Abend
Reading edition
67.
Als Heinrich Pestalozzi und seine Frau Anna ein paar Stunden lang still miteinander in den Stuben geblieben sind, daraus sie morgens seine Mutter als die letzte von den vier Eltern ihrer Ehe auf den Kirchhof getragen haben, trennen sich ihre Wege für lange Zeit. Nicht, daß sie unfriedlich auseinander gingen; ihre Seelen sind selten so im Rätsel der Vertrautheit gewesen wie an diesem Nachmittag, wo sie im Vorhof des Todes und also im Allerheiligsten des Lebens ihre Hände und Augen ineinander legen und das Naheste ihres Lebenskreises, ihr Fleisch und Blut im Neuhof und dahinter die Herzensfreunde nur noch wie eine fremde Ferne fühlen. Aber Abmachungen vom Morgen rufen Anna zu ihren Brüdern im Pflug, wo noch am Abend ein Wagen sie zu einer Freundschaft abholen soll. Er mag weder zum einen noch zum andern: Es sind deine Sachen, sagt er, wie meine Mutter allein die meine ist; ich will noch ein paar Tage ihr Sohn gewesen sein, weil nun der Faden meiner Kindheit abgeschnitten wurde.
Es schlägt fünf Uhr, und der Märztag geht rötlich dem Ende zu, als er sie auf die Straße bringt. Wir sind im Nachmittag, sagt er, und weil am Morgen und Mittag alles kam, wie es geschehen mußte, wird auch der Abend unseres Lebenstages nicht anders sein! Danach geht er hinauf und sitzt zum Abend schon tief in den Gedanken, die seit Wochen und Monaten das Selbstgericht seines Daseins sind: »Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat; ich will wissen, was der Gang des Lebens, wie es ist, aus dem Menschengeschlecht macht!« Das sind seine Nachforschungen aus Richterswyl, und er verläßt die Stuben seiner Mutter nicht eher, als bis er die Schrift vollendet hat, an der er nun schon im dritten Jahr seine Denkkraft versucht. Er schreibt sie nicht für sich und nicht um seinetwillen, er sieht sich in der Menschheit und die Menschheit in sich, er will der wirren Zeit einen sicheren Maßstab und Weiser ihrer Taten geben. Dies aber ist ihm im Einzelnen wie in Allen der gleiche Gang der Natur: aus dem tierischen Paradies der Jugend in die gesellschaftliche Verpflichtung als Bürger, als Teil der Familie, der Gemeinde, des Staates, als Erfüller eines Berufes; doch kann für ihn dieses Dasein des brauchbaren Bürgers nicht Sinn und Ziel des Lebens sein: das Ziel ist allein der Mensch als sittlicher Zustand, der sich jenseits von allem bürgerlichen Zweck in das Weltwesen einordnet, wie es der Weisheit des Alters vorbehalten scheint. Die selige Unschuld der Jugend kann er mit dem Bewußtsein des Alters nicht wieder erreichen, aber doch die Unfreiheit des gesellschaftlichen Menschen überwinden und als letzte Einsicht die Einheit der Kreatur mit dem Schöpfer wieder gewinnen, die das Tier in seiner paradiesischen Unschuld nicht verliert.
Es ist der Abschied von seinen Mannesjahren, den Heinrich Pestalozzi einsam feiert, als er über dieser Schrift wochenlang mit dem hitzigen Eifer seiner Jünglingsjahre sitzt. Daß er sie in der Stube seiner Mutter niederschreibt, bringt ihm auch sonst die Stimmung der Zeiten zurück, da er den spartanischen König Agis in die Zürcher Verhältnisse beschwor. Wie damals hätte er gern einen Kreis Gleichgesinnter gehabt, ihnen die gelungensten Stücke aus seiner Schrift vorzulesen; aber es gibt keine Gerwe mehr, Bodmer liegt seit dreizehn Jahren in der Erde, und statt seiner heiteren Menschlichkeit herrschen die Humanisten über die Zürcher Jugend. Gleichwohl, als er zu Ende ist mit seiner Schrift und im Gefühl tiefer Dankbarkeit aufatmet nach der fiebrigen Anspannung dieser Wochen, treibt es ihn, einen Kreis alter Freunde zu suchen, denen er die Hauptstücke seiner Nachforschungen vorlesen darf. Die meisten sind unterdessen Großvater geworden gleich ihm, und der Beruf hat nicht allen Zeit gelassen, den Lebensfragen so nahe zu bleiben wie er; aber die Feuersbrunst von Westen hat so viele Brandflocken in die Schweiz herüber geworfen, daß auch die Zurückhaltenden die Unruhe der Zeit fühlen; und schließlich ist Heinrich Pestalozzi nicht mehr allein der Armennarr von Neuhof, sondern auch der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud und schweizerischer Ehrenbürger der französischen Republik.
So kommt es zu einem Frühsommerabend, wo er wieder wie als Jüngling mit dem Agis nun mit seinen Nachforschungen über den Gang der Natur dasitzt und seine zitternde Stimme Wege in ihre Herzen suchen läßt. Er weiß, dies ist für ihn mehr als eine Schrift, es ist die Grundlage alles dessen, was er in Taten und Worten versucht hat, die Rechtfertigung seines im bürgerlichen Sinn gescheiterten Daseins und zugleich ein Religionsbuch der Zeit, wie er keines kennt. Aber die Freunde haben etwas anderes von dem Ehrenbürger der Franzosen erwartet, etwas, darin der Brand der Zeit ist; sie sehen sich wieder einmal enttäuscht durch ihn, und obwohl sie betreten schweigen und vor seinen zitternden Worten stumm bleiben, mag in allen das gleiche Gefühl sein: daß in diesem Menschen eine krankhafte Sprunghaftigkeit sei; nun er als Figur für die Öffentlichkeit feststeht und sein Weg durch die Erfolge vorgezeichnet ist, verfällt er auf philosophische Spekulationen, zu denen es ihm — so scheint es ihnen — durchaus an der Bildung fehlt. Der Abend geht peinlich in eine betretene Stimmung aus; nur ein alter Landpfarrer vom See, der ihn schon mehrmals im Neuhof besucht hat, ein ehrlich gesinnter Menschenfreund, ist erregt von dem Abend. Er begleitet ihn nach der kleinen Stadt hinüber, und Heinrich Pestalozzi scheint es, als ob er auf der mondlichten Brücke und nachher in dem Schattengewinkel der Gassen ein paarmal tief vom Herzen seufze. Erst vor seiner Tür findet der Mann die Worte zu seiner Bewegung, indem er die Kappe abnimmt und ein paarmal über sein weißes Haar streicht: er müsse Abschied von ihm nehmen; er könne sich nun einmal sein Christentum nicht als einen Kirschbaum denken, den sich die Menschen selber in ihren Garten gepflanzt hätten!
In seine Milde ist ihm unvermutet der pfarrerliche Zorn gefahren; ehe Heinrich Pestalozzi — der mehr den Zorn als die Worte versteht — aus seiner Bestürzung antworten könnte, ist der alte Mann schon im Schlagschatten der nächsten Quergasse verschwunden. Sie wollen alle das Beste, sagt er bitter, als er im Dunkeln die enge Stiege allein hinauf tappt, aber sie fürchten das Gute. Noch in derselben Nacht aber schreibt er sich selber eine bittere Grabrede als Nachwort zu seiner Schrift: »Und die Welt zerschlug ihn mit ihrem eisernen Hammer, wie die Maurer einen unbrauchbaren Stein zum Lückenfüller zwischen den schlechtesten Brocken!«
68.
Es geht Heinrich Pestalozzi mit seinen Nachforschungen in der großen Welt nicht anders als in der Enge seiner Zürcher Freunde; trotz seinem flehentlichen Schlußwort kommt kein Echo, und wenn alles ein blasser Unsinn gewesen wäre, könnte die Stille nicht peinlicher sein. Aber nun ist es zu Ende mit der Einsiedlerschaft und der Wartezeit seiner einsamen Mannesjahre: die Stube der Mutter hat ihn wieder in seine Vaterstadt gebracht, und von den Signalen seiner Jünglingszeit erfüllt, nimmt er teil an dem Handel mit dem aufrührerischen Stäfa, der auch den Gestrengen Herren in Zürich die Schicksalsstunde läutet.
Er hat den Anfang schon in dem Winter erlebt, als er seinem Vetter Hotze das Haus in Richterswyl hütete. Auch durch die Dörfer am See ist der Sturmwind der Menschenrechte geweht und hat in dem unterdrückten Landvolk die Erinnerung an alte Gerechtigkeiten geweckt, an den Kappeler Brief und den Waldmannischen Spruch. Als die Urkunden sich in der Gemeindelade zu Küsnacht wirklich fanden, haben die Seebauern zu Küsnacht, Horgen und Stäfa, ein Memorial an die Gestrengen Herren in Zürich gesandt, ob diese Briefe noch zu Recht beständen? Das allein aber hat den Rädelsführern schon den Kopf kosten sollen, und nur der hinreißenden Beredtsamkeit Lavaters ist es gelungen, Bluturteile zu verhindern. Seitdem sitzen ihrer zwei aus den drei Orten gefangen im Wellenberg, und über dem Haupt des Ältesten, eines siebzigjährigen Greises aus Stäfa, namens Bodmer, ist auf offenem Markt das Schwert des Henkers geschwungen worden, zum Zeichen, daß sein Leben den Zürcher Herren verfallen sei.
Heinrich Pestalozzi hat damals selber im Verdacht gestanden, das Memorial verfaßt zu haben; als nun der Handel in einen Bürgerkrieg auszugehen scheint, indem das erbitterte Landvolk — von den Sturmnachrichten aus Frankreich mutig gemacht — die Aufhebung des ungerechten Urteils und die Freigabe der Eingekerkerten unter Androhung offener Gewalt verlangt, sodaß die Revolution in der Schweiz hier ihren Ausgang nehmen will: ist er der einzige Zürcher, der es wagen darf, in das empörte Stäfa zu gehen, um mit der Geltung seines Namens den blutigen Ereignissen entgegenzuarbeiten. Er hat es unterdessen auf sonderbare Weise noch einmal zum Fabrikanten gebracht: eine Seidenfirma Notz richtet auf der Platte in Zürich eine Fabrik ein und braucht einen Zürcher Bürger als Inhaber, um die Erlaubnis der Niederlassung zu erhalten; weil, wie er selber spottet, sein Name in den zweiundfünfzig Jahren das einzig Brauchbare an ihm geblieben ist, läßt Heinrich Pestalozzi sich den abkaufen. So führt er bürgerlich nur noch ein Schattendasein; aber mit Sendschriften und Flugblättern flackert sein landfahrender Menschengeist durch den wilden Handel. Zum erstenmal seit seiner Jünglingszeit kommt er dabei wieder mit Lavater überein, der — wie er in den Seegemeinden — in Zürich die Regierung von gewaltsamen Schritten abhält. Überall liegen die Waffen zur offenen Empörung bereit, Blut soll die verweigerte Gerechtigkeit auslösen, und die Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten sind abgebrochen: da überbringt Heinrich Pestalozzi einen offenen Brief Lavaters an den redlichsten Mann in Stäfa, in dem eine friedliche Freilassung der Verurteilten aufs bestimmteste in Aussicht gestellt wird. Und so ehrlich ist das Vertrauen der Landbürger auf die beiden Männer, daß die Waffen noch einmal ruhen.
Umso aufrührerischer aber tut das zugelaufene Volk, das sich eine Gelegenheit entschwinden sieht. Seitdem es sich herumgesprochen hat, daß in Stäfa der Handel des unterdrückten Landvolks mit den hochmütigen Stadtherren zum Austrag kommen soll, ist dort alles zusammengeströmt, was in der Zürcher Herrschaft und in den Kantonen rundum auf den Tag der Abrechnung wartet, sodaß die Wirtschaften und Scheunen in Stäfa voll sind von einer braunen wilden Menge: ehrlich Verbitterte, die auf Vergeltung lauern, und gewalttätiges Bettelvolk, das schon von einer Plünderung der reichen Zürichstadt träumt, alte Kriegläufer, die in der neuen Ordnung keinen Platz mehr gefunden haben. Sie haben ihr Hauptlager in einer leeren Scheune, wo sie die Zürcher Herren mit wilden Flüchen nach dem Pariser Vorbild an die Laternen hängen, obwohl sie vorläufig weder Laternen noch Zürcher dahaben. Im Vertrauen auf seine Geltung wagt sich Heinrich Pestalozzi mit dem Brief Lavaters auch dahinein; aber da wissen sie nichts von Lienhard und Gertrud und seinem Ehrenbürgertum, ihnen ist er nichts als ein Zürcher Spion, und so empfängt ihn in der halbhellen Scheune eine Schweigsamkeit, die nur höhnisch lachen, nicht mehr sprechen kann. Zu arglos in seinem Eifer fängt er an, gutmütig scheltend auf sie einzureden; aber als er schon denkt, sie zu rühren — so still ist es um ihn — tut einer einen Ruf, und gleich ist es, als ob sich rundum ihre Hörner senkten. Er hat noch ein Stück seiner Rede im Mund, da heben sie ihn wie eine Strohpuppe an den Beinen hoch und tragen ihn, die Marseillaise heulend, durch den Raum. Noch immer täuscht sich Heinrich Pestalozzi über die Gefahr und versucht, auf sie einzureden; aber je mehr er dabei in ihren Fäusten zappelt, umso höhnischer wird das Hetzgeschrei — bis ein Schuß fällt. Einer hat den Zürcher abschießen wollen wie einen Schützenvogel, aber gefehlt, und die Kugel zischt ins Gebälk. In der Verwirrung kommt er wieder auf den Boden; aber es wäre keine Rettung für ihn gewesen, wenn sich nicht ein stakiger Kerl mit einem alten Soldatenhut vorgedrängt hätte, der ihm gleich beim Eintritt durch das von feurigen Narben entstellte Gesicht und um einer Ähnlichkeit willen aufgefallen wäre: Heißt der Mann nicht Pestalozzi? Und als einige verblüffte die barsche Frage bejahen: Dann Brand und Pest, wer ihn anrührt! Er gehört mir, wir haben noch etwas miteinander auszumachen! Dabei hat er schon seinen alten Reitersäbel blank, und Heinrich Pestalozzi meint, sein Arm müsse unter dem Griff zerbrechen, wie er ihn durch das Gedränge schiebt und mit dem Fuß das klappernde Tor aufstößt: So, Heiri, sagt er, als er ihn draußen hat — und Heinrich Pestalozzi aus dem verwüsteten Gesicht den Ernst Luginbühl erkennt — jetzt schau, daß du weiterkommst!
69.
Mit diesem Vorspiel in der Scheune ist das Kriegstheater in Stäfa schon wieder aus; bereits am dritten Tag danach kommt der Bürgermeister Wyß, durch einen dringenden Brief Lavaters aus der Tagsatzung in Aarau gerufen, zu einer Sitzung der Rate und Bürger, die den Wünschen des Landvolks nachgibt. Heinrich Pestalozzi ist dabei, wie sie unter Glockengeläut und Freudenschüssen die Befreiten in geschmückten Wagen heimholen, und an der Grenze von Zollikon spricht er dem ehrwürdigen Bodmer einen Zuruf, dem diesmal die Freude lauter nachschreit, als die Wut in der Scheune. Den Luginbühl findet er nicht mehr, der gehört zu denen, die sich der neuen Lage mißtrauend davon gemacht haben, an einem andern Ort die Abrechnung zu erwarten; denn daß die alte Zeit stürmisch zu Ende geht, fühlt jeder in der Schweiz, seitdem der General Bonaparte von seinem siegreichen Feldzug in Italien nach Rastatt selbstherrlich durchs Land gereist ist, Gunst und Ungunst wie ein Herrscher verteilend.
Heinrich Pestalozzi vermag die Stunde nun doch nicht in Zürich zu erwarten; in der Seidenfabrik auf der Platte ist nur sein Name nötig, er selber geht noch einmal auf das Birrfeld zurück. Vorher läßt er die Stuben seiner Mutter ausräumen und fährt so nach dreißig Jahren zum andernmal auf einem Wagen mit Hausrat aus der Sihlporte hinaus. Es ist ein graulicher Wintertag, und er kommt im Dunkeln auf dem Neuhof an, wo ihm seine Schwiegertochter unterdessen ein zweites Enkelkind geboren hat, sein Sohn Jakob aber schon viele Monate gelähmt daliegt. Es war noch zu früh, sagte er der Lisabeth, die noch im Mondlicht mit einem schweren Korb aus der Scheune kommt und ihn vor Erstaunen hinsetzt: ich muß ein kleines warten, bis sie mich brauchen; meinen Namen hab ich dahinten gelassen; er ist in Zürich Fabrikant!
Es ist wirklich nur noch ein kleines; fünfmal kommt er noch Sonntags auf seinem Pferdchen nach Brugg, im Gasthof zum Sternen die Schaffhauser Zeitung zu lesen, und jedesmal sind es der Sturmnachrichten mehr: Im Waadtland fängt es an mit der lemanischen Republik; wohl rufen die Berner den Landsturm auf gegen die eindringenden Franzosen, und Tausende folgen den Sturmglocken, aber die Kräfte sind verzettelt; als es dem tapferen Oberst von Grafenried gelingt, die Welschen im Sensetal blutig zu schlagen, ist der Sieg umsonst, weil unterdessen der General Schauenburg nach dem Gefecht bei Fraubrunnen an einem Märzmittag in Bern eingezogen ist und der unbesiegten Stadtherrlichkeit eines Jahrtausends ein unrühmliches Ende gemacht bat.
Wie Heinrich Pestalozzi zum sechstenmal geritten kommt, steht von eilfertigen Patrioten aufgerichtet auch schon in Brugg der Freiheitsbaum: es ist vorüber mit der alten Eidgenossenschaft der Landstände; die Tagsatzung in Aarau muß im Zwang der französischen Waffen die Helvetische Republik proklamieren. Obwohl der Baum ihm immer noch zu dünn und ohne Wurzeln ist, steigt er ab von seinem Tier und tauscht den Bruderkuß. Im Sternen will man ihn deshalb hänseln, er aber fährt sie zornig an: Die alte Welt konnte von Heinrich Pestalozzi nur noch den Namen gebrauchen, vielleicht, ihr Herren, daß in der neuen Platz für mich selber ist!
70.
Heinrich Pestalozzi weiß wie wenige im Land, daß die Freiheit eines Volkes andere Dinge verlangt, als daß ihm die Ketten einer ungerechten Verfassung abgenommen werden: der Baum, den sie im Wald abschneiden und ohne Wurzeln in die Straße pflanzen, scheint ihm ein passendes Sinnbild solcher Freiheit. Er aber ist auf seinem Neuhof der Armennarr geworden, weil er einen Freiheitsbaum mit Wurzeln wollte: Ein Volk, das sind tausend und viele tausend Einzelne; jeder Einzelne aber bringt eine lebendige Menschenseele mit auf die Erde, und wer diesen Seelen ein Gärtner ist, daß sie in der Jugend Wurzeln schlagen können zu einer wirklichen Anschauung der Weltzusammenhänge, tut mehr für die Freiheit, als wer einen neuen Zaun mit prahlenden Fähnchen an den Toren um den Garten zieht. Von allen Figuren um Lienhard und Gertrud steht ihm der Leutnant Glüphi am nächsten, der sich kein besseres Los auf der Welt findet, als den Dorfkindern in Bonnal ein Schulmeister zu sein; und seit dem Tag, da die Helvetische Republik Raum für solche Dinge gibt, brennt Heinrich Pestalozzi vor Begierde, es seinem Leutnant gleich zu tun.
Gleich in den Frühlingstagen der jungen Republik geht er hinüber nach Aarau, sich dem Vaterland anzubieten. Er findet es ungünstig, indem der zuständige Minister, an den er durch Lavater dringend empfohlen ist, noch in Paris weilt. Trotzdem spürt er gleich, daß die Lebensluft der neuen Verhältnisse ihm günstiger weht; sein Name schließt Türen auf, an die er bisher vergeblich klopfte, und als er einen Brief hinterläßt, weiß er sicher, daß in den Aktenfächern kein Stockfisch daraus wird.
Der neugebackene Minister der Künste und Wissenschaften Albert Stapfer ist vordem Professor der Philosophie in Bern gewesen; er kann Heinrich Pestalozzi nicht freundlicher gesinnt sein, als es Iselin und Battier vor ihm gewesen sind, aber seine Ministerhände greifen breiter als die ihrigen; auch kehrt die neue Regierung noch scharf als neuer Besen, und unter den Männern in der Schweiz ist keiner, der aufrichtiger dabei helfen will, als der Einsiedler und Armennarr vom Neuhof. Stapfer ist kaum aus Paris zurück, als ihn die Bürger von Aarau schon fast täglich mit Heinrich Pestalozzi unterwegs sehen. Er lutscht noch immer an seinem Halstuchzipfel und stellt auch sonst neben dem feinen und gewandten Stapfer einen altmodischen Großvater vom Land vor; aber hier kennen und ehren ihn viele, die ihm nun die lange Schicksalszeit auf Neuhof als ein Martyrium der neuen Herrlichkeit anrechnen; denn in Aarau als Vorort ist man mit der Helvetischen Republik nicht übel zufrieden.
Stapfer, der voll eigener Ideen ist, will zuerst der allgemeinen Schulnot des Landes durch ein Lehrerseminar abhelfen, durch das endlich andere Männer als Schneider und Schuster in die Dorfschulen kämen; er tritt eines Tages auf der Straße mit dem Einfall auf ihn zu, daß er die Leitung übernehme. Aber Heinrich Pestalozzi hat gerade Kindern zugehört, die in einem schattigen Winkel Schule spielen und sich mit dem Prügelstock und Geschrei den Katechismus abhören; die ganze Sinnlosigkeit dieses Betriebes ist ihm aufgegangen als ein Handwerk, das weder Werkzeug noch Fertigkeiten hat, und wehmütig lächelnd entgegnet er dem Minister: Wie soll man etwas lehren können, was noch keiner kann? Es hilft nichts, Bürger Minister, ich muß erst Schulmeister werden!
71.
Heinrich Pestalozzi hat dem Minister den Plan einer Armenschule eingereicht; der ist genehmigt worden, und er wartet auf die Anweisung, wo er beginnen könne, als der neue Besen der Regierung schon im Stiel zu wackeln beginnt. Im Juni soll der Helvetischen Republik der Huldigungseid geleistet werden; aber die Urkantone, die unter dem tapferen Reding den unerbetenen Geburtshelfern aus Frankreich bis zuletzt blutigen Widerstand geleistet und bei Morgarten dem Schlachtenruhm der Väter ein neues Blatt beigefügt haben, bleiben halsstarrig. Sie werden von den französischen Heerhaufen überwältigt, aber sie geben ihr Herz nicht aus der Hand. Ehe Heinrich Pestalozzi es merkt, sieht er sich dem Uhrwerk in Aarau eingefügt, das solchem Widerstand zum Trotz die neue Schweizerzeit einlaufen soll: es gilt, Aufrufe zu schreiben, redlich und einleuchtend genug, zum wenigsten die Gutwilligen für die neue Ordnung zu gewinnen. Es sind keine Nachforschungen mehr, was er schreibt, es sind die quellenden Worte eines Fürsprech, der das Schicksal des Angeklagten in die Macht seiner Rede gelegt sieht. Für ihn ist die Sache Frankreichs die Entscheidung der Menschheit; wenn sich die Schweiz ihr abwendet, ist sie für lange verloren: »Ihr tretet jetzt hin, die Sache der Telle und Winkelriede gegen alle Geßler, die Sache der Völker gegen alle Unterdrücker — die Sache der Kirchen und Schulen, der Vernunft und des Fleißes gegen die Barbarei Dummheit, Bettelei und das Elend zu verteidigen!« Wieder wie in Stäfa steht er mit der Macht seiner Rede im Kampf, aber diesmal geht sie ans ganze Schweizervolk; ihm zuliebe hat er Fürsprech werden wollen aus den Griechenträumen seiner Jünglingszeit, nun ist es zum zweitenmal Wahrheit geworden.
Als auch die Gewalt zu Aarau es mit einem Regierungsblatt versucht, den guten Willen und die Einsicht ihrer Machthaber in alle Köpfe zu predigen, ist Heinrich Pestalozzi der Mann des Schicksals, es zu leiten: statt in eine Armenschule sieht er sich in die Redaktion des Helvetischen Volksblattes gesetzt, das vom Herbst ab wöchentlich erscheinen soll. Es wiederholt sich alles, denkt er, der es vordem mit seinem Schweizerblatt schon auf eigene Hand versucht hat. Aber die eigene Hand ist besser daran gewesen, sie hat schreiben können, was sie wollte; hier kommen andere mit ihren Schriftstücken: er ist schließlich nichts als ein Sekretär, der sich mit dem guten Willen und der Torheit seiner Vorgesetzten herumschlägt. Auch was er selber schreibt, wird ihm diktiert, und da er nichts ohne sein Herz vermag, steigert er sich in einen blinden Glauben hinein, aus dem er redet und schreibt, als ob das alles sein Herzblut wäre.
Am 8. September endlich erscheint die erste Nummer, tags darauf aber tut das Schicksal einen Schlag auf seinen Redaktionstisch, daß ihm die Spreu seiner politischen Leitartikel für immer durcheinanderfliegt. Er ist unterdessen mit der Regierung als ihr unlösbares Anhängsel nach Luzern gezogen, der neuen Hauptstadt der Helvetischen Republik, wo ihm die Berge der Telle und Winkelriede, von denen er geschrieben hat, täglich vor Augen stehen. Auch fährt er eines Tages mit Legrand von Basel und anderen Räten aus dem Direktorium über den grünblauen See in die enge Bucht von Stansstad, wo sie unter freiem Himmel eine Besprechung mit den aufständischen Nidwaldern haben, die der Republik den verlangten Eid verweigern. Er ist den Bollwerken der heimatlichen Unabhängigkeit noch nicht so nahe gewesen, und als er aus dem Kahn ans Ufer tritt, möchte er sich vor Ehrfurcht hinwerfen, den heiligen Boden zu küssen. Er sieht aber auch den Husarenkapuziner, wie sie ihn nennen, den Pater Paul Styger, den roten Zünder der fanatischen Volksbewegung; in Todesfeindschaft stehen sie auf dem geheiligten Boden gegeneinander, die in beiden Lagern doch Schweizer und um der selben Heimat willen voller Feindschaft sind. Wie leicht ist der Haß der Menschen aufzurufen und wie schwer die Güte! denkt er und fühlt mit einem schaudernden Blick in sein Leben, daß er nun selber Partei ist: mit anderen, aber nicht besseren Gründen als diese Männer aus Nidwalden auch, die alle ihre Hände wie zum Schwur übereinandergelegt halten und gleich den Stieren ihres Landes dastehen, die vermeintliche Freiheit der Väter zu verteidigen.
Da die Nidwaldener es nicht bei ihrer Weigerung belassen, sondern sich zu zweitausend waffenfähigen Männern um den Husarenkapuziner scharen, die von Uri und Schwyz Zuzug erhalten und so dicht vor den Toren der Hauptstadt Luzern eine böse Gefahr für die junge Republik bedeuten, zumal die katholischen Luzerner selbst mehr zu den Nidwaldenern als zu der ketzerischen Regierung halten: ruft die den General Schauenburg zu Hilfe. Der rückt mit sechzehntausend Franzosen an, das Ländchen zum Gehorsam zu zwingen; drei Tage brauchen sie nach den ersten Schüssen, bis sie vor Stans aneinander kommen, aber dann ist es kein Soldatenkrieg mehr: Frauen und Kinder, alles, was einen alten Morgenstern, ein Beil oder eine Sense tragen kann, ist dabei, und als die Franzosen am Sonntag mittag mit dem Glockenschlag zwölf in Stans einrücken, gilt es nicht den Sieg, sondern den Anfang einer grausamen Metzelei. Es ist den Nidwaldern eingeredet worden, daß es um den Glauben gehe, drum wollen sie lieber sterben, als in die Hände der Ketzer fallen. Jedes Haus wird eine Opferstätte verrückter Menschlichkeit, tief in die Nacht geht der wahnsinnige Kampf, und am Morgen ist das blühende Stans ein rauchendes Ruinenfeld, darin die Leichen wie geerntete Feldfrüchte liegen. Nur der Husarenkapuziner, der ihnen unverwundbare Leiber und Engelscharen versprochen hat, ist über die Berge davon.
Hunderte von Luzernern sind — weil es Sonntag ist — auf die unteren Abhänge des Pilatus und auf den Bürgenstock gestiegen, um dem schrecklichen Schauspiel wie einem Manöver zuzusehen. Heinrich Pestalozzi war nicht unter ihnen, aber er hat in Luzern die fernen Kanonenschläge gehört und noch in der Nacht Nachricht von dem Greuel des Tages erhalten. Drei Tage später fährt er hinüber und sieht den rauchenden Kirchhof, wo die Luft nach den verbrannten Leichen riecht und die schwälenden Rauchsäulen der erstickten Brände den Gefallenen die Totenwacht halten. Lebendiges scheint außer den französischen Soldaten, die mit verbitterten Gesichtern noch immer Totengräberarbeit tun, niemand mehr in Stans zu sein; was die Franzosen nicht niedergemacht haben, ist in die Berge geflohen; nur ein Trüppchen Kinder sieht er, das sich in seiner Verzweiflung unter der Kirchmauer geschart hat und, von einigen Soldaten bewacht, kaum anders aussieht als ein Haufe jungen Schlachtviehs. Er hat im Ranzen Nahrung für sich selber mitgebracht, die teilt er ihnen aus, und was er an Geld bei sich hat, gibt er eilig den Soldaten, daß sie ihm Brot holen unten am See, wo schon Kähne mit Nahrungsmitteln angekommen sind. Auch spricht er mit den Kindern und läßt sichs nicht angehen, daß kaum eines eine Antwort gibt; er vergißt Zeit und Ort um ihrer Not willen und ruht nicht, bis er sie alle in der Klosterscheune gebettet hat, weil im Kloster selber die verwundeten Soldaten bis in den Gängen liegen; erst, als er sie endlich schlafend weiß, sucht er sich selber ein Lager.
So bleibt er drei Tage lang mit ihnen und ist glücklich bewegt, als sich das Trüppchen mehrt; am vierten Mittag findet ihn ein dringender Bote aus Luzern um der fälligen Nummer des Helvetischen Volksblattes willen. Er braucht lange, bis er sich in die Papierwelt seines letzten Daseins zurückbesonnen hat; er schüttelt den Mann, der ihm folgt, jähzornig ab und wäre so ein Armer unter den Ärmsten geblieben, wenn er nicht dem Minister Rengger in die Arme gelaufen wäre, der auch diese Ernte der neuen Regierung besichtigen und einen Bericht machen will: Sollen wir nicht ein paar Tausend Volksblätter kommen lassen, sagt er ingrimmig zu ihm, und die Tränen quellen ihm aus allen Rinnen seines Gesichtes, das Elend einzuwickeln?
Ein Waisenhaus wäre nötiger, sagt Rengger und stellt sich hart wider ihn. Da ist Heinrich Pestalozzi schon am Nachmittag wieder in Luzern, um keine Stunde zu versäumen, das zu erreichen.
72.
Es dauert drei lange Monate, bis die Regierungsherren in Luzern sich einigen, Heinrich Pestalozzi nach Stans zu lassen. Es ist die letzte Wartezeit, doch wird das Vierteljahr ihm länger als Jahre vorher, so drängt die Ungeduld, endlich aus dem Stauwasser seiner Schriften in Fluß zu kommen. Er würde in den höchsten Alpen, ohne Feuer und Wasser, anfangen, wenn man ihn nur einmal anfangen ließe.
Endlich im Dezember beschließt das Direktorium der Helvetischen Republik, dem Bürger Pestalozzi die Einrichtung und Leitung eines Waisenhauses in Stans zu übertragen; er wartet die Ausfertigung nicht ab und fährt schon am zweiten Tag danach über den nebeligen See, um bei der Baueinrichtung dabei zu sein. Die Anstalt soll in einem Flügel des Frauenklosters eingerichtet werden, und der Baumeister Schmidt aus Luzern geht mit hinüber, die notwendigen Veränderungen zu machen. Da schon im Herbst eine scharfe Kälte eingefallen ist, sodaß den Bauern die Erdäpfel in den Feldern erfroren sind, hat der Hunger die Bettelwaisen aus ihren Schlupflöchern in die Häuser gejagt, wo ohnehin schon zuviel hungrige Mäuler warten. Längst schon, bevor er Betten und die sonstige Einrichtung hat, fängt Heinrich Pestalozzi an, Brot zu verteilen und dabei seine Zöglinge zu suchen; als er Mitte Januar die ersten Waisen bei sich hat, kann er zunächst an keinen Unterricht denken, so verelendet sind sie.
Es ist nur eine Stube fertig, sie aufzunehmen, und überall in den Gängen werkeln die Bauleute noch mit Staub und Lärm. Tiere könnten nicht so verwahrlost sein wie diese Menschenkinder, die mit eingewurzelter Krätze und aufgebrochenen Köpfen, viele wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Mißtrauen von den Verwandten oder auch vom Landjäger in den Kreis seiner Liebe gebracht werden. Es ist anfangs kein Platz da, außer einer Haushälterin in der Küche irgendwen zur Hilfe unterzubringen; auch wenn es ginge, Heinrich Pestalozzi möchte es nicht. Damals in den rauchenden Trümmern hat das Mitleid sein Herz hineingerissen; jetzt aber gilt es das Experiment seiner Lehre: daß auch in dem niedrigsten Opfer der menschlichen Verwahrlosung noch ein Keim läge, der zum Dasein einer sittlichen und freien Menschlichkeit gepflegt werden könne. Er weiß, daß der Zwang einer äußeren Ordnung, Ermahnungen oder gar Strafen die Herzen nur verhärten würden, aus denen er dem Keim die erste Nahrung geben will; nur die Liebe vermag ihn zu wecken, und was diese Liebe von ihm zu tun verlangt, das vermöchte ihm kein anderer: er schält sie selber aus ihren Lumpen heraus, er wäscht ihnen die Geschwüre und die Krusten der Verwahrlosung ab, als ob er eine Tiermutter wäre in dem Winterlager, wohin sie die Not und Kälte aus der verschneiten Bergwelt getrieben hätten. Er ißt und schläft mit ihnen, er weint mit ihren Leiden und lächelt zu ihren kleinen Freuden, sie sind außer der Welt und außer Stans, sie sind bei ihm, als ob sie wieder in den Ausgang ihres Lebens zurückgekehrt wären, um hier den Mut zu finden, nach so vieler Bitterkeit das Dasein noch einmal zu versuchen.
In kaum einem Monat sind es siebzig Waisen, und obwohl allmählich mehr Stuben fertig werden und auch schon fünfzig Betten dastehen, sodaß er ihrer nur zwanzig am Abend heimschicken muß, die tagsüber kommen, ist er immer noch allein unter ihnen. Der Pfarrer Businger, den die Regierung an Stelle des entwichenen nach Stans gesandt hat, und der Bezirksvorsteher Truttmann — beides wohlgesinnte Männer, die tapfer zu ihm stehen — drängen darauf, daß er sich Hilfe nähme. Er fände keinen, der ohne Schaden zwischen ihn und die verscheuchten Seelen seiner Zöglinge treten könnte.
Als die Frühlingssonne den Schnee wegschmilzt, daß sich die grünen Matten immer höher hinauf in die weißen Berge heben, ist in der verwahrlosten Schar die Menschlichkeit schon äußerlich zu Hause; die älteren Kinder helfen ihm, daß sich die kleineren sauber halten, die ordentliche Nahrung hat vielen die Backen gerötet, und nun wartet er, daß die Frühlingssonne sie bräune. Einige lockt ihr Straßenblut, und manchmal geschieht es, daß eins in der Dämmerung entwischt, andere kommen dafür wieder: es ist ein wenig wie ein Bienenstock, wenn die Wärme drängt. Er läßt es sich nicht verdrießen, so sehr ihn der Undank und die Untreue schmerzen; denn nun ist er längst in den Dingen mit ihnen, die ihm mehr gelten als ordentliches Essen und saubere Kleidung. Der Seelenfänger hat ihnen die Schlingen gelegt, und ob ihn das Mitgefühl hinreißt, wo ein Schmerz oder eine Freude an sie kommt, ob er mit seinen Großvaterbeinen treppauf und -ab rennen muß und zwanzig Hände zu wenig wären, alles das zu tun, was auf ihn wartet: es sind nur die Spinnfäden seiner Absicht, die er unermüdlich um ihre Seelen legt; er selber sitzt still mitten im Nest und wartet auf die Stunden, wo er seine Lehre an ihnen versuchen darf.
73.
Längst hat Heinrich Pestalozzi angefangen zu unterrichten; anfangs ist er sich vorgekommen wie der alte Lehrer, zu dem ihn das Babeli brachte; auch so mit der Ungeduld seines Alters im Gedränge ihrer Wünsche und Fragen: wo es schwer wäre, mit einem Frager fertig zu werden, sind es Dutzende, und dabei sitzen die Trägen noch immer abseits in ihrer Untätigkeit. Doch merken sie bald, wenn er sich laut sprechend hinstellt, daß sie alle nur sein einziger Zuhörer sind. Er lehrt sie, seine Sätze im Chor zu wiederholen, und lockt Antworten heraus, die sie gemeinsam sagen können; täglich gewitzter in dieser Kunst, die auch die Unaufmerksamen in seinen Sprachkreis zieht, entdeckt er das Geheimnis der Klasse, die aus dem Vielerlei von Schülern ein Wesen macht, sodaß es gleich ist, ob ihrer drei oder dreißig dasitzen. Dabei nimmt er sich ängstlich in acht, etwas Fremdes in sie hineinzusprechen; immer lauert er, wo ihre Sinne und Gedanken sind, um sie für sich einzufangen. Irgendwo ist ein Riß in der Wand, der wie ein seltsames Tier aussieht, einen langen Schnabel wie eine Ente, aber Füße wie ein Maikäfer hat; ob sie wollen oder nicht, wenn ihre Blicke durch den Raum gehen, hängen sie daran fest: er fängt ihnen das Ungeheuer ein in Sätze, die sie willig nachsprechen, weil sie von ihnen selber gefunden sind.
Einige haben Bücher, und ein paar können sogar ein weniges lesen; er zeigt den andern, wo diese Hexenmeisterkunst ihre Herkunft hat. Er läßt sie in den Worten die tönenden und zischenden Laute finden und macht ein lustiges Spiel daraus, ihrer zwei miteinander zu verbinden, jeden einzelnen durchs Abc hindurch; dabei schont er sich nicht, unermüdlich das ba, be, bi, bo mitzusprechen, bis ihm die Stimme in der Brust schartig wird; manchmal kommt er sich vor wie ein Hahn, wenn er schwitzend dasteht und mit ihnen kräht. Bis eine Stunde mit Minuten und ein Tag mit Stunden abgelaufen ist, läßt sich viel hineinfüllen, und Tag für Tag geht es verzwickter zu, vom bal, bel, bil, bol, bul zum balk, belk, bilk: immer anders marschieren die Soldaten aus ihrem Mund auf, bis ihnen alle Übungen, rechts- und linksum, kehrt und vorwärts marsch gleich geläufig sind. Und eines Tages läßt er für die Augen sichtbar werden, was solange nur durch Mund und Ohren ging.
Er hat ihnen keine Fibeln mitgebracht, nur einen Korb mit Täfelchen, darauf die Buchstaben einzeln mit ihren Häkchen und Schnörkeln wie Vögel mit ihren Schwanzfedern prahlen, und rastet nicht, bis jeder seinen Laut als Namen hat, sodaß er ihn nur zu zeigen braucht, und schon gibt ihm die ganze Klasse Antwort. Sie wissen nun längst, daß keiner die siebzig Einzelnen verstehen kann, wenn jeder nach seinem Einfall losschreit, und warten das Zeichen ab, das ihnen sein Finger gibt. Sie sind dann wirklich eine Klasse, ein Wesen, das hundertvierzig Ohren und Augen, aber nur einen Takt und darum nur einen Mund hat. Und manche Nacht, während sie schlafen und er allein in der Schlaflosigkeit des Alters wach unter ihnen liegt, bildet sich traumdünn die Ahnung einer Lehrmethode: daß es wie mit den Buchstaben mit allen andern Kenntnissen des Menschen sei, daß sie sich bauen ließen, Steinchen um Steinchen, bis eine Wand, ein Zimmer und schließlich das Haus einer Wissenschaft dastände.
Kühner aber, als jemals sein Kopf ein Gespinst machte, scheint ihm dies: daß auch alles andere, was einen Menschengeist mitsamt der Seele ausmache, seine Denkkraft, seine Fertigkeiten, sein Wille, seine Wünsche, seine Absichten, sein Glauben wie seine Taten, in einem solchen Takt einzufangen sei, und daß, wenn einer erst den Taktstock dazu finde, ihn hundert andere gebrauchen könnten, um überall die wildaufwachsenden Menschenseelen in den Wohlklang der Ordnung einzuführen. Er kann sich dann ein Zukunftsbild austräumen, daß es zwar reich und arm, jedoch nicht mehr die häßliche Anwendung davon gäbe, wo die Habsucht und Willkür des Reichen den Armen unterdrücke und ausnütze; denn das einzige Mittel dieser Geldherrschaft sei die Unwissenheit des Armen: erst einmal im Besitz seiner entwickelten Seelen- und Geisteskräfte, könne er nicht mehr das Opfer herrschsüchtiger Ausbeutung sein! Was jetzt allerorten geschähe, daß Reiche den Armen helfen wollten durch Wohltätigkeit, sei Täuschung und Selbstbetrug: der Reiche könne dem Armen garnicht helfen, er habe nichts als sein Geld, das auch im Wohltun das Zwangmittel ungerechter Herrschaft bliebe; erst wo Gerechtigkeit regiere, könne eine brüderliche Hilfe von Herzen wohltätig sein!
74.
Während Heinrich Pestalozzi so mit seinen Waisen auf der Wanderung nach einer neuen Menschlichkeit ist, wächst das Dickicht der alten ihm rundum die Wege mit Unkraut und Brennesseln zu. Noch immer zieht der Haß seine Schwaden durch die Täler des Nidwaldener Landes; der Aufruhr wurde in Blut und Brand erstickt, aber was ihn heraustrieb, blieb mit tausend Wurzeln lebendig. Für die Stanser ist Heinrich Pestalozzi ein Ketzer, von der Revolutionsregierung gesandt, ihre Waisen und Armenkinder im Unglauben der neuen Zeit abzurichten, sie den Sitten der Väter und dem Glauben der Heimat mit Teufelslisten zu entfremden. Sie sehen seine verwahrloste Kleidung und achten ihn für einen Landstreicher, der bei der neuen Herrschaft der Lumpen und Schelme untergeschlupft ist.
Aber auch die Freunde fangen an zu zweifeln; sie verstehen nicht, warum er sich allein mit siebzig Kindern abplagt, eigensinnig ihr Lehrmeister, Aufseher, Hausknecht und Dienstmagd in einem und dabei selber zum Erbarmen verwahrlost ist. Sie raten und drängen, doch Gehilfen zu nehmen, damit er endlich aus seiner Anstalt ein richtiges Waisenhaus mache, und sind verstimmt, weil er sich unter Ausflüchten weigert. Er scheint ihnen vom Eigensinn des Alters wie von einem Fieber befallen, und vertrauliche Briefe gehen an die Minister, daß man dem alten Mann mit Gewalt aus diesem Zustand helfen möge. Stapfer aber hält treu und weitsichtig zu ihm, weil er das Experiment fühlt und daß Heinrich Pestalozzi erst zu Resultaten gekommen sein muß, bevor er Hilfe brauchen kann. Er ermuntert ihn auch im Mai, als warme Sonnenbläue die Täler füllt und der See rund an den Ufern in einem Blust von Blumen zu schäumen scheint, mit seinen Zöglingen einen Ausflug nach Luzern zu machen.
Es ist Sonntag, und sie gehen die drei Stunden zu Fuß, bei Stansstad in Kähnen hinüber nach Hergiswyl und dann zwischen Pilatus und dem See bis Horw, wo sie den weiten Talboden der Allmend von Luzern erreichen. In Horw rasten sie, und da sie früh aufbrachen, sehen sie da erst, wie die Sonne überm Rigi hochschießt; ein jedes hat Brot im Sack, und Wasser fließt überall aus den Brunnenrohren. Die älteren haben gesorgt, daß sie alle sauber sind; nur auf ihren Schuhen liegt der Staub wie Mehl, als sie singend über die alte Kapellbrücke in Luzern gehen und die vielgetürmte trutzige Stadt bestaunen. Es ist Sonntag, und viele Leute spazieren auf den Straßen, die den seltsamen Zug und den seltsameren Mann davor belächeln. Einige kennen ihn von seinem Luzerner Aufenthalt und lüpfen den Hut, um ihm kopfschüttelnd nachzusehen. Aber Stapfer, der Minister, hat gesorgt, daß die Stanser Waisen nicht unbegrüßt in der Landeshauptstadt sind: auf dem alten Kornmarkt vor dem Rathaus steht einer in blanker Uniform mit einem Leinenbeutel, darin rasseln lauter nagelneue Zehnbatzenstücke der Helvetischen Republik, und jedes Kind bekommt eins zum Andenken in seinen Sack. Sie singen ein Schweizerlied zum Dank, und Heinrich Pestalozzi, dem nichts so fern liegt wie Musik, kräht mit vor Rührung; garnicht merkend, wie falsch er die Töne nimmt, bis alles hinter ihm lacht.
Auch sonst geschieht den Kindern der Nidwaldener Gutes in dem katholischen Luzern, und wie ein siegreicher Heerhaufe ziehen sie am Nachmittag wieder hinaus. Aber nun hat die Sonne ihre strahlende Bahn durch den Himmel gezogen und aus dem Weltall Glut auf die Erde geschüttet. Die Kinder werden müde, und er muß nun hinter ihnen gehen, die letzten anzutreiben. Dabei ist ihm selber schwül und nicht froh zumut; er hat in Luzern von dem Lauf der Dinge gehört, die für Monate außer ihm gewesen sind: der Krieg ist wieder im Land, überall bläst der Wind hitziger Zeitläufte den Zunder an, und es gilt schon als ausgemacht, daß die Regierung der Helvetischen Republik nach Bern übersiedeln wird, wo ihr der Boden sicherer scheint als hier in der Aufsässigkeit der Urkantone. Am Gotthard schlagen sich die Franzosen mit den Österreichern herum, und viel wird gesprochen von den Taten seines Vetters Hotze, der als kaiserlicher General über den Bodensee bis Zürich ins Land gedrungen ist; es kann in einigen Wochen wieder aus sein mit der republikanischen Herrlichkeit. Zu diesen Sorgen tut ihm die Brust weh, und er merkt, wie ihm die Monate zugesetzt haben. Der Pilatus zieht verdächtige Wolken an, und als ob über eine ferne Brücke Lastwagen rollten, grollt ein Gewitter in der Luft: er kann sonst über Ahnungen lachen, aber nun ist ein Gefühl da, daß es ihn treffen wird. Gerade gehen sie von Steinrüti gegen Hergiswyl am See hin, der dick und still daliegt, da wird ihm süßlich im Mund, und das Licht tanzt ihm wie Mücken vor den Augen; er will einem Buben, der vor Müdigkeit weint, die Hand geben, da fühlt er sich tiefer zu ihm hinsinken, als es nötig ist, und sieht noch für einen Augenblick die erschrockenen Augen über sich.
Heinrich Pestalozzi meint, er sei gleich wieder aufgewacht, aber es muß wohl länger gewesen sein; nebenan steht ein Wagen, der vorher nicht da war, und im Kreis der Kinder bemühen sich Leute in Hemdärmeln um ihn. Tiefer als im Schlaf war er aus allem fort, nun er die Augen aufschlägt, nimmt sein Bewußtsein mit einem Blick den Kreis seines Daseins auf, darin er Kind, Mann und Greis zugleich ist. Rund um diesen Kreis sieht er die Berge spukhaft in den gewitterlichen Dunst des Himmels ragen und fühlt, daß so die Schwierigkeiten um ihn stehen, denen er nichts als die Willenskraft seiner zu Boden geworfenen Natur entgegenstellen kann. Im gleichen Augenblick setzt er sich auf, von dem ungebeugten Willen kommandiert; da merkt er, daß Blut in seinem Mund ist.
Darüber erschrickt er tief und läßt sich nun willig in den Wagen heben. Die von den Kleinen am müdesten sind, müssen zu ihm, und so im Schritt vor seiner Schar her geht es heim. Einer hat sich neben den Knecht gesetzt, und der läßt ihm die Zügel, weil er den Gaul kennt. Heinrich Pestalozzi muß wehmütig an den Tag denken, wo er mit dem Großvater nach Höngg fuhr und auch so unablässig an den Zügeln rupfte, wie nun der Knabe vor ihm: Ich habe mirs nicht abgewöhnt bis heute, lächelt er bitter, wo ich selber ein Großvater bin, und alles, was ich in die Hand nehme, ist so geblieben! Wenn mir jedes so in Ordnung ginge, wie hier dem Gaul und dem Knecht, ich würde auch die Zügel gleichmütig hängen lassen; aber nun bin ich dreiundfünfzig und über meine Jahre gealtert, gar noch krank, und habe erst den Anfang vom Weg gefunden. Ich müßte wohl den Gaul für ein paar Wochen in den Stall tun; doch ist er unabkömmlich, weil ich noch weit mit dem Abend muß!
75.
Die zweite Woche seit seiner Wallfahrt nach Luzern ist noch nicht ins Land gegangen, als Heinrich Pestalozzi eines Mittags durch Trommelwirbel aufgeschreckt wird. Wie er ans Fenster läuft, rücken die schweizerischen Soldaten, die gegen Engelberg und Seelisberg hinauf als Rückendeckung der Franzosen ausgestellt sind, eilig in Stans ein: die Österreicher kommen, heißt es und die im Uri geschlagenen Franzosen seien über den See zurück. Die Panik des Krieges ist wieder in Stans, bevor ein Schuß in den Nidwaldener Bergen fiel; wer noch bewegliche Habe hat, flüchtet sie in die Sennhütten hinauf, händeringende Weiber und trotzige Männer kommen, ihre Kinder zu fordern, und Heinrich Pestalozzi vermag nicht, sie zu halten. Als ob eine Mure vom Stanserhorn niederginge, läßt er die andern ihre Bündel raffen, zur Flucht bereit zu sein. Gerade hat er sie um sich versammelt im Arbeitssaal, da fällt ein Schuß; die Kinder schreien, einige laufen ihm zu, viele aber auch hinaus auf die Gasse, sich noch in die Berge zu retten.
Als danach alles still bleibt — die Alarmnachrichten waren falsch, und auch der Schuß ist nur einem hitzigen Sennbuben losgegangen — sitzt kaum noch die Hälfte seiner Kinder da. Zwar kommen im Nachmittag noch einige wieder, auch finden sie andere weinend irren, als sie gegen Abend den Ort absuchen: aber die Besorgnis bleibt über ihnen wie die schwarze Wolkendecke, die sich mit dem Abend vom Entlebuch herüberdrängt. Die Kinder schlafen sich schließlich in angstvolle Träume ein; Heinrich Pestalozzi bleibt wach: seit seiner Ohnmacht fühlt er, daß es in Stans zu Ende geht. Mit einer Kerze in der Hand wandert er um Mitternacht von Bett zu Bett; einigen, die sich stöhnend wälzen, legt er seine Hand auf die Stirn, daß sie, erwachend, ins Licht blinzeln und vor seinem Gesicht mit einem erlösten Lächeln um die Lippen einschlafen. Nachher sitzt er noch, bis das Licht niedergebrannt ist, streicht in seiner Liste die Schäflein an, die ihm fehlen, und denkt den einzelnen nach, wo sie wohl seien. Bald aber wandern die bekümmerten Gedanken auf einsamen Höhen, wo er mit seinem Werk allein ist. Was auch mit den Kindern geschieht, für keins — das fühlt er sicher — ist die Zeit vergebens gewesen: aber sein Werk, wenn er es jetzt abbrechen muß, ist verloren. Es ist ihm zumut wie einem Kundschafter im weglosen Dickicht; er hat sich durchgearbeitet, bis er eine getretene Fußspur fand, die ihn zum Weg führen muß: da reißt ein Bergbach die Schlucht vor ihm auf, und ob er drüben die Spur deutlich weiter gehen sieht, er kann nicht hinüber.
Andern Tags ist alles vorbei, als ob es nur böse Träume gewesen wären; die Bauern sind wieder bei ihrer Arbeit, und die Soldaten in den Quartieren singen Schweizerlieder. Die Sonne geht ihren strahlenden Lauf, als wolle sie es diesmal zwingen, über die Ermattung des Mittags fort in den unendlichen Himmel hinein zu steigen. Noch ein paar Kinder wagen sich unsicher wieder herzu, und als nach diesem Tag noch ein zweiter und dritter die weißen Sommervögel durch sein dickes Blau schwimmen läßt, fängt auch Heinrich Pestalozzi an, den Nacken zu heben. Am dritten Abend sitzt er scherzend und fragend mit ihnen bei der Hafersuppe, da ruft ihn ein Bote eilig zu dem Regierungsstatthalter Zschocke.
Der empfängt ihn mit einem Blatt in der Hand. Er habe Stafette bekommen, daß am frühen Morgen der General Lecourbe einrücken würde; er müsse Platz besorgen für einige tausend Mann und ein Hospital für die Verwundeten und Kranken herrichten, dazu habe er keinen andern Platz als das Waisenhaus. Obwohl Heinrich Pestalozzi beim ersten Wort weiß, daß ihm nun das Brett unter den Füßen fortgezogen wird, damit er noch über den Bergbach zu kommen hoffte, kämpft er wie ein aufgescheuchtes Tier für sein Nest und seine Brut. Aber nun ist er mit allem Ruhm seiner Bücher und mit der ewigen Absicht seines Werkes nur der Bürger Pestalozzi, der andere aber steht als Regierungsgewalt da und löst das Waisenhaus auf. Weil er nicht wie die Nidwaldener kämpfen und sterben kann, sondern dem Federstrich gehorchen muß, erfüllt er bitteren Herzens den Rest seiner Pflicht. Er teilt jedem Kind doppelte Kleidung, Wäsche und einiges Geld aus für das Notwendigste, rechnet mit dem Statthalter ab und übergibt ihm von den sechstausend Franken, die ihm das Direktorium bewilligt hat, den Rest mit dreitausend Franken — mehr hat er nicht gebraucht in den fünf Monaten mit all den Kindern. Noch eine Nacht geht er in seiner schlafenden Herde ruhelos umher, nimmt in der Frühe weinenden Abschied von ihnen allen, deren Vater er durch seine Liebesgewalt geworden ist, und am Nachmittag, als die ersten Franzosen einrücken, fährt er nach Stansstad hinunter mit dem, was er für bessere Zeiten retten will. Wieder einmal sitzt er auf einem bepackten Wagen, diesmal auf Säcken neben einem Knecht, der ihn gleichmütig in sein ungewisses Schicksal hinaus kutschiert; es ist ein Appenzeller, der den Pferden mit der Peitsche die Fliegen vertreibt und dazu mit halber Kehle seine heimatlichen Jodler singt, als ob es eine Lustfahrt wäre. Er fühlt die Schmerzen in seiner Brust heftiger und die brennende Angst fährt mit ihm, daß er nun sterben muß: dann ist alles umsonst gewesen, was er Unmenschliches in diesen Monaten ertrug; denn er allein weiß, daß er in Stans den Weg zur Befreiung der Menschheit entdeckt hat, kein anderer kann fortsetzen, was für ihn selber ein tastend beschrittener Anfang, aber darum doch das Ergebnis vieler Tausend fiebernd benützter Stunden ist.
Immer noch läuft eine letzte Hoffnung hinter dem Wagen her, daß die Luzerner Freunde mächtiger sein könnten als der Regierungsstatthalter; als er ankommt in der vieltürmigen Stadt, muß er erfahren, daß die Regierung der in tausend Nöten gefährdeten Helvetischen Regierung nach Bern ausgeflogen ist.
76.
Es ist ein heißer Julitag, als Heinrich Pestalozzi durch das breite Entlebuch ins waldige Emmental hinüber und durch seine reichen Dörfer nach Bern hinunter fährt. Die Fahrt über die holprigen Bergstraßen bekommt ihm schlecht, und als er spät abends anlangt, fühlt er sich sterbenselend. Bis zum Schluß sind immer noch die Bauleute im Kloster zu Stans gewesen, und wenn er hustet, meint er noch den scharfen Kalkstaub in der Lunge zu spüren. Trotzdem ist er am andern Morgen schon früh bei dem Minister Stapfer. Der erschrickt, wie er ihn sieht, und rät ihm, den ungewollten Urlaub vor allem zu einer Kur zu benutzen, damit er wieder zur Arbeit fähig sei, wenn nach dem Krieg die Anstalt neu eingerichtet würde. Da er selber zu einer Sitzung muß, übergibt er ihn seinem Kanzleivorsteher Fischer, einem ehemaligen Theologen, der auch schon in Stans war.
Der bietet ihm willfährig seine Begleitung an, wohin er auch wolle, und ehe Heinrich Pestalozzi sich beiseite tun kann, hat er ihn auch schon eingefangen mit klugen und ehrlichen Fragen. Es findet sich, daß sie Leidensgenossen sind, indem auch er den Traum seines Lebens an die Schule gehängt hat. Er ist Schüler bei dem Philanthropen Salzmann in Schnepfental gewesen und will nun in Burgdorf eine Musterschule, wenn es erreichbar ist, ein Lehrerseminar einrichten. Es ist immer noch das Lehrerseminar, das Stapfer ihm selber in Aarau angeboten hat, und obwohl sich Heinrich Pestalozzi im stillen wundert, wie unbekümmert sein Nachfolger die Schwierigkeiten übersieht, die ihm fast das Leben kosten, ist er ihm doch dankbar, weil er die Lauterkeit in seinem Wesen spürt. Er bleibt ziemlich den ganzen Tag mit ihm zusammen und erwirbt durch ihn eine Bekanntschaft, die in seine gehetzten Tage eine breite Pause bringt: Noch am selben Abend sitzen sie zu einem Mann aus Bad Gurnigel, namens Zehender, der seine Schriften liebt und sein Märtyrertum in Stans glühend bewundert; der lädt ihn ein, einige Wochen bei ihm da oben in der reinen Gebirgsluft zu wohnen und von der Quelle zu trinken. Stapfer und Fischer reden ihm dringend zu, und da der Mann mit seinem Wagen andern Tags zurück muß, kommt Heinrich Pestalozzi schon am Abend mit ihm auf dem Gurnigelberg an.
Ein verrauschtes Gewitter hat ihnen einen Regen nachgeschickt, der die Talweite unter ihnen mit Nebelschwaden bedeckt; auch wirft ihn sein Elend nun ganz hin, sodaß sie ihn fast aus dem Wagen ins Haus tragen müssen. Den andern Tag läßt ihn sein Gastfreund nicht aus dem Bett, auch den zweiten nicht: da es draußen doch noch regne! Am dritten Morgen liegt er schon lange wach und wartet mit Sehnsucht auf den Tag; als die Fensterscheiben in der Morgenröte warm werden, springt er mit beiden Füßen aus dem Bett und reißt ein Fenster auf, seine Faulheit zu lüften. Er tritt erschrocken zurück vor der unendlichen Weite; in einer überirdischen Bläue sieht er das Tal zu seinen Füßen liegen, unermeßlich und schön; er hat noch nie eine so weite Aussicht gesehen, und das Glück davon überwältigt ihn so, daß er die Hände wie ein Kind danach ausbreitet. Fast ängstigt ihn die Höhe, aber als er nach rechts und links äugt, sieht er die hohen Baumgruppen; er fühlt den Wald und den Berg hinter sich als sicheres Ufer, von dem aus er über das Meer der morgendlichen Erde tief unter sich hinschaut. Und ehe sich noch die Worte dazu bilden, ist ein Gefühl in ihm, wie wenn da unten sein eigenes Leben läge: aus den blauen Seeweiten der Kindheit durch die ruhelose Brandung seiner Mannesjahre bis auf die Bergkanzel dieser Stunde hinauf.
Aber wie er sich umwendet, ist sein niedriges Menschenzimmer wie ein Kästchen ganz getäfelt und auf dem runden Birnenholztisch liegt ein Buch, das ihm bekannt scheint: »Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts« steht auf dem Titel. Er weiß nicht, warum ihn die Erschütterung hindert, es in die Hand zu nehmen; er sieht sich wieder in dem Sterbezimmer seiner Mutter daran schreiben — als ob es gestern oder vor hundert Jahren gewesen wäre, so nah und so fern — fast meint er, es wäre dasselbe Zimmer, aber seine Augen suchen vergebens in den fremden Sachen. Er ist wieder mitten drin im hochmütigen Elend jener Tage; die Brandung spritzt, und er fühlt sich versinken in die Tatenlosigkeit der endlosen Mannesjahre: da weiß er, es ist kein Ufer, an dem er gesichert steht, es ist nur eine Insel, ein Stein im Meer, darauf ihn die Brandung geworfen hat.
77.
Sechs Wochen lang ist Heinrich Pestalozzi auf dem Gurnigel, von lieben Menschen treu gepflegt. Die reine Höhenluft heilt in seiner Lunge aus, was Kalkstaub und Abc-Geschrei darin verwüstet haben. Es sind noch andere Kranke oben, auch Gesunde, die vor der herrlichen Natur in Schwärmerei vergehen. Seit seinem ersten Morgen vermag er nicht mehr in die blaue Talweite hinunter zu blicken, ohne an sein verlassenes Werk zu denken. Er sieht unter allen Dächern die Wohnungen der Menschen und weiß, von wieviel Verwahrlosung jede Wohlhabenheit da unten umgeben ist. »Meine Natur ist der Mensch,« sagt er den Schwärmern, und eines Morgens ist er mit seinem Stock und Ranzen nach Bern unterwegs. Er hat keinen Wagen gewollt; es tut ihm wohl, so bergab schreitend den Takt seines fröhlichen Marsches zu fühlen: alle lebendigen Dinge gehen im Zweischritt, hat er dem besorgten Zehender zum Abschied gesagt, nur das Leblose und Kranke rollt auf Rädern.
Zum Mittag hat er die sechs Stunden bis Bern hinter sich, und als Rengger und Stapfer, die beiden Minister, aus einer gemeinsamen Sitzung noch etwas zu besprechen haben, das sich auf dem Heimweg besser als im Betrieb der kommenden und gehenden Posten erledigen läßt, läuft er ihnen buchstäblich in die Arme und lacht mit seinem Runzelgesicht wie ein Knabe, der aus den Ferien wiederkommt. Er will Kinder haben, es ist ihm gleich wo, an denen er seine Versuche fortsetzen kann, bis sein Waisenhaus in Stans wieder kriegsfrei ist; und noch in derselben Viertelstunde schlägt ihm Stapfer vor, nach Burgdorf zu gehen, wo auch Fischer seit einem Monat sei und an dem Statthalter Schnell wie an dem Doktor Grimm einsichtige Helfer habe. Als Heinrich Pestalozzi das Wort hört, fährt ihm eine halbvergessene Erinnerung auf, wie ihn der Vorwitz eines Morgens dort in die Hintersassenschule brachte; er nimmt es als eine Fügung, auch scheint es ihm eine Erleichterung, in Burgdorf nicht wieder einsam zu sein. In seiner Fröhlichkeit sagt er gleich zu, so kann Stapfer die Eingabe ans Direktorium vorbereiten, er selber macht sich am andern Morgen gleich unterwegs, sein neues Arbeitsfeld abzuschreiten.
Über Nacht gibt es Regen, und er muß die Post nehmen; ein guter Zufall setzt ihm den Statthalter Schnell aus Burgdorf in denselben Wagen. Der kennt ihn, hat am Abend vorher schon durch Stapfer von seinen Absichten gehört und ist begeistert, dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud gefällig sein zu können. Die Fahrt wird in Gesprächen kurz, und in Burgdorf muß Heinrich Pestalozzi sein Gast sein; auch der Doktor Grimm wird Hals über Kopf zu Tisch geladen, und es ist eine wahre Verschwörung, wie sie ihm alles einrichten wollen. Sie wundern sich, daß er gerade an der Hintersassenschule lehren will, und wollen ihm das ärmliche Lokal erst zeigen. Er erzählt ihnen von dem Morgen, wo er vorwitzig hinein sah, und ist fast ausgelassen vor Erwartung. Gegen den Abend, als der Regen endlich nachläßt, macht er noch einen Gang zum Schloß hinauf, das eine kleine Festung vorstellt, aber augenscheinlich seit langem verwahrlost ist. Das äußere Tor hängt offen in den Angeln, und an dem innern läutet er so lange vergebens, bis er merkt, daß die Schlupftür geöffnet ist. Die Kiesel im Schloßhof sind vom Gras überwachsen, hinten steht eine Linde, und als er bis an die Mauer geht, fällt der Berg da fast senkrecht in die schäumende Emme, die ihn im Bogen umfließt. Es nisselt immer noch, und sein Rock ist längst feucht; er merkt es nicht, er hat zuviel gesprochen bei den Männern da unten, und nun sind die Gedanken wie eine Krähenschar, die nicht zur Ruhe kommt:
Er hat es Mord genannt, wie die Kinder bis ins fünfte Jahr im sinnlichen Genuß der Natur bleiben, wie sie sehen, sprechen und ihre andern Sinne gebrauchen lernen, und sich von selber eine natürliche Anschauung der Welt in ihrer Seele aufbauen: wie sie dann aber gleich Schafen zusammengedrängt in eine stinkende Stube geworfen würden, um der fremden, sinnlosen Buchstabenwelt ausgeliefert zu sein! Nun denkt er, wie auch die Moral und das Gesetz, selbst die Religion und ihre Tugenden von hier aus der jungen Menschenseele aufgenötigt würden und dadurch leicht das bittere Beigefühl lebensfeindlicher Mächte behielten; sodaß, was dem Leben des Menschen einen höheren Sinn geben solle, im Gefühl der Armen als Mittel der Unterdrückung bliebe. Seine Gedanken können es noch nicht greifen, aber er fühlt sie dicht daran: daß er alles, was nur aus dem Buchstaben gelernt würde, als fremd und gleichgültig in seinem Unterricht ausscheiden, daß er den Naturgang der ersten fünf Lebensjahre weiterführen möchte; nicht, um es den Kindern bequemer zu machen, sondern um die Unnatur aus dem Wachstum des Menschen zu nehmen.
Er ist so versessen in diese Gedanken, daß er garnicht hört, wie jemand von hinten zu ihm kommt und die Hand auf die Schulter legt. Als er sich umkehrt, ist es Fischer, der ihn zufällig aus seinem Fenster gesehen hat: Wir sind die einzigen Menschenseelen in dem ganzen Gebäude, sagt er erklärend zu ihm; aber Heinrich Pestalozzi ist noch viel zu sehr bei den Reitversuchen seiner stolzen Gedanken, um ihn wörtlich zu verstehen: Dann müssen wir jeden Tag den Berg hinunter traben, sagt er und muß hellauf wie ein Knabe lachen, so rasch springt ihm aus der abendlichen Grübelei ein Scherz auf: Zwei Narren in einem leeren Schloß mit einem Steckenpferd, das wird ein schönes Rittertum, wenn wir ausreiten.
78.
Nach acht Tagen kommt Heinrich zum zweitenmal aus Bern; diesmal in einem heiteren Wolkenwetter zu Fuß; die Verwaltungskammer hat ihm im Schloß ein Zimmer als Wohnung eingeräumt und für die Hintersassenschule die Lehrerlaubnis erteilt. Der Schulmeister Samuel Dysli muß ihm einen Teil von seinen dreiundsiebzig Schülern überlassen; weil aber nur eine Stube da ist, vereinbaren sie einen Strich, der die Klassen trennt: auf der einen Seite stellt sich Heinrich Pestalozzi auf und fängt wieder tapfer an, aus der Sprache die Buchstabenlaute abzulösen; auf der andern wandert der Schuhmacher von Bank zu Bank und behört den Heidelberger Katechismus. Er kann es nicht verwinden, daß man ihm den alten Landstreicher in die Schulstube schickt, die doch mit dem Haus sein angeerbtes Eigentum ist, und wenn er in der Folge das unaufhörliche Geschrei hört, wie der andere die Kinder abrichtet, im Chor zu sprechen, wobei er selber mitkräht, wenn er sieht, wie sie keine Bücher und Schreibhefte, nur eine Schiefertafel haben — nie hat er solch ein Schreibzeug gekannt — darauf sie mit dem Griffel allerlei Winkel und Figuren kritzeln: glaubt er einem Tollhäusler zuzusehen. Er versucht, ihm zur Beschämung, mit seiner Schar die gewohnten Dinge zu treiben, aber auch die ist von dem seltsamen Wesen angesteckt, hat Augen und Ohren auf der andern Seite; und weil er sich scheut, vor den Augen dieses Narren wie sonst mit dem Stock drein zu fahren, frißt ihm der Ingrimm über die Vergewaltigung Stunden und Tage auf. Er sieht bald, daß einer von ihnen beiden hier unmöglich wird, und da es seine eigene Werkstatt ist, aus der er sich hinterlistig verdrängt sieht, richtet er sich auf den Krieg ein.
Wenn Heinrich Pestalozzi, der ihn im Eifer meist ganz vergißt, ihn kollegialisch ansprechen will, stellt er den gekränkten Stolz seiner Bildung zwischen sich und ihn; denn er hat bald gemerkt, daß der andere den Firlefanz nur treibt, weil er weder den Katechismus noch sonst etwas nach der Vorschrift kann. Der Wurm der Kränkung will ihm unterdessen das Herz abfressen, und schließlich geht er zum Pfarrer. Dem ist es verdächtig, sich in diesen Handel zu mischen, weil er die Hintermänner kennt; doch gibt er ihm Lienhard und Gertrud mit, damit er sehe, was für ein Wundertier dieser Mann vorstelle. Samuel Dysli hat schon gehört, daß es ein Romanschreiber sei, doch macht es ihm zu viel Mühe, so dicke Bücher zu lesen; er blättert nur höhnisch darin herum, und so findet er die Stelle, wie es dem alten Schulmeister in Bonnal übel geht und wie sich der stelzbeinige Leutnant mit allerlei Schleicherkünsten an seiner Stelle einnistet. Nun weiß er Bescheid, und während Heinrich Pestalozzi schon wieder besessen von seiner Absicht ist und gleich einem Specht an der Anschauungskraft der Kinder herumklopft, bearbeitet Samuel Dysli die Väter, und eines Sonntags halten die Burgdorfer Hintersassen eine Art Landesgemeinde in seiner Werkstube ab: Wenn die Bürger und Herren schon ihre Narrheit mit der neumodischen Lehrart hätten, möchten sie die Probe auch an den eigenen Kindern machen!
So aufgereizt sind sie, daß sie es nicht bei dem Beschluß belassen; als Heinrich Pestalozzi am Montag danach um sieben Uhr in die Schulstube kommt, sitzen auf seiner Hälfte nur noch drei Kinder und heulen. In der ersten Bestürzung ist er töricht genug, den Dysli zu fragen; der läßt den Katechismus herunter schnurren, als ob er ihn extra für ihn aufgezogen hätte. Da merkt er, daß ihm einer das Uhrwerk abgestellt hat; doch kann er seinen Jähzorn noch meistern und geht hinaus. Und nun meint er, daß der Schulmeister ihn wiederkennen müsse; denn wie damals an dem Morgen kommt er ihm nach bis in die offene Tür. Auch sonst stehen die Leute an den Fenstern und auf der Gasse; er sieht im Vorbeigehen, daß sie die Kinder hinter sich halten, als ob sie ihre Brut vor dem Wolf schützen müßten. Einige vermögen ihre Schadenfreude nicht zu meistern und rufen ihm nach; ein Flickschneider, der ein Schwager des Dysli ist, verfällt auf die Rache, laut zu buchstabieren: b u bu, b e be, b a ba! Die ganze Gasse ist begeistert davon, und so muß Heinrich Pestalozzi Spießruten laufen durch sein höhnisches Echo, das ihm noch nachkräht, als er schon im Oberdorf ist.
Er will zu seinen Freunden, aber weder den Statthalter Schnell noch den Doktor Grimm trifft er zu Hause, und Fischer ist für ein paar Tage nach Bern gereist. So geht er kopfschüttelnd und trotz seiner Großvaterschaft dem Weinen nahe wie ein Knabe den steilen Schloßweg hinauf. Der Hof ist leer wie immer, und die Sonne malt die verzogenen Schatten der Dächer hinein, als ob auch die ihm Fratzen schneiden wollten. Es ist ihm für den Augenblick gleichgültig, wohin er geht, weil jeder Schritt zwecklos ist; so tritt er unter die Linde und starrt über die Mauer in die glitzernde Emme hinunter. Auch da unten sind noch Hütten der Hintersassen, denen er aus der hilflosen Armut helfen will, aber die bellen ihn an wie Hunde. Der Abend fällt ihm ein, wo er zum erstenmal hier stand und das von dem Steckenpferd sagte. Nun haben sie mir auch das fortgenommen, denkt er, und jetzt laufen ihm richtig die trotzigen Tränen übers Gesicht, daß er ihre Schärfe in den Mundwinkeln schmeckt.
79.
Das Erlebnis geht Heinrich Pestalozzi so nah ans Herz, daß er an diesem und auch am folgenden Tag das Schloß nicht verläßt, obwohl er Hunger leidet. Dann kommt Fischer aus Bern zurück, hört schon im Stadthaus, wo er aus der Post steigt, von dem Aufruhr der Hintersassen, und nun erlebt der Geschlagene, was treue Freundschaft für ihn vermag: Grimm und Schnell helfen, und noch in derselben Woche steht Heinrich Pestalozzi in der Buchstabier- und Leseschule der Margarete Stähli, wo er seine Versuche ohne Widerstände fortsetzen kann. Da sind nur zwei Dutzend Kinder in einer hellen Stube, und die Jungfrau bescheidet sich, ihm eine Gehilfin zu sein. Er ist zwar im Anfang noch verscheucht, man möchte ihn noch einmal aus der Schulstube fortschicken, und hält sich ängstlich an die äußeren Vorschriften — täglich von acht bis sieben Uhr, die Mittagspause abgerechnet, steht er in seiner Klasse — aber indem er nun nicht mehr wie in Stans durch die wirtschaftlichen Sorgen als Hausvater belästigt und bedrückt wird, auch keine verwahrlosten Bettelkinder, sondern gepflegte Bürgertöchter vor sich hat, kann er sich ungehindert dem Abc der Anschauung widmen, das ihm als die Grundlage aller Kenntnisse und Fertigkeiten täglich geläufiger wird. Noch immer geht er von keinem vorgefaßten System aus; er verläßt sich auf seinen Instinkt, daß er für jeden Unterricht den natürlichen Anfang finden wird. Namentlich im Rechnen versucht er nun, von den kindlichen Zählspielen ausgehend, zu den Schwierigkeiten der vier Spezies zu gelangen. Er ist wie ein Chemiker im Laboratorium, immer neue Mischungen versuchend, bis er die rechte Verbindung gefunden hat; und die Jungfrau Stähli geht ihm mit gemischter Verwunderung zur Hand.
Unterdessen spielt das Kriegstheater auf Schweizerboden seine europäischen Stücke, und es sieht nicht aus, als ob er sobald wieder nach Stans käme: über den Gotthard drängen die Russen unter Suworow, und über Zürich ins Glarner- und Einsiedlerland die Österreicher unter seinem Vetter Hotze, der ein berühmter Kriegsheld geworden ist. Aber Hotze fällt bei Schänis, Masséna nimmt Zürich ein — wobei Lavater durch einen betrunkenen Grenadier schwer verwundet wird — und als Suworow die Franzosen nach dem mörderlichen Kampf um die Teufelsbrücke zurückgedrängt hat bis Flüelen, sind die Kaiserlichen überall geschlagen, und er muß sich seitwärts in böser Jahreszeit über den Kinzig-, den Pragel- und den wüsten Panixerpaß ins Vorderrheintal retten, wo er ohne Pferde und Geschütze ankommt und mit dem Rest seiner Scharen die Schweiz bald verläßt. Als Bonaparte, aus Ägypten heimkehrend, sich zum ersten Konsul der Franzosen macht, hat er die Eidgenossenschaft ganz in der Hand, und den Urkantonen vergeht die Hoffnung, daß ihnen fremde Hilfe aus der Helvetischen Republik in die alte Kantonsherrlichkeit zurück helfen könnte.
Im Bernischen sind die Kriegsschläge nur von fern hörbar gewesen, aber viele Heerhaufen rückten durch, und jeden Abend sank die Sonne in eine Nacht voll ungewisser Furcht. Heinrich Pestalozzi hat in Stans erlebt, was die ruhmvollen Taten der Kriegshelden in der Nähe bedeuten, wie aus einer blühenden Landschaft ein Schlachtfeld wird, darin die Dörfer brennen und die Verwundeten mit ihren Blutlachen zwischen Leichen auf den Straßen und in den Feldern liegen, während in den Bergställen und in Felsschlüften Frauen und Kinder schreckensbleich die Schießerei abwarten, bis der Hunger sie doch in das Unheil hineintreibt. Er kann nur auf den Tag warten, an dem dieser Kriegsbrand endlich gelöscht sein wird; es wird auch für ihn der Tag sein, wo er für sein Werk gerüstet dastehen muß.
Darüber fallen auch die Blätter dieses Jahres und eines Tages im November, als der Regen schon eiselt, erfährt er, daß die Regierung ihn nicht nach Stans zurücklassen will. Er hat gewußt, daß sich Stapfer seit dem September vergebens darum bemühte, und ist gefaßt, daß ihm die Tür nicht wieder geöffnet werde, die der Krieg zuschlug; aber die Hoffnung hat doch jeden Abend auf seinem Bettrand gesessen, wenn er mit den Kleidern auch die Mühsale des Tages auf den Stuhl legte. Im äußeren Schloßhof steht noch ein Tretrad über dem tiefen Brunnen, der bis in den Talgrund reicht; er ist einmal vorwitzig hineingestiegen, das sonderbare Hand- und Beinwerk probieren; nun träumt er in der Nacht, der Strick mit dem Eimer sei abgerissen, während er in den Sprossen stände, sodaß er die Radtrommel, des Gegengewichtes beraubt, nur immer um sich selber drehen müsse. Er tröstet sich zwar in der Folge, daß er für seine Versuche in der hellen Stube der Jungfrau Stähli besser aufgehoben sei als in dem Kalkstaub des Stanser Waisenhauses, aber der Lebensstrang seiner Arbeit ist ihm doch schmerzlich abgerissen, und unruhig fängt er an zu suchen, wo er ihn nach dieser Probierzeit wieder einhaken könne. So kommt es, daß er mit dem Ende des Jahres von neuem an seinen Neuhof denkt.
Dieses Ende marschiert mit den Schritten der allgemeinen Not, wie keines vorher, als ob es die Leidensreste des vergehenden Jahrhunderts noch über der Schweiz ausgösse, die durch die Kriegszüge verwüstet und von den Franzosen mit Millionen von Kriegskosten ausgesogen ist. Als er für die Weihnachtstage nach dem Neuhof fährt, wandern Scharen von Bettlern über die winterlichen Straßen, sodaß er wehmütig an seine Flugblätter und das Helvetische Volksblatt denkt, darin er sich und dem Schweizervolk so herrlich viel von der neuen Ordnung der Dinge versprach.
Er findet Anna, die er in Hallwyl abholt, mit eisengrauem Haar; sie hat die Sechzig hinter sich, und sie sind nun die Großvatersleute, die zum Besuch aufs Birrfeld kommen. Da schaltet die gebotene Fröhlich, und Lisabeth hilft ihr, auch die schlimmen Dinge tapfer zu überstehen; sie müssen den Hof allein halten; denn Jakob ist trotz seiner dreißig Jahre ein übellauniges Gebreste. Es wird trotzdem ein inniges Weihnachtsfest, die Großmutter hat aus Hallwyl den Enkelkindern viel Liebes mitgebracht, und die fünfjährige Marianne vermag schon Christlieder zu singen, in die der dreijährige Gottlieb selbstbewußt einstimmt. Als danach die heiligen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr mit Rauhreif kommen, der in der Sonne mit Millionen Kristallen funkelt, ist es für Heinrich Pestalozzi mehr als die Insel auf dem Gurnigel, es ist die Küste, von der er ausfuhr, und fast scheint es ihm, dies sei die Heimkehr.
Silvester, als sich die Kälte in einen näßlichen Nebel gewandelt hat, wandert er zufällig durch das Gehölz bis nach Brunegg auf den Waldkamm hinauf. Er weiß, das kleine Schloß steht seit der neuen Ordnung mit leeren Fenstern da, aber wie er hinzukommt, ist an der verschlossenen Tür ein vergilbter Zettel angeheftet, daß die Regierung den verlassenen Besitz mit sechzig Jucharten Wald und Weide zum Verkauf ausbietet. Er braucht garnicht zu überlegen, der Plan steht gleich wie eine Eingebung da: Schloß Brunegg zu erwerben und mit dem Neuhof zu vereinigen in einem Besitztum, auf dem sich ein helvetisches Waisenhaus wohl einrichten und halten ließe. Die Seinigen wissen nicht, warum er allein an dem Abend fröhlich ist, während ihre Wehmut dem scheidenden Jahrhundert die Totenwacht hält; nur Anna, die das Wetterglas seiner Stimmungen besser kennt als sie, merkt bald, daß er irgend etwas im Schilde führt. Wie dann die Standuhr auf dem Gang ihre zwölf Schläge mit dem gleichen schnarrenden Klang wie sonst getan hat, und sie alle, die im Schein der Lampe darauf warteten, sich den Menschenkuß geben, nimmt er sie wie in den jungen Zeiten bei der Hand und führt sie aus dem Kreis der andern hinaus in die Nacht, die durch die Erschütterung der Glocken aus ihrer Stille aufgeschreckt und von Menschenlichtern nah und fern durchleuchtet mit ihren Geheimnissen in die Wälder zu flüchten scheint: So war die Nacht, wo ich mit Menalk auf dem Lindenhof stand, sagt er draußen zu ihr, als sie unsicher schreitend den Landweg nach Brunegg gehen: nur daß wir damals die Glocken in uns selber hatten, und draußen war es still. Das ist das Schicksal dieser Zeit gewesen, daß jeder in seinem Gehäuse saß; das einzige, was die Menschen miteinander verband, hießen sie ihre Bildung: ich heiße es ihre Ungläubigkeit. Das neunzehnte Jahrhundert der Christenheit wird wieder einen Glauben wie zu Zwinglis Zeiten haben, aber es wird das Jahrhundert der Menschlichkeit sein, wo die guten Werke nicht mehr für einen guten Platz im Himmel getan werden. Wer die ewige Seligkeit erst im Himmel anfangen will, hat sie schon versäumt. In Indien, heißt es, werden die Heiligen ihrer auf Erden teilhaftig, indem sie ihre Wünsche und Begierden Gott zum Opfer darbringen. Das heißen sie Nirwana oder in Gott ruhen; aber Gott hat auch unsere Wünsche und Begierden gemacht, nicht daß wir sie töten, sondern seinen Willen damit erfüllen. Wenn wir Gott selber in unsern Wünschen und Begierden haben, können sie kein Hindernis mehr sein. Ihre Seligkeit heißt, in Gott zu ruhen; unsere wird sein, Gott zu tun.
Sie sind unter Brunegg stehen geblieben, weil es ihn angestrengt hat, im Steigen soviel zu sprechen; nun sagt er ihr seinen Plan eines neuen Waisenhauses. So bist du der Alte geblieben? fragt sie, und er sieht in der ungewissen Helligkeit der Winternacht, wie sie selber die Antwort dazu lächelt. Ihm aber ist es auf einmal zumut, als ob er wieder in der Schule das Vaterunser sprechen müsse; er kann die Worte fast nicht herausbringen, so unbändig kichert seine Fröhlichkeit: Ja, Liebe, und darum wollte ich dich fragen, ob wir nicht Schloß Brunegg kaufen sollen!
80.
Seit dieser Nacht fühlt Heinrich Pestalozzi einen fremden Flügelschlag über seinen Dingen, sodaß er sich eilen muß, den Ereignissen zu folgen, statt sie mühsam anzuzetteln. Er macht zwar noch das Höchstgebot auf Brunegg und findet bei der aargauischen Regierung eine unerwartete Willfährigkeit, ihm bei der Einrichtung eines helvetischen Waisenhauses behilflich zu sein; aber das Schicksal verlegt ihm mit gütigen Wendungen den Rückweg aufs Birrfeld: Schon im November hat der Doktor Grimm sich erboten, einige Waisen aus dem Kriegsgebiet in sein Haus zu nehmen, andre Bürger sind ihm willig gefolgt, und da Fischer den Plan mit Feuer betreibt, kommen Ende Januar sechsundzwanzig Kinder in Burgdorf an, die der Pfarrer Steinmüller zu Gais im Appenzeller Land gesammelt hat. Heinrich Pestalozzi will gerade zum Schloß hinauf, als die Bürger ihnen entgegenleuchten; überall sind Betten und warme Suppen für die Zitternden bereit, es könnten ihrer hundert sein, soviel Hände strecken sich hilfreich aus. Auch sein Herz wallt ihnen entgegen, und gleich ist er mitten in der Schar, mit scherzenden Fragen seinen Willkomm zu sagen; aber eins nach dem andern wird ihm eingefordert, und ehe er sichs versieht, steht er allein auf der Straße da. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagt er kopfschüttelnd vor sich hin, als er in einer bestürzten Wehmut durch die Dunkelheit zum Schloß hinaufgeht.
Aber unversehens fällt das, was andre begonnen haben, ihm in den Schoß, der die Seele solcher Taten ist: die Kinder sind durch einen jungen Dorfschulmeister namens Hermann Krüsi aus Gais gebracht worden, der als dritter ein Zimmer im Schloß erhält. Er ist ein lernbegieriger Mensch von vierundzwanzig Jahren, dem die Nähe des berühmten Verfassers von Lienhard und Gertrud eine Erhöhung seines Lebens bedeutet; für seine Appenzeller Kinder wird ihm eine besondere Schule im Ort eingerichtet, sodaß sie morgens miteinander in den Burgdorfer Schuldienst hinuntergehen. Obwohl Heinrich Pestalozzi sich mit seinen Menschheitsplänen in der Buchstabierschule der Jungfrau Stähli — wie er dem Krüsi sagt — allmählich gleich einem Seefahrer vorkommt, der seine Harpune verloren hat und mit der Angel probiert, Walfische zu fangen, bleibt er unverdrossen dabei, bis er im Frühjahr die Burgdorfer zu einer öffentlichen Prüfung einladen kann. Schon die Neugierde, in die seltsamen Karten des wunderlichen Fremdlings zu blicken, treibt sie zahlreich herzu; aber nun steht nicht mehr das Mitleid kopfschüttelnd da wie in Stans, es gibt eine wahre Verblüffung über die Fertigkeiten so junger Schüler, und die Schulkommission stellt ihm ein öffentliches Zeugnis aus, dankbar, daß er gerade Burgdorf für seine Lehrversuche gewählt habe. Diese Anerkennung macht ihn zittrig vor Freude, weil er nun endlich die Weite für seine Dinge geöffnet sieht, sodaß er in seinem fünfundfünfzigsten Jahr trotz dem Ehrenbürgertum der französischen Republik wie ein belobter Schüler in die Ferien kommt und seiner Frau Anna das Zeugnis in den Schoß legt. Eigentlich bist du zu alt dazu, lächelt sie wehmütig mit dem Papier in der Hand: oder sollte die Zeit gekommen sein, wo die Großväter wieder zur Schule gehen? Aber er läßt sich sein Glück nicht erschüttern: »Man hat mir schon in meinen Knabenschuhen gepredigt, es sei eine heilige Sache um das von unten auf Dienen; ich achte es für die Krone meines Lebens, daß man mich mit grauen Haaren in der Schule von unten anfangen läßt!«
Er hätte nötig, daß diese Ostertage Ferien für ihn würden, aber sein Sohn Jakob will sterben, und während draußen der Frühling schäumt, zerreißen die Schmerzen den hilflosen Mann, dem er den Neuhof als Erbschaft mühsam aufgespart hat. Zerstört von Nachtwachen kommt er wieder in Burgdorf an, wo Krüsi allein auf ihn wartet, weil Fischer enttäuscht und todkrank nach Bern zurückgegangen ist. Als Heinrich Pestalozzi spät abends den Steilweg aus dem Ort hinauf tastet, findet er den Appenzeller, der seitdem einsam und landfremd in den leeren Gebäuden haust, sehnsüchtig harrend am Tor. Mein Sohn stirbt, sagt er, als sich der Jüngling ihm weinend in die Arme wirft: kommst du mir an Sohnes Statt?
Danach gibt es einen Erntesommer für ihn, wie er noch keinen erlebte: die Bürger haben ihn dankbar zum Lehrer an der zweiten Knabenschule gemacht, darin er an die sechzig Knaben und Mädchen zu lehren hat; und kaum, daß er mit Krüsi überlegt, wie ihre Schulen sich vereinigen und, in Klassen eingeteilt, besser im Lehrplan einrichten ließen — nur an Raum fehlt es im Schulhaus, während im Schloß die schönsten Räumlichkeiten leer stehen — sind die Herren in Burgdorf und Bern gleich so diensteifrig, daß die Kinder schon zum Sommer auf dem Berg einrücken können. Als der Schloßhof von dem emsigen Gewirr ihrer Stimmen widerhallt, müssen die Knaben und Mädchen von der Linde ein Schweizerlied ins waldige Emmental hinunter singen, und diesmal stehen keine Luzerner da zum Lachen, weil er selber mit seiner alten Stimme fröhlich den Takt hineinkräht: Nun ist es kein leeres Schloß mehr, denkt er, und ich brauche morgens nicht auf einem Steckenpferd den Berg hinab zu reiten! Wie ein Feldherr einen Engpaß bezwungen hat, das bedrängte Land von den Feinden zu räumen, fühlt er sich längst über die ersten Buchstabier- und Rechenkünste hinaus und mächtig, in die entlegenen Gebiete der herkömmlichen Schulmeisterei den Gang der Natur zu tragen. Er hat zum Wort und zu der Zahl die Form der Dinge als drittes Element für seinen Unterricht gefunden und hält nun endlich das Geheimnis in der Hand: das Abc der Anschauung, daraus sich alle Fertigkeiten und Kenntnisse gewinnen lassen.
Mit dem Sommer fängt die Nachricht von der Wunderschule im Schloß zu Burgdorf an durchs Land zu gehen, und wie ehemals auf dem Neuhof, kommen Gläubige und Zweifelnde an, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was Wahres an dieser neuen Zeitung sei. Sie finden keinen Einsiedler mehr: Krüsi hat aus Basel seinen Freund Tobler geholt, der dort als Theologiestudent den Hauslehrer spielte; der wiederum bringt einen jungen Buchbinder namens Buß aus Tübingen mit, weil er sich trefflich aufs Zeichnen und die Musik versteht, welche Künste Heinrich Pestalozzi auch in den Anfängen versagt sind. Sie hausen zu vieren in dem Schloß und müssen manchmal selber lachen, was für einen seltsamen Verein sie bilden: ein Romanschreiber, ein Theologiestudent, ein Buchbinder und ein Dorfschulmeister. Ich bin nun wirklich ein Wundertier, scherzt Heinrich Pestalozzi oft, ich habe vier Köpfe und acht Hände. Er wird auch nicht müde, die Fremden durch die Klassen zu führen, wo im ersten Stock die Körbe mit den Buchstabentäfelchen stehen, daraus sich vor den Augen der Kinder die Silben und Wörter auswachsen; in der zweiten fangen die Schreibkünste auf den Schiefertafeln an — die meist als die größte Neuheit bestaunt und befühlt werden — und durchsichtige Hornblättchen mit eingeritzten Buchstaben sind die stummen Schulmeister in den Händen der Kinder, ihre Schriftzüge zu kontrollieren; der dritte Raum ist groß genug zu Marschübungen, und wenn den Besuchern schon aus den andern Stuben der Takt im Chorsprechen als das Erstaunlichste im Ohr geblieben ist, weil er die Vielheit der Schüler mit einem Mund sprechen läßt, so sehen sie nun den selben Takt als Erscheinung lebendig werden, wenn die Kinder fröhlich singend oder deklamierend gleichen Schritt halten. Heinrich Pestalozzi weiß wohl, daß dies alles nur die Augenfälligkeiten seiner Lehrübungen sind, und es ficht ihn nicht an, wenn ein gelehrter Herr kopfschüttelnd über die Einfalt solcher Methode den Berg hinuntergeht. Sie suchen den Stein der Weisen, spöttelt er, aber es darf kein Stein sein, weil sie sonst nur an den Bach zu gehen brauchten! Auch meinen sie, ich plagte mich in meinen Großvaterjahren um neue Schulmeisterkünste, wo ich doch nur der Armut eine Treppe bauen will. Und als der sinnende Tübinger, dem es am schwersten fällt, sich einzuleben, ihn einmal am Abend fragt, wie er das meine? sagt er sein Beispiel von dem Haus des Unrechts.
Sie sitzen auf der Mauer unterm Lindenbaum und sehen, wie die Sonnenröte die Alpen herrlich überschüttet, und auch die beiden anderen kommen horchend herzu, als er beginnt: Was meint ihr, daß einer im Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe! Die Luken im Gewölbe, zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl es nach außen kein Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und ahnt die Herrlichkeit! Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu genießen! Nun denkt euch, Freunde, es gäbe keine Treppe in diesem Haus, sodaß die Herren in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Widerschein im Hof das Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an der Luke!
So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft gebaut. Drum hab ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr geworden vor ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die Treppe der Menschenbildung baute.
81.
Wenn die Morgenstunden seiner Schule zu Ende sind, geht Heinrich Pestalozzi bei gutem Wetter an die Emme hinunter, Steine zu suchen. Er kennt nur wenige Arten und wählt sie mehr wie ein Kind nach der schönen Farbe aus, doch schleppt er gern ein Taschentuch voll davon, wenn er zum Stadthauswirt Schläfli an den Mittagstisch kommt. Meist geht auch eins oder das andere der Appenzeller Kinder mit, und namentlich ein Knabe namens Ramsauer begleitet ihn gern. Wie er eines Tages mit dem im sonnigen Gestein sitzt — trotzdem ihm die Gehilfen tapfer beistehen, schmerzt ihn die Brust vom Sprechen — denkt er mit einer so traurigen Sehnsucht an sein verlassenes Waisenhaus in Stans, daß ihm die Tränen rinnen. Er weiß schon lange, daß ihn die Regierung nicht dahin zurücklassen will, aber er hat es nicht angeschlagen um seiner neuen Arbeit willen; nun läuft ihm die Bitterkeit der unbefriedigten Gedanken von allen Seiten zu. Es gerät ihm wie niemals vorher mit seiner Treppe der Menschenbildung, er hat den Schlüssel, alle Stockwerke zu öffnen, aber es sind doch nur die Bürgerkinder dieser wohlhabenden Kleinstadt, die davon Nutzen haben: Schlimmer als jemals ist die Not im Land, und ich habe in eitler Selbstgefälligkeit die Fremden durch meine Methode spazieren geführt. Als sie mich für einen Narren hielten, schrieb ich meine Schriften; jetzt, wo mir die Bürger gute Zeugnisse geben und ein Gehalt zahlen, bin ich Großvater wirklich ihr Narr geworden!
Als er bedrückt von solchen Gedanken, diesmal ohne Steine im Sacktuch, in die Stadthauswirtschaft kommt, sieht er Tobler schon wieder mit zwei Fremden dasitzen, einem rotköpfigen Pfarrer und einem Tirolerknaben, die erfreut aufstehen, ihn zu begrüßen. Er kann seinen Groll zu keinem freundlichen Wort zwingen, macht augenblicklich kehrt und läßt sein Mittagsmahl im Stich, obwohl Tobler gleich hinter ihm her ruft. Unterwegs tut ihm die Torheit leid, aber wie er dann an seinem Sorgenplatz unter der Linde steht, kommen ihm die drei hartnäckig in den Schloßhof nach, und nun muß er selber lachen, weil der junge Pfarrer niemand anders als der Freund Toblers, Johannes Niederer aus Sennwald ist, mit dem er seit Monaten im herzlichsten Briefwechsel steht. Den Tirolerknaben, der auf eigene Faust sein Schüler werden will, hat er zufällig unterwegs getroffen. So geht mirs, klagt er und schließt sie beide in die Arme: vor Gleichgültigen mache ich meine Kapriolen, und wenn Freunde kommen, rennt der Hase fort!
Er kehrt danach mit ihnen in das Stadtwirtshaus zurück, und es wird ein fröhlicheres Mittagsmahl, als er es seit Wochen hatte; denn seit dem Holsteiner Nicolovius ist ihm nicht mehr solche Liebe widerfahren, wie in den Feuerbriefen dieses kaum zwanzigjährigen Pfarrers aus Sennwald, der nun wie der Husarenkapuziner aus Stans neben ihm sitzt, so rotköpfig und so verbissen in seine Gedanken. Er ist zwar vorläufig nur zum Besuch gekommen, aber Heinrich Pestalozzi reißt wieder einmal gierig die Zukunft aus der Gegenwart los: Ihr seid die Jugend, die zu mir aufsteht, sagt er und halt ihnen sein Glas hin, als ob er alle Tage so schöppelte; nun will ich den Fischzug meines Lebens machen! Und weiß auf einmal garnicht, warum er sich bis zu diesem Tag geweigert hat, die Erbschaft Fischers ganz anzutreten: ein Schullehrerseminar, eine Musterschule und eine Pensionsanstalt hat der in Burgdorf gewollt, den nun in Bern der Rasen deckt, indessen er noch immer eigensinnig auf sein Waisenhaus in Stans wartet, als ob es diese oder jene Waisen und nicht die Treppe seiner Lehre gelte.
Noch in den Tagen, da Niederer wie ein Spürhund durch die Klassen geht und jeden Fund verbellt, verhandelt er mit der Regierung in Bern. Er fühlt, daß sich die Summe seines Lebens einsetzen will: was er als Landwirt, Armennarr und Schriftsteller auf dem Neuhof, als Waisenvater in Stans und als Winkelschulmeister in Burgdorf an Erfahrungen einbrachte, soll nun Erscheinung werden. Zwar haben die politischen Hagelwetter seinen Freund Stapfer als Minister verdrängt, aber noch in den letzten Wochen hat er ihm eine helvetische Gesellschaft von Freunden des Erziehungswesens gegründet, die ihm nun mit einem Aufruf an die Bürger aller Kantone beisteht. Zum andernmal nach einem Vierteljahrhundert rasselt seine Werbetrommel durch das Land, aber nun treten ihrer viele zu dem Bürger, dessen Ruhm im Ausland geklungen hat. Schon im November sind an die fünfzig Zöglinge im Schloß, nicht Bettelkinder wie im Neuhof, die ihren Unterhalt durch eigene Arbeit verdienen sollen, sondern Bürgersöhne und Töchter, deren Eltern den Aufenthalt mit gutem Geld bezahlen. Er löst die Burgdorfer Schule ab, und nur die von den Appenzeller Kindern bei ihm bleiben wollen, behält er um Gotteswillen; der Tiroler Schmidt ist auch darunter.
Heinrich Pestalozzi staunt, wie rasch ihm dies alles ins Kraut geschossen ist, aber der Erfolg macht ihn fröhlich, sodaß er dem Herbst und Frühwinter die Tage wie die Blätter eines Märchenbuches abliest. Darüber kommt Weihnachten, und er kann diesmal nicht in Neuhof sein, weil einige Kinder mit den Gehilfen bleiben, denen er als Vater das Fest bereiten muß. Zum Neujahr deckt ein dicker Schnee alles mit runden Kappen zu, und der Weg vom Schloß hinunter bis in die Häuser ist eine steile Schlittenbahn. Selbst seine Burgdorfer Freunde schütteln mißbilligend den Kopf, als sie ihn da mit den Kindern schlitteln sehen, und der Doktor Grimm sagt ihm, daß dies kein Geschäft für einen Großvater sei; er aber, der nichts Schöneres auf der Welt kennt, als wenn verschüchterten Kindern die Augen fröhlich aufgehen, nimmt einen Schneeball und wirft ihn, sodaß es — als die Knaben seinem Beispiel folgen — ein lustiges Gefecht um die Fröhlichkeit gibt, bei dem der Griesgram in die Flucht geschlagen wird: Das ist keine so einträgliche Schlacht für euch Doktoren, als wenn mit Bleikugeln auf Menschen geschossen wird, sagt er ihm einige Tage später, als er ihn bei Tauwetter wiedertrifft, aber sie macht rote Backen! Der Doktor schüttelt unwillig den Kopf: er habe ihm nur die Post mitgebracht, weil er doch zu dem Knaben müsse, der sich bei dem Spaß bös erkältet habe.
Es ist nur ein zierlicher Brief, von Frauenhand mit dünnen Buchstaben adressiert; er öffnet ihn gleich und liest, daß ihm die Tochter Lavaters den Tod ihres Vaters meldet, der am zweiten Januar seiner Verwundung nach langem Siechtum erlegen sei. Von ihm selber aber liegt ein Zettel dabei, den er als Abschiedsgruß noch auf dem Sterbebett an ihn geschrieben hat:
»Einziger, oft Mißkannter, doch hochbewundert von vielen, Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte, Schenke Gelingen dir Gott! und kröne dein Alter mit Ruhe!«
Heinrich Pestalozzi ist so erschüttert, daß er den erstaunten Doktor ohne Wort auf der Straße stehen läßt und quer über die nassen Schneefelder zur schwarzen Rinne der Emme hinunterläuft. Dies ist genau so unvermutet wie in den Jünglingstagen, als Lavater ihm den »Emil« ins Rote Gatter brachte: Er war nicht mein Freund, überschlägt sein Gefühl, er hat mich nie recht gemocht, und nur ein paarmal hat uns das Leben nebeneinandergestellt; nun hat er wie Bluntschli vor Gott gesessen mehr als ein Jahr, kaum, daß ich einmal an ihn dachte im Strudel meiner Dinge, und er schickt mir dieses Wort!
Nur die treue Erinnerung hat er aus dem Zettel gelesen, kaum die Sätze; doch wagt er nicht, ihn noch einmal vor die Augen zu bringen, so ehrfürchtig ist ihm zumute, weil er von einem Toten kommt: Wie dieser Bach im Schnee übereilen wir unsern Weg, sagt er und läßt seine Augen mit den Glattwellen laufen, bis sie hinter den schwarzen Büschen verschwinden. Nur an unsern Ufern sehen wir die Dinge, alles nur einmal im Gedränge, und kein Augenblick kann gegen den Wellenschlag zurück. Wenn wir unten sind, ist dies unser Leben gewesen; aber unser Wasser war es nicht. Das Wasser gehört der Welt, der kein Tropfen an irgend wen verloren geht; unser Teil ist, daß wir fließen. Durch ein paar Mühlräder können wir laufen unterwegs, aber nicht mehr sehen, wieviel von Gottes Korn damit gemahlen wird.
82.
Heinrich Pestalozzi hat sich in dem nassen Schnee eine Erkältung geholt, die über Nacht fiebrig wird, sodaß ihn der Doktor Grimm für ein paar Tage zur Vergeltung ins Zimmer sperrt. Kröne dein Alter mit Ruhe! steht auf dem Zettel Lavaters, den er nun auswendig weiß; aber selten hat ihm ein Wort so viel Unruhe bereitet. Er weiß, wie dünn ihm die Kräfte geworden sind und daß ihn täglich die Gefährlichkeit seiner Jahre ankommen kann; aber keine drohende Krankheit vermöchte ihn so zu schrecken wie die Sorge, lässig zu werden: Die Ruhe des Alters kommt denen zu Recht, die Glück mit ihrem Leben hatten; ich aber, dem alles unter den Händen zerbrach und der ich noch als Großvater in die Schule mußte, ich wäre damit einem Bauer gleich, der seine Felder und Gärten in Dürre und Kriegsnot bestellt hat und danach die Ernte versäumte.
Diese Ernte aber wächst weder in Burgdorf noch in einer andern Anstalt allein, sie ist ihm auf den unübersehbaren Feldern seines Lebens gereift, und nur, wenn er eine alles umgreifende Darstellung seiner Lehre der Menschenbildung hinterläßt, hat er nicht umsonst gelebt. Unter den Gehilfen, die er nun wieder mit den Zöglingen Schneeballen werfen sieht — weil der Winter neuen Schnee auf den glatt gefrorenen Guß des Tauwetters gelegt hat — ist keiner, der von der Last seiner Erfahrungen und dem Gang der Methode mehr als die Anfänge wüßte; und was sie davon ausbrächten, wenn er stürbe, wäre nichts als eine notdürftig gebesserte Schulmeisterei. Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte, schreibt er mit den Worten Lavaters auf das oberste der Blätter, die er gleich am ersten Tag seiner Stubenhaft herauskramt, um sein Lehrbuch der Menschenbildung zu beginnen. In seinen Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts hat er versucht, seine Sache auf eine Weltanschauung zu gründen; nun will er den gleichen Gang der Natur in der Erziehung aufweisen. Aber als er gleich in diesen Januartagen anfängt zu schreiben, wird es zugleich ein Bekenntnisbuch seines fünfundfünfzigjährigen Lebens: alle Einsichten, die er sich in mühseligen und schmerzenden Erfahrungen für die Volksbildung erkämpft hat, fließen ihm hin in zwölf angeblichen Briefen, von denen jeder eine Schrift für sich sein könnte. Es ist nun wirklich, als ob er die Früchte abnähme vom Baum seines Lebens, obwohl draußen erst das Frühjahr den Winter ablöst und sich von einem Strauch zum andern durchblüht in den grünen Sommer. Immer wieder füllen die Zöglinge den Hof mit ihrem fröhlichen Lärm, von den Gehilfen zum Spiel geführt, Tag für Tag steht er selber unter ihnen mit Zuspruch und Lehre, Eltern kommen, ihre Kinder zu bringen, und Freunde weither in Reisewagen, seine Schule zu sehen: was sonst der Sinn seines Tages war, ist nun eine bunte Füllung geworden, und erst abends, wenn Heinrich Pestalozzi wieder an seinen Blättern sitzt, blüht ihm die Seele im eigenen Herzschlag auf. Wer ganz bei sich ist, ist bei den andern! schreibt er einmal auf einen Zettel, als er sich selber zu eigensüchtig vorkommt inmitten der durch ihn bewegten Dinge.
Das zwölfte Stück ist fertig, als ein Brief vom Neuhof anlangt, daß sein Sohn Jakob im einunddreißigsten Jahr seines schmerzvollen Lebens gestorben ist; seine Frau schreibt ihm die Nachricht und daß sie ihr Kind selber, von Zürich hingerufen, nur noch auf dem Totenbett gefunden habe. Es tut ihm einen Stich ins Herz, aber er vermag die Feder nicht hinzulegen, so sehr scheint ihm die Nachricht aus der Verwirrung seiner Gedanken aufzuquellen. Er ist mit seiner Arbeit in eine böse Stockung geraten: wie er die Uhrfeder der Sittlichkeit in seine Methode einsetzen will, erkennt er, daß die sinnliche Befriedigung bei jedem Kind auf den Genuß geht und dem sittlichen Zwang feind ist. Soviel er denkt und deutelt, er vermag die Sittlichkeit auf kein Bedürfnis der Kindnatur zu gründen, und so muß er seiner Lehre selber die Natürlichkeit fortnehmen, als er sie damit krönen will: »Es ist hier, wo du das erste Mal der Natur nicht vertrauen, sondern alles tun mußt, die Leitung ihrer Blindheit aus der Hand zu reißen und in die Hand von Maßregeln und Kräften zu legen, die die Erfahrung von Jahrtausenden angegeben hat.« In diese Verwirrung fällt die Todesnachricht, die dadurch nicht gemildert wird, daß er sie für den Sohn als eine Erlösung empfindet. Er hat den Blick Annas nicht vergessen, als sie ihn damals ins Kleefeld legen mußten; irgendwie stürzt ihm das Gebäude seiner Lehre ein und er hört die Säulen krachend zerbrechen: Wenn jetzt seine Gläubigkeit nachläßt, wird ihm alles da entwertet, wo er es geheiligt sehen wollte.
Die Schriftzüge seiner Frau retten ihn; er weiß, ihr ist es als Mutter schwerer geworden, die Nachricht mit einer Feder zu schreiben, als ihm, sie zu lesen; aber kein Wort steht anders als in der Ergebung da, die ihr heiliges Erbteil ist. So beugt er sich aus seinen Wirrsalen über das tiefe Geheimnis der Mutter, darin die sinnliche Befriedigung alles Daseins im Anfang beschlossen ist. Die Sitte der Appenzeller Frauen fällt ihm ein, dem Neugeborenen einen papierenen Vogel über die Wiege zu hängen, bunt bemalt, um so die ersten Sinneseindrücke des Säuglings in den menschlichen Bannkreis zu zwingen. Die Mutter ist der Brunnen, darin Gott und Natur noch eins sind, aus ihr wächst die erste Nahrung des Kindes, wie es selber gewachsen ist, und alles, was sie ihm danach gibt, wird natürlich durch ihre Gabe, sie kann aus Gott das Brot des Lebens machen. Nachdem rastet Heinrich Pestalozzi nicht mehr, schreibt durch diese Nacht und noch tief in den Morgen, bis er die letzten Briefe seines Buches fertig hat, die nun ein Lobgesang auf die Mutter werden und auch den Titel des Buches bestimmen: »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt«. Eine gehetzte Angst hat seinen Überschwall getragen, bis er am andern Mittag vor den Blättern — leergeflossen an ihrem Inhalt — auf dem Stuhl in einen bleiernen Schlaf sinkt.
Am andern Morgen in der Frühe holt er den Stecken und den Ranzen vor, noch einmal aufs Birrfeld zu wandern, wo seine Frau das frische Grab des Sohnes hütet. Es wird ihm leichter zu gehen, als er gedacht hat; und als er schon tief im Aargau drin zwei Kinder bei einer Scheune trifft, die eine Leiter quer über einen Brunnentrog zu einer Schaukel gelegt haben, auf der sie abwechselnd mit glücklichen Augen in den Himmel fahren, ruht er sich rätselvoll bewegt bei ihnen aus. Gleich wird die Magd mit dem Eimer kommen, Wasser zu schöpfen, und der Knecht wird die Leiter brauchen; das Glück ihres Spiels bleibt ihnen trotzdem unangetastet: eine paar Steine auf dem Feld, eine Kuhherde auf der Weide werden ihnen vielleicht in einer Stunde noch höhere Lust bereiten, weil die nicht aus den Dingen — und also aus den Sinnen — sondern aus ihren Seelen kommt. Es gibt keine bösen Lockungen der Sinne zum Genuß, es gibt nur eine Lust der Seele, die sich in ihrem Körper fühlt; sie ist das Leben selber und kann kein Hindernis der Bildung sein: gerade sie muß der Mutter das Leitseil werden, ihr Kind ins Gute zu führen. Die Hölle und das Paradies liegen gleichviel darin, oder fast nicht, weil Lust und Pein Feuer und Wasser sind, während jede Lust in ewige Seligkeit ausfließen will!
Er trifft Anna, wie sie mit Gottlieb, dem Enkel, am Brunnen steht, als ob es noch ihr Knabe wäre. Die Rührung überströmt ihn, sodaß er ihr ins Ungewisse hinein die Hand hin hält, so hindern die Tränen ihn, ihr Gesicht zu sehen: Nun ist das Band fort, das von meinem zu deinem Leben ging! Aber als ob ein Schwamm ihm dreißig Jahre von seinem Leben auslöschte, wird er vom Klang ihrer Stimme berührt: Nein, Pestalozzi, es ist nur in die Ewigkeit gelegt!
83.
Im Oktober läßt Heinrich Pestalozzi das Buch erscheinen, und noch vor Weihnachten sieht er die Saat seiner Worte in den deutschen Blättern aufgehen; es können zunächst freilich auch nur Worte sein, aber die Namen der Schreiber sagen der aufhorchenden Schweiz, daß aus dem Armennarr im Neuhof eine geistige Macht geworden ist. Auch könnte ihm Füeßli nicht noch einmal mit seiner Rede von der Rührung und dem Kirschwasser kommen; denn alles an dem Buch ist Rede und Überredung, und jeder Beifall bedeutet eine Entscheidung für ihn, die irgendwie in Taten endigen muß. Indem sich danach die Zöglinge für seine Anstalt reichlicher melden, hilft das Buch auch seiner äußeren Lage, sodaß er diesmal zuversichtlicher als sonst das Frühjahr abwartet.