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Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha, Erster Band

Zweites Buch

Reading edition

Erstes Kapitel Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den der wackere Biskayer und der tapfere Manchaner hielten

Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend, zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren Moment stand die treffliche Geschichte still und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen könne.

Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte sich in Mißvergnügen, wenn ich an die Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen, seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken und Kindereien ausmalten, wenn sie auch noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen, daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben, sondern ich schob die ganze Schuld auf die Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte.

Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von Henares befanden, so müsse auch die Historie selber neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft, des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten, den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden, wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte, daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche Lobpreisungen verdiene; die Arbeit und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß, wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen, wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese Geschichte auf folgende Weise.

Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo, da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen Neigung, nahm einige Blätter von denen, die der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben, konnte sie aber nicht lesen und sah mich also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl welche für unverständlichere und ältere Sprachen finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei, gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm das Buch in die Hand gab; er schlug es in der Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache, und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei. Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea von Toboso, die so oftmals in dieser Historie genannt wird, hatte nach Berichten unter allen Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand, Schweinefleisch einzupökeln.«

Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen, er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische übersetzte, folgendermaßen: Historia des Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen zu verbergen, da ich den Titel des Buches hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären, wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen können.

Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte, wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo er in ungefähr einem und einem halben Monat alles so übersetzte, wie man es hier findet.

Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt, sie standen in derselben Stellung, wie sie die Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt; zugleich war das Maultier des Biskayers so täuschend abgebildet, daß man es auf einen Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte. Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben, Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich sein Name war, unter Rosinantes Füßen war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen, mit einem so hervorstehenden Rückgrad und einem so anständigen Betragen, daß er beim Beschauen bewies, wie passend und mit welcher Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei. Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden. Ich könnte noch einige andere Abweichungen anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag, sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in ein helleres Licht setzt.

Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte, geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten, deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen, Beispiel und Rat des Gegenwärtigen, Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der Übersetzung folgendermaßen an. — — —

Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer, die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend war, dem edlen Mute und allen künftigen Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen; aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte, drehte das Schwert seines Gegners, so daß es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen Gekrach auf die Erde stürzte und eine Strecke weit wegflog.

Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut genügend zu beschreiben, die das Herz unseres Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah! Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob, das Schwert mit beiden Händen faßte und damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert war, trotz diesem herrlichen Schirme der Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen, auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht, lief übers Feld und warf seinen Herrn mit wenigen Kapriolen auf den Boden.

Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle, sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind, wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten, herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten, ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.

Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen, bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen Donna Dulzinea zu präsentieren, damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten möge.«

Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen, versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen werde, was man ihm gebiete. — »So sei es denn im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden sein kann.«

Zweites Kapitel Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho Pansa, seinem Stallmeister

Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet, daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen lassen möge, über welche er ihn, seinem Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne. Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert hat.«

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend, Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche, keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld, es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr eintragen sollen.«

Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an, bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf, als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut, Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen habt, so ist er imstande, alles der heiligen Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns wieder herauslassen.«

»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er auch tausend Homizidien begangen hätte.«

»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich nichts an.«

»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«

»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut, ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im Schnappsack.«

»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin ersparen.«

»Was für eine Flasche und was für ein Balsam ist das?« fragte Sancho Pansa.

»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet), die Hälfte des Körpers, die auf den Boden gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein Fisch.«

»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich mich der Regierung der versprochenen Insel begeben, und ich verlange zum Lohn meiner vielen und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen, ob es ihn zu machen viel kosten wird.«

»Mit weniger als für drei Realen kannst du drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.

»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«

»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote, »noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr schmerzt mich mehr als ich es sage.«

Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm verdorben war, wollte er unsinnig werden; er legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien, wo sie am umständlichsten geschrieben stehen, eben das Leben zu führen, welches der große Marquis von Mantua führte, als er schwur, den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf erwiesen.«

Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt, mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan hat, was ihm zukömmt, und also keine andere Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen begeht.«

»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete Don Quijote, »ich vernichte also den Eid, insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich das nach, was sich in Ansehung des Helmes des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar war.«

»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen! Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit und Drückendes hat, wie in den Kleidern zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren, nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr, daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten Männer reisen, die gar keine Helme tragen, ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen Helm haben nennen hören.«

»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote, »denn nicht zwei Stunden werden wir auf den Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen, als nach Albraca kamen, um Angelika, die schöne, zu entsetzen.«

»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho, »und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen, die mir so köstlich ist; dann will ich sterben.«

»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls unbekümmert sein darfst, denn wenn uns auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese Nacht herbergen und den Balsam machen können, von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«

Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind schicken.«

»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das, was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon versichert sein, wenn du so viele Historien wie ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden, daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten, denn sie waren eben solche Menschen wie wir es sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus ihren Angeln heben willst.«

»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich will aber künftig den Schnappsack mit aller Art von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin, will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die kernigter und gewichtiger sind.«

»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien, nichts als die Früchte zu essen, von denen du da sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt darin und in etlichen Kräutern bestand, die sie im Felde fanden und kannten und welche ich ebenfalls kenne.«

»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen, wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft Nutzen zu ziehen.«

Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit. Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen; aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter, das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden, bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine Ritterschaft beweisen könne.

Drittes Kapitel Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten begegnete

Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt, daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden, nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind, die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen, damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt, daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke. Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie alle Dinge gleich macht.«

»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, wenn ich nur langsam kauen soll, wenig trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt, da ich ein Diener und Zubehör der irrenden Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber in was anderes verwandeln, das mir bequemer und nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in Ewigkeit.«

»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen von diesem Rotwelsch der Edelknaben und irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.

Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln, wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war, als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn war auch nicht müßig, denn es ging häufig herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.

Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete hierauf seinen Mund zu folgenden Worten: »O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten, nicht weil man damals das Gold, welches in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann, sondern weil unter denen, die damals lebten, die beiden Wörter mein und dein unbekannt waren. In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein, keiner durfte für seinen gewöhnlichen Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken, um sie von den starken Eichen zu pflücken, die einladend und freigebig die süße und gesunde Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her, womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe, Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder diente. Damals schweiften die einfältigen und schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die Tugend damals und immer zu verhüllen geboten hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen, die der sinnende Müßiggang erzeugt. Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt. Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit, weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen. Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter, denn keiner richtete damals und keiner wurde gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth verborgen und verschlossen hielte: denn auch dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte, listerfüllte Begier hinein und vereitelt und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter begründet, um Jungfrauen zu verteidigen, Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme und den freundlichen Willkommen danke, welche sie mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet, den irrenden Rittern freundlich zu sein, so habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen, aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich Euch um so mehr.«

Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm, ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still, aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten, an einen Korkbaum gehängt hatten.

Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen machen, daß einer von unseren Kameraden singen soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer, klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher wünschen kann.«

Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja. Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte, sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio, den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen. Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt, und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen die Freude und spiele und singe die Romanze, die dir dein Oheim gemacht hat und die dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« — »Sehr gern,« sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:

Antonio.

Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst, Wenn du kein einziges Wörtchen sagst -- Mir nicht einmal ein Blickchen gibst, Der Liebe stummredende Sprache. Ich weiß, daß du ein verständiges Kind, Daß du mich liebst, macht's wieder kund, Der weiß, wie der andre ihm gesinnt Macht ja immer den glücklichsten Bund. Oft freilich, wollt' es sich weisen Olalla, deutlich genug, Daß wohl deine Seele von Eisen -- Von Stein deine milchweiße Brust. Aber sie alle ja deine Reden, Die Worte, womit du mich strafst, Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden, Die lallten mir Trost zu im Schlaf. Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen, Kam meine Liebe dir immer zurück, Sie verminderte niemals dein Keifen, Sie vermehrte kein freundlicher Blick. Wenn Liebe wohl immer ist artig, Und artig bist du gewiß, So tröst' ich mich, Monate wart' ich Und endlich doch liebest du mich. Wenn Dienste es können bezeugen Daß man im Herzen gerührt, So will ich nicht alle verschweigen, Die ich für dich ausgeführt. Denn, wenn du geachtet so weit, So hast du mich oftmals gesehn In meinem schön' Sonntagskleid Am Montage selber noch gehn. Es gehn ja das Putzen und Liebe Wohl immer Hand in Hand, Und daß ich dir angenehm bliebe Drum habe so viel aufgewandt. Dir zuliebe so laß ich das Tanzen, Musizieren und auch Reimerei, Da ich sonst immer gesungen Schon vom ersten Hahnengeschrei. Unerwähnt, wie die Lippen dich loben, Wie schön und trefflich du bist, Daß manch andre deshalben toben Wenn alles auch Wahrheit ist. So wollte Therese von Berrocal Als ich dich lobte, mich strafen. Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal, Er denkt's, ja er liebt einen Affen! Das machen die Bänder, die bunten, Die falschen Haar' auf dem Kopf, Ist keine Schönheit dadrunten, Sie machen die Liebe zum Tropf. Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig, Da trat ihr Vetter ihr bei, Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne, Was er tat, was ich tat dabei. Zum Spaße will ich nicht hofieren, Ich diene dir nimmer darum Daß ich dich möchte verführen, Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm. Ein Joch hat die heilige Kirche, Für mich nur ein Faden von Seiden, Gefällt dir's da drinne zu wallen, So folg' ich mit zehntausend Freuden. Tust du's nicht, so schwört es dir heilig Dein treuster und herzlichster Diener, Aus den Bergen entflieh ich hier eilig, Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!

Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die Nacht mit Singen hinzubringen.«

»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf als durch Musik verlangen.«

»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,« antwortete Sancho.

»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote; »suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es schmerzt mich mehr als billig.«

Sancho tat, was er befahl, da aber einer von den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er, es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen. Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien, der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er versicherte, daß es nun keiner andern Medizin brauche, wie es sich auch befand.

Viertes Kapitel Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft erzählte

Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen, die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im Dorfe los ist?« — »Wie sollen wir es wissen?« sagte einer von den andern. — »Nun, so will ich euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben, der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«

»Für die Marcella!« rief der eine aus.

»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt, »und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen habe und nichts dürfe fehlen, und darüber ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen, was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«

»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten, »und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben und alle Ziegen hüten soll.«

»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich will für euch alle hierbleiben; und das ist keine Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre, sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht laufen kann.«

»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte: »Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe er die Wissenschaft von den Sternen inne und was dort am Himmel Sonne und Mond machten, und buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von Sonne und Mond vorher.«

»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro, ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen, ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«

»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,« rief Don Quijote.

»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät kein Tropfen.«

»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte Don Quijote.

»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen war, als er eines Tages mit einem Male als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug, war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen, Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen, so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf diese närrische Abänderung verfallen wären. Um die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus gestorben, und er erbte von ihm einen Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke und eine ziemliche Menge von großem und kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle, mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er seine Tracht verändert hatte, und es war nichts anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher genannt hat und in die sich der arme gestorbene Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht, gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr als Ysop erleben solltet.«

»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die Namen verstümmelte.

»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«

»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen; aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun nicht weiter unterbrechen.«

»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer, der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst seinem vielen und großen Vermögen auch eine Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter starb, die wohl das herrlichste Weib war hier weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne und auf der andern der Mond stand, und dabei war sie so arbeitsam und gegen die Armen so mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus Gram über den Tod einer solchen braven Frau starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist. Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde, daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber, der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe. Und wahrlich, das wird zum Lobe des braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt. Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man in kleinen Dörfern über alles spricht und über alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends auf dem Lande.«

»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote; »aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«

»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften eines jeden auseinandersetzte, der sie zur Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte. Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen möchte. Denn er behauptete, und das mit Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages, als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte, Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus anlegten und ihr durch die Felder nachzogen. Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können, daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt, und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche, denn ihre Freundlichkeit und Schönheit zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an, und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme die Grausame und Undankbare nennen, nebst anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen, die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen; davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der Name Marzella gegraben und geschrieben wäre; zum Überfluß haben einige noch eine Krone in denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß Marzella unter allen schönen Mädchen allein die Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und über diesen und jenen sowie über jene und diese triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle, die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet, was aus ihrem Übermute werden soll und wer der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe Meile von hier.«

»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen, welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen Geschichte gemacht habt.«

»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die Hälfte von alledem, was den Liebhabern der Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger Zufall mehr zu befürchten ist.«

Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter, sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte erlitten hatte.

Fünftes Kapitel Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella beschlossen, nebst anderen Begebenheiten

Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden, Don Quijote ermunterten und ihm sagten, daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne, wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme, und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten, worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei, um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig sein muß.«

»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo, »und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«

Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt habe, aus welcher sie in Trauerkleidern gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz, er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von Pedro gehört hatte.

Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte, fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land zöge.

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe, welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen, aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger mich zu den niedrigsten zähle.«

Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen irrenden Rittern?«

»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote, »die Annalen und Historien von England gelesen?, in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus erzählt werden, den wir in unserer Sprache gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien geht, daß er nicht gestorben, sondern durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei, und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren, seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel, die vom Don Lanzarote vom See mit der Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:

Niemals ward ein edler Bote So bedient von Damen süß, Wie der große Lanzarote Da er einst Bretagna ließ.

Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt. Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft und erstreckte sich durch viele und verschiedene Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen der tapfere Felixmarte von Hircania und der niemals genug gepriesene Tirante der Weise, und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese, meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß meinen Arm und meine Person der größten Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen zuschicken kann.«

Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends, daß es Don Quijote am Verstande fehle, so wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten wie alle diejenigen, die dies an ihm zum ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger Mann und von fröhlichem Temperament war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher: »Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen, die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube, daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen Stand haben.«

»So strenge mag hingehen,« antwortete unser Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann, der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen, die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten es mit der Stärke unseres Armes und mit den Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht, nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen, welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken, daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger und beschwerlicher, hungriger und durstiger, elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen, die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten Hoffnungen vereitelt sein.«

»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen, in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem Heidentume.«

»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd und liebevoll die Augen auf sie heftet, als flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt; ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt werden. Damit aber muß man nicht glauben, daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen, dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe des Werkes verrichten.«

»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von einer und der andern Seite der Zorn entbrennt, sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen. Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll, sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht alle sind verliebt.«

»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote. »Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter, sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«

»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er sich empfehlen konnte, und doch ward er darum nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus mannhafter und berühmter Ritter.«

Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte. Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich, empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr geheimnisvoller Ritter zu sein.«

»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin, so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt, daß sie von einem so vorzüglichen Ritter, wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«

Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr, der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren, daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso, ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens Prinzessin sein, da sie meine Königin und Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich, denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen und erträumten Schönheitsideale, die die Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen, ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«

»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.

Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes von Katalonien, ebensowenig von den Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas, Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones, Urreas, Foces und Gurreas von Arragon; den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen der Waffen des Orlando schrieb:

Keiner soll sie berühren, Der sich nicht unterfängt Mit Roldan Streit zu führen.«

»Mein Stamm ist von den Cachopines von Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals zu Ohren gekommen.«

»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don Quijote.

Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes. Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte, für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin etwas gehört, so nahe er auch an Toboso lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen, als sie zwischen dem Risse von zwei hohen Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs von ihnen gingen unter einer Trage, die mit mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war. Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus tragen und am Fuße des Felsens, da ist die Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«

Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle, die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre, auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten, beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius, ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem Testament verordnet hat.«

»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh, wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung, wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«

Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam, edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel mit seinen reichsten Geschenken geschmückt hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus, der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit, ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt, er flehte zu einer Unmenschlichen, seine Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen, die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der Erde überliefert ist.«

»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig, einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl. Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit zu übergeben, wenn er es im Unwillen so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr, daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe, damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen wir unsere gerade Straße, um das mit Augen zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens bitte ich dich dringend darum, diese Papiere nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu überlassen.«

Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten, streckte er die Hand aus und faßte einige, die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt, aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht, daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.« Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere enthielten, schlug eins davon auf und sah die Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte, was der Unglückselige geschrieben hat, und damit Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit dem Grabe fertig werden.«

»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten sie sich um ihn und er las mit lauter Stimme folgendes Gedicht ab.

Sechstes Kapitel Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst anderen unverhofften Begebenheiten

Gedicht des Chrysostomus

Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden, Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme, Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen, Zur Hölle selbst will ich die Wege finden, Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme, Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen. Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen, Mein Leiden, deine Taten zu besingen, Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden, Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden, Im armen Busen seufzend widerklingen. So höre denn, und lausche meinen Tönen, Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen, So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen, Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer, Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. -- Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen, Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen: Gegirr der Witwentauben in den Klausen, Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne Der gattenlosen Eule, Klagetöne Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde. O klingt, und helft mir meine Klagen weinen, Daß alle sich zu einem Ton vereinen, In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen, Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden, Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. -- Nie schallten noch so laute Klagen wider Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen, Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten: Doch tönten dort so viele Jammerlieder Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen, In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten: Einsame, sichre Tale, o ihr weiten Einöden, die kein Menschenfuß versehret; Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze, Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze, Die Natter sich im feuchten Schatten nähret: Du Widerhall in diesen Wüsteneien, Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien, Von ihrem unerhörten harten Sinne, Daß ihn die ganze weite Welt erkundet, Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. -- Verachtung tötet, durch des Argwohns herben Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren; Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen: Der Liebende muß an der Trennung sterben: Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren, Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen. Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen; Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben, Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret: Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben. Und unter allen Martern läßt das Hoffen Mir nach dem Lichte keine Spalte offen: Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören; Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. -- Wer kann zugleich in einem Augenblicke Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren! Wenn alles nur gerechte Furcht begründet! Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke, Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren, Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet? Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet, Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen? Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen, Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen? Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen? Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet: Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet; Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände. Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget Verbittert dein Andenken auch mein Ende. -- Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen, Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben, Und meinen festen Glauben fester fassen. Ich sehe dich für einen andern glühen, Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben, Der niemals noch sein altes Reich verlassen: Ich sage, ja, du magst mich immer hassen, So wie dein Körper schön, ist deine Seele, Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden, Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden, Mein Herz in ewig wachen Martern quäle. Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten, Das Grab empfange Körper dann und Seele, Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. -- O du, die wortelos in dem Verachten Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen, Daß ich im Blute meines Herzens wüte: Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten, Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen, Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete: Rührt dich mein früher Tod, o so behüte Den hellen Himmel deiner süßen Blicke, Daß keine Träne ihren Schimmer trübe, Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe, Ich weise jedes Mitleid nur zurücke. Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen, Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen. Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben, Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme, Daß du so früh geendiget mein Leben. -- So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen, Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade, O Sisyphus mit deiner Felsenmasse, Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade, Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse. Verbunden dann mit den Verdammten lasse Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide Vereinen sie sich all mit mir im Singen, Dem Körper Totenopfer darzubringen, Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide. Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet, Und tausend andre Larven aufgetürmet, Sie heulen dann die trauervollen Chöre, Genug dem Liebenden, im Gram gestorben, Denn er verdient nicht größre Totenehre. -- Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte, Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte, Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke Von der, die nur beseligt wird durch Jammer, Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --

Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus, worauf der, welcher es vorgelesen, sagte, daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht, Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.

Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten Gedanken seines Freundes bekannt waren: »Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte, müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt, um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen Zweifeln erschüttert werden, so wurde auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem Argwohn gequält, die er nicht für Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden kann.«

»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde, erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde. Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen die Augen auf sie, wie diejenigen, denen der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit das Leben raubte? Oder kömmst du, um über deine grausamen Taten zu triumphieren? Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen, wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius tat? Sage nur schnell, was du willst oder welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß, wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen, und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch willfahren.«

»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius, führt mich her,« antwortete Marzella, »sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben, zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind, aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen. Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[ und so, daß ihr, ohne weitere bewegende Ursache, mich meiner Schönheit wegen liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig ist; aber das ist mir unverständlich, wie die, weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben, der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen das Auge, lassen aber den Willen frei: denn machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist, daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei, niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele schmücken und verschönen kann: warum soll die, welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren, dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben, so daß man sagen kann, er sei an seinem Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben. Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird, mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist, in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward: wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage, der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging, der rede laut, um den ich klagte, der höhne mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche, ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere. Bisher hat es der Himmel über mich noch nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare, Grausame, diese Unerkenntliche wird keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft wünschen und auf keine Weise keinem folgen. Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus töteten, warum wird meine Ehre und Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht, daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich nicht um den andern, scherze nicht mit diesem, lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft sind die Hirtenmädchen dieser Gegend, meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen, den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer ersten Heimat zurückkehrt.«

Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um, ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken, ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen und sagte mit lauter und verständlicher Stimme: »Niemand, von was Stand und Würden er auch sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen, bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht, daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie als das Edelste in der Welt schätze und verehre, denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die mit so edlen Vorsätzen lebt.«

Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles, was er seinem wackeren Freunde schuldig sei, noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht, die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt, sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius folgende Inschrift wollte eingraben lassen:

Hier liegt ein Opfer der Liebe; Ein Schäfer vom Gefilde, Der Grausamkeit zu milde, Ihn tötete Mißliebe. Er starb dem mächt'gen Triebe Zur undankbaren Schönen, Die durch Verschmähen, Verhöhnen Ihn tötete mit Liebe.

Über das Grab wurden dann viele Blumen und Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius, indem sie ihm wegen seines Freundes einen Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden, die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen, einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern gereinigt habe, mit denen sie angefüllt sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus, als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten. Es kam aber nicht so, wie er es dachte, wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen wird. —

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