Drittes Buch
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Erstes Kapitel Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche Yangueser traf
Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus gegenwärtig waren, Abschied genommen, sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen sie hier in der Hitze der Mittagsstunde auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich und ohne Zeremonien miteinander, was sie darin antrafen.
Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden, denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten von der Weide von Cordova nicht von dem Wege Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr willkommen.
In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen. Diesen aber war mehr an der Weide als an anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand. Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den Boden stürzte.
Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die er unter unsern Augen erlitten hat.«
»Was Teufel können wir für Rache nehmen?« antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann, und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur anderthalb.«
»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote, zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote, ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante nieder, der sich noch nicht hatte aufheben können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig die Wirkung von Krippenstangen in den Händen erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer in schlechtem Zustande und noch schlechterem Humore liegen.
Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa, der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand, mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«
»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.
»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten, wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht ist er für zerschlagene Knochen nicht minder als für Wunden nützlich.«
»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße, was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters, Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen, wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«
»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen wir weder gehen noch stehen können?«
»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen, die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs wieder tun, sondern greife du sogleich nach deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust; kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen, denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen, wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern Armes erstrecke.«
So eingebildet war der arme Mann auf die Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen muß; lasse es sich der gnädige Herr also ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht, daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde, so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter, indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist, oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte, erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung auszuschließen.«
Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne große Beschwer reden zu können, und daß sich der Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du dich befindest. So antworte mir doch darauf, du feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe? Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest, du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten Reichen und Provinzen die Gemüter der Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen oder sich dagegen zu beschützen.«
»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen, aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre. Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt, so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden müssen?«
»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse, und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn augenblicklich sterben.«
Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube, daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«
»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote, »daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren und Unglücksfällen unterworfen ist, und durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen hat, deren Geschichte ich umständlich weiß, wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte, wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen Abgrund an Händen und Füßen gefesselt worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf, den sie erduldeten, war noch härter, als den wir heute haben aushalten müssen; überdies, Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat, auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen Worten: schlägt ein Schuster einen andern mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«
»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse wie meinen Schultern eingedrückt haben.«
»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa, daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht vertilgt.«
»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück geben könnte, als solches, wobei man warten muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht. Wäre unser Unglück doch lieber von der Art, daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten, das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen würden, um uns wieder zurechtzubringen.«
»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote, »und so will ich ebenfalls tun, damit wir nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks genossen hat.«
»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten müssen.«
»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann, damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus, Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen Esel ritt und saß.«
»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«
Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden, die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre, aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt, erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt und wir aus diesem einsamen Walde kommen mögen.«
»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres, daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«
»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind; und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte, und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel nannte und auf dem Felsen Armut wohnte, ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch, denn hierin ist die Erzählung nicht genau, weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte. Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante zustößt.«
»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls, bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages, ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen können, gewiß nicht hinter Sancho oder seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho packte Don Quijote über den Esel, an dessen Schweif er den Rosinante band; er selber führte den Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange, bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel hineinzog.
Zweites Kapitel Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete, die er für ein Kastell hielt
Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle. Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er von einem Felsen herunter einen Fall getan habe, wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie war von Natur mitleidig und es dauerte sie das Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen. In derselben Schenke diente eine asturianische Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf, platter Nase, einem schiefen und einem nicht ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte wieder die Tochter, und beide besorgten dem Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die, wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren; hier wohnte zugleich ein Eseltreiber, dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln und Decken seiner Maultiere bestand, doch das Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte zählen können, wenn man sich die Mühe hätte geben wollen.
In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten, indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch ziemlich weh tut.«
»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl auch einen Fall getan haben?«
»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen sah, tut mir der ganze Körper so weh, als wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«
»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre ich wirklich heruntergefallen.«
»Da liegt der Hund begraben,« antwortete Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau wurde als mein Herr Don Quijote.«
»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische Maritorne.
»Don Quijote von la Mancha,« antwortete Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter, und der beste und kräftigste, den man wohl seit lange in der Welt gesehen hat.«
»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die Magd.
»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur auf Erden und morgen hat er zwei oder drei Kronen von Königreichen zu verschenken, die er seinem Stallmeister geben kann.«
»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft im Besitz habt?«
»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho, »denn es ist noch nicht länger als einen Monat, daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß, wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht davon einen Schaden zurück behalte, ich meine Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien vertausche.«
Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen, ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken und hätten die hohen Himmelsmächte es doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne, untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens sein dürften.«
Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten und gingen dann fort; die asturische Maritorne sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit ebensosehr bedurfte als sein Herr.
Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden, daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß, sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.
Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine schilfene Matte war und eine Decke, die eher das Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers, wie schon gesagt, aus den Sätteln und dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet, deren er zwölf hatte, die spiegelblank, dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist, daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger und in allen Dingen überaus gründlicher Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht. Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt werden, denn diese haben gründlich und ausführlich geschrieben.
Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon war Sancho bepflastert und im Bett, aber der Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht, einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz die Augen weit offen, wie ein Hase. In der ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern seines Unglückes, in den Gedanken hatte, bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten, auf die nur eine Einbildung verfallen kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein, in denen er herbergte), und daß die Tochter des Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen. Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen und über den gefährlichen Kampf zu sinnen, den seine Keuschheit zu bestehen haben würde, doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen, wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra mit ihrer Dame Quintannona darbieten sollten.
Indem er noch über diesen Gedanken brütete, kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde), die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte, wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte, sich im Bette, trotz seiner Pflaster und den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau zu empfangen, die leise und schüchtern mit den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote, der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang, sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch der feinste und zarteste Zindel schien. Um die Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem, der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch, war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der arme Mann war auch so verblendet, daß weder die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge, die die edle Jungfrau an sich hatte und die jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden können, schöne und erhabene Dame, um für eine so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen wollen: aber das Glück, welches nie müde wird, die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert liege, so daß, wenn ich auch gesonnen wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen Beherrscherin meiner innigsten Gedanken. Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen wollen.«
Maritorne war voller Verdruß und schwitzte, sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte, aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen, auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren, hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht war, sich loszumachen und daß Don Quijote arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten, sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte, daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben. In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch vernommen hatte. Als die Magd ihren Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete, kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte und in ein Knäuel drückte.
Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du, Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.« Indem ward Sancho munter und da er die Last auf sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei er Maritornen nicht selten traf. Als diese den Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück, daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde. Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt, und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander, daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.
Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf, war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!« Da er aber sah, daß der, den er festhielt, nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder; in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme: »Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt, denn hier ist ein Mensch umgebracht!«
Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln, die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.
Drittes Kapitel Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten, die den braven Don Quijote und seinen wackern Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem Unglück für ein Kastell ansah
Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner Betäubung erholt und mit demselben Ton der Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen Stallmeister angerufen hatte, als er von den Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du? Schläfst du, Freund Sancho?«
»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich alle Teufel über mich hergemacht hätten.«
»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein verzaubertes ist, denn du mußt erfahren — — — Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode aufbewahren willst.«
»Ich schwöre,« antwortete Sancho.
»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort, »weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand zu kränken.«
»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es morgen schon entdecken dürfte.«
»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem Leben eine so nahe Grenze steckt?«
»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, und es ist immer mein Wunsch, daß sie von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«
»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen Verstande? Was von anderen verborgenen Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen vergraben lasse, um die Treue nicht zu brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil, wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten Gesprächen begriffen war, ohne daß ich sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen angehörte und mir einen solchen Schlag auf den Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten Mohren bewacht und mir nicht zugedacht ist.«
»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, daß das mit den Krippenstangen nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen haben, was man uns gereicht hat? Euer Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender Ritter und denke es auch niemals zu sein, und doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«
»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don Quijote.
»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?« rief Sancho.
»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen ganz gesund machen soll.«
Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn: »Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«
»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich vor niemand blicken.«
»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern bezeugen.«
»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten Mohren zu halten.«
Der Häscher kam näher, und da er die beiden in einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen er war, nicht regen oder bewegen konnte. Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie steht's, mein guter Kerl?«
»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden Rittern, Ihr Lümmel?«
Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden Menschen so schlecht behandeln sah, verlor die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß, gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«
»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare Phantome, so daß wir an ihnen durchaus keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf, wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein, Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die mir das Gespenst geschlagen hat.«
Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien, Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund zu machen, der dort im Bette schwer verwundet liegt, von den Händen des verzauberten Mohren, der in dieser Schenke umgeht.«
Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden, machte er die Tür der Schenke auf und rief den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück, der den Kopf auf den Händen stützte und sich über den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt hatte, denn was er für Blut hielt, war nur Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum machte, indem er sie zusammentat und eine gute Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen, da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete; bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber war stillschweigend fortgegangen, um seine Tiere abzufüttern.
Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen können und es war wohl ein Viertel Quart in dem Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel, daß er nichts im Magen behielt, und durch diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte und sich so stark fühlte und seine Schmerzen so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch noch so gefährlich, bestehen könne.
Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen besser fand, bat um das, was noch im Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war. Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel als sein Herr hinunter. Der Magen des armen Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen, wobei er schwitzte und sich quälte, daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig wurde und den Balsam und den Totschläger, der ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung, daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes bedienen dürfe.«
»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen und Martern, daß nicht bloß er, sondern alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben, sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte. Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen, die in der Schenke waren, standen umher und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer, schwer wie aus dem Innersten seines Leibes heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb, weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens dachten so diejenigen, die ihn am vorigen Abend hatten bepflastern sehen.
Als sie nun beide beritten waren, rief er am Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen, die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen. Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt, so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft, den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«
Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt: »Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das Abendessen und die Betten.«
»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don Quijote.
»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der Wirt.
»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte, es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln, von denen ich gewiß weiß (denn bisher habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten, denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen waren.«
»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem Krame gar nichts, sondern ich will das meinige haben.«
»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!« antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber, ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge, entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt, der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah, wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen, der aber die Antwort gab, daß, da sein Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm, daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte, daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen, und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten Vorwurf machen dürfen.
Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia, drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges, aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes Volk, die, wie von einem Geiste zugleich angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte, sie ihn darauflegten und dann die Augen in die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten, zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde. Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte, daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam, die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen, daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er machte also den Versuch, vom Pferde auf die Mauer zu steigen, aber er war so schwach und steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte; alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich, ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen, das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho, trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam (wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund und frisch!«
Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die Schulter an und sagte unter andern härteren Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen, daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind? Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt mich!« — Und indem er diese Worte noch sprach, fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne, ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte, denn man kann mit Recht von ihr sagen, daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren und Schatten vom Christentum behalten hatte.
Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden, daß er noch nichts bezahlt und seinen Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern geschehen war. Der Wirt behielt freilich als Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück, aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt. Der Wirt wollte, als er hinaus war, das Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote, wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei Dreier achteten.
Viertes Kapitel Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen Abenteuern, die der Erzählung würdig sind
Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß, denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster und Wesen aus einer andern Welt! Was mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben, weil sie mich gleichfalls bezaubert hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre, hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines Lebens und seiner Person oder im dringendsten Falle der Not tut.«
»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster oder verzauberte Menschen waren, wie Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde heruntersteigen konntet, sondern was ich davon halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande, jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.«
»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft! Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen, läßt sich der Freude irgend etwas anderes vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich, nichts anderes kommt diesem bei.«
»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das, daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen Herren rechnen, wir noch keine einzige Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer, und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und obendrein von verzauberten Personen, an denen ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen, über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie Ihr es nennt.«
»Dieses ist es, was mich verdrießt und was dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete Don Quijote; »aber ich will von nun an streben, mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben, daß derjenige, der es führt, keiner Art von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände spielen, als er sich den Ritter des brennenden Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung, so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte ihm Widerstand leisten.«
»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß, wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual daran erlebt.«
»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir meinen.«
Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte, die ihm auf seinem Wege entgegenzog; sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an dem sich mehr als an irgendeinem andern die Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte eingeschrieben werden sollen. Siehst du jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt? Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen und zahlreichen Völkern geworben, uns von dort entgegenzieht.«
»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer Staub auf.«
Don Quijote drehte sich um und sah, daß es wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit, Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken, die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte; Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber dabei tun? gnädiger Herr!«
»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando des großen Kaisers Alifanfaron stehen, Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber, der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«
»Warum sind sich aber diese Herren so böse?« fragte Sancho.
»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide, dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt, die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«
»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in meinen Kräften steht.«
»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, braucht man den Ritterschlag nicht erhalten zu haben.«
»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho, »aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen, ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«
»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind, werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten, daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten Ritter kenntlich machen, die sich in diesen beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir beide Heere genau beobachten können.«
Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben, sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten. Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles, was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den du in gelber Rüstung siehst und der in seinem Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke. Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien, der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt, von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß, als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten Timonel von Carcajona, Herrn des neuen Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb; in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift, nämlich Miau, als den Anfang des Namens seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien. Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren Rosses belastet und dessen Rüstung so weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen Fersen in die Seiten des bunten und gewandten Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück wächst nach.« —
So nannte er noch viele Ritter von einer wie von der andern Schwadron, die er sich einbildete; allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen, Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind die, welche die süßen Gewässer des berühmten Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten, die, welche die berühmten und frischen Wasser des klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden Pactolus zu sich leiten, die Numidier dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber, deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren Namen ich mich aber nicht erinnere. — In jener Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer, die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen, goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen Wasser des göttlichen Genil genießen, die die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen, diejenigen, die sich auf den himmlischen Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet, Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen, die sich im Pisuenga baden, berühmt wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten Guadiana weiden, dessen verborgener Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz, alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in sich faßt und begreift.«
Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden Attribute erteilte, trunken und entzückt von dem, was er in seinen lügenhaften Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen; er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist, wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den Gespenstern vorige Nacht.«
»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote, »hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«
»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho, »als Blöken von Schafen und Hammeln.« — Und dies war es auch, denn die beiden Herden waren nun ziemlich nahe gekommen.
»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote, »macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit, so abseitige dich und laß mich allein, denn allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen, faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter. Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott, Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung, weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue Felder, noch der Teufel und seine Großmutter. Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge vor?«
Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach, stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen, als wenn er wirklich mit Todfeinden zu kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern und begannen seine Ohren mit Steinen wie die Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du, stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes, nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite, daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten; sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas anderes abzuwarten.
In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß sich den Bart aus, indem er die Stunde und den Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Da er nun sah, daß er auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen, stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet, keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«
»So hat sie der Schelm von Weisen, mein Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen, Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist, alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht, so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit du deines Irrtums los werdest und merkest, wie ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß, sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht, wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte ich keinen einzigen im Munde behalten.«
Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah, indem der Balsam schon im Magen Don Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen? Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet, denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.« Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe, Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut, sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen, sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der versprochenen Insel verlieren sollte.
Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer noch weh taten, mit der anderen faßte er die Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister, der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse, Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer; alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise, daß sich das Wetter bald aufheitern muß und daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen, denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück überstanden, das Glück uns nahe sein muß. Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten, die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«
»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört wohl einem anderen als mir?«
»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don Quijote.
»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.
»Auf die Weise haben wir heute nichts zu essen,« erwiderte Don Quijote.
»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt, mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«
»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier, Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott, der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen, da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen der Flut; seine Güte läßt die Sonne über Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten und Ungerechten.«
»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum Prediger als zum irrenden Ritter.«
»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote, »denn ein irrender Ritter aus den verflossenen Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem Felde halten können, so gut, als wenn er auf der Universität Paris den Gradus empfangen hätte: woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«
»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete Sancho, »wir wollen weiter und für die Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte Mohren, denn wenn das wieder kömmt, so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«
»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote, »und nimm du selbst den Weg, welchen du willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«
Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«
»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote, »alle vollständig und gesund.«
»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete Sancho.
»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder Flüssen ausgefallen.«
»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho, »habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in der oberen aber keinen halben und keinen ganzen, denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«
»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte, »ich hätte lieber einen Arm hingegeben, nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber allem diesen sind die unterworfen, die wir uns zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich will dem Wege folgen, den du aussuchst.«
Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen, auf dem er sich eben befand. So zogen sie langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung und Ergötzung zu verursachen, und unter anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was man im folgenden Kapitel erzählen wird.
Fünftes Kapitel Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten
«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle, die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt, auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag, denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«
»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen hat. Aber ich will es wieder gut machen, denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle Dinge Mittel.«
»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?« fragte Sancho.
»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung gesichert, es mag nun aber sein oder nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu denken.«
»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch, wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«
Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden und um ihr Unglück vollständig zu machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie sich auf dem großen Wege befanden.
Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak, indem er es bemerkte und dem Don Quijote war es nicht ganz unheimlich; jener zog den Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes an und so standen sie beide und schauten aufmerksam hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen, wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen. Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe; er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«
»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho, »wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht, wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen, um alles auszuhalten?«
»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich, soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte ausholen kann.«
»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,« sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei sein oder nicht?«
»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote, »so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie ich dieses Unternehmen anfassen will.«
»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen, was das doch mit den wandernden Lichtern sein möchte und so entdeckten sie nach und nach viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte, als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte, in welchem sie die Gegenstände genauer erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden Fackeln in den Händen, hinter denen eine Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt, denn daß es keine Pferde waren, sah man an dem langsamen Gange; die in den weißen Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher Stimme.
Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend, das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen, auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen war: der Gebieter aber ermunterte sich bald, der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete, wie dieses eines von den Abenteuern aus seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände, den zu rächen ihm allein vorbehalten sei: er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein, setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter, wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt, denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht entweder verübt oder erlitten und es geziemt sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an euch verübt.«
»Wir haben Eile«, antwortete einer von den Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden, er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.« Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf. Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der, schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte, die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun machte er sich an die übrigen, und es war eine Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff und auf sie einhieb, so daß es schien, als wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät war sein Betragen. Die in den Hemden waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen also sogleich ohne Widerstand den Kampf und flüchteten mit den brennenden Fackeln über das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen Nacht aufführen wollten. So konnten sich auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen solle; worauf der Liegende antwortete: »Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen, denn ich bin ein Lizentiat und habe die ersten Orden.«
»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«
»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene, »sondern mein Unstern.«
»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,« sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf meine anfängliche Frage genug tut.«
»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir wollen nach der Stadt Segovia und führen einen Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter, der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis nach Segovia führen, in welcher Stadt er geboren ist.«
»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don Quijote.
»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers, welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus.
»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte; da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat, so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr, müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen, um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden abzuhelfen.«
»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird zu stehen kommen.«
»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote, »geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür ich Euch ansah und hielt.«
»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«
»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,« antwortete Don Quijote, »warum wartet Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?« Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten. Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel und stopfte so viel er nur mochte und konnte in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier, worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf, ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte, die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden, sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf: »Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt, so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte Don Quijote von la Mancha, der sich mit einem anderen Namen nennt der Ritter von der traurigen Gestalt.«
Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen, ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die dem armen Manne gehörte und da spielte Euer Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«
»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote, »sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen, daß es gut sei, wenn ich mir noch einen anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter vom Greifen, noch ein anderer der des Todes, und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke, und damit sich ein solcher Namen noch besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«
»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten, Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben, daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei gar wohl entbehren könnt.«
Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit, nahm sich aber doch vor, sich bei diesem Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche gelegt, juxta illud: si quis suadente diabolo etc., aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt, sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht, so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte, der wackere Rodrigo de Vivar aber darum immer ein geehrter und tapferer Ritter blieb.«
Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen, ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu, sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen habe, am allerschönsten beendigt. Diese Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen sind, könnten darauf kommen, daß sie doch nur von einem einzigen Manne überwunden wären, deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren und uns suchen, um uns noch das Nötige beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß, das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig zurück und so gehe denn, wie man sagt, der Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen, dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe, und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als sie sich in einem geräumigen und abgelegenen Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert, vollbrachten sie nun mit der Würze des Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl, Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit, die Sancho für die schlimmste von allen hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho, da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden Kapitel erfahren wird.
Sechstes Kapitel Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer, welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha vollbracht wurde
»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon, als daß hier herum eine Quelle oder ein Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen, womit wir diesen schrecklichen Durst löschen könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch mehr als der Hunger peinigt.«
Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel ihres Nachtessens geladen wurden, und so zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen, das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte, dem Sancho besonders, der von Natur furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich, wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden, hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt, dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt, still und schauerlich rauschten, so daß die Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht und Grausen erwecken durften, da sie überdies sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante, nahm den Schild, faßte die Lanze und sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches man nur das von Gold oder das goldene zu nennen pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind: ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe, daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht, die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen und zu brausen scheint von mondhohen, steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet, welche Dinge zusammen, ja jedes für sich hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen Begegnissen und Abenteuern. Alles aber, was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker und Entzünder meines Mutes, so daß mir das Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen und lebe wohl, erwarte mich hier drei Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat zurückkehren und von dort, um etwas Edles und Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen, daß ihr gefangener Ritter umgekommen sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«