen und nur mit ihren Gefühlen auf schönen Wiesen zwischen Blumen und Blüthen grasen. Aber was kann ich dafür? Es regnet noch immer und der schlecht gebundene Wagen kriecht langsam wie eine Schnecke den Hügel hinauf.

Ein schönes Wirthshaus.

Den Abend, bevor wir nach Rom kamen, klärte sich der Himmel auf und ich konnte wieder in der Abendkühle spazieren gehen, während der Wagen erst langsam nachkam. Weithin auf dem Felde sah ich das Haus, wo wir cena halten sollten, und ich dachte: „Das ist wieder eins von den gewöhnlichen Hundelöchern.“ Aber — im Gegentheil — das Haus war groß und reinlich; und was noch besser war, auf der Treppe begegnete mir die Tochter des Wirthes mit einem Gesichte, das nicht idealisirt zu werden brauchte. Aber sie verschwand gleich wieder wie eine Sternschnuppe. Als ich ins Zimmer trat und darüber nachdachte, wie ich das schöne Mädchen wieder zu sehen bekommen könnte, hörte ich Jemand auf dem Gange gehen. Ich öffnete die Thür in der Hoffnung, daß sie es sei. Aber eine ganz kleine Haushälterin stand mit einem Schlüsselbunde vor der Thür und fragte, ob der Herr Etwas zu befehlen hätte? — Ich glaubte erst eine kleine Zwergin im Halbdunkel zu sehen, aber als sie näher trat, war es ein liebliches Mädchen von 7 Jahren, die Schwester der verschwundenen Schönen und eigentlich ein Miniaturbild von ihr. Die dunkeln Augen waren fast ebenso groß wie die des Originals; das kleine Mädchen war geputzt, denn es war Sonntag und sie hatte ein grünseidenes Tuch um den Kopf. — Ich nahm sie auf den Schooß, küßte sie und fragte: „Wie heißt Du?“ — „„Sancta!““ antwortete sie und hob die hübsche Hand auf, um mir den Silberring an ihrem Finger zu zeigen. Als ich sie wieder losgelassen hatte, verschwand sie wie eine Elfe; bald aber kam sie mit zwei großen Weinflaschen zurück, die sie auf den Boden setzte, weil sie den Tisch nicht erreichen konnte.

Die erwachsene Schwester kam nicht wieder. Später glaubte ich sie über den Gang mit der Kleinen in ein entfernteres Zimmer gehen zu hören. Ich machte mir ein Geschäft daselbst und öffnete die Thür, um Etwas zu verlangen; hier hatte ich ein schönes Bild:

Ein hübscher dreijähriger Knabe saß auf dem Schooße der Schönen und sie kleidete ihn aus, um ihn zu Bett zu bringen. Während sie ihm das Kleidchen auszog, sagte sie ihm stückweis ein Abendgebet vor, das das Kind nachsagen mußte, um es allmälig auswendig zu lernen. Er that es halb willig aus Gewohnheit, halb verdrießlich, weil er sehr schläfrig war, und half aus allen Kräften beim Auskleiden. Eine hübsche Gruppe, und schön anzuhören! Das Mädchen: „Heilige Mutter Gottes!“ Der Knabe: „„Mutter Gottes!““ Das Mädchen: „Ich bete —“ Der Knabe: „„bete —““ Das Mädchen: „Deine himmlische Macht und Herrlichkeit an.“ Der Knabe: „„und Herrlichkeit an!““ — „Ist das Ihr Bruder, Jungfrau?“ fragte ich. — „Nein, Herr!“ antwortete die Schöne, „es ist mein Brudersohn!“ Ich hätte das Gespräch gern fortgesetzt, nun aber kam die Mutter und sagte mir, daß das Mahl auf dem Tische sei.

Die Kuppel von St. Pietro.

„Das ist die Kuppel von St. Pietro!“ rief wie gewöhnlich der Vetturin, als wir uns endlich der großen Stadt näherten, von der man von Ferne nur sehr wenig sieht, da sie tief im Thale liegt. Roms Umgebung ist eine Wüste. Wir fuhren am Abend zur porta del populo hinein, an dem großen Obelisken vorbei über den Platz, in dem drei lange Straßen münden, deren mittelste der Corso ist. Die schöne Welt der Stadt ging gerade spazieren; es that mir leid, daß wir so bald in eine Seitengasse einlenkten, um nach einem Gasthofe hinzufahren. Von Rom ist bereits so viel erzählt worden, daß es thöricht sein würde, wollte man eine Lebensbeschreibung mit römischen Bildern anfüllen.

Der Ort selbst, die Ruinen und Statuen aus der antiken Zeit, die Paläste und Gemälde aus dem Mittelalter, die südliche Natur, das Volk, die Menge fremder Künstler und Reisender, die blühenden Weiber, Alles vereinigt sich, um Rom interessant zu machen. Aber man muß das Alterthum und die Kunst lieben, wenn man sich hier recht unterhalten soll; denn Rom hat nur wenig von den Vergnügungen einer Hauptstadt, die Carnevalszeit ausgenommen, und die war vorüber.

In Rom; Thorwaldsen. — Die Gebrüder Riepenhausen.

Wir hatten in den ersten Wochen schlechtes Wetter und der Scirocco blies oft heiß. Ich suchte gleich meinen Freund Koës auf, der hier ein ganzes Jahr gewesen war und ging mit ihm nach Thorwaldsen's Werkstatt. Wie froh erstaunte ich nicht, als ich seinen Jason und alle die herrlichen Werke sah. Ich kannte bisher Nichts von seinen Arbeiten und hatte ihn selbst nie gesehen. Wie ich nun vertieft in der Betrachtung dastand und endlich das Auge nach der Seite hinrichtete, bemerkte ich einen ziemlich schlecht gekleideten Mann mit einem regelmäßigen, geistvollen Gesichte, schönen blauen Augen, mit thonbespritzten Stiefeln, der neben mir stand und mich aufmerksam betrachtete. „Thorwaldsen!“ rief ich. „„Oehlenschläger!““ rief er. Wir umarmten und küßten einander und von dem Augenblicke an war die Brüderschaft geschlossen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte mich. Ich dachte an unsere barbarischen Voreltern, welche früher ohne Kunstsinn Rom so oft zerstört hatten. Nun umarmten zwei dänische Künstler sich, deren Einer mit den edelsten Griechen sich messen konnte; und in der Brust des Jüngern brannte wenigstens eine kräftige, liebevolle Flamme und jugendlicher Muth, um etwas mehr als das Gewöhnliche zu versuchen. Thorwaldsen und ich gingen seitdem täglich um, und damit wir uns um so seltener zu trennen brauchten, gaben wir uns bei den Malern Riepenhausen in Kost, welche versprachen, uns für billige Bezahlung das Mittagessen zu besorgen. In den Brüdern Riepenhausen fand ich Männer von Talent, besonders in Christel, dem Jüngeren. Sie führten jedes Werk in brüderlicher Vereinigung aus. Damals malten sie eigentlich nicht, sie zeichneten mit schwarzer und weißer Kreide ihre eigenen Compositionen. Sie hatten viele Copieen von alten italienischen Bildern gemacht und man durfte sich nicht darüber wundern, wenn sich zuweilen in ihre Ideen einige Reminiscenzen mischten. Uebrigens waren sie Anhänger der neuen Schule und wir stimmten also nicht immer in unseren Ansichten überein. Thorwaldsen achtete ihr Talent, ohne gerade mit ihnen zu sympathisiren. Einmal als er Mittags mit mir hinkam, lag eine neue Zeichnung von ihnen auf dem Tische. Thorwaldsen betrachtete sie aufmerksam. „Wie findest Du es, Thorwaldsen?“ fragte Christel bescheiden — „„Es ist sehr hübsch.““ — „Findest Du keinen Fehler darin?“ — „„Hm!““ — Christel gab ihm die schwarze Kreide in die Hand; und nun markirte er mit ein paar kühnen Strichen Beine, Kniee, Füße, Ellenbogen und Hände der Figuren, und dadurch hatten sie in einem Augenblick, ehe die Suppe auf den Tisch kam, viel gewonnen.

Ihre Bedeutung als Maler.

Thorwaldsen hatte seinem Vaterlande zu danken, daß er bereits als Knabe unter dem ausgezeichneten Abildgaard vortrefflich zeichnen gelernt hatte, der nicht viel productives Genie besaß, aber das Technische verstand. Später brachte der Meister selbst es zur Vollkommenheit sowohl in der wahren, als in der schönen Natur. Riepenhausen's hatten nie richtig zeichnen gelernt und gewöhnten sich erst nach und nach durch practische Uebung daran, ohne es darin doch weit zu bringen. Sie hatten auch nie malen gelernt. Aber Christel hatte Genie, und das weiß immer trotz Hindernissen und Mängeln durchzudringen. Wenn man eine gerade Linie durch die Bilder der Brüder zog, welche sie in einen obern und untern Theil trennte, so war der obere Theil stets ungleich besser, als der untere, denn die Köpfe konnten sie zeichnen und in diese legten sie den poetischen und characteristischen Ausdruck, der die Verdienste ihrer Bilder ausmachte. An die Köpfe schlossen sich die Schultern und Oberkörper einigermaßen gut an, aber das Untere war oft ganz verzeichnet und die Figuren standen gewöhnlich schlecht auf ihren Füßen. Einmal saß ich bei Christel, als er eine weibliche Figur malte. „Den Fuß müssen Sie kleiner und hübscher machen,“ sagte ich. — „„So?““ — „Noch mehr!“ — Endlich wurde der Fuß nach meinem Wunsch, und Christel mußte gestehen, daß ich Recht hatte. Ich wunderte mich darüber, daß er sich so hatte verzeichnen können; denn mir schien, als ob Das, was ich bemerkt hatte, Jedem auffallen mußte, der einen Blick für schöne, edle Formen hatte.

Thorwaldsen zeigte mir viele Kunstwerke, und es freute mich, daß er mir in meinen Ansichten über diese Recht gab, indem er mich zugleich lehrte, das Technische besser zu verstehen. Ich las ihm mehrere meiner Gedichte vor und sie gefielen ihm.

Zusammentreffen mit der Dichterin Brun.

Die Dichterin Frau Brun traf ich mit ihren Töchtern Ida und Auguste und ihrem Sohne Carl wieder in Rom. Dieser Letztere verließ uns bald nach meiner Ankunft, und reiste wieder nach Hause. Ich fuhr oft mit den dänischen Freundinnen aus und sah die Merkwürdigkeiten der Stadt. Die gute Frau Brun lebte ganz mit Leib und Seele in der antiken Welt, kannte jeden alten Steinhaufen, jede Ruine, und es war mir außerordentlich lieb, durch ihren beredten Mund Vieles auf leichte, angenehme Weise zu lernen. Ich selbst hatte, wie der Leser weiß, keine sonderliche Lust, in der Mittagshitze nach allen Sehenswürdigkeiten umher zu laufen. Thorwaldsen ging es ebenso. Wenn die Rede auf dergleichen Dinge kam, pflegte er zu sagen: „In dem ersten Jahre, in dem ich hier war (also vor 20 Jahren) besah ich auch Alles; jetzt kann ich Dir keinen ordentlichen Bescheid darüber geben.“ In den großen schönen Kirchen, im Vatican und in der Bildergalerie ging ich oft umher, wenn ich es in der Kühle und Ruhe thun konnte. Nun fuhr ich auch mit Frau Brun aus und bekam dadurch Vieles zu sehen, was sonst wohl nicht geschehen wäre. Aber ich war ihr nicht eifrig genug in meiner Liebe zu den alten Steinhaufen, und deßhalb neckte mich meine Freundin oft scherzend, und ich sie wieder, wenn sie mir zu begeistert vorkam.

Das Coliseum.

Eines Abends traten wir zusammen ins Coliseum. Es fing an dunkel zu werden; die Sterne funkelten am Himmel und die Johanniswürmchen in den Büschen. Der Mond warf sein bleiches Licht auf die ungeheure Ruine, wodurch das Ganze erst sein Relief erhielt. Frau Brun war entzückt, und das mit Recht. Das Bild war malerisch und groß. Aber ich war in diesem Augenblicke von einem Dämon des Uebermuths besessen, und es machte mir Spaß, ihrer Begeisterung mit Spott und Satyre zu begegnen, vielleicht auch nur, um die schöne Ida zum Lachen zu bringen, die oft hiergewesen war, heute nicht ernst gestimmt schien und zuweilen den Scherz den Alterthümern vorzog. „Oehlenschläger!“ sagte die Mutter, indem sie die hohen Mauern mit Epheu in den Oeffnungen, durch die der Mond schien, betrachtete, — „ist es nicht göttlich?“ — „„Ja!““ entgegnete ich; „„aber noch schöner muß es gewesen sein, als die 12,000 gefangenen Juden mit Schlägen dazu getrieben wurden, dieses Theater in größter Eile aufzubauen; als (fuhr ich ernster fort) die von wilden Thieren zerrissenen Gladiatoren mit eisernen Haken durch die Todespforte geschleppt wurden. Mir kommt das Ganze wie eine ungeheure Richterstätte vor.““ — Meine Freundin lächelte gutmüthig; sie sah bei einem Manne gern eine gewisse ironische Laune, wenn diese auch ihrem weiblichen Gefühl wiedersprach; und sie sagte nur später zu Ida: „Der Oehlenschläger ist doch ein wunderlicher Gesell; in dem ganzen, schönen, großen Coliseum sieht er Nichts, als eine Mördergrube.“ — „„Ach, Mama,““ antwortete Ida, „„das sagt er ja nur so; er fühlt es ebenso gut, wie wir.““

Der Kirchenstaat als französische Provinz.

Merkwürdig war es für mich, daß ich gerade nach Rom kam, als die große Staatsumwälzung stattfand, als Miollis Commandant war. Auf dem spanischen Platze hörte ich einen französischen Officier in einem Kreise von Soldaten verlesen, daß von nun an der Kirchenstaat eine französische Provinz sei. Die Römer standen eng im Kreise umher, und hörten es an, blaß wie die Leichen, mit glühenden Augen. — „A il scelerato! a il maledetto!“ hörte ich in der Nähe Mehrere ziemlich deutlich über Napoleon flüstern.

Pius VII. wurde in der Nacht vom 6. Juli durch die Franzosen aus dem Palast geholt und fortgebracht. Sie krochen durch die Fenster zu ihm hinein, und hoben ihn wieder zu den Fenstern heraus, um keinen Lärm zu machen, Christenblut zu schonen, und den Schweizern die Mühe zu ersparen, ihn zu vertheidigen. Ich bekam deshalb den Papst gar nicht zu sehen. Uebrigens war Alles ruhig in Rom; sogar ruhiger und sicherer, als gewöhnlich, weil die Franzosen eine bessere Polizei einführten. Sobald es am Abend dunkel wurde, mußte man mit einer Laterne gehen, sonst wurde man arretirt. Die papiernen Laternen waren billig; aber eines Abends, als ich spät nach Hause ging, fiel das Licht in meiner Laterne um, zündete das Papier an, und im Augenblicke war sie verbrannt. Glücklicherweise begegnete ich der Wache nicht, sonst hätte sie mich ins Gefängniß geführt.

Ein starker Schnupfen plagte mich sehr, und ein junger, deutscher Arzt rieth mir, ein kaltes Bad statt eines warmen zu gebrauchen. Dies nahm ich buchstäblich. Ein kaltes Marmorbecken in einer kalten Badestube füllte ich mit eiskaltem Wasser und sprang hinein. Die Folge davon war, daß mich beinahe der Schlag getroffen hätte, und daß ich gleich wieder heraus mußte. Ich war so matt, daß ich mich kaum ankleiden und nach Hause schleppen konnte. Ich blieb auf dem spanischen Platze in der Mittagssonne stehen, bis der Schweiß ausbrach, und der hat mich vermuthlich gerettet. Als ich nach Hause kam, warf ich mich aufs Bett und schlief mehrere Stunden fest. Nun erwachte ich und es war mir so leicht zu Muthe, wie einem Vogel in der Luft. Aber noch ein anderes kaltes Bad, unter dem der Tod lauerte, sollte ich versuchen, ehe ich Italien verließ.

Ein Wassertanz.

Bei Riepenhausen's versammelte sich nach und nach eine größere Anzahl junger deutscher Künstler und Gelehrter: Beaulieu, Kestner, Mayer aus Hannover und Schlosser aus Frankfurt. Mit Einigen von diesen und mit Koës machte ich eine Lustfahrt nach Tivoli, um die Ueberreste von Horaz'-Bad, die Hadrianische Villa und besonders — den berühmten Wasserfall zu sehen.

Zu diesem Wasserfalle muß man über einen schmalen Fußsteig ohne Geländer gehen. Linker Hand stürzt der Strom in einen bodenlosen Abgrund, auf der Rechten ist er ein kleines stillstehendes Wasser. Wenn man hinübergekommen ist, sieht man den unendlichen, schneeweiß schäumenden Fluß sich aus der Höhlung herauswälzen. Ein seltenes, schönes und feierliches Bild!

Als ich meine Augen an diesem herrlichen Schauspiele gesättigt hatte und glücklich über den schmalen Steg zurückgekommen war, entdeckte ich Christel Riepenhausen, der nicht mit uns Andern hinübergegangen, sondern auf dem fernen Ufer zurückgeblieben war, und sich mit dem begnügte, was er von ferne sehen konnte. „Warum stehen Sie da drüben, wie ein Huhn, das mit den Enten nicht ins Wasser gehen darf?“ fragte ich ausgelassen — „„Ich habe es schon so oft gesehen,““ antwortete er, „„ich habe keine Lust, heute hinüber zu gehen.““ — „Nun sollen Sie sehen, daß ich über den schmalen Steg hinübertanze!“ rief ich übermüthig. — Ich tanzte wirklich glücklich hinüber; aber als ich zurück wollte, machte ich (der ich nicht einmal auf der ebenen Erde tanzen konnte) einen Fehltritt, glitt aus — und war im Begriff, in den Wasserfall hinabzustürzen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes dachte ich „Du mußt hinab! wirf Dich über den Steg in das ruhige Wasser, da kannst Du vielleicht gerettet werden.“ — Ich stürzte mich fast auf den Kopf hinüber, kam wieder herauf und griff mit beiden Händen um mich. Ein Freund faßte mich am Kragen. Triefend naß stand ich wieder zwischen meinen entsetzten, bleichen Gefährten, und ehe sie sich fassen konnten, rief ich folgende Verse aus Schiller's Taucher:

„Hoch lebe der König! Es freue sich, Wer da athmet im rosigen Licht; Da unten aber ist's fürchterlich, Und der Mensch versuche die Götter nicht. Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.“

„Nun wollen wir laufen,“ fuhr ich fort, „damit ich nicht das Fieber bekomme.“ Darauf lief ich, was ich konnte, zum Wirthshaus hinauf, und die Andern folgten schweigend. Christel hatte mich hinuntergleiten sehen, das Antlitz fortgewandt, und ausgerufen: „Ich sehe ihn nie wieder.“ Als ich ins Wirthshaus hinauf kam und mich ausgekleidet hatte, gaben sie mir Jacke und Pantalons von Flanell, welche mir gute Dienste thaten. Nun gingen die Anderen, froh darüber, daß ich gerettet war, zu Tisch, aber ich konnte Nichts essen. Ich legte mich in einem Nebenzimmer aufs Bett, und als ich von dort den entsetzlichen Wasserfall in der Tiefe brausen hörte, faltete ich meine Hände, und dankte Gott für meine Rettung.

Ein Unglückstag.

Am Nachmittag, als wir durch die Stadt gingen, zeigten die Leute mit Fingern auf mich und sagten: „Dort geht der Herr, der in die Cascade gefallen ist, ohne zu ertrinken!“ Es war dies ein unerhörter Zufall und manche Leichtsinnige waren bereits von der Tiefe verschlungen worden.

Aber ich war an demselben Nachmittage wieder in Lebensgefahr; denn als wir auf Eseln den Fels hinaufritten, hätte mich einer der Andern mit seinem Esel beinahe in den Abgrund hinabgestürzt, indem er jubelnd von meiner Rettung beim Wasserfalle sprach. „Laß mich nach Hause!“ rief ich, „es ist heute ein gefährlicher Tag für mich.“ Aber der Abend war schön und ruhig, und als ich in dem alten Garten, der dem Hause Este gehört hatte, unter den großen Cypressen stand, und die Sonne in all' ihrer Herrlichkeit untergehen sah, fühlte ich mich tief ergriffen. Ein Jahr darauf suchte ich das Andenken in einem Gedichte „Rückblick auf Rom,“ auszudrücken, wo ich jene Begebenheit beschrieben habe.

Grotta ferrata.

In der heißesten Jahreszeit zog ich mit Koës, den beiden Riepenhausen, Kestner und Schlosser nach Grotta ferrata hinaus, wo wir alle Bequemlichkeiten entbehrten; wir hatten nur ein großes, verfallenes Haus zu unserer Benutzung (eine frühere Villa), Kühle und frische Luft. Obgleich wir auf dem Lande waren, konnten wir doch weder Milch noch Sahne bekommen, sondern mußten Eier zum Morgenkaffee genießen. Die Wirthin, eine Bauerfrau, besorgte unsere Wäsche; aber als wir sie geglättet haben wollten, lächelte sie wie über Etwas, das sie nie gehört hatte, und wir mußten mit ungerolltem und ungeglättetem Leinenzeuge gehen. Ein altes Billard stand in der Halle mit einigen fünf- und sechseckigen Kugeln. Ueberall war es, die Kunstwerke ausgenommen, eine Seltenheit im Kirchenstaate, etwas Neuverfertigtes zu finden. Alles war da wenigstens ein paar hundert Jahre alt; es schien, als ob die Italiener seit der Zeit im Schlummer gelegen hätten, als ob sie nun Somnambülen wären. Ich war so wenig daran gewöhnt, neue Gegenstände in Italien zu sehen, daß es ordentlich mein Auge erquickte, als ich zum ersten Male in der Schweiz wieder ein hübsches, neues, weißangestrichnes Stacket vor einem gutgepflegten Garten erblickte. Aber wer hielte sich doch nicht gern in einer solch verzauberten Stadt wie Rom auf, wo schöne Feenschlösser mit herrlichen Kunstwerken und kühlen, wenn auch altmodischen Gärten und Hecken sich dem Wanderer öffneten; wo man stets schöne Frauen unter einem blauen Himmel findet; obgleich die Männer im Ganzen genommen etwas müßig und faul dahinschlendern, und das Gras in der Sonne fast überall verdorrt.

Mit der grünen Frische der nordischen Eichen- und Buchenwälder kann das Buschwerk in Italien sich nicht vergleichen. Wir unternahmen einmal eine Fahrt durch die Campagna, wo die Heuschrecken so dicht wie Schnee das Feld bedeckten. Sie spritzten wie Wasser zu beiden Seiten der Radspur in die Höhe, und das Geleise selbst war naß von zerquetschten Heuschrecken. Später wurde ein Priester hinausgesandt, der sie förmlich in die Hölle hinabbeschwören sollte; ob es half, will ich ungesagt sein lassen.

Römischer Sommer. — Der Maler Müller.

Den angenehmen Schatten der Bäume im Sommer, können die Italiener nicht genießen; sie fliehen die Bäume in der starken Hitze, weil sie durch ihre Dünste ungesund sind; die Damen können den Blumengeruch nicht vertragen; denn er ist ihnen zu stark; von den herrlichen Früchten darf man nur wenig, und sie nur immer mit Brot essen, um nicht das Fieber zu bekommen. Der Scirocco kommt häufig von den afrikanischen Wüsten herüber; das Mittelmeer war nicht im Stande gewesen, ihn abzukühlen, und er schlug mich mit Lähmung in allen meinen Gliedern, so lange er währte. Von der aria cattiva litt man in Rom sehr viel. Große, schöne Straßen stehen fast menschenleer, weil Niemand dort wohnen darf; und auf vielen Stellen brennen sie Stroh des Abends, um die ungesunde Luft zu reinigen.

Ich besuchte den berühmten Deutschen, Müller, der zum Dichter geboren war, aber durchaus Maler werden wollte. Ein kräftiger, feuriger Mann, von 60 Jahren, der nicht viel über 40 zu sein schien. Er schrieb eine heilige Genoveva lange vor Tieck. Er wohnte gut und zu sehr billigem Preise hier in Rom. Als ich mich darüber wunderte, sagte er: „Das kommt daher, weil in dieser Straße aria cattiva ist; aber darum kümmere ich mich nicht.“ Ich hatte die Freude, das Herz dieses kräftigen Mannes ganz zu gewinnen und er war ein eifriger Freund meiner Muse.

Das römische Volk.

Damit man doch nicht glauben solle, daß ich, wie ein Archenholz, nur Italiens Schattenseite gesehen habe, will ich gern gestehen, daß das römische Volk mir im Ganzen genommen gut gefallen hat, das heißt, nicht die Vornehmen; denn diese sind verblüht (obgleich die Frauen noch körperlich schön blühen), sondern das Volk, in dem noch Kraft, Munterkeit, Naivetät und eine glückliche Anlage, Alles leicht aufzufassen, wohnt. Der gewöhnliche Mann ist lustig, gutmüthig und durchaus nicht falsch. Viele kalte Ultramontanen sind bedeutend falscher. Aber rachsüchtig ist der Italiener, größtentheils aus eifersüchtiger Liebe; und da kann er sogar böse und heimtückisch werden, wie ein toller Hund, der im gesunden Zustande treu und freundlich ist. Der Zorn brennt heftiger in dem warmen Blute dort, als bei uns. In Marino sah ich in einem Kruge zwei junge Bauerburschen im Kampf mit einander. Sie waren beim Weine uneins geworden, sprangen von den Bänken auf, zogen ihre Jacken ab, wickelten sie wie ein Schild um den linken Arm, und nun suchten sie, mit langen Messern bewaffnet, einander zu verwunden. Der Eine wurde in die Hand gestochen und blutete. Ein Bildhauer oder Maler würde in diesen schönen, zornigen Antlitzen, in diesen edlen Bewegungen schöne Motive zu einer Composition gefunden haben. Endlich sollte Frieden gestiftet werden. Man reichte ihnen gefüllte Gläser. Mit zitternden Händen und todtenbleich stießen sie an. Ein Italiener, der neben mir stand, flüsterte: „Das geht nie gut aus. Einer von Diesen macht den Andern kalt, ehe das Jahr um ist.“

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