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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Vorwort. (continued 2)

Reading edition

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen, dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht damit gemeint. — Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. — Er kam einmal in übler Laune in die Schule: „Setzt Euch auf Eure Plätze“, sagte er zu den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar wohlverdiente Ohrfeigen.

Knabenstreiche.

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte Jürgensen, der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter Eulenspiegel — und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo er in der Welt umher gewesen sei. „Ja“, sagte er, „hole mir eine Karte, dann werde ich es Dir zeigen.“ Nun eilte Jürgensen fort, holte eine Karte von Seeland und sagte: „„Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut, und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.““

Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache, der Svendsen hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät — war ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: „Was ist das?“ Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem Unterschiede in der Physik zwischen Druck und Stoß fragen wollen. In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal, während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in die Augen zu sehen und auf Alles „Ja“ zu sagen, was er ihnen erzählte, die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren. Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben. Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser gesetzt wurde.

Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater, einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war, ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. — Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen, ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte, welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer klebrig fand, sagte er mit Ekel: „Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen Leichen gewesen.“ (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.

Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: „Wo sondert sich der Speichel ab?“ „„In den Nieren,““ antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu legen.

Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend nach ihr um, und sagte ganz ernst: „Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.“ Dadurch imponirte er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging mit seinem Apfel von dannen.

Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule. Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.

Der König von Island.

Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten können.

Poetische Versuche.

Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften heraus, die „Mittwochspost“ in der dritten, und „Balder“ in der zweiten Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.

Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen. Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und gewöhnlich einschlief. Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war, — wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler, um die Illusion nicht zu stören: „Ach entschuldigen Sie, ich habe noch einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.“ Damit nahm er einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.

Theaterspiel.

So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte, mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.

Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt, sagt er ganz ruhig: „Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie wieder zu sich.“ Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte. Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte scherzend zu mir: „Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen in einem.“ — Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon. Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. „Bilden Sie Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,“ sagte er ein Mal in übler Laune, „daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,“ (hier nannte er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte und sehr elegant wohnte.) „Solch Einer,“ sagte er, „können Sie werden, aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.“ — „„Es ist möglich,““ sagte ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200 Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.

Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen, Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu erlernen.

Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche, wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut. Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie studiren zu lassen.

Anatomische Studien.

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden (dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.

In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's, Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich in ein Zauberschloß. — Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen. So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all' meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging, die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.

Besuch der Kunstakademie.

Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der „Schule für die Nachwelt“, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte, und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab. Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb das Zeichnen auf.

Privatstunden.

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt, täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: „Verstehen Sie es nun Alle?“ — „Ja!“ lautete die Antwort. „Sie auch, Oehlenschläger?“ „Nicht ganz“, entgegnete ich, „wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir noch einmal zu übersetzen?“ — „Ach“, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken, „ich sehe schon, wo es fehlt.“

Dickmann's Unterricht.

Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß, wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. — Kein Genie, das ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! — Ich lief zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte, ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. — Mein Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. „Lieber Oehlenschläger“, sagte er, „kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort, mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.“ Er brauchte nicht so viel zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte er: „Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal vor!“ — Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte die Feder schon früh führen gelernt. — „Wahrhaftig, das ist mehr als ich selbst machen könnte“, sagte er, und gab mir: „Ausgezeichnet gut!“ eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe „ausgezeichnet gut!“ bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte, Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald, Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. — Aber Dickmann's Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab — riß mich hin.

Geschichts-Unterricht.

Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte — da war Dickmann begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme — da riß er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium, als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren. Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, — so daß meine Lektüre fast immer historisch gewesen, — so fern war dagegen mein Geist der prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister, zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß Professor Abraham Kall, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte — Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts Anderes, als die kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der Einfalt bewundert werden — aber sie haben Nichts für das Herz und die Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren Austerschalen verschonen.

Mnemotechnische Uebungen.

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden. Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war, wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich, und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es auszurechnen.

Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that, als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur abwechselnd „Christoffersen“ oder „Blokkus“ nannte. Die Entstehung dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie „schlecht“ bekommen, nur zwei Mal „mittelmäßig“ und selten „Nicht gut“. — Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: „Meine Herren und Branntweinmänner.“

Der Mensch ein Lichtgießerschild.

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn er sah, daß wir's bemerkten: „Ach ja! was sind wir Menschen doch weiter als Lichtgießerschilde und Käse!“ Das erste Gleichniß hatte er von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn seufzen hörte: „Ach ja! was sind wir Menschen“, sagte: „„Ja, was sind wir wohl anders als Lichtgießerschilde!““ „Lichtgießerschilde?“ fragte Dickmann verwundert. „„Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen, so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts einbilden.““ „Ich bilde mir gar Nichts ein“, sagte Dickmann, „und will sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade Lichtgießerschilde?“ — „„'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!““ Es dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: „„Was sind wir anders? Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein Lichtgießerschild?““ Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß vollständig zu machen, fügte er „Käse“ hinzu, weil wir nach unserem Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.

Aufenthalt bei Gosch.

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht. Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: „Ach Paul, gehe hinein und hole für N. N. ein Kopfkissen!“ Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er nicht gethan hatte. „Warum hast Du Das nicht gethan?“ fragte er nun in Aller Gegenwart. — „„Ich meinte““ — „Du sollst nicht meinen!“ — „„Ich dachte““ — „Du sollst nicht denken!“ — „„Ich glaubte!““ — „Du sollst nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.“

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als gewöhnlich erforderte, — lag ich eines Tages im Bette, weinte und verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er stammelte immer etwas): „Ach! ha — ha — hat Po — Po — Polly eine kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe — Per — Perücke abreißen!“ Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg hinaus.

Eine neue Heimath.

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter; er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden. Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen, und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne Nutzen geschmolzen war.

Mein Pflegevater.

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht, welche die Schule besuchen — der Unterschied in der Bildung hebt die Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich — so ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte flûte douce mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte, die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit — und im Ganzen galt ich für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund, der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum s'en aller, den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte, von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit Marmontel's Contes moreaux und mit Fénélon's Telemaque, wie in frühern Jahren mit „Malling's großen und guten Handlungen.“ — es verging lange Zeit, ehe ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese Bücher lesen wollte.

Fortschritte in der Schule.

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande, wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule „für Bürgertugend“ war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule „für die Nachwelt“ gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde; durch Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging und starke Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich, was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der Schule zu profitiren.

Die französische Revolution.

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) — „Sie nannten ihn Ludwig Capet, nun ist er Ludwig Caput!“

Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte, und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten, ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete: „Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen wir einen solchen wählen.“ Diesem Obersten mußte nun die Republik unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich auch ein Mal gegen ein Heer der Schule „für Bürgertugend“ aus, und wir beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus, sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.

Storm's Tod.

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf, war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm, und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; — denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges Stück geschrieben, welches „Erast“ hieß und allgemein mißfallen hatte; — ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. — Dieses Amt würde ihm gewiß viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb, da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte, erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: „Ja, es war gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: „Scheußlich!“ — „Wie, Ew. Excellenz?“ fragte ich verwundert. — „Ja!“ fuhr Hauch fort, „ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre, antwortete „Scheußlich!“ und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.“

Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte, brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm, er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: „Hab' Dank, mein liebes Kind!“ — Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht, tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn. Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten. Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte, um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne. Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen zu: „Nörregaard hat uns frei gegeben!“ — „Adieu, Herr Lindrup!“ rief ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. — Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche über den Hof. „Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?“ — „Hier!“ — Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male, überließen uns unseren Gefühlen und gingen.

Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.

Storm als Dichter.

Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie, sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Sein „Erast“ ist eine schlechte Komödie, sein „Bräger“ ein schlechtes komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch Zinklar's Weise, Jönndalen und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in der dänischen Dichtkunst bewahren.

Abermaliger Umzug.

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der flûte douce spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen von „Tausend und einer Nacht“ umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich, daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war, mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte, „ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der Kukuk sei?“ Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle, bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel Jahre er noch zu leben hatte. — Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der Kukuk rief lustig fort.

Erste und letzte Jagdpartie.

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. — Heute aber war unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen, daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen, die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die Anderen folgten mir. „Na“, rief die Frau, „wie ist's gegangen, habt Ihr eine glückliche Jagd gehabt?“ Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf meine Tasche. „Jesus, mein Herzensjunge!“ rief sie, „Du hast ja so viel, daß sie herausfallen.“ Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.

Erster Theaterbesuch.

Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine neue Silberader entdeckt. — Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.

Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah — ich war sieben bis acht Jahre alt, — hieß „die verliebten Handwerker“. Mein Vater nahm mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik, durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers, wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, — all' Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik, welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch keine deutliche Vorstellung davon.

Der Schloßbrand.

In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung zum Fenster hinaus: „Was ist das“, rief er, „steigt der Mond über Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?“ — Bald erfuhren wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen, die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach, schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. — Als ich mit meinem Vater wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um zu retten, sagten Einige: „Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir Ordre haben.“ „„Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre““! riefen die Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.

Große Feuersbrunst.

Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her, welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz, die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen, wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet worden, und daß der Thurm fort sei. — Die Feuersbrunst der Stadt brach mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher nicht weit von mir herabfiel. — Aber obgleich diese Feuersbrunst weder poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.

Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend, um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden. Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.

Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's „fürchterliche Feuersbrunstgeschichte“ in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom Schicksal auserwählte Werkzeug, — wie Peer Syv sagt: „zum lustigen Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben“, — und das Sonderbarste ist, daß man — aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten Begebenheiten zu finden.

Der Thiergarten.

Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen Lebens herbeiführte. —

Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. — Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, in der Natur und den schönen Gärten zu leben — doch aber zwei Dinge vermißte, die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und der Buchenwald! — Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste, Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen, Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete — wirkte stark auf die Phantasie des Dichterknaben. — Aber wenn ich über Casperle und Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte. Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn — sonderbar genug — auf Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie dort gesehen.

Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem Tische uns erwartete — dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. — Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter, Schwester, Freunde sind gestorben, — aber der große Baum steht noch da, in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der doch nicht ganz fertig wurde.

Beerdigung der Königin.

Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war die Beerdigung der Königin-Witwe Juliane Marie in der Roeskilder Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte, und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren Jahren mehrfach besungen habe.

Meine Konfirmation.

Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir ein Stück: „Der Sklave in Tunis“ bei dem vortrefflichen Schauspieler und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.

Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten. Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.

Ich soll Kaufmann werden.

Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte, und zum Theil die Feierlichkeit störte; aber man mußte inniges Mitleid mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.

Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik, Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich, und verstand einen leichten Autor.

So ausgerüstet sollte ich Kaufmann werden, ohne Geld, ohne ein Wort Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem Kaufmann Herrn Rabe Holm gesprochen, der mich auf sein Comptoir nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt, und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder gehen.

Wiederaufnahme der Studien.

Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können, das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn Höisgaard; dieser versprach, mir täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte, Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.

Herr Höisgaard.

Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenannten guten Fundamente bekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere, wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte. Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil gebildeten Menschen anwenden. — Es war hart genug für mich, der ich ein ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen war, — nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner Gegenwart, und nannte mich „Er.“ — Aber dieses Pronomens bediente er sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für Poesie zeigte, — wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, — den er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. —

Erst mußte ich den ganzen langen Justinus mit ihm lernen, dann aber ging es an Cicero de officiis, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch im Virgil.

Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen, wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; — aber — sonderbar genug — daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther — in's Lateinische übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, — sie war mir so überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum examen artium schien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der ich eine große und langweilige Rolle hatte.

So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde, im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter Unterhaltungslektüre zu — d. h. ich machte mich mit der schönen Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.

Erste Regung der Liebe.

Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl für das schöne Weibliche fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefühl, das für eine Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.

Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich, sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war! Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben; das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle der Dyveke und Kathinka im „Mädchen von Marienburg“ spielte.

Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und jetzt nicht nothwendiger, als früher.

Kotzebue.

So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. — Zuvörderst hielt ich das „Mädchen von Marienburg“ von Kratter für ein Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft werden sollten: „Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber Kratter eine Tracht Prügel.“ — Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen Stücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit, der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich nicht selten in den Situationen findet. „Ein Buch kann hundert Fehler haben“, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield — „und doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.“ Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt, der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und Langweilige in denselben.

Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm zuerst einen Namen verschafft hat: Menschenhaß und Reue.

Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben? Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten, und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es. Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, die vor nicht langer Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler, unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht, diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen, bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen Bittermann und Peter.

Iffland.

Ich führe dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf Iffland's Stücke, angewendet werden könnte.

Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafür, solider, natürlicher und wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen, die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft haben, ist er es auch. Die „Jäger“ sind und bleiben zu allen Zeiten ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte der „Hagestolzen“, die eines Goethe würdig sind. In dem Charakter des alten Studenten Waller im „Herbsttag“ und an vielen anderen Stellen zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet, um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strömten; es waren matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, daß Iffland bald ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stücke war eine kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschäftsfleiß und ein ewiges Losziehen auf all' das Blühende und Kühne, das sich über den gewöhnlichen Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stücke sehen aus, als ob ein Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt, sie geschrieben hätte. Auch die Liebe greift er gewöhnlich an, und kann sie nie zahm und vernünftig genug bekommen. — Er konnte mir also in jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.

Lafontaine.

Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fühlte, nämlich die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbärtige Liebe — dieser Mann, Lafontaine, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser außerhalb Dänemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so leicht, daß es eine Lust war! — und auch dies schmeichelte und erfreute.

Schreckens-Geschichte.

Zu dieser Zeit schrieb Spieß seine Gespenstergeschichten, seine Reisen durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers. Ich verschlang seine Schriften mit unersättlicher Gier, und Nichts entzückte mich in jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf dem Haupte sträubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mit Veit Weber leeren; aber Spieß war doch der rechte Mann, zu dem ich stets wieder zurückkehrte.

Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefühl zu entwickeln und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar. Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde, gerade gegenüber dem Wirthshause zum Goldenen Löwen, die Richtstätte. Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren, wie man sagte, nur kopenhagener Bürger gehängt werden durften; die Anderen müßten sich mit einem hölzernen Galgen begnügen.

In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still, verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem langen Schweigen: „Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen, der hingerichtet ist?“ — „„Ja!““ rief ich, und die Wallnuß, die ich aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein Wort weiter gesprochen, und wir gingen.

Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen, wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen, und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen. Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten. Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange; darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße, zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir selbst.

Eine Spuck-Geschichte.

Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht, was Folgendes bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen. Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle? — Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: „Wir müssen die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht öffnen.“ Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm unten in der Kirche. „Herr Jesus!“ rief der Gärtnergehülfe, „nun geht's los!“ — „„Nein!““ antwortete mein Vater verdrießlich, — „„nun steht's leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und von Innen kann ich sie nicht aufschließen!““ — „Ach Du mein Heiland und Schöpfer!“ rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, „was haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die ganze Nacht in der Kirche bleiben?“ — „„Das ist freilich unangenehm““, sagte mein Vater, „„aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.““ — „Ach!“ entgegnete der Gehülfe, „das thut er gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.“ Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen, als er in größter Eile Fersengeld zahlte. „Verdammt!“ sagte mein Vater, „nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.“ Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür ging auf. Aber solch' einen Sprung — versicherte mein Vater oft später — habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.

Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre zurück. Mit den Schröder'schen und Jünger'schen Stücken hatte ich vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. Jünger fiel mir schon damals recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie sie dafür galten.

Ewald und Wessel.

Von Ewald spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie jetzt. „Balder's Tod“ von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur Aufführung gekommen. Die Diction in diesem Stücke kann neben die in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den dramatischen Stoff ließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu einer Kritik über Ewald's Werke wäre.

Wessel's „Liebe ohne Strümpfe“ spielte man in jenen Tagen oft. Der Dialog fließt darin eben so leicht und natürlich, wie unnatürlich und schwerfällig in: „Harlekin, der Patriot.“ Das Stück wurde immer mit Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht begriffen, und — was merkwürdig ist — obgleich der italienische Componist Scalabrini, der eine schöne Musik dazu geschrieben hatte, kein Wort dänisch verstand. Man hatte ihm nur flüchtig die einzelnen Musiknummern übersetzt und ihm den Inhalt des Stückes erzählt. Die schönen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre; sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, daß Wessel, in den Lehren der französischen Schule auferzogen, große Achtung vor den Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lächerlich gemacht hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so durchgreifende Ironie mußte natürlich eine große Wirkung hervorbringen. Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott über vornehme Gemeinheit, welche die Schneidernatur mit Purpurlappen behängt und sich mit hochtrabendem Unsinn brüstet.

Thaarup.

Zum Einzuge hatte Thaarup „das Erntefest“ geschrieben. In einem schönen Idyll schildert er das dänische Bauern- und Seemannsleben, die Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des Volkes bei der Vermählung des Kronprinzen. Das Stück hat dramatisches Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik von Schulz setzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte kurz darauf auch Thaarup's „Peter's Hochzeit,“ eine würdige Fortsetzung des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fußstapfen; mit reizenden originellen Melodieen rührt er das Herz, weckt Begeisterung und ergreift das nationale Gefühl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen hohen Geist, voll von Andacht und Gefühl; und obgleich er es noch nicht verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es später von Haydn und Mozart gelernt hat, so hört man an seinen Compositionen doch den gründlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.

Diese lieblichen, in einer schönen Sprache gedichteten Thaarup'schen Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jüngling, einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen, welche viel zu meiner Bildung beitrugen.

Bühnen-Repertoire.

In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit mehrere vaterländische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen Geist: Der Virtuos, der Einzug, einige Scenen aus den Chinafahrern und aus die Herren Von's und die Herren Van's, von P. A. Heiberg, das Findelkind, von Falsen, die Golddose, von Olufsen gehörten zu den Lieblingsstücken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste, das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmüthigkeit und Naivetät! — Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er war kalt, schelmisch und ironisch, — die echte witzige Satyre, aber er verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wie Frydendahl in dem herrlichen Künstlerleben seiner späteren Epoche.

Von englischen Stücken gefielen mir besonders die Lästerschule, und Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken. An den vornehmen französischen Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an Molière's: Kranke in der Einbildung und seinem Geizigen. Ganz besonders gefielen mir die reizenden Singstücke Zemire und Azor, der Grobschmied, der Faßbinder, der König und der Pächter, die beiden Geizigen (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten), die beiden Savoyarden und vor Allem der Deserteur, ein herrlicher Stoff, von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre darauf der Wasserträger von Cherubini, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes warmes Herz zeigte.

Ich darf auch nicht die hübschen italienischen Farcen: das Bauernmädchen und die verliebten Handwerker vergessen, in denen südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.

Lessing.

Von Lessing spielte man Minna von Barnhelm und Emilia Galotti. In dem ersten Stücke war Rosing ein vortrefflicher Tellheim, in Emilia ein eben so guter Marinelli. Es war merkwürdig, wie der Mann, der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte, mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines Hofmannes darstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen, begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken, Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in die Wolken und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.

Auch Lessing liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst, sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack, etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte; denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.

Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben, daß er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stück und sticht bedeutend gegen die übrige Wahrheit in der Zeichnung ab.

In meiner Jugend fühlte ich die Schwäche dieses Motivs nicht. Ich weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne daß er vorher einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des Kanzlers nicht zur Wollust verführt werden solle.

Und Alle weinten darüber, und der Norwegische Dichter Zetliz hatte auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische Scene bei der Aufführung zwischen ihm und einem holsteinischen Schiffscapitain, welcher nicht geweint hatte. Dieser Biedermann war ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amüsiren, hatte sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen möge. Daß es ein Trauerspiel war, daß stets von ernsten Dingen geredet wurde, brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune heraus. Er lachte über des Prinzen Achtung vor der Kunst, über Angelo's Mordanschlag, über Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit. — Zetliz, welchen ein böses Geschick in die Nähe des Holsteiners gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht länger ertragen, sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: „Was zum Teufel lacht Er denn immer? Merkt Er denn nicht, daß es ein Trauerspiel ist? Eine ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rührt und betrübt? Wie kann Er denn da allein mitten im Unglück lachen und sich freuen? Schäme Er sich! und störe Er nicht das Gefühl anderer Leute, wenn Er selbst keins hat.“ — Der große phlegmatische Holsteiner ließ sich von dem kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stück wurde ohne Störung zu Ende gespielt. — Aber gerade in der Scene, wo Odoardo seine Tochter tödtet und Zetliz in Thränen zerfließt, fällt ihm der unglückselige Gedanke ein: „Aber warum, zum Teufel, lacht denn der Holsteiner jetzt nicht?“ Er wendet sich um, um die Gemüthsbewegung seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrücktem Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelächter aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren brauchte. Und so endigte das Stück zur größten Verwunderung aller Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der Norweger so vergnügt waren.

Das Trauerspiel.

Von Trauerspielen wurde nur noch eine französische Bearbeitung eines englischen Stückes Beverley in meiner Jugend gegeben, und Rosing stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit erschütternder Wahrheit dar.

Aus dem Vorhergehenden sieht man, daß Melpomene die dänische Bühne damals nur selten besuchte, und daß kaum ein Mal im Jahre der „Geist im Harnisch über die Bretter ging.“ Der kräftige Norweger Nordal Bruun, Verfasser eines unserer schönsten Volkslieder, hatte zwar in seiner Jugend zwei Tragödien Zarine und Einar Tambeskjälver in gereimten Alexandrinern nach französischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch die Grazie und das Feuer der französischen Werke zu erreichen. So hatte er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen und Charakterzeichnungen konnten einzelne hübsche Stellen nicht ersetzen.

Nun wurde im Jahre 1796 Samsöe's Dyveke zuerst aufgeführt; das Stück machte außerordentliches Glück und verdiente es zum Theil. Sigbrit ist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmen Knud Gyldenstjerne hatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter gezeichnet. Christian II. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten; der Mönch, Frau Mönstrup sind interessant, Dyveke liebenswürdig und rührend. Aber sie ist zu gefühlvoll; in großen Monologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger, als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekühlt. Ihre Scene mit Elisabeth ist schön. Das Stück hat in der Hauptsituation einige Aehnlichkeit mit Göthe's Egmont. Aber wie verschieden ist das kräftige Klärchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche an Lafontaine's Romane erinnert.

Samsöe.

Ein Stück, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mußte natürlich dem dänischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach langem Fasten munden.

Die Neuheit übt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen Rittersäle, die Federhüte, die Mäntel, die Halskrausen und Brustpanzer! Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte Sigbrit, Rosing, Samsöe's Freund, ein ächter Knud Gyldenstjerne; — und Dyveke wurde von Marie Smidt gespielt. Und nun — das letzte Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglückten Arbeit empfohlen werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, — einige Tage vor der Aufführung — starb der Dichter!

Das Stück machte Furore. — Ich hatte es gelesen, aber noch nicht gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mußte Geduld haben, es war mir nicht möglich, ein Parterrebillet zu erlangen. Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fünf Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in das Gedränge an der Thür, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage, wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr, daß mir die Brust eingedrückt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit Noth und Mühe kam ich mit heiler Haut davon.

Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stück sehen, war aber zu klug, um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen. Als ich zum dritten Male aus dem Gedränge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrücktem Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen wollten, wo man, wie er gehört habe, eine große Portion vortrefflicher Chokolade für sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte ich ihm resignirt, und tröstete mich damit, daß es doch wenigstens etwas Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen könne.

Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in großen Tassen mit zinnernen Löffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht comfortable und noch weniger fashionable. — Als wir eintraten, rief der Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mädchen: „Vorläufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind!“ Aber die zwei Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir tranken, kam ein Straßenkärrner herein, während dessen Equipage draußen auf der Straße hielt, und setzte sich neben uns. — Ohne unsere Tassen zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, daß die Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat für Dyveke gewesen sei.

Sander.

Ein Jahr darauf wurde Sander's Tragödie, Niels Ebbesen aufgeführt. Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte, mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen tyrannische Unterdrückung aus. Das Stück hat Werth. Der erste und fünfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar erinnert; Niels Ebbesen hat einige Aehnlichkeit mit Götz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schluß des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat eine alte Kämpeweise benutzt; in welcher die Scene zwischen den Grafen Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragödie.

Abt Vogler.

Ungefähr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen großen Eindruck auf mich machte: Abt Vogler, der vortreffliche Orgelspieler. An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte ich sie doch außerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen Vergnügen kleine Melodieen. Diese Liebe für Musik hat in späteren Jahren eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik täglich ist mir fast eben so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. — Es erfreute mich unendlich, den herrlichen Vogler zu hören, der so fertig und genial auf der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewöhnt war, Psalmen und fromme Präludien zu hören, daß seine Musik sogar zu muntern Flötenconcerten wurde.

Auch das Malerische, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte, machte mir Vergnügen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrückte, um den Klang von Jericho's einstürzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Plätschern der Wogen und dem Schlagen der Ruder. Freilich hörte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten; aber ich war schon daran gewöhnt zu hören wie vorzügliche Meister von Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lösen, gescholten und gehofmeistert wurden. Daß die Phantasie den guten Vogler zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei den Sachverständigen und Billigen. — Einmal war er zur königlichen Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen; es war ein mondklarer Abend. „Ja, Herr Abt,“ sagte mein Vater, indem er ihm in den Wagen half, „noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's Bäume schien!“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Vogler ziemlich langsam, indem er einstieg: „darin hat Hölty Unrecht; der Mond hat sich seit Adam's Zeit bedeutend verändert, denn sehen Sie — —“ Damit fuhr der Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.

Herrmann von Unna wurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzückte mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male kennen lernte!

Der Schauspieler Bech.

Mein Vater saß oft auf dem Schloßhügel, von wo aus man die schöne Aussicht über Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen großen Mann in grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen dünnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dünne Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater brachte ihn zum Frühstück mit herein; es war der Schauspieler Bech. Bech kam nun öfter zu uns und brachte seine Töchter mit, deren Eine, Eline, eine niedliche Blondine, voll liebenswürdiger Schalkhaftigkeit und Grazie war. Diese Töchter wurden bald die Freundinnen meiner Schwester, und ich — der aufgehört hatte, für Marie Smidt zu seufzen, als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte) verheirathete — ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der Erfahrung gekommen war, daß eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu meinen Knabenjahren passe — ich begnügte mich nun mit einem, wenn ich es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit einander zu vergleichen, so hätte ich große Lust, Philine im Wilhelm Meister zu nennen, in der ich — einige Jahre darauf, als ich diesen Roman las — in dem Aeußern, dem Characteristischen, Poetischen eine frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine unschuldige und sittsame Philine, so muß sie gewiß eine außerordentlich einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.

Der tolle Busch.

Nun besuchten wir auch Bech's in Kopenhagen und lernten die Mutter, eine Frau mit Verstand und satyrischem Witz kennen. Sie war die Schwester des vor Kurzem gestorbenen sogenannten tollen Busch; eines Malers mit Talent und mit einem eingewurzelten Haß gegen den vornehmen Hochmuth, der sich in jenen Tagen nicht wenig breit machte. Wo er konnte, suchte er ihn zu demüthigen, oder zu verletzen; und ich zweifle nicht, daß Eifer und seine eigne Eitelkeit ihn oft mitten in seinen Bestrebungen zu weit geführt haben. Ich hörte verschiedene lustige Einfälle von ihm. Ein Mal begegnete er einem jungen Offizier auf der Straße; Busch hatte, nach den bekannten Gewohnheitsgesetzen der Trottoirbenutzung in Kopenhagen, das Vorrecht; aber der Andere glaubte doch, daß er ihm Platz machen würde. Dies geschah nicht, Busch blieb stehen. „Nun,“ rief der Offizier heftig, „wie lange will Er da stehen bleiben?“ — Busch nahm ganz phlegmatisch seine Uhr heraus und sagte: „Ich habe bis drei Uhr Zeit.“ Ein Mal stand Busch im Reithause am Schlosse Christiansburg, wo Pferdeauction war. Ein Junker war zugegen, den Busch nicht leiden konnte. Er maß ihn häufig mit seinen beredten Augen. Der Andere wurde zuletzt böse und fragte auffahrend: „Warum glotzt Er mich immer an, will Er mich kaufen?“ — „Warte Er nur,“ antwortete Busch ruhig, „seine Nummer ist ja noch nicht aufgerufen.“

Man erzählte von diesem Eulenspiegel, seine Schelmerei wäre so weit gegangen, daß er ein Mal einen Kopf von einem Schafe mit ins Parterre genommen und ihn aus der Scheidewand zwischen Parterre und Parquet mit dem Maule nach einem Kavalier zu aufgestellt hatte, den bereits Ewald in seinen „brutalen Klatschern“ gegeißelt, weil dieser Herr, nach Busch's Ansicht, die Nase zu hoch gegen das Parterre trug.

Aber es ging nicht allein über den Adel, sondern auch über die Geistlichkeit her, wenn Busch die schuldige Höflichkeit bei Seite gesetzt glaubte. Auf dem Lande bei einem Gutsbesitzer malte er ein Mal ein Thürstück, das eine Bauernstube vorstellte. Als er eben auf der Leiter stand, kam der Gutsbesitzer mit dem Pastor des Orts herein, der die Arbeit des Künstlers beurtheilen sollte. „Guten Tag, mein guter Musjö Maler,“ sagte der Pastor. — Darein schickte sich Busch noch und sagte trocken wieder: „Guten Tag!“ — Nun betrachtete der Pastor die Arbeit mit einem Kennerblick und sagte: „Ja, es ist ganz gut; aber weiß Er was, mein lieber Musjö Maler! Die Lade, die da steht, sollte roth sein, versteht Er mich, Musjö Maler, roth sollte sie sein!“ — Nun wandte Busch sich ganz phlegmatisch auf der Leiter um und antwortete: „Und weiß Er was, mein lieber Musjö Pastor, die Lade, die da steht, soll, hol' mich der Teufel, grün bleiben, versteht Er mich, Musjö Pastor, grün soll sie bleiben!“ —

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