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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Vorwort. (continued 4)

Reading edition

Mein Schwiegervater.

Bald erlaubte sie mir, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Das war ein merkwürdiger Mann. Er war Witwer und bewohnte die unterste Etage seines eigenen Hauses. Vor dem Bombardement war er sehr wohlhabend. Er hatte eine Brauerei von seinem Vater geerbt; und obgleich er Assessor im Hof- und Stadtgericht war, konnte er doch mit Leichtigkeit die Brauerei verwalten, da er ein entschiedenes Talent für alle mechanischen Arbeiten und Künste besaß. Er stand sich gut und übte deßhalb viele Dinge nur zu seinem Vergnügen, und obgleich er es nicht in Allem zur Meisterschaft brachte, so kam er doch in vielen Dingen außerordentlich weit.

Er hatte sein schönes, großes Haus nach eignem Plane gebaut und außerdem die Zeichnung zu einem andern sehr hübschen Grundstücke gemacht. Er war ein guter Schmied, ein guter Tischler und Drechsler. Auch auf die Gärtnerei hatte er sich gelegt, und wetteiferte mit seinem Freunde Käsemacher, dem Gärtner des botanischen Gartens, wer die frühesten und besten Erdbeeren bekam. Er zeichnete hübsch und beschäftigte einige junge Maler in seinem Hause mit Decorationsmalereien. Auch Thorwaldsen brachte einige Jahre hindurch die Abende bei ihm zu, und zeichnete Bilder mit Bleistift für Karen Margaretha und Christiane, die noch klein war. Der Kapellmeister Schultz war Heger's Freund gewesen; von ihm hatte er Etwas von der Composition gelernt; er las fleißig in Kirnberger, componirte hübsche Melodieen und spielte sie auf dem Fortepiano, das er selbst verbessert hatte. Es konnte ihn amüsiren, ganze Stunden lang zu phantasiren, und wir Anderen hörten ihm gern zu. Er hatte sich fleißig auf die Optik gelegt; schliff Gläser zu großen Fernröhren, machte die Papparbeit dazu selbst, und schrieb ein kleines Buch in französischer Sprache über die Optik zu seinem eigenen Gebrauch. In Papparbeiten war er ein Meister, der in der ganzen Stadt nicht seines Gleichen fand; er machte die schönsten Kasten, außerordentlich dauerhaft mit hübschen, selbstgemalten Landschaften verziert und mit einem unvergänglichen Lackfirniß überzogen. Er war sehr freigebig mit diesen Arbeiten, schenkte deren an alle seine Freunde, und seine Tochter Karen Margaretha lernte von ihm die Kunst und die Freigebigkeit. Er war auch einmal ein eifriger Feuerwerker gewesen und machte Raketen, welche die gewöhnlichen um Vieles übertrafen. Aber als er eines Abends das Unglück hatte, daß eine Rakete, die er von einem Boote aus in die Luft ließ, in eine Scheune fiel, ohne doch weiter Schaden zu verursachen, verlor er die Lust zur Feuerwerkerei. Er liebte die italienische Sprache und erzählte gern von der Zeit, wo Sarti Kapellmeister gewesen war, und wo Alsani und andere Virtuosen italienische Opern auf dem Hoftheater aufgeführt hatten.

Zu diesem seltnen Manne kam ich nun schüchtern und bange; ich sagte ihm Alles rein heraus, daß ich seine Tochter liebe, daß ich hoffe, wieder geliebt zu sein, daß ich Advokat werden wolle, und daß Oersted mir versprochen habe, mich in zwei Jahren so weit zu bringen. Höflich und ruhig hörte er meinen Wunsch, klingelte, ließ seine Tochter rufen, sagte ihr mit wenigen Worten, wovon die Rede sei, legte unsere Hände in einander, und fing darauf gleich an, von anderen Dingen zu reden, womit er mir einen großen Dienst erwies; und mit einem solchen Manne konnte man gewiß über Vieles sprechen.

Mein Schwager.

Christiane's Bruder Karl war stiller, milder, aber auch witzig und satyrisch. Er ließ es bei den dramatischen Privatübungen bewenden, und studirte Theologie; aber so gewissenhaft, daß er niemals fertig werden konnte, obgleich er mehreren Candidaten half, die die beste Censur bekamen. Die theologischen Professoren baten ihn, doch endlich zur Prüfung zu gehen, da sie ihn nichts mehr lehren könnten, und versicherten ihm, er könne überzeugt sein, daß er gut bestehen würde; denn sie kannten ihn von den Examinatorien her. Es half Nichts! Der selige Bischof Münter, damals Professor, besuchte Rahbek, bei dem Karl Heger wohnte, einmal deßhalb, um diesen zu überreden; aber er verbarg sich vor dem Professor im Garten hinter den Bäumen, gleich Adam nach dem Sündenfalle vor unserm Herrgott; obgleich er nicht gesündigt hatte, sondern im Gegentheile für seine Tugenden gelobt werden sollte.

Dieser „kunstliebende Klosterbruder“, mein treuer, vieljähriger Freund, fand später als Bibliothekar bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Christian Frederik einen Platz, der sich am Besten für seine stille literarische Neigung und für seine bescheidne, contemplative Natur eignete.

Preisfrage.

Ich studirte nun ziemlich fleißig Jura, doch konnte ich es nicht unterlassen, kleine Streifereien in das Gebiet der schönen Literatur zu machen. Im Jahre 1800 wurde an der Universität die Preisfrage in der Aesthetik aufgestellt: „Wäre es nützlich für die schöne Literatur des Nordens, wenn die alte nordische Mythologie eingeführt und statt der griechischen allgemein angenommen würde?“ Das war Wasser auf meine Mühle; ich hatte mich viel mit der alten nordischen Literatur und mit der nordischen Götterlehre beschäftigt. Oersteds fanden auch, daß es hübsch sein würde, wenn ich eine akademische Preismedaille gewönne; und nun sattelte ich wieder mein Steckenpferd und schrieb eine Abhandlung, in der ich den Charakter der nordischen Götterlehre und ihre noch unbenutzten Schönheiten im besten Lichte darzustellen suchte.

Es wurden außer der meinigen noch zwei Abhandlungen eingeliefert, die eine von Stoud Platou, späterm Professor in Christiania, die andere von Jens Möller, der als Professor der Theologie in Kopenhagen starb. Stoud Platou führte die Sache der griechischen Mythologie. Das Urtheil des Professors Jakob Baden, das in dem Universitätsjournale abgedruckt wurde, lautete also:

„Ueber die ausgesetzte Preisfrage sind drei Abhandlungen eingegangen, welche alle sich durch Fleiß in der Untersuchung, durch Eifer und Wärme für die schöne Literatur im Allgemeinen, wie für die nordische ins Besondere, durch gründliche Einsicht in die Bedürfnisse dieser Literatur und Kenntniß der besten Schriften im mythologischen Fach, endlich durch einen klaren Vortrag und einen leichten und angenehmen Styl empfehlen. So viel Freude diese Gleichheit in den Verdiensten mir als Leser verursachte, so muß ich doch bekennen, daß sie mir die Lust als Richter benommen hat, irgend ein entscheidendes Urtheil über eins der eingereichten Stücke zu fällen, um so mehr, als ich nicht allein ein Urtheil fällen soll. Ich lasse es daher dabei bewenden, meine private Meinung zu sagen, die ich auf keine Weise für maßgebend und inapellabel betrachtet wissen will, da sie nur die Ansicht eines privaten Mannes ist.“ Darauf erkannte er Stoud Platou's Abhandlung, als der ausführlichsten und — nach seiner Ansicht — wahrsten, den Preis zu. Doch erklärte er selbst den Theil der Abhandlung, der ungeachtet der Vorliebe des Verfassers für die griechische Mythologie, die geschmackvolle Anwendung der nordischen Mythologie bespricht und billigt, für das Beste und Wichtigste; und den ersten Theil, in dem der Verfasser von uns abweicht, tadelt er als zu weitläufig und die aufgegebene Frage zum großen Theile unberührend. Ueber meine Abhandlung mit dem Motto:

Nil intentatum nostri liquere poetae, Nec minimum meruere decus, vestigia graeca Ausi deserere, et celebrare domestica facta.

sagt Baden: sie ist weniger weitläufig, scheint aber mehr die Frage Berührendes zu enthalten; ein Theil der Preisschrift ist mit Neuheit und Interesse ausgeführt, und würde den Verfasser, meiner Ansicht nach, würdig machen, den Preis mit dem Ersten zu theilen, wenn derselbe sich theilen ließe. Aber da der Preis nicht wohl der erstern Abhandlung vorenthalten werden kann, so verdient diese doch das erste Accessit. — Das zweite Accessit kann meiner Ansicht nach der dritten Preisabhandlung nicht verweigert werden. Auch dieser Verfasser zeichnet sich durch eine wohldurchdachte Vertheidigung der nordischen Mythologie aus.

Später bekam Professor Kjerulf den Auftrag, in Verbindung mit Baden zu urtheilen und er unterschrieb dessen Ausspruch.

All' das war nun recht gut; aber ich kam doch um die schöne Goldmedaille, die ich so gern meinem Vater nach Hause gebracht hätte, der sich noch mehr darüber gefreut haben würde als ich. — Ich ahnte damals nicht, daß diese Abhandlung mir mit der Zeit bessere Früchte, als eine Medaille tragen würde. Ihr hatte ich es ohne Zweifel zu danken, daß ich nach meiner Reise ins Ausland als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt wurde, da ich durch die Abhandlung, die einer Prämie würdig erklärt worden war, als akademischer Bürger das Recht erhalten hatte, ein Amt zu suchen, von dem mich sonst vielleicht die Form ausgeschlossen haben würde.

Baggesen's Abreise.

Baggesen wollte abreisen, um, wie man glaubte, für immer fortzubleiben. Ich hatte oft mit großer Freude seine „komischen Erzählungen,“ seine „Jugendarbeiten,“ sein „Labyrinth“ gelesen. Die wunderbare Mischung von Witz und Gefühl, von Begeisterung und Spott, von Vielseitigkeit und stark hervortretender Persönlichkeit bei ihm hatte etwas Aehnlichkeit mit Jean Paul, obgleich ich in Baggesen's graciösen Witzen bald das Herz und die Geistestiefe jenes unsterblichen Dichters vermißte. Aber dann konnte Baggesen wieder diese allerliebsten, leicht fließenden Verse schreiben! Daß er als ein armer Junge so Viel in der lateinischen Schule in Slagelse hatte ausstehen müssen, rührte mich auch. Trotz Armuth und Krankheit war er stets lustig geblieben; nur die Sehnsucht der Liebe konnte ihn wehmüthig und niedergeschlagen machen.

Eine ritterliche Achtung, ja Anbetung für das schöne Geschlecht, eine starke Begeisterung für das Hohe in der Natur zeichnete ihn vor anderen humoristischen Dichtern aus. Daß er nicht den gesunden Verstand eines Holberg's und eines Wessel's hatte; daß er wohl brillanter in seiner Satyre, aber weniger wahrheitsliebend und billig war, daß seine Begeisterung sich oft in einem Schwulst verlor, konnte ich noch nicht recht bemerken. Ich liebte diesen Proteus:

Erstlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne, Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach' und ein zürnender Eber, Floß dann als Wasser dahin und rauscht' als Baum in den Wolken.

ich wollte ihn gern fassen und ihn einmal in der Nähe betrachten, ehe er sich ins Wasser verlor, und vielleicht für ewig unser Eiland verließ. Auf dem Theater hatte ich ihn freilich oft als administrirenden Director in seinem großen gelben Ueberwurf umhergehen sehen. Aber da lief er umher, wie auf dem Deck in Meeresnoth ein Schiffer, der selbst das Steuern nicht versteht und den Nächstkommandirenden schalten und walten läßt. Dort war er mir auch zu vornehm; der Abstand zwischen uns war zu groß, und ich mochte mich ihm nicht nähern, aus Furcht, daß er zu stolz sein würde.

Alles, dessen ich mich von seiner Administrationszeit erinnere, ist, daß mein Auge oft auf dem Fleck in seinem Ueberwurf ruhte, der mit einem Pletteisen eingebrannt war. Auch entsinne ich mich deutlich, wie eine Schauspielerin ohne viel Talent, aber stets häuslich mit Nähnadel und Zwirn in der Tasche versehen, ihn eines Abends im Foyer aufhielt, um ihm einen Riß zuzunähen, der eine allzuweite Fortsetzung des Schlitzes an seinem Mantel bildete; unter dieser Operation verhielt er sich sehr höflich, aber auch etwas passiv. —

Nun wollte er fort und uns vielleicht auf ewig verlassen! Er hatte gesagt, daß er in der Zukunft nicht mehr dänisch schreiben wolle. Dies Alles betrübte uns, seine jungen Bewunderer. Wir hatten den allzufrühen, nationalen Tod eines schönen Geistes zu beklagen.

In diesem Gefühle faßten Hans Christian Oersted und ich den Entschluß, ein Fest in Dreyer's Klub, dessen Mitglied ich geworden war, zu veranstalten. Wir ließen eine Einladung umhergehen, und, obgleich Baggesen schon damals viele ausgezeichnete Männer gegen sich hatte, welche gerade heraus sagten, daß er es nicht verdiene, so setzten wir es doch durch. Er wurde zu einer Abendgesellschaft eingeladen, bei welcher Gelegenheit ich folgendes Gedicht an ihn verfaßt hatte, das die Gesellschaft für ihn begeisterte:

Der mit Geistes Waffen schweigen machte Dummheit, der die Lüge kühn bezwang, Der ins Auge frohes Lächeln brachte, Aus dem eben noch die Thräne drang; Der Gefühl und Wärme hat gegossen In die Brust uns, wo sein Bild jetzt weilt, Sei von unserm Bruderarm umschlossen, Eh' von Dänemark er nun enteilt. Darum hörst Du, seltner Dichter, klingen Unsre Stimme, die im Chor sich hebt, Darum, edler Dichter, wir Dir bringen Was für Dich in unserm Herzen lebt. Schwach ist unsre Stimme! Gleich der Deinen Steigt sie nicht zum Pindus hoch empor, Voller Wehmuth nun wir uns vereinen, Rufen Lebewohl Dir zu im Chor. Habe Dank für jedes Deiner Lieder, Das bei frohem Mahle hier erklang! Oft wohl singen wir sie freudig wieder, Denken stets des Dichters beim Gesang. Wenn die Stimmen dann sich laut erheben, Wenn sie tönen an dem dän'schen Strand, Möge ahnend dann Dein Herz erbeben, Wenn Du denkst ans theure Vaterland. Willst Du jetzt auch in die Ferne ziehen, Kehrst Du doch, wir hoffen's, einst zurück. Sahst ja hier die ersten Tage fliehen, Hier verlebtest Du der Jugend Glück. Nirgends blühen ja die Rosen reicher, Nirgends sind die Dornen ja so klein, Nirgends, nirgends ist das Lager weicher, Als, wo unsre Wiege stand, allein. Aber mußt Du Sein Gebot erfüllen, Giebt das Schicksal Dir ein fernes Grab, Soll die fremde Erde Dich umhüllen — Blick' von dort auf Dän'mark dann herab! Jedes Auge wird die Thräne feuchten, Jede Lippe flüstert weh und bang: Möge Freud' für jede Freud' Dir leuchten, Die den Dänen schenkte Dein Gesang.

Ein Exemplar dieses Gedichts, das er während des Absingens in der Hand gehalten hatte, gab er mir von Thränen durchnäßt zurück, indem er mich umarmte, mich küßte und mir seine „dänische Lyra“ vermachte, die er nun nicht mehr zu schlagen gedachte. — Einige Tage darauf reiste er fort und ich übernahm die Korrektur des ersten Theils seiner Werke, die er bei Brummer herausgab.

So machte ich die Bekanntschaft des Mannes, der einige Zeit darauf eifrig meine Freundschaft suchte und später, ohne Grund, mein bitterster Feind wurde.

War es nun Apollo mit seinen neun Musen oder Bragi bei der Harfe und Idun mit ihren Aepfeln der Verjüngung, die mich immer, wenn ich recht fleißig Jura studiren wollte, störten? — Ich weiß es nicht. Aber gestört wurde ich; und war es nicht geradezu von ihnen, so riefen sie bald Venus oder Freia, bald Mars oder Thor zu Hülfe; ja wir werden sehen, wie sogar Mimer oder Minerva sich hinterlistig gegen meine Jurisprudenz verbinden.

Der zweite April 1801.

Der zweite April 1801 erschien, an welchem Tage eine große englische Flotte von unserm Dutzend Blockschiffen hart mitgenommen wurde, die nach der Schlacht Wracks waren, wie vorher. Nelson, der Schreck der europäischen Seemächte, wurde in diesem Kampfe durch einen kleinen Haufen dänischer Seeoffiziere überstrahlt. Es ist Wahrheit, es ist ein Factum! Darum achtete Napoleon die dänischen Seeleute hoch und hat von dieser Schlacht stets mit ehrender Bewunderung gesprochen.

Das Gefühl der alten Heldenehre zur See hatte sich ganz der Nation, und besonders der Hauptstadt bemeistert. Alle kleinlichen Laster der Zeit: Mißgunst, Geiz, Hochmuth, Eitelkeit, Verleumdung, hatten sich gleich feigen Verbrechern im Dunkeln verborgen. Dagegen traten überall Brudersinn, Wohlwollen, gegenseitige Hülfe und Beistand hervor. Fremde Menschen, die sich nie früher gesehn hatten, drückten einander begeistert die Hand, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Eine unbeschreibliche Munterkeit verbreitete sich über die ganze Stadt. Der alte Matrosenwitz schien sich allen Einwohnern mitgetheilt zu haben, und es regneten Einfälle und Spöttereien über die Engländer.

Bei dieser Gelegenheit wurden, ehe der Feind sich dem Sunde näherte, mehrere Freicorps errichtet; auch die Studenten vereinigten sich, und bildeten unter dem Commando des berühmten Physikers, Oberhofmarschalls Hauch, zwei Bataillone.

Man wußte nicht, ob die Engländer die Stadt bombardiren würden. Die Studenten erhielten die ehrenvolle aber gefährliche Aufgabe das Zündrohr aus den hereingeworfenen Bomben zu ziehen, ehe sie sprangen. Wir lachten, verstanden die Gefahr nicht, und ließen das Schicksal walten. Bald bemerkten wir, daß die englischen Bomben uns nicht erreichen konnten, weil die Blockschiffe einen breiten Wall rund um Kopenhagen bildeten.

Ich stand mit mehreren Bekannten auf dem Altan der Seecadetten-Akademie, und blickte auf die Schlacht, welche nicht weit entfernt, gerade vor unseren Augen gekämpft wurde. Wenn zehn Mal von den englischen Schiffen geschossen wurde, so hörten wir es nur ein Mal von den Blockschiffen donnern. Oft flog eine glühende Kugel von der Quintusbatterie empor. Wir sahen jeden Augenblick englische Kugeln in den Wellen zischen, oder sich matt in den Sand der Küste bohren. Ueber unsere Häupter flogen die Bomben, gleich Raketen dahin, und sprangen in der Luft; nur sehr wenige erreichten das Land. Wir waren Alle in der gespanntesten Erwartung.

Um 4 Uhr war die Schlacht vorüber, und Nelson sandte einen Parlamentair ans Land, der einen Waffenstillstand vorschlagen sollte. Wir waren Alle froh, und gingen nach Hause, um unsern Gründonnerstags-Kohl zu essen. Unten auf dem Platze standen eine Menge bewaffneter Bürger. Ein kleiner jovialer Mann, mit der Kokarde am runden Hut, dem Säbel an der Seite, der Patrontasche auf dem Rücken und dem Gewehr auf der Schulter, stand unter den Anderen, und fragte mich, als ich vom Altan hinunterkam und vorüber ging: „Nun, wie ist es abgelaufen?“ „„Ach, mein lieber Landsmann!““ rief ich, und drückte ihm die Hände, „„Gott beschützt uns, unsere Brüder haben wie Löwen gekämpft!““ Ich würde mehr mit diesem wackern Landsmanne gesprochen haben, aber ein Student meiner Bekanntschaft zog mich an dem Aermel, und flüsterte mir in's Ohr: „Bist Du von Sinnen, daß Du auf offner Straße mit dem Kerl sprichst? das ist ja der berüchtigte Wirth, Prinz Kehraus!“ — „„Ich kenne ihn nicht,““ antwortete ich lachend, „„aber mag er sein, wer er wolle, in diesem Augenblick sind wir Alle Dänen und Alle Soldaten.““

Was weiter kommen würde, wußten wir nicht; aber fürs Erste konnte man nichts Besseres thun, als die Waffenübungen fortzusetzen, da in diesem Lärm doch weder Zeit noch Ruhe zu friedlicher Beschäftigung war. Das Studentencorps wurde unter dem Namen „Leibcorps des Kronprinzen“ organisirt, wir bekamen hübsche Uniformen, dunkelblaue Jacken mit weißen Litzen, grauen Hosen, Halbstiefeln mit Quasten, runden Hüten mit weißen Kokarden und schwarzen Federn. Die Unteroffiziere trugen silberne Epaulettes.

Es wurden verschiedene Feste nach der Schlacht zu Ehren der Seehelden veranstaltet. Die Gefallenen wurden zusammen in einem großen Grabe beerdigt, und Ein Hügel wurde über sie, wie über die Helden des Alterthums, aufgeworfen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich einige Gedichte. Es wurden viel gute Lieder gedichtet, aber auch unendlich viel schlechte und trivielle, was bei der eiteln Wiederholung des Abgenutzten nur die Begeisterung travestirte.

Nun wurden auch Unteroffiziere und Sergeanten für die Studenten gewählt. Offiziere konnten damals nur wirkliche Militairs werden; nur ein Paar Veteranen, Rahbek und Thomas Christoffer Bruun, die aus alter Studentenliebe in das Corps eingetreten waren, wurden als Lieutenants à la suite angestellt. Bei dieser Gelegenheit zeichnete Rahbek sich sowohl durch seinen außerordentlichen Eifer für den Dienst, wie durch seine Unbeholfenheit aus, die sich besonders beim Marschiren zeigte, wenn er bei feierlichen Gelegenheiten als Lieutenant mit dem Säbel in der Hand marschirte.

Ich wurde gleich Unteroffizier, und kurze Zeit darauf Sergeant und Fahnenjunker beim ersten Bataillon. Meine ästhetische Preisabhandlung und einige im „Zuschauer“ und in der „Charis“ abgedruckte Gedichte verschafften mir vielleicht die Stimmen zu dieser Wahl; denn ich hatte nur wenige persönliche Bekanntschaften unter den Studenten gemacht.

Das Lied vom braven Manne.

Ein seltsames Ereigniß muß ich erzählen, das zu dieser Zeit eintraf. Ich hatte Bürgers „Lied vom braven Manne“ gelesen, es begeisterte mich, und ich übersetzte es in's Dänische. Gerade als ich es beendigt hatte, trat L. Kruse in mein Zimmer. Ich frage: „Was giebt's Neues?“ — „„Hast Du nichts von dem heftigen Sturme heute Nacht gemerkt?““ — „Nein, ich habe ruhig geschlafen.“ — „„Es ist gewiß viel Unglück auf dem Meere geschehen,““ fuhr Kruse fort — „„aber ein Unglück wenigstens ist durch den Heldenmuth eines Seemanns verhindert worden. Die Leute auf einem gestrandeten Schiffe, weit draußen auf der Rhede, konnten sich nicht retten; tausend Menschen standen auf der Zollbude, keiner wagte sich hinaus. Da kam der Grossirer Staal Hagen, und versprach Demjenigen eine bedeutende Summe, welcher sie retten würde. Der Fischer Lars Bagge springt in ein Boot, rettet die Schiffbrüchigen mit Lebensgefahr, und bittet den Kaufmann, diesen das Geld zu geben; selbst wolle er nichts haben.““ — „Nein!“ — rief ich aus — „das ist zu seltsam!“ — „„Was meinst Du?““ — „Da liegt die ganze Geschichte poetisch beschrieben auf dem Tische! Ich brauche nur die Namen und einige Nebenumstände zu verändern.“ Ich erzählte nun Kruse den Zusammenhang, und er war eben so erstaunt wie ich. Das Gedicht wurde gedruckt und gefiel; aber den wunderbaren Zufall verschwieg ich, aus Furcht, daß man ihn für erdichtet halten würde. Viele Jahre später habe ich das Ereigniß in meinen gesammelten Gedichten, in dem kleinen Gedichte „die Vorahnung,“ welches der Romanze Lars Bagge folgt, erzählt.

Der ehrwürdige alte Tode war Rector in dem Jahre, wo ich Student wurde; er hatte meine kleinen Gedichte gelesen, und besonders hatte Lars Bagge ihm gefallen. In einem kleinen Gedichte, das er mir für mein Siofna gab, hat er mir zuviel Lob gespendet; unter Anderm stand da:

„Das Volk wird Dich preisen Als Schöpfer so herrlicher Weisen! Lars Bagge besangst Du, die That die ihn ehrt, Dein Lied ist des Retters, des trefflichen, werth.“

Ich fand das Lob übertrieben, ließ diese Verse weg, und bat den Verfasser, mir das Streichen derselben zu verzeihen. Aber dies war erst im Jahre 1802, und bereits im Jahre 1800 zeigte er mir väterliche Aufmerksamkeit. — Doch — ich habe ein Lied zu seiner Ehre in Dreier's Klub geschrieben. Als ich ihm nun die zehn Reichsthaler für meinen akademischen Bürgerbrief zahlen wollte, gab er mir dieselben mit den Worten zurück: „Clericus clericum non decimat.“ Dies rührte mich ungemein und gab mir Muth; es war die größte Ehre, die ich bis dahin genossen hatte.

Brief von Baggesen.

Baggesen sandte mir kurz nach der Schlacht vom 2. April einen Brief, angeblich mit Liedern, die jedoch nicht beigefügt waren, welche er mich dem Volke vorzusingen bat. Der Brief lautet folgendermaßen:

Paris, den 13. April.

Mein Freund!

Dir, dem ich meine dänische Lyra hinterließ, sende ich, dem Rachen des Todes entflohen, meinen ersten Seufzer an das Leben in beifolgenden drei Kriegsgesängen für die Vertheidiger Dänemarks.

Mein Herz glüht vor Sehnsucht darnach, mit meinen Brüdern zu stehen und zu fallen; aber ich bin gefesselt und krank mit meiner kranken Geliebten.

Laß die Kraft und das Feuer Deiner Jugend in die Seele der Dich umgebenden Brüder flammen! Singe ihnen zugleich mit den Deinigen meine Lieder! Laß sie fühlen, daß Baggesen's Geist mitten unter den Flammen bei ihnen ist!

Zehn Männer mit Dichtermuth sind in den Augenblicken des Schreckens mehr werth, als hundert Fehde-Prosaisten; hundert todestrotzende Helden dem Feinde gefährlicher, als zehntausend Söldlinge!

Laß eine Menge Exemplare, so wie die „Matrosenlieder gedruckt in diesem Jahre“, drucken.

Theile Exemplare der „Hymne für die Alumnen“ unter meinen lieben akademischen Mitbürgern aus.

Lösche meinen Durst nach Nachrichten durch die erste, zweite und dritte Post.

Dein

Baggesen.

Sende mir doch ein Exemplar des ersten Theils. Hiermit bezahle ich zugleich meine Liederschuld an den lieben Dreyer'schen Klub.

Grüße Rahbek und Rosing.

Später erhielt ich noch folgenden Brief:

Paris, den 11. Juli 1801.

Lieber Oehlenschläger!

Ich lebe, meine Frau und meine Kinder leben; ich liebe Sie, und werde Sie immer lieben.

Ich habe Ihren freundlichen lieben Brief mit den beigelegten Liedern erhalten; aber ich habe Ihnen seitdem zwei Mal geschrieben. Dies ist das dritte Mal.

Ich habe noch kein Exemplar vom ersten Theile, oder meinen Oden erhalten; ich wünschte ein solches doch sehr. Ich kann Brummer nicht begreifen. Er scheint mit dem Absatze zufrieden, wünscht mehr Manuscript, und macht mir doch die Fortsetzung unmöglich, indem er mir den Anfang nicht sendet. Wie soll ich die Noten ausarbeiten, wenn ich keinen Text habe?

Ich habe unaufhörlich, seitdem ich Kopenhagen verließ, bis vor wenigen Tagen unbeschreiblich schlecht gelebt. Mein geliebtes Weib war beständig bettlägerig, meine Kinder ab und zu kränkelnd und ich selbst gefährlich krank. In Bezug auf meine Existenz habe ich unersetzliche Verluste erlitten. Erst jetzt bin ich im Stande zu arbeiten.

Ich mußte vom quai Voltaire wegen Mangel an frischer Luft nach dem hôtel de l'Elisée Bourbon, Rue du Faubourg Nr. 66. ziehen, wo ich nun schön, bequem und so gut, wie auf dem Lande, auf den elyseischen Feldern, wohne.

Meiner Frau geht es etwas besser, und ich bin also — viel munterer. Aber —

Dania! quid merui? quo te, mea patria, laesi? Noch immer seufze ich vergebens nach eigentlichen Nachrichten. Außer einigen kleinen Briefen habe ich keine Antwort auf meine letzten zwölf Schreiben erhalten.

Auch Sie, Oehlenschläger! ertheilen mir sparsam Ihre Grüße.

Ich habe mit dieser Post an Brummer geschrieben. Veranlassen Sie ihn doch, mir endlich das mir zukommende Exemplar des ersten Theiles meiner Schriften zu senden. Früher schicke ich wahrhaftig keine Fortsetzung.

Wenn es Ihnen möglich ist, so sammeln und senden Sie mir die Blätter, in denen meine Unbedeutenheit, seitdem ich Dänemark verlassen habe, erwähnt ist. Es versetzt mich doch immer ein wenig in meine alte Stellung zurück, und giebt mir eine Illusion literarischer Anwesenheit, deren ich hier, wo kein dänisches Laub oder Blatt sich bewegt, sehr bedarf.

Haben Sie meine Ihnen zugesandten Kriegsgesänge die ohne meine Schuld, — denn sie waren vor der Katastrophe in der Mitte Mai gedichtet und hier gedruckt — so ärgerlich zu spät kamen, erhalten?

Ich fürchte, daß sie in Kopenhagen, nach Gott weiß welchen Varianten gedruckt, von Fehlern gewimmelt haben.

Verzeihen Sie meine Kürze! Ich schreibe kurz, aber antworte desto länger. Schreiben, schreiben, schreiben Sie an

Ihren

Baggesen.

Meine Frau grüßt Sie tausend Mal, und ich grüße unbekannter Weise tausend Mal Ihre Freundin.

Exercierübungen.

Es schien nicht, daß wir ferner einen feindlichen Ueberfall zu fürchten hätten; aber unruhig waren die Zeiten noch, und Waffenübungen machten arge Eingriffe in meine nächtliche Ruhe, deren ich in diesen Jahren, wo ich noch wuchs, zu bedürfen glaubte. Jeden Morgen um 6 Uhr mußten wir in dem kalten Märzmonat auf der Reitbahn am Christiansburger Schlosse sein, um Exercitien zu lernen. Als Sergeant mußte ich meiner Compagnie mit gutem Beispiele vorangehen, zuerst auf dem Platze sein, wenn die Uebungen beginnen sollten, und alle Namen aufrufen. Aber dann war auch die Arbeit vorüber, denn wir Unteroffiziere exercirten nicht mehr, und deßhalb fror uns auch am meisten. Verschiedene Scherze, die vorfielen, und für den Augenblick das Zwergfell erschütterten, konnten uns doch nicht lange warm halten; einige davon waren drollig genug.

So war z. B. in unsere Compagnie, die, wie die anderen, größtentheils aus lauter schlanken Jünglingen bestand, ein großer fetter Gastwirth gekommen, der sein Recht als alter Baccalaureus geltend machte, weil er lieber im Studentencorps, als im Brandcorps oder einem andern bürgerlichen Corps dienen wollte, wo er größeren Strapazen ausgesetzt zu sein fürchtete. Er war ein witziger, lustiger Kopf, aber er konnte es nicht leiden, wenn man auf seine Dicke stichelte, und er stand wie eine Art Falstaff unter uns. Der Major, der uns einexercirte, war ein muntrer Kriegsmann, der gern mitunter einen Scherz machte. Wenn er nun commandirt hatte: „Richt't Euch!“ so hieß es oft hinterdrein zu dem corpulenten Flügelmann: „Den Bauch 'nein, lieber Freund!“ Nun zog der Flügelmann den Bauch ein. Darauf untersuchte der Major die Rückseite der Linie, und dann hieß es wieder: „den Hintern 'nein, lieber Freund!“ — Nun wurde der dicke Flügelmann ungeduldig und rief: „Aber um Gotteswillen, wie soll ich mich denn drehen und wenden? Ich kann doch nicht in mich selbst hineinkriechen, und zum Theil verschwinden. Mein Körper muß doch seinen nothwendigen Kubikinhalt haben.“ Nun lachte die ganze Compagnie, und das war es gerade, was der Major und der Flügelmann wollten.

Der Generalmarsch.

Wenn der Wirth hier den Falstaff spielte, so fand ich selbst mich bald darauf in einer nächtlichen Scene als Don Quixote. Ich war eines Abends sehr früh zu Bett gegangen, weil ich durch die vielen Morgendienste ermüdet worden war. Wie ich gerade im süßesten Schlummer liege, werde ich plötzlich durch eine Trommel geweckt. Nun war uns in den ersten Tagen bei der Parole gesagt, daß wir uns augenblicklich, so wie Generalmarsch geschlagen würde, bewaffnen und auf der Reitbahn versammeln sollten, denn dann war entweder der Feind im Lande, oder die Stadt wurde bombardirt. Kaum hörte ich also die Trommel, als ich rief: „Nun ist die Stunde gekommen! Es gilt den König und das Vaterland! In Gottes Namen, unverzagt!“ Ich hatte bereits die Strümpfe, Beinkleider und Stiefeln an, und wollte mich eben mit dem Schwerte umgürten, — als es wieder trommelte, und ich hörte, daß es der Zapfenstreich sei, der jeden Abend durch die Straße ging. — Ach, mit welch seligem Gefühle schlüpfte ich wieder in's Bett, und überließ mich einem ungestörten Schlummer.

Erleichterungen im Dienste.

Früher hatten wir fast Alle nüchtern den Dienst thun müssen, denn die Meisten von uns konnten keine Erquickung zu so früher Stunde erhalten; aber nun wurde ein Marketender in den Colonnaden an der Reitbahn angestellt, bei dem man sich etwas zu Gute thun, und einen Zwieback und eine Tasse Thee bekommen konnte, wenn man zwei Schillinge hatte. (Ich hatte sie nicht immer). Freilich war der Thee so schwach, daß man ihn fast nicht schmecken konnte, und auch vom Zucker merkte man nicht gerade viel; aber für die Hauptsache war gesorgt, denn das Milchwasser war kochend heiß, und so konnte man sich doch wenigstens innerlich erwärmen.

Ein Glück kommt selten allein. Als ich eines Morgens umherging und in die königlichen Ställe blickte, während die Compagnieen excercirten, entdeckte ich einen leeren Stand mit einem Haufen frischen Strohs, wo ich fand, daß wir Sergeanten vortrefflich schlafen könnten, wenn wir die Namen verlesen hätten. Kaum hatte ich meinen Kameraden diese Entdeckung mitgetheilt, als wir einen Augenblick später auf dem Strohe lagen, wie beim Homer des Proteus flossenfüßige Seehunde auf dem Sande. Von diesem Tage an schliefen wir jeden Morgen in dem warmen Stroh, nachdem wir erst unsern heißen Thee getrunken hatten.

Bei der Fahnenweihe waren die Studenten auf dem Platz vor Amalienburg versammelt. Die Offiziere und Unteroffiziere kamen in die Zimmer zur königlichen Familie hinauf. Die Fahnen lagen auf dem Tische, und der Fahnenschmied stand dabei. Zuerst reichte er dem Kronprinzen einen Nagel; Se. Königl. Hoheit schlug ihn ein; darauf die Kronprinzessin, die ganze Königl. Familie, und endlich, nachdem der Chef und die Offiziere ihre Nägel eingeschlagen hatten, kam auch die Reihe an uns Sergeanten. Als die Fahnen fertig waren, trugen wir Fahnenjunker sie zu den Bataillonen hinab, wo der Eid geleistet und ein kecker Thaarup'scher Gesang nach einer schönen Melodie des alten Zinck abgesungen wurde.

Feldmanoeuvres.

Die Nachmittags-Manoeuvres auf dem Felde waren amüsant, wenn das Wetter schön war. Dann zogen wir mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen durch die Straßen, während die jungen Mädchen in den Fenstern standen, um ihre Geliebten oder Brüder vorübergehen zu sehen. Wir gaben uns dann alle Mühe, um in geraden Gliedern zu marschiren. Und der Marschall ritt voran, mit seinem Stern auf der Brust, und bei feierlichen Gelegenheiten mit dem Ordensbande über der blauen Uniformjacke.

Doch Horaz und Baggesen sagen:

„Naturam furca pellas ex, Sie kommt doch wieder, die arge Hex'.“

Es war nicht so leicht, die lebhaften Jünglinge Alle in Ordnung zu halten. So hatten wir einmal den Verdruß, daß einige Kameraden, in den letzten Gliedern, mitten auf der Straße stehen blieben, um Aepfel von einer Fruchthändlerin zu kaufen. Noch größeren Aerger hatte man mit halbgebildeten Soldaten, welche verlangten, daß der Offizier ihnen den Grund zu alle Dem sagen solle, was commandirt wurde, und die noch nicht begreifen konnten, daß zur Kriegszucht der augenblickliche Gehorsam gehört.

Eines Nachmittags übten wir uns auf dem Felde im Schießen. Ein junges Blut hatte sein Gewehr geladen, aber es vergessen, den Ladestock wieder aus dem Lauf zu ziehen, und stand nun, mit der freundlichsten Miene von der Welt, und zielt auf den Marschall. Glücklicherweise bemerkte dieser es bei Zeiten, schlug das Gewehr bei Seite und rief: „Mein Herr! Wenn Sie Ihr Gewehr geladen haben, sollen Sie den Ladestock herausziehen. Ich will Ihnen den Grund sagen: Weil Sie sonst den Anführer durch den Leib schießen!“

Diese geniale Gedankenlosigkeit, die sich, wie man behauptet, besonders der Künstler und Gelehrten bemächtigt, und zu deren Ehre Baggesen eine Ode geschrieben hat, hatte sich auch einige Mal meiner bemächtigt. Wir sollten Carré formiren; der Anführer ruft dann: „Bataillon“; der Fahnenjunker läuft acht Schritte vor, und nach ihm bildet sich die Colonne. Der Marschall rief also: „Bataillon“! Aber ich stand in Betrachtungen vertieft, und rührte mich nicht von der Stelle. Plötzlich hörte ich ihn rufen: „Oehlenschläger!“ Erschreckt erwache ich, laufe zwölf, vierzehn Schritte vor, um das Versäumte wieder gut zu machen, und das ganze Bataillon hinter mir her.

Ein andres Mal hatte ich den Fahnengurt umzuhängen vergessen; ich mußte die Fahne die ganze Zeit hindurch nur mit den Händen tragen; gerade deßhalb, glaube ich, blies ein heimtückischer Sturm den ganzen Nachmittag, und der noch schwächliche Fahnenjunker wäre fast umgeworfen worden.

Zu unseren Märschen und Uebungen hörten wir immer schöne Musik. Die Mitglieder der königlichen Kapelle hatten sich selbst angeboten, unsere Hautboisten für das erste Bataillon zu sein. Das zweite Bataillon bekam die Hautboisten der Leibgarde. Komisch war es im Anfange, wie die Virtuosen der Kapelle es diesen nicht gleich machen konnten, weil sie nicht darin geübt waren, unter freiem Himmel im Gehen zu blasen; vielleicht auch, weil Einige, die gewöhnt waren, Violine und Baß zu spielen, sich auf Blaseinstrumenten versuchten. Aber es währte nicht lange, so hatten sie den Handgriff weg.

An einem schönen Sommertage, als das Vaterland wieder Frieden hatte, wurden wir Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen vorgestellt. Er war mit unseren Fortschritten zufrieden, und lobte uns. Wir wurden auf dem Felde mit Wein und Backwerk tractirt. Junge Damen aus der Stadt kamen heraus und tanzten auf dem Felde mit den Studenten. Die Alten standen in großen Kreisen als frohe Zuschauer umher. Alles war nun Lust und Freude!

Friedliche Beschäftigungen.

Nun kehrten wir zu unseren friedlichen Beschäftigungen zurück. Ich kam jeden Tag zu meinem Freunde und Leiter A. S. Oersted; das dänische Recht hatte ich repetirt, das Naturrecht ebenso, aber das römische Recht war noch durchzumachen. Collegien besuchte ich nicht mehr viel, doch hörte ich einige Mal Schlegel. Mit Oersted's aß ich Mittags bei ihrer Tante, Madame Möller; dort saßen die jungen Gelehrten und Schöngeister von einem Haufen Bürgersleuten umringt, die uns oft lebhaft an die Personen in Holberg's Comödien erinnerten. Oft las — oder richtiger gesagt — spielte ich fast ein ganzes Stück von Holberg mit veränderter Stimme zur Unterhaltung vor dieser gemischten Gesellschaft. Besonders amüsirte mich in diesem Kreise der alte pedantische Schullehrer, der Erste, der mich davon überzeugte, daß eingewurzelte Lächerlichkeit nicht durch Comödien geheilt werden könne. Wir führten nämlich einmal wirklich den Erasmus Montanus auf; ich gab den Küster Peer und copirte den Schulmeister so gut, daß die ganze Gesellschaft ihn wieder erkannte. Er war auch gegenwärtig, erkannte aber meine Copie nicht, da er sein eignes Original nicht kannte. Er war sehr zufrieden mit meinem Spiel, als das Stück beendet war, und lobte Holberg, der so gut unwissende, bornirte Pedanten geschildert habe.

Privat-Theater.

Ein norwegischer Student Bull, später Justitiarius in Norwegen, sollte im Hause mit mir zusammen wohnen; wir vereinigten uns, und Madame Möller überließ uns noch den Saal neben meiner Kammer. Sie fand sich gern darein, daß wir zuweilen Comödie spielten, und gab mir selbst die Bettlaken, die ich dann mit kleinen Nägeln an den Fenstern festmachte, um gegen das Frühjahr hin ein künstliches Dunkel aus dem Theater hervorzubringen. Nur ein Mal, als wir „Liebe ohne Strümpfe“ spielten und das Stück etwas stockte, weil Jesper seine Rolle nicht konnte, und ich, als Mads, in der Verzweiflung, um die Pause auszufüllen, das neue Psalmenbuch hervornahm und in meinem jugendlichen Uebermuthe zu singen anfing: „Wenn uns die höchste Trübsal naht!“ tadelte sie uns auf eine gutmüthige, mütterliche Weise, indem sie zu den Anderen sagte: „Sie lachen selbst darüber!“

Während einer der Proben zu diesen Vorstellungen wurde ein Glasarm von einem Kronleuchter abgeschlagen. Eine alte Frau, die im Hause wohnte, bezahlte einen Thaler, um einen neuen anzuschaffen, wollte aber, daß ich als Director ihr dieses Geld wiedergeben solle. Da ich nun nicht das Unglück angerichtet und niemals einen Schilling übrig hatte, ließ ich sie mich vergebens mahnen; und es amüsirte uns Alle, wenn sie täglich über Tisch auf mich wegen des Thalers stichelte, den sie gut zu haben glaubte. Die arme Frau hatte viele Jahre darauf ein trauriges Schicksal; denn sie fiel eines Tages vom Stuhl, als sie ihr Mittagsschläfchen halten wollte, und dies wurde ihr Tod.

Oersted's assistirten auch, wenn wir Comödie spielten, aber das ist nicht ihr Fach; besonders hatte A. Oersted kein Geschick dazu, selbst zu kleinen Rollen konnte ich ihn nicht gebrauchen; und als ich ihm einmal den Mathias in den Jägern einstudirt und gesagt hatte: „Nun kommst Du, die Hände nachlässig auf dem Rücken, herein“, hatte er sie so in einander verschlungen, daß er sie beinahe nicht wieder auseinander gebracht hätte.

In Madame Möller's Hause wohnte eine alte taube Frau, die ihre ganze Liebe auf einen Schooshund geworfen hatte. An einem warmen Sommertage sperrte ich den Hund in den kühlen Ofen ein. Sie konnte ihn nicht bellen hören, ging umher und suchte vergebens. Endlich befreite ich den Hund in ihrer Gegenwart aus seinem Gefängnisse. Die alte Frau wurde sehr böse, obgleich wir sonst die besten Freunde waren, und sagte: „Das rathe ich Ihnen, daß Sie mir nicht wieder den Hund zum Narren halten!“

Man sieht, daß die Lust, Comödie zu spielen, bei mir von Neuem erwachte, als ich mein eigner Herr geworden war und ich es zu meinem Vergnügen thun konnte; ich trat auch in Borup's Gesellschaft ein, spielte aber nicht oft dort, sondern größtentheils nur in häuslichen Kreisen, wo ich selbst der Geist des Ganzen sein konnte.

Die Gebrüder Mynster.

In Dreyer's Klub war eine große Punschbowle, die bei gewissen feierlichen Gelegenheiten geleert wurde. Zu diesen Trinkgelagen waren die meisten guten Trinklieder, namentlich Rahbek's, verfaßt. Ich war eine Zeitlang oft Vorsänger und trank mit den Anderen, obgleich das Trinken niemals meine Sache war; aber die begeisternde Geselligkeit und der Gesang erfreuten mich. Auf diese Weise kam ich auch in eine nähere Bekanntschaft mit mehreren älteren, ausgezeichneten Männern, welche ich sonst nicht sobald oder nicht so genau kennen gelernt haben würde. Unter diesen waren die Gebrüder Mynster und Bentzon. Der Doctor, später Professor, Ole Hieronymus Mynster, war ein Jahr vorher mein Lehrer in der Naturgeschichte in der Schule für die Nachwelt gewesen. Ein vortrefflicher Kopf, voll von Humor, Verstand und Witz, ebenso wie sein Bruder, der jetzige Bischof Jakob Peter Mynster; doch war dieser stiller und gelehrter. Meine erste Bekanntschaft mit Jakob war gleich heilend, wenn auch für den Augenblick schmerzlich. Wir trafen, wie gesagt, in Dreyer's Klub zusammen, wo die Rede auf meinen Held Lafontaine kam, den Mynster so stark und scharf tadelte, daß mir die Thränen in die Augen kamen. Er hat mir später erzählt, daß es ihm herzlich leid that, als er sah, wie tief es den armen jungen Menschen schmerzte, dessen Gesicht er gleich gern mochte. — Indessen riß er mir das Band von den Augen, und überzeugte mich, daß in den Lafontaine'schen Romanen nicht Das lag, was ich bisher darin zu finden geglaubt hatte. Bentzon, der kurz darauf Regierungsrath und später Generalgouverneur in Westindien wurde, war ein junger, kräftiger Mann, obgleich er hinkte. Er hatte ein schönes Gesicht, seltene Kenntnisse, viel Scharfsinn, aber kein feines Gefühl. Er war übrigens im Umgange lebenslustig, freundlich gegen seine Freunde, bewunderte jedes Talent, achtete jede Tüchtigkeit. Gegen die Mittelmäßigkeit war er unbarmherzig, grob gegen die Eingebildetheit, im Ganzen genommen etwas arrogant, und in späterer Zeit etwas geizig. Was Wunder, daß er Feinde zu Dutzenden bekam, besonders als er durch Schimmelmann in jungen Jahren sein Glück machte. Aber er kümmerte sich nicht sehr darum.

Er war jedoch nicht ohne Eitelkeit, besonders verdroß es ihn, daß er hinkte; und obgleich er lächelte, wenn O. H. Mynster auf seine scherzende Weise sagte: „Da kommt der lahme Bentzon!“ ärgerte es ihn doch. — Da er aber gewöhnlich so hochfahrend war, freute es uns, ihn auf diese Weise etwas zu demüthigen. Eines Tages ging ich mit ihm vor dem Thore spazieren. „Oehlenschläger!“ sagte er, „sage mir aufrichtig, hinke ich sehr? ist es sehr zu bemerken?“ — „„Nein!““ entgegnete ich, „„wenn Du still stehst, merkt man fast gar Nichts.““ Diesen Zug habe ich später in meinem Fragment Knud Lavard benutzt.

Bentzon.

Bentzon hatte ein paar Jahr vor unserer Bekanntschaft eine ästhetische Preismedaille gewonnen. Er hatte sehr viel Sinn für das Derbe und Tüchtige in der Poesie; das Flache und Trivielle verachtete er. Er verstand gut Griechisch, und liebte die Genialität in den griechischen Werken. Goethe, dessen Geist in seinen späteren Jahren eine antike Richtung genommen hatte, bewunderte Bentzon besonders in solchen Werken, in denen sich dies aussprach. Sehr viel Gewicht legte er auf folgende Goethe'sche Verse:

Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert, Daß Martial sich zu mir auch der Verwegne gesellt; Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten; Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt; Daß ich Natur und Kunst zu schauen mich treulich bestrebe; Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma beschränkt; Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich den Menschen verändert, Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht? Solcher Fehler, die Du, o Muse! so emsig gepfleget Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir.

Wilhelm Meister.

J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalität geheilt, und Bentzon mich auf das tüchtige Objective aufmerksam gemacht. Das war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas für das Herz. — Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt; besonders, da ich mich — wenn nicht von der Seite des Characters, so doch von der Seite der Ereignisse — in so naher Verwandtschaft mit Wilhelm Meister fühlte, daß ich oft in den ersten Büchern meine eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den Schauspielern und Seiltänzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch bei dem Grafen und der Gräfin, den närrischen, protegirenden Baron mochte ich auch sehr gern. — Aber Jarno und Lothario waren mir zu kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, daß Wilhelm sich von den steifen und stolzen Formen der Convenienz imponiren ließ; besonders da ich die Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort zu reden. „Die Bekenntnisse einer schönen Seele“ machten mich oft an meine Mutter denken; — deßhalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzückte mich der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte ich ganz den ersten Göthe, in ihrer Schilderung den vollendeten Meister wieder.

Jean Paul.

Aber meine nach Liebe dürstende Seele konnte sich mit diesen classischen Dichtungen nicht begnügen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres, in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth, in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H. Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte — und ich seinen Hesperus, Siebenkäs und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mußte ich mich hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht; ich mußte über Haiden gehen, durch Moräste waten, und Dornengebüsche durchbrechen, um zu den schönen Oasen zu gelangen, welche mitten in der Wüste der Weitläufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie labte mich die Quelle, wie belohnt fühlte ich mich. Jean Paul hat ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntniß von Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schöne Liebe für alles Schöne! Er hat sich an eine ermüdende Manier gewöhnt, die ihm zur andern Natur geworden und wohl auch ursprünglich aus seiner eignen hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschränkt haben, denn auch des Humoristen extravagante Natur läßt sich bilden, ohne das Characteristische zu verlieren. — Wie freuten mich seine komischen Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor, Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. — Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Königs, das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch ähnlich. — Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendröthe umher, verliert sich allzu oft in der Milchstraße und den Nebelsternen; doch lohnt es sich wohl der Mühe, mit diesem Luftschiffer in dem poetischen Ballon in die Höhe zu steigen, wenn man auch zuweilen Nichts vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnäßt wird. Wie viele schöne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weißen Blüthenschnee auf die Blätter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectüre seiner herrlichen Schilderungen geküßt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein Verfasser mich hinreißt.

O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen bis zum Abend in seinen Werken lesen zu können, obgleich ihm diese große österreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.

Göthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: „Wenn man nicht sowohl von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollständig zu Nichts, daß es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realität hervorbringt, alles Uebrige ist nur leer und eitel.“

Deßhalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen Verfasser spreche, Dir meine Gefühle und die Freude auszudrücken, welche die Lectüre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein wichtiges Stück meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden; sie schneiden einen großen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem er gefühlt hat. Aber ich glaube, daß auch ein Kritiker Zeichen von Phantasie und Herz geben muß, und wer das nicht kann und doch kritisirt, kritisirt eben ohne Verstand. Man muß mit Geist von Geist, mit Witz von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand, mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein Kritiker soll auch Künstler, Schöngeist, ein edler Mensch sein. Seine Untersuchung von dem Schönen muß selbst schön, von dem Edlen selbst edel sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, während er Andere aufklären will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Händen, wundert sich dann darüber, daß es keinen Zusammenhang hat, und trägt mehr, als irgend Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefühle und zur Verwirrung in der geistigen Welt bei.

Erwachendes Selbstgefühl.

Während ich nun mehrere solch' herrliche Bücher las, ging es mir, wie Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: „Anch'io son' pittore!“ oder wie der gute Hans Sachs in Göthe's Holzschnitt:

„Er fühlt, daß er eine kleine Welt In seinem Gehirne brütend hält; Daß die fängt an zu wirken und leben, Daß er sie gern möchte von sich geben.“

Dieses Gefühl äußerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht hatte, und einige junge und ältere Männer der Wissenschaft bei ihnen waren. Sie sprachen zuerst über verschiedene gelehrte Dinge. Ich saß still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläser der Anderen und ließ sie reden; wie ich überhaupt selten laut in großen Gesellschaften bin. — Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe, und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der dänischen Dichtkunst, daß sie seit Ewald's Zeiten so außerordentlich gesunken wäre. Bei diesen Worten erfüllt mich Geist und Feuer, ich stehe rasch auf, trete mitten in den großen Kreis, sehe ihnen Allen kühn und stolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Faust auf den Tisch schlage: „Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich, hol' mich der Teufel, wieder erheben.“

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder und ein kleines Stück: „der zweite April“, eine dramatische Situation, wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich die ganze Gesellschaft ausgelacht hätte; aber mochten sie mich nun aus Gutmüthigkeit nicht demüthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem Kerl muß doch Etwas stecken; — genug, sie schwiegen, blickten mich verwundert an, und nicht einmal ein spöttisches Lächeln strafte mich. Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich schlich mich wieder in meinen Winkel zurück und fühlte, daß ich eine Dummheit begangen hatte. — Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von einander, daß Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem Gewöhnlichen bringen würde.

Lustige Streiche.

Wenn ich nun im Klub war, und die große Bowle geleert wurde, so füllten die Anderen zuweilen tüchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, daß meine Schüchternheit und mein Schweigen verschwanden, und daß ich lustig und gesprächig wurde, wenn ich einige Gläser getrunken hatte. Eines Abends auf der Straße, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte mich Einer im Scherz, daß ich einen Rausch hätte. Ich bat gleich die forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: „Meine Herren, hier muß eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen nun meine Nüchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort hängt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!“

Es war dem Klubhause schräg gegenüber, auf einem Platze mit Planken eingefaßt, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich weiß nicht, ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewiß, daß daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend, befand. An der senkrecht hängenden Leiter kletterte ich also hinauf und stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen, daß ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafür, daß ich gerade einen hatte, denn nüchtern wäre ich bestimmt herabgefallen, wie ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam der Wächter und fragte: „was ich da zu thun hätte?“ — Ich antwortete ruhig: „„Ich studire Astronomie!““ Nun wollte er Lärm machen; aber meine Zuhörer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen Menschen nicht in seinen Studien zu stören. Er ging seiner Wege, und ich stieg glücklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.

Der Dichter Pram.

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des Dichters Pram, eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit großen Talenten, der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als daß er es in irgend einem zur Vollkommenheit hätte bringen können. Er schrieb nicht nur lyrische und epische Gedichte, heroische Dramen und Komödien, Singspiele und prosaische Erzählungen, sondern auch große, statistische Abhandlungen; er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete, hatte er, wie Madame Sevigné (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt, nicht Zeit kurz zu sein, sondern drückte sich gewöhnlich weitläufig in schwerfälligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit auszudrücken. In seinem epischen Gedichte Stärkodder stehen besonders die holprigen Verse und die Weitläufigkeiten vielen einzelnen Schönheiten im Lichte. Man reist, wie früher, auf dem Steindamme von Hamburg nach Lübeck. In einigen seiner Theaterstücke und Novellen sind gute Scenen und Stellen, in denen sich die dänische Nationalität mit Humor äußert. Sein Gedicht Emiliens Quelle ist mir stets als das hübscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich entgegen. Wir mußten auch Brüderschaft mit einander trinken. Ich habe keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmüthigkeit und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat. Aber er meinte nichts Böses damit, und wer ihn kannte, betrachtete sein Lärmen, wie das Klappern einer Mühle, während das nährende Korn dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flügeln zu nahe stand, zuweilen auf eine tüchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er hatte keinen Freund, dem er nicht die Thür gewiesen und mit Prügeln gedroht hätte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem, der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inländische von einigem Werth schätzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der französischen Schule und tadelte eifrig Göthe und Schiller; Lafontaine und Kotzebue ließ er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den französischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit Kotzebue Göthen vorgezogen? Und Menschenhaß und Reue und die zwei Brüder wurden im Théâtre français gespielt, beweint und beklatscht; eine Ehre, die kaum Göthe zu Theil werden wird.

Ich hatte eine kleine nordische Erzählung, die sich jetzt, durchaus umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet: Erik und Roller, geschrieben und wollte gern Pram's Urtheil darüber hören. Er bestimmte mir einen Tag zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript mitzubringen. Ich begrüßte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und ohne Vorwurf, daß ich vorgestern nach seiner Erlaubniß bei ihm gewesen sei, ihn aber nicht getroffen habe. — „Was?“ rief er aufgebracht, — „willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh' wieder und fahr' zur Hölle!“ — Ich bedachte mich einen Moment, was ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mädchen herein und stellte eine Tasse Kaffee für ihn auf den Tisch. „„Nein,““ — antwortete ich nun ruhig, — „„ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier und trinke Kaffee mit Dir!““ — „Das kannst Du auch!“ — antwortete er gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Versöhnung reichte; und zum Mädchen sagte er: „Bring' dem Herrn da auch eine Tasse!“ So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf aufmerksam gemacht, daß er mein Wirth sei, und sich davor hüten müsse, die schöne Pflicht der Gastfreundschaft zu übertreten. Nun waren wir wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen; dagegen erwies er mir späterhin oft die Ehre, meinen ästhetischen Vorlesungen beizuwohnen.

Deutsche Schriftsteller in Dänemark.

Die Tragödien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf Schimmelmann seine Wohlthäter; er sandte ihnen daher stets seine Stücke im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche! Die Dänen fingen erst später an, ihn zu verstehen und zu genießen. Alles muß seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands großen Geistern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die älteren dänischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram, konnten Göthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochte damals nur den ersten Göthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Götz' von Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur die Räuber, Fiesco und Cabale und Liebe. Später hat er selbst Wilhelm Meister und mehrere Stücke übersetzt. Baggesen (den wir fürs Erste nicht mehr zu den Dänen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Göthe hatte er einen eingewurzelten Haß, der wohl für den Augenblick gedämpft wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen kann, wenn er ohne spätere Veränderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit Aelteren zu äußern und zu vertheidigen, deren Gespräche stets seine liebsten Gefühle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er rasend und ich hitzig wurde. — „Höre,“ sagte er einmal, als wir von Schiller sprachen, „wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du sollst mir so ein Stück schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig Stockprügel verdient!“ Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: „„Lieber Pram, und wenn man Dich todt schlüge, Du könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben.““ — „Das ist, meiner Treu, sehr möglich,“ sagte er nun ganz freundlich; „ich habe auch nicht von mir gesprochen.“ Er brach auch eigentlich nicht in Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jüngern, der ihn, den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die großen deutschen Dichter; sie machten nur zuweilen unüberlegt ihrer bösen Laune in Worten Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschämt und einfältig der Holländer Bilderdyck von den großen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen die Dänen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.

O. H. Mynster.

Mein einziger Trost bei all' diesen ästhetischen Anfechtungen waren Mynsters. Diese, von einem ganz anderen Glauben, liebten Göthe und Schiller sehr und waren bereits in das Heiligthum eingetreten, um ihre zartesten Schönheiten zu fühlen.

Hieronymus Mynster hörte mit Geduld meine Verse an, und als Ersatz ließ ich sie ihn corrigiren, es amüsirte ihn und seine Bemerkungen waren größtentheils richtig. — Wenn ich ihn des Morgens auf dem Friedrichshospital besuchte und er frisirt wurde, wie es damals Gebrauch war, fand ich ihn zuweilen in komischer Unterhaltung mit seinem Friseur, einem ehrlichen Kerl, den er gern mochte, aber doch immer neckte. Oft sagte Mynster Ihr zu ihm, bloß weil er wußte, daß der Andere aus honnetter Ambition auch Ihr sagen würde; denn trotz seiner Ehrerbietung vor Mynster glaubte er doch, daß er seiner Ehre solche Repressalien schuldig sei. Zuweilen wollte derselbe Mann wissenschaftliche Kenntnisse verrathen, wo er deren nicht besaß, und das amüsirte Mynster am Meisten. Sie sprachen eines Tages davon, wie viel Grad es in der vorigen Nacht gefroren habe. „Herr Doctor,“ fiel nun der Friseur Mynster in's Wort, — „Grad — sind das nicht fünfzehn Meilen?“ „„Ja, sehr richtig,““ antwortete Mynster ganz ernst.

Er und sein Bruder Jakob, oder wie er ihn nannte, Job, schrieben Beide sehr hübsche Verse, sowohl dänische wie deutsche, in denen immer etwas Originelles und Geschmackvolles war; aber sie ließen Nichts drucken. — „Oehlenschläger!“ sagte Hieronymus eines Tages zu mir, als ich ihn besuchte, „ich habe eine Gespenstergeschichte geschrieben, willst Du sie hören?“ — „„Ja, mit dem größten Vergnügen!““ — „Nun dann setze Dich! ich will sie Dir vorlesen, sie ist nicht lang, aber erschütternd!“ — „„Lies, bester Freund! ich bin ganz Ohr!““ — Er las:

„Es war Mitternacht! Der Mond warf sein schwaches Licht auf die Marmorbrücke; die eingehüllte Gestalt mit dem Korbe unter dem Arm konnte nicht weiter gehen. Sie setzte den Korb auf den Rand der Brücke und schaute mit ängstlichem Blick umher, ob Jemand in der Nähe sei. Nur der Mond blickte mitleidig auf das schöne todte Kind“ — —

„Ja, weiter bin ich nicht gekommen,“ sagte Mynster ganz phlegmatisch, indem er sich erhob, legte das Blatt fort und ließ mich voller Erwartung mit offenen Augen und Ohren dasitzen. Das machte ihm nun Spaß.

Der Componist Weyse.

Wer damals nie meine Erwartung täuschte, wenn ich ihn zu Hause fand, war der Componist Weyse. Wir besuchten uns gern und es that uns nur leid, wenn wir uns verfehlten. Eines Tages, als ich ausgegangen war, fand ich mit großen Kreidebuchstaben an die Thür geschrieben:

Oehlenschläger ist nicht zu Hause, Sitzt vielleicht bei einem Schmause. Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'! Erde zittre, Welt vergeh'!

Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amüsirte ihn, lustige deutsche Knüttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte eine alte, taube Haushälterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder ärger als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lärmen war oft der Vorläufer zum schönsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schöne Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: „Der Eichwald brauset,“ riß mich hin, und ich benutzte sie später im Sct. Hansspiel. Er hatte begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe für die dänische Bühne umzuarbeiten.

Schriftstellerische Versuche.

In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las, beschäftigte mich besonders die altnordische Mythologie und Geschichte. Ich las Snorro Sturlesön und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer Tragödie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schönhaar's Geschichte, wo er die Kleinkönige bezwang, um die schöne Gyda zu gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff zu einer Reihe von Episoden hätte geben können. Einige solcher Episoden schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben läßt, um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte. Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewöhnlich, rieth mir aber auch zugleich, wie gewöhnlich, Nichts drucken zu lassen.

Ganz konnte ich dem Verfassergelüst doch nicht widerstehen. Ich hatte einen Musenalmanach Siofna herausgegeben, in dem eine Uebersetzung von Wieland's komischer Erzählung „der Fischer“ den größten Theil ausmachte. Ich schrieb sie während eines Nervenfiebers, das auch bald wieder vorüber ging. Von meiner nordischen Erzählung: Erik und Roller hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar hatte ich übersetzt; dies gab mir später die Idee zu dem Singspiel: „die Räuberburg.“ Göthe's Götz von Berlichingen übersetzte ich auch.

Ich studirte noch etwas Isländisch mit Hülfe von Björner's und Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die letztere übersetzte ich.

Der Alterthumsforscher Arndt.

Es ist mir öfter begegnet, daß, wenn ich eines literarischen Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmal Arndt, eine der merkwürdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den Hüften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war, so zu sagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrängten Grabsteine und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse. Alles, was da lebte, blühte, sproßte und kräftig in der Gesellschaft wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa betrachtete er wie eine große Studirstube, in der er zuweilen etwas weit umhergehen mußte, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm plötzlich einfiel, daß es doch wohl am Besten wäre, wenn er nach Venedig hinunterginge, um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen er etwas Dänisches aus der Zeit der Wäringer zu finden glaubte. — Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flüchen und Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er ließ sich von ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewöhnlich ihre Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschämtheit. Er glaubte, es sei ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer für das Alte, allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmädchen, das einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus. „Lasse sie,“ sagte er, „ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so spüle ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut.“ — Oft bekam er Schläge und wurde zur Thüre hinausgeworfen; aber das kümmerte ihn gar nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er sie, — nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn für ihn gab es keine Städte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.

Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich über meinen isländischen Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte mir einen Begriff von der isländischen Grammatik. Um neuere Poesie kümmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe, jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich eine Masse von ihm, und es amüsirte mich, mich mit dem Antiquar in das Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die unterirdische Höhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.

A. Oersted wird mein Schwager.

Ungefähr zur selben Zeit wurde ich durch eine höchst angenehme Nachricht überrascht. Anders Sandöe Oersted, der so oft mit mir nach Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof- und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhältnissen neues Leben. Hätte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge zu eifriger Studien, gekränkelt. Auch meine Schwester litt oft an den Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fühlte sie ein eigenthümliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung. Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwächen.

Die Dichterin Frau Koren.

Damals besuchte uns die Dichterin Frau Koren aus Norwegen mit ihrer Tochter Sara, einem schönen Mädchen von zwölf Jahren, voll nordischen Gefühls, Ernstes und Characters. Der Tod raubte dieses holde Kind wenige Jahre darauf in seiner blühendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das schöne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam, einer muntern Geselligkeit zu eröffnen. Sie dachte von allen Menschen gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein Schatz in der Gesellschaft! Die schöne Eintracht, das freundschaftliche Verhältniß, das sie zwischen Männern stiftet, hat wohlthuende Folgen, selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie Deiner liebevoll gedenken!

Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, daß mein lieber Lehrer Dickmann sie in frühern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.

Nächtliches Abenteuer.

Ehe mein Freund Bull mit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit ihm übte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb, disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schönem Mondenschein zankten wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewöhnlich fort. Ich dachte: „Wo will er hin? es ist jetzt zu spät, um wo anders unter Dach zu kommen; er kommt gewiß wieder.“ Ich legte mich zu Bett, verschloß die Thür nicht und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen, als ich erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da. Ich stand auf, setzte mich betrübt an den Theetisch und gerade, wie ich einschenken wollte, trat er vergnügt und munter ins Zimmer. „Guten Morgen, Oehlenschläger!“ — „„Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du denn heute Nacht?““ — „Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem Gartenhause im Südfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in einem Winkel desselben Gartenhauses.“ Ich glaubte erst, es sei Satyre, weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich hatte sonst nie von Stachelschweinen im Südfelde sprechen gehört. — Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz sonderbare Einfälle. Wenn er sich erkältet hatte, pflegte er Kampher in Bier zu thun, dies zu wärmen bis der Kampher zerlaufen war und es so zu trinken. Aber da er fürchtete, daß der Kampher beim Schmelzen verdunste und er dann nur das warme Bier trinken würde, wollte er es ein Mal besser machen und bröckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank dies dann mit den Stücken. Die Folge hiervon war, daß er in der Nacht ganz verstört im Kopfe erwachte. — Damals schlief er nicht mehr bei mir. — Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital hinaus. Auf Königs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte er: „Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.“ — „Ach, lieber gar,“ antwortete der alte Bang verdrießlich, weil er in seiner Nachtruhe gestört war; „'s ist ja eine reine Bagatelle, fahren Sie nur nach Hause und schlafen Sie den Rausch aus; morgen ist's vorbei. Und trinken Sie künftig nicht Bier mit Kampher.“ Der Doctor hatte Recht; am nächsten Mittag aß der Patient mit uns und hatte einen so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wäre.

Erste Bekanntschaft mit Steffens.

Ein früherer Kaufmann Richter hatte ungefähr zu derselben Zeit eine Restauration auf Königs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak aß und sehr guten Rothwein trank. Dort saß ich eines Mittags, als mir Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O. H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der ein schönes Gesicht voller Leben und Geist hatte. „Darf ich Dich,“ sagte Mynster zu dem Fremden, „mit einem jungen Manne bekannt machen, der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat?“ „„Ich habe bereits einige davon gelesen,““ sagte der Fremde höflich. „Du sprichst mit Dr. Steffens,“ sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige höfliche Worte und er ging mit Mynster fort.

Später erzählte Sander mir, daß Steffens ein eifriger Anhänger, ein wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr vor ihm in Acht nehmen müsse. Dies nahm ich mir ad notam.

Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel, äußerte mit Beredtsamkeit und Kühnheit viel neue Ansichten, wodurch uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der Küster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, daß die Erde rund und der Küster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaßen des Küsters und des Voigts Rollen und „fand in meinem Gewissen,“ daß Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als daß ich mich mit diesem muthigen Kämpen auf das Glatteis hätte wagen sollen. Doch that ich, was ich konnte und war der Einzige von allen Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm, daß Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte, suchte das Gegentheil auf alle nur mögliche Art zu beweisen. — Als Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten, daß ich die gute Sache gut vertheidigt habe. — Ich sagte: „Hört Kinder, Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich immer mit diesem Manne streiten will. Ich fühle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit, welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!“ — Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald auf.

Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere Schöngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der ihm für seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam gemaltem Getäfel; Jakob Böhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische. Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen aßen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg und im Südfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lärmte, nachdem ich etwas geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frühstücke ging ich nach Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht „die Goldhörner,“ um Steffens zu beweisen, daß ich ein Dichter sei, worin er nach den „einigen Gedichten, die er bereits gelesen,“ noch Zweifel zu setzen schien. Er gestand, daß er nach dem Gedichte was er gesehen, zu schließen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und Perücke gedacht habe. Dies war nämlich das satyrische Gedicht an Apoll, nach alter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es deßhalb trotzdem später in meine Sammlungen aufgenommen.

Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhörner gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so daß sie auf ewig für die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigniß faßte ich allegorisch auf und erzählte daß die Hörner zum Lohn für treues Alterthumsforschen gefunden, aber wieder von den Göttern fortgenommen seien, weil man keinen Sinn für ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie andere Curiositäten begafft hätte.

„Ei mein Bester,“ sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen hatte, „Sie sind ja wirklich ein Dichter.“ Ich antwortete ihm, daß ich es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und wir waren von dem Tage an unzertrennlich.

Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn er war in hohem Grade liebenswürdig, phantasiereich, verständig und gefühlvoll. Er äußerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen Jahren etwas Wahres und Schönes gefunden hätte; und waren seine Aeußerungen auch zuweilen übertrieben, so muß man dies theils der Natur der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu gehen, theils seiner feurigen Jugend.

Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe für die Poesie; dies äußerte er nicht nur begeistert, sondern deutete und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.

Ich hatte dies stets gefühlt, aber es war mir noch nie geglückt, die geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich mich tief in meinem Herzen gekränkt gefühlt, wenn ich die Poesie von Leuten von Bildung zu einer hübschen Nebensache herabwürdigen hörte, mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschäftigen könne, wenn es erst die besten Kräfte dem Nützlichen geopfert habe. Die Poesie war unnütz, das Nützliche war das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie rechnete man zu den niedrigeren Seelenkräften! Zuweilen ließ ich mich von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit darüber weinen, daß die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem bestimmt habe. Oft dachte ich: „Es ist doch seltsam! Um die Kunst auszuüben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener Naturgaben; um ein nützlicher Bürger im Staate zu werden, bedarf es nur des Fleißes und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser edler und ehrwürdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewöhnlichen Gang der Dinge. Doch es muß wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewiß edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewiß wieder edler als die Früchte, weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.“

Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das daher kommt, daß man das Nützliche als das höchste Ziel des Menschen betrachtet und das Nothwendige mit dem Höchsten vermischt. Bald sah ich ein, daß das Nützliche nur eine Bedingung für unsere irdische Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und gedeihen könnten; aber unser überirdisches Ziel als Menschengeister ist Kenntniß, Genuß und Ausübung des Wahren und Schönen, zu welcher Kenntniß und Ausübung in der höhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und Kunst gelangen können. Auch hier sah ich bald ein, daß die Ausübung des Schönen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da gerade das Wahre und Gute darin besteht, daß man das Schöne in allen Verhältnissen der Natur erkennt und ausübt.

Aus diesem Irrglauben des Nützlichen konnte man nun leicht alle Mißgriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die übertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklärung, welche nicht in einer wahren Aufklärung, sondern in einer egoistischen Vergötterung der Zeitansichten bestand; wozu gehörte, Alles zu verachten, was Bezug auf Phantasie und höhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltäglichen einen phantastischen Werth beizulegen.

Die neue Schule.

Diese Irrthümer hat die neuere Schule gut bekämpft, doch wenn es zur Selbstthätigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte Uebertreibungen.

Sie hatte vollkommen Recht darin, daß man früher das Poetische und Schöne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschätzt hat. Sehr viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule, welche alte Bücher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und von ihnen genährt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das Schöne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schön fand, blind für alle die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns einbilden wollte: daß die Zeit seitdem zurückgegangen sei und daß wir nichts Besseres thun könnten als künstlich wieder romantische Barbaren zu werden.

Es war rühmenswerth, daß die Minnelieder und Heldengedichte der Ritterzeit herausgegeben wurden, daß man auf den nationalen Character, das heroische Gepräge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen einzelnen schönen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als vollendete Meisterwerke zu rühmen; während man unbarmherzig und streng gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel Schönes war, verkannte und verurtheilte.

Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren zu lassen und das Schöne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist der Bilderstürmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das sich doch so herrlich mit der Religion verbindet und sie stärkt. Es war nicht mehr die Rede von schönen Kirchen, von Gemälden darin, von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rührenden Gesängen des christlichen Alterthums. Ein häßlich melancholischer Geist hatte sich vieler Protestanten bemächtigt. Sie betrachteten das Leben, gleich fanatischen Märtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das Poetische, das Heiter-Schöne in dem katholischen Gottesdienste, und daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's großen Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind für die Lehren neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernünftigen Ansichten thörichte Aufklärungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfältig ernsten Größe des geläuterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen Köhlerglauben über Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgüte und milden Gefühle als dumme Sentimentalität ausschalten, und Toleranz oder billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte Gleichgültigkeit bezeichnen sollte.

So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten, Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Härte und Kälte haben, so wenig, wie sein wissenschaftlicher Blick für die Natur ihn einseitig schwärmen ließ.

Gerade sein poetischer, für jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete, gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch Vorlesungen über Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten dieses großen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher nur die schöne Darstellung des Wirklichen oder Gedachten bewundert hatte. Ich bin später zu dieser ersten Anschauung zurückgekehrt, und glaube nicht, daß ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in Philosophie übersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke muß wohl das Ganze zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und Gefühl des schönen individuellen Menschlichen sind und bleiben die Hauptsache der Dichtkunst.

Göthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens' Lieblingsgedicht, und er äußerte Vortreffliches darüber. Steffens eigner poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, würde er mich wohl auch nicht so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache übersetzen ließ, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es mir doch eine Unmöglichkeit, mich selbst durch die terminologischen Systeme der reinen Vernunft, der ästhetischen Urtheilskraft, der Wissenschaftslehre und des Idealismus hindurchzuarbeiten. Ich verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um lange in diesen Büchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte mir nicht zu, und oft schien es mir auch, daß die Verfasser von dem geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu einem anderen Ziele zu kommen.

Novalis und Tieck.

Steffens Lieblingsdichter, Novalis und Tieck, las ich gern und oft. Wie freute mich Novalis mit seiner schönen, religiösen Sentimentalität, und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Söhne, Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die „blaue Blume“ winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen mystischen Schwärmerei hingezogen fühlte. Tieck war nun ganz anders! Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.

Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes „gestiefelter Kater“, seine „verkehrte Welt“ und „Zerbino“. Seine Märchen amüsirten mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines: Deus ex machina einen: Diabolus ex machina, den er, um die poetische Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu ärgern, meistens überall triumphiren läßt. Durch diese neu erfundne poetische Ungerechtigkeit wirkten seine Märchen noch stärker, als die schönen phantastischen Scherze des Musäus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm. Hoffmann hatte später versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden Zähneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine Wirkung nicht verfehlt.

Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntniß des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthümliches Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costüm auf der französischen Bühne einführte, so kann man sagen, daß Tieck ein der Ritterzeit würdiges Costüm in die deutsche Poesie brachte, wo man sich bisher mit Veit Weber'schen Plümagen auf den Helmen aus den verschiedensten Zeiten begnügt hatte. Goethe stellte in seinem Götz und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis zur Blüthezeit der Minnesänger und noch weiter zurück. Wie herrliche alte Bilder hat er uns nicht in seinem „getreuen Eckart“, den „Haimonskindern“, der frommen katholischen „Genovefa“ gegeben. In seinem „Octavian“ sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.

Neue Dichtungen.

Ich habe bereits erzählt, daß ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte. Statt also Geld zu verdienen, mußte ich 150 Thaler an Drucklohn und für empfangnes Honorar zurückbezahlen.

Dies war keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der Nichts besaß. Aber mit einem andern Buchhändler, Herrn Brummer, hatte ich ein Uebereinkommen getroffen, daß er einen Band Gedichte von mir herausgeben sollte. Glücklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung; aber mein Buchhändler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte mich also hin, schrieb ihm in größter Eile statt der verworfnen eine neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort davon zu sagen.

Hier hatte ich viele unserer alten Kämpeweisen zu größeren Romanzen bearbeitet. Ich führte den Ottaverim, so wie später die Terzine, die griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dänische Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Göthe's Fastnachtsspiel und die Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens darstellt. Zum Schluß hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten Nachtscene, die sich auf eigenthümliche Weise mit dem Ganzen verbindet. Diese Gedichte machten Glück und schafften mir einen Namen unter den dänischen Dichtern.

Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfällen in dem Sct. Hansspiele getroffen fühlten. Die alte poetische Schule hob sich natürlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott über das Nützliche und die Aufklärung ungerecht, und die Huldigung der alten Phantasieen gefährlich und unvernünftig.

Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den späteren Probst Holm, der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub eintrat und mich mit dem Rücken gegen die Wand in einen Winkel stellte, — sagte Holm lächelnd: „Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis fünf zählen könnte.“

Baggesen's deutsche Gedichte.

In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter denen das an Göthe mich in hohem Grade empörte. Meine große Begeisterung für Baggesen, die einer frühern Periode angehörte, war sehr verdunstet. Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen großen Theil Dessen zu verwerfen, was mich früher entzückt hatte, und das später wieder, wenn auch nicht gerade mich entzückte, so doch mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer Geschmack hatten meine Augen auch für Vieles geöffnet, dem gegenüber ich früher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation in die Augen. Diese hatte ich bereits früher einstimmig von allen seinen älteren Freunden und Bekannten tadeln gehört, und hieher paßte eine Anecdote, die Rahbek gern erzählte. Als er als Student bei seinem Vater in der großen Königsstraße in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlüssel vergessen hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spät nach Hause zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geöffnet wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlüssel vergessen, aber dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu öffnen, hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwind zu kümmern, zu Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der Hausthür auf- und abschreiten. Rahbek begrüßte ihn, und fragte ihn, ob er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: „Ich gehe ins Wasser.“ Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.

„Weißt Du was,“ sagte Rahbek, als er unter dem Deckbett lag, und Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; „magst Du nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lösche das Licht aus, wenn Du gehst!“ Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen lag Baggesen im süßen Schlummer ihm zur Seite.

Polemik gegen Baggesen.

Ich sagte, daß Baggesen's Gedicht an Göthe mich im hohen Grade empörte; dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust, ein großes Spottgedicht gegen Göthe, die erste Ursache zu seiner Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darüber bezeugte, auf diese Weise einen großen Mann zu verhöhnen. Um Göthe's Willen also hatte ich diese vieljährigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe ich es diesen wissen lassen; ich mußte es auch viele Jahre hindurch ertragen, daß Göthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen an Zelter (die ein Mann, der sich früher mein Freund genannt, und dem ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich genug war, herauszugeben) à la Baggesen behandelte. — In Baggesen's gröbster Periode gegen mich, rächte ich mich nicht dadurch, daß ich diese Gedichte drucken ließ. Ich fürchtete, daß man glauben würde, ich hätte sie geschrieben, um mich zu rächen, da sie doch nur aus Liebe zu einem großen Dichter und aus Mißbilligung gegen Baggesen's Wesen, mir persönlich aber durchaus fremd entstanden waren.

Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollständige, in der mein Verhältniß zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen großen Theil seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken lassen, ist es nöthig, daß die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift neutralisirt werde.

Man wird übrigens sehen, daß diese Arbeiten, in den Jünglingsjahren geschrieben, weit mehr übermüthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einfälle und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird als Geschmacksrichter und als sublimer Dichter behandelt.

An Baggesen. (Als er Göthe heruntergerissen hatte.)

In Corsöer auferzogen, Kamst Du zur Stadt geflogen, Du warst ein muntres Kind. Wie Holberg Wessel färbte, So dieser Dir vererbte Die Farbe ganz geschwind. Mit Kallundborg, Corsöer Du Hast leer die Mus' gemacht; Doch hast zu großer Ehr' Du Es durch dies Werk gebracht. Dann satt den fränk'schen Wust — Schriebst „Holger“ Du mit Lust, — Nicht allzu dänisch just; Ich hörte gar vermuthen Daß „Erik“ auch „dem Guten“ Ganz fehlt die dän'sche Brust. Den Ersten parodirt man, — Das war ein bitt'rer Trank, Den Zweiten pardonnirt man, Weil gut war der Gesang. Zu Zeiten Thränen rinnen, Wir Stellen lieb gewinnen, Wo's viel des Wassers giebt. — Ja, ich gesteh's mit Schmerze, Dich, guter Mann, mein Herze Hat einstens sehr geliebt. Mußt' Deine Triller schlagen, Ich summte Deinen Sang, Doch vom Verstand zu sagen — Der war kaum Ellen lang. — Oft möchte man entweichen Nach Sirius' fernen Reichen Und zu den Sonnen weit; Man liebt die Eminenzen, Das sind Reminiscenzen Noch aus der Kinderzeit. Sah ich Dich aufwärts fliegen, Da dacht' ich: Gott der Welt, Wie hoch ist der gestiegen, Ohn' daß er niederfällt? Du schenkt'st mir Deine Leyer, Als Zucker, Rum und Eier Die Herzen uns erweicht. Ich klimperte so schüchtern — Doch bald ward mir's zu nüchtern, Bald ward es mir zu seicht. Der Herr zu meinem Glücke Schenkt' mir Barmherzigkeit, Er öffnet' mir die Blicke, — Ich warf die Lyra weit. Das konnt'st Du nicht vertragen, Die Gab', hört' ich Dich sagen, Hätt' schlecht ich angewandt. Wie Götz von Berlichingen Hätt' ich mit ihrem Klingen Dir fast sie heimgesandt, Gleich ihm gesagt: „Im Leben Hast Du mich nicht gekannt; Drum will zurück ich geben, Die Du mir gabst, die Hand.“ Doch dacht' ich, alle Teufel, Der Mann hat ohne Zweifel Doch sicherlich Talent. Er geht als Scheerenschleifer Umher mit vielem Eifer Und singt dann excellent. Doch wie den Schmerz ich tödte, Als ich die Wund' vergaß — Sah ich Dein Lied an Göthe Und staunte, da ich's las. Was? Er singt „für den Pöbel“? Solch wurmzerfress'nes Möbel Wagt an den Helden sich? Du, Jens für Weib und Dirne, Tief in den Staub die Stirne Vor Göthe, paßt für Dich, Der gleich dem Fisch sich windet Im salz'gen Thränenmeer! Jens Baggesen verschwindet! Jens lebt jetzt gar nicht mehr! Da sah in einem Zimmer So fern vom Tagesschimmer Ich eine Frau allein. Sie konnte nicht vertragen Des Morgens schönes Tagen, Und nicht den Sonnenschein. Mit ihrem Blick, dem matten, Und ohne Lebensspur Saß sie im dunkeln Schatten Und liebt das Dämmern nur. Da schwand mein ganzes Grollen. Gott möge helfen wollen! So sehr beklagt ich dies. Laßt ihn in Frankreich bleiben Und deutsche Lieder schreiben Auf Holstein'sch in Paris. Denn schon als kleiner Schlingel Hast Du vor Freud' gelacht, Aß'st Du „Pariser Kringel“, Die hier zu Haus gemacht!

An Baggesen (1804).

Als lust'ger Slaglosianischer Student Warst Du excellent, Und wirklich ein kom'scher Scribent. Da fielst Du — Gott helf' in der Noth — In Vierländ'schen Koth. Strecktest aus dem Mist empor die Glieder, Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder; Nanntest Voß, Virgil, Racine — — Gott schütz' ihn! — Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen, Klopstockst Du umher auf Stelzen; Dünkst Dich 'nen Homer von Profession, Statt, lieber Mann, Was Du bist, was man Dir lassen kann, Einen lust'gen Patron! Schreib vom Jeppe doch immer! Homer wirst Du nimmer. Soll wieder blühen des Alterthums Kranz In seinem vollen Glanz Da bedarf's mehr, als der Plaisanterie, Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

Satyre gegen Pavels.

Ein älterer, etwas einseitiger Literatus, übrigens ein guter, einsichtsvoller Mann, und früher und später mein Freund, Pavels (als Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht der meisten Sachverständigen, schiefe Kritik über meine Gedichte. Ich rächte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich hier mittheile, insofern sie das Verhältniß schildert, wie ich als kämpfender, aufbrausender Jüngling zu den anders denkenden Dichtern und Literatoren jener Zeit stand.

Daß in den Liedern Du die Spur Nicht fand'st von Mythen der Natur, Das kann ich allenfalls begreifen. Auch will ich die Erklärung sparen, Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren, Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen. Daß Shakespeare, voll Verstand, doch „keinen Geschmack gezeigt“, — das will ich meinen; Nie schrieb er solche Recension! Nicht der Geschmack würd' ihm behagen, Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen, Der ungehobelte Patron. Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl, Und nennst ihn tadelnd sent'mental. Er braucht den Rath! Ich bill'ge das! Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen, Als spräch' das Wasser zu den Flammen: „Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!“ Du sagst, daß ich Homer verachte, Wenn Das, was ich in Verse brachte, Ihn nicht copirte affectirt. Du willst nicht, daß ein Band sich bilde Um Nordens Kraft und Südens Milde, — Das hat mich wenig nur gerührt. Dem wahren Dichter ward's gegeben Zu sehn Natur, zu schaun das Leben In Glanz und aller Herrlichkeit; Gott, dessen Blick das All durchdringet, Sein Wort im Ton der Harfe klinget Mit mächt'gem Strom durch alle Zeit. Ein Leben, wie's dem Geist entstammet Sollst Du erschaffen, daß es flammet In einem ew'gen, reinen Glanz. Das ist das Ziel, das ich erkenne, Das ist es, was ich Dichten nenne, Durch das erwirbt man Daphne's Kranz. Zur Waffe für die schwache Lyra Ruht Persiflage und Satira Tief in des kecken Dichters Brust. Stets Hindernisse ihn umringen, Er muß die scharfe Geißel schwingen; Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust? Du siehst im Sturm die Rose stehen, Und feuchte Nebel sie umwehen, Drum lenkt man ab des Wassers Gang; Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet, Und zarten Blüthen Tod bereitet, Dann tönt der scharfen Sichel Klang.

Ein zufälliger Umstand machte vielleicht das Verhältniß zwischen Pavels und mir unangenehmer für ihn, als ich es wünschte. Aber ich konnte Nichts dafür. Wir wohnten nämlich während dieses Sommers in demselben Hause in der Friedrichsberger Allee. Ich begegnete ihm oft, grüßte ihn stets, er grüßte wieder; aber solch' formelle Höflichkeiten schaden mehr, als sie nützen, wo das Wesentliche fehlt.

Die Hiebe, die ich Pavels in diesem Gedichte gegeben hatte, fanden in meiner Jugend keine hinreichende Entschuldigung bei Denen, welche sie trafen. Es machte das Uebel nur größer, und bald fühlte ich, daß ich nicht länger in gesellschaftlicher Beziehung zu den Anhängern der alten Schule stehen könne. In der dramatischen Gesellschaft bekam ich gar keine Rollen mehr und meldete mich nach einigen Unannehmlichkeiten als ausgetreten.

Rahbek, der gern bei solchen Gelegenheiten juste milieu halten wollte, und deßhalb zuweilen — (nach einer Redensart des Marqueurs in Dreyer's Klub) „weder parteiisch noch unparteiisch“ war, sagte recht treffend, als man ihn nach seiner Meinung über das Gedicht fragte: „Es kommt mir vor, als ob Oehlenschläger versucht hätte, witzig und malitiös zu sein, und Keins von Beiden ist ihm geglückt.“

Unangenehmer Vorfall.

In Dreyer's Klub saßen eines Tages bei einem Festmahle Hans Christian Oersted und ich zusammen. Es wurden mehrere neue Lieder gesungen: unter anderen eins von einem guten Prediger aber keinem Dichter. Als das Lied gesungen war, sah mir mein vis à vis starr in die Augen und sagte: „Das war eine schöne Melodie!“ — „„Ja,““ entgegnete ich, „„sehr hübsch.““ — „Es war auch ein sehr schönes Lied!“ — „„O ja!““ antwortete ich höflich. „Ja“ rief er heftig, „es ist freilich keins von diesen neumodischen Gedichten, die jetzt gemacht werden und mir vollständiger Mist zu sein scheinen; aber was verstehe ich davon?“ — Kalt antwortete ich: „„Es kann kein Mensch verlangen, daß Sie etwas von Poesie verstehen sollen: Alles, was man fordern kann, ist, daß ein alter Mann sich nicht wie ein Knabe beträgt!““ — Der heftige Mann sprang nun vom Tische auf und rief laut: „Hiermit lasse ich die Gesellschaft wissen, daß Herr Oehlenschläger mich einen Knaben gescholten hat!“

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