XXIX. Die Zierblumen.
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Schon auf niederer Kulturstufe muß sich der Mensch an den bunten Farben und am Wohlgeruche der Blumen mancherlei Art erfreut haben, die ihm je und je auf seinen Wanderungen entgegentraten. Wenn sie ihm auch nicht Nutzen gewähren konnten, es sei denn als Arznei, so befriedigten sie wenigstens sein erwachendes ästhetisches Empfinden. Deshalb pflückte er sie gelegentlich, um sich damit zu schmücken. So bekränzen sich die leichtlebigen Bewohner der Samoainseln nicht bloß zu festlichen Anlässen, sondern tagtäglich Haupt und Brust mit Girlanden wohlriechender Blumen, was einen sehr hübschen Anblick gewährt. Begreiflicherweise mußten solche Stämme sehr bald darauf verfallen, solche Blütenpflanzen in der Nähe ihrer Wohnungen zu ziehen, damit sie jederzeit den begehrten Schmuck zur Verfügung hatten.
Von den ältesten Blumengärten der Menschheit wissen wir nichts; denn, ganz abgesehen davon, daß damals die Schrift noch nicht erfunden war, hätte es niemand der Mühe wert erachtet, uns davon Kunde zu geben. Das erste Volk, von dem wir Kunde haben, daß es sich gewisser Blumen erfreute und diese teilweise auch anpflanzte, um sie in genügender Menge zur Hand zu haben, war das uralte Kulturvolk der Ägypter, das der weißen und blauen Seerose des Nils (Nymphaea lotus und coerulea) ein besonderes Interesse, ja als Kinder des lebenspendenden, heiligen Stromes geradezu Verehrung entgegenbrachte. Nil und weiße Seerose — von den alten Ägyptern suschin, von den Griechen jedoch lōtós geheißen — gehörten nach seinem Empfinden zusammen wie Mutter und Kind, eines ohne das andere undenkbar. Wenn der heilige Strom nach den starken Regen in seinem äquatorialen Quellgebiet anzuschwellen begann, erwachte der im Schlamme desselben wurzelnde Lotos zu neuem Leben; wenn der Strom das Land weithin mit seinem Fruchtbarkeit spendenden Naß überschwemmte, stand die Pflanze in voller Blüte, und wenn er langsam zu sinken begann, so reiften ihre Früchte heran, deren Samen der Bevölkerung eine willkommene Speise darboten und als Nahrungsmittel eine wichtige Rolle spielten. So berichtet uns der Vater der griechischen Geschichtschreibung, Herodot aus Halikarnaß an der kleinasiatischen Küste (484–424 v. Chr.), der Ägypten selbst bereiste, von der weißen Seerose: „Im Nil wachsen, wenn er die Felder überschwemmt, viele Lilien (krínon), welche die Ägypter lōtós heißen. Deren mohnkapselartigen Früchte sammeln die Leute, dörren sie an der Sonne, zermahlen dann deren Samen und backen mit Hilfe des Feuers Brot daraus. Auch die Wurzel ist eßbar und schmeckt nicht übel; sie ist rundlich und von der Größe einer Quitte. Außer diesem Lotos haben die Ägypter noch andere im Wasser wachsende Lilien, deren Frucht einer Wespenwabe gleicht, worin Samen, so groß wie Olivenkerne, in Menge sitzen; man ißt sie frisch und gedörrt.“ Mit diesen letzteren meint Herodot die erst kurz vor seiner Zeit in Ägypten eingeführte rosenrote indische Seerose (Nelumbium speciosum), deren Blüten wenigstens ein Drittel größer als diejenigen unserer weißen Seerose sind und einen angenehmen Anisduft aushauchen. Sie ist in Indien heimisch, wo sie als padma in Sage und Kult der Inder dieselbe Rolle, wie der heilige Lotos bei den Ägyptern spielt. Auf ihr, die der zweite Gott der indischen Göttertrias (Trimurti), Wischnu, als er auf der Milchstraße das Universum durchschwamm, um die Welt zu erschaffen, als Symbol der entstehenden Erde aus seinem Nabel hervorgehen ließ, ist dessen Gemahlin Lakschmi, die Göttin der Liebe, die Tochter des Weltmeers und der Nacht, schwimmend gedacht. In der eben erschlossenen Blüte sitzt sie in ihrem unvergleichlichen Liebreiz, wie später der zum Gott erhobene Königssohn Siddharta aus dem Geschlecht der Sakja — daher auch Sakjamuni, d. h. Einsiedler der Sakja genannt, besser aber unter dem Ehrennamen Buddha „der Erleuchtete“ bekannt (623–543 v. Chr.) — in ihr sinnend als der Weisheit Fülle von seinen zahlreichen Anhängern, den Buddhisten, dargestellt wurde. Deshalb rufen ihn seine Anhänger tagtäglich unter der stehenden Formel: om mani padme hum, d. h. „du Juwel in der Lotosblume“ an, ein Gebet, das in zahllosen Tempeln, wie auf den Gebetsmühlen der Tibeter geschrieben steht und in dem sich die Religion der gedankenlosen Menge niedergeschlagen hat. Auf einem schwimmenden Blatte der padma ist auch Brahma, der erste Gott der indischen Götterdreiheit, der Ursprung aller Wesen, zu dem sie auch zurückkehren, in der für die Inder charakteristischen Weise mit gekreuzten Beinen sitzend gedacht. Diese heilige Pflanze ist dem Inder das Symbol des sich stets erneuernden Lebens, das sichtbare Zeichen der ungeschwächten Schöpfungskraft der Götter, der Inbegriff alles Schönen und Lieblichen; mit ihren Blättern und Blüten schmückt er heute noch wie vor Jahrtausenden die Tempel und Altäre seiner Gottheiten.
Dieser heilige indische Lotos, deren der Brause einer Gießkanne ähnliche Früchte in ihren nach oben zu offenen Fächern vom Volke grün oder getrocknet gerne verspeiste Samen von der Größe von Olivenkernen enthalten, gelangte in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts aus dem Gebiet des Ganges und Indus nach Persien und eroberte sich erst ums Jahr 500 v. Chr. das Heimatrecht in den Gewässern Ägyptens. Hier wurde er in der hellenistisch-römischen Zeit als Zier- und Nutzpflanze im ganzen Lande viel angebaut, war aber schon im 10. Jahrhundert n. Chr. wieder aus dem Lande verschwunden. Er war also dem alten Ägypten fremd, und die weiße einheimische Seerose (Nymphaea lotos), die heute noch mit der himmelblauen Verwandten in den Wässern des Niltals wächst und zur Zeit der Nilüberschwemmung ihre hübschen Blüten entfaltet, nach deren Zahl der Fellache den kommenden Jahressegen abschätzt, war die heilige Pflanze der Ägypter, das Symbol des Nils selbst und zugleich das hieroglyphische Wortbild für das ganze Land Kemi, d. h. Ägypten. Ihre Blüte galt als Sinnbild der Lebensfülle und des Überflusses, war das Zeichen der Zahl 1000, mit welcher der Ägypter den Begriff der Menge und des Segens verband. Sie war den Gottheiten Osiris, Isis, deren Sohn Horus, wie auch Hathor, der von den Griechen mit ihrer Aphrodite identifizierten Göttin der Liebe und des Lebensgenusses, heilig und wurde von diesen als Diadem getragen. Osiris, der ägyptische Gott der schaffenden Kraft des Lichts und der gleicherweise Leben spendenden Feuchtigkeit, das allverehrte Prinzip des Guten und Schönen, der von seinem Bruder Seth, dem Dämon des Dürre und Mißwachs erzeugenden Glutwindes der Wüste, getötet wurde, um dann in der Unterwelt über die Geister der Verstorbenen zu herrschen, war auf einem Lotosblatt thronend gedacht. Er wie seine Gemahlin Isis, das weibliche, empfangende und gebärende Prinzip, waren mit Lotosblumen geschmückt. Letztere wird mit Vorliebe, den Nilschlüssel, das Zeichen der erschlossenen Fruchtbarkeit, in der Rechten, in einem Papyrusnachen über die prangenden Blütenkelche der heiligen Pflanze gleitend dargestellt, während ihr Sohn Horus (ägyptisch Har), der die dem Leben feindliche Dunkelheit und Dürre überwindende Lichtgott, der Rächer seines Vaters Osiris an dessen Mörder Seth, sich beim Schwinden der Nacht in einer halbgeöffneten Lotosblüte als das Symbol der neu aufwachenden Sonne aus den Fluten des Weltmeers erhebt. Wie er, seine Eltern und seine Amme Hathor, die Göttin des Ehesegens und Freundin der Kinderwelt, waren auch die ägyptischen Königinnen mit den Blüten der heiligen Lotospflanze als ihrer schönsten Zier geschmückt.
Keine andere Pflanze, selbst nicht der in seiner Wurzelknolle ebenfalls eine angenehme Speise darbietende Papyrus, auch ein Geschenk des Nils und in der Hieroglyphik das Zeichen des Nordens, wo er in den Sümpfen des Deltas in Menge wuchs, spielte im täglichen Leben des Ägypters als Zier- und Opferblume eine so wichtige Rolle und hat seine ganze Kunst, die Architektur, Skulptur und Malerei so weitgehend beeinflußt, wie der heilige Lotos. Auf allen Darstellungen aus dem Leben der alten Ägypter begegnen wir ihm, wo auch immer sich jemand auf oder am Wasser beschäftigt, wo Opfertische gedeckt sind, wo Gesellschaften gegeben werden. Wenn reichgeschmückte vornehme Damen beisammensitzen und Sängern oder Lautenspielern zuhören oder Tänzerinnen zusehen, stehen Blumenvasen mit Lotosblüten auf den Tischen und halten sie Lotosblüten in den Händen. Von flüchtigen Skizzen bis aufs Feinste ausgeführte Darstellungen wechseln die Lotosbilder durch die mehrtausendjährige Geschichte Altägyptens. Und zwar war bis zum alten Reich ums Jahr 3000 v. Chr. speziell die weiße Lotosblume die heilige, die auch zur Verzierung der Tempel bei Festen, wie auch zum Schmücken der Sarkophage in Girlanden benutzt wurde. Von da an gewann der blaue Lotos — von den Ägyptern sarpat genannt — die Überhand über den weißen und war im mittleren und neuen Reiche die fast ausschließlich benutzte, bis erst wieder zur Ptolemäer- und Kaiserzeit (333 vor bis 362 n. Chr.) die weiße Lotosblume einigermaßen zu Ehren kam. Wie bei uns seit alter Zeit die Rose, so war die Blüte des Lotos im alten Ägypten die Königin der Blumen, die man überall antraf, die auf allen Märkten zu kaufen war und an deren Farbe und zimtartigem Duft man sich in frohen Tagen erfreute. Sie war auch das bevorzugte Geschenk der Liebenden und wurde als Amulett aus Holz oder gebranntem Ton auf der Brust getragen. Wie eintretenden Gästen als Zeichen des Willkomms eine einzelne Blüte oder ein Strauß derselben von Dienern oder Dienerinnen überreicht wurde, so prangte sie im schwarzen Haar der sorgfältig frisierten Dame. Im neuen Reiche (1580–1205 v. Chr.) war es in feinen Kreisen Sitte, zu Gastmählern Geladenen einen Kranz aus Lotosblüten um den Hals zu hängen und ihr Haupt mit Blumengewinden zu zieren, aus denen eine halberschlossene Lotosblüte über die Stirne herabhing.

Bild 76–78. Altägyptische Darstellungen von Lotosblumen. Links ein Diener mit abgeschnittenen Blütenstengeln, in der Mitte und rechts Vasen mit Lotosblüten. (Nach Lepsius und Woenig.)
Bei keinem Opfer fehlte die heilige Pflanze, das Attribut der höchsten Gottheiten. Weizenähren oder Lotosblüten in den Händen sehen wir die mächtigen Herrscher sich den Götterbildern opfernd nahen und die Götter sich gegenseitig beschenken. Und einst selbst eine „reine, in den Strahlen der Sonne leuchtende, heilige Lotosblume im Garten des Sonnengottes Ra“ zu werden, war, wie in den Totengebeten steht, der sehnlichste Wunsch eines jeden Ägypters. Mehrere der in der Totenstadt westlich von Theben aufgefundenen Königsmumien fanden sich noch mit Kranzresten geschmückt, in denen sie vorherrscht. So war die noch im Tode Ehrfurcht gebietende Mumie des großen Ramses II. der 19. Dynastie (1292–1225 v. Chr.) mit Gewinden aus Blättern des von alters her der Isis geheiligten Baumes Mimusops schimperi, des „Lebensbaumes“ mit in Form und Farbe den Hagebutten nicht unähnlichen Früchten mit dünnem Überzug von mehligem, wohlschmeckendem Fruchtfleisch, abwechselnd mit den blauen Blumenblättern des Lotos verflochten. Und zwar wurden diese Blumengewinde dem beigegebenen Totenbuche zufolge bei einer zur Zeit der 21. oder 22. Dynastie (1090 bis 745 v. Chr.) vorgenommenen prunkvollen neuen Bestattung um die Mumie des großen Toten geschlungen.
Von anderen altägyptischen Gartenblumen sind uns nur spärliche Reste erhalten geblieben. So fanden sich in einem die Brust der Mumie des Königs Amenhotep II. aus der 18. Dynastie (1580–1547 v. Chr.) bedeckenden Blumengewinde Reste des arabischen Jasmins, der feigenblätterigen Malve und einer blauen Ritterspornart, die in Westasien heimisch sind und im Niltal in Gärten gezogen worden sein müssen. Zwischen ihnen hingen gelbe Blütentrauben der im Lande selbst wachsenden Nilakazie und eines andern Schmetterlingsblütlers (Sesbania aegyptiaca) mit rotgelben Blüten. In den Weidenlaubgewinden der Prinzessin Nsi-Chonsu, der Tochter des Tont-hont-huti der 22. Dynastie (945–745 v. Chr.) fanden sich neben Blüten der asiatischen Kornblume diejenigen einer in Ägypten nur im April blühenden Komposite, eines Bitterkrautes, die uns sogar von der Jahreszeit der Schmückung dieser Leiche genaue Kunde geben. In einem Grabe der 20. Dynastie (1200–1090 v. Chr.) lagen die Blüten und vollständig geschwärzten Blätter der Pfefferminze. Mehrfach haben sich auch bei Mumien dieser und späterer Perioden Überreste der hochgelben Blüte einer Komposite, der kretischen Wucherblume, neben denjenigen des rotblühenden Schotenweiderichs gefunden.
Neben Girlanden sind auch Blumensträuße in größerer Zahl in den Katakomben der Totenstadt von Theben gefunden worden. Sie lagen in den Sarkophagen auf den Mumien, zwischen diese und die innere Sargwand eingezwängt. Diese Sträuße, aus Feld- und Gartenblumen, Wedeln der Dattelpalme (altägyptisch utu genannt) und verschiedenartigen Laubblättern gefertigt, sind länglich, ähren- oder zapfenförmig und kurz oder lang gestielt. Sie wurden in der Weise hergestellt, daß man die Blumen und Blätter um einen kürzeren oder längeren Stab mit Baststreifen umwickelte. Auch die Holzstiele der Sträuße waren häufig kunstvoll mit Bast umflochten. Noch heutigentags werden die Blumensträuße in Ägypten, wie im ganzen Orient, auf diese Weise gebunden.
Wie zierlich geflochtene Hals- und Brustkränze trugen die alten Ägypter, wie wir aus zahlreichen Darstellungen von Festen und Gelagen besonders auf den Köpfen der Sängerinnen und Tänzerinnen bemerken, auch mancherlei Stirnkränze. Zu allen Festen und Gelagen gehörten im alten Ägypten nicht nur eine Ausschmückung der betreffenden Räume mit blumengezierten Girlanden und auf den Tischen aufgestellten Blumen in zierlichen Alabastervasen oder Krügen von gebranntem Ton mit einem bis drei engen Hälsen, in denen auf den bildlichen Darstellungen noch die hineingesteckten Blumen zu erkennen sind, sondern vor allem auch Blumengewinde um Haupt, Hals und Brust, mit denen der Gastgeber seine Gäste schmückte. Eine Korridorinschrift am großen Tempel der Hathor in Denderah, welche die ausgelassene Techufeier zu Ehren der Göttin zum Gegenstand hat, lautet: „Die Erde ist in Freude. Die Einwohner von Denderah sind trunken von Wein, ein Kranz von Blumen ist auf ihren Häuptern.“ Überhaupt sind die alten Ägypter nicht die düstern, vom Gedanken an den Tod beherrschten Menschen gewesen, als die wir sie wegen der weitgehenden Fürsorge für das Leben nach dem Tode zu betrachten gewohnt sind. Sie waren vielmehr ein recht lebenslustiges Volk, als welches sie uns bereits Herodot, der älteste griechische Geschichtschreiber (484–424 v. Chr.), aus eigener Anschauung schildert. Feste wurden viel gefeiert, und an ihnen ging es sehr hoch her. Der Bedarf an Kränzen war demnach ein großer und das Kranzwinden galt im Lande als geachtete Kunst, die gut lohnte. Der römische Schriftsteller Plinius (23–79 n. Chr.) erwähnt unter den von den ägyptischen Kranzwindern mit Vorliebe benutzten Blumen den brennend roten alexandrinischen Amarant, dessen hahnenkammartig ausgebreitete Blumenähre jedenfalls eine prächtige Zierde für Kränze abgab.
Eingehendere Nachrichten über die Bedeutung der Kränze im Altertum haben uns verschiedene griechische Schriftsteller überliefert. So berichtet der um 200 n. Chr. in Alexandreia und Rom lebende griechische Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten in seiner Schrift Deipnosophistai: „Es ist eine alte Sitte, den Gästen vor dem Nachtisch Kränze und Salben herumzugeben. — Hellanikos erzählt, daß Amasis, welcher ursprünglich ein Mensch aus gemeinem Stande war (er stürzte den König Hophra, regierte von 570–526 v. Chr., begünstigte den Verkehr mit den Griechen, denen er die Stadt Naukratis überließ, und war ein Freund des Tyrannen Polykrates von Samos), durch einen Kranz König von Ägypten geworden sei. Er hatte nämlich den Kranz aus den prächtigsten Frühlingsblumen geflochten und dem damaligen Könige Ägyptens, Patarmis, gesandt, als dieser seinen Geburtstag feierte. Dieser freute sich sehr über den herrlichen Kranz, lud den Amasis zur Tafel, behandelte ihn seitdem als Freund und sandte ihn einstmals mit einem Heer gegen rebellische Truppen. Diese wählten aber den Amasis als König.“
Dieser Autor bespricht eingehend die verschiedenen Arten von Kränzen, die man zu seiner Zeit trug, aus Lotosklee, wie ihn schon der jonische Lyriker Anakreon (550–478 v. Chr.) schildert, aus Dill, wie ihn die griechische Dichterin Sappho aus Mytilene auf Lesbos (um 600 v. Chr.) beschreibt, aus andern wohlriechenden Kräutern, wie Majoran, Thymian, Salbei, Seifenkraut, dann aus Lorbeer, Myrte und verschiedenen wohlriechenden Blumen. „Im schönen Alexandreia gibt es auch Kränze, die man (zu Ehren des schönen Lieblings des Kaisers Hadrian, Antinoos aus Bithynien, der sich im Jahre 130 als Opfer für den Kaiser unweit Besa in den Nil stürzte und ertrank, worauf der Kaiser sein Andenken vielfach feierte und auch ein Sternbild in der Milchstraße dicht beim Adler nach ihm benannte) Antinoeios nennt; sie werden aus der ägyptischen Seerose (lōtós) angefertigt. Diese Blume wächst in Sümpfen und zeigt sich in der Mitte des Sommers. Sie kommt in zwei Farben vor, entweder rosa, und dann nennt man den Kranz eigentlich Antinoéios stéphanos, oder himmelblau, und dann heißt der Kranz lṓtinos stéphanos.“ — Ein ägyptischer Dichter namens Pankrates hatte den Einfall, dem römischen Kaiser Hadrian (76–138 n. Chr.), als er in Alexandreia war, die rosenfarbene Seerose zu zeigen, sie für ein Wunder auszugeben und zu sagen, sie sei aus dem Blute des maurusischen Löwen entsprossen, den Hadrian in Libyen, nicht sehr weit von Alexandreia, auf einer Jagd mit eigener Hand erlegt hatte. Dieser Löwe war ein ungeheures Tier und hatte lange so arg in Libyen gehaust, daß ein Teil des Landes von den Bewohnern hatte verlassen werden müssen. Hadrian fand seinen Spaß an der Erfindung des Pankrates und befahl, daß er auf Staatskosten im Museion leben solle. — In dem von Pankrates dem Hadrian übergebenen Gedicht kam auch folgende Stelle vor: „Ehe die Blume des Antinoos (der Lotos) von der Erde erzeugt war, dienten behaarter Feldthymian, weiße Lilie, purpurrote Hyazinthe und Blätter des weißen Schwalbenkrauts nebst Rosen, die sich beim Zephyr des Frühlings öffnen, zu Kränzen.“
Athenaios fügt dem hinzu, daß es auch Sitte sei, die Türen derjenigen, die man liebt, mit Kränzen zu schmücken. Homer habe den Gebrauch von Kränzen noch nicht erwähnt, er müsse bei den Griechen erst späteren Ursprungs sein. Später sei er sehr häufig getragen worden. Anakreon spreche von Myrtenkränzen, die mit Rosen durchzogen waren, und Theopompos erzählt im dritten Buch seiner Hellenika, die Ägypter hätten dem Agesilaos, als er in ihr Land kam, unter andern Geschenken auch Papyros zu Kränzen geschickt. Die Sybariten stellten oft öffentliche Schmausereien an und ehrten diejenigen, die die größten Beiträge dazu lieferten, mit goldenen Kränzen; ja sie bekränzten auch diejenigen Köche, die die Speise am delikatesten zubereiteten. — „Bei dem großen Feste, das Ptolemaios Philadelphos (der Gründer des Museions und der Bibliothek in Alexandreia, regierte 285–247 v. Chr.) zu Alexandreia in der Mitte des Winters gab, war sein Prachtzelt von Lorbeer, Myrte und andern Bäumen umschattet und der ganze Boden mit Blumen aller Art bestreut. Ägypten bringt nämlich sowohl durch sein mildes Klima, als durch die Kunst seiner Gärtner zu jeder Jahreszeit Blumen im Überfluß hervor, so daß man z. B. Rosen, Levkojen usw. zu jeder Zeit in beliebiger Menge haben kann. Bei dieser Gelegenheit war in einer Jahreszeit, da in einer andern Stadt kaum zu einem Kranze Blumen aufzutreiben gewesen wären, bei diesem Feste in Alexandreia Überfluß an Blumenkränzen für die ungeheure Menge der Festgäste, und der Boden war so dick mit Blumen bestreut, daß er wirklich einer göttlichen Wiese glich. Bei dem feierlichen Umzug, der bei dieser Gelegenheit abgehalten wurde, kam auch alles zur Schau, was sich auf die Geschichte der einzelnen Gottheiten bezog. Im Gefolge des Bacchos erschienen 40 Satyrn, um deren Lampen von Gold strahlende Efeublätter gewunden waren. Viktorienbilder trugen Räucherpfannen von 6 Ellen Länge, die mit Efeuranken und goldenen Zweigen umgeben waren. Ein Altar von 6 Ellen folgte, geschmückt mit goldenem Efeulaub und einem Kranze von goldenem Weinlaub. Dem Altare folgten 120 Knaben, in Purpur gekleidet und Weihrauch, Myrrhe und Safran in goldenen Gefäßen tragend. Nach ihnen kamen 40 Satyrn, die mit goldenen Efeukränzen geschmückt waren und einen großen, aus goldenen Reb- und Efeuranken bestehenden Kranz trugen. Ihnen folgte ein ausgezeichnet großes und stattliches, reich mit Gold geschmücktes Weib, das in der einen Hand einen Kranz aus Myxa, in der andern einen Stab aus Dattelpalmenholz trug. Hinter ihr gingen wieder Viktorien mit Räucherpfannen, die mit goldenen Efeugirlanden geschmückt waren, und Satyrn mit goldenen Efeukränzen einher. Ihnen folgte ein von 180 Menschen gezogener Wagen, der die Bildsäule des Bacchos trug; diese goß aus einem goldenen Becher Wein und hatte neben sich ein großes Weingefäß und eine Räucherpfanne mit zwei Schalen, die mit Zimtkassia und Safran gefüllt waren. Über dem Bacchos wölbte sich eine Laube, die aus Efeu, Weinrebe und allerlei Bäumen gebildet war. Rings hingen auch Kränze, Bänder und mit Efeu und Reblaub umwundene Stäbe. Hinter diesem Wagen gingen Bacchantinnen einher mit fliegendem Haar, mit Schlangen oder Eichenlaub, Reben- und Efeuzweigen bekränzt. Dann folgte ein von 300 Mann gezogener Wagen, 20 Ellen lang und 16 breit; auf ihm stand eine mit Trauben gefüllte Kelter, die 24 Ellen lang und 14 Ellen breit war. 60 Satyrn traten die Trauben und sangen unter Flötenspiel ein Kelterlied; dabei floß der Most auf den ganzen Weg hin. Der nachfolgende von 60 Mann gezogene Wagen war 25 Ellen lang und 14 Ellen breit, und trug einen ungeheuren, aus Pantherfellen genähten Schlauch, aus welchem auf den ganzen Weg allmählich auslaufender Wein floß usw. usw.“
Das Tragen von goldenen Kränzen galt im Altertum als besonders feierlich und wird uns ziemlich häufig angegeben. So erzählt Athenaios an einer andern Stelle: „Bei einem feierlichen Umzuge, den der König von Syrien, Antiochos der Tolle (im 2. Jahrhundert v. Chr.) hielt, befanden sich 3000 leicht bewaffnete, in Purpur gekleidete, mit goldenen Kränzen geschmückte Kilikier, 2000 Reiter in Purpurkleidern, von denen die meisten goldene Kränze trugen, und hinter den Soldaten folgten 800 Jünglinge mit goldenen Kränzen.“
Im gewöhnlichen Leben waren Kränze von allerlei bunten und wohlriechenden Blumen die gebräuchlichsten. Dabei sagt uns das Onomastikon des Pollux: „Die Blumen, welche man zu Kränzen verwendet, sind Rosen, Veilchen, Lilien, Minze, Anemonen, Feldthymian, Safran, Hyazinthen, gelbe Strohblumen, rotgelbe Taglilie, grauer Thymian, Königskerze, Nadelkerbel, Narzissen, Steinklee, Hundskamille, Kamille und andere Blumen, die entweder schön oder wohlriechend sind.“ So sagt ein nicht genannter Dichter: „Hier schicke ich dir einen Kranz, den ich mit eigenen Händen aus schönen Blumen gewunden habe, aus Lilien, Rosen, Anemonen, Narzissen und blauen Veilchen.“ Ein anderer singt: „Ich will Levkojen, zarte Myrten, Narzissen und leuchtende Lilien winden, ich will süßduftenden Safran, purpurrote Hyazinthen und liebliche Rosen winden, und damit das lockige Haar der Heliodora bekränzen.“
Die Sitte, sich bei Festen zu bekränzen, übernahmen dann die Römer von den Griechen. Der ältere Plinius (23–79 n. Chr.) schreibt darüber in seiner Naturgeschichte. „Anfangs kannte das römische Volk nur Kränze, die durch Kriegstaten erworben wurden; jetzt aber hat es mehr Arten von Kränzen als alle andern Völker zusammen. Und zwar werden zumeist Blumen dazu verwendet, die die Natur nur für Tage erschuf. Einst hat das römische Volk nur einen Scipio, der den Beinamen Serapio führte, mit Blumen geehrt. Er starb als Tribun und war beim Volke sehr beliebt. Da er kein Vermögen hinterließ, so besorgte das Volk auf eigene Kosten das Begräbnis, indem jeder das Seinige dazu beitrug, und warf ihm überall, wo der Leichenzug vorbeiging, Blumen zu. Während in Athen Jünglinge noch vor der Mittagsstunde die Versammlungen weiser Männer mit einem Kranze auf dem Kopfe besuchten, herrschte in solchen Dingen bei den Römern stets große Strenge. So wurde beispielsweise im zweiten punischen Kriege (218–201 v. Chr.) der Geldwechsler Lucius Fulvius kraft eines Senatsbeschlusses ins Gefängnis geführt und erst am Ende des Krieges wieder in Freiheit gesetzt, als er sich unterfing, bei hellem Tage aus seiner Bude mit einem Rosenkranze auf dem Kopfe auf das Forum hinauszusehen. Auch den Publius Munatius ließen die Triumvirn fesseln und ins Gefängnis abführen, als er von der Bildsäule des Marsyas einen Blumenkranz nahm und sich aufsetzte. Er bat zwar die Tribunen, ihm beizustehen; doch taten diese keinen Einspruch. — Unter allen Kränzen aus Blumen haben diejenigen aus Rosen den größten Vorzug, und zwar legt man denen den höchsten Wert bei, die nur aus zusammengehefteten Rosenblättern bestehen. Heute aber nimmt man den Stoff zu Kränzen aus Indien oder aus Ländern, die jenseits von Indien liegen. Für die herrlichsten gelten die aus Nardenblättern, oder die mit bunten, von wohlriechenden Salben triefenden Seidenstoffen durchflochtenen. So weit geht jetzt die Verschwendung der Weiber!“
„In Sicyon wetteiferte die Kranzflechterin Glycera durch immer schönere natürliche Kränze mit dem Maler Pausias, der ihre Kränze malte, so daß Natur und Kunst sich gegenseitig zu übertreffen suchten. Auf dem berühmten Gemälde, das Die Kranzflechterin (stephanoplocos) heißt, und noch heutigentags vorhanden ist, hat er die Glycera gemalt. Dies geschah nach der hundertsten Olympiade (um 380 v. Chr.). — Wie man nun einmal angefangen hatte, Blumen in die Kränze zu flechten, wurden auch die Winterkränze Mode, deren Blumen, weil dann die Jahreszeit keine natürlichen liefert, aus künstlich gefärbten Hornspänen bestehen. In Rom schlich sich auch allmählich für die Kränze, wegen ihres zarten Wesens, der Name corolla, und dann der Name corollarium für Kränze aus vergoldetem oder versilbertem Kupferblech ein. — Zuerst ließ sich der reiche Crassus (der wegen seines ungeheuren Reichtums von 30 Millionen Mark den Beinamen dives „der Reiche“ führende Triumvir, geboren 115 v. Chr., besiegte als Prätor 72 den Sklavenaufstand unter Spartacus, ward 70 mit Pompejus Konsul, schloß sich dann an Cäsar an und bildete 60 mit diesem und Pompejus das 1. Triumvirat, ward 55 zum zweitenmal Konsul, ging als Prokonsul nach Syrien und ward 53 nach der Niederlage bei Carrhae gegen die Parther hinterlistig getötet) die Blätter aus Gold nachbilden und verschenkte die daraus verfertigten Kränze bei den Spielen, die er gab. Es kamen dann noch zur Erhöhung der Schönheit der Kränze Bänder hinzu; an den etruskischen durften nur goldene Bänder angebracht werden. Lange Zeit hindurch waren sie einfach; erst Publius Claudius Pulcher ließ sie in getriebener Arbeit darstellen und brachte sogar am Baste, womit die Kränze gewunden waren, Goldblättchen an.“
„Zwei griechische Ärzte, Mnesitheos und Kallimachos, haben eigens über die Kränze geschrieben, die dem Kopfe und somit der Gesundheit schaden. Bei Wein und Fröhlichkeit kann der Blumenduft schaden, ohne daß man daran denkt. — Daß aber auch absichtlich durch die Kränze, die man bei Gastmählern zu tragen pflegt, Unheil gestiftet werden kann, ersieht man aus folgendem Beispiel: Vor der Schlacht bei Actium (Stadt und Vorgebirge Aktion an der Westküste Griechenlands, südlich vom Eingang des Ambrakischen Golfes, wo Octavianus — der spätere Augustus — am 2. September 31 v. Chr. durch seinen Seesieg über Antonius und Kleopatra die Alleinherrschaft gewann) begann Antonius den Verdacht zu fassen, Kleopatra möchte einmal den Versuch machen, ihn durch Gift aus dem Wege zu räumen, und genoß nichts mehr, bevor es von andern gekostet war. Dies merkte nun die Königin. Bei einer lustigen Mahlzeit setzte sie sich einen Kranz auf, dessen Blumen sie mit Gift bestrichen hatte, und tat im Laufe des muntern Gesprächs den Vorschlag, die Blumen des Kranzes zu zerpflücken und mitzutrinken. Antonius ahnte nichts Böses, ließ die Blumen in seinen Becher werfen, setzte an und wollte trinken. Da hielt Kleopatra schnell die Hand vor und sagte: „Sieh, Antonius, du denkst dich dadurch zu schützen, daß du alle deine Speisen und Getränke erst kosten lässest; aber das würde dir alles nicht helfen, wenn ich nicht wüßte, daß ich ohne dich nicht leben kann.“ Sie ließ nun, um zu beweisen, wie sie über Tod und Leben gebiete, einen Menschen aus dem Gefängnis kommen und befahl ihm, aus dem Becher zu trinken. Er tat’s und sank auf der Stelle nieder.“
Derselbe Plinius sagt, daß in alten Zeiten nur Göttern Kränze gegeben worden seien; später sollen auch die Opfernden zu Ehren der Götter Kränze auf ihr Haupt gesetzt und zugleich die Opfertiere bekränzt haben. Dann seien sie auch bei den heiligen Kampfspielen in Gebrauch gekommen, wurden aber eigentlich nicht dem Sieger, sondern dessen Vaterland zugesprochen. Solche Siegeskränze pflege man als Weihgeschenke in den Tempeln aufzuhängen. — Der ums Jahr 1000 n. Chr. lebende Suidas gibt dem Empfinden der antiken Welt Ausdruck, wenn er sagt: „Den Toten gab man einen Kranz, weil sie den Kampf des Lebens bestanden hatten.“ In diesem Sinne erzählt Valerius Maximus vom karthagischen Feldherrn Hannibal, er habe den römischen Feldherrn Marcus Marcellus, als er im Lande der Bruttier kämpfend gefallen war, mit einem Lorbeerkranze schmücken und standesgemäß begraben lassen. Auch der Scheiterhaufen, auf dem die Leiche verbrannt wurde, pflegte mit Blumen, Weihrauch und anderem kostbarem Räucherwerk und wohlriechenden Essenzen bestreut zu werden. War der Leichnam verbrannt, so löschte man die glimmende Asche mit Wein, füllte sie in eine Urne und stellte sie in einem Grabmal an der Heerstraße auf.
In der Biographie des Feldherrn des Achäischen Bundes, Philopömen, der 183 v. Chr., als er von den Messeniern gefangen genommen wurde, den Giftbecher trinken mußte, sagt Plutarch, daß bei dessen Beerdigung der Sohn des achäischen Feldherrn, Polybios, die Aschenurne trug, die aber vor der Menge der Bänder und Kränze kaum zu sehen war. In den Grabschriften der Heroen des um 309 in Burdigala (Bordeaux) geborenen und nach 393 verstorbenen römischen Dichters Ausonius, der Christ und Erzieher des Kaisers Gratian war, wird der Besucher aufgefordert: „Besprenge die Gebeine mit Wein und lieblich duftendem Nardenöl, füge purpurfarbige Rosen und Balsam hinzu.“ Der Dichter Properz (45–22 v. Chr.) singt in einer seiner Elegien: „Wäre ich gestorben und legte jemand meine Gebeine in zarte Rosenblätter, so würde mir die Erde leicht sein.“ Sein Zeitgenosse Tibull (43 vor bis 20 n. Chr.) aber meint: „In schwarzem Trauergewande mögen sie meine Gebeine sammeln, sie mit Wein und dann mit Milch abwaschen, sie mit Tüchern wieder abtrocknen, in ein Marmorgefäß tun und die Zwischenräume mit morgenländischen Gewürzen füllen.“ Gerade diese letztere Sitte muß bei den Vornehmen Roms zu Beginn der Kaiserzeit sehr beliebt gewesen sein. So beschwört der produktivste und phantasiereichste aller römischen Dichter, Ovid, der im Jahre 7 n. Chr. 50jährig von Augustus wegen einer Skandalaffäre mit dessen Tochter Julia nach Tomi am Schwarzen Meer verbannt wurde und 17 daselbst starb, seinen besten Freund mit den Worten: „Bin ich tot, so lege meine Gebeine mit Blättern und Pulver von amomum (den aus Indien bezogenen Kardamomen) in eine kleine Urne und bestatte sie in der Vorstadt Roms.“
Auch die Gräber wurden in der Antike mit Vorliebe durch Blumen geschmückt. Schon Sophokles (497–406 v. Chr.) läßt in seiner Elektra sagen: „Als ich an das alte Grab des Vaters kam, sah ich, daß auf die Mitte frische Milch gegossen und der Rand rings mit Blumen aller Art belegt war.“ In der Äneis Vergils (70–19 v. Chr.) läßt der Dichter den Äneas, als er das Grab seines Vaters Anchises wieder besuchte, zwei Becher Wein, dann zwei mit frischer Milch und zwei mit heiligem Blute ausgießen und purpurfarbige Blumen darauf streuen; und an einer andern Stelle jenes Epos, das den Ahnherrn des julischen Geschlechts verherrlichen sollte, heißt es: „Streut mit vollen Händen Lilien und purpurne Blüten auf das Grab!“ Tibull sagt in einer seiner Elegien: „Bist du gut gewesen, so werden Tränen bei deiner Bestattung fließen und werden deine alten Freunde jährlich deinen Grabeshügel mit Blumengirlanden schmücken und sagen: „Schlummre sanft den Todesschlummer!“ Selbst von dem Scheusal Nero weiß sein Biograph Suetonius zu melden, daß es doch Leute gab, die noch viele Jahre lang sein Grab mit Blumen schmückten.“
Bei diesem zweifellos großen Bedarf an Blumen, der uns nach den Berichten der Schriftsteller des Altertums im ganzen Bereich der hellenisch-römischen Kultur entgegentritt, ist es sehr merkwürdig, daß so überaus selten von Blumengärten, die doch überall in der Nähe der Städte vorhanden gewesen sein müssen, die Rede ist. Nur der prosaische Cato (234–149 v. Chr.) rät in seiner Schrift über den Landbau: „Wer einen Garten bei der Stadt hat, der ziehe Kranzblumen aller Art.“ Schon der Vater der griechischen Botanik, der Schüler des großen Aristoteles, Theophrast (390–286 v. Chr.), zog in seinem durch die Freigebigkeit seines Kollegen Demetrios Phalereus, der von 318 bis 307 Athen verwaltete und für kurze Zeit dessen Blüte herstellte, unterhaltenen Garten in Athen auch allerlei Blumen, wie Veilchen, Nelken und Klebnelken, von denen er sagt, daß sie zur Ausschmückung von Kränzen verwendet werden. Und der ältere Plinius weiß uns zu melden: „Um die Pflanzen kennen zu lernen, bin ich bei Antonius Castor in die Lehre gegangen, der zu unserer Zeit in dieser Wissenschaft das größte Ansehen genoß. Ich besuchte ihn sehr oft in seinem Gärtchen, in welchem er die meisten Pflanzen zog. Dabei war er schon über hundert Jahre alt, hatte nie eine Krankheit gehabt und durch sein hohes Alter weder an seinem Gedächtnisse, noch an seiner körperlichen Munterkeit eine Abnahme erfahren.“
Wie wir aus einigen literarischen Angaben und Darstellungen auf Vasen wissen, pflegten die Griechen der klassischen Zeit mit Erde gefüllte, meist mit Henkeln versehene irdene Töpfe mit allerlei rasch aufsprießenden Pflänzchen zu besäen. Wenn sie dann grün bewachsen waren, trug man sie am Adonisfeste im feierlichen Zuge daher. Mit diesen rasch dahinwelkenden „Adonisgärtlein“ wollte man den frühen Tod des Jünglings andeuten, der ein Sinnbild des südlichen Sommers darstellte, in welchem alles Grün unter der Glut der erbarmungslosen Sonne allzuschnell dahinstirbt. Dieser Adonis war eigentlich ein syrischer Naturgott, ein Abbild der nach kurzer Blüte immer wieder ersterbenden Vegetation. Nach griechischem Mythos war er der Sohn des Kypriers Kinyras und dessen Tochter Myrrha und wurde aus einem Myrrhenbaum geboren, in welchen letztere verwandelt worden war. Er erwuchs zu einem wunderschönen Jüngling, in den Aphrodite, die Liebesgöttin, und Persephone, die Beherrscherin der Unterwelt, die mit Bewilligung ihres Vaters Zeus zwei Drittel des Jahres bei ihrer Mutter Demeter, der Erdgöttin, auf der Oberwelt zubringen durfte, sich gleicherweise verliebten. Als er dann auf der Jagd von einem Eber getötet wurde, stritten beide Göttinnen um seinen Besitz. Da entschied Vater Zeus, daß er abwechselnd bei der ersteren auf der Oberwelt und bei der letzteren in der Unterwelt leben sollte.
Wie schon bei den ältesten Ägyptern und Babyloniern wurden auch bei den Griechen und Römern allerlei fremdländische, gegen die klimatischen Verhältnisse empfindliche Pflanzen in Töpfen gezogen, die man über die kälteste Zeit zum Schutze in die Häuser stellen konnte. So schreibt Theophrast in seiner Pflanzengeschichte: „Die Stabwurz (abrótonon) wird öfters in Blumentöpfe (óstrakon) gepflanzt wie die Adonisgärten im Sommer.“ In späterer Zeit baute man zum Zwecke des Überwinterns gegen Kälte empfindlicher Pflanzen eigentliche, mit Glimmerplatten statt wie bei uns mit Glas gedeckte Treibhäuser. So berichtet uns der witzige Epigrammendichter Martial, 40–102 n. Chr., daß man hinter Scheiben von „durchsichtigem Edelstein“ feinere Obstsorten vor der Winterkälte schütze; er dagegen habe in seinem Stübchen nicht einmal einen ganzen Fensterladen und müsse dann beim eisigen Nordwind nicht übel frieren. Und in der wahrscheinlich ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten, Geoponika genannten Sammlung von Auszügen guter alter griechischer Schriften über die Land- und Gartenwirtschaft steht zu lesen: „Frühzeitige Rosen nennt man diejenigen, die in Körben oder Töpfen gezogen und wie Kürbisse oder Gurken behandelt werden (d. h. im Winter bei kaltem Wetter in sonnigen, mit Glimmer gedeckten Räumen geschützt, bei mildem aber ins Freie getragen werden). Im Freien stehende treibt man, wenn man will, dadurch, daß man zwei Hände breit um sie herum einen Graben zieht und täglich zweimal Wasser in diesen gießt.“
Als in den Wirren der Völkerwanderung die antike Kultur zu Grunde gegangen war und nur noch in Byzanz eine länger dauernde, den Arabern, nicht aber den Christen des Abendlandes zugute kommende Nachblüte erlebte, ging auch die künstliche Zucht und das Treiben von Blumen in Europa verloren. Erst mit dem Erwachen der Geister in der Neuzeit kam sie, vom Morgenlande beeinflußt, bei uns in Flor. Der erste, der die Treiberei von Blumen in größerem Maßstabe in Mitteleuropa ausübte und zur Modesache bei den Vornehmen erhob, war der berühmte Gärtner Ludwigs XIV., La Quintinie, der dafür sorgte, daß sein Herr und Gebieter, der ein großer Blumenfreund war, stets in den Räumen seines Schlosses irgend welche Blütenpflanzen, besonders Rosen, Tulpen, Hyazinthen, Narzissen und Anemonen besaß. In der Folge ist dieser Zweig der gärtnerischen Tätigkeit in hohem Maße gepflegt und mit allem Raffinement ausgebildet worden.
Mit dieser gärtnerischen Kunstfertigkeit hängt auch die Einführung neuer Blumenarten und die Züchtung neuer Sorten aus denselben und den schon vorhandenen zusammen. Diese Zucht neuer Zierblumen ist im wesentlichen eine Errungenschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie ist der Ausfluß des Strebens der Handelsgärtner, immer neue Formen hervorzubringen, um damit bei dem danach lüsternen Publikum ein gutes Geschäft machen zu können. Für gewisse seltene Formen und Neuheiten werden von den reichen Blumenfreunden tatsächlich Unsummen bezahlt, und der große Gewinn treibt die Züchter zu fortgesetzten Anstrengungen an, etwas Seltenes oder noch nie Dagewesenes auf den Markt zu bringen. Das Hauptmittel dabei bildet das Warmhaus, das die Kultur von Blumen und Ziergewächsen von der örtlichen Lage unabhängig macht und die Vereinigung aller möglichen Pflanzen gestattet, mit denen dann experimentiert wird.
Am häufigsten tritt in der Kultur, zunächst schon durch die bessere Ernährung bedingt, eine Vergrößerung der Blüte ein. Solche Riesenformen kehren aber bei der Weiterkultur, wenn sie nicht sehr kräftig ernährt werden, leicht zur Stammform zurück. Nicht selten sind Änderungen der Farbe, doch beschränken sie sich gewöhnlich auf einen bestimmten Farbenkreis. So variiert Blau (durch Hinzutreten einer Säure zu dem betreffenden Farbstoff) in Violett oder Rosa und schließlich Weiß, Blutrot in Rosa oder Weiß, Zinnoberrot in Orange und Gelb, Violett in Blau und Weiß, seltener in Rosa, Gelb fast nur in Weiß, Weiß meist gar nicht oder allenfalls in Zartrosa oder Zartblau. Neben den Farbenvariationen treten gefüllte Formen auf, indem sich Staubblätter in Blumenblätter verwandeln. Diese beiden Veränderungen der Farbe und die Füllung oder Petalodie (von pétalon Blumenblatt) der Blumen hängen nun ebenfalls vielfach mit Ernährungsursachen zusammen. So füllen sich beispielsweise vielfach die Blüten der Levkojen, wenn man die betreffenden Pflanzen eine Zeitlang kümmerlich ernährt. In den weitaus meisten Fällen aber lassen sich solche Veränderungen nicht erzwingen, sondern treten spontan, ohne für uns erkennbare Ursache auf. Der Mensch muß sie abwarten und entdecken; dann aber kann er großen Gewinn daraus ziehen. Da solche neue Varietäten ihre besonderen neuen Eigentümlichkeiten auf ihre Nachkommen vererben, hat der Mensch nichts anderes zu tun, als diese, wenn er sie zufällig fand, weiter zu züchten. Dieses merkwürdige, für uns völlig unerklärliche Auftreten neuer, bis dahin nicht existierender Formen bezeichnet man als Mutationen oder Sprungvariationen. Das älteste, historisch beglaubigte Beispiel einer solchen Sprungvariation ist das schlitzblättrige Schillkraut, das jetzt schon über 300 Jahre bekannt ist. Eine der jüngsten dagegen ist die Erdbeere ohne Ausläufer. Vilmorin fand sie in einem einzigen Exemplar unter einer Aussaat der gewöhnlichen Erdbeere. Solche neue Formen sind je und je aufgetreten, nur nahm man davon keine Notiz, bis in der Gegenwart die Wissenschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese Tatsache lenkte. In dieser Beziehung waren die Beobachtungen des holländischen Botanikers Hugo de Vries bahnbrechend, die er an solchen neuen Sprungvarietäten einer aus Nordamerika bei uns eingeführten gelbblühenden Nachtkerzenart (Oenothera lamarckiana) machte. Über diese und andere bisher an Mutationen festgestellten Beobachtungen und die daraus zu ziehenden Schlüsse habe ich eingehend auf S. 464–471 des zweiten Bandes meiner gemeinverständlichen Entwicklungsgeschichte des Naturganzen, betitelt „Vom Nebelfleck zum Menschen“[3], berichtet, so daß ich Interessenten darauf verweise.
Solche Sprungvarietäten und seltene, neue, wilde Arten nun hat der Pflanzenzüchter unter Beobachtung gewisser Vorsichtsmaßregeln zu kultivieren, bis er eine für den Verkauf genügende Menge Samen, Wurzelknollen oder Zwiebeln besitzt. Dieses Ziel ist dann meist in 4–5 Jahren erreicht. In der Regel ist aber seine Aufgabe durchaus nicht so einfach. Er muß in vielen Fällen erst ungünstige Eigenschaften der neuen Arten ausmerzen und durch andere, bessere ersetzen. In anderen Fällen ist es überhaupt nur eine einzige Eigenschaft, durch die sich die neue Art auszeichnet, dann gilt es, diese auf die schon bekannten alten Sorten zu übertragen. Dies geschieht durch Kreuzung oder Hybridisation, wie der technische Ausdruck lautet. Das Ergebnis ist eine Nachkommenschaft von Bastarden oder Hybriden, die wie die Kinder verschieden gearteter Eltern die Mischung der mütterlichen und väterlichen Eigenschaften in verschiedenem Grade zeigen. In der ersten Generation sind sie noch einförmig. Der ganze Reichtum der Formenfülle bricht erst bei weiteren Kreuzungen hervor. Der Züchter setzt die Kreuzung so lange fort, bis die von ihm gewünschte Kombination von Eigenschaften erreicht ist. Ist dies geschehen, so sucht man sie samenbeständig zu machen. Dies gelingt oft durch wiederholte Inzucht. Je länger die Inzucht fortgesetzt wird, um so größer wird die Samenbeständigkeit. Dieser Weg muß bei den Pflanzen, die nur einmal blühen und Frucht tragen und dann absterben, in den meisten Fällen eingeschlagen werden. Bei allen Pflanzen, die erst nach mehreren Jahren zur Blüte gelangen, also sehr vielen Stauden und Holzgewächsen, wählt man die vegetative Vermehrung. Jede aus einem Steckling oder Edelreis der neuen Form erwachsene Pflanze zeigt genau dieselben Eigenschaften wie die Mutterpflanze, von der sie stammt. Hierauf beruht die Vermehrung unserer meisten Obstarten, der Kartoffeln, Georginen, Canna-, Coleusarten usw. Manche Pflanzen, wie Blattbegonien, Gloxinien, Peperonien u. dergl., lassen sich auch ganz einfach durch abgeschnittene Blätter vermehren, die im Boden alsbald Wurzel fassen.
Noch viel mehr als der höchst zufälligen und selten eintretenden Mutation verdanken wir es der planmäßigen Hybridisation, daß wir heute über eine solch ungeahnte Menge von Zierblumen, die noch nie in der Vorzeit existiert haben, sondern erst in unserer Zeit aus oft sehr unscheinbaren, einheimischen oder ausländischen Stammformen hervorgezaubert wurden, besitzen. Wir werden im folgenden sehen, wie überaus bescheiden und begrenzt der Besitz an Zierpflanzen bei den Kulturvölkern des Altertums war, und wie unermeßlich dagegen die Blumenfülle ist, über die wir heute verfügen. Alle Weltteile haben ihren Tribut geliefert, um unsere Gärten und Gewächshäuser damit zu füllen und unser Auge mit deren Farben- und Formenreichtum, wie unsere Nase mit ihren teilweise herrlichen Düften zu erfreuen.
Beginnen wir nun mit der Betrachtung und kulturgeschichtlichen Würdigung der wichtigsten Zierpflanzen des Menschen, unter denen schon im Altertum die Rose als die vornehmste galt. Wie wir dies heute noch tun, betrachteten die alten Kulturvölker Vorderasiens, wie auch die Griechen und Römer, die Rose als die Königin der Blumen. Dieser Anschauung gibt Achilles Tatius beredten Ausdruck, wenn er sagt: „Wenn Zeus der Blumenwelt eine Königin hätte geben wollen, so hätte er die Rose dazu gemacht; denn sie ist die Zierde der Erde, der Stolz der Pflanzenwelt, die Krone der Blumen, der Purpur der Wiesen, der Abglanz des Schönen. Sie ist der Liebe voll und steht im Dienste der Aphrodite; sie prangt mit duftenden Blüten und wiegt sich auf beweglichem Laube, das sich des fächelnden Zephyrs erfreut.“ Sie war aber nicht blos das Symbol der Liebesgöttin und ihr geweiht, sondern soll nach alter griechischer Sage direkt von deren Blut die rote Farbe erhalten haben. So sagt uns ein ungenannter griechischer Dichter in den Geoponika: „Die Rose, so erzählt man, war ursprünglich weiß und geruchlos. Einst ritzte Aphrodite ihren Fuß an einem Rosenstachel und von dem hervorquellenden Blute der Göttin nahm die Rose ihre rote Farbe und den Wohlgeruch an.“
Diese also von der Liebesgöttin selbst gefärbte Blumenkönigin kam mit der weißen Lilie erst nach dem ersten Viertel des letzten vorchristlichen Jahrtausends von Westasien her nach Griechenland. Die griechischen Bezeichnungen vródon und leírion dafür sind Entlehnungen der Sprache Irans. Und wie die Namen, so stammen auch die Pflanzen selbst aus dem Hochlande von Persien, wo aus einer nahe Verwandten der in Südeuropa wachsenden wohlriechenden Provencerose (Rosa gallica) mit fünf weißen bis rosenroten Blumenblättern durch Umwandlung fast aller Staubblätter in Blumenblätter die als Centifolie, d. h. Hundertblumenblättrige, bezeichnete gefüllte Form hervorging. Weil diese Füllung auf Kosten der Möglichkeit Samen tragen zu können geschah, so können diese Edelrosen nicht gesät werden, sondern müssen auf vegetativem Wege vermehrt und fortgepflanzt werden. Dies geschieht meist durch Okulieren, d. h. Einsetzen einer Knospe („Auge“) der edeln Pflanze auf einen Wildling. Als hochstämmige Wildlinge dienen in erster Linie die ein- oder zweijährigen Stämmchen der einheimischen Hundsrose (Rosa canina), die selbst zur Züchtung von Edelrosen nicht verwendet wird.
Jedenfalls waren aber die Centifolien der Alten noch lange nicht in dem Maße gefüllt, wie sie es heute sind. Gleichwohl haben sie dieselben in hohem Maße entzückt. In den homerischen Epen erscheinen sie mit der Lilie als der Inbegriff des Wunderbaren und Göttlichen. Die Pflanzen selbst scheint der Dichter derselben überhaupt noch nicht gekannt zu haben; er nennt sie, oder besser gesagt, gewisse Eigenschaften von ihnen, wenn er etwas unbestimmt Herrliches ausdrücken will. So bezeichnet er die Morgenröte als rosenfingerig, und Aphrodite salbt den Leichnam des ihr sympathischen Hektor mit rosenduftendem, d. h. besonders herrlich duftendem Öl. Ajax soll eine lilienzarte Haut besitzen, die Hektor mit seinem Speer durchbohren will. Auch bei dem im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Böotien lebenden griechischen Dichter Hesiod war es nicht anders. In seiner Theogonie spricht er von zwei rosenarmigen Töchtern des Meergottes Nereus und bezeichnet die Stimmen der Musen und Zikaden als Lilienstimmen, aber was Rosen und Lilien tatsächlich sind, ist ihm völlig dunkel geblieben. Wie hätte er auch diese Blumen kennen sollen, wenn noch in einem von der Forschung in die Mitte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts gesetzten Hymnus des alteleusinischen Demeterdienstes erzählt wird, wie Persephone, die Tochter des Zeus und der Erdgöttin Demeter, auf der Wiese mit ihren Gespielinnen gespielt und außer Veilchen, Krokos, Hyazinthen und Schwertlilien auch Rosen (nicht vom Strauch gebrochen und nicht mit Stacheln bewehrt, wie wirkliche Rosen, sondern Phantasierosen) gepflückt habe und die Wunderblume Narkissos „— ein Wunder zu sehen für Menschen und Götter — die sich mit hundert Häuptern aus der Wurzel erhebt, deren Duft Himmel, Meer und Erde erfreut“ (also ebenfalls nicht die wirkliche, sondern eine Phantasienarzisse, die, wie der Name bezeugt, der mit dem Wort Narkose zusammenhängt, eine exotische Blume mit berauschendem Dufte bezeichnen sollte). An einer späteren Stelle desselben Hymnus erzählt Persephone ihrer Mutter, wie sie auf einer reizenden Wiese gespielt und „Kelche der Rosen und Lilien — ein Wunder zu schauen“ gepflückt habe. Dieser Zusatz des Wunderbaren erhebt ja an sich schon diese Blumen ins Fabelhafte, Unglaubliche, noch nie Geschaute.
In einem Fragment des um ein Menschenalter älteren griechischen Lyrikers Archilochos von Paros (um 700 v. Chr.), der aber weiter in der Welt herumgekommen zu sein scheint als der Verfasser jener eleusinischen Tempelpoesie und außer den Ägäischen Inseln auch Thrakien und Lydien kannte, tritt uns erst unverkennbar die Kenntnis des Rosenstrauches entgegen, dessen schöne Blüte (rodḗs te kalón anthós) der Dichter neben dem Myrtenzweig als Schmuck des Mädchens, ohne Zweifel seiner Geliebten, der Neobule, erwähnt. Hundert Jahre später war die Rose ein Liebling der Dichterin Sappho aus Mitylene auf der Insel Lesbos (um 600 v. Chr.), von der sie häufig gepriesen und als Gleichnis schöner Mädchen herangezogen wurde. Nach ihr hat der lebensfrohe Lyriker Anakreon aus Teos in Ionien (550–478 v. Chr.), der in Samos und Athen lebte, sie vielfach in seinen Gedichten verherrlicht. Er sagt von dieser Blume: „Mit schönblühenden Rosen bekränzt wollen wir trinken. Die Rose ist die herrlichste Blume; sie ist bei den Göttern beliebt; mit ihr bekränzt sich der Sohn Kytherens (der Liebesgott Eros — bei den Römern Amor genannt), wenn er mit den Grazien tanzt. So will auch ich mit Rosen bekränzt tanzen.“
Von da an finden wir die Rose neben der Lilie als beliebten Blumenschmuck eingebürgert und bei keinem griechischen Feste fehlend. Zweifellos war sie aus der Landschaft Phrygien im mittleren Kleinasien über Thrakien und Makedonien nach Griechenland eingewandert. Das nyseische Gefilde, auf dem Persephone nach dem homerischen Hymnus Rosen und Lilien pflückt, ist nach den Angaben in der Ilias in Thrakien zu denken, und der Name einer ihrer Gespielinnen, Rhodope, ist zugleich derjenige des thrakischen Gebirges, in welches jene Nymphe verwandelt sein sollte. Und Herodot aus der dorischen Stadt Halikarnassos an der kleinasiatischen Küste südlich von Milet (484–424 v. Chr.) sagt: „In einer Landschaft Makedoniens liegen die sogenannten Gärten des Midas, des Sohnes des Gordios (eines phrygischen Königs und der Kybele, dem Dionysos den Wunsch gewährte, daß alles, was er berühre, sich in Gold verwandle, von welcher lästigen Wohltat er sich dann durch ein Bad im Flusse Paktolos befreite, der seitdem Gold führt). In diesem Garten wachsen die Rosen wild, jede hat 60 Blätter, und sie riechen besser als andere Rosen.“ Gleicherweise drückt sich der bei Athenaios erwähnte alexandrinische Dichter Nikander im zweiten Buche seiner Georgika aus, wenn er sagt: „Midas von Odonien (einer Landschaft in Thrakien) erzog, nachdem er die Herrschaft von Asis (in Kleinasien) verlassen, zuerst in den Gärten von Emathia (einer Landschaft in Makedonien) die Rosen, die mit 60 Blumenblättern umsäumt sind.“ Schon diese bei ihm und Herodot hervorgehobene altbabylonische Zahl 60 weist auf die Herkunft dieses Mythos aus Asien, woher mit dem Dienst der Aphrodite und des Gottes des Natursegens Dionysos auch die ihnen geweihte Blume zu den Griechen kam.
Noch der pflanzenkundige Schüler des großen Aristoteles, Theophrast (390–286 v. Chr.), schreibt in seiner Pflanzengeschichte, daß die meisten reichgefüllten Rosen, die er bereits hekatonphylla, d. h. hundertblätterig — identisch mit dem römischen centifolia — nennt, in der Gegend von Philippi in Makedonien wachsen. An der diesbezüglichen Stelle teilt er uns sein ganzes Wissen über diese Pflanze mit: „Es gibt verschiedene Arten von Rosen (ródon); sie haben mehr oder weniger Blumenblätter (phýllon), sind mehr oder weniger rauh oder glatt, an Farbe und Wohlgeruch verschieden. Die meisten sind fünfblätterig; es gibt aber auch zwölf- bis zwanzigblätterige, ja die Zahl der Blumenblätter soll bis auf hundert steigen, und solche nennt man hekatonphylla. Die meisten Hekatonphyllen wachsen um Philippi, wohin man sie vom (benachbarten) Pangaiosgebirge, woselbst sie in Menge vorkommen, verpflanzt hat. — Im allgemeinen richtet sich bei den Rosen die Schönheit der Farben und der Wohlgeruch nach dem Standort; jedoch kann auf demselben Boden der Geruch verschieden sein. Den besten Geruch haben die Rosen von Kyrene (in Nordafrika zwischen Tripolis und Ägypten); daher wird dort die kostbarste Rosensalbe (mýron) gemacht. Man kann den Rosenstrauch (rodōniá) auch durch Samen vermehren; dieser liegt unter der Blüte in der Frucht (mélōn, eigentlich Apfel) und ist mit Wolle umgeben. Da aber das Wachstum aus den Samen sehr langsam vor sich geht, so pflegt man die Rosen durch Stecklinge zu vermehren. Übrigens trägt der Rosenstrauch schönere Blumen, wenn man ihn abgebrannt oder abgeschnitten hat; dagegen treibt er wilde Schößlinge, wenn man ihn nach Belieben wachsen läßt. Auch durch oftmaliges Verpflanzen werden seine Blumen schöner. Die wilden (ágrios) Rosen haben rauhere Zweige und Blätter, weniger stark gefärbte und kleinere Blüten.“
Die ältesten Babylonier haben so wenig wie die übrigen vorderasiatischen Völker und die Ägypter der älteren Zeit die Rose gekannt. Erst bei den jüngeren Assyriern tritt sie uns als viel gebrauchtes Ornament, nämlich stilisiert als Rosette, entgegen, und bei den jüngern Babyloniern, wie sie uns der griechische Geschichtschreiber Herodot aus eigener Anschauung um die Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts schildert, hatte sie auch erst durch Vermittlung ihrer persisch-medischen Überwinder Eingang gefunden. So schreibt er im ersten Buche seines Geschichtswerks: „Jeder Babylonier trägt auf seinem Stock das Bild entweder eines Apfels oder einer Rose oder einer Lilie oder eines Adlers oder irgend eines andern Gegenstandes.“ Auch die alten Hebräer zur Zeit Salomos (993–953 v. Chr.), der in seinen wohlgepflegten Gärten eine Menge aus dem Auslande eingeführter neuer Kulturpflanzen ziehen ließ und sich an seinem prunkhaften Hofe gern mit einer so schönen Blume geschmückt hätte, wenn er es hätte tun können, kannten die Rose, dieses herrliche Geschenk Irans, noch nicht. Wenn Luther, der Auslegung der Rabbinen folgend, das hebräische susan mit Rose übersetzt, so ist dies ein heute vollständig klargelegter Irrtum; es bedeutet vielmehr Lilie, und zwar nicht sowohl die weiße, sondern die farbige Feuerlilie oder noch wahrscheinlicher eine überall in Palästina wildwachsende, ebenfalls glockenförmige Blüten besitzende Kaiserkrone. Dahin sind die Stellen zu berichtigen, wie z. B. bei dem (im 8. Jahrhundert v. Chr. lebenden) Hosea, wo es in den bisher gebräuchlichen Bibelübersetzungen heißt: „Ich will Israel wie ein Tau sein, daß er soll blühen wie eine Rose“, oder an mehreren Stellen des nicht lange nach der Salomonischen Zeit gedichteten Hohen Liedes, wie: „Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal“, oder: „wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern“ usw. Erst den Verfassern der schon in die griechische Zeit fallenden Apokryphen war die Rose bekannt. Nach allem scheint diese Zierpflanze von dem im Jahre 536 aus dem Exil in Babylon, wohin sie Nebukadnezar nach der Zerstörung Jerusalems 586 geführt hatte, auf Grund der vom Perserkönige Kyros erteilten Erlaubnis nach Palästina zurückgekehrten, etwa 42000 Juden nach Syrien gebracht worden zu sein. Demgemäß wird sie zuerst in den nach dieser Zeit verfaßten Büchern der Weisheit und Jesus Sirach erwähnt.
Auch nirgends in den altägyptischen Inschriften und Papyri wird die Rose angeführt. Auch Herodot, der Ägypten aus eigener Anschauung kannte, erwähnt wohl die Lotosblume, die er als Lilie des Nils bezeichnet, aber nicht die Rose als Zierpflanze Ägyptens. Erst etwa ums Jahr 600 v. Chr. kam die Rose wahrscheinlich von Syrien her und nicht durch Griechen, die allerdings der Handel schon damals zu den Nilmündungen führte, wo ihnen dann König Amasis II. (570 bis 526 v. Chr.), der Freund des Polykrates von Samos, die Stadt Naukratis überließ, nach dem Niltal, wo sie in der Folge besonders in der Landschaft Arsinoe, dem heutigen Fajum, viel angepflanzt wurde. Zur Zeit der Herrschaft der Ptolemäer (323–30 v. Chr.) und der Römer war diese Landschaft bei allen Völkern des Mittelmeerbeckens wegen ihrer Wein- und Rosengärten berühmt. Schon Theophrast berichtet, daß die Rosen und Veilchen Ägyptens, die wie alle Blumen des Landes, außer der Myrte, geruchlos sein sollten, um zwei Monate früher blühen als in Griechenland. Diesen Umstand benutzten die üppigen Einwohner Roms zur Kaiserzeit, um sich zu einer Zeit, da es noch keine blühenden Rosen im eigenen Lande gab, welche von dort kommen zu lassen. So sagt Martial (40–102 n. Chr.), der unter Nero aus seinem Vaterlande Spanien nach Rom kam, in einem seiner Epigramme: „Im Winter schickt der Nil Rosen nach Rom, aber mehr und schönere sendet Paestum (die griechische Pflanzstadt Poseidonia in Unteritalien, dessen verhältnismäßig noch gut erhaltener Poseidontempel aus Abbildungen genugsam bekannt ist).“ Diesen Tatsachen entsprechend hat man erst in den der griechisch-römischen Periode angehörenden Gräbern der Nekropole von Hawara im Fajum Überreste der Rose gefunden, für die es auch keine einheimische ägyptische Bezeichnung gab. In demotischen Texten findet sich dafür der Name uartu, der semitischer Herkunft zu sein scheint, da er sich als uard im Arabischen wiederfindet. Dies würde für einen Import der Rose durch semitische und nicht griechische Vermittlung sprechen. Bekanntlich hat der Ägyptologe Georg Ebers diese Bezeichnung der Rose als Name der Heldin seines Romanes Uarda benutzt.
Nach Unteritalien kam die orientalische Gartenrose schon früh mit den ihre Kolonien daselbst gründenden Griechen. In ihrer Gesellschaft befand sich jedenfalls auch die morgenländische weiße Lilie, deren griechischer Name leírion in das lateinische lilium, und der griechische Pluralis róda in rosa verwandelt wurde. Im späteren Italien hat diese heilige Blume der Aphrodite-Venus bei den Festen der Vornehmen eine sehr bedeutende Rolle gespielt. Schon der Redner Cicero (106–43 v. Chr.) nennt die Rose da, wo er ein Leben voll Üppigkeit bezeichnen will. Und es war in der Tat orientalische Ausschweifung, wenn, wie Athenaios (um 200 n. Chr.) uns berichtet, Kleopatra in Kilikien, wohin sie dem Marcus Antonius, um ihn für sich zu gewinnen, entgegengezogen war, diesen in Speisezimmern bewirtete, deren Boden eine Elle hoch mit Rosen bedeckt war. Damit man sich nicht in ihnen mit den Füßen verfing, war über sie ein feines Netz gezogen. Die Kosten für diese kleine Überraschung betrugen ein Talent, d. h. 4500 Mark. Derselbe Athenaios berichtet von dem im 4. Jahrhundert v. Chr. über Syrakus herrschenden grausamen Tyrannen Dionysios, daß er die Fußböden seines Palastes mit Feldthymian und Rosen bedecken ließ und sich dann darauf herumwälzte, um in Wohlgerüchen zu schwelgen. Es war eine Nachahmung der üppigen Sitten bithynischer Fürsten, wenn sich der römische Beamte Gajus Verres, der von 73–71 v. Chr. Statthalter von Sizilien war und während seiner dortigen Amtsführung nicht weniger als 40 Millionen Sesterzien, d. h. 6 Millionen Mark erpreßte, weswegen er im Jahre 70 angeklagt wurde, wobei Cicero als Anwalt der Bewohner Siziliens seine berühmten Verrinischen Reden hielt, den für die Begriffe der Römer der damaligen Zeit ganz unerhörten Luxus leistete, mit Rosen bekränzt in seiner Sänfte auf Rosenkissen zu ruhen und dabei ein mit Rosen gefülltes Netzchen an die Nase zu halten. Die diesbezügliche Stelle in der Rede Ciceros gegen Verres lautet wörtlich: „Als unser Feldherr Verres seine Residenz in Syrakus aufgeschlagen hatte, ließ er sich, sobald es Rosen gab, in einer Sänfte herumtragen, in welcher das Polster mit Rosen ausgestopft war; dabei hatte er einen Kranz von Rosen auf dem Kopfe und einen andern solchen um den Hals, und vor die Nase hielt er sich ein aus ganz zarten Leinfäden gestricktes, engmaschiges, mit Rosen gefülltes Netzchen.“
Solche Verschwendung wurde noch bei weitem von den an Größenwahn leidenden Cäsaren Roms übertrumpft. Berichtet doch Spartianus von dem römischen Kaiser Aelius Verus, dem Adoptivsohn des Antoninus Pius, der 161 von Mark Aurel zum Mitregenten erhoben wurde und 169 zu Altinum in Venetien starb, er habe auf einem Bett geschlafen, das mit Rosenblättern gefüllt war, denen das Weiße, also der Nagel, genommen worden war. „Seine Decke bestand aus Lilien und sein Körper war mit persischen Salben parfümiert. Von ebenso gereinigten Rosenblättern und von Lilien ließ er oft die Polster machen, worauf beim Schmause die Gäste lagen, desgleichen auch die Tische selbst.“ Es handelt sich also hier um mit Rosen- und Lilienblättern gefüllte Kissen, die gelegentlich auch von anderen üppigen Kaisern benutzt wurden, wenn es sich um besonderen Pomp bei festlichen Anlässen handelte. So berichtet uns der Geschichtschreiber Aelius Lampridius in seiner Biographie des Kaisers Heliogabalus (der auf Anstiften seiner Großmutter Julia Maesa, der Schwägerin des Kaisers Septimius Severus, 218 17jährig als Oberpriester des Gottes Elagabal, dessen Namen er annahm — er hieß eigentlich Avitus Bassianus — in Emesa in Syrien von den syrischen Legionen zum Kaiser ausgerufen wurde, 219 in Rom einzog, wohin er den orgiastischen Dienst seines syrischen Gottes verpflanzte und wo er schwelgerisch und wollüstig lebte, bis er 222 von den Prätorianern ermordet wurde): „Kaiser Heliogabalus speiste öfter auf Kissen, die mit Rosen(blättern) gefüllt waren, hatte mit Rosen(blättern) ausgestopfte Betten und spazierte in Säulenhallen, deren Boden mit Rosen bedeckt war. Er wechselte auch mit der Blume und gebrauchte statt der Rosen Lilien, Veilchen, Hyazinthen oder Narzissen. Er füllte auch Bassins mit Rosen- oder Wermutwein, badete sich darin, trank sich dabei an dem Wein, worin er saß, voll und lud zugleich das Volk ein mitzutrinken.“
Von Kaiser Gallienus (253 Mitregent seines Vaters Valerianus, von 260 an Alleinherrscher, bis er 268 in Mailand ermordet wurde) berichtet uns Trebellius Pollio: „Kaiser Gallienus baute öfter im Frühjahr ganze Villen von Rosen und Burgen aus Obst, bewahrte Trauben drei Jahre lang auf, traktierte seine Freunde mit Melonen und setzte ihnen in Monaten, in welchen eigentlich keine zu haben waren, frische Feigen und andere Obstarten vor.“
Sich mit Rosen zu umgeben galt bei den Machthabern des Altertums als ein Zeichen fürstlichen Prunkes. So berichtet Florus von dem syrischen Könige Antiochos III., dem Großen, der seine Herrschaft über Kleinasien auszudehnen suchte und infolge davon 192 mit den Römern in Krieg geriet und nach zwei unglücklich verlaufenen Schlachten 190 ganz Kleinasien diesseits des Taurus an jene abtreten mußte: „Als Antiochus, König von Syrien, gegen die Römer Krieg führte, hatte er sich zur Winterszeit auf Euboea gelagert; seine Zelte bestanden aus Gold und Seide, von allen Seiten waren Rosen herbeigeschafft und Flötenspieler sorgten für gute Unterhaltung.“ In diesem Bericht und in anderen ähnlichen Inhalts besteht das Luxuriöse gerade darin, im Winter Rosen haben zu wollen, wenn sonst niemand welche hatte. Dazu wurden sie entweder in mit Marienglas gedeckten Kästen getrieben, wie uns dies Martial in einem Epigramm für Rosen und Lilien mitteilt und auch Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. noch erwähnt, oder aus wärmeren Gegenden, besonders Nordafrika, bezogen. Auch Süditalien, wo, wie in Paestum nach der Angabe des Dichters Vergil in seiner Georgica die Rosen zweimal Blüten trugen, lieferte solchen Leuten, die sich nach der Bezeichnung des Seneca, des Erziehers und Leiters des jugendlichen Nero (2–65 n. Chr.), in einer seiner Episteln „durch naturwidrige Mittel im Winter Rosen zu verschaffen suchen“, das Gewünschte. Hier wurden die Rosen nach der Angabe des Plinius (23–79 n. Chr.) in der Weise vorzeitig zum Blühen gebracht, daß man „einen Fuß von der Wurzel des Stockes entfernt einen Graben zog und in diesen warmes Wasser goß“. Dasselbe empfiehlt auch drei Jahrhunderte später Palladius, der rät, zweimal täglich warmes Wasser hineinzugießen. Auf solche Weise war es den Herren der Welt möglich, wie der jüngere Claudius Mamertinus in seinem Panegyricus Juliani, d. h. der Lobschrift über den Kaiser Julianus Apostata (361–363), sagt, an den Tafeln bei ihren Gastmählern „wunderbare Vögel und Fische aus fernen Meeren, Obstsorten, die zu ganz anderer Zeit reifen, Schnee im Sommer, Rosen im Winter beim Schmause zu verbrauchen“. Daß solche Extravaganzen nicht billig zu stehen kamen, ist sehr wohl begreiflich. Doch in Rom, das so viele andere Völker ausgeraubt hatte, gab es genug sehr reiche Leute, die sich diese Vergnügungen leisten konnten. So berichtet der römische Geschichtschreiber Suetonius (70–140 n. Chr.), der einstige Geheimschreiber des Kaisers Hadrian, daß bei einer Festlichkeit, die ein Freund des Kaisers Nero (geboren 37, regierte von 54–68 n. Chr.) mitten im Winter gab, die Beschaffung der Rosen allein die Kleinigkeit von 4 Millionen Sesterzien = 600000 Mark kostete.
Diese nun einmal zum Lebensgenuß gehörende schöne Blume zierte auch die Liebenden, um so mehr, weil sie das Sinnbild der Liebesgöttin selbst war. Wie die Reichen beim Schmause in Rosen lagen, schenkte der Liebende seiner Geliebten die Blume Aphrodites. Schon beim römischen Komödiendichter Plautus (254–184 v. Chr.) treffen wir als liebkosende Anrede den Ausdruck rosa, mea rosa, meine Rose. Wie das Haupt der Tänzerin, der Flötenspielerin und des weinschenkenden Knaben von einem Rosenkranze umwunden war, bekränzte der Trinkende sich selbst und seinen Becher mit der Dionysos selbst geheiligten Blumenzier. Von Anakreon im 6. vorchristlichen Jahrhundert an tönt uns bei den Lyrikern immer wieder als Ausdruck ausgelassener Lebensfreude die Aufforderung entgegen: Laßt uns mit schönblühenden Rosen bekränzen und trinken! Vom Griechen lernte der Römer, so daß bald auch bei ihm Sinnentaumel und Rosen zusammengehörten. So singt Martial: „Wenn der Sorgenlöser rast, wenn die Rose herrscht, wenn die Haare feucht sind vom Taumel, dann...“ Und wie Dionysos, der Gott des Natursegens, zugleich auch der Führer und Herrscher der Abgeschiedenen war, so schmückte man auch die Toten und deren Gräber mit Rosen. Wie der Lorbeer Ruhm, so bedeutete die Rose Liebe und Verehrung, und beides wollten die Einwohner von Cremona dem Kaiser Vitellius bezeugen, als er, nachdem sein Heer bei jener Stadt im Herbst 69 von den Legionen Vespasians geschlagen worden war, das Schlachtfeld besichtigte. „Da“, so sagt uns der Geschichtschreiber Tacitus, „bestreuten die Cremonenser seinen Weg mit Lorbeer und Rosen, errichteten ihm Altäre und brachten ihm Opfer dar.“
Auch zu wohlriechenden Essenzen und Salben fand die Rose vielfach Verwendung. So findet Plinius, daß kein Land so passend sei zur Bereitung wohlriechender Salben, als Ägypten und dann Campanien wegen seines Überflusses an Rosen. Derselbe Autor gibt an, daß aus Rosen das Rosenöl (oleum rhodinum) bereitet werde, worunter aber nicht das von uns verstandene Produkt zu verstehen ist; denn die Kunst der Destillation war dem Altertum noch unbekannt. Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. sagt uns, wie solches bereitet wurde: „Um Rosenöl (oleum roseum) zu bekommen, braucht man auf 1 Pfund Olivenöl 1 Unze gereinigte Rosenblätter und hängt die Mischung 7 Tage lang in Sonnen- und Mondenschein.“ Sehr beliebt war auch der Rosenhonig und der Rosenwein, deren Herstellung uns derselbe Autor in folgender Weise schildert: „Rosenhonig (rhodomeli) entsteht, wenn man Rosensaft mit Honig mischt und die Masse 40 Tage an die Sonne hängt. — Der Rosenwein (vinum rosatum) ist ein Wein, in welchem 30 Tage lang Rosenblätter gelegen haben und der alsdann einen Zusatz von Honig erhält.“ Plinius aber rät den Rosenwein in der Weise zu bereiten, „daß man zerstoßene Rosenblätter in einem Leinwandsäckchen drei Monate in Most liegen läßt. Man preßt auch die Blumenblätter entweder für sich samt den Nägeln (unguis, d. h. den farblosen Blumenblattstielen), oder man legt sie, nachdem man die Nägel abgeschnitten hat, in Öl oder Wein, läßt sie so an der Sonne stehen und sondert sie dann durch Pressen von der Flüssigkeit. Einige fügen auch Salz bei. Man nimmt auch recht gut riechenden Blumenblättern die Nägel, zerreibt sie, preßt sie in dichter Leinwand aus und kocht den Saft bei gelindem Feuer bis zur Honigdicke ein.“ Auch Rosenplätzchen (rodís), die uns der griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt, waren beliebt, und sein 150 Jahre später in dem üppigen Alexandreia lebender Volksgenosse Athenaios empfiehlt als Leckerbissen: „Es gibt eine herrlich duftende Speise, welche rodoniá heißt. Um sie zu bereiten, mischt man Rosenblätter, die im Mörser zerrieben sind, Gehirn von Hühnern und Schweinen, Eidotter, Olivenöl, Fischsülze, Pfeffer, Wein, reibt alles gut durcheinander und kocht bei gelindem Feuer.“
Plinius schreibt der Rose zusammenziehende und kühlende Eigenschaften zu. Er sagt von ihr in seiner Naturgeschichte: „Von den Blumen unserer Gärten werden fast nur Rosen und Veilchen zu Kränzen verwendet. Aber noch mehr Rosen als zu Kränzen werden zu anderen Zwecken gebraucht. Man legt sie in Öl, was schon zur Zeit Trojas geschehen ist; man verbraucht sie zu Salben; auch werden sie zu Pflastern und Augenmitteln verwendet; sie würzen die Speisen und solche Würze schadet nicht. Unsere Gärtner geben den Rosen aus Praeneste (in Latium) und aus Campanien den Vorzug; andere rühmen die milesischen (von Milet an der kleinasiatischen Küste), welche die glühendste Farbe, aber nicht über 12 Blumenblätter haben. Überhaupt unterscheidet man die Rosen nach der Menge der Blumenblätter, nach Farbe und Geruch und danach, daß sie mehr rauh oder glatt sind. Die kleinste Zahl der Blumenblätter ist 5; es gibt aber auch welche mit mehr, und selbst eine mit 100 Blumenblättern (centifolia), sie wächst in Campanien und bei Philippi (in Mazedonien), zeichnet sich aber nicht durch Wohlgeruch aus. Caepio, der unter Kaiser Tiberius schrieb, daß man die Centifolie nicht zu Kränzen verwende, sie höchstens an den Enden solcher anbringe, da sie sich weder durch ihren Geruch, noch durch Schönheit empfehle. Die in der Cyrenaika (zwischen Tripolis und Ägypten) heimischen Rosen riechen am besten und geben daher die beste Salbe. Die Rosen zu Karthago und in Spanien blühen den ganzen Winter hindurch. Nur eine Rosenart wird gepfropft, nämlich die blasse, stachelige mit 5 Blumenblättern.“ Und Palladius empfiehlt: „Um Rosenknospen lange frisch zu erhalten, macht man in ein grünes, stehendes Pfeilrohr (canna = Arundo donax) von der Seite einen Spalt, schiebt die Knospe hinein und läßt das Rohr sich wieder schließen. Zur Zeit, da man die Knospe wieder haben will, schneidet man das Rohr durch. Manche tun auch Rosen in einen weder ausgepichten, noch glasierten Topf, schließen ihn gut und vergraben ihn unter freiem Himmel.“
Bei solchem großen Bedarf an Rosen ist es begreiflich, daß die Rosen sehr häufig neben anderen Blumen in den Gärten der Griechen und Römer gezogen wurden und vielfach von stationären und wandernden Blumenhändlern feilgeboten wurden. Schon Varro empfiehlt in der republikanischen Zeit Roms als vorteilhaft für solche, die in der Nähe der Stadt ein Grundstück besitzen, Veilchen- und Rosengärten (violaria ac rosaria) anzulegen. Wie solche zu behandeln seien, erklärt Palladius. „Im Februar werden die Rosenbeete (rosarium) angelegt, und zwar durch Stecklinge (virgultum) oder durch Samen. Nicht die gelben Blütenteile (also die Staubbeutel) mitten in der Rose sind die Samen, diese stecken vielmehr in den birnförmigen Beeren, deren Reife man daran erkennt, daß sie braun und weich werden. Alte Rosenbeete werden im Februar behackt und alle dürren Zweige an den Sträuchern werden dann abgeschnitten. An leere Stellen pflanzt man aus Stecklingen gezogene junge Stöcke. — An warmen Stellen kann man die Rosenbeete auch im November anlegen. Hat man nicht Reiser genug, um Stecklinge zu machen, so schneidet man Zweige ab, legt sie wie Ableger (propago) in die Erde und hilft mit Dünger und Wasser nach.“ Und in den Geoponika rät ein griechischer Autor: „Will man Rosen haben, die früh blühen, so setzt man sie in Blumentöpfe, stellt diese in der kalten Jahreszeit bei Kälte in ein sonniges Zimmer, bei Sonnenschein und warmem Wetter aber ins Freie, wie man es mit den Kürbissen und Gurken macht. Hält man Rosen, die sich eben öffnen, in Schwefeldampf, so werden sie augenblicklich weiß.“
Wie die Rose das Sinnbild der blühenden Jugend, der Liebe und Fruchtbarkeit war, so galt sie den Römern auch, weil die zahlreichen Blumenblätter das Innere verhüllen, als Zeichen der Verschwiegenheit und wurde deshalb in den Speisesälen über der Tafel aufgehängt und bei Trinkgelagen in Kränzen um die Becher gewunden, um vor Plauderhaftigkeit in der Weinseligkeit zu warnen. Eine Nachahmung dieses altrömischen Brauches war es, wenn der mönchisch strenge Papst Hadrian VI. (1522–1523), der auf die Abstellung der kirchlichen Mißbräuche und Zurückführung des römischen Hofs auf apostolische Einfachheit bedacht war, als Symbol der Verschwiegenheit Rosen an den Beichtstühlen anbringen ließ. Der bekannte Ausdruck: sub rosa (unter der Rose, d. h. im Vertrauen) hat hierin den Grund seiner Entstehung.
Bei der Christianisierung des sich zersetzenden Römerreiches zog mit dem Eindringen der neuen Religion die sogenannte Arkandisziplin, d. h. Geheimlehre, welche die von den heidnischen Mysterien herübergenommene Praxis, Taufe, Abendmahl, Salbung, Glaubensbekenntnis und Herrengebet vor den Nichtgetauften geheim zu halten gebot, auch die Rose in ihren symbolisierenden Kreis, indem sie das rote Blut Christi und rote Rosen in Wechselbeziehung zueinander treten ließ, wie verschiedene Katakombenbilder andeuten. Rosen und Rosenkränze wurden zu Symbolen des Martyriums und dienten den die Gedenktage solcher Feiernden zum Ausschmücken der Martyrergräber. Da mit der Erklärung des Christentums als Staatsreligion durch Konstantin im Jahre 323 die heidnischen Kulte unter christlichem Gewande weiterbestanden, so ging die Rose von dem Dienste der Isis mit dem Horusknaben auf dem Arm in denjenigen der gleicherweiser dargestellten und verehrten Maria mit dem Jesusknaben auf dem Arm über. Als Himmelskönigin wurde Maria durch die Rose symbolisiert (rosa mystica) und diese Blume — einst der Aphrodite-Isis heilig — wurde die Marienblume par excellence, mit der man die Marienbilder im Marienmonat, dem Mai, vorzugsweise schmückte und über die sich die Dichter des Mittelalters in überschwenglichen Allegorien ergingen. In vielen Legenden wird sie gefeiert und dient öfter als Veranlassung zur Gründung einer Kirche oder Kapelle. Man denke nur an die berühmte Sage, die sich an den uralten Rosenstock von Hildesheim knüpft. In anderen Fällen wird sie als Liebeszeichen der Himmelskönigin vom Himmel auf die Erde gesandt, und dieser zu Ehren wird auch die bei Buddhisten und Muhammedanern gebräuchliche Gebetschnur, als deren Vorgänger sich christliche Mönche und Einsiedler zum Abzählen ihrer Gebete und Psalmen loser kleiner Steinchen bedienten, Rosenkranz genannt.
Im Mittelalter, wo so viele Kulturen zugrunde gingen, blieben doch Rose und Lilie als besonders der Himmelsmutter geweihte und mit ihr in Zusammenhang gebrachte Blumen, die zudem verhältnismäßig leicht zu ziehen waren, in den Gärten Mitteleuropas gewöhnlich. Die Dichter dieser Zeit, denen keine große Auswahl solcher Blumen für ihre Schilderungen zu Gebote standen, sprechen öfter von diesen beiden Edelblumen, die die himmlische Anmut und Reinheit der heiligen Jungfrau darstellen sollten. Und wie gotische Kirchen sich mit steinernen mystischen Rosen schmückten, so pflegte auf den Bildern der Verkündigung der Erzengel Gabriel den schlanken Lilienstengel zu tragen, deren weiße Blüten aber charakteristischerweise nur Blumenkelche ohne Staubfäden — zur Versinnbildlichung der unbefleckten Empfängnis — aufweisen.
Auch in die Wappensprache jener infolge des starken Vorherrschens der Analphabeten bildlich denkenden Zeit gingen beide Blumen über. Wie drei Lilien, die angeblich aus Lanzenspitzen hervorgegangen sein sollten, seit 1150 das königliche Wappen und das Sinnbild des legitimen Königtums Frankreich waren, die auch der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans, bei ihrer Erhebung in den Adelstand durch Karl VII. am 17. Juli 1492 verliehen wurden, so bildete im 15. Jahrhundert die rote und die weiße Rose das Abzeichen der Parteigänger der Häuser Lancaster und York in den Wirren, die bei der Schwäche des Königtums in England wüteten.
Auch auf Münzen erscheint die Rose nicht selten; ferner gewann sie als geheimnisvolles Symbol der mittelalterlichen Bauhütten eine große Bedeutung, die sich bei den Freimaurern bis auf den heutigen Tag erhielt. In den Kelchblättern der Rosenknospe ist nämlich deutlich das Pentagramm oder der Drudenfuß, das wahrscheinlich von den alten Ägyptern übernommene geheime Erkennungszeichen der Pythagoräer, das auch bei den Kelten als Druidenfuß ein heiliges Zeichen war und auf alten gallischen Münzen nicht selten abgebildet ist, in der spiraligen Aufeinanderfolge der einzelnen Blätter zu erkennen. Die geometrischen Proportionen desselben bezeichneten die Jünger der Baukunst seit dem hohen Altertum als göttliche Proportionen oder goldenen Schnitt, weil alle ästhetisch schöne Baukunst von den altägyptischen Tempeln bis zu den gotischen Domen des Mittelalters bewußt oder unbewußt in deren Gesetzen wurzelt. Am häufigsten sind sie im Grundriß des Hauptschiffes und in der Fassadengliederung zu erkennen.
Wie bei den Kulturvölkern des Altertums wurden auch bei den Deutschen und den anderen europäischen Völkern des Mittelalters als Frühlingsfeier Rosenfeste in sogenannten Rosengärten gefeiert; es waren dies von Rosenhecken umgebene Plätze, in denen die Festfeiernden mit Rosen geschmückt zusammenkamen. Solche Rosengärten gab es bei allen größeren Städten, in Worms sogar zwei. Und da später statt rosa mehrfach die Bezeichnung flos campi benutzt wird, so läßt sich daraus schließen, daß sich die Rosengärten allgemein als mit Blumen eingefaßte Plätze zur Abhaltung von Volksfesten umschreiben lassen. Schon der altdeutsche Sänger sagt: „Diu rôse ist diu schoenste under aller blüete“, daher ist auch jener höchst anspruchslosen Zeit der Rosengarten der schönste unter allen Gärten, mit dem die herrlichsten Dinge verglichen werden. Bei dieser großen Beliebtheit und Volkstümlichkeit der Rosengärten ist es kein Wunder, daß sie dann auch in Sage und Dichtung eine nicht unwichtige Rolle spielten. Es sei hier nur an den zu Ende des 13. Jahrhunderts von einem ritterlichen Sänger gedichteten „Kleinen Rosengarten“, der die Kämpfe Dietrichs von Bern (des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen, der 489 Odoaker bei Verona besiegte und deshalb in der Sage als Dietrich von Bern weiterlebt) mit dem Zwergkönig Laurin und dessen Zaubergarten schildert, und an den von demselben Verfasser stammenden „Rosengarten von Worms“ erinnert, welch letzterer, der neben Rosen auch andere schöne Blumen trug, vom Nibelungenhelden Siegfried mit elf anderen Helden für die von ihm in Liebe umworbene Kriemhild, der Tochter des Königs Giebich von Worms, bewacht wurde. Auch bei den festlichen Veranstaltungen der Ritterzeit, besonders des 14. Jahrhunderts, spielte die Rose mit anderen Blumen eine große Rolle. In diesem kriegerischen Zeitalter wurden mit Vorliebe, wie wir auch auf zeitgenössischen Malereien und Elfenbeinschnitzereien sehen, von festlich geschmückten Damen eine für diesen besondern Zweck erbaute sogenannte Minneburg verteidigt, die dann von den Herren eingenommen werden mußte. Als Wurfgeschosse dienten allerlei Blumen, besonders Rosen, dann kleine Früchte, Kuchen und andere Leckereien, statt siedenden Wassers wurden Parfüms herabgegossen, bis endlich die Ritter unter einem Blumenregen die Burg erstürmten und die Damen gefangen nahmen.
Die bei den Römern noch in spätester Zeit gefeierten Rosenfeste, rosaria oder rosalia genannt, bei welchen man an verschiedenen Tagen des Mai und Juni die Gräber mit Rosen schmückte und gemeinsame Mahlzeiten abhielt, bei denen den Teilnehmern Rosen als die Gabe der Jahreszeit verabreicht wurden, erhielten sich in Illyrien und auf der Donauhalbinsel als rusalia weiter, und aus diesem mit Pfingsten in Zusammenhang gebrachten Frühlingsfest entwickelte sich bei den Serben, Slowenen, Weiß- und Kleinrussen, in ähnlicher Weise auch bei den Walachen und Albanesen das fröhliche Naturfest rusalija. Bei diesem wurde dann in Mißverstehung des ursprünglichen Sinnes des von rosa her genannten Festes die Sage von Russalky geheißenen überirdischen weiblichen Wesen abgeleitet, die um diese Zeit Feld und Wald beleben und Fruchtbarkeit spenden sollen.
Mit diesem römischen Rosenfeste hängt auch die im Frühling, am vierten Fastensonntage, dem Sonntage Lätare, vom Papst in feierlichem weißem Gewande in Gegenwart des Kardinalkollegiums in einer mit Rosen geschmückten Kapelle am Altare geweihte goldene Rose, die hernach als segenbringend an Fürsten und Fürstinnen, auch Kirchen und Städte verschenkt wurde. Er tauchte sie zuerst in Balsam, bestreute sie dann mit Weihrauch, besprengte sie mit Weihwasser und betete indessen zu Christus als der Blume des Feldes und zu Maria als der Lilie des Tales. Als besondere Auszeichnung erhielt unter anderen auch Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen kurz vor der Einführung der Reformation, ebenso in jüngster Zeit die wahnsinnige Kaiserin Charlotte von Mexiko und die bei aller Lasterhaftigkeit höchst bigotte Königin Isabella II. von Spanien die goldene Rose. Nachrichten über diesen Gebrauch, der auf altrömische Vorstellungen von der Bedeutung der Rose als Symbol des Lebens und der Vergänglichkeit zurückgeht, gehen bis ins 11. Jahrhundert, in die Zeit Leos XI., zurück. Dann werden in der katholischen Kirche als weiterer Überrest der altrömischen rosalia bis auf den heutigen Tag am Pfingstsonntage, den pascha rosata (italienisch domenica de rosa), Rosen von der Höhe der Kirche auf den Boden herabgelassen.
Bei solch großer Bedeutung, die der Rose in Volkssitte und Religion zukam, kann es uns nicht wundern, daß ihre von den Römern durch Vermittlung der Klöster übernommene Kultur auch in den trüben Zeiten des Mittelalters in Europa erhalten blieb und mancherorts sogar die Kunst des Treibens derselben geübt wurde. So berichtet uns der Chronist Johann von Beka von einem am 6. Januar 1249 vom gelehrten Dominikaner Albertus, wegen seiner ausgedehnten Gelehrsamkeit Magnus, der Große, zubenannt (1193–1280), in Köln Wilhelm von Holland gegebenen großen Bankett, an welchem „durch wahrhaft magische Kunst“ — wie sich der erstaunte Berichterstatter ausdrückt — blühende Rosen zu sehen waren. Wenn diese Blume auch späterhin bei allen Völkern Europas die wohlverdiente Wertschätzung genoß, so spielt sie doch im Leben des an bunten Farben und Wohlgerüchen sich ganz besonders erfreuenden Orientalen eine noch viel wichtigere Rolle. Speziell in ihrer alten Heimat Persien blüht sie beinahe das ganze Jahr hindurch in köstlicher Fülle und in herrlich duftenden gefüllten Sorten, die bei den auch dort noch seit alter Zeit gefeierten Frühlingsfesten eine wichtige Rolle spielen. Wie haben die persischen Dichter seit dem Firdûsi, d. h. der Himmlische, genannten Abul Kâsim Mançûr (940–1020) bis heute die Rose als Königin der Blumen immer wieder gefeiert und die Liebe zwischen ihr und der Nachtigall (einer Bülbül genannten Kurzfußdrossel aus der Gattung Pycnonotus und nicht unsere einheimische Nachtigall) besungen. Welche Wichtigkeit kommt ihr nicht zur Herstellung des dort allgemein beliebten Rosenzuckerwerks und der köstlichen Rosenessenz zu, welch letztere persische Ärzte im 9. Jahrhundert zuerst destillierten. Ersteres, das wie im ganzen Orient, so auch in der Türkei und in Griechenland durch Einlegen der wohlriechenden Rosenblätter in Zucker gewonnen wird, ist der volkstümlichste Leckerbissen, während mit Honig gekochte Rosenblätter in Limonaden das beliebteste Volksgetränk der muhammedanischen Welt bilden.
Der Gesandte des deutschen Kaisers Ferdinand II. am türkischen Hofe in Konstantinopel, Ghislenius Busbequius, erzählt im ersten, 1554 geschriebenen Briefe aus jener Stadt, die Türken dulden nicht, daß ein Rosenblatt auf der Erde liege, denn sie glauben, die Rose sei aus den Schweißtropfen hervorgegangen, die Muhammed auf seiner nächtlichen Himmelfahrt vergoß — also die alte, nur islamisierte und ins Prosaische übertragene Adonissage! Auf dem angeblichen Grabe des von den schiitischen Persern verehrten 4. Kalifen Ali ben Abu Taleb, dem treuesten Gefährten Muhammeds und Gemahl seiner Tochter Fatime, der 656 nach Othmans Ermordung zum Beherrscher der Gläubigen erhoben, aber 661 in Kufa ermordet wurde, bei Messar in der Nähe des heutigen Belch — früher Bactra — sah der Reisende Vambéry die wunderwirkenden roten, angeblich aus dessen Blut hervorgesprossenen Rosen (güli surch), die ihm in der Tat an Geruch und Farbe alle andern zu übertreffen schienen und die, weil sie nach der islamitischen Lokalsage nirgends anderswo gedeihen sollen, auch nirgends angepflanzt werden.
Diese aus Persien stammende und im Altertum über die Mittelmeerländer verbreitete Centifolie, von der bisher ausschließlich die Rede war, ist diejenige Unterart der in Südeuropa und Westasien heimischen Provencerose (Rosa gallica), die hier im Altertum und Mittelalter ausschließlich bekannt war. Nun wurde in der Folge die Centifolie vielfach mit der Provencerose gekreuzt und ergab die ältesten Rosenhybriden der Ziergärten des Menschen. Eine uralte Gartenrose ging auch durch Kreuzung der Centifolie mit der Hundsrose hervor; es ist dies die Damascenerrose, die uns wohl schon im Altertum als zweimal blühend gerühmte Rose von Paestum entgegentritt. Wie die Centifolie 1332 aus Persien zunächst nach Südeuropa gelangte, so brachte der französische Ritter Robert von Brie schon vorher, zur Zeit der Kreuzzüge, die Damascenerrose nach seinem Schloß Provins in der Champagne, wo sie kultiviert und durch Ableger weiter verbreitet wurde.
Alle diese Rosen der älteren Gärten empfehlen sich durch Widerstandskraft und Frosthärte von selbst, blühen aber nur einmal im Jahre. Diesem Übelstand wurde erst in der Neuzeit abgeholfen durch das Aufkommen der „Remontant“-Rosen, die auf verschiedene, sehr lange Zeit blühende ostasiatische Arten zurückzuführen sind. Durch die Einführung dieser hochkultivierten prächtigen ostasiatischen Rosenarten nahm erst die Rosenkultur den großen Aufschwung, der diese Pflanze heute noch mehr als früher zum bevorzugten Liebling zahlreicher Blumenfreunde machte. Und zwar ist die indische Rose (Rosa indica) die Ursprungsform der prächtigen ostasiatischen Rosen, die besonders in China und Japan seit sehr alter Zeit kultiviert werden, frühe nach Indien kamen und um 1698 aus China auch in unsere Gärten gelangten. Zu ihnen gehören die Bengalrosen, die Teerosen und die Monatsrosen. Letztere werden meist niedrig gehalten und sind zur Einfassung von Rabatten, wie auch in Töpfen gezogen als Stubenpflanzen beliebt und besitzen mehr flatterige, weniger gefüllte, hellrosa Blüten. Bemerkenswerte Formen unter ihnen sind die Hermosa und die Zwergröschen. Eine echte Edelrose ist die von Rosa chinensis abstammende Teerose, deren Kreuzung mit der Provencerose die Bourbonenrose, die Gloire de Dijon und Malmaison (nach der Besitzung der rosenfreundlichen Gattin Napoleons I., Josephine, so genannt), wie auch die La France, die bevorzugte Rose der deutschen Kaiserin, hervorgehen ließ. Letztere, die erst 1868 in den Handel gelangte, will, wie so manche andere, nur durch Ableger auf ungeschlechtlichem Wege sich fortpflanzende Form, schon jetzt nicht mehr recht gedeihen. Alle diese prächtigen Rosen, zu denen auch die angenehm duftende, gelbblühende Marschall Niel gehört, besitzen die vorzügliche Eigenschaft, zu „remontieren“, d. h. nicht die Periode des Blühens auf eine kurze Zeit zu beschränken, sondern ihre prächtigen Blüten Wochen und Monate hindurch unausgesetzt zu entfalten. Sie verdanken diese Eigenschaft der Einwirkung der indischen Rose, welche überhaupt keiner Winterruhe bedarf und deshalb auch zur Kultur in den Tropen empfohlen werden kann. Da aber die Stammart ein Kind der Tropen ist, so müssen diese gegen Kälte empfindlichen Rosensorten im Winter sorgfältig vor dem Erfrieren geschützt werden.
Schon in England, aber noch viel häufiger in Südeuropa, besonders der Riviera, begegnet uns die in Südwestchina (Yün-nan) heimische kletternde, stachellose Banksrose (Rosa banksiae) mit halbgefüllten hellgelben oder weißen Blüten und kleinen Früchten. In unsern Gewächshäusern ist es nicht möglich, sie in so prächtiger Entfaltung wie beispielsweise an der Riviera zu erhalten. Auch die eigentlichen Kletterrosen mit kleinen weißen oder rosenroten Blüten in Büscheln sind in China und Japan heimisch. Zu ihnen gehört vor allem die japanische Büschelrose (Rosa multiflora), die mit ihren pyramidenförmigen, reichblühenden Rispen in vielen Farben und Formen unsere Lauben und Hauswände zieren. Die in dunkelroten, kleinblütigen Büscheln blühende Crimson Rambler dagegen stammt von der Prärierose des östlichen Nordamerika. Sie dauert auch in unserem Klima gut aus und ist eine sehr anspruchslose, reichblühende Pflanze, die deshalb sehr häufig bei uns angetroffen wird. Von Abessinien bis Yünnan in Südwestchina heimisch ist die in den Mittelmeerländern verwilderte Bisamrose (Rosa moschata) mit weißen, angenehm nach Moschus duftenden, kleinen Blüten in großen Endrispen. Sie wird neuerdings auch bei uns kultiviert, muß aber gegen Kälte geschützt werden. Ähnlich wie die schwarze Johannisbeere leicht nach Wanzen riechen dagegen die dottergelben Blüten der von Kleinasien bis Afghanistan heimischen, ebenfalls im Mittelmeergebiet häufig verwilderten gelben Rose (Rosa lutea), die mit den ostasiatischen Teerosen in keinerlei verwandtschaftlicher Beziehung steht. Eine ähnliche Blütenfülle und denselben Duft entwickelt die wahrscheinlich nur als eine Abart dieser aufzufassende zweifarbige Kapuzinerrose (Rosa bicolor), deren Blumenblätter außen gelb, innen aber scharlachrot gefärbt sind. Die Zimtrose (Rosa cinnamomea) mit rosa bis karminroten Blüten und braunroten Zweigen ist auf den Gebirgen Mittel- und Südeuropas heimisch, während die auch bei uns als Fruchtstrauch kultivierte „Kaiserin des Nordens“ mit rundlichplatten, großen, roten Früchten in Nordasien zu Hause ist. Es ist dies ein Abkömmling der durch ihre Frosthärte ausgezeichneten chinesischen Runzelrose (Rosa rugosa), die sich durch kräftiges, etwas runzliges Laubwerk auszeichnet, von dem sich die großen dunkelpurpurroten Blüten ebenso prächtig abheben, wie im Herbste die hochroten, kleinen Äpfeln nahekommenden Früchte, deren Kelchblätter nicht einschrumpfen, sondern frisch und grün stehen bleiben. Japan eigentümlich ist die Chamäleonrose, so genannt, weil sie ihre Farbe wechselt. Im Schatten ist sie weiß, im Lichte dagegen rot. Bei Nacht nimmt sie eine wachsartig weiße Farbe an. Dies geschieht nicht auf einmal, sondern die Blüten wechseln durch einen blauen Ton schnell zum blassen Rosa, um schließlich wachsweiß zu werden. Bringt man die Rose dann wieder an das helle Sonnenlicht, so nimmt sie sehr rasch wieder ihre Scharlach- oder Päonienfarbe an. Die reizende Moosrose aber ist ein Abkömmling der Centifolie, wie die französische oder Essigrose mit gefüllten und halbgefüllten, wohlriechenden, roten Blüten, die man zur Herstellung von Rosenbonbons und Rosenlikör verwendet, ein solcher der Provencerose ist. Wie man bei uns gelegentlich die Marschall Niel-Rose wegen ihres feinen Duftes zur Herstellung von Bowle benutzt, so wird die herrlich duftende morgenländische Centifolie zur Herstellung des kühlenden Scherbets, d. h. arabisch Trank, wovon das italienische sorbetto stammt, verwendet. Ihr gehören auch die Ölrosen von Kasanlik an, aus denen das Rosenöl dargestellt wird. Aus zerstampften Rosenblättern fertigt man in der Türkei mit Zusatz von Gummi schwarze Perlen an, und schwach eingesalzene Rosenblätter finden in der Schnupftabakfabrikation Verwendung.
Im Winter versorgt uns die Riviera mit Rosen, wie mit andern Blumen. So führt Deutschland von dort jährlich für 3 Millionen Mark ein, führt aber andererseits für 15 Millionen Mark veredelte Rosenpflanzen aus. Überhaupt hat die Rosenzucht für die Gärtnerei eine sehr große Bedeutung. Die Rosen variieren ungemein leicht und bis 1850 hat man Neuheiten unter denselben fast nur durch Sammeln und Vermehren der spontan entstandenen Sprungvarietäten gewonnen. Eine solche ist beispielsweise die aus der Centifolie hervorgegangene Moosrose und die Bourbonrose. Bei allen Pflanzen entstehen solche neue Formen unvermittelt und zufällig. Der Mensch kann sie nicht erzeugen, nur entdecken. Er kann dann allerdings nachträglich durch Kreuzung mit einer verwandten Art, die gewisse, der Sprungvarietät abgehende Vorzüge besitzt, diese seinen Wünschen entsprechend zu vervollkommnen suchen. Die Kreuzung setzt er so lange fort, bis die gewünschte Kombination von Eigenschaften bei seinen Pfleglingen eingetreten ist. Auf solche Weise sind die meisten Neuheiten geschaffen worden, deren die Rosenzüchter in ihren Katalogen insgesamt etwa 4000 aufzählen.
Noch der 1560 in Basel geborene und von 1588 bis zu seinem Tode 1624 als Professor der Botanik und Medizin daselbst wirkende gelehrte Pflanzenkenner und Schöpfer der binären Nomenklatur, Kaspar Bauhin, unterschied außer 19 wilden bloß 17 zahme Rosenarten. In solch ungeahnter Fülle hat sich also seither unser Besitztum an Kulturrosen, besonders seit der Einführung der ostasiatischen hochgezüchteten Sorten, vermehrt. Und zwar kam zuerst 1780 die Bengalrose von niedrigem Wuchs aus Kanton zu uns, dann 1807 die Banksrose aus Japan und China und erst 1825 die hochstämmige Teerose ebenfalls von dorther. Die neue Zeit vermehrte dieses Material durch Einführung weiterer neuer Sorten und durch systematische Kreuzung. In Frankreich erreichte die Rosenkultur durch Kaiserin Josephine in den Gärten ihres Schlosses Malmaison und den wissenschaftlichen Begleiter Alexanders von Humboldt auf seiner berühmten südamerikanischen Reise, den Botaniker Bonpland, seit 1800 ihre höchste Entwicklung. In England geschah dies durch verschiedene Privatpersonen, besonders in der Grafschaft Hertford. In Deutschland war die Rosensammlung des kurfürstlichen Gartens in Kassel berühmt; auch die Rosenau bei Koburg und die Pfaueninsel bei Potsdam wiesen bedeutende Rosenkulturen auf. Die bedeutendste Rosensammlung findet sich zurzeit im Schloßgarten zu Friedrichshof bei Kronberg im Taunus, in denjenigen des Schlosses Monrepos bei Geisenheim am Rhein und des Schlosses Königstein unweit von Homburg vor der Höhe.
Die Vermehrung der Edelrosen geschieht in der Weise, daß man ein Auge auf einen Wildling der Hundsrose (Rosa canina) überträgt, und zwar am Wurzelhals, wenn man Buschrosen ziehen will, sonst aber auf einem niedrigen, mittelhohen oder hohen Stamm. Auch durch Ableger, Wurzelschnittlinge, Ausläufer und Stecklinge werden die Rosen vermehrt. Sie können unter Umständen ein Leben von mehreren hundert Jahren erreichen. So galt der mit seinen Ausläufern 6,5 m hohe und 7,5 m breite Rosenstrauch auf dem Friedhof an der Außenmauer der Apsis des Domes von Hildesheim schon im 17. Jahrhundert als uralt. Nach Alexander von Humboldts „Ansichten der Natur“ wird dieses Rosenstocks vermutlich schon im 11. Jahrhundert Erwähnung getan, und zwar durch die Haushaltungsregister des Doms, in denen Ausgaben für die Pflege eines Rosenstocks verzeichnet sind. Er ist über der Erde 50 cm dick. Im Garten der Marineverwaltung von Toulon steht ein von Bonpland eingesandter, 1813 gepflanzter Banksrosenstock, der heute über dem Boden 90 cm Umfang hat und mit seinen Zweigen eine 25 m breite und 6–8 m hohe Mauer bedeckt und während seiner Blütezeit im April und Mai oft 25000 Blüten zu gleicher Zeit aufweist. Der größte Rosenstock Europas befindet sich aber im Wehrleschen Garten in Freiburg im Breisgau. Dieser, ein Wildstamm, wurde von seinem Besitzer im Jahre 1881 mit einer Teerose okuliert. Diese Veredlung machte gleich gute Fortschritte und trug im folgenden Jahre bereits 27 Blüten. Vor einem Jahrzehnt hatte der Baum einen Flächenraum von 88 qm erreicht und trug 7400 Blüten. Ein Jahr später entwickelte er 8000 Blüten; zwei Jahre später nahm er schon einen Flächenraum von 89 qm ein und besaß über 10000 Blüten. Heute wird diese Zahl noch weit überschritten. Der 1,10 m hohe Stamm besitzt einen Umfang von 34 cm. Das an Draht gezogene Zweigwerk bildet eine große Laube.
Auch in China, das uns so herrliche Kulturrosen lieferte, wurde die Rose seit dem hohen Altertum aus den einheimischen Wildlingen als bevorzugte Gartenblume gezogen. Die Chinesen exportieren große Mengen Rosenwasser, machen auch Riechkissen und Rosenbutter. In den Gärten des chinesischen Kaisers werden Rosen in solcher Menge gezogen, daß die daraus gewonnene Essenz jährlich gegen 100000 Mark einträgt. Aber nur die kaiserliche Familie und die Mandarinen dürfen sich dieses Parfüms bedienen.
Nächst der Rose ist die weiße Lilie (Lilium candidum) eine der vornehmsten und geschätztesten Zierpflanzen. Diese auf 1 m hohem Stengel 5–20 reinweiße Blüten mit 5 langgestielten, in große gelbe Antheren endigende Staubfäden tragende Pflanze wächst im östlichen Mittelmeergebiet bis Persien und zum nördlichen Kaukasus wild, verwildert auch sehr leicht und wurde ebenfalls in Westasien zuerst vom Menschen in den Gärten kultiviert. Sie wird schon in den ältesten auf uns gekommenen Gesängen der Perser und Syrier hoch gefeiert und galt wegen der schneeweißen Farbe ihrer Blüten als das Sinnbild der Unschuld und Reinheit. Wir sahen bereits, daß die im Alten Testament als schuschan bezeichnete Blütenpflanze nicht die Rose, sondern eine Lilienart, und zwar nicht sowohl die weiße, als eine farbige Lilie, wahrscheinlich die ebenfalls glockige Blüten aufweisende Kaiserkrone bedeutet. Mit dieser Bezeichnung einer auf dem Felde wildwachsenden Lilie hängt auch der Name der persischen Hauptstadt Susa zusammen; und zwar bedeutete dieses persische susan höchstwahrscheinlich die weiße Lilie, nach der die Stadt genannt wurde. Spricht doch noch der griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. von einer Liliensalbe (chrísma leírinon), „die auch die von Susa stammende (súsinon) genannt wird“, und meint damit bestimmt eine aus der weißen Lilie hergestellte wohlriechende Salbe. Wenn nun in der Bibelübersetzung Luthers steht, daß die Baumeister den Säulen und deren Kapitälen die Gestalt von Lilienstengeln mit deren Blüten gaben, so ist dies dahin zu berichtigen, daß damit die auch von den Griechen als Lilie (leírion) bezeichnete weiße Lotosblume, die heilige Blume des Nils, verstanden war, die die phönikischen Baumeister in Nachahmung der ägyptischen Vorbilder an den Stützen des reich mit Gebälk aus Zedernholz vom Libanon ausgestatteten Tempels Jahves in Jerusalem darstellten.
Tafel 141.

Die Wasserrose des Amazonenstromes (victoria regia) im Botanischen Garten von Buitenzorg auf Java.

Der „tausendjährige“ Rosenstock am Hildesheimer Dom.
Tafel 142.

Eine Tulpenanpflanzung in Hillegom (Holland).

Eine Hyazinthenanpflanzung in Hillegom (Holland).
Bei den alten Griechen erwähnt schon Homer die weiße Lilie als leírion mit dem schmückenden Beiwort tháuma idésthai, d. h. ein Wunder zu sehen, und nennt die als besonders schön weiß zu bezeichnende Haut des Helden Ajax als leírios, d. h. weiß wie die Lilie. Wie die orientalische gefüllte rote Rose der Liebesgöttin Aphrodite-Venus, so war die hehre weiße Lilie bei den Griechen und den später von jenen hochgradig beeinflußten Römern der Hera-Juno, der Gattin des höchsten der Götter, Zeus-Jupiter, heilig. Ein in den Geoponika uns überlieferter griechischer Mythos tut uns kund, daß diese Blume aus der Milch der Himmelsfürstin hervorgegangen sei. Es heißt dort nämlich: „Als Alkmene (die Tochter des Königs Elektryon von Mykene und Gemahlin des Amphitryon, Enkels des Perseus und Sohnes des Alkaios, Königs von Tiryns) den Herakles — den sie von Zeus empfing — geboren hatte, welcher eigentlich sterblich war, wollte ihm Zeus (sein Vater) die Unsterblichkeit verleihen und legte ihn zu diesem Zwecke heimlich an die Brust der schlafenden Hera. Der Knabe trank sich da tüchtig satt, aber wie er abließ, floß noch Milch in Strömen aus, und was davon an den Himmel kam, bildete dort die Milchstraße, was aber auf die Erde lief, das brachte die Lilie hervor, die demnach die milchweiße Farbe trägt.“
Im alten Griechenland wurde im Gegensatz zur einheimischen wilden Lilie, die krínon hieß, die aus dem Orient dahin gelangte weiße Lilie als leírion bezeichnet. Der griechische Komödiendichter Aristophanes (455–387 v. Chr.) erwähnt aus ersterer hergestellte Kränze, letztere dagegen beschreibt Theophrast in seiner Pflanzengeschichte. Von den Griechen Unteritaliens lernten dann die Römer die weiße Gartenlilie des Orients kennen, wobei sie das griechische leírion sich als lilium mundgerecht machten. In einer der Eklogen Virgils (70–19 v. Chr.) trägt der altitalische Wald- und Feldgott Silvanus einen Kranz von (vermutlich bunten wilden) Lilien, und an einer Stelle der Aeneis summen die Bienen um weiße Lilien (candidum lilium). Bei Columella werden weiße Lilien für die Bienen in Gärten gezogen, und in einer Elegie läßt Properz (45–22 v. Chr) das Wohlwollen der Nymphen durch weiße Lilien gewinnen. Plinius schreibt über sie: „Fast so edel wie die Rose ist die Lilie, die ebenso zur Herstellung von Salbe und Öl benutzt wird; letztere heißt lirinon. Die Lilie beginnt in der Zeit zu blühen, da die Rosen in voller Blüte stehen, und gewährt dann, zwischen ihnen stehend, einen herrlichen Anblick. Der Stengel, auf dem die Blume steht, hat oft drei Ellen Höhe, die Blume selbst aber steht auf einem schwachen Stiele, der nicht imstande ist, sie aufrecht zu tragen. Sie ist blendend weiß, auswendig gestreift, am Grunde schmal, nach außen allmählich becherförmig erweitert, mit zurückgebogenen Rändern. Der Stempel (pilum) ist dünn, die Staubgefäße (stamina) haben die Farbe des Safrans (crocus). Der Geruch des Kelches (calyx) ist von demjenigen der Staubgefäße etwas verschieden: bei Bereitung der Salbe und des Öles werden aber auch die Blätter nicht verachtet.“
Wie die Lilie nach griechischem Vorbild der Juno heilig war, galt sie den Römern auch als Sinnbild der Hoffnung und in der Kaiserzeit als Emblem des Thronfolgers. Auf einigen römischen Münzen, die solchen Thronfolgern galten, findet sich auf der Rückseite eine Lilie abgebildet mit der Umschrift: spes populi romani (Hoffnung des römischen Volkes). Die ältere antike Auffassung, die in dieser reinweißen Blume ein Symbol der Reinheit und Unschuld sah, übernahm dann die christliche Kirche, die die schöne, feierliche Blume der Himmelskönigin Maria als Sinnbild ihrer reinen, unbefleckten Empfängnis in die Hand gab. Später bemächtigte sich der Aberglaube dieser Blume und ließ sie aus den Gräbern unschuldig Hingerichteter hervorwachsen. Allgemein herrschte im Mittelalter der Glaube, daß der Mönch, der eine Lilie in seinem Chorstuhle fand, drei Tage hernach sterben müsse. Ein hochbegabter Abt der Benediktinerabtei Corvey an der Weser wurde, wie eine Chronik meldet, durch einen solchen Fund in so gewaltigen Schrecken versetzt, daß er den Tod davontrug. Sein Nachfolger bekannte sich in seiner letzten Beichte schuldig, die Lilie selbst hingelegt zu haben, um sich die angesehene Stellung seines Opfers zu verschaffen.
Wie in der Geschichte Englands die rote und weiße Rose, so spielte in Frankreichs Geschichte die Lilie eine bedeutende Rolle. Nach der Legende überreichte ein Engel dem Frankenkönig Chlodwig aus dem Geschlechte der Merovinger, der 16jährig seinem Vater Childerich als König der salischen Franken im heutigen Belgien folgte, 486 durch den Sieg bei Soissons über den römischen Statthalter Syagrius das Seinegebiet eroberte und 496 die Alamannen schlug, als er darauf mit 3000 Franken in Reims zum Christentume übertrat, einen Lilienstengel. Später waren — seit 1150 nachweisbar — vermutlich aus Lanzenspitzen zu stilisierten Blumen umgewandelte Lilien das königliche Wappen Frankreichs, das von da an durch die ganze Geschichte Frankreichs als Symbol des legitimen Königtums eine wichtige Rolle spielte, und zwar waren es seit Karl VI. (1380–1422) deren in der Regel drei, während vorher ihre Zahl unbestimmt gewesen war. Nicht nur in Wappen und Siegel, auch auf Szepter, Kronenreifen, in Stickereien auf den Gewändern der Könige und auf Wappenröcken der Herolde erschienen die berühmten fleurs de lis. Und nach dem Aussterben der Kapetinger mit Karl IV. im Jahre 1328 hielt die Seitenlinie der Valois bis zur Hinrichtung Ludwigs XVI. und dann von 1815–1830 die Bourbonen die drei Lilien als königliches Abzeichen bei.
Daß eine solche schon in ihrem stolzen Aussehen wahrhaft königliche Blume auch sonst ohne sinnbildliche Bedeutung dekorativ eine große Rolle spielte und auf allerlei Geweben, besonders Tapeten, nachgebildet wurde, ist selbstverständlich. Außerdem wurden von mehreren Regenten auch Lilienorden gestiftet, so z. B. um 1413 von Ferdinand, König von Arragonien, 1546 vom Papste Paul III. (Alexander Farnese, geb. 1468, regierte von 1534–1549, bestätigte den Jesuitenorden, ordnete 1542 eine allgemeine Inquisition zur Unterdrückung des Protestantismus an, eröffnete 1445 das bis 1563 dauernde Konzil von Trient, war ein Gönner der Künstler und Literaten), und zuletzt 1814 von dem nach dem Sturze Napoleons I. zum Könige erhobenen Ludwig XVIII. Die Anhänger der mit ihm zur Herrschaft gelangenden Bourbonen trugen die Lilien als Protest gegen das Veilchen, womit sich die Getreuen des gestürzten Korsen kenntlich machten.
Wie im Altertum war auch im Mittelalter die Lilie neben der Rose der Stolz der europäischen Gärten; während aber letztere in der Neuzeit seit der Einführung der edlen ostasiatischen Schwestern durch Kreuzung und Variation eine große Fülle verschiedener Sorten bildete, hat sich die Lilie unverändert in ihrem alten Adel erhalten und bildet den vornehmsten Repräsentanten der Zierblumen des ländlichen Gartens, während sie in den Städten eher zurücktrat und erst neuerdings wieder neben ihren seither eingeführten farbenprächtigen ostasiatischen Schwestern einige Bedeutung erlangte. Schon im Altertum hören wir einige Stimmen, die von bunten Lilien reden. So sagt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr.: „Manche behaupten, es gebe auch purpurfarbige Lilien,“ damit soll wohl eine Abart der weißen Lilie verstanden sein, die er selbst noch nie sah. Wie eine solche erzeugt werden könne, sagen uns die Geoponika, in denen es heißt: „Florentinus behauptet, man könne die Lilien rot färben, wenn man zwischen die Schuppen der Zwiebel die Farbe streue, welche cinnabari heißt (damit ist das Drachenblut genannte dunkelrote Harz des Drachenbaums der Insel Sokotra gemeint). Mit anderen Farben kann man die Lilie anders färben.“ Ein anderes Rezept dazu gibt ein anderer griechischer Schriftsteller in diesem Sammelwerke: „Will man Lilien von Purpurfarbe haben, so reißt man 10 oder 12 blühende Lilienstengel aus und hängt sie in Rauch. Aus ihnen wachsen kleine, zwiebelförmige Wurzeln hervor. Ist dann die Zeit des Pflanzens da, so legt man den Stengel in Hefe von rotem Wein, bis sie durch und durch rot sind. Nun pflanzt man sie in Erde und begießt sie gehörig mit Hefe. Die aus solchen Stengeln wachsenden Lilien blühen rot.“ Dieses phantastische Verfahren gibt dann Plinius als erwiesene Tatsache wieder. Palladius (um 380 v. Chr.) schreibt: „Im Februar bringt man die Lilienzwiebeln in die Erde, oder behackt sie, wenn sie schon darin sind, mit großer Sorgfalt, damit die jungen Zwiebeln nicht verletzt werden. Diese kann man später von der Mutterzwiebel ablösen, verpflanzen und auf solche Weise neue Lilienbeete (lilietum) erzielen.“ Nach Dioskurides wurden Lilienblätter auf Schlangenbiß- und Brandwunden und mit Essig auf Quetschwunden gelegt und die gebratene und mit allerlei anderen Stoffen vermischte Wurzel zu Heilzwecken verschiedener Art benutzt; daneben war das Lilienöl als Arznei berühmt und erhielt sich bis in die Gegenwart beim Volke in Ansehen. Ein Rezept dazu gibt uns Palladius: „Um Lilienöl (oleum liliaceum) zu bereiten, gießt man 1 Pfund Olivenöl auf 10 Lilienblüten, die sich in einem Glase befinden, und stellt dieses 40 Tage an die Sonne.“ Ein Konservierungsmittel für Lilien teilt uns ein Grieche in der Geoponika mit: „Um Lilien das ganze Jahr hindurch frisch zu erhalten, verfährt man folgendermaßen: Man pflückt die Blüten, ehe sie sich öffnen, samt den Blütenstielen und legt sie in neue, irdene, nicht ausgepichte Töpfe, deckt diese zu, und so bleiben die Blüten das ganze Jahr frisch. So oft man welche brauchen will, nimmt man sie heraus, setzt sie der Sonne aus, und sie öffnen sich, sobald sie warm werden.“