Abend (continued 2)
Reading edition
Die geborene Fröhlich ist zu ihm gezogen mit der kleinen Marianne, die ein überzartes Kind von sechs Jahren ist und schon am Unterricht teilnehmen kann. Zum Fest kommt auch die Großmutter mit dem Gottlieb, sodaß sie bis auf Lisabeth, die den Neuhof hüten muß, in Burgdorf beisammen sind. Es befriedigt ihn, endlich einmal Anna seine Dinge in der neuen Gestalt zeigen zu können, wo er nicht selber mehr der Lehrling, sondern der Meister ist; und selbst damals, wo er sie auf dem Gut Tschiffelis umher führte, ist er nicht stolzer auf sie gewesen als nun, wo sie lächelnd über seinen Eifer mit ihm durch die Schulstuben und Schlafsäle der Anstalt geht. Die zweiunddreißig Jahre der Ehe haben ihm nichts von ihrer Schönheit ausgelöscht, und während sie den Gehilfen eine ehrfürchtig begrüßte Matrone vorstellt, ist ihm bräutlich zumut. Der Tod ihres einzigen Kindes geht noch mit ihr, und obwohl sie willig zu seinen Erklärungen nickt, bleibt der Schmerz in ihren Augen wie Glas, darin sich die Eindrücke dieser Dinge mit der Spiegelung schmerzhafter Erinnerungen mischen. Es wird ein stilles Fest, aber heilig für ihn; und als sich gleich nach Neujahr Tobler im Schloß trauen läßt, und Niederer zum zweitenmal nach Burgdorf kommt, seinem Freund die Traurede zu halten, sitzt er wirklich — wie Niederer sagt — als Erzvater dabei.
Aber die Zeiten sind nicht testamentarisch; unversehens zieht noch einmal ein Kriegsjahr seine Unruhen und Bedrängnisse um die Anstalt. Schon im vergangenen Oktober haben die Föderalisten, wie sich die Anhänger der alten Kantonswirtschaft nennen, die helvetische Regierung in Bern gestürzt und eine andere gewählt, die dem Schwyzer Aloys Reding als Landammann untersteht. Da es der neuen Herrschaft aber wie der alten an Geld fehlt, um aus der Schuldenwirtschaft zu kommen, steigen im Frühjahr schon wieder die sogenannten Unitarier auf der Schaukel hoch. Dagegen erheben sich die Urkantone, die auch sonst überall die Mißvergnügten an der neumodischen Franzosenwirtschaft finden, und während für Europa endlich ein Friedensjahr gekommen ist, fangen die Schweizer unter sich Kriegshändel an. Obwohl sie es selber um der altmodischen Bewaffnung willen den Stecklikrieg nennen, muß die helvetische Regierung vor den Aufständischen aus Bern nach Lausanne flüchten, und gerade soll der Tanz im Waadtland losgehen, als zwischen den feindlichen Scharen der General Rapp sechsspännig vorfährt, den Einspruch Bonapartes zu bringen, dem ein nachrückendes Heer von vierzigtausend Franzosen ein unwiderstehliches Gewicht gibt: die einzelnen Kantone sollen ihm, statt diesen Bruderkrieg zu führen, Abgeordnete nach Paris schicken, um dort unter seiner Aufsicht eine neue Verfassung zu beraten. Es bleibt den hitzigen Schweizern nichts übrig, als ihr Waffenzeug heimzutragen und die Tagsatzung statt in Schwyz in Paris vorzubereiten, weil sie — wie ein Witzbold sagt — ihrem vielbeschäftigten Ehrenpräsidenten Bonaparte jetzt keine Schweizerreise zumuten dürften!
Heinrich Pestalozzi hat diese Händel als einen Streit von Bauleuten angesehen, die sich über den Plan ihres neuen Hauses nicht einigen können und dem alten nachjammern, obwohl sie es selber eingerissen haben; er ist zu der bitteren Einsicht gekommen, daß es bei solchen Parteikämpfen mehr um die Macht, zu regieren, als um das Volkswohl geht. Bevor noch das sechsspännige Fuhrwerk des Generals Rapp in die Schweiz eingefahren ist, hat er in einer Flugschrift die vier Eckpfeiler aufgestellt, mit denen das Haus einer helvetischen Verfassung besser als mit Flinten und Kanonen unter Dach zu bringen wäre: wirkliche Volksbildung, unbestechliches Gericht, allgemeine Militärpflicht und gerechte Finanzen. Der Grundstein aber müsse unter dem Pfeiler der Volksbildung eingesetzt werden; weil an die anderen Pfeiler ohne diesen ersten nicht zu denken wäre, sei er dem heutigen Geschlecht das einzig Erreichbare. Er hat die Schrift in wenigen Tagen hingeschrieben; sie stellt ihn auf den schmalen Grat, wo der Haß von beiden Seiten aufbrandet, aber als die Wahlen für die Tagung in Paris vorüber sind, ergibt sich, daß er an zwei Stellen, von den Bauern des Emmentals wie von dem Landvolk in Zürich, als Abgeordneter gewählt ist.
Ich werde nicht sechsspännig fahren, scherzt er, mein Wagen geht auf zwei Beinen! Obwohl er dann um der unruhigen Zeiten und der Mühsale willen — auch geht es in den Winter — die Reise doch im Wagen machen muß, fährt er fröhlich und mit besonderen Hoffnungen für seine Sache ab. Seitdem er seine Anstalt in Burgdorf hält, haben drei französische Gesandte in Bern gewechselt, doch jedem sind seine Dinge mehr als einen flüchtigen Besuch wert gewesen; auch weilt Stapfer in Paris, der ihm die rechten Türklopfer in der Stadt zeigen kann, darin die Zukunft Europas zurechtgehämmert wird. Und seine Anstalt läßt er gut besorgt zurück, weil Anna sich tapfer entschließt, während seiner Abwesenheit das Hausregiment zu führen. Es ist seine zweite Reise und in der Strecke fast der Fahrt nach Leipzig gleich, die er vor zehn Jahren machte; auch werden die Tage wieder in die selbe Kette von Zollhäusern, Posthaltereien und Gasthöfen eingespannt, nur daß die Uniformen französisch sind. Doch als er am zwölften Nachmittag die Unermeßlichkeit der Stadt um den blinkenden Lauf der Seine daliegen sieht, ist es ein anderes Wesen als das Landstädtchen an der Elster. So hat sich auch sonst alles um mich geweitet, denkt er: damals kam ich um eine Familienerbschaft, heute schickt mich mein Volk für seine Zukunft; in Leipzig lief ich als Unbekannter die Türen kleinstädtischer Behörden ab, hier werde ich als Ehrenbürger der Franzosen vor ihren Konsul treten!
Aber er bekommt den Machthaber nur einmal zu sehen, als Bonaparte unvermutet in ihren Saal tritt, anscheinend zufällig, als ob er nur den Durchgang benützte, aber eindrucksvoll mit seinem goldflirrenden Gefolge. Das letzte Wort der unterbrochenen Rede findet noch Zeit, in das Stuckwerk der Decke zu flattern, dann ist die starre Ruhe der Augen da, die alle auf den kleinen Mann blicken, der, im Alter der jüngste unter ihnen, Europa mit dem Ruhm seines Namens erfüllt hat. Er läßt sich kurz rapportieren, wobei er mehr durch die Augen als die Ohren zu hören scheint, schneidet mit der Handbewegung eines ungeduldigen Knaben die Rede ab und wendet sich mitten durch die Reihen, sie gleichsam überrumpelnd, einigen Köpfen zu, die ihm ins Auge fallen. Auch Heinrich Pestalozzi fährt unvermutet eine Frage ins Gesicht; er ist geistesgegenwärtig genug, eine Antwort zu finden, die den Machthaber festhält, sodaß der sich schon halb im Weitergehen noch einmal zu ihm wendet. Heinrich Pestalozzi merkt sofort, daß er mehr als ein Name für ihn ist, er umklammert ihn gleichsam mit Worten und sieht mit einer glücklichen Hoffnung, daß in dem kalt forschenden Blick etwas von ihm selber zu leben beginnt. Kein Zweifel, daß er den Konsul der Franzosen mehr als einer der Männer vor ihm interessiert; während die andern im Kreis zurückgetreten sind, weiß er auf die Zwischenfragen des blassen und verarbeiteten Gesichtes ebenso rasch zu antworten: Jetzt oder nie, denkt er, ist meine Stunde da! Auch noch, wie er in hastig abgerissenen Sätzen von der Volksbildung spricht — daß sie das Fundament jeder wirklichen Verfassung und ohne sie alles nur der Schein einer Gesetzgebung sei — hört der Konsul noch sichtbar nachdenklich zu, als ob er versuche, den Gedanken bei sich einzustellen. Irgendwie scheint ihm das nicht zu geraten; er klopft ein paarmal unwillig mit der Fußspitze, und während Heinrich Pestalozzi noch von Worten der Zukunft überströmt, ist er für den Mann der Gegenwart nur noch ein unangenehmer Greis, der ihm mit seinen haspelnden Armen an die Brust will: Ich kann mich nicht in euer Abc mischen, sagt er spöttisch und verläßt unverzüglich den Saal, als ob er versehentlich in eine Schule geraten wäre.
Heinrich Pestalozzi bleibt in dem Kreis der schadenfrohen und bestürzten Gesichter, die wieder an ihre Plätze gerufen werden, und braucht lange, bis er seinen Stuhl findet; aber während die Verhandlung weiterstolpern will, kommt ihm alles wie eine leer laufende Mühle vor. Noch immer ist er mit dem blassen Mann allein in dem Saal: Wir beiden, denkt er — und tritt über Scham wie Hochmut hinweg in den Bereich des Menschengeistes, wo die Persönlichkeit aufgibt, sich selber zu gehören — wir beiden sind verschieden an dem Gefährt der Menschheit beteiligt: er will sein Lenker sein, und ich möchte haltbare Räder machen; er aber kanns nicht abwarten, weil er nur seine Stunde hat, drum knallt mir seine Peitsche um die Ohren.
Herab mit dem Schild, wenn die Sache weg muß! sagt er zu seiner eigenen Erstaunung laut in die Verhandlung hinein und geht durch die Hinterpforte hinaus, wie der andere durch die Flügeltüren gegangen ist.
84.
Heinrich Pestalozzi merkt bald, daß der Pariser Wind der helvetischen Republik ungünstig weht. Die Franzosen haben genug Menschenrechte proklamiert, und Bonaparte hält wieder Hof in den Tuilerien; er braucht Glanz und Aufwand um sich, und die Aristokraten von Bern passen besser in seine Pläne als die hartnäckigen Unitarier. Bevor die Verhandlungen beginnen, ist die Schweiz durch sein Dekret schon wieder in neunzehn Kantone eingeteilt; was den Abgeordneten noch zu tun bleibt, sind nur die einzelnen Kantone, und es ist vorgesorgt, daß die Herren von Herkunft und Vermögen darin das Heft in Händen behalten. Heinrich Pestalozzi versucht es noch einmal mit einer schriftlichen Darlegung seiner Ansichten, aber er weiß nun schon, daß er Wasser in den Bach trägt. Selbst sein Ehrenbürgertum scheint bei den Franzosen des Konsulats schäbig geworden zu sein; er braucht nur zu sehen, wie die geputzten Herren und Damen seine Erscheinung belächeln, um sich aller Illusionen zu schämen: Sie müssen mich für ein großes Wundertier gehalten haben, wie ihren Cagliostro, spottet sein Grimm, nun bin ich bloß ein Mensch! Und wie es ihm mit seiner Kleidung und der Art, ihre Sprache zu sprechen, geht, so bleibt auch seine Methode mit all dem Umstand ihrer tiefen Begründung den Parisern eine belächelte Geheimniskrämerei; es brauchte nicht das unaufhörliche Geknatter ihrer Sprache in seinen Ohren zu sein, und die Nötigung, seine Herzensdinge dahinein zu sperren, um ihm seine Wesensfremdheit unter den Welschen bald unerträglich zu machen.
So hält er es für zwecklos, das Ende der Händel abzuwarten; als Ende Januar die Hauptverhandlung ist, fährt er durch ein mildes Frostwetter, das die Wege trocken gemacht hat, im Sundgau schon auf Basel zu, und fünf Tage später holt ihn Anna am Stadthaus in Burgdorf aus der Post. Da hast du deinen Odysseus wieder! versucht er zu scherzen, um seiner Tränen Herr zu werden. Sie schafft ihm seinen Ranzen nach, den er vor Rührung vergessen hätte, und er meint das Lächeln um ihre schmerzensreichen Lippen zu sehen, als er ihre Stimme auf seinen Scherz eingehen hört: So bin ich mit fünfundsechzig Jahren gar deine Penelope? In Wahrheit, Pestalozzi, es war mir schwer, die Freier zu füttern; nun magst du wieder deinen Bogen spannen!
Er findet aber alles aufs beste besorgt, und daß sie als Hausmutter in der Anstalt waltete, hat einen Segen hinein gegeben, der bisher fehlte; von den Kindern wie von den Gehilfen ehrfürchtig begrüßt, bringt sie eine ruhige Gangart in das Tagwerk. Der Bienenschwarm hat seine Königin erhalten! sagt Krüsi in seiner biederen Art, als Heinrich Pestalozzi sich verwundert, um wie weniger lärmend es bei den Mahlzeiten zugeht, nur weil sie still an ihrem Platz sitzt. Auch sonst hat sie der Anstalt wohlgetan: Briefe und Bücher sind in eine schöne Ordnung gebracht, und wenn er nun aus dem Trubel in seine Stube tritt, wohnt die Häuslichkeit darin. Daß es so bleiben könnte, denkt er jeden Tag; denn seitdem sie damals aus Hallwyl nicht wiederkam, ist seine Seite leer geblieben; und ob es bitter oder fröhlich mit seinen Plänen ging, daß ihre Abwesenheit ihm alles entkrönte, war immer die leise Trauer darin. Auch diesmal ist sie nur gekommen, an seiner Stelle das Hauswesen zu leiten, und mit heimlicher Sorge wacht er über ihre Schritte, ob sie nicht wieder zur Abreise rüsten werde. Doch läßt sie Wochen gleichmütig verstreichen, und er hofft schon, daß sie dauernd bliebe, als ihr mit den ersten Frühlingsblumen das Heimweh in die Säfte steigt. Sie ist im Winter schwer krank gewesen, nun kommt die Schwäche wieder über sie mit Todesahnungen: Ich möchte unsern See noch einmal sehen, klagt sie; aber als sie dann endlich nach Zürich zu ihren Brüdern reisen will, hat sie wohl seine erschrockenen Augen gesehen; denn andern Tags möchte sie wieder bleiben. Doch sieht er, daß die Unruhe in ihr nicht mehr rastet; ihr Ehrenplatz im Saal bleibt immer häufiger leer, da sie die Mahlzeiten allein nimmt: der Taubenschlag ist ihr zu laut, aber in ihrer Stube plagt sie die Einsamkeit.
So steht sein Barometer mit ihr schon wieder auf veränderlich, als eines Tages ein Jüngling das Quecksilber rasch auf schön Wetter steigen läßt. Heinrich Pestalozzi bringt ihn aus Bern mit, aber er hat ihn nicht dort erst gefunden: Ich mußte nach Paris reisen, um meinen Jünger Johannes zu finden, scherzt er oft, so froh ist er selber, daß ihm der Thurgauer von Muralt dort in die Hände kam. Es fehlt ihm nicht mehr an Gehilfen, seitdem die dänische Regierung zwei junge Lehrer aus Kopenhagen sandte und die gebildete Welt Deutschlands von Burgdorf als einem Wallfahrtsort der Erziehung spricht; auch sind junge Leute von Geist darunter, aber alles Schwarmseelen und wie ihr Meister mehr auf stürmische Absichten als auf Sorgfalt gestellt, allmählich Burgdorf mit ihrer buntgewürfelten Absonderlichkeit erfüllend. Johannes von Muralt bringt nicht nur den Klang eines in der ganzen Schweiz bekannten Namens, sondern auch die Vorzüge einer guten Erziehung und gründlichen Bildung mit; als er zum erstenmal mit zu Tisch sitzt, sorgfältig gekleidet und frei von der hastigen Schüchternheit, die mit Empfindlichkeit gepaart das Erbteil einer durchgekämpften Jugend ist, schweigt Heinrich Pestalozzi und Anna spricht. Es sind freilich diesmal nicht die gewohnten Schuldinge; Johannes von Muralt ist durch drei Semester in Halle der Lieblingsschüler des Philosophen Friedrich August Wolf gewesen und hat in Paris mit dem Dichter Schlegel und seiner Gattin Dorothea freundschaftlich verkehrt: der Geist schöner Bildung lebt in seinen Gesprächen auf, der für Anna Schultheß seit der Erscheinung Klopstocks in ihrer Jugend die heimliche Liebe geblieben ist.
So schließt sie den Jüngling mit einem Eifer ins Herz, der Heinrich Pestalozzi fast eifersüchtig macht, bis der Schalk in ihm den Vorteil erkennt. So schmerzlich er den Zwiespalt zum Vorschein kommen sieht, der seit Anfang zwischen seinen Absichten und ihren Neigungen bestand und schließlich zur Trennung ihrer äußeren Lebenswege führte — obwohl sie durch alle Schicksalsschläge treu zu ihm stand — das Leben hat ihn nicht so verwöhnt, daß er sich die Äpfel wie andere frank und frei von den Bäumen pflücken kann. Fast listig läßt er sie gewähren, da sie nun den See und ihre Abreise zu vergessen scheint: Wir Alten wollen die Kinder unseres Geistes haben, überlegt er, und da es uns beiden mit einem Sohn mißraten mußte, weil die Natur aus diesem Zwiespalt nichts machen konnte, müssen wir Ersatz für unsere ungesättigte Elternschaft suchen. Ich will ihr gern diesen Sohn gönnen, wenn sie mir damit die Mutter meines Hauses bleibt!
85.
Heinrich Pestalozzi lächelt fast hinterhaltig, als er Anna nicht lange danach den Johannes Niederer anbringt, der sein Pfarramt in Sennwald aufgegeben hat, um — wie er sagt — mit bei der Wiege der Menschenbildung zu sein: Nun habe auch ich wieder einen Sohn, und es ist seltsam, daß sie beide Johannes heißen, denkt er, als er neben dem schwarzen Muralt den roten Schopf Niederers sieht. Der hat auf seinem Dorf keine Zeit gehabt, sich an der Welt zu schleifen: mit neunzehn Jahren voreilig in den Pfarrdienst gekommen, hat er seit fünf Jahren in der Feldschlacht menschenfreundlicher Bemühungen gestanden und um Gottes willen seine wohlhabende Gemeinde im Appenzell mit dem armseligen Rheindorf Sennwald vertauscht; da haben andere Dinge als Bildungsformen gegolten, so sitzt er wie ein Glaubensstreiter aus dem Heerhaufen Zwinglis da. Heinrich Pestalozzi sieht, wie Anna fast erschrickt vor ihm, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Jüngling wie Muralt, aber in Mannesgeschäften kantig geworden ist; Jakob und Esau, vergleicht er, in diesem fließt das stillere Blut von Anna, aber in jenem arbeitet mein Ungestüm!
Als im selben Juli auch noch Tobler — mit einer eigenen Erziehungsanstalt am hochmütigen Widerstand der Basler gescheitert — zu ihm zurückkommt, ist Heinrich Pestalozzi mit diesen dreien, mit Krüsi, Buß und dem Zustrom von Gehilfen aus aller Welt, die nur kurz bei ihm lernen wollen, auch für die Burgdorfer kein Steckenpferdritter mehr, der morgens aus dem Schloß zu ihnen herunter reitet: Der Weg geht zu steil, sonst würde es von Wagen nicht leer werden im Schloßhof, die täglich neue Fremde nach Burgdorf bringen, das aus einem bäuerlichen Städtchen durch ihn ein Hauptort der Schweiz geworden scheint. Schon was die Zöglinge — längst über hundert — an Besuch von Eltern und Verwandten nachziehen, würde für die Gasthäuser und Fuhrleute etwas bedeuten, dazu die Pädagogen und Pfarrer aus aller Welt: das Schloß ist wirklich ein Taubenschlag geworden, und die Bürger bestaunen die fremden Vögel, die seiner Berühmtheit zufliegen.
Längst schon denkt Anna nicht mehr daran, daß sie nur für die Zeit seiner Pariser Reise nach Burgdorf gekommen ist; sie sieht endlich die Erntewagen in die Scheune fahren, die weder seine Landwirtschaft noch alle Bemühung seines hingehetzten Lebens jemals zu ernten vermochte. Daß kein Gold daraus in seine Taschen fließt, weiß sie wohl; trotzdem die meisten Zöglinge zahlen — wenn auch nicht alle den vollen Preis — sind es doch viele Mäuler, die täglich auf Nahrung warten, und wenn die Haushaltungskünste der geborenen Fröhlich, ihrer schaffnerischen Schwiegertochter, nicht wären, würden die Sorgen sich manchmal dichter auf ihrem Schreibtisch sammeln; aber daß der angeblich unbrauchbare und vor der Zeit entmündigte Mann nun vor sich selber und vor dem Spott der Tüchtigen im Glanz eines Ruhmes dasteht, der alles für sie Erreichbare in den Schatten enger Bürgerlichkeit stellt: das ist für sie wie eine Abendsonne, die in der letzten Stunde doch noch über einen trübseligen Regentag gesiegt hat.
So wird es ein bewegter Geburtstag für sie, als ihr die fünfundsechzig Jahre vollgezählt werden, und es ist unwirklich schön, daß er auf einen Sonntag fällt. Muralt und Niederer haben ihn als ein Sommerfest vorbereitet, das bei kühlsonnigem Augustwetter im Schloßhof gefeiert wird. Da sind Bänke und Tische aufgestellt, auch ist ein Boden aufgeschlagen, einen Tanz oder ein Spiel zu machen, und solange die Sonne in den Hof geschienen hat, mag sie nicht ein so buntes Getümmel darin gesehen haben wie an diesem Tag. Das Gemäuer rundum ist mit Laubgewinden und Schweizerfahnen aller Kantone geschmückt, und eine Musikkapelle — von den Zöglingen unter Bußens Leitung gestellt — sorgt, daß die Schweizerlieder auch Begleitung haben.
Als dann die Röte sich aus dem Licht der Sonne ablöst und umso wärmer zu leuchten scheint, jemehr die Wärme versiegt, treten ihrer viele an die Mauer, nach den Bergen zu schauen, die langsam von der Glut voll zu laufen scheinen. Auch Heinrich Pestalozzi ist mit Muralt vorgegangen, und Mutter Pestalozzi, wie sie an diesem Tag mehr als hundertmal begrüßt worden ist, wird von Niederer in einem galanten Anfall am Arm herzu geleitet. Wie sie dastehen, mag über Tobler, der seit seinem Mißerfolg in Basel leicht wehmütig wird, der Schatten einer Eifersucht fallen, daß er nun sichtlich an die dritte Stelle geraten ist; als ob er den Meister in die gemeinsame Frühzeit zurück führen müsse, erinnert er ihn an den Abend, wo sie zu vieren hier standen und er sein Beispiel vom Haus des Unrechts sagte. Daß die andern davon nichts wissen, tut ihm sichtlich wohl, und als sie darum drängen, versucht er es mit eigenen Worten zu sagen, wie der Anteil an den Lebensgütern in drei Stockwerke geteilt wäre, darin die Wenigen, wenn sie wollten, Gottes Herrlichkeit aus allen Fenstern sähen, die Mehreren nur den Glanz an den Hofwänden, während die Vielen im Keller nicht einmal den trüben Schein in ihren Löchern zu deuten vermöchten.
Heinrich Pestalozzi, der die Schwermut im Grund seiner Heiterkeit schon den ganzen Tag gefühlt hat, spürt den Schrecken bei der ersten Frage ans Herz klopfen; während der ahnungslose Erzähler vor den andern seine Erinnerung ausbreitet, quillt das schwarze Wasser der Trübnis in ihm auf, so überkommt ihn der Zwiespalt zwischen dem lauten Freudentag und der verschütteten Heimlichkeit seiner Absichten. Er wagt nicht, Annas Blick zu suchen, so wehmenschlich ist ihm zumut, legt Muralts Hand von seinem Arm weg auf den Mauerrand, und ehe die andern wissen, was ihn ankommt, läuft er durch ihre Reihen hinaus und über den unteren Hof vors Tor. Da breitet sich die abendliche Landschaft in ihrer Sommerfülle aus, und die Dächer der Bürgerhäuser stehen behäbig darin, sodaß ihm der Schritt auch hier gehemmt wird: Warum hab ich es nicht im Birrfeld vermocht? Ein Armenkinderhaus habe ich gewollt und die Pensionsanstalt sollte mir nur die Mittel dazu geben: nun sind die Mittel längst selber Zweck. Ich sitze als Glücksvogel hier auf dem Schloß und spreize das Rad meiner Federn; im Birrfeld, oder wo sonst die Not der Zeit ist, geht alles wie vor dreißig Jahren, nur diesem Bürgerort hab ich neues Fett gemästet!
Er weiß nicht, daß er weint, aber als sich das Gesicht Annas zu ihm beugt, die ihm allein nachgegangen ist, vermag er ihre Augen vor Tränen nicht zu erkennen; auch quillt der Zorn noch so in ihm, daß er fast nach ihr schlägt. Du hast gesiegt! schreit er und schlägt den Kopf in beide Fäuste: der Armennarr ist tot! Ich hab verloren. Sie streichelt und tröstet ihn nicht, wie er fürchtet, sie setzt sich still gegenüber, wo ihr der andere Torstein einen Platz anbietet, und wartet ab, bis aus der Mure seiner Verzweiflung die gröbsten Blöcke ins Tal gefahren sind und endlich der zähe Schlamm seiner Verbitterung zum Stehen kommt. Sie hat ihn klug verstanden, daß es zwei Welten wären: ihre Stille, den Wohlstand herzugeben, und seine Unrast, ihn zu vertun; auch hat sie das böse Wort nicht überhört, warum Kampf sein müsse zwischen ihm und ihr, zwischen Mann und Frau durchs Leben? Aber als es dann still wird, weil nichts mehr fließt, und nur ein Wind vom Tal sie beide mild bestreicht, die in der sinkenden Dunkelheit am Tor dasitzen, als ob sie all das junge Leben dahinter bewachen müßten gegen die unheimlichen Gestalten der Nacht, fängt ihre Stimme an zu sprechen, daß nach dem Getöse seines Bergsturzes nun wieder ein Bach hörbar wird: Pestalozzi, sagt sie und wägt die Worte: ich dachte, daß wir vor Gott gleich wären, arm und reich! Warum willst du das Unrecht nach unten in der Menschenordnung mit Unrecht nach oben vergelten? Oder sollten Kinderseelen schon darum unwert sein, weil die Eltern Geld im Beutel haben? Was nötig ist, sind nicht die Waisenhäuser im Birrfeld oder hier, sondern daß du dein Vorbild und deine Lehre hinterläßt. Am Ende kommt es darauf an, was wir gewesen sind, hat dir der Menalk gesagt, als wir jung waren und er schon sterben mußte. Nun, wo wir vierzig Jahre älter geworden sind und alt an dem Tor dasitzen, will ich das Wort noch einmal sagen; doch hat es sich verändert: Am Ende, Pestalozzi, fragt Gott nicht, was wir gewesen sind, er rechnet, was aus uns werden möchte!
86.
Heinrich Pestalozzi hat seine Unternehmung im Namen der helvetischen Republik begonnen; seit der Tagsatzung in Paris gibt es aber nur noch einen Schweizer Bund mit neunzehn selbstherrlichen Kantonen: sein Landesherr ist nun die bernische Regierung, ihr gehört das Schloß Burgdorf, und er muß zuwarten, ob sie ihn darin wohnen läßt. Im vierspännigen Wagen, wie ein Landesfürst, kommt eines Tages der Regierungspräsident von Wattenwyl an, seine Anstalt zu besichtigen; obwohl es schwierig und steil geht, muß ihn der Kutscher bis in den Schloßhof fahren, und als ihn Heinrich Pestalozzi dann begrüßen darf, ist es kaum anders, als wenn ein Schloßherr sich von seinem Kastellan Aufwartung machen läßt. Er schnurrt durch alles hindurch mit einem deutlichen Mißbehagen an dem landfremden Zürcher, der sich hier eingenistet hat und der Regierung mit seiner Berühmtheit und dem intoleranten Heer der deutschen Geister lästig wird, dem sogar französische Gelehrte, Generale und Minister beistehen, sodaß selbst eine allmächtige Kantonsgewalt zuwarten muß. In einigen Stunden hat er nach der Art solcher Regierungsherren das Ergebnis einer Arbeit besichtigt, die Heinrich Pestalozzi ein Lebensalter mühsamer Kämpfe gekostet hat, und ist im Dampf seiner eigenen Bedeutung wieder abgefahren.
Seine Haltung in den Verfassungshändeln hat ihn den Aristokraten, die nun wieder auf ihren alten Plätzen sitzen, mißliebig gemacht, und den Kirchlichen ist er immer mit seiner Religion ein Aufwiegler geblieben: nun, wo er sichtbar zu Paris in Ungnade und nicht mehr durch ein helvetisches Direktorium geschützt ist, fängt die Hetze an, und noch in dem Sommer muß sich Heinrich Pestalozzi durch eine Eingabe an den Kirchenrat wehren, als fehle es in seiner Anstalt — wie die Anklage lautet — an einem richtigen Religionsunterricht. Er überläßt die Verteidigung Niederer, dem Religionslehrer und ehemaligen Pfarrer, und zum erstenmal erhebt dieser Herold seine dröhnende Stimme für den Meister.
Unterdessen ist aus dem Lehrerseminar wie aus der Waisenanstalt nichts geworden, und die Zuwendungen der Regierung sind ihm gestrichen; das einzige, was er von ihr noch hat, ist das Gebäude, und auch darin wird es unsicher: Mit der neuen Ordnung ist ein Oberamtmann nach Burgdorf gekommen, der zu seinem Ärger in einem Privathaus wohnen muß, während oben im Schloß sich das fahrende Volk der Abc-Schützen breit macht. Er fängt an, bei der Regierung in Bern um eine Änderung dieses krankenden Zustandes zu mahnen, und weist alle anderen Vorschläge als unpassend zurück; als es gegen Weihnachten geht, kann Heinrich Pestalozzi nicht mehr zweifeln, daß ihm zum Frühjahr die Räumlichkeiten gekündigt werden: »Es war das Haus der Herren und soll wieder das Haus der Herren werden,« schreibt er an einen Freund, »ich hoffe, mein Ei sei bald ausgebrütet, und dann achtet es auch der schlechteste Vogel nicht mehr, wenn ihm die Buben sein Nest vom Baum herabwerfen.«
Doch kann die bernische Regierung angesichts der Schwärmerei, mit welcher die gelehrte Armee Deutschlands die Vorteile dieser Anstalt ausposaunt — wie der Herr von Wattenwyl in einem Gutachten schreibt — die Gefahr nicht herausfordern, mit diesem intoleranten Heer öffentlich in eine Fehde zu geraten: so bietet man ihm das leere Kloster Münchenbuchsee an, und im Januar fährt Heinrich Pestalozzi mit einer Abordnung hin, es zu besichtigen. Er findet ein niedriges Gebäude, das eine Zeitlang als Spital krätzischer und venerischer Soldaten gedient hat, seitdem verwahrlost in einer melancholischen Ebene dasteht und weder die grünen Hügel Burgdorfs noch sonst etwas von seinem malerischen Reichtum um sich sieht. Am liebsten möchte er, all dieser Dinge müde, seinen Stecken nehmen und in den Aargau zurückwandern; aber es ist unmöglich, jetzt aus dem Kreis der Zöglinge und Gehilfen fortzugehen; in den Möbeln, Betten und Lehrgegenständen stecken ihm schon wieder zwanzigtausend Schweizerfranken, die er nicht lassen kann, auch brennt der Abend an dem Tor immer noch in seiner Seele. Um Anna zu halten, nimmt er das Obdach an, das ihm schäbiger Weise zunächst bloß für ein Jahr instandgesetzt werden soll. Nur nicht wieder als ein Unbrauchbarer vor ihr dastehen, denkt er, als er die vorläufige Abmachung unterzeichnet, und ahnt nicht, daß diese Kränkung schon auf ihn wartet.
So zieht dieses Frühjahr hin — es ist das fünfte seiner Burgdorfer Zeit — wie wenn das Jahr mit ihm erschrocken seinen Lauf einstellen wolle; denn ob das Emmental den Blumenteppich seiner Wiesengründe ausbreitet, und ob die Wälder täglich grüner werden: im Schloß fängt heimlich das Aufräumen an, die Möbel warten, daß sie von kräftigen Händen hinausgetragen werden — sie sind sich selber ihre Särge, sagt Heinrich Pestalozzi — und wie auch ein Änderungsgedanke auftaucht, gleich tritt ihm das Bedenken in den Weg, daß mit den Ferien der Auszug beginnen soll. Als der Tag da ist, werden die meisten Zöglinge in Trupps mit je einem Lehrer auf die Reise geschickt, meist ins sonnige Waadtland hinüber, und nur Freiwillige bleiben, den Umzug mitzumachen. Auch Anna geht nun auf ihre Reise an den Zürcher See: Ich bin das erste Möbel, das ihr fortschafft, scherzt sie, als er mit ihr in der Morgenfrühe zur Post hinuntergeht; denn sie selber hat tapfer dableiben und helfen wollen. Er hört ihre Worte garnicht, weil seine Gedanken in Sorgen sind, daß sie nicht wiederkommen möchte: Ich war ein halbes Jahr lang im Traum, sagt er, und stellt ihre Reisetasche hin, dem Gottlieb einen Klatschmohn abzunehmen, den der für die Großmutter anbringt: Jetzt habt ihr mich wach gemacht, und du gehst fort! Er will ihr die Blume geben, aber der fallen die roten Blätter ab, daß nur die grüne Fruchtkapsel mit dem Deckel bleibt. Das kann die Großmutter nicht mehr brauchen! klagt er zu dem Kleinen und will das Ding wegwerfen; sie aber nimmt ihm die Kapsel rasch aus der Hand und lächelt ihn fast listig an mit einem Schulmädchengesicht: Bis ich nach Münchenbuchsee komme, ist der Same reif, dann streuen der Gottlieb und ich ihn aus, damit wir doch ein Andenken vom Schloßberg haben!
87.
Am selben Tag, da Heinrich Pestalozzi von diesem Abschied fröhlich wird und den ernsthaften Niederer durch die Mitteilung in Verwirrung bringt, daß er in Münchenbuchsee wieder Landwirtschaft treiben und lauter Felder mit Klatschmohn anbauen wolle, erscheinen mittags zwei ländliche Männer im Schloß, die garnicht aussehen, wie die sonstigen Wallfahrer. Sie kommen aus Peterlingen im Waadtland und bringen einen Antrag der Stadt, mit seiner Anstalt dorthin zu kommen; sie wollen ihm ihr Schloß mit allen Gärten lebenslänglich zur Verfügung halten, ihm das Ehrenbürgerrecht mit einer Pension geben und jährlich ein bestimmtes Maß von Korn, Weizen, Wein und Holz. So bin ich immer noch im Traum, sagt er, und reicht den Männern gern die Hand; auch müssen sie zum Mittag bleiben, und es wird fast ein Fest, das er mit Niederer und Krüsi — den einzigen Gehilfen, die noch bei ihm sind, weil der Auszug schon begonnen hat — und den Bürgern von Peterlingen feiert. Wir werden einen Orden der neuen Menschlichkeit gründen und all die verlassenen Schlösser der Gewaltherren in der Schweiz mit neuem Leben bevölkern, schwärmt Niederer, der gern bei einem Glas ins Weite schweift. Aber Heinrich Pestalozzi, der die enttäuschten Gesichter der Männer sieht, lenkt schalkhaft ein: Zuerst müssen wir einmal nach Münchenbuchsee auswandern und sehen, ob es von da einen Fahrweg für unsere Möbelwagen nach Peterlingen gibt!
Der Abschied hat danach seinen Stachel verloren; als andern Tages noch ein Herr von Türck aus Mecklenburg anreist, ein Päckchen neuer Liebe zu bringen, machen sie mit dem und den Burgdorfer Freunden, die wehmütig dabei sind, einen schwärmerischen Gang nach Kirchberg hinüber, bevor sie die letzte Nacht in Burgdorf schlafen — nun schon nicht mehr im leergeräumten Schloß, sondern beim Stadthauswirt — und andern Morgens mit der ersten Sonne nach Münchenbuchsee wandern, wo die Zöglinge mit Tobler sehnsüchtig ihren Vater erwarten.
Es sind drei Stunden Wegs, und sie müssen an Hofwyl vorbei, wo Fellenberg, der Sohn des Ratsherrn, seit fünf Jahren eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft als Grundlage seiner Erziehungsanstalt für alle Stände eingerichtet hat. Wir suchen die Goldkörner der Methode im Land, und er prägt die Goldstücke daraus, sagt Niederer sarkastisch, als sie in einiger Entfernung an der sauberen Erscheinung seiner Gebäude vorüberwandern und überall in den Feldern und Gärten die Zeichen der wohlhabenden Ordnung sehen. Aber Heinrich Pestalozzi verweist ihm den Spott; er weiß zwar, daß Fellenberg gleich mit einer Viertelmillion Franken das Gelände ankaufen und aus dem Vollen wirtschaften konnte — wo er sich notdürftig durchhalf und gerade noch in diesem Augenblick erstaunt ist, daß er mit Ehren aus den Burgdorfer Schulden kam — aber er weiß auch, daß der Sohn seines alten Freundes, des Ratsherrn in Verehrung zu ihm groß geworden ist, und daß diese Anstalten nur eine Frucht aus Lienhard und Gertrud sind: »Er deckt wenigstens das Elend nicht mit dem Mist der Gnade zu, wie es die andern machen!«
Als sie dann aber gegen Münchenbuchsee kommen und die wenigen Zöglinge, die nicht in Ferien sind, unter Toblers Leitung mit einem Schweizerlied anmarschieren, hält seitwärts ein Reiter, als ob die kleine Truppe ein Vorposten seines Regiments wäre; es ist Fellenberg, der nach der jubelnden Begrüßung respektvoll herzu reitet: auch er habe den Nachbarn nicht unbegrüßt einziehen lassen wollen! Er bleibt nicht auf seinem stolzen Gaul sitzen, als er das sagt; aber gerade, wie er vom Pferd springt und seine hohe Gestalt beugt, ihn zu umarmen, wird der Unterschied zwischen dem gepflegten Aristokraten und dem ärmlichen Greis so deutlich, daß Niederer für seinen Meister gekränkt beiseite geht. Auch Heinrich Pestalozzi ist durch die Umstände dieser Begrüßung verstimmt: Wir sind zu nahe an den Schloßherrn von Hofwyl geraten, sagt er nachher zu Tobler, nun reitet er schon auf seinem Vorwerk herum!
Er bemerkt nicht, daß Tobler betreten schweigt, so sehr bewegt ihn die Sorgfalt, mit der die geborene Fröhlich schon Ordnung in die neue Wirtschaft gebracht hat: Du bist die Schwalbenmutter, scherzt er zu ihr, wir sperren die hungrigen Schnäbel auf, und du hast immer etwas hineinzutun. Tobler schweigt zum zweitenmal; er weiß, daß ihre Haushaltungskünste allein es nicht vermocht hätten, der Anstalt einen so guten Abgang aus Burgdorf zu sichern, und daß die Sorge vor den Gläubigern manche Woche auf Pestalozzi gelegen hat, bevor sich alles unerwartet löste; er weiß auch, wie diese Lösung zustande kam, und er ist mit Muralt, seinem Mitverschworenen, fest entschlossen, den Meister endlich aus allen wirtschaftlichen Sorgen zu befreien. Noch muß er die Rückkehr des andern abwarten, aber als die kurzen Ferien vorüber sind und von allen Seiten die Vögel wieder zufliegen, der melancholischen Gegend zum Trotz in Münchenbuchsee ihr Geschwärm wieder zu beginnen, gehen die beiden entschlossen ans Werk: Wenn die Anstalt in Burgdorf zuletzt nur noch mit Mühe zu halten war, steht sie hier, wo sie sich ohne Zuschüsse der Regierung ganz aus sich selber erhalten muß, nur an der Schwelle neuer Schwierigkeiten. Sie haben die Ordnung in Hofwyl gesehen, und da sie die Verehrung Fellenbergs für den Verfasser von Lienhard und Gertrud kennen, ist es ihr Plan, die wirtschaftliche Leitung der Anstalt in die festen Hände dieses Mannes zu legen, um Heinrich Pestalozzi für seine wertvolleren Dinge unabhängig zu machen. Nichts als treue Liebe führt sie auf diesen Weg, an dem die Sorge, ihn nicht zu verletzen, die Meilensteine setzt.
Mit vorsichtigen Andeutungen und Besuchen in Hofwyl, mit Besorgnissen über die ungewisse Zukunft, mit Mahnungen an sein Alter und was er der Methode noch schuldig sei, bringen sie ihn endlich zu einer Zusammenkunft mit Fellenberg. Sie findet, damit der Boden neutral sei, unter einer Linde statt, die ziemlich in der Mitte zwischen Hofwyl und Buchsee mit einer alten Steinbank steht. Fellenberg kommt diesmal nicht geritten, doch trägt er die Reitgerte in der Hand, und zwei Hunde kläffen ihm vorauf. Heinrich Pestalozzi hat um so weniger eigensinnig scheinen wollen, als Muralt und Tobler die Vertrauten Annas unter den Gehilfen sind; er sieht dem Mann mit der Reitgerte und den Hunden nicht einmal mißmutig entgegen, da er sich seiner Sache sicherer fühlt, als seine Harmlosigkeit merken läßt. Aber wie sie dann anfangen zu sprechen, sind es drei gegen ihn, und jedes Wort wird so sorgsam auf die Goldwage seiner Empfindlichkeit gelegt, daß er unmöglich hart und abweisend gegen soviel treue Vorsorglichkeit werden kann: Es ist ein Dachsfang, wo ich alter Kerl in die Sonne gelockt werden soll, denkt er und läßt sie sprechen, bis dem blassen Tobler die Schweißperlen auf der Stirn stehen und Muralt verzweifelt die Hände reibt. Nur der selbstsichere Fellenberg verliert die Zuversicht nicht und entfaltet ein Papier aus der Brusttasche: ob er ihm einmal den Entwurf einer Übereinkunft vorlesen dürfe? Heinrich Pestalozzi hat nie recht zuhören können, wenn einer etwas aus einer Schrift vorlas; er läßt die Worte fließen und fühlt fast, wie sie an seinem Rock heruntertropfen. Zum Schluß nimmt er die Handschrift, in keiner andern Absicht, als den dreien die Enttäuschung nicht zu fühlbar zu machen. Wie dann aber seine Augen, fast so taub wie vorher seine Ohren, über die Buchstaben laufen, tut es ihm unvermutet einen Stich zwischen die Rippen: Haben wir nicht heute den fünfzehnten Juli? fragt er und bringt den Zeigefinger nicht von dem Datum fort, das am Schluß steht. Beschlossen auf den ersten Juli 1804. Sie wollen ihm erklären, daß dies nur um des Semesters willen so zurückgeschrieben sei; aber seine Gedanken sind schon Milch auf dem Feuer: er reißt den Schriftsatz in zwei Fahnen und wirft sie den Hunden hin, die ihn sofort anbellen und ihm, als er die bestürzten Mienen und beruhigenden Worte abwehrend davon läuft, in die Hacken fahren, sodaß ihr Herr sie mit der Pfeife zurückholen muß.
Sie haben mich verhandelt wie eine Kuh! schreit ihm sein Grimm in die Ohren, während er seitwärts in das Wäldchen läuft, sich da einen Schlupfwinkel zu suchen; aber erst, als er sich gegen das Gewässer verlaufen hat, das seine Binsenfelder vor ihm auftut und — wo seine Fläche durchblinkt — den langen Tierrücken des Jura spiegelt, merkt er, daß ihm der Stich ein Gift beibrachte: warum Muralt und Tobler und nicht die andern? Weil Anna dahinter steht? Er sieht sie wieder abfahren mit der Mohnkapsel, davon ihm die roten Blätter abgefallen sind, er hört ihr Wort und sieht ihr Lächeln: Ich dachte, klagt er laut in den Sommertag, ich wäre endlich etwas vor ihr gewesen! Nun war ich doch im Traum und bin erwacht in meine Unbrauchbarkeit!
Weit in der Ferne tut es einen Schuß von einem verlorenen Donnerschlag, und über den Jura bläht sich ein Wölkchen grellweiß in den blauen Himmel. Daß es ein Gewitter würde und mich kalt machte, damit es endlich einmal ein Ende hätte mit diesem Strom von Irrtum und Unrecht, darin mein Leben geflossen ist! Es bleibt aber schön, und er geht stundenlang auf dem weichen Moosboden hin, bis die Frösche aus dem Röhricht quaken. Sie werdens auch schon wissen! zürnt er noch einmal, dann überläßt er sich willig der dämmrigen Traurigkeit, bis die leise Nacht kommt und ihn doch noch den Heimweg finden läßt: Bist du es, will er flüstern, als ihm ihre Gestalt zur Seite schreitet; sie nickt nur und sieht ihn kaum an; da merkt er, daß es die Jungfrau Anna Schultheß ist, die mit einem Strauß Frühlingsblumen an das Grab Menalks will. Sie haben mir das Tor zugemacht, weil ich zu spät gekommen bin! klagt er und staunt, wie weit sich der Weg über den Kirchhof zieht. Auch weiß er nicht, warum ein Licht auf dem Grab brennt. Bis Niederer ihm aus dem Schein entgegentritt und der Spuk verschwindet, weil er den Klostergiebel in Münchenbuchsee erkennt.
88.
Nach diesem Abend fühlt Heinrich Pestalozzi sein Dasein in Münchenbuchsee nur noch wie einen Krug, der an einem Sprung leer läuft; er widerstrebt den Freunden nicht mehr und unterzeichnet den Dienstvertrag, wie Niederer das Schriftstück nennt. Wenn Fellenberg angeritten kommt und mit Sporen durch den Hof klirrt, schließt er sich in sein Zimmer ein, das er auch sonst wenig verläßt. Er hat Wandergedanken, aber er findet kein Ziel, bis eine Mahnung aus Ifferten kommt. Dort hat ihm der Stadtrat schon vor den Männern von Peterlingen das Schloß des Herzogs von Zähringen angeboten; er ist auch einmal im Frühjahr dort gewesen und hat das viertürmige Gebäude angesehen, aber er fürchtet sich vor dem welschen Land. Nun, wo die Stadt ihm schreibt, daß sie das Schloß von der Regierung angekauft habe und seine Wünsche vernehmen möchte, wie es einzurichten sei, kommt die Aufforderung seiner Sehnsucht recht, ganz aus dem Bereich seiner Enttäuschung fortzugehen. Abschied vermag er keinen zu nehmen; die Seinen denken, es gelte nur eine Fahrt, als sein Wagen in der Frühe gegen Aarberg davonrollt. Er wäre lieber gewandert, aber die Kräfte haben ihn verlassen, als ob nun das Alter mit einem Male käme.
Die Stadtherren in dem verschlafenen Ifferten haben schon vernommen, daß der berühmte Volksfreund nur ein unscheinbarer Greis ist; sie finden seine Wünsche bescheiden und laden ihn zu einem Mahl ein, die Bekanntschaft festlich zu besiegeln. So kommt Heinrich Pestalozzi am dritten Abend, den er aus Münchenbuchsee fort ist, an eine Tafel mit ehrenfesten Bürgern, die beglückt sind, einen solchen Fang zu tun. Der schöne Wein mundet ihm, der sonst nur selten mehr als ein Kirschwasser nimmt, und die lebhaften Gespräche dieser weinfröhlichen Waadtländer helfen, ihm die Zunge zu lösen; gerade, daß sie französisch sprechen, läßt ihn auf ihre Worte hören, und daß er selber welschen muß, macht ihn unversehens lustig, sodaß die Stadthäupter zu ihrem Erstaunen den Greis mit dem Sorgengesicht lebhaften Geistes und schlagfertig finden. Ihn selber freilich stimmt der Abend, als er andern Tages erwacht, noch trauriger als zuvor; seit ihm die Verwirrung seiner Sinne an dem abendlichen Gewässer die Erscheinung Annas vorgetäuscht hat, fürchtet er, kindisch zu werden, und so nimmt er auch seine Fröhlichkeit nachträglich als einen Beweis dafür. Er bleibt aber fürs erste in Ifferten, weil ihm die Landschaft um das kleine Städtchen gefällt; namentlich in die Wiesen gegen den See geht er gern, wo in den hohen Bäumen auch bei der Hitze noch der Jurawind rieselt: Sie stehen wie müßige Greise da, und ich bin der müßigste unter ihnen!
Unterdessen erreichen ihn Briefe Niederers, der als ein angeschossener Wolf in Münchenbuchsee geblieben ist; sie schildern ihm den Zustand der Anstalt nach seinem Weggang so wenig günstig, daß er in einigen Wochen noch einmal zurückgeht, seinen Abschied nachzuholen. Er bringt keine Ermutigung daraus mit; Fellenberg ist gereizt, daß er sich beiseite tun will, und droht, von der Übereinkunft zurückzutreten; als sie sich noch einmal an dem Wäldchen treffen — diesmal ist Niederer dabei — sieht sich Heinrich Pestalozzi von einer Flut böser Vorwürfe überschüttet, die er nur mit großen Augen anhören kann. Es kommt danach zwar noch eine Versöhnung zustande, die ihn seiner persönlichen Verpflichtungen entläßt, aber die Trennung ist nun sicher. Mit Buß und Krüsi und mit neun Zöglingen geht er zum andernmal nach Ifferten; er selber aber vermag es nun auch dort nicht mehr auszuhalten. Auf einer Fahrt nach Lausanne, um bei der waadtländischen Regierung den Gesetzen der Niederlassung zu genügen, verläßt ihn in Cossonay der Mut zur Rückkehr. Er hat dort nur übernachten wollen, aber am andern Morgen läßt er die Post fahren und bleibt in dem kleinen Ort, der zwischen Weinbergen auf einem Hügel liegt und ihn mit seinem Ausblick über die Talweite wehmütig an seinen verlorenen Schloßberg in Burgdorf erinnert. Da hockt er einsam und in den Gedanken seiner Schwermut verhangen, bis der biedere Krüsi ihn findet und wie ein Sohn um ihn sorgt. Nach Ifferten aber, wo Buß unterdessen die neue Anstalt einrichtet, folgt er ihm vorläufig nicht.
Das Weinland der Waadt, in dem er lebt, ist die Heimat von Laharpe, dem ehemaligen Direktor der helvetischen Republik, der seiner Sache mit hoher Achtung zugetan ist. Als Erzieher des Kaisers Alexander von Rußland vermag er noch viel in Petersburg, und so kommt eines Tages in das kleine Cossonay eine kaiserlich russische Berufung an Heinrich Pestalozzi, das livländische Schulwesen von Dorpat aus nach seinen Vorschlägen einzurichten. So verdonnert ihn Krüsi ansieht, und so abenteuerlich der Plan ist, in seinem Alter noch nach Rußland auszuwandern, seine Stimmung hängt sich mit Leidenschaft daran. Er hat schon seine Bedingungen mitgeteilt und macht allen Abratungen zum Trotz Vorbereitungen für die Auswanderung, von der er nicht mehr zurück zu kommen hofft, als ihm ein zufälliges Erlebnis ein Loch in seine Schwermut reißt:
Als er eines Tages nach Ifferten gefahren ist und am Abend mit Krüsi neben dem Wagen her gegen Cossonay hinauf geht, begegnen ihnen in der frühwinterlichen Dunkelheit einige leere Weinfuhren, die sie im Geräusch des eigenen Wagens nicht hören, bis Heinrich Pestalozzi dicht vor sich zwei Pferde spürt. Er glaubt, es seien Tiere von der Weide, und will zwischen ihnen durch; da wird er von der Deichsel getroffen, die ihn unter die Hufe der Pferde wirft: So jäh es ihn gefaßt hat, so schnell arbeitet sein Instinkt, daß er noch vor den Rädern gleich einer Katze unter den Pferden her auf allen Vieren seitwärts in den Graben springt und die beiden Wagen an sich vorüber rasseln läßt. Als Krüsi ihn findet, der seitlich gegangen war, ist er schon dabei, sich aufzurichten; die Kleider sind ihm bis auf den bloßen Leib zerrissen, aber ihm selber ist nichts geschehen, sodaß er — durch Gefahr und Rettung in einem Augenblick des Wunders hindurch gegangen — gegen den Berg schreitend wie vorher das Gasthaus erreichen kann.
Er hat in diesem Herbst, wo er sich kindisch glaubte, oftmals zu sterben gewünscht, bevor er ganz dem Siechtum des Alters verfiele; nun ist er durch den Tod in einer Jünglingskraft hindurch gesprungen, die er sich längst verloren glaubte. Was er schon als Knabe erfuhr, als er bei Wollishofen aus dem Weidling in den See fiel, daß die heimliche Lust des Lebens durch nichts so sehr als durch das Grauen des Todes angeregt würde, das bewirkt nun eine Wiedergeburt in ihm, die ihn fast übermütig macht: Er glaubte schon sterben zu müssen wie Moses, ehe er einen Fußbreit von seinem Kanaan sah; nun fühlt er sich im ungeminderten Besitz von Kräften, die alle Nervenschwäche und die Müdigkeit seines vermeintlichen Siechtums als trübe Einbildungen von sich abfallen lassen. Die Kränkung durch Muralt und Tobler, der Streit mit Fellenberg und die Böswilligkeit der bernischen Regierung, die — wie er längst weiß — seine Anstalt in Münchenbuchsee als eine staats- und kirchengefährliche Unternehmung überwachen läßt: alles, was ihm den ängstlichen Geist in diesen Monaten ans Kreuz geschlagen hat, scheint ihm vor dem Gefühl, zu leben und seiner Kräfte noch mächtig zu sein, so nebensächlich, daß er seine Schwermut wie eine Torheit belächelt: Wo ich Kränkungen ohne Maßen sah, sehe ich nun die treue Liebe, sagt er glücklich, und niemals ist ihm das Bild seiner Lebensgefährtin klarer dagestanden als in diesen Tagen.
Als bald danach der König von Dänemark ihm hundert Louisdor übersenden läßt als Anerkennung für die gastliche Aufnahme der dänischen Lehrer, ist er übermütig vor Glück: Schau, zweitausend Schweizerfranken, sagt er zu Krüsi, mit nichts als einer Idee und etwas Güte verdient! So bleibt es Monate lang, während er noch einmal an die Lehrbücher seiner Methode geht; und so voll fühlt er den Segen strömen, daß ihm das Wort Lavaters nun sein liebster Spruch wird: Ich war mürrisch, als ich die Ruhe des Alters für Müdigkeit hielt; sie ist die Sammlung auf der Lebensstraße, wo das Glück auf der Straße lag, indessen ich den Seifenblasen meiner Wünsche nachlief. Nun der Höchste mir mein Alter mit Ruhe gekrönt hat, sehe ich, daß es der Jungbrunnen ist, von dem die Väter sagten.
89.
Indessen Heinrich Pestalozzi sich so die Trennung zum Besten dienen läßt, sind die Nachrichten aus Münchenbuchsee immer mehr mit Enttäuschung beschwert. Muralt und Tobler haben nicht bedacht, daß sich Fellenberg mehr als Pädagoge denn als Landwirt fühlt und als solcher — wie Niederer sagt — die Drei- und Vierfelderwirtschaft auch auf die Zöglinge anwenden will; die Buchführung ist besser geworden, und die Ordnung wird streng gewahrt, aber die Luft steht stiller und kälter in den Räumen, die sonst auch an Nebeltagen immer noch von einem Sonnenstrahl väterlicher Liebe und menschlicher Laune belebt und erwärmt war. Daraus wächst Mißmut und — weil es Fellenberg auch nicht leicht hat mit Zöglingen und Gehilfen, die einen andern Meister schwärmerisch verehren — endlich der böse Streit.
Niederer ist der erste, den es nach Ifferten zieht; er hat im Herbst ein schweres Nervenfieber durchgemacht und ist noch hohlwangig davon. Seit dem Sommer hat er gemeinsam mit Fellenberg und den andern Lehrern über dem Wortlaut einer Einladung an die Eltern Europas gesessen, ihre Kinder als Zöglinge nach Münchenbuchsee zu geben; Satz für Satz ist darin durchberaten worden, auch Heinrich Pestalozzi hat mitgeholfen, bis eine umfängliche Flugschrift seiner Methode fertig war. Als aber der Druck Weihnachten ankommt, hat Fellenberg ihn nachträglich mit eigenen Ankündigungen zum Teil großsprecherischer Art für seine besonderen Zwecke zurecht gemacht, was nun auch Muralt und Tobler gegen den eigenmächtigen Mann aufreizt. Das Frühjahr geht in einem unaufhörlichen Wechsel von Streit und Versöhnung hin, der seine Wellenschläge nach Ifferten hinüber tut. Heinrich Pestalozzi sucht aus dem Knäuel der Verstimmungen die Fäden der Liebe und der gemeinsamen Ideale herauszuziehen; am liebsten aber möchte er den Knäuel in den Bach werfen: er läßt sich nun nicht mehr beirren, daß die Anstalt im Umkreis seiner Absichten nur einen Versuch bedeutet, und ist weder für Münchenbuchsee noch für Ifferten aus dem Dachsbau seiner Schriftstellerarbeit herauszubringen, die der Welt andere Resultate als die zufälligen einer solchen Anstalt sichern soll.
Doch wird er hier wie dort die Geister, die er rief, nicht los: er hat das Klostergebäude in Münchenbuchsee von der bernischen Regierung nur für ein Jahr erhalten und müßte zum Juli einen neuen Antrag um gnädige Überlassung für ein weiteres Jahr stellen; weil aber Fellenberg in einer Zuschrift an die Regierung die Leitung niedergelegt hat, sind die Hunde der Verdächtigung auf seine Sache losgelassen. Um nicht abzuwarten, daß er böswillig ausgeräumt wird, reicht er selber die Kündigung ein. Damit hat er nach einem halben Jahr der Trennung alles wieder, was ihm nun nicht mehr wie beim Abschied Glück und Unglück seines Lebens bedeutet; aber daß die Herde ihm sehnsüchtig nachfolgt und ihn durch diese Nachfolge anerkennt, tut ihm doch wohl, und um dieses Wohlgefühls willen tritt er tätiger in die Leitung ein, als er es nach seiner Rettung bei Cossonay für möglich gehalten hätte; auch reißen ihn die glücklich veränderten Umstände hin, und eine heimliche Hoffnung überredet den Widerstand:
In Ifferten ist er nicht mehr wie in Burgdorf der zugewanderte Greis, der froh sein muß, eine Schulstube für seine Versuche zu finden; der Ruhm seiner Sache ist europäisch geworden und die Bürgerschaft setzt viel daran, davon zu profitieren. Sie hat ihm — um die Lockung nach Peterlingen zu schlagen — die weiten Räume des Zähringer Schlosses und die Gärten dazu unkündbar überlassen und richtet alles nach seinen Wünschen ein. Auch steht die Regierung im Kanton Waadt, aus dem dreihundertjährigen Zwang der bernischen Landvögte befreit, anders zu ihm, als die Aristokratenherrschaft in Bern; ihr ist er keiner staats- und kirchenfeindlichen Gesinnung verdächtig. Die Zöglinge, die von Anfang aus dem liberalen Waadtland am reichlichsten kamen, mehren sich rasch; als auch die geborene Fröhlich — die aus Münchenbuchsee bald fortgegangen war, einen wohlbegüterten Landwirt namens Kuster zu heiraten — den Haushalt von neuem in ihre unverdrossenen Hände nimmt, ist unvermutet der ganze Bienenstaat wieder um ihn versammelt, eifriger als je, den Honig einer neuen Menschenbildung einzutragen; nur noch die verscheuchte Königin fehlt, weil Heinrich Pestalozzi noch immer eine abergläubische Furcht hat, sie schon zu rufen.
Als aber der Winter den Reichtum nicht vermindert und das Frühjahr den Ruhm der Anstalt in einen Erntesommer trägt, der ihm — wie er einem Freund bestürzt durch diese Wendung schreibt — das Geld zum Dach hinein regnet, bittet er sie frohen Mutes, wieder wie in Burgdorf seine Hausmutter zu sein! Sie kommt ihm mit einem Schiff über den See gefahren, und er wartet manche Stunde unruhig unter den alten Bäumen, die immer noch den Jurawind durch ihre Blätter rieseln lassen, bis gegen Abend das Boot anschwimmt.
Schon von weitem sieht er ihre Gestalt still darin sitzen und meint fast, ihre Augen auf sich zu spüren, wie er unruhig am Ufer hin und her läuft. Sie ist alt geworden, und ihr kranker Fuß, an dem sie lange in Zürich gelegen hat, hindert sie noch immer beim Gehen, sodaß der Schiffsmann ihr über den Steg ans Land helfen muß: Das sind meine vier dicken Türme, sagt er mit glücklichen Augen und zeigt auf das Schloß, das zwischen dem Grün weißlich durchschimmert. Sie gibt keine Antwort und ist auch schweigsam, während sie das kurze Stück über die weichen Wiesen gehen, nur bringt sie die Lippen nicht so fest wie sonst aufeinander, weil die strengen Falten einem hinterhaltigen Lächeln nicht Meister werden. Erst als sie sich durch die stürmische und ehrfürchtige Begrüßung der Zöglinge und Lehrer — die haben sich im bekränzten Schloßhof aufgestellt und singen ihr ein Lied — hindurchgelächelt hat und endlich in ihrer Turmstube im Lehnstuhl sitzt, fragt sie: Hast du auch einen Garten? Er hört die Frage garnicht, weil er nun erst mit seinem vergessenen Blumenstrauß ankommt, den er ihr ans Ufer bringen wollte; sie aber fängt in ihrer perlenbestickten Reisetasche an zu kramen und holt ein Schächtelchen heraus, darin die Mohnkapsel winzig zusammengeschrumpft zwischen den schwarzen Samenkügelchen liegt. Das legt sie ihm behutsam mitten auf seine Blumen und lächelt sich die Tränen der Rührung fort: Wenn die Samen nur nicht überjährig geworden sind!
90.
Heinrich Pestalozzi ist über sechzig und Anna Schultheß fast siebzig Jahre alt, als sie ihr gemeinsames Leben im Zähringer Schloß zu Ifferten beginnen; in Burgdorf war der Unterschied ihrer Jahre ausgelöscht, nun aber fängt sie an, ihr Leben abzurüsten, während er noch neue Segel einsetzt. Wenn sie miteinander in dem weitläufigen Gebäude, im Garten oder weiter hinaus gegen Clindy gehen, ist er im Eifer, ihr alles günstig zu zeigen, immer voraus, während sie oft still steht und am Stock nachkommend mehr ihm zuliebe als für sich ihre Augen auf seine Dinge richtet. Habe ich dirs nicht gleich gesagt, Pestalozzi, ich sei zu alt für dich! scherzt sie einmal, als er wie ein ungeduldiger Knabe am Bach nach ihr ruft, weil eine Ringelnatter fortschwimmt, bevor sie zur Stelle ist. Aber es gefällt ihr alles sichtbar wohl, und wenn sie mit ihrem Enkel Gottlieb durch die Straßen der ländlichen Kleinstadt geht, gern gegrüßt von den Leuten, sehen sie eine wirkliche Schloßherrin. Sie hat noch einmal geerbt von ihrem Bruder Jakob in Zürich und braucht in ihrer bescheidenen Wohlhabenheit nicht gleich zu sorgen, wenn es irgendwo eine Spalte in dem großen Hauswesen gibt.
So treibt das unruhige Wasser seines Lebens mit dem letzten Stauwehr doch noch eine reiche Mühle, und er ist sicher, daß im Land kein besseres Korn gemahlen wird. Aber er denkt noch immer nicht daran, hier für lange den Müller zu spielen; sein Brot soll für die Armen gebacken werden. Nun es ihm mit dem andern herrlich geraten ist, nun er die Methode eines auf die Natur des Kindes gegründeten Unterrichts in Händen hat, nun ihm Hilfskräfte jeder Art verfügbar sind und er des Beistandes vieler für eine solche Unternehmung sicher sein kann: fängt die Armenkinderanstalt wieder an, das Ziel zu werden, mit dem er sein Leben krönen will. Der Schauplatz seiner letzten Tat aber soll nicht das welsche Waadtland, sondern der Kanton Aargau sein: wo er den Kampf um die allgemeine Menschenbildung begonnen hat, will er ihn auch enden. Das Schloß Brunegg hat unterdessen einen andern Besitzer gefunden, aber Wildenstein bei Schinznach steht noch leer, und mitten aus dem fröhlichen Gesumm seines wohlbestellten Hauses reicht er den Antrag um den Wildenstein bei der Regierung in Aarau ein. Die kommt ihm willig entgegen, und so steht er vor dem geöffneten Tor seiner letzten Ausfahrt, als die Zustände in Ifferten ihn nötigen, den Wagen vorläufig wieder abzuspannen.
Als ob sie die Ansteckung aus Münchenbuchsee mitgebracht hätten, ist der Lehrerstreit da und reißt ihm einen Spalt mitten durch die Anstalt, den weder Anna mit ihrer Erbschaft noch er aus dem Faß seiner Liebe verstopfen kann. Den ersten Riß bringt eine Erholungsreise Niederers mit, die ihn nach einem Rückfall seines Nervenfiebers fast zwei Monate lang von Ifferten fernhält und gleichzeitig eine Studienreise sein soll für die Lebensgeschichte des Meisters, die er schreiben will. Von Anfang an hat er sich als Herold der Methode gefühlt, und Heinrich Pestalozzi, der wohl weiß, wie eigenwillig ihm selber in der Rede und Schreibe die Gedanken zulaufen, kann erstaunt zuhören, um wieviel gelehrter und selbstbewußter sie in dem Mund Niederers klingen. Selbst, wo ihm Zweifel überkommen, ob nicht im Strom dieser Worte fremdes mitfließt, steht er willig dafür ein, weil er der Einsicht und selbstlosen Begeisterung des Eiferers sicher ist. Er hat ihn immer als seine rechte Hand gehalten und ihm die Führung in Ifferten zugedacht, wenn er selber als Armenhausvater fortgehen wird: nun aber sieht er während seiner Abwesenheit gründlicher in die Mädchenanstalt hinein, die unter Niederers Leitung in einem besonderen Gebäude neben dem Schloß eingemietet ist, und nimmt eine Lässigkeit wahr, die sich mit keiner Liebe mehr zudecken läßt.
Als Niederer danach heimkommt, geladen mit Eindrücken und schwärmerisch beglückt über sein gesammeltes Material zu der geplanten Lebensgeschichte, vermag Heinrich Pestalozzi keine Freude mehr an diesen Dingen zu gewinnen. Ihm ist in der Abwesenheit der rechten Hand die linke wichtiger geworden, und mit Eifersucht sieht der Ideenmensch Niederer an der andern Seite des Meisters den Realmenschen Schmid stehen, der in allem seinen Gegenspieler vorstellt. Es ist der Tirolerknabe, mit dem er damals nach Burgdorf kam, und der sich im Lauf der wenigen Jahre aus einem unwissenden, aber begabten Schüler zum glänzenden Lehrer der Anstalt durchgearbeitet hat: Wie er in seinem Fach der Zahl- und Raumlehre die Methode als Schulmeisterkunst ausübt, das wird von den andern Gehilfen immer williger anerkannt und von den Besuchern bestaunt; vor den glänzenden Leistungen seiner Klasse vollzieht sich meist die Bekehrung der Ungläubigen. Er ist zu einseitig gebildet, um die Niedererschen Gedankenflüge mitzumachen, auch liegt die Schwärmerei seiner Natur nicht: sonnengebräunt und fest wie das Gesicht ist sein Wesen und in Tüchtigkeit verbissen, die auf alle Unordnung und Faulheit in der Anstalt wie ein Raubvogel Jagd macht; für das geplante Armenkinderhaus ist er begeistert, er mag die wohlhabenden Zöglinge nicht und verachtet die Eltern, die ihre Kinder — wie er sagt — nur aus Bequemlichkeit in Erziehungsanstalten schicken.
Ehe Heinrich Pestalozzi Augen für ihre Eifersucht hat, ist sie schon zur Feindschaft geschwollen, und er steht mitten darin: Ich bin wie eine Jungfer zwischen zwei Liebhabern, scherzt er zu Krüsi und glaubt noch lange, er könne den bösen Zustand mit launigen Zurechtweisungen lösen; aber weil beide ihren besonderen Anhang haben, sieht er zu seinem Schrecken die Anstalt in zwei feindliche Lager geteilt und wird mit seiner hülflos suchenden Liebe ein Fangball, den sie einander zuwerfen: der alte Vorwurf seiner Unbrauchbarkeit ist über Nacht aus dem Boden gewachsen, grausamer als sonst, weil er ihn diesmal aus allen Himmeln reißt. Um kein Trümmerfeld in Ifferten zu hinterlassen und Anna für immer zu verscheuchen, die sich jetzt schon verstimmt durch die Händel in ihrem Zimmer hält, muß er den Plan der Armenkinderanstalt in Wildenstein vertagen. So gießt ihm der Herbst des mit Siegesgedanken begonnenen Jahres Galle in seinen Jungbrunnen, und obwohl schließlich durch den vermittelnden Muralt eine Aussöhnung zustande kommt, sodaß sie Weihnachten in Frieden feiern, bleibt eine bittere Stimmung in ihm, die seiner gewohnten Neujahrsrede nicht günstig ist.
Am letzten Nachmittag des Jahres kommt er zufällig mit einer Besorgung in die Werkstatt des Schreiners, der seit der Einrichtung die Arbeiten im Schloß hat. Sie nennen ihn in Ifferten den Heiden, und Heinrich Pestalozzi kennt unter andern Seltsamkeiten des alten Sonderlings auch diese, daß er sich für jedes Neujahr einen Sarg herrichtet, die erste Nacht des Jahres darin zu schlafen. Wie er nun bei ihm eintritt, stehen die fünf Bretter schon fertig genagelt da, und er ist gerade dabei, dem Deckel eine Hohlkante anzuhobeln. Den brauch ich vorläufig nicht, spöttelt er und bietet ihm eine Prise an, es ist nur wegen der Vollständigkeit! Und als Heinrich Pestalozzi, den der selbstgefällig lächelnde Greis neben dem Sarg verwirrt, ihn fragt, warum er sich jedes Jahr solch ein neues Bett mache, streicht der mit der Hand die Hobelkante ab und paßt den Deckel ein, wie einer, der das Schicksal pfiffig überlistet: Weil es mir noch keinmal geraten ist, ihn zu verwahren; schon im Frühjahr ist meist ein anderer Liebhaber da!
Heinrich Pestalozzi vermag keinen Geschmack an dieser Lebensversicherung zu finden, aber der gehobelte Sarg hat ihm das Herz bewegt, und als er draußen den Schmid trifft, wie er mit einigen Zöglingen einen Handwagen voll Tannenreisig aus dem Wald anbringt, die Schloßkapelle zu schmücken, übermannt es ihn so, daß er ihn gerührt in die Arme schließt. Ein hämischer Zufall will, daß Niederer seither dazu kommt, todblaß, weil er die Herzlichkeit gesehen hat. Sie gehen zu dreien miteinander vor dem Handwagen der Zöglinge her in einem verlegenen Gespräch, und Heinrich Pestalozzi in der Mitte will sich schon der Begegnung freuen, als die Worte zerbrechen und die Scherben im Streit umher fliegen. Er rafft die Zöglinge an den Händen fort, daß sie nicht Zeugen der Häßlichkeit würden; aber noch, als er drinnen auf dem oberen Treppenumgang steht, hört er die bellenden Stimmen durch die Mauern dringen.
Er sieht an dem Abend niemand mehr und erlebt die Mitternacht allein und verdüstert in seiner Kammer: Ich Narr der Eitelkeit, jammert er, was soll die Welt mit meiner Lebensgeschichte, die ein Buch voller Grabreden ist! Als er in den Kleidern auf dem Bett liegend endlich einschläft, bleibt seine letzte Empfindung die mutlose Müdigkeit, daß es der Sarg des Schreiners sein möchte! Und noch, als die ersten Glocken den Morgen ansagen, quält er sich im Halbschlummer mit den engen Brettern. So trifft Heinrich Pestalozzi die Stunde, wo er als Hausvater vor den Seinen mit dem Bekenntnis des alten und dem Gelöbnis des neuen Jahres stehen soll.
Er läßt durch zwei Zöglinge den Sarg des Schreiners holen und vor den Altar stellen; und ob er Anna bei dem Anblick die Kapelle verlassen sieht und aus all den fragenden Augen der andern das Entsetzen vor seinem Frevel spürt: nichts vermag ihn aus der Nötigung zu reißen, den Sarg als den seinen zu betrachten und statt einer Neujahrsansprache sich selber eine Grabrede zu halten. Niemand vermöchte seine Unbrauchbarkeit grausamer anzuschlagen, als er es nun selber tut, und fast ist es mit Gott gehadert, wie er ihm die Unfähigkeit seiner Natur vorhält und alle Schuld an dem Zerwürfnis auf sich selber legt. Aber so erschütternd seine Klagen durch die Kapelle irren und in manchem Herzen den Schrecken um seinen Verstand aufjagen: ihm selber ist es, als ob sein Körper damit ausfließe wie ein verunreinigtes Gefäß; bis er, von aller Verbitterung leer, die Brunnen der Demut in sich aufquellen fühlt. Da weiß er, daß seine Anklagen nur die Torheit eines Kindes sind, das sich durchtrotzen möchte und hundert Wohltaten vergißt, weil ihm eine verwehrt wird: Wie undankbar und eigensinnig ist es, gegen mein Schicksal zu hadern, das mich vor allen Menschen mit meinem Werk gesegnet hat! Sodaß Heinrich Pestalozzi die Kapelle in einem Gefühl der Begnadung verläßt, darin selbst die Beschämung über sein zorniges Tun ins Ferne verfliegt.
91.
Nach dem Gewitter dieser Neujahrsrede fängt die Sonne wieder an zu scheinen, und Heinrich Pestalozzi, der die schlimmen Dinge leichter als die guten vergißt, fühlt ihre Wärme über Ifferten, als ob erst Mittag wäre. Auch Anna, die lange gekränkelt hat, lebt wieder auf und braucht nicht mehr am Stock zu gehen: Ich mußte die alternde Frau in mir los werden, sagt sie einmal zu ihm, als sie dem bunten Getriebe der Zöglinge auf der Eisbahn zusehen: jetzt sind die Reste fort, und ich bin ganz eine Greisin; ich konnte nicht alt werden, nun ich es bin, ist alles wieder frei; ich möchte fast ein paar Eisschuhe antun, so leicht ist mir!
So bin ich doch der Ältere von uns beiden, antwortet er und nimmt zärtlich ihre Hand; denn auch das habe ich dir vorgelebt: Nur das Gesicht und die Hände waren jung und werden alt, die Seele lebt als eine schwingende Schnur, die in der Mitte heftig schwirrt und am Ende — wie am Anfang — nur noch zittert, bis der andere Knoten kommt, wo sie an den Bogen ihres Erdendaseins gespannt ist!
Er spricht auch sonst wieder viel mit ihr, fast wie damals auf ihren ersten Spaziergängen, und lächelt hinterhaltig, wenn er sich bei den Listen seiner Liebe ertappt. Als ob er noch einmal seine Mutter hätte, geht er behutsam mit ihren Wünschen um und verschweigt ihr die Unrast um sein Werk, die noch immer weit vom Knoten schwingt: Es ist nur mein Sterbeteil, denkt er oft, der bei ihr die heimlichen Schlupfwinkel seines Lebens hat; der Menschengeist in mir, dem die schwingende Seele die zitternde Spindel war, ist nicht an ihre Schnur gebunden; der trägt den Takt ihrer Bewegung fort ins Breite, wenn die Schnur längst still steht! Und deutlich fühlt Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit dieser Trennung, wie die Seele sich zur Ruhe rüstet, indessen sein Menschengeist immer ferner auf Abenteuer reitet.
Das Wort verläßt ihn nicht; der Zwiespalt seines Lebens wird ihm sinnbildlich darin, daß seine Seele für die Abenteuer des Menschengeistes einstehen mußte, der nicht den Seinigen, sondern dem Volk gehörte und von dem Gewissen der Menschheit in Pflicht genommen war. So hat die Seele daheim im Streit gelegen bis auf diese Stunden, wo er zurseite Annas gemächlich am See spaziert — unter den überhohen Bäumen, die ihre Blätter nur deshalb im Jurawind rieseln lassen können, weil ihre Wurzeln ihnen unablässig den Saft aus dem schwarzen Grund zubringen — indessen sein unruhiger Geist mehr als je in das Abenteuer der Menschenbildung verwickelt ist: nur daß er, anstatt auf eigene Faust zu kämpfen, längst ein Häuptling wurde mit einem Kriegslager, dahinein von fernher die Krieger reiten, sich Weisung zu holen.
Denn Heinrich Pestalozzi — der Greis, wie ihn die Burgdorfer schon nannten — ist unversehens in Europa eine Macht geworden; nicht, weil er überall in den Regierungen Anhänger hat, die ihm Lehrlinge der Methode nach Ifferten schicken, das dadurch eine Hochschule der Erziehung wird, sondern weil nun die Weltgeschichte auch sonst seinen mißachteten Ideen nachkommt: Seitdem ihm der Konsul Bonaparte spöttisch den Rücken zukehrte, sodaß er mit dem verschmähten Sauerteig der allgemeinen Volksbildung von Paris heimkehren mußte, hat sich der korsische Advokatensohn zum Gewalthaber Europas gemacht, der Fürstentitel und Königskronen wie Kinderspielzeug verschenkt, den Papst nach Paris kommen läßt, ihn als Kaiser zu krönen, und der sich die habsburgische Kaisertochter als seine Frau einfordert. Nichts in der Welt scheint seiner Selbstherrlichkeit zu widerstehen; so ist ihm auch der Preußenstaat des großen Friedrich nur ein Hindernis auf seiner neuen Landkarte, das er mit einer kriegerischen Handbewegung bei Jena beseitigt, wobei er noch Zeit findet, dem Dichter der Deutschen das Kreuz der Ehrenlegion an die Weltbürgerbrust zu heften. Aber diese Handbewegung macht dem Totengräber seiner Schwertmacht, dem Menschengeist in Preußen, die Hände frei.
Wie immer kehrt auch hier der eiserne Besen der Not die unfähigen Gewalthaber auf den Mist, und Männer treten in ihre Stellen ein, nach den Menschenrechten die Menschenpflichten zu proklamieren, in denen allein die Blutsaat der Revolution zu einer Volks- und Menschengemeinschaft aufgehen kann. Einer der ersten ist sein Freund aus den Tagen in Richterswyl Johann Gottlieb Sichte, der Schwiegersohn des Wagenmeisters Kahn in Zürich; in seinen Reden an die deutsche Nation, in denen er die sittlichen Mächte im deutschen Geist aufruft, setzt er Heinrich Pestalozzi und seine Idee der Menschenbildung in eine Beleuchtung, die keine Gegnerschaft mehr auslöschen kann. Als auch der Holsteiner Nicolovius in die Leitung des preußischen Schulwesens berufen wird, will der Traum in einem Land Europas Wirklichkeit werden; die besten Geister haben die Regierung des preußischen Staates in der Hand, und ihr Ziel ist das seine: Befreiung und Erneuerung des Volkes als einer sittlichen Gemeinschaft, und als Grundlage dieser Gemeinschaft die Erziehung aller mit den Mitteln, wie er sie in dem Naturgang seiner Methode gefunden hat. So ist Heinrich Pestalozzi aus einem einsamen Abenteurer des Menschengeistes doch ein anderer Heerführer geworden als sein Vetter Hotze mit dem Soldatenhut, von dem nur noch der verblaßte Ruhm übrig geblieben ist.
So gut geht alles, daß auch die feindlichen Lager in Ifferten Gottesfrieden halten. Muralt hat vermocht, daß eine genaue Teilung der Pflichten Niederer und Schmid auseinander hält, und namentlich, seitdem Rosette Kasthofer aus Grandson das Töchterhaus in ihren jüngferlich festen Händen hält, während Niederer — der auch nicht mehr im Schloß wohnt — nur noch seine Pflichtstunden gibt und die schriftstellerischen Tagesbedürfnisse der Anstalt besorgt, ist die tägliche Verärgerung beseitigt. So kommt der letzte September des Jahres 1809, an dem es vierzig Jahre her ist, daß Heinrich Pestalozzi sich mit Anna Schultheß aus dem Pflug in der Dorfkirche zu Gebistorf trauen ließ, recht in die Zeit für ein Freudenfest: Nun haben wir es doch einmal beide nach unserem Herzen, sagt er neckend zu ihr, die fast bräutlich geschmückt im Lehnstuhl auf ihn wartet, wird aber gleich wieder ernst vor ihrem würdigen Gesicht: Unser Haus ist wohlbestellt unter einem großen Dach, wie ich dir den Neuhof bauen wollte, und mir ist sein Glanz keine Unruhe mehr, weil ich der Lebensströme sicher bin, die daraus fließen!
Als sie dann miteinander in den geschmückten Saal treten und in das fröhliche Bienengesumm die Stille ihrer Gegenwart bringen, als Niederer seine Festrede aus der Brunnentiefe seiner gewaltigen Begeisterung holt und ihnen Kränze von innigen Worten auf die weißen Häupter legt, indessen sie Hand in Hand wie zwei Kinder im Augenblick hundertfacher Liebe dasitzen: sind alle Wechsel, die der Lehrling Tschiffelis an die Kaufmannstochter im Pflug sandte, so über alle damalige Geltung eingelöst wie im Märchen, wo auch die gehäuften Nöte auf einmal von dem vorbestimmten Glück abfallen. Nur ganz den feierlichen Ernst der Stunde zu ertragen vermag Heinrich Pestalozzi noch immer nicht; es ist auch hier ein wenig bei den hohen Worten, als ob er wieder nach dem Examen vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen solle: so lächert es ihn durch seine Glückstränen. Kaum sind die Ströme der Feier über ihn hingeflossen, und die Frühlingsblumen dieser Herbstfröhlichkeit wollen in einem Tanz der Kinder aufblühen, da muß er ihnen zeigen, wie es damals zuging, als er noch der schwarze Pestaluz aus dem Roten Gatter und Anna Schultheß die scheu verehrte Muse der jungen Patrioten aus der Gerwe war: und übermütig, wie er es damals nicht vermocht hätte, schreitet Heinrich Pestalozzi, der Armennarr auf Neuhof, die Pestilenz des Birrfeldes, der Waisenvater in Stans und der Prophet der Menschenbildung in Burgdorf und Ifferten, mit seiner schlohweißen Gattin zu einer alten Weise den ersten Tanz.
92.
Wenn die Deutschen nach Ifferten kommen, meist über Basel und Bern oder auch über Zürich, geschieht es ihnen leicht, daß sie mit ihrer Begeisterung für Heinrich Pestalozzi an diesen Orten als närrische Wallfahrer aufgenommen werden, weil man da eine andere Ansicht von dem unruhigen Projektenmacher hat, sodaß sie kleinlauter in das viertürmige Schloß eintreten und dann nicht selten durch die unordentliche Erscheinung ihres Propheten abgeschreckt werden, als ob die achselzuckende Mißachtung des Mannes in seiner Heimat am Ende doch das Klügere sei. Sie haben erwartet — weil sie als Deutsche blindlings ans Gute glauben — daß sein Vaterland wie eine stolze Familie zu ihm stände, und finden ihn eher als verlorenen Sohn darin, zu dem sich nur die Tapferen ohne Vorbehalt bekennen. Je höher der Lichtschein seines Ruhmes draußen steigt, umso ängstlicher wird die Vorsicht, als Schweizer für seinesgleichen gehalten zu werden, als ob etwa die gesicherte Kultur Helvetiens noch seiner seltsamen Bildungsversuche bedürfe.
In Basel und Zürich sind es die Humanisten, die seine Abc-Künste bespötteln, und in Bern die Aristokraten, die seine Anstalt als staats- und kirchengefährlich hassen, besonders seitdem er in dem abtrünnigen Waadtland haust. Und gerade während der Zeit, da in Preußen Humboldt, Stein und Fichte seine Grundmittel der Menschenbildung mit heiliger Überzeugung ergreifen, muß Heinrich Pestalozzi sich in der Heimat gegen böswillige Angriffe wehren. Um ihrer mit einem Mal Herr zu werden, stellt er der schweizerischen Tagsatzung in Freiburg das Ansinnen, seine Anstalt von Landeswegen zu prüfen, ob die Methode nicht auch in der Schweiz, wie in Preußen zum Vorteil des Vaterlandes allgemein eingeführt werden könne! Auch hat der Eifer Niederers vermocht, daß eine schweizerische Gesellschaft der Erziehung gegründet wird, die wie vormals die helvetische Gesellschaft in Schinznach so jährlich zum Sommer in Lenzburg tagen soll, und bevor noch die Dreimänner der Tagsatzung zur Prüfung der Methode nach Ifferten kommen, hält Heinrich Pestalozzi als Präsident der Gesellschaft eine Rede über seine Idee der Menschenbildung, mit der er noch einmal als ein Demosthenes seines Landes auf den Markt tritt: aber die ihn anhören, sind einige vierzig für seine Sache schon vorher bemühte Leute, nicht die neunzehn Kantonsregierungen des Schweizervolks, das in seinen Blättern manchen Spott lesen kann, ob eine solche Sache wohl berechtigt sei, ernsthafte und gelehrte Leute zu bemühen? Und als die nächste Tagsatzung den Bericht der Dreimänner bekannt gibt, ist es eine hämische Aufzeichnung der Mängel, die sie in der Anstalt gefunden haben, sodaß nun Niederer wieder mit einer Flugschrift auf dem Wall erscheint und den Gegnern der Anstalt mit Heroldsworten den Fehdehandschuh hinwirft.
Bevor darauf die Angreifer aus allen Kantonen mit den entrollten Bannern der überkommenen Weltordnung anrücken, das Nest des Aufruhrs in Ifferten auszuheben, bricht es innen auseinander. Einem Dämon der Zwietracht gelingt es, die verhaltene Feindschaft Schmids und Niederers in das innerste Glas ihrer Männlichkeit zu gießen, wo sie zischend auseinander fahren muß. Seit einiger Zeit ist eine Lehrerin, namens Luise Segesser, in der Anstalt, ein schönes und herzlich verankertes Mädchen aus Luzern, um das sich beide mit der Leidenschaft ihrer fanatischen Seelen bemühen. Schmid, der gegen den rotköpfigen und schwächlichen Niederer ein starkes Mannsbild von unverkennbarem Tirolertum ist, glaubt sich schon als Katholik im Vorteil gegen den pfarrerlichen Protestanten, da die Segesser selber aus einem katholischen Hause kommt. Sie würde es bei ihrer Familie mit ihm ebenso leicht haben wie mit Niederer schwer, aber nach dem Instinkt solcher Frauen wählt sie das Schwere. Schmid ist immer noch erst ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren, ihm werden durch ihre Wahl stolze Bäume aus der Wurzel gerissen; er war bis auf diese Zeit der Liebling des Meisters und die sichtbare Stütze der Anstalt, selbst der hämische Bericht der Dreimänner hat seine Leistungen ausnehmen müssen: jetzt ist ihm alles unwert, weil ein Mädchen sich gegen ihn entschieden hat. Es fängt an, in seiner Galle zu wühlen, und nun ist es nicht mehr seine Feindschaft mit Niederer allein, nun hat ihn der Geist der Anstalt verraten, wo jeder — so scheint es ihm — vom kleinsten Zögling bis zum ältesten Lehrer das tut, was seiner Neigung bequem ist, und wo Heinrich Pestalozzi nur als Strohpuppe gehalten wird, mit der sie abwechselnd ihr Ränkespiel treiben: Er vermag nicht mehr, in der Gemeinschaft zu bleiben, deren fester Stundenschlag er mehr als jeder andere gewesen ist; eines Tages steht er tief vergrollt vor dem Meister und sagt ihm, daß er für immer fortgehen müsse!
Es ist ein Frühlingsabend, und Heinrich Pestalozzi, dem das Alter den Rücken müde gemacht hat, liegt nach seiner Gewohnheit in den Kleidern auf dem Bett und diktiert, als er zu ihm tritt. Er kennt den Herzenslauf des Jünglings seit langem, und die Schadenfreude hat ihm zugetragen, an welches Ende es nun damit gekommen ist: Du nimmst meinem Dach den Firstbalken weg, sagt er zu ihm, als sie allein sind: und es ist kein anderer da, der ihn mir wieder aufrichtet; aber wenn dir alles im Blut verleidet ist, will ich dich nicht mit dem Wasser meiner Worte halten! Er greift ihm nach den Händen, und einen Augenblick ist es, als ob der andere ihm seinen Kopf an die Brust werfen und in Tränen aufgehen möchte; aber der Trotz hält ihn erschlossen gegen solche Weichheit, daß er die Hände zurücknimmt und bald mit hohen Schultern das Gemach verläßt.
Der Wind hat die Tür hinter ihm wieder aufgedrückt, daß sie leidmütig in den Angeln knarrt. Heinrich Pestalozzi ruft nach Anna; sie scheint nach ihrer Gewohnheit hinuntergegangen zu sein in den Garten, wo die Vögel das junge Laub anschreien, daß ihm ein einziges Geschrill davon durchs offene Fenster kommt. Um nicht allein zu sein mit der Entscheidung, die unsichtbar in der Kammer auf ihn wartet, tappt er hinunter, sie zu suchen. Es ist die Stunde, da die Knaben unten am See unter den Bäumen spielen, und darum eine Stille auf den Gängen und Treppen, die ihn fast ängstlich macht. Bin ich auf einmal allein in der Welt, denkt er; als er aufatmend unten Schritte hört und, rasch über die Galerie gebeugt, Muralt mit einem Brief in der Hand quer durch den Hof zur Treppe gehen sieht. Den schickt mir der Himmel, hofft er und wartet still, während der andere auf seine schlanke Art heraufkommt; aber als er ihm seine Sache klagen und ihm sagen will, daß er der einzige sei, Schmid umzustimmen, wehrt Muralt gleich schmerzlich ab und reicht ihm seinen Brief. Es ist seine Berufung nach Petersburg, die schon seit Monaten schwebt: So wollt ihr mich alle verlassen, wie die Ratten das sinkende Schiff, schreit er im Zorn und will ihm das Papier an die Brust werfen. Aber es fliegt übers Geländer und tanzt im Zickzack in den Hof nieder, wo es wie eine Anklage seiner Heftigkeit liegen bleibt, bis Muralt nach einer Pause hinuntergeht und es aufhebt. Er kommt nicht zurück, schreitet mit gesenktem Gesicht aus dem Hof hinaus, sodaß Heinrich Pestalozzi wieder allein in dem leeren Gemäuer bleibt: ein Bettler im eigenen Haus, wie er bitter vor sich hindenkt, bevor er zurück in seine Kammer geht, wo die Vögel noch immer das junge Laub anschreien. Aber die Sonne ist fort, und aus den Ecken wachsen die grauen Gespinste, den letzten Tag zu verzehren.
93.
Meine Anstalt ist ein Uhrwerk, klagt Heinrich Pestalozzi, als Schmid und Muralt nicht mehr in Ifferten sind, davon mir irgendwer den Stundenzeiger und das Schlagwerk fortgenommen hat: nun schnurren die Räder weiter, und der Minutenzeiger läuft unaufhörlich im Kreis herum, aber niemand weiß die Stunde! Umso eifriger ist Niederer; er hat nun endlich freie Hand, die Gewichte nach seiner Neigung aufzuziehen, und macht aus der Stunde siebzig Minuten, die Anstalt und die Methode vor den Angreifern zu retten.
Bisher haben die Gegner ihren Zorn nur in den Kantonsblättern auslassen können; der Aristokratenprofessor von Haller in Bern macht ihnen endlich im Ausland auf eine Weise Luft, die auch die Anspruchsvolleren befriedigt. Unter dem schützenden Mantel der Gelehrsamkeit — darin seit je die Bosheit ihren geliebten Schlupf hat — tritt er in den Göttinger Gelehrten Anzeigen auf, um dem harmlosen Deutschland die Augen über die gefährliche Revolutionsschule in Ifferten zu öffnen. Da kann der Haß gegen den Unruhestifter einmal dick ausfließen, und fleißige Schaufelräder bemühen sich allerorten, ihn ins Land zu leiten. Niederer, für den nun endlich die Methode aus dem Staub der Schulklassen in das Feuer der geistigen Prüfung kommt, schlägt mit dem Schwert seines Eifergeistes in den Brei, bis er selber in einem Berg von Schaum dasteht. Aber schon meldet sich von Zürich der Humanismus, der seit Agis Zeiten noch eine Abrechnung mit dem vorlauten Patrioten aus der Gerwe hat: in der viel gelesenen Zürcher Freitagszeitung stellt der Chorherr Bremi drei Dutzend Zeitungsfragen, die sich mit gewandter Bosheit gegen den rasselnden Niederer richten, aber Heinrich Pestalozzi dem gebildeten Geschmack preisgeben. Er will nun selber antworten, aber weder die Zeitung in Zürich noch die in Bern nimmt seine Einsendungen auf, sodaß doch wieder Niederer das Wort nimmt, diesmal in einem zweibändigen Werk, das den Streit in den Untiefen der Dialektik entscheidet.
Die Aufregungen dieser papierenen Kämpfe machen aus dem Zähringer Schloß in Ifferten mehr eine belagerte Festung als eine Schule. Manchmal genug muß Heinrich Pestalozzi an seine Kattunfabrik und die Zurzacher Messe denken, wenn er zusieht, wie sich bei Niederer die Pläne jagen, wie im Handumdrehen ein Verlagsgeschäft, eine Buchdruckerei und eine Buchhandlung im Schloß eingerichtet werden, um besser für diese Händel gerüstet zu sein; doch liegt er nun fast immer an seinem Rückgrat in Schmerzen auf dem Bett und läßt es geschehen, daß ihm der Zielpunkt seines Lebens täglich mehr auf die Seite geschoben wird, als ob er um solcher Klopffechterkünste willen gelebt hätte.
Darüber kommt er durch einen törichten Unfall auch noch fast ans Sterben: als er eines Tages mit einer Stricknadel im Ohr bohrt, aber nicht recht aus dem Gehänge seiner Gedanken aufwacht, läuft er unversehens damit gegen den Kachelofen, so unglücklich, daß ihm die Nadel durch das innere Ohr in den Kopf hinein sticht. Trotzdem es ihm wehtut, scherzt er selber noch über sein täppisches Ungeschick, bis die Schmerzen nach einigen Tagen heftiger werden, Fieber dazu kommt und ihm wie den andern die Gefährlichkeit ankündigt. Krüsi begleitet ihn nach Lausanne, aber da lassen ihn die Ärzte nicht mehr fort, weil nun schon das Fieber mit den Schmerzen um sein Bewußtsein kämpft und der Tod an seine Bettstelle treten will. Vier Monate seines Lebens kostet ihn die falsche Anwendung dieser Stricknadel, und manche Woche irrt sein Geist in Delirien hin, darin die Kämpfe der letzten Zeit in den Spuk früher Kinderträume tauchen, wo die Feinde mit greulichen Gesichtern und langen Messern heran schleichen. Namentlich ein plumpes Tier peinigt ihn lange, das dicht über seinen Augen schwebt und ihn erdrücken wird, wenn es sich niederläßt. Als seine Sinne heller werden, weil die Sonne durchs Fenster scheint und mütterliche Hände um seine Wiege sind, ist es der bunte Papiervogel, von dem er geschrieben hat, daß ihn die Appenzeller Mütter ihren Kindern übers Bett hängten, damit der suchende Blick daran den ersten Anhalt aus dem Unbewußten in die Menschenwelt fände. Endlich an einem Nachmittag erwacht er wieder in seine Greisenwelt, Anna Schultheß lächelt ihn an mit ihrem Faltengesicht, und der Vogel ist fort: aber die Erinnerung an seine Farben bleibt in ihm, wie wenn er aus dem Paradies gewesen wäre. Und noch einmal wird Heinrich Pestalozzi überwältigt von dem tiefen Sinn dieses Volksgebrauches: Mir löscht das Bewußtsein meiner alten Tage den Traum bald wieder aus, denkt er und liegt noch immer wie ein Kind in der Wiege lächelnd mit gefalteten Händen da; aber das Kind, das sich die Welt mit seinen Sinnen erst aufbauen soll, sieht am Eingang den paradiesischen Vogel, und es wird immer diesen Kern von Wohllaut in dem Weltgebäude seiner Anschauung fühlen.
Mitten in diese Gedanken hinein muß er so herzhaft lachen, daß sich Anna erschrocken — das Fieber möchte wiederkommen — zu ihm hinunterbeugt. Es dauert lange, bis er mit den schwerfälligen Worten dem blitzschnellen Lauf seiner Gedanken nachkommen kann: Er hat von dem Papiervogel aus an das Bergwerk gedacht, darin die Seele im Verlauf einer Jugend von den Erfahrungen der Sinne begraben wird, und an die unendliche Geduld seiner Methode, sie mit der Ordnung einer wirklichen Weltanschauung wieder ans Licht zu bringen, auf einmal ist aber noch Niederer dagewesen mit dem Papierberg seiner Wissenschaft: Weißt du noch, kichert er und malt ihr mit dem Finger einen Vogel auf die Hand, wie mich der Henning aus Preußen neulich nach der Stelle in meiner Lenzburger Rede fragte, aus der Niederer ein gedrucktes Buch gemacht hat? Es wäre mir auch zu tiefsinnig, was ich da gedacht hätte, sagte ich: er müsse Niederer fragen!
Als aber Anna schon wieder in Ifferten ist und er noch immer geschwächt von seiner Krankheit daliegt, bleibt der mühsame Weg von dem Appenzeller Vogel bis zur Wortposaune der Lenzburger Rede der Strich, an dem er den Gang seiner Absichten auf der Bettdecke abtasten kann: Es geht schon arg über den Rand damit, sagt er kopfschüttelnd, und macht sich fast ein Spiel daraus, wie alles andre danach, der Professor Haller in den Gelehrten Anzeigen und der Chorherr Bremi mit den drei Dutzend Zeitungsfragen samt den Niedererschen Antwortschriften auf den Boden purzelt, wo sie das Turnier in ihrer eigenen Welt, nicht in der seinen abmachen.
Endlich nach fast vier Monaten kann ihn Anna im Wagen wieder holen; er möchte — wie er wehmütig scherzt — den Umweg über Ifferten garnicht mehr machen, da es über Burgdorf näher nach dem Birrfeld wäre. Und bei Cossonay muß ihn der Kutscher ein Stück gegen den Berg hinauf fahren, damit er ihr die Stelle seiner Rettung unter den Pferden zeigen kann. Es ist seit Januar Anfang Mai geworden, und die sonnige Luft hat ihn heiter gemacht; aber wie sie nachher durch das Sumpftal der Orbe hinunter fahren, fängt er bitterlich an zu weinen. Er hat an das Glück der Ruhe damals gedacht, und wie anders dies jetzt ist, in das er hinein fährt: Wo ist mein Jungbrunnen geblieben? klagt er unaufhörlich, sodaß Anna, die nicht an den Boden seiner Trauer gelangen kann, schon bitter zweifelt, ob die Nadel seinem Kopf nicht doch geschadet habe.
94.
In den selben Maitagen, da Heinrich Pestalozzi so weichen Herzens von der überstandenen Krankheit nach Ifferten zurück fährt, reist Bonaparte seinem Heer nach, den Feldzug gegen Rußland zu wagen. Noch einmal versammelt er in Dresden die deutschen Könige und Fürsten als seine Vasallen um sich, bevor er dem Winter in den russischen Steppen entgegen zieht. Das Gepränge seines Ausmarsches, den auch Tausende von Schweizersöhnen mitmarschieren, ist kaum in die Einöde verklungen, und eben legt der erste Winterschnee dem Jurarücken seine Schutzdecke auf, als der Brand von Moskau sein blutiges Nordlicht leuchten läßt. Noch sind es Wenige, die den Schein zu deuten wagen; aber bald fliegen die Gerüchte an den Landstraßen hin, daß der Weltherrscher in einem Schlitten allein durch Deutschland zurück geflohen sei, indessen die Leichensaat der großen Armee in Rußland geblieben wäre. Während sich eine dumpfe Erwartung über die Menschen legt, fängt bei den preußischen Lehrern, die noch in Ifferten sind, die Unruhe an zu brennen; kaum fallen die ersten Eiszapfen von den Dachrändern, als sie dem Befreiungskrieg ihres Vaterlands zufliegen.
Wenn der Krieg auch fürs erste der Schweiz fern bleibt, bekommt ihn die Anstalt doch zu spüren; schon mit den preußischen Lehrern sind Zöglinge heimgereist, und auch sonst holen besorgte Eltern ihre Kinder. Mit dem Frühjahr schmelzen die Einnahmen bedenklich hin, während die Ausgaben, von den Niedererschen Ideen gedüngt, üppig ins Kraut schießen. Es geht schon wieder wie mit der Fabrik im Neuhof, Heinrich Pestalozzi in seiner Bedrängnis stopft die kleinen Löcher aus einem großen Loch, und noch einmal muß Anna Schultheß aus ihrem Ererbten sechstausend Franken hergeben, den Bankrott abzuwehren. Sie ist fünfundsiebzigjährig, als sie den Pakt unterzeichnet, und ihr Enkel steht schon als Jüngling dabei; ihm den Rest des Vermögens zu sichern, wird ein Vertrag gemacht, der sie nun selber auch auf den Altenteil setzt, sodaß sie beide nichts mehr besitzen, als daß sie — wie die Lehrer auch — ihre Unterkunft in der Anstalt haben: Jetzt kann ich nicht mehr das Senkblei deiner Stürme sein, sagt sie zu ihm, jetzt bin ich leicht wie du!
Während er so das Schneckenhaus seiner Gründung mühsam weiterschleppt, ist die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen, und wie Bonaparte früher die Völkerscharen Europas gegen seine Feinde geführt hat, so drängen sie nun gegen ihn. Ehe die Schweiz sich dessen versieht, steht die Hauptarmee der Verbündeten in Basel, bereit, nach Frankreich einzudringen; die Tagsatzung beschließt eine vorsichtige Neutralität, aber nun gibt es zwischen Für und Wider keine Möglichkeit mehr, und hundertdreißigtausend Österreicher rücken ungefragt ins Schweizerland, den Heerweg zwischen Jura und den Alpen nach Genf zu nehmen. Ifferten liegt mitten in der Bahn, und als schon Tausende durchgerückt sind, reitet eines Tages ein Offizier mit dem Befehl in die Stadt, das Schloß für ein Lazarett zu räumen! Kommt mir alles wieder? denkt Heinrich Pestalozzi; aber nun ist er nicht mehr der hilflose Waisenvater in Stans, und als die Stadt zwei Abgeordnete nach Basel ins Hauptquartier schickt, das Übel noch abzuwenden, schließt er sich trotz seiner neunundsechzig Jahre den beiden an.
Die modischen Stadtherren sind nicht erfreut, als ihnen der ungekämmte Sonderling auch noch in den Wagen gepackt wird, und wo sie Rast machen unterwegs, verleugnen sie ihn vorsichtig, um nicht für seinesgleichen zu gelten. Aber als sie nach Basel kommen, wo es von Federbüschen und goldbestickten Uniformen wimmelt und auf den Straßen die Karossen der Fürstlichkeiten drängen, sind die Türen der Heeresämter nicht so offen wie unterwegs die Gasthöfe; der Weltkrieg hat keine Zeit für die Wünsche kleiner Landstädte, und selbst die Abgeordneten der Tagsatzung zucken mit den Achseln; die Stadtherren von Ifferten müßten ungehört abfahren, wenn ihnen nicht der mißachtete Greis die Türen und Ohren aufmachte. Wie sie sich wieder nach ihm umsehen, ist er eine vielbegehrte Berühmtheit, und schon am dritten Tag dürfen sie ihm zur Audienz beim russischen Kaiser folgen.
Der empfängt den runzeligen Alten inmitten seiner Würdenträger wie einen Zauberer, und schon sein erstes Wort entledigt die Stadtherren von Ifferten aller Sorgen. Nur wurmt es sie, daß Heinrich Pestalozzi sich nicht sogleich — wie es schicklich wäre — mit ehrfürchtigem Dank zurückzieht, sondern den Herrscher aller Russen wie ihresgleichen ins Gespräch nimmt; obwohl sie nicht hören, was er ihm alles sagt, weil der Kaiser schrittweise vor seiner Lebhaftigkeit zurückweicht, zittern sie um seiner Zudringlichkeit willen, und als er ihn nach einer Viertelstunde bis an die gegenseitige Tür gedrängt hat und immer noch nicht nachgibt, sogar die Hand hebt, um den Kaiser nach seiner Gewohnheit am Knopf zu fassen, möchten sie ihn an den Beinen hinausziehen. Doch scheint der Kaiser anderer Ansicht zu sein; sie wollen es nicht glauben, aber sie sehen es mit ihren Augen, wie er den alten Mann, dem im Eifer sein Strumpf gerutscht ist, gerührt in die Arme schließt, bevor er sich wieder zu den Staatsgeschäften seines Gefolges wendet.
Bei der Rückfahrt möchten die beiden seinem Alter diensteifrig zu Hilfe sein; aber nun scheint dem Greis die letzte Vernunft zu entfahren: er fragt sie selber aus seinem Traum, ob alles in Ordnung sei? Heinrich Pestalozzi sind in diesen Basler Tagen andere Dinge wichtig geworden als Ifferten und seine Anstalt. Wohl hat er dem Kaiser der Russen vieles gesagt, wie der Mensch durch einen naturgemäßen Bildungsgang in die Menschheit eingeführt werden müsse; aber er fühlt, es müßten Monate, nicht Stunden der Predigt sein, um seiner Botschaft wirklich solch ein Herz zu wecken: Es sind nicht die Menschendinge, die den Mächtigen ans Herz gehen, sagt er zu den Stadtherren, die garnicht merken, daß er mit sich selber spricht, es gilt nicht die Menschheit und nicht einmal ihr Volk, es ist nur ihre Macht. Aber diese Macht allein kann nichts als Heere unterhalten und Länder mit Krieg überziehen; wenn danach der Friede kommt, ist sie wie eine Schelle ohne Klöppel. Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen!
Er hat die beiden Stadtherren aus Ifferten nun wirklich an den Rockknöpfen gepackt, und obwohl sein Menschengeist kühner als jemals auf Abenteuer in die Zukunft reitet, murmelt er nur Worte, die sie nicht verstehen. Darum sind sie froh, als er endlich schweigt und sie losläßt; denn ob sie noch immer über die Geltung dieses unscheinbaren Greises betroffen sind, ihn in die Arme zu schließen vermöchten sie nicht, trotzdem es ihnen ein Kaiser vormachte.
95.
So zufällig der Anlaß dieser Reise nach Basel für Heinrich Pestalozzi gewesen ist, so bedeutend wird ihre Folge. Er fährt den Stadtherren zuliebe über Bern zurück, wo sie einen Tag lang bleiben wollen, noch ohne Ahnung, daß dies gefährlich sein könnte. Schon zwei Tage vor Weihnachten haben die Berner die napoleonische Verfassung abgeschafft und sich wieder nach der ehrwürdigen Ordnung der Väter eingerichtet, die ihnen von neuem die Zwingherrschaft über den Aargau und das Waadtland geben soll. Sie wissen, daß sie beim Fürsten Metternich für solche Gelüste Rückhalt finden und haben schon den österreichischen Oberst Bubna beauftragt, im Durchrücken die verhaßte liberale Regierung in Lausanne einzustecken. So ist jeder Waadtländer in Bern wieder ein Empörer wie zu Davels Zeiten, und als Heinrich Pestalozzi sich in der Frühe nach seinen Ratsherren umsieht, sind sie noch am Abend eilig wieder abgefahren.
Es wird zwar noch nicht mit Musketen geschossen, und er kommt ungefährdet aus den finsteren Trutzgassen der alten Bärenstadt wieder hinaus; aber seine Schweizer Gedanken haben eine böse Erschütterung erfahren. Nun erst sieht er, was dieser Siegesmarsch der Verbündeten bedeutet: er soll der europäischen Welt die letzten zwanzig Jahre wie ein Geschwür ausschneiden, und dies begreift er sofort, daß seine Menschenbildung mit zu dem Geschwür gehört. Zwar wird er auf den Schutz des russischen Kaisers und der preußischen Regierung rechnen können, aber sein Werk wird in einer so kurierten Welt keine Lebensluft mehr haben. Er ist nun selber die Schelle ohne Klöppel, und so lustig er über die vorsichtigen Ratsherren gespottet hat: nun kommt er wie sie mit einem Gefühl der Gefahr in Ifferten an. Die ersten Zöglinge, denen er vor dem Ort begegnet — es sind die goldäugigen Zwillinge eines Pfarrers aus dem Traverser Tal — holt er zu sich in den Wagen und hält sie fest, als ob schon die Landreiter kämen.
Er findet Anna und die geborene Fröhlich in einer Aufregung, die der seinen gewachsen ist: Niederer, den jedermann noch im Verhältnis mit der Segesser glaubte, hat sich mit Rosette Kasthofer verlobt, der Heinrich Pestalozzi im vergangenen November das Töchterhaus als Eigentum abgetreten hat, was den Frauen schon damals nicht recht gewesen ist. Auch ihm kommt die Nachricht unerwartet, aber länger als eine Minute vermag er nichts Ärgerliches daran zu finden: Wir müssen nun alle zusammen halten, sagt er aus seiner andern Welt, und erst als Anna, die schon Wunderdinge aus Basel gehört hat, ihn verdutzt fragt, ob es vielleicht doch anders gewesen sei, als das Freudengespräch durch Ifferten gehe: berichtet er von seiner Audienz, darüber sie für diesen Abend doch noch fröhlich miteinander sind.
Am andern Morgen aber ist der Spuk wieder da und böser, als er ihn von Bern mitbrachte. So muß Noah zumute gewesen sein, denkt er, als er die Arche baute: und meine vier dicken Türme können nicht schwimmen, auch ist es gar die Zwingburg des Zähringers selber, darin ich sitze! Ich muß mein Testament schreiben, sagt er zu Anna, aber sie merkt bald, daß es nicht ihrem Enkel Gottlieb gilt: »An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes« steht oben darüber, und wenn er jemals Worte für seine innere Beredtsamkeit fand, so gelingt es ihm diesmal. Er hat in Bern und schon in Basel sagen hören, daß es die alte Kultur herzustellen gelte: aber nun leuchtet er die gerühmte Zeit der Väter mit dem Lichtschein der Menschlichkeit ab und zeigt, daß ihre hitzigen Preiser nur den äußeren Glanz des gesellschaftlichen Lebens meinen. Kultur aber ist nur da — dies setzt er scharf ins Licht — wo das Gewissen des einzelnen sich zur sittlichen Persönlichkeit durchfindet und wo die Gesellschaft zur Gemeinschaft solcher Persönlichkeiten wird. Darum kann Kultur nicht durch eine Veränderung der äußeren Zustände herbeigeführt werden, ihr Boden ist allein der Mensch: Laßt uns Menschen werden, damit wir Bürger, damit wir Staaten werden können!
Es schwinden ihm Wochen und Monate über dieser Schrift, und die Täglichkeit, so peinlich und verworren sie ihn bedrängt, wird eine ferne Unwirklichkeit. Mancherlei Freunde wollen der bankrotten Anstalt mit Neuerungen in der Verwaltung aufhelfen, und Anna kommt von einer Reise nach Zürich nicht zurück, weil sie der Besserung nicht im Wege stehen will; Niederer heiratet die Kasthofer und geht für Monate mit ihr auf die Hochzeitsreise: es wird abgerüstet, das ist das einzige, was er davon wahrnimmt, und das treibt ihn wieder in die Gedanken seiner Schrift zurück. Es geht an den Grund seiner ganzen Lebensarbeit, es geht an die Wurzeln der europäischen Menschheit, da ist das zufällige Schicksal seiner Anstalt nichts mehr als die verspritzte Welle eines rauschenden Stromes. Als die siegreichen Mächte auf dem Wiener Kongreß das Schicksal Europas bestimmen wollen, ist der Freiherr von Stein der erste, dem er die Schrift übersendet; ganz ahnungslos, daß der als Triebfeder der deutschen Befreiung schon wieder ausgeschaltet ist, weil es nur noch die gierige Verteilung der Länderbeute gilt.
Es ist zum letzten Mal, daß der Menschengeist in Heinrich Pestalozzi auf ein europäisches Abenteuer reitet; seine Seele sitzt unterdessen in den Nöten seiner Anstalt zu Ifferten und wartet, wer ihr daraus zum Frieden helfe. Die Reise nach Basel hat nicht das benachbarte Grandson von den Lazaretten freihalten können; von dort aus verbreitet sich das Nervenfieber der österreichischen Soldaten doch nach Ifferten, und als der Herbstwind die gelben Blätter auf den Weg zu treiben beginnt, trifft es die geborene Fröhlich. Im siebenundvierzigsten Jahr ihres schaffnerischen Lebens legt ihr der Tod die Hände ineinander, die seit dreizehn Jahren das Hauswesen der Anstalt gehalten haben. Als sie den Sarg hinaus bringen, trägt Heinrich Pestalozzi keine Hoffnung mehr hinterher: Anna ist von Zürich auf den Neuhof gegangen; er möchte vom Kirchhof zu ihr laufen, statt in das verwahrloste Schloß zurück zu gehen, wo fremde Hände sein Geld und seine Worte ausgeben.
In dieser Zeit nimmt Niederer sein Herz in die Hand; er hat schon auf der Hochzeitsreise seinen Gegner Schmid in Bregenz besucht, den alten Groll auszulöschen; nun setzt er viele Briefe daran, dem Trotzigen die Rückkehr abzubitten, weil er allein mit dem Ruf seiner Lehr- und Regierfähigkeit die Anstalt retten könne. Und während die eifersüchtig streitenden Mächte auf dem Wiener Kongreß wie eine gestörte Spatzenschar auffliegen, weil Bonaparte noch einmal das Glück der Weltgeschichte versucht, kommen kurz nacheinander zwei Wagen nach Ifferten gefahren, die Heinrich Pestalozzi seine siebenundsiebzigjährige Frau Anna mit der hart und grau gewordenen Lisabeth und den Tiroler Schmid wiederbringen. Beide werden auch von den andern jubelnd begrüßt, und Pfingsten ist noch nicht im Land, da zeigen Stundenzeiger und Uhrwerk wieder den festen Gang des Uhrwerks an. Das Geld regnet nicht noch einmal zum Dach herein, aber es fliegt auch nicht mehr hinaus, weil eiserne Sorgfalt es behütet.