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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Vorwort. (continued 5)

Reading edition

Es entstand nun ein großer Lärm und Viele glaubten gleich ungehört, daß ich Unrecht hätte. Um nicht das Vergnügen der Gesellschaft zu stören, und da ich nicht einsah, wie dieser Streit auf eine würdige Weise ausgeglichen werden könne, da ich außerdem auch fürchten mußte, daß ähnliche Scenen wieder Statt finden könnten, erzählte ich kurz und gut den Umherstehenden den Zusammenhang, verbeugte mich und sagte: „Ich melde mich als aus der Gesellschaft ausgetreten!“ — „Und ich auch!“ rief mein treuer Hans Christian Oersted, der Alles mit angehört hatte und sehr entrüstet darüber war. Wir gingen nun Beide fort. Hierdurch gewann meine Sache in der öffentlichen Meinung und mein Austritt glich mehr einem Siege als einer Flucht.

Ich habe diese Scene nach dem Verlaufe von 46 Jahren, durchaus nicht aus Groll gegen einen Mann erzählt, der mir weder früher noch später jemals feindlich entgegengetreten ist, eben so wenig, wie ich ihm; ich weiß, wie leicht ein unüberlegtes Wort dem Munde entschlüpfen kann! Ich erzähle es nur, weil die Ursache zu einer solchen, öffentlich bekannt gewordenen Begebenheit mit zu meinem Leben gehört, und weil dieser Zug zur Characteristik der damaligen Zeit beiträgt.

Zusammenleben mit Rahbek.

Von dieser Zeit an lebte ich eingezogener in meinem häuslichen Kreise, besonders bei Rahbeks und Oersteds. Frau Rahbek war stets liebenswürdig und interessant und doch durchaus verschieden von meiner Schwester Sophie. Steffens kam oft und gern in beide Häuser. Unser Verhältniß zu Rahbek war eigenthümlich. Er war unser Beider erster Geschmacksbildner gewesen, und noch jetzt stand er als Haupt- und Wortführer an der Spitze der Schule, die wir bekämpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde; denn Rahbek ließ auch uns etwas gelten und sprach in seinem Blatte oft vermittelnd gegen allzu große Einseitigkeit; freilich lobte er viel, was uns nicht gefiel, und wir äußerten Manches, das ganz gegen seinen Glauben stritt; aber er war im Ganzen eben so tolerant, wie eigensinnig. Disputiren mochte er nicht; er wußte sich stets mit Beispielen und witzigen Einfällen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unsere Ansichten aussprachen, schwieg er, und blickte durch das Fenster, wo er eine schöne Aussicht über den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu begeistert, so ging er in sein Studirzimmer, wo seine Kanarienvögel frei über den Büchern umherflatterten. Er hatte eine große Vorliebe für alle seine Hausthiere. Ein Taubenschlag war vollgepfropft mit Tauben, weil er es nicht duldete, daß eine von ihnen geschlachtet wurde. Eine alte Gans ging in späteren Zeiten auf dem Hofe umher, die fast dumm vor Alter geworden war, und Leute in die Beine beißen wollte. Ja, diese Liebe, das Alte unverändert zu bewahren, erstreckte sich sogar bis auf den Garten und die Pflanzen. Einige Stachelbeerbüsche wollte er durchaus nicht beschneiden lassen; die Folge davon war, daß sie ihm über den Kopf wuchsen, endlich keine Früchte, ja sogar keine Blätter mehr trugen und zuletzt nur Dornen übrig behielten, mit denen sie ihn rissen, wenn er in ihren Labyrinthen umherschwärmte. In das Südfeld, einige Schritte von seinem Hause, setzte er nie seinen Fuß. Wenn er nun in seinem Zimmer bis zur Eßzeit gearbeitet und seinen Schnaps „Brenndarium,“ wie er es nannte — getrunken, und etwas in die falsche Kehle bekommen und er darauf gehustet hatte, — so wurde er aufgeräumt, und das Gespräch nahm dann gewöhnlich statt einer philosophischen und lyrischen eine epische Wendung. Er erzählte uns dann gern Anecdoten und Characterzüge aus einer ältern Zeit; und bei dieser Gelegenheit bewunderten wir ebenso sehr sein Gedächtniß für Tauf- und Zunamen, für Straßen, Gassen, Jahreszahlen und Monate, wie den Witz und Humor mit dem er erzählte. Besonders amüsirte es mich, Etwas von ihm über Ewald und Wessel zu hören. Wie Jener, wenn er Abends mit einem Rausch nach Hause ging, mit seinem gezogenen Degen auf das Pflaster schlug, so daß die Funken ihm um die Ohren sprühten und rief: „Nun grassirt der Poet Eward,“ denn den Buchstaben L konnte er nicht im nüchternen Zustande, geschweige denn, wenn er betrunken war, aussprechen. — Wie Rahbek einmal als junger Mann ihm bescheidne Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und gesagt hatte: „Lobe mich nur Gevatter, ich mag das gern hören;“ wie Ewald endlich, als er krank und bettlägerig war, und der Doctor ihm Punsch verboten und Thee verordnet hatte, Punsch aus einer Theekanne in die Tasse goß, um den Doctor und sich selbst zu betrügen.

Anecdoten von Wessel.

Von Wessel hörten wir: wie er an einem warmen Sommernachmittag verstimmt und niedergeschlagen an einem Seiler vorbei ging, der fürchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler behauptete eifrig, daß Nichts in der Welt den Menschen so in Hitze bringen könnte, wie zwei Hemden. „Was meint er denn von dreien?“ fragte Wessel. — Ein Freund besuchte ihn und fand zwei Bücher auf der Commode seiner Frau. „Potztausend, Wessel,“ fragte der Freund lustig, „sind das alles Deine Bücher?“ „„Nein,““ antwortete Wessel, „„nein, die meisten davon sind geliehen.““ Ein vermögender Mann lud ihn ein, Punsch bei ihm zu trinken; er habe einen vortrefflichen Rum bekommen. — „Lieber Freund,“ sagte Wessel, „schicke mir lieber ein paar Flaschen Rum nach Hause, ich trinke ihn am liebsten trocken.“ — Er wohnte eines Sommers auf der Westerbrücke in der sogenannten Galgenmühle. „Besuche mich einmal, Du!“ sagte er zum Schauspieler Saabye, „ich wohne dort in der schönen Natur.“ Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hause; er war auf das Feld hinausgegangen. Dort stand das Hochgericht, das seit langer Zeit nicht benutzt war; und unter dem früher erwähnten, gemauerten Galgen, dem einzigen schattigen Ort auf dem Felde, lag Wessel und las in einem Buche, mitten in der schönen Natur!

„Nein Wessel!“ sagte 'mal ein Freund zu ihm, „Du mußt doch versuchen, Dein Glück zu machen; Du mußt Minister Guldberg besuchen. Er ist selbst ein gelehrter Mann, ein tüchtiger Kopf und wird gewiß Etwas für Dich thun.“

„„Das geht unmöglich,““ antwortete Wessel. — „Weßhalb?“ — „„Ich habe keine Perücke.““ — „Die will ich Dir geben!“ — „„Ich habe auch keine Hosen.““ — „Ich will Dir ein Paar hübsche schwarzseidene Beinkleider leihen!“ Er ging zu Guldberg. Der Minister fragte: „Wer sind Sie?“ — „„Ich heiße Wessel.““ Guldberg weiß noch nicht recht Bescheid. Wessel glaubt, die Perücke mache ihn unkenntlich, er nimmt sie ab, und steckt sie in die Tasche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er ihm dienen könne? — „„Ew. Excellenz, es müßte ein Amt sein, wo Viel zu verdienen und Wenig zu thun ist; denn dazu fühle ich mich besonders disponirt.““ — Guldberg weiß noch nicht recht, wie er dies verstehen solle, dreht verlegen seine Dose in der Hand und wiederholt die Frage, womit er ihm dienen könne? „„Nun,““ sagt Wessel, „„dann geben Sie mir eine Prise Taback, Gevatter!““ Die bekam er, verbeugte sich und ging seiner Wege.

Vermuthlich wollte Wessel kein Amt haben. Er meinte, daß er, als ein ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre bereite, eine kleine Pension verdiene. Aber so weit war man damals noch nicht gekommen, daß man glaubte, ein guter Dichter verdiene den Lebensunterhalt als Dichter. Kann man es ihnen dann verdenken, wenn sie ihre Zuflucht zu Bacchus nahmen, um in seinen Nebelwolken eine Welt zu vergessen, die sie verschmähte?

Doch muß man auch der Wahrheit gemäß gestehen, daß Ewald und Wessel zu wenig für sich selbst arbeiteten, und sich in einem gewissen Müßiggange, und einem unordentlichen Leben gefielen, das sie zuletzt zum Abgrunde führte. Ein eigenthümlicher Gegensatz zu diesen zwei Genies, sowohl in des Wortes guter, wie schlechter Bedeutung, war Holberg; dieser hatte sehr fleißig, sehr ordentlich, sehr mäßig und fast geizig als Junggeselle gelebt; so daß er sich endlich für das durch seine Schriften erworbene Vermögen eine Baronie kaufen konnte, die er dann wieder dem Vaterlande schenkte. Auch Tullin war ein Gegensatz zu ihnen.

Aehnliche Anecdoten konnte Rahbek bis in die Unendlichkeit hinein erzählen. Auch hörten wir ihn gern uns von seiner Reise nach Deutschland berichten; wie er nur von Theater zu Theater zog, nur mit Schauspielern und Theaterdichtern umging und sich in der Diligence in einen dunkeln Winkel setzte, um auf den Landstraßen durch Naturschönheiten und Aussichten nicht in seinen Kunsterinnerungen gestört zu werden. Musik, Malerei und Bildhauerkunst hatten für ihn nur wenig Anziehungskraft, aber desto mehr gab er sich mit der scenischen Darstellung der Charaktere ab. In der alten und neuen Literatur war er sehr gut bewandert; in literarischer Bildung stand er mit Ausnahme von Baggesen, über allen Dichtern seiner Zeit; und trotz seiner Eigenheiten war er doch der billigstdenkende von ihnen Allen.

Camma Rahbek.

Seine Frau, wenngleich viel jünger als er, liebte ihn innig; und trotz aller ihrer Talente hatte sie sich doch daran gewöhnt, blind an seinen Geschmack zu glauben. Dies fanden wir nun recht hübsch, doch suchten wir sie zuweilen in ihrem Glauben wankend zu machen. Glücklicher Weise hatte sie einen Character, der sich recht für ihre Stellung eignete. Sie sprach selten von Poesie. Sie hatte ein edles Herz, eine rasche Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtniß, einen außerordentlichen Witz, die größte Leichtigkeit mechanische Schwierigkeiten zu überwinden; aber Phantasie und Tiefe, um lange bei einer Vorstellung zu verweilen, fehlten ihr. Witz und Humor herrschten stets mit erstaunlicher Lebendigkeit in ihrem Geiste vor. Wenn sie ernst war, war sie gewöhnlich niedergeschlagen. Bücher las sie meist der Sprachen wegen. Sie verstand gut deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, und in späteren Jahren sogar Latein und etwas Griechisch; aber man hörte sie selten eine fremde Sprache reden. Geschmack für das Schöne zeigte sie hauptsächlich in der Malerei (sie zeichnete selbst hübsch) und in der Gartenkunst. Sie war eine vortreffliche Gärtnerin, und saß — obgleich kränklich — auf Bakkehuset wie eine Flora oder Pomona; herrliche Blumenbeete lächelten bunt in dem feinsten, frischesten Gras; schwere herabhängende Trauben rankten sich um ihre Fenster, und im Zimmer blühten Witz und Humor noch schöner von ihren Lippen. — Sie hörte also auf Steffens und mich mit schelmischer Aufmerksamkeit; Manchem gab sie ihre Beistimmung, Manches ließ sie dahingestellt, und nie griff sie unsere Truppen mit der Infanterie der Gründe oder der Gegenbeweise an. Aber wenn wir uns zuweilen selbst widersprachen, oder wenn sich eine Lücke, ein Wirrwarr im Gedankengang zeigte, dann konnte kein Mürat mit seiner Cavalerie rascher und tapferer einhauen als sie mit ihren beflügelten Witzen uns in die Flanken fiel, und ein entsetzliches Blutbad unter allen unseren Behauptungen anrichtete, wobei wir ihr selbst mit lautem Lachen halfen, wenn einmal das Terrain geräumt war. Zuweilen amüsirte es sie doch, Steffens und mich ein wenig zur Vergeltung zu necken, wenn wir Etwas gesagt hatten, das Rahbek nicht mochte. Einmal disputirte sie mit mir über Göthe's kleines hübsches Gedicht: „Ein Veilchen auf der Wiese stand.“ Sie behauptete, daß es überspannt phantastisch sei. In demselben Augenblick kam Rahbek: „Nicht wahr, Rahbek, Du bist derselben Meinung?“ Rahbek rieb sich die Hände, schwieg und blickte zum Fenster hinaus nach Amager hinüber. — Später, als ich ein Mal in seinen Gedichten blätterte, fand ich, daß er dies selbst übersetzt hatte.

Meine Schwester Sophie.

Meine Schwester Sophie war nun ganz anders, doch glich sie Camma in vielen Dingen; sie war eben so witzig, geistvoll und lebendig; aber sie hatte nicht die Lust zu den Sprachen und die mechanische Fertigkeit, wie Camma. Diese hatte außerordentlich viel gelernt, Sophie sehr wenig; aber mit ungewöhnlicher Schnelligkeit verstand sie doch bald, sich das Nothwendigste zu erwerben. Sie fing an, Götz von Berlichingen deutsch zu lesen, als sie kaum noch das zweite Wort verstand; als sie aber damit fertig war, verstand sie das Meiste ganz gut. Sie war sehr poetisch; sie war vertraut mit der stillen Freude der Wehmuth und ihre leicht geweckten Gefühle exaltirten sie zuweilen zu sehr. Nie lernte sie eine andere fremde Sprache, als deutsch, und auch diese konnte sie nicht grammatikalisch. Aber da sie täglich mit Deutschen umging, so sprach sie vortrefflich, das heißt, im Geist der Sprache mit allen Idiotismen und Wendungen; obgleich wir sämmtlichen Dänen nicht vermeiden konnten, zuweilen kleine Fehler zu machen. Sie kleidete sich mit Geschmack, nähte selbst Alles, was sie brauchte, putzte sich gern (sie war von hübscher Figur) und ging gern spazieren. Frau Rahbek saß entweder zu Hause oder machte in späteren Jahren Reisen auf dem Dampfschiffe nach Hamburg. Fremde Gesellschaft liebte weder sie noch Sophie; dagegen kamen täglich einige gute Freunde zu ihnen. Meine Schwester war sehr häuslich, hielt nur ein Mädchen und fegte selbst ihre Stuben aus, was man, ihren weißen Händen nach zu urtheilen, nicht geglaubt haben würde. Sie hatte in ihrer Kindheit viel an Blattern gelitten, doch waren die Narben ziemlich verwachsen; sie hatte rothe Wangen und große, freundliche, lebendige Augen. Camma Rahbek war mager; ihre schönen, großen, blauen Augen sahen, wenn sie ernst war, etwas melancholisch aus; aber kaum bekam sie einen lustigen Einfall, so funkelten sie mit seltner Lebhaftigkeit.

Literarische Wirksamkeit.

Bei meiner Schwester, die eine Zeitlang auf der Weststraße, so wie ich, aber in einem andern Hause wohnte, hatte ich mein förmliches Standquartier und dort las ich ihr und Oersteds fast jeden Abend vor. — Die Werke, die wir damals zusammen genossen, und über die wir dann sprachen und urtheilten, waren: Voß, Homer, Tieck's Don Quixote, Schlegel's Shakespeare und Calderon's, Göthe's, Schiller's, Tieck's und Novalis' Werke.

Steffens reiste im ersten Jahre unserer Bekanntschaft als Geognost nach Norwegen. Ich dichtete in diesen paar Jahren Viel. Erst arbeitete ich den Schlaftrunk für Weyse um. Der phantastische Humor in Shakespeare's Werken hatte mich begeistert, und ich fühlte mich mit einer solchen dramatischen Munterkeit geistig verwandt. Ich fühlte, was später Jean Paul so herrlich in seiner Aesthetik ausgesprochen hat: daß auch Shakespeare's humoristische Charactere allgemein, symbolisch und nur unter dem Wulst und den Ausstopfungen des Humors verborgen sind. „Der Scherz fehlt uns blos aus Mangel an Ernste,“ — sagt Jean Paul; — „an dessen Stelle trat der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, welcher Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Der freie Scherz wird da nur gefesselte Anspielung. Aber der Humor ist das umgekehrte Erhabene. Der gemeine Satiriker mag auf seinen Reisen oder in seinen Recensionen ein Paar wahre Geschmacklosigkeiten und sonstige Verstöße aufgreifen und an seinen Pranger befestigen, um sie mit einigen gesalzenen Einfällen zu bewerfen statt mit faulen Eiern; aber der Humorist nimmt fast lieber die einzelne Thorheit in Schutz, den Schergen des Prangers aber sammt allen Zuschauern in Haft, weil nicht die bürgerliche Thorheit, sondern die menschliche, d. h. das Allgemeine sein Inneres bewegt. Der Humorist erwärmt, der Persiflirende erkältet die Seele. Aber zu solchem Lebenshumor ist jetzt weniger unser Geschmack zu fein als unser Gemüth zu schlecht.“

Mit diesem Gefühle arbeitete ich Bretzner's „Schlaftrunk“ um. Der Humor und fast alle Einfälle im Dialoge, durch welche die Gestalten dieses Singspiels poetische Persönlichkeit gewinnen, gehören mir, ob sich gleich gut auf Bretzner's munterm Grunde bauen ließ. Dieses Stück ließ Weyse neun Jahre lang liegen, nachdem er etwas über die Hälfte componirt hatte; nach Verlauf von zehn Jahren vollendete er seine Arbeit. Wie schön und reizend die Musik ist, wissen die meisten Kopenhagener; wer es aber nicht weiß, dem wird es schwer fallen, die Zusammensetzung zu bemerken. Der Zwischenraum der neun Jahre fällt zwischen Charlottens Arie: „Ihr der Liebe goldnen Tage,“ und dem Quartett: „Ob nicht alle unsre Thränen“ im zweiten Akt. Wie Frydendahl in einer Reihe von zwanzig Jahren das Publikum als Brausse und erst Knudsen, später Ryge als Saft amüsirt haben, darüber ist nur Eine Stimme.

Da ich mich bei der Umarbeitung des Schlaftrunkes etwas in dieser Dichtungsart geübt hatte und der Concertmeister Schall mich bat, ein Singstück zu schreiben, das er componiren könne, dichtete ich „Freia's Altar,“ welches muntere harmlose Lustspiel stets ein tragisches Schicksal gehabt hat, wenn es aufgeführt werden sollte. Der Oberhofmarschall, dem ich es vorlas, lachte unaufhörlich dabei und fürchtete, daß es allzukomisch sei. Die Theatercensoren verwarfen das Stück. Freia's Altar wurde gedruckt und machte außerordentliches Glück bei Jungen und Alten. Das Stück wurde oft in Gesellschaften vorgelesen und zum größten Vergnügen auf vielen Privattheatern zum Benefiz der Armen gespielt. Aber als ich es einige Jahre darauf wieder auf die Bühne bringen wollte, entstand ein großer literarischer Lärm, der zu unangenehm und langweilig war, als daß ich ihn erneuern sollte. Noch zum dritten Male ließ ich mich verleiten, das alte Singspiel mit Melodieen von verschiedenen Componisten, von Herrn Fröhlich arrangirt, auf das Theater zu bringen. Aber es war die größte Hitze in den letzten Tagen der Saison, einige Rollen waren nicht gut vertheilt; der Herausgeber der fliegenden Post, Verfasser von „König Salomon“ und „Jörgen Hutmacher“ Heiberg, riß Freia's Altar herunter, als ob es das elendeste dumme Zeug wäre, — und so ließ ich diese humoristischen Bilder wieder in den Hintergrund treten. Im Rauch und Dampf hätte man sie doch nicht gesehen; um das Muntere und Freundliche mit Geschmack und Gefühl darzustellen und zu genießen, muß man selbst munter, freundlich und ruhig gestimmt sein.

Kurz nach Freia's Altar dichtete ich (1804) „Thor's Reise nach Jothunheim“, die später in „die Götter des Nordens“ aufgenommen ist. Ich hatte kurz vorher das deutsche Heldenbuch gelesen, und meinte, daß dessen kurze und kräftige Reime und die derben Holzschnitte dieser Art gut für Thor's Abenteuer passen dürften.

Die Langelandreise.

Nach einer Fabel in der Edda schrieb ich „Vaulundurs Saga.“ Eine kleine Reise nach Langeland hatte die „Langelandreise“ hervorgebracht. Obgleich ich in diesem Gedicht umständlich meine Reise beschrieben habe, wird es viele der Leser vielleicht doch amüsiren, wenn ich Fragmente eines Briefes an meine Christiane mittheile, die geschrieben waren, ehe die Langelandreise gedichtet war.

Rudkjöbing, den 10. Juli 1804.

Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe, wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck; Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige entweihe. — Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht als Maliciösheit auslegen. Wir luden ihn zu einer Pfeife Taback ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär, noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen; aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren. „Sigersted,“ sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.

In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu folgendem Epigramm:

„Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!“ Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach. „Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!“ Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. — —

Aladdin.

Als ich von Langeland nach Hause gekommen war, schrieb ich: „Jesus in der Natur;“ und wagte die Jahreszeit mit ihren verschiedenen Wirkungen als eine Allegorie auf das Leben und die Lehre Jesu darzustellen. Das Hauptgedicht dieser Periode war jedoch „Aladdin“. — Ich ergriff mit jugendlichem Feuer und mit Begeisterung eine der schönsten Scenen aus „Tausend und Eine Nacht“; und die natürliche Aehnlichkeit, die dieses Mährchen mit meinen Lebensverhältnissen hatte, gab dem Ganzen vielleicht etwas Naives und Eigenthümliches, das die Wirkung verstärkte; hatte ich nicht selbst in der bei mir entdeckten Dichtergabe die wunderbare Lampe gefunden, die mich in den Besitz der Schätze der Welt setzte? Und die Phantasie war mir ein Geisterring, der mich überall hinversetzte, wohin ich wollte. Meine Bildung hatte sich spät aber ziemlich rasch entwickelt, gleich Aladdin's, und gleich ihm hatte ich vor Kurzem die Liebe kennen gelernt. Meine Mutter war todt und als ich Aladdin's Wiegenlied auf seiner Mutter Grab schrieb, rannen meine Thränen auf das meiner eignen Mutter. So berührte dieses Mährchen in vielen Punkten meine eigenen Lebensverhältnisse; ich ironisirte auch damit, und war mir dessen während der Dichtung klar bewußt.

Caspar Bartholin.

Einer meiner liebsten Freunde war Caspar Bartholin; er war Officier gewesen, aber ein Sturz vom Pferde, bei dem er, sich die Brust verletzte, zwang ihn, einen stilleren, weniger anstrengenden Lebensweg zu suchen; und — mehr als dieses Unglück zog ihn wohl sein eigner, ausgezeichneter Geist zur Wissenschaft und Kunst. Er machte das juridische Examen; sein Umgang mit Steffens und mit mir wirkte auf ihn ein; er unternahm eine Reise ins Ausland, aber die Verletzung, die er beim Sturze vom Pferde bekommen hatte, kürzte seine schönen Tage, und er starb in Rom — mitten in der Bewunderung des Großen und Schönen an einem Blutsturz. Einen Brief, den er mir von Paris aus sandte, theile ich hier mit.

Paris, den 26. Dec. 1804.

Verzeih, bester Oehlenschläger, daß ich Dir nicht nach Deinem Wunsche und meinem Versprechen eher geschrieben habe. In dem Taumel von Zerstreuungen, in dem ich lebe, läßt sich so etwas leicht aufschieben, und die Folgen des Aufschiebens kennst Du ja! Gott weiß es, daß ich nie mit mehr Sehnsucht an Dich gedacht habe, als gerade hier, ob ich nun mit stiller Bewunderung an den schönsten Denkmälern der Kunst vorüberwandelte, oder ob ich mich über die Flachheit in all' den Unternehmungen und Reden der großen Nation ärgerte, oder auch wenn ich in der Stille an mein Vaterland und an Deine reine Dichterflamme dachte. — Endlich traf ich gestern Friedrich Schlegel. Ich sprach mit Willers, der mir sagte, daß Schlegel hier sei. Ohne Zaudern eilte ich nach Hause, holte Oersted's Brief und im Augenblick hatte ich die halbe Meile zurückgelegt, die ihn von mir trennte. Ich traf ihn allein und, wie ich vermuthete, mit Zend Avesta vor sich. — Er erzählte mir, daß das einzige Nordische, was er gelesen habe, die isländischen Sagen seien, und hieraus nahm ich Veranlassung, von Dir zu erzählen, daß Du daran dächtest, sie zu bearbeiten und bereits begonnen habest. Er versicherte, daß er sehr viel Lust habe, dänisch zu lernen, aber nicht wisse, wo er ein gutes Lexicon hernehmen solle. Ich empfahl ihm eines, das er sich notirte. Zugleich bat er mich, ihm Steffens' Einleitung zu verschaffen. Willst Du mir zu dem Ende nicht behülflich sein, und sie mir durch Oersteds herbesorgen, entweder an das dänische Ministerium oder lieber an Guilleaumeau adressirt, denn ich werde wohl nicht mehr hier sein, wenn es ankommt. Die Kosten werde ich Dich bitten, mir bis zu meiner Rückkehr zu creditiren. Von der „Europa“ ist das vierte Heft herausgekommen. Es war mir eine Freude, die Liebe und Freundschaft zu hören, mit der Alle, die Oersted kennen, von ihm sprechen. — Auch Lehmann ist gekannt und geachtet. — Baggesen spreche ich oft. Er liest mir zuweilen seine Gedichte vor, weint über sie und versichert, daß ihm sein Dichtergenius entflohen sei. Auch von Dir hat er zuweilen gesprochen und wußte nicht einmal, daß der erste Band Deiner Gedichte herausgekommen war. Er schlug die Hände zusammen und entsetzte sich, ja wollte mir fast nicht glauben, als ich ihm sagte, was Du producirt habest und noch zu produciren beabsichtigtest. Wenn ich lange genug hier bliebe, wollte ich Dich bitten, mir fünf bis sechs Exemplare Deiner letzten Gedichte zu senden, damit die gute Sache gefördert werden könne, und es geschehe, wie da geschrieben stehet. Ich würde mir dann ein Vergnügen daraus machen, sie Fr. Schlegel zu verdollmetschen und vielleicht durch ihre Hülfe Baggesen von dem Throne herabstoßen, den er sowohl bei den Dänen, wie auch bei den Deutschen hier usurpirt hat. — Ich möchte Dir gern etwas von Raphael's göttlicher Transfiguration erzählen, seiner heiligen Cäcilia und Jungfrau Maria's Apotheose; aber dies sind ewige Mysterien, die sich nur schauen, nicht von einem Profanen deuten lassen. Wäre ich gleich Dir von der Natur in die heilige Sprache eingeweiht, die eine solche Beschreibung voraussetzt, so würdest Du die Gewalt begreifen, die ich mir anthun mußte, um nicht niederzufallen und sie anzubeten. — Ein Stück von Dominichini (die Leiden der heiligen Agnes) hat nächstdem den größten Eindruck auf mich gemacht. Stelle Dir die schöne Leidende von ihren entmenschten Henkern umgeben vor, die mit der teuflischsten Grausamkeit auf alle mögliche Weise ihre Qualen zu vermehren suchen, während sie mit einer himmlischen Ruhe jeden Schmerz, den sie ihr bereiten, erträgt, und fast über der irdischen Sphäre erhaben zu sein scheint. Nun hebt sie die Augen unwillkürlich zum Himmel, von dort muß ihr Muth kommen, denn er ist mehr, als menschlich. Und siehe, sie werden nicht betrogen, die dort Trost suchen, der Erlöser in seiner Herrlichkeit reicht einem Engel die Märtyrerpalme, der bereits in vollem Fluge scheint, um sie damit zu krönen. Es ist eine wunderbare Wirkung, den der Gegensatz von himmlischer Seligkeit und irdischem Schmerz hervorbringt. Hätte man ein solches Bild stets vor Augen, dann unterwürfe man sich diesem gewiß mit Freude. — In einem sparsam erleuchteten Winkel entdeckte ich vor Kurzem ein Bild, welches von Allen unbemerkt schien, mich aber doch durch seine Wahrheit und seinen Ausdruck, sowie durch einen unendlich schönen Magdalenenkopf frappirte. Es war Christi Abnahme vom Kreuz, und, wie ich richtig vermuthete, von Lucas von Leiden. Tieck hat uns mit bewunderungswürdiger Genauigkeit von diesem Maler unterrichtet, und man braucht nur seine Beschreibung im Gedächtniß zu haben, um Lucas von Leiden's Bilder von denen eines jeden Andern unterscheiden zu können. Von Albrecht Dürer sind hier nur sehr wenige, und seine Bilder sind auch nicht sehr geachtet. Kurz vor meiner Ankunft wurde eins seiner größten Gemälde für 400 Frcs. verkauft. — Apoll von Belvedere hat mich von allen Statuen am Meisten angezogen. Es ist die idealste Form, die Du Dir vorstellen kannst und es ist unmöglich, ihn für etwas Anderes als den Gott der Poesie und alles Großen und Herrlichen in der Natur zu halten. Ihm gegenüber prangt seine Halbschwester Venus. Aber man vergißt sie ganz, wenn man ihn sieht, es ist als ob der Ausdruck der Liebe auch in seiner Form läge. Dicht neben ihr wird man von einem entsetzlichen Schauer überfallen — bei dem Anblick des Laokoon. Es ist der grausamste Schmerz nach dem Ideal der höchsten Schönheit ausgedrückt, eine ewige Tragödie: der vergebliche Kampf des Menschen gegen das Geschick. — Doch wohin man sieht, fällt das Auge auf etwas unbegreiflich Schönes. Hier bewundere ich den Ausdruck in dem herkulischen Torso, ihm gegenüber in dem sterbenden Fechter; dort frappirt mich die entschiedenste Nachlässigkeit in dem ruhenden Faun, hier die ruhige Freude des majestätischen Herkules bei dem Anblicke seines Sohnes Telephus; — und so sieben Säle hindurch. — Aber ach! — neben all' Dem vermisse ich die classische Erde, verletzt mich die Gleichgültigkeit, und zürne ich über die Anmerkungen, die man von Zeit zu Zeit über sie hören muß. — In vierzehn Tagen reise ich von hier nach Straßburg, Mainz, Frankfurt, Göttingen und hoffe in sechs Wochen die Freude zu haben, unsern Steffens in Halle zu begrüßen. In drei Monaten hoffe ich Dich wieder umarmen zu können und versichere Dich der Freundschaft und Achtung, mit der ich verbleibe Dein treuer

C. Bartholin.

Zusammenleben mit Steffens.

Zwei Sommer hatte ich mit Steffens auf der Friedrichsberger Allee gewohnt. Hier schrieb ich den Schlaftrunk, Freia's Altar und Thor's Reise. Der Procurator Bjerring, den ich von Dreyer's Klub her kannte — er war Einer von der alten Schule und also selten mit mir einig — schlug mir einmal im Scherz vor, als ich ihm in der Allee begegnete, daß Steffens und ich uns malen und die Bilder vor dem Hause, wie bei den Thierbuden heraushängen lassen sollten. Herrliche Tage verlebte ich da mit meinem Freunde, doch darf ich bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, eines tragikomischen Auftrittes zu erwähnen.

Wir wohnten Parterre und die Fensterläden wurden an jedem Abend geschlossen, woraus folgte, daß es dann stockfinster war, bis sie wieder geöffnet wurden. Nun hatte ich in jenen Jahren und noch viele Jahre hindurch einen wunderbaren Traum, eine Art Alpdrücken, das oft wiederkehrte. Ich träumte nämlich, daß ich in meinem Bette lag, was wirklich der Fall war, ich erkannte meine Schlafkammer deutlich wieder, obgleich es dunkel war, — und nun entdeckte ich einen Räuber mit einem Dolch, der herbeischlich um mich zu durchbohren. Ich erhob mich leise in Todesangst, um aus dem Bette zu springen, mich hinter ihn zu schleichen und ihm den Dolch aus der Hand zu reißen. — Kaum setzte ich den Fuß auf den Boden, so erwachte ich und fand mich mit nackten Füßen, zitternd mitten im Zimmer. Ich legte mich dann gleich wieder zu Bett und schlief ruhig den übrigen Theil der Nacht. — Erst in späteren Jahren, als ich nicht mehr meinen gewöhnlichen Abendschnaps trank und im Sommer Wasser in den Wein goß, blieb der Räuber fort. Meine Gespräche mit Steffens, durch die zuweilen die Phantasie aufgeregt wurde und das Blut in stärkere Bewegung kam, trugen wohl auch Etwas dazu bei, den Räuber herbeizulocken. Ich habe bereits erzählt, daß ich einmal früher bei Steffens aus dem Bette sprang; damals lief es doch friedlich ab und er merkte nichts. — Aber hier in der Allee weckte ich ihn eines Nachts mit einem entsetzlichen Geschrei, als ob mir ein Messer in den Hals gestoßen worden wäre. „Mein Gott!“ — rief er — „was giebts?“ — „„Räuber!““ — röchelte ich. — „„Sie ermorden mich.““ — „Allmächtiger Gott!“ rief Steffens und stürzte aus dem Bett, in dem stockfinstern Zimmer über mich hin, wo er durchaus Nichts unterscheiden konnte, und mir also auf mein Wort glauben mußte. Nun hatte ich mich gefaßt. „„Ach!““ — seufzte ich langsam und ruhig — „„es war nur ein Traum!““ Aber nun war die Reihe des Phantasirens an ihn gekommen. „Das ist, hol' mich der Teufel, gleichgültig!“ — rief er — „ich muß Gewißheit haben; ich schlage Feuer. Ich hole meinen Säbel!“ So hörte ich ihn in das andere Zimmer tappen; er zündete Licht an und es dauerte nicht lange, so kam er mit drohender Miene und gezogenem Schwerte. Nun glaubte ich, daß er verrückt geworden sei, und rief: „„Steffens, um Gottes Willen, sei doch vernünftig! Der Traum hat aufgehört.““ Aber da verwandelte sich seine Wuth gegen die Räuber in Aerger gegen mich. „Ja, mein Bester!“ sagte er, „das ist ganz gut, aber es ist doch zu toll, solche Träume zu haben, besonders wenn die Fensterläden geschlossen sind. Ich mußte Dir ja aufs Wort glauben.“ „„Ich danke Dir, bester Freund!““ — entgegnete ich, — „„für Deine Tapferkeit und Deine Hülfe, in der Noth soll man seine wahren Freunde erkennen. Aber sei nun nicht böse darüber, daß kein wirklicher Mörder hier ist. Ich werde mich in der Zukunft vernünftigerer und wahrerer Träume befleißigen.““

Eine Sonnenfinsterniß.

Als Steffens fortgereist war, spielten mir die geschlossenen Fensterläden einen andern Streich. Ich hatte einen alten verunglückten schwedischen Schuhflicker zum Aufwärter, der zugleich mein Frühstück besorgte. Zuweilen schmierte er meine Stiefeln mit Butter ein, wenn er keine Stiefelwichse hatte. Er hatte Frau und Kinder in der Stadt, kam aber jeden Morgen um 7 Uhr zu mir heraus, öffnete die Fensterläden und weckte mich wenn ich schlief. Eines Abends hatte ich gehört, daß am nächsten Morgen um 5 Uhr eine große Sonnenfinsterniß eintreffen würde. Ich dachte: „die mußt Du auch sehen!“ schwärzte ein Stück Fensterglas über dem Lichte, um dadurch in die Sonne hinaufzuschauen, und sagte zum Schuhflicker, er müsse etwas vor 5 Uhr auf dem Platze sein, die Fensterläden öffnen und mich wecken. Am nächsten Morgen erwachte ich von selbst, es war still und finster rund um mich her, ich drückte den Kopf wieder in die Kissen und schlief weiter. Endlich erwachte ich zum zweiten Male. Noch immer war Alles still und finster. Ich dachte: „Nun muß die Uhr doch bald fünf sein.“ Ich konnte nicht länger schlafen, stand auf, öffnete die Fensterläden ein wenig, um beim Ankleiden sehen zu können und eilte dann durch die Thüre in den Garten, denn ich schlief in einer Gartenstube. Ein blendender Sonnenschein strahlte mir entgegen, aber das störte mich nicht in meinem Vorsatze. Ich nahm mein geschwärztes Glas hervor und starrte aufmerksam in die Sonne. Zwei junge Damen saßen auf einer Bank im Schatten. Nachdem sie mir lange zugesehen hatten, fragte die Eine lachend: „Wonach schauen Sie?“ „„Ich sehe nach der Sonnenfinsterniß, mein Fräulein!““ entgegnete ich, „„aber sie hat wohl noch nicht begonnen. Die Uhr kann wohl nicht weit von Fünf sein?““ „Mein Gott!“ rief sie erstaunt, „es ist ja schon Elf! Die Sonnenfinsterniß ist ja vor sechs Stunden vorüber.“ „„Na,““ rief ich erbittert, „„daran ist wieder kein Andrer, als der verdammte Schuhflicker Schuld! Aber ich will's ihn lehren!““ Sie sahen mich verwundert an, aber als sie hörten, daß er des Morgens nicht da gewesen sei um die Fensterläden zu öffnen, verstanden sie meine Rede.

Seltsame Träume.

Da ich hier von Schlaf und Träumen rede, finde ich den Ort passend, um zwei andere Träume zu erzählen, die ich gehabt habe. Der erste, glaube ich, fällt in jene Zeit, der andere um mehrere Jahre später. Ich habe sie nie vergessen können, und ich erzähle sie ohne Ausschmückung; es wäre leicht, einen amüsanten Traum zu erfinden, dagegen ist es nicht so leicht amüsant zu träumen.

Erster Traum. — Mir träumte, ich läge als Leiche in der Roeskilder Domkirche, in der nördlichen Kapelle, wo die königlichen schwarzen sammtbeschlagenen Särge stehen. Plötzlich hörte ich die Schlüssel an der Gitterthür rasseln, sie ging auf, mein Vater kam mit einem Schwarm Fremder und zeigte ihnen die Kirche, so wie ich ihn oft in meiner Kindheit fremden Leuten das Friedrichsberger Schloß hatte zeigen sehen. Sie näherten sich meinem offnen Sarge und mein Vater sagte: „Dieser arme Mensch, der hier liegt, ist wirklich zu beklagen! Er bildet sich ein daß er noch lebt, während er doch schon lange eine todte Mumie ist. Sehen Sie einmal!“ Hier faßte er mich an der großen Zehe und rieb Etwas davon zwischen den Fingern zu Staub. Er wollte nun mit der Gesellschaft weiter gehen und das Gitter wieder schließen. Ich fühlte mich von einer entsetzlichen Angst ergriffen, daß ich da nun mehrere Tage allein zwischen wirklichen Leichen liegen solle, bis ich selbst stürbe. Ich strengte alle meine Kräfte an, es gelang mir, mich zu erheben, und zu den Fremden hinzuwanken, aber mehr vermochte ich nicht; ich sank wieder zwischen ihnen auf einer Treppe in einen Todesschlummer. „Sehen Sie wohl?“ sagte mein Vater; „lauter Einbildungen! er glaubt immer, daß er noch lebt. Aber wir könnten ihn doch in ein warmes Bett bringen, obgleich ich im Voraus weiß, daß es nichts hilft.“ Kurz darauf befand ich mich in einem hohen schmalen Zimmer, mit dunkelgrünem Damast bekleidet, der von vergoldeten Leisten eingefaßt war. Ich lag in einem Bett, unter einem Thronhimmel mit dicken drappirten Gardinen, gleichfalls von dunkelgrünem Damast; in meinem Schlafgemach herrschte Halbdunkel. Aber dicht daran stieß ein großer Saal voller Menschen, die an einem Tische saßen. Ich hörte Musik, die Teller rasselten, es wurde oft laut gelacht, der Glanz der Kronleuchter strahlte durch das Schlüsselloch zu mir herein, der ich in der dunkeln Einsamkeit da lag, um zu sterben. Eine unbeschreibliche Lust zu leben, die muntern Freuden des Lebens zu genießen, erfüllte meine Brust, und gab mir wieder Kraft, mich zu erheben. Ich sprang aus dem Bett, öffnete die Flügelthüren zum Saale, eilte hin und setzte mich auf einen leeren Stuhl zwischen zwei schöne Mädchen, füllte mein Glas und sang:

„Und soll ich nicht mehr leben frisch Und in die Erde sinken, Will ich doch noch an diesem Tisch Erst lieben — und singen — und trinken!“

Darauf stieß ich mit den Schönen an, küßte sie und leerte mein Glas. Ich fühlte den Rothwein, zu warmem Blute verwandelt, wieder meine Adern füllen und durchströmen; ich war gesund und frisch und — erwachte. Des Verses entsann ich mich noch, und wiederholte ihn so oft, bis ich ihn nicht mehr vergessen konnte.

Der andere sonderbare zusammenhängende Traum, den ich mich entsinne, gehabt zu haben, war folgender: Ich befand mich wieder in einer Kirche, aber sie war klein und hatte einige Aehnlichkeit mit der auf Friedrichsberg. Ich hatte die Musik zu einer Cantate componirt, die nicht von mir gedichtet war. Sie wurde von einer zahlreichen Gemeinde aufgeführt, während der Prediger als Erzbischof, im Purpurgewande, und mit dem Hirtenstab in der Hand vor dem Altare stand. Die Musik war rührend und begeisternd. Alle fühlten sich dadurch bewegt. Aber es war ein Engelchor in der Cantate, den ich nicht zu componiren vermocht hatte, weil der Inhalt zu himmlisch war. In meiner Verlegenheit hatte ich dies verschwiegen; das Concert ging vortrefflich ohne Probe, mit Gesang und Instrumenten vom Blatte, bis man zu dem fehlenden Chor kam, wo Alles schwieg. Es herrschte Todesstille in der Kirche. Endlich fragte mich der Prediger laut vom Altare aus: warum ich nicht auch diesen Chor componirt hätte? Ich antwortete ängstlich: „Ich war es nicht im Stande, ehrwürdiger Herr! Solche Gefühle kann nur ein seliger Geist ausdrücken, der ganz vom Erdenstaube befreit ist.“ — Da öffnete sich eine kleine Thür in der Wand, die Niemand vorher gesehen hatte, nicht weit vom Altar, etwas über dem Haupte des Predigers. Und Ewald stand dort, bleich und freundlich mit Schlafrock und Nachtmütze, eine Rolle Noten in der Hand, die er dem Prediger mit den Worten darreichte: „Ich habe es componirt!“ Im Augenblick war die Oeffnung wieder verschwunden, und die Stelle, wo sie gewesen war, nicht zu erkennen. Die Musik wurde gleich ausgeführt; ihre himmlische Milde läßt sich nicht beschreiben; sie löste meine ganze Seele auf, und ich erwachte, in Thränen gebadet.

Man sieht hieraus, daß mich doch nicht immer Räuber- oder Mörderträume ängstigten, sondern daß ich auch schön träumen konnte; obgleich der erste Traum, trotz seiner poetischen Einkleidung, etwas mit der alten Geschichte gemein hatte, und gleich dem Räubertraume, auf Lebensgefahr und Rettung hinausläuft.

Festgedicht an Steffens.

In dem zweiten Sommer unserer Bekanntschaft reiste Steffens nach Halle, und holte seine schöne Braut, Hanna Reichardt. Hierdurch wurde unser gesellschaftlicher Kreis vergrößert und belebt. Zu ihrer Ankunft veranstaltete ich ein Fest, an dem auch Camma Rahbek und meine Schwester Theil nahmen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich mein erstes deutsches Gedicht, damit die junge deutsche Frau es verstehen solle. Es lautete, mit wenigen Veränderungen, ungefähr so:

Es war einmal ein Junggesell Voll Eigensinn; Der wollte, wie ein flücht'ger Quell, Ins Weite hin; Es ward ihm gar zu eng und weh Im alten Haus, Drum sagt der wilde Bursch Ade, Und zog hinaus, Und fuhr auf die Fluthen nach Norweg. Der Herr Gott ließ die Winde los, Beim Strafgericht:[2] Der Jüngling fiel in Meeresschoos; Doch starb er nicht. Ganz trocken bald — ich weiß nicht wie — Und wieder flott Stand er — und war ein Kraftgenie! Du lieber Gott! Zur Sünde nur war er gerettet! Drauf streift er weit, im röm'schen Reich, Und sucht Natur; Vertiefte sich in Wald und Teich, Und Blumenflur; In Schachten nach dem Urgestein Er suchend kroch; Sah nach den süßen Mägdelein, Durchs Fensterloch, Und Alles der Wissenschaften wegen. Da fügt's sein Schicksal, immer gut, Solchergestalt; Er macht, mit liebevollem Muth In Halle Halt. Was einzeln erst im Bergrevier Und Flur er sah, Vereinigt in dem Mädchen hier Stand Alles da. Da ward's ihm gar freudig zu Muthe! Nun braucht' er gar nicht suchen gehn Lazurgestein; Ins Auge braucht er nur zu sehn Dem Mägdelein; Und wenn die Rosenlippen süß Er lächeln sah, War gar nichts auf der Blumenwies' Von Rosen da; Sie welkten, vor Neid, und erbleichten. Des Dichters goldner Leierklang Er auch vermied, Wenn sie mit süßer Stimme sang Des Vaters Lied. Der Vogel saß so andachtsvoll Am grünen Ort, Wenn über ihre Lippen quoll Das holde Wort; Es rieselte leiser die Quelle. Nun lieber Heinrich bist Du hier Mit ihr im Bund'; Drum singen und drum jauchzen wir Aus Herzensgrund; Drum zechen wir, mit großer Lust, Den guten Wein, Und drücken Dich an unsre Brust, Und singen drein: Willkommen uns, Heinrich und Hanna!

Die Freude, diese lieben Freunde in unsere Nähe zu haben, währte nicht lange, im folgenden Jahre verließen sie uns leider wieder, da Steffens als Professor nach Halle berufen wurde.

Ein Symposion.

Ein Freund meines Jugendfreundes Winckler (mit dem ich in der letzten Zeit nur wenig umgegangen war) reiste kurz darauf nach Westindien. Sie veranstalteten Beide bei dieser Gelegenheit ein Fest, wobei es besonders auf ein Trinken losgehen sollte, weßhalb sie auf ihren Einladungskarten das Fest auch ein Symposion nannten. Zur Ehre unserer Landsleute kann man wohl sagen, daß es bereits in meiner Jugend selten war, betrunkene Leute zu sehen. Selbst unter den Bauern wurde ein „Jeppe vom Berge“ mehr und mehr zu einer Ausnahme. Nur unter den Matrosen war es häufiger, weil es scheint, als ob das Trinken mit zu ihrem Elemente gehöre. Aber im Ganzen genommen paßte Hamlet's Replik nicht mehr auf uns:

„This heavy-headed revel, ease and west, Makes us traduc'd, and tax'd of others nations; They clepe us drunkards.“

Dagegen hatte man eine Menge Erzählungen von lustigen Trinkgelagen in alten Tagen, die mit Witz und Humor abgehalten worden waren. Ein solches veredeltes Bacchusfest war das, welches unsere Freunde hier wieder bereiten wollten. Zum Ort für das Fest wählte man das Ermelundhaus im Thiergarten, welches, die Brunnenzeit ausgenommen, einsam daliegt. Unsere Wirthe mietheten das ganze Haus für den Abend, und kein Fremder wurde eingelassen. Man hatte dafür gesorgt, daß sich nichts Plumpes und Widerliches in den muntern Uebermuth mischen solle; die große Gesellschaft bestand meistens aus Gelehrten und Künstlern. — Nun ging es auf ein Trinken los, und die Kunst bestand darin, so übermüthig als möglich zu sein, ohne brutal und geschmacklos zu werden. Die Convenienz und die Formen konnte man hingegen, so viel man wollte, übertreten; das wünschte man gerade, und Keiner durfte dem Andern eine Tollheit übelnehmen. Das Haus wurde den Gästen von den Wirthen Preis gegeben, und die Freude der Betrunkenen, Spiegel und Fenster in Stücke zu schlagen (welches in der Natur des Rausches liegt, weil der Mensch in diesem Zustande gern seine flüchtige Phantasie mit der einen oder der andern plötzlichen oder abenteuerlichen Verwandlung unterhält) stand Jedem frei, und wurde auch zuweilen ausgeübt; obgleich mit Bescheidenheit und ohne Schadenfreude, nur um dem Uebermuthe zu huldigen. Mitten in einem ernsten Gespräche sah man wissenschaftlich gebildete geistreiche Männer bald einen kleinen Spiegel von geringem Werthe, bald eine Fensterscheibe in Stücke schlagen, ohne daß dies die geringste Stockung im Gespräche hervorrief. Einer der Gäste goß etwas Rothwein aus seinem Glase in Hans Christian Oersted's Halskrause, als dieser gerade im Begriff war, etwas Schwieriges in der Physik zu erklären. Er bat Oersted, es um Gottes Willen nicht übel zu nehmen, worauf dieser ruhig antwortete: „Da müßte ich doch ein großes Kameel sein, wenn ich darüber böse werden wollte.“ — Ein vorzüglich guter Schauspieler, der von uns Allen geliebt war, hatte gerade einen rührenden Vater in einem von Kotzebue's Stücken gespielt, und kam etwas spät, als wir Andere bereits die Gläser tüchtig geleert hatten. Da er noch nüchtern war, wollte er satyrisch sein, aber ich sagte: „Lieber Freund, wir sind bereits lange über die Satyre hinaus! Mache rasch und werde lustig und guter Dinge gerade wie wir.“ Kaum hörte er dies, so setzte er eine Flasche an den Mund; und mit unglaublicher Geschwindigkeit hatte er bald uns Alle eingeholt und wurde der gemüthlichste Mensch von der Welt. Aber zuletzt wurde es ihm zu heiß, denn es war in der warmen Jahreszeit; er warf Stiefel und Oberkleider ab, und stolzirte endlich munter in durchaus anständigen Unterhosen umher. So wurde er in einen Wagen gesetzt und Einige der Anwesenden wollten ihn entführen, aber seine Abwesenheit wurde bald bemerkt; Eilboten zu Pferde wurden ihm nachgesandt, holten ihn eine Viertelstunde vom Wirthshause ein und brachten ihn im Triumphe zurück. Wir standen Alle in der Thür, als er ankam; und während er in bloßen Strümpfen aus dem Wagen stieg, grüßte er voller Huld und sagte: „Es war ein Mißverständniß, meine Herren! es war ein Mißverständniß!“ Man hatte ihm nämlich gesagt, daß das Fest in einem anderen Wirthshause fortgesetzt werden solle. Solcher lustigen Scenen fanden viele statt.

Die Wirthin war auch froh darüber, daß sie Alles auf die Rechnung setzen konnte; sie characterisirte den Zustand der Gäste nach den zerschlagenen Sachen, und sagte zu ihrem Mädchen: „Nun sind sie bei den Fenstern! Nun sind sie bei den Spiegeln!“ u. s. w.

Endlich begann doch die Natur ihr Recht zu verlangen; Viele wurden schläfrig und gingen in die Kammern hinauf, wo für ihre Bequemlichkeit gesorgt war. Einige hatten sich etwas mit dem Glase geschnitten, Andere waren seekrank. Da nun Kopenhagens beste, junge Aerzte da waren, so theilte man die Patienten, wie in dem Hospitale, in die chirurgische und die medicinische Seite ein, besuchte sie fleißig und heilte sie bald. Winckler selbst, als er merkte, daß er die Augen nicht länger aufhalten könne, lehnte sich an die Brust eines Freundes, trug ihm auf, für die Punschbowlen zu sorgen, sagte ihm, wie viel Rum, wie viel Citronen und wie viel Zucker zu jeder gehöre; und als er derart gewissenhaft sein Testament gemacht hatte, schlief er sanft ein.

Gegen Morgen hin fuhren wir wieder zur Stadt; aber am Nachmittag waren wir zu einem großen Thee auf der Schießbahn eingeladen, wo wir zusammenkommen und mit einander von den Begebenheiten des vergangenen Tages reden wollten, gleich den Asen in Gimle, nach Ragnarokur von den Thaten des vorigen Lebens. Hier wurde nun ein köstliches Abenteuer erzählt, das Einigen in der Gesellschaft begegnet war. Sie hatten nämlich die Absicht, auf dem Heimwege abzusteigen und in einem Gasthause zu frühstücken; aber da die Uhr noch nicht einmal drei war und man ihnen die Thür nicht öffnen wollte, kletterten sie über die Mauer. Da saßen sie nun rittlings, wie die Klammern an der Wäsche, als der Wirth im bloßen Hemde mit seiner geladenen Büchse herauskam und sie, wie Spatzen, herunterschießen wollte, weil er glaubte, es seien Räuber. Erst nach vielen Eiden und Versicherungen überzeugten sie ihn, daß sie ehrliche Leute seien, die nur in der edlen Absicht gekommen wären, ihm Etwas zu verdienen zu geben.

In diesem muntern, ungewöhnlichen Symposion nahm auch ich, ohne es noch zu wissen, Abschied von meinem Vaterlande und dem lieben seeländischen Walde. Mein Plan war gefaßt, ich gab die Jurisprudenz auf, ich fühlte, daß die Natur mich zum Dichter geschaffen habe, daß es thöricht und vergeblich sei, gegen meinen Beruf anzukämpfen. Freilich sah ich ein, daß ich, indem ich den allgemeinen Weg verließ, auch die Beamtenbahn aufgab; aber es ahnete mir, daß ein schmaler Steg, der freilich über tiefe Moore ging, in denen man leicht stecken bleiben konnte, mich rascher zum Ziele führen würde.

Der Maler Abildgaard.

Ich hatte zuerst beschlossen, mich auf das Isländische zu legen, und einige alte Sagen zu übersetzen; ein Subscriptionsplan war bereits entworfen; ich hatte auch die Akademie der Künste gebeten, mir einen Saal zu leihen, in dem ich Vorlesungen über nordische Mythologie halten wollte, da das fehlende Doctordiplom es mir nicht gestattete, sie in der Universität zu halten. Ich sprach deßhalb mit Thorwaldsen's Lehrer, dem Director der Akademie, Maler Abildgaard. Dieser lange hagere Mann hatte bedeutende Gaben, sehr viel Talent, große Kunstfertigkeit; aber ein gewisser Eigensinn, eine ihm zur andern Natur gewordene Manier schadeten ihm. Farbensinn hatte er in einem seltenen Grade, zeichnen konnte er vorzüglich, und so ist Thorwaldsen ihm Dank schuldig, so wie ein großer Philolog seinem verständigen Rector, der dem Schüler zeitig durch fleißigen Unterricht die unentbehrliche Grammatik einprägte. Als ich Abildgaard erzählte, daß ich für die nordische Mythologie begeistert sei, machte er mir erst die gewöhnlichen Einwendungen; aber als ich ihm einige meiner Ideen mitgetheilt hatte, betrachtete er mich mit großer Aufmerksamkeit; sein spöttisches Lächeln verwandelte sich allmälig in eine ernste Verwunderung, und als ich fertig war, sagte er: „Ja, ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der sich dem Guten und Sinnreichen widersetzt, weil es neu ist!“ — Wir sprachen über mehrere Gegenstände, auch über Poesie; und da bemerkte ich nun, daß er sich von dieser einen falschen Begriff machte. Er sagte: „Mit Poesie und Kunst verhält es sich ganz entgegengesetzt. Ein Dichter liegt in der Nacht schlaflos da, es entsteht eine glückliche Idee in seinem Kopfe, er spricht sie aus, und hat sich unsterblich gemacht. Der Künstler muß viel arbeiten, und gelangt erst allmälig zum Ziele!“ Ich entgegnete ihm: „daß der Dichter sich auch, aber wissenschaftlich, ausbilden müsse, daß eine glücklich ausgesprochene Idee freilich Hoffnungen wecke, aber noch nicht den wahren Dichter zeige; daß auch viel Arbeit, Kunst, Studium und Nachdenken dazu gehöre, um ein bedeutendes Dichterwerk hervorzubringen und zu vollenden.“ — Abildgaard nahm freundlich von mir Abschied; kurz darauf änderte ich meinen Beschluß und sah ihn nicht wieder.

Die Gräfin Schimmelmann.

Man sagte mir, daß die Gräfin Schimmelmann meine poetischen Schriften gelesen habe, und daß sie den Verfasser des Aladdin gern sehen wollte. Zugleich wünschte man mir Glück zu dieser Bekanntschaft; „denn“, sagte man, „Graf Schimmelmann achte und liebe Talente und helfe ihnen vorwärts, wo er könne. So habe er meinen Freunden Bentzon und Steffens früher geholfen, und es sei daher möglich, daß er auch Etwas für mich als Dichter thun würde, besonders wenn die Gräfin auf meiner Seite stehe.“

Ich ging also an einem schönen Sommertage mit pochendem Herzen nach seinem Landgute Seelust hinaus. Als Kind und Knabe war ich oft an der schönen Emilienquelle vorübergegangen und gefahren. Eine Gräfin Emilie Rantzau war Schimmelmann's erste Frau gewesen, die er bis zur Schwärmerei geliebt, deshalb hatte er ein Auge in den Stein aushauen lassen, welches stets weinte, wenn das Wasser herausfloß. Diese Idee war nun zwar weniger glücklich, aber muß durch den sentimentalen Geschmack jener Zeit entschuldigt werden. Was Schimmelmann's eigene Augen betraf, so weinten sie nicht mehr über einen Verlust, den ihm seine zweite Frau, Charlotte Schubart, wiederum ersetzte.

Heute ging ich nicht zur Quelle, sondern wendete mich in den Hof hinein, wo ich nie gewesen war; zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich eine so vornehme Dame besuchen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich stand im Vorzimmer, wartete, drehte den Hut in der Hand, faßte Muth und beschloß, mich nicht verblüffen zu lassen — als eine bleiche, magere Frau, einfach gekleidet, hereintrat und freundlich grüßend sagte: „Mein Mann wird gleich kommen.“ Das war also die Frau Gräfin. Sie nahm mich mit in ihren großen Gartensalon, wir wurden bald bekannt, und ich bekam Muth, als ich merkte, daß ich in ein Haus gekommen sei, wo man Poesie verstand, und sie mit zu den höheren Nothwendigkeiten des Lebens rechnete. Schimmelmann's Eintritt und Gespräch setzte mich in nicht geringe Verwunderung. Ein solches Wesen hatte ich mir früher nie gedacht, nie in einem Dichterwerk dargestellt gesehen. Die eigenthümlichen Contraste waren bei ihm auf eine so naive Weise verbunden, daß sie sich zur Harmonie vereinigten.

Der Graf Schimmelmann.

Er war klein, mager und häßlich, er schielte mit einem der kleinen dreieckigen Augen, war pockennarbig und schnupfte stark Taback, und das mit einer Nachlässigkeit, die unangenehme Spuren an Kleidern und Fingern zurückließ. So trat er wankend ein, mit blauem moirirtem Ritterbande und zwei großen Sternen auf der Brust, die dünnen Haare frisirt und gepudert und mit einem kleinen Zopf in dem Nacken. Ich stutzte fast über diese Häßlichkeit; aber kaum hatte er einige Worte gesprochen, als sich das schönste, freundlichste Wesen über dem pockennarbigen Gesicht ausbreitete, als das eine Auge, das nicht schielte, mit einer so ausnehmenden, ehrlichen, tiefen Menschenliebe in mein Herz lächelte, — daß ich glaubte Sokrates zu schauen; doch lag keine Ironie in diesem Lächeln, es war bescheiden, mädchenhaft, schüchtern, gefühlvoll. Das Ritterband verschwand vor dem Bande der Natur, mit dem ich mich gleich an diese edle Seele geknüpft fühlte, und die Sterne auf der Brust wurden Flitterstaat gegen das himmlische Sternenfeuer, das in seinem geistvollen Auge funkelte.

Ich kehre später zu diesem edlen Manne zurück, und will diesmal nur noch bemerken: die Gräfin hatte Sinn und Geschmack für Poesie; Schimmelmann hatte Seele und selbst Genie. Aber hier herrschte nun wieder der eigenthümliche Contrast! Trotz der treuesten Hingebung für die Gegenstände war er im höchsten Grade zerstreut, und dieser Zustand erlaubte ihm nicht, lange Zeit bei einer Vorstellung zu verweilen. — Erst viele Jahre darauf fand ich den Schlüssel zu diesem seltsamen Wesen. Schimmelmann war ein Siebenmonatskind. Was wäre nicht aus ihm geworden, wenn ihm die zwei Monate noch vergönnt gewesen wären. Er rieth mir, Se. Königl. Hoheit den Kronprinzen (später Friedrich VI.) um ein Reisestipendium aus dem Fond ad usus publicos nachzusuchen. Froh setzte ich mich nun mit meinen Wohlthätern an eine prächtige Tafel, jener gleich, die ich auf Friedrichsberg so oft gesehen, aber an der ich nie Theil genommen hatte.

Friderike Brun.

Ich machte in der Zeit auch die Bekanntschaft der Dichterin Frau Etatsräthin Brun auf Frederiksdal. Mein guter Freund Rothe (später Prediger bei der Trinitatiskirche) war der Hauslehrer des Sohnes. Auch hier traf ich die sonderbarsten Contraste, doch nicht in einer Person vereinigt. Wenn ein Komödiendichter den Gegensatz von übertrieben poetischer und übertrieben prosaischer Tendenz schildern wollte, so konnte man hierzu nie besser Veranlassung finden, als im Etatsrath (späterem Geheimrath) Brun und seiner Frau. Der erste, Kaufmann mit Leib und — sit venia verbo — Seele; praktisch, thätig, auf Geld versessen, wie ein Habicht auf die Beute; aber ohne jede höhere Idee; der Poesie, als Kinderstreichen, und seiner eigenen Ehehälfte, als der Repräsentantin der Poesie auf Sophienholm, spottend. Frau Brun war in der Klopstock'-, Salis'-, Mathisson'-Bonstetten'schen Schule gebildet. Die sentimentale Richtung, die ihr Wesen hierdurch genommen hatte, sagte ihrem Manne nicht zu, der den Mond nur als Zeitmesser und als eine gute große Laterne betrachtete, deren Licht kein Geld kostete. Man erzählte aber doch als eine Merkwürdigkeit, daß Brun einmal als Liebhaber, um ihr zu gefallen, ihr eine ganze Ode von Klopstock recitirt habe, die er auswendig gelernt hatte. Wenn dies der Fall ist, zeugt es von seinem guten Kopfe, der zu allen Geschäften geschickt war, aus denen er Vortheil ziehen zu können glaubte, selbst zum Auswendiglernen der Poesie. Aber in sich hinein hatte er sie nie gelernt. Die gute Frau Brun — (ich werde sie und ihren Mann später näher besprechen) hatte viel Geist, ein leicht bewegliches Gefühl, und war dadurch gebildet, daß sie auf ihren Reisen mit den tüchtigsten Köpfen des Zeitalters umgegangen war. Unglücklicherweise war sie schwerhörig geworden und dies in Verbindung mit der Bequemlichkeit und Unabhängigkeit, die der Reichthum verschafft, hatte sie mehr zu einer theilnehmenden Zuschauerin des Lebens, als zu einer eingreifend handelnden Person gemacht. Darin stimmten aber doch Mann und Frau überein, daß sie Beide einen eleganten Kreis an einem Orte um sich liebten, der durch Wohlstand und Geschmack verschönert wurde. Denn Brun war nicht ohne Geschmack für das Behagliche des Lebens; er hatte auch einen gewissen naiven plattdeutschen Humor, der für ihn einnahm; und das stete Hacken und Schelten auf seine Frau, wenn sie nicht zugegen war — (und wenn sie zugegen war, konnte sie es doch nicht hören) hatte etwas Amüsantes, gerade weil die komische Uebertreibung zeigte, daß es nur halb gemeint war.

Auf diesem schönen Sophienholm brachte ich nun auch einige angenehme Tage vor meiner Abreise zu.

Abreise.

Ich zeigte Schimmelmann mein Gesuch an den König um das Reisestipendium. „Ein solches Gesuch kann ja nicht abgeschlagen werden!“ sagte er lächelnd. Ich betrachtete nun die Sache als abgemacht; aber um nicht Zeit zu verlieren, und um — gleich den kühnen Soldaten — die Brücke hinter mit abzubrechen, so wie ich über den Fluß gekommen war, reiste ich gleich nach Halle, da Steffens mich dorthin eingeladen hatte, und — um Christianen und mir selbst den Schmerz des Abschiedes zu ersparen, sagte ich ihr vorläufig, daß es nur eine kleine Lustreise auf einen Monat sei.

Mein Vater gab mir hundert Reichsthaler in einem dicken Packet kleiner Scheine, um die Kosten bestreiten zu können, bis das Stipendium einträfe. Im Anfang furchtsam, da ich nie vorher eine so große Summe besessen hatte, griff ich oft ängstlich in die Tasche, um zu sehen, ob das Geld noch da sei. So bestieg ich im Anfang des Monats August 1805 das Packetboot, um nach Kiel zu reisen. Sobald ich nach Hamburg gekommen war, schrieb ich meiner Christiane. Mit diesem Briefe beginnen wir den zweiten Theil meiner Erinnerungen.

Fußnoten:

Ende des ersten Bandes.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

Notes in this chapter

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