Meine Lebens-Erinnerungen. (continued 2)
Reading edition
Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt, besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureißen, um sie zu einem Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre darauf in seinen Kritiken. Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch verstehen, wie Göthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken und fühlen können, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil er — der echte Dichter — der die reichen Schätze der Volkssprache in die Rede der gebildeten Welt hinüber führte, zuweilen aus Laune oder Eigensinn Ausdrücke gebrauchte, die nicht gang und gäbe im Munde der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von Memel nach Sachsen über die Sprache in Werther und Wilhelm Meister stellen! Aber Göthe ging stets seinen eigenen Weg; und das muß jedes originelle Genie thun.
Zuweilen können selbst tiefe und schöne Geister einander mißverstehen und verkennen; und deshalb bleibt für die kräftig Wirkenden nichts Anderes übrig, als sich mit allem Vermögen nach den Besten zu bilden und dann selbstständig zu handeln. Jede ungewöhnliche That ist eine Usurpation, eine Eigenmächtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer Wirkung finden muß; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden Augenblicke thun soll; so würde kein Dichterwerk vollendet und keine Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung oder übertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tüchtiger Künstler mit Rücksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lächerlichste widersprechen?
Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrübt nach Hause; und hätte meine eigene Ueberzeugung, daß er gut sei, nicht gesiegt, so wäre Aladdin nie erschienen und ich hätte nicht den Triumph gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang die Arbeit verschmähten. — So ging es mir auch hier bei Göthe mit dem Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und er hatte ihn aufmerksam gehört und aufgefaßt; Hakon Jarl las ich ihm auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stückes verwirrte ihn; und er äußerte nach beendigter Lectüre, daß Einiges in der Composition des Stückes geändert werden müsse. Ich wurde ganz niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schönen herzoglichen Lustgarten umher. „Wenn der,“ dachte ich, „verfehlt ist, so weiß ich nicht, wie ich richtig dichten soll.“ In diesem Gedanken stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen Knäuel beißt. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen; aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglück sei, das in mein Herz biß. Da hörte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nähe rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die sehr anmuthig aus der Felswand in den Fluß hinabstürzte, und in einem Steine eingegraben stand der schöne Vers von Göthe:
„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen! Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt! Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung, Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück! Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten: Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.“
Göthe über Hakon Jarl.
Die schöne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben mit wieder Muth und ich dachte: „Der Verfasser dieser Strophen kann Hakon Jarl nicht verwerfen.“ — Göthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen Inhalt des ganzen Stückes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte, und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des Stückes und fand nichts daran auszusetzen.
Die Bühne Weimars.
Ich erzähle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Männern verkannt wurden. Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getröstet, wenn spätere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Göthe munterte mich selbst dazu auf, das Stück schriftlich zu übersetzen (denn ich hatte es bei ihm nur mündlich übersetzt), damit es in Weimar gespielt werden könne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.
Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Göthe und Schiller so viel gewirkt hatten. Ich lernte das Künstlerpaar Wolf kennen und schätzen. Ich sah eine würdige Vorstellung von Göthe's Egmont; Becker, der den Parasiten in Lauchstädt gespielt hatte, war hier ein vorzüglicher Vansen. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder gegeben. Während Schiller lebte, hatte Göthe gutmüthig sich darein gefunden, daß sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte. Nun ließ er das Stück wieder wie in alten Tagen aufführen und es war von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen Gespräch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde Clara glücklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Göthe's Freund und Secretair, und Joh. Heinr. Voß, der Jüngere, waren mein täglicher Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Göthe konnte den jungen Voß gut leiden und dieser war sein großer Bewunderer. Voß erzählte mir einen characteristischen Zug von Göthe. Dieser hatte ihm einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte, das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Voß's hatten es vom Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst „die alte verständige Hausfrau“ hatte ein Mal Göthe in sehr classischen Spondeen und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Göthe schrieb schönere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Voß; aber er war nicht immer correct und deshalb ließ er sich gern bescheidene Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Voß mit einem gar zu vergnügten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: „Herr Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mit sieben Füßen gefunden.“ — Göthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: „Ja, weiß Gott!“ und Voß wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig das Buch zurückgab und sagte: „Die Bestie soll stehen bleiben!“
Eigenthümlichkeiten Göthe's.
Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Göthe las uns einige Gesänge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm Altdänischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich verstanden. — „Sieh' mal,“ rief dann Göthe lustig, „da haben wir den verfluchten Dänen wieder!“ — „Nein, Däne,“ sagte er einmal in demselben Ton, „hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:
„Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang, Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,“
Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang!“ wiederholte er erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte betonte: „das ist capital!“
Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft für Bürgerrecht und Bürgerehre, einem kalten Herrn gegenüber, der die Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte, daß ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um den Hals zu fallen und ihn zu küssen, was er herzlich erwiderte, indem er mit Wärme sagte: „Ja, ja, lieber Däne! Ihr meint's auch treu und gut in der Welt.“ — Er sagte gern „Ihr“ in vertrauter Rede zu Leuten, die er lieb hatte. Joh. Heinr. Voß (der Jüngere) erzählte mir, daß Göthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewöhnlicher Wärme und Freundlichkeit gesagt habe: „O, das ist mir ein herzlieber Junge!“ — Ich hätte kaum geglaubt, daß er nach der Trennung so bald sein Herz von mir wenden würde.
Die weimarische Fürstenfamilie.
Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden; Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach Tieffurt. Sie war sehr gnädig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft und munter. Ich traf daselbst außerdem Wieland, Herrn v. Knebel, Göthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v. Einsiedel, der eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Göthe hatte eins dieser römischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bühne gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurückversetzen lassen. — Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den Garten hinab und hielt unter einem großen, schattigen Baum sein Mittagsschläfchen. „Das thut er hier gewöhnlich im Sommer, wenn er bei mir speist!“ sagte die gute Fürstin. Wir gingen im Garten spazieren. Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Großfürstin und die Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mußte der Aufforderung zufolge einige alte dänische Kämpeweisen singen, die ihnen gefielen. — Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzählte mir einige Tage darauf, daß die schöne, edle Großfürstin mit großer Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die Fürstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schöne Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur beigetragen hatte.
Frau v. Wollzogen, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v. Schardt, geb. Bernstorf, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.
Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Göthe meine dänische Uebersetzung von Göthe's Erlkönig in das Stammbuch und fügte zum Schluß die deutschen Verse hinzu:
Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied, Bei der Uebersetzung des Vaters Lied, Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind, Und Elf und Schauder zu Hause sind. In Weimar weht es schon mehr gelind; Gott segne den Vater mit seinem Kind.
Denkblätter für mein Stammbuch.
„Ja, ja,“ sagte Göthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: „Ihr seid ein Poete!“ In mein Stammbuch schrieb er:
„Zum Andenken guter Stunden, dem Verfasser des Aladdin.“
Frau Schiller schrieb:
„Der Sänger.
Er breitet es lustig und glänzend aus, Das zusammengefaltete Leben; Zum Tempel schmückt er das irdische Haus, Ihm hat es die Muse gegeben. Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein, Er führt einen Himmel voll Götter hinein.“
Frau Wollzogen schrieb: (auch nach Schiller)
„Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde, Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.“
Riemer schrieb die Göthe'schen Zeilen:
„Danke, daß die Gunst der Musen Unvergängliches verheißt; Den Gehalt in Deinem Busen, Und die Form in Deinem Geist.“
Ich komme später in dieser Lebensbeschreibung darauf, von Herrn Riemer zu sprechen.
Nun verließ ich das deutsche Athen, wo ich so viele Freuden genossen, und ahnte nicht, daß ich diese Stadt nach wenigen Monaten als den unglücklichsten Schauplatz des traurigsten Krieges wiedersehen würde.
Jena. — Frommann. — Göthe.
Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise nach Carlsbad machte. Es war ein schwüler Tag, als ich von Weimar nach Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte: „Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt warst, geschadet haben?“ — Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. — Da sah ich zum Fenster hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete. Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den fünften Act von Correggio dichtete.
Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse. Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar zurück.
Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das Dictiren, das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein sein muß, ebenso wie im Gebete, und der Augenblick des Dichtens ist ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch' einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige, klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige, herzliche Mittheilung? — Und soll wirklich der Dichter darnach streben, bei seiner Kunst kalt zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr, daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das Subjective doch die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er gewiß auch; desto mehr verschiedene Objecte kann er durchdringen und darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz besonders seinen Geist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter, meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten; er darf auch nicht suchen durch Kunst die Eigenheit seines Wesens (Originalität) in Allgemeinheit zu verwandeln. Er ist und bleibt doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, ein Sonderling zu werden. — Daß der große Göthe, obgleich er in späteren Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte, das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nur reden zu hören, um sich hiervon zu überzeugen.
Bekanntschaft mit Hegel.
In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert, wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand, den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden konnte.
Eine Landpartie.
Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. „Was wagen Sie da?“ fragte ich lachend. „„Es ist freilich Diebstahl!““ antwortete er, den Mund voll von Kirschen. „Ach,“ — sagte Hegel, „Schelfer ist Botaniker! daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.“ Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in brüderlicher Eintracht mit einander thaten.
Gedicht an Charlotte Schiller.
Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit ihm mein Landsmann, der Probst Engelbreth. Ich besuchte erst den Superintendenten Marezoll, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.
An Charlotte Schiller.
Der Sänger geht am schmalen Stege, Im Schatten blühender Natur; Verschmäht die gar zu breiten Wege. Gepflastert durch des Haufens Spur; Da muß er Vieles überwinden, Durch manchen Dorn er dringen muß; Wo er gehofft, den Bach zu finden, Trifft er den brausend wilden Fluß. Doch kämpft er gern sich, unverdrossen, Selbst durch den tiefsten Tannenwald; Wird er mitunter rund umflossen — Es muß sich ja doch enden bald! Wo Dornen stechen, blühen Rosen; Das Dickicht führt zu einer Au', Es endigt sich der Wolke Tosen, Sie flieht und läßt den Himmel blau. Und steht er endlich dann im Haine, Im dunkelgrünen Buchenhain, Röthlich beglänzt im Abendscheine, Dann ist er länger nicht allein. Wie durch der Aeolsharfe Töne Die Lüfte gaukeln, voller Lust, So zittert auch durch ihn das Schöne, Und klingt hinaus durch seine Brust. Und durch die Bäume drängt sich leise Zum breiten Heerweg der Gesang: Da kommt das Rad aus seinem Gleise, Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang'; Zum grünen Tempel der Gesänge Fühlt er zu lenken sich geneigt; Besinnt sich aber, folgt der Menge, Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt. Der Sänger wandert über Hügel. Er steigt getrost, und kommt der Fluß, Dann schwimmt er kühn; mit losem Zügel Auf Abenteu'r er reiten muß. Und Alles, was ihm so begegnet, Dringt in sein Herz gewaltig ein; Und ob es stürmet oder regnet, Muß er doch wohl zufrieden sein. Nichts Endliches kann ihn beglücken, Nichts Endliches vernichtet ihn. Und jede Kraft muß ihn entzücken Und durch sein ganzes Wesen glühn; Im Schauen muß er sich vertiefen, Was ihn verhindert, merkt er kaum; Es ist ihm, als wenn Viele schliefen; Selbst freut er sich im schönsten Traum. Doch hat er lange so mit Wonne Den schönen Weg zurückgelegt, Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne, Und kalt sich jedes Blatt bewegt, Dann ist er Mensch; und er begehret Nach dem, was wieder ihn belebt; Was ihm der Augenblick verwehret, Weil er nicht klug danach gestrebt. Doch kommen Bauern her im Walde, Und speisen ihn mit Obst und Brot. Er ißt, trinkt aus der Quell', und balde Vergißt er die verschwundne Noth. Und mit der frühen Morgenröthe Erwacht er bei dem ersten Schall, Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte, Wetteifernd mit der Nachtigall. Es kommen aber viele Tage, Wo nicht die Sonn' im Walde scheint; Es tobt kein Sturm; in stummer Klage Nur Gras und Blatt und Hügel weint; Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen, Ist lebenlose Trauer nur; Die Harfe selbst kann hell nicht klingen; Sie ist so schlaff, wie die Natur. Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern Und in den lichten Saal hinein, Wo Gäste sitzen ohne Schauern, Bei schönen Frauen, gutem Wein. Dann denkt er auch, wenn fern er schauet Ein schönes, reichbegabtes Haus: Warum ist es nicht Dir erbauet? Und warum schließt Dich Alles aus? Und weil er fühlt im tiefsten Herzen, Was auf die weiche Seele fällt, Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzen Die Stumpfheit, Blödigkeit der Welt, Und die Verschmähung seiner Lieder, Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth, Wenn die Natur nicht freundlich wieder Das Unheil machte immer gut. Am Wege, dort wo er gesungen, Neugierig horchten sie, im Flug; Kaum aber war das Lied verklungen, So hatten sie daran genug! Er sang von Ceres Aehrenhaufen, Die in den goldnen Garben stehn. Sie gehn das Korn nur zu verkaufen; Im Gelde nur das Gold sie sehn. Jetzt singt er laut in ernsten Liedern Von der verschwundnen Menschen Thun, Erzählt von den verstorbnen Brüdern, Die tief im moos'gen Grabe ruhn. Er singt: Wie durch des Grabes Hügel Sich hebet frisch der Rosmarin, So hebt sich auf der Zeiten Flügel Das Leben auch zum neuen Blühn. Sie hören's nicht. Doch Ein'ge kommen, Und sie verlassen ihren Weg; Sie haben gern das Lied vernommen Und folgen ihm auf seinem Steg. Und hurtig wird der Bund geschlossen; Die Seele kennt die Seele bald. Und öfter folgen unverdrossen Sie ihrem Freund durch seinen Wald. Doch Männer sind zur That berufen, Und That verhindert der Verein; Sie müssen steigen ihre Stufen Und mit sich selbst beschäftigt sein. Das Lied giebt ihnen Muth und Leben, Ermuntert gehn sie wieder fort. Sie danken ihm, weil er gegeben — Und — einsam steht er wieder dort. Wer sitzet auf der Wolken Rande, Den Lorbeerzweig in weißer Hand, In himmelstrahlendem Gewande, So fremd und doch so wohlbekannt? Entfernet von dem Erdgetümmel, Vernimmt sie doch das Lärmen gern; Vergißt darüber selbst den Himmel; Es klingt ihr wie ein Lied von fern. Es ist die Muse. Freundlich schauet Sie ihren vielgeliebten Sohn. Ihr sanftes Auge sich bethauet; Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn; Sieht, wie nach ihrem Götterbilde Er strebt so treu, bei Tag und Nacht; Und — eine Jungfrau — schön und milde, Begegnet sie ihm auf der Jagd. Erröthend nähert sich die Schöne Verschämt dem vielgeliebten Mann; Und — wie Telemachos Athene — So staunet sie der Jüngling an. Er kannte längst das holde Wesen, Sieht sie doch jetzt zum ersten Mal. Er kann in ihren Blicken lesen Und fühlt der Göttin Liebestrahl. Da singt sie: Jede schöne Blume Hebt sich mit ihrer Blätterschaar Vom Staub hinauf zum Heiligthume, Und reichet Gott die Krone dar. Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde, Worin der Lebenssaft sich regt; Daß sie gedeih', daß sie gesunde, Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt. Ich will die Gärtnerin im Garten Dir werden, denn Du liebest mich! Entwickle Blumen aller Arten! Ich hege, Freund, ich pflege Dich. Nie sollst Du Dich allein befinden; Scheint nicht die Sonne länger warm, Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden, Dann ruhe süß in meinem Arm. — Er sieht der Mittlerin des Lebens Entzückt in's lichte Augenpaar. Er überredet sich vergebens, Daß dieß ein irdisch Mädchen war! Er fühlt sich neubegeistert wieder, Der Weg ist länger nicht so hart. Er singt sein Heil, — und schöne Lieder Verkünden ihre Gegenwart. Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet, Und durch ein wundersam Geschick Sieht er sich plötzlich ausgesöhnet Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick. Nun will er nichts von Trennung wissen! Das Glück steht ihm nicht länger fern. Was Lieb' erst hatte wild zerrissen, Vereinigt Liebe wieder gern. Ein jeder Sänger, dessen Leier In Waldes Einsamkeit ertönt, Trifft seine Muse, die ihn, freier, Bald mit der ganzen Welt versöhnt. So schmücktest Du dem großen Sänger Den Weg mit lichtem Lebensmai; Du machtest ihm den Busen enger, Und dadurch ward der Busen frei. Du lindertest so hold sein Leiden, Da war das Leben nicht vergällt; Beglücktest ihn mit Vaterfreuden Und zeigtest heiter ihm die Welt. Da ward er ruhig und geduldig, Er fühlte sich von Gott bestrahlt. Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig! Doch Du hast ihm für uns gezahlt. Drum nimm auch dieses Lied zum Danke, Das treu aus meinem Herzen bricht; Wohin ich in der Welt auch wanke, Vergeß' ich Deiner Milde nicht. Ich seh' im heil'gen Abendschauer, Wenn düster die Cypressen wehn, Dich, eine Blum', in Liebestrauer Am Grabe des Geliebten stehn!
Antwort darauf.
Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:
Weimar, den 14. Juli 1806.
„Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen, was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr Gedicht ergriffen!
Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde, den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.
Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle meines Herzens ansprach.
So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.
Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!“
Charlotte v. Schiller.
Reise nach Dresden.
Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.
Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten. Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene Gerechtigkeit. „Sie sind froh“ — sagte er — „wenn sie Einen zu hängen kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.“
Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.
Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie, seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.
Paßverdrießlichkeit.
In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos erhielt, hätte ich gleich einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.
Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren, sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos.
Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: „Ich sehe, Sie reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das verstehen?“ Ich antwortete: „„Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.““ „Ja, mein Herr,“ entgegnete er, „das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen! lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?“ — Ich entgegnete: „„Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken, wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen““ — fuhr ich lustiger fort — „„Sie hören doch, daß ich ein Däne bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder, Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen. Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein besseres Mittel,““ sagte ich ernster, „„unten auf der Straße begegnete ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.““ Nun fragte der Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.
Zusammentreffen mit Landsleuten.
Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche Vergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen Brief von Göthe; meine Landsleute Bröndsted und Koës kamen kurz darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald traf auch Bischof Münter ein; und so wurde es mir leicht, meine Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen. Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir sagten: „Aber er kannte Dich ja nicht!“ — Mit jugendlichem Uebermuth antwortete ich: „„Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben müssen.““ — Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.
Komische Scene mit Bischof Münter.
Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet sind, oder ihn nicht betrafen.
Er hatte gehört, daß ich meinen „Baldur den Guten“ vollendet, und darin Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte; als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun, das Stück zu hören. „Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!“ sagte er, „und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.“ — Ich kam zur bestimmten Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes Wort war: „Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das aushalten?“ worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide Fenster weit aufriß. — „„Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.““ — Nun entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen Qualm verbreiteten. „Das kommt vom Feuerbecken!“ rief ich. — „„Ja wahrhaftig,““ sagte der Bischof, „„das glaube ich auch, da hat Johann wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann! Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du Dich?““ — Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir ja guten Thee trinken wollten. „Das ist wahr!“ rief er, „das hätte ich beinahe vergessen.“ Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers (denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören), schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich also „guten Thee“ zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so wäre es schlimm gewesen.
Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich später zwölf Jahre im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen sterben würde.
Theodor Körner.
Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie. Theodor, der spätere Held und Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte vorlas. Seine Schwester Emma malte schön; ein Fräulein Kunze, welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale Italiener Paër, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den Damen aus seinem Sargino singen. Fräulein Stock, eine vortreffliche Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.
Ansichten über Kirchenmusik.
Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich, zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. „Sind Sie auch so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines Opfer gönnt?“ — „„Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat,““ entgegnete ich; „„es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie das nicht kann?““ — Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welches Buri gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. „Welch ein Unterschied,“ sagte ich, „auf diesen beiden Gesichtern!“ — „„Ja gewiß,““ entgegnete der Andere: „„Hier ist ein Antlitz voller Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.““ — „Flecken finden alle Menschen in ihren Herzen,“ antwortete ich. „Das Andere ist ein Ideal; aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zu weibisch für einen Christus.“ So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten zu gedenken. Ich habe mich immer über jede Mode geärgert, die die Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war ich durch Göthe, der dies Franz-Sternbaldisiren, wie er es nannte, auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.
Ansichten über die Malerkunst.
Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natürlich einem mit Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. — Aber das war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes. Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut! Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.
Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten, was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen gewissen Zuschnitt hatte. — Wenn ich von pecus imitatorum rede, so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre Schriften Veranlassung zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben. Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee, selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst, die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte. Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken kann? Welcher verständige Kenner verachtet nicht eine oberflächliche, flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler, wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder Phantasie die Fehler ersetzen.
Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. Auch Fiorillo und Fernow habe ich gelesen.
Die Dresdner Bildergalerie.
O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als die berühmte Nacht. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni, Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur, deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.
Raphael's Madonna.
Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin, einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Fräulein Alberti, die aber im hohen Grade von der neuen Schwärmerei angesteckt war. Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und sie mich in einem Bekehrungstone fragte: „Nun, Oehlenschläger, was sagen Sie jetzt?“ antwortete ich kalt: „„Es ist sehr hübsch!““ — „Gott im Himmel!“ rief sie seufzend, „Sie nennen Raphael's Madonna hübsch?“ — „„Liebe Freundin,““ entgegnete ich, „„sagen Sie mir nur Eins: Glauben Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn er so dagestanden und geweint hätte?““
Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte. Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle „die Mönchbrüder“ angebracht habe.
Polemische Gedichte.
Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden, um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.
Künstlers Morgen- und Abendlied.
O heiliger Gott, was Dir gehört Tief in der menschlichen Brust, Nicht die gesunde Freude stört, Ist nicht Schmerz, ist Lust; Aeußert in That sich und frischer Kraft, In blühender Schönheit Schein, Nicht die Blüthen weg es rafft, Liebt nicht Grab und Gebein. Christus verließ das düstre Grab, Fuhr zur Hölle nur kurz hinab; Jetzt des Vaters Rechte ziert, Dort nun thätig mit ihm regiert. Weg, Du trüber, papistischer Dunst! Seufzen und weinen ist keine Kunst, Wirken und weben, Nehmen und geben, Und tüchtig streben, Das ist Leben! So wollen wir leben Und etwas leisten! Mehr, als die Meisten! Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden, Wieder bilden muß Gottes Bild. Das wollen wir führen in unserm Schild'. Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.
Krittlers Litanei. (Am großen Bußtage zu singen)
Ach, lieber Herr Gott, laß mich nie Urtheilen, wie ein hölzernes Vieh! Laß' mich nicht in gemalten Personen Nur sehn mathematische Dimensionen! Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott. Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater! Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein, Es soll Dein Schade nicht sein. Ich will Dich dafür in den Werken erkennen, Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen. Amen! — Aber wenn's nicht anders werden kann, Ach, so hilf mir armen Mann, Daß ich einsehe bald und ganz haarklein: In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein. Laß' mich die thörichte Lust verlieren, Treibe fort den eiteln Dunst; Lehre mich, statt Werke der Kunst, Tuch oder Leder zu penetriren. Die Welt wird dadurch nichts verlieren, Die Kunst wird dadurch nicht krepiren. Ich bitte darum auf allen Vieren. Kyrieleison. Amen!
Die Bedeutsamkeit der Kunst.
Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich, gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane schrieb:
„Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen? Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam
in ein' Galerie Voll Menschengluth und Geistes; Mir ward es da, ich weiß nicht wie, Mein ganzes Herz zerreißt es, O Maler! Maler! rief ich laut, Belohn' Dir Gott Dein Malen; Und nur die allerschönste Braut Kann Dir für uns bezahlen.„
Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, die Unsterblichkeit, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebens äußern sich durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!“
Der Maler von Kügelgen.
Ich machte die Bekanntschaft des Malers von Kügelgen, eines tüchtigen Künstlers und vernünftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden vorhanden ist.
Kügelgen's Ermordung.
Er malte auch den Philosophen Adam Müller, dessen Vorlesungen ich hörte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. — Merkwürdigerweise hatte Kügelgen, als ich seine Bekanntschaft machte, ein großes Gemälde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung von Deinem Schicksale, armer Kügelgen? Sein Leben war merkwürdig; als Jüngling verliebte er sich in ein adeliges Fräulein; der Vater erklärte, daß, wenn er sich ein so großes Vermögen erworben, daß er unabhängig leben könne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte. Kügelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Rußland, wo gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder bekam Kügelgen zu malen, und er hatte sich eine so große Fertigkeit darin erworben, den Kaiser zu treffen, daß er ihn aus dem Gedächtniß malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen, ließ sich adeln, reiste nach Deutschland zurück, heirathete seine Braut und war viele Jahre glücklich. Aber er hatte doch stets einen auffallend melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich einen Weinberg in der Nähe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst und Winter seines Lebens so recht im Schoße seiner Familie genießen wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand überfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner Kleider bemächtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nächsten Tage fand der unglückliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glück zum Unglücke im Leben eines Menschen!
Während ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Bröndsted, Koës und Engelbreth eine Fußreise in die sächsische Schweiz machen; sie schnürten ihre Bündel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu heiß mitten im Sommer. Ich wußte im Voraus, daß die Sonnenhitze und das Erkälten mir einen starken Schnupfen verschaffen würde, der gleich das Vergnügen störte, und ich sagte: „Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin! Ich bin keiner jener Liebenswürdigen, die, wie Nvmphe in Göthe's kleinem Vorspiel „Was wir bringen“ sagt, es sich so sauer werden lassen, überall die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genießen. Ich mag lieber ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man seinen Apetit berechnend eintheilen muß.“
Zacharias Werner. — Herr von Rumohr.
Die Freunde stellten mir vor, daß diese Sophismen nur ein schlechter Ersatz für die Schönheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte ihnen Lebewohl und wünschte, daß Rübezahl ihnen nicht allzuviel Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen möge, und sie gingen. Um frische Luft zu schöpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise „die Saloppe“ nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schöner Spaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst war angenehm. Im kühlen, grünen Schatten konnte man draußen sitzen und Eis essen, wenn man die Komödie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmal Zacharias Werner, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war, aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.
Ich ging auch an jedem Tage in die Gemäldegalerie, besah die Antiken und die Mengs'schen Abgüsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht restaurirt, daß sie wirklich Buddings oder Würsten aus irgend einer Restauration der Stadt glichen.
Neues Begegnen Ludwig Tieck's.
Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein gewisser Herr Ludwig Tieck dagewesen sei, der mich besuchen wollte. Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort zu finden. Ich traf daselbst Herrn von Rumohr, seinen Reisegefährten, der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander getrennt gewesen waren. — Sein hübsches characteristisches Gesicht, sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein, und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren, lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor. Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm und Rumohr; Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's „Hexerei oder blinder Allarm“ in der alten deutschen Uebersetzung vor; ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens, anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehr poetisch geworden sei, aber keine großen Poeten hervorgebracht habe. Stoff zum Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. — Tieck billigte übrigens gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.
Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.
Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein Herr von Zeschwitz, dessen Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne. Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? „Ich habe meinen eigenen Wagen,“ sagte er, „wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen, mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen doppelten Genuß bieten.“ — Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich: „„Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.““ — „So lasse ich gleich anspannen,“ rief er, „Sie fahren nach Dresden, holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen begeben wir uns auf den Weg.“ — „„Mit Vergnügen!““ entgegnete ich. — Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: „Das ist etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen ließ?“
Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöne Tharand gesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte. — Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute Musik und ein gutes Wirthshaus. In Außig gingen wir in die Kirche. Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. — Wir segelten auf der Elbe nach Schandau, kamen aber post festum; es waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. Auf Königstein, einer unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt, erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen, senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden; aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; darauf wurde ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich zu meinem Reisegefährten und sagte: „Ich habe Nichts gehört, hörten Sie Etwas?“ — „„Still!““ flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. — In solchen Augenblicken redet die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu unserer Seele.
Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.
Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.
Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt, wie die Zigeuner, eintraten. — „Ei,“ rief ich, „seid Ihr endlich wieder da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren verwandelt.“ — „„Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!““ antwortete Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. — „Und wenn ich nun eben so viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen wieder an meiner Arbeit sitze?“ Ich erzählte ihnen meine Abenteuer. „„Je größer der Schelm, je größer das Glück!““ riefen sie Alle. — Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß, über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer Gesellschaft zu bleiben.
Briefe aus der Heimath.
Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner Schwester:
— — „Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe für Dich angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, daß ich sie in Stücke riß, was ich auch gern mit diesem thäte, denn ich bin nie mit Dem zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte — und kurz — ich kann nur schlecht schreiben. — In diesem Sommer haben wir keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von den seinigen überlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am Morgen wieder zur Stadt zurück. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nähe, gehe im Südfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt, wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten, um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklärt mir, was ich nicht verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wenn ich es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung hätte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, daß ich Winkelmann las, und daß das natürlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstärken müsse. Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Köpfe bei dem Maler Kabot, eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von der er behauptet, daß sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von Correggio's schöner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5]. Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzückt über das bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind Dinge von großem Werth für mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was Du sehen kannst.
Ich habe Dir noch nicht für Deinen Hakon Jarl gedankt. Wie kann ich es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, daß Du ihn geschrieben hast. Ich spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten sich nicht unterstehen, darüber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner unwürdig; kurz — ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun vier Mal gehört und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schönen Gegenden kennen gelernt. Wir sind in Helsingör, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm und Frederiksdal gewesen. Früher kannte ich ja nichts Anderes, als Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schön scheint, wie irgend ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich schön, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur umschlungen zu fühlen; und als Frederiksborg plötzlich aus dem Walde hervortrat, fiel die Stelle mir ein:
„Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl, Er sieht so hoch u. s. w.“
Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefühlt, wie auf dieser Reise; ich war recht glücklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. „Lebe wohl! Gott segne Dich!“
In diesem Brief lag ein kleines Blättchen von meinem Vater in deutscher Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heißt darin:
„Es freuet mich, daß es Dir so wohl geht, und daß Deutschlands Apoll Dich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen männlichen, kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflügeln, Deiner Kraft gemäß, damit Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich sehe aus Christiane's Brief, daß Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewählt.“
Paris in Weimar.
Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem Folgenden erfahren.
Ich las damals noch keine Zeitungen. Es ist unbegreiflich, wie junge Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen Begebenheiten bekümmern können, da diese doch die Geschichte des Tages bilden. Weitläufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten, mit denen die Zeitungen oft angefüllt sind, schrecken davon ab, bis es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekümmern; und geschieht dann eine wichtige That, so weiß der junge Mann im Anfange sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit haben, ein vernünftiges Wort zu lesen. Nun wußte ich zwar, daß Preußen und Frankreich Krieg mit einander führten; daß aber Napoleon seine Heere zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten Armeen von der Elbe abschneiden würde, wußten nicht einmal die deutschen Generale, wie konnte es da ein junger dänischer Poet wissen. Besser wäre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Bröndsted und Koës, die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, daß es keine Noth habe. Ich fügte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu trennen, und um Göthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen, trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. „Nun seid Ihr,“ sagte er, „wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid willkommen!“ Diesen Abend und den nächsten Mittag brachte ich noch in der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam, weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nähe.
Die Schlacht bei Jena.
Das preußische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der König und die Königin. An jedem Tage sahen wir die Straßen voll hübsch gewachsener preußischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt. Das Lager war außerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit Göthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch' wunderbare, große bewegliche Stadt voll kleiner Hütten, woselbst die wildesten Krieger doch täglich einige Stunden Frieden halten müssen, während sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein eigenthümlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an den leichtfertigen Courage in dem alten Roman von Simplicissimus; und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die Roßschweife hingen, wenn ihre Männer aus der verlorenen Schlacht flohen.
Nun näherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus hörten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie näher. Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein würde. Ich lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Göthe's Haus. Da gab man mir den Trost, daß der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen habe; als ich aber nach Hause ging, stand der Satyriker Falk bleich und unbeweglich, wie eine Bildsäule auf der Straße. Er versicherte mir, daß Alles verloren sei! — Kurz vorher hatten wir preußische Reiter auf dem Markt eroberte französische Pferde verhandeln sehen, nun flohen Preußen haufenweise aus der Schlacht mit verhängten Zügeln in gestrecktem Galopp durch die Stadt. „Wo führt der Weg in die Berge?“ riefen sie, indem sie an uns vorübereilten. — „Hier giebt es keine Berge!“ — „Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?“ fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie ein Zugwind aus der Stadt.
Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stück Fleisch aus dem Schenkel gerissen und er war ausgeplündert. Bröndsted lieh ihm eine nicht unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein närrischer Gesell, der uns in Friedenszeiten amüsirt haben würde, mißfiel uns nun im höchsten Grade. Er lief in bloßen Hemdsärmeln, mit einem großen, dreieckigen Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den Verband wieder auflöste, um es besser, oder — schlechter zu machen. Der Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es hätte wohl keine Hülfe für ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hände gefallen wäre. Ein Jahr darauf bekam Bröndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit großem Dank von den Eltern, daß er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.
Die neutralen Dänen in Weimar.
Während der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial sein könnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schießen. Bei dem ersten Schuß, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkürlich hin, und schloß das offenstehende Fenster. Ich mußte über meine Vorsicht lachen, als ich ihrer bewußt wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Bröndsted und Koës sahen, daß ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.
Wir sahen voraus, daß, wenn die Preußen in die Stadt flüchteten, es hier so gehen würde, wie in Lübeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke. Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen meine Landsleute zu führen, und ihnen Vorwürfe zu machen, daß sie die Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben, und da sie mich davon abgehalten hatten, auszuführen, wozu der gesunde Verstand mir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten; wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schließen und trösteten uns damit, daß unsere dänische Neutralität uns beschützen würde. Die Kanonenschüsse hörten nach und nach auf. Das Geld, von dem wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstücher, hinten im Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben würden, wenn wir nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätten.
Artige Franzosen.
Plötzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Läden waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Straße, und die Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfüllte, wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Häusern ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: „Ach mein liebes Kind, wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun!“ Ich dachte an den Apotheker in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schränke aufzumachen, und den Husaren, die sich näherten, mit Herzensstärkungen entgegen zu kommen. Acht hübsche, sonnenverbrannte Männer, ganz außer Athem und heiß vom Kampfe, hielten an der Thür „Bourgeois!“ riefen sie von ihren Pferden, „du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!“ Der Wirth kam mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit langen Zügen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; größtentheils Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Pässe und beriefen uns auf unsere dänische Neutralität. Sie versicherten uns höflich, daß wir Nichts zu fürchten hätten. Von den Preußen sagten sie: „Ils se battent bien, mais ils ne comprennent pas la guerre.“ Der eine Unterofficier wollte sich eine warme, wollene Nachtjacke kaufen. Wir ließen gleich einen Krämer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem Preise. Wir zupften den Krämer am Rock; er verstand uns und versicherte, daß er nicht einen Pfennig dafür nehmen würde. „Ah, monsieur! vous êtes très honnete!“ sagte der Franzose, und der Krämer eilte fort, um nicht mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.
Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der außerordentlichen Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Häuser füllte, herrschte in den ersten Stunden doch die vollständigste Stille und Ruhe; worüber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und waren müde, hungrig und durstig.
„Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war“
und als sie sich „im Wechselgespräch mit einander über die gewonnene Schlacht erfreut hatten,“ — da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute zu suchen, und da fing das Unglück an.
Plünderung in Weimar.
Glücklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen, welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken faßte und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: „Brigand! je t'écraserai la tête!“ Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und Balken. Draußen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den Häusern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mänteln und es brannte Feuer, an dem sie sich erwärmen konnten. Müde von der Spannung und Angst des Tages, warfen Koës und Bröndsted sich auf das Bett und ich mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleine Zimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und ließen sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier stören, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kämpfte. — Ich war endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir vor, als ob ich Katzen miauen hörte. Ich schlage die Augen auf, es ist ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich höre wieder das eigenthümliche Geschrei — es sind heulende Frauen und Kinder!
Einen gräßlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. „Gott!“ rief ich und rang meine Hände, „zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig hergeeilt.“ Magdeburgs Zerstörung stand klar vor meiner Phantasie. — Glücklicherweise wurde das Feuer gleich gedämpft, das einige Schurken angezündet hatten, um dabei besser plündern zu können. Unser Haus blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplündert; außerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr. hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder unsere dänische Neutralität, oder, wie gesagt, das reine Glück, das uns beschützte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstücher eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale Augereau und Berthier in den „Elephanten“; sie nahmen freilich das ganze Haus in Besitz mit Küche und Keller, ließen uns aber doch unsere Bodenkammer. Nun mußten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und einem Glase Wein begnügen, während die französischen Officiere unten prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache als sauve-garde vor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hörte das Plündern auf; leider aber zu spät. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die Räuberei wurde streng verboten, und wir hörten täglich sieben, acht Mal in Garten die Büchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden. Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloßportale empfing, zugerufen haben: „Eh bien! Vous avez voulu la guerre! La voilà!“ Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand. General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen militärischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen, welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbstständigkeit mit dem Gefallenen zugleich begraben würde.
Napoleon in Weimar. — Schmettau's Beerdigung.
Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Voß's Bekanntschaft, war lustig und guten Muths und da er etwas Französisch konnte, gebrauchte man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause hinaus, wo die Schildwache stand. „Qui êtes vous?“ fragte der Soldat stolz. „Je suis un espion!“ antwortete der Jüngling lustig. — „Comment!“ rief der erzürnte Franzose und fällte das Gewehr. Wir baten ihn um Gotteswillen, die „mauvaise plaisanterie“ des jungen Mannes nicht übelzunehmen. Mit Mühe beruhigten wir den Kriegsmann, der den Spion arretiren wollte; endlich glückte es uns doch, ihn zu befreien. Wir verbaten uns solch' dreiste Späße für die Zukunft.
Göthe's Verheirathung.
Göthe machte während der Schlacht mit Fräulein Vulpius Hochzeit. Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen, das darin liegt, daß ein älteres Paar mit dem Anfange endigt (le commencement de la fin, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschießen, während Geßler stritt, ging er mit einer alten Haushälterin in die Kirche, während die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren läuteten, und kehrte mit ihr zurück, ohne daß es die geringste Veränderung in Etwas machte, außer daß sie nun Frau Geheimräthin von Göthe hieß. Wenn man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Göthe's Geliebte geworden war. Sie glich weder Lotten, noch Klärchen, noch Gretchen, weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie überhaupt einer der Göthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Körper spukte. Für Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Göthe sagte einmal selbst im Scherz: „Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar kein Gedicht verstehen.“ In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederländischen Schule; obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klärchen. Sie war eine Schwester des berühmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als Wilhelm Meister. Die Neuvermählte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung und nannte ihn immer „Herr Geheimrath.“ Das thaten wir andern auch. Als ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmüthig: „Lassen Sie es beim Geheimrath bewenden!“ und dieser Titel klingt in Deutschland sehr bürgerlich; Frau Göthe war von einer raschen beweglichen Natur und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann führte. „Der Herr Geheimerath und ich“ — soll sie einmal gesagt haben — „wir sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig.“ Das Schauspielerpersonal huldigte ihr übrigens mit vieler Aufmerksamkeit und setzte so Eins oder das Andere durch. Göthe war nämlich Chef des Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte, große Talente zu belohnen, so wußte Göthe doch meisterhaft zu benutzen, was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgeführt, und selbst das Lied von der Glocke, das Göthe wunderlicherweise auf die Bühne brachte, wurde so natürlich, als es möglich ist, gegeben, wenn man die subjectiven lyrischen Ergüsse eines Dichters als dramatische Scene verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafür, daß die Achtung, in der Göthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth der jenensischen Studenten zu zügeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher waren sie en masse im Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten tüchtig gelärmt. Göthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu: „Still! still! bedenkt, wo Ihr seid!“ und es wurde still; nicht weil der Minister sie daran erinnerte, daß sie in einem fürstlichen Theater seien, sondern weil der große Dichter sie daran erinnerte, daß sie sich im Tempel der Musen befänden. Man spielte Schiller's Räuber. Wenn auf andern Theatern das Lied: „Ein freies Leben führen wir,“ gesungen wurde, pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Göthe in seine Loge, und baten um die Erlaubniß dazu, die sie auch erhielten. Aber Göthe mußte immer lachen, wenn er sich später dieses Liedes erinnerte; denn imponirt durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und sangen „Ein freies Leben führen wir“ so langsam und zahm, wie man beim Begräbniß singt: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“
Göthe und die Jenenser Studenten.
Ich sah zuweilen Falk bei Göthe. Eines Mittags hielt er uns eine lange Vorlesung und ich wunderte mich über die Geduld, mit der ihn Göthe angehört hatte. „Nun,“ entgegnete Göthe, „wenn ein Mensch so mit einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu lesen, was darauf steht.“ — Er war nicht immer so geduldig; es mußte auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit erschrecklich großen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten Erklärungen über Göthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig war, sagte Göthe: „Sie hören sich gerne selbst reden, Herr Baron!“ und kehrte ihm den Rücken zu. Göthe haßte die Affectation. Er saß einmal bei einer Mittagstafel zwischen zwei Fräulein vom Lande. Das eine war sehr ästhetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das ästhetische hatte ihn lange mit ihren närrischen Entzückungen und sublimen Affectationen ermüdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: „Ach, ach, Herr Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz göttlich!“ — „Hm!“ sagte Göthe, „woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Götter riechen?“ Drauf wandte er sich an das andere und fragte: „Wie viel Kühe hat Ihr Vater, Fräulein?“
Reise nach Gotha.
Wir speisten noch einmal bei Göthe zu Tische und verließen darauf Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo das hübsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel für Göthe's und Schiller's Meisterstücke gewesen, nun ein Hospital für sterbende Krieger und verwundete Krüppel bildete.
Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr der Postillon uns über gepflügte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen, antwortete er: „Ha! 's ist Krieg!“ Wir holten mehrere Colonnen preußischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden. Wir zeigten unsere Pässe und man erlaubte uns höflich, weiterzufahren. Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Säbel und drohte, uns die Köpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne vorüberführen. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: „Fahren Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts!“ — Aber gerade weil er betrunken war, glaubten wir, daß er vielleicht erst recht Lust bekommen könne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt für Schritt hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege genommen. Wir waren also in vollständiger Sicherheit und nicht mehr der Willkür der Gewalt ausgesetzt. — O, wie wohl that es mir, alte Bücher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen überstandenen Mühseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner Kindheit hinzuzaubern.
Ankunft in Frankfurt.
Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen Heimweh fühlte, so tröstete ich mich damit, ihre lieben nordischen Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde. Koës, (der später in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter Jüngling, obwohl bleich und mager; Bröndsted, der später durch sein gelehrtes Werk über Griechenland berühmt wurde, war damals, was er bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller Jovialität und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Koës war mehr still, verschwiegen und zurückhaltend; man mußte ihn gut kennen, wenn er sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger angenehm.
In Göthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage. Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepreßtem Zustand als Trauben sowie in gepreßtem, als vortrefflichen „Dreiundachtziger“; denn „der Elfter“ konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fünf Jahre später wuchs.
P. A. Heiberg.
In einer kleinen deutschen Grenzstadt mußten wir einige Stunden auf frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das nördliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage verwundert zu Bröndsted: „Entweder betrügen mich meine Augen, oder P. A. Heiberg steht unten auf der Straße.“ So war es. P. A. Heiberg war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte große Lust, einmal mit diesem talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte mich oft amüsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig. Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte gleich, daß wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie auch ästhetisch ganz auf der französischen, ich auf der deutschen Seite des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in Paris. In der revue encyclopédique hat er mich später oft getadelt. In einer Vorrede zu seinen dänischen Schauspielern sagt er, daß ich seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darüber disputirt, daß er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das muß er vergessen haben. Besonders hat er es mir übelgenommen, daß ich in einem Gedicht: „Das Gypsbild“ in meiner Langelandsreise (gewiß zu voltairisch übertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer spätern Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Veränderung sehen, obgleich ich die Ausdrücke sehr gemildert hatte.
Erster Eindruck von Paris.
Wir kamen über den schönen Rhein, nach der unschönen Champagne, wo die Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte, daß ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. Nach Chalons kam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November; und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dänen am nächsten Tage unsern Einzug in Paris, wo die große steinerne porte St. Martin, wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schönen Boulevards hinwinkte.
Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darüber, daß diese häßliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte, der Kutscher hätte sich im Wege geirrt und uns in eine verfallene Provinzialstadt geführt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den viele andere Städte machen, wo schöne Alleen mit herrlichen Lusthäusern und Gärten die Erwartung spannen und sie zuweilen überspannen, wenn man die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt: Paris liegt, wie eine Wallnuß in der großen äußern schmutzigen Schale, die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir durch die harte Schale — ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV. sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor, als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel hörte:
„Allons, Allons, Courage! Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.“
Deutsches Studium in Paris.
Paris ist so oft und so gut beschrieben, daß es eine Thorheit wäre, es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht rühren mögen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwürdigen Orte kommen, mit allen Büchern, die sie erwischen können hin und schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefähr so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere — und besonders die Engländer — laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um Alles zu sehen; nicht, um es zu genießen, zu fühlen, sondern um mit beruhigtem Gewissen sagen zu können: „Wir haben es selbst gesehen!“ was doch eine Lüge ist; denn was wie ein Blitz vorübereilt, sieht man nicht mit dem Auge der Seele! — Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an. Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge wollte ich ordentlich lernen: erstens Französisch zu verstehen; denn ich verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und hatte nicht viel mehr gelernt, als was Herr Horslund mir in der Schule für die Nachwelt einprügelte, nämlich: Fenelon's Telemaque, Marmontel's contes moreaux und das schwierigste aller Zeitwörter: s'en aller, fortgehen. Nun war ich fortgegangen und hoffte, daß das Andere Alles von selbst kommen würde. Darauf wollte ich es dahin bringen, gut Deutsch zu schreiben, d. h. — in dieser Sprache auf eine Weise dichten, die sich der der Besten nähern konnte. Dies schien mir viel leichter. Ich hielt es für leichter, Deutsch, wie ein eingeborner deutscher Dichter zu schreiben, als soviel Französisch zu lernen, daß ich mich, sowie viele tausend Fremde, in der gewöhnlichen Conversation mit Leichtigkeit ausdrücken könne. Meine erste und wichtigste Beschäftigung in Paris war also, Deutsch zu dichten. Es gab Deutsche genug dort, mit denen ich täglich umgehen und mich üben konnte. Ich hatte den Aladdin bereits in Weimar und Jena übersetzt; hatte das Manuscript an Frommann in Jena verkauft und hatte es bei Dr. Riemer, Göthe's allersecretestem Secretair (d. h. der nach dem Dictat alle Werke Göthe's schrieb) zurückgelassen. Aber ich erhielt den Aladdin mit einem sehr freundlichen und hübschen Briefe wieder, in dem ungefähr stand: „Als Du uns den Aladdin vom Blatte übersetztest, wußtest Du mit einer gewissen naiven, schelmischen Laune selbst den Sprachfehlern etwas Poetisches, Angenehmes zu geben, das sowohl Göthe, wie mich bestach; nun aber, da die todten Buchstaben vor uns liegen und wir die Worte corrigiren sollen, sehen wir, daß es eine Unmöglichkeit ist. Es wäre Sünde, wenn dieses Werk nicht all' die Vollendung in der Sprache haben sollte, die möglich ist; und die kann ihm Keiner geben, als Du selbst. Du hast nun größere Fertigkeiten erlangt, und mußt Deinen Aladdin von vorn bis hinten ganz umarbeiten.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Kaum war ich etwas heimisch in Paris, als ich mit größter Lust und mit Fleiß von vorn wieder anfing; und ein paar Monate darauf hatte ich Aladdin wieder fertig, so wie er bei Brockhaus in Amsterdam erschien. Dr. Koreff half mir freundschaftlich dabei, die Sprachfehler zu corrigiren, und erst nachdem er und andere geschmackvolle Deutsche mich versichert hatten, daß Aladdin im „Genius der Sprache“ gedichtet sei, sandte ich das Manuscript zum Druck fort.
Ich ließ Bröndsted und Koës für alle weltlichen Dinge sorgen, was unsere Haushaltung betraf. Wir waren in das Hôtel de Strassbourg, rue de la loi, wie die rue Richelieu damals hieß, gekommen, aber wir merkten bald daß es zu theuer sei, und zogen deshalb in das Hôtel de Hollande, rue des bons enfans, wo es auch zu viel billigerem Preise sehr gut war und wo wir neben einander wohnten.
Eine Pariserin.
Während wir uns in den ersten Tagen noch im Hôtel de Strassbourg aufhielten, ereignete sich eine komische Begebenheit, die ich als Beweis für meine Unwissenheit im Französischen, so wie für Koës' und Bröndsted's Unerfahrenheit, wenn auch nicht gerade in der Sprache, so doch in der Lebensweise, erzählen will. Wir bekamen ein Billet von einer Dame, welche uns gegenüber in einem Hôtel wohnte, ob wir ihr die Ehre erweisen wollten, sie zu besuchen, sie hätte mit uns über einige Bekannte, die uns nahe ständen, Etwas zu sprechen. Wir glaubten Nachrichten von der Heimath oder aus Deutschland zu erhalten, gingen also gleich hinüber und kamen in hübsche Zimmer, wo eine ältere Dame, die aber noch recht hübsch und außerordentlich elegant gekleidet war, uns mit einer Grazie empfing, die der Pariserin eigen ist, und uns bat, am Kamine Platz zu nehmen, und mit Bröndsted und Koës ein Gespräch begann, da sie gleich bemerkte, daß ich nur als stumme Person mitgekommen sei. Was sie sagte, konnte ich gar nicht verstehen, da sie sehr rasch sprach; nur machte es mir Vergnügen, ihre liebenswürdige Virtuosität im Vortrage zu bewundern. Nachdem sie fertig war, erhoben sich Bröndsted und Koës, — der Letztere mit einem Lächeln, das characteristisch für ihn war, wenn Etwas vorfiel, was ihm nicht gefiel, wo er sich aber aus Höflichkeit doch nicht weiter einlassen wollte. — Sie begleitete uns sehr anmuthig bis zur Thür; ich verbeugte mich mehrere Male ehrerbietig vor ihr auf der Treppe — und erst als wir auf die Straße gekommen waren, sagte mir das Lachen der Andern, was ich gleich hätte begreifen und verstehen sollen, wenn ich nicht so unwissend und unerfahren im Französischen gewesen wäre.
Kaum hatten wir uns häuslich wie gute Kinder im Hôtel des bons enfans eingerichtet, als Jeder sich in seinem Winkel fleißig an die Arbeit setzte; Bröndsted und Koës bereiteten sich auf ihre griechische Reise vor, jener besonders, indem er Villoison's Papiere studirte. Ich schrieb bald Deutsch, bald dichtete ich Dänisch und bald las ich Französisch. Mittags aßen wir größtentheils bei Grignon, und am Abend war ich im Theater; Koës kam auch oft dahin, aber Bröndsted seltener; er liebte es mehr, in den Abendstunden bei einer Pfeife Tabak zu musiciren.
Französische Lehrstunden.
Ich hatte einen sehr guten Lehrer im Französischen, Depping, bekommen, später durch sein Werk über die Normannen, seine interessante Lebensbeschreibung und viele andere Schriften bekannt. In dieser Lebensbeschreibung, in der er meiner übrigens sehr freundschaftlich und schmeichelhaft erwähnt, scherzt er darüber, daß ich nur langsam Fortschritte im Französischen machte; daß wir die Stunden oft mit Gesprächen zubrachten, in denen er mehr von mir, als ich von ihm lernte; daß ich das Französische nicht als eine richtige Sprache gelten lassen wollte &c., und darauf ruft er scherzend aus: „diem et oleum perdidi!“ — Aber auf demselben Blatte erzählte er auch, daß ich Frau Staël's Improvisation der Corinna in deutsche Verse übertrug, daß ich ganze Scenen des Corneille parodirte &c., welches doch nicht hätte geschehen können, wenn ich nicht in seiner Stunde einige Fortschritte im Französischen gemacht hätte.
Umgang mit dem dänischen Minister Dreyer.
Wir besuchten oft unsern Minister Dreyer, einen freundlichen alten Mann, groß, gut gewachsen, gesund und frisch, einen klugen, muntern Kopf mit vieler Menschenkenntniß. Napoleon achtete ihn höher und konnte ihn besser leiden, als viele andere Minister. Er lud uns oft zu Tisch, war nicht kleinlich eitel, und schämte sich durchaus nicht seiner bürgerlichen Herkunft; im Gegentheil amüsirte es ihn, mit uns von seiner Jugend, den damaligen Sitten und davon zu sprechen, auf welche Weise er unter Struensee sein Glück gemacht hatte. In meiner Jugend hatte ich zuweilen mit meinen Eltern einen Kupferschmied, einen Vetter von ihm, besucht, und deshalb, glaube ich, konnte mich der Minister noch besser leiden; er nannte mich: „Unsern dänischen Voltaire.“ Wir waren oft bei ihm. Ein Mal nahm er uns mit zur Stadt hinaus und tractirte uns da. — Es traf sich gerade, daß ich ihn Excellenz nannte, während der Aufwärter zugegen war; „Ei,“ flüsterte er mir munter ins Ohr, „lassen Sie die Excellenz hier aus dem Spiele, sonst müssen wir mehr bezahlen.“
Das erste Mal, wo wir ihn besuchten, fragte er uns sehr gutmüthig: „Weshalb sind sie denn eigentlich nach Paris gekommen? um sich zu amüsiren, nicht wahr?“ Bröndsted und Koës fingen an, die gelehrten Gesichter etwas zu verziehen und schienen Einwendungen machen zu wollen, aber ich ergriff das Wort, ehe sie anfingen, und rief sehr eifrig: „„Ja, Ew. Excellenz! ganz richtig! nur um uns zu amüsiren. Ich wenigstens komme hauptsächlich deshalb.““ Ich hielt es nämlich immer für meine Dichterpflicht, das Vergnügen zu vertheidigen und es zu Ehre und Würde zu bringen, so wie es meine Pflicht war, es durch Kunst zu veredeln. Eine Periode, die in meine Jugendzeit fiel, laborirte an dem Aberglauben des Nutzens. Genie, Kunst, Schönheit, Phantasie, Gefühl wurden verachtet und einem guten, gewöhnlichen, hausbackenen Verstande untergeordnet; tägliches Arbeiten wurde mehr gelohnt, als eine ausgezeichnete That. Sclaventhum war etwas Reelles, Heldenthat etwas Phantastisches. Sonderbar genug, daß ein Krieg oder die Folgen eines Krieges die Veranlassung zu diesem Aberglauben im Norden gaben; denn im Süden konnte Liebe und Achtung vor der Kunst und vor dem Schönen nie so vollständig verdrängt werden, wenn daselbst auch lange keine Genies entstanden. Ich nenne es sonderbar; denn sonst stehen Held und Dichter ja in naher Sympathie. Mars kann nicht den Apoll, Thor nicht den Bragi entbehren; Olaf der Heilige mußte alle seine Skjalden im innern Kreise der Schlacht haben, um zu verewigen, was sonst gleich dem Donner im Fluge der Wolken in ewiges Vergessen sinken würde. — Auch Napoleon achtete die Dichtkunst und sagte: „Wenn Corneille lebte, würde ich ihn zum Herzoge machen.“
Der Aberglaube des Nutzens.
Also: jener prosaische — nicht Krieg, denn der war poetisch und schön — aber die prosaische Folge jenes Krieges war, wenn ich es so nennen darf, die nordamerikanische Denkungsweise, die großen Eingang in Europa fand. Als die guten Bürger sich eine freie Existenz geschafft hatten, mußten sie daran denken, die Wälder zu lichten, die Sümpfe auszutrocknen, ihre Häuser und Schiffe zu bauen, Mühlen und Schleusen anzulegen, kurz sich ökonomisch einzurichten. Ein großes Genie und ein großer Mann in dieser Richtung, der Sokrates der neueren Zeit, Franklin, gab den Ton an, und sein Wort und Beispiel hatten einen segensreichen Einfluß auf den Wohlstand der Nordamerikaner. Es war auch ganz gut, daß andere Nationen sich in vieler Beziehung in dieser Richtung bildeten — aber dadurch erhielt das Zeitalter auch ein ganz ökonomisches Gepräge, das Genie und Kunst verachtete. Andere vorhergehende Kriege hatten bereits den Grund gelegt. Nachdem der dreißigjährige Krieg wie ein Scirocco fast jedes poetische Hälmchen ausgedürrt und verbrannt hatte — so daß das ganze geistige Norddeutschland der lüneburger Haide gleich — vollendete der siebenjährige Krieg das Werk, in welchem Werberei, militärischer Despotismus, die Fuchtel, Spießruthen, das Unterofficierwesen dem Asathor den Helm vollständig abriß, den dreieckigen Filzhut tief in die Augen drückte, und ihm den Haselstock in die Hand gab. Statt daß Held und Dichter früher Bruder und Freund gewesen waren, kämpfte nun Jakob von Thybo lächerlicherweise mit Stygotius; und wir konnten Holberg's satyrischer Geißel danken, daß jene Tollheit früher bei uns als an vielen anderen Orten, namentlich in Deutschland, aufhörte, das immer entsetzlich lange Zeit braucht, um aus seinen alten Falten zu kommen. So wild, toll und grausam die französische Revolution auch wurde, war sie in ihrem Anfange doch edel und poetisch. Nun hatte ein mächtiger Genius die verwirrten Massen zusammengezwungen, Ordnung in die Ausschweifungen gebracht, die Kräfte zu mächtiger Wirkung gesammelt; es konnte doch trotz der ungeheuren jährlichen Menschenopfer, (die zuletzt auch den Opferpriester trafen) Etwas gedeihen und blühen. Diese letzten Kriege, in denen Landesvertheidigung und Eroberungslust gegen einander ankämpften, waren poetische Kriege, und der Sturm vertrieb den Nebel des Sumpfes. Ich war in eine Stadt gekommen, die der Sammelplatz für Alles war, was es Wichtiges und Großes in Europa gab, wo der Alexander oder Caesar der Gegenwart Hof hielt. Karl der Große lebte wieder in Paris. Paris fühlte seine Macht, sein Uebergewicht. Die Vergnügungen, die hier stets geblüht hatten, erhielten einen mehr poetischen Character; — und war es also ein Wunder, wenn der junge Dichter hauptsächlich hingekommen war, um sich zu vergnügen?
Apologie des Vergnügens.
Aber auch zum Arbeiten war ich hingekommen; die eine Kunst bedarf der andern. Wenn der Baumeister mit seinem Palast fertig ist, muß der Bildhauer Statuen in die Halle setzen und der Maler Decken und Wände schmücken. Diese Kunstwerke geben dem Palaste höhern Werth; das edle Gebäude, in dem diese Werke sich befinden, verleiht ihnen wiederum Werth. — Die dramatische Poesie bedarf der Malerei, der Musik, des Tanzes, der Mechanik und besonders der Schauspielkunst! War es nun ein Wunder, daß diese schöne, in Paris stets zur höchsten Vollkommenheit gestiegene Kunst, sich die Bewunderung des jungen dramatischen Dichters zuzog? Wenn ich also dem alten Minister sagte, daß ich hauptsächlich nach Paris gekommen war, um mich zu amüsiren, so meinte ich, daß ich jeden Abend ins Schauspiel gehen wolle, damit meinte ich wieder, daß ich meine Kunst studiren, und mein Vergnügen mit einer ernsten Arbeit vereinigen wollte, ohne welche es kein Vergnügen giebt, da jedes Vergnügen ohne Arbeit bald eine matte, ermüdende Langeweile wird.