Viertes Kapitel In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
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Wo aber war das Kasperle hingelaufen?
Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt.
Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein.
Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren, ihn den „faulen Matthias“ nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.
Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller leergegessen.
Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht widerfahren. „Du Frechdachs!“ schrie er, hob seine dicke Hand und wollte Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. „Ich hatt’ so argen Hunger!“ klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß „der faule Matthias“ trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie gesehen. „Woher kommst du denn?“ schrie er ihn an.
Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und klagte: „Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab’ niemand mehr auf der weiten Welt.“
Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: „Das ist noch kein Grund, um andern den Kuchen wegzufressen,“ aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle näherkommen.
Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte gnädig: „Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich’s dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?“
Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das ist eine Ehre! — Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: „Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm ihn mit!“
Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: „Da!“ schob Kasperle hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.
Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine
„Jemine, was ist im Gänsestall los?“ rief draußen auf dem Hof die Magd Karline. Sie dachte: Es ist
Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an, Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das schreiende Kasperle heraus.
„Herrje, was ist das?“ rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. „Wie der aussieht!“ sagte sie.
„Ein Kobold ist’s, ein Popanz!“ kreischte Karline.
„Nä, unser neuer Gänsejunge ist’s, und jetzt kriegt er Haue,“ brummte Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian aber zeigte nur auf den Stall. „Nachsehen!“ brummte er. Und klitsch klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. „Du zerschlägst ihn ja ganz!“ schalt sie.
„Der hat’s verdient!“ knurrte Florian.
„Ja zum Kuckuck, der hat’s verdient!“ schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest, ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus. Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst Florian grinste.
Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf, und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer!
Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen
„Rrrrrrrrr!“ Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf einmal? „Rrrrr!“ klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. „Dummheit ist’s,“ brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge: „Rrrrr! Rrrrr!“
„Hol’ ihn der Fuchs! Mit dem ist’s nicht richtig,“ knurrte Florian. Und er verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen können.