Vorwort. (continued 3)
Reading edition
Bech's theatralische Versuche.
Zwischen Bech und Busch war kein gutes Vernehmen. Bech war ein mittelmäßiger Schauspieler; seine beste Rolle war Kilian in Ulysses von Ithacien. Es war lange eine Spannung zwischen den zukünftigen Schwagern gewesen; aber als Bech nun seine Schwester geheirathet hatte, wollte Busch doch einen Tag nach der Hochzeit hinaufgehen und ihm gratuliren. Bech empfing ihn gravitätisch im Schlafrock, worüber Busch gleich ungeheuer lachen mußte, „Kilian im Schlafrocke“ zu sehen! — Und damit war gleich Visite und Liebe zu Ende. —
Eigentlich besuchte ich nur die Damen dort im Hause. Der Mann war nicht nach meinem Geschmacke. Er war ein nicht viel größerer Dramendichter, als Schauspieler. Unter Anderem hatte er eine Komödie, „die Quarterne,“ geschrieben. Darüber schrieb ein junger norwegischer Poet Weyer, der in seinem zwanzigsten Jahre starb und auf den Rahbek große Hoffnungen gebaut hatte, folgendes Epigramm:
Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehn Das glaub' ich gerne. Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn, Von der Quarterne. Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlauben Mit guten Mienen, Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben, Du trägst Pantinen. Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß' Dich nicht verlocken, Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaß In bloßen Socken.
Auch bei Rosenstand-Goiske, der damals das „dramatische Journal“ herausgab, hatte Bech nicht viel Trost gefunden. — „Wissen Sie, was man von Hansen (einem anderen Schauspieler) sagt?“ fragte Bech einmal Rosenstand. — „„Nun?““ — „Man sagt, wenn man ihn einmal kämmen würde, so fiele seine ganze Action fort.“ — „„Und wissen Sie, was man von Bech sagt?““ — „Nun?“ — „„Man sagt, daß wenn man ihm ein reines Hemde anzöge, so fiele seine ganze Action fort.““ Hansen hatte nämlich die Gewohnheit, sich hinterm Ohre zu kratzen, aber Bech schuppte sich unablässig, wenn er spielte.
Bech zeigte mir seine Manuscripte und ich bewunderte das Voluminöse der Hefte. Ich schrieb damals auch Komödien aller Art, Iffland'sche, Kotzebue'sche, Ewald'sche, Wessel'sche, ließ mir aber nicht die Zeit, so viele Bogen auf ein Mal voll zu schreiben. Ein Stück im Wessel'schen Geschmacke, Gertrude, war für mein Alter gar nicht so schlecht, und ich habe es viele Jahre darauf als eine Curiosität in meiner Monatsschrift, Prometheus, abdrucken lassen.
Rahbek hatte Bech auch auf dem Halse. Dieser pflegte das Motto von Voltaire vor seinen Arbeiten anzuwenden:
„Pour former une oeuvre parfaite Il faut droit se donner au diable.“
Rahbek rieth ihm einmal, Voltaire's Vers durch folgende Zeile zu ergänzen:
„Et c'est ce que je n'ai pas fait.“
Das that er denn auch später immer zum Trotz und rächte sich an Rahbek, indem er dessen erste schwache Jugendarbeit, „der junge Darby,“ recensirte.
In dem Bech'schen Hause brachten meine Schwester und ich viel frohe Stunden zu. Mutter und Töchter waren lebensfrohe Menschen, und wir machten mit ihnen bisweilen Waldpartien. Es wunderte mich oft, daß Madame Bech so munter sei; ihre Betriebsamkeit, die Familie in Wohlstand zu versetzen, erstreckte sich nicht allein darauf, Putzsachen für Lebende zu machen, sondern sie schmückte auch die Todten! — doch das machte nicht mehr Eindruck auf sie, als wenn ein Chirurg sich mit der Anatomie beschäftigt.
Privattheater.
Wenn wir jungen Leute im Speisesaal auf dem Friedrichsberger Schloß zusammenkamen, so spielten wir gern Komödie und Winckler war auch dabei. Wir mochten ihn seiner witzigen Munterkeit wegen gern und er war auch gern dabei um zu scherzen und sich mit uns zu amüsiren; aber es war bei ihm doch keine ernste Lust, so wie bei mir und Eline Bech, ordentlich Komödie zu spielen.
Leistungen in der Decorationsmalerei.
Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich, als ich noch in die Schule ging, bei einem von Winckler's Schulkameraden, Böttcher, dessen Vater Verwalter des Laurvig'schen Eisenmagazins war, ein Privattheater eingerichtet hatte. In der Abwesenheit des Vaters erlaubte die Mutter uns gern, in dem großen geräumigen Zimmer zu spielen. Ich bildete eine kleine Truppe aus Böttcher, seiner Schwester, Winckler und einigen Anderen, und nun spielten wir vor einigen unserer Schulkameraden. Hier zeigte sich nun recht mein Eifer für das Dramatische. Zuerst mußte ich an Decorationen denken. Ich kaufte mir ein Buch Packpapier und einige Düten voll gelber, rother und schwarzer Farbe, sowie einige Pinsel. Neun Bogen Packpapier nähte ich zum Hintergrunde zusammen, der eine Stubenwand mit einem Fenster in der Mitte vorstellte, unter das ein Tisch gesetzt wurde. Je drei Bogen bildeten eine Coulisse, an jeder Seite mit Thüren. Nun band ich Besenstiele und Stangen an Stuhllehnen an und daran befestigte ich die Coulissen. So war mein Zimmer fertig. In diesem Zimmer mußten wir nun Alles spielen. Das Erste war der politische Kannengießer, worin ich Hermann von Bremen, das Nächste Jeppe vom Berge, oder der verwandelte Bauer, wo ich Jeppe spielte. Wenn die Maschinerie nicht Stich hielt, so mußte die Phantasie zu Hülfe kommen. Da ich zum Beispiel keinen Galgen hatte, an dem ich als Jeppe aufgehängt werden konnte, hing ich mich mit den Armen an die Thür nach dem Zimmer der Zuschauer; da diese geöffnet wurde und ich des Hängens müde war, sprang ich herunter, ohne in der Scene oder im Spiele zu stocken, als wenn gar nichts Wunderliches passirt wäre; und hierdurch rettete ich auch die Illusion für die Zuschauer. Winckler gab den Henrik und Jacob Schuhmacher; aber ich konnte ihn nie dazu bewegen, ordentlich zu sein; er spielte stets mit dem Spiele.
Das that er nun auch, wenn wir auf Friedrichsberg mit Eline Bech spielten, und es war reizend zu sehen, wenn das junge, schöne Mädchen ihn ausschalt, weil er „unartig“ sei — das heißt: weil er sich nicht, wie wir, in die Rolle versetzte und ernsthaft mitspielte.
Endlich wurde der Ernst bei Eline Bech so groß, daß sie wirklich Schauspielerin wurde. Sie debütirte in Hermann von Unna als Ida, erwarb sich außerordentlichen Beifall, und dies trug nicht wenig zu meinem darauf folgenden Entschlusse bei.
Studien bei Herrn Höisgaard.
So bereitete ich mich also ein Jahr lang bei Herrn Höisgaard zum examen artium vor, und ich sah voraus, daß, wenn ich auf diese Weise fortfahren würde (was sicher der Fall war, wenn ich fortfuhr) ich in einem Jahre nicht weiter kommen würde, als ich in diesem Jahre gekommen war. — Winckler hatte das Examen vor einem Jahre brillant bestanden und war öffentlich ausgezeichnet worden. Wenn ich die Schule für Bürgertugend hätte besuchen können, so hätte ich das Examen zu gleicher Zeit mit ihm gemacht. Aber mein Vater hatte, wie gesagt, nicht die Mittel dazu, weil ich nicht — wie Winckler — ein Haus in der Stadt fand, wo ich frei wohnen konnte. So hängt das Schicksal eines Menschen oft von Kleinigkeiten ab. Ich war im Grunde sehr betrübt darüber, daß das Ganze diese Wendung mit mir genommen hatte; aber ich ließ es mir nicht merken, nicht ein Mal vor Winckler. Ich schrieb vielmehr ein scherzendes Heldengedicht: „Otto,“ auf Veranlassung seines Examens, und das Einzige, woran ein Menschenkenner vielleicht die Verstimmtheit (doch fern von aller Mißgunst) hätte merken können, war die gezwungene Heiterkeit, die sich darin aussprach. — Das Gedicht war in verrückten Hexametern geschrieben, die alle auf fünf Füßen einherhinkten, und fing so an:
„Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen. Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet. Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten, Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn. Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen, Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen. Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope, Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen. Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet, Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.“
Und nun wird erzählt, wie der Held Otto in der Morgenröthe auf seinem Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner zu bemeistern suchten: das eine der Fleiß, das andere die Furcht. Endlich siegte der Fleiß, die Furcht zog sich zurück, der Held sprang auf und ging, und der Sänger folgte ihm:
„Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen. Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen, Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner Ferse In einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.“
Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der „Dickwanst“ (einer der Pedelle) einen Folianten öffnete und schrie: „laudabilis prae ceteris.“
Veränderter Lebensplan.
Dieses laudabilis prae ceteris stand mir selbst in meiner damaligen Stellung so fern, daß es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschloß ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu. Endlich eines Tages, — ich entsinne mich dessen noch sehr gut, — gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Römer, 2. Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, — legte ich das Buch entschlossen hin, — ging zu meinem Vater, erklärte ihm, daß ich zum Theater gehen wollte, wenn er es erlaube, — daß ich hoffe, dort mein Glück machen, und ihm bald alle Kosten ersparen zu können. Er erlaubte es gleich, sprach mit dem Oberhofmarschall, späteren Oberkammerherrn Hauch, und dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr; das schmerzte sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich hatte ihr Nichts verschwiegen.
Eintritt in das Schauspielerleben.
Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich darüber, daß dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere, Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, daß ich im Anfange nur sehr kleine Gage bekommen würde. Darum kümmerte ich mich nicht. Da ich in meinem Gespräche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und Ungewöhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir zu versuchen. Aber er sagte: ich müsse erst vor allen Dingen tanzen und fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hände hätte: Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.
Das war es gerade, was ich wünschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin, klingelte und er kam selbst und öffnete. Ich sagte ihm, was ich wolle; er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, betrachtete mich mit Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverständigen hatte ich ihn noch nie reden gehört; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken Anderer vernommen, jetzt merkte ich, daß er selbst beredt und ein Denker war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefühl und doch bescheiden. Daß er beim Tageslichte älter, bleicher aussah, einige Runzeln hatte, und statt des gewöhnlichen Schmuckes auf der Bühne hier in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwürdiger. Seine Augen waren eben so schön, wie auf dem Theater, ja noch schöner; denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue Vergißmeinnichtfarbe sehen.
Körperliche Ausbildung.
Wie es nun geschieht, daß Menschen, die mit einander sympathisiren, alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein paar Mal besucht, so bildete sich das schöne Verhältniß zwischen uns, wie zwischen Lehrer und Schüler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.
Rosing fand eben so wie der Marschall, daß ich der ritterlichen Uebungen bedürfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen Gesanglehrer.
Der alte Fechtmeister Ems war ein langer, gutmüthiger Schlagetodt, ein Preuße aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es amüsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch mochte ich lieber mit dem Säbel, als mit dem Stoßdegen fechten. Es schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten mit dem Stoßdegen kam mir hinterlistig und meuchelmörderisch vor. Ich sollte meinen Feind betrügen, um ihm unerwartet den Todesstoß zu geben; Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man kräftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, daß, wenn man sich duellirte, man heftig sein müsse; denn ruhige Leute müßten vernünftig sein, und vernünftige Leute müßten Frieden halten. Ich glaube auch noch jetzt, daß weder Achilles, Siegfried, Stärkodder, noch Palnatoke gestoßen haben, außer mit großen Spießen, sie haben mit dem Schwerte, wie Thor mit dem Hammer Mjölnir geschlagen. Der Stoßdegen ist eine Erfindung der neuern französischen Schule; und ich hoffe, daß selbst weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.
Mein Tanzlehrer war Herr Dahlén, und später Herr Berg. So wie ich bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Körper mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in welcher der Jüngling und das Mädchen sich voller Sehnsucht einander nähern, dann sich wieder ängstlich und bescheiden trennen, sich wieder entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flüchtig umarmen, dann wieder einander fliehen, sich freundlich und höflich grüßen und auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei den meisten flüchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich, merkwürdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle getanzt.
Musikalischer Unterricht.
Der Gesanglehrer war Herr Zinck, ein ehrlicher, launiger Deutscher, guter Clavierspieler und gründlicher Theoretiker aus der Bach'schen Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefühl gezeigt. Aber als Lehrer für junge Sänger und Sängerinnen war er zu theoretisch; es wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den jungen Sängerinnen begreiflich machte, daß jeder Mensch die natürlichen Notenlinien bei der Hand habe (nämlich die Finger), und daß man nur den Zeigefinger der rechten Hand über, zwischen oder unter einen Finger der linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Später bekam ich einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte, und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er mochte es nicht leiden, daß ich zuweilen seine Stunde versäumte, wenn ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte, hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois: „Ah, Olanslagero magno ingenio, aber Faullenzer!“ Zuweilen wollte er mich durch die Aussicht auf größere Gage ermuntern, und sagte: „Singe Sie! Solle Sie Geld kriege.“ Einmal sprachen wir von der nordischen Mythologie: „Ah“, sagte er, „da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau, und weiter Nix.“ Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demüthigen; aber mit einem zärtlichen Vaterlächeln legte er nur die Hand auf meine Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum Examen bei ihm gewesen wäre: „Bravo, Olenslagero!“ Er war ein sehr gutmüthiger riesengroßer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf über dem grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saßen im Nebenzimmer im Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.
Der neapolitanische Singemeister.
Es that ihm leid, als ich ihn verließ. Später erwischte er Foersom, und wollte ihn zum Sänger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige Neapolitaner ärgerlich, und rief zuletzt erbittert: „Nun so gehe Sie, gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante!“ Vor dieser Zeit war Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behülflich gewesen. Sie gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen Seite der Straße stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine Bettlerin. Feretti schritt gravitätisch zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte großmüthig mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lächeln die kleine Wohnung. Drauf sagte er: „Für ein Bauer ist es zu viel, für ein Bürger ist es genug, für il profossore del Feretti ist es zu wenig“, und damit ging er wieder. — Er war übrigens, wie gesagt, ein sehr freundlicher Mann, fleißig und brauchbar in seinem Berufe, aber die Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.
Musikalische Zustände.
Fürs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu gehen und in den Chören mitzusingen; das war eine sehr interessante Beschäftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen und im Anfange ging es mir damit, wie in meiner Kindheit mit dem Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog. Die Musik habe ich nächst der Poesie immer am höchsten von allen Künsten geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und Kuntzen, Païsiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch nicht verwöhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines großen Lärmens, in dem so oft Melodie und Character vor übertriebener Pracht in der Harmonie weichen müssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei Effect macht. Damals übte noch die weiche Stimme des Herzens ihre Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und — obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk für das Heroische begeistert hatte, fühlte man doch mit Vaterlandsliebe das Idyllische und Ideale im „Erntefest“ und „Peters Hochzeit.“ Aber Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stücken und er zwang die Zuschauer zu empfinden. Er würde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen und hören könnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum muß die vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. — Mozart kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwölf Jahren gestorben war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das dumme Geschwätz, daß der melodiereichste aller Componisten unmelodiös sei, daß er seine Musik für Orchester und nicht für Sänger geschrieben habe, wurde auch hier hergebracht und — geglaubt! Ja es half nichts, daß man sein Cosi fan tutte aufführte. Die Musik wurde mit anderer italienischer Musik in eine Brühe geworfen. Daß der Text unter aller Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; daß die Musik göttlich schön war, konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstück — wurde ausgepfiffen. —
Mozart's Cosi fan tutte.
Ungefähr dreißig Jahre später suchte ich das Meiste dieser schönen Musik durch das kühne Unternehmen zu retten, daß ich ihr einen andern Text unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse von Cosi fan tutte früherem Schicksal besitzen mochten, theils einen Haß auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehört hatten; aber der Beifall siegte, das Stück wurde mehrere Male bei vollem Hause gegeben; — und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so würden sich doch gewiß noch jetzt manche Musikliebhaber darüber freuen, Mozart's schöne Musik mit Worten zu hören, die das Gefühl nicht stören, sondern es begleiten und es in Worte kleiden.
Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das Publikum zu verstimmen, als das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde. Die Liebhaber im Stück sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben zu machen, daß sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und kleidete sich zu früh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun sah. Als sie nun auf die Bühne hinaus wollten, machte der Regisseur sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblüfft, zog an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: „Laßt herunter!“ er meinte nämlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten, die Scene sollte geändert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar genug, noch die Illusion bewahren zu können glaubte, ausrief: „Welche Gaukelei!“ das Parterre schlug ein lautes Gelächter auf, und man mußte wieder von vorn anfangen.
Die Theaterdirection.
Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler, sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesen waren Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in diesen Jahren zurückgezogen. Baggesen war übrigens in seiner Stellung angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration betraf. Er besuchte uns auf der Bühne in seinem gelben Ueberwurf, auf dessen Rückseite die eingebrannte Spur eines Plätteisens deutlich zeigte, daß man ihn in der Eile ein Mal zum Plätttuch gebraucht habe. Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhörte, das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rühmen, welches seine erste, selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmüthig und unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, ließ Rosing und Schwarz walten und amüsirte sich selbst damit, über das Hohle in einigen Versen zu scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, daß er Alles vortrefflich verstünde. Wenn er im Foyer einem der Jüngeren etwas zu sagen hatte, so wandte er ihm gewöhnlich den Rücken, ballte die Fäuste, steckte die Zeigefinger in die Höhe, pustete erst ein paar Mal — darauf heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen waren, — wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten — und dann hielt er die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewöhnlich fortging, bevor er fertig war.
Baggesen's „Erik der Gute“.
Er hatte besonders sehr viel damit zu thun, die Costüme zu dem Singspiele Eveline zu besorgen, in welchem alle Choristen in feine weiße Casimirbeinkleider gekleidet wurden. In Baggesen's Abwesenheit sorgte er auch für die Costüme zu dessen Erik dem Guten; die dänischen und julinischen Helden wurden in Harnische von unechtem Silberbrocat mit Goldtressen gezwängt. Von Erik Eiegod wurden viel Proben veranstaltet. Es machte mir Freude, Kuntzen zu sehen, der wirklich ein ausgezeichneter Componist war, wie er da zwischen all den Menschen saß, die sich nun vereinigten, um sein Werk aufzuführen. — So jung ich war, so fühlte ich doch, daß das Stück nur wenig von nordischer Kraft und Färbung hatte; das konnte schon ein fleißiger Leser und Bewunderer Ewald's erkennen. Wenn die Julinerinnen sangen:
„Keine Ketten uns umschlingen. Kühl' den Haß im Blute! Selbst im Tode noch wir singen Erik hoch! der Gute!“
so konnte ich den im Blut gekühlten Haß nicht mit der Güte vereinen; und daß sie es im Spott sagen sollten, um Erik zu ärgern in demselben Augenblick, wo sie ihn um Vergebung baten, konnte ich auch nicht begreifen. — Wenn der alte Uller — der mir am meisten gefiel — zum Schluße sang:
„Von hundert der Jahre gebleicht Dank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, —“
so schien mir dies ein des edlen Greises unwürdiges Selbstlob; — aber wenn er sang:
„Vielleicht eh' die Sonne entweicht Begrüß' ich Dich jung in Walhalla! —“
so drängte sich eine Thräne in mein Auge, und ich fand den Gedanken schön. Daß Uller, als Wende, sich weder zur nordischen Lehre bekennt, noch an Valhalla glaubt, entging mir, so wie es dem Dichter entgangen war, der überall, sowohl hier, wie früher in seinem Holger Danske und in Allem deutlich zeigte, daß er niemals altnordische Sitten oder nordische Geschichte studirt hatte.
Singspiel-Repertoire.
Kuntzen's herrliche „Weinlese“ und sein kleines munteres Stück „Das Geheimniß“ wurden auch aufgeführt. In beiden war Knudsen unübertrefflich als Küster und Landrichter. Ich sah noch Gjelstrup in seiner besten Zeit Jeppe vom Berge spielen, den Sattler in „Nicht mehr als sechs Schüsseln“ und mit Knudsen einen der zwei Geizigen in Gretry's Singspiel u. s. w. In Païsiello's Müllerin zeigte Frydendahl schon, daß er mit Glück die burlesken Italiener auf dem Hoftheater studirt hatte. Seine Frau hatte von Natur eine der schönsten Stimmen, die ich gehört habe; aber sie war nicht genügend durch die Kunst ausgebildet. Sie hatte auch (was nicht immer bei guten Sängerinnen der Fall ist) ein schönes Organ, außerdem ein schönes Gesicht und eine muntere Gutmüthigkeit, war aber sonst kein bedeutendes Talent und von kleiner, untersetzter Gestalt.
Schwarz war ein vortrefflicher „würdiger Vater.“ Er hatte ein schönes, beredtes Gesicht und ein gutes Organ. In früheren Jahren hatte er gewiß eben so viel Humor in lustigen Rollen gezeigt, wie jetzt Gefühl und Würde in den ernsten. Aber Helden konnte er nicht darstellen, jedoch spielte er Niels Ebbesen, der sich nur wenig von dem bürgerlichen ruhigen Vater unterscheidet.
Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bühne und im Leben ausgespielt, ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages, wo ich mich mit einer großen Menge Menschen in eine Wohnung hinaufgedrängt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.
Michael Rosing.
Wer sich meine größte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der ganzen Wärme des Jünglings liebte, wer mich besonders zur Bühne hinzog und über dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als über die Kunst selbst — war Michael Rosing. — Rosing war ein echt poetischer Schauspieler, er besaß Begeisterung, Phantasie, Gefühl, Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger und bewahrte bei all seiner Weltkenntniß und Vielseitigkeit die größte Liebe für sein Vaterland und für alles Altnordische. — Ich habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem Tragischen, das Rosing selten zu üben Gelegenheit hatte, ausgebildeter, aber dieser stand ihm gewiß nicht im tragischen Genie, so wenig wie in rascher männlicher Würde und Gluth nach.
Er war in Röraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen Schneebergen in einem abgelegenen öden Winkel geboren. Hier war sein Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach Drontheim. Er hatte eine schöne Discantstimme, und sang mit hoher Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im großen Chore, der noch jetzt der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der alten Zeit der Sagen. — Der später so bekannte Staatsrath Treschow, der erst jüngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und kräftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs Jahre älter, als sein Schüler. — In den Wissenschaften zeichnete Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte das Theater, verliebte sich in Fräulein Olsen, seine spätere Frau, fühlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater angenommen. Aber nun mußte er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent abzugewöhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debütirte als Orosman in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern übersetzt. Indessen machte er gleich Glück. Von keinem Schauspieler habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schön und rührend darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, daß man in jedem Stücke, in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu machen war, eines schönen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffaßte. Nie gab er sich einer hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, vergaß sich selbst, sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenüber; aber die Zuschauer vergaßen ihn nie.
Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie gerade dadurch zeigte, daß er den Gegensatz seines natürlichen Gefühls darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im Verblühen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit zeigte er noch größer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur zuweilen die Höllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und das geistige Uebergewicht ahnen ließ, das Gerhard erst hochmüthig und zum Menschenverächter machte und ihn darauf in den Abgrund stürzte. Wenn Rosing sagte: „Da liegen sie nun unbekümmert, daß sie morgen zur Schlachtbank geführt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten? Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bücher der Weltgeschichte bewundern müssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu gehorchen, — um geschlachtet zu werden mögt ihr gut genug sein;“ — so ließ er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fühlen, dessen große Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. — Und wie konnte er da rühren?
„Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben,“ sagt Lavater. Der kalte Haß, die herzlose Verachtung kann niemals rühren, sie kann nur empören. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fühlte, daß in der inneren Tiefe aller großen Menschen eine schlummernde, vielleicht sich selbst unbewußte Liebe ruhe. Freilich gestaltet sie sich zur Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen — nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein — und er ist es ja auch, wenn er groß ist; denn Männergröße und Geistesgröße hängen leider nicht immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen. Dieses schlummernde Gefühl rührt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrüstung über die Schwäche der Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darüber, daß der Mensch nicht mehr ist, was er sein sollte; und dieß rührt, weil es ihn selbst trifft. Es hat etwas Tiefergreifendes, eine große verirrte Kraft zu Grunde gehen zu sehen. Was giebt es Rührenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drückt und ihn zum Abschied küßt? Dieses Gefühl wußte Rosing auf wunderbare Art zu wecken und hierin besonders glich er Talma. Auch Ryge haben wir solche Gefühle in Hakon Jarl und anderen Stücken lebhaft erregen sehen.
Rosing und Rahbek.
Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder, Siegbrit's edlen, schonenden Feind unübertrefflich schön. Hier fällt mir eine Anekdote ein, die ich erzählen will, da sie sowohl zu Rosing's als zu Rahbek's Charakteristik beiträgt.
Rahbek mußte stets eine Dame haben, in die er unglücklich verliebt sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine Freunde belästigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig und erzählte gern scherzend, was er gehört und erlebt hatte. Rahbek verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Fräulein Olsen, die bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universitätsfreund, Rahbek kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause, Gelegenheit genug, seine Gefühle zu nähren. Diese waren nun, wie Alle, die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch, daß sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing war ein sehr schöner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt; dadurch gestaltete sich aber die den gewöhnlichen Verhältnissen ganz entgegengesetzte Situation so, daß Rahbek auf Rosing eifersüchtig wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen zu tadeln. Hierzu kam, daß sie aus verschiedenen Schulen waren. Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen Schauspieler Rose; und hatte durch Schröder, Jünger und Iffland Geschmack an dem bürgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen Schattirungen gefunden; zu Rahbek's größter Verwunderung spielte auch Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stücken. Für das mehr Heroische, welches reichere Phantasie und stärkeres Gefühl forderte, hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's Sphäre.
Als man nun Dyveke aufführen sollte und ein guter Freund Rahbek fragte: „Wie glaubst Du, daß Rosing den Knud Gyldenstjerne spielen wird,“ — antwortete er in übler Laune: „„Wie ein rasender Jakobiner, den Christian der Zweite gleich hätte köpfen lassen, wenn er so vor ihm hingetreten wäre!““ Diese Antwort hinterbrachte der gute Freund dem Rosing, der gar nicht verletzt wurde, gute Miene machte, und Rahbek, als sie sich wiedersahen, fragte, ob er Lust habe, der Probe zu Dyveke beizuwohnen, und ob er ihm dann seine Meinung sagen wolle, wenn er Eins oder das Andere geändert wünsche. — Rahbek folgte mit Freuden dieser Aufforderung. Die Probe ging vortrefflich und Rahbek war durchaus zufrieden. Als sie von der Probe zusammen nach Hause gingen, sagte Rosing lächelnd: „Gefiel Dir nun auch mein Knud Gyldenstjerne?“ — „„Vorzüglich!““ — „Ich habe also doch nicht wie ein rasender Jakobiner gespielt?“ — „„Wenn Du““, entgegnete Rahbek ohne verlegen zu werden, „„nur einen Fingerzeig bekommst, so hast Du Alles, was Du brauchst!““
Billardübungen.
Ehe ich noch recht bekannt mit Rosings wurde, und als täglicher Umgangsfreund in ihr Haus kam, ging ich viel mit einigen jungen Leuten vom Theater um. Der rohe Ton, der unter ihnen herrschte, mißfiel mir sehr. Indessen konnte ein Jüngling leicht nach und nach verdorben werden, wenn mein guter Engel nicht über mich gewacht hätte. Was mich im Laufe des Jahres, das ich auf diese Weise verbrachte, besonders beschäftigte, war Billardspiel. Winckler und ich hatten uns selbst dieses Spiel auf eine eigenthümliche Weise gelehrt. Auf dem Friedrichsberger Schloß stand in unserer Kindheit ein Billard in der schönen Gemäldegalerie, neben dem Speisesaal. Hier spielten wir, so gut es eben ging, ohne daß uns Jemand die geringste Anweisung gab. Wir wußten nun — und das ist ja auch die Quintessenz des Spieles — daß man den einen Ball durch den andern in ein Loch stoßen müsse. — Nun nahmen wir Jeder unser Queue, und stießen dann auf die Bälle, — natürlich mit dem dicken Ende — so gut wir konnten. Auf diese Weise gewöhnten wir uns, zur Verwunderung unserer Mitspieler, als wir zur Stadt kamen, daran, alle Bälle par tournée zu machen. Winckler, mit seinem scharfen Blick und seiner sichern Hand, wurde bald ein ebenso ausgezeichneter Billardspieler, wie er in seiner Jugend ausgezeichnet im Steinwerfen nach Wallnüssen, Vögeln — und zuweilen nach mir war. Er wurde der beste Billardspieler in der Stadt; später kam ihm seine Gewandtheit sehr als Anatom und Chirurg zu gute. Ich selbst brachte es nicht weit im Billardspiele mit meinem kurzen Gesicht und meiner noch kürzeren Geduld.
Als eine Merkwürdigkeit muß ich anführen, daß Winckler's Rival im Billardspiel damals in Kopenhagen — der aber nie um Geld spielte — der später so berühmte Norweger Christie war, welcher das Grundgesetz für Norwegens freie Verfassung entwarf.
Umgang mit Schauspielern.
Ich war zurückhaltend und blöde; daher machten die Schauspieler sich, ehe sie mich kannten, einen falschen Begriff von meinem Charakter, und glaubten, ich sei eine stille, furchtsame Natur. Es gelang mir bald, ihnen diesen Irrthum zu benehmen, ja sogar mir durch humoristische Scherze Freunde unter ihnen zu gewinnen. Eines Abends z. B. hatten Mehrere vom Theaterpersonal sich bei einem Wirthe versammelt, wo man für einen bestimmten Preis gut essen sollte. Unter Anderen war uns ein köstlicher Hasenbraten versprochen. Es dauerte lange, ehe der Tisch gedeckt war, die Gerichte wurden noch langsamer aufgetragen; — nach Mitternacht wurde ein trockener Rinderbraten statt des Hasenbratens hereingebracht; und man entschuldigte sich damit, daß der Bäcker den ihm gesandten Hasen nicht gebraten hätte. Alle, die eben noch lustig gewesen waren, schwiegen nun verstimmt, und glaubten nicht an die Entschuldigung. Ich, der früher geschwiegen und die Aelteren hatte reden lassen, brach nun plötzlich aus: Ei, so soll doch der Teufel den nachlässigen Bäcker holen. „Wo wohnt denn der Pfuscher?“ — „„Ach!““ — entgegnete der Wirth — „„er wohnt sehr weit von hier! Außerdem ist es auch spät, kalt und ganz finster; jetzt kann er den Hasen doch nicht braten.““ — „Er hat uns zum Besten gehabt“, sagte ich. „Ich wecke ihn aus seinem Schlafe! Er soll mir den Hasen geben.“ — Ohne weiter zu hören, lief ich in die Stadt zum Bäcker und holte ihn aus dem Bette. Er wußte von nichts, und hatte keinen Hasen bekommen. — Mit dieser Nachricht kam ich vergnügt zurück. Alle schlugen ein lautes Gelächter auf; der Wirth mußte beichten und um Verzeihung bitten; aber ich hatte bei dieser Gelegenheit einen Stein im Brett bei den Schauspielern gewonnen, und der Rinderbraten schmeckte ihnen nun, da sie lustig waren, eben so gut, als ob es ein Hasenbraten gewesen wäre.
Meine Debüts.
Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß Rosing mich ermunterte, auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich keineswegs weil er mich für untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er glaubte, daß ich mich auszeichnen könnte, wenn ich älter geworden und bessere Manieren angenommen haben würde. Aber er fühlte, wie alle ausgezeichneten Künstler seines Faches, das Drückende und Peinliche seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schützen. Er litt es gern, daß ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich unterrichtete, drückte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die Harmonie der körperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte: „Der kleine Finger und die große Zehe müssen zusammenhängen!“ — „Ja!“ — entgegnete ich, und hob den Fuß zur Hand auf, um Zehe und Finger in Berührung zu bringen. — „Du bist ein Eulenspiegel!“ rief er. — Wir hatten King's Rolle in Tode's „Seeoffizieren“ zu einem meiner Debüts gewählt. King ist ein braver Kerl, der gut für sich spricht, und das, meinte Rosing, würde ich schon können; aber King ist etwas langweilig und predigt zu viel; und das Männliche, welches er haben mußte, konnte mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hörte man bei diesem Auftreten, daß ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natürlich auch nicht darstellen, und die Schüchternheit und Furcht erlaubten mir nicht, Gefühl zu äußern, was übrigens auch in den kurzen Scenen dieses unglücklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig ist. Erst im Cederström in Kotzebue's „Armuth und Edelsinn“ ließ ich mich in den zärtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen — und erntete lauten Beifall.
Ewald's Fischer.
Aber ich fühlte bald, daß ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe. Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekämpfen hatte, genirte mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination und das Auswendiglernen. Es war mir unerträglich, langweilige Rollen, in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und mich damit amüsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule unter den Haufen junger Leute und hübscher Mädchen gehen, — kurz: Es drängte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals noch nicht bewußt. Ich ließ mich gern von Rosing unterrichten, um nur in seiner Gesellschaft sein zu können. Er erzählte mir, daß er Ewald gekannt habe. Rosing hatte zuerst Balder's Tod und die Fischer auf die Bühne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und des Knud in den Fischern. Zur Aufführung des letzteren Stückes hatte er die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit größter Lebensgefahr die edle That ausgeführt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stücke gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stückes saßen während der Aufführung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bühne. „Nun“ — fragte Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte — „war es ungefähr so, wie Ihr es damals gemacht habt?“ „„Ja““, — antwortete Knud ernsthaft, — „„grad' so war es; nur sangen wir nicht!““
Peter Heger.
Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschloß. Im Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und machte hier mit meinem zukünftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hübschen Seemann, der als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte, und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die älteste Tochter, ein schönes Mädchen, war mit einem Sohne des älteren Drewsen, dem Besitzer der großen Papierfabrik: „die Strandmühle“, versprochen. In dieses Haus, wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte hier Frau Drewsen kennen, deren Schönheit, Grazie, Verstand und Bildung allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der ein paar Jahr jüngeren Christiane Heger, meiner zukünftigen Frau. Peer Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war, der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer saß, plötzlich im Sopha auf dem Kopfe stand — hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, daß wir zuletzt uneinig wurden. Einmal wollte er zur Strandmühle reiten, und lud mich ein, ihn zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, außer einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich Erlaubniß erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, — so nahm ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, geübter Reiter. Es ging nach der Strandmühle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der den Trab zu beschwerlich und stoßend fand, galloppirte ihm nach. Nun begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen, weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich in Gottes Hand, der sie auch über mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die Satisfaction, daß Peer, der mich den ganzen Weg über ausgelacht hatte, auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.
Ich las Peer Heger oft meine Geistesproducte vor, und er hatte eine große Meinung von ihnen, aber ich konnte die Art und Weise, in der er mich beherrschen wollte, nicht ertragen. Er war mir zu stolz, und im Gefühle seiner größeren Körperkraft zu gebieterisch. Diese Mißstimmung kam einmal eines Abends auf der Strandmühle zum Ausbruche, gerade als wir zusammen zu Bette gehen wollten. Wir kamen in einen Streit über Geschmackssachen, ein Wort gab das andere, Peer appellirte an seine Fäuste, und obgleich dies wohl nur eine Drohung war, wollte ich mich doch nicht noch öfter einer Citation vor ein solches Gericht aussetzen. So spät es war, beschloß ich, nach Kopenhagen zu gehen, um nicht mit ihm zusammen zu schlafen. Ich ging, und war bereits eine Viertelstunde von der Strandmühle entfernt, als die Kälte der Nacht und der Gedanke, was Frau Drewsen am nächsten Morgen sagen würde, daß ich so in der Nacht fortgegangen sei, mich bewog, wieder umzukehren, und mich, ohne ein Wort zu reden, neben Peer hinzulegen. Er verspottete mich; der Sohn Drewsen's, der in demselben Zimmer lag, lachte, ohne sich übrigens in die Sache zu mischen. Ich schwieg — nahm am nächsten Morgen Abschied und sah die Strandmühle erst — dreißig Jahre später wieder, als ich Christian Drewsen besuchte, der mich zuvorkommend einlud und freundschaftlich der verschwundenen Jugendzeiten gedachte.
Die Versöhnung dürfte wohl zu Stande gekommen sein, wenn Peer nicht kurz darauf nach Westindien gereist wäre. Die älteren Drewsen's zogen nach Kopenhagen, wo ich sie besuchte, als ich mit Christiane Heger verlobt war. Peer Heger starb kurz darauf in Westindien, ehe er erfahren konnte, daß ich mit seiner Schwester versprochen sei. Ich bin überzeugt, daß diese Nachricht den braven Seemann sehr erfreut haben würde, und daß wir wieder die besten Freunde geworden wären.
Strenge Disciplin.
Indessen war statt des Oberhofmarschalls der Generalmajor Waltersdorff erster Director geworden. Dieser wackere Mann hatte sich früher wenig oder gar nicht mit solch undiplomatischen Geschäften abgegeben. Er ließ Thaarup und Baggesen, und diese ließen wieder Schwarz und Rosing walten. Indessen hatte das Ganze doch einen Anstrich von militairischer Subordination, die die Schauspieler nicht vertragen konnten. Ich entsinne mich noch, wie der joviale Saabye, als der Generalmajor auf der Probe an ihm vorüberging, sich wie ein Landsoldat richtete, und zu seinem Nachbar in seeländischem Dialecte sprach: „Hör' mal Du! der Dienst ist heuer streng!“
Saabye war in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen, und er war noch hübsch, mit seinen braunen Augen und dem blonden Haar. Er hatte auch eine schöne biegsame Rede- und Singstimme, aber nicht viel Verstand. In gefühlvollen Rollen wurde er leicht affectirt und übertrieben; in naiven, munteren Rollen war er vortrefflich, z. B. als Plumper in „Er mengt sich in Alles“, und als Liebhaber in den kleinen französischen Singstücken; dagegen war er entsetzlich als Wenzeslaus in „Herrmann von Uma“. Seine letzte Rolle war Hakon Herdebred in „Axel und Valborg“, die er gar nicht verstand.
Mit meinem späteren zweiten Schwager Stephen Heger wurde ich bald bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus müde, und beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug auch zu meiner Verstimmung bei.
Das Inquisitionsgericht.
Noch ein anderes Ereigniß traf ein, das mich ärgerte. Knudsen war ein vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in dem Burlesken, sondern auch in dem Rührenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten, wie z. B. in Falsen's „Findelkind“, wo er den armen Schuhmacher unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im „Einzuge“, und da bildete er sich ein, daß ich — der ihn stets bewunderte, — ihm als Bauerjunge im Chor einen unverschämten Stoß gegeben hätte. Er klagte mich bei der Direction an. — Ohne das Geringste zu ahnen, wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem großen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, saß er selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grünen Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universität, habe ich erzählt, daß er mich, als ich die Schule verließ, eine ganze Stunde zu seiner vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, größtentheils ohne Kenntniß von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede über meine vermeintliche Unart, und verlangte, daß ich Knudsen um Verzeihung bitten solle. — Als er fertig war, antwortete ich kurz: „Das ist nicht wahr!“ — Nun begann er wieder, mir eine moralische Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: „Das ist nicht wahr!“ Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup äußerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur Direction zu sprechen gewagt. — Nun fing die Sache an bedenklich zu werden; die Thränen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef und sagte: „Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fühle? Ein Anderer muß es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er selbst hat ja mit dem Rücken nicht sehen können, wer ihn gestoßen habe. Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Würde der Bühne zu hoch, als daß ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte ihn auch nicht um Verzeihung! Meinetwegen mögen Sie mich in Arrest werfen, oder mir den Abschied geben!“ — Statt ihn zu erzürnen, gewann ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: „Sein Sie ganz ruhig! Ich bin vollständig von Ihrer Unschuld überzeugt. Knudsen muß sich getäuscht haben.“ — Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht über die Sache, und später wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.“
Der Schauspieler Foersom.
Zu der Zeit war Foersom, ein tüchtiger Student und Predigerssohn von Jütland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen täglich mit einander um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen, wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, daß er daselbst frei wohnte; denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte große Vorliebe für die dramatische Kunst im Allgemeinen und für Foersom im Besonderen. Man sagte im Scherz, daß dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette läge, wenn es regnete, so viel ist gewiß, daß das Haus kaum noch zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf, ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: „David's morsche Hütte wankt auf ihren letzten Pfeilern.“ Uebrigens dachte ich nicht weiter daran, als nur um darüber zu scherzen. In jenen Jahren ist das Herz nicht empfänglich für Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage dort knieend auf dem Fußboden und malte Coulissen, die wir zu unserm Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in einem eigenthümlichen Hinterzimmer, wo die Decke gestützt war, und herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.
Laurits Kruse.
Durch Foersom machte ich mit Laurits Kruse Bekanntschaft. Er gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er „Almeenläsning“ (Unterhaltungsblatt für Jedermann) nannte, und dessen Inhalt größtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, daß ich fast das ganze Blatt für ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen und ohne Etwas dafür zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen. Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich mußten meine Freunde herhalten; und wenn ich — wie Tode sagt — meine Muse gepeinigt hatte, so plagte ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmäßiger Originale vorlas. Kruse hatte ein Stück geschrieben: „Die Emigranten“, das zur Aufführung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht mir gegenüber, und ich glaubte nicht, daß mir jemals ein solches Glück zu Theil werden könne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermühle, und wenn wir uns sahen, fragte er stets: ob die Wassermühle wieder gemahlen hätte? Im Ganzen genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amüsirte mich gar nicht, den Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmöglich, das zu spielen, was so vollkommen Ernst und von so schüchterner verschämter Natur war, daß ich meinte, die Liebe könne eben so wenig ihr Incognito verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flügel des Schmetterlings ihre schönen Farben bewahren können, wenn eine rauhe Hand sie berührt hat.
Auch für Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und Kruse an einem Ort, wo tüchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend, und Foersom begann — meiner Ansicht nach zu begeistert — die Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft! — Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich hätte es nur gethan, um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten. Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.
Bernstorff und Suhm.
Zwei große Männer starben damals kurz nach einander: Bernstorff und Suhm. Eine große Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die französische Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so daß ich nicht von einer Schwärmerei erhitzt wurde, welche viele tüchtige Köpfe aus ihrem natürlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hörte ich oft meinen Vater und seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die Zeitungen lesen, das klang aber für mich so fremd, als ob es dem Sultan und den Janitscharen in Constantinopel gelte.
Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die ersten Theile seiner Geschichte Dänemarks, sein Buch von Odin hatte ich wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten. Als das Concert vorüber war, wurden Erfrischungen umhergereicht. Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hören; sein witziger geistreicher Zuschauer war meine wöchentliche, seine Minerva meine monatliche Lectüre; seine Lieder und Erzählungen hatten mich oft erfreut; ich wußte, daß er einen großen Einfluß auf den Geschmack und die öffentliche Meinung besaß. — Rahbek also kam lächelnd auf mich zu und fragte: „Ist das nicht Oehlenschläger?“ Und als ich diese Frage bejaht hatte, sagte er: „Nun, dann wollen wir Brüderschaft trinken!“ — Ich der achtzehnjährige Jüngling mit den „verborgenen Talenten“ — erstaunte sehr über diese Ehre, und ließ beinahe das Glas fallen, als er mitten in dem großen Kreise Ernst damit machte. —
Später hörte ich, daß es seine Gewohnheit war, gleich mit den Leuten Brüderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine Kenntnisse hielten die jungen Männer doch in einer ungezwungenen Ehrerbietung.
Sommertheater.
Zu jener Zeit hatten Foersom, Laurits Kruse, ich und einige Andere den Plan gefaßt, ein Privattheater für die Sommermonate zu miethen, und daselbst zu spielen; denn obgleich ich sehr bald des öffentlichen Spielens müde wurde, so mochte ich es im Privatkreise doch noch immer sehr gern. Ich hatte schon einen dramatischen Prolog geschrieben, mit dem diese Uebungen beginnen sollten. Ich besitze ihn noch. Heros und Davus sind auf der Probe und repetiren ihre Rollen. Heros soll über die Kälte seiner Geliebten erbittert sein, er beschließt auch, kalt zu erscheinen.
Heros.
Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen, Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn. Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen, Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn. Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren. Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß; Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren; Dann bin ich eisig ganz! —“ (Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.) Mein Gott, mich quält der Schweiß.
Davus.
Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen, Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand. Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! — Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand; Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassen Und alle Sinne dann verschwinden in der Gluth, Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen, So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut. Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren, Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei. Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren. Gott gebe, die Saison wär' glücklich erst vorbei. Ich, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen; Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust, Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen, Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.
Dieser Verdruß und diese Noth, die ich im Prolog voraussah, haben uns bei näherem Nachdenken wahrscheinlich von weiteren Schritten abgeschreckt, denn es wurde nichts aus dem Ganzen.
Häusliche Verhältnisse.
Aber es ist Zeit, daß ich Etwas von meinen häuslichen Verhältnissen erzähle, die einen so großen Einfluß auf mein Leben und auf das der Meinigen ausübten.
Als ich die Studien verließ, um mich der Kunst hinzugeben, versprach mein Vater, mich jährlich mit hundert Reichsthaler zu unterstützen, bis ich seiner Hülfe nicht mehr bedürfen würde. In meinem damaligen Alter und meinen Verhältnissen mir dies Geld selbst geben, wäre dasselbe gewesen, als es in den Brunnen werfen und mich im höchsten Grade unglücklich machen; als guter Vater bemühte er sich also, mich für diese Summe in Kost und Logis zu geben, ebensowie damals, wo ich die Schule in Kopenhagen besuchte; denn er betrachtete mich noch als ein Kind, was ich in meinem achtzehnten Jahre auch wirklich vollständig war.
Die Pension.
Das Glück war mir stets günstig, wenn ich mich auf diese Weise einquartieren sollte; ich hatte es sehr gut bei Gosch, bei Laasbye, ich war nicht minder wohl aufgehoben bei Madame Möller; und zehn Jahr später in Paris war Madame Gauthier eine Mutter gegen mich. Bei Frau Stael-Holstein aber in Coppet lebte ich wie Adam im Paradies.
Mein Vater hatte sich an einen alten Bekannten gewandt, um eine passende Stelle für mich zu finden; dieser brave Mann, den ich selbst nur den Namen nach, und weil wir uns grüßten, kannte, war Herr Hvalsöe, der als Junge von meiner Wiege weggelaufen war, vor Schreck, daß ich keine Arme hatte. Er sprach mit der Färberwitwe, Madame Möller, und diese nahm mich gegen die sehr billigen Bedingungen bei sich auf. Ich hatte ein hübsches Zimmer, das mein Vater möblirte, und bekam Alles so gut, wie die Familie. Daß sie bei diesem Contract nicht Seide spann, versteht sich von selbst; aber es lag ihr auch nichts an Seide; sie und ihre Schwester Benedicte gingen in selbstgewebten Zeugen gekleidet, aber sie war eine reiche Frau. Die Bauern kamen haufenweise und ließen ihre wollenen Stoffe blau, grün, hochroth und violett färben, und die Schürzen der Bäuerinnen druckte sie auf dunklem Grunde voll mit weißen Blumen. Sie war von munterm, naivem Charakter und mochte sehr gern junge Leute um sich haben, um sich ihrer mütterlich anzunehmen. Daran fehlte es denn auch nicht. Das Parterrelocal ihres Hauses bestand aus einem Zimmer nach der Straße, in das die Bauern häufig kamen, aus einem tiefen Zimmer nach dem Hofe zu, in dem wir jungen Leute mit ihr, ihrer Schwester und den Gesellen aßen. Im Anfange stutzte ich freilich etwas darüber, daß diese mit dunkelblauen Händen bei Tische saßen, aber ich gewöhnte mich sehr bald daran, wie an die grünen Gräten eines gekochten Hornfisches. Der Werkführer war ein ächter Troels in Holberg's Wochenstube oder Henrik im Kannegießer, nur mit dem Unterschiede, das er nicht witzig war; aber er war lustig, naiv, durchtrieben und mochte gern mit der Madame scherzen, sie auf alte Weise „Mutter“ und „Ihr“ nennen, was sie nicht leiden wollte, wenn Fremde zugegen waren, weil sie fürchtete, daß es mißverstanden werden könne. —
Da sie selbst aus Slagelse war, so hatte sie eine Vorliebe für die Slagelsener, und hatte eine Art Stipendium in dem vordersten Zimmer für zwei Studenten aus Slagelse errichtet; die dort immer freien Tisch, obgleich nicht immer freie Arme hatten, wenn nämlich allzu große Haufen farbelustiger Bauern mit ihrem Zeug hereinstürmten. Unter diesen stillen ehrbaren jungen Leuten, welche eilig aßen und dann wieder gingen, ohne ein Wort zu sagen, war auch ein gewisser Herr Rosenkilde. Ich hatte nichts weniger geglaubt, als daß er als Schauspieler mir dreißig, vierzig Jahre später das Zwergfell so sehr erschüttern würde. — Das war die Marschallstafel, wir Anderen, die wir zum echten Blute der Familie gehörten oder zu ihr gezählt wurden, aßen an der eigentlichen Familientafel in den inneren Gemächern. Madame Möller stand der Färberei vor, ihre Schwester hatte das Küchendepartement übernommen, und die Köchin bereitete die Speisen unter ihrer — Aufsicht — kann man gerade nicht sagen; denn diese übrigens herzensgute alte Jungfer hatte unglücklicher Weise die Schlafsucht; was dazu beitrug, daß die Speisen, übrigens reichlich eingekauft, zuweilen mißglückten. Ich habe sie in Tante Ursula, in den „Inseln im Südmeere“ geschildert. Sie stand wirklich am Heerde mit hellblauem Filzhut, den sie schräg über eine große Tour gesetzt hatte, und in so vielen steifen Unterröcken, daß ich glaube, sie konnte ohne Füße, ebenso wie die bekannten Nürnberger Puppen, aufrecht stehen; dies ist ihr übrigens oft zu Nutzen gekommen und hat sie von dem Lebendigverbranntwerden, wie die indischen Frauen gerettet, welcher Tod um so trauriger gewesen sein würde, da sie niemals verheirathet war.
Ein Krämer, der nicht weit von Madame Möller wohnte, besuchte uns oft. Er trug eine gepuderte Zopfperrücke, hatte einen dicken Leib und etwas, wie soll ich es nennen, nobel Elephantisches in seinen Bewegungen. Er sprach nur kurz, aber oft, dann stets im Lapidarstyl, und lagen auch nicht viel gute Gedanken darin, so hatte er doch selbst um so bessere Gedanken davon. Ich mußte oft an Ludwig XIV. oder wenigstens an Ludwig XV. denken, wenn ich ihn mit der Würde ankommen sah, die über seinem ganzen Wesen ausgebreitet lag. Er hatte das eigenthümlichste Talent, jeden Augenblick etwas Einfältiges auf eine pikante und imponirende Weise zu sagen.
Einen kleinen, dummen, spitznasigen Schulmeister hatte das Schicksal neben ihn als scharfen Gegensatz zu seiner behaglichen Rundung gestellt. Alles, worin sie sich glichen, waren ihre Geistesgaben und die Perücken. Aber der Krämer war ein Herr „vom Leder,“ wie man es in den deutschen Bergwerken nennt, der Andere „von der Feder.“ Jener konnte mit gutem Profit Waaren verkaufen, Dieser lebte durch sein Latein und sprach von grammatikalischen Fehlern, wie von Handlungen, durch die man sich für ewig prostituiren könne.
Ein fremder Färber, der Madame Möller besuchte, vereinigte Gelehrsamkeit mit dem Handwerk; er hörte Kratzenstein's Vorlesungen über die Experimentalphysik. Am ersten Abend, wo ich mit ihm zusammen war, wollte er mir seine Fertigkeit im Latein zeigen, und da die Rede davon war, das Licht mitten auf den Speisetisch zu setzen, sagte er: „Wir wollen es in centrum gravitatis setzen,“ hob es dann auf und ließ etwas Docht auf die Decke fallen.
Eine erfreuliche Bekanntschaft.
Einer unserer eigenen Färbergesellen sah sehr weich und wehmüthig aus; er betete immer sehr lange, wenn man zu und von Tische ging, mit gefalteten dunkelblauen Händen. Er war ein Verwandter des sel. Etatsrath Prof. Börge Risbrigh, der ihn zu Madame Möller in die Lehre gebracht, „weil er“ — sagte er — „keinen Kopf zum Studiren hat.“ Hierüber wurde Madame Möller, die ihr Geschäft nicht allein als Handwerk, sondern auch als Kunst hochachtete, etwas verletzt, und bemerkte, daß auch Kopf dazu gehöre, Färber zu werden, welches Risbrigh als guter Philosoph nach genauer Ueberlegung durchaus nicht bestreiten konnte, so daß er Mühe hatte, sich gut heraus zu ziehen. Später lud er den Verwandten ein Mal auf folgende Weise zu sich: „Du kannst den ersten Osterfeiertag zu mir kommen und bei mir essen; wenn Du gegessen hast, eine Tasse Kaffee trinken, und dann kannst Du Deiner Wege gehen.“
Die Gebrüder Oersted.
Dies waren also die wichtigsten Planeten in unserm Sonnensysteme. Oft kam noch eine kleine Ceres, Pallas oder Juno, die dem Ganzen entsprach; denn es wimmelte von Tanten und Cousinen. Ich wende mich nun zu den Kometen, die zwar dem Mittelpunkte sehr nahe kamen, aber nur um dann in kühnen Ellipsen in weite Fernen zu eilen. Unter diesen — zu denen ich selbst mich zu rechnen wage — war einer, der vor Kurzem seinen langen hellen Schweif, — ich meine seinen langen, blonden Zopf — verloren hatte, der ihm den Rücken entlang hing; es war dies der Brudersohn der Madame Möller, ein junger Langeländer, der vor nicht langer Zeit Student geworden war. Sein um ein Jahr älterer Bruder hatte dunkles Haar, ebenso wie ich, doch nicht ganz so schwarz; — ob er eben so schönes Haar hatte, wie der Blonde, davon meldet die Geschichte Nichts.
Diese beiden Brüder kamen mir gleich am ersten Tage freundlich entgegen, wir schütteten unsere Herzen vor einander aus und theilten uns unsere Gedanken und Ansichten mit. Ich war ganz entzückt darüber, so viel Weisheit in einem Färberladen bei so jungen Leuten zu finden. Wie sie hießen hörte ich auch, vergaß es aber gleich wieder, da es mir immer schwer wurde, fremde Namen zu behalten. Ich schrieb daher in mein Tagebuch am nächsten Morgen: „Ich habe gestern Abend die Bekanntschaft der jungen Herren (hier war ein offener Raum, um die Namen auszufüllen, wenn ich sie wieder hörte) gemacht. Es sind ein paar vortreffliche Menschen; ich bin überzeugt, daß wir die besten Freunde werden.“ — Am nächsten Tage bei Tisch sah ich sie wieder und es war mir auffallend, daß der Blonde fast einen ganzen Eßlöffel Salz in seine Suppe warf. Ich fragte nun meinen Nachbar flüsternd, wie denn der junge Student eigentlich heiße, und die Antwort war: Anders Sandöe Oersted. Der Bruder, der mit dunklem Haare, hieß Hans Christian Oersted. — Nun vergaß ich sie nicht wieder. Ich wußte, daß es zu Holberg's Zeiten einen Schauspieler gleichen Namens gegeben, der ihr Großonkel gewesen war; und daher kam es vielleicht, daß Madame Möller kein Vorurtheil gegen die Schauspielkunst hatte; ich danke es vielleicht den Manen des sel. Oersted, daß ich in das Haus seiner Nichte gekommen und so früh ein Freund seiner Nachkommen geworden bin.
Es währte nicht lange, bis wir vertraute Freunde wurden und ich richtete folgendes Gedicht an sie:
Freundschaft, schönste du der Himmelsgaben, Ach, den Glücklichsten erscheinst du kaum. Oftmals träumt' ich, einen Freund zu haben, Doch er schwand, zugleich mit meinem Traum. Eigennutz, ein flüchtiges Empfinden, Laune — wurden Freundschaft oft genannt, Und da sie die Herzen nie verbinden, Löste bald sich das geknüpfte Band. Zweifel schon erfüllt' mich, daß hienieden Uns bescheert sei diese Seligkeit, Hier, wo uns so wenig Lust beschieden, Wo uns trifft so vieles herbe Leid. Doch da fand ich Euch. Kein Zweifel kränkte Nun mein Herz. An Eurer warmen Brust Fühlt' den Trost ich, den der Himmel schenkte Uns, den armen Sterblichen, zur Lust. O Ihr Edlen! Laßt mich immer fühlen Diesen Trost, der meinen Geist durchdringt. Lasset bösen Neid das Band nie kühlen, Das uns warm, und fest und treu umschlingt. Reine Freuden wollen wir genießen In des Lebens heitrer Frühlingszeit; Thränen wollen wir vereint vergießen, Thürmt in Wolken sich das trübe Leid. Und als Männer laßt uns einig streben, Laßt uns wirken mit verschiedner That. Einigkeit wird Kraft und Stärke geben, Freundschaft leiten uns mit weisem Rath. Froh dann, an des Grabes dunkeln Stufen Steigen wir hinab, sobald es Zeit, Wenn des Todes Engel uns gerufen, Lächelnd, zu der ew'gen Seligkeit.
Man sieht aus dem Tone, der in diesem Gedichte herrscht, daß ich nicht zufrieden war. Aber Viel Schuld trägt auch der damalige herrschende Geschmack in der Poesie, der elegisch war und ein gewisses sentimentales Wimmern über seinen Zustand forderte. Hierin war besonders Rahbek uns mit einem übeln Beispiele vorangegangen. In einer Elegie, die er in seinem siebzehnten Jahre geschrieben haben soll, beweint er die gute, alte, entschwundene Zeit und die nie mehr wiederkehrenden Freuden.
Die Gebrüder Oersted lebten übrigens sehr einsam. Den ersten Winter, wo ich sie kennen lernte, gingen sie in langen Mänteln, die ihnen wie Schlafröcke, fast bis an die Knöchel reichten. Arm in Arm klammerten sie sich fest und hielten sich an einander, so daß sie beinahe einem zusammengewachsenen Zwillingspaare glichen. Aber vor allen Mitstudirenden strahlten sie wie Dioscuren, selbst ältere Gelehrte merkten bald, was in ihnen lebte. Die Früchte ihres Geistes und ihres Fleißes zeigten sich in Preisabhandlungen und gewonnenen Goldmedaillen.
Nun besuchte ich sie oft in Ehler's Collegium — und wie verschieden war diese Umgebung von meiner früheren. Das war nicht mehr das lustige Friedrichsberg, die lustige Schule, das lustige Theater, die lustige Mittags- und Abendgesellschaft bei Madame Möller. Wie in einer dunkeln Mönchszelle saßen Oersteds hier stumm und studirten! — Hier wurde es mir erst klar was es eigentlich hieße: mit Anstrengung, ernstlich, aus Liebe zur Wissenschaft zu arbeiten. Da ergriff mich ein tiefes, wehmüthiges Gefühl! Ich hatte die innere starke Empfindung, daß auch ich zu einem echten Musensohn geschaffen sei, und nun trieb ich mich umher und wurde Nichts! Rosing war zwar überzeugt, daß ich es als Schauspieler weit bringen könne, aber die meisten Anderen nicht; ich fand keine Aufmunterung, es kam mir keiner meiner Vorgesetzten freundlich entgegen. Und außerdem — wenn auch Alles glückt — war ich bereits dieses Lebens, dieser Kunst müde, die von so vielem Fremdartigen abhängig ist. Meiner Natur war es Bedürfniß, sich in höherem Schwunge auszudrücken, in selbstbewußter Ahnung der Fähigkeiten, die noch nicht entwickelt waren, weßhalb meine Bekannten mich auch zum Spott den „Mann mit den verborgenen Talenten“ nannten.
Wiedererwachende Lust zum Studiren.
Aber was sollte ich anfangen? Mit dem Studiren glaubte ich, sei es zu spät. Ich verbarg meine Verzweiflung im eignen Busen, nicht einmal meinen Freunden Oersted vertraute ich den Kummer an. Hans Christian war Bibliothekar im Collegium, das eine schöne, große Büchersammlung in dem großen Saale gerade gegenüber dem Auditorium hatte, — wo ich zehn Jahre später als Professor meine Vorlesungen begann und sie sechsundzwanzig Jahre fortsetzte. In dieser Bibliothek stand ich einmal einsam da und stellte traurige Betrachtungen an. Ich starrte auf die vielen Bände, besonders auf die alten Folianten, wie auf Schätze, die mir ewig verschlossen waren. Die Thränen strömten über meine Wangen herab. In diesem Zustande fand mich der ältere Hans Christian, tröstete mich und versicherte mir, daß es durchaus noch nicht zu spät zum Studiren sei, wenn ich es wolle. Er brachte mich zu seinem Bruder, der gleicher Ansicht war. Wir wurden darüber einig, daß ich etwas mehr Latein lernen und das lateinische juridische Vorbereitungsexamen ablegen solle; dann wollte Anders Repetitorien mit mir halten, und wenn ich dann das Examen gemacht hätte, sollte ich eine Probe als Advokat ablegen und vor die Schranken des höchsten Gerichts treten. Das war nun herrlich! Indessen beschloß ich doch mit dem Abschiede vom Theater zu zögern, bis die Saison vorüber war. Aber als ich einmal neben anderm Verdruß in Strafe genommen wurde, weil ich mich in einer kleinen Rolle mit einem Worte versprochen hatte — wurde ich ärgerlich und dachte, es ist am Besten, das Ding gleich abzumachen, worauf ich am nächsten Tage der Direction schrieb:
„Gründe haben mich bewogen, das Theater zu verlassen. Die erste und letzte Freundlichkeit, die mir die Direction beweist, wird darin bestehen, mir je eher je lieber meinen Abschied zu geben.“
Abschied vom Theater.
Es währte noch eine Zeitlang, ehe ich loskam. Vermuthlich hielt man meinen Brief für eine Uebereilung, die mir bei kälterem Blute leidthun würde. Baggesen kam eines Tages auf dem Theater ganz freundlich zu mir und sagte, daß mein Brief ihm aus zwei Gründen auffallend gewesen sei: erstens habe er seit langer Zeit nicht eine so schöne Handschrift gesehen, zweitens sei ihm noch kein Brief an die Direction, in diesem Ton geschrieben, vorgekommen. Ich antwortete ihm: daß Alles einmal zum ersten Male geschehen müsse, und daß die Direction mich selbst zu diesem Tone gestimmt habe.
Da der erste Brief Nichts half, schrieb ich einen zweiten, in welchem der Ton noch schroffer war, und nun bekam ich meinen Abschied. — Als ich zum letzten Male mit Steffen Heger auf dem Theater stand, sagte er: „Nun sollst Du Deinen Fuß nicht eher, denn als Director hieher setzen!“ — Das wurde ich nun freilich nicht; indessen setzte ich meinen Fuß erst zehn Jahre darauf, bei der Probe von Axel und Valborg dorthin, nachdem man zwei Jahre zuvor Hakon Jarl und Palnatoke gespielt hatte.
Das Examen.
Nun begann ich in meinem neunzehnten Jahre wieder fleißig zu studiren, d. h. Latein zu lesen und zu schreiben; denn von dem Uebrigen, das ich zum Vorbereitungsexamen, eine Verschmelzung des examen artium und philosophicum, gebrauchte, konnte ich bis auf das Griechische fast Alles. — Doch mußte ich noch Risbrigh's Logik und Gamborg's Thelemathologie lernen. Jene langweilte mich und ich konnte nicht begreifen, warum man, um gesund und ordentlich zu denken, die Gedanken in ein so steifes Schnürleib spannen müsse. Indessen war der alte Risbrigh ein gelehrter, geistreicher Mann, und ich zweifle nicht, daß der Fehler in meiner Jugend und in meinem Temperamente lag. Das Einzige, dessen ich mich aus seiner Logik noch entsinnen kann, und das ich nie vergesse, ist der folgende, sehr richtige Gedanke, den jeder Richter und namentlich jeder Kunstrichter stets vor Augen haben sollte:
„Um nicht ein falsches Urtheil zu fällen, muß man zuweilen sein judicium suspendiren.“
„Rath“:
„Um nicht immer sein Judicium zu suspendiren, muß man sich primo einen Vorrath von Kenntnissen, secundo Klarheit in selbigen erwerben.“
Ich hörte keine Vorlesungen bei den Professoren, bezahlte ihnen auch Nichts, und doch ging es recht gut mit meinem Examen; nur erhielt ich keine öffentliche Auszeichnung, was ich doch gehofft hatte, da ich mehr anzugeben vermochte, als nothwendig war.
Professor Sander.
Kurz darauf erneuerte ich die Bekanntschaft des Verfassers von Niels Ebbesen, des Secretairs, späteren Professors Sander. In der Schule „für die Nachwelt“ hatte er mich ein halbes Jahr lang Deutsch gelehrt, und immer von der Tugend gesprochen, so daß ich ihn für den größten Tugendhelden hielt. Ich las ihm ungefähr die Hälfte des ersten Buches der Aeneide in einer mittelmäßigen Hexameterübersetzung vor, und er lobte meinen Fleiß. Sander war ein kleiner, kränklicher Mann, tüchtiger Kopf, durch die Lectüre der besten deutschen Werke gebildet. Er war Lehrer in einem Erziehungsinstitute mit Basedow gewesen und hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, die wenig bekannt waren. Nach Dänemark war er als Hauslehrer der Kinder des Grafen Reventlow gekommen und nun bei der Straßenbaucommission angestellt. Er hatte gute Fortschritte in der dänischen Sprache gemacht und schrieb plötzlich den Niels Ebbesen. Dieses Trauerspiel machte großes Glück und Sander wurde gleich von Vielen als einer der größten Dichter Dänemarks angesehen. Was Wunder, wenn das den kränklichen Mann ganz wirr im Kopf machte: und muß man es ihm nicht verzeihen, wenn er später einen Schüler mit bitterm Haß verfolgte, weil er glaubte, daß dieser ihn mit Unrecht verdunkele? —
So lange ich Sander meine dramatischen Versuche vorlegte und ihn geduldig das Eine nach dem Andern cassiren ließ, hörte er mich mit freundlicher Aufmerksamkeit an, und hatte die beste Hoffnung für mich. Aber als ich selbständig werden wollte, war's mit der Freundschaft aus. —
Zu seinem Lobe muß ich übrigens sagen, daß er im Anfange ganz richtige Bemerkungen machte, als ich ihm meine ersten unreifen Jugendproducte vorlas. Ich verdanke ihm auch meine erste Bekanntschaft mit Göthe. In meinem neunzehnten Jahre hatte ich — unbegreiflich genug — noch Nichts von diesem großen Dichter gelesen. Man hatte ihn mir immer als einen überspannten Schwärmer genannt, der Leute dazu verführte, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Uebersetzung von Werther's Leiden war früher hier zu Land verboten gewesen und das Verbot nicht zurückgenommen worden. Ich glaubte lange Zeit, daß Göthe ein unmoralischer Schriftsteller sei, dessen Werke junge Leute nicht lesen dürften. Auch Sander sprach von ihm mit einer Art Grauen, wie von einem Manne mit wilden stolzen Leidenschaften, der sein schönes Genie gemißbraucht habe. Doch könne man ihm Genie nicht absprechen; im Gegentheile müsse man gestehen, daß er eine ungewöhnliche Portion davon besitze. Sander lieh mir einige von Göthe's Werken mit väterlicher Ermahnung und Vorsicht, als ob es Pulver und Blei, oder giftige Medicamente seien, die eben so leicht schaden, wie nützen könnten; und mit großer Neugier nahm ich Werther's Leiden und Götz von Berlichingen mit nach Hause. —
Eindrücke von Schiller.
Schiller's erste Werke hatte ich bereits gelesen. Ich entsinne mich deutlich, daß die Räuber einen tiefen Eindruck auf mich machten, besonders Karl Moor's liebenswürdige Schwärmerei und edler Tiefsinn mitten im Kreise der herrlich geschilderten Verbrecher; wo die schönen Reste der verführten Ehrlichkeit des derben Schweizers einen so interessanten Gegensatz zur Schurkerei des niederträchtigen Spiegelberg bilden. In dem letztern glaubte ich einige Aehnlichkeit mit einem alten Jugendbekannten, dem französischen Cartouche, zu finden. Roller's Abenteuer, wie er vom Galgen mit dem Stricke um den Hals herbeirannte, spannte mich ganz besonders; Karl's unglückliche Liebe rührte mich; und in der letzten Scene, wo er hingeht und sich selbst der Gerechtigkeit überliefert, war ich mit ihm versöhnt und fühlte ein inniges Mitleiden mit dem Unglücklichen.
Von dem Eindrucke, den Fiesco und Kabale und Liebe damals auf mich machten, kann ich mir keine klare Rechenschaft geben. In Fiesco habe ich gewiß ein lebendiges Bild von Italiens Ueppigkeit und Leidenschaft gesehen; in Kabale und Liebe glaubte ich meinen alten Bekannten, Iffland, mit dem Cothurne statt der gewöhnlichen Socken zu erblicken. Don Carlos las ich mit großer Ehrerbietung. Ich liebte den Marquis Posa, weil er liebenswürdig war; das Unhistorische in seinem Wesen bemerkte ich damals noch nicht. Das herrliche Portrait Philipps II. machte mich schaudern; ich erstarrte zu Eis, indem ich seine kleinliche Größe betrachtete. Wie lieb mir Schiller's Geisterseher war, entsinne ich mich noch ganz deutlich. Ich fühlte tief das Wunderbare darin, das nicht in dem Uebernatürlichen besteht (denn dies, ahnt man gleich, ist Betrug), sondern in der Schilderung des geistigen Zustandes, in welchem, wie Lessing sagt: „das Samenkorn zu dem Glauben an das Uebernatürliche liegt.“ Das interessante Buch bereitete mir Tantalusqualen, weil es nur ein Fragment war. Ich sah noch nicht ein, daß es nie etwas Anderes sein konnte, und daß die Dissonanz nie aufgelöst werden durfte, wenn das Geheimniß hier — wie in der großen Natur — ein Geheimniß bleiben sollte!
Götz von Berlichingen.
Nun las ich Götz von Berlichingen mit demselben Genusse, mit dem ich in der Kindheit meine Lieblingsbücher gelesen hatte. Das heißt, ich merkte gar nicht, daß ich las, daß es Poesie war. Es war die Begebenheit selbst, die ich erlebte. Ich war nach Deutschland in die Zeiten des Faustrechts hingezaubert, und genoß den herrlichen Anblick eines Ritters, der das treueste, edelste Herz, den liebevollsten Character zeigt, ohne sich doch ganz von den Vorurtheilen und übeln Gewohnheiten seiner Zeit loszureißen, deren Opfer er wird. Aber gerade dies macht ihn in hohem Grade poetisch. Ich folgte Göthe's Geist, wie der treue Knabe Georg seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den großen Dichterharnisch; und obgleich ich ihn noch nicht ausfüllen konnte, tröstete ich mich mit Götzens Worten: „Die künftigen Zeiten brauchen auch Männer.“ — Ich erquickte mit Götz den armen Mönch, besuchte den Bischof von Bamberg und trank noch besser, als seine Gesellschaft; denn sie bekam nur guten Rheinwein, aber ich trank den herrlichsten Dichterwein. Ich hörte Liebetraut mit der Leier tändeln, während Göthe die Harfe mit tiefem Ernst schlug. Ich verliebte mich in die schöne, stolze, sinnliche Adelheid, ebenso wie Franz; beklagte aber, daß er nicht, wie ich, Götzens Georg zum Freunde hatte, denn dieser würde ihm gewiß von jenem Schurkenstreiche abgerathen haben. Ich bewunderte den vornehmen, feinen, wankenden Ultra-Weißlingen; ich haßte ihn; aber als der Tod seine kalte Stirn küßte, war ich mit ihm versöhnt und es freute mich, daß Maria ihn noch einmal in seiner Todesstunde besucht hatte. Bei Götz auf der Burg war ich zu Hause, wie bei meinen Aeltern auf dem Friedrichsberger Schloß. Es freute mich, daß es dort nicht vornehmer herging, daß der Ritter so patriarchalisch und idyllisch, wie Abraham, zwischen seinen Dienern saß. Die letzte Flasche, der letzte Tropfen und „es lebe die Freiheit!“ füllten meine Augen mit Thränen und meine junge Brust mit großen Ahnungen. Ich habe bereits erzählt, daß ich zuweilen den Bleideckern auf das Dach folgte, und so war es mir ein Leichtes, Georg bei dem Herunterholen der Dachrinnen zu helfen. Freilich hielt ichs mit den Bürgern. Aber Bürgerdummheit war mir ebenso zuwider, wie Adelsdummheit; und es entzückte mich, als Götz mit der Eisenhand die drohenden Philister von Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und allen anderen Uebeln curiren wollte. Wie gern streifte ich im Walde mit den Zigeunern umher! ihr wildes Wesen hatte bei alle Dem doch etwas Tröstliches. Bei ihnen ging es doch ordentlicher zu, als in dem heiligen römischen Reiche zu Götzens Zeiten. Mitten in dem Taumel und unter den vielfältigen Verbrechen, erscholl die Stimme des heimlichen Gerichtes, wie der Posaunenton des jüngsten Tages; da hörte ich wieder Vogler's Orgel. Und in dem kleinen Klostergarten sah ich die unsterbliche Seele des sterbenden Helden sich gleich einem schönen Vogel durch die Bäume in die Wolken schwingen.
Und dieses Meisterstück — dieses Product des herrlichen Dichtergeistes, hörte ich später herabwürdigen, weil es keinen Zusammenhang habe! O ihr Thoren! ihr zusammenhängenden Menschen! Ihr werdet niemals klug, lernt es niemals, den Kern der Schale vorzuziehen. Wie kalten Chinesen imponirt euch nur die äußere Form. Ein zusammenhängendes Schaffot, auf dem ein tragischer Verbrecher hingerichtet wird, kann jeder poetische Tischler euch zusammenleimen; — aber solch einen Straßburger Münster bauen — —!
Werther's Leiden.
Werther's Leiden erfreuten mich ebenso sehr, wie Götz von Berlichingen, und so verschieden auch diese Werke sind, fand ich in beiden doch eine gewisse Gleichheit. Dort eine schöne Darstellung politischer Verwirrung, wo ein edler Geist mitten in den wildesten Thaten wirkt und endlich den Verhältnissen unterliegt; hier eine ebenso schöne Darstellung von der Verwirrung der Seele, wo ein edles Gefühl sich mitten in den wilden Leidenschaften äußert und zuletzt gleichfalls an den Verhältnissen zu Grunde geht. Das Buch bewegte mich sehr, betrübte mich aber nicht; denn es schilderte ja nur, wie alle guten tragischen Werke, das Schöne im Unglück. Für diese herrlichen Gefühle, Naturanschauungen, großen Ideen, Begeisterungen, für diese meisterlich geschilderten Geistesverwirrungen war Werther's Unglück eben so nothwendig, wie das Wasser es ist, um ein Mühlrad zu drehen; wie die sonnenverhüllenden Wolken, um das schöne Farbenspiel der Morgen- und der Abendröthe hervorzubringen.
Ich fühle wohl, daß, indem ich diese und ähnliche Gedanken ausspreche, sich die Gefühle des Jünglings mit dem reifern Urtheile des Mannes verbinden. Wie wäre es auch anders möglich? Und deßhalb hat Göthe wohl auch seine Lebenserinnerungen „Wahrheit und Dichtung“ genannt. Er will nämlich nicht gerade sagen, daß man etwas Wahres und etwas Erfundenes in seiner Lebensbeschreibung findet, sondern: daß jede Lebenserinnerung, die durch die Kunst zusammengedrängt, von dem Störenden befreit, und mit späteren, reiferen Ansichten vermischt ist, zu einer Dichtung wird und gerade dadurch erst an echter Wahrheit gewinnt.
Ich bin mir bewußt, daß ich nie als Mann einen Gedanken gehabt habe, der nicht bereits als Kind bei mir ein schlummernder Traum war, undeutlich, wie das Blatt in der Knospe, ehe sie sich entfaltet. Und noch jetzt kann ich, wie als Kind, als Jüngling, genießen; mich an allen schönen Einzelnheiten erfreuen und mich so in eine Vorstellung hineinträumen, daß ich für eine Zeitlang Kunst und Reflexion ganz vergesse. Wer das nicht kann, hat durch seine Bildung seine philosophische Erkenntniß nur verloren und Nichts gewonnen. Denn wir sollen von dem Baume der Erkenntniß genießen, ohne aus dem Paradiese gejagt zu werden; wir sollen, wenn wir wollen, wieder zum Baume des Lebens zurückkehren können, sonst hat unser Hochmuth gesündigt und wir erkennen zuletzt nicht einmal mehr unsere eigene Nacktheit.
Die aus unzähligen Blumen herausgepreßte ästhetische Rosenessenz ist stark und riecht gut, oft — fast zu gut — nach Rosen! Aber die kräftigste Essenz ist doch nicht mehr die Rose; und wer (den Destillateur ausgenommen) zöge nicht die einfache, poetische, lebendige Rose, wenn sie wieder blüht, die zwar nicht so stark, aber süßer und himmlischer duftet, vor.
O wie gern, Werther, kehre ich zu Deinen ländlichen Schwärmereien zurück! Wenn Du mit den kleinen Kindern sprichst, im hohen Grase liegst, und Pfänderspiele mit der holden Lotte spielst, während Dein Schicksal draußen donnert und droht. Tag für Tag lebe ich mehr mit Dir und ergehe mich mit Dir in Betrachtungen über Natur und Liebe und sehe den schönen Frühling schwinden, den warmen harmonischen Sommer sich in einen bleichen Herbst verwandeln, in dem der Ossian stürmt und sich als blasser Mond in Trauerwolken zeigt; bis der weiße Schnee Deinen kleinen Grabhügel bedeckt. Ach, Dein Unglück war nicht groß! Du schlummertest im süßen Rausch der Liebe hin, in welchem der Mensch den Egoismus so ganz vergißt, daß selbst die sonst so fürchterlichen Schrecken des Todes verschwinden. Aber Lotte beklage ich mehr, die den langen freudenlosen Weg mit dem kalten Albert gehen mußte, den sie nicht liebte, und wo nur die Pflichten gleich blätterlosen Bäumen ohne Schatten am Wege stehen.
Kalte Menschen klagen darüber, daß Werther's Leiden einige schwärmerische Jünglinge zum Selbstmorde verführt haben. Und darum sollte Göthe sein Buch nicht geschrieben haben? Dann dürfte man auch keinen Brunnen graben, weil unvorsichtige Kinder zuweilen hineinfallen und ertrinken. In Werther's Leiden ist, wie in jedem echten Dichterwerk, eine wahre Lebensquelle, und wie viele geistig Durstige haben sich nicht an dieser schönen Quelle gelabt? Wollte doch die Geschmacklosigkeit bedenken, wie viele langsame Selbstmorde der gemeine Egoismus, der kleinliche Eigennutz, die vorsichtig feige List verursachten! Sie verhalten sich zu den Selbstmorden einer überspannten Begeisterung, wie tausend zu eins! — Denn daß auch mit gefühlvoller Begeisterung coquettirt werden kann, daß kindische Affectation und Narrheit zuweilen einen oder den andern Gelbschnabel dahin brachten, Werther im Tode nachzuahmen, ohne doch nur das Geringste seines Geistes und seiner Kraft im Leben besessen zu haben, ist gewiß. Ich nehme auch nicht den Selbstmord unter irgend einer Form in Schutz; er bleibt immer eine Schwäche, eine Sünde. Meine Ansicht ist nur, daß Werther liebenswürdig, edel und rührend selbst als Sünder ist; und daß viele Sünder, ohne seine Liebenswürdigkeit, seinen Seelenadel und Verstand, mit viel gröberen Sünden, ihn in ihrer eingebildeten Weisheit thöricht tadeln.
Daß übrigens junge Leute mit poetischem Sinn allerdings in Gefahr gerathen können, indem sie mit solchen Gefühlen zu leicht spielen, ist ebenso gewiß. Ich habe selbst ein Beispiel davon erlebt. Zugleich mit mir las einer meiner Bekannten den Werther. Wir fanden es Beide sehr schön, daß Werther sich todt schoß, wir waren darüber einig, daß wir an seiner Stelle ebenso gehandelt haben würden. Einige Zeit darauf kam er finster und bewegt zu mir hinauf, nahm eine Pistole, Pulver und Kugel aus der Tasche und erzählte mir, daß er nun auf den Assistenzkirchhof ginge und sich eine Kugel durch den Kopf schieße, da er sich verliebt habe und seine Geliebte ihn nicht wieder liebe; dies würde er nun zwar ertragen haben, aber daß sie ihn verachte, das könne er nicht überleben. Mir blieb der Verstand stehen. „Bist Du toll?“ rief ich, „das wird nie geschehen.“ — „„Willst Du mich daran verhindern?““ fragte er erstaunt. „„Das hätte ich nie geglaubt. Ich glaubte gerade bei Dir Unterstützung zu finden, und deßhalb bist Du der einzige Mensch, dem ich's anvertraue, und von dem ich Abschied nehme, da ich doch ein Herz haben muß, vor dem ich mich ausschütten kann.““ Ich machte ihm alle möglichen Vorstellungen, um ihn von dem Verrückten in seinem Unternehmen zu überzeugen. „Werther“, sagte ich, „schoß sich gerade todt, weil Lotte ihn liebte und ihn nicht bekommen konnte. Wie kann man sich tödten, weil man von einem Mädchen verachtet wird? Wie die Liebe Gegenliebe weckt, muß ja unverdiente Verachtung wieder Verachtung in einer hohen Seele wecken.“ — Es half Alles nichts; er wollte sich erschießen, weil sie ihn verachtete. Nun nahm ich die Pistole, steckte sie in die Tasche und sagte: „Wenn Du ein ehrlicher Kerl bist, so gehst Du nicht, bis ich wiederkomme, darauf wirst Du mir Dein Ehrenwort geben.“ Das gab er. — „Es muß ein Mißverständniß sein“, sagte ich. „Nun werde ich gleich zu dem Mädchen hinlaufen und Dir ihre Achtung holen.“ Damit ging ich. Ich kannte sie gar nicht, ließ mich melden, und bat, einen Augenblick allein mit ihr sprechen zu dürfen. Sie stutzte, bat mich aber, ihr in ein anderes Zimmer zu folgen. Hier nahm ich die Pistole aus der Tasche, hielt sie ihr hin und sagte, indem ich mich tief verbeugte: „Mit dieser Pistole wollte mein Freund sich eben erschießen, weil er glaubt, daß Sie ihn verachten.“ Sie sank auf einen Stuhl, war einer Ohnmacht nahe, und wenn in diesem Augenblick Jemand ins Zimmer gekommen wäre, und hätte die Dame halb todt hingesunken und einen fremden Menschen mit einer Pistole in der Hand gesehen, so hätten sie mich vermuthlich als einen Mörder gefaßt. Glücklicherweise kam Niemand, sie kam wieder zur Besinnung, dankte mir auf das Verbindlichste und versicherte, daß sie die größte Achtung vor meinem Freunde habe, obgleich sie gestand, daß sie ihn nicht lieben könne. „Ja, das ist schon gut“, sagte ich, „mehr verlangt er nicht.“ Ich verbeugte mich, eilte nach Hause, und brachte dem Unglücklichen die Achtung seiner Schönen; er athmete wieder leicht, beschloß zu leben und lebte noch viele Jahre. — Es waren Narrheiten! wird man sagen. Ganz richtig! Die Jugend begeht, wie das Alter, viele Narrheiten. Aber wo findet man die Grenzlinie zwischen Ernst und Tand in dem menschlichen Herzen, und wie oft hat nicht eine flüchtige Thorheit den Menschen das Leben gekostet. Es ist doch sehr möglich, daß ich das Leben des guten Freundes rettete. Er versicherte mir später oft selbst, daß es sein Ernst gewesen sei; und er war ein junger Mann von Character.
Tod meiner Mutter.
Wie ich kurz darauf selbst verliebt wurde, aber glücklicher, als mein Freund, werde ich bald erzählen. Zuerst aber traf eine traurige Begebenheit ein, nämlich meiner geliebten Mutter Tod.
Meine Mutter hatte einen seltenen Verstand, ein starkes Gefühl, das sich in ihrem Krankheitszustande doch etwas der Schwärmerei näherte. In ihren letzten Jahren suchte sie meistentheils Trost in der Religion, las viel in Schmolke's Andachtsbuch, in Gellert's und den alten deutschen Psalmen. Besonders war „Jesus, meine Zuversicht“ ihr Lieblingspsalm. Auch las sie fleißig Predigten, wenn sie nicht in die Kirche gehen konnte. Sie hatte sich stets bemüht, die Herzen ihrer Kinder frühzeitig für fromme Gefühle zu stimmen. Wir setzten in unserer Kindheit am Weihnachtsabend große Zinnteller auf den Tisch im Staatszimmer und gingen in die andere Stube, wo wir das Evangelium lasen und Weihnachtspsalmen sangen. Indessen hörten wir den Engel drinnen im verschlossenen Zimmer die Teller mit Nüssen, Aepfeln und Confect füllen. Mehrere Jahre glaubten wir wirklich, daß ein schön geflügelter Engel vom Himmel herabkam und uns die Gaben brachte. Eines Weihnachtsabends spielte ich vorher mit meiner Schwester auf dem Hofe; der Himmel war mit Wolken bedeckt, nur ein kleiner klarer Fleck war von der blauen Luft zu sehen. „Siehst Du“, sagte ich, „da ist das Loch! da kommt er gewiß durch.“
Während nun vierschrötige, lustige Holsteiner, die mit Grützwaaren und Käse nach Kopenhagen segelten, meinen Vater besuchten und mit ihm von ihrer Jugend schwatzten: suchten in der letzten Zeit, als meine Mutter schwächer geworden war, einige fromme Handwerksmeister von den sogenannten Heiligen, sie für ihre Secte zu gewinnen. Sie brachten Gebetbücher mit, und ich hörte sie viel von „des Lammes Blut“ sprechen. In den Gebetbüchern waren auch Kupferstiche, mit Lämmern darauf, welche Siegesfahnen hielten. Nach einigen vergebens angestellten Versuchen zogen die Frommen sich doch zurück und sollen gesagt haben: Bei der Frau wäre vielleicht noch einige Hoffnung gewesen, aber mit dem Manne sei kein Auskommen. Sie kränkelte nun mehr und mehr und näherte sich dem Grabe. Sie hatte stets innigen Antheil an meinem Schicksale genommen, hatte mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es mir auch durch mütterliche Pflege in einigen Kinderkrankheiten gerettet. Meine Mutter liebte mich innig und ich glich ihr sehr. Das Gefühl der Wehmuth und einen tiefen Ernst bekam ich von ihr, von meinem Vater Gesundheit und Munterkeit. Einbildungskraft und Feuer hatten sie Beide, er mehr für das Lustige; das Tragische erbte ich von meiner Mutter. Und doch sollte sie keine Früchte meiner Muse sehen und sich darüber freuen! Kein Lorbeerblatt sollte ich ihr bringen und es mit ihr theilen; nur auf ihr Grab konnte ich es legen. Und wie groß wäre ihre Freude gewesen, wenn sie nur eine Ahnung davon gehabt hätte, daß ihr Sohn etwas mehr, als das ganz Gewöhnliche werden würde. — Aber die hatte sie doch! Ich theilte ihr meine ersten kleinen Jugendversuche mit, und diese erfreuten sie.
An dem Abend, wo ich zum ersten Male auf der Bühne auftrat, war mein Vater im Theater gewesen, meine Mutter und Schwester waren aber zu Hause geblieben. In dem kalten, dunkeln Winterabend, gerade in dem Augenblicke, wo das Stück anfangen sollte, wurde meine Mutter so unruhig, daß sie es nicht länger im Zimmer aushalten konnte; sie ging in den Bogengang hinaus, weinte und betete für mich zu Gott. Hier traf sie die Frau des Wächters, die ihre Gefühle mißverstand. „Ach, Madame“, sagte sie, „weinen Sie doch nicht, er kann sich ja noch bekehren.“
Von dieser Bekehrung, welche die gute Wächtersfrau prophezeihte, war meine Mutter doch noch Zeuge gewesen; und obgleich sie Nichts gegen mein erstes Vornehmen gehabt hatte, so freute mein veränderter Lebensplan sie doch nichts destoweniger, weil sie fühlte, daß mein schüchternes, empfindliches Wesen der Freiheit und Ruhe bedürfe, wenn es sich recht entwickeln solle.
Ich sah sie also hinsinken, nachdem sie einen zärtlichen Abschied von uns Allen genommen hatte. Ich sah ihre Augen, die den meinigen so sehr glichen, erlöschen und brechen. Die Hände, die mich so oft gehegt und gepflegt hatten, griffen unstet nach dem Bettzeug, und die kalten Fingerspitzen berührten einander in dem gewöhnlichen Todesspiele. Und so schlummerte sie ein; mein Vater drückte ihr die Augen zu, und Gellert's Psalmen, die sie im Leben so begeistert gesungen hatte, legte er auf ihre Brust. Nun ruht sie auf dem Friedrichsberger Kirchhof, wohin mein Vater und meine Schwester ihr folgten, wo Camma Rahbek ruht, und wo auch ich einmal zu ruhen wünsche.
Christiane Heger.
Gleich nach dem Tode meiner Mutter machte ich auf dem Hügelhause die Bekanntschaft der Schwester der Frau Rahbek, einer Tochter des Justizraths, späteren Etats- und Conferenzraths Heger; Christiane Georgine Elisabeth Heger: ein sehr hübsches Mädchen von siebzehn Jahren, gesund und kräftig, mit großen, blauen Augen, schneeweißer Haut, Rosenwangen und mit einer Haarfülle, wie ich ihres Gleichen nie gesehen habe; denn wenn sie die langen blonden Haare herabfallen ließ, so konnte sie sich ganz darin einhüllen. Als ich sie zum ersten Male sah, band sie einen Kranz von Kornblumen, ich habe den Kranz aufbewahrt, und einige der abgefallenen Blätter blieben lange Zeit blau. Jetzt sind auch sie gebleicht. Sie ist nicht mehr! —
Wie gern ich also zu Rahbek's „Hügelhause“ ging, begreift man leicht. Nach einem schönen Spaziergange traf ich dort einen launigen Dichter, eine lustige, witzige Freundin, eine seltne Gastfreundschaft und ein schönes Mädchen, die sehr ruhig bei ihrer Handarbeit saß, in deren Augen ich aber doch, wenn sie von der Arbeit aufblickte, eine gewisse Aufmerksamkeit für mich zu lesen glaubte.
Nun ging es ganz vortrefflich mit lustigen Erzählungen und Gesprächen den ganzen Abend. Frau Rahbek hatte eine eigne Art, sich Freunde und Anhänger zu erwerben: sie neckte sie unaufhörlich, lauschte ihnen ihre Eigenheiten und kleinen Schwächen ab, hatte sie auf die liebenswürdigste Art von der Welt zum Besten, machte mit unendlichem Witz ihre Persönlichkeiten nach (denn sie hatte, wie alle Hegers, das Talent, die Stimme und Bewegung anderer Menschen höchst treffend nachzuahmen), und gab ihnen Spitznamen, und Keiner, der zu ihr kam, wurde von ihr bei seinem rechten christlichen Namen genannt. Mich nannte sie den Adagiospieler, weil ich einem Adagiospieler gleichen sollte, den sie gekannt hatte; ihre Schwester nannte sie Atair, weil Christiane einmal diesen Stern genannt hatte, und weil Camma (eine Zusammenziehung von Karen-Margaretha) fand, das sei zu viel Astronomie für ein so junges Mädchen. Rahbek, der etwas diogenisch in seinen Manieren war, mußte sich als liebes Kind darein finden, viele Namen zu haben. Meine Schwester nannte sie Oder so was, weil Sophie, wenn sie sprach, diese Worte oft wiederholte. Mein Vater hieß Pole, weil er mit seiner weichen, raschen Zunge größtentheils Polekum, statt Publikum sagte.
Auch Freunde wurden von dieser Anabaptistin umgetauft; und dann konnte es zuweilen wohl nach Verdienst treffen, daß die Satyre etwas geißelte. Uebrigens wußte sie stets mit Grazie und Feinheit, Achtung und Schonung mit ihrem Uebermuthe zu vereinigen; so daß sich Jeder sogar einen solchen Beinamen von ihr wünschte.
Da nun alle diese Benennungen eine historische oder allegorische Bedeutung hatten, so bildete sich nach und nach unter uns auf dem Hügelhause eine Art Mythologie, in die man eingeweiht sein mußte, um die Kunstwerke solcher Laune und Munterkeit zu genießen, zu der wir Anderen auch unser Schärflein beitrugen. Ein Fremder hätte nicht ein Wort von unseren täglichen Scherzen verstanden.
Meine Verlobung.
Begleitete ich nun nach einem solchen muntern Abende Christianen im schönen Mondscheine oder in einer sternenklaren Nacht nach Hause, so verstummte plötzlich die Munterkeit; ich wurde stumm, verlegen und ernst, und sie gleichfalls. Größtentheils gingen wir Arm in Arm in unseren eigenen Gedanken. Endlich gab die Liebe mir Muth, nachdem sie ihn mir so lange geraubt hatte; ich stammelte eine Liebeserklärung hervor; sie verstand meine Aphorismen ganz gut, und obgleich sie mir nicht sofort entgegenkam, ließ sie mich doch ohne Verzweiflung nach Hause gehen.