Morgen (continued 2)
Reading edition
Er bringt das nicht so rasch heraus, verhaspelt sich vielmals und sucht mit den Armen nach dem fehlenden Wort, sodaß die andern schon zum Spott gestimmt sind, bevor der Professor ihn mit dem scharfen Witz abfertigt, daß sie ja auch hier zum Denken und nicht zum Leben seien, auch wenn ihm das eine schwerer zu fallen scheint als das andere! Mit solcher Waffe hat er es natürlich leicht, die Spottlust der Klasse über seinen ungeschickten Gegner herauszufordern, sodaß die Antwort Heinrich Pestalozzis vom Gelächter verschüttet wird. Seit diesem Tag behandelt Steinbrüchel ihn mit einer spöttischen Nachsicht, als ob er einen komischen Störenfried in seiner Klasse hätte; und da der Geist der Aufklärung, aus dem er sich mit den meisten seiner Schüler verständigt, der Stolz von Zürich ist, kommt Heinrich Pestalozzi unvermutet wieder in die Rolle des Heiri Wunderli von Torliken, und gerade die Klasse, in die er mit so tapferem Willen eingetreten ist, wird ihm zu einem Martyrium, darin er nun die Freude am Collegium überhaupt verliert.
25.
Mitten in den Entmutigungen dieser Zeit trifft Heinrich Pestalozzi ein merkwürdiges Ereignis: Lavater ist nach fast einjähriger Abwesenheit in der Stille zurückgekehrt, hat sich auch den Freunden einige Wochen lang nicht gezeigt und überrascht sie eines Tages mit einem Bändchen Schweizerlieder. Der nach seiner demütigen Abbitte aus der Vaterstadt entwichene Kandidat kehrt damit als ein Dichter in die Heimat zurück, den nun auch die Mißgünstigen nicht mehr wie einen jugendlichen Störenfried abtun können. Als er danach zum erstenmal wieder in die Gerwe kommt, von Bodmer an der Hand geführt, wird der Tag von den Patrioten wie ein Sieg der vaterländischen Sache gefeiert. Auch Heinrich Pestalozzi schüttelt dem Glücklichen die Hand, geht aber bald wehmütig fort; nicht, daß er dem Lavater den Triumph weniger als ein anderer gönnte, aber es wird ihm mitten im Kreis der Freunde, die sich um ihn drängen, deutlich, daß er nicht zu ihnen gehört, daß er nur einen jüngeren Nachzügler ihrer Generation vorstellt. Fast alle sind älter als er und haben ihr Studium schon beendigt, während er sich selber immer mehr als ein Gescheiterter vorkommt. Darin hilft ihm auch sein Rousseau nur zu einem trotzigen Selbstbewußtsein, das letzten Grundes seine Unfähigkeit zu einer bei jenen geachteten Existenz bestätigt.
In dieser Laune begegnet er Bluntschli, der unterdessen Hauslehrer in Zürich geworden ist und, durch seine Verpflichtungen verspätet, noch zur Gerwe will. Um mit seinem frühen Weggang nicht sonderbar zu erscheinen, geht er einige Straßen mit ihm zurück und klagt ihm offenherzig seine Not. Der hört ihn schweigend an, aber als sie vor der Gerwe stehen, kehrt er kurzerhand um: Wenn es ihm recht wäre, könnten sie miteinander noch auf den Lindenhof gehen!
Es ist eine unermeßliche Sternennacht da oben; obwohl der Mond noch nicht aufgegangen ist, scheinen die Dächer der Stadt vom Licht begossen, und der See leuchtet den Himmel in einer zarten Verklärung wider. Sie schweigen lange, bis Bluntschli spricht: Du hast mir von einem Menschen gesagt, der sein Leben nicht wie einen sauberen Parkweg vor sich sieht und darum verzweifelt ist; ich könnte dir von einem andern erzählen, der seine Stunden sorgfältig vorbereitet hat, nur daß er sie selber nicht mehr wird schlagen hören, weil ihm das Uhrwerk vom Rost zerfressen ist! Er hat die Hand auf seine vom Anstieg angestrengte Brust gelegt, als er das sagt, und danach schweigt er, sodaß Heinrich Pestalozzi — der kein Wort findet, das ehrlich und zart zugleich ist, um eine Antwort auf dieses Bekenntnis eines Todgeweihten zu sein — in einer Spannung dasteht, als müsse ihm der Kopf zerspringen. Auch der andere kommt nicht mehr zurecht, bis sie schweigend aus dem Schauer dieser Sternennacht hinunter gehen, in die dunklen Gassen und auf der Brücke mit dem Mühlrad nach der großen Stadt hinüber. Erst auf der Münsterterrasse, wo die beiden Türme sich riesenhaft in die Sterne einzubauen scheinen, findet die Erregung noch einmal ein Wort: Wozu meinst du, sagt der Bluntschli und zeigt an den Steinmauern hinauf, wozu meinst du, daß die dastehen? Für dich nicht und für mich nicht, für jeden einzelnen wären sie zu groß, und für alle sind sie auch nicht da; denn ich weiß hundert, denen sie gleichgültig bleiben! Aber daß die Menschlichkeit im Namen des Höchsten, das wir kennen, täglich in die Geschäfte und die Arbeit eingeläutet wird, dafür sind sie so dick und dauerhaft gebaut. Und daß sie uns sagen: was einer für sich selber Irdisches zuwege bringt, das hört mit seinem Leben auf; aber was er an der Menschlichkeit tut, das ist unsterblich. Du sorgst, was aus dir werden soll, und mir ist die Sorge bald abgenommen — am Ende aber ist es wichtiger, was wir gewesen sind!
Er läßt ihn danach stehen, gibt ihm nicht einmal die Hand und geht auf seine vorgebeugte Art davon. Heinrich Pestalozzi kommt nach Haus, als ob er aus dem Jenseits wiederkehre.
26.
Seit diesem Frühwinterabend verliert Heinrich Pestalozzi die enge Fühlung mit den Freunden in der Gerwe nicht mehr; es ist, als habe er eine Verkündigung erlebt, was zwischen ihnen Gemeinsames sei. Als sie zum Januar ein Wochenblatt gründen, das der Erinnerer heißt und von der klugen Hand Lavaters in Gemeinschaft mit Heinrich Füeßli — einem Vetter des Malers, der unterdessen in London seine Künstlerlaufbahn begonnen hat — geleitet wird, ist er eifrig dabei. Sie haben nun alle Rousseau gelesen; und wenn Bodmer sie von Anfang an lehrte, daß der sicherste Weg zur persönlichen Freiheit der sei, sich aller unnötigen Bedürfnisse zu entwöhnen, da man nur durch diese den Machthabern ausgeliefert, ohne Bedürfnisse aber frei wäre: so wird nun ein asketischer Wetteifer daraus, der über die persönliche Unabhängigkeit hinaus eine spartanische Vereinfachung der Sitten erzwingen will. Mit jugendlicher Behendigkeit wird dadurch das Ideal des sittlichen Lebens aus der Zeit Zwinglis und der Eidgenossen in das Kriegslager der Spartaner zurückverlegt; und auch Heinrich Pestalozzi überrascht das Babeli damit, daß er sich auf den Stubenboden bettet, nur mit einem Rock zugedeckt, und dies auch monatelang zu ihrer Verzweiflung durchhält.
Unvermutet gibt die Züricher Regierung den patriotischen Jünglingen Gelegenheit, die spartanische Tugend zu erproben: Schon in der deutschen Schule ist in der Klasse von Heinrich Pestalozzi ein Sohn des Amtmanns Schinz zu Embrach gewesen, der — ein Jahr älter als er — jetzt mit ihm Theologie studiert und auch einer aus der Gerwe ist. Dessen Eltern besitzen einen Pachthof in Dättlikon, wo der Pfarrer Hottinger von seiner Gemeinde eher für einen Wolf im Schafspelz als für einen guten Hirten gehalten wird. Da ihn die Züricher Regierung trotz der bösesten Gerüchte weiter amtieren läßt, weil er anscheinend beim Antistes einen verläßlichen Fürsprecher hat, setzt der Student Rudolf Schinz eine Anklageschrift auf, die von dem Gerichtsvogt und dem Schulmeister in Dättlikon, den Gebrüdern Ernst, unterschrieben und mit sorgfältiger Beachtung aller Vorschriften in Zürich eingereicht wird. Als darauf zwei Monate lang nichts geschieht, als ob die Gestrengen Herren auch diese Anklage noch verschweigen wollten, findet der Antistes Heß an einem Maitag in seinem Kirchenstuhl einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem der Oberpfarrer an seine Pflicht erinnert wird: Weil sonst die Steine anfangen möchten zu schreien!
Dieser Lästerbrief, wie er danach in den Akten heißt, bringt die Gestrengen Herren mehr in Zorn als alle Amtsvergessenheit eines lasterhaften Pfarrers. Wer von den Patrioten fähig scheint, ihn verfaßt zu haben, wird peinlich ins Verhör genommen; auch Heinrich Pestalozzi trifft es diesmal. Seine Mutter verschließt sich traurig in die Kammer, als er den Weg aufs Rathaus antreten muß, und das Babeli putzt ihn grimmig zurecht, daß er zum wenigsten noch in der Kleidung als ein ordentlicher Mensch vor die Herren käme; er selber ist voll überlegener Verachtung. In einem öffentlichen Anschlag des Kleinen Rates sind dem, der den Briefschreiber verriete, zweihundert Dukaten versprochen worden unter Verschweigung seines Namens: Daß eine Regierung, die in ihren Schulen die Tugenden der Römer und Spartaner lehren läßt, sich so weit vergißt, hat — wie der Bluntschli sagt — aus dem Schwert der Gerechtigkeit ein Dolchmesser gemacht. So hört Heinrich Pestalozzi die umständlichen Vermahnungen der Herren mit verächtlichem Trotz an und verweigert wie die andern den verlangten Eid — nichts von der Sache zu wissen — mit der vereinbarten Begründung, daß er bereit sei, einen Eid für alles zu schwören, was er nach seinem Bürgergewissen zu sagen sich für verpflichtet halte.
Gegen so viel Festigkeit der Jünglinge, die sich in die Hand gelobt haben, ein Beispiel spartanischer Tugend zu geben, wagen die Gestrengen Herren diesmal noch nicht vorzugehen: der Pfarrer Hottinger wird seines Amtes enthoben, die Brüder Ernst in Dättlikon als Landbürger müssen »übertriebener Anklägten« halber zweimal vierundzwanzig Stunden aufs Rathaus in Arrest, Rudolf Schinz kommt als Stadtzürcher mit einer Verwarnung davon.
In Heinrich Pestalozzi löst das Ergebnis einen Plan aus, den er schon lange mit sich herumgetragen hat: Seitdem Klopstock und andere deutsche Dichter Zürich hoch gerühmt haben, ist es eine beliebte Äußerung des Heimatstolzes geworden, die Stadt an der Limmat mit Athen zu vergleichen. Ihm scheint der Vergleich in dem besonderen Sinn zu passen, daß athenischer Luxus und athenische Verweichlichung in der Stadt Zwinglis überhand genommen haben, und daß es not täte, sie auf das Beispiel Spartas zurückzuführen. Nun hat Heinrich Pestalozzi in der ganzen Geschichte des lakonischen Staates nichts so gerührt wie das Schicksal des jungen Königs Agis, der die von athenischen Sitten angesteckte Stadt wieder zu den Gesetzen des großen Lykurgus zurückführen wollte und darüber von seinen eigenen Landsleuten hingerichtet wurde. Lykurgus und Zwingli sind für sein Gefühl eins; weil aus dem spartanischen Zürich der Reformationszeit das Limmatathen des Dättlikoner Handels geworden ist, liegt es für ihn nahe, auch für Zürich einen Agis zu erwarten, und tatsächlich vermag er nicht an seinen Freund Bluntschli zu denken, ohne daß dieser ihm das Bild jenes edlen und unglücklichen Agis vorstellt. Nun sie in dem Handel Sieger geblieben sind, gewinnt er Mut zur Beschwörung des alten Heldenjünglings; aber seine Darstellung soll so deutlich auf Zürcher Verhältnisse zielen, als ob der spartanische Reformator noch einmal in die Welt gekommen wäre.
So schreibt Heinrich Pestalozzi, der sein zwanzigstes Lebensjahr noch nicht vollendet hat und unter den Patrioten immer noch das Nesthäkchen ist, als Antwort auf den Dättlikonhandel seinen »Agis« nieder, den er dem greisen Bodmer in Handschrift überreicht, und den er nachher auch in der Gerwe vorlesen darf. Endlich kommt sein Ehrentag, und er hätte am liebsten seine Mutter, das Bärbel und das Babeli dabei — den Großvater hat er gefragt, aber der hat sich nicht entschließen können mit seinen dreiundsiebzig Jahren — wie er den jungen und alten Patrioten seiner Heimatstadt ein Bild ihrer schlimmen Zustände im Spiegel Spartas zeigen darf. Nicht allen sind seine starken Ausdrücke recht, wie er das Reislaufen für fremdes Gold, die Raubsucht der Reichen, die aufgeblasene Weisheit, das kriechende Wesen der Untertänigen und den Redner, der um Beifall spricht, mit dem Zeigefinger aus dem Bild herausholt; als er die Verleumdung gegen Agis auch die Sprache der Niedrigkeit unserer Tage nennt, stürmen die Jünglinge so laut mit ihrem Beifall, daß einige Ältere aufstehen und sich entfernen; und als er den Agis sagen läßt: Ich rede die vergessene Sprache der Freiheit in ein Jahrhundert hinein, das gewohnt ist, die ewigen Gesetze der Freiheit verletzen, Mitbürger in Sklaverei stürzen und das Heil des Staates vertilgen zu sehen! sind auch manche von den Jüngeren erschrocken, und viele Augen richten sich fragend auf den sonst so klugen Bodmer. Der aber, der den Schluß kennt, sieht unbewegt und fast spöttisch unter seinen weißen Augenbüscheln gegen das vertäfelte Gebälk der alten Zunftdecke. Als sich dann das Schicksal des spartanischen Jünglings unter hohen Worten erfüllt, kommt alles so, wie es der alte Herr vorausgesehen hat: mit ihrer Rührung um den Helden gehen sie doch wieder in das griechische Altertum ein; soweit sie ängstlich gewesen sind, sichtlich froh, alle harten und bösen Worte mit dahinein packen zu können.
Aber in den Erinnerer wagt Lavater die Arbeit doch nicht zu nehmen, und selbst Bluntschli, der sich die Handschrift noch an dem Abend mitnimmt, bringt sie nach einigen Tagen, manchen Ausfall tadelnd, zurück. Bei den Jungen und Stürmischen aber trägt ihm die Vorlesung ein, daß sie seitdem auf ihn als einen Führer sehen, wie er selber beim Eintritt ins Collegium auf Lavater und Bluntschli gesehen hat.
27.
Der Beifall, den Heinrich Pestalozzi an seinem Abend in der Gerwe genossen hat, die Achtung selbst von denen, die bis dahin bereit gewesen sind, ihn um seiner Wunderlichkeit willen zu verspotten, die bedenklichen Gesichter der Abwägenden und das Gemunkel um seine rebellischen Ausfälle: bringen für ein paar Wochen einen Überschwall in ihm zustande, als ob er selber seiner Stadt ein Agis werden könne. In dieser Stimmung findet er eines Mittags, aus dem Collegium heimkehrend, ein Billett, das ihm jemand unbemerkt zwischen seine Bücher und Hefte gesteckt hat: Einer, der von seinem Vortrag gehört habe, bäte ihn aus einer verzweifelten Notwendigkeit um ein geheimes Gespräch; er möge nachmittags um fünf Uhr unauffällig durch die Stadelhofporte hinausgehen bis ans Zürichhorn, wo ihn dort oder schon unterwegs jemand ansprechen würde.
Das Wetter ist dem sonderbaren Ausflug nicht günstig; schwarze Wolkenballen drohen ein Gewitter, und gerade, als er zur Porte hinaus will, prasselt ein Platzregen los mit Hagelkörnern und Donnerschlägen. Er wartet mit drei modischen Mamsells, die sich nicht rechtzeitig haben retten können und nun verdrießlich die Federn hängen lassen, den schlimmsten Aufruhr ab und geht dann tapfer den Wiesenpfad am See entlang. Unterwegs kommt die Sonne in die Nässe, und über den Weinbergen versucht sich ein Regenbogen. Am Zürichhorn ist niemand; aber als er sich schon für gefoppt hält, legt ein Weidling an, darin jemand mit einer Angel gesessen hat. Es ist ein Student aus dem Alumnat, den er von Ansehen, nicht mit Namen kennt, ein ungewöhnlich langer und blasser Jüngling, dem die Hosen an den Beinen kleben von dem Regen. Der fragt ihn nach einer scheuen Begrüßung, ob er ein Stück mitfahren wolle auf die Seehöhe hinaus; und erst, als sie so weit auf der gleißenden Wasserfläche sind, daß sie vom Ufer aus nicht mehr erkannt werden können, fängt er an zu sprechen: nicht scheu und stockend, wie Heinrich Pestalozzi erwartet, sondern rasch und fest wie einer, der sich die Worte vielmals überlegt hat und seiner Scheu damit Gewalt antut.
Was er mitteilt, ist Heinrich Pestalozzi nicht unbekannt; es betrifft die geheimen Dinge im Alumnat, von denen im Carolinum längst die schändlichsten Gerüchte gehen. Aber was ihm bisher nur ein verächtliches Laster gewesen ist, bekommt in den Worten des Jünglings eine Gefährlichkeit, daran er nicht gedacht hat: auch die noch unbefleckt einträten, würden Opfer der allgemeinen Verführung, sodaß die gesundesten Landsöhne schon ein halbes Jahr nach ihrem Eintritt wie junge Birken wären, denen im Frühjahr der Saft abgezapft wurde. Er selber sei einer von denen, die sich anfangs gewehrt hätten: aber weil das Laster nicht mehr heimlich, sondern die allgemeine Gewohnheit im Alumnat sei, würde die Tapferkeit nur verhöhnt als ländliche Dummheit, auch vermöge sie schließlich der Lüsternheit, die doch nun einmal in jeder menschlichen Natur läge — hier fühlt Heinrich Pestalozzi in der Erinnerung an seinen Rousseau einen feinen Stich im Herzen — nicht standzuhalten: Was er von ihm verlange, sei nichts als ein Antrag auf Untersuchung, auch was die nächtlichen Zusammenkünfte auf dem hinteren Speicher beträfe, der dafür seit Jahren eingerichtet sei. Aber ihn als Angeber verraten dürfe er nicht, was auch käme, und er müsse ihm das schon in die Hand versprechen, wenn ihm eine Hand wie die seine dazu noch recht sei!
Heinrich Pestalozzi verspricht es ihm in die Hand und läßt sich ans Ufer fahren, wo die Sonne aus der Regenfeuchtigkeit einen heißen Dunst macht. Er geht durch Binsen und Gebüsch der reisigen Stadt Zürich zu wie ein Bote, dem die Feinde eine eiserne Halskrause umgeschmiedet haben. Als er sich vor der Stadelhofporte zurückwendet, erkennt er den Weidling noch, wie er mit beigelegten Rudern auf dem schimmernden Wasserberg steht; es ist ihm nun fast sicher, daß er das häßliche Geheimnis bewahren muß. Aber noch am selben Abend schreibt er tapfer die Anzeige und gibt sie so ohne Vorsicht an der Tür des Antistes ab, daß er schon am andern Mittag ins Verhör genommen wird. Er steht noch immer in Verdacht, den Lästerbrief geschrieben zu haben, auch hat sein spartanisches Sittenbild die Stimmung der Chorherren gegen ihn nicht gebessert: so setzen sie ihm scharf zu.
Es ist eine andere Luft als in der Gerwe zwischen den hitzigen Herren, von denen ihm jeder einzelne seine bürgerliche Zukunft mit einem Tintenstrich durchstreichen kann; er hält aber ihre Kreuzfragen aus und verweigert standhaft, einen Gewährsmann zu nennen: er habe ihm seine Hand darauf geben müssen, und niemand in der Welt dürfe ihn zwingen, wortbrüchig zu werden. Er hätte seine Hand dem sagenhaften Römer gleich ins Feuer stecken können, so überzeugt ist seine Gebärde, aber den Herren scheint der Fall zu heikel für solche Gewalt. Sie ziehen sich mit ihrer Unschlüssigkeit in das geheime Gemach zurück und lassen ihn allein zwischen den Stühlen und Schränken. Doch steht ein Fenster auf, und er kann hinunter sehen auf den Münsterplatz, wo gerade der Bluntschli mit seinen vier Zöglingen daher kommt. Um eines Übermuts willen laufen sie ihm fort, und der Kandidat vermag ihnen nicht zu folgen gegen den steilen Berg. Heinrich Pestalozzi hört ihn husten und sieht auch, wie ihn der Anfall würgt; er möchte ihm beispringen, aber während er noch den unnützen Gedanken erwägt, machen die Kinder in einem neuen Übermut kehrt und laufen an ihm vorbei gegen das Haus zum Loch hinunter. Indem Bluntschli ihnen dahin folgt, sieht er ihn mit seiner weltmännischen Höflichkeit eine Jungfer grüßen, die freundlich nickend an ihm vorübergeht. Es ist Anna Schultheß, die schöne Schwester ihres gemeinsamen Freundes, des Theologiestudenten, und wie er seitdem erfahren hat, die Tochter des braunbärtigen Mannes aus der Gerwe. Er weiß, daß die beiden miteinander im Gerede sind, und es macht ihn wehmütig, sie so lebendig gegen den Berg schreiten zu sehen, der seiner kranken Brust zu steil gewesen ist.
Nach ihr kommen noch viele Menschen über den Platz, fremde und solche, die er kennt; er hat Zeit, ihnen nachzudenken, denn dreimal schlägt die volle Stunde am Münsterturm, bis seine Richter wiederkommen, verärgert und erhitzt. Sie schicken ihn nach Haus, wo er sich unter Androhung schwerer Strafen verhalten soll, bis sie ihn wieder rufen ließen. An dem Abend hört er nichts mehr von ihnen; nur seine Mutter scheint unterdessen eine Nachricht zu haben: sie hält sich in der Kammer eingeschlossen, und er weiß, daß dies ein Zeichen schwerer Kränkung ist. Andern Mittags wird sie statt seiner vor die Herren gerufen; sie bringt ihm, blaß wie der Tod, die Weisung mit, daß er sich noch am selben Tag zu seinem Großvater, dem Dekan in Höngg, verfügen müsse, dem er vorläufig für vier Wochen zur Ahndung seiner vorlauten Anzeige überantwortet sei. Diese Weisung steht in der Schrift, die sie ihm überbringt; sie selber sagt kein Wort, nimmt auch das Bärbel mit in die Kammer, sodaß er ohne Abschied, nur vom bitterbösen Babeli vor die Tür getan, den Weg antreten muß, den er nun doch in Trotz und Bitterkeit geht.
28.
Heinrich Pestalozzi findet den Großvater auch diesmal in seiner Studierstube; seit dem Tod der Pfarrerin ist er im Regiment des Tantli und sitzt fast den ganzen Tag bei seinen Kirchenvätern. Er liest die Weisung mehrmals durch und legt sie mit einem Lächeln beiseite, das Heinrich Pestalozzi an die Großmutter erinnert, nur ist es spöttischer. Nachher werden sie von der Magd zum Vesperbrot gerufen und müssen mit dem Tantli von andern Dingen sprechen. Der Großvater sagt ihr, daß der Neffe diesmal vier Wochen bleibe, und scheint schon nicht mehr zu wissen, warum; es drängt ihn augenscheinlich, wieder allein zu sein, und Heinrich Pestalozzi sieht ihn an dem Tag nicht mehr. Doch wie er am Abend frühzeitig in seine Kammer kommt, hat er ihm nach seiner Gewohnheit etwas auf den Tisch gelegt.
Es ist auch ein Schriftstück des Antistes, aber nicht seinetwegen an den Dekan in Höngg gerichtet; als Heinrich Pestalozzi es gelesen hat, legt er seine Verweisung mitten darauf, denn auch das andere ist ein Stück Papier behördlicher Ungnade! In dem selben Dorf Buchs, woher das Babeli ist, hat der Dorfpfarrer einigen Kindern die Konfirmation verweigert, angeblich wegen ungenügender Kenntnisse, anscheinend aber, weil er mit den Eltern Streitigkeiten hatte. Darauf hat der Dekan in Höngg die Zurückgewiesenen ohne Umstände selber konfirmiert, und das Schriftstück da ist der sanfte Tadel für seine Eigenmächtigkeit. Wie Heinrich Pestalozzi nun an das spöttische Lächeln des Großvaters denkt, muß er laut lachen, sodaß er aus diesem verdrießlichen Tag doch noch mit Lustigkeit ins Bett kommt.
Als er in der Frühe erwacht, hört er eine Sense dengeln; er besinnt sich gleich, daß die Kornernte angefangen hatte, als er heraufkam, und mit einem fröhlichen Einfall springt er aus dem Bett. Unten ist noch die Dumpfheit der überstandenen Nacht im Haus, aber als er den Riegel öffnet, strömt ihn die Morgenluft an wie ein Bad; überall krähen die Hähne, und aus einigen Schornsteinen drehen sich schon die blauen Rauchsäulen in den Himmel, der noch ohne Sonne ist, aber Hahnenruf und Rauch als Frühopfer der Erde in seine reine Stille verschwinden läßt.
Dem ersten Bauer, dem er begegnet, heftet er sich an; es ist ein zäher Greis, der seine Enkelin an der Hand führt und den fröhlichen Gruß mit der abwartenden Miene erwidert, darin der Bauer die städtische Zutraulichkeit abweist. Er merkt es nicht, nimmt das Kind, das seine sieben Jahre zählen mag, kurzweg bei der andern Hand, und so gehen sie zu dritt die Straße hinunter, bis der Bauer vom Weg abklettert, die gedengelte Schneide mit den Fingern prüft und seinen harten Sensenschlag in die gelben Halme beginnt, die einen Sprung zur Flucht zu machen scheinen, bevor sie ihren stolzen Wuchs für immer neigen. Heinrich Pestalozzi steht am Grabenrand und denkt, daß sie mit dem Sommerwind ihr geschmeidiges Fangspiel gemacht und im Gewitter sich ängstlich geduckt haben, daß sie den dünnen Regen und das dicke goldige Sonnenlicht tranken und nun über den süßen abgeschnitten werden, immer ein Bündel zugleich, wie sie auch nur miteinander ihr schwankes Leben aufrecht halten konnten. Doch ist er nicht da für solche Gedanken, und er wartet auch nur ab, was das Mädchen beginnen wird, das vorläufig am Rain einer Sternblume die weißen Blättchen auszupft und dazu einen Zählreim sagt. Als er beobachtet hat, wie sie danach aus Halmen dünne Seile dreht und damit die einzelnen Bündel zu Garben bindet, gibt er sich mit daran und bleibt auch hartnäckig dabei, als der Bauer den Wetzstein holt und sein Tun mißtrauisch besieht. Auf die Dauer einigen sie sich doch, und wie gegen sieben Uhr der schmale Ackerstreifen niedergelegt ist und nur noch ein letztes Büschel steht, läßt ihm der Alte sogar die Sense, das abzuschlagen; er fährt freilich fast mit der scharfen Sense gegen sein Bein, aber gerade das macht den andern gesprächig, sodaß sie mit der warmen Morgensonne anders zurückkommen, als sie in der kühlen Frühe auszogen.
Das Frühmahl schmeckt ihm danach besser als sonst, und er sitzt schon wieder in der Ungeduld dabei, was ihm der Tag nach diesem Anfang sonst bringen könnte. Um noch beim Melken dabei zu sein, ist es zu spät; doch tut er gleichwohl einen Sprung in den nächsten Stall. Da ist die Frau gerade dabei, die seimige Milch durch das Haarsieb zu gießen; sie braucht keine Hilfe, aber die hölzernen Eimer unter dem Brunnen sauber zu waschen, versucht er doch, bis sie über seine Narrheit lacht und ihn anders belehrt. Aus dem Stall geht es in die Matte, wo ein Bub noch saftiges Futter vor der steigenden Sonne zu bergen hat, und so fort durch das halbe Dorf, wo sich jeder über den närrischen Pfarrstudenten wundert. Als er zum Mittagessen kommt, ist er brandig rot, und am Abend muß ihm das Tantli einen Finger verbinden, der ihm irgendwo in ein Schnitzmesser geraten ist.
Mit dem Großvater spricht er an diesem Tag nur ein paar Worte, da der in einer Dekanpflicht über Land gefahren ist; aber auch in den nächsten Tagen hält ihn seine ländliche Tätigkeit so weit ab von den Kirchenvätern des alten Herrn, daß sie sich nur beim Essen treffen; es scheint ihm, als ob der lächelnde Mund immer sarkastischer würde; als er es aber eine ganze Woche lang so fort getrieben hat und nun schon fast wie ein Bauernknecht aussieht — nur daß er jetzt schon drei Finger verwickelt hat — findet er abends ein Buch in seiner Kammer, das er längst kennt, aber bisher kaum beachtet hat: »Die Wirtschaft des philosophischen Bauers« oder, wie es kurzweg heißt, Der Kleinjogg. Es ist von dem Doktor Hirzel in Zürich geschrieben, der zu den neun Argonauten in Schinznach gehört und manchmal auch in die Gerwe kam. Tags hat er immer noch keine Zeit, aber nachts liest er es bei der Kerze, und bald schwört er darauf, daß es für einen echten Jünger Rousseaus keinen andern Beruf geben könne, als Landmann zu werden. Wenn er mitten aus seiner Feldarbeit heraus nach Zürich hinunter sieht und an den Grund denkt, der ihn hergebracht hat, an die greulichen Dinge im Alumnat, an die Schule und die Stadt mit dem Gezänk der Zünfte, dem Gewerk der dunklen Kellerlöcher und dem Geschwätz der guten Stuben: dann kann er mitten in seiner Freude traurig werden wie ein Narr, weil ihn der Gedanke an die Rückkehr schreckt.
Eines Tages schreibt er wirklich dem Bluntschli einen Brief, daß er sein Studium aufgeben möchte, weil er doch nicht zum Pfarrer tauge und es auch sonst in der städtischen Unnatur nicht mehr aushalten könne, nachdem er einmal das wirkliche Leben eines Landmannes geschmeckt habe. Alles andere wäre nur ein Maulwurfsdasein, zum wenigsten könne er von seinem Berg die hochmütige Stadt Zürich nur ansehen wie einen Maulwurfshügel. Wolken und Sonne und Schnee: für den Städter wären sie nichts als veränderte Gelegenheiten zu gutem und schlechtem Wetter — und seinen Erdboden habe er gar mit Fundamenten und Straßen völlig getötet — für den Landmann aber bedeuteten sie die Elemente seines natürlichen Daseins, sie brächten seiner Saat Regen und machten das Korn reif; der Wechsel der Jahreszeiten, ja der ganze Kalender wäre für ihn der Kreislauf eines in der Natur gegründeten Lebens. Wenn es ihm nicht zuwider sei, möge er schon seiner Mutter bei Gelegenheit ein Wort der Vorbereitung sagen, daß sie durch seinen Entschluß nicht auch ihren zweiten Sohn verlöre, sondern ihn erst recht gewönne.
Er hat den Brief schreiben müssen, um endlich einem Menschen etwas von der Befriedigung seines ländlichen Daseins sagen zu können; der Großvater weicht allen Gesprächen darüber aus, und das Tantli, das aus einer ländlichen Pfarrerstochter eine Vikarsfrau geworden war und nun wieder einem Landpfarrer den Haushalt führt, vermag nur hellauf zu lachen, wenn er mit seiner Schwärmerei anfängt; aber als er am dritten Tag danach gerade auf einem Wagen voll Korn glücklich obenauf sitzt und ins Dorf gefahren kommt, steht vor dem Pfarrtor ein Wagen, und Bluntschli sieht kopfschüttelnd seine Einfuhr an. Nachdem er dem Dekan seine Aufwartung gemacht hat, die nur kurz ausfällt, gehen sie miteinander durch seinen ländlichen Bereich, bis Bluntschli müde wird und sich an einen Rain hinsetzen muß. Der hat den begeisterten Freund bisher reden lassen; nun weist er auf seine Hände, an denen fast alle Finger angeschnitten oder verwickelt sind: ob das seine besondere Begabung für die ländliche Arbeit sei? Und ob er nicht wisse, daß zum Bauerntum zuvörderst ein richtiger Bauernsitz gehöre? Wenn der Junker Meis im Winkel aus der gleichen Begeisterung Bauer würde, wisse er, wovon! Aber das alles seien Fragen, die ihn als seinen Freund nichts angingen; denn Freundschaft hieße nicht, daß einer dem andern praktisch beistände, Freundschaft sei eine Sache der Seele: Dies aber drehe sich alles doch nur darum, daß er ein Dasein haben möchte, wie es für seine Art möglichst bequem und vergnüglich wäre. Was er zu seinem Agis sagen würde, wenn der die Not Spartas verließe, um sich einen Meierhof zu suchen? Er möge doch nicht vor seinen eigenen Ideen verächtlich werden, was sicherlich der eigentliche Verrat der Freundschaft sei!
Heinrich Pestalozzi wird ihm auf keine dieser Fragen eine Antwort schuldig, aber als der Freund, der es eilig hat, wieder abfährt, bleibt er mit einem zerbrochenen Mühlrad zurück; obwohl er noch trotzig darein blickt, merkt er gleich, er bringt es nicht mehr zum klappern. Und als ihm nach drei Tagen der Großvater einen Brief der Mutter in die Kammer legt, den sie an ihren Schwiegervater geschrieben hat: was es für Torheiten habe mit ihrem Sohn? er möge ihm die Flausen aus seinem Wirrkopf blasen! da fällt auch der Trotz rasch ineinander.
Nachdem seine vier Wochen herum sind, läßt er sich vom Großvater die Weisung des Antistes als erfüllt bescheinigen und marschiert nach der Stadt zurück, die mit ihren Türmen und Dächern gleichmütig am See geblieben ist und seine Schritte wie sonst in der Niederdorfporte hallen läßt. Gerade, als er hindurchgeht, kommt ihm die Anna Schultheß entgegen, die er als Freundin seines Freundes verehrungsvoll grüßt. Daß sie das erste ist, was ihm in Zürich begegnet, gibt der Gedrücktheit seiner Gedanken einen ziemlichen Stoß, sodaß er heller bei den Seinen im Roten Gatter eintrifft, als er in Höngg fortgegangen ist; wobei freilich die Liebe seiner Mutter auch das ihre tut, als sie ihn herzlich weinend umfängt.
29.
So muß Heinrich Pestalozzi doch noch einmal ins Collegium, und es ist nicht leichter für ihn geworden in dieser Zwischenzeit: im Alumnat hat es eine böse Reinigung gegeben, und die davon betroffen sind, stehen nun in tückischer Feindschaft gegen ihn; auch die Lehrer übertragen zum Teil die Stimmung der peinlichen Enthüllung gegen ihn, und da seine Erscheinung durch die ländlichen Sommerwochen nicht gewonnen hat, finden sich Anlässe genug ihn zu verhöhnen. Das Schlimmste bleibt trotzdem, daß er sich in den witzigen, aufklärerischen Geist der Theologenschule nun gar nicht mehr zu finden weiß. Er kann es nicht begreifen, daß sich im Zeitalter Rousseaus der humanistische Bildungsdünkel noch so breitmachen kann wie in diesem Unterricht. Selbst die alten Schriftsteller scheinen ihm aufs gröblichste mißverstanden, indem das Leben aus ihren Schriften weggelassen und nur das Wort gelehrt und gedreht wird. Als Steinbrüchel, der schon mit Übersetzungen der griechischen Tragiker aufgetreten ist, im Lindauer Journal die erste olynthische Rede des Demosthenes abdrucken läßt als Stichprobe seiner Übersetzung der sämtlichen Werke des athenischen Redners, kann Heinrich Pestalozzi der Lust nicht widerstehen, dem hochmütigen Mann an einem Gegenbeispiel zu zeigen, was in diesen Reden mehr als humanistisch sei. Obwohl er im Griechischen ein mangelhafter Schüler ist, legt er im Examen ein Bruchstück der dritten olynthischen Rede vor, das er danach auch, gleichsam als Vorrede zu seinem Agis, mit diesem im Lindauer Journal abdrucken läßt. Der Beifall, den seine Übersetzung durch das Feuer und rednerische Talent der Sprache findet, ist so allgemein, daß der gelehrte Professor Steinbrüchel seine geplante Demosthenes-Ausgabe im Pult behält und als Übersetzer von nun ab peinliche Enthaltung übt.
Damit ist das Studentenschicksal Heinrich Pestalozzis entschieden; aber ihm hat die Übersetzung unvermutet ein Tor aufgemacht, durch das er doch noch mitten ins Leben zu kommen hofft: Landwirt kann und Pfarrer mag er nicht mehr werden; aber gleich dem Demosthenes ein Fürsprech der Bedrängten und Volksredner der öffentlichen Dinge zu sein, das scheint ihm ein Beruf, den er nun sich und andern mit glühender Liebe ausmalt. Alles, was er von dem Leben des großen Griechen liest, wie der gleich ihm den Vater früh verliert und erst durch mühevolle Gewöhnung seine körperlichen Mängel überwindet, wie er die großen Dinge seines Volkes in seine Reden einbegreift und aus einem Rechtsanwalt das Sprachrohr der vaterländischen Gesinnung in Athen wird: in allem findet er Hinweise für seine durch die Ähnlichkeit des Temperaments und der Zeitumstände vorbestimmte Laufbahn. Auch Bluntschli billigt sie, und die Mutter willigt schweigend ein. Da es im Collegium Carolinum keine Klasse für die Rechtswissenschaft gibt, geht er nun endgültig von der Anstalt ab, die ihm verhaßt geworden ist. Wie er zum letztenmal die Steintreppe hinuntersteigt, drängt sich ein Trupp seiner Mitschüler hinter ihm her, ihm einen höhnischen Abschiedsgruß zu pfeifen. Er weiß, daß einige Lehrer gern mit dabei wären; obwohl noch nicht zwanzigjährig, hat er nun schon erfahren, daß diese Erlebnisse zu einem tätigen und ehrlichen Leben gehören; er schwenkt seinen Hut zu den hochmütigen Zürchersöhnen zurück, als ob sie ihm den Wert und die Rechtlichkeit seiner Entschließungen bestätigt hätten.
Nach Hause geht er aber nicht, sondern er läuft, wie er da ist, nach Höngg hinauf. Bei dem Spott der Jünglinge ist ihm der Ernst Luginbühl eingefallen, und wie es die selben sind, die dem Weberknaben die Schule verleidet haben. Sogleich hat ihn aber auch die Scham gepackt, daß er sich selber nicht mehr um ihn kümmerte. Wohl hat er sich oft nach ihm erkundigt, aber zu ihm gegangen ist er nicht mehr, und nur einigemal Sonntags hat er ihn gesehen, wenn er, langaufgeschossen und längst mit blassen statt roten Backen von seiner Stubenarbeit, in die Kirche kam. Er kann nicht anders, er muß es gleich gut machen; aber wie er nach Höngg hinaufkommt, läuft er dem Großvater in den Weg, der sich noch etwas in der Herbstsonne ergehen will. Von dem erfährt er, daß der Ernst Luginbühl vor einigen Wochen nachts seinem Vater davongegangen sei, niemand wisse wohin: aber er würde schon überall in der Welt einen besseren Platz finden als an seinem Webstuhl! Glaubst du das wirklich? sagt Heinrich Pestalozzi und sieht mit einem seltsamen Blick in die wellige Hügelferne, als ob er zum erstenmal fühle, daß hinter diesen Bergen auch noch eine Welt ist.
30.
Die Nachricht von der Flucht Ernst Luginbühls hat Heinrich Pestalozzi auf den Gedanken einer heimlichen Pilgerfahrt gebracht: Er weiß, daß Rousseau seit dem Frühjahr auf der Petersinsel im Bielersee wohnt, und er malt sich das Abenteuer aus, dort einmal mit dem großen Mann zu sprechen; wenn er bis Baden eine Schiffgelegenheit nimmt, kann er den Weg in zwei Tagen hinter sich bringen. Die Mutter wehrt mit der Hand seine Worte ab, und er sieht, daß sie bis ins Herz erschrocken ist, als er nur im Scherz davon spricht; den Bluntschli aber fragt er einmal in der Gerwe auf den Kopf, was er davon hielte?
Da müßtest du weit reisen, sagt der; denn Rousseau ist auf der Flucht nach England! Und so erfährt Heinrich Pestalozzi, was der andere freilich auch erst seit zwei Tagen weiß, daß die bernische Regierung dem Flüchtling sein Asyl auf der Petersinsel gekündigt habe. Warum ist er nicht nach Zürich gekommen? fragt er in der ersten Enttäuschung; aber nun wird Bluntschli, der eben noch gescherzt hat, bitter: Weil die Zeiten Zwinglis vorüber sind und wir keinen Ulrich von Hutten mehr brauchen können; besonders, wenn es nur ein Genfer Uhrmachersohn ist! Wollte der große Voltaire kommen, sie möchten den Regenten der Aufklärung mit vierundzwanzig Pferden einholen und er könnte bei dem Antistes wohnen, aber den Rousseau mit seinen Menschenrechten würden die Gestrengen Herren in den Wellenberg stecken!
Sie haben im Eifer nicht gemerkt, daß unterdessen der mit dem braunen Bart — wie Heinrich Pestalozzi nun längst weiß, der Pfleger Schultheß zum Pflug, der Vater Annas und ihres gemeinsamen Freundes Kaspar — hinter sie getreten ist: Der Wellenberg wäre das Mindeste für einen Mann, sagt er ernst, der seine Kinder ins Findelhaus schickt und ungetraut mit einem Weibsbild lebt!
Der Bluntschli steht artig auf, und Heinrich Pestalozzi sieht, wie er todblaß geworden ist; auch ihn selber hat es ins Herz getroffen, das Vorbild so von ihrer strengen Tugend entblößt zu sehen. Darüber treten andere hinzu, die auch schon die Nachricht von Bern haben, und weil durch ein Mißgeschick der angesagte Vortrag ausfällt, wird Rousseau das erregte Abendgespräch an allen Plätzen.
Heinrich Pestalozzi hat über den Sommer zuviel in den Wolken gesegelt; nun merkt er erstaunt, wie sehr das sogenannte Genfer Geschäft auch schon die Züricher erhitzt. Es heißt, daß der Rat von Genf gegen seine eigene Bürgerschaft — die das Verdammungsurteil über Rousseau und seine Schriften nicht anerkennt und darum schon im vierten Jahr mit ihm streitet — die Gesandtschaften von Zürich, Bern und Frankreich als Friedensrichter in dieser Sache anrufen wolle. Damit würde, wie Bodmer freimütig über die Tische weg sagt, sich auch Zürich zu entscheiden haben, wieviel Macht der Wahrheit noch über Interesse, Herrschaft und falsche Politik geblieben sei! Heinrich Pestalozzi vermag aber nicht, diese Gespräche noch weiter anzuhören; das Wort des Pflegers Schultheß hat ihn zu sehr getroffen. Als er den Bluntschli bald aufstehen sieht, folgt er ihm rasch, um mit ihm in den gleichen Gedanken eingespannt früher als sonst heimzugehen: Auch der Hutten soll an einer häßlichen Krankheit gelitten haben, sagt der andere mit leiser Stimme, als sie oben auf der Niederdorfgasse sind; dann sprechen sie nichts mehr, bis sie sich ohne Gruß und Handdruck trennen.
31.
Im Frühjahr sieht Heinrich Pestalozzi die Züricher Gesandtschaft mit ihren kostbaren Staatsperücken in einem großen Aufwand von Reisewagen die Fahrt nach Genf antreten: es ist gekommen, wie an dem Abend gesprochen wurde, die Mächte sind angerufen, den Handel um Rousseau zu schlichten. Er ist immer noch nicht im reinen, wie einer sittenlos leben und Tugend lehren könne, und dieser Zwiespalt verbittert ihm die Politik. Unterdessen sind nach dem Agis im Lindauer Journal auch im Erinnerer eine Reihe von Wünschen gedruckt, die er im vergangenen Jahr geschrieben hat, aber selbst seine eigene Feder ist ihm verdächtig geworden. Als Bluntschli seine Hauslehrerschaft aufgibt und nach Hütten reist, um da eine Kur gegen seine kranke Brust zu machen, bleibt er vereinsamt in Zürich zurück. Einmal begegnet er dem Alumnaten, zu dem er damals am Zürichhorn ins Schiff gestiegen ist; er will ihn ansprechen, aber der weicht ihm scheu aus, als ob er eine Schuld von ihm einzufordern hätte. Wenn Heinrich Pestalozzi nun an seine Anzeige denkt, fällt eine brennende Unruhe über ihn; es ist das einundzwanzigste Jahr seines Lebens, als er gewahr wird, daß in der menschlichen Natur schlimmere Feinde der guten Sitten und der einfältigen Menschlichkeit liegen als in allen Gewalthabern.
Die Berichte der Gesandtschaft laufen ein, und jeder macht einen Sturm im Großen Rat, wo Bodmer unerschrocken gegen die Mehrheit der Gestrengen Herren auftritt. Es kommt, wie er prophezeit hat: die Entscheidung der Genfer zwischen Wahrheit und Interessen wird auch den Zürichern auferlegt; aber immer deutlicher sieht Heinrich Pestalozzi, daß die Bürgerschaft durchaus nicht so auf der Seite der Patrioten steht, wie seine spartanische Begeisterung gedacht hat. Wo ihrer einige zu vorwitzig auf der Gasse sind, kann es ihnen geschehen wie ihm damals, als er in den Keller fiel. Er ist verzagt genug, seinen Traum nun selber zu belächeln, diese Bürger als ein neuer Demosthenes zu reinen und hohen Dingen anzufeuern; es steht nicht einmal so, daß er wie sein Agis das Leben wagen könnte, die Zünftler würden sich mit einer Tracht Prügel genug tun.
Unerquicklich geht ihm der Sommer und der Herbst hin, indessen er noch immer hartnäckig an seiner Rechtswissenschaft mit dem Studium alter und neuer Gesetzschriften festhält. Er sieht den Bluntschli aus seiner Kur in Hütten mit einer Schwärmerei für die Schönheit der Natur und die Einfalt des ländlichen Lebens heimgekehrt, die er nun wehmütig belächeln muß. An seiner Gesundheit hat der Freund nichts mehr zu klagen, und wenn Heinrich Pestalozzi nicht durch die Mienen und Gespräche besorgt gemacht würde, er könnte glauben, daß ihm die Kur völlige Heilung gebracht hätte, so heiter sieht er ihn. Als er noch einmal über Rousseau mit ihm sprechen will, schüttelt Bluntschli den Kopf; auch sonst scheint er den Eifer eines Patrioten verloren zu haben, wo sich die andern erhitzen, lächelt er, und als aus Genf die Nachricht kommt, daß die mit dem Rat vereinigten Gesandten den Bürgern eine neue Verfassung auferlegt hätten, sagt er: da könnte das Sechseläuten angehen! Auch in seinen Büchern liest er nicht mehr, das Wissenswerte stände nicht darin, pflegt er zu scherzen; obwohl Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit hinter dem veränderten Wesen fühlt, vermag er sich der Heiterkeit nicht zu entziehen, darin der Freund Jüngling und Greis in einem geworden scheint, und so erlebt er den Zürcher Ausklang des Genfer Geschäftes viel weniger aufgeregt, als es sonst gewesen wäre.
Mitte Dezember kommt die Nachricht aus Genf, daß die Bürgerschaft mit großer Mehrheit das Machwerk der Gesandten verworfen habe; gleichzeitig geht das Gerücht, nun würden Frankreich, Zürich und Bern Gewalt anwenden und die aufsässige Bürgerschaft mit Krieg überziehen: Alles um eines gedruckten Buches willen, scherzt Bluntschli, als ob es keine vernünftigen Anlässe mehr gäbe in der politischen Welt! Aber die andern Patrioten sind eifriger, und der Privatlehrer Müller, des Stadttrompeters Sohn, schreibt das angebliche Gespräch eines Bauern mit einem Stadtherrn und einem Untervogt über den Genfer Handel, liest es auf seiner Stube auch einigen Freunden vor und verschließt es dann in sein Pult. Es ist mehr witzig als aufrührerisch, und Heinrich Pestalozzi, der es mit angehört hat, hätte nie gedacht, daß sich der Zorn der Obrigkeit daran entzünden könnte. Der Müller aber ist unvorsichtig genug, einem seiner Schüler die Handschrift zu überlassen. Der macht eine Abschrift davon und gibt sie weiter, immer mehr Abschriften werden gemacht, und Mitte Januar flattert das Bauerngespräch, wie man es heißt, heimlich durch die ganze Stadt, überall die Erregung des Genfer Geschäfts in lustigen Spott über die Perücken auslösend, bis eine Abschrift den Gestrengen Herren selber vor Augen kommt, die sofort mit heftigen Verhören den unbekannten Verfasser suchen.
Heinrich Pestalozzi, der sich mit Lavater besprochen hat, sucht noch spät abends den Müller auf, und rät ihm, sich selber zu dem Scherz zu bekennen, womit der Sache die Spitze abgebrochen sei; aber als er am nächsten Morgen nachfragt, hat der Sohn des Stadttrompeters eine richtigere Einsicht in seine Lage gehabt und ist über Nacht geflohen. Aus seinem Scherzgespräch ist eine Schandschrift und aus der Lustigkeit darüber ein Aufruhr geworden; ehe Heinrich Pestalozzi sich irgend einer Gefahr versieht, sitzt er selber auf dem Rathaus in Arrest, weil er dem Aufwiegler zur Flucht verholfen habe. Er wird auch drei Tage lang wie ein Verschwörer in strenger Haft gehalten, bis von dem Flüchtigen ein Brief eingelaufen ist, daß er das Bauerngespräch ohne böse Absicht geschrieben hätte und an der Verbreitung unschuldig wäre. Darauf lassen sie ihn zwar frei, aber die Untersuchung gegen den Aufruhr verliert nicht an Hitzigkeit: in ganzen Kompanien ziehen die getreuen Untertanen auf den Stadtplätzen auf, und bald wird von den Kanzeln des Kantons ein Urteil verlesen: daß der Verfasser der aufwieglerischen und höchst schandbaren Schrift aus dem geistlichen Stand removiert, aus der gesamten Eidgenossenschaft verbannt sei und in den Wellenberg geworfen werden solle, falls er betroffen würde. Die Schandschrift solle zugleich mit dem Lästerbrief aus dem Hottinger Handel durch den Henker öffentlich verbrannt werden, die Kosten für die drei Klafter Brennholz seien durch die Patrioten zu bezahlen, ihre Wochenschrift »Der Erinnerer« dürfe nicht mehr unter die Presse kommen, und sofern die gefährliche Gesellschaft noch etwas gegen die Obrigkeit unternähme, würden die schärfsten Strafen angewandt.
Bluntschli hat recht gehabt: das Sechseläuten fängt an; und ob es Heinrich Pestalozzi selber angeht, soviel obrigkeitliche Torheit vermag auch er nicht mehr ernst zu nehmen; als die Schandschriften durch den Henker verbrannt werden, spaziert er mit einem Freund auf dem Balkon der Meise und macht auf einer Pfeife die Musik dazu.
32.
Heinrich Pestalozzi hat es gleich gefühlt, daß sein Gespött auch die eigenen Träume trifft. Wie in der Heiterkeit des Bluntschli, den er nun auch gleich den andern Freunden Menalk nennt, der bittere Ernst immer deutlicher wird, so ist es auch mit ihm: er trägt im Übermut dieser Tage das Gefühl unabweisbarer Entscheidungen in sich, die mit all diesen flatternden Sehnsuchten und Lebensspielereien seiner verzettelten Jugend aufräumen werden; daß der Demosthenes dabei sein wird, ist ihm sicher.
Das Frühjahr will diesmal nicht kommen; immer wieder schütten die Wolken Schneeflocken in den Regen, und wo sich ein blaues Stück Himmel zeigt, blasen die kalten Winde es wieder zu. Heinrich Pestalozzi geht nun fast täglich nach der Zimmerleutenzunft hinunter, wo der Menalk meist am Fenster sitzt und in die Limmat sieht. Er ist hager geworden, mit tiefen, forschenden Augen und einer merkwürdigen Art, seine Knochenhand auf die Dinge zu legen, die er braucht. Seine Heiterkeit aber ist geblieben, und er spricht gern, als ob er jetzt erst den richtigen Abstand von seiner Mitwelt habe, die ihm sonst zu nahe und daher bedrückend gewesen sei.
Wenn Heinrich Pestalozzi nachmittags gegen die Dämmerung kommt, trifft er leicht mit der Anna Schultheß zusammen, die für eine Stunde bei dem Freund ist. Menalk hat es nicht gern, wenn er dann stört, und so meidet er die Stunde. Um so lieber spricht der Kranke, der immer deutlicher ein Sterbender wird, von ihr, die — um fünf Jahre älter als er — doch wie eine jüngere Schwester zu ihm steht. Sie hat als Mädchen noch die merkwürdige Zeit erlebt, wo der Dichter Klopstock ein halbes Jahr lang in Zürich lebte, und entsinnt sich seiner wohl, wie er auch in ihrem Elternhaus zum Pflug war. Da sie wohlhabend und vielgereist ist, dabei schön von Gesicht und Gestalt, gilt sie den jüngeren Freunden ihres Bruders Kaspar als eine Art Muse, und es war immer eine besondere Feier, wenn sie an einer ihrer Veranstaltungen teilnahm. Dabei ist sie seit langem Bluntschli so offensichtlich zugetan, daß sich kein anderer um sie zu bemühen wagt; und seitdem sie mehrmals Bewerbungen abwies, was bei ihrem Alter auffällig war, gilt es für ausgemacht, daß sie einmal Menalks Frau würde, obwohl die Eingeweihten wissen, daß ihr Verhältnis zu dem Kandidaten viel mehr geschwisterlich ist.
Je sichtlicher die kranke Brust Menalks den letzten Kampf mit dem unheimlichen Feind aufnimmt, um so mehr spricht er von der Freundin; einmal so schwärmerisch, daß Heinrich Pestalozzi ihn erstaunt ansieht. Er bricht dann mitten in der Schilderung ab und sieht lange vor sich hin, bevor er die Augen zu ihm hebt: Wir haben zu viel Eifer in unsern Sitten gehabt und zu wenig Liebe! Und als ob auch das noch nicht richtig sei, nach einer Weile: Ich habe nun so viele Tage vor Gott gesessen; am Ende weiß er doch besser als wir, was vonnöten ist. Es ist da eine leere Stelle in mir geblieben, aber ich kann sie nicht mehr füllen! Er hat seine große Hand über das Herz gebreitet und nimmt sie auch nicht mehr fort. Als Heinrich Pestalozzi aus seiner Erschrockenheit aufblickt, sieht er die Spur einer Träne, die ihm über die hageren Backenknochen in den Mundwinkel geronnen ist.
An einem Abend im Mai wird er zu ihm gerufen. Der alte Steinmetz — Menalk ist der zweitjüngste von neun Kindern, und die Mutter liegt seit drei Jahren auf dem Kirchhof — hat ihn noch einmal aus dem Bett ans Fenster tragen müssen, wo er im Kissen sitzt. Als ob er die Rechnung mit der Bitterkeit seines frühen Todes nun fertig gemacht habe, sieht er ihm befreit und heiter entgegen; spricht dann lange nichts, und als Heinrich Pestalozzi zögernd fragt, wie er sich befinde, hört er nicht darauf. Endlich scheint er die vorgefaßten Worte zu finden: Ich gehe sterben, sagt er und sieht auf seine Hände, die nebeneinander vor ihm liegen: du baust zuviel Pläne; die Menschen sind nicht so, wie du sie glaubst. Bescheide dich in einer stillen Laufbahn, und laß dich auf keine weitgehenden Unternehmungen ein ohne einen Ratgeber, der die Menschen und die Sachen kaltblütiger nimmt als du. — Es ist mein Testament, setzt er nach einigen Atemzügen hinzu, und der Schatten von einem wehmütigen Lächeln hängt an den Lippen, als ob er sich entschuldigte, daß es nur Worte wären. Als Heinrich Pestalozzi nach einer erschütternden Stille sprechen will, wehrt er ab: Geh jetzt, wir sehen uns noch!
Am andern Mittag will er nach ihm sehen, da kommt ihm aus der Tür Anna Schultheß entgegen. Wie gehts? fragt er beklommen, weil sie die Tränen achtlos rinnen läßt. Sie vermag nichts zu antworten, hebt nur die Hände, als ob die allein noch sprechen könnten, und für einen Augenblick scheint es, wie wenn sie in einer Ohnmacht hinsinkend sich an ihm halten wolle; dann eilt sie fort. Ihre Augen, die vom Schrecken übergroß geweitet und glanzlos vom Weinen sind, verlassen ihn nicht, bis er in die Stube tritt. Da steht Lavater mit einigen Freunden; sie sehen schweigend auf den Sterbenden, der nicht mehr spricht, nur hastig atmet wie einer, der zu rasch gelaufen ist. Einmal macht er die Augen groß auf, doch sieht er keinen mehr in der Stube; nach langem tut er ein paar tiefe Atemzüge, als ob er endlich Luft genug in seine Lungen bekäme, dann scheint er sich erlöst zum Schlaf hinzulegen; aber es ist der Tod gewesen, und Lavater, der es am ersten sieht, drückt ihm mit behutsamen Händen die Augenlider zu.
Die andern gehen danach fort; Heinrich Pestalozzi vermag es nicht, er fühlt, daß ihm mehr als ihnen gestorben ist. Aber als er stundenlang vor der Unbegreiflichkeit gesessen hat und, einer Regung folgend, dem Freund noch einmal die Hand geben will, ist sie schon kalt und nicht mehr menschlich; da fühlt er mit Grauen, daß etwas Fremdes an seiner Stelle liegt. Darüber kommt Lavater, dessen Umsicht dem alten Vater die nötigen Besorgungen abnimmt, mit zwei Frauen wieder, die den Leichnam waschen und für den Sarg herrichten wollen; der führt ihn hinunter und geht, ohne ein Wort zu sagen, mit ihm vielmals am Wasser hin und her, wo die Maisonne ihre Wärme in das Wasser schüttet und die Schwäne den Blust ihrer Federn spreizen. Als sie sich trennen, verspricht er ihm eine Zeichnung von dem toten Freund.
Ich habe so viele Tage vor Gott gesessen! Das Wort Menalks ist in ihm wie ein Stein geblieben, der immer tiefer sinkt; und je mehr er den Freund im Unbegreiflichen fühlt, weit fort von dem Leichnam, den fremde Frauen wuschen, um so inniger bildet er an seiner Gestalt, wie er da tagelang vor der letzten Entscheidung gesessen hat. Am andern Morgen bringt ihm Lavater die Zeichnung; er legt sie erschrocken fort, daß ihm das Bildnis des Toten die Erinnerung an den Lebendigen nicht störe, und während das Blatt unter seinen Blättern versteckt liegt, fangen seine Gedanken ein Denkmal an, das mehr als diese Zeichnung sein möchte.
Er soll Träger sein, aber als die Glocken zum Begräbnis läuten, steht er noch immer mit dem Babeli im Eifer über seiner Kleidung. Bis er hinunter kommt, tragen sie den Sarg schon ohne ihn die Gasse hinauf. Er will sich verzweifelt durchdrängen, aber die Jünglinge und Männer, die da mit ernsten Gesichtern in der vorgeschriebenen Ordnung schreiten, lassen ihn nicht hinein. Unfähig, sich den letzten anzuschließen, irrt er fort — ein Überflüssiger auch hier — und findet sich aus seiner Beschämung erst am Kirchhof wieder, als die ersten schon heimkehren. Hinter Büschen versteckt, wartet er die letzten ab und sieht den Totengräber beschäftigt, dem Hügel mit der Schaufel die vorgeschriebene Form zu geben. Er wagt nicht eher, an das Grab zu gehen, bis auch der Mann fort ist. Was er dann vor sich hat, ist nichts als ein Stück Frühlingserde, vom Gärtner frisch zubereitet, das er bald wieder verläßt.
Obwohl er den Totengräber beobachtet hat, wie der das Tor hinter sich zumachte, bedenkt er nicht, daß es geschlossen sein könnte; erst als er hinaus will, sieht er sich gefangen. Es ist kein zu großer Schrecken für ihn, und er hätte schon einen Schlupf gefunden; aber als seine Hände noch in der ersten Überraschung die Torstäbe halten, sieht er den Totengräber mit einer schwarzen Jungfrau zurückkommen, die einen Strauß Frühlingsblumen trägt. Er weiß auf den ersten Blick, daß es Anna Schultheß ist, die dem Grab des Freundes zunächst einen Gruß bringen will. Gern möchte er sich noch verstecken, aber die beiden haben ihn schon gesehen; so wartet er steif an dem Tor, bis es geöffnet wird. Der Mann ist mißtrauisch und augenscheinlich nicht gewillt, ihn durchzulassen, wenn er nicht vor seiner Begleiterin in der lächerlichsten Verwirrung den Hut gezogen hätte; so läßt er ihn laufen, der aus seiner Scham weder ein Wort noch eine Miene der Erklärung findet und fassungslos nach der Stadt hinunterstürmt.
Er fühlt die Zweideutigkeit seiner Lage sofort: die Freundin kann nicht anders glauben, als daß ihn der besondere Schmerz um den Menalk zurückgehalten habe; und soviel er in seiner Bestürzung von ihrem Gesicht wahrnahm, ist der Dank ihrer guten Meinung schon darin gewesen. Indem er fortrennt, statt ihr gleich tapfer die Umstände zu gestehen, hat er die Zweideutigkeit noch vermehrt; denn sie muß sich auch das noch auf einen Schmerz deuten, was nichts als die erbärmlichste Feigheit ist. So steht er am Grab des gemeinsamen Freundes in einer Schauspielerei vor ihr, die unaufgeklärt eine böse Lüge und aufgeklärt eine unerträgliche Beschämung bedeutet. Trotzdem er sich sogleich tapfer für die Beschämung entscheidet, liegt bis dahin die Lüge auf ihm; und das Gefühl davon saugt alles auf, was an selbstklägerischen Gedanken seiner wirren und fahrlässigen Jugend schon vorher in ihm gewesen ist, sodaß er an der alten Stadtmauer hin und gegen die Bollwerke rennt, als ob ihn diese Flucht vor sich selber retten könne. Als er sich ganz in das Mauerwerk verlaufen hat, wirft er sich hin, und niemals hat er so die Erschütterung zu weinen gespürt wie unter der blaßblauen Himmelsglocke dieses Frühlingstages.
33.
Heinrich Pestalozzi ist einundzwanzigjährig, als der Tod des gemeinsamen Freundes ihn der Anna Schultheß nähert und dem sehnsüchtigen Schwall seiner Jugend einen frühzeitigen Durchbruch ins Leben bringt. Seit der Begegnung an der Kirchhofstür geht sie schwarz gekleidet mit Frühlingsblumen durch seine Träume, und wo seine wachen Gedanken den Gestorbenen wehmütig bekränzen. Er hat ihr eine offene Darstellung seiner Irrgänge am Begräbnistag gesandt und den flackernden Leichtsinn seiner Jugend nicht geschont, um das Gegenbild des toten Freundes hell vor die Dunkelheit zu stellen, wie der sein Jünglingsleben streng vollendete und von der Selbstüberwindung mit Heiterkeit gesegnet in den Tod einging.
Die Kaufmannstochter im Pflug dankte ihm kühler, als er erwartete; er spürt aus ihren Schriftzügen und Sätzen, um wieviel gehaltener sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zum Leben steht als er mit seinen einundzwanzig: aber weil ihn die heftigen Winde seiner Meinungen den Altersgenossen voraus in die Schwierigkeiten einer eigenen Berufswahl getrieben haben, indessen sie noch den behüteten Gang ihrer Studien gehen, lockt ihn das Ältliche an ihr erst recht. Er weiß es abzupassen, daß er sie bald danach auf einem Spaziergang trifft, und ruht nicht, als sie zu Besorgungen fort muß, bis sie ihm noch eine Stunde am selben Abend verspricht.
Noch liegt für ihn selber das Eingeständnis einer andern als freundschaftlichen Neigung nicht zutage; obwohl lebhaft von den wechselnden Begebenheiten der Vaterstadt hingenommen und in hundert Anlässen geschäftig, die ihn eher vorlaut erscheinen lassen, ist er schüchtern, und er hätte aus sich selber kaum die Entschlossenheit, sie in der Dämmerung auf dem Lindenhof abzuwarten, wenn er nicht durch die schmerzliche Gemeinschaft um den toten Freund in eine so seltsame Nähe zu ihr gekommen wäre. Sie wiederum mag durch Menalk viel Rühmliches von ihm gehört haben, auch ist sie durch ihre Brüder an Kameradschaften gewöhnt: aber als sie dann unter den Bäumen des Lindenhofs beieinander stehen — es ist diesmal noch zu hell, als daß die Sterne schon funkeln könnten — sind sie doch nur ein Menschenpaar, das, ungleich im Alter, den Zwang der Natur zu fühlen bekommt. Heinrich Pestalozzi spricht unablässig, von der Winternacht, wo er mit Bluntschli hier gestanden hat, von dessen bitteren Worten und ihrer gemeinsamen Beklommenheit nachher, auch von dem Vermächtnis des sterbenden Freundes am vorletzten Abend, nicht anders, als ob erst jetzt das gedämmte Gefühl einen Abfluß fände: aber er fühlt wohlig die innige Verbindung mit seiner schweigsamen Hörerin, und wieviel er dabei von sich selber in ihre Seele sprechen kann.
Als sie sich trennen, erst leise dann dringend von ihr gemahnt, und sie ihm die Hand gibt, eine weitere heimliche Zusammenkunft nicht unbewegt, aber bestimmt ablehnend, vergißt er sich zu Tränen, sie darum zu bitten, und läßt in seiner Inbrunst ihre Hand nicht wieder los, bis sie sich selber freimacht und flüchtend von ihm fort eilt.
Heinrich Pestalozzi beherrscht sich mühsam, ihr nicht zu folgen, aber er fühlt jeden Schritt ihrer Entfernung wie einen körperlichen Schmerz, und in der Frühe findet er sich, mit einem Seufzer aus sehnsüchtigen Morgenträumen aufgewacht, aufrecht im Bett sitzen. So sehr er sich selber zur Rede stellt und sich des schwärzesten Verrats an Menalk beschuldigt, daß er das Gedächtnis an ihn für seine eigenen Gelüste mißbrauche: der Drang, sie zu sehen, ist so unbezwingbar, daß er unablässig Möglichkeiten aussinnt. Als es ihm am ersten Tag mißlingt, am zweiten und dritten auch, weil sie sich offenbar der gewohnten Gänge enthält, vermag er es am vierten nicht mehr und geht ihr mit einem Vorwand ins Haus. Er weiß, daß sie in der Handlung des Vaters an der Ladentheke bedient, und tritt um die stille Zeit nach Mittag ein. Von der Ladenschelle gerufen, findet sie ihn als Kundschaft, die sie bedienen muß; bis sie den zornig und fast mit Tränen verlangten Zucker für die Haushaltung der Mutter abgewogen und ihm hingelegt hat, ist sie gesammelt genug, ihn ernst zu bitten, das nicht mehr zu tun!
Er kann kein anderes Wort vorbringen; doch hat er sie nun wiedergesehen, und als er dem Babeli den heimlich erworbenen Zuckervorrat in die Küche geschmuggelt hat, verhehlt er sich nichts mehr von seiner Leidenschaft und beginnt, seine Aussichten zu prüfen: Sie ist wohlhabend, und er ist arm; sie trägt ihr schönes Antlitz auf einer wohlgebildeten Gestalt, während er als der schwarze Pestaluz um seiner pockennarbigen und unordentlichen Erscheinung willen in den Gassen verhöhnt wird; sie ist auf zahlreichen Reisen in den Formen des Welttons gebildet und mit Geschmack sorgfältig gekleidet, also auch darin sein Gegenbild: aber sie steht auch mehr als jedes andere Mädchen, das er kennt, mit herzlicher und kluger Kenntnis in der Welt seiner Jugendideale und ist durch die gemeinsame Freundschaft mit Menalk seinem Herzen so nah wie sonst kein Menschenkind in Zürich. Wenn — wie es heißt — Lebensgefährten einander ergänzen sollen, vermag er sich nichts Vollkommeneres zu denken als sie; und auch er hofft ihr — so sehr er in der Gegenwart seine Mängel fühlt — aus seinen Zukunftsplänen einige haltbare Wechsel bieten zu können. Ihr steht es frei, ihm nein zu sagen, nicht aber ihm, sie zu fragen.
Um sich zu prüfen, schließt er sich vor der Schwester ein — die Mutter ist in Höngg, den kranken Großvater zu pflegen — und sagt dem Babeli, daß er krank wäre. Er wird auch wirklich krank in der Unruhe und Marter seiner Sehnsüchte und Hoffnungslosigkeiten, bis er nach hitzigen Fiebertagen einen Brief schreibt. Er sitzt den ganzen Tag daran, und es wird mehr eine Abrechnung mit sich selber, darin er auf der einen Seite die eigenen Mängel zu Bergen auftürmt, um auf der andern seine Neigung und seine Vorsätze dagegen zu stellen. Aber als er nach einer dadurch beruhigten Nacht den Brief noch einmal durchliest, erschrickt er selber über seine Maßlosigkeit und zerreißt ihn. Er beginnt dann von neuem, noch zweimal an dem Tag, auch diese Briefe wieder zerreißend; bis er, aufs tiefste entmutigt über sein Mißgeschick, den ersten Brief noch einmal in besonnener Form wiederholt und, um ein klares Ja oder Nein bittend, ihn auch endlich absendet.
Sie läßt ihn zwei lange Tage und längere Nächte auf Antwort warten; und was sie ihm dann schreibt, ist nur eine Aufzählung der Gründe, die gegen ein innigeres Verhältnis sprechen, und der unverhohlene Wunsch, mit einem abgewiesenen Liebhaber nicht den Freund zu verlieren. Aber Heinrich Pestalozzi ist nun ein abgeschossener Pfeil, der sein Ziel treffen oder verfehlen, nicht mehr zurück kann. Er schreibt ihr wieder, alle Gründe, namentlich den ihres verschiedenen Alters, mit einem Feuerwerk edler Worte widerlegend, und bittet sie aufs neue um eine Unterredung — die sie ihm zögernd gewährt. Diesmal treffen sie sich frühmorgens auf der Straße nach Höngg, wo die Morgenfrische ihr gegen seine brandige Leidenschaft hilft; doch muß sie ihm zugestehen, daß er ihr schreiben und sie manchmal auch sehen dürfe. Sie hält danach noch wochenlang an ihrer Bedingung fest, daß alles zwischen ihnen im Rahmen der Kameradschaft bleiben solle. Aber mit abendlichen Stelldicheins und morgendlichen Spaziergängen, mit langen Briefen und innigen Gesprächen nistet sich auch bei ihr die Liebe ein, und als der Sommer auf seiner Höhe ist, vermag Anna Schultheß dem Ansturm seiner Gefühle nicht mehr zu widerstehen. Es schreckt sie nicht mehr, daß ihre Mutter den schwarzen Pestaluz als einen unnützen und prahlerischen Schwarmgeist verabscheut und selbst ihr Bruder Kaspar ihn einen Knaben nennt, während der Zunftpfleger ihr zuliebe mit seinen sichtbaren Bedenken humoristisch zurückhält, es schreckt sie nicht einmal, daß sie selber an seinen Äußerlichkeiten Anstoß nimmt: sie hat in dem Schwarmgeist die Tiefe der Gesinnung und in dem Knaben die Weite der Seele gespürt, die sich freilich an allzu vielen Projekten begeistert, deren grenzenlose Kühnheit sie aber mit Stolz empfindet. Auch die rastlose Werbung tut das ihre, sie von der Unbeirrbarkeit seines Willens zu überzeugen: als er wieder einmal vor ihr steht mit den dunklen Augen, aus denen seine Seele in wahren Strahlenkränzen zu leuchten scheint, beugt sie ihren Stolz der Kaufmannstochter, ihre weltklugen Erwägungen und die Einsicht der älteren Jahre vor dem Ungestüm seiner Jugend und legt sich — auf die mancher wohlhabende Geschäftsfreund ihres Vaters im stillen noch hofft — mit dem Gelöbnis unverbrüchlicher Treue in die Arme des einundzwanzigjährigen Jünglings Heinrich Pestalozzi.