Erstes Buch
Reading edition
Erstes Kapitel Handelt von dem Stande und der Lebensweise des namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha
In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art, ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution, mager, von dürrem Gesichte, ein großer Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige, die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen Vermutungen schließen, daß er sich Quixana nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.
Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit, daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke, die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat, die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt, und oft kam ihm der Gedanke, die Feder zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen, fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan, wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter Mann war und zu Siguenza graduiert), wer von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit besser beschlagen.
Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein, daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung des Herkules nachgeahmt, der den Anteus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe auch seine Nichte fortschenken wolle.
Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung seiner Ehre als zum Besten seiner Republik, ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden. Der Unglückliche stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken, angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen. Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen, die er von seinen Urgroßvätern geerbt und die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte aus Pappen die untere Hälfte und verband sie mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet. Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß dieser Helm der trefflichste sei.
Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte, als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle, denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig, wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten, daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen, ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein anderer Name zukommen müsse, der es ziere und sich für das neue Amt und die neue Lebensweise gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte, umarbeitete, wegwarf und wieder annahm, um den besten zu erfinden, wählte er endlich die Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener, volltönender und bedeutungsvoller Name, bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der Welt sei.
Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird, die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und er benamte sich also Don Quijote von la Mancha. Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem er den Zunamen von ihr entlehnte.
Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue, oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär' es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte, sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte, vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe und mit demütiger und unterwürfiger Stimme spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro, Herr der Insel Malindrania, den im Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter Don Quijote von la Mancha überwand und mir befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir schalte. — Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter, als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle. Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken zu geben. Er suchte nun einen Namen, der dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden hatte.
Zweites Kapitel Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don Quijote aus seinem Besitztum
Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen, die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen, die er vergelten müsse. Ohne also irgend jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff die Lanze und zog durch eine kleine Tür des Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne. Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten, auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen, in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren, wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.
Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt, sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel, daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte meiner Taten an das Licht tritt, der Weise, der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote Apoll hatte kaum über das Angesicht der großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.« Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter! in dem meine preisvollen Taten ans Licht treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist, die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß, ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht, meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege und in jeglicher Bahn. — Darauf sprach er, als wäre er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea! Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das so Großes um Willen Eurer Liebe leidet.
An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn, alles, wie er es in seinen Büchern gefunden hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte. Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit, um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken Armes zu erproben.
Es sind Autoren der Meinung, daß das erste Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen auf, aber alles, was ich hierin erforschen können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog, und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe gestorben waren.
Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen nennt, die mit einigen Maultiertreibern, welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles, was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien, und da er nur noch wenig entfernt war, zog er dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen, die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe. Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben, geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen mich Eure Gegenwart beglückt.«
Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte, aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der, wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war; als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen Waffen, als der Zaum des Pferdes, die Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte, so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir haben keins in der Schenke, alles übrige im großen Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er: »Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.« — Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier, ein Eingeweihter in die falschen Künste der Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel wie ein Student oder Page, er antwortete daher: »So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen, geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte, hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte so gut. Er führte es in den Stall und kam dann zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen Bändern unter dem Halse festgebunden war und von denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen, er blieb also den ganzen Abend in seinem Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte, daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären und sagte daher mit vielem Anstande:
»Niemals ward ein edler Bote So bedient von Damen süß, Wie der große Don Quijote Als er seine Heimat ließ. Zarte Mädchen pflegten ihn, Prinzessin'n sein Rösselin.
O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben, bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote, die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll, wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen, die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren, antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur, ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.« Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote, der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen, denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei, was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer und Waffenlast können nur durch Erquickung des Innern ertragen werden.« — Sie setzten also den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke, und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot, schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt und durch das andere den Wein eingegossen hätte. Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder seines Helmes zerschneiden zu lassen.
Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde, daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells; und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe, ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.
Drittes Kapitel Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote zum Ritter geschlagen wurde
Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung, ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle. Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte, um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen, wie es das Amt der Ritterschaft und der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne, und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«
Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit seines Gastes haben mochte, war jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen, nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei, als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde; er selbst habe sich in seinen Jugendjahren einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia, imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer von San Lucar, unter den Rittern von Cordova, den Schenken von Toledo und andern verschiedenen Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt und wenige Unmündige betrogen; kurz, er habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht; letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen und fremden Haushalte alle irrenden Ritter aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen, um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß man die Wache im Falle der Not an jedwedem Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld mit sich führe? — Don Quijote antwortete, daß er keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern von fahrenden Rittern niemals gelesen, daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht, daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden so völlig zu genesen, als wenn man gar keine Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen, daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten versehen gewesen, wozu besonders Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben waren, welches aber in der Tat nur sehr selten der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen. Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten gedächte.
Don Quijote versprach seinen Rat auf das pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht, daß er die Waffen in einem Hofe bewachen solle, der zur Seite der Schenke lag. Don Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog, der neben einem Brunnen stand, dann nahm er seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen; indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht an völlig hereinzubrechen.
Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze stützte und seine Augen auf die Waffen heftete, ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles, was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von allen gesehen wurde.
Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen, aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger Ritter, der du dich nahst, die Waffen des allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust, berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als Strafe deines Übermutes verlieren willst.« — Der Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht, aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen, wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern nahm die Waffen herunter und warf sie eine große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir, Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem er ihn so behende auf den Boden hinlegte, daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre, jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen. Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen (denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei liefen alle aus der Schenke zusammen und unter diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit! Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares Abenteuer bevorsteht!« — Hiedurch wurde, nach seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.
Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte, es aber dabei nicht wagte, den Trog zu verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten, dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote aber schrie noch lauter und nannte sie alle Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter, weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft empfangen, wolle er auch über seine Verräterei mit ihm Rücksprache nehmen. — »Was aber euch übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.« Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit, daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen wurden. Hiedurch und durch die Überredungen des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit zurück, mit welcher er sie begonnen hatte.
Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen, ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe. Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei; alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich im Nackenschlage mit der Hand und im Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne; mehr als genug habe er in der Bewachung der Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt habe. Don Quijote glaubte dies alles und antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen und daß er alles so schnell als möglich beendigen möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen ausgenommen, die er ihm nennen würde und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.
Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug, und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte, erhub er unter dem Lesen die Hand und gab ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert, indem er immer zwischen den Zähnen murmelte, als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen; doch hielten die Tapferkeiten, die sie den neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete, sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig, jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen, dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen, und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach es ihm, und die andere befestigte ihm die Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera. Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen, und sich Donna Müllerin zu nennen, indem er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.
Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien beendigt waren, konnte Don Quijote die Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen. Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf gut Glück fortziehen.
Viertes Kapitel Was unserm Ritter begegnete, als er die Schenke verließ
Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke, so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen Erfordernisse, die er mit sich führen solle, vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern, seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.
Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit zu laufen anfing, daß es schien, als wenn seine Beine den Boden nicht berührten. Er war noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt, die Pflichten meines Standes zu erfüllen und die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln; ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten oder einer Notgeängsteten her, die meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« — Er lenkte zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien. Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden, der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war, ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige Streiche und begleitete jeden Streich mit einer Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit, ich will es nicht wieder tun, ich verspreche, künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.«
Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an der die Stute festgebunden war), damit ich Euch zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.« — Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge, den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte, aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele, er lügt es.«
»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich binde ihn los!«
Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei, worauf dieser antwortete: »Neun Monate und jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer, sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß er dastehe und geschworen habe, ob er gleich gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel, denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen, die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen, so hast du dafür dasjenige seines Körpers zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.«
»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real auf dem andern bezahlen.«
»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken, denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich schinden wie einen Sankt Bartholomäus.«
»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug, daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete, er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft, den er empfangen, schwören, dich freizulassen und den Lohn gewiß zu bezahlen.«
»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,« antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.«
»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote, »auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr, da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«
»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«
»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,« antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern, und obenein lauter blankgeschliffene.«
»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden werde, und wenn Ihr Euch auch besser als eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen, so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht, was du versprochen und geschworen, bei Strafe der angekündigten Strafe.«
Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr geboten hat.« — »Ich schwöre Euch,« sagte Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit er das tut, was er gesagt hat.« — »Ich schwöre dir ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute, das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab, daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,« sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher Ungebühr und seht, wie er diese vernichten wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug, denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen, wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen, um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles, was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.
Also vernichtete der tapfere Don Quijote die Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft auf die schönste und edelste Weise angetreten zu haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer und überaus berühmter Ritter, wie ist und sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert hat, das jemals die Unvernunft ersann und die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«
Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis, an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen, die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen. Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls beritten und drei Burschen zu Fuß für die Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt, so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer. Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten, die er in seinen Büchern gelesen, nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem Schilde die Brust und lagerte sich dann in der Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten, wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von Toboso.
Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides angehörte. Sie wollten aber gern erfahren, warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert werde und einer von ihnen, der gern spottete und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht, zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet, so wollen wir freiwillig und ohne allen Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns fordert.«
»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet, beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen, wie es Sitte und übler Gebrauch unter Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache vertraue, die auf meiner Seite ist.«
»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel, und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen, und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß wir alle schon für sie sind, und wenn man auch auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein triefe, so wollen wir demungeachtet, um Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen, was Ihr nur verlangen werdet.«
»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag' ich dir, was du behauptest, außer Ambra und Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig, sondern sie ist gerader als eine Spindel von Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit meiner Dame ausgestoßen habt.«
Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen den, der gesprochen hatte ein und rannte mit solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante mitten im Wege gestolpert und gefallen wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein. Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung. Indem er sich bestrebte aufzustehen und es doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel, elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen, der nicht sonderlich aufgeräumt war, den armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte, konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß er ihn unter der Last und dem Drucke seiner Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte, aber der Junge war einmal erbittert und wollte das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde, und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.
Der Junge wurde müde und die Kaufleute setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben, aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund und wacker war, wie konnte er es jetzt, so zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben, denn er war am ganzen Körper zerschlagen.
Fünftes Kapitel Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters zu erzählen
Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel, nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder, die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand schien ihm auf seine Lage am meisten passend zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke eines großen Schmerzes auf der Erde herum und sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete Ritter im Walde sagt:
Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein, Daß dich mein Leid nicht schmerzt? Du magst wohl ohne Kunde sein, O'r hast die Treu verscherzt.
So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:
O du Marchese von Mantua fein, Mein Ohm, verwandtes Herz!
Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging, der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte. Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah, ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete also nichts weiteres, als daß er in der Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug, ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer stand verwundert da als er dergleichen Unsinn hörte; er machte das Visier los, das von den Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden Edelmanne noch nicht in einen irrenden Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden denn so zugerichtet?« — Jener aber fuhr immer fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.
Da dies der gute Mann sah, machte er ihm, so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich, ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel faßte, seinen Esel aber an einem Stricke führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat, sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum auf dem Lasttiere halten konnte und dann und wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten, die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte in der Diana des Georg de Montemayor gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden, den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte erregte. Am Schluß derselben sagte dieser: »Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn, sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich, bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua, sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern der ehrenfeste Herr Quixada.« — »Ich weiß, wer ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch, daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer wartete, bis es finster würde, damit man nicht den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte, zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes gute Freunde waren, befanden sich dort und die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme: »Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen, nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten Ritterbücher, die er immer las, den Verstand verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen. Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«
Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf, den Degen nahm und auf die Mauer losschlug, wenn er dann ermüdet war, sagte er, er habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht, der Schweiß, den er von der Anstrengung vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden, die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher dazu getan hätten, ehe er das geworden ist, was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl als die Ketzer verdienen.«
»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn, ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem guten Freunde ergangen sein muß.«
Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote mit an und der Bauer begriff daraus völlig die Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen und dem Herrn Marques von Mantua, der schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen führt.«
Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte, wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda, daß sie meine Wunden heile und untersuche.«
»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin, »mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen, ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und noch hundertmal und noch tausendmal verflucht mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so zugerichtet haben.«
Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden, sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan, in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten und wildesten, die man wohl auf einem großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!« sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz? Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr alle verbrannt sein.«
Sie taten tausend Fragen an Don Quijote, aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen, welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher, auf welche Art er Don Quijote gefunden habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen habe, welches den Lizentiaten in seinem Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief, mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes begab.
Sechstes Kapitel Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen hielten
Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden waren und außerdem noch mehrere in kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte, ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich mit einer Schale Weihwasser und einer Rute zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat, besprengt die Stube, damit nicht einer von den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken, uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«
Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin und befahl dem Barbier, daß er ihm ein Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn, weil sich vielleicht einige finden möchten, die die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden, denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen, sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer dran zu legen, oder man könnte sie auch in den Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten, weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich fiele.«
Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen, aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.
Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte, waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken haben, darum muß man es auch als den Stifter einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne Gnade zum Feuer verdammen!«
»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste von allen in dieser Gattung sei und darum könnte man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«
»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt. Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«
»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis von Gallia.«
»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn, macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«
Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter, wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer Geduld erwartete.
»Weiter!« sagte der Pfarrer. — »Der nun kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich glaube, von der Familie des Amadis.«
»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra verbrennen zu können und den Schäfer Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd' ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben, wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters ertappen ließe.«
»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier. — »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. — »Wenn es so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in den Hof hinunter!« — Da es so viele waren und ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie alle aus dem Fenster in den Hof hinab.
»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der Pfarrer fort. — »Dieser«, antwortete der Barbier, »ist Don Olivante de Laura.« — »Der Verfasser dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe, der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und Albernheit in den Hof wandern soll.«
»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der Florismarte von Hircania.« — »Ist der Herr Florismarte da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren Geburt und seinen schimärischen Abenteuern, zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den andern, Frau Haushälterin.«
»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie, und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. — »Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. — »Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente, also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.« — Es geschah sogleich.
Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen Namens, den dieses Buch führte, könnte man ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.
Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte: »Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« — »Ich kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer; »da findet sich der Herr Reinald von Montalban mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin; eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung des berühmten Mateo Boyardo, aus dem auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und er redet nicht seine Landessprache, so werde ich nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm alle Hochschätzung.« — »Ich habe ihn italienisch,« sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« — »Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,« antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit nicht ausgedrückt und eben das wird allen begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit, die sie anwenden und besitzen, wird der Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle, die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden sollten, in einen trockenen Brunnen legen müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt, ausnehme, wenn mir diese in die Hände fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben, die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem Feuer überliefern soll.«
Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut werden, aber die Palme von England bewahre man gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter der Beute des Darius fand, die er brauchte, um die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren. Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist, zweitens, weil es von einem geistreichen Könige von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar, zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten. Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas, wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein, alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen sollen.«
»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«
»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen, dann müsse man alles wegstreichen, was sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen noch größeren Narrheiten, dann möchte man ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.« — »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen, befahl er der Haushälterin, alle die großen zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen. Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt, fiel eins davon dem Barbier auf die Füße nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen, der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter Tirante dem Weisen.
»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn, imgleichen der Zweikampf, den der tapfere Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in Ansehung des Stils dies das beste Buch von der Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen. Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«
»Ich will es tun,« antwortete der Barbier, »aber was machen wir mit den übrigen kleinen Büchern?«
»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher, sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf, welches die Diana des Georg de Montemayor war und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt zu werden, denn sie stiften und werden niemals solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie dem Leser Nachteil bringen.«
»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein Schäfer zu werden und singend und musizierend durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«
»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer, »wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir wollen also mit der Diana des Montemayor den Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden, was von der weisen Felicia und dem bezauberten Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen Verse und dem Werke in Gottes Namen die Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das erste zu sein.«
»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die Diana, die man die zweite vom Salamantiner nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben Titel, vom Gil Polo verfaßt.«
»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer, »mag jene zum Hofe verdammten begleiten und ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. — Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn es wird schon spät.«
»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso, einem sardinischen Poeten.«
»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer, »seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste, ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung jemals an das Licht der Welt getreten sind, und wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat. Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid von dem groben florentinischen Tuche geschenkt hätte.«
Er legte es mit der größten Freude beiseite und der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares und die Entwirrung der Eifersucht.«
»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,« sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals fertig würden.«
»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«
»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer, »sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn wie ein kostbares Kleinod.«
»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier, »heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«
»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer, »so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden, die sich unter seinen Schönheiten befinden; hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und heroischen Gedichte sehr hochschätze.«
»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte des Lopez Maldonado.«
»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört, denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten. Was steht denn aber daneben?«
»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete der Barbier.
»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist manches gut erfunden, manches wird vorbereitet und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient er sich durch diesen die Gnade für das Ganze, die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin, Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«
»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate des Cristoval de Virues, des Valenzischen Poeten.«
»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien besitzt.«
Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen, er endigte also damit, daß er befahl, alle übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte: die Tränen der Angelica.
»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich übersetzt hat.«
Siebentes Kapitel Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don Quijote von la Mancha
In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!« Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea und der Löwe von Spanien mit allen Taten des Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom Pfarrer angetroffen wären.
Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte. Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte: »Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage gewonnen haben.« — »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,« antwortete der Pfarrer, »Gott wird es fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.« — »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe, trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise, denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will ich schon auf Rache denken.«
Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem alle seine Torheit bewunderten. In dieser Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort, daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen müssen.
Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war, das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen, damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände, weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die Tür gewesen war und tastete mit den Händen und blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin, wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr, denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«
»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist waren; er stieg von einer Schlange ab, auf der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer, und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht, aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte, fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin, daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte sich den weisen Munnaton.«
»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don Quijote.
»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin, »ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm, daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«
»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte, »aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer, ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher nach Wolle geht und geschoren nach Hause kömmt.«
»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten Dinge sprichst du da! Bevor mich einer scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet. Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen, daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete, daß das, was der Welt am meisten vonnöten, irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht, denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr, konnte er nicht mit ihm fertig werden.
In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden Manne (wenn man nämlich den so nennen kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn und als sein Edelknabe zu dienen. Unter andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen, in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen verließ Sancho Pansa (so hieß der Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür, Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete ein andres, alles aber in eiliger Unordnung und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen. Er versah sich auch mit einem Schilde, den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde, wann er sich auf den Weg machen wolle, damit dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet, ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze, ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter, der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte sich auch mit Hemden und andern Dingen, dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten, daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt zu werden, wenn man sie auch aufsuchen sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher, indem er sich schon in seinen Gedanken als den Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen hatte.
Don Quijote war bemüht, dieselben Wege wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten Reise genommen hatte, und diese gingen über das Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu, daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen, die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern, denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst und der bösen Tage und der noch bösern Nächte überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre, daran hängende in sich begreift, und es mag denn zutreffen, daß du in dem einen von diesen als König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches, denn nach dem, was und wie alles den irrenden Rittern begegnet, das man weder je gesehn noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«
»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder Infanten?«
»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don Quijote.
»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein, Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin, Gräfin mag eher gehn, und auch das nur mit Gottes Beistand.«
»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete Don Quijote, »der wird dir geben, was dir am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«
»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß, was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich ist.«
Achtes Kapitel Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der Aufbewahrung würdig
Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, die hier auf dem Felde standen, und sowie sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben: »Das Glück führt unsre Sache besser, als wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«
»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.
»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr, »mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei Meilen lang sind.«
»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho, »daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen sind, und was Ihr für die Arme haltet, sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«
»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote, »daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche Schlacht mit ihnen beginne.«
Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante die Sporen, ohne auf die Stimme seines Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte, noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie standen, nahe gekommen war, worauf er mit lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch bezahlen!« Und indem er dies sagte und sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.
Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit seines Esels herbei, und als er hinzu kam, fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte, so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet, was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären, die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber welche im Kopfe hat!« — »Gib dich zur Ruhe, Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr, da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich, endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«
»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten, den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach, sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang, er einen gewaltigen Zweig oder Ast von einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug, daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm, von welcher Begebenheit sich auch späterhin seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten. Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke, der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben können.«