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Lebenstag eines Menschenfreundes

Mittag (continued 2)

Reading edition

Nun muß Anna Schultheß noch einmal die Taschen ihrer wohlhabenden Herkunft absuchen; ihr Vater, auch Freunde helfen schließlich, den Schlund notdürftig zuzustopfen — wie sie den Neuhof nennen — nur wird ihm unbarmherzig die Bedingung auferlegt, die Anstalt zu schließen. Und damit es keinen Ausweg gibt, wird ein neuer Verkauf gemacht, worin Johann Heinrich Schultheß die Fabrik und den größten Teil des Landes übernimmt, um einen Pächter einzusetzen.

So kommt nach fünf Jahren der Tag, da Heinrich Pestalozzi seine Dienstleute entlassen und die Kinder wieder in die Bettelarmut zurückgeben muß, daraus er sie in seinen Neuhof geholt hat. Er findet noch die Tapferkeit, ihnen allen mit einer Abschiedsansprache ans Herz zu gehen, und es sind nun doch viele Hände, die sich nach ihrem Vater strecken. Dann aber, als auch dieser Vorfrühlingstag im ewigen Kreislauf der Gezeiten dunkel wird, bleibt er allein in den verlassenen Stuben zurück. Die Messinglampe ist noch da, die ihm so manchen Abend seiner einsamen Jungmannszeit in Müligen erleuchtet hat; er steckt sie nicht an, obwohl unter dem bedeckten Himmel kein Stern aufkommen will; es tut ihm wohl, daß seine Augen nichts mehr von allem zu sehen brauchen, das nun sinnlos geworden ist. Die ganze Nacht hindurch sitzt er wach in seinem Stuhl; erst als der Morgen kommen will, legt ihm der Schlaf seine Hand auf die Augen, daß er das Gespenst des leeren Hauses nicht in der Todestraurigkeit der ersten Morgenfrühe sähe.

53.

Am Nachmittag des andern Tages schließt Heinrich Pestalozzi die Tür am Neuhof zu, die dritte einsame Wanderung dieser Tage anzutreten. Bis Brugg weiß er noch nicht, wohin sie führen soll, dann ist es der Ratsschreiber Iselin in Basel, an den sein inneres Gefühl sich wendet; er sieht die klargütigen Augen des Mannes und hört seine Stimme, als ob er schon vor ihm stände: von allen Freunden seiner Jugendheimat weiß er keinen seiner Not so nah wie diesen ihm wesensfremden Basler, zu dem er nun über den Jura wandert. Er kommt an dem Tag nur noch bis Frick und als er da eine Herberge suchen will, merkt er, daß er ohne Geld wegging. Es scheint ihm fast recht, denn mehr als ein Bettler kommt er sich kaum vor; müde sitzt er am Wegrain und denkt schon, sich um Gotteswillen ein Obdach zu erbitten, da treibt ein Ziegenhirt seine Herde an ihm vorbei, lustig auf einer Holzpfeife blasend, die er aus jungem Saftholz geschnitten hat. Er selber hätte ihn garnicht erkannt, aber der Bursche hält gleich mit dem Stecken sein meckerndes Volk zurück und ruft ihn an, höflich den alten Hut lüftend. Es ist ein Zögling, der vor einigen Jahren als Waisenkind kurz bei ihm war und nun in Frick die Ziegen hütet. Treuherzig von ihm eingeladen, geht Heinrich Pestalozzi mit auf den Hof, wo er bei einem rechtschaffenen Bauer — der durch den Burschen Gutes von ihm weiß — ein sauberes Lager angeboten erhält, bevor er darum zu bitten braucht.

Der freundliche Zufall gibt ihm eine bessere Stimmung in den andern Morgen, da er nach dankbarem Abschied seine Wanderung fortsetzt; und eben läuten die Basler Glocken den Mittag ein, als er gegen Sankt Albanstor kommt. Da hat sich ein Blinder an den Weg gesetzt, seinen Hut vorzustrecken, so oft er Schritte hört. Heinrich Pestalozzi vermag nicht, an ihm vorbeizugehen, und weil er nichts anderes schenken kann, löst er die silbernen Schnallen von seinen Schuhen und wirft sie in den Hut. Er fühlt, daß es unnütz ist, aber in seinem Zustand tut es ihm zornig wohl, das Letzte freiwillig hinzuschenken, wo ihm soviel gewaltsam genommen ist. Doch vermag er ohne die Schnallen nicht zu gehen, und so flicht er aus Binsengras ein paar dünne Riemchen, mit denen er die Schuhe zur Not bindet.

Mehr als einer in den geläufigen Gassen sieht verwundert nach seinen Füßen, und auch der Ratsschreiber, als er den unvermuteten Gast selber an der Tür abnimmt, vermag seine Blicke nicht zu behüten. Da Heinrich Pestalozzi nicht mit der Unwahrheit vor ihm stehen will, als fehle es ihm schon derart am nötigsten, erzählt er ihm den Vorfall, worauf ihn Iselin, der im Alter sein Vater sein könnte, kopfschüttelnd und nassen Auges über soviel Einfalt in die Arme schließt. Nach diesem Empfang ist es ihm nicht mehr schwer, die letzten Stationen des Leidensweges seinem Patron bekannt zu geben, der sich mehr als ein andrer in den Ephemeriden und sonst für ihn eingesetzt hat. Er ist bis ins einzelne vorbereitet und hat auch schon eine Antwort zurecht, die mehr als ein leerer Trost ist: die Anstalt sei ein Experiment gewesen, und wer in der Wissenschaft gearbeitet habe, wisse wohl, daß es auf die Resultate ankomme. Freilich bliebe es für ihn ein Schicksalsschlag, daß er das Vermögen seiner Frau dabei verloren habe; aber er sei jung und besäße in seinem Neuhof immer noch ein gutes Dach über dem Kopf. Am Ende wäre alles für ihn nur die Grundlage einer anregenden und fruchtbaren Schriftstellerei gewesen. Ob an dem Emil etwas schlechter würde, wenn Rousseau selber etwa mit einem solchen Erziehungsversuch gescheitert wäre? Man könne freilich mit derartigen Dingen keine goldenen Berge erwerben, aber eine bescheidene Ernährung solle sich eine so starke Feder wie die seine schon erzwingen können. Da wäre zum Beispiel das Preisausschreiben der Basler Aufmunterungsgesellschaft: Wieweit es schicklich sei, dem Aufwand der Bürger Schranken zu setzen? Ob er es nicht einmal um die zwanzig Dukaten versuchen wolle?

Iselin spricht das alles noch vor seinem Stuhl stehend, und reicht ihm die Nummer der Ephemeriden hin, als ob es nur noch an ihm läge, die zwanzig Dukaten einzuheimsen; dann geht er hinaus, den Gast zum Essen einzumelden. Der sitzt mit dem Blatt in den Händen und vermag keinen Buchstaben zu lesen; die Stimme des Ratsschreibers ist wie ein Frühlingsregen auf seine verstaubte Stimmung gerieselt; auch hat er die Worte nicht alle verstanden, nur wohlig den herrlichen Ton der Gesinnung und den unbeugsamen Willen gespürt. Warum bin ich nicht mit meinem Werk in der Nähe dieses Mannes gewesen statt in der Daseinsluft des Metzgers Märki? denkt er immerfort, und die Tränen rinnen ihm auf den Rock. Er ißt mit ihm, und als der Ratsschreiber — der gerade Strohwitwer ist — mit einem Scherz das Glas gegen das seine hebt, vermag er schon wehmütig wieder zu lächeln. Er läßt sich danach drei Tage lang von ihm betreuen, auch seine Schnallen bekommt er wieder, weil der Ratsschreiber sie heimlich bei dem blinden Stammgast vor St. Alban eingelöst hat, und als er in der vierten Frühe die Rückwanderung antreten will, hat ihm der väterliche Iselin einen Platz bei der Post bezahlt. So kann er dem Ziegenhirt hinter Frick nur von fern zuwinken, nicht einmal sicher, ob der auf ihn rät. Ihm ist er auf dieser traurig begonnenen Wanderfahrt fast so wert gewesen wie der Ratsschreiber, und noch während die Post in den breiten Talkessel von Brugg einrollt, denkt er, daß sein Traum einer menschlichen Gemeinschaft trotz aller Verschiedenheit der Stände, geeinigt durch ein sittliches Bewußtsein, doch nicht von den Sternen wäre.

Trotzdem wird es ihm schwer, von Brugg aus den Weg in das Trümmerfeld seiner Wirksamkeit zu gehen, wo viele ihm ohne Gruß begegnen und einige Buben ihm höhnisch nachrufen. Aber als er gegen den Neuhof kommt, sieht er einen Knaben emsig am Brunnen spielen, der, als er ihn erkennt, jubelnd in seine Arme läuft. Es ist das Jaköbli, und die Mutter — der er Nachricht von Basel gegeben hat — ist auch da; sie sitzt, noch schwach von ihrer Krankheit, auf einem Baumstamm in der Sonne und hält tapfer lächelnd den Regenschirm in der Hand: Wir dachten, es möchte regnen; aber, Lieber, die Sonne scheint! Und erst als sie beide, den Kleinen an den Händen zwischen sich, hinein gegangen sind und die verlassene Stube mit ihrer Gemeinschaft füllen, daß die Leere durchs Fenster entweicht, tritt auch die Frau von Hallwyl zu ihnen, die unterdessen beiseit gegangen war.

54.

So unsicher die Aussicht auf die zwanzig Dukaten der Aufmunterungsgesellschaft und die anderen Schriftstellereinnahmen für Heinrich Pestalozzi vorläufig ist, so bestimmt stehen die Schildwachen der Bedrängnis rund um den Neuhof. Es fehlt am Nötigsten, und für Anna ist die Zeit gekommen, die ihre Mutter prophezeite, ja selbst das Brot ist nicht immer da. So sieht sich Heinrich Pestalozzi als Schriftsteller in der lächerlichen Bedrängnis, nicht einmal das notwendige Papier zu haben. In dieser Not fällt ihm ein alter Erbkoffer ein, der mit anderem Haushalt von der Mutter bei der Einrichtung in Müligen herübergekommen ist und seit Jahren vergessen auf dem Speicher steht. Irgendein Vorfahr hat sein Leben lang in der Lotterie gespielt, und zwar in der Meinung, daß sich das Glück in Tabellen nachrechnen und erlisten ließe. Für diese Tabellen hat er sich dann Bogen mit roten Linien herstellen lassen, die Berechnungszahlen einzutragen. Damit ist der ganze eisenschwere Koffer gefüllt, durch den nun der gewinnsüchtige Vorfahr seinem Erben einen späten Liebesdienst leistet; denn selbst da, wo schon Zahlen eingeschrieben sind, lassen sich die Bogen noch benutzen, und Hunderte sind ganz frei.

In diese rote Linienwelt schreibt Heinrich Pestalozzi das erste Resultat seiner Erfahrungen nieder, und es scheint fast, als ob die Tabellenfächer die äußere Form bestimmten: es werden lauter einzelne Sprüche daraus, deren Weisheit in den roten Linien wie der Honig in Bienenzellen voneinander abgetrennt ist; aber ihr Geschmack ist bitterer Wermut. Er nennt sein Schriftstück die »Abendstunde eines Einsiedlers« und schickt es Iselin nach Basel, der es auch sogleich in die Ephemeriden gibt. Dadurch ermutigt, macht Heinrich Pestalozzi sich auch an die Preisaufgabe der Aufmunterungsgesellschaft.

Es liegt nicht an der roten Liniatur, daß sein Eifer bei der zweiten Schrift erlahmt; so reich die Gedanken drängen, so schwer fließen ihm die Sätze dazu, auch mit den Forderungen der Schriftsprache kommt er nur seufzend zurecht. Er muß Bogen vollschreiben, um einige brauchbare Zeilen zu gewinnen, und die scheinen ihm wie gepreßte Pflanzen. Sich und die Seinigen zu ernähren — das sieht er bald — ist es kein Geschäft. Um andere Wege zu versuchen, nimmt er zum zweitenmal den Stecken, diesmal nach Zürich, wo die meisten seiner Freunde wohnen. Wieder geht er zu Fuß; es ist nur ein kleiner Tagesmarsch, und schon am Nachmittag kommt er zur Sihlporte herein. Eben will er über den Rennweg gegen das Fraumünster hin, als ihm einer der Schulgenossen begegnet, mit denen er damals nach Wollishofen hinaus gerudert ist, er hat ihn seither oft gesehen, zuletzt bei der lustigen Gesellschaft, die ihn nach seinem ersten Weihnachtsbesuch im Pflug ans Schiff brachte. Er freut sich, gleich einem Bekannten zu begegnen, aber ehe er noch bei ihm ist, entweicht der andre in eine Nebengasse.

Als er nachher das Erlebnis dem Buchhändler Füeßli erzählt, der von allen Zürchern am treuesten zu ihm steht, obwohl er nicht zart mit Worten ist, läuft der nach seiner Gewohnheit einigemal in der Schreibstube hin und her, wirft zornig ein Bündel Papier aufs andre, bis die Schriften in einem rechten Durcheinander sein müssen, und sagt ihm dann mitten ins flehende Gesicht: soviel sollte er doch die Zürcher kennen, daß sie ihn nur noch fürs Armenhaus oder das Spital kalkulierten; in einem Jahrdutzend eine vermögende Frau arm zu machen und wer weiß wen geschäftlich zu schädigen, das ginge ihnen über das bürgerliche Maß. Wenn er ehrlich sein wolle, müsse er ihm schon sagen, daß ihn seine Mitbürger für einen bösartigen Narren hielten! Dabei wirft er sein Kontobuch, das er gerade ergriffen hat, mit einem solchen Zorn in die Papiere, daß sein Tintenfaß erschrocken aufspringt und die Umgebung mit mehreren Klexen bespritzt. Er schüttelt ihm dann zwar freundlich die Hand, aber immer noch hat sein Zorn einen Hinterhalt: Was er denn meine, daß ihm Lavater gesagt habe? Er solle ihm einen einzigen Satz von Heinrich Pestalozzi beibringen, der sauber und ohne Fehler geschrieben wäre, dann wolle er ihn auch sonst noch für eine Sache im Leben brauchbar halten! Aber das unterschreibe er, der Hans Heinrich Füeßli, nicht; wenn er nur erst von seiner Narrheit abkäme, andern helfen zu wollen, bevor er sich selber geholfen habe, so würde sich schon etwas für ihn finden!

Das hat der Gekreuzigte auch hören müssen, sagt Heinrich Pestalozzi, den der Zorn des andern angesteckt hat, und fegt nun auch hin und her, sodaß es für einen Dritten, der in die Stube gekommen wäre, ausgesehen hätte, als machten die beiden ihre schlimmsten Händel aus. Dann überkommt ihn die Verzweiflung: Und wenn ich Perücken strählen müßte, ich würde es um der Meinigen willen tun! sagt er schmerzlich und läuft aus der Stube, weil ihm die Tränen fließen.

Im Roten Gatter findet er auch keinen Trost; die Mutter, nun schon sechzigjährig, sieht ihn augenscheinlich in den Fußspuren seines Bruders, und das Babeli, eisgrau und wunderlich geworden in der Einsamkeit mit der verhärmten Frau, redet mit ihm, als ob sie ihn am liebsten noch einmal verwalke. Er muß von seinen Dingen günstiger sprechen, als sie sind, und vermag nicht über Nacht zu bleiben. Noch vor dem Abend geht er unter dem Vorwand dringender Geschäfte fort und auf Umwegen aus der Stadt; er ist in den letzten Monaten in eine wahre Gier gekommen, nachts zu wandern. An der Sihlporte fallen ihn die Wächter mit scharfen Fragen an; wo ehemals ausgediente Stadtknechte ihr Altersbrot hatten, stehen jetzt in aufgeputzten Uniformen stattliche Burschen, als ob sie für die Fremden zur Zier dahingestellt wären. In seiner Stimmung ärgert ihn die Neuerung, und während er in die sinkende Dunkelheit hinein läuft, verbeißt er sich in einen Zorn, daß solcherweise die Fortschritte wären, für die das Geld blindlings geopfert würde. Er fühlt wohl, daß der Anlaß seinem Zorn nicht entspricht, und um sich selber zu begegnen, übertreibt er den Vorfall, bis eine Schnurre daraus geworden ist, über die er selber mitten in die Nacht hinein lachen muß.

Er kommt damit bis Baden; und wenn ihn dann seine Müdigkeit und die Nähe des Neuhofs wieder in seine Melancholie bringen, sodaß er sich die letzten Stunden nur noch in einer tonlosen Traurigkeit hinschleppt: am andern Morgen ist doch noch so viel von der höhnischen Lustigkeit dieser Nacht in seinem Bett, daß er bis in den Mittag darin liegen bleibt und von neuem an der Schnurre formt. Nachher nimmt er sich einige von den stockfleckigen Lotteriebogen vor und hängt seine Einfälle in die roten Linien hinein; ohne Sorgen, wie die Sätze werden, nur daß er seinen Zorn noch einmal so närrisch losbekäme. Um dem treuen Füeßli den Beweis seiner vollkommenen Narretei zu geben, wie er in einem Begleitbrief schreibt, schickt er ihm die Bogen zu; dann begibt er sich ingrimmig wieder an seine Preisaufgabe.

Er ist noch dabei, aus dem Wust mit Ändern und Streichen die endgültige Fassung zu gewinnen, als er eines Nachmittags eine saubere Weibsperson mit einem Bündel kommen sieht, die bestimmten Schrittes auf den Neuhof zugeht und die er danach im Hausflur mit seiner Frau sprechen hört. Es scheint ihm, daß er sie kennt, und als er, von dem Jaköbli gerufen, hinzukommt, ist es die Lisabeth Näf aus Kappel, die vordem bei seinem verstorbenen Onkel, dem Doktor Hotze, als Dienstmagd gewesen und, soviel er weiß, von dessen Sohn — seinem Vetter — übernommen worden ist. Sie wolle bei ihnen in Dienst treten, erklärt ihm Anna, die augenscheinlich mit der resoluten Jungfer nicht fertig wird. Das würde schwer gehen, sagt er, sie seien arm und könnten keine Dienste bezahlen! — Eben deshalb käme sie; sie wolle keinen Lohn; solange Frau Pestalozzi noch nicht gesund sei, müsse ihr jemand an die Hand gehen. Auch habe sie von dem Undank seiner Zöglinge gehört, daß sie ihm alle davon gelaufen wären, und da sie sich in Richterswyl nach dem Tod des alten Herrn entbehrlich oder gar überflüssig fühle, wolle sie versuchen, ihre Nahrung, mehr nicht, bei ihnen zu verdienen.

Während Heinrich Pestalozzi noch zweifelnd erst seine Frau, dann wieder das Wunder ansieht, das aufrecht gewachsen und geraden Blickes da vor ihm steht, bittet sie schon wieder die Hausfrau, ihr ein Lager zu weisen, da sie heute jedenfalls nicht mehr zurück könne. In kaum einer Viertelstunde ist sie schon emsig im Hause, und andern Morgens denkt keiner daran, sie wieder fortzuschicken; nach einer Woche ist es so, als ob sie immer dagewesen wäre, so unbemerkt weiß sie sich in den gedrückten Haushalt zu schicken. Es sei fast zu spät, den Garten zu bestellen, sagte sie, ist aber schon dabei, ihn umzugraben; und bald merkt Heinrich Pestalozzi, daß in seinem verworrenen Hauswesen wieder der sichere Tageslauf der Sonne ist: Schritt für Schritt wird die Unordnung des Untergangs beseitigt und aus dem weiten Bereich des verwüsteten Gutes der saubere Umkreis des Hauses abgetrennt. Und als ob die eine tätige Hand ihren Takt auch in die andern brächte, fängt das gestörte Uhrwerk des Hauslebens wieder an, zu gehen. Selbst bis in seine roten Tabellen dringt ihre Sicherheit, sodaß er seine Preisarbeit bald zu Ende bringen und die Reinschrift der Aufmunterungsgesellschaft in Basel nicht ohne Vertrauen auf ihren Wert zusenden kann. Daß man dem Aufwand der Bürger äußere Schranken setzen müsse, ist freilich nicht seine Meinung: Hier wie überall käme es nicht auf die Landreiter, sondern auf die Menschenbildung an.

55.

Unterdessen hat seine Schnurre über die Umwandlung der ungekämmten und krummen Stadtwächter in gerade und gekämmte in Zürich eine Art Glück gemacht. Auf der Durchreise von Italien nach London ist der ehemalige Freund Lavaters, der Maler Füeßli einen Tag lang bei seinem Vetter gewesen; er hat die Schnurre zufällig gelesen, und zwar mit so viel Spaß, daß er nicht begreifen will, wie es einem Mann mit einer solchen Begabung schlecht gehen könne: sein Talent als Schriftsteller sei derart, daß ihm der Erfolg nachlaufen müsse!

So kann ich meine Perücke wieder mitnehmen, scherzt Füeßli, als sie in Baden eine rasche Zusammenkunft haben, das Ereignis zu besprechen: ich hatte sie schon zum Strählen mitgebracht! Aber Heinrich Pestalozzi ist es nicht zum Lachen, umsoweniger, als der andre augenscheinlich kaum etwas andres als einen Sack voll solcher Schnurren im Sinn hat. Er dämpft die Begeisterung des Buchhändlers sauersüß, ist noch ein paar Stunden gern in der Luft einer Freundschaft, denkt aber nicht daran, ihm zu folgen; bis er heimkommt und die moralischen Erzählungen des Franzosen Marmontel noch aufgeschlagen auf dem Tisch seiner Frau findet. Er liest darin, und unversehens überlegt er doch schon, dergleichen besser zu machen; um statt weichlicher Rührung gute Gedanken ins Volk zu bringen.

Gleich andern Tags versucht er nun das Dichterhandwerk, angebliche Menschen als Gestalten seiner Absichten in eine Handlung zu stellen. Es gelingt ihm leichter, als er erwartete, und am Abend ist das erste Ding schon rund gebracht; aber als er es dann überliest und mit dem Vorbild vergleicht, findet er wohl, daß seine Gestalten sich ernsthafter unterhalten als bei Marmontel, doch ist die Unterhaltung so sehr die Hauptsache, daß es wenig Zweck hat, sie mit den Armen und Beinen der Personen zu umgeben; auch haben sie für gemeine Bürgersleute eine Art zu predigen, die ihnen nicht ansteht. Aber nun ist einmal sein Eifer geweckt, und schon am nächsten Tage läßt er ein neues Paar anmarschieren. Diesmal sind es zwei Bauern, ein alter und ein junger, die sich über die neumodische Landwirtschaft erhitzen; haben die Bürger gepredigt, so verkniffeln sich die Bauern wie zwei Advokaten, und da auch hier wieder die Reden des Verfassers die Hauptsache sind, hätten die Personen ebensowohl daheim bleiben können. Noch drei- oder viermal versucht er es, um immer bedenklicher einzusehen, daß er kein richtiges Bauernmundwerk aufs Papier bringt. Soviel er auch an den Tannern im Birrfeld erlebt hat, nun merkt er, daß er sie garnicht kennt; und wie er das Abc erst an seinem Knaben studiert hat, beginnt er nun, mit ihnen seine heimlichen Experimente anzustellen.

Die Leute von Lupfig und Birr machen sich verdächtige Zeichen, als der Herrenbauer vom Neuhof anfängt, in ihren Wirtschaften herumzusitzen; sie wissen aus Erfahrung, wie dies das Ende solcher Existenzen ist, und weil er kaum etwas trinkt, deuten sie hämisch auf seine leere Tasche. Er dagegen merkt bald, daß sie mit ihm anders als unter sich sprechen, so hält er sich abseits, in einem Wettergespräch oder sonst mit dem Wirt, während sie bei ihren Karten oder um irgend einen Handel untereinander sind. Wenn ihm dabei eins seiner eigenen Bauerngespräche beifällt, kommt ihm alles darin so papieren vor, daß er manchmal im Eifer mitanfängt zu fuchteln, als ob er damit die richtigen Worte festhalten könnte.

Darüber fangen sie an, ihn vollends für übergeschnappt zu halten, und legen sich aufs Hänseln; aber nun reitet ihn schon der Teufel seiner Leidenschaft, auch um andrer Dinge als seiner Schriftstellerei willen tiefer in ihre Wirtshauswelt hinein zu kommen. Er sieht, wieviele Dinge hier ihren Anlaß und ihre Stärkung haben, wieviel aus der Bahn geworfene Existenzen am Wirtshaustisch ihr Schicksal absitzen, und wie nicht der Schnaps und der Wein allein sie dahin ziehen, sondern der Trieb unnützer Buben, mit Hänseleien und großmäuligen Prahlereien beieinander zu hocken. Hier müßte zu Hause sein, sagt er sich oft, wer eine Armenanstalt aufmachen will; hier ist der Lebensboden aller Laster, die in einem Menschen allein garnicht wachsen können, weil immer nur mehrere zusammen das Ungetüm ausmachen, das den einzelnen mit Haut und Haaren frißt; was nachher dann aus dem Wirtshaus nach Hause geht, ist nur noch ein Stück von diesem Ungetüm, dem es natürlich nirgend mehr wohl sein kann als bei sich zu Hause, nämlich auf der Wirtshausbank, wo es zu fressen und zu saufen bekommt.

Heinrich Pestalozzi hat schließlich ein System von Listen, das Ungetüm lebendig zu sehen, indem er sich selber anscheinend mit auffressen läßt oder unter einem Vorwand nebenan in der Küche lauscht. Als er eines Nachmittags in Mellingen eintritt, weil er schätzt, daß ihrer da mehrere vom Viehmarkt sitzen würden, findet er das Zimmer noch leer, und da der Wirt augenscheinlich auch noch unterwegs ist, juckt ihn der Vorwitz so, daß er in eine große Futterkiste klettert, die in der dunklen Ecke neben dem Ofen als Truhe dient und deren offener Deckel ihn wie eine Wand verbirgt. Er hört auch bald ihrer zwei hereinkommen und über den Metzger Märki in Birr schimpfen, der ihnen beim Handel die Flöhe abgesucht hat, wie sie sagen. Weil das Gespräch einmal den Lauf genommen hat, bleibt es auch dabei, als andere eintreten, und so bekommt Heinrich Pestalozzi unvermutet eine Predigt über seinen ehemaligen Ratgeber zu hören, wie sie nicht in seine Tabellen gegangen wäre. Aber als sich das Ungetüm so recht wieder aneinander gewachsen hat und groß tut mit Fäusten und Flüchen, wird es still von einem Schritt, der durch die Tür hereinkommt und nach einem brummigen Gruß mitten im Zimmer stehen bleibt. Heinrich Pestalozzi hinter seiner Wand hört das Ungetüm schnaufen, bis einer den Märki — denn niemand anders ist es — nach den Hummeläckern fragt und gleich das Gelächter über die Anspielung losbrüllt. Aber so ist der Metzger nicht, daß er sich abtrumpfen läßt: im Nu ist er mit ihnen aneinander in einem Maulgefecht; und wollten sie ihn um den ausgezogenen Herrenbauer im Neuhof hänseln, so gibt er ihnen sein Kunststück mit frecher Prahlerei preis: warum sie es nicht selber gemacht hätten, wenn es so leicht gewesen wäre? Jedenfalls habe er das Kalb abgestochen; sie könntens ja mit ihm auch einmal versuchen: er würde ihnen schon dartun, wer der Meister wäre, wie er es diesem Herrn Pestalozzi auch dargetan habe!

Die Abfertigung scheint dem Ungetüm plausibel, denn es schweigt; aber als der Märki sich abseits von ihnen auf seinen Trumpf setzen will, findet er keinen besseren Platz als die Futterkiste; er klappt den Deckel zu, merkt garnicht, daß ein Widerstand da ist, und will sich gerade noch einmal auslachen, als es unter ihm mit Faustschlägen rumort. Wenn der Teufel selber aus dem Kasten gestiegen wäre, hätte die Wirkung nicht anders sein können als nun, da das abgestochene Kalb seiner Prahlerei heraus springt. Auch das verdutzte Ungetüm muß sich einen Augenblick am Wirtstisch festhalten, und es ist noch nicht zu sich gekommen, als Heinrich Pestalozzi durch die Tür dem gemeinsamen Gelächter entgeht.

56.

Die Bauern auf dem Birrfeld sagen, daß dem Märki die schwarze Pestilenz als Teufel aus der Futterkiste erschienen wäre; aber so sehr sie dem Metzger den Schrecken gönnen, die Narrheit bleibt doch an Heinrich Pestalozzi hängen; und wie sie ihn danach bei Sonnenschein und Regen draußen herumlaufen sehen, bestätigt ihnen nur, daß ihm sein Unglück mit dem Neuhof und der Armenanstalt auf den Verstand geschlagen sei.

Er ist aber nur in eine Auseinandersetzung mit dem Ungetüm geraten, das nicht — wie es scheint — vom Überfluß, sondern von Mühsal und Armut lebt; denn die ihm zu fressen geben, sind die Schwachen, Leichtfertigen und Verzweifelten, die, irgendwie von der Bank unverdrossener Arbeit abgerutscht, ihr Letztes in Trunk und Geschwätz vertun, während der Wirt die ärmlichen Groschen einsammelt und also von dem Ungetüm lebt wie ein Savoyardenknabe von seinem Murmeltier. Er will es zum Helden einer Geschichte machen; und ob er somit den Kampf mit dem Ungetüm nur auf dem Tabellenpapier seines Erbahnen aufnehmen kann: mit einer Handlung, einfach und drastisch genug in alle Köpfe einzugehen, wird seine Feder, so hofft er, ihm doch eine gefährliche Waffe werden.

Diese Handlung aber vermag er lange nicht zu finden, weil er immer noch nicht von sich selber loskommt und sich stets wieder als vorwitziger Advokat allein auf der Bühne redend findet. Da hilft ihm unvermutet die tapfere Lisabeth aus der Not; als er sie eines Tages wieder bei ihrer Unverdrossenheit beobachtet hat, wie sie den Kreis der Ordnung Tag für Tag um ihren Mittelpunkt vergrößert, als er sich ausmalt, wie sie einem Mann anders als die meisten Bauernweiber an die Hand zu gehen vermöchte, von dem Ungetüm los zu kommen: da hat er endlich den Gegenspieler seiner Handlung gefunden, um dem hundertköpfigen Tier nicht mit den Mitteln fremder Hilfe, sondern mit den Waffen der Armut selber beizukommen. Er braucht der tapferen Person nur einen leichtfertigen Mann und Kinder anzudichten, wofür sie kämpft, und schon ist der Aufbau einer Handlung gegeben, die sich anders als die moralischen Erzählungen Marmontels in die Wirklichkeit einstellen soll.

Als ihm dann noch der Märki als Vogt und Wirt in seine Handlung kommt und er ihm um der Hummeläcker willen den Namen Hummel gibt, macht er eine Gertrud aus ihr, die als die Frau eines Maurers namens Lienhard den Kampf mit dem Vogt beginnt und schließlich das ganze Dorf von ihm und dem Ungetüm befreit. Er hat sich dessen nie für fähig gehalten: wie die Gestalten seiner Handlung von allen Seiten zulaufen, wie sich Gespräch und Tat verflechten, und wie aus der geplanten Belehrung eine Darstellung des Schicksals wird, die ihn selber oft genug zum Weinen erschüttert. In wenigen Wochen stehen die hundert Kapitel seines Buches da, als wären sie nicht erfunden, sondern ein Bericht aus dem Leben, wie es sich wirklich abgespielt hätte. Da weiß er, daß die Schriftstellerei mehr vermöge, als müßigen Leuten die Langeweile zu vertreiben, daß sie eine geheimnisvolle Gabe sein könne, die Erfahrungen des Lebens zu verdichten und Hunderten von Lesern die Wege des Schicksals aufzuzeigen, wo sie selber nur heitere oder traurige Vorfälle sehen.

Ehe er es gedacht hat, ist er nach Zürich unterwegs mit seinem Schatz, der diesmal ein handgreifliches Päckchen statt einem geträumten Luftschloß ist, obwohl Anna, an den Zusammenbruch so mancher mit Worten aufgebauten Hoffnung bitter gewöhnt, nur wehmütig über seine Begeisterung gelächelt hat. Füeßli ist nicht der Mann dazu, in Rauch und Feuer aufzugehen, auch sieht dies anders aus als die Schnurre von den ungekämmten Nachtwächtern; er weist ihn an den gemeinsamen Freund Pfenniger, der in den Dingen des literarischen Geschmacks sachverständig wäre. An die Literatur hat Heinrich Pestalozzi freilich nicht gedacht, als er schrieb, und erst garnicht an den gebildeten Geschmack, der, statt den geistigen Dingen zu dienen, mit anmaßenden Forderungen vor ihnen steht. Pfenniger findet die drei oder vier ersten Bogen, die er ihm vorliest, nicht übel, aber so voll unerträglicher Verstöße gegen den literarischen Geschmack, daß er ihm dringend die Umarbeitung des Buches durch einen Menschen von schriftstellerischer Übung empfiehlt und auch gleich einen theologischen Studenten nennt, der das literarische Handwerk ebenso beherrsche, wie es ihm fehle. Das Wort Lavaters von seiner Unfähigkeit, einen einzigen Satz richtig zu schreiben, hat er noch nicht vergessen, und kleinlaut überläßt er sein Buch den Ordentlichen, daß sie es für ihren Gebrauch zurecht machen: Ich will nur abwarten, sagt er bitter, ob es mir Unordentlichem einmal gelingt, ohne Euch richtig zu sterben!

Doch vermag er nicht, sich ganz von seinem Buch zu trennen; er läßt ihnen nur die ersten drei Bogen, damit er die Bearbeitung erst sähe, und geht für ein paar Tage nach Richterswyl hinaus, wo sein Vetter, der Doktor Johannes Hotze, die Praxis des Vaters mit Klugheit verwaltet, während der jüngere Bruder mit dem Federhut richtig unter die Soldaten gegangen und bei den Österreichern schon General geworden ist. Er weilt gern dort, weil der Doktor Hotze ein Philanthrop von Einsicht und Willenskraft ist; aber als er ihm mit Andeutungen seines Buches begegnet, hält der es anscheinend für einen neuen Seitensprung und wehrt warnend ab. So kommt er demütig zu Pfenniger, seine Handschrift wie einen vom Lehrer verbesserten Aufsatz zurück zu erhalten; aber als er sein Naturgemälde des bäuerlichen Schicksals unter dem frömmelnden Firnis dieses Theologen wiedersieht und angesichts der steifen Schulmeistersprache, die seine Bauern darin reden, an seine Entdeckungsfahrten denkt, fällt die Demut erschrocken ab: Dann wolle er doch lieber mit Beulen und steifen Gelenken ein ungekämmter Stadtwächter sein, als ein derart gekämmter, sagt er zu Füeßli, der zugegen ist, läßt dem Pfenniger die gesäuberte Umarbeitung und macht sich auf den Heimweg mit seiner ungesäuberten Handschrift, die anscheinend ebensowenig in die ordentliche Welt paßt wie er selber!

Er ist schon in Baden, als er es nicht vermag, mit diesem Ergebnis heimzukehren, und entschlossen seine Reise nach Basel fortsetzt, um auch bei Iselin sein Glück zu versuchen, bevor er selber an seinem Buch zweifelt. Er darf ihm und seiner Gattin noch am Abend seiner Ankunft einige Kapitel daraus vorlesen; so inbrünstig seine Hoffnung insgeheim um ein günstiges Urteil gefleht hat, auf einen solchen Erfolg rechnete sie nicht. Die Frau Ratsschreiber weint vor Rührung, und der Ratsschreiber selber geht mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab, bis er ihm die Handschrift aus den Händen nimmt, als ob er sich vergewissern müßte, daß dies alles auch wirklich dastände. Er lachte herzhaft auf, als er die Schrift in den roten Tabellen hängen sieht; und auch als er dann liest, schüttelt er immer wieder den Kopf: es sei nicht zu glauben, wie einer so etwas Herrliches ausdenken und zugleich solche Sprach- und Schreibfehler machen könne! So wie es dastände, wäre es allerdings ein ungekämmter Stadtwächter, aber den zu strählen, brauche es keinen Theologen, sondern einen Setzer, der deutsch könne. Er müsse freilich das Buch erst ganz lesen, aber nach dem, was er bis jetzt gehört habe, wüßte er nicht seinesgleichen.

Heinrich Pestalozzi bleibt drei Tage lang in Basel, und es ist eine Zeit für ihn, als ob Schlaf und Wachen ein einziger Traum geworden wären; so erlöst ihn der Beifall dieser klugen und herzlichen Menschen aus dem Gefühl seiner Unbrauchbarkeit. Die Schreibfehler in der Handschrift verspricht Iselin selber zu beseitigen; auch schickt er gleich einen Brief an den Verleger Decker in Berlin, ob er das Buch herausbringen wolle? Um ihm aber zu den vielen Tauben auf dem Dache doch einen Spatz in die Hand zu geben, offenbart er ihm zum Abschied, als er bis Liestal mit ihm gegangen ist und da auf die Post wartend im Ochsen noch ein Glas Wein trinkt, daß die Aufmunterungsgesellschaft zwar nicht ihm allein, aber doch ihm zu gleichen Teilen mit dem Professor Meister in Zürich den Preis von zwanzig Dukaten zuerkannt habe.

Es geht mir wie dem Mann, sagt Heinrich Pestalozzi, der am Sonntag zehn Louisdor verloren hatte und sich am Montag freute, weil er drei Kreuzer fand.

57.

Schon Anfang September erhält Heinrich Pestalozzi Nachricht, daß der Verleger Decker aus Berlin in Basel gewesen sei und ihm für jeden Druckbogen einen Louisdor als Honorar bewilligt habe. Das wäre vormals nicht viel gewesen, jetzt aber bedeutet es für den ausgeplünderten Neuhof eine Quelle, die bei sparsamer Verwendung seine Insassen auf eine gute Zeit vor Nahrungssorgen schützt und Heinrich Pestalozzi mutig macht, auch noch den Rest seines Tabellenpapiers vollzuschreiben. An eine neue Erzählung vermag er nicht zu denken, so voll sind ihm noch Kopf und Herz von dieser. So beginnt er noch im Herbst, bevor das Buch gedruckt ist, eine Erläuterung dazu zu schreiben, die er »Christoph und Else« nennt! In einer angeblichen Bauernhaushaltung läßt er abends seine Geschichte von Lienhard und Gertrud lesen und besprechen, wobei er dann wieder selber auf der Bühne erscheinen und den Vorgängen der Handlung seine Nutzanwendung mitgeben kann: So sind die Leiden und Schäden des Landvolks, so sind die Wurzeln seiner Kraft und Urkraft, und so kann der Verwilderung geholfen werden! Aus der Abendstunde eines Einsiedlers werden Abendstunden einer gutwilligen Gemeinschaft.

Er ist noch mitten in dieser Arbeit, als der Tod in der Familie seiner Frau vorspricht und sich die kränkelnde Mutter, gebotene Holzlaub, heimholt. Dem alten Zunftpfleger, dem der braune Bart längst weiß geworden ist, wird es danach unheimlich im Pflug, wo seine Söhne eigenwillig schalten; er zieht der einzigen Tochter nach, an der immer sein Herz gehangen hat. So wird der Haushalt um einen Greis vermehrt, dem das Leben die Augen zur Freundlichkeit und Milde geöffnet hat, obwohl er von Haus aus zornig war. Von seinem Vermögen ist nur noch ein bescheidener Altersteil in seinen Händen; aber auch damit bringt er eine Sicherung in den Neuhof, die wohlig empfunden wird und das Gefühl einer vorsichtigen Wiederherstellung verstärkt. Als dann zur Ostermesse endlich »Lienhard und Gertrud« erscheint und seine Wirkung macht, sodaß vieler Augen sich auf den Neuhof richten, finden sie nicht mehr die Trümmerstätte selbstverschuldeter Armut, als die er den Bauern im Birrfeld und dem selbstgerechten Bürgersinn der Zürcher gegolten hat.

Der erste, der ihm Gutes berichtet, ist Iselin, der zwar bescheiden die dankbare Widmung aus dem Buch beseitigt hat, aber stolz und beglückt durch den Erfolg zu seinem Schützling steht. Er gibt Nachricht von dem Beifall der Zeitungen in Deutschland und wie man dort nach dem ungenannten Verfasser des Dorfromans riete; auch sammelt er, was Rühmens in den Schweizerblättern steht, und hat einen fröhlichen Eifer damit, ihm nach den ersten spärlichen Posten ganze Stöße von gedruckter Anerkennung in den Neuhof zu schicken.

Heinrich Pestalozzi, dem die Mißachtung einen bösen Bannkreis um seine Einsamkeit gezogen hatte, sieht sich in die Beleuchtung eines rasch wachsenden Ruhmes gestellt, in den nun mancher wieder hineinlärmt, der sich vorher still beiseite getan hat; denn ob sein Name nicht auf dem Deckel des Buches steht, dafür sorgen die fleißigen Gerüchte, daß überall, wo die Gestalten von Lienhard und Gertrud in ein Schweizerhaus eintreten, auch der Armennarr von Neuhof als ihr Pate gilt. So ist es kaum noch nötig, daß Iselin den Namen des Verfassers in den Ephemeriden bekannt gibt; wohl aber scheint es ein Signal zu sein für die Kutscher und Postillone, die nun fast täglich Besucher nach dem Neuhof bringen. Sie finden da einen freundlichen Greis, der sich über den Ruhm seines Schwiegersohnes um seiner verhärmten Tochter willen freut und gern ein Wort spricht; einen elfjährigen Knaben, der als das Jaköbli mit den Bauern auf einem vertraulichen Spielfuß steht und augenscheinlich beliebter bei ihnen ist als sein Vater; eine Frau von dreiundvierzig Jahren, die sich dem Schwall nach Möglichkeit entzieht; endlich ihn selber, dem das braune Gesicht mit Rünzelchen verkritzelt ist, als ob er sechzig statt erst fünfunddreißig wäre, der aber alle fröhlich willkommen heißt, nicht eitel, doch sichtbar glücklich, daß er nun endlich Macht über die Menschen gewonnen hat, wie er sie für seine Dinge jahrelang vergeblich erflehte. Als eines Morgens der Wagen des Herrn von Effinger mit zwei galonierten Dienern vor dem Neuhof hält, ihn nach Schloß Wildegg als Ehrengast zum Essen abzuholen, und als noch am selben Tag von der Ökonomischen Gesellschaft in Bern fünfzig Dukaten mit einer goldenen Denkmünze ankommen, da scheint es zu Ende mit seiner angeblichen Unbrauchbarkeit, da ist Heinrich Pestalozzi, der gescheiterte Landwirt und Armennarr auf Neuhof, ein Schweizerbürger geworden, auf den die Augen seines Volks mit Stolz sehen. Und nun endlich kann auch die Stunde nicht mehr fern sein, wo aus Reichen und Armen, Klugen und Törichten, Herrschaften und Beherrschten die Volksgemeinschaft wird, darin die Menschenbruderschaft des Evangeliums aus der Sonntagspredigt in die wirklichen Wohnungen und Geschäfte der Menschen kommt. Er ist auf der Höhe seines Lebens, als er diesen Glückstraum erlebt; die Gier und Sehnsucht seiner Jugend, die Radbrüche seiner ersten Fahrten und der grausame Unfall gelten ihm nun nichts mehr, da er sich durch die Hand des Schicksals, die er in einem tieferen Sinn als die Sonntagsgläubigen und Kirchenbeter Gott nennt, in Schuld und Sorgen zu solcher Erfüllung geführt sieht.

58.

Könnte Heinrich Pestalozzi die siebzehn einsamen Wartejahre danach voraussehen, darin er die Kräfte seiner Mannesjahre aufreiben soll, bis ihn das Schicksal an die Dinge selber statt an die Worte läßt, so würden ihm die Knospen kaum so schwellen, wie nun, wo er im Rausch des Erfolges noch einmal die stürmischen Säfte seiner Jugend fühlt. Er hat im Vorwort seines Buches angekündigt, daß die Erzählung aus dem angeblichen Dorf Bonnal nur die Grundlage eines Versuchs wäre, dem Volk mit einigen Wahrheiten in den Kopf und ans Herz zu gehen. Auf alles, was als Tugend oder Laster an seinen Gestalten sichtbar wird, Heuchelei und Tapferkeit, Hoffart und Sparsamkeit, Freiheitsliebe und Tyrannei, auf alles läßt er nun Christoph und Else in ihren Abendstunden mit dem Zeigestock hinweisen, und er selber gibt die feurige Lehre seiner in tausend Nöten durchglühten Erfahrung dazu, um die Quellen der Bosheit und des Elends in den Zuständen und in der Gesetzgebung Europas darzustellen.

Ein Drittel seines Buches hat er so erklärt, als ihn der Eifer drängt, näher mit dem Volk zu sprechen; Iselin redet ihm zu, und so gründet er sich selber eine Wochenschrift, die er »Ein Schweizerblatt« nennt. So hitzig ist er in seinem Eifer, daß er fast alles selber darin schreibt; er wird wieder der Marktschreier der Zurzacher Messe, aber diesmal sind es nicht Baumwollentücher, sondern Einsichten und Weisheiten, die er unablässig, mit Witz und hinreißender Gläubigkeit gemischt, anpreist: »Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den Staub erhebt, ist schöner als Himmel und Erde!«

Mitten in seinem Glück hört er schon wieder den Tod an die Tür klopfen, und an einem Julitag fährt er im Innersten bewegt nach Basel, Iselin, der ihm fast ein Vater war, zu begraben. Durch ein Gewitter erreicht er die Post nicht mehr, und er ist gerade dabei, sich in Brugg auf eigene Hand einen Wagen zu heuern, als Füeßli mit dem Doktor Hirzel durchfährt. Die nehmen ihn mit, und so wird es eine Freundesfahrt der Lebendigen zu dem Toten; denn auch die andern haben Iselin geliebt, wenn sie auch nicht soviel Freundschaft von ihm erfahren konnten wie er. Während sie so durch die grünen Täler hinfahren, manchmal im Schritt, weil es scharf bergan geht, dann wieder trabend, will Füeßli wissen, was er jetzt schreibe. Und weil Heinrich Pestalozzi durch den Tod Iselins erst recht in seinem Eifer entzündet ist, jeder Stunde zu achten, damit von seinem Leben ein Nutzen für das arme Volk bleibe, spricht er von seinen Abendstunden und merkt lange nicht, daß die beiden schweigen und ihn fast traurig ansehen.

Ich dachte, sagte Füeßli endlich und kollert vor Zorn, daß du jetzt dein Metier gefunden habest und wenigstens im Schwabenalter vernünftig würdest, aber dich reitet die Bessermacherei, bis sie dich ganz vom Neuhof ins Spital verschupfen! Über die bösen Worte ist Heinrich Pestalozzi so erschrocken, daß er ihn fragt, wie er das meine. Er sehe doch, wie die Menschen durch sein Buch gerührt würden, warum er die dargebrachte Rührung nicht für die Menschlichkeit ausnützen solle! — Als ob die Leser dem Verfasser jemals ihre Rührung gäben, antwortet Füeßli und ist nun selber bitter geworden. Sie erwarten und nehmen sie als Genuß von ihm für ihr ausgelegtes Geld, gleich einem Kirschwasser oder einem Schweinebraten auch!

Sie begraben danach den Ratsschreiber in Basel; es ist ein Sarg, wie Füeßli grausam vor Trauer sagt, darin der Hummelvogt den selben Platz gehabt hätte. Für Heinrich Pestalozzi wird alles zum Verhängnis seit dem bösen Wort im Wagen. Er hat es längst gespürt, daß er mit seinem Buch nichts als ein Menschenmaler geworden ist, von dem man nun weitere Bilder verlangt. Wenn die Bauern im Birrfeld sich hämisch freuen, daß er es seinem Widersacher Märki gut gegeben habe, oder wenn die literarischen Blätter die Vortrefflichkeit seiner Charakterschilderung rühmen: es ist das Gleiche, daß sie ihn als ihren Spaß- oder Rührmacher halten, nicht aber ihm redlich ins Menschliche folgen wollen. Er vermag nicht, mit den beiden wieder heimzufahren, tut sich vor der zudringlichen Begrüßung des berühmten Verfassers scheu zur Seite und wandert frühmorgens heimlich aus Basel fort. Unterwegs gelüstet es ihn, das bäuerliche Paar in Frick aufzusuchen, das ihn damals so freundlich genächtigt hat, in der Sehnsucht, von ihm andere Botschaft des Volkes zu hören als von den Gebildeten.

Er trifft sie auch und bleibt zum zweitenmal bei ihnen zur Nacht, nicht anders aufgenommen als beim erstenmal, obwohl der Ziegenhirt nicht mehr da ist. Aber als er enttäuscht, daß sie nicht selber davon sprechen, zuletzt nach ihrer Meinung über sein Buch fragt, haben beide zwar einiges davon gehört, jedoch nichts daraus gelesen. Wir sind Bauern, Herr Pestalozzi, sagt der Mann treuherzig, und seine Frau nickt ihm zu: wir haben unser Tagwerk; was soll in einem Buch von unserm eigenen Leben stehen, daß wir nicht selber wüßten? Und unsere Nachbarn? Wir reden selber nicht schlecht von ihnen, warum sollen wir lesen, wie das ein anderer tut!

Es sind zwei Grabschriften, die Heinrich Pestalozzi von dem Begräbnis seines väterlichen Freundes mitbringt und die nun in den Gärten seiner Hoffnungen stehen. Er schreibt zwar danach noch tapfer sein Schweizerblatt, Woche für Woche; aber daß es eigentlich keine Leser hat, das nimmt er nun erst wahr. Als die ersten dreißig Abendstunden von Christoph und Else erscheinen, die wie ein Katechismus des bäuerlichen Lebens in alle Strohhütten gehen sollen, ist die Wirkung so schwach, daß der Verleger das Buch nicht weiter drucken will. Unterdessen singen die Blätter das Lob von Lienhard und Gertrud unablässig weiter, bis der kleinste Kalender davon voll ist. Ich habe das Pferd vorn und hinten eingespannt, denkt Heinrich Pestalozzi; und da auch der Verleger um eine Fortsetzung seines Romans drängt, gibt er sich tapfer daran, seine Pläne an dem Dorf Bonnal seiner Dichtung zu versuchen und statt Ermahnungen und Vorschlägen die Darstellung einer angeblichen Besserung zu geben. Ehe er es hofft, ist ein zweiter Band von Lienhard und Gertrud fertig, aus dem nun der Ratsschreiber Iselin die dankbare Widmung an seinen Schatten nicht mehr ausstreichen kann. Die Neugier hilft, daß er diesmal noch gelesen wird; aber die den ersten Band gepriesen haben, sind an dem zweiten enttäuscht und finden, daß der Verfasser sich wiederhole und in der langen Jugendgeschichte des Hummelvogtes nur eine überflüssige Nachrede brächte. Es ist mit dem Ruhm und der Wirkung seiner Schriftstellerei wie mit einem der Bäche im Kalkgebirge, die irgendwo stark aus dem Boden brechen, eine Zeitlang trügerisch in der Sonne fließen und dann wieder im Gestein verschwinden.

59.

Daß Heinrich Pestalozzi durch den Pfarrer seines Buches die Jugendgeschichte des Hummelvogtes so ausführlich erzählen läßt, kommt nicht von ungefähr. Das Jaköbli ist nicht nach seinen Hoffnungen geraten; in den sechs Jahren der Armenanstalt ist es als Sohn der Hausmutter vor dem Gesinde und den Zöglingen von selber der Prinz geworden, an dem die einzelnen sich ein Wohlwollen verdienen wollen; im wechselnden Drang der häuslichen Umstände danach zwischen die überlieferten Erziehungsansichten der Mutter und die neumodischen Absichten seines Vaters gestellt, hat seine Natur nicht die Ruhe an den Wurzeln gehabt, die Kindern das Nötigste von aller Wartung ist. So ist er mit zwölf Jahren wohl ein großer Knabe geworden, aber ohne Festigkeit und geplagt von dem Eigensinn seiner reizbaren Art, die zwischen der Heftigkeit des Vaters und der zärtlichen Liebe der Mutter ihre Hinterhalte hat.

Was an Abhärtung getan werden konnte, um der Weichlichkeit seiner Natur zu begegnen, das hat Heinrich Pestalozzi spartanisch an ihm geübt, auch ist er mit List und Stärke dabei gewesen, seinen kindlichen Eigensinn zu brechen — bis der gefährliche Untergrund dieser Eigenschaften im Ausbruch seiner Krankheit herzschneidend zutage kommt. Es ist in der Zeit, da die Stimme anfängt zu wechseln; er hat einen Korb mit Pflanzkartoffeln aus dem Keller holen sollen und kommt nicht wieder. Als Heinrich Pestalozzi heftig hinunterläuft, sitzt er verträumt vor einem Spinnennetz; die Überraschung mag zu jäh gekommen sein: ehe Heinrich Pestalozzi bei ihm ist, tut der Knabe einen Schrei und fällt hin wie ein Toter. Doch hat er ihn kaum an der Schulter gefaßt, als das Leben mit unheimlichen Zuckungen wieder anfängt. Das fallende Weh rast in ihm und Heinrich Pestalozzi, der als eifernder Vater zu hadern gekommen ist, sieht sein armes Kind in dem fahlen Kellerlicht Mächten überliefert, die seiner Strenge wie seiner Liebe spotten. Erst als alles vorüber ist und der Knabe aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht, wagt er die Lisabeth zu rufen.

Seine Hoffnung, daß es ein einzelner Anfall gewesen sein möge, wird nicht erfüllt; die Krankheit kommt zurück und steht seitdem warnend hinter jedem ärgerlichen Wort, das er dem Knaben sagen will. Das Grauen nimmt ihm für lange den Mut; denn deutlicher als jemals sieht er, wie das Schicksal des Menschen als einer Kreatur nicht an eigene oder fremde Verschuldung allein gebunden ist, wie Glück und Unglück aus den Naturgründen des Lebens kommen und alle sittliche Sorgfalt zu verhöhnen scheinen. Lange versucht er, das Unheil Anna zu verheimlichen, die bei dem ersten Anfall in Hallwyl war; als sie es eines Tages doch erlebt — sie sind in den Letten hinaus spaziert und müssen ihn da in den rotblühenden Klee legen — meint er in dem entsetzten Blick der Mutter einen Vorwurf zu spüren, der ihm lange nachgeht und bald darauf eine peinliche Ergänzung findet. Er hört, daß die Leute in Birr der unvernünftigen Abhärtung — den Knaben von kleinauf, auch im Winter, im eiskalten Brunnenwasser zu waschen — die Erkrankung zuschreiben. Die Gewohnheit behält immer recht! sagt er bitter, aber ein grausamer Rest ihrer Schadenfreude bleibt zurück und quält ihn mit Zweifeln, ob er dem Knaben ein rechter Vater gewesen sei. Er sieht nun erst, daß der Jakob kaum lesen und schreiben kann und auch sonst gegen die Kinder seines Alters zurück ist. Am Ende kommt er mit Anna überein, ihn für ein Jahr oder zwei nach Mülhausen in eine Erziehungsanstalt zu geben, die ihm durch seinen Vetter, den Doktor Hotze in Richterswyl, empfohlen ist; die zage Hoffnung auf seine Heilung muß ihnen über den schweren Abschied forthelfen.

Auf der Rückreise sucht er einen Herrn Battier in Basel auf, der ihm noch durch Iselin bekannt geworden ist; ein Kaufmann, der fest im Sattel seiner zahlreichen Geschäfte sitzt, aber allen menschenfreundlichen Dingen mit der Kraft seiner unabhängigen und kühnen Natur zugewandt blieb; der will den Jakob nachher in die Lehre nehmen. Vorläufig aber hat er von all den kläglichen Nöten gehört, in denen der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud immer noch lebt, und setzt ihm hartnäckig zu, eine Liste seiner Schulden und Verpflichtungen aufzustellen. Es wird eine quälende Stunde für Heinrich Pestalozzi, in dem blitzsauberen Kontor und vor dem schneeweißen Halstuch dieses Kaufmanns seine verzwickte Lage zu offenbaren; auch vermag er aus der Erinnerung unmöglich durch den Urwald seiner Bedrängnisse hindurch zu kommen. Er weicht ihm schließlich aus mit dem Verspruch, ein genaues Verzeichnis seiner Güter und ihrer Belastung aufzuschreiben; aber der Kaufmann ist nicht für Ausflüchte: dann wolle er sich, wenn es ihm recht sei, den Neuhof einmal selber ansehen, und zwar gleich andern Tags, da er doch in Geschäften nach Zürich müsse!

So kommt Heinrich Pestalozzi am nächsten Morgen nicht bescheiden mit der Post aus Basel fort, wie er gedacht hat, sondern in dem blitzblanken Reisewagen des Kaufmanns Battier mit zwei Apfelschimmeln, die den Postwagen schellenklingelnd überholen und auch weiterhin nicht wie die Postgäule bei jeder Steigung aus dem Trab fallen. Mein Leben hat zwei Straßen, sagt er seinem unternehmenden Begleiter, als er Stück für Stück der wohlbekannten Landschaft flinker als sonst nahen sieht: auf einer bin ich von Zürich gekommen und die andre bringt mich zeitweils nach Basel; es will mir scheinen, daß die Basler mir allmählich geläufiger wird! Das ließe sich ändern, sagt Battier und legt ihm von hinten — als ob er ihn umarmen wolle — die Hand auf die Schulter: Wenn Sie selber nach Basel zögen, wäre es wieder nur die eine Straße, auf der Sie gekommen sind, und zu Ihrem Sohn hätten Sie es näher!

Es zeigt sich bald, daß dies nicht nur eine Augenblicksrede war; denn als der Kaufherr noch am selben Nachmittag stundenlang unermüdlich gewesen ist, jeden Acker in Augenschein zu nehmen, mit vielen Scherzen, als ob das alles nur ein Spaß dem schönen Wetter zuliebe wäre, und als sie danach bei einem Glas Landwein in der Stube sitzen, holt er aus seiner Tasche ein Bündel Papiere heraus, die längst schon in der saubersten Ordnung enthalten, was er soeben gesehen hat: jeden Acker nach seinem Tageswert abgeschätzt, und daneben das Verzeichnis aller noch ungelöschten Schulden und Verbindlichkeiten in einer Vollständigkeit, daß Heinrich Pestalozzi erstaunt und erschrocken zugleich ist; denn wenn es vor den Augen eines nicht einmal übel gesinnten Geschäftsmannes so mit ihm steht, brauchte nur das Soll mit dem Haben vertauscht zu werden und die Rechnung ginge so auf, daß er in der Mitte mit nichts übrig bliebe. Er muß an den Bankier aus dem Geschwundenen Schwert in Zürich denken, der damals auch so im Handumdrehen seinen Besitz beaugenscheinigte; nur daß der Basler sich den Bericht des Bedienten anscheinend schon vorher verschafft hat. Aber dann kommt statt der Enttäuschung von damals die Überraschung: das sei der Vermögensstand von heute; aber wie die Felder ständen und wie sie durch resolute Behandlung werden könnten, in dieser Differenz läge ein möglicher Zukunftsgewinn für einen praktischen Mann, der den Neuhof heute zu dem gültigen Satz übernähme. Dieser Käufer wolle er selber sein und ihm also schon jetzt die Zinsen des zukünftigen Wertes als eine Rente zahlen, die ihn und die Seinen mit einem Schlag sorgenlos mache und ihm erlaube, ungehindert seiner Schriftstellerei zu leben!

Heinrich Pestalozzi spürt die herzliche Absicht in dem Vorschlag; er sieht, wie der Mann glüht, ihm wohlzutun: aber er ist den schmerzlichen Blick noch nicht los, mit dem er seinen Knaben in der Franzosenstadt im Elsaß gelassen hat. Es ist ein blauer Himmel, der sich da nach Gewitter und Nebelschwaden auftut; nur würde er seinem Sohn das Erbe ableben, wenn er den Vorschlag annähme! Auch wäre es für ihn selber ein Verrat an seinen Plänen, die er heimlich viel ernsthafter trägt, als der Basler ahnen kann, der schließlich wie die andern auch nur den Schriftsteller in ihm sieht. Er nimmt die angebotene Frist bis zur Rückkehr aus Zürich an, lässt den Kaufmann mit fröhlichem Peitschenknall gegen Abend nach Baden fahren und steht winkend an der Straße. Aber als Battier nach drei Tagen wiederkommt, ist er mit Anna tapfer entschlossen, nicht die verlockende Fahnenflucht zu machen, sondern nach soviel überstandenen Bedrängnissen auszuharren und, sei es selbst durch bittere Nöte, dem Sohn das Hoferbe zu erhalten.

Battier nimmt die Absage seines edel gesinnten Vorschlags zunächst als Eigensinn, und er sagt das auch in der ersten Verstimmung, sodaß es diesmal einen unbewinkten Abschied gibt. Aber schon nach drei Tagen ist ein fröhlicher Brief von ihm da, als ob nichts anderes im Vorschlag gewesen wäre: er wolle die drängenden Schulden auf sich nehmen ohne Kauf und Verzinsung, nur gegen eine bestimmte Anerkennungsgebühr. Jetzt braucht es also nur, sagt die Lisabeth, der er den Brief zeigt, daß ich fleißig bin und daß der Herr Pestalozzi nicht über jeden Bettler mit einem Gulden herfällt!

60.

Unterdessen geht Heinrich Pestalozzi schon gegen die Vierzig; es kann ihm geschehen, daß er wie ein uralter Rabe dasitzt und über die Trümmerfelder seiner Mannesjahre wehmütig in die ferne Jugend denkt. Die erste Neugier um den Einsiedler auf Neuhof hat sich längst gelegt, und es ist selten, daß ein Wanderer oder gar ein Wagen den Weg zu ihm aufs Birrfeld findet. Solange der Knabe noch dagewesen ist mit seinen Spielen und Gesprächen, hat die Einsamkeit nur zum Besuch kommen dürfen; nun wohnt sie in seiner verlassenen Kammer und macht sich täglich breiter im Haus. Die einzige Verbindung mit den Vorfällen der Welt besorgt die Schaffhauser Zeitung, die Heinrich Pestalozzi Samstags im Gasthof zum Sternen in Brugg liest. Da ihm der Weg dahin allmählich zu mühsam wird, namentlich bei schlechtem Wetter, hat er sich angewöhnt zu reiten. Sein struppiges Pferdchen ist, wie die Bauern sagen, genau solch eine Vogelscheuche wie die Pestilenz selber, und da er immer noch die Gewohnheit seiner Jugend hat, das Tier mit dem Zügel im Trab zu halten, gibt er einen merkwürdigen Reiter ab, dem die vornehmen Kurgäste aus Baden oder Schinznach mit spöttischem Vergnügen begegnen.

Als er so eines Samstags sein Pferd am Sternen angebunden hat und drinnen bei einem Kirschwasser die Schaffhauser Zeitung liest, ist ein Fremder da, der ihn ungeduldig abwartet, ihn dann aber klug in ein Gespräch verwickelt, daß Heinrich Pestalozzi bald merkt, einen Mann von Kenntnissen vor sich zu haben, der auch seine Schriften und Taten genau kennt, obwohl er sonst wie ein Handelsmann aussieht. Ehe er noch eine Absicht des Mannes merkt, hat der ihm beigebracht, daß seine wie alle ähnlichen Mißerfolge nur von der Vereinsamung der einzelnen Menschenfreunde kämen, die wie die Prediger in der Wüste lebten und auf die zufälligen Bekanntschaften angewiesen wären. Wenn die sich etwa an den Jesuiten ein Beispiel nehmen und sich zu einer Gemeinschaft der Heiligen zusammen tun wollten, würde der Einzelne mit einem Schlag eine Macht bedeuten. Nur dürfe es keine öffentliche Gesellschaft mit dem Ehrgeiz der Führer und der Scheu der einzelnen Mitglieder sein: Wie zum Beispiel der Geheimorden der Illuminaten Hunderte von Mitgliedern hätte, deren keins das andere persönlich kenne, weil jedes nur mit einem selbstgewählten Namen geführt würde, aber unter diesem Decknamen mit jedem einzelnen korrespondieren könne, und zwar mit vermögenden und hochstehenden Persönlichkeiten.

Das Gespräch dauert bis in die Dunkelheit, und Heinrich Pestalozzi hätte es gern noch fortgesetzt, so beglückt ihn diese geheimnisvolle Möglichkeit, seine Ideen bei Ministern und Fürsten anbringen zu können. Aber der Fremde, der seinen Stand und Namen nicht einmal andeutet, muß mit der Post nach Baden zurück, von wo er gekommen ist. Er sagt ihm noch, daß eine Nachricht von Augsburg kommen würde, die er an die selbe Stelle beantworten möge, und läßt ihn in einem Schwall von Hoffnungen zurück, mit denen er nachher in einem gespenstischen Galopp durchs nächtliche Birrfeld reitet.

Durch diese Begegnung ist der Docht seiner Pläne wieder ins Glimmen gebracht; tiefer als jeder andere glaubt er die Not des Volkes zu kennen; während die Wohltätigkeit vergeblich an den bösesten Löchern flickt und, wie er sagt, die Gerechtigkeit in der Mistgrube der Gnade verscharrt, hält er die Menschenbildung als Heilmittel in der Hand. Er hat von dem Herzog von Württemberg gehört, der mit den Seinen als einfacher Landmann lebt; nun spürte er in der Rede des seltsamen Fremden einen Hauch dieses Geistes aus Deutschland herüber wehen, und als die angekündigte Schrift aus Augsburg kommt, tritt er mit weitgreifenden Hoffnungen in den Bund der Illuminaten ein, obwohl ihm die Geheimniskrämerei daran von Anfang an mißbehagt.

Er legt sich nach dem sagenhaften König der Angelsachsen den Namen Alfred zu und ist mit fiebrigem Eifer dabei, ein Memorial nach dem andern in den namenlosen Bereich des Ordens hineinzusenden, wie ein geschäftiger Apotheker sein Heilmittel anpreisend. Es gelingt ihm auch bald, über seine Vorschläge zur Menschenbildung mit einflußreichen Persönlichkeiten in einen direkten Briefwechsel zu kommen, unter denen der Herzog von Toskana und Graf Zinzendorf, der Minister Josefs II. in Wien, die wichtigsten sind. Von allen Zeiten seines Lebens ist diese nun die seltsamste, wo er sich in der bäuerlichen Verborgenheit des Neuhofs allmählich seinen Landsleuten aus dem Augenkreis verschwinden und den Ruhm seiner Schriftstellerei nach jedem neuen Buch mehr versiegen sieht, während er mit Ungestüm an das Gewissen von Ministern und Fürsten klopft. Den ersten Teil von Lienhard und Gertrud hat er noch im Angesicht des Birrfeldes geschrieben, und die Abendstunden von Christoph und Else haben als Katechismus in die Strohhütten gesollt: nun wachsen sich die beiden letzten Bände von Lienhard und Gertrud immer mehr in Gesetzesvorschläge hinein; aus dem Ungetüm der Wirtshäuser wird das Ungetüm der Verwahrlosung überhaupt, und an die Regierenden in Europa geht sein Aufruf, es mit dem Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu bekämpfen.

Er ist acht Jahre älter geworden seit dem ersten Band, als er den vierten hinaussendet, und er stapft schon mit einem Fuß auf die Fünfziger zu; die Straßen nach Basel und Zürich geht er nun gleich wenig, wohl aber studiert er auf der Karte die Reise nach Wien, wo Zinzendorf sich immer mehr für seine Dinge erwärmt und wo der Glanz des Kaisers seine Hoffnungen anlockt. Für die Bauern im Birrfeld bleibt er die Pestilenz, die sie nun schon wie etwas Zugehöriges über die Straßen reiten oder Sonntags in der Kirche nach seiner Gewohnheit am Halstuchzipfel lutschen sehen; für die weitere Heimat ist er die Vogelscheuche seines Ruhms geworden, die immer noch den unnützen Phantastereien seiner Jugend nachhängt und sich den letzten Ausweg zum Wohlstand als Schriftsteller mit dem angeborenen Ungeschick verbastelt hat.

61.

Lisabeth, die Magd, ist in den Jahren fleißig und sparsam gewesen, wie sie Heinrich Pestalozzi versprochen hat; sie hält die verkleinerte Wirtschaft über Wasser, bis der Jakob sie übernehmen kann. Der ist aus Mülhausen durch den tapfer sorgenden Battier in seine Handlung in Basel übernommen worden, um einmal besser als sein Vater für die geschäftliche Führung gerüstet zu sein. Doch läßt ihn seine Krankheit nicht mehr los; als er wieder auf den Neuhof kommt, ist es auf den ersten Blick ein großer und starker Jüngling, aber für Heinrich Pestalozzi stehen ihm die Spuren seines Zustandes zu grausam im Gesicht, als daß er seiner froh werden könnte.

Er ist ein Vierteljahr da, als der Vater Annas in seinem fröhlichen Greisentum kränkelt; der Tod nimmt ihn weg, bevor ein längeres Siechtum ihn mißmutig machen könnte. Sie begraben ihn an einem harten Wintertag hinter dem kleinen Schulhaus in Birr; auch die Brüder Annas sind da, und einer entäußert sich des gemeinsamen Verdrusses, daß sie nun ihren Vater, der doch ein Zürcher Bürger und Zunftpfleger gewesen sei, auf dem bäuerlichen Kirchhof im fremden Aargau begraben müßten, alles um der Projekte seines Schwiegersohnes willen! Heinrich Pestalozzi weiß, daß ihn viel mehr die Unstimmigkeiten mit den Söhnen auf den landfremden Altenteil getrieben haben — wodurch ihm die eigene Mutter scheu in der Einsamkeit des Roten Gatters geblieben ist — er hört aus den Worten des Schwagers schon die Entscheidungen heraus, die nachher kommen sollen, als es gilt, den Rest der Erbschaft aus dem Pflug zu teilen; denn so fern die Geschwister Schultheß allem stehen, was nach einem Erbstreit aussehen könnte, so wenig verhehlen sie ihre Besorgnis, daß auch der letzte Teil Annas in neuen Plänen verschwinden möge. Es findet sich auch eine Klausel im Testament, und ehe sich Heinrich Pestalozzi dessen versieht, ist er in endlose und manchmal hitzige Verhandlungen verwickelt, in denen sein eigener Sohn den Prozeßgegner vorstellt. Es wird schließlich ein Pakt gemacht, laut welchem er seinem minderjährigen Sohn Jakob den Neuhof für sechszehntausend Bernergulden verkauft; doch erhält er dieses Geld nicht, sondern es werden damit die Brüder Annas und andere Gläubiger abgelöst.

Es ist eine klare Regelung, und Heinrich Pestalozzi kann mit dem Ergebnis zufrieden sein, da es den Neuhof für seinen Sohn sichert, wie er es selber gewollt hat; auch werden die Beratungen mit dem Respekt geführt, den man dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud schuldig zu sein glaubt: aber das mildert nur wenig an der Grausamkeit, mit fünfundvierzig Jahren schon ausgezogen und auf die freiwillige Unterhaltung durch seinen Sohn gesetzt zu sein! Und bitterer noch als dieses Ergebnis sind die Bedenken, die dahin führten und die ihn — so sehr es auch verklausuliert wird — gleich einem Verschwender entmündigten.

So bin ich denn lebendig begraben! spottet Heinrich Pestalozzi grausam, als er seinen Namen unter den Vertrag gesetzt hat und unter dem Vorwand, in Bern mit dem Herrn von Fellenberg unterhandeln zu müssen, nicht mit Anna auf den Neuhof zurückgeht. Er kommt an dem Tag nur bis Kirchberg; denn als er da gegen Abend mit der Post durchfahren will, erschüttert ihn der Anblick der bekannten Fluren so, daß er aussteigt und sich in wehmütige Erinnerungen verliert. Es sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem er hier gelernt hat, und da der Vater Tschiffeli seit zehn Jahren in der Erde liegt, stehen die Felder längst nicht mehr von ihm bereitet da. Die Krappkultur ist auch hier bis auf spärliche Reste eingegangen, und wo damals junge Alleen führten, hängen jetzt vereinzelte Bäume verwildert im roten Laub: Ich bin Landwirt geworden, sagte er, wie ein Brot in den Backofen sollte; da haben sie mich vergessen, und ich bin in den Krusten vertrocknet!

Es fällt ihm ein, wie er hier mit Anna umher gegangen ist, mehr sie den Leuten, als ihr die Dinge zeigend; und weil sie damals einen Ausflug nach Burgdorf und seinem ragenden Schloß gemacht haben, läuft er noch am selben Abend durch den Mondschein dahin. Er kommt erst in der Nacht an und sieht nur noch im Unterdorf Licht in einer kleinen Wirtschaft, weil eine Kuh kalbt. Da findet er zwar ein Lager, aber er schläft nicht bis in die Frühe, und als dann endlich die bleierne Ermüdung auf seine rastlosen Gedanken gefallen ist, wird er bald wieder aus dem Morgenschlaf geweckt. Er träumt, daß er noch eine Armenanstalt habe und sich eifrig mit den Kindern plage; aber wie er wach wird, ist es die Hintersassenschule nebenan mit ihrem Lärm. Es lockt ihn nachher, als er mit der Morgensuppe fortgeht, die Schultür zu öffnen und in den Raum hinein zu sehen, wo immer noch wie damals in der Hausschule zu Zürich der Lehrer mit einem Stock schreiend in der Klasse herum wandert. Der Mann bemerkt ihn gleich und läuft unwirsch auf ihn zu: was er wünsche? Heinrich Pestalozzi sieht an seiner Schürze, daß es ein Schuhmacher ist, und die Bitterkeit schießt ihm auf, daß in der Schule das gleiche Elend geblieben ist durch vier Jahrzehnte: Ich wünsche, daß dies anders werden möchte! sagt er und geht fort, während der verdutzte Schulmeister in der Tür steht und dem Landstreicher nachsieht.

Von Burgdorf nach Bern sind es fünf Stunden; er braucht den ganzen Tag dazu. Ich komme doch überall Zu früh, sagt er doppelsinnig zu sich selber, indem er bald hier, bald dort seinen Einfällen nachgeht und so schließlich erst gegen Abend vor dem Stadttor steht, bestaubt von der Straße und auch sonst unansehnlich genug. Zufällig sieht ihn da der Offizier der Wache, dem er verdächtig scheint; er fragt ihn nach seinem Namen, den er nicht weiter kennt, und da der Wanderer an seinem Halstuch lutschend ihm blöd vorkommt, läßt er ihn ohne weiteres als einen Landstreicher abführen. So kommt Heinrich Pestalozzi statt zu dem Ratsherrn von Fellenberg ins Fremdenarmenhaus, und seine Stimmung ist so, daß er sich nicht einmal ungern dahin abführen läßt; es ist ihm oft genug von den Züricher Freunden als sein sicheres Ziel prophezeit worden. Meines Besitzes ledig, ohne Amt oder Beruf, auf nichts als auf die Einfälle meiner Feder gestellt und auch damit längst nicht mehr willkommen: was bin ich vor ihrer bürgerlichen Ordnung anders als ein Bettler!

Als er seine Suppe und nachher ein Bett erhält, die eine wohlschmeckend und das andere sauber, vergeht sogar seine düstere Stimmung: er findet sich besser aufgehoben als zur vergangenen Nacht in Burgdorf, und die Freude, daß für die anwandernden Armen in Bern so gut gesorgt ist, macht ihn fast fröhlich. Er schläft gut, ißt andern Morgens in der Frühe wieder seine Suppe und macht sich Freund mit seinen Leidensgenossen. Ich habe eine Frau, ein Gut und einen Sohn gehabt, es ist ein Strudel von Sorgen und Aufregungen um mich gewesen, ich bin berühmt geworden mit einem Buch und wieder vergessen mit einem andern: aber alles das war mein Leben nicht! Ich hätte arm sein und bleiben sollen wie einer von diesen; das andere hat mich vom Notwendigen abgebracht und in tausend Alltäglichkeiten verstrickt, die nicht die Atemzüge wert waren, die ich dran wandte!

Er bleibt noch bis gegen Mittag da; erst, als er nachher eine Weile spazieren will, merkt er, daß sie ihn gefangen halten, und schickt dem Herrn von Fellenberg einen Zettel. Es dauert nicht eine halbe Stunde, so kommt der Ratsherr selber angeritten, und der Aufseher kann sich nicht genug verwundern, wie er vom Pferd springt und dem angeblichen Landstreicher um den Hals fällt. Hernach scheint er gereizt genug, sie alle um das Versehen anzufahren; aber Heinrich Pestalozzi legt ihm sogleich die Hand auf den Arm und lächelt ihn listig an mit allen Runzeln seines Gesichtes: Ich wollte doch nur sehen, wie ihr mit Betten und Suppen für die Landarmen sorgt!

62.

Erst als er mit dem Ratsherrn, der sein Pferd am Zügel führt, durch die Straßen von Bern geht, gesteht sich Heinrich Pestalozzi den Zweck seiner Reise ein: Fellenberg hat ihn dem Grafen Zinzendorf empfohlen; nun will er seinen Rat und andere Weisungen für Wien holen, denn nichts anderes als eine Wanderung dahin hat er im Sinn. In den Neuhof zurückzukehren, scheint seinem Trotz unmöglich, und sonst gibt es in der Schweiz nichts mehr für ihn zu tun; in Zürich, Basel und Bern, überall ist er der lästige Projektemacher. Zinzendorf war ziemlich der einzige, der ihm über den vierten Teil von Lienhard und Gertrud begeistert geschrieben hat; wenn er ihm unter die Augen träte — er hat sich den Augenblick hundertmal ausgemalt — könnte es garnicht fehlen, daß der Minister auch eine Stelle fände, sein Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu versuchen!

Fellenberg scheint diesen Reiseeinfall zunächst für einen Witz zu halten; er fitzt ein paarmal mit der Reitgerte durch die Luft und lacht dazu, als sie nachher miteinander auf einer Fensterbank sitzen: Das wäre allerdings keine üble Szene, wenn er in Wien als Wunderdoktor aufträte! Aber als Heinrich Pestalozzi mit einem Freudenruf aufspringt und redend ins Zimmer läuft, wie wenn er schon vor dem Grafen stände, wobei er sich freilich in einen Teppich verfängt und stolpert, fällt der Ratsherr ihm in den Arm, setzt sich aber gleich hin, ingrimmig lachend und den Kopf abermals schüttelnd wie einer, der mit seinem Verstande zu Ende ist. Je mehr sich Heinrich Pestalozzi in die Einzelheiten seines phantastischen Plans hinein redet — wie er als dramatischer Dichter versuchen will, dem ganzen Hof ins Gewissen zu reden — je schweigsamer wird der andere; bis beide schweigen und Fellenberg sich mit aller Gewandtheit seiner Diplomatie daran gibt, das Schaukelbrett wegzuziehen, darauf die Pläne seines Gastes gebaut sind: Der Wiener Hof und der Graf Zinzendorf hätten zur Zeit andere Dinge zu bedenken; der Kaiser Josef, durch dessen Eifer alle Mühlen in Österreich so eifrig am Mahlen gewesen wären, läge sterbenskrank darnieder, verbittert am Widerstand seiner Zeit. Er würde ihn wohl kaum noch lebend finden, wenn er in Wien ankäme; und so große Hoffnungen auch auf seinen Bruder Leopold, den Herzog von Toskana, als seinen Nachfolger zu setzen wären — Heinrich Pestalozzi habe ihm ja immediat schreiben dürfen und besitze sicher einen Gönner in ihm — er würde den Staat in einer Verfassung finden, die fürs erste auf andere Dinge als noch mehr Reformen ginge! Und was er sich sonst unter Wien und seinem Hof vorstelle? Es könne ihm passieren, daß er, einmal versehentlich ins Armenhaus gebracht, nicht so leicht wieder herauskäme wie hier. Jedenfalls würde ihn der Graf Zinzendorf kaum selber herausholen!

Es hilft nichts, daß Heinrich Pestalozzi seine Gegengründe mit den Armen heran bringt, diese Dinge kennt der Ratsherr besser als er; und da der ihm weder in Bern noch sonst in der Schweiz einen Platz für seine Experimente weiß, tritt er nach drei Tagen, gedemütigter als er gekommen ist — trotz aller ehrenden Sorge des Ratsherrn — seine Rückreise nach dem Neuhof an. Da es sein muß, vermag er den Weg nicht durch eine neuerliche Wanderung in die Länge zu ziehen; er fährt mit der Post und langt nach einer durchrumpelten Tagesfahrt nachmittags in Lenzburg an, von da über den Berg zu laufen. Er will sich im »Löwen« noch stärken für den Marsch, als ihm sein Sohn aus der Tür mit einem Mädchen entgegentritt, das er nach der ersten Überraschung als eine Brugger Tochter namens Fröhlich erkennt, die auch schon einigemal im Neuhof gewesen ist. Die beiden haben sich, wie sie abwechselnd errötend sagen, zufällig hier in Lenzburg auf dem Markt getroffen und wollen mit ihren Eltern im Wagen nach Brugg heimkehren. Da er ablehnt, mitzufahren, und der Wagen schon wartet, treten sie garnicht mehr mit ihm ein; so kommt er trotz der Begegnung allein mit dem Abend ins Birrfeld hinunter, nun völlig sicher, daß kein Platz mehr für ihn und seine Pläne auf dem Neuhof ist.

63.

Es geschieht so, wie Fellenberg prophezeit hat; nach einigen Monaten liest Heinrich Pestalozzi in der Schaffhauser Zeitung, daß der edle Kaiser Josef im neunundfünfzigsten Jahr seines Lebens und im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung gebrochenen Herzens gestorben sei. Damit ist der Rest seiner heimlichen Hoffnungen allein auf seinen Nachfolger Leopold gestellt, und im Herbst wagt er es, ihm mit einer Schrift durch den Grafen Zinzendorf seine Dienste anzubieten. Aber auch damit hat Fellenberg recht gehabt, der Brief bringt ihm nie eine Antwort ein, und während er nach Trostgründen sucht, stirbt der neue Kaiser seinem Bruder rasch hinterher.

Unterdessen ihm die Weltgeschichte diese Striche durch seine phantastische Rechnung macht, beeilt sich sein Sohn Jakob mit der Anna Magdalena Fröhlich von Brugg; im einundzwanzigsten Jahr macht er Hochzeit, und seitdem sitzt Heinrich Pestalozzi wirklich auf dem Altenteil im Neuhof. Seine Frau ist nun fast immer bei ihrer Freundin auf Schloß Hallwyl, und ihn treibt seine einsame Ruhelosigkeit nach Zürich, wo er den Rest seiner Freunde gelegentlich um neue vermehrt. Noch immer ist es die gelobte Stadt schwärmerischer Jünglinge, denen die Lage am See, der Ausblick ins Gebirge, dazu die gastliche Geselligkeit ihrer reichgewordenen Bürger und nicht zuletzt das durch Bodmer — den auch nun längst gestorbenen — begründete literarische Leben einen Zauber von freier Schönheit vortäuschen. Obwohl seine Schriften weder im Einklang mit dem Wesen der Stadt noch mit ihrem Ruf stehen, ist der Verfasser von Lienhard und Gertrud doch für manchen der fremden Jünglinge eine Bekanntschaft, die ihnen zugehörig scheint; und das Angenehmste, was Heinrich Pestalozzi von seinem Ruhm erlebt, wird ihm von ihnen gelegentlich in Zürich zuteil.

So trifft er einmal einen jungen Holsteiner namens Nicolovius, der mit dem Grafen Stolberg nach Zürich gekommen ist und sich — wie er Heinrich Pestalozzi sagt — seit Beginn der Reise darauf gefreut hat, ihn zu sehen. Die norddeutsche Kühle des jungen Mannes entspricht wenig dieser warmen Versicherung, und er erwartet eigentlich nicht viel, als er ihn einlädt, ihn einmal auf dem Neuhof zu besuchen. Wie er dann aber kommt, ist er ohne seinen Grafen viel weniger steif, und als sie erst einen Spaziergang miteinander machen übers Birrfeld und Müligen nach der Reuß hinunter, erschließt er ihm bald sein Herz. Der Jüngling hat all seine Schriften mit glühendem Eifer gelesen und den Plan seines eigenen Lebens darauf gebaut. So erlebt Heinrich Pestalozzi ganz unvermutet an ihm das Glück einer wirklichen Jüngerschaft; in der Gedrücktheit seiner Lage wird das ein berauschendes Erlebnis für ihn, und wie er trotz Iselin und Battier niemals zu einem der Schweizer Freunde hat sprechen dürfen, so öffnet er diesem Jüngling sein Herz. Er kommt fröhlicher als seit langem heim, und darum fällt ihm die Traurigkeit so schneidend ins Herz, als um einer Besorgung willen sein Sohn ins Zimmer tritt und die beiden nebeneinander stehen, ziemlich gleich groß im Bau, aber der eine stumpf und von der Verbitterung seiner Krankheit mißmutig, trotzdem er das fröhlichste Frauenzimmer der Welt sein eigen nennt, der andere hell, klug und voll Schwung, ein junger Bach, in den er alle Trübheit seines Alters gießen könnte, ohne die gläserne Helligkeit zu trüben. Ach wäre es mein Sohn! schreit eine Stimme in ihm auf, wieviel leichter stände ich in der Welt, einen solchen Erben meiner Wünsche für die Menschheit zu haben! Und um nicht weinend über diesen Zwiespalt dazustehen, läuft er hinaus gegen den Wald, mit stürzenden Tränen wie in seiner Jugend.

64.

Nicht lange danach macht Heinrich Pestalozzi die erste größere Reise seines Lebens; die Tante Weber in Leipzig ist gestorben, und weil er am ehesten abkömmlich ist — wie ihm der Vetter Hotze in Richterswyl nicht ohne Spott beibringt — reist er als Erbbevollmächtigter seiner mütterlichen Familie hin. Er reist gern, weil er sich freut, das Bärbel wiederzusehen, das ihm in den fünfzehn Jahren als Frau Groß nicht untreu geworden ist und aus seinen Briefen von allem Schicksal weiß. Dahinter aber lockt die Hoffnung, daß er nun selber in dieses große Deutschland fährt, aus dem ihm immer noch das stärkste Echo gekommen ist. Vielleicht, daß er doch einen Reichsfürsten für seine Pläne findet!

Die Fahrt geht noch im nassen März über Schaffhausen, Ulm, Nürnberg, Bamberg; aber diese Städte sind nur die größeren Nachtpausen in der endlosen Fahrt, die durch ein Gewirr von waldigen Hügeln, Wiesentälern und Ackerfeldern unaufhörlich über neue Grenzen in immer fremdere Gebiete führt. Wie es heißt, sind deutsche Heere nach Frankreich gezogen, den gefangenen König zu befreien, und überall begegnet er den Spuren dieses Feldzugs, sodaß er froh ist, nach einer fast vierzehntägigen Reise endlich in Leipzig zu sein. Er findet seine Schwester, die als Mädchen fortging, als eine stattliche Matrone wieder an der Seite eines Mannes, der vom ersten bis zum letzten Augenblick des Tages keinen andern Gedanken hat als sein Geschäft. Die Förmlichkeiten der Erbschaft denkt er bald zu erledigen und danach den eigenen Sachen nachzugehen; aber eine Eingabe zieht die andere nach sich und ein Anwalt den andern; schon nach acht Tagen sitzt er vor einem Berg von Akten, und jedes Papier hat die Sache schwieriger gemacht. Dabei ist er ein Schweizer unter lauter Sachsen, und so komisch er ihre Sprache findet, sie können das Lachen nicht verhalten vor der seinen. Selbst wenn er jemand für seine Sache eifrig gemacht hat, zerstört ein Gespräch mehr, als drei Briefe Nutzen brachten. Ist er in der Schweiz mit seinen Taten der Narr der Leute gewesen, so wird er es hier mit seiner Erscheinung; er vermag schließlich nur noch ängstlich über die Straßen zu gehen, weil immer wieder die Buben mit Gelächter hinter ihm drein laufen.

Sein geheimer Plan, nach Weimar oder sonst an einen Fürstenhof zu fahren, verdrückt sich dadurch; verschüchtert und ingrimmig über die langwierigen Termine und die Ergebnislosigkeit seiner Reise fängt er bald an, Heimweh nach seiner Schweiz zu kriegen, und eher, als er gedacht hat, ist er auf der Rückfahrt. Nicht einem Menschen hat er ernstlich von seinen Dingen sprechen können, aber mit seinen Luftschlössern im Ausland ist er trotzdem fertig. Er hat gesehen, daß Zürich und Leipzig für ihn dasselbe ist; hier wie dort gibt es Stadtbürger, deren Namen einem gefüllten Geldsack den Klang verdankt; hier wie dort sind diejenigen weiße Raben, die mehr als ihren Vorteil wollen, nur daß er die weißen Raben daheim allmählich kennt und zu beurteilen weiß, während er dort nicht einmal zu einer oberflächlichen Kenntnis kommt! Auch auf der Heimreise sieht er nichts von den Ländern, durch die sein Postwagen fährt. Überall Postmeister, Stadtsoldaten und Zöllner, Schlagbäume und mürrisch geöffnete Stadttore. Ohne ein eigentliches Erlebnis kommt er gedemütigt wieder an und nicht geneigt, mehr als seinen geschäftlichen Bericht von der Reise zu geben. Daß er zweimal dicht am Rheinfall vorüber gefahren ist, erfährt er erst, als man ihn danach fragt.

Das einzige, was er mitbringt, sind die ungeheuren Vorgänge in Paris, von denen täglich neue Blutberichte nach Leipzig kamen. Noch lebt der König, aber schon weiß man, daß er kaum mehr als ein Gefangener der Empörer ist. Auch sonst scheint die Weltordnung einzustürzen; das Elend und die Verzweiflung der Armut stehen auf, wie Heinrich Pestalozzi es längst befürchtete, und da er das Heilmittel angepriesen hat, die Regierungen mit ihren Völkern übereins zu bringen, kommt er sich wie ein Prophet vor, auf den niemand hören wollte. Aber als bis in den Hochsommer hinein sich die Schreckensnachrichten häufen, sodaß es scheint, als ob Paris den Untergang Jerusalems noch einmal erleben solle, bekommt er die Nachricht, daß ihm die Nationalversammlung der Empörer in Paris das Ehrenbürgerrecht des französischen Volkes verliehen habe. Achtzehn Ausländern ist es zugesprochen worden, und neben den weltberühmten Namen Washington, Klopstock und Schiller sieht er den seinigen geehrt, wie er es niemals geträumt hätte.

Er ist wieder einmal mit Hans Heinrich Füeßli zusammen — den sie unterdessen in Zürich auf den Lehrstuhl für vaterländische Geschichte am Collegium Carolinum berufen haben — als die Nachricht eintrifft: Das ist was Rechtes, spottet der, um seine Freude zu verbergen, Ehrenbürger einer Räuber- und Mörderbande zu sein! Aber in seinem Kopf haben alle Gedanken schon eine neue Windrichtung angenommen: Wo Heinrich Pestalozzi Ehrenbürger wird, sagt er fest, und bleibt in seiner Gläubigkeit allem Hochmut fern, ist etwas Gutes im Wege! Für eine Räuberbande könnten sie landauf, landab schon andere Leute finden, auch in Zürich.

Trotzdem, ein Ehrenbürger des Aufruhrs bleibst du, sagt Füeßli nun gleichfalls ernst und setzt seinen Hut auf, weil er doch gehen will! Da gibt ihm Heinrich Pestalozzi die Hand, und jedes Rünzelchen seines braunen Gesichts scheint einzeln zu lächeln: Du meinst, weil ich selber ein Aufrührer sei? Ich hätte freilich gern euren Brei gerührt, er war zu zäh für meine Holzlöffel, die mir nacheinander zerbrochen sind. Was gilts, die haben eiserne Löffel, und ihr werdet daraus essen müssen!

65.

Seit diesem Tag ist ein Schein in der Welt, der Heinrich Pestalozzi das Blut unruhig macht; er fühlt, daß es die Sache der Menschheit ist, die in Paris verhandelt wird, und soviel Greuel da mit Greueln totgeschlagen werden: er wartet aus der wilden Mordnacht getrost auf ein Morgenlicht, das auch seinen Dingen scheinen soll. Für ihn bedeutet die Verkündigung der Menschenrechte auch die der Menschenpflichten; während die Franzosen ihrem König den Kopf abschlagen, schreibt er in einer glühenden Schrift sein klares »Ja oder Nein« zu dem Aufruhr der verwahrlosten Menschennatur; und weil er sieht, wie nun das Christentum von denen zur Hilfe gerufen wird, die es bisher nicht brauchten, scheut er sich nicht, die Übereinstimmung der christlichen Lehre mit den sozialen Forderungen der Revolution in einer zweiten Flugschrift darzulegen. Aber er findet keinen Drucker in der Schweiz für diese Kühnheiten, und seine Freunde sind erlöst, daß er sie ins Schubfach legt.

Indessen Heinrich Pestalozzi so die flackernden Brände der Zeitgeschichte in den Spiegel seiner Ideen nimmt, sitzt er selber noch überflüssig auf dem Neuhof im Altenteil; so kommt ihm eine Anfrage seines Vetters, des Doktors Hotze, recht: Der will eine längere Reise nach Deutschland machen, wo seine Tochter einen Herrn von Neufville in Frankfurt heiratet, und er soll ihm über den Winter das Haus in Richterswyl hüten. Er sieht sich als stellvertretender Hausherr in die Sorglosigkeit eines wohlhabenden Hauses am See verpflanzt, den Freunden in Zürich mit einer nicht zu umständlichen Schiffahrt erreichbar und mitten in einer Landschaft, die ihn mit den letzten Gesängen der Weinernte umfängt und gegen das rauhe Birrfeld ein einziger Garten ist. Zum erstenmal in seinem unrastigen Mannesleben weicht die Täglichkeit der Sorgen von ihm zurück, und während er in den ersten Tagen sein zeitweises Besitztum abschreitet, gegen den See hinunter und bis an den Wald hinauf, kommt es ihm vor, als habe er in seinem Leben noch keinen Spaziergang gemacht.

Wie er nun eines Tages unten am See sitzt und sich von der letzten Wärme der Herbstsonne durchschauern läßt — es ist dieselbe Stelle, wo ihn die Mutter damals auf den Armen ins Haus holte — muß er an den Knaben im Federhut denken, der es unterdessen bei den Kaiserlichen zum General gebracht hat. Wo sind meine Taten? fragt er da in die blausonnige Seewelt hinaus, und alles, was er an großen Dingen versuchte, erst mit seinen mißlungenen Gründungen, danach mit seiner Feder, scheint ihm ärmlich und zerstreut. Wohl hat er mit Lienhard und Gertrud einen Plan aufgebaut, wie der verwahrlosten Menschheit zu helfen wäre, aber der Plan ist auf das Herrenrecht gegründet gewesen, das er nun überall wanken sieht. Er ist nicht auf den Grund der Menschennatur gegangen, er hat seine Vorschläge an Verhältnisse geklebt, die sich vor der großen Abrechnung, die nun kommt, nicht halten können, und so bröckeln sie mit ihnen hin. Nichts scheint ihm fest in dieser Zeit, als der Gedanke der menschlichen Verpflichtung, der sich im Schicksal der Tage aufringt und aus dem allein die Ordnung der Zukunft kommen kann.

Er sitzt noch mitten in dieser Rechnung, als er drei Männer vom Haus herunter an den See kommen sieht, von einer Magd zu ihm gewiesen: Landfremde, die er aus Zürich kennt, zwei Deutsche und der dänische Dichter Baggesen; der eine Deutsche aber, namens Fichte, hat die Tochter einer Freundin in Zürich geheiratet und ist ihm dadurch wie durch den Steilflug seiner Gedanken vertrauter geworden. Wie die drei gerade in dieser Stunde daher kommen, wird ihm alttestamentlich zumut, so wohl tut ihm ihre Gegenwart. Noch sind sie keine Stunde da, als er schon tief im Gespräch ist, wie nichts nötiger sei als eine Nachforschung über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Die Abrechnung mit der alten Zeit ist da, und allein aus der Natur kann die Formel für die neue gefunden werden. Er hat ein Gefühl, als ob ihm in der Tiefe ein Strom aufgebrochen wäre, daraus seine Rede zur Sprache des Lebens selber würde. Und da es Männer sind, die wie er diese Zeit im Innersten erleben, die nicht wie die Regierenden und Besitzenden händeringend um die bedrohte Macht und ihren Reichtum dastehen, sondern in sich die Seele und das Schicksal ihres Volkes und der Menschheit fühlen, spricht er nicht rauben Ohren. Der Tag geht hin und die halbe Nacht; und obwohl sie kaum Wein dazu trinken, ist ein Rausch in ihnen, daß sie sich aller Dinge kraft ihres Geistes mächtig fühlen.

Als gegen Mitternacht der Mond aufgeht, treten sie noch einmal hinaus, wo eine alte Linde ihre Äste über den Hof senkt. Das ist unser Freiheitsbaum, sagt Heinrich Pestalozzi und faßt die Hände seiner Nachbarn: seine Wurzeln im Saft der Erde halten die Krone im Wind; kein dürrer Steckling, sondern eine gewachsene Kreatur! Ehe sie es selber merken, hat sich auch Fichte als der vierte eingefaßt, sodaß sie in einem Ring um den Lindenbaum dastehen. Aber der Stamm ist so dick in den Wurzeln, daß sie sich alle vier ihm dicht zuneigen müssen und mehr in einer Umarmung als zum Reigen dastehen: Es ist nichts mit dem Tanzen, sagt Heinrich Pestalozzi, jetzt weiß ich, warum die Freiheitsbäume der Franzosen so dünn sind!

66.

Danach fühlt Heinrich Pestalozzi, wie alles in seinem Leben der Auflösung entgegengeht. Nach dem Winter in Richterswyl findet er sich nicht mehr in den Neuhof zurück; wohl hält er sich auch danach noch wochenlang dort auf, aber seitdem seinem Sohn eine Tochter Marianne geboren ist, die ihn zum Großvater macht, sitzt et nur noch wie ein Zuschauer dabei, wenn sie sich abends im Lichtkreis um den Tisch sammeln — es ist immer noch die Messinglampe, die ihm schon in Müligen geleuchtet hat und bis auf den Tag das Staatsstück des Hauses vorstellt. Er ist nun wieder viel und gern bei seiner Mutter, die noch einmal nach der kleinen Stadt hinübergezogen ist, wo sie mit einer Aufwärterin in zwei Stuben ihr einsames Wesen hat; denn auch das Babeli liegt bei St. Leonhard begraben nach seinem tapferen Leben. Sie ist nun in der Mitte der Siebziger, schlohweiß und eingeschrumpft; doch weiß sie noch immer, daß sie eine geborene Hotzin ist, und Heinrich Pestalozzi erfährt manchen Tadel, weil er nicht acht gibt auf ihre Ordnung und Reputation. Am liebsten hat sie, wenn er vom Bärbel und seinem Besuch in Leipzig erzählt und wie da alles in den Glanz des bürgerlichen Lebens gekommen ist, den sie entbehren mußte; es gibt Fragen, die sie schon hundertmal gestellt hat und deren Antwort sie doch immer mit der gleichen glücklichen Neugier abwartet. Auch ein paar dunkle Stellen sind da um den andern Sohn, wo sie den Kopf schüttelt und am Boden wie auf einer Landkarte den Verschollenen sucht; doch kennt Heinrich Pestalozzi die Brücken, um sie rasch hinüberzubringen in die sicheren Umstände ihrer Täglichkeit.

Eines Tages im März wacht sie nicht mehr auf aus ihrem Mittagsschläfchen; aber als er sie findet, liegt abgegriffen und weich, kaum noch wie ein Papier, der letzte Brief ihres Johann Baptista unter der Schürze, als ob sie ihn auch noch vor dem Tod ängstlich verstecken wolle.

Nun stehen wir vorn, sagt Heinrich Pestalozzi zu seiner Frau, als sie von dem Kirchhof bei St. Anna zurückkommen und abgesondert von den Leidtragenden in die leere Wohnung der Mutter gehen: wir beide sollten nun hier wohnen und auf den Herold mit der Sense warten! Aber Anna Schultheß, die auch schon achtundfünfzigjährig und eine rechte Großmutter ist, hat in den dreißig Jahren gelernt, daß nichts weniger als abwarten seine Sache ist: Wer weiß, sagt sie und lächelt ihn mit der Güte an, die über alles Schicksal ihr edles Teil für ihn geblieben ist: wer weiß, auf welchen Wegen wir noch gehen und den Herold abholen müssen!

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