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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Meine Lebens-Erinnerungen. (continued 3)

Reading edition

Künstlerische Befähigung der Franzosen.

Die Franzosen sind stets viel vortrefflichere Schauspieler als Dichter gewesen. Zu einem großen Dichter gehört eine ruhige, einsam wirkende Kraft. Die geschmeidige Empfänglichkeit, Aufmerksamkeit, Leichtbeweglichkeit, das rasch aufflackernde Feuer, die witzige Munterkeit und Grazie des Franzosen machen ihn sehr geeignet zur Schauspielkunst, die zwar auch selbstständig ist, aber doch nicht so wie die andern Künste; die wohl auch Erfindungsgabe fordert, aber doch mehr um die gegebenen Zeichnungen zu Gemälden auszuführen, als von Anfang an zu zeichnen und selbst zu erfinden. Die schnell aufflammende Begeisterung des Franzosen, die dem Feuerwerke gleicht, das leicht kommt und verschwindet, macht ihn auch wohl zum tragischen Schauspieler geeignet, um in einzelnen Scenen darzustellen, was der Dichter in längerer Zeit ruhig gedacht, gefühlt und ausgeführt hat. — Bereits der Roscius der Römer war ein Gallier, der Garrick der Britten (Garrique) war von französischer Familie, und nun stand Talma — als der große Schauspieler und — als Napoleon's Freund da.

Napoleon und Talma.

„Als Napoleons Freund?“ fragt mancher vornehme Herr und rümpft die Nase. „Sie glauben wohl auch das lächerliche Märchen, daß Napoleon von einem Komödianten lernte, wie er stehen und gehen solle? &c.“ Ich zweifle durchaus nicht daran, und es war in Paris ein allgemeines Gerücht. Napoleon hatte Talma gekannt, als der Unterschied zwischen ihnen nicht groß, als er selbst Artillerielieutenant war. Napoleon hatte als Held Sinn und Liebe für das Tragische. Es war nicht Affectation von ihm, daß er den Ossian liebte. Er liebte auch Talma auf die Weise, wie Napoleon Menschen lieben konnte. Er bewunderte sein Genie, erblickte die Helden der Vergangenheit, denen er glich und zum Theil nachahmte, durch Talma's Kunst; und als die Umstände es mit sich geführt hatten, daß Napoleon repräsentiren sollte, als Aller Augen nicht allein auf seine Handlungen und Befehle, sondern auch auf seine Persönlichkeit gerichtet waren, hat dieser reelle klare Mann gewiß nichts gegen eine bescheidene Anweisung seines alten, bescheidenen Freundes in Betreff einer edlen Körperstellung gehabt. Er brauchte ja nur Talma oft im Theater zu sehen, um Etwas von ihm zu lernen. Aber Talma besuchte ihn außerdem häufig beim Frühstück. Merkwürdig ist es, daß Napoleon, dem es sonst nicht an Muth fehlte, nicht Courage genug hatte, um das schmachvolle dumme Vorurtheil zu vernichten, das auf den Schauspielern lastete. Das beweist neben vielem Andern, daß er, was die Kunst betrifft, nur in ihre Vorhallen eingetreten war; — und wie konnte auch eine so egoistische, herrschsüchtige Natur wahres Gefühl für das Schöne, für das tugendhaft Große haben? Aber einen bedeutenden Theil das ästhetisch Großen faßte Napoleon, soweit es sich mit seinem Wesen verband; so erfaßte er auch Talma. — Es wäre diesem gewiß eine leichte Sache gewesen, auf eine glänzendere Weise sein Glück zu machen, wenn er das Theater verlassen hätte. Aber Talma liebte seine Kunst mehr, als eitle Ehre; deßhalb blieb er Komödiant, während viele Andere Herzöge und Grafen wurden. Ja selbst in seiner Todesstunde verleugnete er seinen Stand nicht, sondern ließ den Erzbischof drei Mal vergebens zu ihm schicken, als dieser ihn auf dem Krankenbette bekehren wollte, um ihm ein ehrenvolles Begräbniß gestatten zu können, welches das Volk ihm bestimmt hatte, und das, wie der Bischof wohl fühlte, Talma verdiente. Aber selbst in der Todesstunde erkannte der Künstler das Lächerliche und Schmähliche, die schöne Wirksamkeit seines ganzen Lebens reuemüthig für eine Sünde und Verirrung zu erklären, nur damit man — ohne gegen die religiöse Etiquette zu verstoßen — ihn dafür ehren könne. Talma lebte und starb als Komödiant; aber sein Name wird stets in der Geschichte Napoleon's mit unsterblicher Ehre dastehen, wenn viele Herzöge und Grafen vergessen sein werden.

Ueber das Wesen der Tragödie.

Meine meiste Zeit in Paris war also dazwischen getheilt, Schauspiele zu sehen, und selbst welche zu schreiben. Ich vermuthe, daß meine Leser, denen die Entwickelung meines innern Lebens eben so großer Aufmerksamkeit werth sein muß, wie die Erzählung meiner Erlebnisse, hier gern die Grundsätze und Ansichten hören werden, nach denen ich dichtete.

Ich hatte mit großer Aufmerksamkeit mehre Male des Aristoteles Fragmente über die Poetik und den Sophokles gelesen. Ich fand, daß der Erstere mit klarem Verstande das Wesen und den Character der Tragödie seiner Nation erfaßt; daß er ihre Begriffe in deutlichen Bedingungen hingestellt habe. Nicht das Geringste von Einbildung, von Machtsprüchen fand ich beim Aristoteles. Er meint nicht: „So habe ich ausspeculirt, daß man es machen muß, um ein tragischer Dichter zu werden;“ er meint: „So haben große Tragiker gedichtet, dadurch haben sie gewirkt; das muß wohl also die Natur der Kunst sein,“ die er dann geistreich beobachtet und deutlich mittheilt.

Seine wichtigsten Ansichten sind: daß die Tragödie hauptsächlich durch Handlungen und Charactere wirken müsse. Doch hält er die Handlung für das Wesentlichste, weil eine Tragödie selbst ohne Characterzeichnung durch die einfache Fabel wirken kann, aber nicht entgegengesetzt. Gerade das, wodurch eine solche Dichtung die Herzen gewinnt, liegt in der Fabel. Die Fabel, sagt er, gleicht der Zeichnung, der Character dem Colorit in einem Gemälde; selbst die einfache Kreidezeichnung kann schön sein, nicht aber die Farbe ohne Umriß. Aber nach der Fabel sind die Charactere das Wichtigste und Aristoteles tadelt einige neuere Dichter, weil sie characterlose Tragödien geschrieben haben. Die Handlung, meint er weiter, muß ganz und vollständig sein, muß eine gewisse Größe besitzen; denn es giebt auch ein Ganzes ohne Größe. Ein Ganzes muß Anfang, Mitte und Ende haben. Der Anfang ist Das, was nicht nothwendig auf etwas Vorhergehendes folgt, sondern auf das nothwendig Etwas folgen muß; die Mitte folgt auf Etwas und hat Etwas zur Folge; der Schluß folgt auf Etwas ohne Folge.

Hier ist das Feld für die Composition liberal und frei geöffnet, indem der Denker doch zugleich zeigt, daß man sich nicht der Willkür überlassen darf, sondern daß eine natürliche Selbstständigkeit des Stoffes, ein Zusammenhang und die Steigerung des Interesses nöthig sei.

Nachdem er bemerkt hat, daß die Größe auch nicht zu groß, unüberschaulich sein dürfe, macht er darauf aufmerksam, daß es nicht so sehr des Dichters Aufgabe sei, solche Begebenheiten darzustellen, die geschehen sind, als solche, die, der Wahrscheinlichkeit und Nothwendigkeit nach, geschehen sein könnten oder möglich wären; daß nicht bloße Metrik den Dichter ausmache und ihn vom Geschichtsschreiber trenne; sondern, daß dieser eine wirklich geschehene Begebenheit erzählt, jener eine mögliche darstellt; und daß deshalb die Poesie mehr ein Werk des Genies und des Studiums, als die Geschichte sei.

Von allen Fabeln erklärt Aristoteles die episodische für die schlechteste. Aber hier ist er oft mißverstanden und seine Autorität gemißbraucht worden; denn er fügt ausdrücklich hinzu: „Wenn die Episoden weder der Wahrscheinlichkeit, noch der Nothwendigkeit nach mit einander verbunden sind.“ Seine Ansicht ist also nicht, daß in einer guten Tragödie gar keine Episoden sein dürften; einige der besten griechischen Stücke (z. B. Antigone und Ajax) endigen sogar großartig und feierlich mit Episoden. Und der Glaube, daß eine Tragödie nothwendig mit dem Culminationspunkte der Handlung endigen müsse, ist ganz schief und falsch. Eine Tragödie ist kein Epigramm, das mit einer Pointe abknallen muß; oft ist die Folge einer Handlung höchst rührend, interessant, erhebend, belehrend, ja sogar das Poetischeste. Das Wesen der Tragödie ist nicht allein, zu spannen, zu überraschen; sondern den Geist durch eine vollständig schöne Darstellung des menschlich Großen zu befriedigen.

Die Tragödie — sagt Aristoteles sehr richtig — wirke besonders, wenn die Handlung uns durch Schrecken oder Mitleid rührt. — Er hat gewiß Recht darin, daß diese Gefühle die Springfedern und Triebräder des Ganzen sind; sie sind nichts Anderes, als starke Wirkungen des Interesses für die Menschen, die auf uns selbst als ihres Gleichen zurückwirken: Schreck oder Furcht für ihr Schicksal, bevor es sie getroffen; und Mitleiden, wenn sie unterliegen. Denn der Stoff der Tragödie ist Kampf mit dem Unglücke, ein kräftiger Kampf; und der eigentliche Trost besteht darin, daß das Ewige siegt, wenn auch das Irdische zu Grunde geht. Deshalb ist auch die Grundlage für die wahre Tragödie eine höhere, gesunde Heiterkeit. Melancholie und Hypochondrie haben, wie alles Krankhafte, durchaus Nichts mit der Kunst zu thun, und der, welcher sich durch eine gute Tragödie niedergeschlagen fühlt, ist gar nicht im Stande, sie oder ihre Schönheiten zu fassen; denn gerade im Gegentheile, sie stärkt den Geist und erhebt die Seele. Deshalb wird sie auch besonders von der Jugend geliebt. Je mehr sich dagegen der Aeltere selbst dem Grabe nähert, destoweniger Lust und Muth hat er, sich mit der Bildung des Todes zu beschäftigen, ihm in die Augen zu schauen; er bedarf der Zerstreuung und will von dem Komischen aufgeheitert werden. Doch kommt auch hier die erweiterte Menschenkenntniß, der ruhigere Sinn für die feinen Mischungen des Characteristischen in allen Verhältnissen des Lebens, die dem reifern Alter folgen, mit ins Spiel; während sich die Jugend im Allgemeinen nur an dem Leidenschaftlichen erfreut. — Aristoteles sagt vom tragischen Helden, daß er nicht ganz unschuldig sein dürfe — denn dann zürnen wir über sein grausames, ungerechtes Schicksal — er dürfe auch kein vollständiger Bösewicht sein — denn dann haben wir kein Mitleiden mit ihm; — sondern ein Mensch von vermischten Eigenschaften, der sich durch Fehler sein Schicksal zugezogen hat, ohne es ganz zu verdienen. Dies ist recht geistreich; nur müssen wir die Bemerkung machen, daß wir es jetzt, als Christen, ertragen können, auch das Unglück eines ganz Unschuldigen zu sehen, da wir nicht mehr an einem ewigen seligen Leben, an einer strafenden und belohnenden Gerechtigkeit jenseits des Grabes zweifeln. Und selbst bei dem Griechen Sophokles ist z. B. Antigone ganz unschuldig und weicht keiner Christin an Seelenadel.

Aristoteles sagt von der Katastrophe, daß sie sich nach Nothwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus der Composition entwickeln, daß die Tragödie eine Verwickelung und eine Auflösung haben müsse. Nur solche Handlungen geben einen Stoff für Tragödien, wo Feindlichkeiten und Verbrechen aus vorhergegangenen freundlichen Verhältnissen entspringen, denn daß der erklärte Feind seinen Feind verfolgt, hat nichts Merkwürdiges oder Rührendes. Die Charactere, sagt er weiter, müssen edel geschildert sein, deshalb muß man es machen, wie die guten Maler, die trotzdem sie nach der Aehnlichkeit des Originales streben, doch unbeschadet dieser Aehnlichkeit das Bild veredeln. So soll auch der Dichter, wenn er wilde, aufgebrachte Menschen schildert, sich mehr dem moralischen Muster, als der Rohheit nähern. Er muß sich so viel, als möglich die Handlung vergegenwärtigen, um das Eigenthümliche zu wählen, das Unnütze zu verwerfen; er muß sich selbst in die Handlung versetzen; denn der natürlichen Sympathie zufolge rührt der am meisten, der die Leidenschaft selbst zuerst empfindet.

Dies drückt Horaz hübsch in seiner ars poëtica so aus:

„Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia sunto et quocumque volent, animum auditoris agunto.“ — — „Si vis me flere, dolendum est primum ipsi tibi.“

Und Claudius in seinem Epigramm über Voltaire und Shakespeare, drückt es eben so hübsch auf seine launige Weise aus, wenn er sagt:

„Der Meister Arouet schreibt: er weine, — Und Shakespeare weint!“

Ich lernte bald, die Worte des Aristoteles, daß das tragische Unglück sich aus Fehlern entwickeln müsse, denen Personen von hohem Range und blühendem Glücke unterworfen seien, nicht buchstäblich zu nehmen, sondern sie nur mit Beschränkung zu verstehen, wie Lessing, wenn er in seiner Hamburger Dramaturgie bemerkt:

„Die Namen der Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück Derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleid haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff für unsere Empfindungen.“

In gleichem Tone spricht A. W. Schlegel in seinem später (1809) erschienenen Buche über dramatische Kunst und Literatur so:

„Die griechischen Tragiker schildern uns die Zerrüttung der Königshäuser wahrlich nicht in ihrem Bezuge auf den Zustand der Völker; sie zeigen uns im Könige den Menschen, und weit entfernt, zwischen uns und ihren Helden den Purpurmantel als eine Scheidewand vorzubreiten, lassen sie uns durch dessen eiteln Glanz hindurch in einen von Leidenschaften zerrissenen Busen schauen.“

Das Obenangeführte ist ungefähr der Hauptinhalt der Aristotelischen Abhandlung über die Tragödie. Ich bemühte mich stets, mir diesen Katechismus des gesunden Menschenverstandes gut ins Gedächtniß einzuprägen; denn so geradezu er auch ist, enthält er doch die wichtigsten Ideen über die Natur des tragischen Gedichtes.

Vergleiche mit andern Dichtern.

Wenn ich nun diese Grundsätze mit andern verband, welche ich bei Lessing, Herder, Schiller, Göthe, den beiden Schlegel's, Jean Paul, Hugh Blair, Home &c. fand, so bildete sich nach und nach eine sichere, klare Theorie in meinem Kopfe, die ich später durch eigene Gedanken und Erfahrungen zu bereichern strebte.

Mit den großen Dichtern wurde ich immer vertrauter, bewunderte ihre Schönheiten, bildete mich aber nicht sclavisch nach ihren Eigenheiten. Ich wußte: Jeder Mensch, selbst der größere, hat seine Fehler und Mängel, die der geringere Nachfolger leicht entdecken kann aber nicht nachahmen darf. Für das Mangelhafte in seinen Werken wird die sparsame Natur schon selbst sorgen. Sophokles entzückte mich durch seine einfache Größe, durch seine Plastik; aber ich fand, daß die Weitläufigkeit der Redner und die zu künstliche Einmischung der Chöre seinem Zeitalter angehörten und nicht nachgeahmt werden dürften. Bei Shakespeare fand ich die tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens, die vielfältigen, kräftigen Characterschilderungen, den poetischen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls, die Weltkenntniß, das blühende Colorit des Schmerzes und der Freude, die naive Natürlichkeit — göttlich und unvergleichlich. Aber ich fand, daß er in der Composition seiner meisten Stücke nicht als Muster dienen könne, wenn auch die Franzosen in unzähligen Vorwürfen Unrecht hatten, weil sie stets das Conventionelle für das Natürliche ansahen. Selbst bei Shakespeare, wie bei jedem andern Dichter, findet man etwas Conventionelles, das der Zeit angehört und damals Mode war: in den Wortspielen, den Plumpheiten, der allzukunstlosen, häufigen Einmischung weitläuftiger Episoden. Seine Eigenthümlichkeiten als Mensch und Engländer waren mir lieb; aber es konnte mir nicht einfallen, seinen Humor nachzuahmen, der sich so gern witzig dem Wahnwitzigen nähert und tragisch damit spielt. — Ich fand, daß Schlegel und Gries sich verdient um die Literatur gemacht hatten, indem sie einen Theil von Calderon übersetzten. Mitten in einer Menge ungeheurer Blumengebüsche, deren Luxus mir nicht gefiel, und deren Duft mich fast betäubte, standen Calderon's höchst poetische Figuren in schönen, richtigen Situationen da. Ein Theil Leser und Nachahmer vergaßen diese schönen Menschenbilder über den Blumengebüschen. Eine Menge Galanteriebuden wurden aufgerichtet, wo man die natürlichen spanischen Rosen aus deutschem Nesseltuche nachmachte. Als ich den standhaften Prinzen las, schätzte ich auch den Menschen, den Denker Calderon recht; und obgleich ich nicht dieselbe Liberalität und Geistesfreiheit bei dem katholischen Adelsmanne, wie bei dem Protestanten und Bürger Shakespeare fand, so sah ich doch ein, daß sein schönes Genie, sein gesunder Menschenverstand ihm all' die Billigkeit geschenkt hatten, die man von einem beliebten Dichter aus der Zeit der Auto da fé's erwarten konnte. — Ich wagte es später auch mit Sparsamkeit einige von Calderon's schönen Versformen in meinen Stücken anzuwenden.

Ueber Göthe habe ich bereits meine Ansicht ausgesprochen. Seine milde Ironie, seine echt poetischen frischen Darstellungen konnten nicht besser sein; nur ist in seinen ersten Werken zu viel, in seinen spätern zu wenig Stoff für die Bühne; auch fehlt es seinen Dramen im Ganzen an der Leidenschaft und Kühnheit, die dazu gehören, wenn man große Wirkungen hervorbringen will. Diese besitzt Schiller im hohen Grade. Kein Dichter war mehr als er, Herr des hohen Gefühles, der edlen Begeisterung; aber man muß sich davor hüten, in Schiller's allzulange, rhetorisch-philosophische Reflexionen zu verfallen.

Ich fühlte: in jeder Poesie setzt stets ein edles Herz dem Genie die Krone auf. Kalter Verstand und ein kühnes Phantasiespiel mit den Gaukelbildern des Lebens genügt nicht; das Genie kann sich auch mit Hochmuth, Härte, Ausschweifung, Spott, selbst mit Grausamkeit verbinden. Aber dieser Lucifer ist ein gefallener Engel. Er imponirt. Viele gute Köpfe und verderbte Herzen ziehen ihn vor, finden in dem kräftigen geistvollen Trotz einen Versteck für ihre Sünden, und nennen die weniger pikante Besonnenheit und Herzlichkeit vielleicht gar widerlich und matt. So schilt ein verderbter Saufbruder die idyllische Milch und das gesunde Brot weichlich, obgleich es Riesen nährt, und der Spiritus ihm selbst zuletzt das Delirium tremens verschafft.

Das Aesthetische und das Ethische.

Wie viel Humanität athmet nicht in dem Pathos des Aeschylos? Wie rührend ist Sophokles! Sein unglücklicher Oedipus, der endlich in Kolonos Ruhe findet; die hohe Antigone, die aus schwesterlicher Liebe in den Tod geht; Elektra, die rächende Schwester, die, wenngleich Weib, doch einen Hamlet beschämt; Philoktet auf seiner Insel mit seinem Bogen; der starke Ajax, ein guter Sohn, Vater, Bruder, Mann, von der Rachbegier aber zur Raserei und aus gekränkter Ehre zum Selbstmord getrieben. — Und nun Du Shakespeare! Dein Lear, durch die Undankbarkeit der Kinder zum Wahnsinn gebracht; dein ehrlicher, tapferer Othello, der aus unglücklicher Eifersucht sein Weib und sein Glück mordet. Dein sentimentaler Hamlet, der, wie Jean Paul so schön sagt, ein Vater für alle Werther ist; Dein Romeo und Deine Julie, voll von süßer unglücklicher Liebesschwärmerei; Dein Macbeth, den Sünde und Gewissensqual in den Abgrund stürzen! — Bei Schiller haben diese Gefühle stets das Uebergewicht, und selbst bei Göthe ist dies oft der Fall; denn wo er gewisse Schwächen und Verstöße gegen die Sitten vertheidigt, denken wir immer an Magdalena, die von den Pharisäern und Sadducäern vor Christus hingeführt wird, der da sagte: „Wer unter Euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“

So überzeugte ich mich also, daß das Aesthetische nicht des Ethischen entbehren könne, weil das Product des vernünftigen Willens Tugend und Sitte ist. Alle menschlichen Handlungen gehen darauf aus, entweder die Ordnung in dem gesellschaftlichen Leben zu befördern oder zu zerstören: da nun das Drama die ideelle Darstellung menschlicher Handlungen ist, so bilden die moralischen Verhältnisse einen großen Theil des Ganzen. Der Dichter muß für die geistige Ordnung begeistert sein. Er darf nicht indifferent mit einer parteilos matten Ironie spielen; er darf die Bilder nicht nur heraufbeschwören, um sie wieder verschwinden zu lassen; er darf nicht allein erschüttern und spannen; denn in der bloßen Lust an dem Entsetzen Erregenden ohne ein edles Gefühl liegt der Keim zu aller Grausamkeit.

Diese Theorie war nun keineswegs das poetische Glaubensbekenntniß jener Zeit, wie es das der Gegenwart ist. Es wurde wieder der Spitzfindigkeit gehuldigt. Große Verbrechen verwechselte man mit großen Verbrechern und achtete sie mehr als eine einfältige Tugend. Die Wollust wurde sogar metaphysisch vertheidigt; und die mechanische Fertigkeit und Zierlichkeit der Versmacherei drohte das natürliche freie Gefühl vom Parnaß wegzutreiben.

Ich sah wohl ein, daß ich, wenn ich nicht in den herrschenden Ton einstimmte, viele Gegner, Tadler und endlich Verächter finden würde; aber die Lust zu gefallen konnte meine Liebe für das Gute und Wahre, oder meine Ueberzeugung nicht umstoßen.

Welche Heldenzeit konnte ich nun besser wählen, als die meines eignen Vaterlandes, die eigentlich noch nicht dichterisch dargestellt war und doch so viel herrlichen Stoff für die Dichtung darbot? Auch für Fremde mußte dies Interesse haben. Jede poetische Darstellung eines Volkes erfreut das andere. Wir machen ja gern Reisen, um andere Nationen kennen zu lernen; wir freuen uns über die Dampfschiffe, die so schnell Nationen mit Nationen verbinden. Aber eine noch raschere Beförderung, die weniger Zeit und weniger Geld kostet, ist das Dichterschiff. Walter Scott hat auf eine höchst angenehme Weise das gebildete Europa mit seinen wilden Landsleuten, einem von Bergen eingeschlossenen Volke, die nie ihr Land verlassen, bekannt gemacht. Aber weit mehr, als die Schotten verdienen die alten Skandinaven bekannt zu werden, die einst das ganze Europa überschwemmten, und von denen die großen südlichen Nationen zum Theil ihre Geschichte und ihre Heimath haben. Zwar ist die Aufgabe der Tragödie sehr verschieden von der des Romans; es ist mir nie eingefallen genau gezeichnete Portraits unserer Vorfahren zu geben; nur die großen Thaten, die großen Characterzüge habe ich mit dem allgemein Menschlichen verbunden.

Ich habe bereits davon gesprochen, daß Schiller in der Braut von Messina den griechischen Chor wieder zu benutzen versuchte. Man fand, daß er ungeachtet unzähliger Schönheiten zwei widerstrebende Elemente vereinigt habe: Griechische Demokratie und das Feudalwesen des Mittelalters. In Baldur dem Guten gebrauchte ich alle griechischen Formen, und es schien, als ob der antike Rhythmus sich recht natürlich mit den alten nordischen Mythen und Heldensagen vereinige. Dieses Stück dichtete ich auf meiner Reise in Weimar und Dresden.

Ueber meine eigenen Tragödien.

In Paris verschaffte mir Bröndsted Suhm's Geschichte von Dänemark aus der großen Bibliothek. Nachdem ich im vorigen Jahre eine norwegische Tragödie geschrieben hatte, Hakon Jarl, wollte ich nun eine dänische schreiben. In Palnatoke fand ich einen guten Stoff, und ich wählte ihn um so lieber, da er sich einem Zeitalter anschloß, das ich in Halle ziemlich gründlich studirt hatte. Damals war man in hohem Grade für das Nationale, das Heroische, das Ernste in meinem Vaterlande empfänglich. Wenn es gestattet ist das Geringe mit dem Hohen zu vergleichen so hatte die Schlacht auf der Rhede am 2. April 1801 die Dänen für die Poesie begeistert — ebenso wie die Schlacht bei Salamis und Marathon die Griechen, und die Vernichtung der spanischen Armada die Britten unter der Königin Elisabeth. Es gehört eine vorhergehende Kraftanstrengung dazu, das Spießbürgerliche, das Spitzfindige, das Kleinliche zu verjagen — und eine Nation für das Große, das Schöne zu stimmen. In der glücklichen Ruhe die auf eine solche Unruhe folgt, gedeiht die Poesie am besten. Mein Hakon hatte, obwohl die Hauptrolle von Frydendahl gespielt wurde, großes Glück gemacht. Dieser war als Komiker vortrefflich, aber durchaus kein Tragiker. Ich pflege sonst selten an die Schauspieler zu denken, wenn ich meine Dramen schreibe. Es scheint mir, als ob die Originalität, nach der ein Dichter in seinen Characterzeichnungen streben soll, ganz verschwinden muß, wenn ein Schauspieler als Modell dasteht. Von der eigenen Subjectivität des Dichters kann er, soll er sich nie ganz losreißen. Die subjective Anschauung und die Begeisterung des Dichters ist der Stoff für das Ideale in seinen Werken, sowie das Object ihm das Characteristische und die Handlung giebt. Aber dieses Object darf er nicht in einzelnen stets wiederkehrenden Persönlichkeiten suchen. Wenn er nur für den Augenblick wirken will, so gewinnt er, wenn er solche Persönlichkeiten benutzt. Oft wird sonst sein Werk ein todtes Kapital, bis der Mann kommt, der das Kapital gebrauchen kann. So dauerte es einige Jahre, ehe der geniale Ryge als Hakon Jarl auftrat. Aber ich hatte doch an einen andern herrlichen Hakon gedacht, als ich meine Tragödie dichtete. Dies war nämlich der Norweger Rosing, ganz für diese Rolle geschaffen, nun aber — gelähmt, für mich, für die Kunst, für die Welt verloren.

Im Hakon Jarl hatte ich den Streit zwischen dem Heidenthum und dem Christenthum, mit dem Uebergewichte der tugendhaften Kraft auf der Seite des Christenthums geschildert; weshalb jenes trotz seines größern poetischen und politischen Lebens untergehen mußte. In Palnatoke wollte ich einen Gegensatz schildern. Hier ist Pflicht und Tugend auf der Seite des Heiden Palnatoke, im Kampf mit dem falschen Mönchswesen, dem verbrecherischen Mönchskönig. Deshalb siegt das Heidenthum und blüht noch einmal in dem kräftigen Jomsburger Bunde auf.

Obwohl ich Schillers Wilhelm Tell sehr liebte und bewunderte, so befürchtete ich doch nicht, daß die ähnliche Scene in beiden Stücken mit dem Apfel auf dem Haupte des Knaben zu meinem Nachtheil mißverstanden werden würde. Diese Scene ist weder Johann-Ballhornerei noch Nachahmung. Sie zeigt, wie so Vieles, daß oft Dasselbe in der Welt, jedoch höchst verschieden je nach der Denkungsweise und den Characteren der verschiedenen Zeitalter geschehen kann. Was in Schiller's Tragödie rührend, zur Wehmuth stimmend ist, wird in Palnatoke fast wie ein lustiger Auftritt zwischen den an Blut und Tod täglich gewöhnten Heiden behandelt; doch handelt das Vaterherz in beiden Scenen und die Barbarei ist in Palnatoke geadelt. Ohne Edelmuth und Hoheit würde eine solche Verwegenheit — wovon man selbst unter tollen Knaben oft Proben gehabt hat — nur empörende Frechheit ohne Poesie sein. Thorvald habe ich in Palnatoke etwas zu weich und modern behandelt. Hätte ich Thorvald Bidförle's Sage in Paris gehabt, so würde ich diesem Character mehr von dem Colorit seines Zeitalters gegeben haben.

Etwas Komisches traf ein, als ich das Stück dichtete. Ich arbeitete eines Abends spät (gegen die Gewohnheit, denn ich dichte gewöhnlich am Morgen), und da fiel mit die Idee von Harald Blauzahn ein, daß er in den Leichenkleidern eintritt und sagt: „Hier stehe ich in meiner wahren Tracht,“ u. s. w. Dieses Bild stand mir in seinem ersten Ursprunge so lebhaft vor der Seele, daß ich selbst erschrak, zu Bröndsted hineinlief, nicht allein sein wollte, und ihn bat, mir etwas Lustiges auf dem Fortepiano vorzuspielen.

Palnatoke wurde im Vaterlande sehr gelobt und viel gelesen; aber es glückte dem in so vielen andern Rollen vortrefflichen Schwarz nicht, den Palnatoke besser zu spielen, als Frydendahl im Jahre vorher den Hakon spielte. Beide Rollen bekamen einige Jahre später erst ihren meisterhaften Darsteller in Ryge.

Da es in Palnatoke keiner Frauen bedurfte, so ließ ich sie auch nicht darin auftreten. Im nächsten Winter schrieb ich Axel und Walborg, worin die Liebe die Hauptsache ist; eigentlich die Treue der Liebe, sowie ich ein paar Jahre darauf in Hagbart und Signe die Leidenschaft des ersten Ausbruchs der Liebe zu schildern suchte; jene zwischen ein paar jungen Christen, diese zwischen zwei Heiden; aber beide heroisch und mit nordischem Gefühl. Mit der sinnlich glühenden südlichen Liebe in Romeo und Julie wollte ich nicht wetteifern; aber der milde Septembermond über dem nordischen Buchenhaine kann auch seine Wirkung thun, obgleich er sehr verschieden von der italienischen Sommernacht ist.

Ich habe bereits erzählt, daß ich den Aladdin wieder von Neuem übersetzte, weil die erste Uebersetzung zu fehlerhaft war. Kein Wunder! Wenn man bedenkt, daß ich zwei Jahre vorher nicht ein deutsches Wort geschrieben und eigentlich erst ein Jahr vorher begonnen hatte, Deutsch zu dichten. Ich übersetzte auch den Hakon Jarl wieder; darauf übersetzte ich noch den Palnatoke, Jesus in der Natur und noch mehrere andere Stücke, und schrieb einige Gedichte Deutsch, unter denen: der irrende Ritter. Ein polemisch didactisches Idyll ist eigentlich keins, doch habe ich es später gekürzt in meine deutsche Sammlung der poetischen Stellen wegen aufgenommen, deren es nach dem Urtheil von Sachverständigen nicht entbehrt.

Ich habe erzählt, wie sehr ich Talma in der Tragödie bewunderte; obgleich ich der französischen Tragödie nicht Geschmack abgewinnen konnte, weil ich sie zu monoton, character- und stofflos und zu vornehm conventionell fand, zwang er mich doch, viel große Schönheiten darin zu erkennen. Etwas war jedoch bei Talma, das mir nie gefiel. Wenn er nämlich eine Scene vortrefflich gespielt hatte, erhob er zum Schluß bei den großen Ausgangsrepliken die Stimme auf eine affectirte, übertriebene Weise, streckte die Hände in die Luft, zitterte mit ihnen und bekam dann einen furchtbaren Applaus. In einem Gespräch mit einem meiner Bekannten, der Talma auch kannte, sagte ich: „Wenn ich mit Talma spräche, würde ich es ihm rein heraus sagen.“ — „„Das brauchen Sie nicht““ — entgegnete der Andere — „„denn Talma weiß es selbst sehr gut.““ — „Und was sagt er darüber?“ „„Er sagt: das ist ein Fehler; aber ich habe meine Landsleute bereits an so viel Natur gewöhnt; in Etwas muß ich mich nach ihren Gebräuchen und Vorurtheilen richten, sonst verliere ich ihre Hingebung und Begeisterung und ohne die kann ich meine Kunst nicht ausüben.““

Die Kunst und die Mode.

Es ist rührend und hart, wenn ein großer Künstler sich so nach dem Modegeschmack der Menge richten muß. Etwas Aehnliches hörte ich später von Spontini, als er seinen „Ferdinand Cortez“ componirt hatte, und ein guter Freund, der ihn außerordentlich lobte, zugleich die bescheidene Frage that, ob der Componist nicht finde, das etwas viel Lärm in dieser sonst so herrlichen Musik sei? „Ja gewiß,“ soll Spontini geantwortet haben; „aber nicht wahr, sie ist doch hübsch, obgleich sie lärmt? Zu dem Letztern war ich gezwungen, um den Beifall des Publikums zu gewinnen.“

Ich habe selbst einen jungen, ausgezeichneten Virtuosen auf dem Pianoforte gehört, der mir erzählte: „Am Sonntag komme ich mit einigen meiner musikalischen Freunde und Künstler zusammen; dann spielen wir Werke von Mozart, Haydn und anderen alten Meistern zu unserm eigenen Vergnügen; denn in Concerten und Assemblée'n will man jetzt nicht mehr schöne Musik hören, sondern nur sehen, wie die Finger mit Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten überwinden.“

Nachdem ich mir etwas Uebung in der französischen Sprache erworben hatte, disputirte ich oft mit einem oder dem andern Pariser über die Unnatur und Monotonie der französischen Tragödie; denn ich lernte es viel früher, mich erträglich in einem wissenschaftlichen Gespräche über die Kunst auszudrücken, als richtig Französisch von all' den vorkommenden Kleinigkeiten des täglichen Lebens zu sprechen. Diese Ansichten waren damals etwas ganz Neues; Frau Staël-Holstein hatte damals noch nicht ihr Buch über die deutsche Literatur herausgegeben. Man sah mich an, wie die Hofleute in Gallatracht auf Franklin blickten, wie er als Gesandter von Nordamerika nach Versailles mit seinen eigenen ungepuderten Haaren und einem runden Hute kam. Indessen that das Gesagte doch zuweilen seine Wirkung, und ich hatte ein Mal die Genugthuung, daß ein Franzose mir sagte: „Mein Herr, Sie reden gut, aber Sie überzeugen mich nicht!“

Die neuen französischen und deutschen Dramatiker.

Später haben Victor Hugo und Alexander Dumas sie nur allzusehr überzeugt. Man stürzt leichter aus der Scylla in die Charybdis, als man sein Schiff durch Sandbänke hinsteuert, ohne auf den Grund zu laufen. Man kann ein Gericht zu wässrig und ungewürzt zubereiten, und man kann auf der andern Seite wieder zu viel Cayennepfeffer und Salz hineinthun. Man verdirbt sich den Magen, wenn man nur süße Limonade und wenn man nur Branntwein trinkt. Das juste-milieu ist hier wieder das Beste; aber der Zeitgeist verachtet diese Mäßigung und gebraucht die Bezeichnung als ein Scheltwort. Jenseits des Rheines kann man übrigens den Franzosen jetzt nichts zu hören geben; im Gegentheil: es ist mehr Poesie in Victor Hugo und Consorten, als in dem ganzen jungen Deutschland mit all' seiner pedantischen verschrobenen Begriffsästhetik.

Die geniale anmuthige Demoiselle Mars haben Andere bereits hinreichend gelobt; ich will nur sagen; ich habe sie in ihrer schönsten Blüthe gesehen. So sah ich auch Eliviou, einen eben so großen Sänger, als Schauspieler voller Feinheit und Gefühl im Theater Feydeau. Nie werde ich den Deserteur von Sédaine und Monsigny vergessen, der mir bereits aus meiner frühesten Kindheit bekannt war, wo mein Vater Stücke daraus auf dem Klavier spielte. Auf dem dänischen Theater, wo sich Alles nach der Mode richtet, war dieses herrliche Stück bereits lange bei Seite gelegt worden; aber in Paris, wo man noch nicht die Thorheit über ein Meisterstück hörte, „daß es blos ein altes Stück sei“, sah ich Eliviou, Gavaudan und Madame Gavaudan dies und mehrere gute, alte französische Singspiele bis zur Vollkommenheit gut und zur größten Zufriedenheit des Publikums darstellen.

Französische Schauspieler. — Eliviou.

Eliviou war ein schöner Mann, groß, schlank und blond. Er hatte eine reiche Partie in Toulon gemacht. Ein Landsmann von mir, der ihn kannte, erzählte folgende amüsante und characteristische Anekdote über ihn: In seiner schönsten Blüthezeit reiste er mit einem andern Schauspieler nach Toulon, um dort Gastrollen zu geben. Als sie die Stadt in der Ferne sahen, sagte Eliviou: „Sieh, da liegt nun die fremde Stadt mit all' ihren jungen schönen Mädchen. Und ich will wetten, daß nicht Eine unter ihnen ist, die ich nicht verliebt in mich mache, wenn ich es will.“ Der Freund wollte eine Wette mit ihm eingehen, daß sich dies doch nicht mit allen thun ließe, und Eliviou verpflichtete sich, die Wette der jungen Dame gegenüber durchzuführen, die sein Freund selbst wählen würde. Am ersten Abend sahen sie ein sehr schönes Mädchen, die Tochter eines reichen Mannes, im Schauspielhause. „„Wenn Du sie gewinnen kannst,““ sagte der Freund, „„so hast Du gewonnen.““ Und Eliviou gewann; denn wenige Wochen darauf war das schöne reiche Mädchen seine Braut. — Und da er nun reich war, drohte er oft damit, das Theater zu verlassen, wenn ihm Eins oder das Andere nicht gefiel. Aber man erzählte, daß Napoleon, der ihn nicht verlieren wollte, ihm wieder drohte und sagte: „Wenn er nicht Sänger beim Theater Feydeau sein wollte, so könne er die Muskete über die Schulter nehmen und nach Spanien gehen.“ Eliviou zog vor, für's Erste zu bleiben, wo er war. Später hat er viele Jahre lang als ein bemittelter Privatmann im südlichen Frankreich gelebt. Im Richard Löwenherz sang er vorzüglich die eine Zeitlang bei den Franzosen so sehr beliebte Arie: „O Richard, o mon roi!“ vortrefflich. Man weiß, daß diese Napoleon's Lieblingslied war, und er trällerte es noch oft nach seinem Falle auf St. Helena.

Berühmte französische Schauspieler.

Auch Chenard, ein guter Schauspieler und Bassist, gefiel mir sehr; besonders in Felix, wo er den Vater spielte und einen mir unvergeßlichen Blick, voll seliger Zufriedenheit, zum Himmel sandte, als er seine Pflicht gethan und ein Geheimniß entdeckt hatte, das vielleicht ihn und seine ganze Familie an den Bettelstab bringen konnte. Dieser Blick wurde dreimal von dem gefühlvollen und feinen Pariser Publikum applaudirt.

Auch von Chenard, einem großen, schönen und starken Manne, der aber älter als Eliviou war, hörte ich eine characteristische Anecdote. In der Revolutionszeit beschuldigte man ihn ein Mal, Aristokrat zu sein. Kaum hörte Chenard dies, als er mit der rothen Mütze auf dem Kopfe in den Jakobinerclub eilte, auf die Tribüne hinaufstürzte und rief: „Mitbürger! Man hat mich beschuldigt, Aristokrat zu sein! Ja, es ist wahr, ich bin Aristokrat!“ Hier schwieg er einen Augenblick, während Aller Augen mit Verwunderung das sichere Schlachtopfer bewachten, das zu sagen gewagt hatte, was weder vor- noch nachher von der Tribüne der Jakobiner ertönte, — aber ehe man sich vor Verwunderung gefaßt hatte, fuhr er in einem dreisten, muntern und launigen Tone fort: „Ich bin Aristokrat! ich bin Demokrat! ich bin König, Papst, Bettler, ich bin dumm, klug, ich bin Alles, was Ihr wollt, — ich bin Comödiant!“ „„Ah, le brave Chenard! ah le franc coquin!““ ertönte es von allen Seiten. Im Triumph wurde er von seinen wärmsten Bewunderern auf den Schultern hinausgetragen, und sein Leben war gerettet.

Der talentvolle Potier, der es verstand, einer gewissen unbeholfenen Narrheit soviel feine Züge abzulocken, wie unser Winslöw; der monotonere, aber bei alle Dem doch originelle Brunet, der Rosenkilde der Franzosen, der die Dummköpfe stets so witzig und naiv spielte, daß man ihrer nicht müde werden konnte, erfreuten mich sehr im théâtre des variétés ebenso Madame Hervay, in dem eigentlichen Vaudeville. Im théâtre français hatte ich das Glück, Dacincourt, Dugazon, Mademoiselle Contat und die beiden Baptiste in den besten Stücken Molière's und anderer guten Dichter zu sehen.

Napoleon's Mangel an Kunstsinn.

Die Werke zweier großen Meister, die ich wiederholt hörte und sah, wirkten vielleicht mehr auf mich ein und ich lernte mehr von ihnen, als von manchem Dichter. Dies waren Mozart und Raphael. Die meisten von Raphael's Bildern hingen in der großen Rumpelkammer, wohin man den Raub aus so verschiedenen Ländern geschleppt hatte. Dieses Zusammenhäufen machte einen widrigen Eindruck auf mich, und obgleich ich stets geneigt war, Napoleon's Größe gegen kleinliche Angriffe zu vertheidigen, so fand ich doch hier wie überall, daß er ungeachtet seines ungeheuren Verstandes ebenso wenig Kunstsinn, wie Sinn für Völkerrecht hatte; ein wirklich humaner Held führt niemals Krieg gegen die Künste und Wissenschaften; es paßt nur für morgenländische Despoten, sich gleich der Krähe mit fremden Federn zu schmücken, um groß zu erscheinen. Die meisten dieser Bilder hingen hier in einem schlechten Licht und hatten die Hälfte ihrer Wirkung dadurch verloren, daß sie von dem ihnen bestimmten, für sie passenden Platze weggenommen waren. Welch ein Unterschied! Solch ein Bild vor dem Altar einer schönen Kirche, — oder hier im Schatten oder Schlaglichte in einem Winkel unter vielem Unbedeutenden zu finden!

Bekanntschaft mit Malthe Bruun.

Ich darf nicht vergessen von meiner Bekanntschaft in Paris mit meinem berühmten Landsmanne „Malte-Brun“ (Malthe Conrad Bruun) zu sprechen. Er hatte während meines Knabenalters eine politische Rolle in meinem Vaterlande gespielt und ich wunderte mich, daß er nicht älter sei; das kam aber daher, weil er selbst nicht vielmehr als ein Junge — etwas über zwanzig Jahr, — war, als er die Rolle spielte. Die ganze Schreckensperiode zu Hause, in der glücklicherweise mehr Tinte, als Blut floß, hatte keinen Einfluß auf mich gehabt, weil ich zu jung war. Als ich zu einiger Selbstständigkeit gelangte, waren in Dreyer's Club nur noch schwache Bewegungen von der französischen Revolution. Ich habe mein ganzes Leben hindurch ein starkes Gefühl für Menschenrechte gehabt. Das hochmüthige Wesen war mir stets verhaßt — (selbst als kleiner Bursche den Pagen gegenüber). Ich kam bald zu der Ueberzeugung, daß der Adel eine Ueberlieferung des Mittelalters sei und eigentlich keine Bedeutung mehr habe. Er schien mir nicht wie eine ehrwürdige Domkirche in einer anmuthig blühenden Landschaft dazustehen, sondern wie ein alter Schrank, der in einem Zimmer mehr Raum wegnimmt, als neue zweckmäßige Möbel. Der König war mir stets heilig; ich fühlte früh schon das Herrliche, Schöne, Wohlthuende in dieser Form, die die Natur selbst, bis auf wenige Ausnahmen, Jahrtausende hindurch überall angenommen und festgestellt hat. Die Mißbräuche berühren die Natur nicht. Ein Dichter, ein Künstler kann nicht anders, als das Königthum lieben. Es ist dies das Recht des Herzens, der kalten, langsamen Spitzfindigkeit gegenüber, die nur der äußern Form huldigend, gar keine Ausnahme macht, selbst wo die Natur sie verlangt; das Königthum ist seiner Natur nach nicht mißgünstig und parteiisch, und muß jedes Verdienst gelten lassen, weil es über ihnen Allen steht. Der Dichter und der Künstler müssen das Königthum lieben; denn die Pracht kann zur Schönheit geadelt werden und bedarf des Schönen, aber das Genie wird leicht durch den kalten, ehrgeizigen Verstand der Menge, die nur den täglichen Hausbedarf achtet, beneidet und unterdrückt. Der Künstler muß wohl die edle billige Freiheit lieben; denn frei muß alles Große und Schöne und Gute sich bewegen; aber er muß die Anbetung der Gleichheit haßen. Das Ausgezeichnete findet sich nur als Ausnahme, und wo Alles gleich gut ist, ist Alles gleich schlecht, und das Triviale herrscht. — In Dreyer's Club brüllte ich in meinen ersten Jünglingsjahren gleich den Andern, wenn die große Bowle uns begeistert hatte: „Wer vorwärts will, der bücke sich!“ und: „Daß Schurken zu Ehre und Würde erhoben &c.,“ ohne mich weiter um die Anwendbarkeit dieser Gedanken auf die Gegenwart zu bekümmern; ich hielt es abstract für satyrische Einfälle über die ganze Menschheit, und so betrachtet, wird es gewiß, wenn auch blindlings hinausgeschossen, immer treffen. In meinen frühern Jahren hatte ich einige gute Einfälle von Malthe Bruun gehört; in seinem Gedicht „die Schlacht bei Tripolis“ hatte ich mehr als gewöhnlichen Dichtergeist gefunden. Ich entsinne mich nicht, wo ich ihn zum ersten Male in Paris sah; vielleicht war es bei Bröndsted. Aufgesucht hätte ich ihn wohl kaum. Der alte Heiberg schreckte mich ab, in dem ich bei einem zufälligen Zusammentreffen in Deutschland einen vollständigen Antipoden fand. Aber Malthe Bruun war ganz anders und so verschieden von P. A. Heiberg, daß sie einander gar nicht leiden konnten. Ich wunderte mich, einen jungen, blonden Mann, mit einem schüchternen Mädchengesicht und einem langen Zopf im Nacken zu sehen. Wir wurden bald gute Freunde, unsere Gespräche waren mehr ästhetisch, als politisch, und Malthe Bruun erkannte die Fortschritte, die die spätere poetische Revolution in Deutschland und Dänemark hervorgerufen hatte. Er las meine Gedichte mit Vergnügen und freute sich über den Gebrauch all' der fremden Versarten, der altnordischen, griechischen und italienischen, die ich angewandt hatte. Unter Anderm entsinne ich mich, daß er sagte: „Ich habe auch einmal Petrarca's Gedicht Vaucluse übersetzt, aber es fiel mir nicht ein, daß es möglich sei, es in derselben italienischen Canzonenform zu übersetzen, obgleich ich eine Ahnung davon hatte.“ Es war mir natürlich lieb, einen so geistvollen Landsmann getroffen zu haben. In vielen Beziehungen machte er den Dänen Ehre. Die Franzosen, die sonst den Fremden nicht gern die Fertigkeit zugestehen, daß sie französisch ebenso gut, wie ihre Muttersprache schreiben, gestanden es doch ihm zu. An dem journal de l'empire, einer der gelesensten und geachtetsten Zeitschriften, die die Meinungen beherrschte, war er ein bedeutender Mitarbeiter. Seine vortreffliche Geographie schrieb er in einem Lande, wo die Geographie bis dahin so vernachlässigt war, daß die Meisten Dänemark nicht von Spitzbergen zu unterscheiden vermochten, und glaubten, daß Hamburg nicht weit von Wien, und mehrere Meilen von Altona läge. — Vereinigt man nun dies Alles mit einem angenehmen bescheidenen Wesen — etwas wie gesagt Mädchenhaftem — das dem ausgezeichneten Schriftsteller gut stand — so mußte dies Alles für Malthe Bruun einnehmen. Unglücklicherweise fehlte ihm durchaus ein fester Character und es war nicht die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die ihn begeisterte. Es ging ihm, wie es so vielen politischen Schriftstellern mit Kopf und Kenntnissen geht, — sie wollen eine Rolle spielen und halten es mit der Partie, welche oben ist, oder durch die sie glauben, sich einen Weg zur Berühmtheit, zum Einfluß oder einen Vortheil verschaffen zu können.

Ich disputirte eifrig mit Malthe Bruun über Napoleon, dessen Handlungen er alle unbedingt in die Wolken erhob. „Napoleon,“ sagte ich einmal in der Hitze des Streites, „Napoleon verirrt sich, weil er auf dem einen Ohre taub ist.“ „„Was will das heißen?““ fragte Malthe Bruun. „Das will heißen: er kann nicht Deutsch; er versteht die Völker auf der andern Seite des Rheines nicht. Er will die Welt reformiren, und hat nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Menschenbildung gelesen. Er schilt alle geistig wirkenden Deutschen Ideologen und Schwärmer. Diese Unwissenheit und Verachtung wird ihm vielleicht zu größern Schaden gereichen als er glaubt.“

Wenn ich nun mit aufgebrachten Deutschen in Gesellschaft war, die Napoleon auf eine höhnische Weise herunterrissen, so wendete sich mein Eifer gegen sie in einer entgegengesetzten Richtung. „Ihr entehrt Euch selbst, wenn Ihr einen Mann klein zu machen sucht, der Euch jeden Augenblick so gewaltige Ohrfeigen giebt. Wenn Napoleon Nichts ist, was seid Ihr denn? Weniger als Nichts kann man doch nicht sein?“

Zuletzt blieb Malthe Bruun von mir fort. Bröndsted und Koës fragten ihn um den Grund und er antwortete: „Ich käme gern zu Oehlenschläger; aber wenn ich bei ihm gewesen bin und mit ihm gesprochen habe, so brauche ich vierzehn Tage, um mich wieder in meine vorige Stimmung zu versetzen.“ Dies fand ich sehr schmeichelhaft, sah aber auch zugleich ein, daß wir beide nicht mit einander umgehen konnten. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft bewog ich ihn doch, sich den Zopf abzuschneiden; aber Napoleon behielt ihn dennoch beim Zopfe, bis dieser Napoleon selbst abgeschnitten wurde; es ging Malthe Bruun so wie Talleyrand und Sct. Christoph, sie hielten es alle Drei mit dem Stärksten; aber nur Christoph hielt so fest an diesem Prinzipe, daß es ihn zuletzt auf den rechten Weg zu Jesus Christus brachte.

Uebrigens hüteten ich und meine Freunde uns wohl, unsere Ansichten Fremden gegenüber auszusprechen. Wir wußten, daß wir von Spionen umgeben waren, in deren Nähe man in gewisser Beziehung ein Stein sein mußte, indem man sagen konnte, wie Nille in Erasmus Montanus: „Ich weiß nicht ob er denken kann, aber reden kann er nicht.“

Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel.

War ich nun zu altmodisch, zu fromm, zu frei, zu deutsch für Malthe Bruun und Consorten, so gab es wieder Andere, denen ich nicht deutsch, nicht frei, fromm und altmodisch genug war. In einer Restauration bei Grignon lernte ich Friedrich Schlegel kennen. Er sah gar nicht so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte; ich erwartete einen magern Kritikus, und es glänzte mir ein ironisch fettes Gesicht sanguinisch entgegen. Wir mochten uns recht gern; aber Schlegel war es nicht recht, daß ich nicht mehr zu seiner Schule gehörte. Doch sagte er mir nie ein beißendes Wort; im Gegentheil er scherzte mit mir, wie mit einem jungen Tollkopf, aus dem Etwas werden könnte, oder aus dem wenigstens Etwas hätte werden können, wenn er den rechten Weg gewählt: d. h., wenn er blind zur Fahne der neuen Schule geschworen hätte. Zu einem Doctor Klinger aus Wien sagte er einmal, als er etwas ärgerlich über mich gewesen war: „Grüßen Sie Oehlenschläger und bitten Sie ihn, nicht böse zu sein, wenn ich mich gestern vielleicht zu sehr des traurigen Vorrechtes des Alters bedient habe.“ Schlegel war ein Mann von großen Talenten. Viele Abhandlungen in der Zeitschrift Europa, in den Characteristiken in seinem „Geist aus Lessing's Schriften“ zeigen den starken Kopf, den tiefen Denker, und er hatte viel mehr Gemüth als sein Bruder. In seinem Athenäum beweisen viele, wenn auch übertriebene Paradoxen Originalität, Keckheit und Humor. Aber seine Lucinde war mir doch stets zuwider; und ebenso der Geist, der im Alarcos herrscht, obwohl ich den kräftigen Ton des Stückes wohl gern hatte.

Deutsche Epigramme auf beide Schlegel.

Ich hatte ein paar deutsche Epigramme auf beide Schlegel's in der Zeit meines Abfalles geschrieben. Sie sind nie gedruckt worden; ich theile sie hier als characteristische Züge mit, die zu jener Zeit meines Lebens gehören. Schlegel's haben sie niemals weder gelesen noch gehört.

1. Alte und neue Zeit.

Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung, So Alles, so die deutsche Dichtung. Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit, Natur in kräft'ger schöner Klarheit. Die beiden Schlegel wollen Wehmuth In mönchischer und stolzer Demuth. Man liebte alles Schöne weiland, Jetzt ruft man affectirt den Heiland. Aus Wildniß stieg ein edles Bildniß; Das Bild verfliegt, wird wieder Wildniß. Ach hätten wir statt Schlegeln Lessing! Nur ein Stück Gold für zwei Stück Messing.

2. Unterschied zwischen den beiden Schlegels.

Der August sagt: „Mein Bruder und ich!“ „Ich und mein Bruder!“ sagt Friederich.

In mein Stammbuch schrieb Friedrich:

„Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht Quell Nur der Demuth scheint die Wahrheit hell.“

Auf diese Weise wäre der gute Friedrich niemals zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen; denn Demuth drückte ihn, wie bekannt, nicht sehr.

Frau Staël-Holstein wohnte in der Nähe von Paris in Auberge en ville; denn Napoleon wollte ihr nicht gestatten, näher zu treten. Ich besuchte sie dort und fand A. W. Schlegel und Benjamin Constant de Rebecque dort, der später eine so wichtige politische Rolle gespielt hat. Die geistreiche Dichterin empfing mich sehr freundlich, obgleich ich nur mittelmäßig Französisch sprach, und bat mich, sie in Coppet zu besuchen, wenn ich nach der Schweiz käme. Ich werde später mehr von diesen merkwürdigen Menschen sprechen.

Ueber Rousseau's Heloise.

Ich legte mich nun mit Eifer auf das Französische und las zum ersten Male Rousseau's Heloise. Dieses Buch rührte mich eben so sehr, wie Werther's Leiden, flößte mir aber bei Weitem nicht die Achtung vor dem Verfasser ein. Die Beredtheit ist darin eben so groß; die Leidenschaften und die Scenen sind eben so kräftig und schön geschildert; aber der neckende Eigensinn, die Jagd nach Paradoxen und etwas Unwürdiges (um nicht zu sagen Niederträchtiges) in dem Character des Verfassers, das zuweilen auf seine Personen übergeht, ärgerte mich oft so, daß ich das Buch auf die Erde warf und mit den Füßen darauf trat. Aber dann konnten wieder ein herrlicher Gedankenreichthum, ein reines edles Gefühl, und echte poetische Schilderungen des menschlichen Herzens, der Natur, des Unglücks und der Wehmuth mich innig rühren und hinreißen. — Wahrlich, Rousseau war ein Genie und ein höchst merkwürdiger Mann. Als ich kurz darauf seine Bekenntnisse las, wurde mir Vieles klar, was ich in der Heloise nicht verstanden hatte. Er hatte keine Erziehung gehabt und seine Gesundheit in der Jugend geschwächt. Sein stolzer Eigensinn kämpfte unaufhörlich mit seinem guten Herzen; und seine allzu krankhafte Empfindlichkeit verhinderte ihn trotz seines Verstandes, sich über die Verhältnisse zu erheben, und sie mit Ruhe und Besonnenheit zu überschauen. Die stete Gewohnheit, gegen so viel Schlechtes und Schiefes zu opponiren, verleitete ihn auch oft, dem Guten und Wahren zu widersprechen. Und so verstand man erst, wie dieser geniale Kopf zuletzt in Fehler und Tollheiten verfallen konnte, vor denen die größten Dummköpfe sich mit Leichtigkeit hätten schützen können.

Skandinavischer Umgang in Paris.

Ich ging viel mit zwei jungen Malern, Olivier aus Dessau, guten, freundlichen Menschen um; der eine malte mich. Dasselbe that auch ein norwegischer Maler, Lieutenant Munk, der damals in Paris war. Der geniale Musiker Kienlen gehörte auch zu meinem täglichen Umgange; er schrieb schöne Melodien zu Aladdin, und soll später in Berlin eine sehr hübsche Musik zu Göthe's Claudine von Villa bella geschrieben haben.

Besonders erfreute es uns Dänen, mit der norwegischen, liebenswürdigen Familie Knudtzon, die nach Paris gekommen war, zusammen zu leben. Bröndsted, Koës und ich aßen oft bei ihnen, und wenn wir so zusammen saßen, bildeten wir uns ein, in Dänemark oder Norwegen zu sein. Ich werde diese lieben Menschen nie vergessen; den braven Johansen und seine treue Sara; die liebenswürdige Frau Labouchère und ihre Schwester, die holde Benedicte. Mein Umgang mit ihnen trug viel dazu bei „Axel und Valborg,“ das ich damals gerade schrieb, das frische, nordische Colorit zu verleihen, das sonst durch den langen Aufenthalt im Auslande leicht hätte geschwächt werden können.

Die Alterthumsforscher Arndt und Millin.

Der wunderliche Alterthumsforscher Arndt, von dem ich bereits früher gesprochen, und den ich viele Jahre darauf als Strauß in meinem Drama: „Die italienischen Räuber“ auftreten ließ, kam auch nach Paris. Die Franzosen wunderten sich über diesen Menschen, der fast wie ein Bettler gekleidet war, aber die Taschen voll gelehrter Manuscripte hatte. Er wäre früher gekommen, aber gerade als er an der Barrière von Paris angekommen, fiel es ihm ein, daß er ein Manuscript in einem Steinhaufen, eine Viertelmeile von Lübeck vergessen habe. Er wanderte deßhalb zurück, um es zu holen, und dies raubte ihm einige Zeit. Millin, Professor der Archäologie und Vorsteher des Antiken- und Medaillencabinets, war sehr höflich gegen ihn und er sehr grob gegen Millin. Er warf ihm Unwissenheit vor. Man kann sich nicht zwei größere Contraste denken! Jener reich, vornehm, Bewohner eines schönen Hotels, in dem alle Gelehrten gewisse Stunden der Woche Zutritt hatten, und in prächtigen Zimmern alle neuen Bücher und Journale lesen konnten; — und Arndt in einem groben blauen Flaus, die langen Haare unter dem Kragen, und alle Taschen dick voll Papiere. —

Zuletzt wurde ich des Herrn Arndt doch überdrüssig. Als ich ihm eines Morgens einen alten Frack, etwas Linnen und ein Paar Stiefeln geschenkt und mein Frühstück mit ihm getheilt hatte, fing er an, indem er den Milchtopf mit einer Brotrinde auswischte, unverschämt von dem dänischen Könige zu reden. Ich bat ihn, sich zu recommandiren, wenn ich ihn nicht die Treppen hinunterwerfen sollte. Er ging, und seit dieser Zeit habe ich nie wieder mit ihm gesprochen.

Im siebenten Stockwerk.

Freilich wäre er tief gefallen; denn ich wohnte im Hôtel de Quinze-Vingt im siebenten Stockwerk.

Das Ungewitter fing an, sich auf dem nordischen Himmel zusammenzuziehen; und während wir in Paris Zeugen des Friedensfestes in Notredame waren, und Napoleon, wie Heinrich IV. gekleidet, unter einem Thronhimmel sahen, von allen seinen Staatsräthen und hohen Beamten begleitet; während das versammelte Volk am Abend in dem Tuileriengarten, wo er auf dem Balkon saß, sang: „Ou peut on être mieux, qu'au sein de sa famille“ und die ganze Stadt illuminirt war, schlugen unsere dänischen Herzen in banger Erwartung und der Ahnung einer schlimmern Illumination in Kopenhagen.

Ich hatte zuerst eine der ersten Etagen im Hôtel de Quinze-Vingt bewohnt; als ich aber keinen Brief mehr von Kopenhagen erhielt und das Geld ausblieb, wollte ich in einen gewöhnlichen Gasthof ziehen, wo ich billig wohnen konnte. Aber meine wackere Wirthin, Madame Gautier (eine Predigerwitwe, ich glaube von Genf), wollte es nicht erlauben. „Monsieur Oehsleng!“ sagte sie — denn weder sie noch irgend ein anderer Franzose konnte meinen Namen richtig aussprechen, — „wenn Sie auch zwei Jahre bei mir bleiben und ich keinen Sou von Ihnen bekomme, so lasse ich Sie doch nicht ziehen. Ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht betrügen wollen; bleiben Sie hier! aber wollen Sie mir eine Gefälligkeit erweisen, so ziehen Sie in meine oberste Etage hinauf! Da sollen Sie Alles bekommen: Mittag, Frühstück und Aufwartung, Alles gut und den vierten Theil billiger.“

Dieses edelmüthige Anerbieten kam mir wie vom Himmel. Ich zog in das siebente Stockwerk, gegenüber dem Carousselplatz, den Tuilerieen und der Ehrenpforte, wo die metallnen Pferde standen, die von Berlin nach Paris gewandert, und nun wieder auf dem Brandenburger Thor stehen. Auf dem Carousselplatze sah ich Napoleon oft mit seinen Garden beschäftigt, während ich da oben den Hakon Jarl übersetzte.

Nachricht vom Bombardement Kopenhagens.

Eines Tages, als ich ganz munter mit Bröndsted plauderte, tritt Koës blaß wie eine Leiche ins Zimmer und sagt: „Kopenhagen ist von den Engländern genommen!“ Wir wurden wie vom Blitze getroffen. Es circulirten mehrere falsche Gerüchte: daß das Friedrichsberger Schloß abgebrannt sei, daß alle Studenten bei einem Ausfall aus Kopenhagen umgekommen wären.

Es war, Gott sei Dank, nicht so schlimm hergegangen! All' meine Lieben lebten noch und Friedrichsberg hatte nichts gelitten; aber Kopenhagen war bombardirt und unter der Menge von Gebäuden, die in Asche gelegt waren, befand sich auch das große, schöne Haus meines zukünftigen Schwiegervaters auf der Norderstraße.

Brief an Christiane Heger.

Ein Brief, den ich meiner Christiane sandte, wird hier am besten zeigen, was ich erlebt hatte und was ich fühlte.

Paris, den 25. October 1807.

Liebste Christiane!

Unser Freund Koës reist übermorgen von Paris nach Dänemark; er hofft, daß die Engländer Kopenhagen werden verlassen haben, ehe er kommt, so daß die Fahrt über den Belt ihm offen steht. Gebe Gott, daß seine Hoffnung gegründet sei. Ich eile bei dieser Gelegenheit mein Herz vor Dir auszugießen, mein gutes Mädchen, und hoffe auch Briefe für unsere Schwestern fertig zu machen. Du hast lange nichts von mir gehört. Mein Schweigen in der letzteren Zeit verlangt keine Entschuldigung; daß ich so lange zwischen „der irrende Ritter“ und „Palnatoke“ schwieg, war Palnatoke's Schuld; ich arbeitete daran, lebte ein friedliches, glückliches Alltagsleben einen Tag wie den andern. Die eignen Gedanken und Ideen, die in meiner Seele erwachten, drückte ich in meinem Gedichte aus, und ich hatte Dir übrigens im strengsten Sinne des Wortes nichts zu sagen, als von meiner Liebe, die Du kennst. Ein kleiner Nebenumstand war vielleicht Ursache daran, daß Du mit dem Palnatoke keine Briefe erhieltest. Dein guter Vater hatte mich vor einiger Zeit durch einen Brief erfreut; er hatte darin ein venetianisches Lexikon und etwas über Flintglas zu hören verlangt. Ich gestehe mein Unrecht; ich schob es von Tag zu Tag auf, und nun wollte ich Dir nicht schreiben, bevor ich nicht ihm auch schreiben könnte. Ich habe später in der Kaiserlichen Bibliothek verschiedene Notizen über Lexika bekommen, aber in diesem Augenblicke, wo sein Haus verbrannt und sein Eigenthum zerstört ist, hat der arme Mann wohl an andere Dinge zu denken.

Liebes Mädchen! Freilich war ich nicht in Kopenhagen, die Gefahren und Schrecken mit Euch zu theilen, aber meine Qual und mein Unglück sind darum nicht geringer gewesen. In langsamen, bitteren Zügen habe ich den Kelch getrunken, den Ihr auf einmal geleert. Während noch Alles ruhig in Dänemark war, hatten wir hier in Paris die wahrscheinlichste Furcht vor dem, was da geschehen würde. Die dunklen Wolken fingen an vor unsern Augen über unser Vaterland aufzuziehen, während man hier in Paris ununterbrochen Friedensfeste feierte. Denke Dir die raffinirte Qual, in einem Theater zu sitzen, muntere Freudenstücke aufführen zu sehen, ein glückliches, siegendes Volk jubeln zu hören, überall Luxus und Ueberfluß; und nun mit dem Auge der Seele durch die Theaterwände nach dem dunklen Horizont gen Norden zu blicken, die englische Flotte auf den Wogen, die französische Armee auf dem Lande zu sehen. Kronburg, als ein Unglücksprophet seinen Scheitel über den Oeresund erhebend — und das arme Kopenhagen! Und Eure gräßliche Ruhe! Grade beim Friedensfeste hier in Paris, als ich in Notredame gewesen war, das Tedeum gehört, die ganze französische Pracht und Herrlichkeit gesehen, Napoleon zum ersten Male in meinem Leben in Rittertracht unter einem Thronhimmel, den Senat und alle Rathspersonen in ihren Staatsuniformen, eine wimmelnde Menge des Pariser Publikums, Bravoruf und Freudengeschrei gehört, meinen poetischen Geist in die Zeit Karl's des Großen hingezaubert — darauf einen Sprung nach Norden, dem alten Norden und seiner verschwundenen Macht gethan hatte — kam ich müde und wehmüthig nach Hause und fand dort den letzten Brief von Rahbek, Karen Margrete und Job. Lauter Freude! Landpartien! Lust und Scherz! Rahbek nennt mich in diesem Briefe einen glücklichen Dichter! Ja wohl ein glücklicher Dichter! glücklich wie der arme Camoëns, der seine Luciade fertig hatte, gerade als sein Vaterland zu Grunde ging. Lebte Camoëns jetzt, so könnte er wirklich glücklich werden; er hätte dann Stoff zu einer schöneren Luciade als die erste — aber ich armer Däne!

Daß ich nun gerade Palnatoke schreiben sollte! gerade die nordische politische Macht zum Stoff meines Gedichtes wenige Minuten vor diesem Augenblicke wählen mußte! That es das Geschick zum Hohn? oder war es um mich zu trösten, indem es mein Auge darauf hinlenkte, was auch wir gewesen waren, und um es mir frisch im Gedächtniß zu erhalten: Jede Blume hat ihre Zeit, aber in der Kunst blüht ein ewiger Frühling? O, wie spielen die Nornen mit dem armen Menschenherzen Ball. Bald fällt, bald steigt es. Daß die Engländer kommen würden, hatten wir voraus gesehen. Die Tüchtigkeit, der Muth und die Vorsichtsmaßregeln, von denen die Zeitungen immer aus Dänemark sprachen, fingen an uns zu trösten und zu stärken. Castenskiold's Heer! die Bürgerschaft in Kopenhagen! die tiefe Verachtung gegen die Engländer! die gute Sache! die Erinnerung an Dänemarks alte Ehre! die Versicherung des Ueberflusses an Lebensmitteln! Die kecken Maßregeln, die man (in den Zeitungen) genommen hatte, indem man die Vorstädte und Friedrichsberg abbrannte. Und mit glühenden Schmerzensthränen sah ich die Westerbrücke und das Schloß brennen. Der Ort, an dem meine Wiege stand, ging zu Grunde, jedes Monument, das die Erinnerungen aus meinem Leben in meinem Herzen auffrischte. Aber ich opferte mit Freude meine Glückseligkeit dem Vaterlande. Am 29. und 30. sollte ein Heldenausfall stattgefunden haben. Die Zeitungen erzählten uns, daß die Studenten an der Spitze gestanden, Granaten auf das Schloß geworfen hätten und fast alle auf dem Wahlplatz geblieben seien. Da weinte ich. Ich sah Rahbek, Oersted und Carl in ihrem Blute schwimmend, meinen alten Vater in der äußersten Lebensgefahr. Aber ich fühlte mich als ein Spartaner, und klagte das Schicksal an, welches mir nicht auch erlaubte, mit meinen Brüdern bei Thermopylä zu fallen. Nach Verlauf einiger Tage kam mir die Nachricht, daß nicht alle Vorstädte abgebrannt seien, nur etwas von der Westerbrücke und daß das Friedrichsberger Schloß noch stehe. Daß das Schloß stand, freute mich unsäglich; wir erfuhren auch, daß die Niederlage der Studenten nicht so groß gewesen sei, wie das Gerücht ging. Ich fing an für mein persönliches Glück zu hoffen, ohne für das Ganze zu fürchten. Fortwährende Nachrichten über den dänischen Widerstand und die englische Eingebildetheit klangen in unsern Ohren. Ich dichtete ein Lied, welches von der Landsmannschaft bei dem Minister Dreyer gesungen wurde, wo wir Dänemarks Wohl im Blute des Feindes (Englisches Bier) tranken. So ging es fort; wir hörten nun nichts von Kopenhagen, aber wir fürchteten nichts. Eines Morgens saß Bröndsted bei mir, wir lachten und scherzten; in demselben Augenblick kommt Koës bleich wie eine Leiche herein und sagt: „Kopenhagen ist genommen!“ Du hast Phantasie und Gefühl genug, um Dir vorzustellen, welche Wirkung das auf uns hervorbrachte. Von der Hoffnung und Munterkeit stürzte es uns plötzlich in die bitterste Verzweiflung hinab. Wir waren zu einem Dr. Klinger im jardin des plantes eingeladen, um das Naturaliencabinet zu sehen. Wir setzten uns in einen Wagen und fuhren hinaus. Bei Klinger kam ich in die tollste Laune, lachte aus vollem Halse und sagte lauter Narrheiten. Er freute sich darüber, mich so munter zu finden. Ich sagte: „Ist es ein Wunder, daß ich ausgelassen bin? Kopenhagen ist eingenommen, meine Familie getödtet, verwundet oder zu Grunde gerichtet, die Hälfte der Stadt verbrannt und Dänemark zum Teufel gegangen.“ Darauf fing ich wieder zu lachen an. Es war dies das Lachen, vor dem ich früher bei Dir so große Furcht hatte, das ein Vorbote Deines Krampfes war. Indessen bekam ich keinen Krampf. Der liebe Gott hat mich aus einem stärkeren Teige geknetet. Wir gingen in's Naturalienkabinet, sahen große Elephantenskelette, Versteinerungen von Thieren aus Asien in Kalkstücken vom Montmartre &c. Bessern Trost hätte ich nicht bekommen können. Die großen Umwälzungen der Natur standen mir lebhaft vor den Blicken, und mein eignes und Dänemarks Schicksal erschienen mir wie die Bewegungen eines Stäubchens in dem unermeßlichen Raum. Ich sah Kinder in Spiritus, deren Herzen weder im Kummer, noch in der Freude geschlagen hatten, und ich dankte der Vorsehung für das meinige, das beides empfunden und zugleich den Ewigen selbst erfaßt hatte. Meine verzweifelte Stimmung verschwand, ich blickte die Verwandlungen der Natur mit von Thränen geblendeten Augen an, meine Seele erhob sich kühn im Unglücke. Das Unglück macht groß: Ich fühlte meine Unsterblichkeit, die religiöse Hoffnung stand wie ein grüner unvergänglicher, gigantischer Smaragd-Anker vor meiner Seele. Meine Liebe zu den Meinigen wuchs, um so mehr, als ich nicht wußte, ob wir diesseits oder jenseits des Grabes sympathisirten, aber dieses Grab erschien mir nun ein unbedeutender Graben zu sein, der leicht zu überspringen war. So kam ich mit einem frommen Herzen nach Hause und betete innig zu Gott. Von diesem Augenblick an war ich ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit stand doch das Unglück des Vaterlandes mir vor der Seele. In der Nacht dachte ich an Euch und wünschte innig, daß Ihr leben möchtet. An einem schönen Herbsttage, als ich hier spazieren gegangen war und mich so leicht ums Herz fühlte, ahnte mir etwas Gutes. Als ich nach Hause kam, fand ich einen Brief von H. C. Oersted. Ihr lebtet Alle!! O wie dankte ich Gott; wie freute ich mich! Selbst daß Euer Haus abgebrannt, konnte meine Freude nicht stören. Kurz darauf bekam ich Deinen Brief. O schreibe mir bald mehr. Detaillire mir Alles, liebe Christiane! ich schließe hier nicht. Ich beginne jetzt den Brief an meine Schwester (denn ich bin zwischen Euch getheilt); daraus wirst Du meinen übrigen Zustand erfahren.

Dein

Oehlenschläger.

Ein Brief von Baggesen.

Kurz darauf kam Baggesen nach Paris; er hatte fast ein ganzes Jahr in dem Hause meines Schwagers, A. S. Oersted gelebt; seinen halberwachsenen Sohn August hatte mein Vater zu sich genommen, und ein Paar Jahre wie sein eignes Kind gepflegt; Ursachen genug für Baggesen, günstig gegen Sophien's Bruder, gegen den Sohn des alten Oehlenschläger und gegen den jungen Dichter gestimmt zu sein, der kurz vorher zu seiner Ehre ein Fest veranstaltet und ein Lied geschrieben hatte. Aber ich sehnte mich doch nicht nach ihm. Er hatte mir vorher einen gedruckten Reimbrief nach Paris gesandt, dem voran geschrieben stand:

„In dem Zimmer meiner besten, verehrten und inniggeliebten dänischen Freundin, Deiner göttlichen Schwester — nachdem ich mit ihr, ihrem Manne, Schwager Christian und Tine Deinen Geburtstag gefeiert hatte.“

Und am Schlusse:

„Ich würde zuviel zu erzählen haben, mein Oehlenschläger, wenn ich davon sprechen sollte, wo und wie ich die drei letzten Monate zugebracht habe. Davon muß Alles oder gar nichts erzählt werden. Ich erspare es mir auf eine Reihe mündlicher Unterhaltungen.

Wunderbar genug sind unsere wirklichen Ereignisse, nachdem sie lange, fast ins Unendliche hinaus auseinander gegangen waren, zusammengetroffen. Ich weiß nicht weshalb; aber ich habe die eigenthümliche, innere Ueberzeugung, daß nicht allein ich zu dem sympathetischen Punkt zurückgekehrt bin, von dem wir Beide ausgingen.

Ich beabsichtige von hier am 1. December fortzureisen und vor Neujahr in Paris zu sein.

Meine Sehnsucht nach meiner Fanny und meinem Paul und meinem und Sophien's Bruder ist unbeschreiblich. Ich habe viel Angst und Unruhe in dieser Zeit ausgestanden, weil ich nicht reisen konnte. Du wirst vielleicht meiner Frau die bisherige Unmöglichkeit erklären können; selbst mein Leben und nicht nur meine Freiheit war in Gefahr.

Ich bitte Dich innig, meine Frau in Marly zu besuchen (Marly la machine — le village sur la hauteur — près St. Germain). Erzähle ihr das Entsetzen, das wir hier ausgestanden haben, meinen heftigen Rückfall und Deutschlands Zerstörung. Küsse und drücke ihre Hand für mich, und sage ihr, wie ungeduldig ich mich darnach sehne, an Deiner Stelle zu sein. Sage ihr, daß ich es nie wagen durfte, ihr die reine Wahrheit in meinem Briefe zu schreiben.

Warum bin ich nicht bereits in Paris, um Dir den raschesten Genuß alles Dessen zu erleichtern, was daselbst Deines Geistes und Deines Herzens werth ist!

Schreibe mit ein Paar Zeilen nach Amsterdam, adressirt: An Herrn Brockhaus, Warmoesstraat Nr. 1–2.

Ewig Dein

Baggesen.“

Auszug aus einem Reimbrief von Baggesen.

Einen Auszug aus dem Reimbriefe theile ich hier mit:

„Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebte Im tiefen Ernste grübelnd alle Zeit, Mit ruhelosem Fleiß in Einsamkeit, Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand, Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand, In Schweißes Strömen bei der Stirne Brand, Indeß das Hinderniß den Fleiß belebte. Du fandest sie, nach der ich strebte Vom Abendschimmer bis zur Tagesnähe, Im Schooß des Abgrunds, auf des Felsens Höhe, Mit eis'gem Hirne u. s. w. Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, — Indessen mir, dem Armen, war gebunden Die Hand. Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt; Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles — Das Aug' des Glückes deckt ein blendend Band —; Dich lockt, indeß ich grub, der Reiz des Spieles, Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand, Bei unterird'schen, diamantnen Bäumen, Dem Untergange nah, der Dich umwand, — Die mächt'ge Himmelslampe in der Hand, Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; — Noch bist Du von dem bunten Rausch umhüllt, Du letzest Dich an Tieck'schen Blumenträumen, Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten. Du hast Dir alle Taschen voll gefüllt Mit Göthe's unterirdischen Granaten, Indessen Calderon's Theaterpracht Den runden Hut zum Viereck Dir gemacht; — Allein — Du hast sie — hast den Geist gebannt, Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebte Vergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte, Reicht Dir mit Wollust seine Hand — u. s. w. Steig' auf, steig' auf, Hoch auf den Berg im raschen Lauf, Da setz' Dich, Glücklicher, an meine Seite. Und ich — der nicht die Lampe hat, doch weiß Den Geist zu bannen durch ein streng Geheiß, Ich bin Dir nah', daß ich die Hand Dir leite. Du hört'st mich nicht tief in der Höhle Mitt'; Du gingst, belastet durch die schweren Steine, In Tausend Einer Nacht den Gang alleine. Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt, Als Du Dich hobst. Und — Wunder über Wunder — Nicht mehr der Knabe, weiß und roth, mit glattem Kinn, Der nach den Früchten griff, mit kind'schem Sinn, Ich sah als bärt'gen Mann Dich im Vaulunder; Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz, Als Hakon Jarl Du auf dem höchsten Platz. — Empfang' mit diesem Bruderkuß die Hand! Vergiß die Stöße, die wir uns gegeben, Dieweil wir unsern Geist verkannt, Vom Teufel kurze Zeit gebannt, Der Zwistigkeiten liebt für's Leben, Und gern sie sä't, wo Witz und Witz sich heben. Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut, Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut. Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir, Du wechselweis dann in der Höll' mit mir. Ich froh des Jünglings, Du des Mannes froh. Und all' die Irrwisch', die so tief im Sumpf Da hüpfen, und sich drücken, Rumpf an Rumpf, Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren, Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph, Daß sich Aladdin und Noureddin fanden, Daß alle früher'n Uebel rasch verschwanden, Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!“

Antwort auf Baggesen's Reimbrief.

Hierauf antwortete ich auch mit einem Gedichte, in welchem Folgendes stand:

Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun, Wir lassen seine Wunderlampe brennen still, Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leicht Könnt' sie auf diese Weis' erlöschen gar. Auch ist Der Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht, Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher. Vaulunder wurde vor der Lampe schon gedichtet; Illusion Ist also, was Du glaubtest von dem ältern Mann. Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor, So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht! Im Schweiße mag der Bürger gehen seinen Weg! Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen Sohn Kennt nicht den Schweiß. Vulkan auf seinem Ambos hat Geschmiedet Deine Lieder nicht! Ein Silberbach, So rannen sie melodisch durch das Thal dahin, Und eigne Quellen trieben sie. Was Du gesagt Von meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter doch Hat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stets Den schönen Melodien der Welt auf seinem Zweig; Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mährchen ihm. Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er, Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehüllt; So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod. Gefällt allein die Hälfte meines Wesens Dir, So nimm', was Dir gefällt, allein verschone mich Mit Deinem Warnungslied! Zu Freundessympathie Bedarf es, daß der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w. Nun zürn' mir nicht, daß ich mit Ernst und strenger Ruh' Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort. Gereiftheit, Männlichkeit zu zeigen in dem Werk Der Dichter hoffte. Also singt kein schläfrig Kind! Doch fest, auf beiden Füßen sicher, ganz wie Du Und Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost, Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist. Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.

So antwortete ich ihm, unter vielem Anderen, das ich hier weglasse, ernst und bescheiden auf eine Epistel, die eine seltsame Mischung von Selbstlob, Vorurtheil und Erkennen meines Talentes war. Diese Epistel würde mich doch mehr gerührt haben, als sie wirklich that, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich meinem Familienkreise in Kopenhagen den größten Theil des Weihrauchs verdankte, den Baggesen damals mir ausstreute, denn er ließ sich stets von seiner Umgebung und deren Meinung beherrschen. —

Belege zur Characteristik Baggesen's.

Aus dieser Zeit habe ich mehrere Briefe aus meinen nächsten Kreisen in Kopenhagen, wovon ich hier Bruchstücke mittheilen will. Zuerst von Christiane:

„Ich war zwei Abende mit Baggesen bei Rahbek zusammen und hörte ihn das Scheerenschleiferlied singen. An einem Abend begleitete er mich nach Hause und machte mich etwas verlegen, indem er sagte, daß das Stück „Corsoer“ in der Langelandsreise ihm nahe gegangen sei. Deine Schwester, erzählte er mir, sei eine Deiner würdige Schwester, voll von Geist und Witz, aber ganz unwissend. Er ist oft zu Oersted's gekommen, und Sophie war mit ihm in „Corsoer“ , was ihr gewiß sehr unangenehm gewesen ist. Du bist ein prächtiger Junge, das muß ich Dir sagen, weil Du mir so liebevoll das Mißverhältniß in Familien oder zwischen Freunden erklärtest. Ich will nur bemerken, daß Abwesenheit ein herrliches Ding ist, da urtheilt man oft milder, als wenn man anwesend ist.“

„Deinen Baldur habe ich mehrere Male mit immer größerer Freude gelesen. Ich war etwas krank, als ich das Manuscript erhielt; aber eine bessere Medicin hätte ich nicht bekommen können; der Enthusiasmus, in den ich versetzt wurde, brachte das Blut in eine Circulation, die mich curirte. Baggesen habe ich nur einmal über den Baldur sprechen hören; aber ich verstand seine Rede eben so schlecht, wie die Noureddin's zu Aladdin. Er ist einer der Menschen, deren man bald überdrüssig wird; mich langweilt sein Geschwätz vielfach.“

Von H. C. Oersted folgende Bruchstücke:

„Baggesen ist hier. Er kommt viel in das Haus meines Bruders. Er hält viel von Deinen Gedichten, besonders von dem St. Hans Abendspiel und Aladdin. Vom Altnordischen ist er kein Freund. Er kann die vielen alten Worte nicht leiden, die Du aufnimmst, und will noch weniger etwas von den alten Formen wissen; kurz man kann über Vieles mit ihm streiten, aber der Wille scheint gut zu sein. Er will Die eine poetische Epistel schreiben; Deine Schwester arbeitet nicht ganz ohne Glück daran, ihn zu Göthe zu bekehren. Er fühlt bereits, daß Vieles in seinem Urtheil über den großen Dichter aus persönlichen Verhältnissen entsprungen sei. Jedenfalls muß man gestehen, daß Baggesen im Umgange sehr interessant ist, wenn man ihn nur nicht dahin bringt, über die neuere Philosophie und Poesie zu urtheilen. In dieser Hinsicht ist er wirklich schwach, so daß er oft gegen Etwas eifert, nur weil es von ihm verhaßten Personen herrührt; obgleich er bei andern Gelegenheiten ganz Demselben seinen Beifall zollt, wenn es nicht von einem solchen Namen begleitet ist.“

„Dein Brief an Baggesen hat sich so ungetheilten Beifall erworben, wie wohl selten ein literarisches Produkt der Art. Deine Freunde haben sich außerordentlich darüber gefreut; selbst diejenigen, welche Deine Gegner, oder nicht ganz freundlich gegen Dich gesonnen waren, legen großen Werth darauf. Soldin hatte bereits Besuche des kaufenden Publikums, ehe der Brief zum Verkauf angezeigt war. Die Leute konnten ihn nicht rasch genug bekommen; man ging ganz geduldig nach der Pistolsgasse, zu Soldin's Buchbinder, um den Brief zu holen, ehe Soldin Exemplare desselben erhielt. In Dreyer's Club hat Bornemann ihn mit vielem Pathos vorgelesen und Alle lobten ihn. Was nun Baggesen betrifft, so las ich ihn ihm gleich im Manuscripte vor. Im Anfange fand er ihn voller Bitterkeit, aber als er ihn ein paar Mal gelesen, und ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, daß nicht Alles, was Du in Deinem Glaubensbekenntnisse aussprichst, auf ihn zu beziehen sei, begnügte er sich, auszusprechen, daß Du ihn mißverstanden hättest, und nicht wüßtest, wie er jetzt sei. Meine Ansicht von Baggesen ist, daß er ein schwacher eitler Mensch sei, der nicht meinte, was er schrieb. Ich habe viele Debatten mit ihm, und kann es nicht unterlassen, ihm Blößen zu geben, wenn er prahlt, schmeichelt und täglich seine Meinung verändert. Baldur hat mit unendlich gefallen. Ich hörte Baggesen ihn erst bei meinem Bruder vorlesen; aber er las ihn mit einer so künstlichen Schläfrigkeit, daß er im günstigsten Falle keinen Genuß bereiten konnte. Ich habe ihn später selbst vor Andern und stets mit Beifall gelesen.“

In einem schärferen Tone wird Baggesen in einem Briefe von einem andern meiner Freunde besprochen.

„Ich habe den ersten Theil seiner Reimbriefe gelesen, und leugne nicht, daß mir Eins und das Andere gefallen hat; aber ich habe mich über sein ewiges Reden von sich selbst geärgert, das sich durch das ganze Buch zieht, dessen Inhalt ist, daß er ein schwacher Mensch sei, der nirgends hinpaßt, der nirgens nützt. Der Brief an Adam scheint mir Pavels' alte Recension, in einer Cantate umgesetzt zu sein. Kopenhagens Einwohner werden sich allerdings über die Gutmüthigkeit wundern, daß er einen Vergleich anbietet; ich bewundere sie durchaus nicht; denn da bei ihm Alles zufällig ist, so beruht seine ganze Gutmüthigkeit auf dem Zufalle, daß er zu Oersteds kam; wäre er zu K***s gekommen, so würde das Gegentheil geschehen sein.

Ich wundere mich, daß dieser Herr vom Klappern zu sprechen wagt, da er doch in der letzten Zeit kein anderes Instrument hantirt, als die Klapper.“

Auch H. C. Oersted sprach strenger über Baggesen, je länger er mit ihm umging. In den letzten Briefen, die ich von Oersted über Baggesen erhielt, heißt es:

„Mit Baggesen stehe ich beständig auf gespanntem Fuße, obgleich ich äußerlich mit ihm in Frieden lebe. Es schmerzt mich oft in meinem Innern, daß es einem Manne, der mit so vielen Talenten geboren ist, so vollständig an Character und Zusammenhang fehlt, wie ihm. Kaum ein Tag vergeht, wo er nicht Ansichten und Gesinnung änderte. Diese Fluidität macht, daß er sich leicht in alle Formen schmiegt; daß er aber nie durch eine lange Arbeit hindurch eine feste und klare Form beibehalten kann. Steffens war einige Tage hier. Man wollte ihn anstellen, da man aber forderte, daß er keine Vorlesungen halten dürfe, so gab er die übrigens nicht unvortheilhaften Bedingungen, die ihm gestellt waren, auf. Baggesen hat ihn erwischt und gesagt, er fürchte, Du hättest Steffens gegen ihn eingenommen; aber Steffens antwortete ganz aufrichtig, daß gerade das Gegentheil der Fall sei. Baggesen fuhr fort, Steffens Complimente zu machen; er will sich mit aller Gewalt zur neuern Poesie bekehren, und hat auch bereits in seinem „Gespenst“ verschiedentliche neue Götter vorgeschlagen.“

„Baggesen besitzt gewiß alle die Talente, die zu einem ausgezeichneten Dichter erforderlich sind; aber es fehlt ihm die innere Einheit, die viele Talente zu einem Genie macht. Deßhalb sieht man auch, wie sich alle Dichterelemente in seinen Arbeiten jagen, Alles in einer unaufhörlichen Bewegung, einem poetischen Chaos, dem der verbindende Geist fehlt, so daß es nie zu einer wahren Organisation gelangt. Wenn der Zusammenstoß der Atome hie und da in dem großen Meere, seinen Gedichten, es zu einer kleinen, schwachen Organisation gebracht hat, so weiß er doch stets durch Verbesserung in einer neuen Ausgabe sie wieder aufzulösen, daß daraus die Einheit wieder herausgebracht wird. Dies hat er z. B. in dem kleinen Gedichte, der Trost, gemacht, das in der ersten Ausgabe damit anfängt, in der ganzen Natur ein Symbol des Todes und des Grabes zu sehen; darauf steigt er in das Grab selbst hinab, und schließt mit Himmel, Seligkeit, Ewigkeit. In der zweiten Ausgabe verschwindet der feine Faden, der Alles verband, und der ganze kleine wehmüthige Erguß wird — Wasser. Es ist meine volle Ueberzeugung, daß die Natur Keinem Genie verleiht; sie rüstet den Menschen mit mehreren oder wenigeren Talenten aus; aber selbst die größten werden nur Talente, wenn nicht künstlerisches Rechtsgefühl, wahre Liebe für Kunst und Wissenschaft hinzutritt, so daß man ohne Rücksicht der Vortheile und Verbindungen, oder etwas noch Niedrigeres, stets in seiner Kunst und Wissenschaft lebt. —

Ich muß Dir erzählen, daß Baggesen einen Sohn hat, der ein vortrefflicher Knabe ist und so viel Character und Verstand besitzt, daß der Vater oft von Herzen wünschen müßte, zu haben, was er hat. Er gleicht ihm indessen sehr, doch ist es wohl die Schweizernatur der Mutter, die ihm die Kraft verliehen hat. Er ist ganz entschlossen Krieger zu werden, und ich habe ihn mit bewundernswürdigem Verstande auf die Einwendungen antworten hören, die man ihm gegen die Wahl dieses Standes machte.“

So wurde Baggesen beurtheilt, nicht allein im Kreise meiner Freunde (der aus einigen der ausgezeichnetsten Männer der dänischen Literatur bestand), sondern von den meisten geistvollen, gebildeten Menschen. Indessen hatte er doch meine Schwester zu gewinnen gewußt. Und war dies ein Wunder? Er gewann ja kurz darauf in Paris, trotz Dem, was ich von ihm wußte, auch mich. Es war fast nicht möglich, kalt gegen ihn zu bleiben, wenn er es recht darauf anlegte, einen Menschen zu gewinnen, so liebenswürdig konnte er sein. War es daher nicht natürlich, daß er auch sie gewann, die er bis in die Wolken erhob und in deren Umgang er damals seine größte Glückseligkeit fand? Als ein Frauenzimmer, obgleich sehr gebildet und geistvoll, war sie — nicht (wie Baggesen selbst zu Christiane sagte) „sehr unwissend,“ aber wohl unwissend im Betreff der literarischen Verhältnisse und der Rolle, die Baggesen selbst darin spielte. Wenn sie ihn nun auch oft sehr tadeln hörte und selbst zuweilen seine Schwächen entdeckte, so gefiel und schmeichelte es ihr wohl auf der andern Seite, daß sie so großen Einfluß auf einen so berühmten und talentvollen Mann mit einem so großen Namen hatte, der sich darein fand, oft ganz kindlich und gehorsam bei ihr in die Schule zu gehen, und geduldig ihren Tadel und ihre Winke entgegennahm, und für die Zukunft Besserung versprach. Es währte nicht lange, so öffneten sich auch Sophien die Augen, damals aber ging sie noch, was Baggesen betraf, im Traum, und es gefiel ihr, ihm Geschmack für das Bessere in einer Kunst beibringen zu können, in welcher er sich einen berühmten Namen erworben hatte, ehe sie geboren wurde.

Zusammenleben mit Baggesen in Paris.

Als Baggesen nach Paris kam, hatte ich mir vorgenommen kalt und zurückhaltend gegen ihn zu sein, aber daraus wurde nichts. Als er zu mir ins Zimmer trat und ich sagte: „Guten Tag, Herr Professor Baggesen!“ rief er weinend: „Nicht so! Du, Du!“ Damit drückte er mich in seine Arme und netzte mein Gesicht mit seinen Thränen indem er mich wiederholt küßte. Es ging mir, wie so vielen Andern; dies schöne augenblickliche Gefühl rührte mich; er hatte mich wiedergewonnen. Wir gingen in Paris fast täglich mit einander um, und der Eine sagte dem Andern nicht ein unangenehmes Wort. Baggesen war ein Chamäleon, das seine Farbe von seiner Umgebung nahm. Er merkte hier bald in unserem Zirkel, daß Einbildung und eine halb französische halb Wieland'sche Aesthetik nichts nützte. — Er wurde also bescheiden, fühlte wohl auch — für den Augenblick, daß ich mich auf Tragödien und Schauspiele besser verstehe, wie er und äußerte selbst einmal: „Ich schäme mich nicht, von Dir zu lernen, obgleich ich der Aeltere bin.“ — Als ich ihm meinen Palnatoke vorlas, warf er sich entzückt vor mir auf die Knie. „Pfui Baggesen!“ sagte ich, „solche Uebertreibung kann ich nicht leiden! Laß das Feuer ruhig, aber stetig brennen.“ — Ein Jahr darauf, als er mich fast wahnsinnig, wie einen Elenden, angriff, der nichts Ordentliches wisse oder könne, hieß es: er sei in Paris vor mir auf die Knie gefallen, um mich zu überreden, die Fehler des Stückes abzuändern.

Da es ihm nun damals darum zu thun war, mich zu gewinnen, so gewann er mich auch, denn ich habe keinen Menschen gekannt, der sich so einzuschmeicheln wußte, wobei ihm sein augenblicklich leichtes Gefühl, sein Witz und seine Beredtsamkeit gut zu statten kamen. Et hatte damals auch noch nicht so stark gesündigt; und wer sähe nicht gern vielen kleinen Schwächen durch die Finger, um einen solchen Gesellschafter zu haben?

Baggesen war eigentlich ein Improvisator; Alles war bei ihm das Kind des Augenblickes und auf die augenblickliche Wirkung berechnet. Ich fühlte selbst, um wieviel unterhaltender er in Gesellschaften sein müsse als ich, der ich nicht mittheilend und laut bin, sondern verlegen schweige, und nur leise mit meinem Nachbar spreche. Erst unter Freunden, eigentlich nur zu Zweien werde ich begeistert und beredt; oder auch als Lehrer vom Katheder, wenn auch noch so Viele zugegen sind. Baggesen war also ein Improvisator, und als solchem durfte man es ihm nicht übelnehmen, daß er einen Haufen Dichtung in seine geselligen historischen Erzählungen einmischte; denn der Gesellschaftssaal war, wie gesagt, größtentheils sein poetisches Arbeitszimmer, wo er häufig die Horazische Regel geltend machte: veris falsa, oder eigentlich: vera falsis remiscet. Hierdurch erlangten seine Erzählungen freilich an Interesse, das wir Andern, die sich an die nüchterne Wirklichkeit hielten, ihnen nicht geben konnten. Was er Schönes und Gutes gedichtet hat, sind, wenn nicht geistvolle Gelegenheitsgedichte, so doch gewöhnlich die Geburten einer kurzen, glücklichen Stimmung. Zu größeren Werken, die Anstrengung und eine anhaltende Begeisterung erforderten, hatte er weder Kraft, noch Fleiß oder Lust. Deshalb sind die meisten derselben nur Fragmente geblieben. In seinen größeren Arbeiten können wir freilich viele einzelne Schönheiten bewundern; wo er aber ernst ohne Humor sein will, ist er größtentheils schwülstig und affectirt.

Eines Abends spät war er bei mir und erzählte mir von seinen Schuljahren, wie er einmal, seiner Versicherung nach ganz unschuldig, eine harte Strafe hatte erdulden müssen. Dies schilderte er so lebendig und mit so rührenden Zügen, das ich zuletzt höchst erbittert ausrief: „Ich wollte wünschen, ich hätte den alten grausamen Rector hier, ich wollte ihm mores lehren!“ — Indessen wurde es spät. — „Baggesen!“ sagte ich, „willst Du die Nacht über hierbleiben, so werde ich Dir ein Zimmer verschaffen, denn mein Bett ist für zwei zu klein.“ — „„Nein, das ist unmöglich,““ sagte er, „„ich muß durchaus noch heute Abend nach Marly.““ Darauf fuhr er wieder zu erzählen fort, bis es so spät ward, daß er nothwendig bei mir bleiben mußte. Wir stopften uns in das schmale Bett, wie Anchiovis in einem Fäßchen; und da wir nicht schlafen konnten, lagen wir die halbe Nacht und sprachen in Reimen mit einander bis wir endlich von Müdigkeit und Mattigkeit mehr betäubt wurden, als daß wir einschliefen. Früh am Morgen erwachte ich wieder und wunderte mich über das große, fahle, pockennarbige aber doch höchst interessante Gesicht, das neben mir war. Als er erwachte, war er wieder eben so munter. Wir tranken unsern Kaffee zusammen und sprachen lustig und freundlich mit einander.

Eines Tages fand er Holberg's dänische Geschichte bei mir und nahm sie nach Marly mit. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er: „Nun habe ich auch ein Sujet zu einer nordischen Tragödie gefunden.“ — „„Na, das ist recht,““ antwortete ich. — „Eigentlich werden es drei Tragödien!“ — „Und ich habe auch ein Sujet gefunden und will eine Tragödie schreiben!“ (Axel und Valborg). — „Hm!“ — sagte er, launig lächelnd, indem er eine starke Prise Tabak nahm, und sich selbst zum besten hatte, was er oft mit vieler Grazie that. — „Mir ist bange, daß Du mit Deiner einen Tragödie früher fertig wirst, als ich mit allen Dreien!“ — Ich lud Baggesen ein, zu Mittag bei mir zu essen, er nahm die Einladung an und wir gingen zu meiner Wirthin, Madame Gautier, hinunter, die eine sehr gute table d'hôte hat. Obgleich etwa zwanzig französische Gäste da waren, so genirte uns dies doch nicht, da wir beide Dänisch zusammen sprachen, was kein anderer verstand.

Als wir ein Paar Glas Wein getrunken hatten, sagte ich: „Höre Baggesen, nun sollst Du mir den Plan zu Deinen drei Tragödien mittheilen.“ — „„Ja,““ entgegnete er, „„es liegt mir noch zu konfus im Kopf; ich muß es erst ordnen.““ — „Etwas davon mußt Du doch erzählen können,“ fuhr ich fort. — „„Das erste Stück soll Schiffer Clement heißen,““ sagte er, „„aber damit bin ich noch am Allerwenigsten im Reinen.““ — „Dann wollen wir mit dem Ende anfangen,“ sagte ich, „und gleich zu Christian II. kommen.“ — „„Ja,““ sagte er nach einigem Weigern verlegen, „„ich will Dir eine Hauptsituation erzählen. Christian II. geht in den Rath. Dort stehen zwei Becher auf dem Tisch, der eine mit Blut, der andere mit Milch. Es ist bekannt, daß er bald gut, bald böse war. Nun fingire ich, daß er zuweilen, wenn er Milch trank, gut wurde, daß er aber zuweilen von dem Blute trank und dann böse ward. Er ergreift die Mich und alle rufen froh: „Der Gute!“ — Aber er wirft sie verächtlich fort, trinkt von dem Blute und ruft mit finsterm Grimme: „Der Böse!““ —

„Ja,“ sagte ich lachend, „das wird eine treffliche Wirkung thun, besonders wenn die Milch am Boden dahin fließt. Aber höre, mein guter Baggesen“, fuhr ich ernster fort, „was soll denn das sein? ich kann doch nicht voraussetzen, daß Du diese Geschichte erfunden hast, um Dich über den Dichter des Hakon und Palnatoke, der Dich freundlich zu Gast geladen hat, zum Narren zu machen; ich muß also annehmen, daß es eine Phantasterei ist, die Dir einfällt, da Du in Verlegenheit geräthst einen Plan zu erzählen, an den Du nie vorher gedacht hast.“ — „„Ja,““ sagte er verlegen, „„ich gestehe, daß ich nicht viel darüber nachgedacht habe““ — „das Komischste ist,“ fuhr ich fort, „daß Du, der mich in unsern Gesprächen so oft wegen der Einmischung des Uebernatürlichen in ein Mährchen wie Aladdin getadelt hast, es nun selbst in ein ganz historisches Thema hinein bringst, so daß die Sünde des menschlichen freien Willens — dessen Schilderung gerade hier das Poetische sein sollte — zu einer lächerlichen Marionette des übernatürlichen Zwanges wird.“

Er suchte nun so gut er konnte los zu kommen und ich machte ihm die Flucht leicht. Ich zweifle nicht daran, daß es Vergötterer von Baggesen giebt, die in dieser Scene eine hohe Ironie finden werden, welche meine Einfalt nicht zu begreifen im Stande war. Aber ähnliche Geschmacklosigkeit und Unvernunft findet man oft in Baggesen's dramatischen Arbeiten: „Holger Danske“ und „Erik der Gute.“ Ich habe keine dieser Werke bei der Hand, will aber nur zwei Stellen aus dem letzten Stücke unter vielen andern anführen:

Thora wird während der Belagerung Jomsburg's von Thorald in eine Höhle hingewiesen, wo er ihr zu ihrer Beruhigung sagt:

„Du findest alles Nöth'ge hier,“

worauf sie seufzend antwortet:

„Doch meinen Erik nicht!“

Ich habe bereits früher der Stelle erwähnt, wo die Jomsburgerinnen sich vor Erik verbeugen, der die Stadt eingenommen hat und indem sie ihn bekränzen, singen:

„Keine Ketten uns umschlingen! Kühl' den Haß im Blute! Selbst im Tode noch wir singen: Erik hoch! Der Gute!“

Ich möchte es so gern unterlassen, Baggesen's Schwächen und Sünden nach seinem Tode aufzudecken; da man aber später in seinen Werken Schmähschriften gegen mich aufgenommen hat, die dem ewigen Vergessen hätten übergeben werden müssen, so muß ich der Wahrheit ihr volles Recht lassen, damit eine unparteiische Zukunft die Verhältnisse beurtheilen könne. Man spricht davon, daß er für ein Princip gewirkt habe!! Guter Gott! Kein Mensch in der Welt hat weniger für oder nach Principien gehandelt, als Jens Immanuel Baggesen! In Fichte's, Jakobi's, Reinhold's Schriften hat er etwas gelesen, hierzu veranlaßt durch die persönliche Bekanntschaft mit diesen Philosophen, aber seine eigne Kunst, die Poesie hat er nie studirt. Und sein Geschmack? Meine Schwester und ich haben ihn von Wieland zu Göthe bekehrt. Er warf mir ja vor, „daß ich mir die Taschen zu voll mit Göthe's unterirdischen Granaten gestopft und meinen schönen runden Hut durch ein Calderonsches Theater viereckig gemacht hätte.“ Solche Principien waren es, die er damals und später, erst mit schlechten Witzen, später mit Unwahrheiten, Verdrehungen und Schmähworten geltend machen wollte.

Mittheilungen aus der Heimath.

Er schickte mir von Marly aus einen Brief, in dem er einen andern Brief, den er von meiner Schwester empfangen, abgeschrieben hatte. Ich theile hier beide mit.

Den 30. September 1807.

„Obwohl ich fast überzeugt bin, daß Du, Bröndsted und Koës mit der letzten und einzigen Post von Kopenhagen Nachricht erhalten habt, so eile ich doch, bester Adam, Dir die meinige mitzutheilen, die ich Dir mündlich bringen wollte, sie aber wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit, welche mich verhindert zur Stadt zu fahren, jetzt nur schriftlich geben kann.

Wenn Du Hans Christian's Brief nicht bekommen hast, wird es Dich erfreuen, zu erfahren, daß die Deinigen alle wohl, Dein Vater aus Friedrichsberg und Oersteds in Christianshafen sind. Mein Brief ist vom 12. von Christianshafen datirt, ist erbrochen gewesen und mir mit dem Siegel des Königs aus dem Hauptquartier in Kiel zugesandt worden. Er ist von Sophie und enthält auf einer einzigen in Schnelligkeit geschriebenen Octavseite nur — doch ich werde ihn Dir Wort für Wort abschreiben.“ —

Christianshafen, den 12. September 1807.

„Wir sind alle glücklich gerettet und befinden uns recht wohl. Die erste Nacht, als Kopenhagen bombardirt wurde, brachten wir in der Weststraße auf unsern Zimmern in der größten Lebensgefahr zu. Es regnete Bomben und rund umher schlugen sie ein; es brannten mehrere Häuser in der Nähe unserer Wohnungen ab, aber der gute Gott beschützte uns. Den Tag darauf verließen wir das Haus und zogen nach Christianshafen her. In der darauf folgenden Nacht war der Angriff noch stärker und währte bis zum Mittag des folgenden Tages. Da schlugen denn auch Bomben in unsere Wohnung in der Weststraße ein, und in dem Zimmer, wo wir uns aufgehalten und das wir dadurch zu schützen gesucht hatten, daß wir auf dem Boden eine Elle hoch Pferdedünger (ein Mann würde Pferdemist schreiben) aufwerfen ließen, wurden die Decken zertrümmert und die Fenster eingeschlagen; wären wir da geblieben, so würden wir verwundet oder getödtet worden sein. In der dritten Nacht war das Bombardement noch viel stärker und größer und da brannte die Frauenkirche, der Zimmerplatz und ein großer Theil der Stadt. Nun hieß es, daß man auf Christianshafen nicht mehr sicher sei, und wir flohen, wie wir waren, nach Amager hinaus; denn nun wollte der Feind nach den Kirchen und dem Laboratorium auf Christianshafen zielen; auf Amager brachten wir eine entsetzliche Nacht zu und harrten des kommenden Morgens mit ängstlicher Erwartung — er kam und mit ihm der verzweifelte Frieden. O du guter Gott! Das ist und bleibt doch ein ewiger Jammer!

Meinem Vater geht es gut mitten unter dem Feinde, der eine Art Hauptquartier auf dem Friedrichsberger Schloß hat. Ich sah ihn gestern zum ersten Male seit dem 16. August, wo ich ihn in größter Eile verlassen und nach Kopenhagen fliehen mußte. Das Südfeld ist zerstört.

Grüße meinen geliebten Bruder; ich wollte ihm schreiben; da ihm aber Professor Oersted heute schreibt, so ist es überflüssig; aber grüße ihn tausend Mal; meine Freude darüber, daß Ihr einig seid, kann ich nicht beschreiben, Gott segne und behüte Euch!“

„Das Entsetzliche in diesem Briefe für mich unglücklichen Vater ist, daß Sophie kein einziges Wort über meinen Sohn berichtet. Ich bin fest überzeugt, daß ihm ein Unglück begegnet ist, größer als der Verlust des Lebens, das ja ungefähr das Geringste ist, was man in dieser Zeit verlieren kann.

Ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, liebster Adam, daß ich unbeschreiblich unglücklich im Gefühle meines eigenen Unterganges und des Dänemarks bin. Die Hoffnung, daß wir mit England fertig werden, nachdem wir unsere Flotte und die Hälfte alles Dessen verloren haben, was wir besaßen, kann ich mit Keinem theilen. Wir werden von jetzt ab wie die Katzen gebraucht werden, um ihnen die gebratenen Kastanien aus dem Feuer herauszuholen. Wenn wir auf diese Weise die Krallen verloren haben, speist man den Rumpf aus Mangel an ordentlichem Hasenbraten, auf französische Weise zubereitet. Ueberzeuge mich von dem Gegentheil, und Keiner wird froher sein, als ich. Aber Jeder schließt nach seinen Daten — die meinigen sind leider jämmerlich. Ich halte es für die Pflicht des Menschen, seine Ansicht mitzutheilen, wenn er sie begründet glaubt; denn nur so wird zuletzt die Menschheit doch aufgeklärt.

Gott weiß, wie lange wir nun auf's Neue ohne Nachricht von Seeland bleiben werden, da die Communication wieder aufgehoben ist. Mein Herz wird zerrissen, indem es sich die Möglichkeit eines Krieges zwischen Dänemark und Dänemark denkt.

Ich sehne mich innig danach, Dich und Bröndsted wieder zu sehen. Ihr kommt mir wie die Zwillingsreiche en miniature vor. Wenn wir alle drei zusammen sind, so ist mir's, als ob Dänemark noch existire. Auch schmachte ich sehr nach Euern Nachrichten.

Ich hoffe es wird mir in ein paar Tagen so wohl sein, daß ich mich nach Paris wagen kann. Meine Frau grüßt Euch.“

Abreise von Paris. Aufenthalt in Straßburg.

Ich war achtzehn Monate in Paris gewesen; mit dem Geld, das ich endlich von Kopenhagen bekam, konnte ich meine Schuld bezahlen, aber dann hatte ich nichts zum Weiterreisen. Ich lieh mir eine kleine Summe von einem guten Freunde, packte meine Sachen und meine Manuscripte ein und fuhr darauf zu Cotta. Das Honorar, welches ich von ihm für meine Schriften zu erhalten hoffte, sollte mir eine Reise nach Italien möglich machen. Koës war nach Dänemark zurückgegangen, um seine Geldangelegenheiten nach dem Bombardement in Ordnung zu bringen. Wir hofften einander in Italien wieder zu sehen. Bröndsted blieb noch in Paris. Unser guter Minister Dreyer gab mir einen Paß, in der Eile hatte er aber vergessen, ihn mit der Unterschrift des Polizeiministers Fouché versehen zu lassen. Mein guter Freund, der Legationssecretair Guillaumau versicherte mir zwar, daß es nicht nothwendig sei; als ich aber nach Straßburg kam, mußte ich mich daselbst acht Tage aufhalten, während mein Paß nach Paris gesandt wurde und mit Fouché's Unterschrift zurückkam. Dieser Aufenthalt war mir glücklicherweise gar nicht unangenehm. Ich miethete mir ein kleines Zimmer und schaffte mir Bücher an; unter Anderm las ich hier wieder Cagliostro's Leben, Göthe's Großkophta und seine Erzählung über Cagliostro's Familie. Ich ging täglich auf den Münster hinauf. Einmal kletterte ich so hoch hinauf, wie ich kommen konnte. Draußen auf dem Steintritt, wo man nur auf einem Fuße stehen kann und sich an der Eisenstange halten muß, hätte ich beinahe meinen Hut verloren; aber ich wagte es, mit der einen Hand die Eisenstange loszulassen und den Hut in die Stirn zu drücken. Ob die Polizei mich in den acht Tagen, wo ich in Straßburg war, bewachte, weiß ich nicht. Ein Israelit, Parmazenser, machte meine Bekanntschaft und besuchte mich täglich. Er war ein gebildeter, poetischer Mensch, gewann mich lieb und schrieb mir beim Abschiede in mein Stammbuch:

„Du schmückst des Nordens Heldenkraft Mit Blumen aus den warmen Zonen; Dank Deinem Geist, der neu erschafft Ein Bruderband für zwei Nationen.“

Mein Aufenthalt in Stuttgart.

Endlich kam der Paß und ich reiste über Carlsruhe und Rastatt nach Stuttgart weiter.

Rasch ging es durch die unfruchtbare Champagne, die, wenn sie nicht von Weinreben bedeckt ist, wie ein großes Stück Kreide aussieht und wo nur die großen Hohlwege merkwürdig sind, wo die Franzosen im Revolutionskriege die Deutschen schlugen und sie daran verhinderten, weiter vorzudringen. Auch bereits zu Chlodwig's Zeit soll hier eine merkwürdige Schlacht geschlagen worden sein. Sehr angenehm war die Veränderung bei der Fahrt über den Rhein zwischen der bleichen, steinigen Champagne und dem saftgrünen, laubreichen Baden. In dieser Nacht hatte ich in einem Wirthshause unter schwäbischen Bauern Gelegenheit, Betrachtungen über den Unterschied zwischen dem französischen und deutschen Nationalcharacter anzustellen.

Der Aufenthalt von acht Tagen in Straßburg hatte meine Ausgaben vermehrt und meine Börse geleert. Als ich nach Stuttgart kam und meine Reise bezahlte, besaß ich keinen Pfennig. Mein Koffer, den ich durch eine andere Gelegenheit voraus gesandt hatte, war noch nicht angekommen. Ich eilte zu Cotta — meine einzige Hoffnung! O Schreck! Er war nicht zu Hause. Man sagte mir, daß er nach Baden gereist sei und erst in drei Wochen wieder komme.

Deshalb ließ ich den Muth doch nicht sinken. Ich ging in den Gasthof zum „König von England“ zurück und sagte zum Wirth: Ich hätte Geschäfte mit Herrn Dr. Cotta abzumachen und wolle im Wirthshaus bleiben, bis derselbe käme. Der Wirth dankte verbindlichst. — So hatte ich also keine Noth, der Koffer kam glücklicherweise auch und ich setzte mich froh zu Tisch.

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