Drittes Buch (continued 2)
Reading edition
Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier, wir können ja schnell umlenken und der Gefahr aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet, habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann; da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan hat, indem er Euch von der Prelle lossprach, die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund und frei aus dem Treffen mit der großen Schar kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht, ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen, weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern dachte, aber freilich allzuviel zerreißt den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen, den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe, muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der Linie linker Hand befindet.«
»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote, »diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr werden, wovon du sprichst, da die Nacht so finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel scheint?«
»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho, »aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit vom Tage sein kann.«
»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho, ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante den Sattelgurt festzumachen und dann hier zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder tot, zurück.«
Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte er die Probe machen, was er durch List ausrichten könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse; indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog, band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet, daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt, gegen den Stachel lecken.«
Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen werden oder Rosinante berühriger werden möchte, weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache, nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft verzögern wird.«
»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen, wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer, worauf Ihr wartet, anfassen könnt.«
»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue, was du willst, ich werde meinerseits das tun, was meiner Würde am besten zusteht.«
»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;« zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt, ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen: solche Furcht flößten ihm die Schläge ein, die unaufhörlich abwechselnd erklangen.
Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen habe, worauf Sancho erwiderte, daß er es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch anstrengen, eine Historie vorzutragen, die, wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor allen anderen die schönste Historie ist; nun aber gebt acht, denn ich fange an.
Es war das, was war, das Gute, das uns kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem, der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr, wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland, welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja, diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken auf uns lauern.«
»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«
»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt, die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten, und dieser reiche Hirte — —«
»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,« sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«
»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho, »werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt, ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue Sitten aufbringen soll.«
»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote, »da es das Schicksal einmal will, daß ich dir zuhören muß, so fahre nur fort.«
»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes, unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu sehen glaube.«
»So hast du sie also gekannt?« fragte Don Quijote.
»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho, »aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen und schwören könnte, wie ich selber alles mit meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so Tage gingen und Tage kamen, richtete es der Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen verkehrte, und die Ursache davon war, wie die bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben hatte, die wirklich über die Schnur und ins Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden. Wie nun Torralva merkte, daß sie vom Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«
»So ist der natürliche Charakter der Weiber,« sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie gehaßt werden. Aber fahre fort.«
»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf den Weg nach den Feldern von Estremadura, um von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen. Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem, einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht. Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen und auf dem diesseitigen Ufer war kein Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen, die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege über, er kam zurück und setzte eine andere über, er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr, die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert, so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz auf der andern Seite voller Schmutz und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und nochmal fuhr er über und nochmal.«
»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt haben.«
»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?« fragte Sancho.
»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don Quijote.
»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte ist nun so völlig aus, daß ich nichts weiter erzählen kann.«
»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote, »ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich, ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«
»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte, wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet, so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was noch übrig war und wahrhaftig, das war von nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«
»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun die Geschichte aus?«
»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho.
»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie vorgetragen, was kein anderer Mensch auf der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«
»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten Ziegen einen Fehler macht.«
»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum machte jener Sprünge und blieb auf demselben Flecke, so meisterhaft war er festgebunden.
Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte, oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug, es kam ihm der Wunsch und das Begehren an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute: der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb, war, daß er seine rechte Hand von dem Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte Schleife löste, die ganz allein und ohne irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile reckte, die nicht unansehnlich zu nennen. Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst und Not zu kommen), zeigte sich eine andere, größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können, somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr verschieden von jenem, welches ihn in so große Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?«
»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser, »es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.« Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt, sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug, daß ohne größeres Geräusch und Aussehen als das vergangene, er sich von der Last befreit sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen, so war es nicht anders möglich, als daß einige davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte, worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte: »Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.«
»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als sonst?«
»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht nach Ambra,« antwortete Don Quijote.
»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten Taten herumzieht.«
»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,« sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst du besser berechnen, wer du seist und was du mir schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.«
»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet und ein Ding getan, das nicht sein sollte.«
»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu rühren,« antwortete Don Quijote.
Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte, daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis sei's gesagt, keine andere Courbetten zu machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte sich auch das helle Morgenrot, wobei man die Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten Schatten machen: er hörte aber zugleich, wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts, was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen, nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm, drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen. Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch, was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe, in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche Besoldung für die Zeit seines Dienstes vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig, gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück, so könnte er gewisser als jemals die versprochene Insel erwarten. Sancho fing wieder an zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich, ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn guter Eltern oder wenigstens für einen alten Christen zu halten; auch war sein Herr durch diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte sich so gut er konnte und richtete sich nun nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen Schläge ertönte. Rosinante wurde vor dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu, aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte. Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht hatte, und es waren (wenn du es, mein Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.
Als Don Quijote sah, was es war, wurde er still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen. Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung. Auch Don Quijote sah den Sancho an und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten, mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies parodischerweise diese Worte sagte: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her, die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige, daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch, gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«
»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist, daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich, und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt, Euren Spaß aus mir.«
»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer, das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche Furcht ausgestanden haben? Wenigstens habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«
»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote, »daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.« — »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf dem festen Lande verschenken.«
»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen nicht in der Gewalt des Menschen stehen und sei von nun an für die Zukunft in einem Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für einen großen Fehler, sowohl von deiner als von meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin, dem Stallmeister des Amadis von Gallia, der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens zu verstehen zu geben, sein Name nur ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen Geschichte genannt wird? Aus alle dem Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht, zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch über Euch erzürnen möge, wird es immer übel für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen, wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«
»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,« sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen (wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei den Maurergesellen, verdungen?«
»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote, »daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich dir aber in meinem zurückgelassenen Testament etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen Zeiten die Ritterschaft geraten wird, und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide; denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren Stand, als den eines Abenteurers.«
»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«
»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt werden.«
Siebentes Kapitel Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die dem unüberwindlichen Ritter zustießen
Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine andere Straße als auf welcher sie erst gereist waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don Quijote einen Menschen, der beritten war und auf dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte. Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung, Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche, die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften, geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt: Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände, denn jetzund kann ich es nicht auf meine Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«
»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«
»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote, »was tun denn Helm und Walken miteinander?«
»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«
»Wie kann ich mich in meiner Behauptung irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote, »sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«
»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat, das blitzert.«
»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,« sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich, ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit, dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«
»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke bescheren.«
»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals, ja nicht in Gedanken einmal der Walken erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe — — — ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte dir die Seele zusammenwalken.«
Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr machte das Gelübde vollführen, welches er ihm so kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche Don Quijote sah, verhielt es sich also. In jener Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte, das andere benachbarte aber war mit einem versorgt und daher bediente der Barbier des größeren Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb der Barbier eben kam und ein Bartbecken von Messing mit sich führte, und da es das Schicksal um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut, der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf, welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe Meile weit flimmerte. Er ritt in der Tat, wie Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel und dies zusammen war dem Don Quijote der Apfelschimmel, der Ritter und der goldene Helm, denn es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte, daß der arme Ritter ihm nahe genug war, legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen, die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit dem Vorsatz, jenen durch und durch zu rennen; als er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu, ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig, was mir nach allem Recht zukommt!«
Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb, dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein besseres Mittel den Lanzenstoß von sich abzuhalten, als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit über das Feld rannte, daß ihn der Wind selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ er auf der Erde liegen, womit sich Don Quijote zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig genug gewesen, und daß er dem Biber trefflich nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße, weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm und sagte: »Mein Seel! Ein köstliches Bartbecken, unter Brüdern ist es seinen Taler wert.« Zugleich gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den Kopf setzte und es rundherum drehte, um das Visier zu finden, wie er es aber nicht antraf, sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben und, was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.«
Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken, aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote.
»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte, die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern.«
»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho? Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall in die Hände eines solchen geraten sein, der seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich damit zu bereichern, und somit die andere Hälfte zu einem Dinge machte, das, wie du bemerktest, einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne, ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied befindet, fertig machen, und zwar so, daß ihn jener Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt, den der Gott der Schmiede für den Gott der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.«
»Vielleicht,« sagte Sancho, »wenn die Steine nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf, als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen ließ.«
»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren zu haben, denn du weißt, Sancho,« sagte Don Quijote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnis habe.«
»Auch ich hab's im Gedächtnis,« antwortete Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte; ich denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals verwundet zu werden und auch keinen andern zu verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten, die Augen zudrücken und sich dann in Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal und das Bettuch meint.«
»Du bist ein schlechter Christ, Sancho,« sagte Don Quijote bei diesen Worten, »denn du vergißt niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen? Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen, so wär' ich schon längst umgekehrt und hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet, als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten, die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulzinea zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte, nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu haben, den sie nun davongetragen hat.«
Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: »So mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der Spaß mir niemals aus dem Gedächtnis kommen wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern eingeprägt hat. Wir wollen aber von was andern reden und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt? Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren, und bei meinem Barte, der Graue ist wacker.«
»Es war niemals meine Gewohnheit,« sagte Don Quijote, »die zu berauben, die ich überwinde, auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen zu nehmen und sie unberitten zu lassen, wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrecht zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen Esel oder wofür du es halten magst, denn so wie uns sein Herr in der Entfernung sehen wird, kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.«
»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte,« sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen, der mir nicht so wacker scheint! Wie sind doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man nicht einmal einen Esel gegen einen andern austauschen darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen dürfte.«
»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher,« sagte Don Quijote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im äußersten Grade bedürftig bist.«
»So zum äußersten bedürftig,« antwortete Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis tauschte er die Kleider sogleich um und zierte seinen Esel so köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien als vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem Küchenesel übriggeblieben war und tranken von dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen, so heftig war der Haß, den sie wegen ihrer Furcht gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen sie wieder auf und ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen (weil es irrenden Rittern gut ansteht, sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die Straße, die Rosinante erwählte; dieser Wahl folgte sein Herr und auch der Esel, der immer nachging, wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter führte. Sie gerieten demungeachtet auf die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach, ohne sich eine Absicht vorzusetzen.
Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu schwatzen? Denn seit mir das harte Gebot, still zu schweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier Dinge im Magen verdorben und jetzt habe ich eins auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte umkommen lassen.«
»So sprich es aus«, sagte Don Quijote, »und befleißige dich der Kürze, denn das Weitläufige macht nie Vergnügen.«
»Ich sage also, gnädiger Herr,« sprach Sancho, »daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen und Erquickung Abenteuer sucht hier in den Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht und Eurer Verdienste. Es scheint mir also, mit Eurer Erlaubnis, besser, daß wir irgendeinem Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste könnt Ihr dann Eure tapfere Gesinnung, Eure gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung geben, jedem nach seinem Werte, dann würden auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Andenken aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten, daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen, meine Verrichtungen gewiß auch schwarz auf weiß erscheinen würden.«
»Nicht übel sprichst du, Sancho,« antwortete Don Quijote; »bevor ich aber zu jenem Ziele gelange, ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen, gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen, damit, wenn ich etwelche beendige, mich der Ruhm bekränze. Wenn sich nun ein solcher Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt, so ist er durch seine Taten schon bekannt, so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn mit Geschrei umgeben und ausrufen: dieses ist der Ritter von der Sonne, oder von der Schlange, oder von irgendeinem anderen Sinnbilde, unter welchem er denkwürdige Taten vollbracht hat. Dieser ist es, werden sie sagen, der im einzelnen Zweikampfe den Riesen Brocabruno von der gewaltigen Kraft überwand, er löste den mächtigen Zauber, in welchem der große Mameluk von Persien fast seit neun Jahrhunderten schmachtete. Also werden von Mund zu Mund seine Taten gepriesen und über dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes tritt der König des Reiches an die Fenster seines herrlichen Palastes: sowie er den Ritter gewahrt, erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden, ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die sich dorten naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter wirft; er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint dem andern mehr eine Gottheit als ein menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber ihre Herzen in großen Sorgen stehn, weil sie nicht wissen was sie reden oder wie sie ihre Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von dorten führen sie ihn wohl in ein anderes Quartier des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren Scharlachmantel bedecken; schien er in der Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide noch trefflicher. Der Abend kommt und er speist mit dem Könige, der Königin und der Infantin, wobei er niemals die Augen von ihr wendet und sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden merken; sie tut das nämliche mit der nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt, sie ist eine verständige Jungfrau. Sowie die Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat, daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten Ritter von der Welt gehalten werden muß. Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen, keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein großes vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin, die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das Hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder Fürst oder was er nur sein mag, in einen gefährlichen Krieg mit einem anderen, ebenso mächtigen, verwickelt ist; der fremde Ritter bittet ihn hierauf, (nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten) um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin, Abschied, die er im Garten hinter einem Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt auf den Garten: hier hat er sie auch schon oftmals gesprochen, denn eine Jungfrau, die das völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde; endlich kommt die Infantin wieder zu sich, durch das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem Ritter, der sie tausend und tausendmal küßt und sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück oder Unglück mitteilen wollen; es fleht die Prinzessin, daß er so schnell als möglich zurückkommen möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach, wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt, nachdem er sich von den beiden beurlaubt, daß die gnädige Infantin sich übel befinde und keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt, wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz schlägt ihm und es fehlt wenig, so läßt er seine Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von königlichem Geschlechte abstamme oder nicht. Die Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne, wenn er nicht von Königlichem Geschlechte sei; mit diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden, um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er streitet im Kriege, er überwindet den Feind des Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück, am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame, sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater zum Lohne seiner Dienste zum Weibe begehren soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin und der Vater selbst preist sich deshalb glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von welchem Königreiche ist, denn es mag wohl in der Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater stirbt, die Infantin erbt den Thron und wie man die Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen zu belohnen, die ihm darin beigestanden haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen Herzogs.«
»So wünsch' ich's, und das ist der Weg Rechtens,« sagte Sancho, »und buchstäblich wird es Euer Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der traurigen Gestalt.«
»Du darfst nicht zweifeln, Sancho,« versetzte Don Quijote, »denn auf dieselbe Weise und auf die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe, haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen, Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich einen christlichen oder heidnischen König antreffe, der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber es wird uns noch Zeit übrig bleiben, darauf zu denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle. Mir fehlt aber noch ein anderes Ding, denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und einer schönen Tochter, und daß ich unglaublichen Ruhm im ganzen Universum erhalten habe, so weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich meine Taten noch größeren Ruhm verdienen; so werde ich dieses Mangels halber den Lohn meines tapferen Armes verlieren. Ich bin freilich wohl ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte, ich besitze ein Eigentum und meine Einnahme erstreckt sich wohl über fünfhundert Taler; es mag auch wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte niederschreibt, meine Verwandtschaft und Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel des Königs bin: denn du mußt wissen, Sancho, wie es zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt, eine Art, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen ableitet, die aber die Zeit nach und nach erniedrigt hat, so daß sie sich endlich gleichsam in der Basis einer Pyramide verlieren; andere entspringen aus niedrigem Geschlechte und steigen und steigen nach und nach, bis sie vornehme Leute werden; der Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann auch der König, mein Schwiegervater, zufrieden stellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß sie ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners, mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo nicht, so raube ich sie dann und entführe sie, wohin es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn ihrer Eltern vertilgen.«
»Es paßt hier schön,« sagte Sancho, »was manche Schelme sagen: bitte das nicht im Guten, was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man könnte auch noch besser sagen: das Rauben eines Spitzbuben ist besser als das Bitten eines braven Mannes; ich sage das nur, weil, wenn der Herr König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele legen und Euch die gnädige Infantin übergeben will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu rauben und wegzunehmen. Das Unglück ist nur, daß bis wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes mit leeren Backen auf den Lohn passen muß, wenn nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der Himmel anders beschert, denn ich glaube, sein Herr ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen Frau zu geben.«
»Niemand kann ihm solches verweigern,« sagte Don Quijote.
»Damit es aber so komme,« antwortete Sancho, »müssen wir brav zu Gott beten und das Glück dann gehen lassen, wohin es uns führen will.«
»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quijote, »wie ich es wünsche und du, Sancho, es brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein hält.«
»Das weiß Gott,« sagte Sancho, »daß ich ein alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um Graf zu sein.«
»Überflüssig genug ist es,« sagte Don Quijote, »und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich dich zum Grafen mache, ich dich zugleich zum Ritter mache, und sie mögen sich dann stellen wie sie wollen, so müssen sie dir denn durchaus deinen gnädigen Herrn geben.«
»Und denkt nur nicht, daß ich mich nicht in Hauterdiät setzen werde,« sagte Sancho.
»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du sagen,« erwiderte sein Herr.
»Auch gut,« antwortete Sancho Pansa, »ich sage nur, daß ich mich schon drein schicken will, denn meiner Seel, ich war nur einmal Hochzeitbitter und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich könnte wohl gar einen Küster vorstellen. Wie wird's aber vollends werden, wenn sie mir den Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich ganz voll Gold und Perlen sitze wie ein fremder Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um mich nur zu sehen.«
»Du wirst gut aussehen,« sagte Don Quijote, »doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um den anderen unter das Messer bringen, sonst weiß doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.«
»Was gilt's,« sagte Sancho, »ich nehme mir lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im Hause wohnen, und wenn's nötig tut, muß er mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines Großen.«
»Aber wie weißt du,« fragte Don Quijote, »daß die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?«
»Ich will es sagen,« antwortete Sancho; »ich war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn vorbei reiten, von dem die Leute sagten, er wäre sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die Leute, warum der Mann nicht neben dem anderen ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da antworteten sie, daß er sein Bereiter sei und daß es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich zu führen: das weiß ich seitdem so gut, daß ich es niemals wieder vergessen habe.«
»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote, »und auf die Weise kannst du deinen Barbier mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres Geschäft als ein Pferd satteln.«
»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu denken, wie Ihr König werdet und mich zum Grafen macht.«
»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem er die Augen erhob, sah er, was das folgende Kapitel erzählen wird.
Achtes Kapitel Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit, die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern gingen
Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen, erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen Geschichte, daß, nachdem zwischen dem berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind, der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte, sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten, die der König zwingt, ihm auf den Galeeren zu dienen.«
»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie kommt der König dazu, irgend jemand zu zwingen?«
»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen verurteilt hat und sie zwingt, auf den Galeeren zu dienen.«
»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien Willen.«
»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho.
»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und beizustehen.«
»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen ihrer Verbrechen gestraft.«
Indem kam die Kette mit den Ruderknechten heran und Don Quijote bat diejenigen, die als Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen, warum man diese Leute auf solche Weise fortführe. Einer von den Wachen zu Pferde antwortete, daß es Ruderknechte wären, Sklaven Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«, erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.« Er fügte noch so viele und so höfliche Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«
Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte den vordersten, um welcher Sünden willen er in so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete, daß er als Verliebter so ginge.
»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote. »Bringt man die Verliebten nach den Galeeren, so hätte ich schon seit langem dort rudern müssen.«
»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte. Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung war unnötig, die Sache machte sich bald, ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel, ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.«
»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote.
»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft nach ein Felsenherzer.
Don Quijote tat dem zweiten die nämliche Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still und schwermütig war; der erste aber antwortete für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein Musikus und Sänger.«
»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und Sänger werden auf Galeeren geschickt?«
»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht, »kein böser Ding auf der Welt, als in der Not singen.«
»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«
»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn, wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.«
»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote; einer von der Wache aber antwortete: »Herr Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent kein besseres Glück wünschen könne, als daß auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung nach nicht unrecht.«
»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote und wandte sich zum dritten, den er wie die vorigen befragte, der auch behende und mit großer Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir zehn Dukaten mangelten.«
»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu lösen.«
»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht, »als wenn einer mitten auf der See Geld hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt, die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich heute mitten auf dem Platze von Zocodover in Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott ist mächtig und man muß Geduld haben.«
Don Quijote kam zum vierten, einem Manne mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer Bart bis auf die Brust herunterhing; als er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt würde, fing er an zu weinen und antwortete nichts. Aber der fünfte Gefangene diente zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren, nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde und in großer Pracht gehalten hat.«
»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa, »öffentlich am Pranger gestanden haben.«
»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als Zauberer ausgeübt.«
»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,« sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen, wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern man hätte ihn vielmehr zum General derselben ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten Staate von äußerster Notwendigkeit, so wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren über sie ansetzen, wie es bei den übrigen Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen, daß sich unwissende und einfältige Menschen mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher sind, die wenige Jahre und noch weniger Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag zu machen, dastehen, als wenn ihnen der Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber noch weitläufiger sein und Gründe anführen, warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben und die Sache einrichten können. Ich will nur noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung, bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige glauben, denn unser Geist ist frei und weder Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen. Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte mischen, die den Menschen töricht machen, womit sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen, da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien Willen zu zwingen.«
»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht; aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen, ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir keinen Augenblick Ruhe läßt.«
Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige, daß durch all dies Scherzen eine so verworrene Verwandtschaft entstand, daß sie kein Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag. Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte, so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde. Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung, das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten, daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher Charakter verdient.«
Dieser war wie ein Student gekleidet und einer von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt, der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte: die Weise, wie er angefesselt war, war von der der übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen waren, so daß er weder die Hände zum Munde erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen konnte. Don Quijote fragte, warum dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen begangen habe, und daß er so verwegen und listig sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten, wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten, sondern stets seine Flucht befürchteten.
»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann er begangen haben, wenn er keine größere Strafe als die Galeere verdient?«
»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst auch Hans Gines Diebsfinger genannt.«
»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht, »laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf aus, Namen und Beinamen herzuerzählen. Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und er wird genug zu tun finden.«
»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius, »du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte, wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll, wie es dir gewiß nicht lieb ist.«
»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans Gines Diebsfinger heiße oder nicht.«
»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?« fragte der Wächter.
»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen Fingern niedergeschrieben habe.«
»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius, »er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben, so gut man es nur verlangen kann, er hat das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als Pfand zurückgelassen.«
»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen hätte.«
»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote.
»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält, und diese Wahrheiten sind so anmutig und lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein können.«
»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte Don Quijote.
»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete jener.
»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote.
»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines, »da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben habe, hebt mit meiner Geburt an und beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren gesandt wurde.«
»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte Don Quijote.
»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß, wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,« antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich, wieder hinzukommen, denn ich werde dort Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon auswendig.«
»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote.
»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das Unglück verfolgt immer die Genies.«
»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius.
»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,« antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut, die armen Schelmen zu mißhandeln, die unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele — — Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert sind und alle Welt sei ruhig und lebe wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen, denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«
Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß, als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist, das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten läßt, daher ergeht meine Bitte an diese Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,« fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen euch nichts getan; dorten aber wird jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt, falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet, so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen, es also zu vollstrecken.«
»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius, »ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz! Wir sollen die Sklaven des Königs frei lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um ungelegte Eier.«
»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote. Und in demselben Augenblick rannte er so wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen, die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten, bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus, der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius machte und ihm Degen und Flinte abnahm; hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald keiner von der Wache mehr das Feld behauptete, denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg, teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen Ruderknechte erregten. Sancho wurde über diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte, daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen; diese Besorgnis trug er auch seinem Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen, damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken könnten.
»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um zu sehen was er haben wollte, er aber sagte: »Braven Leuten steht es gut an, für empfangene Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt, euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch gefällt.«
Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg: »Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit, es auszurichten, denn wir können nicht in Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl Ave Marias und Credos zu verwandeln, die wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren werden, ich meine, daß wir unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt Birnen vom Ulmbaum fordern.«
»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt, »Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt, daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen den Beinen und die ganze Kette über den Buckel gehängt!«
Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen angefangen, sie frei zu machen), gab, da er sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten, und einen solchen Hagel von Steinen nach Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei der arme Rosinante sich aus allem Spornen nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen, als sich der Student über ihn machte, ihm das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach; er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf sie untereinander die in der Schlacht gewonnene Beute verteilten und jeder sich nach einer andern Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren.
Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich, indem er je zuweilen die Ohren schüttelte, wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe; Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft, Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so großes Gut verschafft hatte.
Neuntes Kapitel Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer, die in dieser wahrhaftigen Geschichte vorgetragen werden
Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah, sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho, habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige vorsichtiger sein werde.«
»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren, wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert, denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon, als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«
»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest, ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat, will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst, ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann, auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht, sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.«
»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen; drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände brauchen werden.«
Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken, damit sie von der heiligen Brüderschaft nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen so heftige Jagd gemacht hatten.
Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen, wenigstens so lange, als ihre Speisekammer sie versorgte, und also machten sie ihr Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in der sich viele Korkbäume befanden. Aber das Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt, führte den Gines Friedberg, diesen berühmten Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit des Don Quijote von der Kette erlöst war und der ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft, die er mit großem Rechte fürchtete, auf den Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken, diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie, da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter immer undankbar sind, die Not auch oft das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines, der weder dankbar noch von edler Gesinnung war, darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen, indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm, den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß er nicht wiedergefunden werden konnte.
Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah, begann er so heftig und laut den allerkläglichsten Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte und folgende Reden vernahm: »O du mein eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten! O du Ernährer meiner halben Person, du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis und das war mein halbes Auskommen.«
Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank, dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte, das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte. Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen zog er fort, ohne an etwas anderes zu denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken (seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend, in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er für ein neues Abenteuer, solange er auf solche Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.
Indem hub er die Augen auf und bemerkte, wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen, wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz vermodert und zerrissen; sie waren aber von so großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen, was sich im Mantelsack befinde. Sancho richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus, und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte, stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender, der durch dieses Gebirge gezogen ist, von Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«
»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld wohl nicht liegenlassen.«
»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet findet, wodurch wir auf die Spur geraten und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«
Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben, ein Sonett, welches er laut ablas, damit es auch Sancho hören könnte:
Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden, Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen, Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen, Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden. Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden; Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen, Daß Götter wüten: aber warum steigen Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden? Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen, Daß du so großes Unheil mir geschicket; Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden? Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen, Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket, Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.
»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der Filz da auf den rechten Weg bringt.«
»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.
»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr von Filz oder Pilz etwas daher läset.«
»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame, über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt, der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich anders in der Kunst nicht unerfahren.«
»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho, »Reime zu machen?«
»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete Don Quijote, »das sollst du gewahr werden, wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea von Toboso senden werde; denn du mußt wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr Geist als Kunst.«
»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden wir, was wir wollen.«
Don Quijote schlug das Blatt um und sagte: »Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«
»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte Sancho.
»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von Liebe,« antwortete Don Quijote.
»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe eine große Freude an den Liebessachen.«
»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:
»Dein falsches Versprechen und mein gewisses Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen, Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum, den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist. Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust, was du getan hast und ich nicht so gerächt werde, wie ich es nicht wünsche.«
Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte, sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen, diese beweint. Indes Don Quijote das Buch durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack, ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander, denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes, die Beraubung des Mantels und für allen Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden hatte, durch die Güte, daß ihm dieser Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren wilden Gegend niemand zu sehen war, den er hätte fragen können, so richtete er nunmehr seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen, immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer aufstoßen müsse.
Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog, bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger Schnelligkeit von Stein zu Stein und von Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte; sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt, schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale. So viele Mühe er sich aber auch gab, war es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein Gemüt saumselig und phlegmatisch war.
Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß ebendieser der Herr des Reitkissens und des Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen und von der einen Seite die Runde um den Berg zu machen, indem er von der andern Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt vielleicht den Menschen anträfen, der mit so großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.
»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho, »denn sowie ich mich von meinem werten Herrn entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei Schrecken und Einbildungen verursacht: das, was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«
»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt, »und es freut mich sehr, daß du meinem Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen, vielleicht treffen wir den Menschen, den wir erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer unseres Fundes sein muß.«