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Lichtbild- und Kino-Technik

Die wissenschaftliche Kinematographie

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Gegenüber der ausgedehnten Verwendung des Kinematographen im Theater steht seine wissenschaftliche Verwertung noch stark zurück. Aber was auf den verschiedenen Wissenschaftsgebieten mit Hilfe kinematographischer Aufnahmen bereits geleistet worden ist, erscheint so beachtenswert, daß die Gelehrten den Apparat im Laufe der Zeit ohne Zweifel immer mehr heranziehen werden. So hat der Pariser Physiologe Marey schon vor mehr als 20 Jahren die Kinematographie zum Studium der Bewegungsvorgänge bei Menschen und Tieren benutzt. Andere setzten seine Arbeit fort und dehnten sie aus auf Herzbewegungen und Kehlkopfbewegungen. Erfolgreich hat man den Kinematograph in Verbindung mit dem Mikroskop, ja sogar mit dem Ultramikroskop gebracht, das uns die feinsten Partikelchen zeigt. So wurden durch Dr. Commandon und vor ihm schon durch Dr. Reicher auf dem Film die Bewegungen der Blutkörperchen und ihr Kampf mit den ins Blut eingebrachten Bazillen festgehalten. Man sieht, wie die Krankheitserreger über die roten Blutkörperchen herstürzen, um sie zu verzehren.

Mit Hilfe kinematographischer Aufnahmen gelang es ferner, den Flügelschlag der Insekten zu erforschen. Die Fliege bewegt ihre Flügel so rasch, daß man nichts als ein Flimmern wahrnimmt; auch der beste Beobachter ist machtlos dagegen. Der Kinematograph, mit großer Geschwindigkeit laufend, so daß er bis zu 2000 Bilder in der Sekunde aufnimmt, hält alle Phasen der Bewegung fest. Und wenn dann die gewonnenen Bilder mit normaler Geschwindigkeit — 16 in der Sekunde — auf den Projektionsschirm geworfen werden, so spielt sich der Vorgang mehr als hundertmal langsamer ab: mit Ruhe kann man nun das Auf- und Abgehen der Flügel und das Arbeiten des Flugmechanismus verfolgen. Umgekehrt hat man mit Hilfe des Apparats Bewegungen, die zu langsam vor sich gehen, als daß man sie zu übersehen vermöchte, künstlich beschleunigt. Auf diese Weise kann man das Wachstum der Pflanze mit dem Auge verfolgen. So wurde z. B. eine aufblühende Victoria Regia mit überaus geringer Geschwindigkeit — etwa alle 2 Minuten ein Bild — aufgenommen. In der Projektion der Aufnahme, die mit normaler Geschwindigkeit: 16 Bilder in der Sekunde — also etwa 1800 mal rascher — erfolgt, sieht man dann den Vorgang, der in der Natur Stunden in Anspruch nimmt, innerhalb weniger Minuten sich abwickeln. Man verfolgt deutlich, wie die Knospenhüllen sinken, wie sich ein Blütenblatt vom andern hebt, bis die herrliche Blume voll entfaltet ist, und wie sie alsbald wieder vergeht.

Für die kinematographische Aufnahme fliegender Geschosse konstruierte Geheimrat Cranz einen Apparat, der über 5000 Belichtungen in der Sekunde, ja in der neuesten Form bis zu 100000 Aufnahmen in der Sekunde liefert. Er konnte damit die Vorgänge beim Abschießen einer Kugel aus einer Selbstladepistole untersuchen und ferner die Wirkung von Schüssen auf Knochen, Metallplatten, wassergefüllte Gummiblasen und Kugeln aus feuchtem Ton in einer Reihe von Bildern festlegen.

Selbst die Bewegungen der innern Organe des Menschen hat man kinematographisch festzuhalten gewußt, indem man die Belichtung mit Röntgenstrahlen anwandte und besondere Apparate herstellte, welche zwei oder drei Dutzend Platten großen Formats in rascher Folge zur Exposition brachten. Namentlich die Reihenaufnahmen des Magens haben dem Mediziner interessante Aufschlüsse über die Arbeitsweise dieses Organs gegeben.

Die Kinematographie in natürlichen Farben hat eine provisorische Lösung im Kinemakolorverfahren gefunden, welches mit zwei Farben, Rot und Grün, arbeitet und verhältnismäßig hübsche Resultate gibt, wenngleich hier infolge Fehlens der dritten Farbe (Blau) ein vollkommenes Resultat nicht erzielt werden kann. Man ist zu der Hoffnung berechtigt, daß ein wirkliches kinematographisches Dreifarbenverfahren in nicht zu ferner Zeit Eingang in die Praxis findet.

Auch die Technik bemächtigt sich der kinematographischen Bilddarstellung, die ein ausgezeichnetes Hilfsmittel bietet, Fabrikationsvorgänge zu veranschaulichen, sowohl in Lehranstalten und Hochschulen sowie bei Vorträgen als auch zum Zwecke der Reklame. Allerdings bietet die Ausführung solcher Aufnahmen vielfach große Schwierigkeiten, namentlich in bezug auf die Beleuchtung, und sie erfordert eine umfangreiche Arbeit.

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