← Table of contents
Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

IV. Die Fruchtbäume. Erster Teil. (continued 2)

Reading edition

Welche Fülle von herrlichem Obst hat also nicht die Alte Welt der Neuen zu ihren zahlreichen einheimischen Produkten hinzugegeben, die auch sehr schätzenswert sind! Wir werden im folgenden Abschnitte einige der wichtigsten unter denselben kennen lernen. Sonst sind außer den Guajaven (Psidium pyriferum) mit birnförmigen und dem nahe verwandten Psidium pomiferum mit kugeligen, pflaumen- bis apfelgroßen Früchten vom Ansehen der Orangen, unter deren lederartiger Schale ein nach innen schön rosenrot gefärbtes, zartes Fruchtfleisch von Erd- und Himbeergeschmack sich findet, die eirunde und über faustgroße westindische Anchojebirne (von Grias cauliflora) zu nennen. Unsere Kirschen vertreten im warmen Südamerika die vorzüglich in Guiana heimische Pitanga (von Eugenia michelii) und die Jabuticaba (von Eugenia cauliflora). Die Frucht der letzteren von der Größe unserer Herzkirsche hat unter der zarten, schwarzen Haut ein weißes, weiches, sehr saftiges Fleisch mit 2–3 Kernen. Sie steht an Geschmack unseren Kirschen nach, reift in Brasilien am Ende des Winters (September und Oktober) und ist doppelt geschätzt, da sie zu der Zeit die einzige Frucht bildet, welche frisch zu haben ist. Eine andere Frucht von der Größe und Form unserer Pflaumen sind die Ibametara-Arten (von Spondias myrobalanus) u. a., die in Westindien und dem nördlichen Südamerika wildwachsen und hier überall, wie auch anderwärts in den Tropen, wohin alle diese Fruchtbäume verbracht wurden, vom Menschen angepflanzt werden, weil er ihre wohlschmeckenden, süßen Früchte überaus schätzt, Mus daraus bereitet und allerlei Getränke davon macht.

Kehren wir nach diesem kurzen Abstecher nach Südamerika in unsere Heimat zurück, so ist in bezug auf die Kultur der Pfirsiche und Aprikosen zu bemerken, daß sie bei uns nur in südlichen Gegenden oder an sonniger, geschützter Lage gut gedeihen, aber als Hochstämme wohlschmeckendere Früchte denn als Spalierbäume liefern. Mit Vorliebe zieht man sie in den ebenfalls sonnige Lage beanspruchenden Weingärten; aber auch in den wärmeren Obstgärten gedeihen sie gut. Besonders die sattroten, direkt dem Stamm aufsitzenden, vor den Blättern erscheinenden Blüten des Pfirsichs verleihen durch ihre hübsche Färbung zwischen dem weißen Blust des übrigen Kernobstes und den rosafarben angehauchten Apfelblüten einem gemischten Obstgarten ein höchst eigenartiges, manchmal geradezu bezauberndes Gepräge.

Im Gegensatz zum Pfirsich, dessen saftige äußere Fruchtschale gegessen wird, ißt man bei der verwandten Mandel (Amygdalus communis) den Samenkern, der in einer süßen und bitteren Abart vorkommt. Diejenigen der letzteren Sorte enthalten in erheblicher Menge die giftige Blausäure und sind deshalb, in größerer Menge genossen, auch dem Menschen schädlich, während sie kleinen Tieren sicheren Tod bringen. Sie dienen vorzugsweise zum Würzen der Speisen. Die süßen Mandeln dagegen werden ihres Ölgehaltes wegen gegessen und allerlei Gebäck und Mehlspeisen zugesetzt. Unter der samtig behaarten äußeren Haut, welche zur Zeit der Reife in einem Längsspalt aufspringt, befinden sich die in der Regel sehr harten, festen Schalen. Man kultiviert aber auch Formen mit brüchigen Schalen, die Knack- oder Krachmandeln, deren Samen wie Nüsse gegessen werden. Die Fruchtknoten aller Kirsch-, Pflaumen- und Mandelarten, die bekanntlich mit dem Kernobst in die Familie der Rosazeen gehören, enthalten zwei Samenanlagen, von denen aber in der Regel nur eine zur Ausbildung gelangt; entwickeln sich aber in den Knackmandeln beide, so entstehen solche Exemplare, die als „Vielliebchen“ dienen.

Der Mandelbaum wächst in Afghanistan, Turkestan, Persien wild und kommt auch hier mit bittern und süßen Samen vor. Indien und Ostasien ist er ursprünglich fremd; dort hat man auch keine einheimische Bezeichnung für ihn. In den Schriften des Sanskrit wird er nicht erwähnt, ebensowenig in der älteren chinesischen Literatur. Erst in chinesischen Werken des 10. oder 11. Jahrhunderts wird er angeführt, und zwar als „Baum aus den Ländern der Muhammedaner“. Er scheint also durch die Handelsbeziehungen der Chinesen mit Baktrien als Tausch gegen Aprikose und Pfirsich von dort her nach China gelangt zu sein. Auch in den vorgeschichtlichen Niederlassungen Südeuropas hat man nirgends Spuren von Mandeln gefunden. Aber in Persien begegnen wir diesem Fruchtbaum sehr früh. Von dort gelangte er schon vor der Mitte des letzten vorgeschichtlichen Jahrtausends nach Syrien und Kleinasien und von da vor dem Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. nach Griechenland. Seine Frucht wird als naxía amygdálē, d. h. Mandel von Naxos — einer Insel der Cycladen, welche, weil in der Mitte zwischen dem südlichen Kleinasien und Griechenland liegend, eine natürliche Zwischenstation beim Übergang von Kleinasien nach Griechenland bildet — zuerst von Phrynichos, einem Dichter der älteren attischen Komödie und Zeitgenossen des Aristophanes im 5. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Bei den attischen Komödiendichtern des 4. vorchristlichen Jahrhunderts ist seine Frucht als amygdálē schlechthin schon ganz gewöhnlich. Von den Griechen lernten dann die Römer den Fruchtbaum kennen. Noch gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kennt Cato in Italien die Mandeln nur als fremde Importware unter der Bezeichnung „griechische Nüsse“, als Beweis dafür, daß die Römer diese Früchte durch Vermittlung der Griechen Unteritaliens erhalten hatten. Erst bei Columella, einem römischen Ackerbauschriftsteller des 1. Jahrhunderts n. Chr., ist der Mandelbaum unter der griechischen Bezeichnung amygdala auch in Mittelitalien heimisch, während seine Früchte immer noch griechische Nüsse heißen. Die Bezeichnung amygdala amara und dulcia, d. h. bittere und süße Mandeln, treten uns zum erstenmal in der „Zusammenstellung der gebräuchlichsten Medikamente“ des Scribonius Largus entgegen, die noch vor der Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts verfaßt wurde. Seither ist die Pflanze in ganz Italien eingebürgert, und aus dem griechisch-lateinischen amygdale ist im Laufe der Jahrhunderte das italienische mandorle und daraus unser Mandel geworden. In allen Gärten stehen in Italien die Mandelbäumchen im Februar und März im Schmucke ihrer schneeigen Blüten, bevor noch die Blätter hervorgekommen sind. Ihre Früchte sind nicht bloß eine beliebte Volksnahrung, sondern man gewinnt heute auch aus ihnen ein als sehr mild geschätztes Öl, aus den bittern dagegen das in der Parfümerie Verwendung findende Bittermandelöl und ein bei Husten reizmilderndes blausäurehaltiges Wasser, das übrigens gleicherweise auch aus den Kirschlorbeerblättern bereitet wird.

Nördlich der Alpen ist der Mandelbaum, soweit er in den klimatisch milderen Gegenden noch zu gedeihen vermag, erst in nachrömischer Zeit naturalisiert worden. Bei den Ausgrabungen des römischen Militärlagers der Saalburg bei Homburg vor der Höhe hat man keine Spur von Mandeln gefunden, und der Fund einer Mandelschale in dem wahrscheinlich spätrömischen Pfahlwerk im Tale der Fulda nördlich des Mains wird von den maßgebenden Forschern mit einem Fragezeichen registriert. Der althochdeutsche Name mandulae hat zwar gegenüber dem gelehrten angelsächsischen amigdal einen entschieden volkstümlichen Anstrich, er kann aber wegen des unverschobenen d frühestens im 8. Jahrhundert aufgenommen worden sein. Im Capitulare de villis Karls des Großen vom Jahre 812 und in dem nach dem Muster desselben abgefaßten Entwurfe zum St. Galler Klostergarten vom Jahre 820 werden unter den zu pflanzenden Bäumen auch amandalarii, d. h. Mandelbäume aufgeführt, aber in den Inventaren der kaiserlichen Gärten vom Jahre 812 fehlen sie.

Der Mandelbaum, der in bezug auf Kälte noch empfindlicher ist als der Pfirsichbaum, scheint also auch in der Karolingerzeit nur ausnahmsweise und wohl nur in einigen besonders warmen Landesteilen gezogen worden zu sein. Obwohl er gegenwärtig am Oberrhein und in der Rheinpfalz recht gut gedeiht und seine Früchte reift, so pflegen wir doch auch heute noch die Mandel zu den Südfrüchten zu zählen. Ähnlich war es im Mittelalter. Die Mandeln, welche damals in Deutschland konsumiert und zu medizinischen Zwecken verwendet wurden, stammten wohl größtenteils, wie heute noch, aus Italien. Die Bewohner Nordfrankreichs dagegen scheinen ihren Bedarf an Mandeln außer aus den südlichen Teilen des eigenen Landes namentlich aus Spanien bezogen zu haben, wie die Geschichte des altfranzösischen Namens almande vermuten läßt.

Die nahe Verwandtschaft zwischen Mandel und Pfirsich spricht sich auch darin aus, daß beide sehr leicht gekreuzt werden können und auch dann noch reichlich Früchte tragen. Wie der Pfirsich seine rosenroten, treibt auch die Mandel ihre weißen Blüten vor der Entfaltung der Blätter, damit diese um so ausgiebiger von den Bienen befruchtet werden. Wie in den Mittelmeerländern wird auch im Süden der Vereinigten Staaten, besonders in Kalifornien, die Mandelkultur manchenorts im großen getrieben.

In den lichten Wäldern Transkaukasiens und Armeniens ist die wegen ihrer süßen, saftigen Trauben so geschätzte Weinrebe (Vitis vinifera) zu Hause, wo sie heute noch wild, wenn auch mit kleinen und wenig schmackhaften, etwas herben Früchten gefunden wird. Als Schlingpflanze rankt sie sich wie bei uns die Waldrebe von Baum zu Baum und klettert in die Wipfelregion ans Licht empor. Hier ist sie wohl zuerst durch Kulturauslese veredelt und zur Kulturpflanze mit großen, süßen Früchten gemacht worden. Doch ist Westasien nicht die ausschließliche Heimat dieser Waldliane. Ihr Vorkommen reicht von hier ostwärts bis in das gemäßigte Mittelasien hinein und westwärts über ganz Südeuropa und einen Teil Mitteleuropas. Doch wurde sie hier nirgends kultiviert, sondern, wie Funde aus Südfrankreich, der Schweiz und Norditalien beweisen, wurden ihre Früchte schon zur Steinzeit gelegentlich vom Menschen gesammelt und gegessen, wo wir dann zur Seltenheit einmal ihre harten Samen unter dem Speiseabfall seiner Niederlassungen finden. Immerhin sind manche Angaben über das Wildvorkommen der Rebe in Süd- und Mitteleuropa mit Vorsicht aufzunehmen, da diese Kulturpflanze in den Weinbau treibenden Ländern leicht verwildert und dann als dort heimisch angesehen wird. So ist es sehr zweifelhaft, ob die in Baden und im Elsaß gefundenen angeblich wilden Reben wirklich ursprünglich wild wachsend oder nicht bloß seit der Einführung des Weinstocks in diesen Gegenden verwildert sind, was immerhin das wahrscheinlichste sein dürfte, da sonst wilde Reben in Deutschland außerhalb der Weinbauregion noch nicht nachgewiesen werden konnten.

Der heute über die ganze Welt ausgedehnte Rebbau hat seinen Ursprung in den Ländern südlich des Kaukasus und des Kaspisees genommen, wo die wilde Rebe ganz besonders üppig gedeiht und den Menschen geradezu zu ihrer Domestikation auffordert. Von Armenien kam er im 4. vorchristlichen Jahrtausend nach Babylonien, Syrien und Palästina und läßt sich von der 5. Dynastie, d. h. seit 2700 v. Chr. an auch in Ägypten nachweisen. Über Kleinasien und Griechenland wanderte er dann, wie wir später bei der Besprechung des Weinbaus eingehender sehen werden, nach Italien und von da nördlich der Alpen zu den gallischen und rätischen Stämmen und zuletzt zu den Germanen.

Alle Ausdrücke dieser Völker, die auf den Weinbau Bezug haben, sind dem Lateinischen entnommen von vindemia (franz. vendange) Wingert oder Weinlese bis mustum (franz. moût) Most und vinum (franz. vin) Wein.

Sehr zahlreich sind die Anweisungen der antiken Ackerbauschriftsteller über die beste Art des Rebbaus. Schon der im 8. Jahrhundert v. Chr. lebende griechische Dichter Hesiod singt: „Wenn der Frühling beginnt und die Schwalbe kommen will, dann mache dich ans Beschneiden der Weinstöcke (oínē),“ und „wenn der Orion und der Sirius bis zur Mitte des Himmels steigen, dann ist die Zeit da, in der du die Trauben abschneiden und nach Hause bringen mußt.“ Varro und Columella berichten eingehend über die Anlage des Weingartens (vinea) und die Behandlung der Rebe (vitis). Letzterer meint: „Die Zahl der verschiedenen Weinsorten ist so zahllos wie die Sandkörner der libyschen Wüste; denn jede Gegend und fast jeder kleine Ort hat seine besonderen Sorten und für diese besondere Namen. Manche haben auch ihren Namen geändert, indem sie anderswohin versetzt wurden; manche haben in ihrer neuen Heimat ihre Eigentümlichkeit verloren, so daß sie der Ursorte gar nicht mehr ähnlich sind. Ganz richtig haben schon Cato und nach ihm Celsus gesagt, man solle nur Weinsorten pflanzen, die in gutem Rufe stehen, und solle sie nur in dem Falle behalten, daß sie sich als gut bewähren. Für einen recht günstigen Standort müssen wir recht edle Sorten wählen, für einen ungünstigen aber solche, die große Mengen von Trauben zu geben pflegen.“

Wie von jeher die Orientalen, so waren auch die alten Griechen und Römer große Liebhaber der Traube, die von ihnen als die edelste der Früchte gepriesen wurde. Um solche möglichst lange essen zu können, wurde sie frisch oder gedörrt und auf die mannigfaltigste Weise konserviert aufbewahrt. Verschiedene solche Verfahren beschreibt Columella. Von seinen zahlreichen Angaben über die Aufbewahrung von Trauben wollen wir hier einige anführen: „Um Trauben (uva) ein Jahr lang frisch zu erhalten, verpicht man ihren Stiel sogleich, wenn man sie vom Stocke geschnitten hat. Dann füllt man ein neues irdenes Gefäß mit recht trockener Spreu, die man durch Sieben vom Staube gereinigt hat, und legt die Trauben darauf. Alsdann bedeckt man das Gefäß mit einem andern, verpicht die Fuge mit Lehm, der mit Spreu vermischt ist, stellt das Gefäß auf ein recht trockenes Gestell und bedeckt es mit trockener Spreu. Eine andere Art, Trauben frisch zu erhalten, ist folgende: In einen großen Tonkrug (dolium) wird eingedickter Most gegossen, über diesen werden Stöcke in die Quere eingeklemmt, die jedoch den Most nicht berühren dürfen. Auf diese Stöcke werden neue irdene Schüsseln gesetzt und in diese die Trauben so gelegt, daß sie einander nicht berühren. Dann werden die Deckel auf die Schüsseln gelegt und verstrichen. Nächstdem setzt man neue Stöcke über den Schüsseln ein und auf diese neue Schüsseln, und fährt so fort, bis das ganze Faß voll ist. Endlich setzt man den Deckel auf, der gut gepicht und inwendig tüchtig mit eingedicktem Most bestrichen wird, worauf man die Fugen noch mit Asche verklebt. Andere tun eingedickten Most in das Tongefäß, stemmen Stöcke hinein, hängen die Trauben an die Stöcke, so daß sie den Most nicht berühren, legen den Deckel auf und verstreichen ihn. Andere legen Trauben schichtweise in Gerstenkleie, oder Sägemehl von Pappeln oder Tannen, oder Gipsmehl. Mein Onkel Marcus Columella (zu Gades in Spanien) tat die Trauben in große Tonkrüge, die in- und auswendig stark gepicht waren; sie durften einander nicht berühren und von jeder war der Stiel in siedendes Pech getaucht. War der Deckel aufgelegt und die Fuge mit Gips verstrichen, so wurde auch der Gips noch tüchtig gepicht, so daß durchaus keine Feuchtigkeit eindringen konnte. Nun wurden die Krüge in Quell- oder Brunnenwasser gestellt und so mit einem Gewichte beschwert, daß sie ganz unter der Oberfläche blieben. Auf solche Weise halten sich die Trauben vortrefflich, müssen aber, wenn sie herausgenommen sind, gleich gegessen werden, weil sie sonst sauer werden. Als allgemeine Regel muß noch die aufgestellt werden, daß man Äpfel und Trauben nicht an demselben Orte aufbewahren darf, ja daß der Geruch der Äpfel nicht einmal aus einiger Entfernung die Trauben erreichen darf, denn er verdirbt sie.“

Häufig wurden auch Traubenbeeren und ganze Trauben an der Sonne getrocknet (uva passa) und dann in Töpfen aufbewahrt. Vielfache Verwendung fand in der griechischen und römischen Küche auch der durch Kochen eingedickte Traubenmost (defrutum), wie auch der aus sauer gewordenem Wein hergestellte Essig (acetum).

Alle diese Produkte hat schon vorher der Orient gekannt und benützt. So sind von der Traube gelöste, getrocknete Weinbeeren seit der Zeit der Pyramidenerbauer, d. h. seit dem Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends, häufig als Wegzehrung den Toten mitgegeben worden und finden sich teilweise so gut in den altägyptischen Gräbern erhalten, daß sich der Zucker darin noch nachweisen läßt.

Wie die Rebenkultur heute in Mitteleuropa betrieben wird, ist genugsam bekannt, so daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es genüge hier zu bemerken, daß der Weinstock einer sorgfältigen Pflege bedarf, viel Sonne und einen kalkreichen, steinigen, d. h. viel Wärme verschluckenden Boden verlangt. Aber wenn auch alle diese Bedingungen erfüllt sind, ist die Rebe, wie die Erfahrung gelehrt hat, nur dann wirklich ertragreich und liefert wertvolle Trauben, wenn sie richtig geschnitten wird. Die Fortpflanzung geschieht durch Stecklinge, die meist mit drei Augen, d. h. Knospen zur Verwendung gelangen. Das unterste derselben wird in die Erde gesteckt; die beiden andern treiben aus und geben je nach der Kraft des Triebes mehr oder weniger lange Schosse, die man im Herbst zurückschneidet, und zwar den oberen so, daß 8–9 Augen bleiben, die anderen aber viel weiter zurück, so daß nur zwei Augen bleiben. Jenes Reis ist das Tragholz für das nächste Jahr; denn die an ihm befindlichen Augen entwickeln Triebe, welche nach dem 4. oder 5. Blatte Blüten erzeugen. Man läßt an diesen Trieben nur eine bestimmte Zahl Blätter stehen, nach dem 2. oder 3. oberhalb der letzten Blütentraube bricht man den Schoß ab, um nicht unnütz Nährstoffe nach dem fernerhin nicht weiter brauchbaren Triebe gelangen zu lassen. Hat das Tragholz, der sogenannte Schenkel, abgetragen, so schneidet man dasselbe mit dem hakenförmig gekrümmten Rebmesser ab, das die Römer der Kaiserzeit in Gallien und in den von den Legionären aus Gallien und Hispanien am linken Rheinufer gepflanzten Rebbergen schon in gleicher Weise besaßen wie wir heute noch, die wir ja einst die ganze Rebkultur mit allen Geräten und diesbezüglichen Bezeichnungen von jenen übernahmen.

Während das Tragholz im Sommer seine Früchte an den Seitentrieben zeitigte, entwickelte der oben erwähnte, kurz auf zwei Knospen zurückgeschnittene „Zapfen“ aus demselben wieder zwei lange Triebe, die man bis zum Herbste auswachsen läßt. Sie können eine sehr beträchtliche Länge erreichen und bringen Blätter und in den Achseln derselben Knospen hervor. Von ihnen treiben in demselben Jahre alle, ausgenommen die obersten, in Form von schwachen Zweigen aus, die „Geize“ genannt werden. Da diese im ersten Jahre überhaupt nicht zum Blühen kommen, und auch im zweiten Jahre, wenn sie zu Tragholz werden, auch nur schwächlich blühen würden, schneidet sie der Weinbauer weg, läßt ihnen aber meist 2–3 Blätter. Diesen letzteren kommt nämlich eine doppelte Bedeutung zu. Es entsteht nämlich neben dem Geize eine zweite Knospe, die sich als eine Achselknospe aus dem untersten Schuppenblatte äußerst kräftig entwickelt und einerseits zu ihrer Ernährung der beiden Blätter des bei ihr stehenden Geizes bedarf, andererseits aber auch leicht zum Austreiben käme, wenn man den Geiz bis zum Grunde entfernen würde.

Im Herbst wird nun wieder an den beiden Schossen des Zapfens der Schnitt in der Weise ausgeführt, daß der obere mit 8–10 Augen zum Schenkel wird und im nächsten Jahre das Tragholz liefert; die untere wird dagegen abermals zum Zapfen. An den in den Treibhäusern gezogenen Reben schneidet man das Tragholz viel weiter zurück, so daß an dem bis zu 15 Jahren tragfähigen Haupttrieb seitlich knorrige Stümpfe stehen bleiben, aus denen dann eine neue Tragrebe gezogen wird. Hier läßt man meist auch nur zwei Trauben zur Ausbildung gelangen. Durch Auspflücken der zu reichlichen Beerenanlagen bringt man es dahin, daß die bleibenden zuweilen eine ganz außergewöhnliche Größe erreichen. So hat man in England durch die sorgfältigste Pflege und reichliche Düngung Trauben von über 7,5 kg Schwere mit pflaumengroßen Früchten gezogen, die jedenfalls diejenigen, die die Kundschafter der Juden aus dem Lande Kanaan brachten, noch weit übertreffen.

Noch jetzt ist jenes den Israeliten bei ihrem Zuge durch die Wüste gelobte Land, Palästina, ein vorzügliches Weinland, wo die Kultur der Rebe heute noch wohl in derselben Weise wie vor 4000 Jahren betrieben wird. Die Weinberge sind meist auf hügeligem Gelände angelegt, weil die terrassenförmig aufsteigenden Hänge dem Weinbau günstig sind und dieses Terrain sich weniger für Getreidebau eignet. Doch ist auch viel flaches Gebiet mit Reben bepflanzt und zahlreiche Namen von Ortschaften, die heute keinen Rebbau mehr haben, weisen darauf hin, daß dies früher, vor der dem Wein feindseligen muhammedanischen Invasion noch der Fall war. Zum Schutze gegen Menschen und Tiere, unter welch letzteren besonders die Füchse zu nennen sind, die sich bei der Traubenreife als ungebetene Gäste zum Schmause einstellen, werden die Weinberge im Orient mit 1–2 m hohen trockenen Steinmauern, die noch mit Dornen bewehrt sein können, oder mit lebenden Hecken von dem aus Amerika eingewanderten Feigenkaktus umgeben. Mitten darin baut man aus losen, unbehauenen Steinen einen 5–6 m hohen Turm, der oben eine von Laubwerk oder Matten beschattete Hütte trägt, wo der Weinbauer bei der Traubenreife sein Lager aufschlägt, um den Weinberg, den er von hier aus gut zu übersehen vermag, Tag und Nacht zu überwachen. Da diese Hütten häufig erneuert werden müssen, so erscheinen sie schon einem Hiob (27, 18) als Bild der Vergänglichkeit.

In den Weinbergen Palästinas werden nicht nur Reben, sondern auch andere Fruchtträger, wie Feigen-, Aprikosen-, Pfirsich- Apfel-, Birn-, Mandel-, Quitten- und Granatbäume gepflanzt, deren Früchte verführerisch locken. Da bleibt dem Fellachen, d. h. Bauern, bei der diebischen Natur seiner Volksgenossen nichts anderes übrig, als diese Schätze sorgfältig zu bewachen; denn was er nicht hütet, erntet er auch nicht. Schon die unreifen Trauben und Früchte überhaupt liebt der Morgenländer wie unsere Kinder sehr, indem er sie entweder roh oder mit Essig und reichlich Olivenöl angemacht als Salat ißt. So zieht der Winzer bei der Fruchtreife mit Sack und Pack in die Weinbergshütte hinaus, um hier mit seiner Familie so lange zu hausen — das Kleinvieh bringt er in den kühlen Nächten im dunkeln Raum des Wachtturmes unter dem Turmabschluß, wo er Wache hält, unter —, bis alles aufgegessen oder verkauft ist.

Bei der Neuanlage eines Rebbergs werden die Stecklinge als etwa 1,3 m lange Ruten gewöhnlich Ende Februar in 50 cm tiefe und 20 cm breite Gruben in 2–4 m allseitiger Entfernung versenkt. Eine solche Neupflanzung trägt dann im dritten Jahre die ersten Trauben. In manchen Gegenden, besonders in der Ebene, läßt man die Reben am Boden liegen, in andern zieht man sie aufrecht an Fruchtbäumen irgend welcher Art oder an Pfählen in die Höhe. Schon im Februar wird der Rebberg, nachdem die Erde durch mehrmaligen Regenfall genügend erweicht ist, mit dem schon von den Vorfahren vor einigen tausend Jahren gebrauchten primitiven hölzernen Hakenpflug gepflügt oder, wo dieser nicht hinkommen kann, mit der Hacke gelockert und die Reben bis auf wenige kurze Ruten mit kräftigen Augen beschnitten. Im Laufe des Frühjahrs wird das Land noch zwei- bis dreimal zur Beseitigung des Unkrauts und zur Auflockerung des Bodens gepflügt oder behackt. Nach vollendeter Traubenblüte entwickelt sich dann üppiges Laubwerk und es treiben bis 3 m lange Schößlinge, deren Spitzen nach Bedarf entfernt werden.

Die Trauben, die in der Ebene schon im Juni, im Gebirge erst im Juli zu reifen beginnen, erlangen nach ihrer Reife eine Länge von zwei Spannen und ein Gewicht von 1,5 kg mit großen, feinhäutigen, saftigen Beeren. Sie werden, weil den Einwohnern als rechtgläubigen Muhammedanern der Genuß des Weines verboten ist, entweder an Ort und Stelle gegessen oder auf den nächsten Markt zum Verkaufe gebracht, wo sie nicht mehr als höchstens 8 Pfennige das Kilogramm kosten. Mancherorts wird der Überschuß zu Rosinen, Traubenhonig und Traubenkuchen verarbeitet, um als solche in den Handel gebracht zu werden; die Beeren mancher nichtreifender Sorten dagegen werden zur Herstellung einer süßen Limonade, wie sie sonst aus Zitronensaft bereitet wird, verwendet.

Die zu Rosinen bestimmten Trauben werden korbweise in ein Gefäß mit geklärtem Laugenwasser, dem etwas Öl beigegeben ist, getaucht und auf einem geebneten Dörrplatz im Weinberg oder auf Matten ausgebreitet 10–15 Tage lang zum Dörren der Sonnenhitze ausgesetzt. Die Benetzung mit Lauge und Öl hat den Zweck, daß die Rosinen schön weich und von der Sonne nicht allzusehr verbrannt werden, sie zugleich auch einen gewissen Glanz erhalten. Zuletzt werden sie von den Stielen abgelesen und nach der Größe sortiert.

Der Traubenhonig wird in der Weise gewonnen, daß der ausgepreßte Traubensaft mit einer weichen Kalksteinmasse vermischt, umgerührt und über Nacht stehen gelassen wird. Dabei verbindet sich die Weinsäure mit dem Kalk zu einer unlöslichen Verbindung und wird bei diesem Vorgange zugleich der aus Pektin bestehende, die Lösung trübende Pflanzenschleim niedergeschlagen. Der so durch den Kalk geklärte und in seiner Herbe gemilderte Saft wird dann abgeschöpft und bis zu Sirupdicke eingekocht. 100 Teile Trauben geben etwas mehr als 20 Teile Traubenhonig, der sehr gern als Zukost zum Brot verspeist wird und pro Kilogramm nur 20–30 Pfennige kostet.

Die Traubenkuchen werden teilweise ähnlich wie der Traubenhonig bereitet. Den durch den kohlensauren Kalk der Kalksteinmasse abgeklärte und von der Säure befreite Traubensaft läßt man etwas einkochen und rührt Mehl oder Gries und hernach Pinien- oder Kiefernsamen hinein. Der so entstandene dicke Brei wird auf Tücher gestrichen, an der Sonne getrocknet, um als dünne Fladen abgenommen und verspeist zu werden. 1 kg kostet in Palästina etwa 1.50 bis 1.80 Mark.

Auch die christlichen Araber produzieren wenig Wein, um so mehr aber die in Palästina niedergelassenen Europäer, besonders die als höchst wertvolle Erwerbung des Landes daselbst ihre Kolonien gründenden Templer, die meist aus dem Schwabenlande stammen und das solide deutsche Bauerntum nach dem Morgenlande verpflanzten. Der Palästinawein ist ein sehr kräftiges Getränk von etwas herbem Geschmack. Weinkeltern (vom lat. calcatura), wie sie die Kanaaniter und Israeliten hatten und wie man sie noch in manchen Weinbergen sieht, werden nicht mehr benutzt. Es waren dies zwei in Felsen gehauene Becken, von denen das größere, in welchem die Trauben mit den Füßen ausgetreten wurden, etwa 4 m auf jeder Seite mißt. Dasselbe wurde gelegentlich auch zum Ausdreschen von Getreide benützt. Sein flacher Boden neigt nach einer Ecke, wo eine Rinne es mit dem kleineren, tiefer liegenden Becken zur Aufnahme des Mostes (aus dem lateinischen mustum) verbindet. Von da aus wurde dieser in mit nach innen gekehrtem Fell gebildete und mit Harz oder Pech verstrichene Schläuche aus Tierhaut gefaßt, oder man goß ihn, wie die christlichen Araber noch immer tun, in irdene Gefäße und leerte ihn nach der Gärung mit Zurücklassung der Hefe in andere Gefäße. Der Araber, der alles Süße liebt, zeigt eine Vorliebe für süßen und starken Wein, den er aus Trauben keltert, die 14 Tage lang schön ausgebreitet in der Sonne lagen. Der daraus gepreßte Saft ist süß, zugleich aber stark berauschend. Wenn die Araber Weinmost lange aufbewahren wollen, so pflegen sie ihn zu kochen und dann erst in Tonkrüge zu füllen, in die oben am Halse etwas Olivenöl als Verschluß hinzugefügt wird. Das Weinbereitungsgeschäft vollzieht sich im Morgenlande noch rascher als im Abendlande, da die zerdrückten Trauben schon nach 6–12 Stunden in Gärung übergehen und also nicht lange stehen bleiben dürfen.

Weitere aus Asien zu uns gelangte Fruchtbäume sind die mit den Ulmen-, Nessel- und Feigengewächsen verwandten Maulbeerbäume. Lange vor dem aus Ostasien stammenden weißen ist der westasiatische schwarze Maulbeerbaum (Morus nigra) ins Mittelmeergebiet und von da aus nach Mitteleuropa eingeführt worden. Seine ursprüngliche Heimat deckt sich mit derjenigen der Kulturrebe und erstreckt sich vom Gebirgsland von Armenien bis gegen Persien. Er erschien zu Ende des 6. vorchristlichen Jahrhunderts in Griechenland und von da ein Jahrhundert später auch in Italien. Schon der Dichter Aeschylos, der im Jahre 456 v. Chr. in Sizilien starb, spricht in zweien seiner Tragödien von môra (plur. von môron), die später auf Maulbeeren bezogen wurden, aber im gewöhnlichen Sprachgebrauch Brombeeren heißen. Im Volksgebrauch sind nämlich die Maulbeeren wegen ihrer Gestalt und Färbung zunächst als Brombeeren bezeichnet worden. Dem diese Früchte tragenden Baum aber gaben die Griechen, weil er völlig verschieden von der Brombeerstaude war, den Namen sykáminos. Dies war aber eigentlich ihre Bezeichnung für die Sykomore oder den Maulbeerfeigenbaum (Ficus sycomorus), der ursprünglich in Ägypten zu Hause war, aber früh in Westasien von Palästina, Syrien und Cypern bis nach Karien und die Insel Rhodos angepflanzt wurde. Die Griechen lernten ihn dort auf ihren Handelsfahrten kennen und bildeten aus dem syrischen Namen der Früchte schikmim, einem Pluralis, mit Anlehnung an die griechische Bezeichnung für Feige sýkos ihr sykáminos als Namen für den Baum.

Als nun der Maulbeerbaum bei seinem Vordringen nach Westen zu den Griechen der kleinasiatischen Küste gelangte, nannten sie ihn wegen der Ähnlichkeit der Blätter und seiner ganzen Gestalt mit der Sykomore eben auch sykáminos. Nicht nur in der Naturgeschichte der Pflanzen des Theophrastos (390–286 v. Chr.), sondern noch bei späteren Schriftstellern werden beide Bäume mit demselben Worte bezeichnet. Der zur Zeit Cäsars und Augustus lebende griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien unterschied zuerst die beiden Fruchtbäume, indem er erklärte, es gebe zwei Arten sykáminos: die eine trage brombeer-, die andere feigenähnliche Früchte. Zum Unterschiede von der eigentlichen Brombeere (môron) nannte man die Früchte der brombeerfrüchtigen sykáminos sykómōron. So entstand der jüngere Name des Maulbeerbaums sykómoros, welcher bald als vollkommen gleichbedeutend mit sykáminos gebraucht und auch auf den ägyptischen sykáminos, den Maulbeerfeigenbaum, ausgedehnt ward, der davon heute noch Sykomore heißt. Das gemeine Volk aber blieb bei der Bezeichnung môron (Brombeere) für Maulbeere und unter diesem Namen kam die Frucht von den Griechen Unteritaliens zu den Römern, die den Namen um so williger annahmen, als morum auch bei ihnen die von den Griechen übernommene Benennung der Brombeere war. Später drang auch das Wort sycomorus ein, das für Maulbeere und Brombeere gleicherweise gebraucht wurde; da unterschied man die Maulbeere als Baumbrombeere von der gewöhnlichen oder Waldbrombeere. Auch im Lateinischen des Mittelalters hieß der Baum morus und die Frucht morum (plur. mora). Unter diesem Namen wird er im Capitulare de villis und in den beiden Garteninventaren Karls des Großen aus dem Jahre 812 und im Entwurf zum St. Galler Klostergarten aus dem Jahre 820 unter den anzupflanzenden Obstbäumen angeführt.

Der Maulbeerbaum erreicht eine ansehnliche Größe und trägt ein dunkles Laub, das im Frühling spät hervorbricht. Daher bezeichnet ihn Plinius im 1. christlichen Jahrhundert als den weisesten unter den Bäumen, der sich erst hervorwage, wenn kein Frühlingsfrost mehr zu fürchten sei. Die süßsäuerlichen, dunkelroten Beeren munden erst, wenn sie völlig reif sind, und müssen dann rasch verzehrt werden, da ihr Saft leicht in saure Gärung übergeht. Man pflückt sie daher im Süden frühmorgens und genießt oder verkauft sie, ehe die Hitze des Tages sie verdorben hat, heute noch wie in alter Zeit, da der römische Dichter Horaz im augusteischen Zeitalter solches in einem Gedichte aussprach. Mit ihrem roten Safte bemalten sich üppige Weiber und lose Männer beim Mummenschanz die Wangen und färbten vielfach auch ihren Wein dunkelrot. Der als Zeitgenosse des Horaz um die Wende der christlichen Zeitrechnung lebende, im Jahre 17 n. Chr. in der Verbannung in der Stadt Tomi in der heutigen Dobrudscha am Westrande des Schwarzen Meeres verstorbene römische Dichter Ovid erzählt uns im vierten Buche seiner Metamorphosen, woher die rote Farbe der Maulbeeren stamme, nämlich vom Blute des Pyramus, als dieser sich wegen seiner von einem Löwen getötet geglaubten Geliebten Thisbe unter dem Maulbeerbaume den Tod gab. Es ist dies eine durchaus kleinasiatische, auch bei anderen Pflanzen mit rotsaftigen Früchten wiederkehrende Sage, die diesmal in Babylonien vor sich gegangen sein soll, wohl als Erinnerung an die Herkunft des Baumes aus dem fernen Osten.

Plinius sagt vom Maulbeerbaum: „Die Gärtnerkunst hat an diesem Baum nicht viel ausgerichtet, auch durch Veredeln nicht; doch zeigen sich die Früchte an Größe verschieden.“ Nach Athenaios um 200 n. Chr. labten sich an letzteren besonders die Kinder. In der Geoponika, einer wahrscheinlich ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen aus alten griechischen Schriften über Land- und Gartenwirtschaft, wird gesagt, daß man die Maulbeere auf Kastanie, Speiseeiche, Apfel- und wilden Birnbaum, auf Terpentin-Pistazie, Ulme und Silberpappel pfropfe; in letzterem Falle würden die Maulbeerfrüchte weiß.

Der weiße Maulbeerbaum (Morus alba) war dem Altertum und dem Mittelalter vollkommen fremd; denn erst im 15. Jahrhundert gelangte dieser im zentralen und östlichen Asien heimische Baum von kleinerem Wuchse, glatteren und zarteren Blättern als sein Schwesterbaum, die schwarze Maulbeere, und süßen, etwas faden, weißen Früchten mit der Einführung der ostasiatischen Seidenraupenkultur aus China nach Südeuropa. Diesem Insekte behagen die viel rauheren und gröberen Blätter des schwarzen Maulbeerbaumes nicht, und so führte man mit seiner Zucht auch den ostasiatischen weißen Maulbeerbaum bei uns ein. Überall in Norditalien und Südfrankreich, wo die Seidenraupenzucht in großem Maßstabe betrieben wird, treffen wir diesen Baum in langen Reihen angepflanzt an, um ihn seiner Blätter zu berauben, die jenem Tiere verfüttert werden, damit es daraus groß werden und schließlich seine Seidenhülle bei der Verpuppung spinnen könne. In Deutschland bemühte sich besonders Friedrich der Große um die gewinnbringende Zucht desselben und damit um die Anpflanzung des weißen Maulbeerbaums, dessen Laub das einzige Futter ist, das den Seidenraupen gereicht werden kann. Doch hatte er dabei nur geringen Erfolg, da das Klima zu rauh für das Gedeihen jener Tiere ist.

Tafel 19.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Reihe von weißen Maulbeerbäumen, deren Blätter den Seidenraupen als Futter dienen, im Kanton Tessin.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Uralter Feigenbaum in Roscoff (Finisterre). Der Baum bedeckt eine Fläche von 600 qm.

Tafel 20.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Ein Hain alter Ölbäume bei Arco in Südtirol.

Nahe verwandt mit dem Maulbeerbaum ist, wie wir übrigens schon aus der Ähnlichkeit der Maulbeeren und Maulbeerfeigen schließen können, der Feigenbaum (Ficus carica), der sehr gern wild in Felsspalten wächst und von Nordwestindien bis in die Mittelmeerländer vorkommt. Verwildert begegnet man ihm hier überall sehr häufig, aber wahrhaft wildwachsend fand ihn Th. Kotschy an den Ufern des nördlichen Euphrat. Der Stamm ist strauch- bis baumartig, kann bei einem Durchmesser von 40–50 cm bis 10 m hoch werden. Das Holz ist leicht und porös und hat ein schwammiges Mark wie dasjenige des Holunders. Der Bast, die Blätter und Früchte sind mit Milchgefäßen versehen. Die Frucht ist eine Scheinfrucht von grünlicher, purpurroter, brauner oder fast schwarzer Farbe, innen fleischig, gelb bis rot und besteht aus dem fleischig gewordenen, urnenartig vertieften Fruchtboden, auf welchem — von außen unsichtbar — die winzigen Blüten und später die sehr kleinen Samen sitzen. In Südeuropa gibt ein völlig ausgewachsener Feigenbaum jährlich etwa 100 kg frische Feigen, die im getrockneten Zustande etwa 30 kg schwer sind. Diese bilden in den südlichen Ländern ein Hauptnahrungsmittel für Menschen und Tiere und werden frisch und gedörrt als gesundes Obst gegessen. Infolge der mehrtausendjährigen Kultur gibt es eine große Menge von Varietäten. Alle werden am besten durch Stecklinge fortgepflanzt, durch Samen nur dann, wenn neue Spielarten gewonnen werden sollen.

Der Feigenbaum verlangt nasse Winter mit nur 2° C. Kälte und trockene Sommer mit bis zu 55° C. in der Sonne, eine gegen Nord- und Ostwinde geschützte Lage und sandigen Humusboden mit kalkigem Untergrund. Da nur die jungen Zweige Früchte hervorbringen, werden die Spitzen der jungen Triebe abgekneift, wenn sie etwa 12 cm lang sind, damit sie im nächsten Jahre reichlich tragen. Ist die junge Pflanze 3 m hoch geworden, so spitzt man sie ein, um ihr Wachstum in die Breite zu veranlassen. Wächst ein Zweig zu üppig ins Holz, so drückt man seine Spitze gegen das Ende hin mit dem Finger so zusammen, daß die weiche, saftige Substanz dem Drucke nachgibt, wodurch das Längenwachstum aufhört und der Saft in die Teile zurückgeht, in denen er notwendig ist. Dadurch und durch das Biegen der Zweige in Bogen, die Spitze nach abwärts, werden diese Teile sehr fruchtbar. Im Frühjahr müssen die Bäume gedüngt werden; dabei werden sie bis über 100 Jahre alt.

Irgendwo im semitischen Westasien ist der Feigenbaum in grauer Vorzeit in Kulturpflege genommen worden, und zwar soll nach der Lautgestalt der semitischen Bezeichnungen tinu für Feigenbaum und balasu für Feige nach Lagarde im Wohngebiet des Bachrâstammes im südöstlichen Arabien die engere Heimat der Kulturfeige sein, eine Annahme, die der Straßburger Botaniker Graf H. von Solms-Laubach auch aus naturgeschichtlichen Gründen für glaubhaft hält. Schon sehr früh wurde der Feigenbaum in Syrien und Palästina heimisch und ließ hier eine Fülle süßer Früchte reifen, die den Bewohnern eine wichtige Nahrung lieferten. Das Alte Testament erwähnt ihn oft, namentlich in Verbindung mit dem Weinstock. So bedeutete bei den Juden Palästinas die Redensart: unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, so viel als ein ruhiges, friedliches Dasein genießen.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Bild 13. Feigenernte im alten Ägypten. Grabgemälde in Beni Hassan. (Nach Woenig.)

Als die Herrscher Ägyptens im mittleren Reich zu Beginn der 12. Dynastie (2000–1788 v. Chr.) in regere Verbindung mit Syrien traten, gelangte der Feigenbaum von dort nach dem Niltal, wo wir seine Darstellung in einem Grabe eben jener 12. Dynastie in Beni Hassan antreffen. Dort ist unter anderem eine Feigenernte dargestellt. Auf einem niederen, seine Zweige weit ausstreckenden Feigenbaum, dessen gelappte, blaugrüne Blätter sehr deutlich erkennbar wieder gegeben sind, sehen wir drei durch ihre Körperfarbe als Hundsaffen (Cynocephalus ursinus), die im uralten Ägypten besondere Verehrung genossen, charakterisierte Affen, die sich die Feigen schmecken lassen, während unter dem Baume ein Mann damit beschäftigt ist, die braungelben Feigen von den Zweigen zu pflücken und sie in einen aus Papyrus geflochtenen viereckigen Korb zu legen. Ein anderer ist eben im Begriff seinen mit Tragriemen versehenen, ganz mit Feigen gefüllten Korb vom Boden aufzuheben, um ihn von dannen zu tragen. Unter den Opferspenden und als Grabbeigabe werden die Feigen nur selten angetroffen, doch waren sie im Niltal eine wichtige Medizin und wurde aus ihnen eine Art Wein hergestellt. Sie hießen im Ägyptischen dab und der sie liefernde Feigenbaum nuhi net dab, d. h. Feigensykomore. Auch bei den Juden wurden übrigens die Feigen, die eine wichtige Volksnahrung bildeten, medizinisch verwendet. So wird uns berichtet, daß Hiskias, der König von Juda, der von 728–697 regierte und den Jahvekult wiederherstellte, 701 von den Assyrern unter Sanherib hart bedrängt, einen lebensgefährlichen Karbunkel bekam und von diesem durch den Propheten Jesaias geheilt wurde, indem er durch ein Feigenpflaster die Geschwulst zum Aufbrechen brachte. Noch Plinius berichtet, daß in Wein gesottene Feigen das beste Mittel zum Reifwerdenlassen von Karbunkeln und Furunkeln seien.

Von Syrien verbreitete sich die Feigenkultur früh nach Kleinasien, wo später besonders in Karien eine so gute Sorte gezogen wurde, daß diese in Menge exportiert wurde. Auch in Lydien galten die Feigen neben dem Wein so sehr als die ersten Güter des Lebens, daß nach Herodot diejenigen, die dem Könige Kroisos (Crösus) den Zug gegen den Perser Kyros abrieten, sich darauf beriefen, jene Menschen tränken nicht einmal Wein, sondern Wasser, und hätten auch keine Feigen zur Nahrung. Das homerische Zeitalter Griechenlands zu Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends kannte die westasiatische Feige noch nicht. An den wenigen Stellen, an denen vom Feigenbaum die Rede ist, handelt es sich unverkennbar um den als erineós bezeichneten wilden Feigenbaum, der schon in vorhistorischer Zeit über das ganze Mittelmeergebiet verbreitet war. So berichtet die Ilias von einem großen wilden Feigenbaum, der vor Troja stand, und die Odyssee von einem solchen, der über dem Strudel der Charybdis (bei Messina) sich erhob. Noch in augusteischer Zeit berichtet der um 25 n. Chr. verstorbene, aus Amasia in Pontos gebürtige griechische Geograph Strabon, daß zu seiner Zeit bei Troja, wo der Simoïs und Skamander zusammenfließen, eine rauhe, mit wilden Feigenbäumen besetzte Stelle sei, und damals noch der vom Dichter Homeros erwähnte wilde Feigenbaum (erineós) gezeigt werde. Nur in einer offenkundig ganz späten Stelle der an sich gegenüber der Ilias ziemlich jüngeren Odyssee wird der süße Feigenbaum (sykéē glykerḗ) als neben anderen Fruchtbäumen im Garten des Phäakenkönigs Alkinoos stehend erwähnt. Diese Stelle wird allgemein als ein Einschiebsel aus späterer Zeit aufgefaßt. Die Forschung hat sicher festgestellt, daß die Griechen an der kleinasiatischen Küste erst im 9. Jahrhundert v. Chr. mit dem von ihnen als sykḗ bezeichneten Feigenbaume mit eßbaren Feigen, sýkoi genannt, von Osten her bekannt wurden. Der im 8. Jahrhundert in Böotien lebende Dichter Hesiod kennt diesen edlen Feigenbaum noch nicht; erst Archilochos ums Jahr 700 v. Chr. erwähnt Feigen als Erzeugnis seiner Heimatinsel Paros. In Attika soll die Personifikation der Frucht hervorbringenden mütterlichen Erde, Demeter (eigentlich Gē mḗtēr) den Feigenbaum als Geschenk dem Phytalos, der sie gastlich aufnahm, aus der Erde haben hervorsprießen lassen, wie bei anderer Gelegenheit Athene den Ölbaum. Der griechische Geschichtschreiber Pausanias berichtet in seiner zwischen 160 und 180 n. Chr. verfaßten Reisebeschreibung durch Griechenland, er habe noch die Inschrift auf dem Grabe des Heroen gelesen, die folgendermaßen lautete:

Hier hat Phytalos einst, der Held, die hehre Demeter Gastlich empfangen, und hier zuerst erschuf sie die Frucht ihm, Die von dem Menschengeschlecht die heilige Feige genannt wird; Seitdem schmückt des Phytalos Stamm nie alternde Ehre.

Wein und Feigen wurden in Griechenland bald allgemeines Lebensbedürfnis, das arm und reich gleichermaßen zum täglichen Mahle verlangte. Wohl jeder Athener war, wie es Plato von sich aussagt, philósykos, d. h. ein Feigenfreund. Neben Sikyon, der Gurkenstadt im Peloponnes, nahe der Meerenge von Korinth, rühmte sich die Landschaft Attika der besten Feigen; und wie stolz gerade die Athener auf dieses Produkt ihrer Kulturen waren, lehrt die von einem aus ihrem Kreise erfundene Sage, der mächtige Perserkönig Xerxes habe sich nach seiner Niederlage gegen die griechische Flotte bei Salamis im Jahre 480 v. Chr. bei jeder Mittagstafel durch ihm vorgesetzte attische Feigen daran erinnern lassen, daß er das Land, in welchem sie wüchsen, noch nicht sein nenne und jene Früchte, statt sie sich von den Einwohnern als seinen Untertanen steuern zu lassen, als ausländische Ware kaufen müsse.

Mit der griechischen Kolonisation gelangte der Feigenbaum schon früh auch nach Sizilien und Unteritalien. Von hier aus wurden dann die Bewohner Mittelitaliens mit ihm bekannt und aus dem griechischen sýkos wurde das lateinische ficus. Ja, er findet sich sogar in die Sage von der Gründung Roms verflochten, indem die ausgesetzten Zwillinge, Romulus und Remus, von der Wölfin unter dem ruminalischen (von rumen, Zitze) Feigenbaum sollen gesäugt worden sein. Es ist ganz derselbe Zug der Sage, der den den Juden der späteren Zeit ganz unentbehrlichen Feigenbaum in den Garten Eden, das Paradies, versetzen ließ.

Noch zur Zeit des Kaisers Tiberius wurden nach Plinius wie heute edle Feigenarten direkt von Syrien nach Italien verpflanzt. Besonders beliebt in Rom waren nach ihm die kaunischen, die überall auf den Straßen der Weltstadt von fahrenden Obsthändlern ausgerufen wurden. Diese kaunischen Feigen haben einmal dem Marcus Crassus, als er gegen die Parther zu Felde ziehen und an Bord des Schiffes gehen wollte, Verderben prophezeit, indem ein Feigenverkäufer kaunische Feigen mit dem Geschrei: cavneas ausbot, worin die Worte cave ne eas „hüte dich zu gehen!“ lagen. Es war dies im Jahre 53 v. Chr., als der wegen seines ungeheuren Reichtums von 30 Millionen Mark mit dem Beinamen dives, d. h. der Reiche belegte Triumvir (neben Cäsar und Pompejus) sich als Prokonsul nach Syrien begab, um die Parther zu bekriegen, wobei er bei Carrhae besiegt und dann hinterlistig getötet wurde.

Derselbe Plinius berichtet, daß die Feigen so groß wie Birnen werden, und daß man zu seiner Zeit nicht weniger als 29 verschiedene Sorten derselben unterschieden habe, die in Italien angepflanzt wurden; doch seien die besten Eßfeigen von den Römern aus Kleinasien und Nordafrika bezogen worden. „Wo es Feigen von vorzüglicher Güte gibt,“ sagt er, „da trocknet man sie an der Sonne und bewahrt sie in Kästchen auf. Die Insel Ebusus (jetzt Iviza, die größte der Pityusen- oder Fichteninseln bei den spanischen Balearen) liefert ausgezeichnete Ware, auch das Land der Marruciner (in Latium). Wo sie in größerer Menge vorhanden sind, füllt man große Fässer damit, wie in Asien; in der afrikanischen Stadt Ruspina füllt man sie in kleinere. Getrocknete Feigen werden statt Brot gegessen. Der Genuß frischer Feigen dagegen ist der Gesundheit nicht zuträglich.“ Außer als beliebte Volksnahrung, die sie überall im Süden bis auf den heutigen Tag geblieben sind, verwandte man sie auch zur Essigbereitung. Der aus Gades (dem heutigen Cadix) in Spanien gebürtige römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. rühmt solchen besonders. Er schreibt: „Es gibt Gegenden, die Mangel an Wein und also auch an Essig haben. In solchen muß man die Feigen so reif als möglich sammeln, namentlich, wenn schon Regen eingetreten ist und sie von selbst vom Baume fallen. Man tut sie in große Töpfe und läßt sie da gären. Ist die Gärung so weit vorgeschritten, daß die Feigen sauer geworden sind, wird alle Flüssigkeit, die nun aus Essig besteht, sorgsam geseiht und in ausgepichte, wohlriechende Gefäße gegossen. Solcher Essig ist ausgezeichnet gut und scharf, und wird nie trübe und schimmelig, wenn er nicht an einem feuchten Orte steht.“

Wie Plinius, meint auch sein Zeitgenosse, der aus Kilikien gebürtige griechische Arzt Dioskurides: „Frische Feigen sind, wenn auch reif, dem Magen schädlich, erregen Ausschlag und Schweiß, beschwichtigen Durst und Hitze. Trocken sind sie nahrhaft, erwärmen auch, erregen Durst, bekommen dem Magen gut.“ Die reifen Früchte müssen gleich nach dem Abpflücken gegessen werden und dürfen nicht viel mit den Fingern gedrückt werden; daher soll nach Plinius der ältere Cato, der im Jahre 149 v. Chr. verstorbene unversöhnliche Gegner des wieder aufblühenden Karthago, im römischen Senat eine frühreife (praecox) Feige aus Karthago vorgewiesen und gesagt haben: „Ich frage euch, wann glaubt ihr, daß diese Frucht vom Baume gebrochen wurde?“ Wie nun alle sie als frisch anerkannten, fuhr er fort: „So wisset denn, daß sie vorgestern in Karthago gepflückt wurde; so nahe an unseren Mauern haben wir den Feind, daher stimme ich für die Vernichtung desselben.“ Als er diese Worte gesprochen — fährt Plinius fort — ward der Krieg gegen Karthago beschlossen, welcher mit der Zerstörung jener Stadt endete. Jedenfalls wird jenes fanatisch die gefürchtete Rivalin Roms hassende Original, das als Zensor die altrömische Sittenstrenge und Einfachheit der Lebensweise aufrecht zu erhalten bestrebt war, eine unreif in Karthago gepflückte und erst unterwegs durch Liegen zum Reifen gebrachte Frucht in der Kurie vorgezeigt haben, um die Kriegserklärung durchzudrücken.

Gemäß der volkstümlichen Ansicht, die Dioskurides und Plinius vertreten, daß nämlich frische Feigen der Gesundheit nicht zuträglich seien, wohl aber getrocknete, wurden tatsächlich auch vorzugsweise getrocknete Feigen gegessen. Nach Columella wurden sie in der Sonne gedörrt und, in gut gepichte, weite Tonkrüge festgetreten und unten und oben mit Fenchel bestreut, gut verschlossen an einem trockenen Orte aufbewahrt. So erhielten sie sich sehr lange gut. „Andere suchen die saftigsten frischen Feigen aus, teilen sie mit einem aus Rohr verfertigten Messer oder mit den Fingern, lassen sie an der Sonne einschrumpfen und kneten sie dann zur Mittagszeit, wenn sie von der Sonne durchwärmt sind, nach Sitte der Afrikaner und Spanier zu Kuchen zusammen, die Sterne, Blumen oder Brote darstellen, trocknen sie dann vollends in der Sonne und legen sie endlich in Gefäße.“ Welche Mengen dieser getrockneten Feigen gelegentlich von einzelnen verzehrt wurden, läßt uns der Geschichtschreiber Julius Capitolinus ahnen, wenn er schreibt: „Clodius Albinus, welcher von dem in Gallien stehenden römischen Heere zum Kaiser ausgerufen wurde (als Gegenkaiser des Septimius Severus, von dem er alsbald 196 n. Chr. bei Lyon geschlagen wurde, wobei er umkam), war, wie Cordus in seinem Werke erzählt, so gefräßig, daß man es kaum für möglich halten sollte. So z. B. verzehrte er nüchtern 500 getrocknete Feigen von der Sorte, welche die Griechen kallistruthia nennen, oder 100 kampanische Pfirsiche oder 10 hostiensische Melonen oder 20 Pfund lavikanische Trauben oder 100 Feigendrosseln oder 400 Austern.“

Der gelehrte Varro (116–27 v. Chr.) schreibt: „Die Samen der Feigen sind so klein, daß kaum Pflänzchen aus ihnen entstehen können. Man pflanzt daher in der Baumschule (seminarium) lieber junge Reiser von Feigenbäumen, als daß man Samen sät. Letzteren wendet man nur an, wenn man keine frischen Reiser haben kann, wie z. B. dann, wenn man sich ausländische Feigensorten will über das Meer kommen lassen. In diesem Falle werden reife Feigen an Bindfäden gebunden, getrocknet, verschickt und so in die Erde gelegt. Auf diese Weise sind die Feigensorten, welche jenseits des Meeres heimisch sind, nach Italien gekommen.“ Nach einem griechischen Schriftsteller der Geoponika wurde die Feige auch auf Maulbeerbäume und Platanen gepfropft, und zwar nicht bloß wie andere Bäume im Frühjahr, sondern auch im Sommer bis zur Wintersonnenwende. Columella schreibt: „Den Feigenbaum darf man bei Kälte nicht pflanzen. Er liebt sonnige, steinige und felsige Stellen. Er gedeiht schnell, wenn man ihn in eine weite Grube setzt. Alle Feigensorten werden, obgleich sie sich durch Geschmack und Ansehn unterscheiden, auf einerlei Weise gepflanzt. An kalte Standorte, die im Herbste wasserreich sind, bringt man Frühsorten, damit die Ernte vor eintretendem Regen eingebracht werden kann. An warme Stellen pflanzt man Spätsorten. Will man eine Frühsorte künstlich in eine Spätsorte verwandeln, so bricht man die ersten Früchte, wenn sie noch klein sind, ab, worauf der Baum andere treibt, welche dann erst im Winter reifen. Zuweilen ist es nützlich, den Feigenbäumen, wenn das Laub bei ihnen hervorbricht, die Spitzen abzuschneiden und hierdurch die Fruchtbarkeit zu steigern. Jedenfalls bekommt es dem Baume sehr gut, wenn man ihm zur Zeit, da die Blätter treiben, mit rotem Ton nebst dem Preßrückstand von Oliven und Menschenkot, so weit seine Wurzeln reichen, begießt. Dadurch werden die Feigen größer, fleischiger, besser.“

Schon in der römischen Kaiserzeit kamen die Feigen von der karischen Küste Kleinasiens als eine besonders vorzügliche Sorte unter dem Namen caricae nach Rom, obschon auch in Italien ganz gute Sorten wuchsen. Feigen nebst Datteln und Honig bot man am Neujahrstage den Göttern als Opfer und den Freunden als Geschenk dar. Schon im Altertum wurde der Feigenbaum in Spanien und Nordafrika, wie auch im südlichen Frankreich angepflanzt. Heute reicht sein Kulturgebiet von der Bretagne bis zum Kap der guten Hoffnung. Nach China gelangte er erst nach dem 8. Jahrhundert, in der Neuzeit nach Australien und bald nach der Entdeckung des neuen Weltteils auch nach Amerika, wo er heute besonders in Kalifornien im großen gezogen wird. In den eigentlichen Tropen wächst der Feigenbaum zwar ganz gut, wenigstens da, wo das Klima nicht zu feucht ist, jedoch erreichen seine Früchte daselbst nirgends dieselbe Vollkommenheit wie in den Subtropen.

Der Feigenbaum wird selten höher als 6 m. Überall im Orient wird er meist in Gärten gezogen, die höchstens einigemal gehackt oder umgepflügt werden. Man vermehrt ihn dort durch Ableger. Will man von einem Baum eine andere Sorte Feigen erzielen, so schneidet man den Stamm unmittelbar am Boden ab und vollzieht die Veredelung durch Einsenken von Pfropfreisern in je einen Spalt. Die Edeltriebe können schon im ersten Jahre über mannshoch werden und sogar einige Früchte tragen. Zuerst kommen die Frühfeigen, die im April noch unreif mit Salz als Delikatesse verspeist werden. Im Mai treiben die Sommerfeigen, die Anfang Juni reifen und als schöne, große, grünhäutige, sehr saftige Erstlinge auf den Markt kommen. Von Ende Juli bis November reifen die verschiedenen anderen Sorten in ununterbrochener Reihenfolge, bis im Dezember, wenn schon alle Blätter durch die Winterstürme weggefegt sind, die letzten Spätfeigen gepflückt werden. Ein guter Teil der Feigen wird in Palästina frisch verzehrt, ein bedeutend größerer aber an der Sonne getrocknet. Wenn die Feigen eines Baumes infolge des welk gewordenen Stieles schlaff herabhängen, so schüttelt man den Baum, liest die abgefallenen Früchte zusammen und breitet sie auf der Erde aus, um sie etliche Tage an der Sonne trocknen zu lassen. Zur Aufbewahrung für den Winter werden sie in weithalsige Tonkrüge fest zusammengepreßt, damit die Luft keinen Zutritt habe und sie sich weich und gut erhalten. Getrocknete Feigen werden auch vermöge ihres reichen Zuckergehaltes zur Schnapsfabrikation verwendet. In Gegenden, in denen die Sonnenwärme nicht zum Dörren der Feigen genügt, werden sie in besonderen Öfen getrocknet und gelangen dann in Kisten verpackt zum Versand. Die sehr große, weißlichgelbe Smyrnafeige läßt sich sehr gut dörren und gibt im Jahre zwei Ernten. Von ihr werden jährlich 35 Millionen kg im Werte von 6,5 Millionen Mark ausgeführt. Viele Sorten eignen sich jedoch nicht zum Trocknen und müssen roh verzehrt werden. Besonders im Sommer halten sie sich nicht lange, sondern gehen bald in Gärung über und sind dann an ihrem säuerlichen Geschmack erkenntlich. Man bewahre sie deshalb auch getrocknet an einem möglichst kühlen Ort auf, lasse sie in fester Verpackung und schütze sie vor dem Zutritt der Luft. Der weiße Staub, der an der Oberfläche getrockneter Feigen zu bemerken ist, rührt von ausgetretenem Traubenzucker her. In manchen Gegenden Italiens überstreut man die Feigen mit Kastanienmehl, wodurch ihnen Feuchtigkeit, aber auch Zucker entzogen wird. Vielfach wird auch Mus aus den Feigen gemacht. In Spanien macht man daraus einen Käse, dem man geschälte Mandeln, Haselnüsse, Pinien- und Pistaziennüsse, feine Kräuter und Gewürze zusetzt. Getrocknet und braun geröstet liefern sie den Feigenkaffee.

Die Eßfeigenbäume sind die nur Fruchtblüten enthaltenden weiblichen Feigenstöcke, während die nichtkultivierten männlichen Stöcke die nichteßbaren Bocksfeigen liefern. Letztere hießen im Altertum bei den Griechen erinón, bei den Römern caprificus und dienten damals schon zur Befruchtung der in der Kultur zu eßbaren Früchten ausgebildeten Früchte der weiblichen Pflanze. Diesen Vorgang nennt man Kaprifikation. Damit hat es folgende Bewandtnis: Die als Bocksfeigen bezeichneten Früchte der nicht durch Kultur veredelten männlichen Feigenbäume stellen Urnen dar, die bloß an der Mündung männliche Pollenblüten, sonst aber ausschließlich sogenannte Gallenblüten tragen. Letztere sind von einer winzigen Inquiline oder Gallwespe, der Feigenwespe (Blastophaga grossorum) mit dem Legestachel angebohrte und mit je einem Ei belegte Fruchtblüten, deren Fruchtknoten zur Galle wird, indem die weiße, fußlose Larve des Insekts die ganze Samenanlage zu ihrem Wachstume verbraucht. Wenn die kleinen Wespen herangewachsen sind, verlassen sie die Gallen. Und zwar schlüpfen die flügellosen Männchen zuerst aus, indem sie durch Zerbeißen der sie beherbergenden Galle ein Loch in ihrer Kinderwiege zum Ausschlüpfen herstellen. Später tun dies auch die beflügelten Weibchen, die alsbald von den Männchen noch in der Urne der Bocksfeige befruchtet werden. Nun streben sie in die Weite. Indem sie zu diesem Zwecke zur Urnenmündung emporklettern, beladen sie sich am ganzen Körper mit dem Blütenstaub der dort gelegenen Pollenblüten, den sie beim Aufsuchen neuer Urnen an die Narben der der Befruchtung harrenden Fruchtblüten abstreifen. Sie suchen nämlich ausschließlich diejenigen Urnen auf, die sich in einem jüngeren Entwicklungsstadium befinden, um dort ihre Eier in die Fruchtknoten zu legen. In die normalen Fruchtblüten der gewöhnlichen Feige können diese Wespen keine Eier legen, da ihr Legestachel zu kurz ist, um bis an die Fruchtknotenhöhle hinabgestoßen zu werden. Die dort hineingesenkten Eier bleiben in einer für ihre Weiterentwicklung ungünstigen Stelle des Griffels liegen und gehen zugrunde. Der dabei auf die Narben gebrachte Pollen aber befruchtet diese Blüten, während der auf die Gallenblüten gelangte wirkungslos bleibt, da deren Narben mehr oder weniger verkümmert sind. Diese letzteren dagegen besitzen einen kurzen Griffel und sind zur Aufnahme des Insekteneies vorzüglich geeignet. Sie bringen nun auch die jungen Wespen hervor, welche jeweilen die Befruchtung der Feigen zu übernehmen haben.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Bild 14. 1 urnenförmiger Blütenstand der Eßfeige von aus Gallen der nicht eßbaren Bocksfeige ausgeschlüpften winzigen Feigenwespen besucht, 2 langgriffelige Fruchtblüte der Eßfeige, 3 die aus einer kurzgriffeligen Fruchtblüte der Bocksfeige hervorgegangene Galle, 4 aus einer solchen ausschlüpfende Feigenwespe, in 5 das Tier ganz dargestellt.

Die Kaprifikation der Feige wird in der Weise vorgenommen, daß man vom männlichen wilden Feigenbaume Zweige mit Feigen oder einzelne Feigen abschneidet und sie oben in kultivierte weibliche Feigenbäume hineinhängt. Aus den bald verwelkenden wilden Feigen sind dann die Gallwespen gezwungen, auszukriechen und die zahmen Feigen aufzusuchen und zu befruchten. Diese Kaprifikation ist eine Erfindung der Semiten Arabiens und Syriens, die diese Methode mit der Feigenkultur weiter verbreiteten, um dem Abfallen der weiblichen Eßfeigen infolge Nichtbefruchtung zu wehren. So wurde sie auch von den alten Griechen geübt. Schon der Vater der griechischen Geschichtschreibung Herodot erwähnt sie im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Drei Generationen später schreibt der treffliche Pflanzenkenner Theophrastos in seiner Pflanzenkunde darüber: „Dem Abfallen der Früchte des Feigenbaumes (sykḗ) beugt man durch die Kaprifikation (erinasmós) vor. Man hängt nämlich, wenn es geregnet hat, an den zahmen Baum wilde Feigen, Bocksfeigen (erineós), aus denen Gallwespen (psḗn) hervorkommen, welche in die zahmen Feigen von deren Außenende aus hineinkriechen. Daß eine Frucht kaprifiziert ist, erkennt man daran, daß sie rot, bunt und derb wird, während die nichtkaprifizierte weiß und kraftlos ist. Übrigens fallen die Feigen ohne Kaprifikation nicht überall ab; in Italien z. B. sollen sie hängen bleiben und deshalb wird dort jenes künstliche Mittel nicht angewendet. Auch in den nördlichen Gegenden und auf magerem Boden Griechenlands soll die Kaprifikation nicht nötig sein, wie bei Phylakos im Gebiet von Megara und in manchen Gegenden bei Korinth. Auch bei Wind, namentlich bei Nordwind, fallen die Feigen leichter ab, besonders wenn sie in großer Menge vorhanden sind, desgleichen werfen Frühsorten leichter ab als späte, weshalb man letztere nicht kaprifiziert.“

Einen Sinn hat die Kaprifikation in der Gegenwart nur dann, wenn man keimfähige Samen zur Vermehrung der Feigenbäume zu erhalten begehrt. Da aber die Feigenbäume heute nicht mehr aus Samen, sondern aus Stecklingen gezogen werden, ist die Kaprifikation eigentlich überflüssig; denn im Laufe der Zeit und durch die Kultur begünstigt, hat die Feige die Eigenschaft erworben, auch ohne Bestäubung durch die Wespen saftig und süß zu werden. Doch wird sie gleichwohl an den meisten Orten, namentlich in Unteritalien, Sizilien, Griechenland und den griechischen Inseln, Kleinasien, Syrien, Tripolis, Algier, Südspanien und Portugal noch immer ausgeführt, indem man glaubt, daß sie das Abfallen der unreifen Feigen verhindere und eine frühere Reife herbeiführe, sowie daß ein kaprifizierter Baum sehr viel mehr Feigen trage, als ein nichtkaprifizierter. Die Kaprifikation unterbleibt dagegen in Nord- und Mittelitalien, Tirol, Sardinien, Südfrankreich, Nordspanien, Portugal, Ägypten, auf den Kanaren und den Azoren. Diese eigentümliche Befruchtungsart durch speziell angepaßte kleine Wespen finden wir übrigens bei allen Ficusarten, deren die Tropen eine Fülle oft sehr großer, baumartiger Formen beherbergen. Aber nur noch die Sykomore — von den alten Griechen so, d. h. Feigenmaulbeerbaum genannt — wird in Ägypten, wo ihre Früchte seit uralter Zeit ein beliebtes Volksnahrungsmittel sind, kaprifiziert.

Die Sykomore (Ficus sycomorus), der Maulbeerfeigenbaum, ist ein 13–16 m hoher Baum Afrikas mit dickem Stamm und immergrünen, fast herzförmig eirunden Blättern. Seine walnußgroßen, gelblichen Früchte von angenehm süßem und gewürzhaftem, maulbeerähnlichem Geschmack treten in Büscheln oft zu Hunderten unmittelbar aus dem Stamm und werden von Menschen und Tieren sehr gerne gegessen. Um vollkommen reif zu werden, sticht oder ritzt man sie einige Tage vor der Reife an, wobei ein bitter schmeckender Saft abfließt. Der Baum liebt feuchten Boden und wächst deshalb mit Vorliebe am Wasser. Das weiche, schwer verwesliche Holz war im Niltal das wichtigste einheimische Werkholz, das zu allerlei Geräten, besonders aber zur Herstellung der Mumiensärge diente.

Infolge des mannigfachen Nutzens, den sie gewährte, begreifen wir die Hochachtung, welche die Sykomore im alten Ägypten als der Isis und Hathor, den Göttinnen der Fruchtbarkeit und Liebe, geweihter Baum genoß. Sie hieß altägyptisch nuhi und galt als Typus eines Baumes, nach welchem andere neu eingeführte genannt wurden, z. B. der Feigenbaum: die Feigensykomore, der Weihrauchbaum: die Weihrauchsykomore, die Terpentinpistazie: die Harzsykomore usw. Nicht bloß aß das Volk seit den ältesten nachweisbaren Zeiten gerne seine gewöhnlich als „Eselsfeigen“ bezeichneten Früchte, sondern opferte diese mit Vorliebe den Toten. Den Ägyptern des alten Reiches war der Reichtum des Nillandes an Sykomoren ein besonderer Stolz und sie fügten meist dem Namen ihres Landes „Kem“, was „Schwarze Erde“, d. h. fruchtbares Schwemmland des Nils, im Gegensatz zur sterilen gelben Wüste bedeutet, zur Kennzeichnung der kultivierten, baumtragenden Niederung, das Deutbild eines Baumes bei; und zwar war es die Sykomore, nach welcher sie ihre Heimat auch das „Land des Nuhibaumes“ nannten, etwa wie sich ein Teil Deutschlands das „Land der Eichen“ nennen kann. In ihrem Schatten lebten die Lebenden und aßen ihre Früchte, die auch den Toten die liebste Opfergabe war, so daß sich ganze Körbe davon getrocknet in den Grabkammern fanden. Zweige und Blätter derselben dienten zum Schmucke der Mumien, die in Särgen aus Sykomorenholz ruhten. Und nicht nur stand als „Baum des Lebens“ nach dem Totenbuch der alten Ägypter eine Sykomore am Eingang zum Reiche der Seelen, sondern im Laube dieser Bäume dachte man sich die Geister der Verstorbenen mit Vorliebe hausend. Darum ist es nach dem Zeugnis so vieler Steleninschriften der heißeste Wunsch des Abgeschiedenen, unter einer Sykomore zu wohnen. Deshalb pflegte man diese Bäume in eigenen Grabgärtchen, die wenn möglich von Wasser aus dem Nilstrom umflossen waren, zu pflanzen. Noch zur Zeit der 18. und 19. Dynastie, d. h. im neuen Reiche (von 1550 bis 1200 v. Chr.), wünscht sich der Tote in stehender Formel: „Möge meine Seele (ka) sitzen auf den Zweigen des Grabgartens, den ich mir bereitet habe; möge ich mich erfrischen tagtäglich unter meiner Sykomore.“ So war einst dem anspruchloseren Bewohner des Landes die Sykomore auch im Diesseits ein „Baum des Lebens“, zugleich Obdach gegen die sengende Hitze des Mittags und Nahrungsspenderin. Erst in späterer Zeit nahm ihre Wertschätzung gegenüber anderen Fruchtspendern ab und ihre Früchte, die Eselsfeigen, galten jüngeren Geschlechtern für weniger schmackhaft. Dem gibt der jüdische Prophet Amos im 8. vorchristlichen Jahrhundert Ausdruck, indem er zu König Amazia sagt, daß jene Früchte nur noch die dürftige Nahrung der Kuhhirten bilden: „Ich bin kein Prophet, noch eines Propheten Sohn, sondern ich bin ein Kuhhirt, der Maulbeerfeigen ablieset.“ Auch bei den übrigen Völkern des Altertums waren die Eselsfeigen wenig geschätzt. So schreibt der griechische Geschichtschreiber Strabon: „In Ägypten gibt es einen Maulbeerbaum (sykáminos), dessen Frucht sykómōron heißt; sie ist einer Feige ähnlich, schmeckt aber nicht sonderlich gut.“ Und Dioskurides beschreibt ihn, wie schon 300 Jahre vor ihm Theophrast, sehr ausführlich: „Der ägyptische Maulbeerbaum (sykáminos), der, wie dessen Frucht, auch sykómōron heißt, ist ein großer Baum, dem Feigenbaum ähnlich, sehr saftreich, hat dem Maulbeerbaum (mōréa) ähnliche Blätter und trägt drei- bis viermal des Jahres Früchte, die aus dem Stamme selbst kommen. Sie sind denen des wilden Feigenbaums ähnlich, haben aber keine Kerne und werden nur reif, wenn man sie mit den Fingernägeln ritzt oder mit eisernen Nägeln kratzt. Die meisten Bäume dieser Art wachsen in Karien, auch auf Rhodos, überhaupt an Orten, welche arm an Weizen sind; sie geben dort einigen Schutz gegen Hungersnot. Die Frucht gibt übrigens nur wenig Nahrung. Die Rinde des Baumes verwundet man absichtlich, fängt den ausfließenden Milchsaft mit einem Badeschwamm (spóngos) oder mit Wolle auf, trocknet ihn und braucht ihn innerlich und äußerlich zu Heilzwecken.“

Wie das gemeine Volk im Niltal seit alters gerne die Sykomorenfrüchte, trotz ihres etwas faden Geschmackes ißt, so schmausen südlicher wohnende Eingeborenenstämme Afrikas die Früchte nahe verwandter Arten. So wächst beispielsweise in Ostafrika eine besondere Maulbeerfeigenart, die Ficus capensis, deren Früchte in allen Ortschaften der Landschaft Usambara auf den Markt kommen, aber an Wohlgeschmack diejenigen der echten Sykomore lange nicht erreichen. Übrigens findet man auch in Südpersien zwei wilde Feigenarten (Ficus persica und Ficus iohannis) mit haselnußgroßen, eßbaren Früchten, die von den anspruchslosen Eingeborenen gerne gegessen werden.

Wie der süßfrüchtige Feigenbaum ist auch der edle Ölbaum (Olea europaea) ein Gewächs des südlichen Vorderasiens, das in dieser seiner eigentlichen Heimat von den dort wohnenden semitischen Volksstämmen früh veredelt und durch Kulturauslese zu lohnendem Fruchtertrage an dem für alle vorzugsweise von fettarmer Pflanzenkost, besonders Getreide, lebenden Menschen so wertvollen Öle gebracht wurde. Die älteste Öl liefernde Kulturpflanze der Menschheit scheint der Sesam (Sesamum indicum) gewesen zu sein, ein heute noch von Westafrika bis Japan in umfangreichem Maße angebautes einjähriges Kraut mit schön hellrot gefärbten, an den Fingerhut gemahnenden Blüten, das Indien zu seiner Heimat hat. Hier wurde es zur Kulturpflanze erhoben und gelangte von da schon sehr früh nach Babylonien, wo im Altertume alles Öl aus Sesam bereitet wurde. In den erst später zu höherer Kultur gelangten Ländern am Mittelmeer ist diese ältere Ölpflanze durch den jüngeren Ölbaum verdrängt worden, der im nördlichen, nahe dem Meere gelegenen Syrien oder Kilikien von den dort wohnenden Stämmen, vermutlich aus der engeren Verwandtschaft der Chethiter, schon im 3. vorchristlichen Jahrtausend zur Kulturpflanze erhoben wurde. Die wildwachsende Form mit kleinen, nur mit einem sehr dünnen Fruchtfleisch umgebenen Früchten findet sich seltener als Baum, meist als Strauch durch ganz Westasien und wurde schon in vorgeschichtlicher Zeit durch Vögel, die seine Früchte verzehrten, durch das ganze Mittelmeergebiet verbreitet. Noch heute tritt er uns überall bis zu den Azoren und Kanaren in den Macchien als Oleaster entgegen. Wie die Feige gedeiht auch der zur wertvollen Kulturpflanze erhobene edle Ölbaum am besten auf Kalkboden in nicht zu großer Entfernung vom Meere. Schon sehr früh hat er sich über ganz Syrien verbreitet. Jedenfalls war er überall in Kanaan angepflanzt, als die Juden ums Jahr 1250 das Land eroberten, und ihre späteren Herrscher, besonders David und Salomo, beförderten dessen Anbau in jeder Weise. Das aus den Oliven gewonnene Öl wurde von den Juden in der mannigfaltigsten Weise verwendet: zum Schmälzen der Mehlspeisen, zum Opfer, zum Brennen in der Lampe und zum Salben des Haupthaares und Körpers überhaupt. Es galt auch als wertvolles Tausch- und Zahlmittel. So erfahren wir, daß König Salomo, der von 993 bis 953 v. Chr. regierte, die am Tempelbau beschäftigten phönikischen Arbeiter teilweise mit Olivenöl entlohnte. Den Überschuß ihrer Ölproduktion verkauften die Juden nach den Zeugnissen der Bibel an die Phönikier und nach dem reichen, stark bevölkerten Ägypten, das allerdings schon längst eigene Ölbaumkulturen besaß. Der Begründer der Botanik, Theophrastos im 4. vorchristlichen Jahrhundert, berichtet von ausgedehntem Olivenbau in der Thebais, vermutlich den Oasen der libyschen Wüste, wo der Baum heute noch vielfach gepflanzt wird, sagt aber, daß auch das übrige Ägypten ein an Ölbäumen reiches Land sei. Da sie aber einen trockenen Boden lieben, gedeihen diese aber hier nur soweit, als die Überschwemmung von seiten des Niles fehlt. Aus demselben Grunde fehlte der Ölbaum auch in den Niederungen von Euphrat und Tigris, wo als Fettspender ausschließlich die Sesampflanze angebaut wurde.

Über Kleinasien gelangte der Ölbaum in der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausends zu den Griechenstämmen am Ägäischen Meer. Während noch Hehn bestritt, daß in homerischer Zeit der Ölbaum in Griechenland selbst angebaut wurde, und annahm, daß alles Olivenöl, das damals vornehmlich zum Salben des Körpers von den Griechen gebraucht wurde, als Importware durch die Phönikier aus Syrien gebracht worden sei, wissen wir heute mit Sicherheit, daß der Ölbaum schon in mykenischer Zeit um die Mitte des vorletzten Jahrtausends v. Chr. in Griechenland selbst angebaut wurde. Nicht nur hat man auf mehreren bildlichen Darstellungen aus jener Zeit unverkennbare Darstellungen von Ölbäumen und in verschiedenen der Paläste Kretas und auf der Insel Thera steinerne Ölmühlen aus mykenischer Zeit gefunden, sondern in den Königsgräbern von Mykene fanden sich auch eine Anzahl Olivenkerne. Also muß der Baum damals schon im Lande selbst kultiviert worden sein und haben seine Früchte als Speise gedient.

Was in den homerischen Epen als phönikischer Import angeführt wird, war nicht sowohl reines, als parfümiertes Olivenöl, mit dem die Helden nach dem Bade von den Mägden eingerieben wurden. Mit solch duftendem Öle salbten sich nach Homer nicht nur die Menschen, sondern auch die unsterblichen Götter, so Hera, die sich dem Zeus angenehm machen wollte. In der Schatzkammer des Odysseus wie des Telemachos lag neben Gold, Silber, Erz, Kleider und Wein auch Olivenöl (élaion). Wie Telemachos nach dem Bade mit Öl gesalbt und mit schönen Kleidern angetan wurde, „daß er aussah wie ein unsterblicher Gott“, salbte Patroklos auch die Mähne seiner Streitrosse, wenn sie gewaschen worden waren, mit Olivenöl. Desgleichen tat Achilleus mit den Mähnen seiner Pferde, die als Söhne des Windgottes Zephyr unsterblich waren. Und wie die liebreizende Aphrodite nach Homer auf Cypern, dem Orte ihrer besonderen Verehrung, von den Chariten mit ambrosischem Öle gesalbt wurde, dessen Duft, wenn es bewegt wurde, Himmel und Erde durchdrang, so salbte sie damit auch den Leichnam ihres von Achilleus gefällten Lieblings Hektor. Mit ihm reinigte Athene gleicherweise das gramerfüllte Gesicht von Odysseus treuer Gattin Penelope während des Schlafes, damit es bei ihr, die sich in Trauer um ihren verschollenen Gemahl weder gewaschen noch gesalbt hatte, mit der unsterblichen Schönheit leuchte, die die schönbekränzte Liebesgöttin umgibt, wenn sie damit gesalbt zum lieblichen Reigen der Chariten geht. Aber nicht nur das Olivenöl, auch das Holz des Ölbaums, und zwar des elaíē genannten Kulturbaums, spielt in den homerischen Epen eine nicht unbedeutende Rolle. Nicht nur standen im Garten des Phäakenkönigs Alkinoos reichlich Frucht tragende Ölbäume, sondern aus Olivenholz waren die Keule des Kyklopen Polyphem, der Stiel der Streitaxt des Peisandros und das Bettgestell, das sich Odysseus in seiner Heimat Ithaka eigenhändig gezimmert hatte, angefertigt.

Um so merkwürdiger muß es uns erscheinen, daß Herodot berichtet, der Ölbaum sei erst zur Zeit des attischen Gesetzgebers Solon (639–559 v. Chr.) nach dem griechischen Festlande gebracht worden. Damals kann nicht der Kulturölbaum an sich, sondern nur eine höher gezüchtete Abart mit größeren Früchten nach Hellas gekommen sein. In der Tat weisen die in mykenischen Fundschichten zutage getretenen Steinkerne auf eine noch recht kleinfrüchtige Olivenart hin. Nach der attischen Sage soll Athene selbst dem Könige Theseus auf der Burg den Ölbaum geschaffen haben, und nach der Erzählung der Bewohner von Elis soll ihn Herakles von den Hyperboräern im äußersten Nordwesten dorthin gebracht haben. In zahlreichen griechischen Mythen ist vom Ölbaum die Rede, und mit Zweigen von ihm bekränzte man nach uralter Sitte die Sieger der Wettkämpfe in Olympia. Mit Vorliebe nahm man sie von den Bäumen in den heiligen Bezirken, die teilweise ein sehr hohes Alter aufwiesen. So stand auch auf dem Marktplatze der Stadt Megara, westlich von Athen, ein uralter Ölbaum, dessen Jugend bis in die Heroenzeit hinaufgereicht haben soll. Von solchen als heilig und unverletzlich gehaltenen Ölbäumen ist auch in Athen die Rede. So waren im Garten der Akademie solche der Athene geweihte und daher unantastbare Ölbäume, die von dem alten, durch die Stadtgöttin selbst auf der Akropolis einst hervorgezauberten und später nach der Verbrennung durch die Perser im Jahre 481 v. Chr. durch Wurzelschößlinge verjüngten Baume stammten und das Öl lieferten, von dem ein Krug voll beim gymnischen Agon während des großen, von Peisistratos um 540 v. Chr. gestifteten Panathenäenfestes den Siegespreis bildete.

Über die Erschaffung des Ölbaums auf der Akropolis in Athen berichtet uns ein ungenannter griechischer Autor, jedenfalls ein Athener, in den Geoponika, dessen 9. Buch ausschließlich vom Ölbaume und seinen Früchten handelt: „Anfänglich war die Erde ganz mit Wasser bedeckt. Da tauchte zuerst Attika aus dem großen Meere hervor, und es entstand ein Streit zwischen dem (Meergott) Poseidon und (der aus dem Haupte des Zeus entsprungenen) Athene, nach wessen Namen die da zu gründende Stadt benannt werden sollte. Zeus entschied, sie sollte dem gehören, der ihr das beste Geschenk gäbe. Poseidon gab der Stadt einen Hafen und Schiffswerften, Minerva aber schuf auf der Burg einen an Blüten und Früchten reichen Ölbaum, bekränzte sich mit dessen Zweigen, ward als Siegerin erklärt und nach ihrem Namen wurde die Stadt Athen genannt. Infolge dieser Begebenheit werden die Sieger in öffentlichen Wettkämpfen mit Ölzweigen bekränzt. Übrigens hat sich noch gefunden, daß ein Ölblatt auch anderweitig gute Dienste leisten kann; schreibt man nämlich darauf Athēná und bindet es um den Kopf, so vergeht das Kopfweh.“

Schon zu Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts hatte der weise Gesetzgeber Solon, der einer der sieben Weisen war, eingehende Bestimmungen über den Oliven- und Feigenbau in Attika erlassen. Nach ihm hat besonders Peisistratos sich den Anbau des nützlichen Ölbaumes auf der kahlen und damals schon durch Entwaldung baumlosen Landschaft Attikas angelegen sein lassen. Und als die Griechen ihre Kolonisation nach Westen ausdehnten, nahmen sie selbstverständlich den Anbau des Olivenbaums so gut als denjenigen des Weinstocks und des Feigenbaums als für sie unentbehrliche Nutzpflanzen mit sich. So bedeckten sich im Laufe des 7. und 6. vorchristlichen Jahrhunderts die Gestade Siziliens und Süditaliens mit jenen Pflanzen. Plinius sagt, daß nach Fenestella (der unter der Regierung des Kaisers Tiberius, die von 14–37 n. Chr. währte, lebte) es zur Zeit des Lucius Tarquinius Priscus (des 5. römischen Königs, eines Etruskers, der von 616–578 regierte) in Italien, Spanien und Afrika noch keine kultivierten Ölbäume gegeben habe. Erst unter der Regierung von dessen Sohn Lucius Tarquinius Superbus (der seinen Schwager Servius Tullius stürzte, um von 534–510 zu regieren) sei der erste Ölbaum nach Latium gekommen. Von da verbreitete er sich dann allmählich nach Norden bis an den Südabfall der Alpen, soweit ihm das Klima überhaupt vorzudringen gestattete. Diese Periode des Aufblühens des römischen Gemeinwesens war eine Zeit des lebhaftesten Verkehrs mit den griechischen Ansiedelungen Campaniens. Daß nun Griechen die Vermittler der Ölbaumkultur bei den Römern waren, beweisen schon die lateinischen Bezeichnungen oliva und oleum (Öl), die dem Griechischen elaíā und élaion entlehnt sind, wie übrigens auch sämtliche auf die Ölbereitung bezüglichen Ausdrücke. Schon im 1. Jahrhundert v. Chr. war Italien bis auf die Gegend nördlich vom Apennin, deren Klima bis heute keinen Ölbau duldet, so reich an Ölbäumen, daß es damals hierin allen übrigen Ländern am Mittelmeer den Rang ablief.

Der aus Spanien nach Rom gekommene römische Ackerbauschriftsteller Columella schreibt in seinem Buche über den Landbau: „Von allen Bäumen ist der Ölbaum dem Range nach der erste und erfordert dennoch den geringsten Aufwand. Für gewöhnlich trägt er nur ein Jahr ums andere, aber sein Fruchtertrag verdoppelt sich, wenn man ihn gut pflegt; andererseits bringt er doch auch dann einigen Nutzen, wenn man ihn viele Jahre hindurch vernachlässigt, und läßt sich durch bessere Pflege innerhalb Jahresfrist wieder in guten Stand bringen. Es gibt viele Olivensorten und im allgemeinen gilt bei ihnen die Regel, daß die großen besser zum Verspeisen, die kleinen dagegen besser zur Gewinnung von Öl sind. Große Hitze und große Kälte ist allen Sorten schädlich. Man pflanzt daher in heißen Gegenden diese Bäume am besten an nach Norden gelegenen Abhängen, in kälteren aber gegen Süden. Tiefe Täler und hohe Berge passen nicht für sie, sondern mäßige Hügel, wie man sie im Sabinerlande und im ganzen südlichen Spanien antrifft.“ Dann gibt er ausführliche Anleitung über die Anlage von Ölbaumpflanzungen (olivetum), auf die wir hier nicht näher eintreten wollen.

Columellas Zeitgenosse Plinius berichtet, daß im 505. Jahre Roms (249 v. Chr.) unter dem Konsulat des Appius Claudius und Lucius Iunius 2 Pfund Olivenöl 10 Asse (über 5 Mark) kosteten, daß im Jahre 74 v. Chr. dagegen 10 Pfund Olivenöl bloß 1 As (etwa 47 Pfennige) zu stehen kam, und 22 Jahre später unter des Gnäus Pompejus drittem Konsulat Italien einen solchen Überfluß daran besaß, daß noch welches in die Provinzen ausgeführt werden konnte. Dazu bemerkt er: „Zur Zeit des Hesiodus (im 8. Jahrhundert v. Chr.) muß man es mit der Olivenzucht (in Griechenland) noch nicht weit gebracht haben; denn er behauptet, niemand habe damals von seinen Ölbaumpflanzungen Nutzen gehabt. Jetzt aber besitzt man für diese Bäume eigene Baumschulen und erntet schon zwei Jahre, nachdem man sie aus ihnen herausgenommen hat, Früchte. Es gibt verschiedene Sorten von Oliven. Vergil nennt sie orchites, radius und posia. Die Olivenernte folgt auf die Traubenernte und die Behandlung des Öles ist anfangs schwieriger als diejenige des Mostes. Je reifer die Olive (bacca, d. h. Beere), desto fetter ist ihr Saft, aber desto schlechter schmeckt er. Die Zeit, in der Güte und Menge des Öls am besten in ihr vereinigt sind, zu der man sie also am liebsten erntet, ist die, da sie anfangen sich dunkel zu färben, da die Römer sie drupa, die Griechen drypetis nennen. Die frühreifen Olivensorten erntet man gleich nach Beginn des Herbstes; die dickschaligen läßt man bis zum März hängen, und mehrere von diesen fangen nicht einmal vor dem 8. Februar an, eine dunkle Farbe zu bekommen. Vom Baume genommene Oliven darf man nicht lange stehen lassen, da jeder Verzug die Ölmasse in ihnen vermindert, dagegen die Schleimmasse vermehrt. Frisches Öl ist zum Verspeisen am besten; wenn es über ein Jahr alt ist, schmeckt es schlecht, was beim Weine nicht der Fall ist. Außer dem Öl gewinnt man den Ölabgang (amurca), der zum Düngen der Ölbäume, zum Einölen der Krüge, zum Tränken der Tenne, auf welcher gedroschen werden soll, zum Bestreichen des Getreidespeichers, um Holzwürmer und anderes Ungeziefer abzuhalten, und als Heilmittel gut ist.“

Welche Bedeutung dem Olivenöl nicht bloß als Nahrungs- und Beleuchtungsmittel, sondern vor allem auch zur Körperpflege bei den Völkern des Altertums zukam, beweist der Ausspruch desselben Plinius, der sagt: „Es gibt zwei Flüssigkeiten, welche dem menschlichen Körper sehr willkommen sind; innerlich der Wein und äußerlich das Olivenöl; beide stammen von Bäumen, aber der Wein ist jedenfalls entbehrlicher als das Öl.“ Der griechische Philosoph Demokritos aus Abdera in Thrakien (460–360 v. Chr.), der die Torheiten der Menschen belächelte und das höchste Glück der Menschen in völlige Seelenruhe setzte, erwiderte auf die Frage, wie man gesund bleiben und seine Tage verlängern könne, mit der diätetischen Regel: „Innerlich Honig, äußerlich Olivenöl.“ An einer anderen Stelle, an der er die Bedeutung der Öleinreibung bespricht, meint Plinius: „Das Olivenöl hat die Eigenschaft, in die Haut eingerieben den Körper zu erwärmen, gegen Kälte zu schützen und die Hitze des Kopfes zu kühlen. Bei den Griechen steht auf den für die Gymnastik bestimmten Plätzen Öl, mit dem sich jeder umsonst salben darf. Auch der römische Staat erweist dem Ölbaum hohe Ehre, indem sich die Ritterscharen am 15. Juli mit dessen Zweigen bekränzen, was auch die siegreichen Feldherrn bei Ovationen tun.“

Wie schon in Griechenland ein Kranz aus Ölzweigen die höchste Auszeichnung des bei den Wettkämpfen siegenden Volksgenossen war, so trugen auch bei den Römern die im Felde gewesenen Diener lorbeergeschmückter Feldherrn einen Kranz von Ölzweigen. Der Ölzweig war den Alten überhaupt das Sinnbild des Friedens, und Besiegte, die um Frieden zu bitten kamen, trugen Ölzweige in den Händen. Dies wurde dann weiter auf den Frieden einer höheren Welt übertragen, wenn die frisch aufgenommenen Mitglieder der samothrakischen Mysterien Ölzweige trugen, oder wenn auf den Grabsteinen der ältesten Christen eine Taube mit dem Ölzweig im Schnabel dargestellt wurde. Im Altertum müssen die Ölbäume nur auf einem beschränkten Umkreis um die Ortschaften angepflanzt worden sein, was aus dem lateinischen Sprichwort hervorgeht: extra oleas vagari, d. h. über die Ölbäume hinausschweifen, im Sinne von zu weit gehen, übers Ziel schießen.

Bei der großen Bedeutung des Olivenöls für die antike Welt, kann es uns nicht wundern, daß von den Regierenden außer Brotkorn auch Öl dem Proletariat der Stadt Rom umsonst gespendet wurde. So berichtet uns Aelius Spartianus im Leben des Kaisers Septimius Severus, daß dieser bei seinem Tode im Jahre 211 einen Getreidevorrat in der Hauptstadt hinterließ, durch den der Bedarf auf sieben Jahre gedeckt war, so daß täglich 75000 Scheffel (modius) verausgabt werden konnten — es ist dies eine Menge, die reichlich zur Ernährung von 600000 Menschen hinreichte, so viele müssen also damals in Rom vom kaiserlichen Getreide gelebt haben —, „von Olivenöl aber hinterließ er so ungeheure Vorräte, daß sie auf fünf Jahre nicht bloß den Bedarf der Stadt Rom, sondern für ganz Italien genügten“. Bei der gewaltigen Produktion von Olivenöl ist es daher begreiflich, daß zur römischen Kaiserzeit ziemlich große Mengen desselben, außer aus Italien, auch aus Istrien und Dalmatien in die nördlich davon gelegenen Länder ausgeführt und daselbst gegen Vieh, Häute und Sklaven ausgetauscht wurden. Von Massalia, dem heutigen Marseille, aus, wohin die Griechen den Ölbaum schon im Jahre 680 v. Chr. mit dem Weinstocke verpflanzt hatten, rückte die Kultur dieser Nutzpflanzen in die durch ein warmes Klima und Kalkboden besonders für den Ölbaum geeignete Provence vor, wo die Ölbaumkultur bei der Eroberung durch die Römer bereits ausgedehnte Verbreitung besaß. Unter der Römerherrschaft wurde sie über das ganze südliche Gallien verbreitet. Im 7. Jahrhundert wird schon das Baumöl von Burdigala (Bordeaux) erwähnt.

Von dem Ertrage der Ölbaumpflanzungen, die sich der ganzen ligurischen Küste entlang erhoben, wurden die Volksstämme des Hinterlandes, wie der griechische Geschichtschreiber Strabon sagte, gegen Vieh, Häute und Honig mit dem zum Brennen der Öllampen nötigen Öle versorgt. Es als Fett zum Kochen zu benutzen, damit konnten sie sich zunächst so wenig befreunden, wie die übrigen Barbaren, auch die Griechen und Römer, als sie zuerst damit bekannt gemacht wurden. Auch konnte es nicht fehlen, daß die Küstengebiete Spaniens, soweit sie sich zum Anbau des Ölbaumes eignen, zur Zeit der römischen Herrschaft Ölbaumpflanzungen erhielten, die bis heute so gedeihen, als wären sie von jeher dort heimisch gewesen. Ebenso wurden die windgeschützten sonnigen Abhänge der norditalienischen Seen mit diesem nützlichen Fruchtbaume aus dem nördlichen Syrien bepflanzt, der auch ganz Nordafrika besiedelte und seit dem 15. Jahrhundert auf den Kanarischen Inseln, seit dem 16. Jahrhundert am Kap, ebenso in Mexiko und Peru, wohin ihn 1560 Antonio Ribero brachte, angebaut wird. Bald wurde er auch in Chile und Kalifornien, das heute gewaltige Ölbaumplantagen aufweist, wie auch in Australien heimisch. Er wird heute in etwa 40 Kulturvarietäten angepflanzt, die aber leicht in die Urform zurückschlagen. An der Nordgrenze seines Verbreitungsgebietes leidet er leicht durch Frost in kalten Wintern.

Die ganze Erscheinung des Ölbaumes mit den schmalen, oben mattgrünen, unten silberiggrau schimmernden Blättern auf knorrigem Stamme deutet auf seine Herkunft aus einem Klima mit längeren Perioden von Trockenheit. Im wilden Zustande, als Oleaster, ist er strauchartig mit verdornten Zweigspitzen und bildet undurchdringliche Dickichte, während er durch Kultur zu einem 6–8 m hohen, dornlosen Baume wird, der ein Alter bis zu 1000 Jahren erreicht. Er verlangt einen trockenen, vor Wind geschützten Kalkboden und muß vom zweiten Jahre an reichlich mit stickstoffhaltigem Dünger versehen werden. Die Vermehrung geschieht am zuverlässigsten durch Samen, woraus Wildlinge hervorgehen, die wie die ebenfalls zur Vermehrung benutzten Stecklinge und Wurzelauswüchse im zweiten Jahre durch Pfropfen oder Okulieren veredelt werden müssen. Am vorteilhaftesten ist die Niederstammzucht, wobei durch regelmäßiges Abkneifen der Zweigspitzen und Auslichten der erschöpften Tragzweige das Austreiben junger Fruchtzweige veranlaßt werden muß. Die Tragbarkeit beginnt mit dem 7. Jahre, wird mit dem 10. Jahre lohnend und erhält sich vom 40. bis zum 100. Jahr auf der Höhe.

Im Mai oder Juni ist der Ölbaum über und über mit lieblich duftenden, kleinen, gelblichweißen Blüten bedeckt, die an diejenigen unseres Hartriegels (Ligustrum vulgare) erinnern, der auch in Wirklichkeit ein naher Verwandter desselben ist. Die Frucht ist eine 4 cm lange, pflaumenartige, dunkelviolette bis schwarze Steinbeere, die vom November bis Ende Januar geerntet wird, und zwar beträgt die durchschnittliche Ernte eines vollkräftigen Baumes zwischen 70 und 75 kg Früchte, die in ihrem grünlichweißen Fruchtfleisch zwischen 30 und 50 Prozent Öl enthalten. Das ursprünglichste Verfahren bei der Olivenernte besteht darin, daß Männer auf die Bäume steigen und die Oliven mit Stangen hinunterschlagen, die dann von Frauen und Kindern am Boden gesammelt werden, wobei auch die schon früher abgefallenen überreifen oder faulenden mit den guten zusammen kommen. Begreiflicherweise ist das daraus gepreßte Öl nicht von besonders guter Qualität. Will man feines Olivenöl gewinnen, so muß man die Oliven einzeln vom Baume pflücken und alle minderwertigen beseitigen, auch die Pressung möglichst beschleunigen, bevor diese irgendwelche Veränderung erfahren haben. Das allerfeinste Öl gewinnt man bei schwacher Pressung, wenn die Steinkerne der Früchte unzerdrückt bleiben. Es ist dies das „Jungfernöl“, dessen geschätzteste Sorte aus Nizza und Lucca in Oberitalien kommt. Doch wird im Großbetriebe kaum je so verfahren, sondern die Pressung gleich bis zum Zermalmen der Kerne gesteigert. Der so gewonnene Brei gelangt in Säcke, die kalt gepreßt werden. Das abfließende Öl ist die nächstbeste Qualität, das Provenceröl, so genannt, weil es am meisten in der Provence gewonnen wird. Aus den Rückständen und den weniger guten Früchten macht man unter Anwendung von Wärme das weniger gute, geringwertigere Baumöl, welches als Brennöl und besonders zur Herstellung milder Seifen — speziell der Marseillerseife — Verwendung findet. Heute wird das Olivenöl vielfach durch den Zusatz von Erdnußöl verfälscht, das neuerdings in großer Menge besonders nach Frankreich eingeführt wird.

Als Nahrungs- und Heilmittel, wie auch in der Technik zum Ölen und zur Herstellung von Seife, ebenso zur Salbung und letzten Ölung der Katholiken spielt das Olivenöl eine bedeutende Rolle. Obschon Südfrankreich etwa 26 Millionen kg davon hervorbringt und das übrige Frankreich aus anderen Pflanzen über 80 Millionen kg Öl erzeugt, deckt es damit seinen eigenen Bedarf noch nicht. Es führt deshalb noch reichlich Olivenöl aus Süditalien ein. So soll das meiste Provenceöl aus Apulien stammen. Es wird von Bari aus nach Nizza verschifft, wo es als Provenceöl verkauft wird. Italien produziert 1,6 Millionen Hektoliter Olivenöl im Werte von 200 Millionen Franken und führt davon für 70 Millionen Franken aus. Spanien produziert 10,6 Millionen kg Olivenöl und führt für etwa 12 Millionen Mark aus. Griechenland erntet etwa 122 Millionen kg Oliven und führt für etwa 3 Millionen Mark aus. Algier besitzt etwa 4 Millionen Ölbäume, und Tunis verschifft durchschnittlich 3,5 Millionen kg Olivenöl im Jahre. Syrien erzeugt etwa 7 Millionen kg Olivenöl.

Wie seit dem frühesten Altertum, so ist heute noch der Ölbaum der nützlichste Baum, ja geradezu das Wahrzeichen Syriens und Palästinas. Fast jedes Dorf ist von einem Ölbaumhain umgeben, dessen Bäume außer gelegentlichem Ausputzen der Zweige und Umpflügen des Landes, um Atmungsluft leichter zu den Wurzeln gelangen zu lassen, keinerlei Pflege bedarf. Unverwüstlich leben sie weiter und tragen jährlich ihre Früchte, die den größten Reichtum des Landes bilden. Der Fellache, d. h. Landmann, sagt: Der Weinstock sei eine sitt, eine zärtliche Dame und verlange Pflege und Aufmerksamkeit, der Feigenbaum sei eine fellacha, eine abgehärtete Bäuerin, die schon bei wenig sorgfältiger Behandlung gedeihe, der Ölbaum sei aber eine bedauije, ein auch in der Wildnis und bei absoluter Vernachlässigung noch arbeitsames Beduinenweib.

Der Ölbaum bedarf zu seinem Gedeihen einzig nur ein von anderen Kulturen freies Land; er duldet nicht, daß man Weinreben oder Feigenbäume dazwischen pflanzt. Diese Unduldsamkeit des Ölbaumes erklärt uns, weshalb in der Bibel stets Weinstock und Feigenbaum, aber nie Weinstock und Ölbaum nebeneinander genannt sind. Wie unsere Obstarten wird er aus Wildlingen veredelt, aber nicht durch Pfropfreiser, wie noch zur Zeit des Apostels Paulus, sondern durch Okulieren. Selten zieht man die jungen Wildlinge aus Samen, da es bei ihrem äußerst langsamen Wachstume zu lange ginge, bis sie veredelungsfähig wären, und auch veredelt würden sie Jahre hindurch unansehnliche Bäumchen bleiben. Es werden vielmehr die um den knorrigen Wurzelstock der alten Bäume drängenden Schößlinge, deren frische Jugendkraft dem alttestamentlichen Psalmendichter zu dem Bilde Veranlassung gibt: „Deine Kinder sind wie Ölzweige um den Tisch herum,“ als Ableger verwendet. Sobald sie einigermaßen erstarkt sind, werden sie zur Zeit der Olivenblüte okuliert. Man schneidet am Wildling ein rechteckiges Stück Rinde aus, überträgt ein von einem fingerdicken Edelreis genommenes gleichgroßes Stück mit guten Augen auf den Ausschnitt und verbindet die Veredelung auf eine Dauer von 12 Tagen mit Bast.

War die Veredelung von Erfolg begleitet, so löst man die veredelten Stämmchen vermittelst einer Axt derart vom Mutterbaume los, daß man ihnen ein klotzartiges Stück des Wurzelstocks beläßt. Hierauf schneidet man ihre Edeltriebe ziemlich nahe der Verbindungsstelle ab, weil sie im ersten Jahre, da sie selbständig Wurzel fassen, nicht genügend Saft hätten, diese Triebe weiter zu entwickeln, und versetzt sie. Bereits vom dritten Jahre an kann ein solcher Baum Früchte tragen. Will man einen schon großen, wilden oder halbzahmen Ölbaum veredeln, so bringt man an jedem Ast in Mannshöhe eine Veredelung an und trennt oberhalb derselben in Form eines Ringes die Rinde bis auf das Holz los, damit sich die Säfte des Baumes mehr dem Edelreise zuwenden. Im Herbst werden dann nach der Ernte die Äste an der geringelten Stelle mit dem Beil abgeschlagen; sie abzusägen würde, wie die Fellachen sagen, dem Baume schaden.

Tafel 21.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Ein großer Ölbaum bei Antibes an der Riviera.

❏ GRÖSSERES BILD

Tafel 22.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Olivenhain auf Capri.

Illustration from Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

Dattelpalmen an den Ufern des Nils in Ägypten.

Der Olivenertrag ist nur jedes zweite Jahr ein reichlicher, wobei ein großer Baum etwa 120 kg Oliven ergibt, aus denen 25 Liter Öl gewonnen werden kann. Bei der Ernte werden sehr viele Oliven roh verspeist, andere eingemacht und der Rest zur Gewinnung von Öl verwendet, wobei das beste und feinste Öl aus den unreifen Oliven gewonnen wird. Je fleischiger nämlich die Olive wird, desto weniger und geringer ist das Öl, das sie gibt. Die zur Ölbereitung bestimmten Beeren werden zunächst auf dem flachen Dache oder am Boden ausgebreitet und dann einige Zeit aufgehäuft, „damit sie“, wie der Fellache sagt, „in Gärung geraten“. Hierauf kommen sie in die Ölpresse, die aus einem wagrechten, kreisrunden Stein mit tellerartiger Vertiefung besteht, in welcher ein aufrecht stehender Mühlstein durch ein Maultier oder einige Männer im Kreise bewegt wird. Nachdem die Oliven von diesem Steine zu Brei zermalmt sind, werden sie in einer der Weinkelter ähnlichen Presse ausgepreßt, wobei das Öl in eine kleine, auszementierte Zisterne läuft und aus dieser in Lederschläuche oder große irdene Gefäße gefüllt wird. Ärmere Leute schütten die Oliven wie in der Vorzeit in die Mulde eines Felsens und zerdrücken sie mit einem walzenförmigen Stein. Die zermalmten Früchte werden in einem Kessel mit siedendem Wasser übergossen, worauf das Öl oben zu schwimmen kommt und abgeschöpft wird. Dieses Öl dient als Nahrung, als geschätzte Arznei, als Brennmaterial zur Erhellung der Hütten während der langen Winternächte und zum Salben des ganzen Körpers, wovon die Leute stark und kräftig zu werden glauben.

Wie in allen Gegenden, in welchen der Ölbaum gedeiht, kann man sich auch in Palästina eine Mahlzeit ohne Oliven kaum denken. Sie werden meist in der Weise konserviert, daß man sie, nachdem ihr Fruchtfleisch durch leichtes Klopfen mit einem Stein aufgerissen wurde, in Salzwasser legt, oder man verbringt sie in große Strohkörbe, streut Salz darauf, fügt zur Würze Zweige der Raute bei, bedeckt sie mit Steinen, vermischt sie nach zehn Tagen mit Olivenöl und genießt sie, auf solche Weise haltbar gemacht, das ganze Jahr hindurch. Dergleichen Oliven und Olivenöl, das sich heute noch wie vor 3000 Jahren bei der Witwe zu Sarepta im Kruge der ärmsten Bäuerin findet, sind mit Weizenbrot, in Zeiten der Teuerung auch Gersten- und Durrabrot, die Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung. Das Olivenöl vertritt bei den Bauern ganz die Stelle des Schmalzes und der Butter, die nur die nomadisierenden herdenbesitzenden Beduinen gebrauchen, und wenn der Landmann, der Fellache, seinen frisch aus dem Ofen kommenden Brotfladen in etwas Öl eintauchen kann, so gilt ihm das als Leckerbissen. Alle Orientalen, die es sich leisten können, lieben es, nicht bloß ihre Salate und Gemüse, sondern überhaupt sämtliche Speisen förmlich in Öl schwimmend zu genießen.

Aus dem gelben, im Innern dunkel geaderten und gefleckten Holz, das angenehm nach Öl duftet und eine hübsche Politur annimmt, werden in manchen Gegenden Palästinas, besonders in Betlehem, allerlei hübsche Gebrauchsgegenstände angefertigt, die von den Fremden gerne als Andenken gekauft werden.

Ein aus alten Stämmen schwitzendes, vanilleartig riechendes Gummiharz dient in Italien zum Räuchern. Auch die Früchte des amerikanischen Ölbaums (Olea americana) in Carolina und Florida werden in ihrer Heimat gegessen. Das überaus harte Holz der alten Bäume wird dort als devil-wood vielfach bearbeitet. Seine Blüten sind beinahe so wohlriechend wie diejenigen des in China, Cochinchina und Japan wachsenden wohlriechenden Ölbaums (Olea fragrans), eines etwa 2 m hoch werdenden immergrünen Strauchs, dessen Blüten zur Parfümierung des chinesischen Tees, wie ihn der Abendländer liebt, benutzt wird.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings